Eine Kunstgesellschaft wäre keine Freizeitgesellschaft

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Die Kunstgesellschaft als gesellschaftliche Überlebenswerkstatt

Hier liegt die Aufgabe einer Kunstgesellschaft.

Kunst müsste den Menschen dabei unterstützen, seine ererbten Wahrnehmungs-, Schutz- und Beutestrukturen sichtbar zu machen und in verantwortliche Gestaltungsfähigkeiten zu verwandeln.

Der Mensch müsste zum Forschungskünstler seiner eigenen Existenz werden. Er müsste untersuchen, wodurch er lebt, was seine Tätigkeiten auslösen und welche seiner gesellschaftlichen Formen tragfähig sind. Wirtschaft, Politik, Technik und Alltag würden dadurch zu Feldern einer öffentlichen Gestaltungs- und Konsequenzenprüfung.

Die Kunstgesellschaft wäre deshalb keine Gesellschaft der Unterhaltung. Sie wäre eine gesellschaftliche Überlebenswerkstatt. In ihr würden die 23 Stunden und 59 Minuten der Erd- und Lebensentwicklung nicht als ferne Vorgeschichte behandelt, sondern als Referenzsystem für das menschliche Handeln.

Ohne diese Umkehr bleibt die Menschheit chancenlos. Denn eine Gattung, die ihre eigenen Existenzbedingungen nicht als verbindlichen Maßstab anerkennt, kann ihre technischen Fähigkeiten zwar immer weiter steigern, aber sie besitzt keinen Maßstab mehr dafür, wozu diese Fähigkeiten eingesetzt werden dürfen.

Die Überlebensfrage des Homo sapiens entscheidet sich daher nicht allein an seinem Wissen. Sie entscheidet sich daran, ob er bereit ist, seine Lebensstilwerte, seine Tätigkeiten und seine gesellschaftlichen Loyalitäten wieder den Bedingungen unterzuordnen, durch die er selbst existiert.

Eine Kunstgesellschaft wäre damit eine Gesellschaft, in der nicht das fertige Kunstwerk im Mittelpunkt steht, sondern die Frage, ob das gemeinsame Menschenkunstwerk funktioniert oder seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.

Wenn die Menschen den größten Teil ihrer Zeit mit Kunst verbrächten, würde nicht einfach eine Gesellschaft entstehen, in der mehr gemalt, musiziert oder Theater gespielt wird. Entscheidend wäre, was unter Kunst verstanden wird. Bliebe Kunst Unterhaltung, Dekoration, Marktprodukt oder Ablenkung, würde sich die bestehende Gesellschaft lediglich ästhetischer präsentieren.

Eine andere Gesellschaft entstünde erst dann, wenn Kunst als eine allgemeine Form des Wahrnehmens, Erforschens, Gestaltens und Überprüfens verstanden würde.

In einer solchen Kunstgesellschaft wäre der Mensch nicht mehr hauptsächlich Konsument, Arbeitnehmer, Käufer oder Konkurrent, sondern ein Forschungskünstler seiner eigenen Existenzbedingungen. Er würde lernen, genauer wahrzunehmen, wovon er lebt, welche Folgen seine Tätigkeiten haben und ob die von ihm geschaffenen Formen für andere Menschen und für die gemeinsamen Lebensgrundlagen tragfähig sind.

Eine andere Verwendung der Lebenszeit

Die heutige Gesellschaft verwendet einen großen Teil der menschlichen Lebenszeit darauf, Einkommen zu erwerben, Waren herzustellen, Leistungen zu verkaufen, Besitz zu sichern und sich von diesen Belastungen anschließend durch Konsum und Unterhaltung zu erholen. In einer Kunstgesellschaft würde sich diese Zeitordnung verändern.

Die Frage wäre nicht mehr hauptsächlich:

Wie kann ich mehr verdienen und mehr besitzen?

Sondern:

Was kann ich wahrnehmen, verstehen, hervorbringen und gemeinsam mit anderen verantwortlich gestalten?

Zeit würde nicht mehr nur als wirtschaftliche Ressource gelten. Sie würde zum Wahrnehmungs-, Erfahrungs- und Gestaltungsraum. Langsamkeit, Konzentration, Wiederholung, Versuch und Irrtum wären keine wirtschaftlichen Verluste, sondern notwendige Bestandteile der gesellschaftlichen Erkenntnis.

