Forschungsbericht zur Plastischen Anthropologie 51:49 als internationale Gegenprüfung gegenwärtiger Gesellschaftskritik.
Forschungsfrage und methodischer Zugriff
Die vorliegende Recherche stützt die Arbeitsthese in einer starken, aber differenzierten Form: Ein großer Teil der modernen Gesellschaftskritik kritisiert reale Fehlformen – Ungleichheit, Herrschaft, Ausschluss, Diskursmacht, ökologische Zerstörung, Reifikation, Beschleunigung, Anerkennungsdefizite –, setzt aber weiterhin eine Menschenfigur voraus, die als frei, entscheidungsfähig, anerkennungsbedürftig, diskursfähig, eigentumsförmig, rechtstragend oder systemisch adressierbar gedacht wird.
Besonders deutlich ist das in liberalen Gerechtigkeitstheorien, in der Diskurs- und Anerkennungstheorie und in vielen Varianten empirischer Ungleichheitsforschung.
Schwieriger und analytisch interessanter wird die Lage dort, wo Theorien bereits gegen das autonome Subjekt arbeiten – etwa bei Marx, Butler, Haraway, Latour, Braidotti oder teilweise Fraser. Gerade diese Fälle sind für den geplanten Text entscheidend, weil an ihnen gezeigt werden muss, dass die Differenz der Plastischen Anthropologie 51:49 nicht in bloßer „Relationalität“ liegt, sondern in einer tieferen anthropologischen Neukalibrierung.
Da „Kontextanker v12.6“ hier nicht als extern publizierter Referenztext vorliegt, kann seine begriffliche Architektur nicht durch Fremdquellen „bewiesen“ werden.
Für die internationale Gegenprüfung ist das aber kein Hindernis: Die projektinternen Begriffe – Tragwirklichkeit, 51:49, plastische Identität, Skulpturidentität, Vier-Ebenen-Modell, Tätigkeit/Abhängigkeit/Bindung/Konsequenz, Werk/Wirklichkeit/Wirken, Organon, technē, öffentliche Rückkopplungsarchitektur – können als Prüfgerät eingesetzt werden, mit dem die internationale Literatur neu gelesen wird.
Der belastbare Teil der Recherche besteht darin, die Fremdtheorien sauber zu rekonstruieren und dann offen als eigene Prüflesart auszuweisen, an welcher Stelle sie anthropologisch noch mit einer „skulpturalen“ Menschenfigur operieren.
Diese Vorgehensweise entspricht der Sachlage der Forschung: Die Primär- und Standardquellen belegen sehr gut, was Rawls, Habermas, Fraser, Butler, Haraway, Latour oder Luhmann tatsächlich sagen; die These, dass sie trotz aller Radikalität eine Restfigur des Subjekts oder der Person bewahren, ist dann eine argumentativ auszuweisende Lesart und keine Zuschreibung fremder Autoren.
Genealogischer Hintergrund des kritisierten Menschenbildes
Die historische Tiefenschicht des Problems wird in der Literatur deutlich, wenn man die antike politische und rechtliche Begriffsgeschichte mit modernen Eigentums- und Kapitalformen zusammensieht.
Auf der griechischen Seite steht bei Aristoteles nicht der vereinzelte Privateigner im Zentrum, sondern die polis als natürliche Form des guten Lebens; Menschen gedeihen nicht bloß durch Tausch oder Nutzenmaximierung, sondern innerhalb einer politischen Gemeinschaft, die „um des guten Lebens willen“ besteht. Zugleich unterscheidet Aristoteles scharf zwischen oikonomia und bloßer Gelderwerbskunst; die Stadt ist mehr als ökonomischer Austausch.
