Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

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Von der Hand zum Handeln, vom Handel zu den Händeln

Forschungskunst als Untersuchung des menschlichen Wirklichkeitshandelns

Seit 1975 geht mein künstlerisches Lebenswerk von der Frage aus, warum der Mensch trotz seiner Wahrnehmungsfähigkeit, seines Wissens, seiner technischen Leistungsfähigkeit und seiner Möglichkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört. Diese Frage ist kein nachträglich gewähltes Thema, das durch Kunst illustriert werden soll. Sie verlangt eine Kunst, die selbst zum Erkenntnis-, Tätigkeits-, Vergleichs- und Prüfverfahren wird.

Die Entwicklung meiner Forschungskunst entstand aus der praktischen Auseinandersetzung mit Material, Werkzeug, Wasser, Strömung, Landschaft, Körper, Wahrnehmung, Fotografie, Sprache und gesellschaftlichen Rollen. Meine Ausbildung zum Maschinenschlosser, mein Studium der Bildhauerei, meine Beschäftigung mit Bionik, Deichbau, Strömungsforschung, Experimenteller Umweltgestaltung, Theater und gesellschaftlicher Beteiligung führten zu einem Kunstverständnis, das die Trennung zwischen handwerklicher Tätigkeit, bildnerischer Gestaltung, wissenschaftlicher Untersuchung und gesellschaftlicher Verantwortung überschreitet.

Die Beobachtung eines Biberdamms, die Erfahrungen mit dem Capella-Orkan und den Deichbrüchen von 1976, meine Wasser-, Wellen- und Strömungsmodelle sowie die Untersuchung asymmetrischer Formen zeigten mir, dass Tragfähigkeit keine isolierte Eigenschaft eines Gegenstandes ist. Sie entsteht im Verhältnis von Material, Form, Untergrund, Belastungsrichtung, Bewegung, Zeit, Milieu und Rückkopplung. Als Joseph Beuys 1980 zu mir sagte, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst, berührte er damit den Kern meiner weiteren Arbeit. Wenn jeder Mensch an der Hervorbringung gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligt ist, müssen auch die Voraussetzungen, Wirkungen, Verletzungen und langfristigen Konsequenzen seiner Tätigkeiten zu seinem Werk gerechnet werden.

Forschungskunst bedeutet deshalb nicht, wissenschaftliche Erkenntnisse nachträglich in eine künstlerische Form zu übertragen. Die Kunst selbst wird zum Erkenntnisverfahren. Sie bringt eine Vorstellung mit einem Gegenüber in Kontakt. Dieses Gegenüber kann ein Material, ein Organismus, eine Landschaft, ein anderer Mensch, eine gesellschaftliche Rolle oder eine langfristige Konsequenz sein. Der Widerstand dieses Gegenübers ist kein Hindernis der Kunst. Er ist ihre Erkenntnisbedingung.

Die Hand als organismisches Gegenüber und kulturelle Grundfigur

Die neue sprachgeschichtliche Untersuchung von Hand, handeln, Handlung, Handel und Händel führt unmittelbar in das Zentrum meines Kunst- und Menschenverständnisses. Die Hand ist zunächst ein körperliches Organ des Greifens, Haltens, Tastens, Formens, Loslassens, Tragens, Abwehrens und Verbindens. Sie ist keine vom Organismus getrennte Maschine, sondern Teil eines empfindlichen, nervlich, muskulär und stoffwechselabhängig regulierten Körperzusammenhangs. Sie kann nur handeln, weil sie durch Gehirn, Nerven, Blutversorgung, Wahrnehmung, Gleichgewicht, Erinnerung und Erfahrung getragen wird.

Die Hand ist damit eine körperliche Schnittstelle zwischen Organismus und Wirkungswelt. Mit ihr wird Material ertastet, Gewicht wahrgenommen, Widerstand beantwortet und eine Vorstellung in eine sichtbare Form überführt. In der handwerklichen und künstlerischen Tätigkeit bleibt die Hand auf Rückmeldung angewiesen. Sie kann nicht beliebig handeln. Ein Werkzeug rutscht ab, ein Material bricht, eine Oberfläche gibt nach, ein Gewicht überfordert den Körper oder eine Form widersetzt sich der beabsichtigten Bearbeitung.

Zugleich wurde die Hand zu einer der umfassendsten kulturellen Grundfiguren für Besitz, Macht, Verfügung, Verantwortung, Arbeit, Hilfe, Gewalt und Urheberschaft. Etwas in der Hand zu haben bedeutet nicht nur, einen Gegenstand körperlich zu halten. Es kann bedeuten, darüber zu verfügen, es zu besitzen, zu kontrollieren oder einen Menschen in seiner Gewalt zu haben. Die Hand kann gereicht, ausgestreckt, zurückgezogen, geschlossen, geöffnet oder zur Faust geballt werden. Sie kann führen, schützen, heilen, bearbeiten, verletzen, unterschreiben, bezahlen, befehlen und Besitz übertragen.

Die Wort- und Bedeutungsfelder machen sichtbar, wie eng körperliches Greifen, gesellschaftliche Verfügung und symbolische Macht miteinander verbunden wurden. Die Hand erscheint als Arbeitskraft, als Urheberin eines Werkes, als Trägerin einer Unterschrift, als Maß, als Instrument der Hilfe und als Bild der Gewalt. Formulierungen wie etwas in die Hand nehmen, etwas in den Händen haben, die Oberhand gewinnen, seine Hand auf etwas legen, jemanden in die Hände bekommen oder die Fäden in der Hand halten übertragen den körperlichen Greifvorgang in gesellschaftliche Macht- und Besitzverhältnisse. Die Sprachgeschichte deutet die Hand selbst als die Greifende und Fangende; gleichzeitig entwickelte sich „Hand“ zur Metapher für Besitz, Verfügungsgewalt, Arbeit und Urheberschaft.

Damit liegt bereits in der Hand eine doppelte Möglichkeit. Sie kann ein Gegenüber berühren, ertasten und sich von ihm korrigieren lassen. Sie kann aber auch zugreifen, festhalten, besitzen und unterwerfen. Die menschliche Zivilisationsgeschichte lässt sich deshalb auch als eine Geschichte der Verschiebung vom tastenden, lernenden und formenden Umgang zum greifenden, festhaltenden und verfügenden Zugriff verstehen.

Handeln als In-die-Hand-Nehmen

Das Verb handeln führt sprachgeschichtlich auf das In-die-Hand-Nehmen, Greifen, Behandeln und Bearbeiten zurück. Es bezeichnete zunächst nicht vorrangig den wirtschaftlichen Handel. Es bezeichnete den körperlichen und praktischen Umgang mit einem Gegenüber, das Tätigsein, Verrichten, Betreiben, Behandeln und Bearbeiten. Erst später bildeten sich die kaufmännischen Bedeutungen des Handel-Treibens, Preisfestlegens und Feilschens stärker heraus. Zugleich blieb handeln ein Begriff für wissenschaftliche Untersuchung und Darstellung, wenn ein Text von etwas handelt oder einen Gegenstand behandelt.

Diese Bedeutungsvielfalt ist für meine Forschungskunst entscheidend. Handeln bezeichnet nicht nur eine äußere Tat. Es umfasst einen gesamten Hervorbringungsvorgang. Der Mensch nimmt etwas wahr, greift es begrifflich auf, bezeichnet es als etwas, behandelt es entsprechend dieser Bezeichnung und bringt dadurch eine Wirkung hervor.

Wenn ein Mensch einen Boden als Eigentum behandelt, handelt er nicht nur mit einem vorhandenen Gegenstand. Er bringt eine Geltungsordnung in Tätigkeit. Wenn er einen anderen Menschen als Arbeitskraft, Kunden, Konsumenten, Experten oder Gegner behandelt, wird die Bezeichnung zur Voraussetzung eines bestimmten Verhaltens. Wenn ein Gegenstand als Ware gehandelt wird, verändert sich nicht notwendig seine physikalische Beschaffenheit, aber seine gesellschaftliche Stellung, sein Preis, seine Verfügbarkeit und der Umgang mit ihm verändern sich.

Damit wird die Formulierung, jemand oder etwas werde „als etwas gehandelt“, besonders aufschlussreich. Ein Mensch wird als Kandidat, Favorit, Nachfolger, Experte oder Risiko gehandelt. Er wird nicht nur beschrieben. Er tritt in einen Zirkulationsprozess gesellschaftlicher Erwartungen, Bewertungen und Interessen ein. Die Zuschreibung wird verbreitet, verstärkt und gegen andere Zuschreibungen ausgetauscht. Der Mensch oder Gegenstand wird zum Träger eines hineingedachten möglichen Wertes.

