Das brennende Rollenidentitätsgefängnis des Millisekundenmenschen.
Positionsanker: Das brennende Rollenidentitätsgefängnis des Millisekundenmenschen
Bedeutung der beiden Bilder
Die beiden Bilder verdichten den Positionsanker nicht lediglich illustrativ, sondern stellen seinen zentralen Widerspruch als eigenständiges künstlerisches Menschenkunstwerk dar. Der Astronaut befindet sich in einem goldenen, brennenden Käfig, dessen Tür geöffnet ist. Er besitzt scheinbar eine hochentwickelte Schutzhülle, ist aber von den tatsächlichen Versorgungs- und Abhängigkeitsverhältnissen abgeschnitten. Das Bild zeigt damit keinen Menschen, der einfach nur eingesperrt wurde. Es zeigt einen Menschen, der seine selbst hervorgebrachte Schutz-, Rollen- und Unverletzlichkeitskonstruktion auch dann nicht verlassen kann, als deren zerstörerische Konsequenzen bereits sichtbar und körperlich wirksam geworden sind.
Der Astronautenanzug bezeichnet in diesem Zusammenhang keine Kritik an der Raumfahrt als solcher. Er verkörpert die Skulpturidentität des modernen Menschen: die Vorstellung, als abgeschlossene, technisch geschützte, autonome und verfügende Einheit existieren zu können. Wie ein Astronaut trägt der Mensch eine künstliche Hülle, durch die sein Überleben nur unter technisch kontrollierten Bedingungen möglich ist. Anders als der wirkliche Astronaut erkennt der gesellschaftliche Rolleninsasse jedoch nicht mehr, dass seine scheinbare Autonomie vollständig von Versorgung, Material, Energie, Technik, anderen Menschen und einer tragenden Außenwirklichkeit abhängig bleibt.
Die goldenen Gitterstäbe verkörpern deshalb nicht nur Unterdrückung. Sie stehen für jene gesellschaftlichen Werte, durch die das Gefängnis anziehend und schützend erscheint: Eigentum, Geld, Status, Karriere, Anerkennung, technisches Können, gesellschaftliche Zugehörigkeit und das Versprechen persönlicher Freiheit. Der Käfig wird nicht ausschließlich von außen aufrechterhalten. Er wird dadurch stabilisiert, dass seine Insassen ihre Identität und Sicherheit mit seinen Regeln verbinden.
Der Mensch erlebt den Käfig als Schutz, weil der Verlust des Käfigs zugleich als Verlust seiner Identität, seiner Versorgung und seiner gesellschaftlichen Existenz erscheint.
Die unterschiedliche Funktion der beiden Bildfassungen
Die zweite, reduzierte Bildfassung konzentriert sich auf die elementare Grundfigur: den brennenden Menschen im geöffneten goldenen Käfig. Sie besitzt eine starke ikonische Wirkung und eignet sich als Hauptbild oder visuelles Leitmotiv des Positionsankers. Ihre Konzentration verhindert, dass die zentrale Aussage durch zu viele Nebenmotive verdeckt wird.
Die erste, erweiterte Bildfassung bildet dagegen eine komplexe gesellschaftliche Szenerie. Die 24-Stunden-Uhr, der verdunkelte Planet, die Herrschaftsarchitektur, die Menschenmengen, die Befehle „OBEY“, „WORK“, „CONSUME“, „REPEAT“, die Krone, der Pokal, das Mobiltelefon, die Konsumgegenstände, die zerstörte Industrielandschaft und das Familienbild erweitern den Käfig zu einem gesellschaftlichen Gesamtmodell. Der Mensch befindet sich nicht nur in einem persönlichen psychologischen Gefängnis. Er befindet sich innerhalb einer historischen, ökonomischen, politischen, technischen und kulturellen Konstruktion.
Die reduzierte Fassung zeigt den Kernzustand. Die erweiterte Fassung zeigt die gesellschaftlichen Herstellungs- und Stabilisierungsbedingungen dieses Zustandes. Beide Bilder sollten daher nicht als konkurrierende Varianten behandelt werden. Sie erfüllen zwei verschiedene Aufgaben innerhalb derselben Werkgruppe.
Die 24-Stunden-Uhr als zeitlicher Horizont
Die im Hintergrund der ersten Bildfassung sichtbare planetarische Uhr ordnet das Gefängnis in einen sehr viel größeren Zeitmaßstab ein. Der Mensch erscheint als Millisekundenmensch: als extrem spät hervorgebrachte Lebensform, die innerhalb eines verschwindend kleinen Ausschnittes der Erdgeschichte eine außerordentliche technische und gesellschaftliche Wirkungsmacht entwickelt hat.
