E1–E4-9.8.2026
Das Vier-Ebenen-Modell als korrigierbares Instrument der Wirklichkeits-, Tätigkeits- und Zivilisationsprüfung
Funktion des Vier-Ebenen-Modells
Das Modell E1–E4 dient innerhalb meiner Forschungskunst dazu, unterschiedliche Arten von Bedingungen, Wirkungen, Zuschreibungen und Rückkopplungen auseinanderhalten zu können, die im menschlichen Handeln ständig miteinander verbunden sind und zugleich immer wieder miteinander verwechselt werden.
Seine Aufgabe besteht nicht darin, die Wirklichkeit endgültig in vier Bereiche einzuteilen. Es soll keine neue Ontologie, keine neue Weltanschauung und kein geschlossenes philosophisches System erzeugen. Es ist vielmehr ein Prüfinstrument innerhalb des Begriffshandwerks, das dann eingesetzt werden kann, wenn geklärt werden muss, von welcher Art eine Aussage ist, worauf eine menschliche Zuschreibung beruht, welche Tätigkeiten aus ihr folgen und welche materiellen oder lebendigen Konsequenzen anschließend auf die ursprüngliche Ordnung zurückwirken müssten.
Das bisherige Arbeitsmaterial bestimmt diese Stellung inzwischen eindeutig: Das Vier-Ebenen-Modell soll nicht am Anfang des Begriffshandwerks stehen und nicht als neue Weltanschauung vermittelt werden. Es erhält seine Funktion erst innerhalb eines konkreten Prüfprozesses, beispielsweise wenn erkannt werden muss, dass die Feuchtigkeit eines Bodens und dessen Eigentumsstatus zwar beide wirksam, aber auf unterschiedliche Weise wirklich sind.
Die grundlegende Frage des Modells lautet deshalb nicht:
Aus welchen vier Ebenen besteht die Welt?
Sondern:
Welche Wirklichkeits- und Geltungsweise untersuche ich gerade, welche Tätigkeiten entstehen daraus, welche anderen Wirkungszusammenhänge werden berührt und können deren Rückmeldungen meine ursprüngliche Vorstellung wieder verändern?
Damit ist E1–E4 vor allem ein Differenzierungs- und Rückkopplungsmodell.
Warum eine Differenzierung notwendig ist
Der Mensch lebt innerhalb einer Wirklichkeit, die bereits vor seinen Beschreibungen wirkt. Er muss jedoch unterscheiden, um wahrnehmen, denken, kommunizieren, forschen und handeln zu können.
Genau hier entsteht eine Schwierigkeit.
Eine Aussage über die Temperatur eines Gegenstandes, eine Aussage über die Verletzung eines Menschen und eine Aussage darüber, wem ein Grundstück gehört, können sprachlich ähnlich gebaut sein. Trotzdem beziehen sie sich nicht auf dieselbe Wirklichkeitsweise.
„Dieser Boden ist feucht.“
„Dieser Mensch ist verletzt.“
„Dieser Boden gehört mir.“
Alle drei Sätze können wirkliche Konsequenzen besitzen. Dennoch bezeichnet „gehört mir“ keine messbare Materialbeschaffenheit des Bodens in derselben Weise wie Feuchtigkeit, Temperatur oder chemische Zusammensetzung.
Wenn dieser Unterschied verloren geht, können menschlich erzeugte Zuschreibungen so behandelt werden, als seien sie vorausliegende Eigenschaften der Dinge selbst.
Genau gegen diese Vermischung richtet sich E1–E4.
Das Modell erlaubt, feststellbare Beschaffenheit, lebendige Wirkungsweise, gesellschaftliche Geltung und korrigierende Rückkopplung zunächst zu unterscheiden und anschließend wieder miteinander in Beziehung zu bringen.
Ebenen bedeutet nicht Stockwerke
Der Begriff „Ebene“ kann dabei missverständlich sein.
Er könnte den Eindruck erwecken, die Wirklichkeit sei wie ein Gebäude aufgebaut: unten E1, darüber E2, darüber E3 und ganz oben E4.
Eine solche Vorstellung wäre falsch.
E1 bis E3 sind keine räumlich getrennten Stockwerke. Sie können in einem einzigen Vorgang gleichzeitig wirksam sein.
Wenn ein Mensch einen Baum auf einem ihm gehörenden Grundstück fällt, wirken in derselben Tätigkeit materielle Kräfte, lebendige Prozesse, technische Werkzeuge, Eigentumsrechte, wirtschaftliche Bewertungen, persönliche Absichten und institutionelle Regelungen zusammen.
Das Vier-Ebenen-Modell trennt diese Zusammenhänge deshalb nur methodisch, damit ihre unterschiedliche Wirkungsweise untersucht werden kann.
Anschließend müssen sie wieder miteinander verbunden werden.
Das vorhandene Material formuliert deshalb ausdrücklich, dass das Modell kein „Vierfach-Dualismus“ sein darf. E1, E2 und E3 durchdringen sich in menschlicher Tätigkeit; E4 beschreibt die Rückkopplungsbewegung zwischen ihnen.
Man könnte deshalb noch genauer von Prüfebenen oder Prüfdimensionen sprechen.
Der historische Begriff E1–E4 kann bestehen bleiben, solange deutlich bleibt:
Die Ebenen gehören zum Prüfwerkzeug, nicht zur behaupteten Architektur der Wirklichkeit.
E1 – physisch-materielle Wirkungsbedingungen
E1 richtet die Aufmerksamkeit auf physisch-materielle Bedingungen und Wirkungen.
Hier geht es um Stoff, Masse, Kraft, Bewegung, Temperatur, Druck, Widerstand, Belastung, Reibung, Formveränderung, chemische Zustände, Energieübertragung, Materialeigenschaften und Bruch.
Ein Nagel verbiegt sich.
Ein Holzstück bricht.
Ein Deich hält einem Wasserdruck stand oder versagt.
Ein Spaten überträgt die Kraft einer Hand auf einen Boden.
Eine Tasse hält Flüssigkeit oder verliert sie.
Ein Körper fällt aufgrund der Gravitation.
Diese Vorgänge sind nicht davon abhängig, ob Menschen sie moralisch gutheißen oder gesellschaftlich anerkennen.
E1 fragt deshalb:
Was geschieht materiell tatsächlich?
Das vorhandene Werkmaterial fasst E1 entsprechend als Bereich von Material, Kraft, Stoff, Widerstand, Belastung und Bruch.
E1 ist keine vollständige Wirklichkeitstheorie
Aus dieser Bestimmung folgt jedoch ausdrücklich nicht, dass „alles nur Materie“ sei.
E1 ist keine materialistische Weltanschauung.
Es ist ein Prüfbereich.
Es richtet die Aufmerksamkeit auf solche Wirkungen, die sich materiell, physikalisch oder chemisch untersuchen lassen.
Wenn beispielsweise untersucht wird, welche Kräfte auf einen Deich wirken, ist diese Betrachtung notwendig. Sie beantwortet jedoch noch nicht sämtliche Fragen danach, weshalb der Deich gebaut wurde, wem er Schutz bietet, welche Organismen betroffen sind oder welche politischen Entscheidungen seinem Bau vorausgingen.
E1 soll deshalb präzisieren, nicht totalisieren.
Genau diese Begrenzung ist für den wissenschaftlichen Charakter des Modells entscheidend.
Material als Gegenüber
Für meine Forschungskunst besitzt E1 eine besondere Verbindung zum handwerklichen Ursprung.
Material kann einer Vorstellung Widerstand entgegensetzen.
Ich kann eine Verbindung planen.
Das Material entscheidet jedoch mit, ob diese Verbindung tatsächlich hält.
Ich kann einen Gegenstand zeichnen.
Die tatsächliche Herstellung kann zeigen, dass meine Vorstellung mit der Belastbarkeit des Materials nicht übereinstimmt.
Hier liegt eine elementare Form von Wirklichkeitsrückmeldung.
Das Material besitzt ein Einspruchsrecht gegen die Vorstellung.
Dieses Einspruchsrecht ist keine Personifizierung des Materials. Es bezeichnet schlicht, dass materielle Bedingungen nicht durch menschliche Begriffe außer Kraft gesetzt werden können.
Der Spaten als E1-Operator
Der Spaten macht diese Struktur besonders deutlich.
Eine Hand erzeugt Kraft.
Der Stiel überträgt sie.
Das Blatt konzentriert sie.
Der Boden setzt Widerstand entgegen.
Er wird getrennt, verdichtet, verschoben oder aufgebrochen.
Damit lässt sich unmittelbar beobachten, dass Vorstellung und materielle Konsequenz nicht identisch sind.
E1 beginnt deshalb nicht bei abstrakter Materie.
