Der Mensch als erfassende Fehlform der Evolution.

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Ich fasse den Kern jetzt nicht als Biologiefrage allein, sondern als Werkfrage: Was unterscheidet menschliche Erfassung, Sprache, Wissenschaft und Technik von pflanzlicher oder tierischer Anpassung, und wo kippt diese Fähigkeit in Selbstzerstörung?

Komprimierte Kontextuarealisierung: Der Mensch als erfassende Fehlform der Evolution

Der Unterschied zu Tier- und Pflanzenwelt

Der eigentliche Unterschied liegt nicht einfach darin, dass der Mensch „klüger“ ist als Tiere oder Pflanzen. Entscheidend ist, dass der Mensch seine Anpassungsfähigkeit in eine Erfassungs-, Benennungs-, Ordnungs- und Beherrschungsfähigkeit überführt hat. Tiere und Pflanzen stehen in unmittelbarer Rückkopplung mit ihren Lebensbedingungen. Sie verändern ebenfalls ihre Umgebung; das wird in der Evolutionsforschung als Nischenkonstruktion beschrieben, also als Veränderung von Umweltbedingungen durch Organismen selbst. Beim Menschen erhält diese Nischenkonstruktion jedoch eine besondere Stärke, weil sie durch Lernen, Kultur, Symbolbildung, Technik und Weitergabe über Generationen verstärkt wird.

Darin liegt die Sonderstellung und zugleich die Gefahr. Pflanzen und Tiere wirken, passen sich an, bauen Nester, Netze, Bauten, Reviere, Symbiosen oder ökologische Beziehungen aus. Aber sie entwickeln keine umfassende Grammatik, die so tut, als könne sie die gesamte Welt als „Dingwelt“ erfassen, benennen, ordnen, besitzen und verfügbar machen. Der Mensch dagegen bildet Begriffe, Kategorien, Wissenschaften, Weltbilder, Eigentumsformen, Götterwelten, Gesetze, Maschinen, Datenordnungen und kosmische Modelle. Er will nicht nur überleben. Er will verstehen, besitzen, erklären, herstellen, beherrschen und schließlich alles in ein System bringen.

Die Erfassungswut als zivilisationsgeschichtliche Steigerung

Diese Erfassungswut ist zivilisationsgeschichtlich immer weiter ausgebaut worden. Aus Spurlesen wird Sprache. Aus Sprache wird Grammatik. Aus Grammatik wird Logik. Aus Logik wird Wissenschaft. Aus Wissenschaft wird Technik. Aus Technik wird planetarischer Eingriff. Aus planetarischem Eingriff wird die Möglichkeit, die eigenen Lebensbedingungen zu zerstören.

In dieser Linie liegt auch der Versuch, das „Ding an sich“ zu denken, die Weltformel zu finden, Mikro- und Makrowelt zu vereinigen, den Kosmos mathematisch zu erfassen oder die letzten Gesetze der Wirklichkeit zu bestimmen. Das ist nicht einfach falsch. Es zeigt die ungeheure Erkenntniskraft des Menschen. Aber es wird skulptural gefährlich, wenn diese Erkenntniskraft nicht mehr an Tragwirklichkeit zurückgebunden bleibt. Dann wird aus Forschung Allmachtsphantasie. Aus Wissen wird Zugriff. Aus Zugriff wird Verfügung. Aus Verfügung wird Zerstörung.

Ist das genetisch angelegt?

Man sollte hier vorsichtig formulieren. Es ist wahrscheinlich nicht ein einzelnes genetisches Programm, das sagt: Der Mensch muss alles erfassen. Treffender ist: Der Mensch besitzt biologische Voraussetzungen, die diese Entwicklung ermöglichen. Dazu gehören Sprache, Symbolfähigkeit, soziale Lernfähigkeit, Gedächtnis, Werkzeuggebrauch, Vorstellungskraft, Vorausplanung, Nachahmung, Erzählung und kulturelle Weitergabe. In der Forschung wird dies oft als Zusammenspiel von biologischer Evolution und kultureller Evolution beschrieben; Gene und Kultur können sich gegenseitig beeinflussen und verstärken.

