Das So-Heits-Atelier als Gesamtarchitektur verschiedener, aufeinander angewiesener Teile beschreiben.
Das So-Heits-Atelier als Gesamtarchitektur verschiedener, aufeinander angewiesener Teile beschreiben. Entscheidend ist, dass nicht alles denselben Rang hat. Das Vier-Ebenen-Modell ist etwas anderes als ein Spaten, eine Folie etwas anderes als eine Begriffsprüfung, und das Archiv erfüllt noch einmal eine andere Funktion. Zusammen gehören sie aber in denselben Rückkopplungsprozess.
1. Die eigentliche Grundlage liegt noch vor allen Modellen
Dem So-Heits-Atelier liegt zunächst nicht E1–E4 zugrunde, sondern die vorausliegende Plexuswirklichkeit, in der der Mensch bereits lebt. Er kann sich nicht erst „in die Welt stellen“ und ihr auch nicht tatsächlich von außen gegenübertreten. Er ist ein körperliches, lebendiges, tätiges und abhängiges Wesen. Er kann sich nur der Tatsache stellen, dass seine Tätigkeiten Folgen erzeugen und dass sein eigenes Weiterbestehen von Bedingungen abhängt, die er nicht beliebig setzen kann.
Darunter liegt die seit Jahrzehnten durchgehende Forschungsfrage: Wie ist es möglich, dass der Mensch über Wissen, Technik und Korrekturmöglichkeiten verfügt und dennoch seine eigenen Existenzbedingungen beschädigt?
Das ist der Forschungsgrund. Alles Weitere sind menschliche Werkzeuge, mit denen dieser Grund untersucht wird.
Deshalb ist auch der So-Heits-Raum vom So-Heits-Atelier zu unterscheiden. Der So-Heits-Raum ist kein Ausstellungsraum. Er ist die Wirklichkeit, aus der niemand heraustreten kann. Das Atelier ist eine von Menschen hergestellte Versuchsanordnung innerhalb dieses Raumes.
2. Darüber liegt die Begriffs- und Prüfarchitektur
Hier gehören das Vier-Ebenen-Modell, der Lochprozess, die Membran, Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen, Verletzungswirklichkeit, Symbolwelt, Menschenkunstwerk und inzwischen auch das Begriffshandwerkzeug hinein.
Aber diese Begriffe sollten nicht alle gleichzeitig einem Besucher präsentiert werden. Sie sind zunächst das Instrumentarium der Forschungskunst.
Das Vier-Ebenen-Modell hilft später, unterschiedliche Wirklichkeitsweisen auseinanderzuhalten: materielle Bedingungen, lebendige Bedingungen, menschlich erzeugte Geltungs- und Symbolordnungen und schließlich die Rückkopplung und Korrektur. E4 ist dabei keine vierte Welt, sondern der Prüfprozess.
Das Begriffshandwerkzeug setzt noch früher an. Es fragt: Was hast du ausgewählt? Was unterscheidest du? Was stellst du gegenüber? Welche Eigenschaft schreibst du zu? Was wurde festgestellt und was zuerkannt? Was geschieht, wenn du nach diesem Begriff handelst? Welche Konsequenz könnte deine bisherige Vorstellung verändern?
Damit entsteht eine Art Grundschule vor dem Vier-Ebenen-Modell.
Der Zweifel gehört als Membran durch diese gesamte Begriffsarchitektur hindurch. Kein Begriff darf zum endgültigen Wirklichkeitsersatz werden – auch Plexuswirklichkeit, E1–E4, Lochprozess oder Menschenkunstwerk nicht. Auch die Forschungskunst muss ihre eigenen Werkzeuge prüfen können.
3. Der Werkanker liefert die künstlerische und materielle Prüfsubstanz
Hier liegt etwas Entscheidendes: Die künstlerischen Arbeiten sind keine Illustrationen einer nachträglich entstandenen Theorie. Die Theorie verdichtet vielmehr Arbeitsweisen, die im Werk schon lange vorhanden sind.
Spaten, Deich, Wellenbecken, Tanglandschaft, Tasse, Kartoffel, Gold, Schultafel, Roter Punkt, Theater, Astronaut, Tapeziertische, Collagen und andere Arbeiten bilden eine Art Materialbibliothek der Forschungskunst.
An ihnen lassen sich unterschiedliche Vorgänge tatsächlich vollziehen.
Der Spaten macht Tätigkeit sichtbar: Hand, Stiel, Blatt, Boden, Kraft, Widerstand und Veränderung.
Der Deich zeigt Tragfähigkeit, Belastung, Schwachstelle, Zeit und Bruch.