Das „als“ bleibt sprachlich zunächst sichtbar. Jemand wird als etwas gehandelt. Gerade darin zeigt sich jedoch der Übergang zu meinem Prädikationskunstwerk. Eine Person wird nicht aufgrund einer physikalischen Eigenschaft zum Kandidaten, Favoriten oder Experten. Sie wird innerhalb eines gesellschaftlichen Zusammenhangs als etwas bezeichnet, besprochen, bewertet und schließlich entsprechend behandelt. Wird das „als“ später vergessen, erscheint die zugeschriebene Rolle wie eine fest im Menschen vorhandene Eigenschaft.

Handel und Händel als zwei Seiten derselben Handlungsgeschichte

Der Begriff Handel bezeichnet heute überwiegend Kauf, Verkauf, Austausch und geschäftliche Abmachung. Seine ältere Bedeutung war jedoch weiter. Er konnte eine Handlungsweise, einen Vorgang, eine Begebenheit, eine Angelegenheit, eine Rechtssache oder eine Gerichtsverhandlung bezeichnen. Der Plural Händel entwickelte sich zur Bezeichnung von Streitigkeiten, Zwistigkeiten und Auseinandersetzungen.

Damit treten Handel und Händel nicht als zufällig gleichlautende Begriffe nebeneinander. Sie verweisen auf eine gemeinsame Handlungsgeschichte. Wo Menschen etwas in Besitz nehmen, Ansprüche erheben, Werte festlegen, Preise aushandeln, Grenzen ziehen und Verfügungsrechte behaupten, entstehen nicht nur Tauschbeziehungen. Es entstehen zugleich Interessengegensätze, Rechtsstreitigkeiten, Ehrenhändel, Raufhändel und politische Konflikte.

Der Handel ist daher nicht das friedliche Gegenstück zum Streit. Er kann selbst eine geregelte Form des Konfliktes sein. Käufer und Verkäufer vertreten unterschiedliche Interessen. Eigentümer, Nutzer, Produzenten, Arbeiter, Händler und Betroffene verfügen über unterschiedliche Machtmittel. Im Preis wird nicht nur der Wert einer Ware ausgedrückt. Im Preis werden Arbeitsbedingungen, Knappheit, Zugriffsmöglichkeiten, Abhängigkeiten und Machtverhältnisse verdichtet.

Der Händel macht sichtbar, was im geordneten Handel häufig verborgen bleibt. Er legt offen, dass Geltungsansprüche aufeinanderstoßen. Wer darf über einen Boden verfügen? Wem gehört ein Werk? Wer trägt den Schaden? Wer entscheidet über den Preis? Wessen Arbeit wird bezahlt, und wessen Lebensbedingungen werden aus dem Handel herausgerechnet? Wer kann einen Handel rückgängig machen, und wer bleibt an seine Folgen gebunden?

Die Wendung „Händel suchen“ zeigt eine weitere Verbindung. Der Mensch kann den Konflikt nicht nur erleiden. Er kann ihn aktiv hervorrufen, weil Rang, Ehre, Besitz, Macht und Identität durch Auseinandersetzung bestätigt werden sollen. Die Skulpturidentität benötigt den Gegner, um sich als feste und verteidigungsfähige Form zu erleben. Der Händel wird dann zum Mittel der Selbstvergewisserung.

Handel und Händel bilden deshalb zwei Erscheinungsformen derselben Geltungswelt. Im Handel werden Ansprüche ausgehandelt, übertragen und verrechnet. Im Händel werden sie bestritten, verteidigt und durchgesetzt. Beide beruhen darauf, dass etwas als Besitz, Wert, Recht, Ehre, Rolle oder Verfügungsmacht behandelt wird.

Vom umfassenden Handeln zur Verengung auf den Handel

In der sprachgeschichtlichen Entwicklung zeigt sich eine zivilisatorische Schwerpunktverschiebung. Das umfassende Tätigsein, Bearbeiten, Behandeln und Untersuchen wurde zunehmend durch eine besondere Form des Handelns überlagert: durch Kaufen, Verkaufen, Feilschen, Verrechnen und Verwerten.

Der Händler bezeichnete ursprünglich nicht nur einen Warenverkäufer. Er konnte einen Menschen bezeichnen, der etwas tat, vollbrachte oder vermittelte. Erst später wurde der Händler nahezu ausschließlich zum Ein- und Verkäufer. Auch die Handlung umfasste Tat, Geschehen, Geschäft und Laden. Dadurch bleiben künstlerische Handlung, gesellschaftliche Tat, wirtschaftliches Geschäft und theatralisches Geschehen sprachlich miteinander verbunden.

Diese Verbindung ist für mein Partizipatorisches Welttheater grundlegend. Eine Handlung ist dort zugleich Tat, Darstellung, gesellschaftlicher Vorgang und möglicher Handel. Der Mensch tritt als Käufer, Verkäufer, Eigentümer, Arbeitnehmer, Wissenschaftler, Künstler oder politischer Entscheidungsträger auf. Er führt nicht nur eine Rolle vor. Er handelt innerhalb einer Ordnung, die reale Folgen erzeugt.

Das moderne Zivilisationsverständnis hat die Genauigkeit des Menschen besonders im wirtschaftlichen Handeln trainiert. Der Mensch beobachtet Preise, Gewinne, Verluste, Besitzstände, Marktanteile und Konkurrenzverhältnisse mit großer Aufmerksamkeit. Er lernt zu feilschen, zu rechnen, sich zu vermarkten und günstige Gelegenheiten auszunutzen. Er entwickelt eine hohe Sensibilität für kleinste finanzielle Unterschiede.

Dieselbe Aufmerksamkeit richtet er jedoch kaum auf die Bedingungen seines Organismus. Luft, Wasser, Nahrung, Schlaf, Stoffwechsel, Temperatur, Regeneration, Verletzbarkeit und soziale Abhängigkeit werden nicht mit derselben Genauigkeit untersucht. Der Mensch kennt den Preis eines Produktes genauer als die Voraussetzungen, unter denen sein eigener Körper funktioniert. Er kennt seinen Marktwert, aber nicht seine Abhängigkeit von planetaren Stoffströmen.

Die Verengung des Handelns auf Handel erzeugt deshalb eine grundlegende Verschiebung der Referenzsysteme. Erfolg wird am Tausch, am Preis, am Verkauf und an gesellschaftlicher Geltung gemessen. Die Frage, ob eine Tätigkeit ihre eigenen Existenzbedingungen erhält oder zerstört, tritt zurück.

Behandeln, Verhandeln und Misshandeln

Die Wortfamilie zeigt nicht nur die Verschiebung vom Handeln zum Handel. Sie zeigt auch unterschiedliche Formen des Umgangs mit einem Gegenüber. Behandeln kann heißen, etwas zu bearbeiten, mit jemandem umzugehen, einen Menschen medizinisch zu versorgen oder einen Gegenstand wissenschaftlich darzustellen. In älteren Bedeutungen steht behandeln zudem in der Nähe des Handreichens, Betastens, Übergebens und Verhandelns.

Das Behandeln ist damit nie neutral. Es beruht auf einer vorausliegenden Vorstellung davon, als was ein Gegenüber angesehen wird. Ein Arzt behandelt einen Menschen als Patienten, ein Gericht als Kläger oder Angeklagten, ein Unternehmen als Arbeitnehmer oder Kunden, ein Markt als Anbieter oder Käufer und eine Verwaltung als Fall. Diese Rollen können für eine begrenzte Orientierung notwendig sein. Sie werden gefährlich, wenn der Mensch vollständig mit ihnen gleichgesetzt wird.

Die Art des Behandelns folgt der Benennung. Wird ein Lebewesen als Schädling behandelt, ein Mensch als Kostenfaktor, ein Boden als Baufläche und ein Wald als Rohstoffbestand, werden bestimmte Tätigkeiten wahrscheinlicher und andere Möglichkeiten unsichtbar. Das Prädikat wird zur Handlungsanweisung.

