Der Mensch im Erbe von Beute, Tarnung und Täuschung
Dein Gedanke lässt sich so zuspitzen: Der Mensch hat die über Milliarden Jahre entstandenen Überlebensstrategien nicht überwunden, sondern aus ihrem natürlichen Rückkopplungszusammenhang herausgelöst, kulturell vervielfacht und technisch industrialisiert.
Der Mensch im Erbe von Beute, Tarnung und Täuschung
Dem Leben auf dem Planeten Erde liegen seit Milliarden Jahren Auseinandersetzungen um Nahrung, Schutz, Fortpflanzung und Lebensraum zugrunde. Tiere müssen Beute finden und zugleich verhindern, selbst zur Beute zu werden. Pflanzen konkurrieren um Licht, Wasser, Nährstoffe und Möglichkeiten der Vermehrung. Daraus sind vielfältige Formen der Anpassung, Tarnung, Täuschung, Abschreckung, Kooperation und gegenseitigen Abhängigkeit entstanden.
Diese Mechanismen sind jedoch nicht isoliert zu betrachten. Sie befinden sich immer innerhalb konkreter Lebenszusammenhänge. Ein Raubtier kann nicht unbegrenzt Beute machen, ohne seine eigene Nahrungsgrundlage zu gefährden. Eine Pflanze kann ihrer Umgebung nicht beliebig viele Stoffe entziehen, ohne selbst von den veränderten Bedingungen betroffen zu werden. Jede Tätigkeit trifft auf Widerstände, Grenzen und Rückmeldungen. Funktionieren und Nichtfunktionieren werden nicht durch eine Meinung bestimmt, sondern durch die wirklichen Folgen innerhalb des Lebenszusammenhangs.
Die Natur ist deshalb nicht harmonisch im romantischen Sinne. Sie ist voller Konkurrenz, Täuschung, Verletzung und Tod. Aber diese Vorgänge bleiben in Rückkopplungen eingebunden. Keine Lebensform kann sich dauerhaft außerhalb der Bedingungen stellen, durch die sie selbst hervorgebracht und erhalten wird.
Der Mensch hat das Beuteverhalten nicht verlassen
Auch der Mensch trägt diese alten Trainingsstrukturen in sich. Das Bestreben, etwas zu bekommen, sich zu schützen, Vorteile zu sichern, Gefahren abzuwehren und nicht selbst zum Opfer zu werden, gehört zu seiner biologischen und kulturellen Entwicklung.
Die entscheidende Problematik besteht daher nicht darin, dass der Mensch Beuteverhalten, Tarnung und Täuschung kennt. Sie besteht darin, dass er diese Fähigkeiten aus den unmittelbaren Lebenszusammenhängen herausgelöst und in abstrakte gesellschaftliche Systeme übertragen hat.
Aus dem Erbeuten wurde das Erwerben, Besitzen, Verkaufen, Verwerten und Anhäufen. Aus der Tarnung wurden Selbstdarstellung, Werbung, Status, institutionelle Sprache und die Verdeckung von Tätigkeitsfolgen. Aus der Täuschung wurden Marktstrategien, politische Inszenierungen, manipulative Kommunikation und die Vorstellung, wirtschaftlicher Erfolg sei bereits ein Beweis für gesellschaftliches Funktionieren.
Der Mensch hat sein Beuteverhalten nicht überwunden. Er hat es industrialisiert, globalisiert und durch technische Systeme von seinen unmittelbaren Folgen getrennt.
Die gefährliche Verschiebung der Rückkopplung
Ein Tier erfährt vergleichsweise unmittelbar, wenn seine Strategie nicht funktioniert. Es findet keine Nahrung, verliert seinen Lebensraum oder wird selbst zur Beute. Beim modernen Menschen können dagegen Tätigkeit und Konsequenz räumlich, zeitlich und gesellschaftlich weit auseinanderliegen.
Ein Produkt wird an einem Ort gekauft, während die Rohstoffe an einem anderen Ort gewonnen, Menschen an einem dritten Ort ausgebeutet und die Abfälle später einer kommenden Generation hinterlassen werden. Der Gewinn erscheint sofort, während die Zerstörung der Böden, Gewässer, Klimaverhältnisse oder körperlichen Gesundheit verzögert und an andere weitergegeben wird.