Er hat die physikalisch-chemischen und lebendigen Bedingungen seiner Existenz nicht hervorgebracht. Er kann Luft, Wasser, Stoffkreisläufe, Gravitation, biologische Regulation und Regeneration nicht durch seine gesellschaftlichen Begriffe ersetzen. Dennoch hat er Eigentumsordnungen, Geldsysteme, Rechtsformen, Institutionen und technische Konstruktionen geschaffen, denen er den Rang einer vorrangigen Wirklichkeit zuweist.
Die Uhr zeigt daher nicht bloß, dass die Zeit abläuft. Sie stellt zwei Zeitordnungen einander gegenüber. Auf der einen Seite steht die Milliarden Jahre umfassende Entstehungs- und Tragegeschichte des Planeten. Auf der anderen Seite stehen die kurzfristigen politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Entscheidungszeiträume des Menschen. Wahlperioden, Geschäftsquartale, Renditeerwartungen, Lebensläufe und Konsumzyklen greifen in Zusammenhänge ein, deren vollständige Konsequenzen sich möglicherweise erst nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten zeigen.
Der Millisekundenmensch behandelt die Kürze seiner eigenen Ordnungsgeschichte so, als könne sie die Voraussetzungen ersetzen, aus denen sie hervorgegangen ist.
Das Gefängnis als gesellschaftliches Gedankenkunstwerk
Das im Bild dargestellte Gefängnis ist nicht als einzelnes Gebäude und nicht als zentral gesteuerte Verschwörung zu verstehen. Es bezeichnet eine Sedimentierung von Begriffen, Rollen, Institutionen, Eigentumsverhältnissen, Belohnungsformen und Abhängigkeiten. Gesellschaftliche Konstruktionen werden über Generationen hinweg so weit verinnerlicht, dass sie nicht mehr als Konstruktionen erscheinen.
Der Documenta-Besucher tritt deshalb nicht als unbeschriebenes und vollständig autonomes Individuum in das Atelier. Er bringt Vorstellungen von Freiheit, Erfolg, Identität, Leistung, Normalität, Krankheit und Zugehörigkeit mit, die innerhalb einer langen sozio-psychologischen und ökonomischen Rollenordnung entstanden sind.
Diese Ordnung ist nicht unwirklich. Ihre Eigenschaften sind menschlich hervorgebracht, ihre Konsequenzen können jedoch materiell und körperlich wirksam werden. Eigentum ist keine physikalische Eigenschaft des Bodens, kann aber darüber bestimmen, wer ihn nutzen darf. Geld ist keine Nahrung, kann aber den Zugang zu Nahrung, Wohnung und medizinischer Versorgung regeln. Eine institutionelle Zuständigkeit ist kein Naturgesetz, kann aber darüber entscheiden, ob eine Verletzung anerkannt, untersucht oder zurückgewiesen wird.
Das Bild stellt daher keine einfache Gegenüberstellung von wirklicher Natur und unwirklicher Gesellschaft dar. Es zeigt, wie eine menschlich konstruierte Geltungsordnung durch Tätigkeit in eine tatsächliche Wirkungs- und Verletzungswelt eingreift.
Rollenidentität und künstliche Unverletzlichkeit
Der Astronautenanzug ist die bildliche Verdichtung der Rollenidentität. Der Mensch erkennt sich als Arbeitnehmer, Eigentümer, Konsument, Künstler, Wissenschaftler, Bürger, Fachmensch, Patient oder Entscheidungsträger. Diese Rollen ermöglichen gesellschaftliche Orientierung und Zusammenarbeit. Problematisch werden sie dort, wo sie mit dem vollständigen Menschen gleichgesetzt werden.
Der Rolleninsasse sagt nicht nur, dass er eine bestimmte Funktion ausübt. Er erlebt die gesellschaftlich zugeschriebenen Eigenschaften als sein eigenes Wesen. Erfolg und Scheitern, Zuständigkeit und Nichtzuständigkeit, Eigentum und Status werden zu Identitätsmerkmalen. Der Mensch erscheint dadurch als ein Kunstwerk, das sich seiner eigenen Herstellung nur teilweise bewusst ist.
