Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes: Das Lebenswerk als benutzbarer Werk- und Prüfzusammenhang.
Hier ist die zusammengeführte Fassung mit dem Werk- und Kontextanker als eigenständiger Grundlage des Ausstellungskonzeptes:
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Das Lebenswerk als benutzbarer Werk- und Prüfzusammenhang
Die Ausstellung würde nicht mein gesamtes Lebenswerk verkleinert nachbauen. Sie würde vielmehr dessen Grundwerkzeuge, Bildcodes, Materialien, Versuchsanordnungen und Prüfverfahren freilegen und für die Besucher benutzbar machen. Die Besucher könnten mit denselben Materialeigenschaften, Störungen, Widersprüchen und Rückkopplungen arbeiten, aus denen meine Collagen, Objekte, Modelle, Aktionen und Untersuchungen über Jahrzehnte entstanden sind.
Das So-Heits-Atelier würde dadurch zu einem begehbaren Collagen- und Forschungslabor. Wirklichkeit würde darin nicht nur dargestellt oder interpretiert, sondern durch Tätigkeit, Konsequenz, Gegenprüfung und Korrektur untersucht.
Eine wesentliche Grundlage hierfür bildet der Werk- und Kontextanker meines Lebenswerkes. Er ist in einer inzwischen dreijährigen, fortlaufenden Komprimierungs- und Kontextualisierungsarbeit mit Unterstützung künstlicher Intelligenz entstanden. In ihm werden die über Jahrzehnte entwickelten Werkbereiche, Schlüsselbegriffe, Versuchsanordnungen, Bildzusammenhänge, gesellschaftlichen Untersuchungen und methodischen Grundlagen nicht lediglich archiviert, sondern miteinander in Beziehung gesetzt.
Dieser Werkanker ermöglicht es, einzelne Werke nicht mehr isoliert betrachten zu müssen. Er macht sichtbar, aus welchen früheren Untersuchungen sie hervorgegangen sind, auf welche anderen Arbeiten sie verweisen, welche Fragen sie weiterführen und welche Erkenntniswege sich durch das gesamte Lebenswerk ziehen. Er stellt den Besuchern somit keinen abgeschlossenen Deutungsschlüssel zur Verfügung, sondern eine nachvollziehbare Arbeitsgrundlage, anhand derer sie die Werke, Behauptungen und Prüfverfahren selbst untersuchen können.
Der Werk- und Kontextanker steht in wesentlichen Teilen bereits auf der digitalen Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ zur Verfügung. Im So-Heits-Atelier soll er räumlich, materiell und praktisch erfahrbar werden. Ausstellung und digitale Plattform bilden dadurch keine voneinander getrennten Bereiche. Das Atelier ermöglicht die körperliche, räumliche und gemeinschaftliche Tätigkeit; die Plattform stellt die erweiterten Werkzusammenhänge, Dokumentationen und fortlaufenden Erkenntniswege bereit.
Der Vorschlag für die documenta 16
Für die documenta 16 schlage ich das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ vor, verbunden mit der von mir entwickelten digitalen Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“.
Meine Arbeit verbindet bildnerische und darstellerische Kunst, handwerkliche Erfahrung, Naturbeobachtung, gesellschaftliche Forschung, Pädagogik und praktische Gestaltung. Seit 1975 liegt ihr die Frage zugrunde, warum der Mensch trotz seines Wissens, seiner Gestaltungskraft und seiner Fähigkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.
Das So-Heits-Atelier ist als öffentliches künstlerisches Forschungslabor angelegt. Ausgewählte Werke, Bilder, Modelle, Texte, Collagen und Versuchsanordnungen meines Lebenswerkes sollen darin nicht nur ausgestellt, sondern als Arbeits- und Prüfmittel aktiviert werden.
Das Werk wird zum Prüfapparat, das Material zum antwortenden Gegenüber und der Besucher zum Forschungskünstler: zum Mitprüfenden seiner eigenen Wahrnehmungen, Überzeugungen und Tätigkeiten.
Funktionieren oder Nichtfunktionieren als Prüfmaßstab
Die besondere Grundlage meiner Forschungskunst ist ein handwerklicher Prüfmaßstab, den ich aus meiner Ausbildung zum Maschinenschlosser und aus meiner bildhauerischen Praxis entwickelt habe:
Funktioniert etwas oder funktioniert es nicht?
