Entwürfe 18.7
Dafür wäre ein vollständig geschlossenes, chemisch möglichst reaktionsträges Gefäß notwendig, in dem auch Wasser und Zersetzungsgase aufgefangen und analysiert werden.
Von jeder Lebensform bleibt am Schluss ein Berg von Salz übrig.
Naturwissenschaftlich präziser wäre:
Nachdem Wasser und gasförmige Stoffe entwichen und alle organischen Strukturen zerfallen sind, bleibt von der Lebensform ein mineralischer Salzrest zurück.
Besucher der Documenta kommt aus der Welt des Kaufen und Verkaufens, also Handel zu treiben, was das Ergebnis ist der evolutionären Anpassungsdynamik, Beute zu machen oder selber nicht gefressen zu werden. ist und zu grunde liegt.. Jetzt muss ich also den Besucher in die wirkliche Welt der 23,59 Uhr zurückführen- planet erde. Also wo es die wirkliche Anpassungsdynamik gibt oder Beute machen. Das ist nun mal das Gesetz der Natur. Nichts anderes. Alle anderen Dynamiken ordnen sich dem unter, zumindestens auf dem Planeten Erde. Darin liegt also die Prioritätensetzung auf der Documenta. Wie erreiche ich das und durch was? Damit die alten Gewohnheiten, die den Kaufen, Handeln, Betrügen, von Beute machen, Tarnung und Täuschungsmechanismen, sich daran zu bedienen oder dadurch zu leben, zu verändern zu können.
Vom Käufer zum Ermittler seiner eigenen Existenz
Der Besucher der Documenta kommt nicht als unbeschriebenes Wesen in die Ausstellung. Er betritt sie aus einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der er täglich kaufen, verkaufen, auswählen, bewerten, vergleichen, besitzen, sich anbieten und sich gegenüber anderen behaupten muss. Selbst dort, wo er nichts verkauft, soll er seine Persönlichkeit, seine Fähigkeiten, seine Überzeugungen und seine Aufmerksamkeit zur Geltung bringen. Er ist deshalb nicht nur Käufer von Waren, sondern längst selbst Teil einer Waren- und Verwertungsordnung geworden.
Diese Ordnung greift auf sehr alte evolutionäre Fähigkeiten zurück: Beute erkennen, Vorteile wahrnehmen, Gefahren vermeiden, sich tarnen, täuschen, Bündnisse bilden und verhindern, selbst zur Beute zu werden. Kaufen und Verkaufen sind jedoch nicht einfach unmittelbare Naturvorgänge. Sie sind kulturelle und symbolische Umformungen dieser Fähigkeiten. Der moderne Handel hat einzelne Anpassungsstrategien aus ihren natürlichen Rückkopplungszusammenhängen herausgelöst und zu einem nahezu selbstständigen gesellschaftlichen Betrieb gemacht. Aus dem begrenzten Erwerb dessen, was ein Organismus zum Leben braucht, wird eine unbegrenzte Steigerungs-, Besitz- und Verwertungsdynamik.
Genau an dieser Stelle muss meine Arbeit auf der Documenta ansetzen. Der Besucher soll nicht nur etwas über die Zerstörung der natürlichen Existenzbedingungen erfahren. Er muss seine eigene Position innerhalb dieser Zerstörungsdynamik wahrnehmen können. Er soll die Ausstellung als Käufer, Betrachter und Konsument betreten, aber im Verlauf des Soheitsateliers zum Ermittler seiner eigenen Existenz und zum Forschungskünstler werden.
Das umfassendere Gesetz der Natur
Die wirkliche Welt der 23 Stunden und 59 Minuten besteht nicht ausschließlich aus Beutemachen, Tarnung und Täuschung. Diese gehören zur evolutionären Anpassungsdynamik, sind aber nur ein Teil von ihr. Ebenso grundlegend sind Kooperation, Symbiose, Stoffwechsel, Regeneration, Fürsorge, Begrenzung, Gleichgewicht und wechselseitige Abhängigkeit. Kein Lebewesen existiert allein durch Konkurrenz. Selbst der erfolgreichste Beutegreifer ist von Sauerstoff, Wasser, Pflanzen, Mikroorganismen, Fortpflanzung, Lebensräumen und zahllosen anderen Lebewesen abhängig.
