Entwürfe 23.7c

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes

Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung

Sehr geehrte Frau Beckwith,

sehr geehrte Mitglieder des künstlerischen Teams der documenta 16,

ich sehe mich veranlasst, mich Ihnen zunächst persönlich vorzustellen, weil Sie meine Arbeit im etablierten Kunstbetrieb und in den üblichen kunsthistorischen Zusammenhängen kaum finden werden. Seit mehr als fünfzig Jahren entwickle ich ein interdisziplinäres Lebenswerk zwischen Kunst, Handwerk, Naturbeobachtung, gesellschaftlicher Forschung, Theater und praktischer Gestaltung.

Die Zielsetzung der documenta 16, künstlerische Praktiken als Werkzeuge einer gemeinsamen Untersuchung möglicher Zukünfte öffentlich erfahrbar zu machen, berührt unmittelbar den Kern meiner seit 1975 entwickelten Forschungskunst, aus der eine umfassende Prüfarchitektur hervorgegangen ist. Der Unterschied zu anderen Formen der Forschungskunst liegt darin, dass ich einen handwerklichen Maßstab einbeziehe: die Prüfung, ob etwas funktioniert oder nicht funktioniert. Auf diesem Maßstab baut meine Kunst auf.

Seit 1975 untersuche ich, warum der Mensch trotz seines Wissens, seiner Gestaltungskraft und seiner Fähigkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.

Der zentrale Ausgangspunkt meines Kunstverständnisses ist die Doppelstellung des Menschen: Er ist selbst ein lebendiges, verletzliches und fortwährend plastisch werdendes Kunstwerk. Zugleich ist er Künstler, weil er Gegenstände, Bilder, Begriffe, Rollen, Institutionen, Technologien und gesellschaftliche Ordnungen hervorbringt. Die Menschenwelt kann deshalb als ein gemeinsames, unabgeschlossenes Kunstwerk verstanden werden.


Dieses Menschenkunstwerk ist jedoch nicht automatisch gelungen. Es muss daran geprüft werden, ob seine Formen tragen, Leben ermöglichen und Korrekturen zulassen oder ob sie ihre eigenen Voraussetzungen verletzen und zerstören. Der Mensch gestaltet seine Welt und wird durch seine Gestaltungen selbst wieder geformt. Daraus entsteht eine Verantwortung, die nicht bei der Absicht, dem Auftrag oder der persönlichen Zuständigkeit endet. Hier ist es notwendig, alle künstlerischen Disziplinen, einschließlich der bildnerischen und darstellerischen, zu erlernen.

Ein zentraler Maßstab ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ in Verbindung mit der habitablen Zone als Referenzsystem. Werden die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte auf einen Tag übertragen, erscheint Homo sapiens etwa 5,7 Sekunden vor Mitternacht. Ein achtzigjähriges Menschenleben umfasst auf dieser Zeitskala nur ungefähr 1,5 Millisekunden. Dennoch verhält sich dieser Millisekunden-Mensch häufig so, als könne er die ihm vorausliegenden planetarischen Existenzbedingungen durch seine selbst geschaffene Menschenwelt ersetzen – ein Selbstverständnis, das heute von acht Milliarden Menschen durch ihre Tätigkeiten und die daraus hervorgehenden Konsequenzen innerhalb weltweiter Abhängigkeiten getragen und vervielfacht wird.


Dabei ist eine entscheidende Grenze notwendig: Erde, Leben, Atmosphäre, Gewässer, Stoffkreisläufe und kosmische Bedingungen sind keine menschlichen Kunstwerke. Sie bilden die vorausliegende Tragwirklichkeit, innerhalb derer der Mensch überhaupt leben, handeln und Kunst hervorbringen kann. Er kann diese Welt verändern, ihre Voraussetzungen jedoch nicht durch Preise, Eigentumsordnungen, Rollen, technische Systeme oder gesellschaftliche Geltungsansprüche ersetzen.

Dieser Gedanke führt meine Begegnung mit Joseph Beuys im Jahr 1980 weiter. Als Beuys zu mir sagte, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst, berührte er damit den Kern meiner weiteren Arbeit. Wenn jeder Mensch ein Künstler und an der Formung gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligt ist, müssen auch die tatsächlichen Tätigkeiten und Folgen dieser Sozialen Plastik untersucht werden.

