Das Mitmachbuch als tragbares So-Heits-Atelier
Die folgende Fassung verdichtet das Mitmachbuch als eigenständiges Organ des So-Heits-Ateliers und der Plattform Globale Schwarmintelligenz:
Das Mitmachbuch als tragbares So-Heits-Atelier
Dem So-Heits-Atelier der documenta 16 und dem interaktiven Buch auf der Plattform Globale Schwarmintelligenz liegt die Möglichkeit zugrunde, dass jeder Besucher sein eigenes Buch zusammenstellt. Dieses Buch ist weder ein gewöhnlicher Ausstellungskatalog noch ein vorgegebenes Lehrbuch, das nur gelesen und verstanden werden soll. Es ist ein persönlicher Werk-, Forschungs-, Erinnerungs- und Prüfzusammenhang, der während des Besuchs entsteht, verändert und später weitergeführt werden kann.
Ich stelle dafür Materialien aus meinem seit 1975 entstandenen Werkorganismus zur Verfügung: Vorgabebilder, Fotografien, Collagen, Zeichnungen, Schultafelbilder, Texte, Kartoffelplastiken, Vergoldungsarbeiten, Wasser- und Strömungsversuche, Theatermodelle, historische Dokumente und Ausschnitte aus dem umfangreichen Werkverzeichnis. Diese Materialien bilden keine abgeschlossene Selbstdarstellung meines Lebenswerks. Sie sind Ausgangspunkte, an denen Besucher eigene Wahrnehmungen, Fragen, Erinnerungen, Widersprüche und Tätigkeiten entwickeln können.
Das Mitmachbuch verbindet damit die historische Werkspur meiner Forschungskunst mit dem Hier und Jetzt des documenta-Besuchs. Vorhandene Bilder und Dokumente können ausgewählt, neu angeordnet, überzeichnet, ergänzt, kommentiert oder mit eigenen Materialien verbunden werden. Fotografien, die während des Besuchs, bei Erkundungen in Kassel, bei Gesprächen, Versuchsanordnungen, Theaterproben oder handwerklichen Tätigkeiten entstehen, können in das Buch aufgenommen werden. Ebenso können Zeichnungen, Farbfelder, Materialspuren, Texte, Fundstücke, Gesprächsnotizen, Fragen und vorläufige Antworten eingefügt werden.
Das Buch wird dadurch nicht nur über Kunst berichten. Es wird selbst zu einem entstehenden Kunstwerk.
Vorgabe und eigenständige Weiterarbeit
Die Methode knüpft an meine Erwachsenen-Malbücher, Vorgabebilder, Fußgängermalbücher und Verfahren der Kollektiven Kreativität an. Der Besucher erhält keine vollkommen leere Fläche, auf der er ohne Zusammenhang irgendetwas herstellen soll. Er erhält aber auch kein abgeschlossenes Werk, das nur noch bestätigt oder erklärt werden kann.
Die Vorgabe schafft einen gemeinsamen Ausgangspunkt. Sie kann aus einem Bild, einer Form, einem Satz, einem Foto, einer Materialprobe, einer gesellschaftlichen Rolle oder einer Frage bestehen. Der Besucher entscheidet, wie er darauf reagiert. Er kann etwas hinzufügen, ausschneiden, verbinden, übermalen, widersprechen, umordnen oder unverändert stehen lassen.
Darin zeigt sich die 51:49-Struktur des Buches. Ich gebe mit meinem Lebenswerk, seinen Objekten, Begriffen und Fragestellungen eine Richtung vor. Diese Vorgabe darf den Besucher jedoch nicht beherrschen. Sie muss genügend Offenheit enthalten, damit eine eigenständige Wahrnehmung und eine tatsächliche Gegenbewegung entstehen können. Der Besucher wird nicht zum Material für die Bestätigung meiner Theorie. Auch seine Ablehnung, sein Missverständnis oder sein Widerspruch gehören zur Untersuchung und können das Buch, das Atelier und die Plattform verändern.