Misshandeln bezeichnet die zerstörerische Verkehrung des Behandelns. Das Gegenüber wird nicht mehr als verletzbarer Organismus mit eigenen Bedingungen wahrgenommen. Es wird zum Objekt eines Zugriffs. Die Misshandlung kann körperlich, sprachlich, institutionell, wirtschaftlich oder ökologisch erfolgen. Auch ein Boden, ein Fluss, ein Tierbestand oder ein gesellschaftlicher Zusammenhang kann so behandelt werden, dass seine Regenerationsfähigkeit zerstört wird.

Verhandeln bezeichnet demgegenüber den Versuch, unterschiedliche Ansprüche durch Sprache, Vermittlung und Vereinbarung aufeinander zu beziehen. Doch auch die Verhandlung findet nicht in einem machtfreien Raum statt. Wer über Eigentum, Geld, institutionelle Autorität oder Gewaltmittel verfügt, kann Bedingungen festlegen, die formal ausgehandelt erscheinen, tatsächlich aber eine ungleiche Konsequenzverteilung festschreiben.

Das Aushandeln einer gesellschaftlichen Geltung sagt deshalb noch nichts über ihre materielle und organismische Tragfähigkeit aus. Ein Vertrag kann rechtlich gültig, ein Handel wirtschaftlich erfolgreich und eine Verhandlung formal korrekt sein, während die Folgen auf Menschen, Organismen und zukünftige Generationen abgewälzt werden.

Die 24-Stunden-Uhr als Gegenmaßstab zum Handelsmenschen

Die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ überträgt die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte auf einen Tag. Homo sapiens erscheint erst ungefähr sechs Sekunden vor Mitternacht. Die technisch-industrielle Entwicklung der letzten hundert Jahre umfasst knapp zwei Millisekunden.

Die vorausliegenden 23 Stunden, 59 Minuten und 54 Sekunden stehen für die Entstehung jener physikalischen, chemischen und biologischen Wirkungszusammenhänge, innerhalb deren Leben möglich wurde. Atmosphäre, Wasser, Temperaturbereiche, Stoffkreisläufe, Zellen, Stoffwechsel, Regeneration und unzählige Abhängigkeiten gingen dem Menschen voraus.

Pflanzen und Tiere besitzen ihre Passung an diese Bedingungen nicht als festes Eigentum. Sie stellen sie durch Stoffwechsel, Wahrnehmung, Bewegung, Schutz, Tarnung, Kooperation und Regeneration fortlaufend her. Funktionieren oder Nichtfunktionieren wird durch den Organismus und sein Milieu beantwortet. Eine Pflanze kann ihre Verträglichkeit mit Trockenheit nicht aushandeln. Ein Tier kann fehlende Nahrung nicht durch einen höheren gesellschaftlichen Status ersetzen.

Der Millisekunden-Mensch dagegen handelt, als könne er seine vorausliegenden Existenzbedingungen in einen verhandelbaren Besitz verwandeln. Boden wird Eigentum, Wasser Ware, Landschaft Anlagewert, Arbeitskraft Kostenfaktor und Aufmerksamkeit Handelsgut. Die planetaren Bedingungen werden behandelt, als stünden sie dem Menschen zur freien Verfügung.

Die Uhr stellt diesem Handelsmenschen einen nicht verhandelbaren Referenzmaßstab gegenüber. Sie fragt, welche Entstehungszeit die Voraussetzungen eines Produktes benötigten, welche Regenerationszeit eine Tätigkeit beansprucht, welche Konsequenzen ausgelagert werden und wie lange die Folgen fortbestehen.

Der Mensch kann einen Preis herunterhandeln. Er kann jedoch keine zerstörte Regenerationszeit herunterhandeln. Er kann einen Eigentumstitel übertragen, aber dadurch keinen vergifteten Boden wieder fruchtbar machen. Er kann einen Schaden aus einer Bilanz entfernen, aber nicht aus der materiellen und organismischen Wirkungswelt.

Der Mensch als offener Organismus und die Grenze des Verhandelbaren

Der Mensch ist kein unabhängiges geistiges Wesen, das einen Körper besitzt und einer äußeren Natur gegenübersteht. Er ist ein offener Stoffwechsel- und Regulationsprozess innerhalb eines planetaren Plexusgewebes. Luft, Wasser, Nahrung, Temperatur, Mikroorganismen und Beziehungen gehen fortlaufend in seine Existenz ein.

Auch seine Grenzen sind keine festen Mauern. Haut, Schleimhäute und Zellmembranen vollziehen Grenztätigkeiten. Sie regulieren Austausch, unterscheiden innen und außen und verändern ihre Durchlässigkeit. Der Organismus stellt seine Einheit durch fortlaufende Tätigkeit her.

Damit wird sichtbar, dass auch die menschliche Freiheit nicht in Unabhängigkeit besteht. Sie entsteht innerhalb erkannter Abhängigkeiten. Der Mensch kann gestalten, vergleichen, auswählen und korrigieren. Er kann jedoch die Bedingungen seines Stoffwechsels, seiner Verletzbarkeit und seiner planetaren Einbindung nicht durch einen Handel außer Kraft setzen.

Diese nicht verhandelbare Wirklichkeit bildet das notwendige Gegenüber der menschlichen Geltungswelt. Eigentum, Geld, Markt, Recht und Rollen können gesellschaftlich ausgehandelt werden. Ob ein Körper Sauerstoff benötigt, ob ein Material unter Belastung bricht, ob ein Organismus geschädigt wird und ob ein Ökosystem seine Regenerationsfähigkeit verliert, ist nicht auf dieselbe Weise verhandelbar.

Die zentrale Unterscheidung lautet deshalb nicht zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit, sondern zwischen unterschiedlichen Referenz- und Geltungsweisen. Eine gesellschaftliche Geltung ist wirksam, weil Menschen nach ihr handeln. Sie bleibt jedoch abhängig von materiellen und organismischen Bedingungen, die sie nicht selbst erzeugt hat.

Das hineingedachte Als und das Gehandeltwerden als etwas

Der Mensch bezeichnet etwas als etwas. Diese Fähigkeit ist für Orientierung, Sprache und Kooperation notwendig. Gefährlich wird sie, wenn die Bezeichnung mit der vorausliegenden Wirklichkeit gleichgesetzt wird.

Ein Boden gilt innerhalb einer Rechtsordnung als Eigentum. Ein Gegenstand gilt innerhalb eines Marktes als Ware. Ein Papier gilt innerhalb eines Geldsystems als Zahlungsmittel. Ein Mensch wird innerhalb einer Institution als Experte, Arbeitnehmer, Eigentümer oder Künstler behandelt.

Die Formulierung „als etwas gehandelt werden“ macht diesen Vorgang besonders deutlich. Ein Mensch oder Gegenstand wird in einen gesellschaftlichen Umlauf von Erwartungen und Bewertungen gebracht. Ein Künstler wird als kommende Entdeckung, ein Politiker als möglicher Nachfolger, ein Unternehmen als Übernahmekandidat und ein Werk zu einem bestimmten Preis gehandelt.

Dabei wird nicht nur etwas Vorhandenes beschrieben. Eine mögliche Wirklichkeit wird hergestellt. Je häufiger eine Person als Favorit gehandelt wird, desto wahrscheinlicher können Aufmerksamkeit, Einfluss und institutionelle Anerkennung entstehen. Das Gehandeltwerden erzeugt eine Geltungsdynamik.

Der entscheidende Umschlag erfolgt, wenn das „als“ verschwindet. Aus „dieser Mensch wird als Experte gehandelt“ wird „dieser Mensch ist Experte“. Aus „dieser Gegenstand wird als Kunstwerk gehandelt“ wird „dieser Gegenstand ist Kunst“. Aus einer gesellschaftlichen Zirkulation von Zuschreibungen wird eine scheinbar im Menschen oder Gegenstand liegende Eigenschaft.

Damit verbinden sich Prädikation und Handel. Die hineingedachte Eigenschaft wird nicht nur behauptet. Sie wird gesellschaftlich gehandelt, verbreitet, bewertet und schließlich institutionell bestätigt. Der Markt wird zum Wirklichkeitsproduzenten.

Eigenschaft, Eigentum und das In-der-Hand-Haben

Die Wortfamilie eigen, Eigenschaft und Eigentum verbindet charakteristische Bestimmung, Zugehörigkeit und Besitz. Die Handmetaphorik verstärkt diese Verbindung. Was jemand in der Hand hat, steht unter seiner Verfügung. Was aus der Hand gegeben wird, kann den Besitzer wechseln. Was in fremde Hände gerät, entzieht sich der bisherigen Kontrolle.