Für die documenta 16 schlage ich das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ in Verbindung mit der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ vor. Das Vorhaben verbindet die erstmalige zusammenhängende Verortung meines Lebenswerkes mit seiner gegenwärtigen öffentlichen Anwendung und Weiterentwicklung. Ausgewählte Schlüsselwerke werden darin nicht nur ausgestellt, sondern als anwendbare Versuchsanordnungen aktiviert. Das Werk wird zum Prüfapparat, das Material zum Gegenüber und der Besucher zum Mitprüfenden.

Das So-Heits-Atelier ist kein nachträglich für die documenta entwickeltes Beteiligungsformat. Es ist aus der von mir bereits während meines Kunststudiums begründeten „Experimentellen Umweltgestaltung“ hervorgegangen, die zum Ausgangspunkt und repräsentativen Modell meiner gesamten künstlerischen Entwicklung wurde. Aus ihr entstanden meine künstlerischen Objekte und Arbeitsformen: die Erwachsenen-Malbücher, Wasser- und Strömungsversuche, handwerkliche Passungs- und Toleranzmodelle, gesellschaftliche Arbeitstische, das Rollentheater, das Globale Dorffest sowie meine acht documenta-Bewerbungen zwischen 1977 und 2017.( Siehe Biografie)

Die beigefügte Einführung erläutert die Unterscheidung zwischen Skulptur-Identität und plastischer Identität sowie die Entwicklung des So-Heits-Ateliers aus der Vorstellung einer zukünftigen Kunstgesellschaft. Die Anlagen dokumentieren den vollständigen Werk-, Begründungs- und Realisierungszusammenhang.

Diesen Text habe ich mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erarbeitet, einschließlich deren Eigenmächtigkeiten. Für mich ist es noch immer ein Wunder, dass ich auf diese Weise schriftliche Anforderungen bewältigen kann, zu denen ich aufgrund meiner Händikaps- allein kaum in der Lage wäre. Dennoch muss ich immer wieder selbst in den Text eingreifen. Ich hoffe deshalb, dass die Struktur trotz dieser notwendigen Überarbeitungen lesbar und nachvollziehbar geblieben ist.

Ich bitte Sie, das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ als Beitrag zur documenta 16 zu prüfen. Die documenta könnte meine künstlerischen Werkzeuge öffentlich anwendbar machen und den Besucher nicht nur als Betrachter, sondern als Mitwirkenden in einen Erkenntnisprozess einbeziehen. (Siehe Vier-Ebenen-Modell und Glossar.)

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Fenner

Einführung zum So-Heits-Atelier des globalen Dorfes

Der Mensch als plastisch werdendes Kunstwerk und Künstler der Menschenwelt

Die documenta könnte meine künstlerischen Werkzeuge öffentlich anwendbar machen und den Besucher nicht nur als Betrachter, sondern als Mitwirkenden in einen Erkenntnisprozess einbeziehen. Er könnte erfahren, dass er selbst kein abgeschlossenes und unveränderliches Individuum ist, sondern ein plastisch werdendes Kunstwerk innerhalb eines Referenzsystems.

Sein Ich-Bewusstsein entsteht nicht unabhängig von seinen Lebensbedingungen, sondern in fortwährender Wechselwirkung mit seinem Organismus, seinen Mitmenschen und den physikalischen Bedingungen, von denen seine Existenz abhängt.

Um diesen Unterschied verständlich zu machen, muss zwischen Skulptur und Plastik unterschieden werden. Diese begriffliche Differenzierung ist besonders im Deutschen möglich.

Die Skulptur entsteht durch Wegnehmen. Aus einem vorhandenen Material wird eine Form herausgehauen, die sich gegenüber ihrer Umgebung abgrenzt und als fertige Einheit erscheint. In diesem Sinne entspricht die Skulptur-Identität dem heute vorherrschenden Selbstverständnis des Individuums: dem Als-ob, eine in sich abgeschlossene, selbstbestimmte und von ihren Abhängigkeiten unabhängige Identität zu sein, und seine Welt nach eigenen Vorstellungen gestaltet.

Die Plastik dagegen entsteht durch Aufbauen, Anfügen, Modellieren und fortwährende Veränderung. Sie entwickelt ihre Gestalt in der Auseinandersetzung mit Material, Kräften, Widerständen, Abhängigkeiten und Rückmeldungen.

Als plastisch werdendes Kunstwerk ist der Mensch daher nicht als abgeschlossene Identität zu verstehen, sondern als ein lebendiger, verletzlicher und veränderbarer Teil eines umfassenden Systems sich überschneidender Referenzbeziehungen.