Das heißt: Die Anlage liegt nicht als fertiger Größenwahn im Gen. Aber die Möglichkeit zur Steigerung liegt in der Verbindung von Gehirn, Sprache, Hand, Werkzeug, Gruppe, Technik, Erinnerung und Weitergabe. Was bei Tieren und Pflanzen stärker in unmittelbaren Rückkopplungen bleibt, kann beim Menschen symbolisch entkoppelt, gespeichert, gesteigert und über Generationen akkumuliert werden. Dadurch entsteht eine explosionsartige Richtung: nicht nur Anpassung an Welt, sondern Umbau der Welt nach menschlichen Begriffen.

Die gefährliche Verschiebung: vom Teil des Plexus zum Herrschaftsblick

Der Mensch ist weiterhin Teil der Strömungslandschaft, des Stoffwechsels, der Verwesung, der Nahrungsnetze, der Energieflüsse, der Atmosphäre, der Böden, der Gewässer und der Verletzbarkeit. Aber er beschreibt sich zunehmend so, als stehe er außerhalb davon. Genau hier entsteht die Fehlkonstruktion: Der Mensch wird zum Beobachter einer Welt, die er zugleich als Objekt behandelt. Er macht aus Wirklichkeit eine Dingwelt.

Diese Dingwelt ist eine grammatische, begriffliche und technische Konstruktion. Sie hilft, Dinge zu unterscheiden und zu bearbeiten. Aber sie tut so, als bestünde Wirklichkeit aus abgrenzbaren Objekten. Damit wird der Plexus zerschnitten: Natur wird Umwelt, Lebewesen werden Ressourcen, Körper werden Arbeitskraft, Erde wird Eigentum, Wasser wird Infrastruktur, Nahrung wird Ware, Wissen wird Macht, und der Mensch wird zum scheinbar souveränen Subjekt.

Der titanische Zug zur Weltformel

Der Wunsch nach einer Weltformel ist in diesem Zusammenhang besonders aufschlussreich. Er ist der Versuch, die unüberschaubare Wirklichkeit auf eine höchste Ordnung, ein Gesetz, eine Formel, einen Ursprung oder ein Betriebssystem zurückzuführen. Dieser Wunsch kann Erkenntnis befördern. Er kann aber auch zur äußersten Form der skulpturalen Selbstüberschätzung werden, wenn der Mensch glaubt, die Welt sei erst dann verstanden, wenn sie vollständig erfasst, berechnet und verfügbar gemacht ist.

In deinem System wäre die Kritik nicht: Der Mensch soll nicht forschen. Die Kritik lautet: Forschung wird gefährlich, wenn sie vergisst, dass sie selbst Tätigkeit innerhalb von Tragwirklichkeit ist. Auch kosmische Wissenschaft, Atomphysik, Teilchenphysik, KI-Forschung oder Weltformelsuche bleiben an Körper, Energie, Material, Institution, Geld, Macht, Technik, Risiko und Folgen gebunden. Kein Wissen steht außerhalb der Wirklichkeit, die es untersucht.

Atomwaffen als äußerster Beweis der Fehlkonstruktion

Die Atombombe, die Neutronenbombe und andere Vernichtungstechnologien sind deshalb nicht nur technische Erfindungen. Sie sind der äußerste Beweis dafür, dass menschliche Erkenntniskraft ohne tragwirkliche Rückbindung selbstzerstörerisch werden kann. Hier zeigt sich der Millisekundenmensch in seiner gefährlichsten Form: Ein Wesen, das in extrem kurzer Zeit Kräfte erschließt, deren Folgen seine moralische, politische, soziale und ökologische Rückkopplungsfähigkeit übersteigen. Internationale humanitäre Organisationen beschreiben Atomwaffen aufgrund ihrer Auswirkungen auf Menschen, Umwelt, Klima, Nahrungsproduktion und künftige Generationen als existentielle Bedrohung.

Das Entscheidende ist: Keine Pflanze, kein Tier, kein Hai, kein Spinnennetz und keine natürliche Population baut eine Vorrichtung, mit der sie den gesamten eigenen Lebensraum in dieser Größenordnung absichtlich oder fahrlässig unbewohnbar machen könnte. Der Mensch kann das, weil seine Symbol-, Technik- und Machtfähigkeit von unmittelbarer biologischer Rückkopplung entkoppelt wurde.