Es beginnt innerhalb meiner Forschungskunst sehr konkret bei der Frage:
Was geschieht mit dem Material, wenn ich tätig werde?
Der Deich als Tragfähigkeitsmodell
Auch der Deich gehört besonders deutlich zu E1.
Ein Deich kann äußerlich stabil erscheinen.
Seine tatsächliche Tragfähigkeit hängt jedoch von Material, Aufbau, Schwachstellen, Wasserdruck, Belastungsdauer und weiteren Bedingungen ab.
Damit wird eine wichtige Grundstruktur sichtbar:
Tragfähigkeit ist relational.
Sie ist keine absolute Eigenschaft eines Gegenstandes.
Der Deich „ist“ nicht einfach sicher.
Er trägt unter bestimmten Bedingungen.
Verändern sich diese Bedingungen, kann sich auch seine Tragfähigkeit verändern.
Damit führt E1 bereits in die Plexuswirklichkeit hinein.
E2 – das Lebendige als besonderer Wirkungszusammenhang
E2 richtet die Aufmerksamkeit auf lebendige Prozesse.
Hier treten Stoffwechsel, Regeneration, Regulation, Wachstum, Alterung, Abhängigkeit, Verletzbarkeit, Anpassung, Reproduktion und Tod in den Vordergrund.
Ein Organismus besteht materiell und unterliegt selbstverständlich physikalischen und chemischen Bedingungen.
E2 behauptet deshalb keine vom Materiellen getrennte „Lebenssubstanz“.
Die Unterscheidung wird methodisch notwendig, weil ein lebender Organismus nicht ausreichend beschrieben ist, wenn nur seine momentanen Materialeigenschaften aufgelistet werden.
Ein Organismus nimmt Stoffe auf.
Er gibt Stoffe ab.
Er reguliert Temperatur.
Er reagiert auf Veränderungen.
Er kann verletzt werden.
Er kann bestimmte Schäden reparieren.
Er entwickelt sich über Zeit.
Das bisherige Arbeitsmaterial charakterisiert E2 entsprechend durch lebendige Abhängigkeit, Verletzlichkeit, Stoffwechsel und Regeneration.
E2 ist keine zweite Welt neben E1
Dieser Punkt muss besonders deutlich werden.
E1 und E2 sind nicht „Materie“ und „Leben“ als voneinander getrennte Substanzen.
Jeder lebende Organismus ist zugleich materiell.
Aber nicht jeder materielle Vorgang ist ein lebender Regulationsvorgang.
Die Unterscheidung erlaubt deshalb, Fragen sichtbar zu machen, die eine rein stoffliche Beschreibung möglicherweise nicht beantwortet.
Ein Schnitt in eine Kartoffel kann auf E1 als Materialtrennung beschrieben werden.
Auf E2 kann zusätzlich gefragt werden, was dieser Eingriff für einen lebendigen Pflanzenorganismus beziehungsweise ein biologisch entstandenes Gewebe bedeutet.
Die Ebenen unterscheiden keine zwei Welten.
Sie unterscheiden Prüffragen an denselben Zusammenhang.
Abhängigkeit als Grundbegriff von E2
E2 macht besonders sichtbar, dass Leben nicht durch vollständige Unabhängigkeit bestehen kann.
Ein menschlicher Organismus benötigt Sauerstoff, Wasser, Nährstoffe, bestimmte Temperaturbedingungen und fortgesetzten Stoffaustausch.
Die Vorstellung des völlig autonomen Individuums kollidiert deshalb mit der lebendigen Wirklichkeit des Organismus.
Der Mensch besitzt Eigenständigkeit.
Aber diese Eigenständigkeit besteht innerhalb von Abhängigkeiten.
Genau darin liegt die Verbindung zwischen E2 und dem plastischen Ich.
Das plastische Ich besteht nicht trotz seiner Beziehungen, sondern durch regulierte Beziehungen.
Die Membran zwischen E1 und E2
Die Membran wird hier zu einer besonders geeigneten bildnerischen und erkenntniskünstlerischen Figur.
Sie trennt.
Und sie verbindet.
Ein Organismus benötigt Grenzen.
Aber vollständige Abschottung wäre für viele Lebensprozesse tödlich.
Atmung, Ernährung, Wärmehaushalt und Stoffwechsel beruhen gerade darauf, dass bestimmte Beziehungen offenbleiben.
Damit liefert E2 ein reales Gegenbild zu der Vorstellung, Eigenständigkeit müsse vollständige Isolation bedeuten.
Verletzbarkeit als Rückmeldung
Für E2 ist Verletzbarkeit besonders wichtig.
Eine Verletzung zeigt, dass Bedingungen verändert oder Belastungsgrenzen überschritten wurden.
Damit ist Verletzung nicht allein ein moralischer Begriff.
Sie besitzt zunächst eine Wirklichkeitsfunktion.
Ein Organismus reagiert.
Gewebe wird beschädigt.
Regulation versagt oder wird beansprucht.
Regeneration wird notwendig oder unmöglich.
Die Forschungskunst kann daraus keinen vollständigen ethischen Kodex ableiten.
Aber die lebendige Verletzbarkeit setzt menschlichen Vorstellungen Grenzen.
Eine gesellschaftliche Theorie kann einem Organismus nicht erfolgreich vorschreiben, dass er keinen Sauerstoff benötigt.
Regeneration und Reparatur
Gleichzeitig unterscheidet sich das Lebendige vom bloßen Bruchmodell.
Ein gebrochenes Metallstück repariert sich nicht in derselben Weise wie ein lebender Organismus auf eine Verletzung reagieren kann.
Regeneration macht Zeit und Prozess sichtbar.
Damit erhält E2 eine wichtige Verbindung zu E4.
Eine Verletzung muss nicht automatisch das Ende eines Systems bedeuten.
Sie kann eine Rückmeldung sein, auf die Regulation und Reparatur reagieren.
Diese Fähigkeit kann als biologisches Gegenüber gesellschaftlicher Korrekturfähigkeit dienen, ohne beide Bereiche gleichzusetzen.
Das plastische Ich in E2
Der Begriff des plastischen Ichs wird durch E2 besonders verständlich.
Der Mensch ist kein unveränderlicher Gegenstand.
Er wächst, altert, lernt, reagiert, erinnert, vergisst, wird verletzt und regeneriert sich.
Seine relative Identität besteht durch fortgesetzte Veränderung.
Damit entsteht ein grundlegender Gegensatz zur Skulpturidentität.
Die Skulpturidentität versucht, einen Menschen durch stabile Zuschreibungen zu bestimmen.
E2 zeigt dagegen einen Organismus, der nur bestehen kann, indem er sich fortwährend verändert.
E3 – die vom Menschen hervorgebrachte Symbol-, Geltungs- und Ordnungswelt
E3 bezeichnet die Ebene menschlich hervorgebrachter Begriffe, Bedeutungen, Symbole, Rollen, Werte, Eigentumsordnungen, Rechte, Gesetze, Institutionen, Glaubensordnungen, Geldsysteme, Statuszuweisungen und anderer gesellschaftlicher Geltungsformen.
Hier liegt eine entscheidende Besonderheit.
E3 ist nicht „unwirklich“.
Ein Geldschein, eine Eigentumsurkunde, eine Staatsgrenze oder eine Berufsrolle können außerordentlich reale Konsequenzen erzeugen.
Aber ihre Wirklichkeit funktioniert anders als die physische Masse eines Steines oder die Stoffwechselabhängigkeit eines Organismus.
Das vorhandene Material fasst E3 entsprechend als Bereich menschlich erzeugter Begriffe, Symbole, Rollen, Eigentumsordnungen, Werte und institutioneller Geltungsstrukturen.
E3 ist ebenfalls materiell vermittelt
Auch E3 darf nicht missverstanden werden.
Eine gesellschaftliche Geltungsordnung schwebt nicht immateriell außerhalb der Welt.
Ein Gesetz wird auf Papier oder digital gespeichert.
Geld benötigt materielle oder technische Träger.
Institutionen besitzen Gebäude, Kommunikationssysteme und handelnde Menschen.
Ein Eigentumsrecht wird durch Gerichte, Register, Sprache, Dokumente und gesellschaftliche Praxis getragen.
Die Besonderheit von E3 liegt deshalb nicht in „Nichtmaterialität“.
Sie liegt in der Geltungsweise.
Ein Stück Papier besitzt auf E1 bestimmte Materialeigenschaften.
Dasselbe Papier kann auf E3 als Vertrag gelten.
Diese Geltung entsteht nicht aus seinem Zellulosegehalt.
Sie entsteht durch gesellschaftliche Zuerkennung und institutionelle Stabilisierung.
Materielle Eigenschaft und gesellschaftliche Zuschreibung
Hier liegt eine der wichtigsten Funktionen von E1–E4.
