Die vorausliegende Welt und das menschliche Interpretationswerk

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Überschriften: zu Forschungskunst als öffentliche Überzeugungs-, Werk-, Konsequenz-, Rückkopplungs- und Reparaturprüfung

  1. Der Zweifel als Grundlage des Kunstwerkes
  2. Der Mensch als plastisch werdendes Kunstwerk und als Künstler
  3. Plastisches Ich-Bewusstsein und Skulpturidentität
  4. Rollenidentität und gesellschaftliche Unverletzlichkeitswelt
  5. Projektionsleinwand und projektive Rückkopplung
  6. Bildnerische und darstellerische Künste als Erkenntniswerkzeuge
  7. Joseph Beuys und das Ernstnehmen der Sozialen Plastik
  8. Das Vier-Ebenen-Modell
  9. Die So-Heits-Gesellschaft als zukünftige Kunstgesellschaft
  10. Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
  11. Die Globale Schwarm-Intelligenz

Die Welt ohne den Menschen ist kein menschliches Kunstwerk.

Erde, Wasser, Atmosphäre, Gravitation, Stoffkreisläufe, kosmische Bedingungen und die Voraussetzungen des Lebens sind keine menschlichen Kunstwerke. Sie wurden nicht durch eine menschliche Idee, Absicht oder Gestaltung hervorgebracht.

Diese vorausliegende Welt bezeichne ich als Tragwirklichkeit. Sie ist keine starre Bühne, auf der der Mensch als unabhängiges Wesen auftritt. Sie besteht aus sich überschneidenden Wirkungs-, Abhängigkeits-, Toleranz- und Referenzsystemen, innerhalb derer der Mensch überhaupt erst entstehen, atmen, handeln, erkennen und Kunst hervorbringen kann.

Der Mensch kann diese Welt wahrnehmen, verändern, beschreiben und darstellen. Er kann ihre Voraussetzungen jedoch nicht durch Preise, Eigentumsordnungen, gesellschaftliche Rollen, technische Systeme oder rechtliche Geltungsansprüche ersetzen.

Sobald der Mensch versucht, sich eine Welt ohne den Menschen vorzustellen, entsteht allerdings bereits wieder ein Menschenwerk. Die gedachte, beschriebene oder bildlich dargestellte Welt ohne den Menschen ist nicht mehr die vorausliegende Welt selbst. Sie ist eine menschliche Auswahl, Interpretation und Modellbildung.

Die Welt ohne den Menschen ist kein menschliches Kunstwerk. Jede menschliche Vorstellung dieser Welt ist jedoch bereits eine Hervorbringung, die ihre eigenen Voraussetzungen, Auslassungen und möglichen Irrtümer mitprüfen muss.

Der Zweifel als Grundlage des Kunstwerkes

An diesem Punkt erhält der Zweifel eine entscheidende Bedeutung.

Ein Kunstwerk entsteht nicht allein aus Idee, Phantasie und Gestaltungskraft. Es entsteht aus der Auseinandersetzung zwischen Vorstellung, Material, Widerstand, Tätigkeit, Wirkung und Korrektur.

Der Zweifel steht dem Kunstwerk nicht von außen gegenüber. Er gehört zu seinem Entstehungsprozess. Der Künstler muss prüfen, ob seine Vorstellung trägt, ob das Material anders antwortet als erwartet, ob ein Eingriff zu weit geht und wann der richtige Zeitpunkt erreicht ist, das Werk loszulassen.

Auch wissenschaftliche Forschung arbeitet mit Zweifel, Hypothesen, Experimenten und Gegenproben. Jede wissenschaftliche Versuchsanordnung ist jedoch ebenfalls eine menschliche Hervorbringung. Sie entscheidet, welche Bedingungen einbezogen, welche Störungen ausgeschlossen, welche Größen konstant gesetzt, welche Zeiträume betrachtet und welche Ergebnisse als beweiskräftig anerkannt werden.

Die Forschungskunst untersucht deshalb nicht nur, was ein Experiment beweist. Sie untersucht ebenso, welches Menschenwerk das Experiment selbst darstellt, welche Wirkungszusammenhänge es sichtbar macht und welche es ausblendet.

