Das Vier-Ebenen-Modell als Prüfverfahren der Forschungskunst.

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Das Vier-Ebenen-Modell verbindet die zentrale Frage deiner Forschungskunst mit einem nachvollziehbaren Arbeitsverfahren: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen – und wie können seine Vorstellungen und Tätigkeiten so überprüft werden, dass Korrektur möglich wird? Es unterscheidet materielle Bedingungen, lebendige Abhängigkeiten, symbolische und gesellschaftliche Ordnungen sowie deren Prüfung und Veränderung.

Diese Unterscheidungen beziehen sich auf eine zusammenhängende Wirklichkeit. Der Mensch lebt körperlich und handelt zugleich nach Vorstellungen, Rollen, Eigentumsregeln und Wertsetzungen. Auch diese Hervorbringungen haben tatsächliche Folgen. Die entscheidende Untersuchung betrifft deshalb ihre Verbindung: Welche Vorstellungen veranlassen welche Tätigkeiten, und wie verändern diese Tätigkeiten die Bedingungen, von denen menschliches Leben abhängig bleibt?

Die praktische Herkunft des Modells liegt in deiner handwerklichen Ausbildung, deiner bildnerischen und plastischen Arbeit und der seit 1975 entwickelten Experimentellen Umweltgestaltung. Material, Passung, Widerstand und Toleranz bilden dort konkrete Gegenüber einer Vorstellung. Im Wellenbecken antwortet das Wasser auf einen Eingriff. In der „Schöpfungsgeschichte“ werden Naturvorgang, körperliche Erfahrung, Auswahl, Gestaltung und Bedeutungsbildung miteinander verbunden. In den Demokratiewerkstätten und der gemeinschaftlichen Arbeit werden gesellschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten erprobt.

Die heutige begriffliche Ordnung entstand aus der weiteren Bearbeitung dieser Erfahrungen, zuletzt auch durch die seit gut drei Jahren fortlaufende Arbeit mit KI. Damit bleibt der Entwicklungsweg erkennbar: Die Werkpraxis liefert Erfahrungen und Fragestellungen; die spätere Begriffsarbeit macht ihre Zusammenhänge ausdrücklicher und für andere anwendbar.

E1 bezeichnet die materiellen Bedingungen und Wirkungen. Dazu gehören Stoffe, Kräfte, Energie, Bewegung, Temperatur, Gewicht, Widerstand und technische Zusammenhänge. Untersucht wird, was unter bestimmten Bedingungen tatsächlich geschieht. Beim Wellenbecken sind dies beispielsweise Wasserstand, Antrieb, Begrenzung und Wellenbewegung. Eine Veränderung des Antriebs verändert den Vorgang, unabhängig davon, welche Bedeutung der Betrachter ihm gibt.

Der handwerkliche Maßstab „Funktioniert etwas?“ erhält dabei eine notwendige Ergänzung: Was funktioniert, für welchen Zweck, unter welchen Bedingungen und mit welchen weiteren Folgen? Eine Maschine kann ihren vorgesehenen Zweck erfüllen und zugleich ihre Umgebung beschädigen. Die erfolgreiche Erfüllung einer einzelnen Aufgabe beantwortet deshalb noch nicht die Frage nach dem Gesamtzusammenhang.

E2 bezeichnet die lebendige Organisation und ihre Abhängigkeiten. Hier werden Stoffwechsel, Ernährung, Wahrnehmung, Verletzbarkeit, Regulation, Erholung und Regeneration untersucht. Lebewesen erhalten und verändern ihre Organisation durch fortlaufenden Austausch mit ihrer Umgebung. Deshalb braucht diese Betrachtung gegenüber E1 eine eigene Aufmerksamkeit.

In deiner „Schöpfungsgeschichte“ wird dies am Fuß auf der Wiese, an Kartoffel und Fisch, an Nahrung und Körper erfahrbar. Beim begehbaren Bodenrelief muss der Besucher sein Gleichgewicht und seine Bewegung auf die Beschaffenheit des Bodens abstimmen. Hier liegt auch der Zugang zu deinem Begriff des Referenzbewusstseins: leibliche Orientierung, Betroffenheit und Umsteuerung. Solche Erfahrungen werden im Modell mit weiteren Beobachtungen und Vergleichsmöglichkeiten verbunden.