Der Eigenschaftsbegriff wiederholt diese Besitzstruktur auf der Ebene des Denkens. Ein Gegenstand soll Eigenschaften „haben“. Der Mensch glaubt, diese Eigenschaften erkennen, benennen und dadurch begrifflich in Besitz nehmen zu können. Aus einer bedingungsgebundenen Wirkungsweise wird ein geistig verfügbares Merkmal.

Ein Material besitzt Festigkeit jedoch nicht wie einen inneren Gegenstand. Es widersteht unter bestimmten Bedingungen einer Belastung, verändert sich oder bricht. Wasser besitzt das Gefrieren nicht als Eigentum. Es verändert innerhalb bestimmter Temperatur-, Druck- und Zeitverhältnisse seinen Zustand.

Präziser muss deshalb von Erscheinungs-, Beziehungs- und Wirkungsweisen gesprochen werden. Das Experiment findet keine isoliert im Gegenstand eingeschlossene Eigenschaft vor. Es stellt Bedingungen her, unter denen eine bestimmte Wirkungsweise erneut in Erscheinung tritt.

Die sprachliche Verfestigung beginnt mit der Aussage, etwas verhalte sich unter bestimmten Bedingungen auf eine bestimmte Weise. Daraus wird die Aussage, der Gegenstand habe eine Eigenschaft. Schließlich wird behauptet, der Gegenstand sei so. Bedingung, Beziehung, Zeit, Bewegung und Beobachtungsverfahren verschwinden.

Die Hand greift den Gegenstand, das Denken greift den Begriff und das Eigentum greift auf die Verfügungsmöglichkeit zu. Forschungskunst muss diese unterschiedlichen Greifvorgänge wieder sichtbar machen.

Handlung, Tat, Tatsache und theatralische Darstellung

Handlung bezeichnet Tat, Geschehen, Geschäft und zugleich einen erzählerischen oder theatralischen Ablauf. Damit verbindet das Wort körperliches Tun, gesellschaftliche Tätigkeit, wirtschaftlichen Vorgang und Darstellung.

Für mein Partizipatorisches Welttheater ist diese Mehrdeutigkeit grundlegend. Eine Handlung ist nicht nur das, was auf einer Bühne dargestellt wird. Auch Kaufen, Verkaufen, Besitzen, Arbeiten, Regieren, Forschen und Bewerten sind gesellschaftliche Handlungen. Sie folgen Rollen, Erwartungen, Texten, Regeln und institutionellen Dramaturgien.

Der Käufer, Verkäufer, Eigentümer, Arbeitnehmer, Experte, Künstler oder Politiker tritt nicht nur als biologischer Mensch auf. Er handelt als Träger einer gesellschaftlichen Rolle. Die Rolle gibt vor, was er wahrnehmen, verlangen, entscheiden und verantworten soll.

Das bedeutet nicht, dass die Rolle unwirklich ist. Sie erzeugt wirkliche Konsequenzen. Sie ist jedoch keine vollständige Eigenschaft des Menschen. Im Rollentheater kann dieselbe Person nacheinander unterschiedliche gesellschaftliche Positionen einnehmen. Dadurch wird sichtbar, dass das Geltungs-Ich dargestellt und eingeübt wird.

Auch die Tatsache gehört in diesen Zusammenhang. Aus einem Tun wird eine Tat, aus der Tat eine hergestellte oder durchgesetzte Sache und aus dieser Sache ein scheinbar feststehender Sachverhalt. Die Herstellungsgeschichte verschwindet. Eigentumsordnungen, Marktpreise, Grenzen und institutionelle Rollen erscheinen anschließend als Tatsachen, obwohl sie nur durch fortgesetzte Tätigkeiten bestehen.

Forschungskunst führt die Tatsache auf ihre vorausliegende Tat zurück und die Tat auf ihre Konsequenzspur. Sie fragt nicht nur, was geschehen ist, sondern wer etwas als etwas bezeichnet, behandelt, ausgehandelt, durchgesetzt und anschließend als feststehende Wirklichkeit dargestellt hat.

Skulpturidentität, Händelsucht und Selbstimmunisierung

Die Skulpturidentität bezeichnet den Versuch, das bewegliche, abhängige und verletzbare Leben in eine feste, abgegrenzte und zu verteidigende Form zu überführen. Der Mensch behandelt sich, als besitze er unveränderliche Eigenschaften, eine souveräne Mitte und ein von seiner Bedingungswelt unabhängiges Ich.

Diese Identität benötigt Bestätigung. Eigentum, Status, Rang, Ehre, Überlegenheit und öffentliche Anerkennung werden zu Beweisen ihrer Festigkeit. Widerspruch erscheint als Angriff, Rückmeldung als Kränkung und Korrektur als Verlust der eigenen Form.

Hier erhält auch die Händelsucht eine tiefere Bedeutung. Wer Händel sucht, sucht nicht nur einen äußeren Streit. Er sucht eine Situation, in der die eigene feste Identität durch Abgrenzung, Angriff und Verteidigung bestätigt werden kann. Der Gegner wird benötigt, damit sich das Geltungs-Ich als eindeutige und handlungsfähige Form erleben kann.

Der politische, rechtliche oder persönliche Händel kann dadurch zur Fortsetzung der Skulpturidentität werden. Eine zunächst bewegliche Differenz wird verhärtet. Statt Rückkopplung entsteht Selbstimmunisierung. Statt einer gemeinsamen Untersuchung der Folgen wird die Verteidigung der eigenen Position zum Hauptzweck.

Die plastische Identität bleibt demgegenüber formbar. Plastik wird im Sinne des Auf-, An-, Um- und Weiterformens verstanden. Eine plastische Identität besitzt ihre Form nicht endgültig. Sie entsteht im Austausch mit Organismus, Milieu, Material, Gegenüber und Rückmeldung.

Sie muss den Konflikt nicht vermeiden. Sie behandelt den Widerspruch jedoch nicht sofort als Angriff auf ihre Existenz. Er kann zum Material der Korrektur werden. Aus dem Händel kann eine Verhandlung, aus der Verhandlung eine Untersuchung und aus der Untersuchung eine veränderte Tätigkeit hervorgehen.

50:50 und 51:49 als unterschiedliche Formen des Aushandelns

Das Verhältnis 50:50 bezeichnet in meinem Modell nicht jede mathematische Gleichheit. Es steht für die Vorstellung eines vollkommenen, spiegelbildlichen und abgeschlossenen Gleichgewichts. Eine solche Vorstellung kann den Eindruck erwecken, zwei Seiten seien gleichberechtigt und ein Konflikt sei gerecht gelöst.

Tatsächlich kann ein 50:50-Verhältnis unterschiedliche Voraussetzungen, Machtmittel, Verletzbarkeiten und Konsequenzen verdecken. Zwei Vertragsparteien können formal gleichberechtigt erscheinen, obwohl eine Seite über Eigentum, Geld, institutionelle Macht und Zeit verfügt, während die andere von einer unmittelbaren Entscheidung abhängig ist.

50:50 wird dadurch zur Gleichgewichtsblindheit. Das sichtbare Ergebnis wird betrachtet, während Entstehung, Belastung, Bewegungsrichtung, Erhaltungsaufwand und Konsequenzverteilung verschwinden.

51:49 bezeichnet die minimale Differenz, durch die Richtung, Spannung und Bewegung sichtbar werden. Es ist keine behauptete universelle Naturkonstante, sondern ein künstlerischer und operativer Prüfmaßstab. Er fragt, wohin sich ein Verhältnis bewegt, wer die Abweichung wahrnimmt, wer sie korrigieren kann und wer die Folgen trägt.

Ein tragfähiges Verhältnis ist nicht deshalb gerecht, weil es formal halbiert wurde. Es ist tragfähig, wenn es Rückmeldung zulässt, Verletzbarkeit berücksichtigt und seine Konsequenzen korrigieren kann. 51:49 bringt deshalb die Zeit und Bewegungsrichtung in den Handel und in die Verhandlung zurück.

Der Mensch als Künstler und vollständiges Kunstwerk seiner Handlungen

Der Mensch wird nicht erst durch die Herstellung eines anerkannten Kunstgegenstandes zum Künstler. Er wird zum Künstler, indem er wahrnimmt, auswählt, benennt, darstellt, behandelt und tätig wird. Er gestaltet Werkzeuge, Räume, Landschaften, Beziehungen, Rollen, Unternehmen, Gesetze, Märkte und technische Systeme.

