Entwürfe 14.7
Wolfgang Fenner
Bildender Künstler, forschender Künstler und Handwerker
Berlin
An
Frau Naomi Beckwith
Künstlerische Leiterin der documenta 16
und das künstlerische Team der documenta 16
documenta und Museum Fridericianum gGmbH
Friedrichsplatz 18
34117 Kassel
Betreff: Vorschlag für einen Ausstellungs- und Forschungsbereich der documenta 16 – „Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen?“ Forschungskunst und Experimentelle Umweltgestaltung 1963–2027
Sehr geehrte Frau Beckwith,
sehr geehrte Mitglieder des künstlerischen Teams der documenta 16,
ich möchte Ihnen mein über mehr als sechs Jahrzehnte entstandenes künstlerisches Lebenswerk als möglichen Ausstellungs-, Forschungs- und Vermittlungsbereich der documenta 16 vorstellen.
Im Mittelpunkt dieses Lebenswerks steht eine Frage, deren biografischer und künstlerischer Ursprung bis in meine Kindheit und Jugend zurückreicht:
Warum zerstört der Mensch die Bedingungen, von denen sein eigenes Leben abhängt?
Aus dieser Frage entwickelte sich während meines Kunststudiums die von mir so bezeichnete Experimentelle Umweltgestaltung. Aus ihr ging über Jahrzehnte eine Forschungskunst hervor, die Kunst nicht nur als Herstellung einzelner Werke, sondern als Wahrnehmungs-, Erkenntnis-, Prüf- und Rückkopplungsverfahren versteht.
Ich bin 1948 in Einhaus geboren, einem Dorf unmittelbar in Scheeswig-Holstein liegt. für das Verständnis meines Lebenswerks ist die dörfliche Herkunft jedoch wesentlich.
Ich wuchs in einer Zeit auf, in der Hunger, Nahrung und Versorgung noch elementare Erfahrungen waren. Auf ungefähr 2.000 Quadratmetern Gartenland lernte ich, Pflanzen anzubauen und ihre Abhängigkeit von Boden, Wasser, Wetter, Jahreszeiten, Insekten und benachbarten Lebensformen zu beobachten. Der Garten war für mich keine dekorative Natur, sondern ein lebendiger Funktionszusammenhang, von dem die menschliche Ernährung unmittelbar abhing.
Mein Vater hielt eine größere Zahl von Bienenvölkern. Dadurch begegnete ich früh dem Schwarmverhalten, der Bestäubung, der Arbeitsteilung und der besonderen Informationsweitergabe der Bienen. Durch ihre Tänze teilten sie anderen Bienen mit, in welcher Richtung und Entfernung Nahrung zu finden war. Das einzelne Tier verfügte nur über eine begrenzte Wahrnehmung, doch durch Mitteilung und Rückkopplung entstand eine kollektive Orientierungsfähigkeit.
Hier liegt eine frühe biografische Grundlage meiner späteren Arbeiten zur Kollektiven Kreativität und der heutigen Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“. Das Ganze entsteht nicht dadurch, dass ein Einzelner alles weiß, alles kontrolliert und alle Aufgaben übernimmt. Es kann aus der Beziehung vieler begrenzter Wahrnehmungen und Tätigkeiten hervorgehen.
Gleichzeitig erlebte ich die Flurbereinigung. Knicks wurden beseitigt, um größere und mit Maschinen leichter zu bearbeitende Felder herzustellen. Moore, feuchte Senken und tiefer liegende Flächen wurden durch Drainagerohre entwässert. Was damals als Fortschritt, Rationalisierung und Herstellung einer klareren landwirtschaftlichen Ordnung erschien, veränderte die ökologischen Zusammenhänge tiefgreifend.
Die Knicks waren nicht nur Grenzen zwischen Feldern. Sie waren Lebens- und Bruträume für Vögel, Insekten und andere Tiere. Die dort lebenden Vögel ernährten sich unter anderem von Insekten, die auf den angrenzenden Feldern als Schädlinge auftreten konnten. Mit der Beseitigung dieser Lebensräume gingen natürliche Regulationsprozesse verloren. Um Saat und Erträge dennoch zu schützen, wurden weitere technische und chemische Eingriffe erforderlich.