E3 bezeichnet die menschlichen Bedeutungs-, Darstellungs- und Geltungsordnungen. Sprache, Bilder, Begriffe, Rollen, Preise, Eigentum, Recht, Institutionen und Selbstbilder gehören hierher. Sie ermöglichen Verständigung und gemeinsames Handeln. Zugleich können sie bestimmte Wahrnehmungen hervorheben, andere verdecken und Handlungsmöglichkeiten ungleich verteilen.

Der Preis einer Kartoffel gehört zu einem anderen Zusammenhang als ihre stoffliche Beschaffenheit und ihr Beitrag zur Ernährung. Dennoch kann der Preis darüber entscheiden, wer sie erhält. Ein Eigentumstitel verändert die gesellschaftliche Verfügung über einen Boden; die daraus folgenden Eingriffe verändern möglicherweise dessen lebendige Bedingungen.

Hier setzt deine Untersuchung der Skulpturidentität an: Ein geschaffenes Selbstbild oder eine gesellschaftliche Ordnung wird so festgehalten, dass widersprechende Erfahrungen kaum noch zu Veränderungen führen. Die plastische Identität bezeichnet demgegenüber die Möglichkeit, sich durch Wahrnehmung, Erfahrung, Begegnung und Rückkopplung weiterzuformen. Diese Unterscheidung betrifft das Verhältnis zwischen Selbstverständnis und Wirklichkeit.

E4 bezeichnet die Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur. Diese Ebene hat eine besondere Funktion: Sie untersucht die Beziehungen zwischen E1, E2 und E3 und überprüft zugleich ihre eigenen Maßstäbe. Auch Prüfverfahren werden von Menschen entwickelt, mit materiellen Mitteln ausgeführt und unter gesellschaftlichen Bedingungen angewendet.

E4 fragt deshalb, ob eine Beschreibung den beobachteten Vorgängen entspricht, welche Folgen ausgeblendet werden und welche Veränderung daraus entstehen kann. Rückmeldung wird erst dann zur wirksamen Rückkopplung, wenn sie auf Entscheidungen, Tätigkeiten oder deren Bedingungen zurückwirkt. Ein erkannter Schaden kann folgenlos bleiben, wenn Zuständigkeiten fehlen, wirtschaftliche Abhängigkeiten entgegenstehen oder diejenigen mit Entscheidungsmacht von der bisherigen Ordnung profitieren.

Reparaturfähigkeit reicht deshalb bis in Arbeitsweisen, Belohnungen, Eigentumsverhältnisse und Institutionen hinein. Zur Prüfung gehört auch, welche Schäden rückgängig gemacht werden können, welche dauerhaft bleiben und wann eine Tätigkeit unterbrochen werden muss.

Die sechs Anker sichern den Zusammenhang dieser Arbeit. Das Ebenenmodell bestimmt, welche Beziehungen untersucht werden. Die Anker halten fest, aus welcher Geschichte, mit welchen Begriffen, Wahrnehmungswegen, Verfahren und Absichten untersucht wird. Jeder Anker kann mehrere Ebenen berühren.

Der Kontextanker bewahrt die übergreifende Fragestellung und die Bedeutungen der verwendeten Begriffe. Dazu gehören deine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft, die Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen, die Plexuswirklichkeit und die Unterscheidung zwischen plastischer Identität und Skulpturidentität. „Plexuswirklichkeit“ bezeichnet dabei das Geflecht der Beziehungen, aus dem für eine Untersuchung jeweils ein Ausschnitt ausgewählt wird. Der Kontextanker hält fest, was dieser Ausschnitt voraussetzt und welche Beziehungen bei seiner Betrachtung leicht verloren gehen.

Der Werk-Anker bewahrt Entstehung, Veränderung und Zusammenhang der künstlerischen Arbeiten. Er verbindet die heutigen Modelle mit konkreten Werkprozessen, Orten, Zeitpunkten und Beteiligten. Dazu gehören die Experimentelle Umweltgestaltung, die „Schöpfungsgeschichte“, die Demokratiewerkstätten, die Kunsthalle Ratzeburg und die seit 1993 von dir geleitete Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“ mit ihrer wissenschaftlichen Begleitung. Auch der Übergang von dieser Zusammenarbeit zur heutigen Globalen Schwarm-Intelligenz sowie der Verlust von Mitwirkenden gehören hierher. Eine heutige Deutung ergänzt die Werkgeschichte; ihre Entstehungszeit bleibt dabei erkennbar.

