Entwürfe 23.7
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung
Sehr geehrte Frau Beckwith,
sehr geehrte Mitglieder des künstlerischen Teams der documenta 16,
für die documenta 16 schlage ich das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ vor, verbunden mit der von mir entwickelten Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“.
Das Atelier ist als öffentliches künstlerisches Forschungslabor angelegt. Ausgewählte Werke, Modelle, Bilder und Versuchsanordnungen meines mehr als fünfzigjährigen Lebenswerkes sollen darin nicht nur ausgestellt, sondern als Arbeits- und Prüfmittel aktiviert werden. Das Werk wird zum Prüfapparat, das Material zum antwortenden Gegenüber und der Besucher zum Mitprüfenden seiner eigenen Wahrnehmungen, Überzeugungen und Tätigkeiten.
Seit 1975 liegt meiner Forschungskunst die Frage zugrunde, warum der Mensch trotz seines Wissens, seiner Gestaltungskraft und seiner Fähigkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.
Die besondere Grundlage meiner Arbeit ist ein handwerklicher Prüfmaßstab, den ich aus meiner Ausbildung zum Maschinenschlosser und aus meiner bildhauerischen Praxis entwickelt habe: Funktioniert etwas oder funktioniert es nicht?
Eine Form oder Konstruktion bewährt sich nicht allein durch eine überzeugende Erklärung. Sie muss sich am Material, am Widerstand, an ihren Wirkungen und Abhängigkeiten erweisen. Sie muss tragen, Rückmeldungen aufnehmen und Korrekturen zulassen können. Diesen Maßstab übertrage ich auf die Kunst und auf die vom Menschen geschaffene gesellschaftliche Wirklichkeit.
Der Mensch ist Künstler seiner Begriffe, Bilder, Institutionen, Technologien und gesellschaftlichen Ordnungen. Zugleich ist er selbst ein lebendiges, verletzliches und fortwährend plastisch werdendes Kunstwerk. Die von ihm geschaffene Menschenwelt muss deshalb daran geprüft werden, ob ihre Formen Leben ermöglichen oder ihre eigenen körperlichen und planetarischen Voraussetzungen zerstören.
Ein zentrales Modell des Ateliers ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“. Werden die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte auf einen Tag übertragen, erscheint Homo sapiens erst ungefähr 5,7 Sekunden vor Mitternacht. Ein achtzigjähriges Menschenleben entspricht etwa 1,5 Millisekunden.
Dennoch verhält sich dieser Millisekunden-Mensch häufig so, als könne er die ihm vorausliegenden Existenzbedingungen durch seine selbst geschaffenen Systeme ersetzen. Atmosphäre, Gewässer, Stoffkreisläufe, Gravitation und kosmische Bedingungen sind jedoch keine menschlichen Kunstwerke. Sie bilden die Tragwirklichkeit, innerhalb derer der Mensch überhaupt leben, handeln und Kunst hervorbringen kann.
Im So-Heits-Atelier soll dieser Zusammenhang praktisch untersucht werden. Besucher könnten anhand der 24-Stunden-Uhr, der Passungs-, Toleranz- und Strömungsmodelle sowie weiterer Schlüsselwerke eigene Fragestellungen entwickeln. Über eine Rote-Punkt-Aktion könnten sie ihre Interessen sichtbar machen, andere Gesprächspartner finden und ihre Beobachtungen, Entscheidungen und möglichen Korrekturen dokumentieren.
Das Atelier verbindet Ausstellung, Werkstatt, Archiv und Gesprächsraum. Es ist keine nachträglich für die documenta entwickelte Beteiligungsform, sondern geht aus meiner seit 1975 entstandenen „Experimentellen Umweltgestaltung“ hervor. Zu dieser Werkentwicklung gehören unter anderem die Erwachsenen-Malbücher, die „Krickel-Krakel-Philosophie“, Wasser- und Strömungsversuche, Passungs- und Toleranzmodelle, bildhauerische und fotografische Arbeiten, Performances, Demokratiewerkstätten, die „Kollektive Kreativität“ und das „Globale Dorffest“.
Diese Arbeiten bilden keine voneinander getrennten Projekte. Sie sind Bestandteile einer fortlaufenden Untersuchung darüber, wie der Mensch wahrnimmt, gestaltet, sich täuscht, lernt und Verantwortung für die Folgen seiner Tätigkeiten übernehmen kann.
Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ erweitert das Atelier in den digitalen Raum. Besucher sollen dort Werke, Texte, Modelle und Fragestellungen miteinander verbinden und daraus eigene dokumentierte Erkenntniswege oder interaktive Bücher entwickeln können. Eine vor Ort begonnene Untersuchung könnte dadurch über den Ausstellungsbesuch hinaus fortgeführt und mit den Erfahrungen anderer verbunden werden.
Das notwendige künstlerische und dokumentarische Material ist vorhanden. Die beigefügten Anlagen erläutern die Werkgenese, die Methodik, die Schlüsselwerke, die Besucherdramaturgie, die Plattform und die mögliche Realisierung.
Ich bitte Sie nicht darum, meine Ausgangsthesen ungeprüft zu übernehmen. Das So-Heits-Atelier ist vielmehr eine Einladung, ihre künstlerische Grundlage, ihre Widersprüche und ihre praktische Anwendbarkeit anhand der Werke und Versuchsanordnungen öffentlich zu untersuchen.
Ich bitte Sie, das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ als Beitrag zur documenta 16 zu prüfen.
Über die Möglichkeit, Ihnen den Werk- und Realisierungszusammenhang persönlich vorzustellen, würde ich mich sehr freuen.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Fenner