Gleichzeitig ist er selbst Kunstwerk. Sein Organismus, seine Sprache, seine Erziehung, seine Ernährung, sein Milieu, seine Beziehungen und seine gesellschaftlichen Gewohnheiten formen ihn. Er ist Künstler, Material, Darsteller, Betrachter und Betroffener seines Werkes zugleich.

Der traditionelle Werkbegriff trennt das gewünschte Produkt von seinen Voraussetzungen und Folgen. Das Auto gilt als Werk, nicht aber Rohstoffabbau, Energieverbrauch, Straßenbau, Lärm, Abgase und Entsorgung. Das Unternehmen gilt als Werk, nicht aber ausgelagerte Schäden. Der Gewinn gilt als Leistung, während die verletzten Menschen, Organismen und Landschaften aus der Werkbilanz entfernt werden.

Mein erweiterter Kunstbegriff führt diese Bereiche wieder zusammen. Das vollständige Werk umfasst Vorstellung, Benennung, Material, Arbeitsbedingungen, Handel, Behandlung, Tätigkeit, Produkt, Gebrauch, Verschleiß und sämtliche Konsequenzen.

Auch Artensterben, vergiftete Böden, technische Ruinen und klimatische Veränderungen gehören in diesem Sinne zum menschlichen Kunstwerk. Sie werden dadurch nicht ästhetisch aufgewertet. Der Kunstbegriff stellt die verdrängte Urheberschaft wieder her.

Der Mensch kann nicht nur das gewünschte Ergebnis als sein Werk beanspruchen und die Schäden als unzuständige Nebenwirkungen behandeln. Die Katastrophenwelt ist die sichtbar gewordene Konsequenz seiner Prädikations-, Handels-, Geltungs- und Tätigkeitskunstwerke.

Das Vier-Ebenen-Modell als Prüfung des Handelns

Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet verschiedene Wirkungs- und Geltungsweisen innerhalb eines gemeinsamen Zusammenhangs. Die erste Ebene umfasst physikalisch-materielle Bedingungen wie Raum, Zeit, Bewegung, Energie, Gewicht, Temperatur, Widerstand, Belastbarkeit und Grenze. Hier zeigt sich, ob etwas trägt, fließt, bricht oder seine Form verändert.

Die zweite Ebene umfasst Leben, Stoffwechsel, Milieu, Versorgung, Regulation, Regeneration, Abhängigkeit und Verletzbarkeit. Ein technischer oder wirtschaftlicher Vorgang kann funktionieren und dennoch Organismen schädigen. Effizienz, Profitabilität und Lebensfähigkeit sind nicht identisch.

Die dritte Ebene umfasst Sprache, Begriffe, Rollen, Eigentum, Geld, Markt, Status, Recht und gesellschaftliche Geltungstätigkeiten. Auf dieser Ebene werden Dinge und Menschen als etwas behandelt, gehandelt, bewertet und in institutionelle Zusammenhänge eingeordnet.

Die vierte Ebene ist die öffentliche Ebene der Prüfung, Rückkopplung, Korrektur, Reparatur und Verantwortungszuordnung. Sie führt gesellschaftliche Behauptungen und Handelsordnungen auf ihre materiellen, organismischen und planetaren Konsequenzen zurück.

Die zentrale Prüffrage lautet: Welche nicht verhandelbare Rückmeldung aus der physikalischen oder organismischen Wirklichkeit würde diese Aussage, diesen Handel oder diese Handlung korrigieren, und wer trägt die Konsequenz, wenn die zugrunde liegende Behauptung falsch ist?

Damit wird das Vier-Ebenen-Modell zugleich zu einem Prüfmodell des Handelns. Es fragt, was körperlich und materiell geschieht, welche Organismen betroffen sind, welche Geltungsprädikate verwendet werden, welche Interessen miteinander handeln oder in Händel geraten und welche Reparatur möglich ist.

Das Soheits-Atelier als Handlungs-, Handels- und Konsequenzwerkstatt

Das Soheits-Atelier des globalen Dorfes wird durch diese sprachgeschichtliche Erweiterung noch präziser. Es ist eine begehbare Werkstatt, in der Hand, Handlung, Behandlung, Handel und Händel nicht nur begrifflich untersucht, sondern materiell und gesellschaftlich erfahrbar werden.

Die Hand bildet dabei kein bloßes Symbol. Sie wird zum wirklichen Wahrnehmungs- und Prüfwerkzeug. Besucher greifen, tragen, formen, messen, schreiben, tauschen, übergeben und lassen los. Sie erfahren den Unterschied zwischen Berührung und Zugriff, Bearbeitung und Beherrschung, Handreichung und Besitzergreifung.

Ein Gegenstand kann von Hand zu Hand gehen. Dabei kann sich seine materielle Beschaffenheit kaum verändern, während Eigentum, Preis, Bedeutung, Verantwortung und gesellschaftliche Geltung wechseln. Ein Stück Sand, eine Kartoffel, ein Werkzeug, eine Fotografie oder ein beschriebenes Blatt kann als Material, Ware, Eigentum, Geschenk, Kunstwerk, Beweismittel oder Abfall behandelt werden. Das verschwundene „als“ wird dadurch sichtbar.

Ein Handel kann abgeschlossen, ein Preis ausgehandelt und ein Eigentum übertragen werden. Anschließend wird die Konsequenzspur untersucht. Welche Voraussetzungen gingen dem Gegenstand voraus? Wer hat daran gearbeitet? Welche Materialien wurden verbraucht? Wer trägt den Nutzen, und wer trägt den Schaden? Was verändert der Handschlag, und was bleibt materiell unverändert?

Auch der Händel kann in die Versuchsanordnung einbezogen werden. Zwei Besucher vertreten unterschiedliche Rollen und Ansprüche. Der Konflikt wird nicht nur sprachlich entschieden. Er wird durch das Vier-Ebenen-Modell auf seine materiellen Voraussetzungen, organismischen Betroffenen, gesellschaftlichen Geltungen und möglichen Reparaturen zurückgeführt.

Das Rollentheater erhält dadurch eine zusätzliche Schärfe. Käufer, Verkäufer, Eigentümer, Arbeitnehmer, Händler, Unterhändler, Richter, Künstler und Betroffene werden als handelnde Personen sichtbar. Dieselbe Person kann unterschiedliche Rollen übernehmen. Dadurch entsteht Distanz zwischen dem Menschen und seiner gesellschaftlichen Darstellung.

Das Atelier wird zur Gewohnheitswerkstatt. Es soll die eingeübte Reaktion unterbrechen, einen Gegenstand sofort zu benennen, zu bewerten, zu besitzen oder zu verwerten. Es kann ein Bedürfnis nach Referenz, Rückmeldung, Konsequenzwahrnehmung und Korrektur hervorbringen.

Globale Schwarmintelligenz als gemeinsames Verhandeln ohne Wahrheitsmonopol

Die Plattform Globale Schwarmintelligenz ist nicht nur Werkarchiv und digitale Erweiterung. Sie ist ein öffentlicher Handlungs-, Verhandlungs- und Prüfzusammenhang. Besucher können Begriffe, Werkspuren, Alltagstätigkeiten und gesellschaftliche Behauptungen einbringen und deren Referenzsysteme untersuchen.

Schwarmintelligenz entsteht nicht dadurch, dass viele Menschen dieselbe Meinung vertreten oder dieselben Werte handeln. Auch ein Schwarm kann Vorurteile, Feindbilder, Konsumzwänge, Marktwerte und Händelsucht verstärken.

Globale Schwarmintelligenz entsteht erst, wenn unterschiedliche Erfahrungen und Wissensformen in einen gemeinsamen, korrigierbaren Prüfprozess eintreten. Das Verhandeln darf dabei nicht nur ein Ausgleich von Interessen bleiben. Es muss die nicht verhandelbaren materiellen und organismischen Rückmeldungen einbeziehen.

Künstliche Intelligenz wird nicht als Wahrheitsinstanz eingesetzt. Sie kann Aussagen vergleichen, Bedeutungsverschiebungen sichtbar machen, unklare Referenzen markieren und alternative Fragen formulieren. Auch ihre Antworten werden als etwas gehandelt und können durch Wiederholung den Anschein einer Eigenschaft oder Gewissheit erhalten. Deshalb müssen auch sie auf Quellen, Bedingungen und Konsequenzen geprüft werden.

