Ergänzende Grundlagen zu Werkentwicklung, Forschungskunst und Arbeitsweise
Verhältnis zur Programmatik der documenta 16
Die Ausrichtung der documenta 16, künstlerische Praktiken mit gesellschaftlichen, ökologischen und planetarischen Zukunftsfragen zu verbinden, berührt den Kern meiner seit 1975 entwickelten Forschungskunst. Die von Naomi Beckwith hervorgehobenen Werte des Respekts, der Menschenwürde und der persönlichen Wertschätzung verstehe ich nicht allein als ethische Voraussetzungen einer Ausstellung. Sie sind zugleich Bedingungen gesellschaftlicher Gestaltung, deren praktische Tragfähigkeit untersucht werden muss.
Auch das Verständnis von Kunst als Raum des Experiments, der Reflexion und möglicher Utopien entspricht dem Ansatz des So-Heits-Ateliers. Utopie bezeichnet dabei keinen freien Entwurf einer von ihren Voraussetzungen gelösten Wunschwelt. Jeder gesellschaftliche oder künstlerische Entwurf muss sich daran prüfen lassen, ob seine Formen tragen, Leben ermöglichen, Rückkopplungen aufnehmen und Korrekturen zulassen.
Forschungskunst als öffentliche Untersuchungsform
Meine Forschungskunst begreift Kunst nicht als abgeschlossenen Gegenstand, sondern als öffentliche Untersuchungsform. Individuelle Wahrnehmungen, gesellschaftliche Überzeugungen, äußere Existenzbedingungen und die Konsequenzen menschlicher Tätigkeiten werden miteinander in Beziehung gesetzt und auf ihre Tragfähigkeit hin geprüft.
Das So-Heits-Atelier schafft hierfür einen konkreten Arbeitsraum. Historische Werkstücke, Modelle, Bilder, Versuchsanordnungen und Dokumentationen dienen nicht nur der Betrachtung, sondern werden als Untersuchungs- und Vergleichsmittel aktiviert. Die Besucher prüfen, wie Wahrnehmungen entstehen, von welchen Voraussetzungen das eigene Denken geprägt ist und welche Folgen aus Handlungen, Entscheidungen und gesellschaftlichen Ordnungen hervorgehen.
Das Spannungsverhältnis zwischen individueller Wahrnehmung und äußeren Bedingungen wird dadurch nicht lediglich dargestellt oder erläutert, sondern praktisch erfahrbar. Kunst wird zu einem Verfahren, mit dem Behauptungen, Überzeugungen und Gestaltungsvorstellungen an ihren Voraussetzungen und Konsequenzen überprüft werden können.
Vermittlung als Bestandteil des Kunstwerks
Von besonderer Bedeutung ist die institutionelle Aufwertung von „Mediation, Interpretation and Programming“ innerhalb des künstlerischen Konzepts der documenta 16. Im So-Heits-Atelier ist Vermittlung keine nachträgliche Erklärung bereits abgeschlossener Kunstwerke. Sie bildet einen eigenständigen Teil des künstlerischen Forschungsprozesses.
Wissen entsteht hier aus Tätigkeiten, Beobachtungen, Gesprächen, Widersprüchen und gemeinsamen Prüfungen. Die von Romi Crawford vertretenen responsiven, kollaborativen und experimentellen Formen der Wissensbildung finden darin eine konkrete Entsprechung. Besucher werden nicht nur angesprochen oder allgemein zur Beteiligung aufgefordert. Ihnen werden Werkzeuge, Modelle und Vergleichsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt, mit denen sie ihre eigenen Wahrnehmungen, Begriffe und Überzeugungen untersuchen können.
Die Vermittlung besteht somit nicht in der Übertragung feststehenden Wissens von einer wissenden an eine unwissende Person. Sie entwickelt sich als wechselseitiger Erkenntnisprozess zwischen Werk, Material, Künstler, Mitwirkenden und Besuchern.
Historische Werkentwicklung
Das So-Heits-Atelier ist kein für die documenta nachträglich entwickeltes Beteiligungsformat und kein ergänzendes Workshopprogramm. Es geht aus meiner seit 1975 entstandenen „Experimentellen Umweltgestaltung“ und einem mehr als fünfzigjährigen interdisziplinären Lebenswerk hervor.
Zu dieser Werkentwicklung gehören unter anderem die Erwachsenen-Malbücher, die „Krickel-Krakel-Philosophie“, Wasser- und Strömungsversuche, Passungs- und Toleranzmodelle, bildhauerische und fotografische Arbeiten, Performances, Demokratiewerkstätten, die „Kollektive Kreativität“, das „Globale Dorffest“ sowie die dazugehörigen Arbeitsmaterialien und Dokumentationen.
