E1–E4-4.10.2026

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Die vier Ebenen klarer unterschieden

Das Vier-Ebenen-Modell muss so gefasst werden, dass die Ebenen deutlich voneinander unterscheidbar bleiben, ohne sie zu voneinander getrennten Wirklichkeiten zu machen. Sie bezeichnen verschiedene Bezugsweisen innerhalb eines gemeinsamen Wirkungszusammenhangs. Die Unterscheidung ist notwendig, weil sonst materielle Bedingungen, organismische Vorgänge, menschliche Bedeutungssetzungen und reflexive Prüfung ineinanderfallen würden. Gerade diese Vermischung erschwert es, zu erkennen, wo eine Wirkung tatsächlich entsteht, wo etwas nur hineingedacht oder symbolisch gesetzt wird und an welcher Stelle eine Korrektur möglich ist.

E1 – physikalisch-materielle Wirkbedingungen

E1 bezeichnet die physikalisch-chemischen Bedingungen, innerhalb derer alle weiteren Vorgänge stattfinden. Dazu gehören Materialeigenschaften, Masse, Temperatur, Druck, Strömung, Schwerkraft, Energieübertragung, räumliche Verhältnisse, chemische Reaktionen und andere materielle Wirkzusammenhänge. Diese Ebene enthält keine menschlichen Bedeutungen und keine gesellschaftlichen Zwecke. Ein Stein besitzt Gewicht unabhängig davon, welche Bedeutung ihm zugeschrieben wird. Wasser besitzt bestimmte Strömungseigenschaften unabhängig davon, ob der Mensch sie kennt oder falsch einschätzt. Farbe besitzt stoffliche Eigenschaften, Holz eine Faserrichtung, Metall eine bestimmte Festigkeit.

E1 ist damit die Ebene des materiellen Widerstands und der physikalischen Bedingtheit. Sie ist nicht „die Wahrheit“ selbst, sondern der Bereich, in dem menschliche Vorstellungen auf Bedingungen treffen, die sich nicht beliebig verändern lassen. Für die Kunst bedeutet dies: Material kann interpretiert und gestaltet werden, aber seine Eigenschaften verschwinden durch die Interpretation nicht.

E2 – organismische Lebens- und Tätigkeitsbedingungen

E2 bezeichnet die Ebene des lebenden Organismus. Hier kommen Stoffwechsel, Wahrnehmung, Bewegung, Regulation, Verletzbarkeit, Ermüdung, Regeneration, Sinnesleistungen, körperliches Lernen und eingeübte Fähigkeiten hinzu. Der Organismus ist dabei nicht lediglich eine Ansammlung materieller Bestandteile. Er organisiert materielle Prozesse so, dass Leben über eine bestimmte Zeit aufrechterhalten werden kann.

Der entscheidende Unterschied zu E1 besteht darin, dass auf E2 Selbsterhaltung, Regulation und Tätigkeit auftreten. Ein Körper reagiert auf Belastungen, kompensiert Abweichungen, lernt Bewegungsabläufe und kann Fähigkeiten trainieren. Damit entstehen auch Grenzen, die nicht einfach physikalisch, sondern organismisch bestimmt sind: Ermüdung, Schmerz, Belastbarkeit, Koordination oder Aufmerksamkeit.

Für die Kunst ist E2 die Ebene des Körpers, der Wahrnehmung und des verkörperten Könnens. Der Bildhauer arbeitet nicht nur mit Stein, sondern mit Kraft, Bewegung, Ermüdung und eingeübter Handhabung des Werkzeugs. Der Schauspieler arbeitet mit Stimme, Atmung, Körperhaltung und Wahrnehmung. Der Musiker arbeitet mit körperlich trainierten Bewegungsabläufen. Übung und Training gehören deshalb vor allem in diesen Bereich, auch wenn sie zugleich mit E3 und E4 verbunden sind.

E3 – symbolische, vorgestellte und gesellschaftlich gesetzte Wirklichkeit

E3 bezeichnet die vom Menschen hervorgebrachte Welt der Bedeutungen, Begriffe, Vorstellungen, Rollen, Symbole, Geschichten, Werte, Normen, Eigentumsformen, Institutionen, wissenschaftlichen Modelle und künstlerischen Entwürfe. Hier entsteht das, was nicht unmittelbar aus physikalischen oder organismischen Eigenschaften folgt, sondern durch menschliche Zuschreibung, Vereinbarung und Gestaltung hervorgebracht wird.

Der entscheidende Unterschied zu E1 und E2 liegt darin, dass auf E3 etwas hineingedacht, benannt, dargestellt oder gesellschaftlich gesetzt werden kann. Ein Stück Holz kann auf E1 ein bestimmtes Material sein und auf E3 eine Requisite, ein Symbol, ein Eigentumsgegenstand oder Teil eines Kunstwerks. Ein Mensch ist auf E2 ein lebender Organismus und kann auf E3 zugleich Künstler, Beamter, König, Verkäufer, Käufer oder Bühnenfigur sein.

