Die verwobene Wirklichkeit und das Prinzip 51:49
Alle Menschen sind über die Konsequenzen ihres Handelns und deren Einbindung in wechselseitige Abhängigkeitsnetzwerke miteinander verbunden.
Diese grundlegende Verflechtung – dass jede Handlung Folgewirkungen in einem Beziehungsgeflecht hat – bildet den kleinsten gemeinsamen Nenner und zugleich den Kern dessen, was Leben bestimmt, hervorbringt und definiert.
Bereits der vorsokratische Philosoph Heraklit betonte, dass „alle Dinge Eins sind“ und eine verborgene Harmonie hinter den Gegensätzen wirkt, id.scribd.comid.scribd.com.
Er forderte, die Intelligenz zu erkennen, die alle Dinge mit allen Dingen verwebt. id.scribd.com – eine erstaunlich moderne Einsicht in die universelle Vernetztheit des Lebens.
In ähnlicher Weise hat der Anthropologe und Systemtheoretiker Gregory Bateson in seiner Ökologie des Geistes gezeigt, dass kein Mensch und kein Geist isoliert existiert: Bewusstsein und Leben entstehen nur in Beziehungen – jedes Individuum ist Knotenpunkt in größeren Netzwerken von Kommunikation und Wechselwirkung. deepecology.netdeepecology.net. Mit anderen Worten: Wir existieren nur durch und miteinander, eingewoben in soziale, ökologische und geistige Zusammenhänge.
Dieses Verständnis der Verbundenheit aller Dinge durchzieht Philosophie, Systemtheorie, Soziologie und Kunsttheorie.
Es verweist darauf, dass Wechselwirkungen und Konsequenzen das Fundament der Realität sind. Humberto Maturana, Biologe und Erkenntnistheoretiker, formulierte es zugespitzt so: Weil wir durch unser Handeln ständig unsere Welt miterschaffen, müssen wir Verantwortung für die Konsequenzen unseres Tuns übernehmen – gegenüber anderen Menschen und gegenüber der Welt, die unser Leben ermöglicht. cargo-film.de.
Diese Verantwortung ergibt sich direkt aus der Einsicht, dass wir in wechselseitiger Abhängigkeit leben. Kein Handeln bleibt ohne Auswirkungen auf das Geflecht des Lebens – sei es in Gesellschaft oder Natur. Das westafrikanische Sprichwort „Das Netz des Lebens darf keinen Knoten verlieren“ bringt bildhaft zum Ausdruck, dass das Wohl des Einzelnen und des Ganzen untrennbar verwoben sind.
Vor diesem Hintergrund soll das Prinzip 51:49 als Fundament von Leben, Bewegung, Differenz, Selbstregulation und Wirklichkeit eingeführt werden.
Dieses Prinzip besagt sinnbildlich, dass Leben immer durch minimale Ungleichgewichte und asymmetrische Verhältnisse in Gang gehalten wird – ein hauchfeines „Mehr“ hier und ein „Weniger“ dort (eben 51:49 anstelle von starrer 50:50-Symmetrie) erzeugt Dynamik, Wachstum und Selbststeuerung. Perfekte Symmetrie (50:50) würde Stillstand bedeuten; ein kleinster Überschuss oder Mangel – das winzige Überwiegen von 51 zu 49 – hingegen erzeugt einen Impuls, der Prozesse antreibt.
Dieses metaphorische Verhältnis 51:49 steht für das Prinzip des lebendigen Ungleichgewichts: Leben balanciert niemals exakt auf Null, sondern oszilliert um ein Gleichgewicht herum, immer in Bewegung und Anpassung. Der Physiologe Walter Cannon beschrieb bereits 1932 die Homöostase lebender Organismen – das Streben nach Gleichgewicht – doch wissen wir heute, dass dieser Gleichgewichtszustand kein statischer Nullpunkt ist, sondern durch ständige Regelschwankungen aufrechterhalten wird.
Ein Organismus reguliert Temperatur, pH-Wert oder Energiehaushalt durch Gegensteuerung, Überschuss und Abbau; wäre vollkommenes 50:50-Gleichmaß erreicht, käme der Stoffwechsel zum Erliegen. Ilya Prigogine, Nobelpreisträger und Pionier der Nichtgleichgewichts-Thermodynamik, zeigte, dass Ordnung im Leben nur fernab vom Gleichgewicht entstehen kann. „Nonequilibrium is the source of order“ fasste er provokativ zusammen – *Nicht-*Gleichgewicht ist die Quelle von Ordnung. petterhol.me.
In einer Welt perfekt ausbalancierter Kräfte würde nichts Neues mehr geschehen; erst kleine Ungleichgewichte und Abweichungen („Fluktuationen“) können ein System in einen neuen, lebendigen Ordnungszustand überführenen.wikiquote.org. So gesehen ist 51:49 das minimal gekippte Verhältnis, das Bewegung erzeugt – wie eine Wippe, die nur ins Schwingen kommt, wenn eine Seite ein Quäntchen schwerer ist.
In der Natur finden wir zahllose Beispiele für dieses Prinzip: Das Herz schlägt durch einen steten Wechsel von Druck und Entlastung, nie in vollkommenem Gleichdruckzustand. Ökologische Kreisläufe pendeln um Mittelwerte, durchlaufen aber permanente leichte Überschüsse und Defizite (etwa periodische Überpopulation und Korrektur durch Nahrungsmangel). Sogar die Existenz unseres materiellen Universums verdankt sich vermutlich einer winzigen Asymmetrie: In der frühen Phase des Kosmos entstanden Materie und Antimaterie fast zu gleichen Teilen – fast, aber nicht ganz. Ein minimaler Überschuss an Materie (man könnte von einem „51:49-Verhältnis“ sprechen, auch wenn es tatsächlich noch viel kleiner war) führte dazu, dass nach der gegenseitigen Vernichtung von Materie und Antimaterie Materie übrig blieb – die Grundlage für Sterne, Planeten und letztlich uns Menschen.