Die einzelnen Arbeiten sind nicht als voneinander getrennte Projekte zu verstehen. Sie bilden eine zusammenhängende Werkentwicklung, in der wiederholt untersucht wird, wie Wahrnehmung, Tätigkeit, Gestaltung und Konsequenz miteinander verbunden sind. Das So-Heits-Atelier führt diese unterschiedlichen Werkspuren in einer gegenwärtigen, öffentlich zugänglichen Arbeitsform zusammen.
Damit diese historische und methodische Eigenständigkeit erkennbar bleibt, müssen originale Arbeiten, rekonstruierte Versuchsanordnungen, fotografische und schriftliche Dokumentationen sowie die Entstehungszusammenhänge der jeweiligen Projekte einbezogen werden. Die Werkgenese ist kein begleitendes Hintergrundmaterial, sondern ein wesentlicher Bestandteil des künstlerischen Konzepts.
Aufbau und Arbeitsweise des So-Heits-Ateliers
Die documenta-spezifische Form des So-Heits-Ateliers beruht auf drei miteinander verbundenen Ebenen: der historischen Werkspur meiner seit 1975 entwickelten „Experimentellen Umweltgestaltung“, dem funktionsfähigen Atelier als gegenwärtigem Forschungsmodell und der eigenen prüfenden Tätigkeit der Besucher.
Das Atelier verbindet Ausstellung, Werkstatt, Archiv und Gesprächsraum. Die ausgestellten Arbeiten werden zu Arbeits- und Prüfmitteln. Das Werk wird zum Prüfapparat, das Material zum antwortenden Gegenüber und der Besucher zum Mitprüfenden seiner eigenen Wahrnehmungen, Überzeugungen und Tätigkeiten.
Ausgewählte Workshops erschließen einzelne Werkbereiche und Untersuchungsmethoden. Dabei geht es nicht allein um die Herstellung eigener Ergebnisse, sondern um das Erlernen einer prüfenden Arbeitsweise. Beobachten, Vergleichen, Ausprobieren, Verändern und erneutes Prüfen bilden einen zusammenhängenden Erkenntnisprozess.
Da ich im Jahr der documenta 79 Jahre alt sein werde, ist für die Durchführung des Ateliers außerdem die frühzeitige Einarbeitung von Schülerinnen und Schülern sowie anderen interessierten Menschen aus Kassel und der Umgebung notwendig. Sie sollen die Arbeitsweise, die Versuchsanordnungen und die Vermittlungsformen kennenlernen und mich bei der Betreuung des Ateliers unterstützen. Diese Weitergabe wäre selbst ein Teil des Projekts, weil das Wissen nicht nur dokumentiert, sondern praktisch erlernt, angewendet und weiterentwickelt wird.
Dokumentation und öffentliche Rückkopplung
Ein Begleitbuch und die Plattform „Globale Schwarmintelligenz“ können die Arbeit des Ateliers dokumentieren, kontextualisieren und über die zeitliche Begrenzung der Ausstellung hinaus fortführen. Historische Materialien, aktuelle Versuchsergebnisse, Fragen der Besucher, Gesprächsverläufe und mögliche Weiterentwicklungen lassen sich dort miteinander verbinden.
Ausstellung, Publikation, Vermittlung und digitales Archiv stehen damit nicht unverbunden nebeneinander. Sie bilden einen gemeinsamen Forschungs- und Rückkopplungsprozess. Die während der documenta entstehenden Beobachtungen und Erkenntnisse können öffentlich nachvollzogen, ergänzt, überprüft und in weitere Arbeitszusammenhänge überführt werden.
Das Atelier als Instrument institutioneller Selbstprüfung
Das So-Heits-Atelier könnte nicht nur einzelne gesellschaftliche und planetarische Fragen untersuchen, sondern auch die documenta selbst in den Forschungsprozess einbeziehen. Gemeinsam mit Besuchern, Mitwirkenden und Verantwortlichen ließe sich prüfen, welche Vermittlungsformen tatsächlich Rückkopplung erzeugen, welche Erfahrungen aufgenommen werden, wie Entscheidungen nachvollziehbar bleiben und was nach dem Ende der Ausstellung als Wissen, Beziehung oder weiterführende Tätigkeit fortbesteht.
Eine solche Prüfung wäre keine moralische Bewertung der Institution von außen. Sie würde der documenta vielmehr ein künstlerisches Instrument zur Verfügung stellen, mit dem sie ihre eigenen Ansprüche innerhalb ihrer konkreten Praxis untersuchen kann. Respekt, Menschenwürde, Zusammenarbeit, Experiment und Reflexion würden nicht nur programmatisch benannt, sondern anhand ihrer Wirkungen und Konsequenzen überprüfbar.