Die Bewerbung als erste Handlung des Prüfmechanismus

Auch die Bewerbung selbst darf nicht außerhalb des behaupteten Prüfverfahrens stehen. Das Anschreiben formuliert die Ausgangsfrage. Die Anlagen legen Werkgenese, Begriffe, Modelle und Versuchsanordnungen offen. Die Plattform ermöglicht eine erste Gegenprüfung. Das Soheits-Atelier würde diesen Zusammenhang in einen materiellen, körperlichen und gesellschaftlichen Erfahrungsraum überführen.

Die Bewerbung ist damit selbst eine Handlung. Sie handelt von meinem Lebenswerk, behandelt seine zentralen Begriffe, verhandelt seine mögliche Verortung und setzt sich der Gefahr aus, lediglich als ein weiterer Antrag oder als eine auf dem Kunstmarkt gehandelte Position betrachtet zu werden.

Gerade deshalb darf sie nicht nur behaupten, mein Werk sei Forschungskunst. Sie muss ihren eigenen Prüfmechanismus offenlegen. Die documenta-Leitung soll meine These nicht übernehmen, sondern untersuchen können, ob sie aus der Werkentwicklung hervorgeht, ob ihre Begriffe tragfähig sind und ob die vorgeschlagenen Versuchsanordnungen tatsächlich Erkenntnis und Korrektur ermöglichen.

Der verdichtete Gesamtkern

Der Mensch ist ein körperliches, greifendes, tastendes und handelndes Wesen. Seine Hand verbindet ihn mit Material, Gegenüber und Widerstand. Zugleich wurde die Hand zur kulturellen Grundfigur des Besitzes, der Verfügung, der Macht und der Urheberschaft.

Aus dem In-die-Hand-Nehmen entwickelte sich das Handeln. Aus dem umfassenden Tätigsein, Bearbeiten und Behandeln entwickelte sich der Handel. Aus konkurrierenden Ansprüchen entstanden die Händel. Aus der Handlung wurde zugleich Tat, Geschäft, gesellschaftliches Geschehen und theatrale Darstellung.

Diese Wortgeschichte bildet keine bloße sprachliche Nebenuntersuchung. Sie macht die zentrale zivilisatorische Bewegung sichtbar. Der Mensch hat das Handeln zunehmend auf Kaufen, Verkaufen, Aushandeln, Bewerten und Verwerten verengt. Er hat seine höchste Genauigkeit im Handel entwickelt, nicht im Verständnis seiner eigenen organismischen und planetaren Existenzbedingungen.

Gleichzeitig behandelt er seine gesellschaftlichen Hervorbringungen wie vorgefundene Eigenschaften. Boden wird Eigentum, Natur wird Ressource, Arbeit wird Ware, Aufmerksamkeit wird Marktwert und der Mensch wird als Rolle, Kandidat, Experte oder Produkt gehandelt.

Wo diese Zuschreibungen bestritten werden, entstehen Händel. Handel und Händel sind deshalb zwei Seiten derselben Geltungsordnung. Der eine ordnet Ansprüche durch Tausch, Preis und Vertrag, der andere durch Streit, Recht, Macht und Durchsetzung.

Forschungskunst führt diese Vorgänge auf ihre körperlichen, materiellen, organismischen und planetaren Voraussetzungen zurück. Sie macht sichtbar, was der Mensch in die Hand nimmt, wie er es behandelt, als was er es handelt, welche Händel daraus entstehen und welche Konsequenzen zu seinem vollständigen Werk gehören.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur, warum der Mensch seine Existenzbedingungen zerstört. Sie lautet, wie aus der tastenden, lernenden und formenden Hand eine Hand des Zugriffs, aus dem umfassenden Handeln ein System des Handels und aus der notwendigen Differenz eine selbstverstärkende Welt der Händel werden konnte.

Erst wenn der Mensch sein Handeln wieder als vollständigen Werkprozess begreift, kann er zum Ermittler seiner eigenen Existenz werden. Er muss lernen, nicht nur Preise, Besitz und Geltungsansprüche auszuhandeln, sondern die nicht verhandelbaren Rückmeldungen seines Organismus und des planetaren Plexusgewebes anzuerkennen. Darin liegt der Übergang vom Handelsmenschen zum Forschungskünstler und von der Katastrophenwelt zu einer öffentlichen Kunst der Wahrnehmung, Passung, Rückkopplung, Verantwortung und Reparatur.


..................Die verdichtete Gesamtfassung führt den neu eingebrachten Zusammenhang von Handeln, Handel, Behandlung, Verhandlung und Handlung als zivilisatorischen Kernmechanismus in das bisherige Werkmodell ein.

Komprimierte Kontextualisierung des Gesamtwerks

Forschungskunst als Untersuchung der menschlichen Selbstgefährdung

Seit 1975 geht mein künstlerisches Lebenswerk von der Frage aus, warum der Mensch trotz seiner Wahrnehmungsfähigkeit, seines Wissens, seiner technischen Leistungsfähigkeit und seiner Möglichkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört. Diese Frage ist kein nachträglich ausgewähltes Thema, das durch Kunst lediglich dargestellt oder illustriert werden soll. Sie verlangt eine Kunst, die selbst zum Erkenntnis-, Untersuchungs-, Tätigkeits- und Prüfverfahren wird.

Die Entwicklung dieser Forschungskunst begann in meiner praktischen Auseinandersetzung mit Material, Werkzeug, Wasser, Strömung, Landschaft, Körper, Wahrnehmung, Fotografie und gesellschaftlichen Rollen. Meine Ausbildung zum Maschinenschlosser, mein Studium der Bildhauerei, meine Beschäftigung mit Bionik, Deichbau, Strömungsforschung, Experimenteller Umweltgestaltung, Theater und gesellschaftlicher Beteiligung führten zu einem Kunstverständnis, das die Trennung zwischen handwerklicher Tätigkeit, bildnerischer Arbeit, wissenschaftlicher Untersuchung und gesellschaftlicher Verantwortung überschreitet.

Die Beobachtung eines Biberdamms, die Erfahrungen mit dem Capella-Orkan und den Deichbrüchen von 1976, der Bau eigener Wasser- und Wellenmodelle und die Untersuchung asymmetrischer Formen machten sichtbar, dass Tragfähigkeit keine isolierte Eigenschaft einer Form ist. Sie entsteht im Verhältnis von Richtung, Belastung, Material, Untergrund, Zeit, Milieu und Rückkopplung. Als Joseph Beuys 1980 zu mir sagte, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst, berührte er damit den entscheidenden Punkt meiner weiteren Arbeit. Wenn jeder Mensch an der Hervorbringung gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligt ist, müssen auch die Voraussetzungen, Wirkungen und langfristigen Folgen seiner Tätigkeiten zu seinem Werk gerechnet werden. Forschungskunst bedeutet deshalb, die gesamte Werkentstehung von der Wahrnehmung und Benennung über die Vorstellung und Tätigkeit bis zur Konsequenz und möglichen Korrektur sichtbar zu machen.

Die 24-Stunden-Uhr als planetarer Referenzmaßstab

Die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ überträgt die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte proportional auf einen Tag. Homo sapiens erscheint in diesem Maßstab erst ungefähr sechs Sekunden vor Mitternacht. Die technisch-industrielle Entwicklung der letzten hundert Jahre umfasst knapp zwei Millisekunden.

Die vorausliegenden 23 Stunden, 59 Minuten und 54 Sekunden stehen für die Entstehung jener physikalischen, chemischen und biologischen Wirkungszusammenhänge, innerhalb deren Leben möglich wurde. Atmosphäre, Wasser, Temperaturbereiche, Stoffkreisläufe, Photosynthese, Zellen, Stoffwechsel und unzählige Abhängigkeitsbeziehungen gingen dem Menschen voraus. Pflanzen und Tiere besitzen ihre Passung an diese Bedingungen nicht als fertige Eigenschaft. Sie stellen sie durch Stoffwechsel, Wahrnehmung, Bewegung, Schutz, Tarnung, Kooperation, Fortpflanzung, Regeneration und fortlaufende Anpassung immer wieder her.