Absolute Symmetrie hätte zur vollständigen Auslöschung geführt; ein geringstes Ungleichgewicht brachte Wirklichkeit hervor. Das 51:49-Prinzip ist also ein Bild dafür, dass das Leben auf einer leichten Schieflage balanciert, aus der überhaupt erst ein Fluss entsteht. Heraklit drückte diese Idee in seinem Fragment über den Bogen und die Leier aus: „Es liegt Harmonie im Widerstreit, das zeigen Bogen und Leier. “id.scribd.com –
Die schönste Harmonie entsteht durch das gespannte Gegeneinander der Kräfte. Ein Bogen funktioniert nur, weil die Spannung zwischen Zug und Gegenzug nicht ausgeglichen ist, sondern der Zug minimal überwiegt. Ebenso erzeugt die Saite einer Leier Klang erst durch die ungleiche Spannung, die sie in Schwingung versetzt. Heraklits Einsicht, dass Streit und Spannung die Vater aller Dinge seien, können wir im 51:49-Bild wiedererkennen: Leben ist kein starrer Frieden der Kräfte, sondern ein schwingender Tanz um das Gleichgewicht.
Historische Entkopplung des Ungleichgewichts: Von Magie bis Symmetrie-Dualismus
Im Verlauf der Geschichte hat sich jedoch das Verhältnis von Mensch und Welt, von Handlung und Konsequenz zunehmend entkoppelt. Das ursprünglich lebendige Wechselspiel – man könnte sagen das natürliche 51:49-Prinzip – wurde durch verschiedene kulturelle Entwicklungen verzerrt oder überlagert. Ein erster Blick zurück führt uns in die Vorgeschichte, zur Jagdmagie.
Frühzeitliche Menschen versuchten, durch magische Rituale die Unsicherheit der Jagd zu bändigen. In tiefen Höhlen malten sie Tiere an die Wände und „verwundeten“ diese Bilder mit Pfeilen, im Glauben, dies würde ihnen später Erfolg bei der echten Jagd verleihen. de.wikipedia.orgde.wikipedia.org. Solche Handlungen sind Ausdruck einer sogenannten sympathischen Magie: Man nimmt an, dass eine Handlung im Symbolischen (etwa das Erlegen eines gemalten Tieres) automatisch eine analoge Wirkung in der Realität hervorbringt. de.wikipedia.orgde.wikipedia.org.
Aus moderner Sicht kann man sagen, hier beginnt eine Überlagerung der realen Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge durch symbolisches Denken. Statt sich ausschließlich auf tatsächliche Fertigkeiten, Beobachtung und Feedback aus der Umwelt zu verlassen – also direkt auf die Konsequenzen ihres Tuns zu reagieren – schoben Jäger und Sammler eine symbolische Ebene dazwischen: Rituale, Beschwörungen, Zeichnungen sollten die Konsequenzen vorwegnehmen oder beeinflussen. Die Jagdmagie zeigt einerseits das Bewusstsein früher Menschen für die wechselseitige Abhängigkeit (sie wussten, dass ihr Überleben vom Jagderfolg abhängt, und suchten die Verbundenheit mit den „Seelen der Beutetiere“. de.wikipedia.org), andererseits markiert sie den Anfang einer Entkopplung: Die Vorstellung, man könne durch Symbole die Realität manipulieren, ersetzt teilweise die tatsächliche Rückkopplung mit der Umwelt.
Ein ähnliches Muster findet sich in der Entstehung von Religionen.
Durch religiöse Vorstellungen werden Konsequenzen oft in eine transzendente Sphäre verlagert: Ob Ernteerfolg, Heilung oder Unheil – alles wird dem Willen von Göttern oder Geistern zugeschrieben, die durch Rituale gnädig gestimmt werden müssen.
Die Verantwortung für unmittelbare Folgen des Handelns verschiebt sich damit auf höhere Mächte. Wenn in archaischen Ritualen ein Regentanz aufgeführt wird, um Regen zu erbitten, oder ein Sühneopfer dargebracht wird, um Unheil abzuwenden, so ist das strukturell vergleichbar mit der Jagdmagie: Symbole, stellvertretende Handlungen und Glaubensakte sollen die tatsächliche Kausalität überdecken oder ersetzen. Natürlich hatten Religionen auch ethische Dimensionen – sie lehrten Verantwortlichkeit im moralischen Sinne –, doch oft entwertete das Versprechen auf jenseitige Belohnung (oder Strafe) die Einsicht in die irdischen Konsequenzen.
Zum Beispiel konnte das Ideal der Reinheit in bestimmten Religionen wichtiger werden als konkret verantwortungsbewusstes Handeln: Wer rein betet oder rituell Opfer bringt, fühlt sich gottgefällig, selbst wenn reale Mitmenschen Not leiden. Die Idee der Sünde und Erlösung lenkte den Blick weg von den direkten Auswirkungen des Handelns im Diesseits hin zu einem symbolischen Konto im Jenseits. So entstand allmählich ein Täuschungssystem, in dem symbolische Werte – heilige Gebote, Kastenreinheit, göttliche Gnade – die unmittelbaren realen Folgen von Handlungen überlagerten.
Mit der Entwicklung von Geld und Handel beschleunigte sich diese Entkoppelung weiter.
