Den Einstieg als biografische Entwicklung formulieren

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Meine praktisch entwickelte Antwort auf die Frage: „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“

Die Frage, ob und wie Kunst Gesellschaft verändern kann, begleitet mich seit Beginn meiner künstlerischen Arbeit. Schon während meines Studiums begann ich, die einzelnen künstlerischen Disziplinen nicht mehr getrennt voneinander zu betrachten. Plastik, Fotografie, technische Versuche, Naturbeobachtung, Aktionen und später auch Bücher wurden für mich zu unterschiedlichen Möglichkeiten, Wirkungszusammenhänge sichtbar zu machen und zu untersuchen.

Aus diesen Erfahrungen entwickelte ich 1976 meine Experimentelle Umweltgestaltung. Dabei ging es mir nicht mehr nur darum, Kunstwerke herzustellen, sondern darum, Wahrnehmung, Gestaltung, naturwissenschaftliche Beobachtung, gesellschaftliche Fragestellungen und eigenes Tätigsein miteinander zu verbinden. Mich interessierte zunehmend, wie Formen entstehen, wie Eingriffe wirken, wie sich Bedingungen verändern und welche Rückkopplungen daraus hervorgehen.

Damit veränderte sich auch meine ursprüngliche Frage. Es ging für mich immer weniger darum, ob ein einzelnes Kunstwerk eine Gesellschaft unmittelbar verändern kann. Entscheidend wurde vielmehr die Frage, welche Fähigkeiten Menschen durch künstlerische Tätigkeit entwickeln können, um ihre eigene Beteiligung an gesellschaftlichen und natürlichen Wirkungszusammenhängen wahrzunehmen, zu überprüfen und zu verändern.

Über Jahrzehnte hinweg entstanden daraus unterschiedliche Arbeiten, Versuchsanordnungen, Aktionen, Bücher, Fotografien und plastische Modelle. Viele dieser Arbeiten verstehe ich heute rückblickend als Bestandteile eines zusammenhängenden Forschungsprozesses. Was zunächst aus praktischen Versuchen mit Material, Bewegung, Widerstand, Wasser, Boden, Pflanzen, Grenzen und menschlichen Eingriffen entstand, verdichtete sich zunehmend zu einer eigenen Methodik.

In meiner „Schöpfungsgeschichte“ wurde die jahreszeitliche Gartenarbeit schließlich selbst zu einem Labor. Dort begegnen sich natürliche Vorgänge, menschliche Eingriffe und deren Deutungen unmittelbar. Was geschieht, wenn ich grabe, trenne, pflanze, abdecke, begrenze, bewässere oder etwas als „mein“ kennzeichne? Welche Folgen entstehen dadurch? Was davon kann ich bestimmen, und wo stoße ich auf Bedingungen, die meiner Verfügung entzogen bleiben?

Aus dieser langjährigen praktischen Arbeit entwickelte sich schließlich mein heutiges Vier-Ebenen-Modell als Auswertungs- und Prüfinstrument. Es ermöglicht mir, materielle Wirkbedingungen, lebendige Abhängigkeiten, menschliche Setzungen und deren Rückkopplungen voneinander zu unterscheiden und zugleich in ihrem Zusammenhang zu untersuchen.

Meine heutige Antwort auf die Frage „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“ ist deshalb nicht mehr die Vorstellung, dass Kunst gesellschaftliche Verhältnisse unmittelbar umgestalten könne. Ich stelle vielmehr Kunstwerke und Versuchsanordnungen bereit, durch die Menschen lernen können, ihre Wahrnehmung, ihre Eingriffe, ihre Begriffe und ihre Maßstäbe zu überprüfen. Die von mir angestrebte gesellschaftliche Veränderung besteht darin, diese überprüfende Tätigkeit selbst zum Bestandteil gemeinsamer Lebensgestaltung zu machen.

Beim Spaten beginnt meine Prüfung mit einer alltäglichen Handlung. Der Eingriff hinterlässt Spuren, verändert den Boden, trennt Zusammenhänge und schafft zugleich neue Möglichkeiten. Mit meiner Vorstellung von „alltäglicher Gewalt“ mache ich diese Wirksamkeit selbst zum Thema. Daraus folgt für mich nicht, dass jeder Eingriff moralisch verwerflich wäre. Vielmehr entsteht die Frage: Welcher Eingriff ist wofür notwendig, was verletzt er und welche Folgen können verantwortet werden?