Funktionieren oder Nichtfunktionieren wird durch den Organismus und sein Milieu beantwortet. Eine Pflanze kann ihre Verträglichkeit mit Trockenheit nicht behaupten. Ein Tier kann fehlende Nahrung oder eine ungeeignete Temperatur nicht durch gesellschaftliche Anerkennung ersetzen. Seine Passung muss sich innerhalb der tatsächlichen Wirkungsbedingungen bewähren.

Der Mensch ist aus dieser Bedingungswelt nicht herausgetreten. Sein Körper, sein Gehirn, seine Sprache, sein Denken und seine technischen Konstruktionen bleiben vollständig von einem verletzbaren Organismus und einem planetaren Milieu abhängig. Seine Besonderheit besteht jedoch darin, eine zusätzliche Vorstellungs-, Begriffs- und Geltungswelt hervorbringen zu können. Er kann sich so darstellen, als sei er unabhängig, unbegrenzt, unverletzlich und zur vollständigen Verfügung über seine Lebensbedingungen berechtigt.

Die 24-Stunden-Uhr stellt diese menschliche Selbstvorstellung in einen planetaren Referenzrahmen. Sie fragt, mit welcher Berechtigung der Millisekunden-Mensch seine kurzfristigen Eigentums-, Markt-, Verwertungs- und Fortschrittsordnungen für grundlegender hält als die Milliarden Jahre alten Prozesse, durch die sein eigener Organismus erst möglich geworden ist.

Der Mensch als offene Verdichtung des planetaren Plexusgewebes

Der Begriff Umwelt erzeugt leicht die Vorstellung, der Mensch befinde sich als abgegrenztes Subjekt im Mittelpunkt und werde von einer äußeren Natur umgeben. Organismisch ist diese Trennung nicht haltbar. Luft, Wasser, Nahrung, Temperatur, Mikroorganismen, Beziehungen und Stoffkreisläufe gehen fortlaufend in seine Existenz ein. Der Mensch ist nicht nur von einem Milieu umgeben. Er ist eine zeitweilige Verdichtung dieses Milieus.

Auch seine körperlichen Grenzen sind keine absoluten Trennwände. Haut, Schleimhäute und Zellmembranen vollziehen Grenztätigkeiten. Sie nehmen Stoffe auf, weisen andere ab, beantworten Signale, verändern ihre Durchlässigkeit und stellen die Unterscheidung zwischen innen und außen fortlaufend neu her. Der Organismus besitzt seine Einheit deshalb nicht ein für alle Mal. Er erzeugt sie durch Stoffwechsel, Regulation, Austausch, Abgrenzung, Regeneration und Reparatur.

Die Erde erscheint in diesem Zusammenhang nicht als bloßer Behälter, sondern als Plexusgewebe. Wasser, Luft, Böden, Organismen, Mikroorganismen, Stoffströme, Energieumwandlungen und zeitliche Regenerationsprozesse bilden ineinandergreifende Abhängigkeitsbeziehungen. Auch der Mensch ist ein Abhängigkeits- und Referenzknotenpunkt innerhalb dieses Gewebes. Seine Handlungsfähigkeit entsteht nicht trotz seiner Abhängigkeiten, sondern nur innerhalb ihrer tragfähigen Regulation.

Damit verändert sich auch die Frage nach der Identität. Der Ausgangspunkt kann nicht mehr allein lauten: Wer bin ich? Vorausgehen muss die Frage: Wodurch existiere ich? Das Ich ist nicht der unabhängige Eigentümer eines Körpers, sondern eine innerhalb eines offenen Organismus hervorgebrachte Orientierungs-, Zuordnungs- und Darstellungsfigur. Seine scheinbare Selbstständigkeit wird von Bedingungen getragen, die es weder selbst hergestellt hat noch dauerhaft beherrschen kann.

Die fünf ineinandergreifenden Wirklichkeitsbereiche

Für das menschliche Selbst- und Wirklichkeitsverständnis müssen mehrere Bereiche unterschieden werden, ohne sie voneinander zu isolieren. Die planetare Wirkungswelt umfasst jene materiellen, energetischen und zeitlichen Prozesse, die unabhängig von menschlichen Benennungen wirksam bleiben. Der Leib oder Organismus ist ein offener Stoffwechsel- und Regulationsprozess innerhalb dieser Welt. Das Gehirn arbeitet als Teil dieses Organismus und erzeugt keine von ihm unabhängige Wirklichkeit. Die geistige Welt besteht aus Vorstellungen, Begriffen, Bildern, Unterscheidungen und hineingedachten Eigenschaften. Die gesellschaftliche Rollen- und Darstellungswelt erzeugt schließlich Personen, Titel, Rechte, Werte, Eigentumsordnungen, Institutionen und öffentliche Geltungen.

Diese Bereiche greifen fortlaufend ineinander. Sie besitzen jedoch nicht dieselbe Referenzgrundlage. Eine gesellschaftliche Rolle ist keine stoffliche Eigenschaft eines Körpers. Ein Eigentumstitel verändert nicht die physikalische Zusammensetzung eines Bodens. Eine Vorstellung von Unverletzlichkeit hebt die Verletzbarkeit des Organismus nicht auf. Eine gesetzliche Geltung kann keine Regenerationszeit verkürzen und keinen zerstörten Stoffwechselkreislauf durch Anerkennung ersetzen.

Die menschliche Krise entsteht dort, wo diese Unterschiede nicht mehr mitgeführt werden. Begriffe, Rollen und Geltungen werden dann so behandelt, als seien sie vorgefundene Eigenschaften der Wirklichkeit. Die menschliche Darstellungswelt beginnt, sich selbst für grundlegender zu halten als die Bedingungen, auf denen sie beruht.

Wahrnehmung, Erscheinung und die Lücke des Nichtwissens

Der Mensch lebt nicht unmittelbar in einer vollständig vorliegenden Wirklichkeit. Seine Sinnesorgane, sein Nervensystem, sein Körperzustand, seine Erinnerung, seine Sprache und seine gesellschaftlichen Erfahrungen erzeugen begrenzte Orientierungsleistungen. Das Auge sieht nicht die vollständige Wirklichkeit, sondern verarbeitet bestimmte Lichtunterschiede. Das Ohr erschließt bestimmte Frequenz- und Zeitverhältnisse. Berührung, Geruch, Geschmack und Gleichgewicht stellen jeweils andere Ausschnitte her.

Wahrnehmung ist deshalb weder ein vollständiges Abbild noch einfach eine Täuschung. Eine Täuschung könnte nur gegenüber einem vollständig richtigen Bild bestimmt werden. Wahrnehmung ist vielmehr eine organismische Orientierungsleistung unter bestimmten Bedingungen. Etwas erscheint einem bestimmten Organismus zu einer bestimmten Zeit und innerhalb eines bestimmten Wahrnehmungszusammenhangs als etwas.

Zwischen den molekularen, neuronalen und organismischen Vorgängen und dem bewusst auftretenden Gedanken besteht eine Lücke des Nichtwissens. Der Mensch erlebt einen Gedanken, kennt aber nicht vollständig die körperlichen, erinnerungsbezogenen, sprachlichen und gesellschaftlichen Prozesse, die ihn hervorgebracht haben. Er hört sich selbst zu, verändert seinen Satz und erklärt den entstandenen Gedanken anschließend zu seinem Willen, seinem Besitz oder seiner Überzeugung.

Eine zweite Lücke besteht zwischen dem Gedanken und den zukünftigen Folgen der daraus entstehenden Tätigkeit. Der Mensch kennt weder die vollständige Herkunft seiner Vorstellungen noch die vollständige Zukunft seiner Taten. Gefährlich wird dieses Nichtwissen, wenn es durch die Annahme eines unabhängigen Geistes, eines souveränen Willens oder eines unveränderlichen Ichs verdeckt wird. Eine offene Wissenslücke wird dann durch einen hineingedachten Urheber verschlossen.

Der Geist als unabhängige Substanz wird in dieser Sicht zu einer Homunkulus-Konstruktion: zu einer vorgestellten inneren Instanz, die den Körper besitzen, das Denken steuern und von der Verletzungswelt des Organismus unabhängig sein soll. Diese Konstruktion ähnelt einer vergoldeten leeren Hülle. Sie erscheint aus sich selbst heraus tätig, obwohl jede ihrer Leistungen von Stoffwechsel, Gehirntätigkeit, Wahrnehmung, Sprache, Milieu und gesellschaftlicher Erfahrung abhängt.