Dadurch kann sich der Mensch einbilden, seine Tätigkeit funktioniere, obwohl nur ein kleiner Ausschnitt seines Handelns funktioniert. Der Kauf funktioniert. Der Verkauf funktioniert. Die technische Herstellung funktioniert. Die Gewinnerzielung funktioniert. Aber der gesamte Zusammenhang, der diese Tätigkeiten erst ermöglicht, wird dabei beschädigt.
Das wirtschaftliche Funktionieren ersetzt so die umfassendere Frage, ob eine Tätigkeit innerhalb der Existenzbedingungen des Lebens funktioniert.
Die 23-Stunden-und-59-Minuten-Parameter
Die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ macht diese Verkehrung sichtbar. In deinem Modell stehen die ersten 23 Stunden und 59 Minuten für jene Prozesse, Gesetzmäßigkeiten und Abhängigkeiten, durch die der Planet, seine Atmosphäre, seine Stoffkreisläufe und seine Lebensformen entstanden sind. Der Mensch erscheint erst ganz am Ende dieses Tages.
Er ist das Ergebnis dieser vorausliegenden Bedingungen. Er hat weder den Sauerstoff noch das Wasser, die Mineralien, die Gravitation, die Photosynthese, den Zellstoffwechsel oder die körperlichen Regulationsmechanismen selbst erfunden. Dennoch verhält er sich zunehmend so, als könne er die Voraussetzungen seiner Existenz durch eigene Begriffe, Eigentumsordnungen, Märkte und technische Regelwerke ersetzen.
Der Millisekunden-Mensch erklärt sich damit zum Besitzer einer Welt, deren Entstehungs- und Funktionsbedingungen ihm vorausliegen und über die er nicht verfügen kann.
Gerade die 23 Stunden und 59 Minuten müssten daher zum Maßstab seiner Tätigkeiten werden. Nicht das, was kurzfristig gekauft, verkauft oder technisch ermöglicht werden kann, dürfte an erster Stelle stehen, sondern die Frage, ob eine Tätigkeit mit den tragenden Bedingungen des Lebens vereinbar bleibt.
Vom natürlichen zum künstlich entgrenzten Beutesystem
In natürlichen Lebenszusammenhängen ist das Beuteverhalten begrenzt. Die technische Zivilisation hat diese Begrenzungen jedoch teilweise außer Kraft gesetzt. Ein Mensch kann heute mithilfe von Maschinen, Kapital, Organisationen und globalen Lieferketten auf Ressourcen zugreifen, die räumlich weit entfernt liegen und die er körperlich niemals erreichen könnte.
Die menschliche Beute ist nicht mehr nur Nahrung. Beute können Böden, Rohstoffe, Arbeitszeit, Aufmerksamkeit, Daten, Wissen, Wohnungen, Märkte und sogar die Zukunft anderer Menschen werden.
Dabei entsteht eine Gesellschaft, in der fast jeder zugleich Beutemacher und mögliche Beute ist. Menschen verkaufen ihre Arbeitskraft, ihre Aufmerksamkeit, ihre Daten, ihre Kreativität und ihre Lebenszeit. Sie müssen sich vermarkten, um innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung bestehen zu können. Gleichzeitig suchen sie selbst nach Vorteilen, günstigen Angeboten und Möglichkeiten der Absicherung.
Das Beutesystem wird dadurch gegenseitig stabilisiert. Die Menschen unterstützen einander in Loyalitäten, weil sie von denselben Ordnungen abhängig sind, unter denen sie leiden. Unternehmen müssen wachsen, Beschäftigte müssen Einkommen sichern, Staaten müssen konkurrieren, Konsumenten sollen kaufen. Jeder Teil erscheint innerhalb seiner begrenzten Aufgabe vernünftig, während das Ganze seine Existenzgrundlagen zerstört.
Die Täuschung des Als-ob-Tun-Könnens
Die entscheidende menschliche Täuschung richtet sich nicht nur gegen andere Menschen. Sie richtet sich gegen den Menschen selbst.
Er lebt in der Vorstellung, er könne tun, was technisch, wirtschaftlich oder rechtlich möglich ist. Dieses Als-ob-Tun-Können verwechselt Möglichkeit mit Verträglichkeit. Weil etwas hergestellt, verkauft, gesetzlich erlaubt oder finanziert werden kann, wird angenommen, es könne auch verantwortet werden.