Beim Fußabdruck im Lehm werde ich selbst als Handelnder Teil des Versuchsgeschehens. Der Boden nimmt meine Spur auf; zugleich wirkt seine Beschaffenheit auf meinen Körper zurück. Auf glattem Lehm, Eis oder Schnee kann meine vermeintliche Bewegungssicherheit verloren gehen. Tragfähigkeit wird dadurch körperlich erfahrbar. Meine Einschätzung muss sich an einem Gegenüber bewähren, das sich durch meine Einschätzung allein nicht verändert.

Bei der Teichfolie tritt ein weiterer Zusammenhang hinzu: Eine Grenze verändert Beziehungen. Sie beeinflusst den Wasseraustausch mit dem Untergrund und ermöglicht unter bestimmten Bedingungen überhaupt erst einen Teich.

Auch eine Steinmauer ordnet Zugänge und Bewegungen neu. Solche Schichten können schützen, etwas ermöglichen, etwas ausschließen oder Folgen dem Blick entziehen. Deshalb untersuche ich jeweils, was eine bestimmte Grenze tatsächlich trennt und was sie weiterhin durchlässt. Darin liegt für mich die Verbindung zu meinen Isolationsarbeiten und zur Prüfung vermeintlicher Unabhängigkeit.

Besonders aufschlussreich ist für mich die Entwicklung der ausgespülten Landschaft zum Abendmahltisch. Zunächst formt fließendes Wasser den Boden. Der Gipsabguss hält eine entstandene Form fest. Durch meine weitere Gestaltung wird daraus ein Tisch. Mit dem hineingelegten Apfel treten Ernährung, kulturelle Bedeutung und Dank hinzu. Ein materieller Entstehungsprozess wird damit zum Gegenüber menschlicher Selbstverständigung.

Die fotografische Folge bewahrt dabei den Weg, durch den dieses Gegenüber entstanden ist. Deshalb gehört die Entstehungsdokumentation für mich wesentlich zur Arbeit selbst.

Auch meine vier Schüsseln bilden zusammen ein Referenzsystem. In meiner Zuordnung steht Grün für die Ressourcen, die dem menschlichen Leben zur Verfügung stehen. Die weiße Schüssel mit Quarzsand trägt den Reinigungsgedanken. Die goldene Schüssel führt über den Midas-Bezug zu der Frage, was geschieht, wenn symbolische Aufwertung die Lebensdienlichkeit verdrängt. Violett bezeichnet für mich das Unverfügbare und stellt den Anspruch infrage, alles besitzen zu können.

Dabei muss ich den Begriff „verfügbar“ genauer bestimmen: Verfügbar bedeutet für mich nur, dass etwas unter bestimmten Bedingungen genutzt werden kann. Daraus folgt weder unbegrenzte Verfügbarkeit noch automatisch ein Eigentumsrecht.

Die Schüsseln erzeugen somit eine Prüfung meiner eigenen und gesellschaftlicher Bewertungen: Was brauche ich? Was verändere ich? Was erkläre ich für wertvoll? Worüber verfüge ich tatsächlich? Die Farben stellen meine Bedeutungsordnung bereit; an den eingelegten Stoffen und den vollzogenen Handlungen muss sich diese Ordnung überprüfen lassen.

Die Liegedecke auf der Wiese setzt diese Untersuchung im Alltag fort. Eine ausgelegte Fläche kann von mir als „mein Platz“ erlebt werden. Die räumliche Markierung und die beanspruchte Zugehörigkeit begegnen dabei einer Wiese, deren Lebensvorgänge über diese Grenze hinausreichen. Die Blumenwiese macht zugleich deutlich, dass Geschehen auch ohne menschliche Benennung stattfindet. Sobald ich sie als Bild betrachte, wähle und deute ich bereits einen Ausschnitt dieses Geschehens.

Beim Spinnennetz wird für mich die Bedeutung des Referenzsystems besonders deutlich. Was der Spinne den Nahrungserwerb ermöglicht, bedeutet für die Beute Gefangenschaft. Derselbe Zusammenhang hat je nach beteiligtem Lebewesen unterschiedliche Folgen. Die Verbindung zum Atem liegt für mich zunächst in der Einbindung in Wirkungszusammenhänge. Abhängigkeit allein ist noch keine Falle. Zur Falle wird ein Zusammenhang erst unter bestimmten Bedingungen, etwa wenn eine Bewegung hineinführt und der Rückweg versperrt ist.