Der besondere Beitrag des So-Heits-Ateliers zur documenta 16 läge somit in der Verbindung eines historisch gewachsenen Lebenswerks mit einer gegenwärtigen öffentlichen Forschungspraxis. Kunst würde gesellschaftliche und planetarische Fragen nicht lediglich darstellen, sondern konkrete Verfahren bereitstellen, mit denen Wahrnehmungen, Wissensformen, Tätigkeiten und ihre Folgen gemeinsam untersucht werden können.
Ergänzende Grundlagen zu Werkentwicklung, Forschungskunst und Arbeitsweise
ich möchte Ihnen mit diesem Schreiben ein künstlerisches Lebenswerk vorstellen, das sich seit mehr als fünfzig Jahren außerhalb der üblichen Einteilungen des Kunstbetriebs entwickelt hat. Meine Arbeit verbindet bildnerische und darstellerische Kunst, handwerkliche Erfahrung, Naturbeobachtung, gesellschaftliche Forschung, Theater, Pädagogik und praktische Gestaltung. Die unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen eröffnen jeweils eigene Möglichkeiten des Wahrnehmens, Darstellens, Erprobens und Korrigierens. Daraus ergibt sich für mich die Forderung, dass der Mensch dringend alle künstlerischen Disziplinen, ob bildnerisch oder darstellerisch, erlernen und ihre künstlerischen Handwerkszeuge spielerisch trainieren muss. Dies soll gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern der documenta 16 geschehen. Hierfür stehen mein künstlerisches Programm und meine über Jahrzehnte entwickelte Methodik.
Die Ausrichtung der documenta 16, künstlerische Praktiken mit gesellschaftlichen, ökologischen und planetarischen Zukunftsfragen zu verbinden, berührt unmittelbar den Kern meiner seit 1975 entwickelten Forschungskunst. Die von Naomi Beckwith hervorgehobenen Werte des Respekts, der Menschenwürde und der persönlichen Wertschätzung verstehe ich dabei nicht nur als ethische Voraussetzungen einer Ausstellung, sondern als überprüfbare Bedingungen gesellschaftlicher Gestaltung. Mein Vorschlag begreift Kunst deshalb nicht als abgeschlossenen Gegenstand, sondern als öffentliche Untersuchungsform, in der individuelle Wahrnehmungen, gesellschaftliche Überzeugungen, äußere Existenzbedingungen sowie die Konsequenzen menschlicher Tätigkeiten miteinander in Beziehung gesetzt und auf ihre Tragfähigkeit hin geprüft werden können.
Auch das von der documenta 16 formulierte Verständnis von Kunst als Raum des Experiments, der Reflexion und der möglichen Utopie entspricht dem Ansatz des So-Heits-Ateliers. Utopie bedeutet hier jedoch nicht den freien Entwurf einer von ihren Voraussetzungen gelösten Wunschwelt. Sie muss sich daran prüfen lassen, ob ihre Formen tatsächlich tragen, Leben ermöglichen, Rückkopplungen aufnehmen und Korrekturen zulassen. Das Spannungsverhältnis zwischen individueller Wahrnehmung und äußeren Bedingungen wird deshalb im Atelier nicht nur thematisch behandelt, sondern praktisch erfahrbar gemacht. Die Besucher treten mit historischen Werkstücken, Modellen, Bildern, Versuchsanordnungen und miteinander in Beziehung. Sie untersuchen, wie Wahrnehmung entsteht, welche Voraussetzungen das eigene Denken bestimmen und welche Folgen aus Handlungen, Entscheidungen und gesellschaftlichen Ordnungen hervorgehen.
Von besonderer Bedeutung ist für meinen Vorschlag die institutionelle Aufwertung von „Mediation, Interpretation and Programming“ als elementarem Bestandteil des künstlerischen Konzepts der documenta 16. Das So-Heits-Atelier versteht Vermittlung nicht als nachträgliche Erklärung bereits abgeschlossener Kunstwerke. Vermittlung wird selbst zu einem künstlerischen Forschungsprozess, in dem Wissen aus Tätigkeiten, Beobachtungen, Gesprächen, Widersprüchen und gemeinsamen Prüfungen hervorgeht. Die von Romi Crawford vertretenen responsiven, kollaborativen und experimentellen Formen der Wissensbildung finden darin eine konkrete Entsprechung. Besucher werden nicht lediglich angesprochen oder zur Beteiligung aufgefordert, sondern erhalten Werkzeuge, Modelle und Vergleichsmöglichkeiten, mit denen sie eigene Wahrnehmungen und Überzeugungen untersuchen können.
