Der documenta 16 Entwürfe 6
An Frau Naomi Beckwith
und das künstlerische Team der documenta 16
Dritte Bewerbung: Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Von der Experimentellen Umweltgestaltung zur öffentlichen Überlebenswerkstatt
Sehr geehrte Frau Beckwith,
sehr geehrtes künstlerisches Team,
mit diesem dritten Schreiben an meinem 78. Geburtstag führe ich meine bisherigen Vorschläge zusammen: Für die documenta 16 biete ich eine Überlebenswerkstatt auf der Grundlage meines künstlerischen Lebenswerks an. Das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ verbindet ein begehbares Environment mit öffentlichen Werkstätten, wissenschaftlichen Gesprächen und einem Mitmachbuch.
Seit mehr als fünfzig Jahren entwickle ich unterschiedliche Formen künstlerischer Werkstattarbeit. Ihr Ausgangspunkt liegt in meiner Ausbildung als Maschinenschlosser, meiner Naturbeobachtung, Fotografie und bildhauerischen Arbeit. Während meines Studiums an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig entstand daraus 1975 die „Experimentelle Umweltgestaltung“. Sie verband künstlerische Disziplinen, Materialversuche und gesellschaftliche Fragestellungen zu einem gemeinsamen Arbeitsansatz. Wasser, Strömung, Passung und Widerstand wurden zu Gegenübern, an denen sich eine Vorstellung durch ihre tatsächliche Wirkung überprüfen ließ.
Diesen Zusammenhang verstehe ich heute im Sinne von Technē: als Verbindung von Können, Wissen, Gestaltung und Erkenntnis durch Tätigkeit. Wer ein Material bearbeitet, eine Form entwickelt oder mit anderen Menschen handelt, begegnet Bedingungen und Folgen, auf die er antworten muss. Aus dieser Erfahrung entwickelte sich meine Forschungskunst.
Meine Werkstätten reichten vom Buch über Landschaft und Straße bis zu Kunsthallen und begehbaren Environments. Erwachsenen-Malbücher, Frage-und-Antwort-Tische, Landschaftsworkshops, „Kreatives Wandern“, Theater- und Rollenversuche sowie Zukunfts- und Demokratiewerkstätten eröffneten unterschiedliche Zugänge zur eigenen Gestaltung. Die Temporäre Kunsthalle in Ratzeburg von 1992 und die späteren Arbeiten im Berliner Haus der Demokratie erweiterten diesen Ansatz: Der Ausstellungsraum selbst wurde zu einem gestaltbaren Zusammenhang von Körpern, Materialien, Wahrnehmungen und gesellschaftlichen Beziehungen.
1993 gründete ich anlässlich des Globalen Dorffests am Brandenburger Tor die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“, die ich leitete und deren Fragestellungen bei verschiedenen Veranstaltungen wissenschaftlich begleitet wurden. Die „1.000 Tapeziertische“ standen für eine öffentliche Form gemeinsamen Gestaltens. Die heutige Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ führt diesen Entwicklungszusammenhang fort.
Mit dem So-Heits-Atelier bringe ich diese über Jahrzehnte gewachsene Werkstattpraxis als eigenständigen Beitrag zur Geschichte und Gegenwart künstlerischer Forschung ein. Ihre leitende Frage lautet: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, erkennen, gestalten und seine Tätigkeiten korrigieren kann?
Aus meiner plastischen Arbeit entwickelte sich die plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft. Sie prüft menschliche Vorstellungen und Ordnungen an den Bedingungen, die menschliches Leben ermöglichen. Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet dabei materielle Bedingungen, lebendige Abhängigkeiten, symbolische Zuschreibungen und deren Überprüfung. Besonders interessiert mich, wie Rollen und Gewissheiten sich verfestigen und Rückmeldungen verdrängen. Was gesellschaftlich als normal oder erfolgreich gilt, kann zugleich seine eigenen Lebensgrundlagen beschädigen.
Im So-Heits-Atelier werden diese Fragen an konkreten Werken erfahrbar. Das Wellenbecken zeigt die Folgen eines Eingriffs; Strömungsbilder und ein Bodenrelief aus Quarzsand beziehen die Bewegung der Besucher unmittelbar ein – besonders dann, wenn sie barfuß über das Bodenrelief gehen und dessen Widerstände körperlich wahrnehmen.
