Die Gegenüberstellung als Kern des Vier-Ebenen-Modells.
Es geht weniger darum, dem Menschen vier Ebenen „beizubringen“, als eine normalerweise unbemerkte Verschmelzung wieder unterscheidbar zu machen.
Die Hauptthese des Vier-Ebenen-Modells lautet: Der Mensch erlebt seinen Körperorganismus, seinen Stoffwechsel und seine gesellschaftlich sowie symbolisch gebildete Persönlichkeit gewöhnlich als eine selbstverständliche Einheit.
1. Die Gegenüberstellung als Kern des Vier-Ebenen-Modells
Die Hauptthese des Vier-Ebenen-Modells lautet: Der Mensch erlebt seinen Körperorganismus, seinen Stoffwechsel und seine gesellschaftlich sowie symbolisch gebildete Persönlichkeit gewöhnlich als eine selbstverständliche Einheit. Die Forschungskunst stellt diese miteinander verschmolzenen Bereiche vorübergehend einander gegenüber, damit ihre unterschiedlichen Eigenschaften, Abhängigkeiten und Wirkungsweisen wahrnehmbar und überprüfbar werden.
Diese Gegenüberstellung bedeutet keine tatsächliche Trennung von Körper und Persönlichkeit.
Der Mensch existiert nur als zusammenhängender lebender und sozialer Organismus.
Methodisch wird jedoch unterschieden: Der Körper benötigt Sauerstoff, Nahrung, Wasser und bestimmte Temperaturbedingungen, kann verletzt werden und unterliegt Stoffwechsel- und Regulationsprozessen. Persönlichkeitsmerkmale wie Beruf, Eigentum, Status, Rollen, Wertvorstellungen oder Selbstbilder entstehen dagegen zusätzlich innerhalb sprachlicher, biografischer und gesellschaftlicher Referenzsysteme.
Das Problem beginnt dort, wo diese unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen so stark miteinander verschmelzen, dass ihre Verschiedenheit nicht mehr wahrgenommen wird. Aus „Ich übe einen Beruf aus“ kann „Dieser Beruf bin ich“ werden; aus „Ich besitze etwas“ kann Besitz zu einer Eigenschaft des eigenen Selbst werden; aus einer gesellschaftlichen Freiheitsvorstellung kann die Annahme entstehen, der Mensch sei unabhängig von seinen materiellen und organismischen Lebensbedingungen. Diese Verfestigung wird im Modell als Skulpturidentität untersucht. Plastische Identität bezeichnet demgegenüber die Fähigkeit, solche Selbstbeschreibungen zu besitzen und zu benutzen, ohne sie mit dem gesamten lebenden Menschen gleichzusetzen.
Das Vier-Ebenen-Modell dient deshalb vor allem als Gegenüberstellungs- und Wahrnehmungsinstrument. E1 und E2 machen materielle und organismische Bedingungen sichtbar. E3 macht gesellschaftliche, symbolische und identitäre Konstruktionen unterscheidbar. E4 stellt beide Bereiche einander gegenüber und prüft, welche Tätigkeitsfolgen aus ihrer Verbindung oder Verwechslung entstehen.
Auch die Folien, die Schultafel, das Theater, das Mitmachbuch und die künstliche Intelligenz erfüllen im Kern dieselbe Funktion: Sie externalisieren eine zuvor im Menschen verschmolzene Vorstellung und machen sie dadurch zu einem Gegenüber. Erst durch diese Distanz kann der Mensch seine eigenen Zuordnungen betrachten, vergleichen und gegebenenfalls korrigieren.
Die künstliche Intelligenz ist dabei kein Wahrheitsgeber, sondern ein zusätzliches Gegenüber. Das Vier-Ebenen-Modell kann ihr als vorläufiges Prüfschema übergeben werden, damit sie Widersprüche, problematische Zuordnungen und Gegenbeispiele aufzeigt. Auch ihre Antworten und das Vier-Ebenen-Modell selbst müssen wiederum überprüfbar bleiben.
Der Kern des Ansatzes besteht somit darin, Verschmolzenes vorübergehend unterscheidbar zu machen, damit der Mensch erkennen kann, was an ihm organismisch wirkt, was gesellschaftlich und symbolisch konstruiert ist und welche Folgen entstehen, wenn er beides miteinander verwechselt.