Geld ist das vielleicht mächtigste Symbolsystem, das Menschen je geschaffen haben: Es ersetzt reale Güter und Leistungen durch abstrakte Werte. Wo früher Tauschhandel einen unmittelbaren Bezug zwischen den beteiligten Menschen und Dingen hatte (z.B. „ich gebe dir Getreide und erhalte dafür Fische“), tritt mit dem Geld ein allgemeiner Äquivalent in Erscheinung: Alles kann in eine Zahl übersetzt werden. Georg Simmel analysierte in Die Philosophie des Geldes (1900) scharfsinnig, wie Geld als abstraktester Wert die Beziehungen der Menschen vereinfacht, aber auch entpersönlicht.
Die Logik des Geldes beruht auf der Fiktion vollkommener Austauschbarkeit und Symmetrie: Jeder Tausch wird als 50:50-Geschäft gedacht – Ware gegen exakt gleichwertiges Geld. Dieses Denken in exakten Gegenwerten entspricht einem Symmetrie-Dualismus: Auf jedes Haben soll ein gleiches Soll kommen, auf jede Schuld eine Forderung – ein perfektes Bilanzdenken. Doch diese scheinbare 50:50-Gerechtigkeit ist eine gewaltige Reduktion der Wirklichkeit.
Karl Marx zeigte mit seinem Konzept des Warenfetischismus, dass in der Waren- und Geldform gesellschaftliche Beziehungen als Eigenschaft von Dingen erscheinenen. wikiquote.orgen.wikiquote.org. Mit anderen Worten: In einer durch Geld vermittelten Wirtschaft sehen wir nicht mehr die realen Tätigkeitskonsequenzen – die Arbeit, die Ausbeutung, die Naturzerstörung, die in einem Produkt stecken – sondern nur noch den Preis.
Die Zahl auf dem Etikett überlagert die Geschichte der Ware. Marx formulierte: „Es ist nichts als das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, das hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt“. en.wikiquote.org.
Ein moderner Käufer etwa sieht ein glänzendes Goldstück oder einen Geldschein und misst ihm Wert bei, ohne die sozialen und ökologischen Konsequenzen (etwa die Arbeitsbedingungen in der Goldmine, die Quecksilberverseuchung eines Flusses) wahrzunehmen. Geld abstrahiert und verdeckt die Rückkopplung: Der Zusammenhang zwischen eigenem Handeln (Konsum, Investition) und Auswirkungen (wo und wie etwas produziert wird) verschwimmt.
Historisch ging die Etablierung des Geldes Hand in Hand mit dem Aufstieg des Handels und später des Kapitalismus.
Die mentale Gewöhnung an präzise Zahlenwerte schuf einen kulturellen Hang zur Symmetrie in allen Dingen: Das Ideal des fairen Vertrags ist der perfekt ausgeglichene Austausch. Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelten Ökonomen wie Adam Smith oder später die Neoklassiker Modelle, in denen Angebot und Nachfrage in einem Gleichgewicht (Equilibrium) zusammentreffen. Alles schien auf eine ausbalancierte Dualität hinauszulaufen – ganz im Sinne eines 50:50-Weltbildes, in dem alle Beziehungen messbar, berechenbar und auf Gleichstand zu bringen seien. Diese Art zu denken prägt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch soziale Verträge (etwa die Vorstellung: „Ich gebe Dir genau so viel, wie Du mir gibst“).
Doch man merkte bald: Reale Beziehungen lassen sich nicht in starre 50:50-Schemata pressen, ohne an Lebendigkeit zu verlieren. Beispielsweise wurde die Ehe im 19. Jahrhundert oft als eine Art Vertrag betrachtet; aber Liebe und zwischenmenschliche Entwicklung folgen keinem Rechnungsbuch. Ähnlich erweisen sich Versuche, internationale Politik oder Handelsbeziehungen wie eine Waage exakt auszugleichen, als problematisch – oft braucht es ein Zugeständnis hier, eine kleine Nachgiebigkeit dort (wieder dieses 51:49), um Bewegung und Wandel zu ermöglichen, anstatt in Patt-Situationen zu verharren.
Spätestens in der Moderne etabliert sich, getrieben von Wissenschaft und Rationalisierung, ein Symmetriedualismus, der die Welt in scharf getrennte, oft gegensätzlich-paarige Kategorien aufteilt: Subjekt, Objekt; Mensch, Natur; Geist, Materie; Kultur, Wildnis – und diese Dualitäten dann scheinbar symmetrisch gegenüberstellt.
Besonders die cartesianische Trennung von Geist und Körper (Descartes’ res cogitans vs. res extensa) hat ein Weltbild begünstigt, in dem der Mensch als unabhängiger Beobachter der Natur gegenübersteht. Diese Idee eines völlig getrennten Subjekts, das objektiv die Welt beherrschen kann, ist gewissermaßen die zugespitzte Fortsetzung des Entkopplungsprozesses. Denn wenn der Mensch sich als außerhalb der Natur stehend und ihr denkend überlegen betrachtet, ignoriert er die wechselseitige Abhängigkeit. In einem streng dualistischen (50:50) Universum beeinflusst angeblich die Natur nicht den Menschen und der Mensch nicht die Natur, außer durch technisches Eingreifen – eine folgenschwere Illusion.
Gregory Bateson warnte: „The creature that wins against its environment destroys itself.“ – Das Geschöpf, das gegen seine Umwelt „gewinnt“, zerstört sich selbstdeepecology.net. Dieser Satz führt uns plastisch vor Augen, wohin die Trennung von Mensch und Umwelt führt: Wer sich als Sieger über die Natur wähnt, hat vergessen, dass er selbst Teil von ihr ist – er sägt also am Ast, auf dem er sitzt. Leider leben wir heute in vielen Bereichen genau in dieser Illusion der Trennung und Kontrolle: Der Glaube, man könne die natürlichen Grundlagen endlos beherrschen (Ressourcenverbrauch, Umweltverschmutzung, Klimawandel), ohne selbst betroffen zu sein, entpuppt sich zunehmend als Selbsttäuschung.