Darin begegnete mir früh ein Grundmechanismus, der mein gesamtes späteres Lebenswerk bestimmen sollte: Der Mensch beseitigt einen vielfältigen Zusammenhang, um einen einzelnen Vorgang effizienter kontrollieren zu können. Anschließend muss er die verlorenen Funktionen durch immer neue technische Maßnahmen ersetzen. Die Kontrolle erzeugt die Notwendigkeit weiterer Kontrolle.
Um 1963, im Alter von ungefähr fünfzehn Jahren, vertiefte sich diese Wahrnehmung durch die Begegnung und Zusammenarbeit mit einem Oberförster. Er führte mich in nachhaltiges forstwirtschaftliches Denken, Naturbeobachtung, Ornithologie und Fotografie ein. Ich beobachtete insbesondere Greifvögel, Fischadler, andere Adlerarten, Reiher, Eisvögel und Zugvögel. Ich beteiligte mich an der Vogelberingung für die Vogelwarte Helgoland und eignete mir ein umfangreiches Wissen über Vogelzug, Lebensräume, Brutverhalten und Bestandsveränderungen an.
Gemeinsam mit dem Oberförster fotografierte ich auch Orchideen, Vögel und Landschaftsräume. Viele Pflanzen und Tiere sind an den damaligen Beobachtungsorten heute nicht mehr vorhanden. Die Fotografien besitzen deshalb nicht nur eine ästhetische Funktion. Sie wurden zu Zeitdokumenten eines früheren Zustands der Landschaft und zu Spuren eines später sichtbar gewordenen Verlustes.
Bereits damals begegnete ich den Folgen von DDT. Der Stoff beziehungsweise seine langlebigen Abbauprodukte führten bei verschiedenen Greifvögeln zu einer Verdünnung der Eierschalen. Beim Brüten konnten die Eier unter dem Gewicht der Vögel zerbrechen. Ganze Bestände gerieten dadurch in Gefahr.
Hier wurde für mich erstmals konkret sichtbar, dass eine vom Menschen als nützlich und erfolgreich betrachtete Technik in einem umfassenderen Lebenszusammenhang zerstörerisch wirken kann. Ein Mittel konnte innerhalb seines begrenzten Anwendungszwecks funktionieren und zugleich die Fortpflanzung anderer Lebewesen und damit die Tragfähigkeit eines Ökosystems beschädigen.
Aus der Ornithologie entwickelte sich schrittweise eine ontologische Frage: Was ist ein Lebewesen, wenn es nur durch Beziehungen, Stoffwechsel, Landschaften, Nahrung, andere Arten und zum Teil unsichtbare Orientierungssysteme existieren kann? Und was ist der Mensch, wenn er sich trotz dieser Abhängigkeiten als autonomes Zentrum und Beherrscher der Welt versteht?
Auch die Beobachtung von Vogelzügen und Schwärmen wurde für mich zu einer frühen Anschauungsform kollektiver Ordnung. Aus zunächst vielfältigen Einzelbewegungen konnten gerichtete Formationen entstehen. Kein einzelner Vogel musste die Gesamtbewegung des Schwarms von außen kontrollieren. Die gemeinsame Richtung entstand durch fortlaufende Annäherung, Abstand, Richtungsänderung und Rückkopplung.
Mich beschäftigte ebenso, dass Zugvögel, Schildkröten und andere Tiere sich an Wirklichkeitsdimensionen orientieren können, die der Mensch ohne technische Hilfsmittel kaum wahrnimmt. Daraus entstand früh die Vermutung, dass die menschlich sichtbare und begrifflich erfasste Welt nur ein Ausschnitt der tatsächlich wirksamen Wirklichkeit ist.