In diesem bestimmten Sinn halte ich die Kunst für der Wissenschaft überlegen. Nicht weil sie genauere Einzelmessungen hervorbrächte, sondern weil sie die Idee, die Phantasie, die Versuchsanordnung, die Perspektive des Hervorbringenden, den Materialwiderstand, die Tätigkeitsfolgen, den Zweifel und die Verantwortung in einem gemeinsamen Werkprozess untersuchen kann.

Kunst ersetzt Wissenschaft nicht. Sie führt deren Erkenntnisse und Voraussetzungen in eine umfassendere Selbstprüfung des menschlichen Hervorbringens zurück.

Der Mensch als plastisch werdendes Kunstwerk und als Künstler

Ausgangspunkt meines Kunstverständnisses ist die Doppelstellung des Menschen.

Der Mensch ist selbst ein lebendiges, verletzliches, stoffwechselndes und fortwährend plastisch werdendes Kunstwerk. Er bringt sich nicht selbst hervor und besitzt sich nicht unabhängig von seinen Lebensbedingungen. Er entsteht durch Schwangerschaft, Geburt, Atem, Nahrung, Wärme, Fürsorge, Bewegung, Sprache, Lernen, Beziehungen und fortwährende Nachstabilisierung.

Zugleich ist der Mensch Künstler. Er nimmt wahr, unterscheidet, benennt, deutet, erfindet, baut, verändert und organisiert. Er bringt Gegenstände, Bilder, Begriffe, Rollen, Institutionen, Technologien und gesellschaftliche Ordnungen hervor.

Die Menschenwelt kann deshalb als ein gemeinsames, unabgeschlossenes Kunstwerk verstanden werden.

Dieses Menschenkunstwerk ist jedoch nicht automatisch gelungen. Es muss daran geprüft werden, ob seine Formen tragen, Leben ermöglichen, Rückmeldungen aufnehmen und Korrekturen zulassen oder ob sie ihre eigenen Voraussetzungen verletzen und zerstören.

Zu einem vollständigen Menschenwerk gehören nicht nur seine sichtbare Form, seine erklärte Absicht oder sein gesellschaftlicher Nutzen. Zu ihm gehören ebenso Rohstoffgewinnung, Energieverbrauch, Arbeitsbedingungen, Transport, Gebrauch, Verschleiß, Abfall, Verletzungen und langfristige Abhängigkeitskonsequenzen.

Der Mensch gestaltet seine Welt und wird durch seine Gestaltungen selbst wieder geformt. Das hervorgebrachte Werk wirkt auf seinen Künstler zurück.

Daraus entsteht eine Verantwortung, die nicht bei der Absicht, beim Auftrag, bei der beruflichen Rolle, der institutionellen Zuständigkeit oder der persönlichen Lebenszeit endet.

Plastisches Ich-Bewusstsein und Skulpturidentität

Das plastische Ich-Bewusstsein ist die menschliche, selbstreflexive Weiterentwicklung der Membran- und Verhältnislogik.

Es ist keine innere Substanz und kein unveränderlicher Kern. Es ist eine Grenz-, Deutungs- und Rückkopplungsform zwischen dem lebendigen Körper und der Welt.

Plastisch ist dieses Ich, wenn es Eigenes und Fremdes unterscheiden kann, ohne sich absolut abzuschließen. Es kann sich öffnen, ohne sich aufzulösen. Es kann handeln und sich zugleich korrigieren lassen. Es kann Rollen übernehmen, ohne sich vollständig mit ihnen zu identifizieren.

Die Skulpturidentität entsteht dagegen dort, wo diese bewegliche Membran- und Verhältnisstruktur zur Wand erstarrt.

Der Mensch stellt sich dann als abgeschlossenes, autonomes und sich selbst gehörendes Individuum vor. Das gesellschaftlich hervorgebrachte Geltungs-Ich erklärt sich zum Besitzer des Körpers und zum Ursprung von Wille, Leistung, Eigentum und Freiheit.

Es bleibt jedoch vollständig abhängig vom Kopplungs-Ich, dem atmenden, stoffwechselnden, verletzlichen und auf Mitwelt angewiesenen Körperorganismus.

Die Skulpturidentität ist deshalb eine symbolische Menschenform, die ihre Herkunft aus der lebendigen Tragwirklichkeit verdeckt.

Parasitär wird sie dort, wo sie die Bedingungen nutzt, von denen sie lebt, deren Grenzen und Rückmeldungen jedoch nicht mehr anerkennt.

