Die Zellmembran als elementares Referenz- und Verhältnissystem
Die Membran als Ausgangspunkt des Lebendigen
Ein grundlegendes Referenzmodell meiner Forschungskunst ist die Zellmembran. Sie wird dabei nicht lediglich als eine biologische Einzelstruktur betrachtet, sondern als elementare Mustergrundlage lebendiger Organisation. In der hier entwickelten plastischen Betrachtung wird der Übergang zum Leben nicht primär über den Vorgang der Zellteilung bestimmt, sondern über die Entstehung eines abgegrenzten Reaktionsraums, der durch eine Membran stabilisiert und zugleich in einen geregelten Austausch mit seiner Umgebung gebracht wird.
Diese Bestimmung ist zunächst als forschungskünstlerische und begriffliche Setzung zu verstehen. Sie behauptet nicht, sämtliche naturwissenschaftlichen Theorien über die Entstehung des Lebens durch eine einzige Erklärung ersetzen zu können. Sie richtet die Aufmerksamkeit vielmehr auf eine grundlegende Voraussetzung: Eine Zellteilung setzt bereits eine organisierte, lebende und membranisch begrenzte Einheit voraus. Bevor eine Zelle sich teilen kann, müssen bereits ein Innenraum, eine Grenze, Stoffwechselvorgänge und eine Form der Selbststabilisierung vorhanden sein.
Die Zellmembran ist daher keine nachträglich um einen fertigen Inhalt gelegte Hülle. Sie gehört zu den Bedingungen, durch die ein lebendiges Innen überhaupt entstehen und fortbestehen kann. Sie stabilisiert ein eigenes Reaktionsmilieu im Austausch mit einem umgebenden Milieufeld. Sie schützt, filtert, lässt bestimmte Stoffe hindurch, hält andere zurück, ermöglicht Aufnahme und Abgabe und trägt zur Aufrechterhaltung unterschiedlicher Konzentrationen und Reaktionsbedingungen bei.
Innen und Außen sind dabei weder identisch noch vollständig voneinander getrennt. Das Innere kann nur bestehen, weil es in einer geregelten Beziehung zu seinem Außen steht. Die Membran trennt und verbindet zugleich. Sie ermöglicht Eigenheit, ohne Beziehungslosigkeit herzustellen.
Damit wird die Zellmembran zu einer elementaren Form plastischer Ordnung. Diese Ordnung besteht nicht in einer vollkommen abgeschlossenen Gestalt, sondern in einem fortwährend zu regulierenden Verhältnis zwischen Unterschiedlichem.
Membran statt Teilung
Die verbreitete bildliche Darstellung der Zellteilung zeigt häufig eine Zelle, die sich in zwei annähernd gleiche Einheiten aufteilt. In einer stark vereinfachten Darstellung kann dadurch der Eindruck entstehen, Leben entwickle sich nach dem Grundmodell einer spiegelbildlichen 50:50-Teilung. Aus einem Ganzen scheinen zwei gleiche Teile hervorzugehen.
Ein solches Bild ist als vereinfachte Darstellung eines Teilungsvorgangs verständlich. Problematisch wird es dort, wo die Teilung zu einem allgemeinen Ursprungsmodell des Lebens erhoben wird und die bereits vorausgesetzte Membranordnung aus dem Blick gerät.
Die Teilung ist nicht der Beginn der lebendigen Organisation. Sie setzt eine bereits bestehende Zelle voraus, die einen eigenen Reaktionsraum, Stoffwechselvorgänge und eine regulierte Grenze besitzt. Die Zellteilung ist daher als Fortsetzung und Vervielfältigung einer bereits vorhandenen lebendigen Ordnung zu verstehen.
In meiner Forschungskunst wird deshalb die Reihenfolge umgekehrt. Nicht die Teilung begründet die Membran, sondern die Membran ermöglicht erst jene lebendige Einheit, die sich später teilen kann.