Meine Beschäftigung mit Pflanzen, Tieren, Pilzen, Waldgemeinschaften und den Beziehungen zwischen Bäumen und Pilzgeflechten führte diesen Gedanken weiter. Vieles, was früher nur vermutet werden konnte, wird bis heute wissenschaftlich genauer untersucht. Für meine künstlerische Arbeit war entscheidend, dass lebendige Systeme nicht aus isolierten Einzelgegenständen bestehen. Sichtbare Formen werden von unsichtbaren Stoff-, Informations- und Tragbeziehungen ermöglicht.
Eine weitere Grundlage meiner Forschungskunst entstand aus der Beobachtung von Strömungen. Als in Schleswig-Holstein aufgewachsener Mensch erlebte ich strenge Winter, Schneeverwehungen, Sturmfluten und die Gefährdung von Deichen nicht als entfernte Nachrichtenereignisse. Schnee, Wind und Wasser waren wirkende Kräfte, die ganze Landschaften und Versorgungsstrukturen verändern konnten.
Schneeverwehungen faszinierten mich als sichtbare Aufzeichnungen unsichtbarer Luftströmungen. Wind, Hindernis, Geschwindigkeit, Ablagerung und Abtragung erzeugten plastische Formen. Ich fotografierte solche Strukturen und begann, Bewegung nicht nur als Veränderung einer fertigen Form, sondern als formbildende Kraft selbst wahrzunehmen.
Auch die Auseinandersetzung mit Deichbrüchen und Sturmfluten wurde zu einer Grundlage meiner späteren Strömungsarbeiten. Ingenieure konnten einen neuen und scheinbar sicheren Deich bauen. Doch Wasser, Wellen, Strömung, Durchfeuchtung, Unterspülung und konzentrierte Belastung konnten genau jene kleine Stelle finden oder hervorbringen, an der das technisch berechnete Bauwerk versagte.
Der Deich wurde für mich zu einem Modell des Verhältnisses zwischen Menschenwerk und Tragwirklichkeit. Ein Menschenwerk kann innerhalb seiner Berechnung richtig erscheinen und dennoch an Wirkungen scheitern, die im Modell nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Die Natur handelt dabei nicht absichtsvoll gegen den Menschen. Sie zeigt lediglich, ob seine Annahmen, Maßstäbe und Konstruktionen tatsächlich tragen.
Aus Garten, Bienen, Flurbereinigung, Ornithologie, Fotografie, Vogelzug, Schnee, Wasser, Sturmfluten und Deichen entwickelte sich somit schon früh eine zusammenhängende Wahrnehmungs- und Forschungsrichtung. Sie fragte danach, wie aus Beziehungen Formen entstehen, wie Eingriffe in einem begrenzten Bereich funktionieren und zugleich den Gesamtzusammenhang beschädigen können und warum der Mensch auf die Folgen seiner Tätigkeiten häufig erst dann reagiert, wenn erhebliche Verluste bereits eingetreten sind.
Von 1965 bis 1969 absolvierte ich eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Dort kamen Maß, Toleranz, Passung, Belastung, Reibung, Verschleiß, Funktionieren und Nichtfunktionieren als handwerkliche Erkenntnisgrundlagen hinzu.
Ein Werkstück kann nicht dauerhaft im bloßen Als-ob funktionieren. Es passt oder passt nicht. Eine Konstruktion trägt oder versagt. Ein falsches Maß erzeugt Reibung, Bruch, Undichtigkeit oder Stillstand. Der Fehler ist nicht nur eine Meinung. Er erzeugt Folgen und verlangt nach Korrektur.
Diese handwerkliche Rückbindung an Wirklichkeit wurde zu einem Maßstab meiner späteren Kunst. Ich begann, auch gesellschaftliche Menschenwerke danach zu fragen, ob sie tatsächlich tragen: Eigentumsordnungen, Institutionen, wissenschaftliche Modelle, politische Regelwerke, wirtschaftliche Systeme, gesellschaftliche Rollen und öffentliche Aussagen.
