Der documenta 16 Entwürfe 9
Berlin, 15. August 2026
An Frau Naomi Beckwith und das künstlerische Team der documenta 16
c/o documenta und Museum Fridericianum gGmbH
Friedrichsplatz 18
34117 Kassel
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Forschungskunst als öffentliche Prüfung der Reparaturfähigkeit 2 Teil
Sehr geehrte Frau Beckwith,
sehr geehrte Mitglieder des künstlerischen Teams der documenta 16,
Mit meiner Bewerbung für die documenta 16 im Jahr 2027 am 27. Juli 2026- hat für mich die documenta nicht erst dann begonnen, wenn über meine Teilnahme entschieden wird oder wenn die Ausstellung eröffnet. Wenn ich meine Arbeit als Verortungskunst verstehe, beginnt sie bereits jetzt: mit der Bewerbung, mit der Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen documenta, mit Kassel, mit ihren Fragestellungen und mit der Frage, was an diesem historischen Zeitpunkt an diesem Ort überhaupt zur Untersuchung gestellt werden muss.
Seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst eine Frage, die mein gesamtes künstlerisches Lebenswerk durchzieht:
Warum zerstört der Mensch trotz Wissen, Wahrnehmungsfähigkeit, technischer Leistungsfähigkeit und der Möglichkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen?
Im Verlauf meiner Arbeit hat sich diese Frage verändert. Heute geht es für mich nicht mehr nur darum, ob der Mensch erkennen kann, dass etwas nicht funktioniert. Entscheidend ist eine weitergehende Frage:
Ist der Mensch bereit und fähig, sich selbst und die von ihm hervorgebrachten gesellschaftlichen Ordnungen überprüfen zu lassen, das Ergebnis dieser Überprüfung anzuerkennen und daraus tatsächliche Veränderungen hervorzubringen?
Darin sehe ich eine zentrale Frage menschlicher Zivilisationsfähigkeit.
Ausgangspunkt meiner Methode ist nicht eine fertige Theorie, sondern die plastische und handwerkliche Erfahrung: Eine Vorstellung trifft auf Material, Widerstand und Bedingungen. Daraus entsteht eine Tätigkeit, die Konsequenzen hervorbringt. Erst wenn diese Konsequenzen wahrgenommen, der ursprünglichen Vorstellung gegenübergestellt und zur Korrektur zugelassen werden, entsteht Lernen.
Diese Arbeitsweise übertrage ich als Forschungskunst auf die vom Menschen selbst hervorgebrachte Welt.
Der Mensch ist ein sehr spät entstandener, atmender, stoffwechselnder und verletzlicher Organismus innerhalb eines Milliarden Jahre alten planetarischen Wirkungs- und Abhängigkeitszusammenhangs. Gleichzeitig hat er eine zweite, symbolisch erzeugte Wirklichkeit hervorgebracht: Sprache, Geld, Eigentum, Preis, Recht, Beruf, Status, Unternehmen, Institutionen und Vorstellungen persönlicher Freiheit.
Diese Menschenwerke sind tatsächlich wirksam. Problematisch werden sie dort, wo ihre eigenen Erfolgsmaßstäbe – Gewinn, Wachstum, Preis, Besitz, Konkurrenz, Status und Aufmerksamkeit – stärker auf menschliches Verhalten zurückwirken als die langfristigen Konsequenzen innerhalb der gemeinsamen Existenzbedingungen.
So entstehen nicht nur Wirtschaftsformen, sondern Menschenbilder und Gewohnheiten. Was gesellschaftlich belohnt wird, wird sichtbar. Was sichtbar erfolgreich ist, wird bewundert. Was bewundert wird, wird zum Vorbild. Was zum Vorbild wird, kann verinnerlicht werden.
Der Besucher kommt deshalb nicht als unbeschriebenes Blatt in mein So-Heits-Atelier. Er bringt bereits ein Menschenkunstwerk mit, beispielsweise die scheinbar selbstverständliche Überzeugung:
„Ich gehöre mir selbst. Mein Körper gehört mir. Ich bin frei. Ich kann über mein Leben verfügen.“
Genau dort beginnt die künstlerische Prüfung.