Der Vorrang der Membran bedeutet zugleich einen Vorrang des Verhältnisses vor der Trennung. Das Leben beginnt in dieser Betrachtung nicht mit zwei voneinander isolierten Teilen, sondern mit der Ausbildung eines begrenzten, aber durchlässigen Zusammenhangs.
Der spiegelbildliche Symmetriedualismus neigt hingegen dazu, einen wirkenden Zusammenhang in zwei scheinbar selbstständige Seiten zu zerlegen. Die Beziehung, die beide Seiten hervorbringt und erhält, wird dadurch gegenüber den dargestellten Teilen nachrangig.
Die Membran macht dagegen sichtbar, dass Leben auf einer fortwährenden Beziehung zwischen unterschiedlichen Bedingungen beruht. Ihre Leistung besteht weder in vollständiger Öffnung noch in absoluter Abschließung, sondern in der regulierten Vermittlung zwischen beiden.
Die Membran als Referenzsystem
Die Zellmembran ist nicht nur eine Grenzstruktur, sondern ein biologisches Referenz- und Verhältnissystem. An ihr entscheidet sich, welche Stoffe aufgenommen, abgegeben, zurückgehalten oder abgewehrt werden. Diese Vorgänge sind nicht beliebig. Sie stehen in einem funktionalen Zusammenhang mit den Bedingungen des lebenden Systems.
Die Membran stellt keine abstrakte Norm auf, an die sich das Leben anpassen muss. Ihre Regulationsleistungen stehen im Dienst der Aufrechterhaltung des lebendigen Zusammenhangs. Funktionieren und Nichtfunktionieren werden nicht durch gesellschaftliche Anerkennung, symbolische Geltung oder eine äußere Behauptung bestimmt, sondern durch die tatsächlichen Folgen für das System.
Damit eröffnet die Zellmembran einen elementaren Maßstab. An ihr lassen sich Zuviel und Zuwenig, Öffnung und Abschließung, Aufnahme und Abgabe, Belastung und Entlastung, Stabilisierung und Störung unterscheiden.
Diese Unterscheidungen bilden keine starren Gegensatzpaare. Sie verändern ihre Bedeutung entsprechend der jeweiligen Situation. Eine Öffnung kann notwendig oder gefährlich sein. Eine Abschließung kann schützen oder den Austausch unterbrechen. Aufnahme kann Versorgung ermöglichen oder zur Überlastung führen. Abgabe kann Entlastung schaffen oder einen notwendigen Stoffverlust verursachen.
Das richtige Maß liegt deshalb nicht in einer unveränderlichen Mitte, sondern in der Fähigkeit, die jeweilige Gewichtung entsprechend den eintretenden Bedingungen und Folgen zu verändern.
51:49 und 49:51 als gerichtete Asymmetrien
Die Zahlenverhältnisse 51:49 und 49:51 verwende ich nicht als naturwissenschaftliche Messwerte der Zellmembran und nicht als universelle mathematische Formel des Lebens. Sie sind künstlerische Maßfiguren, mit denen zwei unterschiedliche gerichtete Asymmetrien dargestellt und untersucht werden können.
51:49 bezeichnet eine vorläufige Gewichtung. Eine Seite erhält ein geringfügiges Übergewicht. Dadurch werden Richtung, Auswahl, Tätigkeit und Entscheidung möglich. Ein vollständig unentschiedener Zustand würde keine gerichtete Handlung hervorbringen.
49:51 bezeichnet nicht lediglich dasselbe Verhältnis in spiegelbildlicher Umkehrung. Es bezeichnet eine veränderte Gewichtung, die als Folge einer vorausgegangenen Tätigkeit oder einer neuen Bedingung notwendig wird.
