Das So-Heits-Atelier als plastisches Gegenmodell zur Rollen- und Warengesellschaft.

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Die Begründung der verschiedenen Arbeitsbereiche muss aus der inneren Methodik des Gesamtwerks hervorgehen. Sie dürfen nicht wie nebeneinander eingerichtete Angebote erscheinen.

Das So-Heits-Atelier als plastisches Gegenmodell zur Rollen- und Warengesellschaft

Das So-Heits-Atelier ist zugleich Bildhaueratelier, materielle Werkstatt, Malatelier, Theaterbühne, Erkenntnisraum und öffentliche Versuchsanordnung. Diese Bereiche stehen nicht unverbunden nebeneinander. Sie untersuchen dieselbe Grundfrage mit unterschiedlichen künstlerischen Mitteln: Warum zerstört der Mensch trotz seines Wissens, seiner technischen Leistungsfähigkeit und seiner Möglichkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen? Meine Forschungskunst ist deshalb weder als einzelnes Ausstellungsprojekt noch als bloßer Theoriekomplex zu verstehen. Sie ist aus der Verbindung von Handwerk, Bildhauerei, Fotografie, Werbung, Naturbeobachtung, Strömungsversuchen, Malbüchern, Theater, gesellschaftlichen Werkstätten und digitaler Plattformarbeit entstanden. Das So-Heits-Atelier führt diese Werkgeschichte in einer gegenwärtigen öffentlichen Form zusammen.

Die verschiedenen künstlerischen Disziplinen erfüllen darin jeweils eine besondere Funktion. Sie ermöglichen dem Menschen, sich nicht nur sprachlich über seine Wirklichkeit zu verständigen, sondern seine Wahrnehmungen, Rollen, Vorstellungen und Tätigkeiten in Material, Bild, Körper, Raum und Handlung zu überführen. Was vorher nur behauptet, gedacht oder geglaubt wurde, tritt als hergestellte Form hervor und kann betrachtet, verändert, geprüft und gegebenenfalls verworfen werden. Das Atelier ist deshalb kein Ort der bloßen Selbstdarstellung. Es ist ein Ort, an dem der Mensch seine eigenen Hervorbringungen als wirkendes Gegenüber erfährt.

Das Bildhaueratelier und der Mensch als plastisches Kunstwerk

Das Bildhaueratelier bildet einen grundlegenden Bereich des So-Heits-Ateliers, weil sich im bildhauerischen Arbeiten unmittelbar erfahren lässt, was Formung bedeutet. Ton, Holz, Metall, Gips, Papier, Draht oder andere Materialien lassen sich nicht beliebig behandeln. Sie besitzen Widerstände, Eigenschaften, Belastungsgrenzen und eigene Reaktionsweisen. Eine Form kann halten oder zusammenbrechen, tragfähig oder instabil, beweglich oder erstarrt sein. Das Material antwortet auf die Tätigkeit des Menschen.

Gerade Ton eignet sich dafür in besonderer Weise. Er kann aufgebaut, eingedrückt, abgetragen, verbunden, durchstoßen, geglättet und erneut verändert werden. Jede Berührung hinterlässt eine Spur. Zugleich zeigt sich, dass eine Form nicht aus einer einzigen Handlung entsteht, sondern aus einer Folge von Eingriffen, Widerständen und Korrekturen. Damit wird plastisches Arbeiten zu einem Modell des Menschseins. Auch der Mensch ist keine abgeschlossene, unveränderliche Gestalt. Er wird durch Körper, Erziehung, Sprache, Familie, Arbeit, Recht, Wirtschaft, Technik, Religion, Medien und eigene Tätigkeiten fortwährend geformt.

