Du entwickelst keine Kunst für passive Betrachter,

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Weitere Methoden aus deiner Biografie

Aus deiner Biografie lässt sich nicht nur eine Abfolge von Projekten entnehmen, sondern ein ganzes Methodensystem. Dieses Methodensystem beginnt nicht beim fertigen Kunstwerk, sondern bei der Frage, wie ein Mensch durch Kunst wieder in eine tätige, sinnliche, verantwortliche und gemeinschaftliche Beziehung zur Wirklichkeit gebracht werden kann. Deine Methoden sind deshalb keine Stilmittel im engen Sinn, sondern Prüf-, Reparatur-, Beteiligungs- und Rückkopplungsverfahren.

Die wichtigste Grundmethode ist die Vorgabe-Methode. Sie erscheint in den Erwachsenenmalbüchern, Telefonmalbüchern, Fußgänger-, Autobahn- und Studio-Malbüchern, später aber auch in Collagen, Folien, Fotos, interaktiven Büchern und der Wiki-Struktur. Das Vorgabebild ist nicht nur eine Vorlage, sondern ein fertiges offenes Kunstwerk. Es gibt genug Form, damit eine Erscheinung entsteht, aber genug Offenheit, damit der Rezipient sein eigenes Bild, seine eigene Fantasie und seine eigene Spur entwickeln kann. Diese Methode ist 51:49 in praktischer Form: Die künstlerische Setzung führt, aber sie beherrscht nicht. Sie öffnet den anderen, statt ihn zum bloßen Betrachter zu machen.

Eine zweite Methode ist die Spuren-Aufwertungs-Methode. Sie zeigt sich besonders im Telefon-Malbuch. Dort werden beiläufige Telefonkritzeleien, die normalerweise weggeworfen werden, als wertvolle Selbstspuren sichtbar gemacht. Das scheinbar Nebensächliche wird festgehalten, betrachtet und als Menschenwerk anerkannt. Diese Methode richtet sich gegen die Leistungsgesellschaft, die nur das Fertige, Geordnete, Bewertbare und Vorzeigbare anerkennt. Du machst dagegen sichtbar, dass auch die kleine, unbewusste Spur eine Form von Tätigkeit, Gehirnarbeit, Körperbewegung und innerer Rückkopplung ist.

Eine dritte Methode ist die 1000-Menschen-Methode. Sie taucht in der Formulierung auf, dass 1000 Menschen sich mit einer Vorlage beschäftigen oder ihre Gedanken zu einer vorgegebenen Idee einbringen sollen. Daraus entstehen Frage- und Antworttische, Mitmachaktionen, Tapeziertische, Globales Dorffest und später die Globale Schwarmintelligenz. Der einzelne Mensch wird nicht als Konsument angesprochen, sondern als Mitdenker, Mitzeichner, Mitantwortender und Mitverantwortlicher. Damit wird Kunst zur öffentlichen Rückkopplungsarchitektur. In der Biografie wird diese Linie ausdrücklich mit Malbüchern, Frage- und Antworttischen, Mitmachaktionen und der Idee verbunden, viele Menschen über eine Vorlage oder Idee in Beteiligung zu bringen.

Eine vierte Methode ist die Naturanalogische Versuchsmethode. Sie entsteht aus Wellenbecken, Strömungsbewegungen, Deichprofilen, Biberdamm-Vorbild, Wassergrammatik, digitalisierten Strömungsbildern, Tanglandschaft und Gartenlabor. Natur wird nicht dekorativ abgebildet, sondern als Prüf- und Regulationssystem gelesen. Ein Wirbel, eine Strömung, ein Deich, ein Biberbau, eine Tangstruktur oder eine Gartenlandschaft werden zu Modellen für gesellschaftliche Abläufe, Synergien, Anpassung, Kipppunkte und Rückkopplung. Wichtig ist dabei deine Einsicht: Ein abgebildeter Wirbel wirbelt nicht. Darum musste die statische Darstellung in Prozess, Aktion, Serie, Labor und Partizipation überführt werden.