Das basalere Gesetz der Natur lautet daher nicht: Jeder macht Beute. Es lautet: Jede Tätigkeit bleibt an Voraussetzungen, Abhängigkeiten und Folgen gebunden. Kein Organismus kann seine Tätigkeitskonsequenzen dauerhaft aus der Wirklichkeit entfernen. Er kann sie weder durch einen Preis noch durch Eigentum, Werbung, eine politische Behauptung oder ein moralisches Statement aufheben.
Die menschliche Warenwelt erzeugt dagegen den Eindruck, eine Handlung sei abgeschlossen, sobald bezahlt worden ist. Der Käufer erhält das Produkt, der Verkäufer das Geld, und damit scheint der Vorgang beendet zu sein. Tatsächlich bleiben Rohstoffabbau, Energieverbrauch, Arbeitsbedingungen, Transport, Verschleiß, Abfall, gesundheitliche Belastungen und ökologische Zerstörungen weiterhin in der Verletzungswelt vorhanden. Der Preis schließt den Handel ab, aber nicht seine Folgen.
Die Rückführung in die 23:59-Welt bedeutet deshalb keine Rückkehr zum bloßen Beutemachen. Sie bedeutet die Rückbindung der menschlichen Symbol-, Eigentums- und Warenwelt an die Bedingungen, durch die Leben überhaupt getragen wird. Nicht der Preis, sondern die Tragfähigkeit muss wieder zum Maßstab werden.
Der Raum als 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde
Die 24-Stunden-Uhr darf im Soheitsatelier nicht nur als Schaubild an einer Wand hängen. Sie muss die gesamte räumliche Erfahrung bestimmen. Der Eingangsbereich repräsentiert die extrem kurze Zeitspanne des Menschen und insbesondere die ungefähr 0,0051 Sekunden der Industrialisierung. Dieser Bereich ist eng, dicht, laut und mit Waren, Verpackungen, Bildschirmen, Preisschildern, Werbeversprechen, Eigentumszeichen und Selbstinszenierungen angefüllt. Hier erkennt der Besucher seine gewohnte Gegenwart wieder.
Von dort aus gelangt er in den viel größeren Raum der 23 Stunden und 59 Minuten. Dieser Raum wird nicht durch Meinungen, Marken und Preise geordnet, sondern durch Stoffwechsel, Kreisläufe, Abhängigkeiten, Anpassung, Verletzbarkeit, Wachstum, Zerfall und Regeneration. Der Besucher vollzieht den Wechsel körperlich. Er geht aus der winzigen, aber alles übertönenden Menschenzeit in die ungleich größere Zeit- und Wirklichkeitsordnung des Planeten Erde zurück.
Dadurch entsteht ein unmittelbarer Maßstabsvergleich. Der Millisekunden-Mensch erkennt, dass seine Wirtschafts-, Eigentums- und Geltungswelt keine selbstständige Wirklichkeit ist. Sie bleibt eine sehr junge Konstruktion innerhalb eines planetarischen Zusammenhangs, dessen Funktionsbedingungen sie weder erfunden hat noch außer Kraft setzen kann.
Der rote Punkt als Umkehrung des Verkaufszeichens
Der rote Punkt besitzt im Kunsthandel eine eindeutige Bedeutung: Das Werk ist verkauft. Im Soheitsatelier wird dieses Zeichen vom Kunstobjekt auf den Besucher übertragen. Damit wird zunächst sichtbar, dass auch der Mensch längst Käufer, Verkäufer, Produkt, Werbeträger und Ware zugleich geworden ist.