Vergleichsformen in Pflanzen- und Tierwelt

Es gibt Vergleichsformen, aber keine identische Entsprechung. Tiere und Pflanzen verändern ihre Umgebung. Biber bauen Dämme, Ameisen und Termiten schaffen komplexe Bauten, Spinnen bauen Netze, Pflanzen verändern Böden und Mikroklimata, und viele Organismen konstruieren aktiv ihre Lebensnischen. Genau deshalb ist der Mensch nicht der einzige Wirklichkeitsveränderer. Nischenkonstruktion ist ein allgemeines biologisches Prinzip.

Der Unterschied liegt in der kumulativen, symbolischen und technischen Entgrenzung. Der Mensch kann seine Eingriffe speichern, institutionalisieren, industrialisieren, globalisieren und ideologisch rechtfertigen. Ein Spinnennetz bleibt im Maß des Stoffwechsels der Spinne. Eine menschliche Technik kann sich von Körpermaß, Ortsmaß, Generationenmaß und Verantwortungsmaß lösen. Dadurch entsteht die titanische Dimension.

Der neue gemeinsame Nenner für den Werkanker

Der gemeinsame Nenner lautet: Der Mensch ist eine Lebensform, die aus der Anpassung heraus eine Erfassungs- und Verfügungsmacht entwickelt hat. Diese Macht ist nicht an sich falsch. Sie wird falsch, wenn sie sich selbst für Wahrheit hält und ihre Rückbindung an Natur, Stoffwechsel, Grenze, Tod, Verwesung, Abhängigkeit und Gemeinsinn verliert.

Die Pflanzen- und Tierwelt bleibt stärker an unmittelbare Rückkopplungen gebunden. Der Mensch kann Rückkopplung verschieben. Er kann sie durch Geld, Technik, Wissenschaft, Staat, Religion, Ideologie, Eigentum, Krieg und Markt verdecken. Dadurch wird seine Anpassungsfähigkeit zur Fehlanpassung. Er passt nicht mehr sich an Tragwirklichkeit an, sondern versucht, Tragwirklichkeit an seine Begriffe, Wünsche, Modelle und Machtformen anzupassen.

Daraus entstehende Bücher oder Arbeitshefte

Aus diesem Zusammenhang müsste ein Buch mit dem Titel Der erfassende Mensch entstehen. Es würde zeigen, wie aus Wahrnehmung, Sprache, Grammatik, Dingwelt, Wissenschaft und Technik eine Erfassungsform entsteht, die zwischen Erkenntnis und Größenwahn kippen kann.

Ein zweites Buch müsste Dingwelt, Grammatik und Tragwirklichkeit heißen. Darin ginge es um die Frage, wie Sprache aus Wirklichkeit Objekte macht und wie diese Objektbildung die Plexuswirklichkeit verdeckt.

Ein drittes Buch müsste Weltformel und Millisekundenmensch heißen. Dieses Buch würde die titanische Suche nach letzter Ordnung mit der extrem kurzen und gefährlichen Wirkungsgeschichte des Menschen auf dem Planeten Erde verbinden.

Ein viertes Buch müsste Nischenkonstruktion und Fehlanpassung heißen. Es würde Biber, Spinnennetze, Pflanzen, ökologische Milieus und menschliche Zivilisation vergleichen und zeigen, wo menschliche Kultur aus Rückkopplung in Entkopplung kippt.

Ein fünftes Buch müsste Atomwaffe, Zauberlehrling und Tragwirklichkeit heißen. Es würde die Vernichtungstechnologien als Beweis dafür untersuchen, dass Erkenntnis ohne Verantwortung in Selbstzerstörung umschlagen kann.

Kernsatz

Der Mensch unterscheidet sich von Pflanzen und Tieren nicht dadurch, dass er außerhalb der Natur steht, sondern dadurch, dass er seine Anpassungsfähigkeit in eine symbolische, technische und grammatische Erfassungsmacht verwandelt hat. Diese Macht kann Erkenntnis hervorbringen, kippt aber in Selbstzerstörung, wenn sie die Welt als Dingwelt behandelt und vergisst, dass auch Denken, Wissen, Technik und Wissenschaft Tätigkeiten innerhalb von Tragwirklichkeit sind.