Dabei bleibt der Mensch ein körperlicher Organismus. Sein Organismus lässt sich nicht durch Geld, gesellschaftlichen Status oder politische Überzeugungen überzeugen. Er reagiert auf Schadstoffe, Lärm, Schlafentzug, Mangel, Stress, Hitze und Krankheit unabhängig davon, wie diese Belastungen gesellschaftlich erklärt werden.
Der Organismus ist insofern ein Prüfungsorganismus. Er prüft jede menschliche Einbildung an ihren körperlichen Konsequenzen. Ebenso prüfen Böden, Gewässer, Wälder, Klimasysteme und andere Lebensformen die menschlichen Tätigkeiten durch ihre Reaktionen.
Die Menschheit ist an den Punkt gelangt, an dem sie diese Rückmeldungen zwar wissenschaftlich registriert, aber gesellschaftlich nicht als verbindliche Maßstäbe anerkennt.
Eine neue Ausrichtung der Lebensstilwerte
Der Mensch müsste sich deshalb mit seinen alten Trainingsstrukturen beschäftigen, anstatt sie unbewusst in Wirtschaft, Politik und Alltagsleben fortzusetzen. Er müsste erkennen, wie stark sein Denken noch immer durch Beutegewinn, Besitzsicherung, Rangordnung, Tarnung, Täuschung und Angst vor dem eigenen Beutestatus bestimmt wird.
Diese Erkenntnis dürfte jedoch nicht dazu führen, den Menschen als unveränderlich aggressiv oder egoistisch zu erklären. Auch Kooperation, Fürsorge, gegenseitige Hilfe, Bindung und gemeinschaftliche Schutzmechanismen gehören zu den alten Überlebensstrategien des Lebens.
Die Aufgabe bestünde darin, jene Fähigkeiten bewusst zu stärken, die den gemeinsamen Lebenszusammenhang erhalten. Der gesellschaftliche Wert einer Tätigkeit müsste danach beurteilt werden, ob sie Abhängigkeiten wahrnimmt, Rückmeldungen zulässt, Schäden begrenzt, Korrekturen ermöglicht und das Weiterleben anderer Funktionsteile nicht verhindert.
Lebensstil wäre dann nicht mehr hauptsächlich eine Frage des Geschmacks, des Besitzes oder der persönlichen Selbstverwirklichung. Lebensstil würde bedeuten, die eigene Lebensführung an den Bedingungen auszurichten, die das Leben überhaupt ermöglichen.
Die Kunstgesellschaft als gesellschaftliche Überlebenswerkstatt
Hier liegt die Aufgabe einer Kunstgesellschaft. Kunst müsste den Menschen dabei unterstützen, seine ererbten Wahrnehmungs-, Schutz- und Beutestrukturen sichtbar zu machen und in verantwortliche Gestaltungsfähigkeiten zu verwandeln.
Der Mensch müsste zum Forschungskünstler seiner eigenen Existenz werden. Er müsste untersuchen, wodurch er lebt, was seine Tätigkeiten auslösen und welche seiner gesellschaftlichen Formen tragfähig sind. Wirtschaft, Politik, Technik und Alltag würden dadurch zu Feldern einer öffentlichen Gestaltungs- und Konsequenzenprüfung.
Die Kunstgesellschaft wäre deshalb keine Gesellschaft der Unterhaltung. Sie wäre eine gesellschaftliche Überlebenswerkstatt. In ihr würden die 23 Stunden und 59 Minuten der Erd- und Lebensentwicklung nicht als ferne Vorgeschichte behandelt, sondern als Referenzsystem für das menschliche Handeln.
Ohne diese Umkehr bleibt die Menschheit chancenlos. Denn eine Gattung, die ihre eigenen Existenzbedingungen nicht als verbindlichen Maßstab anerkennt, kann ihre technischen Fähigkeiten zwar immer weiter steigern, aber sie besitzt keinen Maßstab mehr dafür, wozu diese Fähigkeiten eingesetzt werden dürfen.
Die Überlebensfrage des Homo sapiens entscheidet sich daher nicht allein an seinem Wissen. Sie entscheidet sich daran, ob er bereit ist, seine Lebensstilwerte, seine Tätigkeiten und seine gesellschaftlichen Loyalitäten wieder den Bedingungen unterzuordnen, durch die er selbst existiert.