Der rote Punkt bleibt jedoch nicht bei dieser Feststellung stehen. Der Besucher trägt ihn als Zeichen seiner Selbstverortung. Er schreibt dazu, welche Frage ihn innerhalb des Ateliers beschäftigt: sein Körper, Nahrung, Wasser, Eigentum, Arbeit, Technik, Täuschung, Schlaf, Kunst, Verantwortung oder eine andere Existenzbedingung. Die nebeneinander entstehenden roten Punkte zeigen, welche Menschen an denselben Fragen arbeiten wollen. Aus dem Verkaufszeichen wird ein Verbindungszeichen.
Der Besucher unterschreibt damit keine vorgefertigte Meinung und gibt kein bloßes Bekenntnis ab. Er bestimmt einen Untersuchungsgegenstand. Der rote Punkt sagt nicht mehr: Dieses Werk gehört jemandem. Er sagt: An dieser Frage möchte ich gemeinsam mit anderen arbeiten. Dadurch wird aus dem vereinzelten Kunstkonsumenten ein möglicher Teilnehmer an einer öffentlichen Erkenntnis- und Prüfungstätigkeit.
Das Fußgängermalbuch als Bewegungs- und Spureninstrument
Das Fußgängermalbuch begleitet den Besucher durch das gesamte Environment. Es ist weder Ausstellungskatalog noch Kinderbeschäftigung. Es macht seinen Weg, seine Entscheidungen, seine Wahrnehmungen und seine Auslassungen sichtbar. An jeder Station muss er nicht nur etwas lesen, sondern eine Spur hinterlassen, einen Zusammenhang einzeichnen, eine Voraussetzung ergänzen oder eine zunächst unsichtbare Folge kenntlich machen.
Damit wird die gewöhnliche Trennung zwischen Betrachter und betrachtetem Gegenstand aufgehoben. Der Besucher bewegt sich nicht folgenlos durch die Ausstellung. Sein Weg wird selbst zum Untersuchungsmaterial. Das Fußgängermalbuch führt die Methodik meiner früheren Erwachsenen-, Telefon- und Streichelbücher weiter: Der Mensch soll keine fertige Belehrung übernehmen, sondern durch seine eigene Tätigkeit bemerken, was er gewöhnlich übersieht.
Die weißen Flächen sind dabei keine Leere, die beliebig gefüllt werden kann. Sie stehen für jene Voraussetzungen und Tätigkeitskonsequenzen, die in der Warenpräsentation unsichtbar bleiben. Erst die Spuren der Besucher machen sichtbar, wie viel ausgeblendet werden muss, damit ein Produkt sauber, abgeschlossen, verfügbar und scheinbar folgenlos erscheinen kann.
Vom Preisschild zum Prüfobjekt
Im Zentrum des Ateliers stehen vertraute Gegenstände: eine Kartoffel, eine Wasserflasche, ein Kleidungsstück, ein Smartphone, ein Stück Verpackung, eine Münze oder ein gewöhnlicher Kassenbon. Zunächst erscheinen sie so, wie der Besucher sie aus der Warenwelt kennt: mit Preis, Marke, Nutzen und Kaufversprechen. Danach werden dieselben Gegenstände auf ihre materiellen Voraussetzungen und Folgen hin geöffnet.
Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: Was kostet dieser Gegenstand? Sie lautet: Was trägt ihn, was verbraucht er, was verletzt er, wovon hängt er ab, wer trägt seine Folgen und wodurch kann seine Herstellungs- und Gebrauchskette korrigiert werden?
Hier kann die Saftpresse als plastisches Erkenntnismodell eingesetzt werden. Sie zeigt die Grundbewegung der Extraktion: Etwas wird hineingegeben, ein verwertbares Produkt wird herausgepresst, und der verbleibende Rest wird als Abfall ausgesondert. Die Warenwelt richtet ihre Aufmerksamkeit auf das gewonnene Produkt. Das Soheitsatelier richtet sie zugleich auf das, was entnommen, zerstört, verbraucht oder zurückgelassen wurde. Nicht die Saftpresse ist das Problem, sondern eine gesellschaftliche Denkweise, die nur den gewonnenen Saft als Wirklichkeit anerkennt und den ausgepressten Zusammenhang aus ihrer Wahrnehmung entfernt.