Das So-Heits-Atelier ist kein ergänzendes Workshopprogramm und keine nachträglich entwickelte Vermittlungsform. Es geht aus einem mehr als fünfzigjährigen künstlerischen Lebenswerk hervor und muss als eigenständiges, historisch gewachsenes Kunstwerk erkennbar bleiben. Dafür sind originale Arbeiten, rekonstruierte Versuchsanordnungen, fotografische und schriftliche Dokumentationen sowie eine nachvollziehbare Werkgenese unverzichtbar. Seine documenta-spezifische Form würde auf drei miteinander verbundenen Ebenen beruhen: der historischen Werkspur meiner seit 1975 entwickelten Experimentellen Umweltgestaltung, dem funktionsfähigen So-Heits-Atelier als gegenwärtigem Forschungsmodell und der eigenen prüfenden Tätigkeit der Besucher.
Gerade durch diese Verbindung könnte das Atelier einen Beitrag zur Zielprojektion der documenta 16 leisten. Es würde einen Raum schaffen, in dem Kunst nicht nur gesellschaftliche und planetarische Fragen darstellt, sondern Verfahren anbietet, mit denen unterschiedliche Wahrnehmungen, Wissensformen und Handlungskonsequenzen öffentlich überprüft werden können. Das Begleitbuch und die Plattform „Globale Schwarmintelligenz“ könnten diesen Prozess dokumentieren, vertiefen und über die zeitliche Begrenzung der Ausstellung hinaus fortführen. Ausstellung, Publikation, Vermittlung und Programm würden dadurch nicht nebeneinanderstehen, sondern als zusammenhängender Forschungs- und Rückkopplungsprozess wirksam werden.
Zugleich könnte die documenta selbst zum Gegenstand dieser Forschungskunst werden. Gemeinsam mit Besuchern und Beteiligten ließe sich untersuchen, welche Formen der Vermittlung tatsächlich Rückkopplung erzeugen, welche Stimmen und Erfahrungen aufgenommen werden, wie Entscheidungen nachvollziehbar gemacht werden und was nach dem Ende der Ausstellung als Wissen, Beziehung oder weiterführende Tätigkeit bestehen bleibt. Eine solche Institutionsprüfung wäre keine moralische Bewertung von außen. Sie würde der documenta vielmehr ein künstlerisches Instrument zur Verfügung stellen, mit dem sie ihre eigenen Ansprüche an Respekt, Menschenwürde, Zusammenarbeit, Experiment und Reflexion innerhalb ihrer konkreten Praxis sichtbar und überprüfbar machen kann.
Der Abschnitt verbindet die Programmatik der documenta nun unmittelbar mit der Methodik, Werkgenese und institutionellen Funktion des So-Heits-Ateliers.
Die Ausrichtung der documenta 16, künstlerische Praktiken mit gesellschaftlichen, ökologischen und planetarischen Zukunftsfragen zu verbinden, berührt unmittelbar den Kern meiner seit 1975 entwickelten Forschungskunst. Auch mein Vorschlag versteht Kunst nicht als abgeschlossenen Gegenstand, sondern als eine Form öffentlicher Untersuchung, in der Wahrnehmungen, Überzeugungen, Tätigkeiten und ihre Konsequenzen gemeinsam geprüft werden können.
Meiner Forschungskunst liegt die Frage zugrunde, warum der Mensch trotz seines Wissens, seiner Gestaltungskraft und seiner Fähigkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört. Ich bin davon überzeugt, dass es die Kunst braucht, um daran etwas zu verändern, weil sie den Menschen nicht nur als Gestalter und Darsteller, sondern zugleich als ein hervorgebrachtes und fortwährend entstehendes Kunstwerk begreift. Der Mensch ist Künstler seiner gesellschaftlichen Wirklichkeit und zugleich selbst ein lebendiges, verletzliches und plastisch werdendes Kunstwerk. Deshalb muss auch das von ihm geschaffene Menschenkunstwerk daran geprüft werden, ob es Leben trägt, Rückmeldungen aufnimmt und Korrekturen zulässt oder seine eigenen Voraussetzungen zerstört.
Seit 1975 untersuche ich mit den Mitteln einer von mir entwickelten Forschungskunst die Frage, warum der Mensch trotz seines Wissens, seiner technischen Fähigkeiten, seiner Gestaltungskraft und seiner Möglichkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.