Plastische Identität bedeutet dabei keine beliebige oder grenzenlose Selbstformung. Auch die Plastik besitzt materielle Voraussetzungen, Widerstände und Grenzen. Der Mensch kann sich nicht unabhängig von seinem Körper, seinem Stoffwechsel, seiner Mitwelt und den physikalischen Bedingungen seines Lebens selbst erfinden.

In diesem Verständnis ist jeder Mensch ein Künstler der Menschenwelt. Durch seine Tätigkeiten, Entscheidungen, Begriffe, Rollen, Erfindungen und Unterlassungen gestaltet er fortwährend gesellschaftliche Wirklichkeit.

Damit ist er zugleich Mitverantwortlicher für die Folgen dieser Gestaltung. Die Aussage, jeder Mensch sei ein Künstler, kann deshalb nicht allein als Ausdruck persönlicher Freiheit oder individueller Selbstverwirklichung verstanden werden. Sie enthält ebenso die Verpflichtung, die eigenen Tätigkeitskonsequenzen und ihre Auswirkungen auf die gemeinsamen Existenzbedingungen zu prüfen.

Der Mensch ist somit nicht nur Künstler seines individuellen Lebensentwurfs. Er ist selbst ein plastisch werdendes Kunstwerk und zugleich Mitgestalter einer Menschenwelt, deren Folgen weit über seine Absichten und seine eigene Lebenszeit hinausreichen.

Erst durch die Unterscheidung zwischen Skulptur-Identität und plastischer Identität wird sichtbar, dass Freiheit, Gestaltung und Verantwortung nicht voneinander getrennt werden können.

Vom erweiterten Kunstbegriff zur zukünftigen So-Heits-Kunstgesellschaft

Das So-Heits-Atelier geht auf die Vorstellung einer zukünftigen So-Heits-Kunstgesellschaft zurück.

Diese Kunstgesellschaft bedeutet nicht, dass alle Menschen professionelle Künstler oder Hersteller von Kunstgegenständen werden. Sie bezeichnet eine Gesellschaft, in der die Arbeitsweise der Kunst zu einer allgemeinen öffentlichen Fähigkeit des Erkennens, Lernens, Prüfens, Korrigierens und Reparierens wird. Dadurch können überkommene Gewohnheiten erkannt, überprüft und schrittweise durch neue Gewohnheiten und die mit ihnen verbundenen Bedürfnisse ersetzt werden. Einen Stuhl herzustellen oder ein Bild in den Sand zu zeichnen, kann unmittelbare Erfolgserlebnisse ermöglichen und zugleich zeigen, dass künstlerisches Handwerkszeug mit einem äußerst geringen Ressourcenverbrauch auskommen kann.

Ihre historische Bezugsachse liegt im altgriechischen Begriff der technē. Technē bezeichnete ein sachkundiges, erlerntes und eingeübtes Hervorbringen. Handwerkliches Können, künstlerische Formung und praktische Erkenntnis waren dabei noch nicht in der heutigen institutionellen Weise voneinander getrennt. Entscheidend ist vielmehr die verloren gegangene Verbindung von Können, Wissen, Übung, Maß, Urteil und öffentlicher Verantwortung von Gemeinsinn.

Technē bedeutete nicht bloß Technik im heutigen Sinn. Ein Werk musste sich an Material, Zweck, Widerstand und Wirkung bewähren. Können entstand nicht durch Behauptung, Status oder bloßes Wissen, sondern durch praktische Erfahrung, Wiederholung, Fehler und Korrektur.

In Verbindung mit begründetem Wissen, praktischer Urteilskraft, Maß und Gemeinsinn bildet technē deshalb ein historisches Funktionsmodell für meine Forschungskunst.

Gemeinsinn bedeutet dabei weder Mehrheitsmeinung noch die Unterordnung des Einzelnen unter ein Kollektiv. Er bezeichnet die gemeinsam zu entwickelnde Fähigkeit, unterschiedliche Tätigkeiten, Interessen, Kenntnisse und Folgen auf die Tragfähigkeit der gemeinsamen Existenzbedingungen zu beziehen.

Die So-Heits-Gesellschaft ist keine fertige Utopie und kein vollkommener zukünftiger Zustand. „So-Heit“ bedeutet nicht, das Bestehende passiv hinzunehmen. Der Begriff bezeichnet die genaue Wahrnehmung dessen, was tatsächlich wirkt, trägt, begrenzt, verletzt und verändert werden kann.