Auch das Feld „Ein Quadratmeter Eigentum“ kann diese Rückbindung körperlich erfahrbar machen. Der Besucher steht auf einer abgegrenzten Fläche und kann sie symbolisch als sein Eigentum bezeichnen. Zugleich durchqueren Luft, Schall, Wasser, Wärme, Licht, Mikroorganismen und die Folgen fremder Handlungen unaufhörlich diese Grenze. Das Eigentumszeichen besitzt gesellschaftliche Geltung, aber es kann die Abhängigkeitswelt nicht aufhalten. So wird der Unterschied zwischen gedachter Unverletzlichkeit und wirklicher Verletzbarkeit unmittelbar sichtbar.
Der eigene Organismus als Referenzsystem
Der Besucher ist darin geschult, Preisunterschiede, Rabatte, Marken, Besitzwerte und finanzielle Vorteile genau zu erkennen. Über die Bedingungen seines eigenen Organismus weiß er dagegen häufig sehr wenig. Er kann den Preis eines Smartphones vergleichen, aber kaum benennen, was dauerhafter Lärm, Schlafentzug, Zeitdruck, Schadstoffe, Bewegungsmangel oder Reizüberflutung mit seinem Körper machen.
Deshalb muss der eigene Organismus zum zentralen Referenzsystem des Ateliers werden. Atmung, Gleichgewicht, Erschöpfung, Temperatur, Ruhe, Berührung, Nahrung und Schlaf sind keine privaten Nebensachen. Sie zeigen, dass der Mensch selbst Bestandteil der Verletzungswelt ist. Sein Körper lässt sich nicht durch ein Statement überzeugen. Er reagiert auf tatsächliche Bedingungen.
Der Besucher soll erfahren, dass sein Geltungs-Ich zwar behaupten kann, autonom, erfolgreich, frei oder unangreifbar zu sein, während sein Kopplungs-Ich ununterbrochen auf Sauerstoff, Wasser, Nahrung, Schutz, Ruhe, andere Lebewesen und eine tragfähige Umwelt angewiesen bleibt. Der Organismus ist damit kein Besitz des Menschen, über den er beliebig verfügen kann. Er ist ein fortwährender Prüf- und Rückkopplungsorganismus.
Vom Statement zur öffentlichen Prüfung
Das Soheitsatelier darf den bisherigen Aussagen nicht nur neue Aussagen entgegensetzen. Sonst entstünde lediglich ein weiteres Statement innerhalb der Geltungswelt. Jede Behauptung muss deshalb auf ihre Referenz, ihre Voraussetzungen und ihre Tätigkeitskonsequenzen hin befragt werden.
Die vier Ebenen bilden dafür die methodische Grundlage. Zunächst wird geprüft, was physikalisch und materiell funktioniert. Danach wird untersucht, was Leben, Körper und Stoffwechsel trägt oder verletzt. Erst dann werden die menschlichen Bedeutungen, Preise, Eigentumsansprüche und Selbstbilder betrachtet. Schließlich wird öffentlich geprüft, ob zwischen diesen Ebenen eine tragfähige Rückkopplung besteht und welche Reparatur möglich ist.
So entsteht keine moralische Belehrung, sondern eine gemeinsame Ermittlungstätigkeit. Der Besucher muss nicht die Meinung des Künstlers übernehmen. Er muss lernen, seine eigene Tätigkeit mit ihren Voraussetzungen und Folgen in Verbindung zu bringen. Genau darin wird er zum Forschungskünstler.
Warum sich Gewohnheiten dadurch verändern können
Die Gewohnheiten des Kaufens, Verkaufens, Täuschens und Vorteilsuchens verändern sich nicht durch Verbote oder gute Vorsätze. Sie verändern sich erst, wenn der Automatismus unterbrochen, seine Belohnung sichtbar und eine andere Tätigkeit tatsächlich ausgeführt wird. Der Besucher muss deshalb im Soheitsatelier nicht nur erkennen, dass die Warenwelt Folgen ausblendet. Er muss selbst üben, diese Folgen wieder einzubeziehen.