Nach Tätigkeiten in Fotografie, Fotojournalismus und Werbung studierte ich von 1974 bis 1980 Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Während dieses Studiums entwickelte ich um 1975 den Vorschlag einer Experimentellen Umweltgestaltung.
Der damalige Umweltbegriff bezeichnete für mich keine äußere Welt, die der Mensch nach seinen Vorstellungen gestaltet. Der Mensch war selbst Teil einer Mitwelt aus Pflanzen, Tieren, Wasser, Boden, Luft, Stoffwechsel, technischen Eingriffen und gesellschaftlichen Beziehungen. Gestaltung bedeutete daher immer auch eine Veränderung der Bedingungen, von denen der gestaltende Mensch selbst abhängig blieb.
Die Experimentelle Umweltgestaltung untersuchte diese Wechselwirkungen in künstlerischen Versuchsanordnungen. Kunst sollte nicht nur Gegenstände oder Bilder hervorbringen. Sie sollte sichtbar machen, welche Vorgaben, Rollen, Interessen, Gewohnheiten und Machtverhältnisse menschliches Handeln steuern und welche Folgen daraus für Menschen und Mitwelt entstehen.
Aus diesem Ansatz entwickelten sich über Jahrzehnte Arbeiten in Plastik, Fotografie, Zeichnung, Malerei, Collage, Installation, Performance, Theater und öffentlicher Aktion. Dazu gehören die frühen Erwachsenen- und Telefonmalbücher, das Vorgabebild, Strömungsmodelle, die Demokratiewerkstätten, die Grenzwerkstatt und Kunsthalle auf Zeit in Ratzeburg, das Entelechiemuseum als begehbare Arche, das Globale Dorffest mit tausend Tischen, das Bürgerforum, die Kollektive Kreativität und das aus mehreren Modulen bestehende Partizipatorische Welttheater.
Diese Projekte waren keine voneinander unabhängigen künstlerischen Einfälle. In ihnen ist ein durchgehender roter Faden erkennbar. Immer wieder geht es um die Frage, wie ein vielfältiger Zusammenhang durch einseitige Zielsetzungen verformt wird, wie Menschen unbewusst vorgegebene Rollen übernehmen, wie kollektive Fähigkeiten entstehen oder verhindert werden und wie aus Betrachtenden Mitprüfende gesellschaftlicher Wirklichkeit werden können.
Mein Lebenswerk umfasst heute Hunderte Bilder und Plastiken, mehr als sechshundert Kunsttagebücher sowie ein umfangreiches Archiv aus Fotografien, Filmen, Briefen, Entwürfen und Installationsmaterialien. Dieses Archiv ist keine bloße Sammlung abgeschlossener Arbeiten. Es dokumentiert die Entstehung einer Forschungskunst über mehr als sechs Jahrzehnte.
Seit 2023 verdichte ich dieses Material mithilfe künstlicher Intelligenz als Spiegelungs-, Vergleichs- und Strukturierungsinstrument auf meiner Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“. Die Plattform umfasst ein digitales Werkarchiv und ein interaktives Buch mit mehr als zehntausend internen Verknüpfungen.
Sie soll keine geschlossene Weltlehre verbreiten. Sie soll einen öffentlichen Prüf- und Lernraum herstellen, in dem unterschiedliche Menschen ihre Beobachtungen, Kenntnisse und Erfahrungen miteinander verbinden können, ohne dass ein Einzelner alles wissen und das Ganze allein kontrollieren muss.
Aus der jahrzehntelangen Arbeit ist ein Vier-Ebenen-Prüfmodell hervorgegangen.
Die erste Ebene bezeichnet die physikalischen, materiellen und kosmischen Bedingungen, die nicht vom Menschen geschaffen wurden.
Die zweite Ebene umfasst Leben, Stoffwechsel, Körper, Verletzbarkeit, Regeneration und die Abhängigkeit von tragenden Lebensbedingungen.