Diese Frage ist für mich nicht nur ein theoretisches oder gesellschaftspolitisches Thema. Sie bestimmt die Entstehung meiner künstlerischen Objekte, Versuchsanordnungen, Veranstaltungen, Arbeitsmodelle und Beteiligungsformen. Meine Forschungskunst setzt dort an, wo Vorstellungen auf ein Gegenüber treffen, das ihnen widersprechen und sie korrigieren kann.
Der Unterschied zu anderen Formen künstlerischer Forschung liegt in einem Maßstab, den ich aus meiner Ausbildung zum Maschinenschlosser und aus meiner bildhauerischen Arbeit übernommen habe: Etwas muss daran geprüft werden können, ob es funktioniert oder nicht funktioniert.
Diesen handwerklichen Prüfmaßstab übertrage ich auf die Kunst und auf die vom Menschen geschaffene gesellschaftliche Wirklichkeit.
Eine Form, eine Verbindung oder eine Konstruktion bewährt sich nicht dadurch, dass sie überzeugend behauptet, erklärt oder dargestellt wird. Sie muss sich am Material, am Widerstand, an den tatsächlichen Belastungen, an ihren Wirkungen und an ihren Abhängigkeiten erweisen. Sie muss tragen, beweglich bleiben, Rückmeldungen aufnehmen und Korrekturen zulassen können.
Ausgangspunkt meines Kunstverständnisses ist die paradoxe Doppelstellung des Menschen. In seiner Menschheitsgeschichte verhält er sich häufig so, als wäre er selbst niemals auf dem Planeten Erde gewesen. Von seinem Körperorganismus her ist der Mensch ein lebendiges, verletzliches, stoffwechselndes und fortwährend plastisch werdendes Kunstwerk. Gleichzeitig ist er Künstler seines Denkens und seines Geistverständnisses.
Dabei entsteht jedoch ein parasitäres Verhältnis zu seinem eigenen Körperorganismus. Der Mensch bringt Symbolwelten wie die Trennung von Außen und Innen oder den Begriff der Umwelt sowie Gegenstände, Bilder, Begriffe, Rollen, Institutionen, Technologien, Wirtschaftsformen und gesellschaftliche Ordnungen hervor, die zunächst Konstrukte und damit menschliche Kunstwerke sind. Er behandelt diese hervorgebrachten Kunstwerke jedoch zunehmend so, als wären sie der körperlichen und planetarischen Existenz vorausgesetzt und könnten deren Bedingungen ersetzen.
Die Menschenwelt kann deshalb als ein gemeinsames, unabgeschlossenes Kunstwerk verstanden werden. Dieses Menschenkunstwerk ist jedoch nicht automatisch gelungen. Es muss daran geprüft werden, ob seine Formen Leben ermöglichen oder verhindern, ob sie ihre eigenen Voraussetzungen erhalten oder zerstören und ob sie in der Lage sind, auf die Folgen ihrer Tätigkeiten zu antworten.
Die Verantwortung des Menschen endet daher nicht bei seiner Absicht, seinem Auftrag, seiner beruflichen Rolle oder seiner vermeintlich begrenzten Zuständigkeit. Sie reicht in die Abhängigkeitswelt hinein, in der jede Tätigkeit weitere Tätigkeiten und Konsequenzen hervorbringt.
Ein grundlegendes Referenzsystem meiner Arbeit ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ mit der habitablen Zone. Werden die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte proportional auf einen einzigen Tag übertragen, erscheint Homo sapiens erst ungefähr 5,7 Sekunden vor Mitternacht. Ein achtzigjähriges Menschenleben entspricht innerhalb dieses Maßstabes nur etwa 1,5 Millisekunden.
Dennoch verhält sich dieser Millisekunden-Mensch häufig so, als könne er die ihm vorausliegenden planetarischen Existenzbedingungen durch seine selbst geschaffene Menschenwelt ersetzen.
Die Erde, die Atmosphäre, die Gewässer, die Stoffkreisläufe, die Gravitation und die kosmischen Bedingungen sind jedoch keine menschlichen Kunstwerke. Sie wurden nicht durch menschliche Begriffe, Entscheidungen oder Institutionen hervorgebracht. Sie bilden die Tragwirklichkeit, innerhalb derer der Mensch überhaupt leben, wahrnehmen, handeln und Kunst schaffen kann.
Die von Menschen hervorgebrachten Systeme müssen deshalb an diesen vorausliegenden Existenzbedingungen geprüft werden und nicht umgekehrt. Nicht die Erklärung, das gesellschaftliche Ansehen oder die wirtschaftliche Verwertbarkeit entscheidet darüber, ob eine Form tragfähig ist, sondern ihre tatsächliche Wirkung innerhalb ihrer Abhängigkeiten.