Nicht der Mensch als Körperorganismus ist der Parasit. Parasitär wird sein entkoppeltes Selbst-, Rollen- und Zivilisationsbild, wenn es den eigenen Körper, andere Menschen und die planetarische Tragwirklichkeit als bloße Mittel seiner Fortsetzung behandelt.

Rollenidentität und gesellschaftliche Unverletzlichkeitswelt

Die menschliche Zivilisation beruht auf Rollen. Menschen handeln als Eigentümer, Mieter, Kunde, Konsument, Produzent, Wissenschaftler, Künstler, Richter, Arzt, Patient, Politiker, Sachbearbeiter oder Experte.

Diese Rollen sind für eine komplexe Gesellschaft notwendig. Problematisch werden sie dort, wo der Mensch die Rolle nicht mehr als begrenzte Handlungsform wahrnimmt, sondern sie mit seinem gesamten Ich verwechselt.

Die Rolle wird dann zur Skulpturidentität. Sie legt fest, was wahrgenommen, entschieden und verantwortet werden darf.

Der Funktionsträger erklärt, er habe nur seinen Auftrag erfüllt. Der Eigentümer beruft sich auf sein Recht. Der Wissenschaftler auf seine Methode. Die Institution auf ihre Zuständigkeit.

Die Rolle wird dadurch zu einer Schutzwand gegen die vollständigen Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen.

Die gesellschaftliche Rollenwelt bildet eine Art Unverletzlichkeitswelt. In ihr können Begriffe, Zuständigkeiten und Geltungsansprüche so erscheinen, als seien sie von den körperlichen und materiellen Folgen ihres Handelns getrennt.

Der menschliche Körper bleibt jedoch Teil der Verletzungswelt. Er kann erkranken, erschöpft werden, Schmerzen erleiden und sterben. Auch Böden, Gewässer, Tiere, Pflanzen und zukünftige Lebensmöglichkeiten bleiben den tatsächlichen Folgen menschlicher Tätigkeiten ausgesetzt.

Die Skulpturidentität versucht, sich durch ihre Rollen- und Geltungswelt gegen diese Verletzungswirklichkeit abzuschirmen.

Projektionsleinwand und projektive Rückkopplung

Viele gesellschaftliche Systeme bezeichnen sich als Rückkopplungssysteme. Sie sammeln Beschwerden, erheben Daten, erstellen Gutachten, führen Evaluationen durch und vergleichen Ergebnisse.

Nicht jede Rückmeldung führt jedoch zu einer wirklichen Rückkopplung.

Wenn ein System nur das aufnimmt, was sich in seine bereits vorhandenen Kategorien, Rollen und Zuständigkeiten übersetzen lässt, begegnet es keinem eigenständigen Gegenüber. Es sieht nur die eigenen Begriffe wieder.

Das Gegenüber wird zur Projektionsleinwand.

Eine Projektionsleinwand antwortet nicht aus einer eigenen Wirklichkeit heraus. Sie trägt das Bild, das auf sie geworfen wird. Der Betrachter kann seine eigene Projektion anschließend mit der Wirklichkeit verwechseln.

Eine Institution kann ebenso verfahren. Sie ordnet eine fremde Erfahrung in ihre eigenen Kategorien ein und verwendet das Ergebnis anschließend als Bestätigung ihrer bestehenden Ordnung.

Diese Form bezeichne ich als projektive Rückkopplung. Sie nimmt scheinbar Rückmeldungen auf, verändert aber ihre eigene Gewichtung nicht.

Auch Rollenidentitäten können andere Menschen als Projektionsflächen benutzen. Eigene Unsicherheiten, Widersprüche oder nicht anerkannte Abhängigkeiten werden auf ein Gegenüber übertragen. Der andere erscheint dann als schwierig, irrational, unkooperativ oder fehlerhaft, während die eigene Rolle als widerspruchsfrei bestehen bleiben kann.

Wirkliche Rückkopplung beginnt erst, wenn eine fremde Erfahrung das bisherige Referenzsystem unterbrechen, erweitern oder korrigieren darf.

Eine Rückmeldung muss nicht automatisch richtig sein. Sie muss aber die Möglichkeit besitzen, die bisherige Gewichtung tatsächlich zu verändern.

