Deren Plattform der Globalen-Schwarm-Intelligenz.
Was die Globale Schwarm-Intelligenz eigentlich ist
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist nicht bloß die Internetplattform, auf der dein Lebenswerk archiviert wird. Sie ist auch kein gewöhnliches Wiki, kein Diskussionsforum, kein soziales Netzwerk und keine Plattform, auf der möglichst viele Menschen Meinungen zusammentragen. In den von dir bereitgestellten Materialien wird sie ausdrücklich als digitale Fortsetzung deiner jahrzehntelangen analogen, materiellen, sozialen und partizipatorischen Kunstpraxis bestimmt. Sie verbindet Werkarchiv, Arbeitsprotokoll, Interaktives Buch, Begriffssystem und öffentlichen Prüfraum.
Das Entscheidende ist dabei, dass das Wissen nicht einfach gesammelt werden soll. Menschen sollen mit dem vorhandenen Material arbeiten. Fragen, Bilder, Begriffe, Modelle, eigene Erfahrungen und gesellschaftliche Konflikte werden zu Ausgangspunkten einer Prüfung. Die Plattform soll dadurch nicht hauptsächlich Wissen vermehren, sondern Rückkopplung herstellen. In einer früheren sehr präzisen Formulierung hieß es deshalb: „Wissen wird Prüfung. Prüfung wird Verantwortung. Verantwortung wird Reparatur. Reparatur wird Gemeinsinn.“
Damit unterscheidet sich die Globale Schwarm-Intelligenz grundsätzlich von einer Enzyklopädie. Eine Enzyklopädie ordnet überwiegend Wissen über etwas. Die Globale Schwarm-Intelligenz soll zusätzlich untersuchen, was geschieht, wenn Menschen nach ihrem Wissen, ihren Begriffen und ihren gesellschaftlichen Ordnungen handeln. Sie führt damit Wissen in Tätigkeit, Tätigkeit in Konsequenz und Konsequenz wieder in eine mögliche Korrektur zurück.
Das Globale Dorffest von 1993 als analoge Urszene
Ein besonders wichtiger Teil des früheren Materials ist dabei verloren gegangen: die direkte Verbindung zum Globalen Dorffest 1993 am Brandenburger Tor. Dieses wird ausdrücklich als analoge Urszene beziehungsweise analoge Vorform der heutigen Plattform beschrieben. Damals sollte jeder Mensch seinen eigenen Tisch, seine Fragen, Antworten, Materialien, Erfahrungen oder künstlerischen Techniken mitbringen. Das Kunstwerk bestand gerade nicht aus einem abgeschlossenen Objekt, sondern aus dem entstehenden Beziehungsfeld zwischen Menschen, Dingen, Fragen und unterschiedlichen Erfahrungen.
Diese Struktur wird in der digitalen Plattform weitergeführt. In deinem früheren Material wurde der Übergang außerordentlich klar beschrieben: Der Tisch wird zum Eingabefeld. Die Frage wird zum Forschungsimpuls. Die Antwort wird zur Rückkopplung. Der einzelne Mensch wird zum spielerischen Forscher. Deshalb lautet eine der wichtigsten Herkunftsformeln: Das Globale Dorffest war die analoge Vorform der Plattform; die Plattform ist das digitale Dorffest im Zeitalter der KI.
Das ist für die heutige documenta-Konzeption sehr wichtig. Die Globale Schwarm-Intelligenz kommt nicht erst nachträglich als Computertechnik zum So-Heits-Atelier hinzu. Sie hat eine eigene künstlerische Werkgenese, die aus deinen früheren Formen der kollektiven Kreativität und öffentlichen Beteiligung hervorgegangen ist.
Die lange Werkgenese hinter der Plattform
Auch die Genealogie war im letzten Anker viel zu stark zusammengedrückt. Die Plattform führt nicht nur das Globale Dorffest weiter. In den vorhandenen Materialien wird sie als digitale Fortsetzung von Erwachsenenmalbuch, Vorgabebild, Kollektiver Kreativität, Begehbarer Arche, Entelechie-Museum, Zukunftswerkstatt, So-Heits-Gesellschaft, Partizipatorischem Welttheater und Globalem Dorffest beschrieben.