Eine vergoldete Schultafel kann dieses zeitgenössische Glaubensbekenntnis sichtbar machen. Auf einer zweiten Tafel schreibt der Besucher mit Kreide seine eigene Vorstellung. Eine dritte stellt ihr den Organismus gegenüber:
Was sagt dein Körper dazu?
Hast du ihn selbst hergestellt?
Kannst du deinen Stoffwechsel kündigen?
Erzeugst du deine Atemluft selbst?
Wo endet deine Freiheit, wenn ihre Tätigkeitsfolgen andere Menschen und gemeinsame Lebensbedingungen erreichen?
Die Methode des So-Heits-Ateliers besteht damit nicht in Belehrung, sondern in Gegenüberstellung.
Vorstellung trifft auf Körper.
Eigentum auf Abhängigkeit.
Preis auf Beschaffenheit.
Rolle auf Person.
wirtschaftlicher Erfolg auf Tätigkeitskonsequenz.
gesellschaftliche Anerkennung auf planetarische Tragfähigkeit.
Mein mehr als fünfzigjähriges Werk wird dafür nicht als Retrospektive präsentiert, sondern als Werkzeuglager einer öffentlichen Versuchsanordnung: Schultafeln, Fotografien, Collagen, Wellen- und Deichmodelle, Kartoffel und Gold, Frage-und-Antwort-Tische, Rollen- und Theaterformen, Astronaut, Folien, Mitmachbuch und die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde werden zu unterschiedlichen Prüfgegenübern.
Die 24-Stunden-Uhr kalibriert dabei unseren zeitlichen Maßstab. Von meiner Experimentellen Umweltgestaltung 1975 bis zur Eröffnung der documenta 16 2027 vergeht auf einer auf 24 Stunden komprimierten Erdgeschichte ungefähr eine Millisekunde. In einem Bruchteil dieser Zeit hat der Millisekunden-Mensch eine globalisierte Kauf-, Eigentums-, Status- und Kommunikationswelt hervorgebracht, deren Wirkungsmacht heute tief in Milliarden Jahre alte Existenzbedingungen eingreift.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht mehr nur: Was versteht der Mensch?
Sondern:
Ist er reparaturfähig?
Kann er sich und seine Menschenwerke überhaupt überprüfen lassen? Kann er ein Ergebnis anerkennen, das seinen Überzeugungen, Gewohnheiten, Interessen, Belohnungssystemen oder seiner Identität widerspricht? Und kann aus dieser Anerkennung eine veränderte Tätigkeit und schließlich eine neue gesellschaftliche Gewohnheit entstehen?
Der Arbeitsprozess des Ateliers lässt sich auf wenige Fragen verdichten:
Was stelle ich mir vor?
Was tue ich aufgrund dieser Vorstellung?
Welche Wirkungen entstehen?
Wer erhält den Nutzen und wer trägt die Folgen?
Was kommt tatsächlich zurück?
Wo wird diese Rückmeldung unterbrochen?
Bin ich bereit, das Ergebnis anzuerkennen?
Was müsste ich verändern?
Folien und Mitmachbuch machen diese Prüfung individuell bearbeitbar. Frage-und-Antwort-Tische übertragen sie in den öffentlichen Raum. Die Plattform Globale Schwarm-Intelligenz verbindet unterschiedliche Erfahrungen, Fragen und Rückmeldungen über Ort und Zeit hinweg; KI dient dabei als Werkzeug der Gegenüberstellung und zugleich selbst als Prüfgegenstand.
Das So-Heits-Atelier wäre deshalb keine Ausstellung einer neuen Weltanschauung. Auch seine eigenen Begriffe und Modelle müssen korrigierbar bleiben.
Seine zugespitzte Arbeitshypothese lautet:
Zivilisationsfähigkeit ist Reparaturfähigkeit.
Die entscheidende Frage an den Besucher – und zugleich an die documenta als Institution – lautet deshalb:
Wie weit sind wir bereit, unsere eigenen Überzeugungen, Leitbilder, Macht- und Belohnungsstrukturen von den Konsequenzen verändern zu lassen, die sie tatsächlich hervorbringen?