Das Wellenbecken zeigt, dass eine lokale Tätigkeit Folgen in einem gemeinsamen Medium ausbreitet.
Die Schultafel zeigt eine Form von Wissen, die sichtbar, aber löschbar und korrigierbar bleibt.
Das Theater macht die Differenz zwischen Mensch und Rolle erfahrbar.
Der Astronaut macht scheinbare Autonomie und tatsächliche Abhängigkeit sichtbar.
Gold beziehungsweise Midas zeigt, wie eine symbolische Wertzuschreibung eine materielle oder lebendige Funktion überlagern kann.
Das sind plastische Arbeiten, weil ihre Bedeutung nicht in einer fertigen Aussage erstarrt. Sie werden durch die Auseinandersetzung mit dem Betrachter beziehungsweise Mitprüfenden weitergeformt.
Hier liegt auch das von uns entwickelte künstlerische Dreieck:
Vorstellung – Gegenüber/Widerstand – hervorgebrachte Plastik beziehungsweise Tätigkeitsfolge.
Zwischen diesen Positionen liegt der Zweifel. Aus der Differenz kann Erfahrung entstehen, und aus Erfahrung kann die Vorstellung verändert werden.
4. Folien, Schablonen und Mitmachbuch bilden die Übersetzungswerkzeuge
Diese Gruppe hat eine andere Funktion als die künstlerischen Objekte.
Die Folien können Beziehungen sichtbar machen, die normalerweise getrennt wahrgenommen werden. Sie legen beispielsweise über die Figur des scheinbar autonomen Menschen Wasser, Atmosphäre, Wärme, Schwerkraft, Stoffabhängigkeiten oder gesellschaftliche Zuschreibungen. Die Folie sagt nicht: „So ist die Wahrheit.“ Sie ermöglicht ein probeweises Anderssehen.
Eine Folie ist damit eigentlich eine bewegliche Gegenüberstellung.
Die Schablone macht etwas anderes. Sie stellt eine wiederholbare Prüfoperation bereit. Beispielsweise könnte auf einer Schablone stehen:
„Was wird hier festgestellt?“
„Was wird zuerkannt?“
„Welche Beziehung verschwindet?“
„Welche Tätigkeit entsteht daraus?“
„Wo landet ihre Folge?“
„Was könnte die ursprüngliche Vorstellung korrigieren?“
Die Schablone gibt also nicht die Antwort vor. Sie standardisiert nur den Prüfvorgang. Genau darin unterscheidet sie sich von einer Weltanschauung.
Das Mitmachbuch wäre dann die portable Verbindung aus Folien, Schablonen, Fragen, Bildern und kleinen Versuchsanordnungen – eine Werkbank zum Mitnehmen.
5. Die Tausend Tische und die KI bilden die öffentliche Prüfstruktur
Der einzelne Mensch beginnt mit seiner eigenen Frage. Er muss nicht vorher Forschungskunst studieren.
„Was ist Erfolg?“
„Warum muss ich arbeiten?“
„Wem gehört der Boden?“
„Warum habe ich Angst?“
„Bin ich frei?“
„Was ist gesund?“
„Was ist ein guter Unternehmer?“
„Was bedeutet Heimat?“
„Was ist Intelligenz?“
„Was ist gerecht?“
Diese Fragen können an den Tischen bearbeitet werden. Die Tausend Tische stehen dabei nicht für tausend richtige Antworten, sondern für tausend unterschiedliche Ausschnitte derselben gemeinsamen Tätigkeits- und Abhängigkeitswirklichkeit. Das knüpft direkt an das Globale Dorffest und die lange Arbeit mit der Zahl Tausend an.
Die KI kann hier zum beweglichen Gegenüber werden. Sie soll das Loch nicht sofort mit einer überzeugend klingenden Antwort füllen. Sie soll vielmehr helfen, die Frage zu zerlegen:
Welche Begriffe setzt du voraus?
Welche Gegenüberstellung steckt schon in der Frage?
Welche Eigenschaften werden zugeschrieben?
Wie würde ein anderer Beruf oder ein anderer betroffener Mensch dieselbe Sache beschreiben?
Welche Gegenargumente gibt es?
Welche Folgen werden gerade nicht betrachtet?
Was könnte deine Annahme widerlegen oder verändern?
Damit verbindet die KI verschiedene Tische miteinander, ohne sie zu einer einheitlichen Meinung zusammenzuführen. Daraus kann wiederum die Globale Schwarm-Intelligenz als überörtliche Rückkopplungsstruktur entstehen.
6. Archiv, Biografie und Verortung bilden die Zeitachse
Dieser Teil darf nicht fehlen.