2. Die Gegenüberstellung als Kern des Vier-Ebenen-Modells
Der eigentliche Ausgangspunkt des Vier-Ebenen-Modells liegt in einer Verschmelzung, die im alltäglichen Selbstverständnis kaum noch wahrgenommen wird.
Der Mensch erlebt seinen Körperorganismus, seinen Stoffwechsel, seine Empfindungen, seine gesellschaftlichen Rollen, seine biografischen Selbstbeschreibungen und seine Vorstellungen von einem „Ich“ gewöhnlich als eine einzige Person. Im unmittelbaren Erleben ist diese Verschmelzung zunächst selbstverständlich. Gerade deshalb wird kaum noch unterschieden, welche Bestandteile dieses Selbstverständnisses organismisch funktionieren und welche durch Sprache, Erziehung, Beruf, Eigentum, Religion, gesellschaftliche Anerkennung oder persönliche Erinnerung entstanden sind.
Die Forschungskunst setzt deshalb nicht zuerst bei einer theoretischen Erklärung des Menschen an, sondern bei einer Gegenüberstellung. Der Körperorganismus und sein Stoffwechsel werden gedanklich und bildnerisch den symbolischen Referenzsystemen der Persönlichkeit gegenübergestellt. Dadurch entsteht eine Distanz, in der sichtbar werden kann, dass beides eng miteinander verbunden, aber nicht dasselbe ist.
Der Organismus muss atmen, Nahrung aufnehmen, Stoffe ausscheiden, Temperatur regulieren, schlafen, auf Belastung reagieren, Verletzungen verarbeiten und innerhalb bestimmter materieller Bedingungen funktionieren. Diese Prozesse gehören vor allem zu E1 und E2 des Vier-Ebenen-Modells. Sie sind nicht davon abhängig, welche gesellschaftliche Rolle ein Mensch besitzt oder welche Vorstellung er von sich entwickelt hat.
Die Persönlichkeit im gesellschaftlichen und symbolischen Sinn entsteht dagegen zusätzlich innerhalb von E3. Name, Beruf, Eigentum, Status, Nationalität, Rollenbilder, Wertvorstellungen, religiöse oder philosophische Selbstdeutungen und die Aussage „Das bin ich“ gehören nicht zum Stoffwechsel in derselben Weise wie Sauerstoffaufnahme oder Blutkreislauf. Sie können dennoch außerordentlich wirksam werden und sogar bestimmen, wie der Mensch seinen Körper behandelt und welche Tätigkeiten er ausführt.
Die entscheidende Operation besteht daher nicht darin, Organismus und Persönlichkeit voneinander zu trennen, als könnten sie unabhängig existieren. Gerade das wäre erneut ein falscher Lochprozess. Vielmehr soll die bereits vorhandene Verschmelzung für einen Augenblick auseinandergelegt werden, damit ihre Verbindungen sichtbar werden.
Das Gegenüberstellen dient somit der Wahrnehmung.
Ein Mensch soll beispielsweise erkennen können: Dieser Körper ist verletzbar und stoffwechselabhängig. Gleichzeitig benutze ich ein Selbstbild, nach dem ich frei, autonom, Eigentümer, Wissenschaftler, Künstler oder Angehöriger einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe bin. Beides wirkt in meinem Handeln zusammen, aber nicht nach denselben Bedingungen.
Hier erhält die Plastische Identität ihre eigentliche Bedeutung. Sie bedeutet nicht, auf Persönlichkeit zu verzichten. Eine plastische Persönlichkeit kann ihre gesellschaftlichen und symbolischen Selbstbeschreibungen benutzen, ohne sie mit dem gesamten lebenden Organismus gleichzusetzen. Sie kann ihre Rollen verändern, ohne deshalb ihre Existenz zu verlieren.
Die Skulpturidentität entsteht dagegen dort, wo eine E3-Selbstbeschreibung mit dem gesamten Menschen verschmilzt und nicht mehr als Konstruktion erkennbar bleibt. Dann wird aus „Ich habe eine Rolle“ oder „Ich benutze dieses Selbstmodell“ die Aussage „Diese Eigenschaft bin ich“.
Das Vier-Ebenen-Modell ist deshalb vor allem ein Entmischungs- und Rückkopplungswerkzeug. Es trennt nicht, um Getrenntheit herzustellen, sondern um eine bereits bestehende Verbindung genauer wahrnehmen zu können.