Der rote Punkt verändert das Verkaufszeichen. Das Fußgängermalbuch verwandelt den konsumierenden Rundgang in eine Spurensicherung. Die 24-Stunden-Uhr korrigiert die menschliche Größenordnung. Die Gegenstände verlieren ihre scheinbare Abgeschlossenheit und werden als Abhängigkeitszusammenhänge sichtbar. Der eigene Organismus wird vom unbeachteten Hintergrund zum Referenzsystem. Das gemeinsame Gespräch wird vom Austausch von Statements zur öffentlichen Prüfung.
Eine Documenta kann jahrzehntelang eingeübte Verhaltensweisen nicht in wenigen Stunden beseitigen. Sie kann aber eine Gegenpraxis eröffnen und diese über die Plattform Globale Schwarm-Intelligenz fortsetzen. Die im Atelier begonnenen Fragen, Vergleiche, Spuren und Reparaturversuche können dort weiterbearbeitet, überprüft, widersprochen und miteinander verbunden werden. Damit endet die Arbeit nicht am Ausgang der Ausstellung.
Die Documenta muss sich selbst mitprüfen
Diese Rückführung bleibt unglaubwürdig, wenn nur der Besucher geprüft wird. Auch die Documenta muss ihre eigenen Materialien, Transporte, Energieverbräuche, Arbeitsbedingungen, Finanzierungen, Abfälle, Preisstrukturen und Ausschlussmechanismen sichtbar machen. Sie darf nicht die Waren- und Verwertungsordnung kritisieren und gleichzeitig ihre eigenen Tätigkeitskonsequenzen hinter der kulturellen Bedeutung des Ereignisses verschwinden lassen.
Das bedeutet keine Forderung nach Reinheit. Eine Ausstellung kann nicht folgenlos sein. Entscheidend ist, ob sie ihre Verwicklungen verbirgt oder zum Gegenstand öffentlicher Prüfung und Korrektur macht. Das Soheitsatelier wäre deshalb kein moralisch reiner Gegenraum, sondern ein Impurismus: ein Ort, an dem die tatsächlichen Verunreinigungen, Abhängigkeiten und Widersprüche nicht ausgesondert, sondern bearbeitet werden.
Die Prioritätensetzung der Documenta
Die entscheidende künstlerische Operation besteht somit im Wechsel des Maßstabes: vom Preis zur Tragfähigkeit, vom Besitz zur Abhängigkeit, vom Statement zur Prüfung, vom Betrachter zum Beteiligten und vom Kunstkonsumenten zum Ermittler seiner eigenen Existenz.
Der Besucher wird nicht aus der Natur herausgeführt, weil er ihr nie entkommen ist. Er wird aus seiner Vorstellung herausgeführt, Kaufen, Bezahlen, Eigentum und gesellschaftliche Anerkennung könnten ihn von den Folgen seiner Tätigkeit entbinden. Die 23:59-Welt zeigt ihm, dass jede menschliche Konstruktion ein Entwurf bleibt, solange sie nicht an die Funktionsbedingungen des Planeten, des Lebens und seines eigenen Organismus zurückgebunden wird.
Darin liegt die eigentliche Priorität dieser Documenta: Sie stellt nicht noch mehr Waren, Bilder und Positionen zur Auswahl. Sie schafft einen künstlerischen Prüf- und Rückkopplungsraum, in dem der Mensch seine eingeübte Rolle als Käufer, Verkäufer und Beutemacher erkennen und überschreiten kann. Aus „Was kann ich bekommen?“ wird die Frage: „Wovon lebe ich, was trage ich, wodurch werde ich getragen und welche Folgen hinterlasse ich?“ Erst mit dieser Umkehrung beginnt die Soziale Plastik, wirklich ernst genommen zu werden.