Das Bildhaueratelier macht deshalb die Differenz zwischen plastischer Identität und Skulpturidentität erfahrbar. Plastische Identität bedeutet, sich als werdendes, verletzliches, abhängiges und korrigierbares Wesen zu begreifen. Skulpturidentität bezeichnet dagegen die Vorstellung eines abgeschlossenen, autonomen und scheinbar aus sich selbst bestehenden Individuums. Dieses Individuum glaubt, sich selbst zu gehören, sich selbst herzustellen und unabhängig über seine Welt verfügen zu können. Es verdrängt, dass kein Mensch Sauerstoff, Wasser, Nahrung, Stoffwechsel, Schlaf oder die planetarischen Bedingungen seines Lebens selbst hervorbringt.

Das bildhauerische Arbeiten kann diese Selbsttäuschung aufbrechen. Wer eine Form herstellt, erfährt, dass Form niemals nur aus der Idee des Herstellenden entsteht. Material, Werkzeug, Schwerkraft, Feuchtigkeit, Zeit, Können, Zufall und vorausgegangene Eingriffe wirken mit. Der Künstler ist nicht der allmächtige Schöpfer einer widerstandslosen Welt. Er arbeitet innerhalb von Bedingungen. Genau dies gilt auch für die Gestaltung der Gesellschaft.

Handwerk als Schule des Maßes

Deshalb stehen im Atelier nicht nur Ton und bildnerische Materialien, sondern auch Werkzeuge des Handwerks zur Verfügung. Das Werkzeug stellt eine Verbindung zwischen Absicht, Körper, Material und Ergebnis her. Es verlangt Aufmerksamkeit, Übung, Genauigkeit und ein Verständnis für Folgen. Ein Werkzeug kann sachgerecht oder unsachgemäß eingesetzt werden. Eine Verbindung kann passen oder nicht passen. Eine Konstruktion kann tragen oder versagen.

Aus meiner Ausbildung zum Maschinenschlosser stammt die Erfahrung, dass eine Form nicht durch eine überzeugende Erklärung funktioniert. Sie muss sich innerhalb von Maßen, Toleranzen, Belastungen und konkreten Bedingungen bewähren. Dieser Maßstab darf jedoch nicht mechanisch auf Gesellschaft übertragen werden. Es muss immer zusätzlich gefragt werden: Was funktioniert, für wen funktioniert es, wie lange funktioniert es, welche Ressourcen werden verbraucht und wer trägt die Folgen?

Das handwerkliche Arbeiten führt damit zu einer gesellschaftlichen Grundfrage. Die heutige Zivilisation besitzt äußerst genaue Verfahren des Kaufens, Verkaufens, Berechnens, Bewertens und Verwertens. Sie ist aber weit weniger genau darin, die körperlichen, sozialen und planetarischen Folgen ihrer Tätigkeiten wahrzunehmen. Der Mensch kennt Preise, Verträge, Besitzgrenzen und Marktwerte, aber häufig nicht seine Belastungsgrenzen, Regenerationszeiten und Abhängigkeiten. Das Atelier soll die im Handwerk selbstverständliche Frage nach Passung, Widerstand, Belastung und Korrektur auf die vom Menschen hergestellte Welt zurückführen.

Malerei und die Sichtbarmachung innerer Weltbilder

Auch das Malatelier ist kein zusätzliches Freizeitangebot. Im Malen können innere Bilder, Erinnerungen, Wünsche, Ängste, Rollenbilder und gesellschaftliche Vorstellungen sichtbar gemacht werden. Der Mensch handelt nicht allein aufgrund äußerer Tatsachen. Er handelt aufgrund der Bilder, die er sich von sich selbst, von anderen Menschen und von der Welt gemacht hat.

Diese Bilder bleiben meist unsichtbar, obwohl sie Entscheidungen und Tätigkeiten bestimmen. Der Mensch hält seine Vorstellungen häufig für Eigenschaften der Wirklichkeit. Er verwechselt das, was er in einen Gegenstand, eine Rolle oder einen anderen Menschen hineingedacht hat, mit dem Gegenstand oder Menschen selbst. Aus dieser Verwechslung entstehen Warenwerte, Statusbilder, Feindbilder, Erfolgsmodelle, Geschlechterrollen, nationale Identitäten und Vorstellungen vom gelungenen Leben.