Eine fünfte Methode ist die Verortungsmethode. Sie zeigt sich in Demokratiewerkstätten, Aktionen im Kunst-, öffentlichen und Kirchenraum, Brandenburger Tor, Haus der Demokratie, Ratzeburg, Gartenatelier, Temporärer Kunsthalle, Berlin, Kreta und anderen Werkstandorten. Orte sind bei dir nicht bloß Kulissen. Sie sind Bedeutungs-, Geschichts- und Prüfkoordinaten. Ein Werk entsteht nicht irgendwo, sondern an einem Ort, an dem historische, soziale, politische, natürliche und biografische Kräfte zusammenkommen. Verortung heißt: Die Idee wird an einen konkreten Raum, Anlass, Zeitpunkt und Wirklichkeitszusammenhang gebunden.

Eine sechste Methode ist die Serien- und Phasenmethode. Sie zeigt sich besonders bei den Schultafelbildern „Staumauer“, bei den Gartenarbeiten, bei jahreszeitlichen Prozessen, bei Daumenkino-Strukturen und bei seriellen Darstellungen politischer oder natürlicher Abläufe. Hier wird nicht ein einzelnes abgeschlossenes Bild gezeigt, sondern ein Verlauf. Dadurch wird Zeit sichtbar. Gesellschaftliche Prozesse, Naturprozesse und Bewusstseinsprozesse werden als Phasen, Übergänge, Stauungen, Brüche und Bewegungen dargestellt.

Eine siebte Methode ist die Sofort-Theater- und Rollenprüfungs-Methode. Über Augusto Boal, Performances, Rollenbilder, Männer-Mode, Körper-Empfindungen, Sofort-Theater und öffentliche Aktionen wird die Bühne nicht als Illusionsraum verwendet, sondern als Prüfzone. Der Mensch soll erfahren, dass er Rollen spielt, Rollen übernimmt, Rollen verändern kann und durch Darstellung Wirklichkeit mitformt. Damit wird das schauspielerische Handwerkszeug des Denkens sichtbar: Der Mensch lebt nicht nur, er stellt sich dar. Die Methode prüft, wann Darstellung zur Freiheit wird und wann sie zur Skulpturidentität erstarrt.

Eine achte Methode ist die Alltagsmaterial-Methode. Kartoffel, Spaten, Kochlöffel, Topf, Telefonzettel, Tapeziertisch, Schultafel, Garten, Tang, Sand, Wasser, Kleidung, Körper, Gold und Alltagsgeräte werden nicht als nebensächliche Dinge behandelt, sondern als Prüfobjekte. Gerade am Einfachen wird sichtbar, was Tätigkeit bedeutet. Ein Spaten ist nicht nur Werkzeug, sondern Verletzungswelt. Eine Kartoffel ist nicht nur Nahrung, sondern Erde, Arbeit, Körper, Verletzung, Symbol, Wert und Vergoldung. Ein Topf mit Kochlöffel ist nicht nur Spiel, sondern Wiederöffnung des verschütteten Künstlers.

Eine neunte Methode ist die Dekonstruktions- und Konstruktionsmethode von Wirklichkeit. Sie wird in deinem späteren interaktiven Buch und der professionellen Wiki-Website ausdrücklich benannt: Der Rezipient soll sich mit der Dekonstruktion und Konstruktion von Wirklichkeit auseinandersetzen und über Kunst anders kennenlernen als bisher. Dabei werden Vorgabebilder, Collagen, Zeichnungen, Folien und Fotos verarbeitet, gedeutet und in neue Zusammenhänge gebracht. Ziel ist, unterschiedliche Sachzusammenhänge der komplexen Welt aus verschiedenen Perspektiven auf einen gemeinsamen Sachzusammenhang zurückzuführen: Kunst als Prüfweise von Wirklichkeit.

Eine zehnte Methode ist die Schwarm- und Netzwerk-Methode. Sie reicht vom Fax-Vernetzungsmodell, Globalen Dorffest, 1000 Tapeziertischen, Kollektiver Kreativität und Partizipatorischem Welttheater bis zur Globalen Schwarmintelligenz. Der einzelne Beitrag bleibt nicht isoliert. Viele Beiträge werden zu einer gemeinsamen Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsform verschaltet. Dabei geht es nicht um Masse als Publikum, sondern um viele Menschen als Mitträger eines gemeinsamen Prüfprozesses. Die spätere Wiki-Plattform ist die digitale Fortsetzung dieser Methode.