Dieser Zusammenhang führt für mich auch die Idee der Sozialen Plastik weiter. Als Joseph Beuys im Jahr 1980 zu mir sagte, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst, berührte er damit den Kern meiner weiteren künstlerischen Arbeit.
Wenn jeder Mensch Künstler ist und durch seine Tätigkeiten an der Formung gesellschaftlicher Wirklichkeit mitwirkt, dann müssen auch die konkreten Formen, Tätigkeiten und Konsequenzen dieser Sozialen Plastik geprüft werden. Der Mensch kann sich nicht allein dadurch zum Künstler erklären, dass er gestaltet. Er muss sich auch der Frage stellen, was seine Gestaltung hervorbringt, trägt, beschädigt oder zerstört.
Für die documenta 16 schlage ich deshalb das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ vor, verschmolzen mit der von mir entwickelten Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“.
Das So-Heits-Atelier verbindet die erstmalige zusammenhängende Verortung meines Lebenswerkes mit seiner öffentlichen Anwendung und Weiterentwicklung. Es ist zugleich Atelier, Ausstellung, Forschungslabor, Archiv, Werkstatt, Gesprächsraum und öffentlicher Prüfprozess.
Ausgewählte Schlüsselwerke sollen dabei nicht nur gezeigt, sondern als Versuchsanordnungen aktiviert werden. Das Werk wird zum Prüfapparat, das Material zum antwortenden Gegenüber und der Besucher zum Mitprüfenden seiner eigenen Wahrnehmungen, Vorstellungen und Tätigkeiten.
Das So-Heits-Atelier ist kein nachträglich für die documenta entwickeltes Beteiligungsformat. Seine Grundlagen entstanden bereits während meines Kunststudiums aus meiner „Experimentellen Umweltgestaltung“, die zum Ausgangspunkt und repräsentativen Modell meiner gesamten künstlerischen Biografie wurde.
Aus diesem Zusammenhang entwickelten sich unter anderem meine Erwachsenen-Malbücher, die „Krickel-Krakel-Philosophie“, Wasser- und Strömungsversuche, Deich- und Schiffsmodelle, Passungs- und Toleranzmodelle, bildhauerische Arbeiten, Fotografien, Malereien, Performances, Rollentheater, Kreativitätsworkshops, Demokratiewerkstätten, gesellschaftliche Arbeitstische, die „Kollektive Kreativität“, das „Globale Dorffest“ sowie meine acht documenta-Bewerbungen zwischen 1977 und 2017.
Diese Arbeiten bilden keine voneinander getrennten Einzelprojekte. Sie sind Bestandteile einer fortlaufenden Untersuchung darüber, wie der Mensch wahrnimmt, gestaltet, lernt, sich täuscht, korrigiert und Verantwortung für seine Tätigkeitskonsequenzen übernehmen kann.
Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ erweitert das So-Heits-Atelier in den digitalen Raum. Sie soll nicht nur Informationen über mein Lebenswerk bereitstellen, sondern selbst zu einem interaktiven künstlerischen Arbeitsinstrument werden.
Objekte, Bilder, Texte, Fragestellungen, Prüfmodelle und dokumentierte Erfahrungen sollen dort so miteinander verbunden werden, dass Besucherinnen und Besucher eigene Wege durch das Material entwickeln können. Jeder Mensch soll aus den vorhandenen Elementen sein eigenes interaktives Buch zusammenstellen und dadurch seine Fragestellungen, Entscheidungen, Beziehungen und Erkenntniswege sichtbar machen können.
Die Plattform wird damit nicht zu einer bloßen Dokumentation der Ausstellung. Sie ist mit dem Atelier verschmolzen und bildet dessen fortsetzbaren Arbeits-, Rückkopplungs- und Kommunikationsraum. Die documenta-Besucher könnten vor Ort beginnen und ihre Untersuchung über die Dauer des Ausstellungsbesuchs hinaus weiterführen.
Das dafür notwendige künstlerische und dokumentarische Material ist vorhanden. Für die technische und wissenschaftliche Weiterentwicklung des interaktiven Buches suche ich gegenwärtig Universitäten, Fachbereiche und Personen, die mich bei seiner Installation und strukturellen Umsetzung unterstützen können.
Meine persönliche Situation enthält dabei eine besondere Paradoxie: Mit 77 Jahren entwickle ich eine Plattform mit dem Namen „Globale Schwarm-Intelligenz“, während mir gegenwärtig keine Künstlergruppe wie meine frühere „Kollektive Kreativität“ mehr zur Verfügung steht und ich die umfangreiche Arbeit weitgehend allein bewältige.