Das Vier-Ebenen-Modell als Orientierung
Das Vier-Ebenen-Modell kann dem Mitmachbuch eine innere Ordnung geben. Es muss dabei nicht als starres Schema verstanden werden, in das jede Erfahrung eingeordnet wird. Es dient als Orientierung, um Beziehungen sichtbar zu machen, die im Alltag häufig getrennt erscheinen.
Die erste Ebene umfasst die physikalisch-chemischen und planetarischen Bedingungen: Wasser, Luft, Stoffe, Energie, Schwerkraft, Boden und Klima. Die zweite Ebene betrifft den lebendigen, stoffwechselnden und verletzlichen Organismus: Atmung, Schlaf, Ernährung, Schmerz, Wahrnehmung, Regeneration, Krankheit und körperliche Grenzen. Die dritte Ebene umfasst die von Menschen hergestellte Rollen-, Waren-, Rechts-, Eigentums-, Technik-, Medien- und Geltungswelt. Die vierte Ebene eröffnet die Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und mögliche Reparatur.
Eine Fotografie aus der Stadt kann beispielsweise zunächst eine gebaute oder gesellschaftlich organisierte Situation zeigen. Durch die weitere Untersuchung können die verwendeten Materialien, der Energieverbrauch, die beteiligten Berufe, Eigentumsverhältnisse, körperlichen Auswirkungen, ausgeschlossenen Menschen und langfristigen Folgen sichtbar werden. Das Bild wird dadurch von einer bloßen Ansicht zu einem Forschungsgegenstand.
Auch eine Kartoffelplastik kann durch alle vier Ebenen verfolgt werden: als stofflicher Körper, als lebendige Form, als Ware, Nahrungsmittel, ästhetisches Objekt oder Symbol und schließlich als Gegenstand einer Prüfung, welche Bedingungen ihr Wachstum, ihre Verwertung oder ihre Zerstörung bestimmen.
Das Vier-Ebenen-Modell hilft dem Besucher damit, nicht bei der sichtbaren Oberfläche stehen zu bleiben. Es führt von der Erscheinung zu den vorausliegenden Bedingungen, von der gesellschaftlichen Bedeutung zur körperlichen Wirkung und von der eigenen Tätigkeit zu ihren Konsequenzen.
Vergolden, Zuschreiben und Wirklichkeit verwechseln
Die Vergoldungsarbeiten und die Schultafelbilder bilden einen weiteren Schwerpunkt des Mitmachbuches. Die Vergoldung macht sichtbar, wie Menschen Gegenständen, Begriffen, Tätigkeiten oder Personen symbolischen Wert verleihen. Das Gold verändert die Erscheinung und die gesellschaftliche Bewertung, aber nicht zwangsläufig die Beschaffenheit und Tragfähigkeit des darunterliegenden Materials.
Eine vergoldete Eisfläche bleibt kalt, glatt, schmelzbar und möglicherweise gefährlich. Die Wertzuschreibung hebt ihre physikalischen Eigenschaften nicht auf. Ebenso kann eine vergoldete Idee gesellschaftliche Geltung erhalten, ohne dass ihre Anwendung trägt.
Im Mitmachbuch können Besucher untersuchen, was sie selbst aufwerten, idealisieren, begehren oder für selbstverständlich halten. Sie können fragen, welche Eigenschaften tatsächlich vorhanden und welche nur hineingedacht sind. Preis, Schönheit, Erfolg, Fortschritt, Eigentum, Freiheit oder gesellschaftliches Ansehen können dadurch als menschliche Zuschreibungen sichtbar werden, die reale Wirkungen entfalten, aber nicht mit der Tragwirklichkeit verwechselt werden dürfen.
Das Buch wird so zu einem Ort der Reparatur von Wirklichkeitsverwechslungen.
