Der gemeinsame Kern: Widerspruch als Grundzustand des Menschen

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Im Zentrum deiner bisherigen Argumentation steht nicht „der Mensch“ als fertige Definition, sondern der Mensch als widersprüchliches Betriebsgeschehen: ein Stoffwechselwesen, das nur in fortlaufenden Abhängigkeitsketten existiert, und zugleich ein Symbolwesen, das sich in Zeichen, Titeln, Modellen, Idealen und Geltungsbehauptungen eine zweite Realität baut. Diese Doppelstruktur erzeugt einen permanenten Konflikt zwischen dem, was nicht verhandelbar ist (Körper, Zeit, Energie, Grenzen, Sterblichkeit), und dem, was in Symbolwelten verhandelbar gemacht werden kann (Bedeutung, Status, Recht, Wahrheit, Identität). „Immer doppelt gedacht“ meint dann nicht bloß eine rhetorische Figur, sondern die reale Notwendigkeit, dass jede menschliche Selbst- und Weltbeschreibung in zwei inkompatiblen Regimen zugleich operiert: im Regime der Tragfähigkeit und im Regime der Geltung.

Drei Schichten, zwei Wahrheitsregime

Dein Schichtenmodell ordnet diese Doppelung. Die unterste Schicht „Funktionieren/Existenz“ ist eine Ebene harter Rückkopplung: Was nicht funktioniert, bricht ab. Die zweite Schicht „Stoffwechsel/Leben“ ist die Ebene der fortlaufenden Abhängigkeit: Atem, Temperatur, Wasser, Nahrung, Regeneration, Belastungsgrenzen. Erst in der dritten Schicht „Symbolwelten/Konstrukte“ entstehen Begriffe wie Eigentum, Rang, moralische Reinheit, metaphysische Sicherheit oder „Ich bin X“ als stabile Identität. Diese dritte Schicht kann die unteren Schichten zwar interpretieren, organisieren und koordinieren, sie kann sie aber nicht ersetzen. Genau hier liegt die strukturelle Widersprüchlichkeit: Symbolische Ordnung wird häufig so behandelt, als könne sie die Trägerbedingungen der unteren Schichten überstimmen. In deiner Diagnose ist das der Kern der modernen Entkopplung.

Wenn „alles doppelt“ gedacht wird, dann deshalb, weil jede Aussage über Menschen zugleich als symbolische Behauptung und als stofflich-funktionale Probe gelesen werden muss. „Geltung“ ohne Rückbindung wird zur Selbstberuhigung; „Funktion“ ohne symbolische Übersetzung bleibt blind für Koordination, Verantwortung und gemeinsame Maßstäbe. Die Doppelung ist also zugleich Problem und notwendige Architektur.

Symmetriedualismus als Erkenntnisfalle

Deine Kritik am 50:50-Symmetriedualismus beschreibt, wie die Doppelstruktur in eine starre Spaltung kippt: Symbolisches und Stoffliches werden als gleichrangige, getrennte Sphären behandelt, die sich spiegelbildlich legitimieren, statt sich asymmetrisch zu koppeln. In dieser Logik kann die Symbolwelt den Eindruck erzeugen, sie sei eine eigene „Geltungswelt“, die sich selbst trägt. Die Folge ist ein Erkenntnisstil, der ständig doppelt setzt: hier das Ideal, dort die Wirklichkeit; hier der Begriff, dort das Ding; hier das „wahre Selbst“, dort der Körper; hier die rechtliche Ordnung, dort die ökologische Realität. Diese Doppelsetzung wird nicht als Übersetzungsarbeit verstanden, sondern als ontologische Zweiteilung, die erlaubt, die Rückmeldung der unteren Ebenen abzuwehren oder zu vertagen.

So entsteht jene von dir beschriebene kindliche Trotzfigur als Strukturphänomen: Das „trotzige Kind“ ist nicht primär Psychologie, sondern eine Zivilisationsform, in der Symbolsysteme sich gegenüber den Rückkopplungen der Existenz behaupten wollen. Das Trotzige liegt darin, dass Geltung gegen Tragfähigkeit ausgespielt wird, als könne Anerkennung, Titel, Wahrheitssätze oder moralische Überlegenheit den Stoffwechsel „überlisten“. In deinem Rahmen ist das zwangsläufig instabil, weil die unteren Schichten nicht mitdiskutieren, sondern reagieren.

Minimalasymmetrie als Kopplungsprinzip

Das 51:49-Prinzip markiert in deinem Ansatz den Gegenentwurf: nicht die Abschaffung der Symbolwelt, sondern ihre Rückbindung durch eine minimale, aber entscheidende Asymmetrie zugunsten der Trägerbedingungen. Minimalasymmetrie heißt hier, dass Symbolik stets einen kleinen, strukturellen Nachrang gegenüber Funktionieren und Stoffwechsel anerkennt. Es ist keine romantische „Naturherrschaft“, sondern ein Kalibrierprinzip: Die symbolische Ordnung bleibt möglich, kreativ und produktiv, aber sie wird permanent auf die Rückmeldung der unteren Ebenen verpflichtet.

„Immer doppelt gedacht“ bekommt damit eine präzise Bedeutung: Jede symbolische Setzung wird zugleich als Hypothese verstanden, die am Widerstand der Wirklichkeit geprüft wird. Die Doppelung wird nicht mehr zur Spaltung (zwei Welten), sondern zur Kopplung (zwei Perspektiven auf denselben Prozess): Symbolik als Entwurf, Stoffwechsel als Test.

Erkenntnis als Zuordnungsarbeit unter Rückkopplungsdruck

Was du „Zuordnungen“ nennst, ist in diesem Rahmen der eigentliche Erkenntnisprozess: fortlaufend zu klären, welcher Satz, welcher Begriff, welcher Wertanspruch in welcher Schicht verankert ist und welche Art von Gültigkeit er hat. Erkenntnis ist dann weniger das Finden ewiger Wahrheiten als das Herstellen belastbarer Übersetzungen zwischen Schichten. Ein Satz kann in der Symbolwelt elegant sein und zugleich in der Stoffwechselwelt zerstörerische Konsequenzen erzeugen. Umgekehrt kann eine stofflich-funktionale Einsicht ohne symbolische Anschlussfähigkeit gesellschaftlich wirkungslos bleiben. Die wissenschaftliche Aufgabe liegt daher nicht nur im Erklären, sondern im Kalibrieren: Begriffe so zu bauen, dass sie Rückmeldung aufnehmen, Zuständigkeiten klären und Folgen sichtbar halten.

An dieser Stelle wird auch dein „Prüfsystem“ als Plattformlogik verständlich: Es geht nicht um eine weitere Erzählung, sondern um ein Verfahren, das Geltung an Tragfähigkeit koppelt. In dieser Perspektive ist die zentrale Widersprüchlichkeit des Menschen nicht zu „lösen“ wie ein Fehler, sondern zu führen wie eine Maschine mit Rückkopplung: Der Mensch kann Symbolwelten nicht vermeiden, aber er kann entscheiden, ob sie als Entkopplungsdesign (Verdrängung von Grenzen) oder als Kopplungsdesign (Übersetzung von Grenzen in Verantwortung, Maß und Praxis) operieren.