Eine Form oder Konstruktion bewährt sich nicht allein durch eine überzeugende Erklärung. Sie muss sich am Material, am Widerstand, an ihren Wirkungen und Abhängigkeiten erweisen. Sie muss tragen, Rückmeldungen aufnehmen und Korrekturen zulassen können.
Diesen Maßstab übertrage ich auf die Kunst und auf die vom Menschen geschaffene gesellschaftliche Wirklichkeit. Der Mensch ist Künstler und Erzeuger seiner Begriffe, Bilder, Institutionen, Technologien und gesellschaftlichen Ordnungen. Zugleich ist er selbst ein lebendiges, verletzliches und fortwährend plastisch werdendes Kunstwerk.
Die Menschenwelt muss deshalb daran geprüft werden, ob ihre Formen Leben ermöglichen, Rückkopplungen aufnehmen und Korrekturen zulassen oder ob sie ihre eigenen körperlichen, sozialen und planetarischen Voraussetzungen beschädigen und zerstören.
Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde
Ein zentraler Prüfmaßstab des Ateliers ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“. Werden die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte auf einen Tag übertragen, erscheint Homo sapiens erst ungefähr 5,7 Sekunden vor Mitternacht. Ein achtzigjähriges Menschenleben entspricht auf dieser Uhr etwa 1,5 Millisekunden.
Dennoch verhält sich dieser Millisekunden-Mensch häufig so, als könne er die ihm vorausliegenden Existenzbedingungen durch seine selbst geschaffenen Systeme ersetzen.
Atmosphäre, Gewässer, Stoffkreisläufe, Gravitation und kosmische Bedingungen sind jedoch keine menschlichen Kunstwerke. Sie bilden die Tragwirklichkeit, innerhalb derer der Mensch überhaupt leben, handeln, denken und Kunst hervorbringen kann.
Die vom Menschen geschaffenen Begriffe, Institutionen, Märkte, Technologien und gesellschaftlichen Ordnungen sind deshalb nicht voraussetzungslos. Sie bleiben von Bedingungen abhängig, die der Mensch nicht selbst hervorgebracht hat und nicht durch Beschlüsse, Überzeugungen oder wirtschaftliche Bewertungen außer Kraft setzen kann.
Das Atelier als Ausstellung, Werkstatt und Untersuchungsraum
Im So-Heits-Atelier soll dieser Zusammenhang gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern praktisch untersucht werden.
Dazu können unter anderem der Abendmahltisch als Abbild einer durch Wasser geformten Landschaft, das asymmetrische Automodell, der Gordische Knoten zum Anfassen, Wasser- und Strömungsmodelle, Collagen, Fotografien, Zeichnungen, Folien, Texte und weitere Werkzeuge meines Lebenswerkes eingesetzt werden.
Diese Arbeiten werden nicht allein als historische Kunstwerke präsentiert. Sie stellen unterschiedliche Zugänge zu den Fragen bereit, wie Formen entstehen, wie Materialien antworten, wie Wahrnehmung gelenkt wird, wie Täuschungen entstehen und wie Funktionieren oder Nichtfunktionieren erkannt werden kann.
Das Atelier verbindet Ausstellung, Werkstatt, Archiv, Labor und Gesprächsraum. Seine Besonderheit liegt außerdem darin, dass es experimentell mit der informativen und interaktiven Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ verbunden wird.
Das So-Heits-Atelier geht aus meiner seit 1975 entwickelten „Experimentellen Umweltgestaltung“ hervor. Es führt unterschiedliche Werkbereiche zu einer gemeinsamen Untersuchung darüber zusammen, wie der Mensch wahrnimmt, gestaltet, sich täuscht, lernt und Verantwortung für die Folgen seiner Tätigkeiten übernehmen kann.
Die Besucher als Mitprüfende und Mitgestaltende
Aus meinen Vorgabebildern, Collagen, Zeichnungen, Fotografien, Folien, Texten und Modellen können die Besucher vor Ort eigene Mitmach- und Arbeitsbücher entwickeln.
Sie wählen Materialien aus, stellen neue Verbindungen her, verändern vorhandene Zusammenhänge und ergänzen sie durch eigene Fragen, Erfahrungen, Widersprüche und Erkenntnisse. Dabei geht es nicht um die bloße Nachahmung meiner Collagentechnik. Die Besucher sollen vielmehr untersuchen, welche Auswahlentscheidungen sie selbst treffen, welche Bedeutungen sie herstellen und welche Folgen sich aus der Verbindung unterschiedlicher Materialien, Bilder und Aussagen ergeben.