Das Hier und Jetzt als Forschungsmaterial
Entscheidend ist, dass das Mitmachbuch nicht nur historische Werke aufnimmt. Es muss für die unmittelbare Gegenwart offen sein. Der Besuch der documenta, der Weg durch Kassel, eine Begegnung, ein Konflikt, ein Gebäude, eine Pflanze, ein Stück Abfall, eine Werbung, ein gekauftes Produkt oder eine gespielte Theaterszene können zum Ausgangspunkt der Forschung werden.
Die Besucher können fotografieren, zeichnen, sammeln, vergleichen, befragen und dokumentieren. Sie können untersuchen, wodurch ein Gegenstand entstanden ist, wer ihn hergestellt hat, welche Ressourcen dafür benötigt wurden, welchem Zweck er dient, welche gesellschaftlichen Rollen mit ihm verbunden sind und was nach seiner Benutzung mit ihm geschieht.
Das Exkursieren, Experimentieren und Forschen führt aus dem abgegrenzten Ausstellungsraum hinaus. Die Stadt, ihre Menschen, Institutionen, Geschäfte, Verkehrswege, Grünflächen, Baustellen, Wohnverhältnisse und unsichtbaren Versorgungsstrukturen werden Teil des Ateliers. Das Buch hält die dabei entstehenden Spuren fest und verbindet sie mit den historischen Versuchsanordnungen meines Werkes.
So entsteht keine allgemeine Beschreibung Kassels, sondern eine persönliche und zugleich überprüfbare Untersuchung menschlicher Tätigkeiten und ihrer Abhängigkeitskonsequenzen.
Vom Betrachter zum künstlerischen Forscher
Das Mitmachbuch soll dem Besucher Mut geben, seine Rolle als bloßer Betrachter, Konsument oder Empfänger von Wissen zu verlassen. Er muss kein ausgebildeter Künstler oder Wissenschaftler sein, um genau hinzusehen, Fragen zu stellen, Zusammenhänge zu verfolgen, etwas herzustellen oder einer gesellschaftlichen Behauptung zu widersprechen.
Künstlerisches Forschen beginnt dort, wo eine scheinbar selbstverständliche Erscheinung erneut untersucht wird. Warum sieht etwas wertvoll aus? Wer hat entschieden, wofür es verwendet wird? Welche Wirkungen bleiben unsichtbar? Was geschieht mit dem Körper? Welche Rollen werden verteilt? Welche Ressourcen werden verbraucht? Wer zieht einen Vorteil daraus und wer trägt die Folgen?
Der Besucher soll dabei nicht nur Mut zur eigenen Kreativität gewinnen. Er soll Mut entwickeln, sich den von Menschen hergestellten gesellschaftlichen Strukturen zu stellen. Geld, Eigentum, Markt, Arbeit, Verwaltung, Recht, Wissenschaft, Religion, Technik und institutionelle Macht dürfen nicht als naturgegebene Ordnungen erscheinen. Sie sind Menschenwerke. Sie können beschrieben, gespielt, dargestellt, untersucht und grundsätzlich auch verändert werden.
Der künstlerische Forscher untersucht daher nicht nur äußere Gegenstände. Er untersucht seine eigene Beteiligung. Er fragt, welche Rollen er übernommen hat, welche Gewohnheiten sein Handeln bestimmen, wie er selbst kauft, verkauft, verbraucht, bewertet und sich darstellt. Damit wird das Mitmachbuch zu einem Ermittlungsbuch der eigenen Existenz.
Das persönliche Buch als Identitätsprüfung
Jedes entstehende Buch wird anders aussehen, weil jeder Besucher eine andere körperliche, biografische, berufliche, gesellschaftliche und kulturelle Ausgangslage mitbringt. Das Buch kann sichtbar machen, wie ein Mensch sich bisher beschrieben hat und welche Rollen er für seine Identität hält.