Zwischen 51:49 und 49:51 liegen Zeit, Tätigkeit, Konsequenz, Rückmeldung und Umgewichtung. Zunächst wird etwas aufgenommen, abgegeben, geöffnet, begrenzt oder geschützt. Diese Tätigkeit verändert den Zustand des Systems. Die entstandene Veränderung erzeugt neue Anforderungen. Aufgrund dieser Folgen kann nun die entgegengesetzte Gewichtung erforderlich werden.
Die beiden Asymmetrien bilden daher ein zeitliches Gegenkopplungsverhältnis. Sie sind nicht zwei statische Hälften einer spiegelbildlichen Figur, sondern zwei unterschiedliche Richtungen eines lebendigen Regulationsvorgangs.
51:49 kann als Maßfigur einer vorläufigen Selbstorganisation und Tätigkeitsrichtung verstanden werden. 49:51 bezeichnet die korrigierende Gegenkopplung, durch die eine einseitige Entwicklung begrenzt oder umgekehrt wird.
Das Leben besteht in diesem Modell nicht in einer einmal erreichten vollkommenen Ordnung. Es besteht in der Fähigkeit, auf Folgen zu reagieren und Gewichtungen zu verändern, ohne den Gesamtzusammenhang zu zerstören.
Die eine Asymmetrie benötigt daher die andere als Korrekturmöglichkeit. Wird eine vorläufige Gewichtung festgehalten und gegen jede Rückmeldung verteidigt, kann aus 51:49 schrittweise eine dauerhafte Einseitigkeit bis hin zu einem Verhältnis von 99:1 entstehen.
Der spiegelbildliche 50:50-Symmetriedualismus
Dem beweglichen Verhältnissystem von 51:49 und 49:51 steht der spiegelbildliche 50:50-Symmetriedualismus gegenüber.
Die mathematische und geometrische Gleichheit zweier Seiten besitzt einen großen Erkenntnis- und Konstruktionswert. Auf einer zeichnerischen Fläche kann eine Mittellinie gezogen und eine Form auf die andere Seite übertragen werden. Größen können verglichen, idealisiert und berechnet werden.
Das Problem liegt nicht in dieser mathematischen Abstraktion. Es entsteht dort, wo die ideale 50:50-Ordnung zum grundlegenden Maßstab des Lebendigen, des Menschen und der Gesellschaft gemacht wird.
Um eine vollkommene spiegelbildliche Gleichheit darzustellen, müssen zahlreiche Bedingungen aus der Betrachtung herausgenommen oder stillgestellt werden. Dazu gehören Zeit, Bewegungsrichtung, Materialunterschiede, Verletzlichkeit, unterschiedliche Ausgangslagen und irreversible Folgen.
Die wirkende Welt besteht jedoch aus Stoffflüssen, Gradienten, Widerständen, Übergängen, Belastungen, Verzögerungen, Verletzungen, Regenerationen und fortwährenden Veränderungen.
50:50 ist deshalb in meiner plastischen Betrachtung ein rechnerischer Mittel-, Null- oder Vergleichspunkt. Es ist jedoch nicht das ursprüngliche Funktionsmodell des Lebendigen.
Der Kern des spiegelbildlichen Symmetriedualismus liegt nicht allein in einer geometrischen Form. Er liegt in einer Wirklichkeitsauffassung, die das bewegliche Verhältnis durch zwei fertige Seiten ersetzt. Der Prozess wird als Zustand dargestellt, die zeitweilige Gewichtung als feste Eigenschaft und die fortwährende Korrektur als Störung einer vorausgesetzten vollkommenen Ordnung.
Die Asymmetrie erscheint dann als nachträglicher Bruch einer theoretisch angenommenen Symmetrie. In meiner Betrachtung ist die gerichtete Asymmetrie jedoch kein Mangel einer ursprünglich vollkommenen Ordnung. Sie ist eine Voraussetzung von Bewegung, Stoffwechsel, Entwicklung und Leben.
Plastische Symmetria als richtiges Maß
Das ältere Bedeutungsfeld des griechischen Begriffs symmetria verweist nicht ausschließlich auf spiegelbildliche Gleichheit. Es bezeichnet ebenso Zusammenmessbarkeit, Angemessenheit und das richtige Maß zwischen unterschiedlichen Teilen.