Bei der sprachlichen Ausarbeitung meiner Texte nutze ich künstliche Intelligenz als Schreib-, Korrektur- und Strukturhilfe. Aufgrund meiner ADHS, meiner Legasthenie, meiner früheren Erfahrungen mit dem Stottern sowie weiterer Beeinträchtigungen hilft sie mir dabei, komplexe gedankliche Zusammenhänge zu ordnen und die umfangreichen schriftlichen Anforderungen meines Lebenswerkes zu bewältigen.
Die künstlerischen Begriffe, Fragestellungen, Werke, Versuchsanordnungen und Entwicklungslinien entstammen meiner eigenen jahrzehntelangen Arbeit. Die künstliche Intelligenz ersetzt weder den künstlerischen Ursprung noch meine Prüfung und Verantwortung. Auch ihre Vorschläge und Eigenmächtigkeiten müssen von mir erkannt, überprüft und korrigiert werden. Dadurch wird ihr Einsatz selbst zu einem Bestandteil der von mir beschriebenen öffentlichen Überzeugungsprüfung.
Die beigefügten 27 Anlagen erläutern die begrifflichen Grundlagen, die Werkgenese, die künstlerische Methodik, die Prüfmodelle, die Schlüsselwerke, die Besucherdramaturgie und die mögliche Realisierung des So-Heits-Ateliers auf der documenta 16.
Ich bitte Sie nicht darum, meine Ausgangsthesen ungeprüft zu übernehmen. Im Gegenteil: Das vorgeschlagene Atelier soll ermöglichen, ihre künstlerische Grundlage, ihre innere Konsistenz, ihre Widersprüche und ihre praktische Anwendbarkeit anhand der Werke und Versuchsanordnungen selbst zu untersuchen.
Mein Vorschlag ist deshalb nicht nur als Bewerbung eines einzelnen Künstlers zu verstehen. Er ist die Einladung zu einer öffentlichen Untersuchung des heutigen Kunst-, Menschen- und Verantwortungsbegriffs.
Die documenta 16 könnte einen Rahmen schaffen, in dem meine über Jahrzehnte entwickelten künstlerischen Werkzeuge erstmals in einem zusammenhängenden öffentlichen Prozess angewendet werden. Der Besucher würde dabei nicht nur zum Betrachter eines abgeschlossenen Werkes, sondern zum Mitwirkenden an einem Erkenntnis-, Rückkopplungs- und Verantwortungsprozess.
Meine Arbeit verbindet bildnerische und darstellerische Kunst, handwerkliche Erfahrung, Naturbeobachtung, gesellschaftliche Forschung, Theater, Pädagogik und praktische Gestaltung. Die unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen eröffnen jeweils eigene Möglichkeiten des Wahrnehmens, Darstellens, Erprobens und Korrigierens. Daraus ergibt sich für mich die Forderung, dass der Mensch dringend alle künstlerischen Disziplinen, ob bildnerisch oder darstellerisch, erlernen und ihre künstlerischen Handwerkszeuge spielerisch trainieren muss. Dies soll gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern der documenta 16 geschehen. Hierfür stehen mein künstlerisches Programm und meine über Jahrzehnte entwickelte Methodik.
Die bisher erkennbare Ausrichtung der documenta 16 versteht aktuelle künstlerische Praktiken nicht nur als Ausdruck oder Darstellung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Kunst soll vielmehr Werkzeuge hervorbringen, mit denen unterschiedliche Wahrnehmungen, Erfahrungen und Wissensformen in Beziehung gesetzt, gegenwärtige Bedingungen untersucht und mögliche Zukünfte gemeinsam gedacht und erprobt werden können. Vermittlung, Interpretation und die Beteiligung des Publikums erscheinen dabei nicht als nachträgliche Ergänzungen der Ausstellung, sondern als Bestandteile des künstlerischen Erkenntnisprozesses. Diese Zielrichtung berührt unmittelbar den Kern meiner seit 1975 entwickelten Forschungskunst.
Auch mein Vorschlag versteht Kunst nicht als abgeschlossenen Gegenstand, sondern als eine Form öffentlicher Untersuchung, in der Wahrnehmungen, Überzeugungen, Tätigkeiten und ihre Konsequenzen gemeinsam geprüft werden können.
Ich bin davon überzeugt, dass es die Kunst braucht, um daran etwas zu verändern, weil sie den Menschen nicht nur als Gestalter und Darsteller, sondern zugleich als ein hervorgebrachtes und fortwährend entstehendes Kunstwerk begreift.
Seit 1975 untersuche ich mit den Mitteln einer von mir entwickelten Forschungskunst die Frage, warum der Mensch trotz seines Wissens, seiner technischen Fähigkeiten, seiner Gestaltungskraft und seiner Möglichkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.