Der Besucher kann sich als Arbeitnehmer, Unternehmer, Künstler, Kunde, Schüler, Wissenschaftler, Rentner, Eigentümer, Mieter, Produzent oder Verbraucher wahrnehmen. Das Buch stellt diesen Rollen die Frage gegenüber, was jenseits von ihnen den Menschen trägt. Der Mensch ist nicht nur gesellschaftliche Funktion. Er ist ein atmender, schlafender, verletzlicher, lernender und von anderen Lebewesen abhängiger Organismus.
Die Gestaltung des eigenen Buches kann deshalb zu einer Prüfung der Skulpturidentität werden. Der Besucher muss sich nicht länger als fertiges, abgeschlossenes Produkt darstellen. Er kann Widersprüche, Korrekturen, offene Fragen und Veränderungen zulassen. Das Buch zeigt nicht nur, wer er zu sein behauptet, sondern wie er geworden ist, wodurch er geprägt wird und welche andere Form seines Tätigseins möglich wäre.
Das Buch ist damit keine neue Form der Selbstvermarktung. Es soll kein besonders attraktives Persönlichkeitsprofil entstehen. Es dokumentiert einen offenen plastischen Prozess.
Theater, Rollenwechsel und szenische Buchseiten
Auch die Theaterarbeit kann unmittelbar in das Mitmachbuch eingehen. Eine gesellschaftliche Rolle oder ein Konflikt kann zunächst beschrieben oder gezeichnet, anschließend gespielt und danach erneut bearbeitet werden.
Der Besucher kann festhalten, welche Rolle er übernommen hat, was er während der Szene wahrnahm, welche Interessen und Zwänge die Figur bestimmten und an welchem Punkt eine andere Handlung möglich gewesen wäre. Fotos, Dialogfragmente, Regieanweisungen, Bühnenentwürfe und alternative Szenenverläufe können in das Buch aufgenommen werden.
Auf diese Weise wird sichtbar, dass gesellschaftliche Rollen keine unveränderlichen Identitäten sind. Sie sind Inszenierungen, die Menschen übernehmen, bestätigen und weitergeben. Auf der Bühne können sie unterbrochen, vertauscht und verändert werden. Im Buch bleibt nachvollziehbar, wie sich die Wahrnehmung einer Rolle durch das eigene Spielen verändert hat.
Das Mitmachbuch verbindet damit das innere Bild, die materielle Gestaltung, die körperliche Erfahrung und die gesellschaftliche Folgenprüfung.
Das Buch als individuelles Werkverzeichnis
Das große Werkverzeichnis meines Lebenswerks besteht aus historischen Arbeiten, Fotografien, Tagebüchern, Texten, Modellen, Presseartikeln, Korrespondenzen, Anträgen, Ablehnungen und Dokumenten. Das Mitmachbuch stellt dazu eine persönliche Gegenform her.
Jeder Besucher baut aus den angebotenen Werkspuren und seinen eigenen Erfahrungen ein individuelles Werkverzeichnis. Er entscheidet, welche Arbeiten für seine Fragestellung bedeutsam sind, welche Verbindung er zwischen ihnen erkennt und welche neuen Materialien hinzukommen müssen.
Dadurch wird das Werkverzeichnis nicht nur chronologisch oder nach künstlerischen Disziplinen geordnet. Es erhält durch jeden Besucher eine neue Lesart. Ein Buch kann sich auf Wasser und planetarische Abhängigkeit konzentrieren, ein anderes auf Rollenidentität, Wohnen, Arbeit, Ernährung, Kindheit, Geld, Technik, Krankheit, Kunst oder gesellschaftliche Beteiligung.
Diese persönlichen Werkverzeichnisse ersetzen das historische Gesamtarchiv nicht. Sie zeigen jedoch, wie ein Lebenswerk von unterschiedlichen Menschen aktiviert, befragt und in neue Zusammenhänge gestellt werden kann.