Der Anzug erzeugt eine symbolische Unverletzlichkeitswelt. Rechte, Status, Eigentum, berufliche Anerkennung und institutionelle Zuständigkeit vermitteln den Eindruck einer geschützten, abgegrenzten und selbstbestimmten Existenz. Der tatsächliche Organismus bleibt jedoch atmend, stoffwechselnd, schlafbedürftig, regenerationsabhängig und verletzbar. Er lebt nicht in einer Unverletzlichkeitswelt, sondern in einer Wirklichkeit geregelter Durchlässigkeit und fortwährender Abhängigkeit.
Die Beschädigung des Anzuges und das eindringende Feuer zeigen, dass die symbolische Schutzordnung ihre Grenze erreicht hat. Ihre Begriffe und Regelungen können die eintretenden Folgen nicht mehr abhalten.
Die offene Tür und ihre Mehrdeutigkeit
Die geöffnete Tür ist der wichtigste und zugleich gefährlichste Bestandteil des Bildes. Sie darf nicht als einfache moralische Botschaft verstanden werden: Der Mensch könne jederzeit hinausgehen und sei selbst schuld, wenn er im Käfig bleibt.
Eine solche Interpretation würde die gesellschaftlichen, psychologischen und ökonomischen Abhängigkeiten auf eine individuelle Willensentscheidung reduzieren. Der Mensch bleibt nicht nur deshalb im Käfig, weil er zu bequem, zu feige oder zu unwissend wäre. Er hat innerhalb dieser Ordnung seine Sprache, seine Identität, seine Versorgung, seine Beziehungen, seine berufliche Existenz und seine Vorstellungen von Sicherheit entwickelt.
Die Tür ist materiell geöffnet, aber psychisch und gesellschaftlich blockiert. Außerhalb des Käfigs ist noch kein gemeinsamer tragfähiger Lebensraum erkennbar. Der einzelne Mensch könnte eine Rolle verlassen, wäre damit aber nicht automatisch von den gesellschaftlichen Bedingungen befreit, die Einkommen, Wohnraum, medizinische Versorgung und Zugehörigkeit organisieren.
Die offene Tür bezeichnet deshalb zunächst eine Prüf- und Unterbrechungsmöglichkeit, noch keine bereits vorhandene gesellschaftliche Alternative. Sie zeigt, dass menschliche Konstruktionen grundsätzlich veränderbar sind. Sie beweist jedoch nicht, dass der Einzelne sie allein verlassen kann.
Die Psychologie als widersprüchliches Funktionssystem
Die Psychologie ist für diesen Positionsanker ein besonders deutliches Beispiel, weil sie gleichzeitig zur Aufklärung, Hilfe, Anpassung und Verhaltenssteuerung eingesetzt werden kann. Historisch ist sie nicht ausschließlich als Heilwissenschaft entstanden. Aus der Erforschung des menschlichen Erlebens und Verhaltens entwickelten sich unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen, die von Beratung und Therapie bis zu Personalauswahl, Werbung, Konsumforschung und digitaler Verhaltensbeeinflussung reichen.
In ihren helfenden Formen kann Psychologie einem Menschen ermöglichen, Verletzungen, Konflikte, Abhängigkeiten und soziale Einbindungen besser zu verstehen. Sie kann untersuchen, ob berufliche, familiäre und gesellschaftliche Erwartungen mit den körperlichen und psychischen Lebensbedingungen vereinbar sind.
Innerhalb bestehender ökonomischer und institutioneller Ordnungen kann psychologische Hilfe jedoch darauf beschränkt werden, den einzelnen Menschen für unveränderte Verhältnisse wieder funktionsfähig zu machen. Die gesellschaftliche Zukunft lautet dann nicht, krank machende Bedingungen zu verändern, sondern den Einzelnen widerstandsfähiger gegenüber diesen Bedingungen werden zu lassen. Selbstverwirklichung, Resilienz und Coaching können dadurch zu Reparaturverfahren des Rollenidentitätsgefängnisses werden.
Die Psychologie ist deshalb weder grundsätzlich ein Befreiungsinstrument noch ein einheitliches Manipulationssystem. Entscheidend ist ihre jeweilige institutionelle Funktion. Der Prüfoperator muss untersuchen, ob eine konkrete Praxis den Menschen über seine Abhängigkeiten aufklärt oder ob sie gesellschaftliche Widersprüche in das Individuum verlagert.