Arbeit würde zur Gestaltung und Prüfung

Arbeit würde nicht verschwinden. Aber ihr Sinn würde sich verändern. Auch Ernährung, Pflege, Bau, Verkehr, Technik, Verwaltung und Energieversorgung müssten weiterhin organisiert werden. Diese Tätigkeiten würden jedoch nicht länger allein nach Gewinn, Wachstum und Effizienz beurteilt.

Sie würden zugleich als Gestaltungsaufgaben verstanden:

  • Welche Form erfüllt ihren Zweck?
  • Welche Folgen erzeugt sie?
  • Welche Abhängigkeiten entstehen?
  • Welche Schäden werden auf andere übertragen?
  • Ist die Gestaltung korrigierbar?
  • Funktioniert sie nur wirtschaftlich oder auch körperlich, gesellschaftlich und ökologisch?

Ein Handwerker, eine Ärztin, ein Landwirt, eine Ingenieurin oder eine Reinigungskraft wären in diesem Sinne ebenso Künstler wie ein Maler oder eine Schauspielerin. Nicht, weil jede Tätigkeit automatisch Kunst wäre, sondern weil jede Tätigkeit bewusst gestaltet und an ihren Konsequenzen geprüft werden müsste.

Bildung würde Wahrnehmung vor Verwertung stellen

Die Schule einer Kunstgesellschaft würde Kinder nicht vorrangig auf berufliche Verwertbarkeit vorbereiten. Sie würde ihnen ermöglichen, ihre Sinne, ihren Körper, ihre Ausdrucksformen und ihre Beziehungen zur Welt kennenzulernen.

Bildende Kunst, Musik, Bewegung, Theater, Handwerk, Naturbeobachtung, Sprache, Technik und gemeinsames Forschen wären keine voneinander getrennten Nebenfächer. Sie würden ein zusammenhängendes Lernfeld bilden. Kinder würden früh erfahren, dass Denken nicht nur im Kopf stattfindet, sondern auch im Sehen, Hören, Berühren, Bauen, Spielen, Scheitern und Korrigieren.

Eine solche Bildung würde nicht fragen, welches Kind am besten reproduziert, was bereits feststeht. Sie würde untersuchen, welche Wahrnehmungs-, Gestaltungs- und Kooperationsmöglichkeiten jeder Mensch entwickeln kann.

Die Wirtschaft würde ihre beherrschende Stellung verlieren

Eine Kunstgesellschaft könnte keine Gesellschaft bleiben, in der der Wert einer Tätigkeit fast ausschließlich durch ihren Marktpreis bestimmt wird. Die Wirtschaft wäre weiterhin notwendig, aber sie wäre ein Teil der gesellschaftlichen Organisation und nicht mehr deren oberste Instanz.

Produktion hätte sich daran zu messen, ob sie tatsächlich etwas Lebensnotwendiges, Gebrauchsfähiges oder Erkenntnisförderndes hervorbringt. Produkte würden nicht absichtlich kurzlebig, abhängig machend oder ständig ersetzungsbedürftig gestaltet. Reparatur, Wiederverwendung, Pflege und Anpassungsfähigkeit würden einen höheren Stellenwert erhalten.

Der gesellschaftliche Erfolg würde nicht daran gemessen, wie schnell der Verbrauch wächst, sondern daran, wie gut Lebensbedingungen erhalten, Fähigkeiten entwickelt und Konflikte korrigiert werden können.

Besitz würde gegenüber Gebrauch und Verantwortung zurücktreten

In einer Kunstgesellschaft wäre Eigentum kein unbegrenztes Verfügungsrecht. Wer über Boden, Rohstoffe, Gebäude, technische Anlagen oder Wissen verfügt, müsste auch für deren Folgen Verantwortung übernehmen.

Der Planet würde nicht mehr als Warenlager betrachtet, das der Mensch nach Belieben ausräumen darf. Materialien wären Leihgaben innerhalb eines größeren Zusammenhangs. Ihre Herkunft, Verwendung, Veränderung und Rückführung würden zum Bestandteil jeder Gestaltung.

Damit würde sich auch die Ästhetik verändern. Nicht das Makellose, Neue und Teure wäre automatisch schön. Sichtbare Reparaturen, Alterung, Gebrauchsspuren, unterschiedliche Materialien und wandelbare Formen könnten als Ausdruck von Verantwortung und Lebensfähigkeit verstanden werden.

Politik würde zu einer öffentlichen Gestaltungswerkstatt

Politik wäre nicht mehr hauptsächlich der Kampf organisierter Interessen um Macht, Verteilung und öffentliche Aufmerksamkeit. Sie würde stärker zu einem öffentlichen Gestaltungsprozess werden.