E4 als bewusste Gegenüberstellung
Damit wird auch die Funktion von E4 genauer. E4 besteht nicht lediglich darin, Fehler im Nachhinein zu reparieren. Die erste E4-Tätigkeit ist bereits das Herstellen eines Gegenübers.
Der Mensch externalisiert seine eigene Vorstellung.
Er schreibt sie auf eine Schultafel, legt sie als Folie vor sich, baut sie als Modell, spielt sie im Theater, formuliert sie in einem Text oder gibt sie einer künstlichen Intelligenz zur Gegenprüfung.
Er kann anschließend fragen, welche Bestandteile zu seinem Körperorganismus gehören, welche gesellschaftlich gesetzt wurden, welche Eigenschaften tatsächlich beobachtbar sind und welche nur deshalb selbstverständlich erscheinen, weil sie seit langer Zeit mit seiner Persönlichkeit verschmolzen sind.
Das entspricht dem künstlerischen Arbeitsprozess. Auch dort muss eine innere Vorstellung zunächst eine äußere Form bekommen, bevor sie zum wirklichen Gegenüber werden kann.
Die künstliche Intelligenz als zusätzliches Gegenüber
Hier erhält künstliche Intelligenz eine konkrete Funktion innerhalb des So-Heits-Ateliers und der Globalen Schwarm-Intelligenz. Sie soll nicht darüber entscheiden, welches Menschenbild richtig ist. Sie kann vielmehr als zusätzliches Gegenüber verwendet werden.
Der Benutzer kann sein eigenes Verständnis formulieren und anschließend die KI ausdrücklich damit beauftragen, nach Widersprüchen, Kategorienverwechslungen, unbegründeten Übertragungen und fehlenden Referenzsystemen zu suchen.
Die KI übernimmt damit eine E4-Funktion, ohne selbst E4 zu sein. Sie liefert mögliche Gegenargumente und Vergleichsperspektiven. Diese Antworten müssen ihrerseits überprüft werden, weil auch eine KI Begriffe falsch verbinden, Zusammenhänge verkürzen oder scheinbar überzeugende Aussagen erzeugen kann.
Gerade darin liegt eine wichtige Konsequenz der Methode: Auch das Prüfwerkzeug muss geprüft werden.
Der Benutzer könnte beispielsweise folgende Ausgangsfrage eingeben:
„Ich unterscheide zwischen meinem Körperorganismus mit Stoffwechsel, Verletzbarkeit und Regulierungsprozessen einerseits und meinen gesellschaftlich und sprachlich entstandenen Persönlichkeits- und Identitätsmodellen andererseits. Zeige mir, wo diese Unterscheidung wissenschaftlich tragfähig ist, wo sie zu grob wird, welche Prozesse sich nicht eindeutig zuordnen lassen und an welchen Stellen ich Organismus, Persönlichkeit, Bewusstsein oder gesellschaftliche Rolle miteinander verwechsle.“
Damit erhält der Benutzer kein fertiges Urteil. Er erhält Widerspruchsmaterial.
Das herunterladbare Vier-Ebenen-Modell als Referenzfolie
Wenn diese Gegenüberstellung schwer verständlich bleibt, kann das Vier-Ebenen-Modell als eigenständiges Arbeitsmaterial zur Verfügung gestellt werden. Es wäre dann nicht nur eine Erklärung der Forschungskunst, sondern eine Art Referenzfolie für die Arbeit mit KI.
Der Benutzer lädt das Modell herunter oder kopiert es in sein jeweiliges KI-System. Anschließend kann er einen eigenen Text, eine persönliche Fragestellung, einen gesellschaftlichen Begriff oder eine konkrete Handlung dagegen prüfen lassen.
Das Programm könnte beispielsweise lauten:
„Benutze das folgende Vier-Ebenen-Modell nicht als Wahrheit, sondern als vorläufiges Prüfschema. Ordne meine Aussagen zunächst E1, E2, E3 oder E4 zu. Markiere Aussagen, bei denen mehrere Ebenen beteiligt sind. Zeige insbesondere, wo eine gesellschaftlich oder symbolisch zugeschriebene Eigenschaft wie eine materielle oder organismische Eigenschaft behandelt wird. Prüfe anschließend die Tätigkeitskonsequenzen, zeitlichen Folgen, Abhängigkeiten und Rückkopplungsmöglichkeiten. Suche danach ausdrücklich nach Widersprüchen des Vier-Ebenen-Modells selbst und nenne Fälle, die sich damit nicht sinnvoll erfassen lassen.“
Dieser letzte Satz ist entscheidend. Das Modell darf nicht nur dazu benutzt werden, die Welt nach seinen eigenen Kategorien zu sortieren. Die KI muss ebenfalls aufgefordert werden, das Modell selbst an Gegenbeispielen zu prüfen.