Täuschungssysteme: Symbolische Werte überlagern die Wirklichkeit
Aus den genannten historischen Entwicklungen – magisches Denken, religiöse Transzendenz, Geldlogik, Handelsrationalität und Dualismus – ist ein Zustand hervorgegangen, den man als Leben in Täuschungssystemen bezeichnen kann.
Der moderne Mensch bewegt sich in einem Geflecht von symbolischen Werten, die die realen Konsequenzen des Handelns verschleiern oder dominieren. Zu diesen symbolischen Werten zählen etwa Geld, Gold, Reinheit oder Eigentum – abstrakte Konstrukte mit immens starker psychologischer Realität, aber oft geringer unmittelbarer materieller Substanz.
Nehmen wir Geld: Obwohl es letztlich ein sozial verabredetes Symbol (Papier, Zahl im Computer) ist, hat es die Macht, als Ersatzrealität zu fungieren. Menschen streben nach Profit und Rendite, selbst wenn diese auf dem Papier entstandenen Gewinne mit realer Zerstörung erkauft sind – sei es Entwaldung für billiges Palmöl oder Kinderarbeit für günstige Textilien.
Der symbolische Wert des Geldes überlagert den Blick auf die realen Tätigkeitskonsequenzen. Man spricht hier auch von Fetischcharakter: Die Verhältnisse zwischen Menschen (Arbeiter und Arbeitgeber, Produzent und Konsument) erscheinen als Verhältnis von Dingen oder Zahlenen. wikiquote.org.
Solange die Bilanz stimmt, gilt ein Unternehmen als „erfolgreich“, selbst wenn es z.B. Umweltverschmutzung und soziale Ungleichheit produziert – diese Konsequenzen bleiben externalisiert, aus dem Bewusstsein ausgelagert.
Wir leben also in dem paradoxen Zustand, dass wir zwar faktisch alle über Konsequenzen unseres Handelns verbunden sind, aber diese Konsequenzen oft unsichtbar gemacht werden. Ein T-Shirt im Laden erzählt uns nichts über das Netzwerk wechselseitiger Abhängigkeiten, in dem es entstand – die Baumwollfarmer, die Chemikalien im Färbeprozess, die Näherinnen in fernen Fabriken, die CO₂-Emission beim Transport. Es symbolisiert nur einen Preis und vielleicht eine Marke.
Ähnlich verhält es sich mit dem Wert Gold. Gold wird seit Jahrtausenden als Inbegriff von Wert verehrt – aber wofür?
Es glänzt, es ist selten, aber an sich kann man es nicht essen, sich nicht damit wärmen. Sein „Wert“ ist rein symbolischer Natur, tradiert durch kulturelle Übereinkunft (früher auch durch religiöse Aura: das Gold der Tempel). Gesellschaften haben horrende Anstrengungen und Gewalt in Kauf genommen (Goldrausch, Kolonialismus, ökologische Verwüstungen durch Bergbau), um dieses weiche gelbe Metall zu besitzen – weil es als Wert an sich galt. Hier überlagert ein symbolischer Wert (Reichtum, Prestige) völlig die realen Konsequenzen (z.B. die Ausbeutung ganzer Landstriche und Völker in der Kolonialgeschichte für Gold und Silber).
Reinheit als symbolischer Wert findet man vor allem in ideologischen oder religiösen Kontexten: die Idee einer unbefleckten Abstammung, kulturellen Reinheit oder rituellen Reinheit. Solche Konzepte können verheerende Täuschungssysteme bilden – man denke an Rassentheorien, die ein „reines Blut“ propagierten und damit massenmörderische Konsequenzen rechtfertigten.
Hier steht ein abstraktes Merkmal (imaginäre Reinheit) über konkreten menschlichen Konsequenzen (Leid, Gewalt). Auch in milderen Formen, etwa streng religiösen Gemeinschaften, kann die Obsession mit Reinheitsvorschriften (Speisegesetze, Kleiderordnungen, Kastenwesen) die Gläubigen davon ablenken, praktische Mitmenschlichkeit zu üben. Wichtig ist „rein“ zu bleiben, auch wenn man dadurch vielleicht anderen nicht hilft – die symbolische Ordnung dominiert das ethische Handeln.
Eigentum schließlich – das Kernstück der bürgerlichen Gesellschaft seit John Locke – ist ebenfalls ein symbolisches Ordnungsprinzip, das manchmal in Täuschung mündet.
Rein rechtlich gehört einem Menschen Land oder eine Firma „an sich“, doch de facto ist dieses Eigentum immer in ein Netzwerk eingebunden: Land kann nur innerhalb einer Gemeinschaft sinnvoll genutzt und geschützt werden; ein Unternehmen hängt von Mitarbeitern, Zulieferern, Kunden ab.
Die Idee des absoluten Privateigentums erzeugt aber die Illusion, man habe isolierte Verfügungsgewalt. Diese Illusion erleichtert es, Konsequenzen auszublenden: Ein Eigentümer eines Waldstücks kann meinen, es sei sein gutes Recht, den Wald abzuholzen – sein Eigentum. Dass aber dieser Wald CO₂ bindet, Lebensraum bietet, Wasserhaushalt stabilisiert (also massive Konsequenzen für andere hat), wird vom Eigentumsdogma überlagert.
Zusammengefasst: Unser heutiges System – man könnte es als spätmoderner Symmetrie-Kapitalismus bezeichnen – stützt sich auf viele solcher Symbolkomplexe.
Sie alle haben gemeinsam, dass sie scheinbar klare, starre Werte vorgeben (Rein/Unrein, Gewonnen/Verloren, Profit/Verlust, Mein/Dein), wo in Wirklichkeit fließende Übergänge und komplizierte Rückwirkungen existieren.