Der Satz:
„Dieser Boden enthält Wasser.“
und der Satz:
„Dieser Boden gehört mir.“
dürfen nicht derselben Wirklichkeitsweise zugerechnet werden.
Wird das Grundstück verkauft, ändert sich möglicherweise innerhalb weniger Minuten seine gesellschaftliche Eigentumszuordnung.
Seine chemische und physikalische Beschaffenheit muss sich dadurch nicht verändern.
Und trotzdem kann der Eigentumswechsel später erhebliche materielle und biologische Konsequenzen erzeugen, weil ein anderer Mensch andere Tätigkeiten auf diesem Boden ausführt.
Damit entsteht eine zentrale Formel:
E3 verändert E1 und E2 nicht allein durch Benennung, sondern dadurch, dass Menschen aufgrund der E3-Geltung tätig werden.
Eigentum als paradigmatischer E3-Fall
Eigentum eignet sich deshalb besonders gut für das Vier-Ebenen-Modell.
Der Boden besitzt materielle Eigenschaften.
Auf ihm leben möglicherweise Organismen.
Dann wird über gesellschaftliche Verfahren festgelegt, wem bestimmte Verfügungsrechte zuerkannt werden.
Diese E3-Zuschreibung kann darüber entscheiden, wer bauen, verkaufen, roden oder andere Menschen ausschließen darf.
Die Eigentumsgrenze ist damit gesellschaftlich hochwirksam.
Sie ist jedoch nicht identisch mit einer geologischen oder biologischen Grenze des Bodens.
Wasser, Luft, Tiere oder andere Wirkungszusammenhänge können sie überschreiten.
Gerade an diesem Beispiel wird sichtbar:
Gesellschaftliche Geltung ist wirklich, aber anders wirklich als materielle Beschaffenheit und lebendige Abhängigkeit.
Gold und Wert
Auch die Vergoldung gehört unmittelbar zu E3.
Ein Gegenstand kann durch eine sehr dünne Goldschicht materiell nur begrenzt verändert werden und gesellschaftlich zugleich eine enorme Wertsteigerung erfahren.
Damit wird sichtbar, dass Wert nicht vollständig aus der physikalischen Materialveränderung abgeleitet werden kann.
Der gesellschaftliche Wert kann jedoch wiederum Tätigkeiten auslösen.
Menschen schützen, verkaufen, stehlen, versichern oder sammeln den Gegenstand.
E3 wird über Tätigkeit wirksam.
Rolle und Skulpturidentität
Dasselbe gilt für gesellschaftliche Rollen.
Ein Mensch kann Arbeiter, Künstler, Professor, Eigentümer, Bürger, Patient oder Amtsinhaber sein.
Diese Rollen besitzen reale gesellschaftliche Konsequenzen.
Sie sind jedoch nicht mit dem gesamten lebendigen Menschen identisch.
Die Theaterarbeit macht diese Differenz besonders sichtbar.
Ein Darsteller kann eine Rolle übernehmen und wieder verlassen.
Problematisch wird die Skulpturidentität dort, wo die gesellschaftliche Rolle wie eine vollständige Wesensbestimmung des Menschen behandelt wird.
E3 hilft deshalb zu fragen:
Welche Zuschreibung besitzt hier gesellschaftliche Geltung, und wo wird diese Geltung fälschlich zur natürlichen oder unveränderlichen Eigenschaft des Menschen erklärt?
Hineingedachte Eigenschaften
Damit verbindet sich E3 unmittelbar mit dem Begriff der hineingedachten Eigenschaft.
Menschen müssen Eigenschaften zuschreiben, um zu beschreiben, zu klassifizieren und zu handeln.
Das ist nicht grundsätzlich problematisch.
Problematisch wird der Vorgang, wenn vergessen wird, welcher Wirklichkeitsweise eine Eigenschaft angehört.
Aus einer gesellschaftlichen Bewertung kann dann scheinbar ein Wesen werden.
Aus:
„Diese Tätigkeit wird als schlecht bewertet“
kann werden:
„Dieser Mensch ist böse.“
Aus:
„Diese Person besitzt aufgrund eines gesellschaftlichen Verfahrens bestimmte Rechte“
kann werden:
„Diese Rechte gehören ihrem Wesen an.“
Das Vier-Ebenen-Modell stellt deshalb eine entscheidende Rückfrage:
Was ist unter bestimmten Bedingungen feststellbar, und was wurde gesellschaftlich zugeschrieben?
E3 und Sprache
Sprache besitzt in diesem Zusammenhang eine besondere Macht.
Sie kann unterschiedliche Wirklichkeitsweisen grammatisch ähnlich darstellen.
„Der Stein ist schwer.“
„Der Mann ist Eigentümer.“
„Die Frau ist frei.“
„Der Mensch ist böse.“
Die Form „X ist Y“ kann den Eindruck erzeugen, alle Prädikate beschrieben dieselbe Art von Eigenschaft.
Das tun sie nicht notwendig.
E3 untersucht deshalb, wie Sprache gesellschaftlich erzeugte Formen stabilisiert und wie aus Benennungen scheinbar selbstverständliche Wirklichkeitsstrukturen entstehen können.
E3 und der Symmetriedualismus
Auch 50:50, Dualisierung und hineingedachte Gegensätze gehören besonders in die E3-Prüfung.
Der Mensch kann Unterschiede zunächst methodisch bestimmen.
Dann kann er daraus Pole bilden.
Den Polen können Eigenschaften zugeordnet werden.
Aus einer Gegenüberstellung kann ein Gegensatz werden.
Aus einem Gegensatz kann eine feste Weltordnung entstehen.
Gut und Böse, Geist und Materie, Natur und Mensch, Eigen und Fremd oder Subjekt und Objekt können dadurch als scheinbar voneinander unabhängige Wirklichkeitsbereiche erscheinen.
E1–E4 ersetzt diese Dualismen nicht durch eine neue monistische Behauptung.
Es fragt vielmehr, welche Art von Unterschied tatsächlich vorliegt, welche Unterscheidung menschlich erzeugt wurde und welche Konsequenzen entstehen, wenn nach dieser Unterscheidung gehandelt wird. Genau diese Funktion ist im vorhandenen Material als entscheidende Alternative zur dualistischen Verdinglichung herausgearbeitet.
E4 – keine vierte Substanz
E4 unterscheidet sich grundlegend von E1, E2 und E3.
Es bezeichnet keine zusätzliche Wirklichkeitsebene.
Es existiert kein besonderes „E4-Material“.
Es gibt keinen E4-Organismus und keine vierte Welt hinter den anderen drei.
E4 ist die Rückkopplungsbewegung.
Es fragt, ob die menschlich hervorgebrachten Vorstellungen, Regeln und Ordnungen von E3 durch die Folgen korrigiert werden können, die menschliches Handeln in E1 und E2 erzeugt.
Das vorhandene Material legt diese Funktion ausdrücklich fest: E4 bezeichnet keine zusätzliche Wirklichkeitsebene im Sinne einer vierten Substanz, sondern die Rückkopplungs- und Korrekturleistung, durch die geprüft wird, ob E3 angesichts seiner Konsequenzen in E1 und E2 verändert werden kann.
E4 als Rückweg
Man kann E4 deshalb besser als Pfeil oder Rückweg darstellen als als viertes Stockwerk.
Eine gesellschaftliche Vorstellung wird hervorgebracht.
Menschen handeln danach.
Materielle Folgen entstehen.
Lebende Organismen reagieren.
Diese Veränderungen werden wahrgenommen, gemessen, erfahren oder dokumentiert.
Dann stellt sich die entscheidende Frage:
Kann diese Rückmeldung zur Ausgangsordnung zurückkehren?
Wenn ja, kann die Regel verändert werden.
Wenn nein, entsteht ein Rückkopplungsloch.
Damit ist E4 die organisierte Möglichkeit von Zweifel, Korrektur und Reparatur.
Das Eigentumsbeispiel als vollständiger Durchlauf
Ein Beispiel verdeutlicht den gesamten Zusammenhang.
Auf E3 wird ein Eigentumsvertrag geschlossen.
Aufgrund dieses Vertrages besitzt ein Akteur gesellschaftlich anerkannte Verfügungsrechte.
Daraufhin wird eine Maschine eingesetzt.
Auf E1 wirken Gewicht, Kraft, Treibstoff, Materialbewegung und Bodenverdichtung.
Auf E2 können Pflanzen, Mikroorganismen, Wasserhaushalt oder andere Lebensbedingungen verändert werden.
Diese Wirkungen werden später beobachtet.
Nun beginnt E4.
Die Frage lautet:
Dürfen die festgestellten Folgen auf die ursprüngliche Eigentums-, Nutzungs- oder Rechtsordnung zurückwirken?