Die dritte Ebene umfasst die vom Menschen erzeugte Symbol-, Rollen- und Geltungswelt: Sprache, Geld, Eigentum, Recht, Wissenschaft, Institutionen, Identitäten und Märkte.
Die vierte Ebene müsste als öffentliche Prüf-, Rückkopplungs- und Reparaturebene wirken. Dort wären die menschlichen Konstruktionen der dritten Ebene an ihren Folgen für die materiellen und lebendigen Bedingungen der ersten beiden Ebenen zu überprüfen.
Ich bezeichne diese nicht durch menschliche Behauptungen ersetzbaren Bedingungen als Tragwirklichkeit.
Das Vier-Ebenen-Modell ist keine nachträglich über mein Werk gelegte Theorie. Es ist die begriffliche Verdichtung einer seit meiner Kindheit entwickelten Beobachtungs-, Tätigkeits- und Werkspur: vom Garten, den Bienen, Knicks, Vögeln, Pflanzen, Pilzen, Landschaften und Strömungen über Handwerk, Fotografie und Plastik bis zu gesellschaftlichen Versuchsanordnungen und öffentlicher Rückkopplung.
Ein weiteres plastisches Prüfmaß ist die Formel 51:49. Sie bezeichnet keine statistische Verteilung, sondern eine minimale Asymmetrie, durch die Bewegung, Beziehung, Lernen und Korrektur möglich bleiben. Im Unterschied zur Vorstellung einer vollkommenen 50:50-Symmetrie oder einer hundertprozentigen Identität erhält 51:49 einen Toleranzraum: genügend Verbindung, um beteiligt und verantwortlich zu sein, und genügend Abstand, um eine Rolle, ein Modell oder eine Institution überprüfen zu können.
Ich habe mich wiederholt und über Jahrzehnte hinweg mit unterschiedlichen Werk- und Ausstellungskonzepten an die documenta gewandt. Nach meiner Kenntnis befinden sich Unterlagen und Korrespondenzen zu diesen Bewerbungen im documenta archiv.
Diese Bewerbungen bilden keine Reihe voneinander getrennter Projekte. In ihnen ist derselbe rote Faden erkennbar, der mein gesamtes Lebenswerk durchzieht. Die künstlerischen Formen und Begriffe haben sich weiterentwickelt, doch die Grundfrage ist dieselbe geblieben.
Auch die Missverständnisse, Nichtzuordnungen und ausbleibenden Aufnahmen gehören heute zu meiner Forschungskunst. Sie sind nicht nur persönliche Enttäuschungen. Sie zeigen exemplarisch, wie eine Arbeit zwischen den Kategorien von Kunst, Wissenschaft, Umweltforschung, gesellschaftlicher Praxis und öffentlicher Vermittlung institutionell unsichtbar werden kann.
Die documenta könnte deshalb nicht nur einzelne Werke ausstellen. Sie könnte anhand meines Lebenswerks zugleich ihre eigene mehr als fünfzigjährige Beziehung zu einer wiederholt an sie herangetragenen Forschungskunst untersuchen.
Ich schlage für die documenta 16 einen eigenständigen Werk-, Archiv-, Forschungs- und Beteiligungsbereich unter dem Arbeitstitel vor:
„Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen? Forschungskunst und Experimentelle Umweltgestaltung 1963–2027“
Dieser Bereich könnte mit den frühen Fotografien, Natur- und Vogelbeobachtungen, Materialien zur Beringung, Landschaftsaufnahmen, Arbeiten zu Schnee, Wasser und Strömung sowie Zeugnissen der dörflichen und ökologischen Werkgenese beginnen.
Daran könnten die handwerklichen, fotografischen und bildhauerischen Arbeiten, die Entwicklung der Experimentellen Umweltgestaltung, das Vorgabebild, die Grenzwerkstatt, die Kunsthalle auf Zeit, das Entelechiemuseum, die Kollektive Kreativität, das Partizipatorische Welttheater und weitere öffentliche Versuchsanordnungen anschließen.