Das richtige Maß verlangt nicht, dass sämtliche Teile gleich groß, gleichartig oder gleichzeitig gleich wirksam sind. Herz, Lunge, Gehirn, Auge und Hand erfüllen unterschiedliche Funktionen. Ihre Unterschiede müssen nicht beseitigt, sondern innerhalb eines tragfähigen Gesamtzusammenhangs aufeinander bezogen werden.
Plastische symmetria bedeutet daher nicht die Gleichheit fertiger Teile, sondern das zeitlich bewegliche und korrigierbare Verhältnis zwischen Verschiedenem.
Auch die ursprüngliche Bedeutung des symbolon verweist auf einen solchen Zusammenhang. Zwei getrennte, korrespondierende Teile müssen wieder zusammengeführt werden, damit ihre gemeinsame Beziehung erkennbar wird. Kein Teil besitzt für sich allein die vollständige Beweis- oder Bedeutungsfunktion.
Bedeutung entsteht damit nicht durch die isolierte Vollkommenheit eines einzelnen Teils, sondern durch das Zusammenpassen unterschiedlicher Teile innerhalb eines vorausliegenden Zusammenhangs.
Die Zellmembran verkörpert eine solche Verhältnisordnung. Innen und Außen sind verschieden, aber nicht voneinander unabhängig. Öffnung und Schutz sind unterschiedliche Tätigkeiten, müssen jedoch aufeinander bezogen bleiben. Aufnahme und Abgabe bilden keine identischen Vorgänge, sondern einen zeitlich regulierten Zusammenhang.
Die Zellmembran als vormenschliches Muster plastischer Ordnung
Die Zellmembran ist kein menschliches Kunstwerk. Sie gehört zur vorausliegenden Welt, die bereits vorhanden war, bevor der Mensch sie wahrnahm, benannte oder als Modell verwendete.
Sie kann jedoch als vormenschliches Muster plastischer Ordnung verstanden werden. Sie ermöglicht Leben nicht durch Herrschaft, sondern durch Beziehung. Sie besitzt das Innere nicht, sondern erhält es durch geregelten Austausch. Sie erzeugt keine absolute Trennung, sondern begrenzte Durchlässigkeit. Sie stabilisiert ihre Ordnung nicht durch Unveränderlichkeit, sondern durch fortwährende Anpassung und Korrektur.
Wenn der Mensch Götterwelten benötigt und einen Zusammenhang der Natur verehren möchte, müsste seine Aufmerksamkeit daher weniger einer allmächtigen Herrscherfigur als den grundlegenden Bedingungen des Lebens gelten. In diesem übertragenen Sinn könnte die Zellmembran eher zum Gegenstand einer Verehrung werden als die menschlichen Bilder von Macht, Besitz und Herrschaft.
Damit ist keine neue Religion und keine wörtliche Vergöttlichung einer biologischen Struktur gemeint. Die Formulierung bezeichnet eine Verschiebung des Maßstabes. Verehrt würde nicht eine Instanz der Unterwerfung, sondern eine Ordnung, die Leben durch Maß, Austausch, Begrenzung und Korrektur ermöglicht.
Die Membran besteht nicht durch absolute Unabhängigkeit, sondern durch regulierte Abhängigkeit. Sie schützt das Eigene, ohne das Fremde vollständig auszuschließen. Sie erhält ihre Funktionsfähigkeit nicht durch grenzenloses Wachstum, sondern durch den fortwährenden Ausgleich zwischen Aufnahme, Abgabe, Aufbau, Entlastung, Schutz und Öffnung.
Eine solche Haltung würde keine Unterwerfung verlangen. Sie würde Aufmerksamkeit, Erkenntnis, Übung und Verantwortung gegenüber den Bedingungen des Lebens bedeuten.