Das vorhandene Material benutzt genau diesen vollständigen Durchlauf, um deutlich zu machen, dass E1–E4 kein Vierfach-Dualismus, sondern ein Rückkopplungsmodell ist.
Eine erfolgreiche E3-Ordnung kann auf E1 und E2 scheitern
Diese Struktur ermöglicht eine besonders wichtige Unterscheidung.
Eine gesellschaftliche Ordnung kann innerhalb ihrer eigenen Maßstäbe erfolgreich sein und gleichzeitig ihre Tragbedingungen beschädigen.
Ein Unternehmen kann Gewinn erwirtschaften.
Ein Eigentumsrecht kann juristisch korrekt ausgeübt werden.
Ein Markt kann nach seinen Regeln funktionieren.
Eine Behörde kann alle Vorschriften erfüllen.
Und trotzdem können Tätigkeitsfolgen auftreten, durch die Böden, Organismen, Menschen oder langfristige Lebensbedingungen beschädigt werden.
Dann meldet E3:
Erfolg.
Während E1 oder E2 melden:
Schaden, Überlastung oder Verletzung.
Das vorhandene Arbeitsmaterial beschreibt genau diese Diskrepanz: Eine Symbolordnung kann Erfolg melden, während Bodenfruchtbarkeit, Ökosystem oder Menschen gleichzeitig Schäden anzeigen.
E4 beginnt dort, wo diese widersprüchlichen Rückmeldungen miteinander verbunden werden.
Von der Funktionsprüfung zur Tragprüfung
Damit erweitert E1–E4 den handwerklichen Funktionsmaßstab.
Eine Maschine kann technisch funktionieren.
Das ist zunächst eine wichtige E1-Frage.
Aber eine gesellschaftliche Prüfung muss weitergehen.
Was verbraucht die Maschine?
Welche Organismen werden betroffen?
Welche gesellschaftliche Ordnung ermöglicht ihren Einsatz?
Wer profitiert?
Wer trägt die Folgen?
Kann die Produktionsweise korrigiert werden, wenn ihre Folgewirkungen ihre eigenen Voraussetzungen beschädigen?
Damit wird aus:
Funktioniert es?
die umfassendere Frage:
Trägt es innerhalb des größeren Wirkungszusammenhangs, von dem seine eigene Funktion abhängt?
E4 und Tragwirklichkeit
Hier verbindet sich E4 unmittelbar mit der Tragwirklichkeit.
E1 und E2 zeigen Bedingungen, von denen menschliche Tätigkeiten und Gesellschaften existenziell abhängig bleiben.
E3 kann diese Bedingungen benennen, bewerten, besitzen, regeln oder ökonomisch verrechnen.
Aber E3 kann ihre materielle und lebendige Existenz nicht durch Geltung ersetzen.
Eine Rechtsordnung kann Wasserrechte verteilen.
Sie kann kein Wasser hervorbringen, wenn der zugrunde liegende Wasserhaushalt zerstört wurde.
Ein Markt kann Nahrung bepreisen.
Er kann biologische Wachstumsbedingungen nicht durch Geld ersetzen.
E4 stellt daher die Frage:
Ist die menschliche Ordnung mit den Bedingungen rückgekoppelt, von denen sie selbst abhängt?
E4 und Verletzungswirklichkeit
Besonders wichtig wird diese Prüfung dort, wo Verletzungen auftreten.
Eine Verletzung kann anzeigen, dass bestimmte Tragbedingungen überschritten wurden.
Das bedeutet nicht, dass jede Veränderung moralisch verboten wäre.
Es bedeutet, dass reale Wirkungen nicht dadurch verschwinden, dass sie außerhalb einer gesellschaftlichen Zuständigkeit oder Berechnung liegen.
E4 versucht deshalb, die Verletzungswirklichkeit wieder in den Ausgangsprozess einzuspeisen.
Nicht die gesellschaftliche Kategorie allein entscheidet, ob eine Tätigkeit trägt.
Die Folgen erhalten Einspruchsrecht.
Im vorhandenen Material wird diese Umkehrung entsprechend zugespitzt: Nicht der Begriff entscheidet letztlich über die Tragfähigkeit einer Tätigkeit; die verletzbare Wirklichkeit prüft, ob Begriff, Rolle, Eigentum und gesellschaftliche Ordnung tragen.
E4 ist kein moralisches Obergericht
Gleichzeitig darf E4 nicht als Instanz einer objektiven endgültigen Moral missverstanden werden.
E1 und E2 liefern nicht automatisch vollständige politische oder ethische Entscheidungen.
Dass eine Tätigkeit eine bestimmte materielle Veränderung erzeugt, sagt noch nicht allein, ob sie unter allen Umständen verboten sein muss.
Menschen müssen Interessen abwägen, Risiken bewerten und Entscheidungen treffen.
Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass diese Entscheidungen die Wirkungsfolgen nicht aus ihrer Prüfung ausschließen dürfen.
E4 ist deshalb kein moralisches Orakel.
Es ist die Verpflichtung zur Rückkopplung.
E4 und Verantwortung
Damit verändert sich auch der Verantwortungsbegriff.
Verantwortung besteht nicht nur darin, gute Absichten zu besitzen.
Sie besteht auch darin, Folgen der eigenen Tätigkeiten wahrnehmen und auf sie reagieren zu können.
Wenn eine Organisation eine unerwartete Schädigung entdeckt, ist nicht allein entscheidend, ob diese Schädigung beabsichtigt war.
Entscheidend wird:
Was geschieht nach der Rückmeldung?
Wird sie geleugnet?
Wird sie ausgelagert?
Wird die Messmethode angegriffen?
Wird eine andere Institution verantwortlich gemacht?
Oder wird die ursprüngliche Tätigkeit verändert?
E4 untersucht damit die Korrekturfähigkeit nach eingetretener Folge.
E4 und Reparatur
Korrektur der Vorstellung reicht jedoch nicht immer.
Wenn ein Schaden bereits eingetreten ist, muss zusätzlich gefragt werden, ob und wie er repariert werden kann.
Damit erhält E4 zwei Richtungen.
Es korrigiert die zukünftige Tätigkeit.
Und es untersucht die Reparatur bereits eingetretener Folgen.
Eine neue Einsicht allein regeneriert keinen zerstörten Boden.
Eine geänderte Theorie heilt keinen verletzten Organismus.
E4 besitzt deshalb eine praktische Dimension.
Rückkopplung muss gegebenenfalls in Reparatur übergehen.
Frühe Rückkopplung statt Katastrophe
Die handwerkliche Erfahrung liefert hierfür ein besonders wichtiges Modell.
Ein guter Handwerker wartet nicht notwendig darauf, dass ein Werkstück vollständig zerbricht.
Er erkennt möglicherweise früher einen Riss, eine falsche Spannung oder eine unpassende Verbindung und verändert seine Arbeit.
Das vorhandene Material formuliert daraus eine besonders starke Einsicht:
Katastrophe ist in diesem Sinn verspätete Korrektur.
E4 bedeutet deshalb nicht nur nachträgliche Reparatur.
Es bedeutet auch, Rückmeldungen früh genug wahrzunehmen, damit irreversible Folgen möglichst vermieden werden können.
E4 als Membran
Die Membran ist auch für E4 ein geeignetes Modell.
E3 benötigt Grenzen, Regeln und Entscheidungen.
Eine Gesellschaft kann nicht vollständig formlos bleiben.
Entscheidend ist, ob diese Grenzen durchlässig für Rückmeldungen bleiben.
Eine funktionsfähige E4-Membran lässt gesellschaftliche Formen bestehen und ermöglicht gleichzeitig, dass materielle, lebendige und soziale Folgen wieder eintreten können.
Das Gegenmodell wäre die Mauer.
Dort schützt die Ordnung ihre eigene Geltung vor jeder Rückmeldung.
Dann wird aus dem plastischen Begriff eine Begriffsskulptur.
Der Lochprozess als Ausfall von E4
Damit lässt sich der Lochprozess innerhalb E1–E4 besonders präzise bestimmen.
Ein Loch entsteht nicht schon dadurch, dass E1, E2 und E3 unterschieden werden.
Die Unterscheidung ist methodisch notwendig.
Das Loch entsteht dort, wo die Beziehungen zwischen diesen Bereichen verloren gehen.
Eine E3-Regel erzeugt eine Tätigkeit.
Die Tätigkeit erzeugt Folgen in E1 oder E2.
Die Folgen können jedoch nicht mehr zurückmelden.
Dann bleibt die gesellschaftliche Konstruktion bestehen, obwohl ihre Konsequenzen ihre Tragfähigkeit infrage stellen.