Die SEP zu epistēmē und technē zeigt zudem, dass griechische technē ursprünglich nicht einfach technische Verfügbarkeit bedeutet, sondern in Fragen von Lebensführung, Hausverwaltung und politischer Zugehörigkeit eingebettet bleibt; sie ist kein modernes Produktions- und Verwertungsparadigma. Das stützt die vom Projekt beanspruchte „griechische Kalibrierung“ durch technē, polis, koinonia, metron und peras: Der Mensch erscheint dort primär als in ein Maß-, Werk- und Gemeinschaftsgefüge Eingelassener, nicht als eigentumsförmig isolierter Souverän.
Auf der römisch-lateinischen Seite zeigen die Standarddarstellungen zum römischen Recht eine andere Tendenz: Eigentum wird als dominium bzw. proprietas in einer für den Westen charakteristischen Weise im Rechtsträger konzentriert. Britannica formuliert das ausdrücklich: Roman law kennt absolute individuelle Eigentumsherrschaft; westliches Eigentumsdenken tendiert dazu, die exklusiven Rechte an einer Sache in einer einzigen juristischen Person zu agglomerieren. Diese Linie – Person, Sache, Eigentum, Verfügungsmacht – ist für das geplante Projekt zentral, weil sie genau jene begriffliche Schicht markiert, in der persona, res, proprietas und contractus die spätere moderne Subjektfigur vorbereiten. Für die Plastische Anthropologie 51:49 wäre hier der Angelpunkt: Nicht erst soziale Verteilung, sondern schon die rechtlich-metaphysische Gestalt von Person und Sache ist Teil der Fehlkalibrierung.
Die moderne Zuspitzung dieser Linie liegt weniger beim „Kunden“ als bei der Eigentums- und Kapitalfigur, worauf der Arbeitsauftrag zu Recht insistiert.
Dafür gibt es eine klare empirisch-institutionelle Basis.
Der Shareholder-Value-Ansatz zielt ausdrücklich auf die Maximierung des Marktwerts des Eigenkapitals im Interesse der Aktionäre; selbst die Business Roundtable erklärte 2019 ihre neue Stakeholder-Formel explizit als Abkehr von einer zuvor geltenden shareholder primacy. Parallel dazu zeigt der World Inequality Report 2022, dass die reichsten 10 % weltweit 76 % des Vermögens besitzen, während die ärmere Hälfte nur 2 % hält; die Top-1 % vereinnahmten seit Mitte der 1990er Jahre 38 % des zusätzlichen Vermögenswachstums. Für den geplanten Text ist das wichtig: Die herrschaftliche Kernfigur der Gegenwart ist nicht primär der Konsument, sondern der Eigentümer, Anleger, Aktionär, Vermögenshalter und Finanzakteur. Gesellschaftskritik, die nur Verteilung oder Konsum adressiert, berührt diesen anthropologisch-juristischen Kern nur teilweise.
Internationale Gegenprüfung der großen Theoriegruppen
Im Liberalismus und in Gerechtigkeitstheorien bleibt die skulpturale Menschenfigur besonders sichtbar. Rawls konstruiert Gerechtigkeit aus der Wahl freier und gleicher Bürger im Urzustand; seine Parteien sollen die Interessen solcher Bürger treuhänderisch vertreten und wählen rationale Prinzipien zur Sicherung ihrer moral powers und Lebenspläne.
Selbst der Differenzgrundsatz gilt in seiner revidierten Fassung den „fully cooperating“, „full and active participants in society“. Diese Architektur ist hochreflexiv und anti-utilitaristisch, aber anthropologisch bleibt sie auf die Figur des prinzipienwählenden, rechtstragenden und kooperationsfähigen Bürgers kalibriert. Nussbaum geht weiter als Rawls, weil sie Abhängigkeit, Sorge, Behinderung und Bedürftigkeit ausdrücklich in die Theorie hineinzieht. Sie fordert eine definitive, wenn auch revidierbare Liste zentraler Fähigkeiten als Grundansprüche und beschreibt die Person von Anfang an als „capable and needy“; sie denkt sogar asymmetrische Phasen menschlichen Lebens ausdrücklich mit. Gerade deshalb ist sie für das Projekt ein wichtiger Grenzfall. Dennoch bleibt die normative Einheit die würde- und fähigkeitsfähige Person, die Trägerin konstitutioneller Garantien und zentraler Entitlements ist. Sen wiederum zentriert die „moral significance of individuals’ capability“ und die agency freedom einzelner Menschen. Seine Kritik an Ressourcen- und Nutzenmodellen ist fundamental, aber auch bei ihm ist die Basiseinheit die Person als Freiheits- und Handlungsträgerin. Aus der Perspektive der Plastischen Anthropologie wäre also zu sagen: Liberalismus und Capability Approach kritisieren unfaire Ordnungen, verlassen aber den Rahmen des als moralischem Träger vorgedachten Subjekts nicht.
