Der Mensch als Künstler, Kunstwerk und Gestalter der Menschenwelt
Sie haben recht. Das war kein nebensächliches Auslassen, sondern ein grundlegender Strukturfehler. Ich habe bei der Neuordnung einzelne Themenbereiche sauber voneinander trennen wollen und dabei ausgerechnet den Zusammenhang entfernt, der alle Bereiche überhaupt erst zu einem Lebenswerk verbindet.
Der rote Faden lautet nicht lediglich: Der Mensch zerstört seine Existenzbedingungen. Er lautet umfassender:
Inhaltsverzeichnis
Der Mensch als Künstler, Kunstwerk und Gestalter der Menschenwelt
Der Mensch ist selbst ein lebendiges, verletzliches und fortwährend plastisch werdendes Kunstwerk. Er gestaltet sich nicht allein. Er wird durch Körper, Stoffwechsel, Herkunft, Mitmenschen, Naturbedingungen, Sprache, Erziehung, Technik und gesellschaftliche Ordnungen geformt. Zugleich ist er Künstler, weil er Gegenstände, Bilder, Begriffe, Rollen, Eigentumsordnungen, Institutionen, Technologien und gesellschaftliche Wirklichkeiten hervorbringt. Die gesamte Menschenwelt ist deshalb ein fortgesetztes gemeinsames Menschenkunstwerk.
Dieses Kunstwerk ist jedoch nicht automatisch gelungen. Es muss daran geprüft werden, ob seine Formen tragen, ob sie Leben ermöglichen, ob sie verletzen, ob sie ihre Voraussetzungen zerstören und ob sie korrigiert oder repariert werden können. Der Mensch ist Künstler und Kunstwerk zugleich: Er gestaltet und wird gestaltet, er wirkt und wird durch seine Wirkungen selbst verändert. Aus dieser Doppelstellung entsteht Verantwortung.
Die vorausliegende Welt ist kein menschliches Kunstwerk
Der zweite notwendige Teil des roten Fadens ist die Grenze des menschlichen Kunstbegriffs. Erde, Atmosphäre, Wasser, Stoffkreisläufe, Leben und kosmische Bedingungen waren bereits vorhanden, bevor der Mensch sie wahrnahm, bezeichnete oder bearbeitete. Sie sind keine menschlichen Kunstwerke.
Der Mensch kann sie darstellen, interpretieren und verändern. Er kann aber ihre Voraussetzungen nicht durch seine Begriffe, Preise, Eigentumsansprüche und Rollen ersetzen. Die vorausliegende Welt bildet die Tragwirklichkeit, innerhalb derer der Mensch überhaupt Künstler und Kunstwerk sein kann.
Damit entsteht die entscheidende Gegenüberstellung: Der Mensch bringt eine Menschenwelt als Kunstwerk hervor, aber er tut dies innerhalb einer Welt, die nicht sein Kunstwerk ist und deren tragende Bedingungen er nicht erfunden hat.
Joseph Beuys und das Ernstnehmen der Sozialen Plastik
Auch die Begegnung mit Joseph Beuys ist kein biografischer Nebensatz. Sie ist ein entscheidender Werkanker.
Joseph Beuys’ Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ verweist auf das menschliche Formungsvermögen. Als Beuys 1980 zu mir sagte, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst, berührte er damit den Kern meiner weiteren Arbeit.
Gerade dieses Zu-ernst-Nehmen führte zu meiner entscheidenden Weiterführung: Wenn jeder Mensch an der Gestaltung gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligt ist, dann müssen auch sämtliche Tätigkeiten, Rollen, Institutionen, Erfindungen und Folgen als Bestandteile der Sozialen Plastik geprüft werden. Soziale Plastik darf nicht nur eine kunsttheoretische, politische oder poetische Behauptung bleiben. Sie muss an den wirklichen gesellschaftlichen Formungsprozessen und ihren Tätigkeitskonsequenzen überprüft werden.
Der Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ ist deshalb keine pauschale Auszeichnung. Nicht jede menschliche Hervorbringung ist bereits gelungene Kunst. Zur Kunst gehören Wahrnehmung, Zweifel, Maß, Können, Vergleich, Prüfung, Korrektur, Verantwortung und das richtige Loslassen.
Der eigentliche Beweisgang der Anlagen
Der Zusammenhang der Anlagen muss deshalb von Anfang an folgendermaßen aufgebaut werden:
Zuerst steht die vorausliegende Welt, die kein menschliches Kunstwerk ist. Innerhalb dieser Tragwirklichkeit entsteht der Mensch als lebendiges und plastisch werdendes Kunstwerk.
Dann erscheint der Mensch als Künstler. Er gestaltet durch Wahrnehmung, Benennung, Technik, Handwerk, Rollen, Institutionen und Tätigkeiten eine Menschenwelt.
Diese Menschenwelt bildet eine Soziale Plastik und ein gemeinsames Menschenkunstwerk. Da dieses Werk reale Folgen erzeugt, muss es auf seine Voraussetzungen, Wirkungen, Verletzungen und seine Tragfähigkeit hin geprüft werden.