Das Bild bringt diese Ambivalenz zur Anschauung. Der Astronaut nimmt eine schützende Haltung ein, während er im Feuer sitzt. Es bleibt offen, ob seine Haltung Ausdruck eines persönlichen inneren Konfliktes, einer traumatischen Reaktion oder einer gesellschaftlich erlernten Anpassung ist. Der Positionsanker darf diese Möglichkeiten nicht voreilig auf eine einzige psychologische Erklärung reduzieren.
Belohnung, Konsum und scheinbare Wirksamkeit
In der erweiterten Bildfassung stehen Krone, Pokal, Mobiltelefon, Luxusgegenstände, Konsumprodukte und Verkaufssymbole für die Belohnungsordnung des Käfigs. Der Mensch soll sich innerhalb der bestehenden Struktur nicht nur eingesperrt, sondern auch erfolgreich und wirksam erleben.
Status, Karriere, Aufmerksamkeit, Eigentum, digitale Sichtbarkeit und Konsumentscheidungen stellen reale Unterschiede her. Sie können den Zugang zu Ressourcen, Einfluss und gesellschaftlicher Anerkennung verändern. Sie können zugleich Ersatzformen von Wirksamkeit bilden, wenn der Mensch innerhalb seiner Rolle aufsteigt, ohne die grundlegenden Macht- und Eigentumsverhältnisse verändern zu können.
Die Wörter „OBEY“, „WORK“, „CONSUME“ und „REPEAT“ verdichten diesen Kreislauf. Sie stellen den Menschen nicht ausschließlich als passives Opfer dar. Er ist zugleich Teilnehmender, Ausführender, Konsument und Mitgestalter. Seine Käufe, Tätigkeiten, Bewertungen und Unterlassungen wirken an der gesellschaftlichen Form mit. Der Mensch ist damit zugleich geformtes Kunstwerk und formender Künstler.
Diese Mitgestaltung darf jedoch nicht zu einer unterschiedslosen Gesamtverantwortung erklärt werden. Ein einzelner Konsument besitzt nicht dieselbe Entscheidungs- und Wirkungsmacht wie ein Großunternehmen, eine Regierung oder eine Institution, die Infrastrukturen, Eigentumsordnungen und Produktionsbedingungen festlegt.
Herrschaft, 1:99 und die Verteilung der Verantwortung
Die im Bild dargestellte Thronfigur und die hierarchisch angeordnete Menschenmenge verweisen auf die Konzentration gesellschaftlicher Verfügungsmacht. Das Verhältnis 1:99 ist dabei keine universell gemessene statistische Aussage, sondern ein gesellschaftskritisches Verhältnisbild. Es macht sichtbar, dass Nutzen, Eigentum, Entscheidungsmacht und Folgelasten ungleich verteilt sein können.
Das System wird nicht ausschließlich durch einen Herrscher kontrolliert. Seine Macht verteilt sich auf Eigentumsverhältnisse, Institutionen, Fachsprachen, Auswahlverfahren, Zugangsbedingungen und Zuständigkeiten. Gerade deshalb kann es fortbestehen, ohne dass eine einzelne Person seine gesamte Bewegungsrichtung festgelegt haben muss.
Der Positionsanker muss daher zwischen gemeinsamer Einbindung und unterschiedlicher Verantwortung unterscheiden. Alle Menschen leben innerhalb eines gemeinsamen Abhängigkeits- und Konsequenzzusammenhangs. Sie verfügen aber nicht über dieselbe Handlungsmacht, dasselbe Wissen und dieselben Revisionsmöglichkeiten.
Gemeinsame Abhängigkeit bedeutet nicht gleiche Schuld. Verantwortung bemisst sich nach Tätigkeit, Wissen, Wirkungsmacht, Nutzen und Korrekturmöglichkeit.
Die Zukunftsbilder des Käfigs
Die erste Bildfassung zeigt nicht nur eine gegenwärtige Gefangenschaft. Die planetarische Uhr und die zerstörte Zukunftslandschaft machen sichtbar, dass das Gefängnissystem eigene Zukunftsbilder erzeugt.
Dabei müssen Zukunftsprognose, Zukunftsversprechen und Zukunftsentwurf unterschieden werden. Eine Prognose untersucht die wahrscheinlichen Folgen bestehender Entwicklungen. Ein Versprechen behauptet, Wissenschaft, Technik, Markt, Medizin, Psychologie oder Religion würden die Probleme später lösen. Ein Zukunftsentwurf fragt dagegen, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst verändert werden müssten.