Vom einzelnen Buch zur Globalen Schwarmintelligenz
Das analoge Mitmachbuch und das interaktive Buch auf der Plattform Globale Schwarmintelligenz bilden zwei miteinander verbundene Ebenen. Das persönliche Exemplar gehört zunächst dem Besucher. Er entscheidet, was privat bleibt und was veröffentlicht oder mit anderen geteilt werden kann.
Ausgewählte Seiten, Bilder, Fragen, Versuchsergebnisse und Widersprüche können in die Plattform übertragen werden. Dort treten sie mit den Beiträgen anderer Besucher und mit den historischen Werkmaterialien in Beziehung. So kann sichtbar werden, wo ähnliche Fragen auftauchen, welche gegensätzlichen Erfahrungen bestehen und welche neuen Verbindungen entstehen.
Globale Schwarmintelligenz bedeutet dabei nicht, dass viele Einzelmeinungen automatisch zu einer richtigen Gesamtantwort führen. Die Beiträge müssen geordnet, quellenbezogen, vergleichbar und korrigierbar bleiben. Es muss erkennbar sein, was historische Werkspur, persönlicher Beitrag, gegenwärtige Interpretation, Widerspruch oder spätere Veränderung ist.
Das einzelne Buch bewahrt die unverwechselbare Spur eines Menschen. Die Plattform ermöglicht den Vergleich vieler solcher Spuren. Individuelle Wahrnehmung wird nicht in einer anonymen Masse aufgelöst, sondern Teil eines gemeinsamen Forschungszusammenhangs.
Künstliche Intelligenz als unterstützendes Werkzeug
Künstliche Intelligenz kann den Besucher beim Aufbau seines Buches unterstützen. Sie kann helfen, Fragen zu präzisieren, historische Zusammenhänge aufzufinden, Begriffe zu vergleichen, Texte zu ordnen, Bildbeschreibungen zu formulieren oder unterschiedliche Sichtweisen gegenüberzustellen.
Sie darf jedoch nicht vorgeben, welche Deutung richtig ist. KI arbeitet mit von Menschen erzeugten Daten, Kategorien und Gewichtungen. Sie gehört selbst zur technisch-symbolischen Menschenwelt und muss deshalb ebenso untersucht werden wie Geld, Ware, Institution oder gesellschaftliche Rolle.
Der Besucher kann seine eigenen Beobachtungen mit einer KI-Auswertung vergleichen. Er kann prüfen, was die KI erkennt, was sie übersieht, welche Begriffe sie verwendet und welche Vorannahmen darin enthalten sind. Auf diese Weise wird künstliche Intelligenz nicht nur Hilfsmittel, sondern selbst Gegenstand der Forschungskunst.
Das Buch als fortgesetzter Prozess
Das Mitmachbuch endet nicht mit dem Verlassen der documenta. Es kann zu Hause, in der Schule, im Beruf, in einer Initiative, in einer Familie oder an einem anderen Ort weitergeführt werden. Neue Fotografien, Erfahrungen, Fragen und Korrekturen können hinzukommen.
Dadurch wird das Buch zu einem langfristigen Rückkopplungsinstrument. Der Besucher kann später überprüfen, ob sich eine damalige Überzeugung bestätigt hat, ob eine geplante Tätigkeit durchgeführt wurde und welche Folgen daraus entstanden sind. Frühere Seiten müssen nicht entfernt werden. Sie können durch spätere Einsichten ergänzt und korrigiert werden.
Gerade diese sichtbare Veränderung ist wesentlich. Das Buch soll keine nachträglich geglättete Selbstdarstellung werden. Es darf Irrtümer, Widersprüche, nicht gelöste Fragen und gescheiterte Versuche enthalten. Eine Forschung, die nur ihre richtigen Ergebnisse zeigt, verliert ihre Entwicklungsgeschichte.