In der Kritischen Theorie, Anerkennungs- und Resonanztheorie verschiebt sich die Lage, ohne den Grundknoten ganz zu lösen. Habermas bindet soziale Integration an kommunikatives Handeln, an die Erhebung und Einlösung von Geltungsansprüchen sowie an die kommunikative Kompetenz aller menschlichen Sprecher. Seine Sozialontologie ruht auf der Unterscheidung von System und Lebenswelt; kommunikatives Handeln ist auf Verständigung orientiert und setzt sprech- und handlungsfähige Teilnehmer voraus. Honneth verschiebt die Achse vom Diskurs auf Anerkennung: Affective care, respect und social esteem gelten ihm als Voraussetzungen individueller Autonomie; seine spätere Theorie sozialer Freiheit rekonstruiert moderne Institutionen danach, wie sie individuelle Freiheit in Beziehungen ermöglichen. Rosa wiederum ersetzt Ressourcen- oder Optionsmodelle des guten Lebens durch die Qualität der Weltbeziehung; er spricht von Resonanzachsen, auf denen spätmoderne Subjekte zur Welt stehen. Gerade hier liegt aber die für den geplanten Text entscheidende Pointe: Habermas, Honneth und Rosa sind bereits relationstheoretisch, doch die Relation bleibt Relation von Sprechern, Anerkennungswesen oder resonanzsuchenden Subjekten. Die Plastische Anthropologie 51:49 könnte daran zeigen, dass Abhängigkeit, Bindung und Konsequenz nicht nachträgliche Modi eines schon vorhandenen Subjekts sind, sondern gleichursprüngliche Bedingungen seiner Entstehung. Dann wäre kommunikative Kompetenz, Anerkennungsfähigkeit oder Resonanz nicht anthropologischer Anfang, sondern spätes Gelingen einer tragfähigen Rückkopplung.
In Marxismus, Neomarxismus und Kapitalismuskritik reicht die Kritik oft am tiefsten in Stoffwechsel, Arbeit, Reproduktion und Eigentum hinein, bleibt aber ebenfalls meist vor der letzten anthropologischen Schwelle stehen. Marx beschreibt menschliche Existenz als gegenseitige Abhängigkeit in einem weiten sozialen und ökonomischen Netz; seine Theorie der Entfremdung analysiert die Trennung von Produzenten vom Produkt, vom Tätigsein, von anderen und von ihrer eigenen menschlichen Natur. Zugleich bleibt seine positive Anthropologie wesentlich an produktiver, freier, gemeinschaftlicher Arbeit orientiert. Lukács radikalisiert das im Begriff der Verdinglichung, bleibt aber in Geschichte und Klassenbewusstsein stark auf die revolutionäre Rolle des kollektiven Subjekts bezogen. Fraser ist für den geplanten Text besonders wichtig, weil sie die „hidden supports“ des Kapitalismus – Natur, Care, Sozialreproduktion, Politik – systematisch sichtbar macht und die Trennung von Produktion und Reproduktion als krisenhafte Grenzordnung analysiert. Dennoch bleibt ihre Grammatik eine der Gerechtigkeit – Redistribution, Recognition, Representation – und der politisch-institutionellen Neuordnung von Hintergrundbedingungen. Piketty liefert eine mächtige empirische Diagnose langwieriger Vermögensdynamiken und der Rückkehr patrimonialer Tendenzen; doch analytisch operiert seine Kritik mit Eigentümern, Haushalten, Steuerregimen und Vermögensklassen, nicht mit einer neuen Anthropologie. Boltanski und Chiapello zeigen schließlich, wie der „neue Geist des Kapitalismus“ Kritik absorbiert und organisatorisch verwertet; ihre Akteure bleiben jedoch Rechtfertigungs-, Kritik- und Anpassungsakteure. Aus Sicht der Plastischen Anthropologie wäre das Fazit deshalb: Diese Autoren kommen der Materialität und Herrschaft des Eigentums wesentlich näher als liberale Theorie, aber auch sie kritisieren primär Verwertungsformen, Rechtfertigungsordnungen und Reproduktionsbedingungen – nicht durchgängig die vorlaufende Menschenkalibrierung selbst.