Aus 51:49 muss aufgrund der eingetretenen Folgen 49:51 werden können.

Bildnerische und darstellerische Künste als Erkenntniswerkzeuge

Die Rückbindung des Menschen an seine Tragwirklichkeit kann nicht allein theoretisch erfolgen. Sie verlangt praktische Erfahrungen mit den Handwerkszeugen der bildnerischen und darstellerischen Künste.

Die bildnerischen Künste führen eine Vorstellung in Material, Gewicht, Oberfläche, Widerstand, Veränderung, Korrektur und richtiges Loslassen.

Das Material antwortet. Es trägt, verformt sich, zerbricht, verfault, schmilzt oder widersetzt sich der Vorstellung.

Der Künstler kann sich nicht darauf zurückziehen, nur eine Idee gehabt zu haben. Die Tätigkeit und ihre Materialkonsequenzen gehören zum Werk.

Das richtige Loslassen bezeichnet den Zeitpunkt, an dem weitere Bearbeitung nicht mehr verbessert, sondern zerstört. Diese Fähigkeit betrifft nicht nur ein einzelnes Kunstwerk. Sie betrifft ebenso technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Systeme, die verändert oder beendet werden müssen, wenn ihre Fortsetzung die eigenen Voraussetzungen zerstört.

Die darstellerischen Künste führen in Körper, Rolle, Requisite, Als-ob, Handlung und Rollenabstand.

Der Schauspieler übernimmt eine Rollenfigur, ohne körperlich und biografisch mit ihr identisch zu werden. Er öffnet sich der Rolle und behält zugleich einen Abstand zu ihr. Nur dadurch kann er sie darstellen, verändern, unterbrechen und wieder verlassen.

Das schauspielerische Handwerkszeug trainiert deshalb eine plastische Rollen- und Membranfähigkeit. Der Mensch kann lernen zu sagen: Ich übe diese Rolle aus, aber ich bin nicht vollständig mit ihr identisch.

Die bildnerischen Künste stellen die Vorstellung dem Material gegenüber. Die darstellerischen Künste stellen die Rollenfigur dem verletzlichen Darsteller gegenüber.

Beide erzeugen Referenzsysteme, in denen die menschliche Vorstellung eine nicht vollständig vorherbestimmte Antwort erhält.

Joseph Beuys und das Ernstnehmen der Sozialen Plastik

Meine Begegnung mit Joseph Beuys im Jahr 1980 bildet einen wichtigen biografischen und künstlerischen Bezugspunkt.

Als Beuys zu mir sagte, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst, berührte er damit den Kern meiner weiteren Arbeit.

Wenn jeder Mensch Künstler und an der Formung gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligt ist, müssen auch die tatsächlichen Tätigkeiten, Rollen, Regeln, Materialverbräuche und Abhängigkeitskonsequenzen dieser Sozialen Plastik untersucht werden.

Der Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ darf nicht nur als persönliche Ermächtigung verstanden werden. Er enthält eine umfassende Verantwortung.

Gesellschaft ist nicht allein eine Ideen- oder Kommunikationsform. Sie besteht aus Gebäuden, Produktionsketten, Arbeitsbedingungen, Eigentumsverhältnissen, technischen Systemen, Verkehrswegen, Gesetzen, Abfällen und Ausschlüssen.

Alle diese Formen gehören zum gemeinsamen Menschenkunstwerk und müssen auf Funktionieren, Nichtfunktionieren, Tragfähigkeit und Korrekturfähigkeit geprüft werden.

Das Vier-Ebenen-Modell

Das Vier-Ebenen-Modell ist das methodische Arbeits- und Rückverfolgungsinstrument dieser Forschungskunst.

E1 bezeichnet die physikalisch-chemische Tragwirklichkeit. Hier wirken Stoffe, Kräfte, Druck, Temperatur, Reibung, Gradienten, Grenzflächen, Materialwiderstände und zeitliche Veränderungen.

E2 bezeichnet die lebendige und verletzliche Tragwirklichkeit. Hier entstehen Zellmembran, Stoffwechsel, Regulation, Bindung, Schmerz, Regeneration, Nachstabilisierung und plastisches Ich-Bewusstsein.