Der bereits vorhandene Werk- und Kontextanker ermöglicht ihnen dabei, ihre eigenen Arbeiten mit den Entwicklungslinien meines Lebenswerkes in Beziehung zu setzen. Sie können überprüfen, aus welchen Untersuchungen bestimmte Bilder und Modelle hervorgegangen sind und wie sich einzelne Werkzeuge auf andere gesellschaftliche, materielle oder organismische Zusammenhänge übertragen lassen.
Die Besucher werden dadurch nicht nur zu Betrachtern oder Teilnehmern einer vorbereiteten Aktion. Sie werden zu Mitprüfenden eines offenen künstlerischen Erkenntnisprozesses.
Die digitale Plattform als Erweiterung des Ateliers
Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ erweitert diese Arbeit in den digitalen Raum. Dort können die im Atelier begonnenen Untersuchungen fortgeführt, dokumentiert und mit den Erkenntniswegen anderer Teilnehmer verbunden werden.
Die im Atelier entstehenden Bücher, Collagen, Fragen, Gegenpositionen und Untersuchungsergebnisse können als digitale und interaktive Arbeitsbücher weiterentwickelt werden. Einzelne Beiträge bleiben dadurch nicht isolierte Äußerungen, sondern können in größere Werk- und Erkenntniszusammenhänge eingeordnet werden.
Die Plattform übernimmt zugleich die Funktion eines fortlaufenden Gedächtnisses. Sie dokumentiert nicht nur Ergebnisse, sondern auch Entstehungswege, Widersprüche, Korrekturen und offene Fragen. Dadurch kann die Arbeit über die zeitliche Begrenzung der Ausstellung hinaus fortgeführt werden.
Das So-Heits-Atelier bildet den räumlich-materiellen Arbeitsort. Die Plattform bildet den digitalen Kontext-, Dokumentations- und Rückkopplungsraum. Der Werkanker verbindet beide Bereiche mit dem über fünf Jahrzehnte entstandenen Lebenswerk.
Keine Übernahme vorgegebener Wahrheiten
Ich bitte die Besucher nicht darum, meine Ausgangsthesen ungeprüft zu übernehmen.
Das So-Heits-Atelier ist vielmehr eine Einladung, deren künstlerische Grundlagen, Voraussetzungen, Widersprüche und praktische Anwendbarkeit anhand der Werke, Materialien und Versuchsanordnungen öffentlich zu untersuchen.
Auch der Werk- und Kontextanker beansprucht nicht, eine endgültige Deutung meines Lebenswerkes festzuschreiben. Er stellt eine fortlaufend überprüfbare Struktur bereit, in der Zusammenhänge sichtbar, Behauptungen vergleichbar und Korrekturen möglich werden.
Die Besucher können daher nicht nur einzelne Werke untersuchen. Sie können auch prüfen, ob die von mir entwickelten Verbindungen zwischen Kunst, handwerklichem Funktionieren, lebendigen Abhängigkeiten und gesellschaftlicher Verantwortung tatsächlich tragen.
Das vorhandene Material
Das notwendige künstlerische und dokumentarische Material ist vorhanden. Dazu gehören Werke, Modelle, Collagen, Fotografien, Zeichnungen, Texte, Folien, Versuchsanordnungen, Projektunterlagen, Arbeitsbücher und umfangreiche Dokumentationen.
Die beigefügten Anlagen erläutern die Werkgenese, den Werk- und Kontextanker, die Methodik der Forschungskunst, die Schlüsselwerke, die Besucherdramaturgie, die Mitmachbücher, die digitale Plattform und die Möglichkeiten der räumlichen und technischen Realisierung.
Das So-Heits-Atelier wäre damit keine verkleinerte Retrospektive meines Lebenswerkes. Es wäre dessen gegenwärtige Aktivierung.
Es legt die Grundwerkzeuge des Lebenswerkes frei, verbindet sie durch den Werk- und Kontextanker und stellt sie den Besuchern als öffentlich benutzbare Forschungs- und Prüfmittel zur Verfügung. Auf diese Weise kann die Ausstellung selbst zu einem lebendigen Kunstwerk werden, in dem Wahrnehmung, Tätigkeit, Konsequenz, Rückkopplung und Korrektur miteinander verbunden werden.