Der Positionsanker kritisiert nicht jede technische oder medizinische Zukunftsentwicklung. Technik, Medizin und Wissenschaft können tatsächliche Verbesserungen hervorbringen. Die Kritik richtet sich darauf, dass diese Verbesserungen häufig innerhalb derselben Eigentums-, Verwertungs- und Rollenordnung eingesetzt werden, aus der die untersuchten Probleme hervorgegangen sind.
Die Zukunft besteht dann nicht in der Auflösung des Käfigs, sondern in seiner Modernisierung. Der Anzug wird verbessert, das Gitter digitalisiert, die Versorgung optimiert und der Aufenthalt verlängert. Die Frage, weshalb der Mensch überhaupt in dieser Ordnung eingeschlossen bleibt, wird nicht gestellt.
Der Text zu den Zukunftsbildern unterscheidet deshalb sinnvoll zwischen Fortsetzungszukunft, Fluchtzukunft und Korrektur- und Rückkopplungszukunft. Die ersten beiden Formen verlängern das System oder verlagern die Lösung nach außen. Die dritte Form untersucht die Konstruktion selbst und versucht, ihre Bewegungsrichtung zu verändern.
Familie und private Zukunft
Das Familienbild im Vordergrund der erweiterten Fassung bezeichnet einen besonders tiefen Widerspruch. Menschen sorgen tatsächlich für ihre Kinder, ihre Angehörigen, ihre Wohnungen, ihre Bildung und ihre persönliche Sicherheit. Diese Fürsorge ist weder bloßer Schein noch moralisch abzuwerten.
Sie bleibt jedoch häufig auf einen möglichst guten Platz innerhalb des bestehenden Systems begrenzt. Die Kinder sollen ausgebildet, leistungsfähig und wirtschaftlich abgesichert werden. Gleichzeitig kann die berufliche, ökonomische und konsumierende Tätigkeit der Erwachsenen an Bedingungen mitwirken, die die langfristige Lebensgrundlage derselben Kinder beschädigen.
Private Fürsorge und gesellschaftliche Zukunft werden damit voneinander getrennt. Der Mensch sorgt für seine Kinder innerhalb des Käfigs, ohne die Zukunft des Käfigs selbst zu überprüfen.
Der Positionsanker darf daraus keine pauschale Anklage gegen Eltern und Familien machen. Er soll die getrennten Verantwortungsbereiche aufeinander beziehen. Die Frage lautet, ob Fürsorge nur die erfolgreiche Rollenübernahme der nächsten Generation vorbereitet oder auch die Bedingungen untersucht, innerhalb derer diese Rollen künftig noch bestehen können.
Bild, Position und Beweis
Das Bild ist keine wissenschaftliche Beweisführung dafür, dass die Menschheit keine Überlebenschance besitzt. Es ist ein E3-Bild- und Modellkunstwerk, das eine begründete künstlerische Diagnose verdichtet.
Es zeigt die Ausgangsposition des Künstlers: Der Mensch sitzt in einer von ihm hervorgebrachten und zugleich ihn formenden Ordnung. Die Folgen dieser Ordnung haben ihn bereits erreicht. Seine Schutz- und Freiheitsvorstellungen hindern ihn daran, die eigene Lage angemessen wahrzunehmen. Der Ausgang ist grundsätzlich denkbar, aber gesellschaftlich noch nicht tragfähig organisiert.
Die persönliche Prognose, die Menschheit habe keine Überlebenschance, bleibt Bestandteil des Positionsankers. Das Bild veranschaulicht, warum diese Prognose für den Künstler plausibel geworden ist. Es darf jedoch nicht als unabhängiger Nachweis verwendet werden, durch den die Prognose bereits bewiesen wäre.
Das Bild stellt die Diagnose dar. Der Prüfoperator untersucht, ob und wodurch sie trägt.
Übergang zum Prüfoperator
Der Prüfoperator beginnt dort, wo das Bild nicht mehr nur betrachtet, sondern befragt wird. Zunächst muss bestimmt werden, welche Aussagen das Bild enthält und welchen Status sie besitzen. Danach ist zu prüfen, welche materiellen und lebendigen Wirkungen durch die gesellschaftlichen Konstruktionen tatsächlich entstehen, welche Rollen, Eigentumsordnungen und Institutionen beteiligt sind und welche Folgen nur symbolisch behauptet oder künstlerisch überhöht werden.