Geld, Macht und gesellschaftliche Götterwelten
Die tatsächlich wirksamen Götter einer Gesellschaft lassen sich nicht allein an ihren religiösen Bekenntnissen erkennen. Sie zeigen sich ebenso darin, wem Zeit, Arbeit, Ressourcen, Aufmerksamkeit, Opferbereitschaft und politische Entscheidungsmöglichkeiten zugeführt werden.
Wer untersuchen will, welche höchste Ordnung in der heutigen Gesellschaft wirksam ist, muss deshalb betrachten, wer über Geld, Eigentum, Produktionsmittel, Informationen und institutionelle Macht verfügt.
Geld ist zunächst ein menschliches Rechen-, Vergleichs- und Tauschmittel. Es kann jedoch zu einem gesellschaftlichen Letztmaßstab werden, an dem Menschen, Tätigkeiten, Naturzusammenhänge und zukünftige Möglichkeiten bewertet werden.
Was Geld hervorbringt, gilt als produktiv. Was keinen Preis besitzt, kann als wertlos erscheinen. Was Gewinn erzeugt, gilt als funktionierend, selbst wenn dabei körperliche, soziale oder planetarische Voraussetzungen beschädigt werden.
Geld übernimmt damit Funktionen, die früher religiösen und herrschaftlichen Ordnungen zugeschrieben wurden. Es verteilt Geltung, eröffnet oder verweigert Teilhabe, beeinflusst Lebensmöglichkeiten und entscheidet darüber, welche Tätigkeiten fortgesetzt werden.
Der faktisch wirksame Gott einer solchen Ordnung ist nicht das Leben, sondern die Steigerung von Besitz, Verfügung und Macht.
Der Gegensatz zur Membranordnung ist grundlegend. Die Membran erhält das Eigene nur durch die fortwährende Beziehung zu seinen Voraussetzungen. Die Geld-, Besitz- und Herrschaftsordnung behandelt diese Voraussetzungen dagegen häufig als verfügbare Ressourcen.
Die Membran nimmt Rückmeldungen auf und verändert ihre Tätigkeit. Eine skulpturale Geld- und Machtordnung versucht dagegen, ihre eigene Form unabhängig von ihren Folgen aufrechtzuerhalten.
Die Membran kennt kein unbegrenztes Wachstum. Sie muss zwischen Aufnahme und Abgabe, Aufbau und Entlastung unterscheiden. Eine vom Geldmaßstab beherrschte Ordnung kann Wachstum dagegen zu einem eigenständigen Ziel erheben, auch wenn dadurch die Bedingungen beschädigt werden, von denen dieses Wachstum abhängt.
Von der Zellmembran zum plastischen Ich-Bewusstsein
Das plastische Ich-Bewusstsein kann als menschliche und selbstreflexive Weiterentwicklung der Membranlogik verstanden werden.
Der Mensch ist kein abgeschlossenes Individuum, das einer äußeren Umwelt unabhängig gegenübersteht. Sein Ich-Bewusstsein entwickelt sich in fortwährender Wechselwirkung mit seinem Organismus, seinen Mitmenschen, seiner Sprache und den physikalischen Bedingungen, von denen seine Existenz abhängt.
Plastisch ist dieses Ich, wenn es Eigenes und Fremdes unterscheiden kann, ohne sich vollständig abzuschließen. Es kann sich öffnen, ohne sich aufzulösen. Es kann handeln und sich zugleich korrigieren lassen. Es kann Rollen übernehmen, ohne sich vollständig mit ihnen zu identifizieren.
Die Skulpturidentität entsteht dagegen dort, wo diese bewegliche Membran- und Verhältnisstruktur zur festen Wand erstarrt.
Der Mensch stellt sich dann als abgeschlossenes, autonomes und sich selbst gehörendes Individuum vor. Das gesellschaftlich hervorgebrachte Geltungs-Ich erklärt sich zum Besitzer des Körpers und zum Ursprung von Wille, Leistung, Eigentum und Freiheit.