E3 bezeichnet die symbolische Menschenwelt. Hier entstehen Sprache, Recht, Eigentum, Markt, Rollen, Institutionen, Wissenschaft, Technik, Kunst, Medien und künstliche Intelligenz.

E3 ist notwendig. Ohne Begriffe, Zeichen, Rollen und Institutionen könnte der Mensch keine komplexe Menschenwelt hervorbringen.

Problematisch wird E3 dort, wo es seine Herkunft aus E1 und E2 verdeckt und sich selbst als voraussetzungslose Wirklichkeit ausgibt.

E4 bezeichnet die öffentliche Prüf-, Rückkopplungs-, Gegenkopplungs- und Reparaturebene. Auf ihr werden die Hervorbringungen von E3 auf ihre materiellen und organismischen Voraussetzungen und Folgen in E1 und E2 zurückgeprüft.

E4 ist keine neue vollkommene Oberordnung. Auch sie muss zweifelnd, membranartig und korrigierbar bleiben.

Ihre Aufgabe besteht darin, projektive Selbstbestätigung zu unterbrechen und wirkliche Gegenkopplung zu ermöglichen.

Die Grundformel lautet:

E1 trägt E2. E2 ermöglicht E3. E3 muss durch E4 an E1 und E2 zurückgebunden werden.

Die So-Heits-Gesellschaft als zukünftige Kunstgesellschaft

Aus dieser Prüfarchitektur entwickelt sich die Vorstellung einer zukünftigen So-Heits-Gesellschaft.

„So-Heit“ bedeutet nicht, das Bestehende passiv hinzunehmen. Der Begriff bezeichnet die genaue Wahrnehmung dessen, was tatsächlich wirkt, trägt, begrenzt, verletzt, kippt und verändert werden kann.

Die So-Heits-Gesellschaft ist keine Utopie vollkommener Menschen und keine Gesellschaft, in der alle Berufskünstler werden.

Sie ist eine Kunst-, Prüf-, Übungs-, Verhältnis- und Reparaturgesellschaft, in der Menschen grundlegende künstlerische Fähigkeiten im Umgang mit Material, Körper, Rolle, Grenze, Zweifel, Fehler, Rückkopplung und Verantwortung erwerben.

Ihre historische Bezugsachse liegt im Begriff der technē. Technē bezeichnete sachkundiges, erlerntes und eingeübtes Hervorbringen. Können, Wissen, Übung, Maß, Urteil und praktische Verantwortung waren enger miteinander verbunden, als es die heutige institutionelle Trennung von Kunst, Wissenschaft und Handwerk erkennen lässt.

Ein Werk musste sich an Material, Zweck, Widerstand und Wirkung bewähren. Können entstand nicht durch Behauptung, Status oder bloßes Wissen, sondern durch praktische Erfahrung, Wiederholung, Fehler und Korrektur.

Die So-Heits-Gesellschaft darf nicht von spiegelbildlicher Gleichförmigkeit ausgehen. Menschen sind gleichwertig, aber nicht gleichartig. Ihre Körper, Erfahrungen, Voraussetzungen und Belastungen unterscheiden sich.

Das richtige Maß besteht deshalb nicht darin, alle Menschen demselben abstrakten Maßstab zu unterwerfen. Es besteht darin, Unterschiede wahrzunehmen und in einen tragfähigen gemeinsamen Zusammenhang zu bringen.

Die So-Heits-Gesellschaft ist eine Gesellschaft regulierter Durchlässigkeit. Sie nimmt Rückmeldungen auf, ohne ihre gemeinsame Orientierung aufzugeben. Sie bildet Grenzen, ohne sich gegen Korrektur zu immunisieren.

Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes

Das So-Heits-Atelier ist der räumliche Werk-, Erkenntnis-, Übungs- und Prüfbereich dieser zukünftigen Kunstgesellschaft.

Es ist kein nachträglich für die documenta entwickeltes Beteiligungsformat. Es ist aus der von mir während meines Kunststudiums begründeten „Experimentellen Umweltgestaltung“ und aus der weiteren Entwicklung meines gesamten Lebenswerkes hervorgegangen.