Im Malen kann diese Projektionswelt nach außen treten. Das Bild wird zu einer untersuchbaren Fläche. Es zeigt nicht nur, was dargestellt werden soll, sondern auch, wie ausgewählt, hervorgehoben, weggelassen, idealisiert oder verzerrt wird. Ein Bild kann ergänzt, übermalt, geteilt oder mit anderen Bildern in Beziehung gesetzt werden. Dadurch wird das Malen zu einer Form der Überzeugungsprüfung. Der Mensch kann lernen, zwischen der vorausliegenden Welt, seinem inneren Bild und der gesellschaftlichen Geltung dieses Bildes zu unterscheiden.

Die Theaterbühne als Prüfraum der Rollenidentität

Der Theaterbereich richtet sich besonders auf die dritte Ebene des Vier-Ebenen-Modells: die von Menschen hervorgebrachte Symbol-, Rollen-, Rechts-, Eigentums-, Technik-, Medien- und Geltungswelt. Die erste Ebene umfasst die physikalisch-chemischen Bedingungen, die zweite die lebendige, stoffwechselnde und verletzliche Wirklichkeit, die dritte die menschlich erzeugte Rollen- und Bedeutungswelt. Die vierte Ebene eröffnet die Möglichkeit, diese Hervorbringungen auf ihre Voraussetzungen, Folgen und Korrigierbarkeit zurückzuprüfen.

Der heutige Mensch lebt innerhalb widersprüchlicher Rollenidentitäten. Er soll gleichzeitig Individuum und Ware, Hersteller und Verbraucher, Arbeitnehmer und Unternehmer seiner selbst, Verkäufer und Käufer, Konkurrent und Kooperationspartner sein. Er produziert Waren, kauft Waren und stellt zugleich sich selbst als verwertbares Produkt her. Er verkauft seine Arbeitskraft, seine Zeit, sein Wissen, seine Aufmerksamkeit, seine Kreativität, seine Gesundheit, seine Persönlichkeit und zunehmend auch seine private Identität.

Diese Rollen werden nicht nur von außen auferlegt. Der Mensch übernimmt sie, übt sie ein und hält sie schließlich für sein eigentliches Selbst. Er sagt: Ich bin Unternehmer, Kunde, Eigentümer, Arbeitnehmer, Produzent, Konsument, Experte, Antragsteller oder Leistungsempfänger. Die gesellschaftliche Funktion wird zur Identität. Der verletzliche Organismus, das ehemalige Kind, der alternde Mensch und das von Natur- und Gemeinschaftsbedingungen abhängige Wesen verschwinden hinter der Rolle.

Auf der Theaterbühne kann dieser Vorgang sichtbar und veränderbar werden. Ein Besucher kann eine Rolle übernehmen, spielen, übersteigern, unterbrechen, mit einer anderen Person tauschen und eine Szene erneut beginnen. Er kann gleichzeitig Verkäufer, Käufer, Hersteller und Verbraucher darstellen und dadurch die Widersprüche erfahren, die im alltäglichen Handeln meist voneinander getrennt erscheinen. Er kann eine Szene des Kaufens, Produzierens, Verwaltens, Bewertens oder Entscheidens aus unterschiedlichen Positionen spielen.

Das Theater erzeugt den notwendigen Abstand zwischen Mensch und Rolle. Der Schauspieler ist nicht identisch mit der dargestellten Figur. Er kann aus der Rolle heraustreten, sie kommentieren und verändern. Genau dieser Abstand fehlt häufig im gesellschaftlichen Alltag. Der Mensch wird von seiner Rolle gespielt, ohne zu erkennen, dass sie eine menschliche Hervorbringung ist. Das Theater führt die Rolle als gemachte Form vor. Dadurch wird sie wieder gestaltbar.