Eine elfte Methode ist die Katastrophen-Prüfmethode. Sie geht zurück auf Hermannsburg 1973/74, Club of Rome, Naturstörungen, menschengemachte Katastrophen und deine Grundfrage, ob Kunst Gesellschaft verändern kann. Kunst soll sich nicht mit beliebigen Themen beschäftigen, sondern mit den von Menschen verursachten Katastrophen. Dabei geht es nicht nur um technische Lösungen, sondern um Verhalten, Motivation, Menschenbild und Herrschaftsanspruch gegenüber der Natur. In der Biografie wird diese Suche als 40-jährige Suche nach Lösungsmodellen und als Entwicklung einer neuen Zukunftsvision auf Grundlage eines künstlerischen Selbstverständnisses beschrieben.

Eine zwölfte Methode ist die Geburts- und Entelechie-Methode. Sie zeigt sich in Begriffen wie Schöpfungsgeschichte, Entelechie-Museum, Zukunftsmuseum, So-Heits-Gesellschaft, Geburtsprozess, Partizipatorisches Welttheater und plastischer Lebensgemeinschaft. Hier wird Kunst als Hervorbringung verstanden, aber nicht als kopfhafte Kopfgeburt, sondern als Prozess von Werden, Reifen, Entstehen, Verwirklichen, Scheitern und Reparieren. Diese Methode ist besonders wichtig als Gegenbild zur platonischen Unverletzlichkeitswelt. Kunst bleibt an Geburt, Material, Zeit, Körper und Tragwirklichkeit gebunden.

Eine dreizehnte Methode ist die Nutzer-Methode. Der Besucher, Leser oder User ist bei dir nicht Publikum, sondern Teil des Werkes. Im Partizipatorischen Welttheater soll der Besucher Fragen stellen und Antworten geben und sich selbst als plastisches Grenzwesen in der Lebensgemeinschaft aller Lebewesen wahrnehmen. In der Globalen Schwarmintelligenz soll jeder Leser sein eigenes Buch spielerisch zusammenstellen können. Der Nutzer wird damit zum „Ein Fußbreit Raum“-Nutzer: Er soll seinen eigenen tragfähigen Standpunkt finden, nicht nur konsumieren.

Biografische Verdichtung

Aus deiner Biografie entsteht also ein zusammenhängendes Methodensystem: Vorgabebild, Spur, Partizipation, Naturversuch, Verortung, Serie, Rolle, Alltagsmaterial, Dekonstruktion, Netzwerk, Katastrophenprüfung, Geburt und Nutzeraktivierung. Diese Methoden sind nicht getrennt. Sie kreisen alle um dieselbe Frage: Wie kann Kunst den Menschen aus der passiven Erscheinungswelt herausholen und ihn wieder in eine tätige, sinnliche, verantwortliche Rückkopplung mit Tragwirklichkeit bringen?

Deine Methoden unterscheiden sich von klassischer Kunstpädagogik, weil sie nicht nur Kreativität fördern wollen. Sie unterscheiden sich auch von politischer Kunst, weil sie nicht nur Botschaften vermitteln wollen. Sie unterscheiden sich von Wissenschaft, weil sie nicht nur erklären wollen. Sie bilden eine eigene künstlerische Forschungsweise: Menschen sollen Wirklichkeit nicht nur ansehen, sondern mit ihren eigenen Spuren, Fragen, Materialien, Rollen, Handlungen und Konsequenzen prüfen.

Die zentrale biografische Parallele liegt darin, dass du selbst immer von der Spur ausgegangen bist: Fotografie, Handwerk, Natur, Wasser, Krickel-Krakel, Telefonkritzelei, Spaten, Kartoffel, Garten, Performance, öffentlicher Raum. Aus diesen Spuren wurde kein geschlossenes Kunstsystem, sondern ein offenes Prüfmodell. Gerade deshalb ist dein Werk nicht nur eine Sammlung einzelner Aktionen, sondern eine fortlaufende Methode der Menschwerdung.

Schlussformel

Die weiteren Methoden aus deiner Biografie lassen sich so zusammenfassen:

Du entwickelst keine Kunst für passive Betrachter, sondern Vorgabe-, Spur-, Beteiligungs-, Natur-, Rollen-, Verortungs-, Katastrophen- und Netzwerkmethoden, durch die Menschen ihre eigene Tätigkeit, Wahrnehmung und Verantwortung an Tragwirklichkeit prüfen können.