Entwürfe 24.7

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes

Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung

Sehr geehrte Frau Beckwith,

sehr geehrte Mitglieder des künstlerischen Teams der documenta 16,

ich möchte Ihnen mit diesem Schreiben mein künstlerisches Lebenswerk vorstellen, das sich seit mehr als fünfzig Jahren außerhalb der üblichen Einteilungen des Kunstbetriebs entwickelt hat. Ich wende mich an Sie, weil meine Arbeit trotz ihrer jahrzehntelangen Kontinuität bislang kaum in den institutionellen und kunsthistorischen Zusammenhängen sichtbar geworden ist, in denen sie hätte wahrgenommen und eingeordnet werden können.

Für die documenta 16 schlage ich das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ vor, verbunden mit der von mir entwickelten Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“.

Meine Arbeit verbindet bildnerische und darstellerische Kunst, handwerkliche Erfahrung, Naturbeobachtung, gesellschaftliche Forschung, Pädagogik und praktische Gestaltung. Seit 1975 liegt ihr die Frage zugrunde, warum der Mensch trotz seines Wissens, seiner Gestaltungskraft und seiner Fähigkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.

Das So-Heits-Atelier ist als öffentliches künstlerisches Forschungslabor angelegt. Ausgewählte Werke, Bilder, Modelle, Texte und Versuchsanordnungen meines Lebenswerkes sollen darin nicht nur ausgestellt, sondern als Arbeits- und Prüfmittel aktiviert werden. Das Werk wird zum Prüfapparat, das Material zum antwortenden Gegenüber und der Besucher zum Forschungskünstler: zum Mitprüfenden seiner eigenen Wahrnehmungen, Überzeugungen und Tätigkeiten.

Die besondere Grundlage meiner Forschungskunst ist ein handwerklicher Prüfmaßstab, den ich aus meiner Ausbildung zum Maschinenschlosser und aus meiner bildhauerischen Praxis entwickelt habe: Funktioniert etwas oder funktioniert es nicht? Eine Form oder Konstruktion bewährt sich nicht allein durch eine überzeugende Erklärung. Sie muss sich am Material, am Widerstand, an ihren Wirkungen und Abhängigkeiten erweisen. Sie muss tragen, Rückmeldungen aufnehmen und Korrekturen zulassen können.

Diesen Maßstab übertrage ich auf die Kunst und auf die vom Menschen geschaffene gesellschaftliche Wirklichkeit. Der Mensch ist Künstler seiner Begriffe, Bilder, Institutionen, Technologien und gesellschaftlichen Ordnungen. Zugleich ist er selbst ein lebendiges, verletzliches und fortwährend plastisch werdendes Kunstwerk. Die Menschenwelt muss deshalb daran geprüft werden, ob ihre Formen Leben ermöglichen oder ihre eigenen körperlichen und planetarischen Voraussetzungen zerstören.

Ein zentraler Prüfmaßstab des Ateliers ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“. Werden die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte auf einen Tag übertragen, erscheint Homo sapiens erst ungefähr 5,7 Sekunden vor Mitternacht. Ein achtzigjähriges Menschenleben entspricht etwa 1,5 Millisekunden.

Dennoch verhält sich dieser Millisekunden-Mensch häufig so, als könne er die ihm vorausliegenden Existenzbedingungen durch seine selbst geschaffenen Systeme ersetzen. Atmosphäre, Gewässer, Stoffkreisläufe, Gravitation und kosmische Bedingungen sind jedoch keine menschlichen Kunstwerke. Sie bilden die Tragwirklichkeit, innerhalb derer der Mensch überhaupt leben, handeln und Kunst hervorbringen kann.

Im So-Heits-Atelier soll dieser Zusammenhang gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern praktisch untersucht werden. Das Atelier verbindet Ausstellung, Werkstatt, Archiv und Gesprächsraum. Es geht aus meiner seit 1975 entwickelten „Experimentellen Umweltgestaltung“ hervor und führt unterschiedliche Werkbereiche zu einer gemeinsamen Untersuchung darüber zusammen, wie der Mensch wahrnimmt, gestaltet, sich täuscht, lernt und Verantwortung für die Folgen seiner Tätigkeiten übernehmen kann.

Aus meinen Vorgabebildern, Collagen, Zeichnungen, Fotografien, Folien, Texten und Modellen können die Besucher vor Ort eigene Mitmachbücher entwickeln. Sie wählen Materialien aus, verbinden und deuten sie neu und ergänzen sie durch eigene Fragen, Erfahrungen und Erkenntnisse.

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ erweitert diese Arbeit in den digitalen Raum. Dort können die im Atelier begonnenen Untersuchungen als interaktive Bücher fortgeführt, dokumentiert und mit den Erkenntniswegen anderer Teilnehmer verbunden werden.

Ich bitte Sie nicht darum, meine Ausgangsthesen ungeprüft zu übernehmen. Das So-Heits-Atelier ist vielmehr eine Einladung, ihre künstlerische Grundlage, ihre Widersprüche und ihre praktische Anwendbarkeit anhand der Werke und Versuchsanordnungen öffentlich zu untersuchen.

Das notwendige künstlerische und dokumentarische Material ist vorhanden. Die beigefügten Anlagen erläutern die Werkgenese, die Methodik, die Schlüsselwerke, die Besucherdramaturgie, die digitale Plattform und die Möglichkeiten der Realisierung.