Eine Wahrnehmung, ein Traum oder ein Konflikt kann zunächst gezeichnet, anschließend als Bühnenraum gebaut, als Szene formuliert und schließlich mit anderen gespielt werden. Die Szene kann angehalten, verändert und unter anderen Bedingungen wiederholt werden. Auf diese Weise tritt eine private Erfahrung in Material, Sprache, Körper und Gemeinschaft ein.

Das Gegenstück zur Rollenwelt

Das Gegenstück zur dritten Ebene ist nicht eine neue, wiederum festgeschriebene Idealrolle. Es geht nicht darum, den Geschäftsmenschen durch einen angeblich besseren Menschentyp zu ersetzen. Das Gegenstück ist die Fähigkeit, Rollen als Rollen zu erkennen, ihre Voraussetzungen zu untersuchen und sie an der lebendigen und planetarischen Tragwirklichkeit zu prüfen.

Der Mensch soll lernen, dass er Rollen ausübt, ohne vollständig mit ihnen identisch zu sein. Er ist nicht nur Käufer, Verkäufer, Produzent oder Verbraucher. Er ist zunächst ein atmender, stoffwechselnder, schlafender, verletzlicher und auf andere Lebewesen angewiesener Organismus. Seine gesellschaftlichen Rollen können diese Bedingungen berücksichtigen oder verletzen, aber sie können sie nicht ersetzen.

Die vierte Ebene wird deshalb im So-Heits-Atelier nicht als theoretische Kontrollinstanz eingerichtet. Sie entsteht im Wechsel zwischen Spielen, Herstellen, Beobachten, Vergleichen, Widersprechen und Korrigieren. Ein Besucher kann eine Rolle darstellen, ihre Folgen in einer Szene erfahren, eine materielle Form dafür herstellen, sie zeichnen oder beschreiben und anschließend mit anderen prüfen, ob die zugrunde liegende Ordnung tragfähig ist. Das Gegenstück zur starren Rollenidentität ist damit eine plastische Rollenbeweglichkeit.

Von der Warengesellschaft zur So-Heits-Gesellschaft

Auf dieser Grundlage entwickelt sich die Idee der So-Heits-Gesellschaft. Sie ist kein fertiger Gesellschaftsentwurf, der der bestehenden Welt als neue Ideologie übergestülpt werden soll. Eine solche Konstruktion würde lediglich eine weitere menschliche Parallelwelt erzeugen. Die So-Heits-Gesellschaft ist zunächst eine Kunst-, Lern-, Herstellungs-, Spiel-, Übungs-, Prüf-, Gewohnheits- und Reparaturgesellschaft. Sie entsteht dort, wo Menschen lernen, ihre Hervorbringungen an deren Folgen zurückzuprüfen.

Die heutige Warengesellschaft trainiert Menschen im Kaufen, Verkaufen, Vergleichen, Bewerten, Konkurrieren und Sich-selbst-Präsentieren. Sie erfasst den Menschen als Arbeitskraft, Konsumenten, Datenprofil, Kostenfaktor, Kreditrisiko und verwertbare Persönlichkeit. Gleichzeitig bleibt sein Wissen über den eigenen Organismus und seine planetarischen Abhängigkeiten fragmentarisch. Das Programm der So-Heits-Gesellschaft richtet sich deshalb auf eine Veränderung dieser Gewohnheiten.

Der Übergang kann nicht allein durch moralische Forderungen erfolgen. Menschen müssen andere Formen von Befriedigung, Anerkennung, Tätigkeit und gesellschaftlicher Beziehung praktisch erfahren können. Künstlerisches Herstellen, gemeinsames Spielen, Reparieren, Lernen, Weitergeben und Erproben können Formen von Sinn und Befriedigung erzeugen, die nicht vom fortgesetzten Kauf neuer Waren abhängig sind.