heute 13:34
24-Stunden-Uhr des Planeten Erde - 23, 59 Uhr -Ergebnis der Millisekunden-Mensch Das wäre die Überschrift. Das Problem ist nur, ich halte nichts von den Begrifflichkeiten wie evolutionäre Anpassungsdynamik, weil ich meine, das ist durch Darwin besetzt, der zwar richtig das erkannt und beschrieben hat, aber man macht auch gerne daraus ein Feindbild, das ist Darwinismus. Es geht ja hier um die tragenden Gesetzgebungen, die alles Leben hervorbringen auf dem Planeten Erde, beziehungsweise auch deren Abhängigkeiten definiert, wie funktionieren oder nicht funktionieren. was diesen Anpassungsmechanismen von Tarnung und Täuschung von Beute machen und so weiter zugrunde liegt. Vielleicht kann man ja so eine Beschreibung machen der Gesamtproblematik, in Einbeziehung des vorigen Chatverlaufs, einen kürzeren Text zusammenzustellen, der komprimiert, kontextualisiert, diese Dynamik der Selbstorganisation des Planeten Erde. .......
24-Stunden-Uhr des Planeten Erde – 23:59 Uhr – Ergebnis: der Millisekunden-Mensch
Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde stellt den Menschen in einen Maßstab, den seine eigene Geschichtsschreibung gewöhnlich ausblendet. Bevor der Mensch in den letzten Sekunden dieser Uhr erscheint, haben sich über nahezu 23 Stunden und 59 Minuten jene Bedingungen und Zusammenhänge herausgebildet, aus denen der Planet, das Leben und schließlich der Mensch hervorgehen konnten. Der Mensch ist deshalb kein Ausgangspunkt dieser Entwicklung, sondern ihr spätes Ergebnis.
Mit den tragenden Gesetzgebungen sind dabei keine von einer Instanz erlassenen Vorschriften gemeint, sondern wirksame Gesetzmäßigkeiten. Gravitation, Sonnenenergie, Temperatur, Wasser, Atmosphäre, Stoffkreisläufe, chemische Verbindungen, Zellmembranen, Stoffwechsel und Fortpflanzung bilden ein Gefüge gegenseitiger Abhängigkeiten. Leben entsteht und erhält sich nicht durch einen einzelnen Mechanismus, sondern durch das Zusammenwirken zahlreicher Funktionsteile, die innerhalb bestimmter Toleranzräume aufeinander abgestimmt bleiben müssen.
Der grundlegende Zusammenhang lautet daher nicht einfach Anpassung oder Überleben des Stärkeren. Entscheidend sind Selbstorganisation, Wechselwirkung, Rückkopplung, Begrenzung und Korrektur. Unterschiede und Asymmetrien erzeugen Bewegung, während Rückkopplungen darüber entscheiden, ob ein Prozess tragfähig bleibt, sich verändert oder an einen Kipppunkt gelangt. Funktionieren bedeutet nicht Vollkommenheit und auch nicht Stillstand. Es bedeutet, dass Abweichungen wahrgenommen, ausgeglichen oder in eine neue tragfähige Form überführt werden können. In meiner Forschungskunst steht 51:49 für diese plastische Minimalasymmetrie, durch die Bewegung und Veränderung möglich bleiben, ohne den tragenden Zusammenhang aufzulösen.
Tarnung, Täuschung, Flucht, Beutemachen und die Vermeidung, selbst zur Beute zu werden, sind nicht die Grundlage dieses Systems. Sie sind daraus hervorgegangene Strategien innerhalb einer bereits bestehenden Tragwirklichkeit. Auch der Beutegreifer ist von seiner Beute, seinem Lebensraum, dem Wasser, der Atmosphäre, den Pflanzen und den Mikroorganismen abhängig. Ebenso grundlegend sind Kooperation, Symbiose, Regeneration, Fürsorge, Begrenzung und wechselseitige Unterstützung. Keine einzelne Strategie kann sich dauerhaft über die Bedingungen erheben, von denen sie selbst getragen wird.