Das ist ein E4-Ausfall.
Externalisierung als E4-Problem
Auch Externalisierung lässt sich dadurch genauer fassen.
Ein wirtschaftliches System kann bestimmte Folgen außerhalb seiner eigenen Rechnung behandeln.
Diese Folgen befinden sich jedoch nicht außerhalb der Wirklichkeit.
Sie befinden sich nur außerhalb des gewählten E3-Berechnungsraumes.
E4 fragt deshalb:
Welche Folgen hat die menschliche Ordnung aus ihrem eigenen Zuständigkeits- oder Bewertungssystem herausgeschnitten?
Der Prüfprozess versucht, diese Folgen wieder zurückzuholen.
E1–E4 und der Lochsatz
Damit verbindet sich das Modell mit der Grundformel:
Der Schnitt ist notwendig. Das Vergessen des Schnitts erzeugt das Loch.
E1–E4 selbst sind Schnitte.
Sie unterscheiden.
Deshalb müssen auch sie wissen, dass sie unterscheiden.
Wenn E1 zu „der materiellen Welt“, E2 zu „der Lebenswelt“, E3 zu „der geistigen Welt“ und E4 zu „der höheren Welt“ gemacht würden, hätte das Modell genau den Fehler reproduziert, den es untersuchen soll.
Es würde aus methodischen Grenzen ontologische Mauern machen.
Die Aufgabe von E4 besteht gerade darin, diese Grenzen als Membranen offenzuhalten. Das vorhandene Material formuliert entsprechend, E4 müsse verhindern, dass aus methodischen Grenzen ontologische Mauern werden.
Kein Ersatz des Dualismus durch Monismus
Das Vier-Ebenen-Modell behauptet deshalb weder:
Alles ist Materie.
noch:
Alles ist Geist.
Es versucht auch nicht, sämtliche Unterschiede in einer unterschiedslosen Ganzheit aufzulösen.
Die Alternative zum Dualismus besteht nicht darin, keine Unterschiede mehr zu machen.
Sie besteht darin, Unterschied und Beziehung gleichzeitig zu erhalten.
E1–E4 prüft deshalb nicht, welche der Ebenen „wirklicher“ ist.
Es fragt, wie unterschiedliche Wirklichkeits- und Geltungsweisen zusammenwirken.
Das vorhandene Material stellt diese Abgrenzung ausdrücklich heraus: Das Modell ersetzt Dualismus nicht durch Monismus, sondern unterscheidet materielle, lebendige und gesellschaftlich hervorgebrachte Wirkungsformen und fügt mit E4 die Rückkopplungsprüfung hinzu.
Das Beispiel Mensch und Natur
Die Unterscheidung „Mensch – Natur“ kann dadurch neu geprüft werden.
Auf E1 und E2 steht der Mensch nicht außerhalb einer vorausliegenden Wirklichkeit.
Sein Körper besteht materiell und lebt in Abhängigkeit von Atmosphäre, Wasser, Stoffen, Organismen und Temperaturbedingungen.
Die Gegenüberstellung „Mensch versus Natur“ kann dagegen eine E3-Unterscheidung sein.
Diese Unterscheidung kann gesellschaftlich sehr wirksam werden.
Sie kann Tätigkeiten organisieren.
Aber ihre gesellschaftliche Wirksamkeit beweist nicht, dass der Mensch auf E1 oder E2 tatsächlich außerhalb desjenigen Wirkungszusammenhangs steht, den er „Natur“ nennt.
Genau hier kann E1–E4 unterschiedliche Wirklichkeitsränge auseinanderhalten.
Das Beispiel Geist und Körper
Ähnliches gilt für Geist und Körper.
Das Vier-Ebenen-Modell muss keine endgültige metaphysische Antwort auf das sogenannte Leib-Seele-Problem geben.
Es kann früher einsetzen.
Ein lebender Organismus vollzieht Prozesse, die Menschen mit Begriffen wie Denken, Erinnern, Vorstellen oder Bewusstsein beschreiben.
Diese Begriffe gehören zur menschlichen Beschreibung und Modellbildung.
Problematisch wird es dann, wenn aus der Beschreibung eines Vorgangs automatisch ein eigenständiges Ding oder eine Substanz hergestellt wird.
E1–E4 fragt deshalb:
Was ist der beobachtbare beziehungsweise untersuchbare Vorgang, was ist seine lebendige Bedingung, welche begriffliche Form haben wir dafür hervorgebracht, und welche zusätzlichen Wirklichkeitsbehauptungen entstehen aus dieser Form?
Das vorhandene Material benutzt genau diese Prüfweise, um zu zeigen, wie aus einem Vorgang über Zuschreibung ein scheinbar selbstständiger Wirklichkeitsbereich entstehen kann.
Wissenschaftliche Disziplinen und E1–E4
Das Modell darf auch nicht so verwendet werden, dass jeweils eine Wissenschaft vollständig einer Ebene zugeordnet wird.
Physik beschäftigt sich nicht ausschließlich mit E1.
Biologie nicht ausschließlich mit E2.
Rechtswissenschaft nicht ausschließlich mit E3.
Solche Zuordnungen können als erste Orientierung helfen, wären als starre Klassifikation aber zu grob.
Entscheidender ist die Frage, welchen Ausschnitt eine konkrete Untersuchung gerade bearbeitet.
Das Problem moderner Disziplinierung liegt nicht darin, dass Fachwissenschaften präzise Ausschnitte bilden.
Diese Ausschnitte sind notwendig.
Problematisch wird es, wenn die Rückbeziehung zwischen den Ausschnitten verloren geht.
Das vorhandene Material formuliert diese Paradoxie sehr deutlich: Wissenschaft kann Verletzungsmechanismen außerordentlich präzise untersuchen, während der vollständige Zusammenhang zwischen Tätigkeit, Abhängigkeit, Verletzung und notwendiger Korrektur institutionell zerschnitten bleibt.
Keine neue Superwissenschaft
E1–E4 erhebt deshalb nicht den Anspruch, oberhalb der bestehenden Wissenschaften zu stehen.
Die Forschungskunst erzeugt keine Superwissenschaft, die sämtliche Fachdisziplinen ersetzen könnte.
Sie stellt vielmehr eine gemeinsame Rückkopplungswerkbank bereit.
Die physikalische Erkenntnis bleibt physikalisch präzise.
Die biologische Erkenntnis bleibt biologisch differenziert.
Rechtliche und gesellschaftliche Analysen behalten ihre eigenen Methoden.
Aber dort, wo dieselbe menschliche Tätigkeit mehrere dieser Ausschnitte gleichzeitig berührt, müssen ihre Erkenntnisse wieder aufeinander bezogen werden können.
Der gemeinsame Gegenstand ist die Tätigkeit
Die verbindende Einheit zwischen den Ebenen ist deshalb häufig nicht „das Ding“, sondern die Tätigkeit.
Ein Auto beispielsweise kann materiell-technisch analysiert werden.
Es besitzt Auswirkungen auf lebende Organismen.
Es steht in Eigentums-, Verkehrs-, Rechts- und Wertordnungen.
Seine Herstellung und Benutzung erzeugen Konsequenzen.
Erst die Tätigkeitskette verbindet diese verschiedenen Wirklichkeitsweisen.
Der Tätigkeitskonsequenzanker und E1–E4 greifen deshalb unmittelbar ineinander.
E1–E4 fragt:
In welcher Wirklichkeitsweise tritt welche Konsequenz auf?
Der Tätigkeitskonsequenzanker fragt:
Wie ist sie durch menschliche Tätigkeit entstanden?
Ereignishorizont und E1–E4
Vor einer Tätigkeit kann E3 eine Vorstellung, Planung oder Regel enthalten.
Am Ereignishorizont wird tatsächlich gehandelt.
Nun treten E1- und E2-Veränderungen ein.
Danach muss E4 die Rückbewegung ermöglichen.
Damit kann der vollständige Prozess folgendermaßen verstanden werden:
E3 organisiert Vorstellung und Geltung. Tätigkeit setzt sie in den Wirkungszusammenhang. E1 und E2 antworten mit tatsächlichen Veränderungen. E4 prüft, ob diese Antwort die Ausgangsform verändern darf.
Diese Bewegungsform ist für das Modell wichtiger als eine statische Darstellung der vier Buchstaben.
E1–E4 und 51:49
Auch 51:49 lässt sich in diese Struktur einordnen.
51:49 ist kein eigener Wirklichkeitsbereich.
Es ist ein Prüfoperator für plastische Differenz.
Auf E1 können tatsächliche Unterschiede gemessen werden.
Auf E2 können Organismen innerhalb bestimmter Toleranz- und Regulationsbereiche auf Veränderungen reagieren.