Die Leitidee des möglichst geringen Ressourcenverbrauchs bedeutet dabei nicht, dass jede Kunst automatisch ressourcenschonend wäre. Sie bedeutet, dass menschliche Fähigkeiten, Wahrnehmung, Spiel, Vorstellungskraft, gemeinsames Können und Reparatur stärker an die Stelle einer immer weiter anwachsenden Produktion und Vernichtung von Waren treten sollen. Eine Szene kann mehrfach verändert werden, ohne jeweils eine neue Konsumwelt herstellen zu müssen. Ein Stück Ton kann wiederverwendet werden. Ein vorhandener Gegenstand kann umgebaut, repariert und neu verstanden werden. Ein Bild, eine Bewegung, ein Gespräch oder eine gemeinsame Versuchsanordnung können Erkenntnis hervorbringen, ohne dass ihr Wert aus Marktpreis oder Besitz hervorgehen muss.

Die Auflösung der einseitigen Herrschaft von Finanzmarkt, Geld und Macht bedeutet deshalb zunächst die Auflösung ihrer Vorrangstellung als allgemeiner Maßstab des Lebens. Nicht alles, was Gewinn erzeugt, trägt. Nicht alles, was keinen Preis besitzt, ist wertlos. Nicht alles, was wirtschaftlich funktioniert, ist körperlich, sozial oder planetarisch tragfähig. Im So-Heits-Atelier können andere Maßstäbe praktisch erprobt werden: Können, Passung, Reparierbarkeit, Rücksicht, Regeneration, Zusammenarbeit, Zeit, Ressourcenschonung und die Fähigkeit, auf Folgen zu reagieren.

Acht Milliarden Tätige und die Konsequenzen ihres Handelns

Die gegenwärtige Katastrophenentwicklung entsteht nicht nur durch einzelne Machthaber, Unternehmen oder Institutionen. Acht Milliarden Menschen sind in unterschiedlicher Weise tätig. Sie kaufen, verkaufen, herstellen, verbrauchen, arbeiten, wohnen, reisen, entscheiden, wählen, dulden, widersprechen, gestalten und hinterlassen Folgen. Die Menschen verfügen dabei über sehr unterschiedliche Macht und Verantwortung. Dennoch ist jeder in Tätigkeits- und Abhängigkeitszusammenhänge eingebunden.

Das Problem besteht darin, dass die meisten Menschen nur kleine Ausschnitte ihrer Tätigkeit kennen. Ein Käufer sieht das Produkt, aber nicht unbedingt die Rohstoffgewinnung, die Arbeitsbedingungen, die Transportwege, den Energieverbrauch und den späteren Abfall. Ein Hersteller kennt seinen Produktionsschritt, aber nicht immer die Gesamtwirkung. Ein Anleger sieht eine Rendite, aber nicht die Landschaften, Körper und sozialen Beziehungen, aus denen sie hervorgeht. Ein Verbraucher glaubt, nur eine private Entscheidung zu treffen, obwohl sich Milliarden ähnlicher Entscheidungen zu planetarischen Wirkungen verdichten.

Der Mensch besitzt Spezialwissen, aber kaum ein Verständnis des Gesamtzusammenhangs. Gerade deshalb muss er zum Ermittler seiner eigenen Existenz werden. Er muss untersuchen, wodurch er lebt, welche Tätigkeiten er ausübt, welche Abhängigkeiten er nicht wahrnimmt und welche Konsequenzen aus seinem Handeln hervorgehen. Das So-Heits-Atelier stellt dafür keine fertigen Antworten bereit. Es bietet Werkzeuge, Bilder, Materialien, Szenen, Vergleichsmodelle und Gesprächsformen, mit denen diese Zusammenhänge untersucht werden können.