Im Poststrukturalismus, im Posthumanismus und in angrenzenden ökologischen Debatten liegen die stärksten Gegenbeispiele gegen die Ausgangsthese – und gerade deshalb die entscheidenden Prüfsteine. Foucault zerlegt die Vorstellung eines authentischen, natürlich gegebenen Subjekts: Macht ist produktiv, nicht bloß repressiv; sie produziert die Formen, in denen Subjekte sich verstehen. In seinen späten Arbeiten tritt das Subjekt als zugleich konstituiert und selbst-konstituierend auf. Butler radikalisiert die Kritik an Identität weiter: Geschlecht ist keine Substanz, sondern performativ erzeugt; später rückt sie Prekarität, Grievability, interdependency und livable life in den Vordergrund und wendet sich klar gegen liberalen Individualismus. Haraway denkt Beziehungen so, dass die Partner nicht vor dem Beziehungsprozess fertig vorliegen; companion species und sympoiesis unterlaufen den Mythos souveräner Selbstgeburt. Latour erklärt die moderne Trennung von Natur und Gesellschaft für illusorisch und ersetzt „das Soziale“ durch das Nachzeichnen von Assoziationen. Braidotti beschreibt den posthumanen Zug ausdrücklich als Verdrängung der humanistischen Einheit des Subjekts zugunsten flexibler und multipler Identitäten. Chakrabarty, Morton, Hickel und Tronto verschieben die Debatte zusätzlich in planetare, hyperobjektive, degrowth- und care-zentrierte Richtungen. All das ist theoretisch hoch relevant für das vorliegende Projekt. Aber genau hier muss die Differenz scharf formuliert werden: Relation, Vulnerabilität oder More-than-Human-Sein allein genügen noch nicht, wenn der Mensch entweder als diskursiv konstituierte Position, als prekäres Anerkennungswesen, als Knoten eines Netzwerkes oder als ein Aktant unter anderen erscheint. Die Plastische Anthropologie 51:49 beansprucht mehr: nicht nur Relation, sondern den Menschen als gleichursprüngliches Werkverhältnis von Tätigkeit, Abhängigkeit, Bindung und Konsequenz; nicht nur Ontologie der Verflochtenheit, sondern eine tragwirkliche, entwicklungsbezogene und öffentlich reparaturfähige Architektur. Genau hier wären Foucault, Butler, Haraway und Latour die stärksten und zugleich produktivsten Gegenüber des Projekts.