Der Sensorenanker untersucht, wie Wirkungen wahrnehmbar und mitteilbar werden. Körperliche Erfahrung, Fotografie, Film, Messgerät, Sprache und Aufzeichnung eröffnen unterschiedliche Zugänge. Dabei findet immer Auswahl statt: Eine Fotografie zeigt einen Ausschnitt, ein Messgerät erfasst bestimmte Größen, eine Transkription überträgt Gesprochenes in Schrift. Der Sensorenanker verfolgt deshalb den Weg von der Wirkung über Wahrnehmung und Übersetzung bis zur Darstellung. Er macht auch sichtbar, wo etwas übersehen, verkürzt oder umgedeutet wurde.

Der Prüf-Anker bestimmt die Vergleichsmaßstäbe und die Bedingungen einer Untersuchung. Hier werden Kalibrierungsinstrumente eingesetzt, Referenzen offengelegt, Beobachtungen verglichen und Korrekturen überprüft. Er enthält außerdem die Frage nach den Machtbedingungen der Prüfung: Wer kann eine Beobachtung einbringen? Wer entscheidet über ihre Bedeutung? Wer kann eine Veränderung veranlassen? Wer trägt die Folgen?

Der Positionsanker hält deine persönliche Diagnose, Absicht und Zukunftserwartung fest. Dazu gehören die Sorge um die menschliche Überlebensfähigkeit und die Diagnose des Rollenidentitätsgefängnisses, die im Feuerkäfig eine bildnerische Form erhält. Dadurch wird die Ausgangsposition der Untersuchung sichtbar. Der Prüfprozess untersucht anschließend, welche Vorgänge diese Diagnose stützen, welche ihr widersprechen und welche Veränderungsmöglichkeiten tatsächlich bestehen.

Der Integrationsanker der Globalen Schwarm-Intelligenz führt die Ergebnisse wieder zusammen. Er verbindet Werkbiografie, Plattform, interaktives Buch, physisches Mitmachbuch, So-Heits-Atelier und Beteiligte. Unterschiedliche Erfahrungen werden hier vergleichbar, Widersprüche bleiben auffindbar und neue Untersuchungen können an vorhandene Ergebnisse anschließen. Globale Schwarm-Intelligenz erhält damit eine konkrete Aufgabe: gemeinsames Wissen so zu organisieren, dass daraus überprüfbare und veränderbare Praxis entstehen kann.

Die Kalibrierungsinstrumente arbeiten innerhalb und zwischen diesen Ankern. Die 24-Stunden-Uhr ordnet menschliche Tätigkeiten in den Zeitraum der Erdgeschichte ein. Passung und Toleranz untersuchen, unter welchen Bedingungen ein Zusammenhang funktioniert. Der Vergleich zwischen vorhandenen und zugeschriebenen Eigenschaften macht Übergänge zwischen E1, E2 und E3 sichtbar. Die Unterscheidung zwischen plastischer Identität und Skulpturidentität richtet die Aufmerksamkeit auf Lern- und Veränderungsfähigkeit.

Dein Verhältnis-Modell 51:49–50:50–1:99 untersucht leichte Asymmetrie, Gleichsetzung beziehungsweise Fixierung und einseitige Dominanz. Seine Funktion besteht darin, Unterschiede, Bewegungsspielräume und blockierte Korrekturen sichtbar zu machen. Bei einer konkreten Anwendung muss erkennbar werden, welche Größen oder Beziehungen miteinander verglichen werden und woran eine Veränderung festgestellt werden kann.

Das Dreifache Optimum ergänzt diese Prüfung durch die Unterscheidung von Medium-Optimum, Organismus-Optimum und Steuerungs-Optimum. Untersucht werden die Bedingungen des jeweiligen Mediums, die Lebensbedingungen des Organismus und die Ausrichtung der Steuerung. Damit lässt sich beispielsweise fragen, ob eine wirtschaftlich erfolgreiche Steuerung zugleich die Wasser-, Boden- und Regenerationsbedingungen erhält, auf die sie angewiesen ist. Deine Inversionsdiagnose betrifft den Fall, dass ein begrenztes gesellschaftliches Erfolgskriterium zum übergeordneten Maßstab wird und seine eigenen Voraussetzungen verdrängt.