Die offene Tür wird dabei selbst zum Prüfgegenstand. Existiert eine wirkliche Revisionsstelle, oder erscheint der Ausgang nur im Bild? Welche gesellschaftlichen Alternativen sind tatsächlich verfügbar? Welche Machtverhältnisse verhindern ihre Anwendung? Welche Folgen hätte das Verlassen einzelner Rollen für Versorgung, Zugehörigkeit und Schutz? Wer könnte die Konstruktion verändern, und wer trägt die Kosten einer Veränderung?
Der Prüfoperator muss zugleich die Position des Künstlers prüfen. Wenn jede beobachtete Veränderung nur als weitere Bestätigung der Aussichtslosigkeit gelesen wird, wäre die Diagnose gegen Widerlegung immunisiert. Wenn dagegen jede technische Einzelverbesserung als Beweis für die Rettungsfähigkeit des Systems gilt, würden lokale Korrekturen mit einer grundlegenden Veränderung verwechselt.
Die methodische Frage lautet deshalb nicht lediglich, ob es Hoffnung gibt. Sie lautet, welche konkreten Tätigkeiten, Rückkopplungen, Revisionsstellen und Reparaturmöglichkeiten vorhanden sind und ob sie der Geschwindigkeit und Größenordnung der Zerstörungsdynamik entsprechen.
Funktion innerhalb des So-Heits-Ateliers
Im So-Heits-Atelier sollte die reduzierte Bildfassung als konzentrierter visueller Positionsanker erscheinen. Die erweiterte Bildfassung kann als analytisches Tableau verwendet werden, an dem Besucher die gesellschaftlichen Teilmechanismen des Käfigs untersuchen.
Der Besucher wird dabei nicht automatisch zum Gefangenen erklärt. Er wird mit einer künstlerischen Diagnose konfrontiert, die seine gesellschaftliche Herkunft und Rollenbildung betrifft. Er kann prüfen, welche Bildteile er auf seine eigene Erfahrung beziehen kann, welche er zurückweist und welche Zusammenhänge im Bild fehlen.
Das Atelier stellt keine fertige Gegenideologie bereit. Es soll als Unterbrechungs-, Prüf- und Rückkopplungsraum funktionieren. Der Besucher begegnet sich darin als geformtes Menschenkunstwerk, als Mitgestalter gesellschaftlicher Wirklichkeit und als verletzlicher Bestandteil umfassender Existenzzusammenhänge.
Die Bildarbeit kann mit einem Prüfpass verbunden werden. Der Besucher hält darin fest, welche Gitterstäbe er erkennt, welche Belohnungen ihn an seine Rolle binden, welche Versorgungsschläuche tatsächlich notwendig sind, welche Folgen bereits als Feuer sichtbar werden und ob die vermeintlich offene Tür zu einer wirklichen Veränderung führt.
Verdichtete Gesamtformulierung
Der Millisekundenmensch lebt in einem von ihm selbst hervorgebrachten und über Generationen sedimentierten Gedanken- und Rollenidentitätsgefängnis. Die goldenen Gitter erscheinen ihm als Freiheit, Schutz, Eigentum, Status und gesellschaftliche Zugehörigkeit. Sein technischer Anzug vermittelt ihm Autonomie und Unverletzlichkeit, obwohl sein Organismus vollständig von materiellen, lebendigen und sozialen Versorgungssystemen abhängig bleibt. Die zerstörerischen Konsequenzen seiner Tätigkeiten haben ihn bereits erreicht, werden jedoch durch Rollenverteilung, Belohnung, psychologische Anpassung, technische Zukunftsversprechen und institutionelle Selbstlegitimation verdeckt. Die Tür ist geöffnet, aber noch kein gesellschaftlich tragfähiger Ausgang hergestellt. Der Positionsanker legt meine Diagnose offen, dass die Menschheit dieses Gefängnis wahrscheinlich nicht mehr rechtzeitig verlassen kann. Der Prüfoperator untersucht, welche Wirkungszusammenhänge diese Diagnose tragen, welche Vorgänge ihr widersprechen und ob noch wirksame Revisions-, Reparatur- und Rückkopplungsmöglichkeiten bestehen.
Damit bilden die beiden Bilder eine geeignete visuelle Hauptarbeit des Positionsankers. Die reduzierte Fassung stellt den elementaren Zustand dar. Die erweiterte Fassung erschließt die gesellschaftliche Herstellung, Stabilisierung und Zukunftsverlängerung dieses Zustandes.