Eine So-Heits-Gesellschaft müsste ihre eigenen Hervorbringungen fortwährend an deren materiellen, organismischen, gesellschaftlichen und planetarischen Voraussetzungen zurückprüfen.

Kunst, Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, Recht, Politik, Medien und künstliche Intelligenz würden dabei nicht aufgehoben oder miteinander gleichgesetzt. Sie würden als unterschiedliche menschliche Werkzeuge innerhalb einer gemeinsamen Tragwirklichkeit verstanden und auf ihre Tätigkeitskonsequenzen hin öffentlich überprüfbar gehalten.

Die So-Heits-Gesellschaft wäre damit eine zukünftige Kunst-, Prüf-, Übungs- und Reparaturgesellschaft. Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes bildet ihre konkrete räumliche und öffentliche Versuchsanordnung.

Das So-Heits-Atelier als öffentlicher Erkenntnis- und Prüfraum

Das So-Heits-Atelier ist kein nachträglich für die documenta entwickeltes Beteiligungsformat.

Es ist aus dem von mir während meines Kunststudiums begründeten Bereich der „Experimentellen Umweltgestaltung“, die zum Ausgangspunkt und repräsentativen Modell meiner gesamten künstlerischen Entwicklung wurden.

Dieser Studienbereich war als generalistisches, interdisziplinäres und integratives Kunststudium angelegt. Aus ihm entwickelte sich im Laufe der Zeit eine vielfältige Prüfarchitektur, die auf sämtliche Wissensbereiche anwendbar ist. Handwerkliche Passungs- und Toleranzmodelle machen Widerstand, Grenze, Abweichung und Korrektur erfahrbar., Kunsthallen auf Zeit, Rollentheater, Frage-und-Antwort-Arbeiten, dem Globalen Dorffest und meinen acht documenta-Bewerbungen zwischen 1977 und 2017 hervorgegangen.

Der Begriff der Umwelt hatte dabei nichts mit dem heute verbreiteten Verständnis zu tun, nach dem Umwelt als eine den Menschen, seinen Körper oder seinen Organismus umgebende Außenwelt erscheint. Umwelt bezeichnete vielmehr ein Milieu, dem der Mensch nicht gegenübersteht, sondern dem er innewohnt. Er ist Teil dieses Milieus, von ihm abhängig und als Mitwesen in die Zusammenhänge der Natur eingebunden.

Ausgewählte Schlüsselwerke werden darin nicht nur ausgestellt, sondern als anwendbare Versuchsanordnungen aktiviert.

Wasser- und Strömungsversuchen, handwerklichen Passungs- und Toleranzmodellen, gesellschaftlichen Arbeitstischen, Wellenbecken mie Wellenmaschiene, Strömungsmodelle, Deichprofile und der Biberdamm untersuchen physikalisches Funktionieren und Nichtfunktionieren.

Malbücher, der Rote Punkt und öffentliche Arbeitstische machen den Rezipienten zum Tätigen. Schultafeln, Rollentheater und Begriffsarbeiten prüfen gesellschaftliche Rollen, Zuschreibungen und hineingedachte Eigenschaften.

Das Werk wird zum Prüfapparat, das Material zum Gegenüber und der Besucher zum Mitprüfenden.

Meine künstlerische Antwort auf die Selbstüberschätzung des Millisekunden-Menschen ist Forschungskunst als öffentliche Überzeugungs-, Werk- und Konsequenzprüfung.

Sie will keine neue Glaubenslehre hervorbringen und niemanden überreden. Sie stellt menschliche Vorstellungen, Begriffe und Tätigkeiten ihren materiellen, organismischen, gesellschaftlichen und planetarischen Voraussetzungen sowie ihren Folgen gegenüber.

Die Besucher treten deshalb nicht nur als Betrachter auf. Sie werden zu Forschungskünstlern ihrer eigenen Tätigkeiten und deren Abhängigkeitskonsequenzen.

Sie können Wahrnehmungen, Rollen, Materialien und Behauptungen vergegenständlichen, einem Gegenüber aussetzen, vergleichen, korrigieren und mit den Erfahrungen anderer Menschen verbinden.

Sie sollen nicht eine fertige Theorie übernehmen. Sie sollen praktisch erfahren, wie eine Vorstellung geprüft wird, wodurch sie korrigiert werden kann und welche Folgen aus ihr entstehen.

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ bildet die digitale Arbeits- und Gegenwartsform dieses Werkzusammenhangs auf der documenta 16.