An diesem Punkt wird die Begegnung mit Beuys zum Ausgangspunkt der Weiterführung. Das Ernstnehmen der Sozialen Plastik führt zur Forschungskunst als öffentlicher Prüfung menschlicher Gestaltung.
Die 24-Stunden-Uhr zeigt anschließend das Maßverhältnis: Der Millisekunden-Mensch gestaltet innerhalb einer planetarischen Entwicklung, die ihm fast vierundzwanzig Stunden vorausliegt. Seine Menschenwelt darf deshalb nicht zum Ersatz der Tragwirklichkeit werden.
Die Plastische Anthropologie 51:49 beschreibt den Menschen als ein gestaltendes und gestaltetes Beziehungswesen. Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet die physikalische Welt, die organismische Lebenswelt, die menschliche Geltungswelt und die öffentliche Gegenprüfung.
Die einzelnen Werke belegen diesen Zusammenhang. Sie sind nicht nur Beispiele für Wasser, Malbücher, Toleranz, Rollen oder Beteiligung. Sie zeigen jeweils, wie der Mensch als Künstler eine Vorstellung hervorbringt, wie er selbst durch seine Tätigkeit geformt wird und wie das entstandene Menschenwerk durch Material, Körper, andere Menschen und Konsequenzen geprüft wird.
Die documenta-Bewerbungen sind Entwicklungsstufen dieses Menschenkunstwerkes. Das So-Heits-Atelier macht den Zusammenhang begehbar. Die Besucher sollen dort erfahren, dass sie nicht nur Betrachter sind, sondern selbst Künstler, Kunstwerke und Mitgestalter der Menschenwelt.
Die Globale Schwarm-Intelligenz setzt diese Soziale Plastik digital fort. Sie verbindet die Beiträge nicht zu einer Mehrheitsmeinung, sondern zu einem gemeinsamen, korrigierbaren und verantwortlichen Prüfprozess.
Korrigierte Gesamtgliederung der neunzehn Anlagen
Anlage 1 – Künstlerische Selbstverortung, Biografie und Lebenswerk als Forschungskunst
Anlage 2 – Die vorausliegende Welt, die kein menschliches Kunstwerk ist
Anlage 3 – Der Mensch als lebendiges, verletzliches und plastisch werdendes Kunstwerk
Anlage 4 – Der Mensch als Künstler und Gestalter der Menschenwelt
Anlage 5 – Joseph Beuys, meine Begegnung von 1980 und das Ernstnehmen der Sozialen Plastik
Anlage 6 – Die Menschenwelt als gemeinsames, unabgeschlossenes und gefährdetes Kunstwerk
Anlage 7 – Warum der Künstler für die Tätigkeitskonsequenzen seines Menschenwerkes verantwortlich ist
Anlage 8 – Experimentelle Umweltgestaltung seit 1975 als Ursprung meiner Forschungskunst
Anlage 9 – Forschungskunst als öffentliche Überzeugungs-, Werk- und Konsequenzprüfung
Anlage 10 – Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde, die habitable Zone und der Millisekunden-Mensch
Anlage 11 – Plastische Anthropologie 51:49, Kopplungs-Ich, Geltungs-Ich und Skulpturidentität
Anlage 12 – Das Vier-Ebenen-Modell zur Prüfung menschlicher Weltgestaltung
Anlage 13 – Handwerk, Wasserlabor, Toleranzraum und Schlüsselwerke als Beweisführungen
Anlage 14 – Malbücher, Roter Punkt, Rollentheater und die Entwicklung des Rezipienten zum Forschungskünstler
Anlage 15 – Kollektive Kreativität, Globales Dorffest, Soziale Plastik und planetarische Öffentlichkeit
Anlage 16 – Entelechie-Museum, Partizipatorisches Welttheater und archetypische Hochzeit
Anlage 17 – Die acht documenta-Bewerbungen von 1977 bis 2017 als Entwicklung eines Opus-Magnum-Werkes
Anlage 18 – Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes als begehbare Menschen-, Werk- und Selbstprüfung
Anlage 19 – Globale Schwarm-Intelligenz, digitale Weiterführung, Raumenvironment und Realisierung
Die entscheidende Korrektur
Die Anlage zu Beuys und zur Sozialen Plastik darf nicht nur irgendwo innerhalb der Biografie auftauchen. Sie muss als fünfte Anlage unmittelbar nach der Bestimmung des Menschen als Künstler und Kunstwerk stehen. Von dort aus muss der Gedanke durch sämtliche weiteren Anlagen weitergeführt werden.
Wasserlabor, Malbücher, gesellschaftliche Tische, documenta-Bewerbungen, Partizipatorisches Welttheater, So-Heits-Atelier und Plattform sind dann nicht mehr nebeneinandergestellte Arbeitsgebiete. Sie werden zu aufeinanderfolgenden Beweisführungen derselben Grundfrage:
Wie kann der Mensch begreifen, dass er selbst ein plastisch werdendes Kunstwerk, zugleich Künstler seiner Menschenwelt und deshalb verantwortlich für die Voraussetzungen und Folgen seiner gesamten Gestaltungstätigkeit ist?
Genau dieser Zusammenhang hätte bei jeder Neuordnung unverändert erhalten bleiben müssen.
