Entwürfe 19.7
Vorschlag für die documenta 16
Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde läuft weiter – auch ohne den Millisekunden-Menschen
Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung
Sehr geehrte Frau Beckwith,
sehr geehrte Mitglieder des künstlerischen Teams der documenta 16,
seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seines Wissens und seiner technischen Leistungsfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.
Ausgangspunkt meines Vorschlags ist die entwickelte „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“. Sie ist ein künstlerisches Kunstwerk-, Maß- und Vergleichsmodell, keine wörtliche Chronologie. Überträgt man die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte proportional auf einen einzigen Tag, tritt die Gattung Homo erst ungefähr 53 Sekunden vor Mitternacht auf. Homo sapiens erscheint sogar erst innerhalb der letzten etwa sechs Sekunden. Das Modell macht damit das extreme zeitliche Missverhältnis zwischen der langen physikalischen, geologischen und biologischen Entwicklung des Planeten und der sehr kurzen Existenzgeschichte des Menschen anschaulich und vergleichbar.
Dennoch versucht der Millisekunden-Mensch der letzten 100 Jahere, die ihm vorausliegenden Existenzbedingungen durch kurzfristige Regelwerke des Kaufens, Verkaufens, Verwertens und gesellschaftlichen Funktionierens zu ersetzen.
Der Mensch hat nicht aufgehört, der Natur zuzuhören. Er hört ihr dort genau zu, wo ihre Gesetzmäßigkeiten technisch oder wirtschaftlich nutzbar sind, und verdrängt ihre Rückmeldungen dort, wo sie die Grenzen und Folgen seiner Erfindungen bezeugen. So werden menschlich geschaffene Rollen, Begriffe und Systeme schließlich wie Naturgegebenheiten behandelt.
Meine künstlerische Antwort darauf ist Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung. Sie will den Menschen nicht überreden. Sie lässt seine Vorstellungen, Tätigkeiten und deren Folgen vor ihm zeugen. Jede menschliche Tätigkeit kann dabei zu einem Kunstwerkprozess werden, wenn sie dargestellt, vergegenständlicht, mit einem Gegenüber verglichen, geprüft, korrigiert und verantwortlich weitergeführt oder losgelassen wird.
Für die documenta 16 schlage ich deshalb das So-Heits-Atelier vor: einen begehbaren Werk-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang. Ausgewählte Schlüsselwerke meines mehr als fünfzigjährigen Lebenswerkes werden darin zu anwendbaren Versuchsanordnungen. Malbücher und Roter Punkt, Wasser- und Strömungsmodelle, handwerkliches Passungsatelier, Schultafeln, Rollentheater sowie Frage-und-Antwort-Tische führen die Besucher vom Betrachten zum eigenen Tätigwerden.
Das zugrunde liegende Vier-Ebenen-Modell unterscheidet zwischen den physikalisch-materiellen Bedingungen, den Bedingungen des Lebens und der Verletzbarkeit, der menschlichen Symbol-, Rollen- und Geltungswelt sowie einer öffentlichen Prüf-, Rückkopplungs-, Korrektur- und Reparaturebene.
Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ bildet die digitale Erweiterung. Sie verbindet Werkarchiv, Besucherbeiträge und interaktive Bücher. Künstliche Intelligenz wird dabei nicht als Wahrheitsinstanz eingesetzt, sondern als zusätzliches Vergleichs- und Kontrollinstrument.
Das Vorhaben verbindet somit zwei untrennbare Bereiche: die erstmalige zusammenhängende Verortung meines Lebenswerkes als Forschungskunst und dessen gegenwärtige Anwendung durch die Besucher der documenta 16.
Die beigefügten 17 Anlagen dokumentieren Werkgenese, Begriffsgrundlagen, Prüfmodelle, Schlüsselwerke, Besucherdramaturgie und Realisierung. Ich bitte Sie daher nicht, meine Ausgangsthese ungeprüft zu übernehmen. Ich möchte Ihnen ermöglichen, ihre künstlerische Grundlage, ihre innere Konsistenz und ihre praktische Anwendbarkeit anhand des Werkes und der vorgeschlagenen Versuchsanordnungen selbst zu prüfen.