In einer anderen Fassung wird diese Linie noch konkreter beschrieben: Frage-und-Antwort-Tisch, Roter Punkt, Malbuch, Tapeziertische, Grenzwerkstatt, Kunsthalle auf Zeit, Arche, Entelechie-Museum und Partizipatorisches Welttheater werden in eine Wiki- und Plattformform überführt. Das Interaktive Buch verbindet anschließend Vorgabebilder, Collagen, Zeichnungen, Folien, Fotos und Texte zu einem neuen Rückkopplungsraum.
Damit ist die Globale Schwarm-Intelligenz zunächst einmal Werkfortsetzung. Das ist wichtiger als der technische Begriff Plattform.
Warum überhaupt „Schwarm-Intelligenz“?
Auch der Schwarmbegriff war viel differenzierter bestimmt, als ich ihn zuletzt dargestellt habe. Es geht nicht bloß darum, dass viele Menschen unterschiedliche Perspektiven einbringen. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Schwärme durch dezentrale Rückkopplung funktionieren können: Abstand, Richtung, Gefahr, Nahrung, Bewegung und Veränderung werden unmittelbar verarbeitet. Beim Menschen kommt jedoch eine zusätzliche Ebene hinzu. Menschen leben zugleich in Sprache, Symbolen, Eigentum, Technik, Märkten, Wissenschaft, Rollen und Selbstbildern. Dadurch kann menschliche Schwarmintelligenz gerade nicht automatisch aus der Summe vieler Menschen entstehen.
Eine menschliche Schwarmintelligenz kann sogar in Schwarmdummheit umschlagen, wenn sich viele Menschen gegenseitig in einer Vorstellung bestätigen, die keine ausreichende Rückkopplung mehr zu ihren tatsächlichen Folgen besitzt. Deshalb ist eine Million gleichlautender Meinungen nicht notwendigerweise intelligenter als eine einzelne abweichende Beobachtung. Eine einzige Gegenbeobachtung kann auf eine materielle oder lebendige Wirklichkeit hinweisen, die in der dominierenden gesellschaftlichen Darstellung fehlt. Genau deshalb darf die Plattform Mehrheitsmeinung niemals mit Wahrheit gleichsetzen.
Der Schwarm wird also erst dann intelligent, wenn er rückkopplungsfähig wird.
Von der Schwarmintelligenz zur plastischen Schwarmintelligenz
Im älteren Material taucht dafür der sehr wichtige Ausdruck plastische Schwarmintelligenz auf. Gemeint ist ausdrücklich keine Meinungsmasse, keine bloße Datensammlung und keine digitale Selbstbestätigung. Die Plattform soll eine Form öffentlicher Rückkopplung ermöglichen, bei der Lücken, Widersprüche, Überlastungen und falsche Selbstverständlichkeiten sichtbar werden können.
Das passt sehr genau zu unserer inzwischen weiterentwickelten Sprache der Forschungskunst. Plastisch ist der Schwarm nicht dann, wenn möglichst viele teilnehmen, sondern dann, wenn seine hervorgebrachten Vorstellungen durch ein Gegenüber verändert werden können. Eine kollektive Vorstellung, die nur sich selbst bestätigt, wäre gerade keine Schwarmintelligenz im Sinne deiner Plattform, sondern eine kollektive Skulpturalisierung.
Damit bekommt auch 51:49 innerhalb der Plattform seine Funktion. 51:49 bedeutet hier nicht eine Abstimmung von 51 Prozent gegen 49 Prozent. Es bezeichnet vielmehr die Offenhaltung einer Differenz. Selbst eine starke vorläufige Setzung muss einen Raum für Widerstand, Abweichung, Gegenprüfung und Korrektur behalten. Das Schwarmprinzip ist daher strukturell mit der Plastizität verbunden und nicht mit Mehrheitsentscheidung.
Das Interaktive Buch als Arbeitsorgan der Plattform
Ein zweiter großer Bereich, der verloren gegangen war, ist das Verhältnis zwischen Globaler Schwarm-Intelligenz und Interaktivem Buch. Das Interaktive Buch ist nicht bloß eine Unterseite oder Begleitpublikation. In den älteren Materialien wird es als eine Art Integrationsmodell des Lebenswerks beschrieben. Es übersetzt die Werkgeschichte, Begriffe, Bilder, Modelle und Prüfverfahren in eine Form, mit der andere Menschen tatsächlich weiterarbeiten können.