Ein weiterer Bereich könnte die wiederholten documenta-Bewerbungen und ihre Rezeptionsgeschichte als institutionelle Langzeitspur sichtbar machen.
Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ könnte schließlich das historische Werkarchiv mit einem gegenwärtigen öffentlichen Prüf- und Beteiligungsraum verbinden. Besucher wären nicht nur Betrachtende, sondern Mitprüfende. Sie könnten an konkreten Begriffen, Tätigkeiten und gesellschaftlichen Regelwerken untersuchen:
Was trägt?
Was zerstört?
Welche Folgen werden ausgeblendet?
Warum führt vorhandenes Wissen nicht zu einer ausreichenden Veränderung des Handelns?
Und welche Menschenwerke müssen verändert oder repariert werden?
Ich bin ein forschender Künstler und Handwerker, kein Wissenschaftler. Ich erhebe nicht den Anspruch, eine endgültige Antwort auf sämtliche Probleme der Welt gefunden zu haben. Ich stelle eine aus mehr als sechzig Jahren künstlerischer, handwerklicher, ökologischer und gesellschaftlicher Erfahrung hervorgegangene Prüfweise zur öffentlichen Auseinandersetzung.
Ihr Gegenstand ist nicht nur die Umweltzerstörung. Ihr Gegenstand ist die Lücke zwischen menschlichem Wissen und menschlicher Tätigkeit. Die Menschheit weiß immer genauer, welche Folgen ihr Handeln für Klima, Artenvielfalt, Böden, Wasser, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt besitzt. Trotzdem werden die zerstörerischen Grundrichtungen nicht ausreichend verändert.
Meine Forschungskunst fragt, welche Menschenbilder, Gewohnheiten, Begriffe, Eigentumsordnungen, Anerkennungsformen und institutionellen Strukturen diese Rückkopplung verhindern.
Gerade heute könnte die documenta einen Raum eröffnen, in dem mein Lebenswerk nicht nur retrospektiv betrachtet, sondern als gegenwärtige Versuchsanordnung aktiviert wird. Die Ausstellung würde damit Natur- und Werkgeschichte, künstlerische Forschung, Archiv, gesellschaftliche Selbstprüfung und digitale Beteiligung miteinander verbinden.
Dabei geht es auch um die Frage, was Kunst angesichts einer Zivilisation leisten kann, die über immer mehr Wissen verfügt, aber die Bedingungen ihres eigenen Lebens weiterhin beschädigt.
Ich bitte Sie, zu prüfen, ob meine Forschungskunst, mein Werkarchiv und die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ in die weitere Entwicklung der documenta 16 einbezogen und Ihnen in einer konzentrierten Werkpräsentation vorgestellt werden können.
Für eine vertiefende Prüfung kann ich eine Werkchronologie von 1963 bis heute, eine Auswahl zentraler Arbeiten und Versuchsanordnungen, Fotografien, Filme, Kunsttagebücher, Materialien zu meinen früheren documenta-Bewerbungen sowie einen strukturierten Zugang zur Plattform und zum Vier-Ebenen-Modell zur Verfügung stellen.
Die Grundfrage, die als Jugendlicher aus Gartenarbeit, Bienenvölkern, Flurbereinigung, Ornithologie, Fotografie und dem sichtbaren Verlust ökologischer Lebensräume entstand, ist bis heute dieselbe geblieben:
Warum zerstört der Mensch trotz seiner Erkenntnisfähigkeit die Bedingungen, von denen sein eigenes Leben abhängt?
Mein gesamtes Lebenswerk ist der Versuch, diese Frage nicht nur theoretisch zu beantworten, sondern sie durch Kunst sichtbar, erfahrbar und öffentlich überprüfbar zu machen.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Fenner
Bildender Künstler
Forschender Künstler und Handwerker
Entwickler der Experimentellen Umweltgestaltung
Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“
Berlin
Als nächster Schritt eignet sich eine auf höchstens zwei Seiten verdichtete Versandfassung mit einem gesonderten Anlagenverzeichnis.
