Das künstlerische Handwerkszeug ist den Wissenschaften nicht einfach „überlegen“
Komprimierter Text
Ja, aber mit einer wichtigen Korrektur: Das künstlerische Handwerkszeug ist den Wissenschaften nicht einfach „überlegen“ im Sinn einer höheren Herrschaftsdisziplin. Es ist ihnen dort überlegen, wo Wissenschaft ihre eigene logische Grammatik, ihre Begriffe, ihre Gegenstandsbildung und ihre hineingedachten Eigenschaften nicht mehr überprüft.
Der entscheidende Punkt ist: Wissenschaft erklärt Welt oft, indem sie einen Teil aus der Wirklichkeit herausnimmt, ihn zum Gegenstand macht, ihn benennt, misst, ordnet und daraus dann Aussagen über Wirklichkeit ableitet. Das kann sehr leistungsfähig sein. Aber es enthält die Gefahr, dass der herausgeschnittene Gegenstand mit Wirklichkeit selbst verwechselt wird. Dann entsteht genau jene Dingwelt, Begriffs- und Erscheinungswelt, die du kritisierst: Ein Teil wird isoliert, vergegenständlicht und anschließend als Erklärung des Ganzen benutzt.
Das künstlerische Handwerkszeug kann hier eine tiefere Erkenntnistheorie bereitstellen, weil es nicht nur mit Begriffen arbeitet, sondern mit Tätigkeit, Material, Körper, Widerstand, Scheitern, Loslassen, Darstellung, Bühne, Rolle, Bild, Plastik, Raum, Zeit, Situation und Rückkopplung. Kunst weiß aus ihrem eigenen Vollzug, dass eine Vorstellung noch nicht Wirklichkeit ist. Ein Modell muss ins Material. Eine Idee muss durch Tätigkeit. Eine Erscheinung muss sich am Widerstand prüfen. Ein Bild ist nicht automatisch Wahrheit. Eine Rolle ist nicht die Person. Ein Gegenstand ist nicht der ganze Zusammenhang.
Damit besitzt Kunst eine Fähigkeit, die vielen Wissenschaften fehlt: Sie kann die eigene Erscheinungsbildung sichtbar machen. Sie zeigt, dass jedes Erkennen ein Machen, Formen, Auswählen, Rahmensetzen und Übersetzen ist. Wissenschaft tut häufig so, als würde sie neutral abbilden. Kunst weiß, dass Abbildung bereits Eingriff ist. Wissenschaft bildet Gegenstände; Kunst kann zeigen, wie Gegenstände überhaupt entstehen. Wissenschaft arbeitet mit Methoden; Kunst kann die Methode selbst zum Gegenstand der Prüfung machen.
Deshalb wird das künstlerische Handwerkszeug in deiner Plastischen Anthropologie nicht zur Dekoration der Wissenschaft, sondern zur Prüfarchitektur der Erkenntnis. Es fragt nicht nur: Was ist wahr? Sondern: Wie ist diese Wahrheit hergestellt? Welche Erscheinung wurde erzeugt? Welche Eigenschaften wurden hineingedacht? Welcher Teil der Wirklichkeit wurde herausgeschnitten? Welche Abhängigkeiten wurden verdeckt? Welche Tätigkeitskonsequenzen fehlen? Welche Machtordnung stabilisiert diese Deutung?
Hier liegt die eigentliche Überlegenheit der Kunst: Sie kann zwischen gebundener und freigesetzter Erscheinung unterscheiden. Gebundene Erscheinung bleibt an Material, Körper, Milieu, Tätigkeit, Folge, Maß und Gemeinsinn angeschlossen. Freigesetzte Erscheinung dagegen löst sich ab und wird zur Zauberwelt: Geist erscheint als Substanz, Subjekt als autonomes Wesen, Eigentum als Naturrecht, Aktie als Handlung, Geld als Wert, Status als Leistung, Wissenschaft als Neutralität.
Wissenschaft versagt dort, wo sie diese freigesetzten Erscheinungen nicht erkennt, sondern selbst mit ihnen arbeitet. Dann untersucht sie vielleicht das Gehirn, spricht aber von Geist, Gedanken, Bewusstsein oder Information, als seien das schon reale Eigenschaften. Sie untersucht Körper, benutzt aber Subjekt/Objekt-Schemata. Sie untersucht Gesellschaft, übernimmt aber Eigentum, Leistung, Markt oder Status als scheinbar gegebene Tatsachen. Sie untersucht Wirklichkeit, aber ihre eigene Grammatik bleibt ungeprüft.
Das künstlerische Handwerkszeug beginnt dagegen mit Zweifel. Es akzeptiert Nichtwissen. Es weiß, dass jede Form auch Täuschung sein kann. Es arbeitet mit der Lücke zwischen Vorstellung und Ausführung, zwischen Bühne und Körper, zwischen Darstellung und Darsteller, zwischen Ding und Zusammenhang, zwischen Erscheinung und Tragwirklichkeit. Genau deshalb kann es die Erkenntnistheorie liefern, nach der der Mensch sucht: nicht als endgültige Weltformel, sondern als prüfende Methode.
Diese Methode lautet: Wirklichkeit wird nicht durch Begriff allein erkannt, sondern durch Rückbindung von Erscheinung an Tätigkeit, Widerstand, Abhängigkeit und Folge. Ein Begriff muss durch die Verletzungswelt hindurch. Eine Annahme muss am Material geprüft werden. Eine Theorie muss ihre eigenen Voraussetzungen offenlegen. Ein Modell muss zeigen, was es ausblendet. Eine Wissenschaft muss ihre Gegenstandsbildung prüfen. Eine Gesellschaft muss ihre gesetzten Eigenschaften von realen Eigenschaften unterscheiden.
In diesem Sinn ist Kunst nicht gegen Wissenschaft gerichtet. Sie ist die notwendige Reparatur der Wissenschaft. Sie verhindert, dass Wissenschaft zur Ding-, Macht- und Herrschaftskonstruktion wird. Sie zwingt Wissenschaft zurück in Tragwirklichkeit.
Der komprimierte Kernsatz lautet:
Das künstlerische Handwerkszeug ist nicht deshalb allen Wissenschaften überlegen, weil es mehr weiß, sondern weil es seine eigene Ungewissheit, seine eigene Erscheinungsbildung und seine eigene Herstellungsweise mitprüft. Es kann die eigentliche Erkenntnistheorie bereitstellen, weil es Begriff, Ding, Bild, Rolle, Gesetz, Wert und Wissenschaft selbst als gemachte Erscheinungen erkennt und sie an Tätigkeit, Material, Körper, Widerstand, Folge und Gemeinsinn zurückbindet.