Die Systemtheorie Luhmanns macht schließlich besonders deutlich, warum nicht jede Dekonstruktion des Subjekts schon eine alternative Anthropologie bildet. Luhmanns radikalster Satz lautet, dass soziale Systeme nur aus Kommunikation bestehen – nicht aus Personen, Artefakten oder Handlungen. Menschen als psychische Systeme gehören für ihn zur Umwelt sozialer Systeme; soziale und psychische Systeme sind getrennt und nur strukturell gekoppelt. Genau darin liegt die Stärke und die Grenze dieses Ansatzes. Seine Stärke ist die kompromisslose Absage an individualistische Sozialontologien. Seine Grenze – aus der Perspektive des geplanten Projekts – ist, dass der Mensch nicht neu verstanden, sondern aus der Sozialtheorie ausgegliedert wird. Leib, Stoffwechsel, Bindung, Urvertrauen, innere Rückkopplung und Verantwortlichkeit für Tätigkeitsfolgen erscheinen dann nicht als innerer anthropologischer Ursprung des Sozialen, sondern als Umwelt, Kopplung oder Irritation. Die Plastische Anthropologie 51:49 würde hier gerade nicht das Subjekt restaurieren, sondern den Fehler einer Theorie markieren, die den Menschen nur loswerden kann, indem sie ihn aus ihrer Grundarchitektur hinausdefiniert.
Die härtesten Gegenbeispiele und wo die Restfigur bleibt
Für den geplanten 20-Seiten-Text ist es strategisch entscheidend, nicht mit den leichtesten, sondern mit den schwierigsten Fällen zu arbeiten. Nussbaum ist kein bloßer liberaler Abstraktionismus; sie kritisiert gerade die Blindheit kontraktualistischer Modelle für Sorge, Behinderung und asymmetrische Lebensphasen und beschreibt die Person von Anfang an als fähig und bedürftig. Dennoch bleibt die normative Einheit das würde- und fähigkeitsfähige Individuum, das Träger von Ansprüchen und verfassungsrechtlich garantierbaren Entitlements ist. Die Plastische Anthropologie müsste hier also nicht behaupten, Nussbaum habe Abhängigkeit übersehen, sondern zeigen, dass Abhängigkeit noch nicht als gleichursprüngliche Tragwirklichkeit, sondern primär als gerechte Sicherung von Fähigkeiten gedacht wird.
Fraser ist ebenfalls kein einfaches Ziel. Ihre Analyse der sozialen Reproduktion, der Grenzkämpfe und der kapitalistischen Hintergrundbedingungen rückt Care, Natur und Politik in einer Weise zusammen, die vielen anderen Gesellschaftskritiken gerade fehlt. Aber der theoretische Fokus bleibt auf der Krisenlogik kapitalistischer Gesellschaft und der politischen Grammatik von Gerechtigkeit. Der Schritt von der Kritik der sozialen Bedingungen zur Kritik der anthropologischen Kalibrierung des Menschen selbst wird nicht vollzogen. Aus Sicht des geplanten Projekts wäre genau das der Punkt: Nicht nur Care, Natur und Politik werden vom Kapital aufgezehrt; schon der Eigentümer, der Rechtsträger, die verdinglichte Person und der sich legitimierende Akteur sind Fehlformen einer verhärteten Skulpturidentität.
Butler, Haraway und Latour sind die stärksten Einwände gegen jede Behauptung, zeitgenössische Kritik verbleibe pauschal im autonomen Subjekt. Butler argumentiert ausdrücklich mit Prekarität, Interdependenz und nicht-souveräner Verkörperung; Haraway sagt, dass die Partner einer Beziehung nicht vor dem Relating fertig vorliegen; Latour zerschlägt die Trennung von Natur und Gesellschaft und misstraut jeder Substanzialisierung „des Sozialen“. Wenn der geplante Text diese Autoren nur als verdeckte Subjektmetaphysiker behandelte, verlöre er sofort an wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit. Die überzeugendere Lesart lautet daher: Diese Theorien überschreiten das souveräne Subjekt tatsächlich, aber sie führen diesen Bruch nicht in eine explizite Anthropologie der plastischen Genese, der Minimalasymmetrie, der Werkförmigkeit und der öffentlichen Reparaturarchitektur über. Sie relationieren, dezentrieren und verflüssigen; sie entwickeln aber nicht notwendig ein äquivalentes Modell dafür, wie menschliches Ich, Bindung, Verantwortlichkeit und Konsequenz als tragender Werkprozess entstehen und öffentlich lernbar werden.