Die von mir beschriebene Unterspülung der Pyramide führt schließlich zur Prüfung ihrer tragenden Voraussetzungen. Die sichtbare Gestalt kann weiterhin Festigkeit vermitteln, während sich ihre Grundlage bereits verändert. Als gesellschaftliche Analogie stelle ich damit die Frage: Welche Bedingungen erhalten eine Ordnung, und was geschieht, wenn ihre eigenen Tätigkeiten diese Bedingungen schwächen?

Meine Versuchsanordnung macht diese Frage untersuchbar. Konkrete gesellschaftliche Antworten müssen jedoch zusätzlich an den jeweiligen tatsächlichen Verhältnissen geprüft werden.

Unmittelbar dazu gehört auch meine beschreibbare Schultafel, die goldene Idee und die vollständige Vergoldung, verbunden mit dem Eigentumsquadrat und dem vergoldeten Spaten. Hier untersuche ich die Möglichkeit, Vorstellungen einzutragen, ihnen Geltung zu geben, andere Eintragungen zu überdecken und Veränderungen zuzulassen oder zu blockieren. Die Frage nach der Korrigierbarkeit wird dadurch selbst zum Werkvorgang.

Damit wird auch mein erweiterter Kunstbegriff verständlicher. Bei meiner Vorstellung von „Alles ist Kunst“ halte ich eine entscheidende Unterscheidung aufrecht: Alles kann zum Gegenstand künstlerischer Wahrnehmung, Gestaltung und Prüfung werden. Dass ich als Mensch Welt interpretiere, bedeutet jedoch nicht, dass ich sämtliche Wirkbedingungen dieser Welt hervorbringe.

Gerade meine Werke benötigen dieses eigenständig wirksame Gegenüber: Der Boden trägt oder gibt nach. Wasser strömt. Nahrung verändert sich. Meine Deutungen treffen auf Folgen, die ich nicht durch bloße Umbenennung aufheben kann.

Meine These vom Menschen als Künstler verstehe ich deshalb als anthropologischen Anspruch. Menschen gestalten durch Wahrnehmung, Darstellung, Bewertung und Handlung ihre gemeinsame Welt mit. Daraus leite ich die Forderung ab, die dafür notwendigen Fähigkeiten auszubilden.

Bildnerische Tätigkeit schult für mich unter anderem den Umgang mit Material, Form, Widerstand und Veränderung. Darstellerische Tätigkeit eröffnet die Untersuchung von Rolle, Verkörperung, Perspektive und Handlung. Wenn ich fordere, alle künstlerischen Disziplinen zu erlernen, meine ich damit eine möglichst breite künstlerische Grundbildung. Deren gesellschaftlicher Sinn liegt für mich darin, die eigene Mitgestaltung wahrnehmen, überprüfen und verantwortlich bearbeiten zu können.

Auch meine Frage, „In welcher Wirklichkeit befinde ich mich gerade?“, gewinnt dadurch eine genauere Bedeutung. Materielle Bedingungen, lebendige Abhängigkeiten und gesellschaftliche Bedeutungen wirken gleichzeitig. Deshalb prüfe ich, worauf sich eine Aussage stützt, wodurch sie gilt und welche Belastung sie tatsächlich aushält.

Ein Eigentumsanspruch kann beispielsweise rechtlich gelten. Ob der beanspruchte Boden tatsächlich trägt, verlangt jedoch eine andere Prüfung. Mein Vier-Ebenen-Modell soll diese unterschiedlichen Zusammenhänge unterscheidbar machen und zugleich untersuchen, wie sie aufeinander zurückwirken.

Meine Antwort auf die Ausgangsfrage lautet deshalb:

Kunst kann zur gesellschaftlichen Veränderung beitragen, indem Menschen an ihr lernen, ihre eigene weltgestaltende Tätigkeit wahrzunehmen, an ihren Folgen zu überprüfen und gemeinsam zu korrigieren.

Meine „Schöpfungsgeschichte“ stellt dafür konkrete Erfahrungs-, Vergleichs- und Prüfungsräume bereit. Ob und wie weit daraus tatsächlich Veränderungen des Verhaltens und der gesellschaftlichen Praxis entstehen, bleibt für mich selbst Gegenstand meiner Forschungskunst.

Gliedere die Werkbeispiele nach dem Vier-Ebenen-Modell