Globale Schwarmintelligenz und künstliche Intelligenz

Die Plattform Globale Schwarmintelligenz erweitert das räumlich und zeitlich begrenzte Atelier. Sie verbindet Werkarchiv, Begriffssystem, Arbeitsbuch, digitale Kunsthalle und zukünftige Besucherbeiträge. Erfahrungen aus dem Bildhaueratelier, Bilder, Theaterszenen, Fragen, Widersprüche und Korrekturen können dort dokumentiert, miteinander verglichen und weiterbearbeitet werden.

Die Plattform ist jedoch nicht bereits dadurch Schwarmintelligenz, dass viele Beiträge gesammelt werden. Schwarmintelligenz benötigt nachvollziehbare Beziehungen, unterschiedliche Perspektiven, überprüfbare Quellen, dokumentierte Veränderungen und die Möglichkeit des Widerspruchs. Es muss sichtbar werden, welche Rückmeldung zu welcher Korrektur geführt hat. Eine bloße Ansammlung von Meinungen würde die bestehenden Rollen- und Projektionswelten lediglich vervielfachen.

Künstliche Intelligenz kann diesen Prozess unterstützen. Sie kann große Materialmengen strukturieren, Begriffe vergleichen, Widersprüche sichtbar machen, Texte zugänglich formulieren und Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Wissensgebieten herstellen. Sie darf jedoch nicht zur neuen Autorität werden. Auch ihre Ergebnisse müssen geprüft werden. KI arbeitet mit menschlich erzeugten Daten, Begriffen, Gewichtungen und Ausschlüssen. Sie gehört damit selbst zur dritten Ebene der hervorgebrachten Menschenwelt und muss durch die vierte Ebene der Rückkopplung, Quellenprüfung und Korrektur begleitet werden.

Die Verbindung von körperlichem Atelier und digitaler Plattform ist deshalb wesentlich. Das materielle Atelier verhindert, dass Denken sich vollständig in Sprache, Daten und virtuellen Modellen verliert. Material, Körper, Müdigkeit, Geschicklichkeit, Widerstand und unmittelbare Begegnung bleiben anwesend. Die Plattform verhindert umgekehrt, dass die Erkenntnisse auf den Ausstellungsraum und die Dauer der documenta begrenzt bleiben.

Der Mensch als Künstler und Kunstwerk

Die tiefste Grundlage des So-Heits-Ateliers liegt in der doppelten Bestimmung des Menschen als Künstler und Kunstwerk. Der Mensch ist nicht sein eigener biologischer Schöpfer. Er hat weder seinen Organismus noch den Planeten Erde noch die Bedingungen des Lebens hervorgebracht. In diesem Sinn ist er selbst ein hervorgebrachtes, plastisch werdendes Kunstwerk der Natur- und Lebenszusammenhänge.

Gleichzeitig gestaltet er die Menschenwelt. Er erzeugt Sprache, Bilder, Werkzeuge, Häuser, Städte, Waren, Geld, Gesetze, Institutionen, Wissenschaften, Religionen, Medien, Rollen und technische Systeme. Diese Hervorbringungen wirken auf ihn zurück und formen ihn weiter. Der Mensch ist deshalb auch Künstler seiner gesellschaftlichen Wirklichkeit. Doch seine Kunst ist nicht automatisch gelungen.

Die Menschenwelt muss daran geprüft werden, ob sie ihre eigenen Existenzgrundlagen trägt oder zerstört. Der Mensch kann keine unabhängige Parallelwelt auf dem Planeten errichten, deren Regelwerke die physikalischen, biologischen und planetarischen Bedingungen außer Kraft setzen. Er kann den Preis eines Waldes bestimmen, aber nicht durch den Preis seine ökologischen Funktionen ersetzen. Er kann Wasser privatisieren, aber nicht seine Abhängigkeit vom Wasser aufheben. Er kann den Körper als Arbeitskraft bewerten, aber nicht dessen Grenzen abschaffen. Er kann sich als autonome Ware inszenieren, bleibt aber ein atmender und verletzlicher Organismus.