Auf E3 kann der Mensch aus Unterschieden starre Gegenordnungen herstellen.
E4 fragt, ob die Rückmeldungen aus dem Wirkungszusammenhang diese Ordnung wieder verändern dürfen.
51:49 unterstützt deshalb vor allem die Offenhaltung des Übergangs.
E1–E4 und 50:50
Der problematische 50:50-Symmetriedualismus gehört vor allem zu E3.
Menschen können zwei Pole herstellen, sie gleich groß darstellen und daraus den Eindruck einer vollständigen Wirklichkeitsordnung gewinnen.
Die E4-Prüfung fragt anschließend nicht, ob die Darstellung formal schön oder symmetrisch ist.
Sie fragt:
Welche Tätigkeitsfolgen entstehen tatsächlich?
Damit wird eine formale E3-Gleichheit an ihren Konsequenzen geprüft.
E1–E4 und 1:99
Dasselbe gilt für 1:99.
Eine gesellschaftliche Ordnung kann formal Gleichheit behaupten.
Die tatsächlichen Verfügungsmöglichkeiten können jedoch extrem ungleich verteilt sein.
E4 darf deshalb nicht nur die Form der Regel untersuchen.
Es muss ihre Tätigkeitsfolgen betrachten.
Das vorhandene Arbeitsmaterial bringt dies auf die präzise Formel, dass der entscheidende E4-Test nicht die formale Symmetrie einer Regel betrifft, sondern die Asymmetrie ihrer Konsequenzen.
E1–E4 und Moral
Auch moralische Begriffe können durch das Modell genauer geprüft werden.
Anstatt einen Menschen ontologisch als „gut“ oder „böse“ zu klassifizieren, kann gefragt werden, welche konkrete Tätigkeit unter welchen Bedingungen welche Folgen hervorgerufen hat.
Dadurch verschiebt sich Moral von der Wesenszuschreibung zur Tätigkeitsprüfung.
Die Frage lautet dann nicht primär:
„Ist dieser Mensch böse?“
Sondern:
„Welche Tätigkeit hat unter welchen Bedingungen welche Verletzungsfolgen hervorgebracht, und was muss verändert werden, damit diese Folgen nicht wiederholt werden?“
Genau diese Verschiebung wird im vorhandenen Arbeitsmaterial ausdrücklich aus E1–E4 entwickelt.
E1–E4 und Freiheit
Auch „Freiheit“ kann auf diese Weise differenziert werden.
E3 kann einem Menschen Freiheitsrechte zusprechen.
Diese Rechte besitzen reale gesellschaftliche Bedeutung.
E2 zeigt gleichzeitig, dass derselbe Mensch biologisch abhängig bleibt.
E1 zeigt materielle Grenzen seiner Tätigkeit.
Die Ebenen widersprechen sich nicht.
Sie beschreiben unterschiedliche Bedingungen.
Das Problem entsteht erst, wenn aus der gesellschaftlichen Freiheitszuschreibung eine Behauptung absoluter Unabhängigkeit gemacht wird.
Der Astronaut ist hierfür eines der stärksten künstlerischen Gegenbilder.
Er erscheint extrem autonom und ist gleichzeitig technisch und biologisch vollständig auf Versorgung angewiesen.
E1–E4 und der Astronaut
Der Astronaut lässt sich deshalb nahezu vollständig durch das Vier-Ebenen-Modell prüfen.
E1 betrifft Anzugsmaterial, Druck, Temperatur, Energie und technische Systeme.
E2 betrifft Sauerstoffbedarf, Stoffwechsel, Körpertemperatur und Verletzbarkeit.
E3 betrifft das Bild des autonomen Menschen, Freiheit, Rolle, Prestige und gesellschaftliche Bedeutungen des Astronauten.
E4 fragt:
Kann die Autonomievorstellung durch die sichtbar werdenden Abhängigkeiten korrigiert werden?
Der Astronaut illustriert das Modell nicht lediglich.
Er stellt ihm ein materielles Gegenüber bereit.
E1–E4 und die Kartoffel
Auch die Kartoffel eignet sich besonders gut.
Sie besitzt E1-Materialeigenschaften.
Sie stammt aus einem lebendigen E2-Prozess.
Sie kann auf E3 Nahrung, Ware, Eigentum, Preis, kulturelles Symbol oder Kunstgegenstand werden.
Durch menschliche Tätigkeit verändert sich ihr Zusammenhang.
E4 fragt, welche dieser verschiedenen Bestimmungen tragfähig sind und ob ihre Folgen auf die ursprünglichen Ordnungen zurückwirken können.
Gerade solche einfachen Gegenstände zeigen, dass die Ebenen nicht abstrakt voneinander getrennt existieren.
Sie treffen im selben Gegenstand und in derselben Tätigkeit zusammen.
E1–E4 und Gold
Beim Gold kann dagegen besonders E1 und E3 unterschieden werden.
Gold besitzt bestimmte physikalisch-chemische Eigenschaften.
Gleichzeitig kann ihm gesellschaftlich außerordentlicher Wert zugeschrieben werden.
Diese Wertzuschreibung kann Tätigkeiten auslösen, die weit über die geringe materielle Veränderung eines vergoldeten Gegenstandes hinausgehen.
E4 fragt deshalb nicht:
Ist Gold wertvoll?
Sondern:
Welche Art von Wert liegt vor, welche Tätigkeiten entstehen daraus und welche Folgen erzeugen diese Tätigkeiten?
Foliengrammatik von E1–E4
Die Foliengrammatik kann das Modell sichtbar machen, muss aber eine entscheidende Gefahr vermeiden.
E1, E2, E3 und E4 dürfen nicht wie vier farbige, voneinander unabhängige Folien erscheinen, aus denen die Welt angeblich zusammengesetzt ist.
Eine bessere Darstellung würde zeigen, wie unterschiedliche Prüfweisen auf denselben Vorgang gelegt werden.
Eine Landschaft bleibt sichtbar.
Eine Eigentumsfolie wird darübergelegt.
Eine Tätigkeit verändert den Boden.
Eine spätere Folie zeigt ökologische Konsequenzen.
Dann führt ein Pfeil zurück zur Eigentums- oder Nutzungsordnung.
Dieser Rückpfeil ist E4.
E4 ist deshalb in der Foliengrammatik weniger eine eigene Folie als die Möglichkeit, frühere Folien aufgrund späterer Rückmeldungen wieder zu verändern.
E1–E4 im Mitmachbuch
Auch im Mitmachbuch sollte das Modell nicht am Anfang als Lehrschema erklärt werden.
Der Benutzer kann zunächst eine konkrete Frage untersuchen.
Vielleicht schreibt er:
„Dieses Grundstück gehört mir.“
Erst während der Bearbeitung erkennt er, dass der Satz verschiedene Arten von Aussagen enthält.
Dann kann E1–E4 als Schablone hinzutreten.
Was lässt sich am Boden materiell feststellen?
Welche lebendigen Prozesse sind vorhanden?
Was besteht aufgrund gesellschaftlicher Geltung?
Welche Tätigkeiten folgen daraus?
Welche Folgen müssten die ursprüngliche Ordnung korrigieren dürfen?
Damit wird E1–E4 entdeckt und benutzt, statt auswendig gelernt.
Der Benutzer darf das Modell korrigieren
Dies ist für den Forschungscharakter entscheidend.
Wenn ein Benutzer begründet zeigen kann, dass eine bestimmte Zuordnung durch E1–E4 nicht sinnvoll erfasst wird, darf die Antwort nicht lauten:
„Dann hast du das Modell falsch verstanden.“
Es muss auch möglich sein, dass das Modell selbst unzureichend ist.
Das vorhandene Arbeitsmaterial legt ausdrücklich fest, dass E1–E4 im Atelier angreifbar bleiben muss.
Ein Prüfmodell, das nicht selbst geprüft werden kann, würde zu genau jener Skulpturidentität werden, die die Forschungskunst untersucht.
E1–E4 im So-Heits-Atelier
Im So-Heits-Atelier kann E1–E4 deshalb die Funktion einer unsichtbaren beziehungsweise nur bei Bedarf sichtbaren Grundstruktur erhalten.
Ein Besucher begegnet zunächst Werkstücken, Tätigkeiten und Fragen.
Der Spaten.
Die Kartoffel.
Der Astronaut.
Gold.
Die Schultafel.
Das Wellenbecken.
Der Deich.
Erst dort, wo eine Vermischung verschiedener Wirklichkeitsweisen sichtbar wird, kann das Vier-Ebenen-Modell helfen.
Damit bleibt das Atelier Kunstwerkstatt und wird nicht zum Schaubild einer Theorie.
E1–E4 und KI
Auch Künstliche Intelligenz kann das Modell als Prüfwerkzeug verwenden.