Der Begriff Täuschungssystem soll dabei nicht heißen, dass es sich um bewusste Lügen handelt – vielmehr sind es selbstgeschaffene mentale Modelle, in denen wir gefangen sind. Bateson bemerkte treffend: „We are most of us governed by epistemologies that we know to be wrong.“ – Die meisten von uns werden von Erkenntnismodellen regiert, von denen wir wissen, dass sie falsch sind. deepecology.net.
Wir wissen eigentlich, dass man Geld nicht essen kann, dass Besitz verpflichtet, dass alle Menschen gleich wertvoll sind – doch wir handeln so, als ob die Täuschungen realer wären als die Realität.
Heraklit hat hierfür ein eindringliches Bild gefunden: „Wachende haben eine Welt gemeinsam, Schlafende haben jeder eine Welt für sich. “id.scribd.com.
Wenn wir wach (im übertragenen Sinne: erwacht für die Wirklichkeit) sind, teilen wir alle dieselbe reale Welt und können gemeinsam verantwortlich in ihr handeln.
Wenn wir schlafen (in Illusionen versunken sind), lebt jeder in seiner eigenen Welt – dem privaten Traum vom Reichtum, der individuellen Heilsgewissheit, der ideologischen Blase.
Unsere gegenwärtige Gesellschaft kann man als eine Ansammlung von Schlafwandlern beschreiben, die in getrennten Welten agieren, während im Hintergrund doch eine gemeinsame Realität abläuft. Der Klimawandel etwa ist diese gemeinsame Realität, eine Konsequenz unzähliger Handlungen im fossilen Zeitalter. Doch in den Täuschungssystemen spaltet er sich auf: Die einen sehen ihn als Bedrohung, andere „schlafen“ im Traum unbegrenzten Wachstums weiter. Die Folge der geteilten Illusionen ist geteilte Unwirklichkeit.
Das Prinzip 51:49 und die Kunstgesellschaft der Zukunft
Angesichts dieser Diagnose stellt sich die zentrale Frage: Was kann das 51:49-Prinzip – in Verbindung mit tätiger künstlerischer Praxis – in einer Zukunft bewirken, die sich von symbolischen Täuschungssystemen löst? Mit anderen Worten, wie könnten wir durch eine Wiederanbindung an minimale Ungleichgewichte und reale Rückkopplungen, vermittelt durch Kunst und Handwerk, wieder zu Verantwortung, Wirksamkeit und Gemeinsinn finden?
Die Vision, die hier entworfen wird, ist die einer Kunstgesellschaft. Darunter ist keine Gesellschaft von Museen und ästhetischen Eliten zu verstehen, sondern eine Gesellschaft, die auf künstlerischer, handwerklicher und materialbasierter Tätigkeit beruht.
Jeder Mensch wäre in diesem Zukunftsbild gewissermaßen Künstler und Handwerker des eigenen Lebens und der Gemeinschaft. Diese Idee knüpft an ein erweitertes Kunstverständnis an, wie es der deutsche Künstler Joseph Beuys formulierte: „Jeder Mensch ist ein Künstler“, sagte Beuys, meint damit aber den kreativen Gestalter in jedem von un. sartventureclub.org. Beuys’ Konzept der Sozialen Plastik zielt darauf ab, die Gesellschaft selbst als formbares Kunstwerk zu begreifen: „Eine Gesellschaftsordnung wie eine Plastik formen, das ist [...] die Aufgabe der Kunst.“. artventureclub.org. In der Kunstgesellschaft würden Menschen durch tägliche Auseinandersetzung mit Stoffen, Prozessen und Rückkopplungen im wahrsten Sinne begreifen, wie die Welt funktioniert – und sich im Tun wieder ins natürliche 51:49-Prinzip einschwingen.
Warum gerade Kunst und Handwerk?
Künstlerische und handwerkliche Praxis ist per se ein Bereich, in dem Symbol und Realität wieder zusammenfallen. Wer z.B. einen Topf töpfern will, kann dies nicht bloß mit abstraktem Plan oder Geld erreichen – er muss den Ton anfassen, spüren, wann er zu feucht oder zu trocken ist; er muss im Brennofen Temperaturen steuern, auf Risse reagieren.
Das Material gibt unmittelbares Feedback. Genauso im künstlerischen Prozess: Eine Malerin, die Farben mischt, sieht sofort den Farbton – ob er dem gewünschten entspricht, ob er mit den anderen Farben harmoniert. Ästhetisches Schaffen ist ständiges Ausprobieren, Korrigieren, Reagieren.
Hier liegt der vielleicht größte Kontrast zur entfremdeten symbolischen Welt: In der Kunst hat jede Handlung eine sinnlich erfahrbare Konsequenz. Die Rückkopplung ist direkt und oft gnadenlos ehrlich. Wenn die Statue nicht stabil steht, war die Balance falsch – kein rhetorischer Kniff, kein Geldwert kann das vertuschen. Dieser Umstand schult die Wahrnehmung von Ursache und Wirkung und damit die Verantwortlichkeit des Handelnden.
Betrachten wir das 51:49-Prinzip in diesem Zusammenhang: Eine Kunstgesellschaft würde kleine Ungleichgewichte produktiv nutzen, anstatt sie zu negieren. So wie ein Musiker etwa durch feines Detuning (leichtes Verstimmen) charakteristischen Klang erzeugt oder ein Tischler ein leichtes Spiel lässt, damit Holz arbeiten kann, würde in der Gesellschaft ein gewisses Maß an Flexibilität und Ungenauigkeit zugelassen, um Lebendigkeit zu erhalten.
Symmetrisches Denken verlangt, dass immer alles haargenau passt – die künstlerische Haltung akzeptiert, dass nichts exakt passt, und gerade daraus Neues entsteht.