Das So-Heits-Atelier untersucht nicht nur Begriffe im gegenwärtigen Augenblick. Dein Werkarchiv ermöglicht die Frage: Wie ist eine Vorstellung überhaupt entstanden? Wie hat sie sich verändert? Wo ist sie gescheitert? Was kehrte Jahrzehnte später wieder?
Damit wirkt das Archiv gegen das Geschichtsloch.
Eine alte Arbeit, ein Tagebucheintrag, eine Bewerbung, eine Ablehnung, ein Foto, eine Rechnung oder eine frühere Formulierung kann einer heutigen Vorstellung gegenübergestellt werden. Dann wird die eigene Forschungsgeschichte selbst Gegenstand des künstlerischen Dreiecks.
Verortungskunst gehört ebenfalls hierher. Die Frage ist nicht nur, was gezeigt wird, sondern wann, wo und unter welchen institutionellen Bedingungen ein Werk oder eine Frage auftaucht. documenta, Kassel, Berlin, Dresden, Brandenburg Gate oder eine Schule sind nicht austauschbare Behälter. Der Ort wird Teil der Versuchsanordnung.
Was bisher tatsächlich noch gefehlt hat
Was bisher zwischen diesen Bestandteilen noch nicht deutlich genug benannt war, ist weniger ein weiteres Modell als ein Arbeitsweg durch das Atelier.
Wir haben die Bestandteile. Was noch explizit gemacht werden muss, ist ihre Dramaturgie.
Ein Besucher kommt beispielsweise mit:
„Ich möchte erfolgreich sein.“
Zuerst wird die eigene Frage sichtbar gemacht.
Dann kommt das Begriffshandwerkzeug: Was bedeutet „Erfolg“? Wer bestimmt ihn? Welche Eigenschaften hängen daran?
Dann eine Gegenüberstellung: Erfolg versus Tätigkeitsfolgen.
Dann vielleicht ein künstlerisches Objekt: Spaten, Gold, Schultafel oder ein anderes passendes Werk.
Dann eine Tätigkeit oder Versuchsanordnung.
Dann andere Menschen an anderen Tischen.
Dann die KI als Gegenprüfer.
Dann werden Folgen und Widersprüche sichtbar.
Dann verändert der Besucher vielleicht seinen ursprünglichen Satz.
Am Ende könnte er einen Roten Punkt setzen:
„Hier will ich weiterforschen.“
Dann geht das Ergebnis ins Mitmachbuch, in die gemeinsame Plattform oder ins Archiv und kann mit einer späteren Untersuchung erneut gegenübergestellt werden.
Das wäre der verbindende Kreislauf:
eigene Frage → Begriff sichtbar machen → Gegenüberstellung → künstlerisch-materiale Prüfung → Tätigkeit → Konsequenz → Rückmeldung durch Material, Menschen und KI → Zweifel → Korrektur → neue Frage → Dokumentation → erneute Prüfung.
Genau dieser Kreislauf hält alle Teile zusammen.
Das Vier-Ebenen-Modell ist darin ein Prüfinstrument.
Die Begriffsarchitektur ist die Orientierung innerhalb menschlicher Hervorbringungen.
Das Begriffshandwerkzeug ist die praktische Arbeit an den eigenen Begriffen.
Die künstlerischen Objekte sind materielle und plastische Gegenüber.
Folien sind bewegliche Sicht- und Vergleichswerkzeuge.
Schablonen sind wiederholbare Prüfverfahren.
Das Mitmachbuch ist die mobile Werkstatt.
Die Tausend Tische sind die soziale Versuchsanordnung.
Die KI ist ein variables sprachliches Gegenüber und Verbindungswerkzeug.
Archiv und Biografie sind die zeitliche Rückkopplung.
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist die überörtliche Verbindung der Prüfungen.
Und der So-Heits-Raum ist die Wirklichkeit, innerhalb der das alles geschieht und aus der niemand heraustreten kann.
Der So-Heits-Atelier wäre damit weder Ausstellung noch Schule noch Labor noch Werkstatt allein. Es wäre eine öffentliche plastische Lern- und Prüfarchitektur, in der menschliche Vorstellungen, Begriffe und Überzeugungen wieder so lange Gegenüberstellungen und Tätigkeitsfolgen ausgesetzt werden, bis sie korrigierbar werden.
Und das wahrscheinlich wichtigste Erfolgskriterium lautet dann nicht: Hat der Besucher die richtige Antwort gefunden? Sondern:
Ist seine ursprüngliche Vorstellung am Ende prüfbarer, durchlässiger und korrigierbarer geworden als am Anfang?