Aus dieser Arbeit entstanden unter anderem Wasser- und Strömungsversuche, Wellenbecken, Deichprofile, Biberdammmodelle, Passungs- und Toleranzuntersuchungen, asymmetrische Fahrzeuge, Erwachsenen-Malbücher, Krickel-Krakel-Arbeiten, die Rote-Punkt-Aktion, gesellschaftliche Arbeitstische, Rollentheater, Demokratiewerkstätten, Kunsthallen auf Zeit, Kollektive Kreativität, das Globale Dorffest, das Entelechie-Museum, das Partizipatorische Welttheater und meine acht documenta-Bewerbungen zwischen 1977 und 2017.

Im Atelier werden ausgewählte historische Schlüsselwerke nicht nur ausgestellt, sondern als anwendbare Versuchsanordnungen aktiviert.

Wasser-, Strömungs-, Gewichts-, Passungs- und Toleranzmodelle untersuchen physikalische Verhältnisse, Widerstände und gerichtete Asymmetrien.

Bildnerische Arbeiten untersuchen Material, Wertzuschreibung, Symmetrieprojektion, Veränderung und richtiges Loslassen.

Darstellerische Versuchsanordnungen untersuchen Rollenidentität, Projektion, Widerspruch und Rollenabstand.

50:50, 51:49 und 49:51 werden nicht nur theoretisch erklärt. Sie werden mit Gewichten, Wasser, Flächen, Spiegelungen, Bewegungen, Materialwiderständen und Rollenwechseln praktisch erfahrbar gemacht.

Dabei wird gefragt, welche Bedingungen ausgeblendet werden müssen, damit eine vollkommene Gleichheit bestehen kann. Es wird sichtbar, wann eine minimale Asymmetrie Bewegung und Entscheidung ermöglicht und wann eine bestehende Gewichtung aufgrund ihrer Folgen umgekehrt werden muss.

Ein weiterer Arbeitsbereich stellt Projektionsleinwand und wirkendes Gegenüber einander gegenüber. Die Leinwand bestätigt nur das Bild, das auf sie projiziert wird. Material, Wasser, Körper und ein widersprechender Mensch antworten dagegen aus einem eigenen Referenzzusammenhang.

Das Vier-Ebenen-Modell bildet die gemeinsame Arbeitsstruktur dieser Versuchsanordnungen. Es ermöglicht, von der materiellen und lebendigen Tragwirklichkeit über die menschlichen Rollen- und Geltungsordnungen bis zur öffentlichen Rückkopplung und Korrektur zurückzuverfolgen, wo eine Entkopplung beginnt.

Der Besucher wird nicht nur aufgefordert, eine Meinung zu äußern. Er wird zum Mitprüfenden seiner eigenen Vorstellungen, Rollen und Tätigkeiten.

Das Werk wird zum Prüfapparat, das Material zum Gegenüber und der Besucher zum Forschungskünstler seiner eigenen Existenz- und Abhängigkeitsbedingungen.

Die Globale Schwarm-Intelligenz

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ bildet die digitale Fortsetzung dieses Arbeitsprozesses.

Sie verbindet Werkarchiv, Arbeitsprotokoll, interaktives Buch, Begriffssystem und öffentlichen Prüfraum.

Schwarmintelligenz entsteht nicht dadurch, dass eine Mehrheit automatisch recht hat. Ein Verhältnis von 99:1 kann eine Machtverteilung darstellen, beweist aber keine Tragfähigkeit.

Eine einzelne Gegenstimme kann eine entscheidende Rückmeldung aus der materiellen oder organismischen Wirklichkeit enthalten, die ein gesamtes gesellschaftliches System korrigieren muss.

Die Plattform soll deshalb unterschiedliche Erfahrungen, Kenntnisse und Gegenargumente verbinden, ohne Mehrheitsmeinung mit Wahrheit gleichzusetzen.

Auch künstliche Intelligenz wird darin nicht als Wahrheitsinstanz, sondern als überprüfbares Schreib-, Vergleichs-, Ordnungs- und Kontrollinstrument eingesetzt.

Sie kann Zusammenhänge sichtbar machen. Sie kann aber ebenso projektive Rückkopplung erzeugen, wenn sie nur die Erwartungen des Benutzers bestätigt, vorhandene Gewichtungen verstärkt oder eigenmächtig Begriffe und Zusammenhänge verändert.

Auch ihre Antworten müssen deshalb durch E4 auf Quellen, Werke, Voraussetzungen, Wirkungen, Auslassungen und Korrigierbarkeit zurückgeprüft werden.