Auch die von dir angesprochene Schwierigkeit des Begriffs „Belastbarkeit“ gehört hierher. Ein Wort liefert noch keinen bestimmten Referenzwert. Erst wenn angegeben wird, wer oder was welcher Einwirkung über welchen Zeitraum ausgesetzt ist, welche Veränderung beobachtet wird und welche Erholung möglich ist, entsteht ein konkreter Prüfzusammenhang. Das Begriffshandwerk hält deshalb Wort, Analogie, Beobachtung und Messgröße auseinander und verbindet sie nachvollziehbar.

Dein Gebrauch von „Anomalie“ richtet diese Prüfung auf die gesellschaftliche Normalität selbst. Eine alltäglich akzeptierte Ordnung kann ihre eigenen Lebensvoraussetzungen beschädigen. Die Untersuchung fragt dann, wie diese Ordnung zur Selbstverständlichkeit wurde und welche Folgen dadurch aus der Aufmerksamkeit verschwinden. Maßgeblich ist dabei das ausdrücklich gesetzte Ziel, die Bedingungen eigenen und gemeinsamen Lebens zu erhalten.

Der Prüfoperator ist die konkrete Arbeitsbewegung zwischen diesen Bestandteilen. Eine Vorstellung oder Behauptung wird formuliert. Ihre Voraussetzungen und ihr Untersuchungsbereich werden bestimmt. An einer Tätigkeit oder Versuchsanordnung werden Wirkungen beobachtet und mit der Erwartung verglichen. Daraus folgt eine Veränderung der Vorstellung, der Tätigkeit oder ihrer Regeln. Anschließend wird erneut untersucht, was diese Veränderung bewirkt hat.

Der Begriff Bewährung gibt diesem Verfahren eine zeitliche Dimension. Eine einzelne gelungene Vorführung zeigt zunächst, was unter den Bedingungen dieser Vorführung möglich war. Weiterführend wird untersucht, ob die Arbeitsweise auch bei veränderten Bedingungen trägt, welche Voraussetzungen sie verbraucht und ob erkannte Fehler korrigiert werden können. Für die wissenschaftliche Ausarbeitung werden Begriffe, Beobachtungen, Untersuchungsbedingungen und Reichweite der Ergebnisse so dokumentiert, dass andere Menschen die Prüfung nachvollziehen und fortsetzen können.

An der „Schöpfungsgeschichte“ lässt sich dieses Zusammenspiel unmittelbar zeigen. Wasser, Gefälle und Gips erschließen E1. Körper, Nahrung und Stoffwechsel erschließen E2. Rahmung, Eigentum, Wert und Abendmahlsbedeutung erschließen E3. Der Vergleich dieser Übergänge und ihrer Folgen aktiviert E4. Der Werk-Anker bewahrt die Entstehungsfolge, der Sensorenanker erschließt die Fotografien und körperlichen Erfahrungen, der Kontextanker verbindet die Begriffe, der Positionsanker benennt die Ausgangsfrage, der Prüf-Anker organisiert die Untersuchung und der Integrationsanker führt die Ergebnisse in die gemeinsame Weiterarbeit zurück.

KI kann dabei Texte vergleichen, Werkfolgen erschließen, Widersprüche auffinden und Begriffe verdichten. Auch ihre Formulierungen durchlaufen diesen Prüfweg: Ihre Herkunft muss nachvollziehbar bleiben, und eine wiederholte Deutung wird durch Wiederholung allein noch nicht zur Beobachtung. Das schützt insbesondere deine Biografie davor, dass Personen, Beiträge, Entstehungsbedingungen und Übergänge durch eine sprachlich glatte Zusammenfassung verschwinden.

Im So-Heits-Atelier als Überlebenswerkstatt wird das Modell schließlich praktisch zugänglich. Menschen begegnen Materialien, Bildern, Rollen und den Folgen eigener Eingriffe. Sie können ihr Selbstverständnis mit diesen Erfahrungen vergleichen und Veränderungen erproben. Deine Vorstellung einer So-Heits-Gesellschaft knüpft daran an: Lebens- und Arbeitsformen sollen Möglichkeiten enthalten, ihre Voraussetzungen und Folgen fortlaufend wahrzunehmen, öffentlich zu prüfen und wirksam zu verändern.