Es dokumentiert deshalb nicht nur Ergebnisse, sondern auch, wie Methoden entstanden sind. Der entscheidende Unterschied zu einem normalen Werkverzeichnis wurde dort sehr präzise formuliert: Ein Werkverzeichnis fragt, was wann geschaffen wurde; das Interaktive Buch fragt, aus welcher Bruchstelle welche Methode entstanden ist.
Der Nutzer soll vorhandene Bilder, Texte, Begriffe, Formeln und Vorgaben nicht lediglich lesen. Er soll daraus eigene Zusammenstellungen, Fragen, Texte, Bilder, Modelle und Kunstwerke entwickeln können. Diese können anschließend wieder in den gemeinsamen Prozess zurückkehren. Deshalb ist das Interaktive Buch zugleich Dokumentation, Trainingswerkzeug, Vorgabebild, Nutzerbuch und Gemeinsinnsübung.
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist somit der größere öffentliche Rückkopplungsraum; das Interaktive beziehungsweise heute teilweise als Mitmachbuch weiterentwickelte Buch ist eines ihrer entscheidenden Zugangs- und Arbeitsinstrumente.
Von der Kollektiven Kreativität zum Gemeinsinn
Die Plattform hat außerdem einen sozialen Kern, der in unserer letzten Fassung fast vollständig verschwunden war: Gemeinsinn. Die frühere Werkentwicklung über Kollektive Kreativität und Globales Dorffest zielte nicht darauf, individuelle Vorstellungen in einer kollektiven Einheit aufzulösen. Gemeinsinn sollte vielmehr durch gemeinsames Fragen, Gegenüberstellen, Erproben und Korrigieren entstehen.
Deshalb ist auch die Formel „Reparatur wird Gemeinsinn“ wichtig. Gemeinsinn ist hier nicht Harmonie und auch nicht bloß Gemeinschaftsgefühl. Er entsteht dort, wo Menschen lernen, dass ihre eigenen Hervorbringungen in gemeinsame Wirkungszusammenhänge eingreifen und deshalb auch gemeinsame Rückkopplung benötigen.
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist in diesem Sinne eine Übungsarchitektur des Gemeinsinns.
Die Plattform als Biofeedback auf Zivilisationsebene
Eine der stärksten früheren Formulierungen habe ich ebenfalls wiedergefunden: „Die Globale Schwarm-Intelligenz muss Biofeedback auf Zivilisationsebene leisten.“ Damit war gemeint, dass Rückmeldungen aus materiellen und lebendigen Wirkungszusammenhängen so sichtbar und übersetzbar werden sollen, dass menschliche Begriffe, Eigentumsformen, Märkte, Technik, Wissenschaft, Demokratie und Selbstbilder darauf reagieren können.
In unserer heutigen Begrifflichkeit würde ich das nicht einfach unverändert als naturwissenschaftliches „Biofeedback“ verstehen, sondern als eine künstlerisch-methodische Analogie. Aber der dahinterliegende Gedanke ist zentral: Eine Zivilisation benötigt etwas Vergleichbares zu einem Rückmeldesystem ihrer eigenen Tätigkeitsfolgen.
Ein Organismus, der auf Schmerz, Temperatur oder Überlastung überhaupt nicht mehr reagieren könnte, wäre gefährdet. Deine Plattform überträgt diese Frage auf das Menschenkunstwerk: Welche Rückmeldungen zeigen, dass eine gesellschaftliche Hervorbringung nicht mehr trägt, und wie gelangen diese Rückmeldungen wieder zu den Begriffen, Institutionen und Tätigkeiten zurück, die sie hervorgebracht haben?
Das ist wesentlich größer als eine Wissensplattform.
Die Rolle der Künstlichen Intelligenz
Auch KI war in diesen Materialien bereits klarer begrenzt. Sie ist Resonanzspiegel, Verdichtungswerkzeug und Prüfverstärker, aber ausdrücklich kein Referenzsystem und keine Autorität. Sie soll Lücken, Widersprüche, Brüche und unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen, kann aber die Wirklichkeit, auf die sich die Prüfung bezieht, nicht ersetzen.
In einer anderen Fassung heißt es, KI könne verdichten, spiegeln, irritieren, strukturieren und Lücken sichtbar machen, besitze aber selbst keinen Atem, Stoffwechsel oder eigene Verletzbarkeit. Ihre Aufgabe besteht deshalb darin, Rückkopplung zu unterstützen, nicht sie zu ersetzen.