Über die Möglichkeit, diesen Werk- und Prüfzusammenhang mit Ihnen zu erörtern, würde ich mich sehr freuen.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Fenner
Vorbemerkung: Funktion und Aufbau der Anlagen
Das kurze Anschreiben an die künstlerische Leitung kann nur die Ausgangsfrage, den Titel und den konkreten Vorschlag benennen. Die folgenden Anlagen entfalten den Werk-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang, aus dem dieser Vorschlag hervorgegangen ist. Sie bilden kein loses Begleitmaterial und keine nachträgliche theoretische Rechtfertigung einzelner Werke. Sie stellen die Entwicklung einer seit 1975 betriebenen Forschungskunst dar und zeigen, wie deren Methoden im So-Heits-Atelier der documenta 16 öffentlich angewendet und weitergeführt werden können.
Das Vorhaben verbindet zwei Projekte in einem Raumenvironment. Der erste Bereich verortet mein mehr als fünfzigjähriges Lebenswerk als eine eigenständige frühe Position der Forschungskunst. Ausgewählte Originale, Rekonstruktionen, Fotografien, Kunsttagebücher, Aktionen, gesellschaftliche Versuchsanordnungen und frühere documenta-Konzeptionen machen sichtbar, wie sich meine Arbeitsweise aus Naturbeobachtung, Handwerk, Fotografie, Bildhauerei, Strömungsforschung, gesellschaftlicher Beteiligung und digitaler Verknüpfung entwickelte. Der zweite Bereich überführt die daraus entstandenen Methoden in ein begehbares So-Heits-Atelier. Dort werden die Besucher nicht nur Rezipienten einer Werkschau. Sie können Wahrnehmungen, Rollen, Begriffe, Darstellungen, Tätigkeiten und deren Folgen selbst untersuchen, vergegenständlichen, vergleichen, prüfen und korrigieren.
Die Forschungskunst will niemanden durch eine fertige Weltanschauung überzeugen. Sie eröffnet eine öffentliche Überzeugungsprüfung. Nicht der Künstler soll über den Menschen urteilen; die dargestellten Tätigkeiten und ihre Folgen sollen vor ihm zeugen. Der wiederkehrende Prüfzusammenhang lautet: Was ist gegeben? Was wird hineingedacht? Was wird dargestellt und hergestellt? Was funktioniert innerhalb eines begrenzten Auftrags? Was trägt im umfassenderen Zusammenhang? Was verletzt oder zerstört? Was muss korrigiert oder repariert werden?
Inhaltsübersicht
Anlage 1 – Ausgangsfrage und notwendige Verortung meines Lebenswerkes
Anlage 2 – Der Mensch als Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz
Anlage 3 – Die zweite wilde Natur: vom Forschen über das Erfinden zur Selbstlegitimation
Anlage 4 – Hier und Da: Wirklichkeit, Darstellung, Glaube, Wissen und Nichtwissen
Anlage 5 – Kopplungs-Ich, Geltungs-Ich, Skulpturidentität und Statement-Gesellschaft
Anlage 6 – Die vorausliegende Welt, technē und der Mensch als plastisch werdendes Kunstwerk
Anlage 7 – Soziale Plastik, 24-Stunden-Uhr und Millisekunden-Mensch
Anlage 8 – Werkgenese meiner Forschungskunst seit 1975
Anlage 9 – Gesellschaftliche Versuchsanordnungen und chronistische Werkspur
Anlage 10 – Verortungskunst, Globales Dorffest und planetarische Öffentlichkeit
Anlage 11 – Tragwirklichkeit, Funktionieren und Vier-Ebenen-Prüfmodell
Anlage 12 – Begriffsgeschichte, Gemeinsinn, Symmetrie, 51:49, 1:99, Plastik und Skulptur
Anlage 13 – Die documenta als Verortungskunst und mögliches Opus Magnum
Anlage 14 – Die Parameter der documenta 16 und meine eigenständige Ergänzung
Anlage 15 – Die So-Heits-Gesellschaft und das konkrete So-Heits-Atelier
Anlage 16 – Globale Schwarm-Intelligenz, künstliche Intelligenz und interaktives Buch
Anlage 17 – Raumenvironment, Besucherdramaturgie, Material und Unterstützungsbedarf