Sie verbindet Werkarchiv, interaktives Buch, digitales Atelier, verlinktes Begriffssystem und öffentlichen Prüfraum.

Schwarmintelligenz entsteht dabei nicht dadurch, dass eine Mehrheit automatisch recht hat. Sie entsteht durch die Verbindung unterschiedlicher Erfahrungen, Wissensformen, Gegenbeispiele, Orte und Betroffenheiten innerhalb eines nachvollziehbaren Prüfverfahrens.

Künstliche Intelligenz wird darin nicht als Wahrheitsinstanz eingesetzt. Sie dient als zusätzliches Schreib-, Vergleichs-, Differenzierungs- und Kontrollinstrument. Auch ihre Antworten, Gewichtungen, Auslassungen und Eigenmächtigkeiten müssen überprüft und korrigiert werden.

Das So-Heits-Atelier führt damit den grundlegenden Zusammenhang meines Lebenswerkes praktisch zusammen:

Der Mensch ist ein plastisch werdendes Kunstwerk innerhalb vorausliegender Referenzsysteme. Er ist zugleich Künstler der Menschenwelt. Die Soziale Plastik macht seine gesellschaftliche Mitwirkung sichtbar. Technē verbindet Können, Wissen, Maß und Gemeinsinn. Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet die zukünftige öffentliche Form dieser Kunstfähigkeit. Das So-Heits-Atelier macht sie als gegenwärtigen Werk-, Erkenntnis-, Übungs-, Prüf- und Reparaturprozess erfahrbar....

Jede menschliche Tätigkeit kann dabei zu einem Kunstwerkprozess werden, wenn sie dargestellt, vergegenständlicht, mit einem Gegenüber verglichen, auf ihre Voraussetzungen und Folgen geprüft, korrigiert und verantwortlich weitergeführt oder zum richtigen Zeitpunkt losgelassen wird. Nicht die Behauptung, die Absicht oder das öffentliche Statement entscheidet über die Tragfähigkeit einer Gestaltung, sondern ihre überprüfbaren Wirkungen innerhalb der Abhängigkeitswelt.

Ausgewählte Schlüsselwerke meines mehr als fünfzigjährigen Lebenswerkes werden im So-Heits-Atelier zu anwendbaren Versuchsanordnungen. Aktionen mit Wellenbecken, Entwicklung von Deichprofilen, Abendmalopfertisch, Biberdamm, asymmetrische Auto, Visualisierung von Non-finito-Vorgaben, Hirnströme-Messung; Malbücher und die Rote-Punkt-Aktion, Wasser- und Strömungsmodelle, das handwerkliche Passungsatelier, Schultafeln, Rollentheater sowie Frage-und-Antwort-Tische ( als Smartphones) führen die Besucher vom Betrachten zum eigenen Tätigwerden. Wahrnehmung, Darstellung, Material, Widerstand, Entscheidung und Konsequenz werden dabei nicht nur thematisiert, sondern praktisch erfahrbar und öffentlich überprüfbar gemacht.

Dem Atelier liegt ein Vier-Ebenen-Modell zugrunde. Es unterscheidet zwischen den physikalisch-materiellen Bedingungen des Funktionierens, den Bedingungen des Lebens, des Stoffwechsels und der Verletzbarkeit, der menschlichen Symbol-, Rollen- und Geltungswelt sowie einer öffentlichen Prüf-, Rückkopplungs-, Korrektur- und Reparaturebene. Dadurch können menschliche Vorstellungen und Tätigkeiten daraufhin untersucht werden, ob sie mit den materiellen und lebendigen Existenzbedingungen vereinbar sind oder sich gegen diese immunisieren.

Die „Globale-Schwarm-Intelligenzplattform“ bildet die digitale und interaktive Erweiterung dieses Arbeitszusammenhangs. Sie verbindet mein Werkarchiv, die Beiträge der Besucher, interaktive Bücher und unterschiedliche Frage- und Prüfverfahren. Künstliche Intelligenz wird dabei nicht als Wahrheitsinstanz eingesetzt, sondern als zusätzliches Vergleichs-, Differenzierungs- und Kontrollinstrument. Ihre Antworten müssen ebenso wie menschliche Aussagen auf Voraussetzungen, Widersprüche, Folgen und Korrigierbarkeit geprüft werden.