Das Mitmachbuch als gesellschaftlicher Mutraum
Die tiefere Aufgabe des Buches besteht darin, dem Menschen Mut zu geben. Nicht den Mut zur bloßen Selbstbehauptung, sondern den Mut zur Wahrnehmung, zum Widerspruch, zur eigenen Tätigkeit und zur Korrektur.
Der heutige Mensch wird permanent darin trainiert, innerhalb vorgegebener Rollen zu funktionieren. Er soll kaufen, verkaufen, konkurrieren, sich präsentieren, Leistungen nachweisen und sich an bestehende Strukturen anpassen. Zugleich wird ihm vermittelt, diese Rollen seien Ausdruck seiner Freiheit und seiner persönlichen Identität.
Das Mitmachbuch unterbricht diese Selbstverständlichkeit. Es zeigt, dass gesellschaftliche Strukturen von Menschen hergestellt wurden und auf Menschen zurückwirken. Wer sie untersucht, kann erkennen, dass sie weder Naturgesetze noch unveränderliche Schicksale sind.
Der Besucher soll Mut entwickeln, nicht nur ein Bild zu verändern, sondern auch eine gesellschaftliche Behauptung zu prüfen. Nicht nur eine Theaterrolle zu wechseln, sondern seine alltäglichen Rollen zu erkennen. Nicht nur einen Gegenstand herzustellen, sondern seine Herstellungs- und Ressourcenbedingungen zu untersuchen. Nicht nur Kritik zu äußern, sondern eine mögliche Gegenform zu entwerfen und praktisch zu erproben.
Schlussverdichtung
Das Mitmachbuch ist das tragbare So-Heits-Atelier jedes einzelnen Besuchers. Es verbindet mein historisches Werkverzeichnis mit der gegenwärtigen Wahrnehmung und Tätigkeit eines anderen Menschen. Vorgabebilder, Fotografien, Collagen, Schultafelbilder, Kartoffelplastiken, Vergoldungsarbeiten, Theatermodelle und das Vier-Ebenen-Modell bilden keine zu lernende Bilderlehre. Sie sind Werkzeuge, mit denen Besucher ihre eigenen Fragen entwickeln und untersuchen können.
Das Buch wächst durch Auswahl, Montage, Zeichnung, Fotografie, Text, Materialspur, Rollenwechsel, Experiment, Widerspruch und Korrektur. Es führt von der Betrachtung zur eigenen Tätigkeit, von der eigenen Tätigkeit zur Folgenprüfung und von der persönlichen Spur zum Austausch innerhalb der Globalen Schwarmintelligenz.
Jeder Besucher stellt damit nicht nur sein eigenes Buch zusammen. Er untersucht zugleich, wie er selbst durch Bilder, Rollen, Waren, Institutionen und gesellschaftliche Abmachungen hergestellt wurde. Er kann erkennen, dass auch seine Identität kein abgeschlossenes Produkt, sondern ein plastischer, verletzlicher und grundsätzlich korrigierbarer Vorgang ist.
Das Mitmachbuch soll den Mut fördern, zum künstlerischen Forscher und zum Ermittler der eigenen Existenz zu werden. Es fordert den Menschen auf, genauer hinzusehen, selbst tätig zu werden, gesellschaftliche Strukturen nicht als selbstverständlich hinzunehmen und die von Menschen geschaffene Welt auf ihre körperlichen, sozialen und planetarischen Konsequenzen zu prüfen.
So wird aus dem persönlichen Buch ein Teil eines größeren gesellschaftlichen Forschungswerks: Jeder Mensch hinterlässt seine eigene Spur, doch keine Spur bleibt für sich allein. In der Verbindung der unterschiedlichen Bücher, Erfahrungen, Widersprüche und Korrekturen kann eine Globale Schwarmintelligenz entstehen, die nicht vorgibt, bereits alles zu wissen, sondern gemeinsam untersucht, was Menschsein bedeutet und welche Formen menschlicher Tätigkeit auf dem Planeten Erde tatsächlich tragen.