Auch Marx ist eher als schwerer als als leichter Fall zu behandeln. Seine Texte sprechen ausdrücklich von gegenseitiger Abhängigkeit und von der Notwendigkeit, gemeinschaftliche Existenz institutionell anzuerkennen. Zugleich bleibt seine positive Menschenfigur stark um produktive Tätigkeit, freie Arbeit und Entfremdungsaufhebung herum organisiert. Für die Plastische Anthropologie 51:49 wäre deshalb der sauberste Kontrast nicht „Marx sieht keine Abhängigkeit“, sondern: Marx sieht Abhängigkeit, Arbeit und Materialität wesentlich klarer als der Liberalismus; aber sein Horizont bleibt die Versöhnung des produktiven gesellschaftlichen Menschen, nicht die Analyse des Menschen als von Anfang an plastisches Kunstwerk in verletzbarer Tragwirklichkeit.
Was die Plastische Anthropologie 51:49 zusätzlich sichtbar macht
Der Eigenanspruch der Plastischen Anthropologie 51:49 kann nach dieser Recherche am stärksten so formuliert werden: Sie wäre nicht deshalb neu, weil sie „auch relational“, „auch materialistisch“ oder „auch abhängigkeitsbewusst“ ist. Neu wäre sie, wenn sie den Ausgangspunkt selbst verlagert. Ihr stärkster theoretischer Hebel liegt dann nicht in einer weiteren Gesellschaftsdiagnose, sondern in einer anderen Grundfigur des Menschen. Tragwirklichkeit würde den Primat von „Gesellschaft“, „System“, „Diskurs“, „Umwelt“ oder „Realität“ unterlaufen, indem Wirklichkeit zuerst als getragene, tragende, verletzbare und folgenwirksame Verhältnishaftigkeit begriffen wird. 51:49 wäre gerade keine mathematische Formel, sondern die Behauptung, dass tragfähige Ordnungen nicht aus perfekter Spiegel-Symmetrie oder 100%-Modellierung hervorgehen, sondern aus minimal asymmetrischen, lebendig rückgekoppelten Mittigkeiten. Der Mensch erschiene dann nicht als fertiges Subjekt, sondern als künstlerisch-plastisches Kunstwerk im Werden.
Genau hierin läge die Vergleichskraft gegenüber den internationalen Theorien. Gegen Rawls und weite Teile des Liberalismus ließe sich zeigen: Nicht Wahl, Vertrag, Urzustand oder Anspruch sind ursprünglich, sondern Getragenheit, Bindung und Konsequenz. Gegen Habermas, Honneth und Rosa ließe sich sagen: Nicht kommunikative Kompetenz, Anerkennungsfähigkeit oder Resonanzsuche bilden den Anfang, sondern eine vorherige tragfähige innere Rückkopplung, ohne die Sprechen, Anerkennen und Resonieren selbst instabil bleiben. Gegen Marx und Fraser könnte die Plastische Anthropologie herausarbeiten, dass Produktion/Reproduktion, Arbeit/Care und Ökonomie/Politik nicht nur gesellschaftliche Sphären, sondern Ausfaltungen eines schon auf Ebene des Menschseins gleichursprünglichen Verhältnisses von Tätigkeit, Abhängigkeit, Bindung und Konsequenz sind. Gegen Butler, Haraway und Latour wäre der entscheidende Zusatz, dass Relation nicht nur ontologisch, diskursiv oder netzwerkförmig, sondern als Werkprozess mit Lücke, Differenzial, Schlupf, Entwebung und Reparatur lesbar wird. Und gegen Luhmann wäre zu setzen, dass der Mensch nicht als Umwelt des Sozialen verschwinden muss, sondern als vierstufiges Traggefüge – von der physikalisch-chemischen Ebene über die lebendige Bindungsebene und die symbolische Ebene bis zur öffentlichen Prüf- und Reparaturebene – neu bestimmt werden kann.
