Der documenta 16 Entwürfe 7
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An Frau Naomi Beckwith
und das künstlerische Team der documenta 16
Präzisierte Bewerbung für die documenta 16
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Forschungskunst als öffentliche Wirklichkeits-, Tätigkeits- und Überzeugungsprüfung
Sehr geehrte Frau Beckwith,
sehr geehrte Mitglieder des künstlerischen Teams,
für die documenta 16 schlage ich das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes vor: ein begehbares, modulares Environment, in dem Werke und Verfahren meines Lebenswerks zu Arbeitsmitteln einer öffentlichen Forschung werden. Besucher begegnen Wasser, Boden, Nahrung, Werkzeug, Bildern, Schrift und gesellschaftlichen Rollen. Sie gestalten, vergleichen und untersuchen, wie ihre Vorstellungen entstehen und welche Folgen ihre Tätigkeiten hervorbringen.
Die leitende Frage meiner Forschungskunst lautet: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, erkennen, gestalten und seine Handlungen korrigieren kann?
Seit mehr als fünfzig Jahren bearbeite ich diese Frage mit plastischen, fotografischen und partizipatorischen Verfahren. Eine wesentliche Grundlage ist die von mir 1975 an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig entwickelte Experimentelle Umweltgestaltung. Meine Ausbildung als Maschinenschlosser, die Naturbeobachtung, fotografische Bildfolgen und materielle Versuchsanordnungen verbinden sich darin zu einer künstlerischen Arbeitsweise: Eine Vorstellung trifft auf Material, Widerstand und Veränderung. Das Hervorgebrachte antwortet auf die Tätigkeit und wird zum Ausgangspunkt der nächsten Untersuchung.
Das So-Heits-Atelier führt diese Werkentwicklung in einer räumlichen Dramaturgie zusammen. Am Eingang verortet die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte den Menschen innerhalb der planetarischen Entwicklung. Sie stellt seine kurze Geschichte seiner heutigen Gestaltungsmacht gegenüber. Wellenbecken, Strömungs- und Passungsmodelle machen erfahrbar, wie Eingriffe einen Zusammenhang verändern und wie Material auf Vorstellungen reagiert.
Die Werkfolge der „Schöpfungsgeschichte“ verbindet Wiese, Körper, Wasserlandschaft, Fisch, Kartoffel und Abendmahltisch mit Nahrung, Nutzung und Abhängigkeit. Schultafeln, vergoldeter Spaten und Eigentumsquadrat führen zu menschlichen Zuschreibungen: Was wird an einem Gegenstand festgestellt, was wird ihm zuerkannt und welche Handlungen folgen daraus? Die vergoldete Kartoffel verdichtet die Midas-Problematik. Der symbolische Wert steigt, während unter der Goldschicht ein vergänglicher Körper bleibt.
Das Bild des brennenden Rollenidentitätsgefängnisses bringt meine gesellschaftliche Diagnose in den Raum. Goldene Gitter, ein Astronautenanzug mit unterbrochenen Versorgungsanschlüssen und eine offene Tür verbinden Schutzversprechen, Abhängigkeit und Veränderbarkeit. Die Besucher können untersuchen, welche Rollen ihnen Handlungsmöglichkeiten eröffnen, welche sie binden und was einen tatsächlich nutzbaren Ausgang ermöglichen würde.
Diese Arbeiten bilden ein Ensemble künstlerischer Kalibrierungsinstrumente. Sie bringen Vorstellungen und Wirkungen in vergleichbare Beziehungen: menschliche Zeit und Erdzeit, technische Funktion und Lebensbedingungen, materielle Beschaffenheit und symbolische Geltung, Selbstbild und körperliche Erfahrung. Mein Verhältnisbild 51:49 richtet die Aufmerksamkeit auf Differenz, Spielraum und Nachregelung. Das Vier-Ebenen-Modell E1–E4 hilft, materielle Bedingungen, lebendige Prozesse, gesellschaftliche Zuschreibungen und deren korrigierende Rückkopplung zu unterscheiden.
Die Besucher beginnen mit einer eigenen Handlung oder Frage. Sie wählen ein Bild, verändern eine Folienkombination, bearbeiten eine Vorgabe, beschriften eine Tafel oder untersuchen eine Materialwirkung. Auf einer kleinen Bühne können Eigentum, Status, Freiheit und Verantwortung mit Gegenständen und Requisiten gespielt werden. Anschließend werden Darstellung, Erfahrung und Folgen miteinander verglichen.
Das physische Mitmachbuch hält diese Arbeit in Bildern, Texten, Collagen und veränderbaren Seiten fest. Es entsteht aus den Materialien meiner Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ und der gegenwärtigen Arbeit am biografischen Werkverzeichnis, mit dem ich die Grundlagen und Entwicklungslinien meines Lebenswerks erneut untersuche. Werkverzeichnis, digitales interaktives Buch und physisches Mitmachbuch wirken dadurch an demselben Forschungsprozess mit.
Das Atelier besitzt zwei verbundene Zugänge: den körperlichen und gemeinschaftlichen Raum in Kassel sowie den digitalen Arbeits- und Materialraum der Plattform. Die technische Verbindung beider Buchformen wird schrittweise entwickelt. Im räumlichen Atelier stehen historische Werke, geschützte Originale, Rekonstruktionen und benutzbare Arbeitsmaterialien für unterschiedliche Formen der Begegnung bereit.
Die hundert Tage werden zur Arbeitszeit einer sich verändernden Raum-Zeit-Körper-Plastik. Besucherbeiträge, Werkversuche, Gespräche und Gegenüberstellungen verändern das Environment. Eingeladene Menschen aus Kunst, Wissenschaft, Handwerk und Alltag bringen ihre Erfahrungen an gemeinsamen Gegenständen ein. Ein Tagesarchiv und das Mitmachbuch machen sichtbar, welche Fragen sich verändert haben und welche Korrekturen daraus hervorgehen.
Für die documenta bietet dieses Vorhaben eine öffentliche Arbeitsform, in der internationale Perspektiven an konkreten Lebensbedingungen aufeinandertreffen. Seine räumlichen Module können an Ort und Umfang angepasst werden. Die hunderttägige Begegnung in Kassel erhält durch die Plattform eine weiterführende Verbindung.
Das So-Heits-Atelier führt meinen erweiterten Kunstbegriff zu einer überprüfbaren Mitgestaltung: Jeder Mensch gestaltet gesellschaftliche Wirklichkeit mit. Forschungskunst eröffnet Möglichkeiten, diese Gestaltung und ihre Konsequenzen wahrzunehmen und zu verändern.
Ich möchte das So-Heits-Atelier auf der documenta 16 verwirklichen und Ihnen den Werk-, Raum- und Beteiligungszusammenhang persönlich vorstellen.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Fenner
Für die Anlagen vorgesehen:
- Werkgenese und ausgewählte Werkbiografien mit Bildmaterial.
- Modulares Raumkonzept und konkrete Besucherhandlungen.
- Kalibrierungsinstrumente und methodische Grundlagen.
- Werkverzeichnis, Mitmachbuch und digitale Verbindung.
- Hundert-Tage-Programm sowie personelle, technische und finanzielle Realisierung.