Es bleibt jedoch vollständig abhängig vom atmenden, stoffwechselnden und verletzlichen Körperorganismus. Es kann weder Atemluft, Wasser, Nahrung noch die planetarischen Bedingungen seines Lebens selbst hervorbringen.
Die Skulpturidentität ist damit eine symbolische Menschenform, die ihre Herkunft aus der lebendigen Tragwirklichkeit verdeckt. Sie trennt Geist und Körper, Ich und Welt, Person und Sache, Eigentümer und Eigentum sowie Herrschenden und Beherrschten in scheinbar selbstständige Seiten.
Die lebendige Beziehung zwischen diesen Seiten wird unsichtbar.
Parasitär wird die Skulpturidentität dort, wo sie die Voraussetzungen nutzt, von denen sie lebt, deren Grenzen und Rückmeldungen jedoch nicht mehr anerkennt. Nicht der menschliche Körperorganismus ist der Parasit. Parasitär wird das entkoppelte Selbst-, Rollen- und Zivilisationsbild, wenn es den eigenen Körper, andere Menschen und die planetarische Tragwirklichkeit als bloße Mittel seiner Fortsetzung behandelt.
Die Zellmembran und das Vier-Ebenen-Modell
Die Zellmembran bildet zugleich einen grundlegenden Bezugspunkt des Vier-Ebenen-Modells meiner Forschungskunst.
E1 bezeichnet die physikalisch-chemische Tragwirklichkeit. Zu ihr gehören Stoffe, Kräfte, Konzentrationen, Temperatur, Druck, Gradienten und Grenzflächen.
E2 bezeichnet die lebendige und verletzliche Tragwirklichkeit. Auf dieser Ebene ermöglicht die Zellmembran einen abgegrenzten Reaktionsraum, Stoffwechsel, Regulation, Regeneration, Verletzlichkeit und lebendige Eigenheit.
E3 bezeichnet die symbolische Menschenwelt. Hier entstehen Sprache, Rollen, Recht, Eigentum, Geld, Wissenschaft, Technik und Institutionen. Diese Menschenwerke können notwendige Unterscheidungen ermöglichen. Sie können aber ebenso zu skulpturalen Wänden erstarren, die sich gegen Rückmeldungen aus E1 und E2 immunisieren.
E4 bezeichnet die öffentliche Prüf-, Rückkopplungs-, Gegenkopplungs- und Reparaturebene. Auf ihr werden die Hervorbringungen von E3 auf ihre materiellen und organismischen Voraussetzungen und Folgen zurückgeprüft.
E4 muss dabei selbst membranartig funktionieren. Sie darf weder alles unterschiedslos aufnehmen noch sich gegen widersprechende Erfahrungen abschließen. Sie muss unterscheiden, prüfen und gewichten, zugleich aber die Möglichkeit zur Umgewichtung offenhalten.
Ihre Aufgabe besteht darin, aus einer bloßen Rückmeldung eine wirkliche Gegenkopplung zu machen. Aus einer bisherigen Gewichtung von 51:49 muss aufgrund der eingetretenen Folgen 49:51 werden können.
Projektionsleinwand und wirkendes Gegenüber
Aus der Membranlogik ergibt sich eine wesentliche Unterscheidung zwischen Projektionsleinwand und wirkendem Gegenüber.
Eine Projektionsleinwand trägt das Bild, das auf sie geworfen wird. Sie antwortet nicht aus einem eigenen Wirkungszusammenhang. Der Betrachter sieht seine eigene Projektion und kann sie mit der Wirklichkeit verwechseln.
Viele gesellschaftliche Rückkopplungssysteme funktionieren in dieser Weise. Beschwerden, Erfahrungen und Gegenargumente werden nur so weit aufgenommen, wie sie in bereits vorhandene Kategorien, Zuständigkeiten und Rollen passen.