Ein Benutzer gibt beispielsweise den Satz ein:
„Mein Grundstück gehört mir.“
Die KI sollte nicht nur eine Definition von Eigentum liefern.
Sie kann unterscheiden, welche Aussage sich auf materielle Beschaffenheit, welche auf lebendige Prozesse und welche auf gesellschaftliche Zuerkennung bezieht.
Anschließend fragt sie nach Tätigkeitsfolgen.
Welche Tätigkeiten ermöglicht das Eigentumsrecht?
Welche Folgen überschreiten die Grundstücksgrenze?
Welche Beobachtung würde die gegenwärtige Eigentumsvorstellung verändern?
Damit wird E1–E4 zu einer Methodenschnittstelle.
Die KI darf jedoch nicht selbst entscheiden, welche gesellschaftliche Ordnung richtig ist.
E1–E4 und Schwarm-Rückkopplung
In der Globalen Schwarm-Intelligenz kann das Modell helfen, unterschiedliche Prüfwege vergleichbar zu machen.
Menschen an verschiedenen Orten können denselben Begriff unterschiedlich verwenden.
E1–E4 kann sichtbar machen, ob der Widerspruch tatsächlich eine Tatsachenfrage betrifft oder ob unterschiedliche gesellschaftliche Wert- beziehungsweise Geltungsordnungen aufeinandertreffen.
Damit kann das Modell Differenzen präzisieren, ohne sie vorschnell aufzulösen.
Auch hier bleibt E4 die entscheidende Frage:
Welche Rückmeldung könnte die jeweilige Ausgangsordnung verändern?
E1–E4 als Zivilisationsprüfung
Damit erreicht das Modell seine weiteste Bedeutung.
Zivilisationsfähigkeit lässt sich innerhalb E1–E4 als Fähigkeit verstehen, menschlich hervorgebrachte E3-Ordnungen an ihre tatsächlichen Tätigkeitsfolgen zurückzubinden.
Eine Zivilisation benötigt E3.
Ohne Sprache, Recht, Institutionen, Rollen, Geld, Wissenschaft, Technik und gemeinsame Regeln wäre eine komplexe Gesellschaft kaum möglich.
Das Problem besteht deshalb nicht darin, E3 abzuschaffen.
Das Problem beginnt, wenn E3 seine eigene Geltung gegen sämtliche Rückmeldungen immunisiert.
Dann können gesellschaftliche Regeln weiter funktionieren, während ihre materiellen oder lebendigen Voraussetzungen beschädigt werden.
Zivilisationsfähigkeit bedeutet unter diesem Gesichtspunkt:
E3 so zu organisieren, dass E1- und E2-Rückmeldungen institutionell wirksam werden können.
E3 ist unverzichtbar
Diese Präzisierung ist besonders wichtig, weil das Modell sonst als Kritik an Sprache, Kultur, Eigentum, Recht oder Institution schlechthin missverstanden werden könnte.
E3 ist eine außerordentliche menschliche Hervorbringungsleistung.
Menschen können durch Symbole über Abwesendes sprechen.
Sie können Regeln vereinbaren.
Sie können Rechte definieren.
Sie können Wissen speichern.
Sie können langfristig planen.
Sie können Institutionen aufbauen.
Die Frage lautet nicht, ob diese Welt menschlicher Hervorbringungen abgeschafft werden sollte.
Sie lautet:
Bleibt sie an die Bedingungen rückgebunden, innerhalb derer Menschen tatsächlich leben?
E4 ist die Bedingung eines plastischen E3
Damit lässt sich E4 noch präziser bestimmen.
E3 ist unvermeidlich.
E4 entscheidet darüber, ob E3 plastisch bleibt.
Ohne E4 können Begriffe und Institutionen zu Skulpturen werden.
Mit E4 bleiben sie Werkzeuge.
Ein Werkzeug kann aufgrund seines Scheiterns verändert oder ersetzt werden.
Eine Ideologie versucht dagegen möglicherweise, auch ihr Scheitern so zu deuten, dass sie selbst unangetastet bleibt.
E4 ist deshalb die institutionalisierte Differenz zwischen Werkzeug und Dogma.
Das Verhältnis zum plastischen Ich und zur Skulpturidentität
Diese Struktur wiederholt sich auf der Ebene des Menschen.
Das plastische Ich kann Rückmeldungen aufnehmen und sich verändern.
Die Skulpturidentität versucht, eine festgelegte Selbstbeschreibung gegen Veränderung zu stabilisieren.
Auch gesellschaftliche Ordnungen können plastisch oder skulptural werden.
E4 ist deshalb nicht nur ein gesellschaftlicher Reparaturmechanismus.
Es bezeichnet allgemein die Fähigkeit einer menschlichen Hervorbringung, von den Folgen ihrer eigenen Anwendung verändert werden zu können.
Das Verhältnis zum Menschenkunstwerk
Damit fügt sich E1–E4 unmittelbar in den Begriff des Menschenkunstwerks ein.
Der Mensch bringt auf E3 gesellschaftliche Formen hervor.
Er setzt sie durch Tätigkeiten in eine vorausliegende Wirklichkeit.
Diese Tätigkeiten erzeugen materielle und lebendige Folgen.
Der Mensch ist zugleich Gestalter dieses Werkes und von seinen Folgen abhängig.
E4 fragt deshalb:
Kann der Künstler des Menschenkunstwerks sein eigenes Werk noch verändern, wenn das Werk seine Träger verletzt?
Diese Frage ist die zivilisatorische Erweiterung der handwerklichen Erfahrung.
Die entscheidende Paradoxie
Damit lässt sich eine zentrale Paradoxie meiner Forschungskunst formulieren.
Der Mensch besitzt heute außerordentlich umfangreiche Kenntnisse über materielle und lebendige Wirkungszusammenhänge.
Er kann viele Verletzungsmechanismen wissenschaftlich präzise untersuchen.
Trotzdem können gesellschaftliche Systeme Tätigkeiten fortsetzen, deren schädliche Wirkungen bekannt sind.
Das Problem liegt deshalb nicht ausschließlich im Fehlen von Wissen.
Es kann in der unterbrochenen Rückkopplung zwischen Wissen und gesellschaftlicher Geltungsordnung liegen.
E1 und E2 melden.
E3 weiß möglicherweise sogar davon.
Aber E4 funktioniert nicht ausreichend.
Das vorhandene Material formuliert diese Paradoxie als Trennung zwischen hochentwickeltem Wissen über Verletzungsmechanismen und fehlender Verantwortung für die vollständige Kette von Tätigkeit, Abhängigkeit, Verletzung und notwendiger Korrektur.
E4 als eigentlicher Prüfpunkt der Zivilisationsfähigkeit
Damit verschiebt sich die zentrale Frage.
Nicht:
Wie viel weiß eine Gesellschaft?
Sondern:
Was kann das vorhandene Wissen verändern?
Eine Gesellschaft kann technisch hochentwickelt und wissenschaftlich hervorragend informiert sein.
Wenn ihre wirtschaftlichen, rechtlichen oder politischen Ordnungen strukturell nicht auf bekannte Schäden reagieren können, bleibt ihre Korrekturfähigkeit begrenzt.
Zivilisationsfähigkeit zeigt sich deshalb besonders in E4.
E4 darf nicht mit Kontrolle verwechselt werden
Rückkopplung bedeutet jedoch nicht, dass sämtliche Tätigkeiten zentral kontrolliert werden müssten.
Ein plastisches System kann unterschiedliche Lösungen zulassen.
Entscheidend ist nicht vollständige Steuerung.
Entscheidend ist, dass Rückmeldungen erreichbar bleiben und reale Korrekturmöglichkeiten bestehen.
E4 ist deshalb eher eine Membranstruktur als eine Kommandozentrale.
Sie organisiert Einspruch, Lernen und Anpassung.
Nichtwissen innerhalb E1–E4
Das Modell muss außerdem Nichtwissen ausdrücklich zulassen.
Nicht jede materielle Konsequenz ist bekannt.
Nicht jeder biologische Zusammenhang ist vollständig verstanden.
Nicht jede gesellschaftliche Folge lässt sich sicher prognostizieren.
E1–E4 darf diese Lücken nicht einfach mit Behauptungen füllen.
Die wissenschaftlich richtige Position kann lauten:
Das wissen wir hier nicht.
Dann beginnt die nächste Forschungsfrage.
Nichtwissen wird damit Teil der Prüfung.
Kausalität und Zusammenhang
Besonders sorgfältig muss zwischen Kausalität und bloßer Gleichzeitigkeit unterschieden werden.
Nur weil eine E3-Regel und eine E2-Veränderung gleichzeitig auftreten, folgt daraus nicht automatisch, dass die Regel die Veränderung verursacht hat.