Sich als Künstler zu erkennen bedeutet deshalb nicht, sich zum souveränen Weltschöpfer zu erklären. Es bedeutet, Verantwortung für die eigenen Hervorbringungen zu übernehmen. Sich als Kunstwerk zu erkennen bedeutet nicht, passiv von anderen geformt zu werden. Es bedeutet, die eigene Gewordenheit, Verletzlichkeit und Veränderbarkeit anzuerkennen und die gesellschaftlichen Formen, die den Menschen geprägt haben, erneut bearbeitbar zu machen.

Das So-Heits-Atelier auf der documenta 16

Für die documenta 16 ergibt sich daraus kein bloßes Workshopprogramm, sondern ein aktivierter Werkorganismus. Atelier, Werkstatt, Bühne, Labor, Archiv, Begleitbuch und Plattform bilden unterschiedliche Organe eines zusammenhängenden Prüfwerks. Die historische Werkspur, das funktionsfähige Gegenwartsmodell und die eigene Tätigkeit der Besucher müssen miteinander verbunden bleiben.

Im Bildhaueratelier kann der Mensch Formung, Widerstand und Korrektur erfahren. Im handwerklichen Bereich kann er Passung, Funktion und Tätigkeitsfolge untersuchen. Im Malatelier kann er seine inneren und gesellschaftlichen Weltbilder sichtbar machen. Auf der Theaterbühne kann er seine Rollenidentitäten spielen, unterbrechen, tauschen und verändern. Im Gesprächs- und Prüfbereich können die entstandenen Formen auf ihre körperlichen, gesellschaftlichen und planetarischen Folgen bezogen werden. Im Begleitbuch und auf der Plattform können die Erkenntnisse dokumentiert, verglichen und weiterentwickelt werden.

Die Besucher sollen dadurch nicht nur über den Menschen informiert werden. Sie sollen sich selbst als Mitwirkende der Menschenwelt erkennen. Jeder ist in Rollen, Tätigkeiten und Abhängigkeiten eingebunden. Jeder wird durch gesellschaftliche Formen geprägt und prägt sie durch sein Handeln weiter. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wer bin ich? Sie lautet: Zu welchem Kunstwerk werde ich durch meine Rollen und Tätigkeiten, an welchem gesellschaftlichen Kunstwerk wirke ich mit und trägt dieses Kunstwerk die Bedingungen, von denen Leben abhängt?

Das So-Heits-Atelier soll einen Raum eröffnen, in dem diese Frage nicht nur diskutiert, sondern materiell, bildnerisch, körperlich, spielerisch und gemeinschaftlich untersucht werden kann. Seine Aufgabe ist Aufklärung durch Tätigkeit. Es führt den Menschen aus der scheinbar selbstverständlichen Welt seiner Rollen, Waren und Geltungen zurück zu den Bedingungen seines Organismus und des Planeten Erde. Zugleich eröffnet es die Möglichkeit, die von Menschen geschaffene Welt nicht als unveränderliches Schicksal, sondern als korrigierbares Kunstwerk zu erkennen.

Darin liegt der Kern des Projekts: Der Mensch muss lernen, dass er weder allmächtiger Schöpfer noch bloßes Opfer seiner Verhältnisse ist. Er ist ein abhängiges Kunstwerk und ein verantwortlicher Mitgestalter. Erst wenn er beides zugleich begreift, kann er beginnen, die eskalierende Katastrophenwelt nicht nur zu verwalten, sondern ihre in seinen eigenen Menschenbildern, Rollen, Tätigkeiten und Maßstäben liegenden Ursachen zu verändern.

Der Text kann als eigenständiges Kapitel „Warum Werkstatt, Bildhaueratelier, Malatelier und Theaterbühne?“ in die documenta-Anlage aufgenommen werden.