In einer Werkstatt etwa arbeiten Lehrling und Meister niemals völlig „gleichberechtigt“ im Sinne von identisch – der Meister weiß 2% mehr (51:49), gibt dem Lehrling aber Raum, eigene Fehler zu machen und daran zu wachsen.
Dieses Prinzip könnte man auf die Gemeinschaft übertragen: Statt peinlich Buch zu führen, ob jeder genau gleich viel bekommt oder leistet (50:50), kultiviert man eine Kultur des Gebens und Nehmens, in der immer ein klein wenig mehr gegeben wird als genommen – jenes 51:49 der Großzügigkeit.
Anthropologen wie Marcel Mauss beschrieben in traditionellen Gesellschaften die Gabe als soziales Prinzip: Man gibt ein Geschenk, ohne sofortige und exakte Gegenleistung, wodurch ein offener, dynamischer Zusammenhalt entsteht. Solche Gabeökonomien funktionieren, weil stets ein leichtes Ungleichgewicht herrscht – jemand hat etwas gut bei jemand anderem –, was Beziehungen lebendig hält. Die moderne Fixierung auf Verträge und Bezahlung versucht hingegen, alles sofort „quadratisch“ abzuschließen (50:50), wodurch oft kein dauerhafter sozialer Bindungseffekt entsteht.
In der Kunstgesellschaft gälte es also, das Primat des Gleichgewichts durch das Primat der Rückkopplung zu ersetzen. Feedback – das spürbare Echo der eigenen Tat – würde zum Lehrer und Regulator. Hier kommen Bildung und Werkstätten ins Spiel: Man kann sich eine solche Gesellschaft nur mit einem entsprechenden Bildungssystem vorstellen, in dem handwerklich-künstlerische Tätigkeit zentraler Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung ist.
Schon John Dewey, amerikanischer Philosoph, plädierte in Art as Experience (1934) dafür, Kunst ins tägliche Leben und Lernen zu integrieren, weil ästhetische Erfahrung ein Modell für alle Erfahrungen sei: Sie verbindet Denken und Fühlen, Tun und Empfinden zu einer sinnvollen Einheit.
In ähnlicher Weise betont der Soziologe Richard Sennett in seinem Buch Handwerk (2008) die Bedeutung des Lernens durch Machen: „Wir müssen Handwerk wieder schätzen lernen, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren“, schreibt er sinngemäß. deutschlandfunkkultur.de.
Sennett führt aus, dass die Kultur des neuen Kapitalismus dazu geführt hat, handwerkliche Fertigkeiten verkümmern zu lassen, während wir von billig produzierten Massenwaren überschwemmt werden. deutschlandfunkkultur.d
Der Verlust des Handwerklichen bedeutet aber auch einen Verlust an Verständnis für Qualität, Geduld und die Würde des Prozesses. Sennett definiert den Handwerker als jemanden, „der gewillt ist, gute Arbeit zu leisten“. deutschlandfunkkultur.de – das Resultat ist ihm nicht egal, er übernimmt Verantwortung für die Qualität.
Genau das müssten wir als Gesellschaft wieder erlernen: Sorgfalt, Kompetenz und Hingabe im Tun, anstatt abstrakte Maximierung.
Wenn in Schulen und Bildungsstätten tägliches Werken mit realen Materialien stattfinden würde – sei es in der Holzwerkstatt, im Schulgarten, im Kunstatelier – dann würden junge Menschen früh begreifen, was es heißt, dass Handlungen Konsequenzen haben. Ein schiefer Tisch wackelt, eine nicht gegossene Pflanze geht ein, eine lieblos gemalte Linie wirkt disharmonisch – und umgekehrt: durch Bemühen, Korrigieren, Geduld entsteht etwas Schönes, Nützliches, Funktionierendes. Solche Erfahrungen prägen weit mehr als moralische Predigten oder Geldanreize. Sie verankern die Einsicht, dass wir Schöpfer und Verantwortliche sind, nicht bloß Konsumenten oder Rädchen.
Bereits heute gibt es Keime dieser Zukunft.
In der Pädagogik der Waldorfschulen (die auf Rudolf Steiner zurückgeht) ist z.B. künstlerisch-handwerklicher Unterricht gleichberechtigt neben Lesen und Rechnen – jede*r lernt dort nähen, schnitzen, malen, musizieren. Der Gedanke dahinter: Durch die Schulung der Hand wird der ganze Mensch gebildet, inklusive Charakter und Sozialverhalten.
Auch viele Reformschulen und Projekte weltweit setzen auf Projektlernen statt Büffeln – gemeinsames Bauen eines Schuppens, Theateraufführungen, Gärten anlegen. Hier zeigt sich, dass solche tätigen Lernformen Gemeinsinn und Kommunikation fördern: In der Werkstatt müssen die Kinder sich abstimmen, einander helfen, Stärken und Schwächen ausgleichen – sie erleben die Gemeinschaft als lebendiges Geben und Nehmen, ganz anders als im Frontalunterricht. Dies ist eine direkte Schule der 51:49-Gesellschaft: Kleine Ungleichgewichte (der eine kann besser sägen, die andere besser zeichnen) werden zur Kooperationsbasis, nicht zum Herrschaftsgefälle.
In der Erwachsenenwelt weisen Maker Spaces und Repair-Cafés in eine ähnliche Richtung. Dort kommen Menschen zusammen, um zu machen – zu programmieren, zu schreinern, Geräte zu reparieren. Es entsteht Wissenstransfer informell, generationen- und klassenübergreifend; wichtig ist die Freude am Tun und das Ergebnis, nicht primär Geld.