Der Tätigkeitsweg muss untersucht werden.
Welche Entscheidung führte zu welcher Tätigkeit?
Welche materiellen Prozesse folgten?
Welche lebendigen Veränderungen sind nachweisbar?
Welche anderen Einflussfaktoren bestehen?
Das Vier-Ebenen-Modell hilft beim Strukturieren solcher Fragen.
Es ersetzt jedoch keine konkrete wissenschaftliche Kausalanalyse.
Keine moralische Kurzschlussmaschine
Aus demselben Grund darf E1–E4 nicht nach dem Schema funktionieren:
E1/E2 = gut und wahr.
E3 = künstlich und problematisch.
E4 = Lösung.
Eine solche Hierarchie wäre eine grobe Verfälschung.
Material kann zerstörerisch wirken.
Lebende Organismen können andere Organismen verletzen.
Gesellschaftliche Regeln können Menschen und Ökosysteme schützen.
E4 kann falsch angewandt werden.
Der Zweck des Modells besteht nicht in einer moralischen Sortierung der Ebenen.
Er besteht in präziser Wirklichkeits- und Folgenunterscheidung.
Keine Vorrangordnung, sondern Abhängigkeitsprüfung
Trotzdem gibt es eine wichtige Asymmetrie.
Gesellschaftliche Geltung kann bestimmte vorausliegende Existenzbedingungen nicht beliebig ersetzen.
Eine Gesellschaft kann ihre Eigentumsordnung verändern.
Ein Mensch kann jedoch nicht gesellschaftlich beschließen, ohne Sauerstoff zu leben.
Dieser Unterschied bedeutet nicht, dass E1 „höher“ oder „besser“ wäre.
Er bedeutet:
Bestimmte E1- und E2-Bedingungen besitzen für menschliches Leben eine vorausliegende Tragfunktion, von der E3 abhängig bleibt.
Genau deshalb benötigt E3 Rückkopplung.
Der Maßstab der Tragfähigkeit
Damit lässt sich der Maßstab des Modells präzisieren.
E1–E4 fragt nicht nach einer abstrakten Harmonie.
Es fragt:
Kann eine menschliche Hervorbringung unter den Bedingungen bestehen, von denen ihre eigenen Träger abhängig bleiben?
Diese Frage verbindet E1–E4 mit der Tragwirklichkeit, dem dreifachen Optimum, der Tätigkeitskonsequenz und der Zivilisationsfähigkeit.
Selbstprüfung des Vier-Ebenen-Modells
Schließlich muss E1–E4 selbst auf der Werkbank liegen.
Das Modell ist eine E3-Hervorbringung.
Es wurde von einem Menschen hergestellt.
Es besitzt Begriffe und Abgrenzungen.
Es wählt bestimmte Gesichtspunkte aus.
Es kann hilfreich sein.
Es kann aber auch Beziehungen verdecken.
Deshalb muss es nach seinem eigenen Prinzip geprüft werden.
Welche Vorgänge lassen sich damit gut unterscheiden?
Wo werden Übergänge zu stark vereinfacht?
Wo ist E2 nicht klar genug von E1 abgrenzbar?
Wo enthält E3 zu unterschiedliche Phänomene?
Wo wird E4 fälschlich zur moralischen Oberinstanz?
Welche konkreten Beobachtungen würden eine Veränderung des Modells notwendig machen?
Diese Selbstprüfung gehört nicht als Fußnote hinzu.
Sie ist Bedingung seiner Legitimität innerhalb der Forschungskunst.
E1–E4 bleibt ein Werkzeug, kein Anker
Innerhalb der nun festgelegten Architektur der Forschungskunst bleibt E1–E4 deshalb bewusst kein eigener Anker.
Es ist ein besonders wichtiges Instrument innerhalb der bestehenden Anker.
Der Plexus-/Wirklichkeitsanker verhindert, dass die vier Ebenen zu vier getrennten Welten werden.
Der Prüfanker des Begriffshandwerks bestimmt, wann und warum die Unterscheidung eingesetzt wird.
Der Tätigkeitskonsequenzanker verbindet die Ebenen über konkrete Tätigkeit.
Der Verortungs-/Zeitanker macht deutlich, dass jede Beobachtung unter bestimmten Bedingungen stattfindet.
Der Foliengrammatikanker macht die unterschiedlichen Wirklichkeitsweisen sichtbar.
Der Mitmachbuchanker macht das Modell für andere benutzbar.
Der So-Heits-Atelier-Anker bringt es in reale Prüfsituationen.
Der KI-/Schwarm-Rückkopplungsanker kann unterschiedliche Anwendungen des Modells über Orte und Zeiten miteinander vergleichen.
Damit arbeitet E1–E4 quer durch die Ankerstruktur, ohne selbst zu deren neuer Oberordnung zu werden.
Die präziseste Bewegungsform
Die heutige Fassung des Modells lässt sich am besten nicht als vier Kästen, sondern als Bewegung darstellen:
Der Mensch lebt als materiell-lebendiges Wesen innerhalb eines vorausliegenden Wirkungszusammenhangs. Er erzeugt Begriffe, Symbole, Regeln und gesellschaftliche Ordnungen. Aufgrund dieser E3-Hervorbringungen wird er tätig. Seine Tätigkeit erzeugt materielle und lebendige Konsequenzen. Diese Konsequenzen müssen wahrgenommen und so zurückgeführt werden können, dass die menschlichen Hervorbringungen verändert, korrigiert und gegebenenfalls repariert werden können.
Damit entsteht kein Kreislauf, der immer zum Ausgangspunkt zurückkehrt.
Jede Korrektur erzeugt einen veränderten Ausgangspunkt.
E4 führt deshalb nicht zurück zum Gleichen.
Es führt durch Rückkopplung zu einer neuen plastischen Form.
Verdichtung von E1–E4
Das Vier-Ebenen-Modell lässt sich schließlich in folgender Grundform zusammenfassen:
E1 untersucht physisch-materielle Bedingungen, Widerstände, Belastungen und Veränderungen. E2 untersucht lebendige Abhängigkeit, Regulation, Verletzbarkeit und Regeneration. E3 untersucht die vom Menschen hervorgebrachten Begriffe, Symbole, Rollen, Werte, Eigentums-, Rechts- und Geltungsordnungen, durch die menschliche Tätigkeit gesellschaftlich organisiert wird. E4 ist keine vierte Wirklichkeitsschicht, sondern die Rückkopplungsbewegung, durch die geprüft wird, ob die in E3 hervorgebrachten Formen aufgrund ihrer tatsächlichen Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen in E1 und E2 verändert werden müssen und verändert werden können.
Seine kürzeste Formel lautet deshalb:
E1 zeigt, was materiell geschieht. E2 zeigt, was mit dem Lebendigen geschieht. E3 zeigt, nach welchen menschlichen Vorstellungen und Ordnungen gehandelt wird. E4 fragt, ob das Geschehene diese Vorstellungen und Ordnungen wieder verändern darf.
Noch präziser:
E1–E4 trennt nicht vier Welten. Es verhindert, dass unterschiedliche Wirklichkeitsweisen miteinander verwechselt werden, und stellt anschließend den Rückweg zwischen ihnen wieder her.
Die entscheidende Frage liegt daher nicht in E1, E2, E3 oder E4 für sich genommen.
Sie liegt im vollständigen Durchlauf:
Welche Vorstellung wurde hergestellt? Welche Tätigkeit folgt daraus? Was geschieht materiell? Was geschieht mit dem Lebendigen? Welche gesellschaftliche Ordnung hat dies ermöglicht oder belohnt? Welche Rückmeldung entsteht? Und kann diese Rückmeldung die ursprüngliche Ordnung tatsächlich korrigieren?
Genau darin liegt die eigentliche Funktion von E1–E4 innerhalb der Forschungskunst.
Es ist kein Modell darüber, wie die Welt aus vier Teilen aufgebaut ist.
Es ist ein Modell dafür, wie der Mensch verhindern kann, dass seine selbst hervorgebrachten Wirklichkeitsformen die Beziehungen zu den Bedingungen verlieren, von denen er selbst abhängig bleibt.
Die wichtigste Weiterentwicklung gegenüber früheren Fassungen liegt damit bei E4: E4 sollte künftig bildlich und begrifflich möglichst nicht mehr als „oberste vierte Ebene“ erscheinen, sondern als Rückpfeil durch den gesamten Vorgang. Ein Eigentumsvertrag auf E3 löst eine Tätigkeit aus, diese verändert E1 und E2, und E4 fragt, ob genau diese Folgen die Eigentums-, Nutzungs- oder Entscheidungsordnung wieder verändern dürfen. Damit wird aus einem Schichtenmodell ein Rückkopplungsmodell.