Damit wird eine Verkürzung vermieden, die häufig mit Darwin und dem später daraus entwickelten Darwinismus verbunden wird. Es geht nicht darum, die gesamte Natur als Kampfplatz zu beschreiben und menschliche Konkurrenz nachträglich als Naturgesetz zu rechtfertigen. Es geht um die viel tiefer liegende Dynamik einer planetarischen Selbstorganisation, innerhalb derer jede Tätigkeit an Voraussetzungen und Folgen gebunden bleibt. Kein Lebewesen kann seine Abhängigkeiten abschaffen. Es kann nur innerhalb bestimmter Toleranzräume mit ihnen funktionieren oder an ihrer Überschreitung scheitern.
Der Millisekunden-Mensch hat jedoch aus einzelnen Strategien wie Beutemachen, Tarnung und Täuschung eine gesellschaftliche Waren-, Eigentums- und Verwertungsordnung entwickelt. Kaufen, Verkaufen, Handeln, Übervorteilen und Sich-selbst-Anbieten werden täglich trainiert. Der Mensch erkennt Preisunterschiede auf den Cent genau, weiß aber kaum, welche Bedingungen seinen eigenen Organismus tragen. Er verwechselt wirtschaftlichen Erfolg mit Funktionieren und glaubt, eine Handlung sei abgeschlossen, sobald eine Ware bezahlt, ein Vertrag unterzeichnet oder ein Gewinn erzielt worden ist.
Doch der Preis beendet nur den Handel, nicht dessen Tätigkeitskonsequenzen. Rohstoffentnahme, Energieverbrauch, Arbeitsbedingungen, körperliche Belastungen, Abfall und Zerstörung bleiben in der Verletzungswelt vorhanden. Die menschliche Symbolwelt kann diese Folgen ausblenden, umbenennen oder an andere Menschen und zukünftige Generationen weitergeben. Sie kann sie aber nicht aus der Tragwirklichkeit entfernen.
Die Hybris des Millisekunden-Menschen besteht deshalb nicht allein darin, dass er Beute macht. Sie besteht darin, dass er eine abgeleitete Strategie zum obersten Ordnungsprinzip erklärt und dabei den tragenden Zusammenhang zerstört, aus dem auch er selbst hervorgegangen ist. Das Geltungs-Ich hält sich für unabhängig, während der Organismus weiterhin auf Sauerstoff, Wasser, Nahrung, Schlaf, Temperatur, Schutz und ein funktionierendes planetarisches Gefüge angewiesen bleibt. Das Instrument hält sich für den Dirigenten, obwohl es ohne das gesamte Orchester keinen einzigen Ton hervorbringen könnte.
Die Aufgabe des So-Heits-Ateliers auf der Documenta besteht daher nicht darin, den Besucher in eine darwinistisch verstandene Natur des Fressens und Gefressenwerdens zurückzuführen. Er muss zur tieferen Tragwirklichkeit der 23 Stunden und 59 Minuten zurückgeführt werden. Dort wird nicht nach Preis, Besitz oder gesellschaftlicher Geltung gefragt, sondern danach, wodurch etwas getragen wird, innerhalb welcher Grenzen es funktioniert, welche Abhängigkeiten bestehen, welche Folgen eine Tätigkeit hervorbringt und wo eine Korrektur notwendig wird.
Der Millisekunden-Mensch soll sich dadurch nicht länger als Gegenüber des Planeten betrachten, sondern als spätes, verletzbares und verantwortliches Funktionsteil seiner Selbstorganisation. Erst wenn er diese Einordnung vollzieht, kann aus dem Käufer und Verkäufer ein Ermittler seiner eigenen Existenz und aus dem Documenta-Besucher ein Forschungskünstler werden.
Vorschlag für die documenta 16: 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde - 23, 59 Uhr -den Millisekunden- 8 Milliarden eskalierenden Katastrophen Mensch -Individuum in Tätigkeitskonsequenzen innewohnend -im funktionieren oder nicht funktionieren seiner Abhängigkeiten, der tragwirklichkeit