Eine fotografische Werkfolge aus der „Schöpfungsgeschichte“ ist bereits auf meiner Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ unter der Kategorie „Interaktives Buch“ im Album „Photos aus der Schöpfungsgeschichte“ zugänglich. Dort lässt sich digital nachvollziehen, wie sich einzelne bildnerische Arbeiten und Veränderungen innerhalb dieser Werkgeschichte entwickelt haben.
Der Abendmahl-Opfertisch und seine fotografisch dokumentierte Entstehungs- und Veränderungsgeschichte verbinden Naturvorgang, plastische Gestaltung, Nahrung und kulturelle Bedeutung. Für das So-Heits-Atelier kann diese Entwicklung zusätzlich in Bildrahmen mit 18 Fotografien sichtbar gemacht werden, die aufeinanderfolgende Zustände und Veränderungen des Werkes zeigen.
Goldobjekte, Schultafeln und Rollenversuche eröffnen weitere Untersuchungen zu Wert, Eigentum, Selbstbild und Verantwortung.
Die hundert Tage bilden den Zeitraum eines öffentlichen Veranstaltungsprogramms für täglich wechselnde Besucher. Jeder Workshop und jedes wissenschaftliche Werkstattgespräch erhält eine eigenständige Fragestellung und eine konkrete Beteiligungsmöglichkeit. Auch ein einzelner Besuch ermöglicht einen Arbeitsgang von der Wahrnehmung über die Prüfung bis zur Erprobung einer Veränderung. Die Ergebnisse verändern das Atelier und werden im Mitmachbuch weitergeführt.
Meine gegenwärtig entstehende analoge Werkbiografie erschließt dafür Werke, Bildfolgen, Konzepte und ihre Entwicklungszusammenhänge. Sie bildet zugleich den Prototyp einer späteren digitalen Werkbiografie. Gemeinsam mit den Materialien der Plattform liefert sie die Grundlage des physischen Mitmachbuchs. KI unterstützt die Erschließung und Gegenüberstellung und wird selbst in die Prüfung einbezogen.
Das So-Heits-Atelier führt meine lebenslange Werkstattarbeit in eine gemeinsame Untersuchung unserer Überlebensfähigkeit über. Darin konkretisiert sich meine Vorstellung einer So-Heits-Gesellschaft, deren Lebens- und Arbeitsformen ihre Voraussetzungen und Folgen fortlaufend überprüfen und verändern können.
Wollen Sie dieser Überlebenswerkstatt auf der documenta 16 Raum geben? Auf Grundlage Ihrer künstlerischen Entscheidung können wir die Auswahl der Werke, das Veranstaltungsprogramm sowie die räumlichen, personellen und finanziellen Voraussetzungen gemeinsam konkretisieren.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Fenner
Anlagen zur Bewerbung
Die Anlagen sollten denselben Entwicklungszusammenhang entfalten. Die erste Anlage trägt deshalb die ausführliche Werkstatt- und Forschungsgeschichte; die weiteren zeigen, wie daraus das konkrete documenta-Vorhaben entsteht.
Anlage 1: Werkstattgeschichte und Entstehung meiner Forschungskunst
Meine Forschungskunst entwickelte sich durch die fortlaufende Verbindung unterschiedlicher Tätigkeiten und Arbeitsorte. Die Ausbildung als Maschinenschlosser vermittelte mir Erfahrungen mit Werkzeugführung, Passung, Toleranz und materiellen Grenzen. Naturbeobachtung und Fotografie eröffneten weitere Zugänge zu Vorgängen, deren Bedingungen sich durch menschliche Vorstellungen allein nicht verändern lassen.
Während meines Bildhauerstudiums von 1974 bis 1980 verband ich diese Erfahrungen mit plastischer Gestaltung und offenen Versuchen. Die seit 1975 entwickelte und 1976 als Studienkonzept vorgestellte „Experimentelle Umweltgestaltung“ sollte künstlerische Disziplinen, wissenschaftliche Fragen und gesellschaftliche Gestaltung zusammenführen. Das Wellenbecken, Strömungsversuche und Deichmodelle gehörten zu dieser Untersuchung. Aus Beobachtung, Eingriff und Materialantwort entstanden neue Formen und neue Fragen.