E3 besitzt reale Wirkungen, obwohl seine Inhalte gesetzt sind. Geld ist eine gesellschaftliche Konstruktion und kann dennoch Lebensbedingungen bestimmen. Eine Rolle ist zugeschrieben und kann dennoch Verhalten formen. Eine künstlerische Darstellung ist erfunden und kann dennoch emotional und gesellschaftlich wirksam werden. Gerade deshalb ist E3 besonders anfällig für Wirklichkeitsverwechslungen. Menschlich erzeugte Bedeutungen können so behandelt werden, als besäßen sie dieselbe Unverfügbarkeit wie physikalische oder organismische Bedingungen.

Für die Kunst ist E3 die Ebene der Vorstellung, des Entwurfs, der Rolle, des Bildes, der Fiktion und der Bedeutung. Hier entsteht das Modell, das der Künstler vor Augen hat, bevor oder während er arbeitet. Gleichzeitig wird hier sichtbar, dass Vorstellung und hergestelltes Ergebnis nicht identisch sein müssen.

E4 – Gegenüberstellung, Prüfung, Rückkopplung und Veränderung

E4 bezeichnet keine weitere Wirklichkeit neben den anderen Ebenen. Sie bezeichnet eine besondere Tätigkeitsform des Menschen, durch die E1, E2 und E3 miteinander verglichen und aufeinander bezogen werden können. E4 entsteht dort, wo der Mensch seinem eigenen Tun, seinen Vorstellungen, seinen Ergebnissen und deren Folgen gegenübertritt.

Hier werden Unterschiede wahrgenommen: zwischen Vorstellung und Material, Absicht und Ergebnis, Rolle und Person, Ziel und Wirkung, Funktionieren und Nicht-Funktionieren, kurzfristigem Erfolg und langfristiger Tragfähigkeit. E4 ermöglicht damit Zweifel, Vergleich, Kritik, Gegenprüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur.

Der entscheidende Unterschied zu E3 besteht darin, dass E3 Vorstellungen und Setzungen hervorbringt, während E4 diese Setzungen wieder zum Gegenstand der Prüfung macht. E3 kann sagen: „Das ist Eigentum.“ E4 fragt: Welche Folgen hat diese Setzung? E3 kann eine Rolle hervorbringen. E4 fragt: Wo endet die Rolle und wo beginnt der Körper oder die Person? E3 kann eine Theorie formulieren. E4 prüft, wo sie trägt und wo sie scheitert.

E4 ist deshalb nicht einfach Denken. Denken kann auch innerhalb von E3 stattfinden und bestehende Modelle lediglich fortsetzen. E4 beginnt dort, wo eine Differenz hergestellt wird, durch die das eigene Denken selbst überprüfbar wird. Dafür braucht es ein Gegenüber, aber keine vollständige Trennung. Gerade die Distanz innerhalb eines Zusammenhangs ermöglicht Lernen.

Das Verhältnis der vier Ebenen

Die Ebenen lassen sich deshalb nicht einfach als Stufen übereinanderlegen. E1 bildet materielle Bedingungen, E2 organisiert innerhalb dieser Bedingungen lebendige Prozesse, E3 erzeugt Vorstellungen und gesellschaftliche Setzungen, und E4 führt diese Setzungen wieder an Bedingungen, Wirkungen und Folgen zurück. Der Mensch bewegt sich permanent durch alle vier Ebenen, ohne eine von ihnen vollständig verlassen zu können.

Ein künstlerischer Prozess macht diese Verschränkung besonders deutlich. Das Material gehört zu E1, der handelnde und wahrnehmende Körper zu E2, die künstlerische Vorstellung oder Rollenfigur zu E3 und die Gegenüberstellung von Vorstellung, Ergebnis, Wirkung und Kritik zu E4. Kunst gehört deshalb nicht einfach zu E3. Sie ist eine Tätigkeit, die alle vier Ebenen miteinander verbindet und gerade dadurch ihre Unterschiede erfahrbar machen kann.

Die Ebenen müssen deshalb gleichzeitig getrennt und rückgebunden werden. Werden sie nicht getrennt, verschwinden wichtige Unterschiede zwischen Material und Bedeutung, Körper und Rolle, Wirklichkeit und Vorstellung. Werden sie dagegen vollständig getrennt, verschwindet ihre Zusammengehörigkeit. Das Vier-Ebenen-Modell dient deshalb nicht dazu, Wirklichkeit auseinanderzuschneiden, sondern dazu, Unterschiede sichtbar zu machen und anschließend ihre Beziehungen wieder zu prüfen.

In einer verkürzten Grundform ließe sich das Modell deshalb so verstehen: E1 beschreibt, was materiell wirkt. E2 beschreibt, was lebt, reguliert und tätig ist. E3 beschreibt, was der Mensch vorstellt, setzt und symbolisch hervorbringt. E4 beschreibt, wie diese Hervorbringungen an ihren Bedingungen, Wirkungen und Folgen geprüft und verändert werden können.

Gerade diese klare Trennung ermöglicht es anschließend, Teil und Ganzes wieder zusammenzuführen. Das Ganze entsteht nicht dadurch, dass die Ebenen miteinander vermischt werden, sondern dadurch, dass ihre unterschiedlichen Funktionen innerhalb eines gemeinsamen Wirkungszusammenhangs erkennbar bleiben.

Die vier Ebenen an einem Werkbeispiel zeigen