Solche Orte ermöglichen es Stadtmenschen, aus der abstrakten Dienstleistungsblase auszubrechen und wieder konkrete Erfahrung zu sammeln: Wie lötet man, wie fühlt sich Holz an, was passiert, wenn ich einen 3D-Drucker falsch kalibriere? –
Eine neue Wertschätzung für Dinge und Prozesse entsteht.
Verantwortung wächst daraus fast automatisch: Wer einmal mühsam einen Stuhl restauriert hat, wird ihn nicht beim kleinsten Defekt wegwerfen (also Konsequenzen bedenken in Bezug auf Müllvermeidung). Wer vielleicht sogar den Baum kennt, von dem das Holz stammt, entwickelt eine Beziehung zur Umwelt. So kehrt Wirksamkeit ins eigene Leben zurück: Man erfährt sich nicht mehr als ohnrad in einem übermächtigen System, sondern als jemand, der mit einfachen Mitteln etwas verändern und schaffen kann.
Die Kunst im erweiterten Sinne – also kreatives, sinnlich-praktisches Schaffen – hat zudem einen transformativen Einfluss auf die Wahrnehmung: Indem man lernt, genau hinzusehen oder -zuhören (das muss jeder Künstlerin), schärft sich der Blick für die Realität. Die Nebel der Täuschungssysteme lichten sich, weil man unmittelbarer sieht, was ist, anstatt nur den Konzepten im Kopf oder den Zahlen auf dem Konto Bedeutung zuzumessen. Francisco Varela, chilenischer Biologe und Schüler Maturanas, prägte im Kontext der Kognitionswissenschaft den Begriff des enaktiven Denkens: Wir bringen eine Welt hervor in unserem Wahrnehmen und Handeln. In einer Kunstgesellschaft würden wir diese „Welthervorbringung“ bewusst gestalten – durch aktive, kreative Beteiligung an allen Bereichen des Lebens, von Lebensmittelproduktion (z.B. Urban Gardening als städtische Garten-Kunst) bis Technikentwicklung (Open-Source-Design als gemeinschaftlicher kreativer Prozess). So würde sich die starre Trennung von Kunst, Arbeit und Leben aufheben. Interessanterweise hat William Morris, ein Künstler und Sozialist des 19. Jahrhunderts, genau davon geträumt: In seinem utopischen Roman News from Nowhere (1890) beschreibt er eine künftige Gesellschaft ohne Geld und Klassen, in der die Menschen Freude an der Natur und dadurch Freude an der Arbeit gefunden habenen.wikipedia.orgen.wikipedia.org. Kunst, Leben und Arbeit sind dort nicht mehr geschieden – alle Tätigkeiten haben schöpferischen, spielerischen Charakter, ob es Tischlern, Gärtnern oder Geschichten erzählen isten.wikipedia.org. Morris betont, dass in dieser utopischen Gesellschaft die Leute arbeiten, weil es ihnen Vergnügen bereitet, und dass Kunst und Handwerk überall gegenwärtig sinden.wikipedia.orgen.wikipedia.org. Seine Vision war die Aufhebung der Trennung zwischen Kunst und Alltag, was genau dem Konzept der Kunstgesellschaft entspricht.
Natürlich wirft die Vorstellung einer Kunstgesellschaft Fragen auf: Wie soll komplexe Technologie, wie sollen große Infrastrukturen funktionieren, wenn alle am Töpfern sind? Doch es geht nicht um eine naive Rückkehr in vorindustrielle Zeiten, sondern um eine grundlegende Neubewertung von Tätigkeit. Technologie und Kunst schließen einander nicht aus – im Gegenteil, Technik wird in dem Moment nachhaltig, wo sie handwerklich-künstlerisch durchdrungen wird. Ein Beispiel: Statt seelenloser Massenproduktion, die große Müllberge erzeugt, könnten langlebige Produkte in modularer, reparierbarer Weise hergestellt werden – Fabrikate mit Kunstcharakter. Ingenieure könnten sich als Kunsthandwerker verstehen, die etwas Schönes und Verantwortbares schaffen, nicht bloß als Berechner von Output. Die industrielle Revolution entzog dem Handwerk die Produktion; eine „Kunst-Revolution“ könnte Technik und Handwerk wieder verbinden. Es gibt hierzu bereits Strömungen wie Industrial Arts oder Craftivism, die versuchen, Kreativität, Do-it-yourself-Ethos und High-Tech zu kombinieren, um die Abhängigkeit von entfremdeten globalen Lieferketten zu reduzieren.
So utopisch die Idee einer ganzen Gesellschaft auf dieser Basis klingen mag, so not-wendig scheint sie im Angesicht der Krisen des 21. Jahrhunderts. Die Klimakrise, die Sinnkrise vieler entfremdeter Arbeitnehmer, die sozialen Vereinzelungstendenzen – all das hat mit den genannten Täuschungssystemen zu tun: dem Losgelöstsein von Konsequenzen, vom konkreten Tun, vom Gemeinschaftssinn. Eine kunsthandwerkliche Orientierung könnte heilend wirken. Joseph Beuys formulierte einmal radikal: „Das Geld muss raus aus dem Kreislauf. Die Kreativität der Menschen ist das wahre Kapital.“beuysart.org. Genau darum ginge es: kreatives Tätigsein zum eigentlichen Wert zu machen und die Herrschaft der abstrakten Werte (Geld, Macht, Dogmen) zurückzudrängen. In einer solchen Gesellschaft würde sich das Denken in Prozessen gegenüber dem Denken in Zuständen durchsetzen. Alles wäre im Fluss – ganz heraklitisch – aber nicht ungeregelt, sondern selbstregulierend im Sinne des 51:49-Prinzips. So wie ein Ökosystem stabile Dynamik zeigt, weil unzählige kleine Abweichungen sich ausgleichen, könnte auch eine sozial-künstlerische Ordnung robuste werden: Sie wäre weniger starr, dafür anpassungsfähiger, menschenmaßstäblicher.