Gesetze, Institutionen und gesellschaftliche Regeln müssten wie plastische Formen behandelt werden: Sie wären nicht endgültig, sondern müssten daraufhin geprüft werden, ob sie tragen, wen sie ausschließen, welche Nebenwirkungen sie erzeugen und ob sie korrigiert werden können.

Parlamente, Verwaltungen und öffentliche Räume könnten zu Werkstätten gesellschaftlicher Selbstuntersuchung werden. Bürgerinnen und Bürger wären nicht nur Wahlberechtigte, sondern Beteiligte an fortlaufenden Gestaltungs- und Prüfprozessen.

Konkurrenz würde durch Verschiedenheit und Zusammenarbeit ergänzt

Kunst verlangt Eigenständigkeit, aber sie muss nicht zwangsläufig auf Verdrängung beruhen. In einer Kunstgesellschaft könnte Verschiedenheit als notwendige Voraussetzung gemeinsamer Entwicklung anerkannt werden.

Menschen müssten nicht ständig beweisen, dass sie besser, schneller oder erfolgreicher sind als andere. Unterschiedliche Fähigkeiten würden sich ergänzen. Der Wert eines Menschen läge nicht mehr ausschließlich in seiner Leistungsfähigkeit und wirtschaftlichen Verwendbarkeit.

Dadurch würden auch Alter, Behinderung, Krankheit oder Langsamkeit anders verstanden. Sie wären nicht lediglich Defizite gegenüber einer Leistungsnorm, sondern Perspektiven, durch die gesellschaftliche Formen auf ihre Zugänglichkeit und Menschlichkeit geprüft werden können.

Kunst würde die Ablenkung nicht vermehren, sondern unterbrechen

Eine Kunstgesellschaft wäre nicht zwangsläufig eine angenehmere oder konfliktfreiere Gesellschaft. Wirkliche Kunst kann beunruhigen. Sie kann Gewohnheiten unterbrechen, Widersprüche sichtbar machen und verdrängte Folgen zurückholen.

Sie würde daher gerade nicht bedeuten, dass die Menschen den größten Teil ihrer Zeit mit angenehmer Zerstreuung verbringen. Im Gegenteil: Kunst könnte zum Gegenprinzip der Ablenkung werden. Sie würde den Menschen auffordern, genauer hinzusehen, statt sich permanent von sich selbst und seinen Abhängigkeiten abzulenken.

Der Mensch würde vom Konsumenten zum Mitgestalter

Das grundlegende Menschenbild würde sich verändern. Der Mensch wäre nicht mehr das souveräne Individuum, dem die Welt zur Verfügung steht. Er würde sich als verletzlicher, abhängiger und zugleich gestaltungsfähiger Bestandteil eines größeren Zusammenhangs erkennen.

Seine Freiheit bestünde nicht darin, alles tun zu dürfen. Sie bestünde darin, wahrnehmen, prüfen, gestalten und korrigieren zu können. Verantwortung wäre dann keine moralische Zusatzforderung, sondern Bestandteil jeder Tätigkeit.

Die mögliche Kunstgesellschaft

Eine solche Kunstgesellschaft wäre weder eine Künstlerherrschaft noch eine Gesellschaft dauernder Kulturveranstaltungen. Sie wäre eine öffentliche Werkstatt der Wahrnehmung und Verantwortlichkeit.

Ihr Lebensstil wäre weniger auf Haben, Beschleunigung, Austauschbarkeit und Ablenkung ausgerichtet. Er wäre stärker geprägt durch Aufmerksamkeit, Beteiligung, handwerkliche Erfahrung, gemeinsame Forschung, Pflege, Reparatur und die Überprüfung der eigenen Tätigkeitsfolgen.

Der größte Unterschied zur heutigen Konsumgesellschaft läge darin, dass die Menschen nicht mehr hauptsächlich lernen würden, wie sie möglichst viel aus der Welt herausholen können. Sie würden lernen, wie sie sich innerhalb ihrer tatsächlichen Abhängigkeiten bewegen und Formen hervorbringen können, die auch für andere Menschen, andere Lebewesen und kommende Generationen tragfähig bleiben.

Eine Kunstgesellschaft wäre damit eine Gesellschaft, in der nicht das fertige Kunstwerk im Mittelpunkt steht, sondern die Frage, ob das gemeinsame Menschenkunstwerk funktioniert oder seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.