Die Entwicklung des „So-Heits-Ateliers des globalen Dorfes“ und seiner unterschiedlichen Arbeitsphasen kann auf meiner Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ nachvollzogen werden. Über ein weit verzweigtes System von Verlinkungen ist dort auch der gesamte Werk-, Forschungs- und Begriffszusammenhang zugänglich, aus dem sich das Atelier entwickelt hat. Die Plattform macht damit nicht nur die Entstehung des Vorhabens sichtbar, sondern zeigt zugleich beispielhaft, wie ich auf der documenta 16 mit den Besuchern arbeiten werde. Die einzelnen Arbeits-, Erkenntnis- und Prüfphasen werden im Atelier gemeinsam durchlaufen und von Mitarbeitern begleitet, die ich zuvor in die zugrunde liegende Methodik, die Versuchsanordnungen und den Umgang mit den Besuchern einweisen und einarbeiten werde.

Das Vorhaben verbindet damit zwei untrennbare Aufgaben: die erstmalige zusammenhängende Verortung meines Lebenswerkes als Forschungskunst und dessen gegenwärtige öffentliche Anwendung und Weiterentwicklung durch die Besucher der documenta 16. Das Lebenswerk wird nicht nur rückblickend präsentiert, sondern als offener künstlerischer Forschungs- und Prüfprozess fortgeführt.

Die beigefügten Anlagen dokumentieren die Werkgenese, die begrifflichen und methodischen Grundlagen, die Prüfmodelle, die ausgewählten Schlüsselwerke, die Besucherdramaturgie sowie die räumliche, materielle und digitale Realisierung des Vorhabens.

Ich bitte Sie, das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ in Verbindung mit der „Globale-Schwarm-Intelligenzplattform“ als Beitrag zur documenta 16 zu prüfen. Für eine weiterführende Vorstellung der räumlichen Konzeption, der Versuchsanordnungen und der konkreten Realisierung stehe ich Ihnen zur Verfügung.


Hier ist es notwendig, alle künstlerischen Disziplinen, einschließlich bildnerischer oder darstellerischer, zu erlernen. Und deren künstlerisches Handwerkszeug. Hierbei geht es ja darum, dass im bildnerischen Prozess eine Wahrnehmung von Tätigkeit und Abhängigkeitskonsequenzen durch die Materialeigenschaften entsteht. Auch kann bei einem Kunstwerk das richtige Loslassen trainiert werden. In der darstellerischen Kunst, im schauspielerischen Handwerkszeug, dem Als-ob-So-Tun, haben wir dann den Unterschied zwischen Darstellung und Rollenfigur in einer Bühnenrequisitenwelt, was so gewissermaßen in einer Unverletzlichkeitswelt stattfindet, während der Darsteller dann in der Verletzungswelt liegt.

Überarbeitete Fassung:

Hierfür ist es notwendig, die unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen – sowohl die bildnerischen als auch die darstellerischen – und ihre jeweiligen handwerklichen Werkzeuge kennenzulernen und praktisch anzuwenden.

Im bildnerischen Prozess kann eine Wahrnehmung für den Zusammenhang von Tätigkeit, Materialeigenschaften und Abhängigkeitskonsequenzen entstehen. Das Material setzt Widerstände, eröffnet Möglichkeiten und gibt unmittelbare Rückmeldungen darüber, ob eine Gestaltung funktioniert oder nicht. Zugleich lässt sich am Entstehen eines Kunstwerks das richtige Loslassen erlernen: der Zeitpunkt, an dem ein Eingriff beendet werden muss, damit das Werk nicht durch weitere Bearbeitung zerstört wird.

In den darstellerischen Künsten eröffnet das schauspielerische Handwerkszeug eine andere Form der Überprüfung. Das „Als-ob“ des Spielens macht den Unterschied zwischen dem Darsteller und der von ihm dargestellten Rollenfigur erfahrbar. Die Rollenfigur bewegt sich innerhalb einer inszenierten Bühnen- und Requisitenwelt, die gewissermaßen eine Unverletzlichkeitswelt darstellt. Der Darsteller selbst bleibt dagegen ein körperlicher, verletzlicher Mensch innerhalb der tatsächlichen Verletzungswelt.

Gerade diese Unterscheidung ermöglicht es, das gesellschaftliche Als-ob zu erkennen: Der Mensch übernimmt Rollen, Begriffe und Identitäten, ohne sie noch von seinen körperlichen, materiellen und planetarischen Existenzbedingungen zu unterscheiden. Die künstlerischen Disziplinen können deshalb zu Werkzeugen werden, mit denen Tätigkeit, Wirkung, Rolle, Material, Abhängigkeit und Verantwortung öffentlich wahrgenommen, geprüft und korrigiert werden.