Ein Praxisbeispiel möge das illustrieren: Beuys’ Projekt „7000 Eichen“ auf der documenta 1982 war eine visionäre künstlerische Aktion, die Stadtökologie, Bürgerbeteiligung und Symbolik verband. Beuys rief die Bürger von Kassel auf, 7000 Eichen in der Stadt zu pflanzen – jeweils in Begleitung einer Basaltstele. Dieses Vorhaben, realisiert über mehrere Jahre, mobilisierte Menschen praktisch (Bäume pflanzen, Pflegen) und sensibilisierte sie ästhetisch-symbolisch (jeder Baum mit Stein als lebendiges Kunstwerk). „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ war Beuys’ humorvolles Motto. Hier sieht man im Kleinen, was im Großen gemeint ist: Künstlerische Praxis löst symbolische Deutung (ein Baum als Hoffnungssymbol) und reales Handeln (ein Baum als CO₂-Speicher und Grünfläche) nicht voneinander, sondern vereint sie. Die Bürger Kassels erlebten unmittelbar die Wirksamkeit ihres Tuns (ein grünerer, lebenswerterer Stadtraum) und den Gemeinsinn (alle arbeiten an einem gemeinsamen Projekt). Soziale Plastik wurde hier greifbar – und ebenso das Prinzip 51:49: Jeder neu gepflanzte Baum verschob im Kleinen das Gleichgewicht hin zu mehr Leben (51) und weniger Betonwüste (49), statt radikal alles Alte abzureißen (100:0). Es war eine inkrementelle Verbesserung, eine wachsende Skulptur, kein von oben oktroyierter Masterplan. Gerade dieses organische Wachsen entspricht dem Lebensprinzip.
Zum Abschluss sei die Wirkung einer solchen Neuorientierung bedacht. Was würde geschehen, wenn eine Gesellschaft sich von den Täuschungssystemen löst und einer tätigen Kunstpraxis verschreibt?
Wahrscheinlich würde sich vieles wandeln: Werte würden sich verschieben – Kooperation vor Konkurrenz, Qualität vor Quantität, Erlebnis vor Besitz. Institutionen würden sich ändern – Bildung wäre projektbasiert, Wirtschaft eher genossenschaftlich (Werkstätten statt Konzerne), Politik partizipativer (Bürgerräte als kreative Problemlösungsforen). Vor allem aber würde das Individuum ein anderes Selbstverständnis entwickeln: nicht mehr isolierter Homo oeconomicus, sondern Mit-Schöpfer der gemeinsamen Welt. Der chilenische Biologe und Philosoph Francisco Varela schrieb einmal, Ethik sei nichts Abstraktes, sondern ergebe sich „aus der Erfahrung des Mit-Seins in der Welt“. Genau diese Erfahrung würde in einer Kunstgesellschaft täglich gemacht – beim gemeinsamen Bauen, Musizieren, Erzählen, beim Pflegen von Landschaft und Gemeinschaft. In solch einem Kontext könnte Verantwortung neu gelernt werden, weil man die Folgen des eigenen Tuns sichtbar und spürbar erlebt. Man könnte Wirksamkeit neu erfahren, weil Erfolge und Misserfolge nicht mehr in fernab liegenden Börsenkursen gemessen würden, sondern in gelungenen Objekten, zufriedenen Mitmenschen, gesundem Umfeld. Und man würde Gemeinsinn kultivieren, weil nahezu jede Aufgabe im Austausch und in Rücksicht auf andere geschieht – wie in einem Orchester, in dem jeder sein Instrument spielt, aber aufs Ganze hört.
Letztlich läuft das Prinzip 51:49 auf eine Philosophie des maßvollen Ungleichgewichts hinaus, das Wandel ermöglicht, gepaart mit einer Rückbesinnung auf tätige Einbettung des Menschen in die Wirklichkeit. Es fordert uns auf, die starre Waage aus der Hand zu legen – die Illusion, alles ließe sich symmetrisch verrechnen – und stattdessen der Resonanz mit der Welt zu lauschen. Resonanz entsteht, physikalisch wie sozial, erst wenn ein kleiner Unterschied einen anderen Körper mit in Schwingung versetzt. Die Kunstgesellschaft wäre eine Resonanzgesellschaft: Jeder Einzelne schwingt sich ein in das große Ganze, mit einem feinen Überschuss an Geben, an Kreativität, an Achtsamkeit (das „51“) gegenüber dem Nehmen, dem Konsum, der Selbstbezogenheit (dem „49“). So könnte das Leben selbst wieder als Kunstwerk erscheinen – nicht als starres Gemälde, sondern als fortwährende Performance, in der wir zugleich Künstler und Publikum, Handelnde und Mitwelt sind.
Heraklit, der Dunkle, würde vielleicht lächelnd zustimmen. Schließlich sagte er: „Weisheit besteht darin, der Natur der Dinge zu folgen.“ id.scribd.com
Und die Natur der lebendigen Dinge ist eben jene verborgene Harmonie im Ungleichgewicht. Wenn wir das Prinzip 51:49 praktisch in unser Leben integrieren – im Umgang mit Materialien, mit Menschen, mit uns selbst – könnten wir Schritt für Schritt aus den Täuschungssystemen erwachen. Wir würden bemerken, dass das Echte mehr trägt als das Gemachte, dass ein gemeinsamer realer Boden unter unseren Füßen viel sicherer ist als alle abstrakten Gerüste. Vielleicht erfinden wir so, in den Worten Beuys’, „die Zukunft, die wir wollen“. beuysart.org selbst – schöpferisch, gemeinschaftlich und im Einklang mit dem, was das Leben wirklich ausmacht.