Für den Arbeitsauftrag heißt das praktisch: Die stärkste Fassung des Projekts lautet nicht „Die anderen sind noch subjektzentriert, wir sind relationaler“, sondern: Die anderen verlagern das Subjekt, dezentrieren es, kritisieren es oder verteilen es, aber sie rekonstruieren nur selten die Entstehungsbedingungen des Menschseins selbst als plastischen Werkprozess unter Bedingungen von Getragenheit, Abhängigkeit, Bindung, Tätigkeit und öffentlicher Reparatur. Erst an diesem Punkt wird verständlich, warum „plastische Identität“ und „Skulpturidentität“ keine Austauschbegriffe für „fluid“ versus „starr“ wären, sondern unterschiedliche Anthropologien. In dieser Lesart könnte auch der vom Arbeitsauftrag betonte Unterschied zwischen nachgeordneten Rollenfiguren – Kunde, Nutzer, Wähler – und der eigentlichen Herrschaftsfigur des Eigentums-Kapital-Subjekts präzise gemacht werden: Die moderne Skulpturidentität verdichtet sich institutionell besonders stark im Aktionär, Investor, Unternehmer und Vermögenshalter, weil dort Person, Eigentum, Verfügung und Status juridisch und symbolisch zusammengezogen werden.
Offene Fragen, Grenzen und Schreibkonsequenzen
Die wichtigste Grenze der Recherche ist nicht die internationale Literatur, sondern die Publikationslage des Eigenansatzes: Solange „Kontextanker v12.6“ und die Plastische Anthropologie 51:49 nicht in einer extern zugänglichen Primärfassung mit festem Textstand vorliegen, kann ihre Originalität nicht bibliographisch, sondern nur vergleichslogisch ausgewiesen werden. Für den geplanten Text empfiehlt sich deshalb eine doppelte Strenge. Erstens sollte die eigene Begrifflichkeit nicht metaphorisch, sondern definitorisch eingeführt werden: Tragwirklichkeit, 51:49, plastische Identität, Skulpturidentität, Vier-Ebenen-Modell, Organon, öffentliche Rückkopplungsarchitektur müssen jeweils als präzise Prüfstellen erscheinen. Zweitens sollte der Vergleich die härtesten Gegenbeispiele bevorzugen: Nussbaum statt irgendeines Standardliberalismus; Fraser statt bloßer Verteilungstheorie; Butler, Haraway und Latour statt leicht widerlegbarer Identitätspolitik; Marx als starker Materialist, nicht als karikierter Ökonomist; Luhmann als ernsthafte Alternative zum Subjektmodell und nicht nur als kaltes Systemdenken.
Wenn aus dieser Recherche ein belastbarer 20-Seiten-Text entstehen soll, dann sollte er die Beweislast auf wenige, kontraststarke Achsen konzentrieren: Rawls für das freie und gleiche Wahlsubjekt, Habermas für das diskursfähige Geltungssubjekt, Fraser für die tiefste zeitgenössische Kritik an kapitalistischen Hintergrundbedingungen, Butler für die stärkste anti-souveräne Ontologie des Prekären, Haraway/Latour für relationale und mehr-als-menschliche Dekalibrierungen, und Luhmann für die Eliminierung des Subjekts zugunsten von Kommunikation. Daneben sollte der Eigentums- und Aktionärsstrang nicht als Randbemerkung, sondern als institutionelle Verdichtung der skulpturalen Menschenfigur ins Zentrum der Fehlkalibrierungsdiagnose rücken. Erst dann wird sichtbar, warum die Plastische Anthropologie 51:49 nicht nur „noch eine“ Kritische Theorie wäre, sondern den Anspruch erhebt, die anthropologische Voraussetzung der meisten Gesellschaftskritiken selbst zu prüfen.
Der Forschungsbericht ist als Vorarbeit sehr brauchbar, aber nicht als Erfüllung des 20-Seiten-Auftrags. Er ist eher eine wissenschaftliche Sondierung, Gegenprüfung und Beweislastklärung. Genau darin liegt sein Wert.