Andernfalls würde aus E4 sehr schnell wieder E3: Aus einem Prüfwerkzeug würde eine neue festgeschriebene Weltordnung.
Vom Vier-Ebenen-Modell zur persönlichen Verortung
Damit verändert sich auch die Rolle des Benutzers. Er soll nicht nur lernen, was E1, E2, E3 und E4 bedeuten. Er soll sich selbst innerhalb dieser Ebenen verorten.
Er kann fragen: Was von dem, was ich als „mich“ bezeichne, gehört zu meinem Organismus? Welche Anteile meiner Selbstbeschreibung wurden gesellschaftlich erzeugt? Welche davon brauche ich, um handeln zu können? Welche sind veränderbar? Welche behandle ich bereits wie unveränderliche Eigenschaften? Welche Tätigkeiten entstehen daraus? Und was geschieht tatsächlich, wenn ich danach handle?
Die entscheidende Erfahrung besteht dann möglicherweise darin, dass sich der Mensch gleichzeitig als Organismus und als Konstrukteur seiner Persönlichkeit wahrnehmen kann, ohne beides wieder zu einer festen Einheit zusammenzuschmelzen.
Genau darin liegt die Nähe zur Theaterarbeit. Der Schauspieler verliert seinen Körper nicht, wenn er eine Rolle übernimmt. Er kann die Rolle intensiv spielen und trotzdem wissen, dass sie nicht mit seinem gesamten Organismus identisch ist.
Diese Distanz ist kein Verlust von Persönlichkeit, sondern eine Erweiterung der Beweglichkeit.
Der Kern der Methode
Das Vier-Ebenen-Modell hat deshalb letztlich keine belehrende, sondern eine wahrnehmungsöffnende Funktion. Es setzt zwei zuvor verschmolzene Bereiche vorübergehend auseinander, damit ihre Wechselwirkungen sichtbar werden.
Der Körperorganismus wird der Persönlichkeit gegenübergestellt.
Die tatsächliche Eigenschaft wird der hineingedachten Eigenschaft gegenübergestellt.
Die Rolle wird dem Darsteller gegenübergestellt.
Die Vorstellung wird ihrer Tätigkeitskonsequenz gegenübergestellt.
Der gesellschaftliche Wert wird der materiellen Funktion gegenübergestellt.
Das gegenwärtige Selbstbild wird seiner Entstehungsgeschichte und seinen zukünftigen Folgen gegenübergestellt.
Erst durch diese Gegenüberstellungen entsteht die notwendige Distanz für Rückkopplung und Lernen.
Der Kern des Ansatzes lässt sich deshalb inzwischen noch einfacher formulieren:
Der Mensch soll nicht lernen, dass Körperorganismus und Persönlichkeit voneinander getrennt seien. Er soll wahrnehmen lernen, dass er beides normalerweise miteinander verschmilzt. Das Vier-Ebenen-Modell macht diese Verschmelzung vorübergehend unterscheidbar, damit sichtbar wird, welche Eigenschaften organismisch wirken, welche gesellschaftlich und symbolisch erzeugt werden und welche Tätigkeitsfolgen entstehen, wenn beide miteinander verwechselt werden.
Die KI erhält darin eine klar begrenzte Rolle: Sie ist kein Wahrheitsgeber, sondern ein zusätzliches Gegenüber, das Widersprüche erzeugen, Zuordnungen infrage stellen und die Grenzen des Modells selbst prüfen soll.
So würde das herunterladbare Vier-Ebenen-Modell zugleich zu einer Gebrauchsanweisung für eine prüfende KI-Nutzung: nicht „Gib mir die richtige Antwort“, sondern „Stelle meinem Modell ein möglichst starkes Gegenüber zur Verfügung und zeige mir, wo meine Zuordnungen und auch dieses Prüfschema selbst nicht tragen.“