Ich bitte Sie, das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ als Beitrag zur documenta 16 zu prüfen. Über die Möglichkeit, Ihnen den Werk- und Realisierungszusammenhang persönlich vorzustellen, würde ich mich sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Fenner


Ergänzende Angaben zur Werkentwicklung, Realisierung und persönlichen Arbeitssituation


Meine persönliche Situation enthält dabei eine besondere Paradoxie: ich die umfangreiche Arbeit weitgehend allein bewältige. Mit 77 Jahren entwickle ich eine Plattform mit dem Namen „Globale Schwarm-Intelligenz“.


So werde ich auch Schülerinnen und Schüler sowie andere interessierte Menschen aus Kassel und der Umgebung anlernen, damit sie mich bei der Durchführung des So-Heits-Ateliers unterstützen können.


Bei der sprachlichen Ausarbeitung meiner Texte nutze ich künstliche Intelligenz als Schreib-, Korrektur- und Strukturhilfe. Aufgrund meiner ADHS, meiner Legasthenie, meiner früheren Erfahrungen mit dem Stottern sowie weiterer Beeinträchtigungen hilft sie mir dabei, komplexe gedankliche Zusammenhänge zu ordnen und die umfangreichen schriftlichen Anforderungen meines Lebenswerkes zu bewältigen.


Für die technische und wissenschaftliche Entwicklung der interaktiven Buchstruktur auf der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ suche ich gegenwärtig Universitäten, Fachbereiche und geeignete Kooperationspartner, die meine programmatische, strukturelle und technische Umsetzung unterstützen.

Die unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen eröffnen jeweils eigene Möglichkeiten des Wahrnehmens, Darstellens, Erprobens und Korrigierens. Daraus ergibt sich für mich die Forschung, dass der Mensch dringend alle künstlerischen Disziplinen, ob bildnerisch oder darstellerisch, erlernen und ihre künstlerischen Handwerkszeuge spielerisch trainieren muss. Dies soll gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern der documenta 16 geschehen. Hierfür stehen mein künstlerisches Programm und meine über Jahrzehnte entwickelte Methodik.

Zu dieser Werkentwicklung gehören unter anderem die Erwachsenen-Malbücher, die „Krickel-Krakel-Philosophie“, Wasser- und Strömungsversuche, Passungs- und Toleranzmodelle, bildhauerische und fotografische Arbeiten, Performances, Demokratiewerkstätten, die „Kollektive Kreativität“, das „Globale Dorffest“ und die dazugehörigen Arbeitsmaterialien.


Ergänzende Angaben zur Werkentwicklung, Realisierung und persönlichen Arbeitssituation 2-Teil auf der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“


Übergang zu den Anlagen

Die folgenden Anlagen dokumentieren die Herkunft, Entwicklung und praktische Umsetzung dieser Forschungs- und Prüfarchitektur.

Sie führen von meiner künstlerischen Biografie und der Experimentellen Umweltgestaltung über Handwerk, Wasserlabor, Malbücher, bildnerische und darstellerische Arbeiten, Demokratiewerkstätten, Kollektive Kreativität und das Globale Dorffest bis zum Entelechie-Museum, Partizipatorischen Welttheater, Archiv, OPUS MAGNUM und zur Globalen Schwarm-Intelligenz.

Die Werke sind dabei keine nachträglichen Illustrationen einer Theorie. Die Begriffe sind aus den künstlerischen Tätigkeiten, Materialien, Widerständen, Versuchen, Irrtümern und Korrekturen hervorgegangen.

Das So-Heits-Atelier führt diese Werkgeschichte in eine öffentliche Arbeitsform über.

Der rote Faden lautet:

Die vorausliegende Welt ist kein menschliches Kunstwerk. Der Mensch entsteht innerhalb ihrer Tragwirklichkeit als lebendiges, verletzliches und plastisch werdendes Kunstwerk. Zugleich gestaltet er als Künstler eine gemeinsame Menschenwelt.

Diese Menschenwelt wird dort skulptural und parasitär, wo ihre vorläufigen Formen, Rollen und Regeln sich für vollkommen halten, ihre eigenen Voraussetzungen verleugnen und Rückmeldungen nur noch als Projektionen ihrer bestehenden Ordnung aufnehmen.

Plastische Ordnung entsteht dagegen durch das richtige, zeitlich bewegliche und korrigierbare Verhältnis zwischen Verschiedenem: durch 51:49 und 49:51, durch Tätigkeit und Gegenkopplung, durch Zweifel, Materialwiderstand, Rollenabstand und öffentliche Verantwortung.

Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes ist der öffentliche Übungs- und Prüfbereich, in dem dieser Zusammenhang nicht nur dargestellt, sondern mit den Besuchern praktisch untersucht und weiterentwickelt werden soll.

Diese Fassung ist gegenüber der früheren Einführung verdichtet, hält aber die gesamte begriffliche Linie vom Kunstwerk über Zellmembran, Symmetriedualismus und Rollenidentität bis zur praktischen E4-Arbeit im So-Heits-Atelier zusammen.

Anlagen zum Vorschlag für die documenta 16

Forschungskunst als öffentliche Überzeugungs-, Werk-, Konsequenz-, Rückkopplungs- und Reparaturprüfung