Diese Frage ist für mich nicht nur ein theoretisches oder gesellschaftspolitisches Thema. Sie bestimmt die Entstehung meiner künstlerischen Objekte, Versuchsanordnungen, Veranstaltungen, Arbeitsmodelle und Beteiligungsformen. Meine Forschungskunst setzt dort an, wo Vorstellungen auf ein Gegenüber treffen, das ihnen widersprechen und sie korrigieren kann.
In seiner Menschheitsgeschichte verhält er sich häufig so, als wäre er selbst niemals auf dem Planeten Erde gewesen. Gleichzeitig ist er Künstler seines Denkens und seines Geistverständnisses.
Dabei entsteht jedoch ein parasitäres Verhältnis zu seinem eigenen Körperorganismus. Der Mensch bringt Symbolwelten wie die Trennung von Außen und Innen oder den Begriff der Umwelt sowie Gegenstände, Bilder, Begriffe, Rollen, Institutionen, Technologien, Wirtschaftsformen und gesellschaftliche Ordnungen hervor, die zunächst Konstrukte und damit menschliche Kunstwerke sind. Er behandelt diese hervorgebrachten Kunstwerke jedoch zunehmend so, als wären sie der körperlichen und planetarischen Existenz vorausgesetzt und könnten deren Bedingungen ersetzen.
Die Verantwortung des Menschen endet daher nicht bei seiner Absicht, seinem Auftrag, seiner beruflichen Rolle oder seiner vermeintlich begrenzten Zuständigkeit. Sie reicht in die Abhängigkeitswelt hinein, in der jede Tätigkeit weitere Tätigkeiten und Konsequenzen hervorbringt.
Dieser Zusammenhang führt für mich auch die Idee der Sozialen Plastik weiter. Als Joseph Beuys im Jahr 1980 zu mir sagte, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst, berührte er damit den Kern meiner weiteren künstlerischen Arbeit.
Wenn jeder Mensch Künstler ist und durch seine Tätigkeiten an der Formung gesellschaftlicher Wirklichkeit mitwirkt, dann müssen auch die konkreten Formen, Tätigkeiten und Konsequenzen dieser Sozialen Plastik geprüft werden. Der Mensch kann sich nicht allein dadurch zum Künstler erklären, dass er gestaltet. Er muss sich auch der Frage stellen, was seine Gestaltung hervorbringt, trägt, beschädigt oder zerstört.
Aus diesem Zusammenhang entwickelten sich unter anderem meine Erwachsenen-Malbücher, die „Krickel-Krakel-Philosophie“, Wasser- und Strömungsversuche, Deich- und Schiffsmodelle, Passungs- und Toleranzmodelle, bildhauerische Arbeiten, Fotografien, Malereien, Performances, Rollentheater, Kreativitätsworkshops, Demokratiewerkstätten, gesellschaftliche Arbeitstische, die „Kollektive Kreativität“, das „Globale Dorffest“ sowie meine acht documenta-Bewerbungen zwischen 1977 und 2017.
Für die technische und wissenschaftliche Weiterentwicklung des interaktiven Buches suche ich gegenwärtig Universitäten, Fachbereiche und Personen, die mich bei seiner Installation und strukturellen Umsetzung unterstützen können.
Meine persönliche Situation enthält dabei eine besondere Paradoxie: Mit 77 Jahren entwickle ich eine Plattform mit dem Namen „Globale Schwarm-Intelligenz“, während mir gegenwärtig keine Künstlergruppe wie meine frühere „Kollektive Kreativität“ mehr zur Verfügung steht und ich die umfangreiche Arbeit weitgehend allein bewältige.
Bei der sprachlichen Ausarbeitung meiner Texte nutze ich künstliche Intelligenz als Schreib-, Korrektur- und Strukturhilfe. Aufgrund meiner ADHS, meiner Legasthenie, meiner früheren Erfahrungen mit dem Stottern sowie weiterer Beeinträchtigungen hilft sie mir dabei, komplexe gedankliche Zusammenhänge zu ordnen und die umfangreichen schriftlichen Anforderungen meines Lebenswerkes zu bewältigen.
Die künstlerischen Begriffe, Fragestellungen, Werke, Versuchsanordnungen und Entwicklungslinien entstammen meiner eigenen jahrzehntelangen Arbeit. Die künstliche Intelligenz ersetzt weder den künstlerischen Ursprung noch meine Prüfung und Verantwortung. Auch ihre Vorschläge und Eigenmächtigkeiten müssen von mir erkannt, überprüft und korrigiert werden. Dadurch wird ihr Einsatz selbst zu einem Bestandteil der von mir beschriebenen öffentlichen Überzeugungsprüfung.