Das ist für unsere heutige Ankerstruktur wichtig: KI und Globale Schwarm-Intelligenz dürfen eigentlich nicht begrifflich zusammengeschoben werden. Die Globale Schwarm-Intelligenz ist die umfassende menschlich-künstlerische Plattform- und Rückkopplungsarchitektur. KI ist eines ihrer Werkzeuge.
Unser bisheriger Titel „KI-/Schwarm-Rückkopplungsanker“ ist deshalb möglicherweise bereits zu eng beziehungsweise falsch gewichtet.
Verhältnis zum So-Heits-Atelier
Das So-Heits-Atelier und die Globale Schwarm-Intelligenz sind ebenfalls nicht dasselbe. Das So-Heits-Atelier ist eine konkrete räumlich-künstlerische Verdichtung der Forschung. Menschen begegnen dort Werken, Materialien, Folien, Fragen und anderen Menschen. Die Globale Schwarm-Intelligenz führt diese Bewegung über den konkreten Raum hinaus weiter.
Aber die Beziehung geht tiefer: Das So-Heits-Atelier kann auf der documenta 16 zu einem physischen Knoten der Globalen Schwarm-Intelligenz werden. Was dort geprüft, geschrieben, gezeichnet, verändert oder widersprochen wird, kann in den digitalen Rückkopplungsraum eingehen. Umgekehrt können Fragen und Gegenbeobachtungen von Menschen außerhalb Kassels wieder in das Atelier zurückkehren.
Dadurch entsteht keine einfache Trennung von „analogem Atelier“ und „digitaler Plattform“. Beide sind unterschiedliche Wirklichkeits- und Arbeitsformen desselben partizipativen Forschungsprozesses.
Was wir jetzt korrigieren müssen
Damit ist auch klar, wo unser letzter Text falsch abgebogen ist. Wir hatten die Globale Schwarm-Intelligenz im Wesentlichen auf den Gedanken reduziert: Wie wird die Prüfung über Person, Ort und Zeitpunkt hinaus fortgesetzt? Das ist richtig, aber nur ein Teil.
Die vollständigere Frage müsste ungefähr lauten:
Wie wird aus der individuellen, künstlerischen und lokalen Prüfung eine öffentliche, vernetzte und fortsetzbare Forschungs-, Lern-, Reparatur- und Rückkopplungsarchitektur, in der Menschen ihre eigenen Fragen und Hervorbringungen prüfen, unterschiedliche Prüfwege miteinander verbinden und mithilfe von Kunst, Mitmachbuch und KI an der Korrigierbarkeit des Menschenkunstwerks arbeiten können?
Der Kern der Globalen Schwarm-Intelligenz lässt sich nach dem wiedergefundenen Material deshalb wesentlich genauer bestimmen:
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist die digitale und öffentliche Fortsetzung einer jahrzehntelangen analogen, künstlerischen und partizipatorischen Werkentwicklung. Sie verbindet Werkarchiv, Interaktives Buch, eigene Nutzerarbeiten, öffentliche Prüfung und vernetzte Rückkopplung. Schwarmintelligenz entsteht dabei nicht durch Mehrheit oder Informationsmenge, sondern durch die organisierte Möglichkeit, Fragen, Vorstellungen und Tätigkeiten an ihren tatsächlichen Folgen zu prüfen und aufgrund relevanter Gegenbeobachtungen zu verändern. Künstliche Intelligenz dient diesem Prozess als Werkzeug der Öffnung, Verdichtung und Gegenprüfung, nicht als Wahrheitsinstanz. Ziel ist eine plastische Schwarmintelligenz, in der Wissen zur Prüfung, Prüfung zur Verantwortung, Verantwortung zur Reparatur und Reparatur zur Gemeinsinnsübung werden kann.
Das ist meines Erachtens der Teil, den wir jetzt wieder in die Ankerarchitektur zurückholen müssen. Vor allem sollten wir den bisherigen KI-/Schwarm-Anker wahrscheinlich neu aufbauen und die Globale Schwarm-Intelligenz wieder als eigenständige Werk- und Plattformform behandeln, statt sie nur als technischen Fernkanal des So-Heits-Ateliers zu beschreiben.