Mit den Erwachsenen-Malbüchern und anderen Bucharbeiten wurde diese Arbeitsweise für weitere Menschen zugänglich. Eine Vorlage konnte unterschiedlich ergänzt, verändert und gedeutet werden. An Frage-und-Antwort-Tischen, bei Veranstaltungen und in Workshops entwickelte sich daraus eine öffentliche Beteiligungspraxis. Dazu gehören die Workshops bei der Carl-Duisberg-Gesellschaft in Braunschweig, Bremen und Hannover sowie Landschaftsaktionen und das „Kreative Wandern“.
Die Hamburger Jahre verbanden Buch- und Verlagsarbeit, Performances, Rollenversuche und Auseinandersetzungen mit dem städtischen Zusammenleben. Zu den wissenschaftlichen Kontakten gehörte meine Einladung zu Professor Opaschowskis Workshop zur Freizeitpädagogik und Kulturarbeit in der Hamburger Fabrik 1980. Meine Auseinandersetzung mit Joseph Beuys und dem erweiterten Kunstbegriff sowie Arbeitsweisen im Anschluss an Augusto Boal vertieften die Frage, wie Menschen durch künstlerische Tätigkeit ihre eigene gesellschaftliche Rolle untersuchen können.
Mit der „Schöpfungsgeschichte“, der Temporären Kunsthalle Ratzeburg 1992 und den Berliner Ausstellungs- und Arbeitsräumen wurde der gesamte räumliche Zusammenhang zum Werk. Körper, Bewegung, Gegenstände, Bilder und Bedeutungen wirkten darin aufeinander. Die Kunsthalle und das Environment wurden zu erweiterten Werkstätten.
Die seit 1993 von mir geleitete „Kollektive Kreativität“, das Globale Dorffest, Zukunftswerkstätten und weitere Beteiligungsformen übertrugen diese Arbeitsweise auf gemeinsame gesellschaftliche Vorhaben. Ihre Entwicklung umfasst auch die Bedingungen der Zusammenarbeit: wissenschaftliche Begleitung, persönliche Beiträge, Eigeninitiative und Finanzierung. Das altersbedingte Ausscheiden und der Verlust von Mitwirkenden veränderten später die Möglichkeiten dieser Arbeit. Die heutige Globale Schwarm-Intelligenz eröffnet dafür einen weiteren Zugang.
Die Werkbiografie stellt diese Entwicklung anhand von Werken, Fotografien, Büchern, Veranstaltungsunterlagen und Konzepten dar. Auch nicht verwirklichte Vorhaben gehören zur Geschichte meiner Verortungskunst: Sie zeigen, welche künstlerische Frage ich zu welchem Zeitpunkt an welchem Ort öffentlich bearbeiten wollte.
Zur kunsthistorischen Einordnung gehört die Verbindung von Werk, öffentlichem Gespräch und gesellschaftlicher Gestaltung. Ein Bezug innerhalb der documenta-Geschichte ist Beuys’ Verbindung der „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ mit Diskussionen und Seminaren seiner Free International University auf der documenta 6 von 1977. (Daniel Spaulding: Joseph Beuys in 1977)
Die gegenwärtige Diskussion über künstlerische Forschung beschreibt Erkenntnisgewinn durch künstlerische Praxis und deren Reflexion; so formuliert es etwa die Wiener Erklärung zur künstlerischen Forschung von 2020. Hier sehe ich einen Anschluss für die historische Einordnung meiner Arbeit. Ihr besonderer Schwerpunkt liegt in der Entwicklung öffentlich nutzbarer Verfahren, mit denen Menschen ihre Vorstellungen, Tätigkeiten und Abhängigkeiten selbst untersuchen können. (societyforartisticresearch.org)
Anlage 2: Ausgewählte Werkbiografien mit Bildmaterial
Diese Anlage zeigt die Entwicklung der Arbeitsverfahren an ausgewählten Werkzusammenhängen: Wellenbecken und Strömungsversuche, Erwachsenen-Malbücher und Frage-und-Antwort-Tische, „Schöpfungsgeschichte“ und Abendmahl-Opfertisch, Schultafeln und Goldobjekte, Temporäre Kunsthalle und Berliner Ausstellungsorganismen sowie „Kollektive Kreativität“ und Globales Dorffest.