Das System begegnet dann keinem eigenständigen Gegenüber. Es erkennt nur seine eigenen Begriffe und Maßstäbe wieder. Die scheinbare Rückkopplung wird zu einer projektiven Selbstbestätigung.
Die Zellmembran bildet ein anderes Modell. Was auf sie trifft, verändert ihre Tätigkeit. Sie muss aufnehmen, abweisen, weiterleiten oder ihre bisherige Gewichtung verändern.
Wirkliche Rückkopplung beginnt entsprechend erst dort, wo eine fremde Erfahrung das bestehende Referenzsystem unterbrechen, erweitern oder korrigieren darf.
Eine Rückmeldung muss nicht automatisch richtig sein. Sie muss jedoch die Möglichkeit besitzen, die bisherige Gewichtung tatsächlich zu verändern. Andernfalls handelt es sich nicht um Gegenkopplung, sondern lediglich um die Bestätigung einer bereits festgelegten Ordnung.
Die Zellmembran im So-Heits-Atelier
Im So-Heits-Atelier soll die Zellmembran nicht nur biologisch erklärt oder bildlich dargestellt werden. Sie soll als Mustergrundlage künstlerischer, handwerklicher und gesellschaftlicher Versuchsanordnungen praktisch erfahrbar werden.
Wasser-, Strömungs-, Passungs-, Gewichts- und Toleranzversuche können zeigen, dass Funktionieren von begrenzten und veränderlichen Verhältnissen abhängt. Sie machen sichtbar, wann Gleichheit einen Vorgang stillstellt, wann minimale Asymmetrie Bewegung ermöglicht und wann ein Übergewicht korrigiert werden muss.
Bildnerische Arbeiten führen Vorstellungen in Material, Widerstand, Veränderung und richtiges Loslassen. Das Material antwortet aus seinen eigenen Eigenschaften und bildet dadurch ein Gegenüber zur Vorstellung des Handelnden.
Darstellerische Arbeiten untersuchen den Unterschied zwischen dem verletzlichen Darsteller und seiner übernommenen Rollenfigur. Sie ermöglichen einen Abstand zu gesellschaftlichen Rollenidentitäten und machen deren Voraussetzungen, Widersprüche und Folgen untersuchbar.
Projektionsflächen werden wirkenden Gegenübern aus Material, Wasser, Körper und widersprechenden Menschen gegenübergestellt. Der Unterschied zwischen projektiver Selbstbestätigung und wirklicher Gegenkopplung wird dadurch praktisch erfahrbar.
Die Besucher sollen nicht nur erfahren, was eine Zellmembran biologisch ist. Sie sollen prüfen, ob ihre eigenen Begriffe, Rollen und gesellschaftlichen Ordnungen wie Membranen oder wie undurchlässige Wände funktionieren.
Sie sollen untersuchen, was sie aufnehmen, was sie abwehren, welche Vorstellungen sie auf andere Menschen projizieren und ob eine fremde Erfahrung ihre bisherige Gewichtung verändern kann.
Die Zellmembran bildet damit einen elementaren Bezugspunkt der gesamten Forschungskunst. Sie steht für Eigenheit ohne Beziehungslosigkeit, Grenze ohne absolute Trennung, Schutz ohne vollständige Abschließung, Austausch ohne Auflösung, Unterschied ohne Herrschaft sowie Maß und Korrekturfähigkeit anstelle einer vorausgesetzten vollkommenen Ordnung.
Das So-Heits-Atelier überträgt diese vormenschliche Verhältnisordnung nicht unmittelbar und unkritisch auf die Gesellschaft. Es verwendet sie als künstlerisches Referenzmodell, mit dessen Hilfe menschliche Rollen, Regeln, Institutionen, Machtverhältnisse und Rückkopplungssysteme auf ihre tatsächliche Durchlässigkeit, Tragfähigkeit und Korrigierbarkeit untersucht werden können.