Jede Werkbiografie verbindet Entstehungsfrage, Arbeitsprozess, spätere Veränderungen und vorgesehene Verwendung im So-Heits-Atelier. Die Fotografien erscheinen dabei auch als eigenständige Arbeiten und zusammenhängende Bildfolgen. Die 18 Fotografien zum Abendmahl-Opfertisch können beispielhaft zeigen, wie aus einem Naturvorgang über mehrere Bearbeitungsstufen ein kulturell bedeutungsvolles Werk entsteht.
Anlage 3: Technē, plastische Anthropologie und Kalibrierungsinstrumente
Diese Anlage erläutert Technē als Bezugspunkt meines künstlerischen Verständnisses von Können, Gestaltung und Erkenntnis. Sie führt von der konkreten Materialarbeit zur plastischen Anthropologie und zur Unterscheidung zwischen plastischer Identität und Skulpturidentität.
Das Vier-Ebenen-Modell, die 24-Stunden-Uhr, Funktions- und Toleranzvergleiche, das Verhältnis-Modell 51:49 sowie die Untersuchung vorhandener und zugeschriebener Eigenschaften werden jeweils an einem Werkbeispiel erklärt. Sichtbar wird, was mit dem jeweiligen Instrument verglichen wird und welche Veränderung daraus hervorgehen kann. Die Begriffe Anomalie, Normalität, Tätigkeitskonsequenz und Abhängigkeitskonsequenz erhalten hier ihre ausführliche Bestimmung.
Anlage 4: Modulares Environment und öffentliches Hundert-Tage-Programm
Diese Anlage verbindet die räumlichen Arbeitsbereiche mit den konkreten Besucherhandlungen. Sie beschreibt Wellenbecken, Bodenrelief, Werk- und Bildfolgen, Bühne, Arbeitstische und Mitmachbuch als zusammengehörige Teile des Ateliers.
Der Veranstaltungskalender enthält eigenständige Workshops und wissenschaftliche Werkstattgespräche für wechselnde Besucher. Zu jedem vorgeschlagenen Termin werden Fragestellung, Werkbezug, Gesprächspartner, Beteiligungsform und Zielsetzung angegeben. Die Wissenschaftlernamen werden als Einladungsvorschläge geführt. Die täglichen Werkstattangebote bleiben auch zwischen den Gastveranstaltungen zugänglich.
Anlage 5: Werkbiografie, Mitmachbuch und Globale Schwarm-Intelligenz
Die analoge Werkbiografie erschließt den Entwicklungszusammenhang meines Lebenswerks und dient im Atelier als Anschauungs- und Forschungsmaterial. Das physische Mitmachbuch verbindet ausgewählte Werkmaterialien mit den Texten, Bildern und Aufgaben der Plattform. Besucher entwickeln daraus eigene Seiten, Gegenüberstellungen und Fragestellungen.
Die digitale Werkbiografie und die technische Verbindung der Buchformen bilden weitere Entwicklungsschritte. Dabei sollen Bildfolgen, beteiligte Personen, Werkveränderungen und die Beziehungen zwischen früheren und heutigen Arbeitsformen nachvollziehbar erhalten bleiben. Die Rolle der KI umfasst Erschließung, Vergleich und Verdichtung sowie die Überprüfung ihrer eigenen Auslassungen und Deutungen.
Anlage 6: Personelle, technische und finanzielle Realisierung
Diese Anlage beschreibt die künstlerische Leitung, das kontinuierlich arbeitende Atelierteam, die wissenschaftliche Koordination und die Betreuung der Besucherwerkstätten. Hinzu kommen die räumlichen und technischen Anforderungen der ausgewählten Arbeiten, Herstellung und Transport, Verbrauchsmaterialien, Dokumentation sowie Honorare und Reisekosten der Gäste.
Die Realisierung wird in einem Grundumfang und möglichen Erweiterungen dargestellt. Die umfassende Digitalisierung der Werkbiografie erhält eine gesonderte Finanzierungsperspektive. Grundlage der gemeinsamen Planung sind die vorhandenen Werke und Materialien sowie die für die Beteiligung neu einzurichtenden Arbeitsbereiche.