Das hineingedachte Als und der verfestigte Eigenschaftsbegriff

Der allgemeine Begriff der Eigenschaft verschmilzt sehr unterschiedliche Vorgänge. Er kann physikalische Wirkungsweisen, organismische Funktionen, Wahrnehmungseindrücke, sprachliche Prädikate, gesellschaftliche Rollen, rechtliche Geltungen, persönliche Bewertungen und metaphysische Behauptungen bezeichnen. Dadurch entsteht der Eindruck, alle diese Bestimmungen lägen auf dieselbe Weise in einem Gegenstand oder Menschen vor.

Präziser ist es, zunächst von bedingungsgebundenen Erscheinungs- und Wirkungsweisen zu sprechen. Ein Material besitzt Festigkeit nicht wie einen inneren Gegenstand. Es widersteht unter bestimmten Bedingungen einer Belastung, verändert sich oder bricht. Wasser besitzt das Gefrieren nicht als festen Bestandteil. Es verändert innerhalb bestimmter Temperatur-, Druck- und Zeitverhältnisse seinen Zustand.

Die sprachliche Verfestigung beginnt mit der Aussage, etwas verhalte sich unter bestimmten Bedingungen auf eine bestimmte Weise. Daraus wird die Aussage, der Gegenstand habe eine Eigenschaft. Schließlich wird behauptet, der Gegenstand sei so. Bedingung, Beziehung, Zeit, Bewegung und Beobachtungsverfahren verschwinden. Aus einer Wirkungsweise wird ein scheinbarer Besitz des Gegenstandes.

Beim Menschen tritt die Prädikation hinzu. Er bezeichnet etwas als etwas. Ein Boden gilt innerhalb einer Rechtsordnung als Eigentum. Ein Gegenstand gilt innerhalb eines Marktes als Ware. Ein Papier gilt innerhalb eines Geldsystems als Zahlungsmittel. Ein Mensch tritt innerhalb einer Institution als Eigentümer, Arbeitnehmer, Experte, Amtsträger oder Künstler auf.

Diese Bestimmungen sind keine physikalischen Eigenschaften der bezeichneten Körper und Materialien. Sie werden durch Sprache, Anerkennung, Urkunden, Institutionen und fortgesetzte gesellschaftliche Tätigkeiten hergestellt. Der entscheidende Umschlag erfolgt, wenn das „als“ verschwindet. Aus „dieser Boden gilt als Eigentum“ wird „dieser Boden ist Eigentum“. Aus einer gesellschaftlichen Geltung wird eine scheinbar im Gegenstand liegende Eigenschaft. Das menschlich hervorgebrachte Als-ob tarnt sich als Wirklichkeit.

Dieses Prädikationskunstwerk ist eine der folgenreichsten menschlichen Erfindungen. Es ermöglicht Orientierung, Sprache, Kooperation und gesellschaftliche Organisation. Es erzeugt jedoch ein existenzielles Gefährdungs-, Täuschungs- und Tarnungspotenzial, wenn der Mensch seine eigenen Hervorbringungen nicht mehr als Hervorbringungen erkennt.

Vom Handeln zum Handel

Die Sprachgeschichte des Wortes „handeln“ legt eine zentrale zivilisatorische Verschiebung offen. Handeln bedeutete ursprünglich, etwas in die Hand zu nehmen, nach etwas zu greifen, etwas zu behandeln oder zu bearbeiten. Daraus entwickelten sich Bedeutungen wie etwas tun, verrichten, betreiben, untersuchen und darstellen. Erst später verengte sich der Gebrauch zunehmend auf das kaufmännische Handeln, das Festlegen von Preisen, das Feilschen sowie den gewerbsmäßigen Kauf und Verkauf.

Auch „Handel“ bezeichnete ursprünglich eine Handlungsweise, einen Vorgang, eine Begebenheit, eine Rechtssache oder eine Verhandlung. Erst seit dem Übergang zur frühen Neuzeit wurde das Wort überwiegend zum Begriff für Kaufgeschäft und Kaufmannsgewerbe. Der Händler bezeichnete zunächst einen Menschen, der etwas tat, vollbrachte oder vermittelte. Später wurde er nahezu ausschließlich zum Ein- und Verkäufer.

In dieser sprachgeschichtlichen Verschiebung verdichtet sich eine grundlegende Entwicklung der Zivilisation. Das umfassende menschliche Tätigsein wurde zunehmend durch eine besondere Form des Handelns überlagert: durch das Kaufen, Verkaufen, Tauschen, Berechnen, Feilschen und Verwerten. Aus der Tätigkeit mit der Hand, dem Bearbeiten eines Gegenübers und dem Umgang mit seinen Widerständen wurde der Handel mit Dingen, Leistungen, Rechten, Arbeitszeit, Aufmerksamkeit und schließlich mit dem Menschen selbst.

Die Wortfamilie bewahrt diese verschiedenen Vorgänge weiterhin. Handeln kann Tun, kaufmännisches Geschäft, Untersuchung und Darstellung bedeuten. Behandeln kann Bearbeitung, zwischenmenschlichen Umgang, medizinische Versorgung und wissenschaftliche Darstellung bezeichnen. Verhandeln verbindet Gespräch, Interessenausgleich, rechtliche Auseinandersetzung und wirtschaftliche Einigung. Misshandeln bezeichnet eine Tätigkeit, durch die der andere nicht mehr als Gegenüber mit eigenen Existenzbedingungen, sondern als verfügbares Objekt behandelt wird.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie wurde aus dem umfassenden Handeln ein durch Handel bestimmtes Zivilisationsverständnis? Der Mensch hat seine Fähigkeit, genau hinzusehen, zu vergleichen, zu messen und auf kleinste Unterschiede zu reagieren, vor allem im Kaufen und Verkaufen trainiert. Er kann Preise, Gewinne, Verluste, Marktanteile und Besitzansprüche mit großer Genauigkeit berechnen. Dieselbe Genauigkeit wendet er jedoch kaum auf seinen Organismus, seine Abhängigkeiten, seine Regenerationsbedingungen und die langfristigen Konsequenzen seiner Tätigkeiten an.

Das ursprüngliche In-die-Hand-Nehmen eines Gegenübers enthielt noch die Möglichkeit von Berührung, Widerstand, Bearbeitung und Rückmeldung. Im Handel wird das Gegenüber zunehmend zu einer Ware, einer Zahl, einem Preis oder einem abstrakten Wert. Der tätige Zusammenhang zwischen Hand, Material, Organismus, Wirkung und Konsequenz wird durch den Tauschwert überlagert.

Der Handel als gesellschaftliche Trainings- und Rückmeldemaschine

Der Handel ist nicht nur ein Teilbereich der Wirtschaft. Er hat sich zu einem umfassenden gesellschaftlichen Lern- und Bewertungssystem entwickelt. Menschen werden darin trainiert, Dinge zu besitzen, Leistungen zu vergleichen, Aufmerksamkeit zu gewinnen, sich selbst darzustellen und technischen oder wirtschaftlichen Erfolg als Beweis des Gelingens zu behandeln.

Der Mensch lernt mit höchster Genauigkeit, Rohstoffe, Produkte, Wissen, Fähigkeiten, Zeit, Beziehungen, Bilder, Körper und schließlich seine eigene Identität verwertbar zu machen. Aus dem Handel mit Gegenständen wird ein Handel mit Arbeitskraft, Daten, Aufmerksamkeit, Reputation und Selbstbildern. Der Mensch tritt nicht mehr nur als Hersteller oder Benutzer auf, sondern muss sich selbst als Ware anbieten, seinen Marktwert erhöhen und seine Existenz gegenüber anderen überzeugend darstellen.

Verkaufserfolg wird dadurch mit Richtigkeit verwechselt. Was sich verkaufen lässt, gilt als gelungen, unabhängig davon, ob die damit verbundenen Tätigkeiten ihre eigenen Voraussetzungen erhalten oder zerstören. Eine Erfindung kann technisch funktionieren, wirtschaftlich erfolgreich und gesellschaftlich anerkannt sein und gleichzeitig Organismen schädigen, Lebensräume zerstören und ihre eigenen materiellen Grundlagen aufbrauchen.

Der Mensch hat deshalb nicht aufgehört, der Natur zuzuhören. Er hört ihr dort äußerst genau zu, wo ihre Gesetzmäßigkeiten technisch und wirtschaftlich nutzbar gemacht werden können. Er verdrängt ihre Rückmeldungen dort, wo sie Grenzen, Verletzungen und langfristige Folgen seiner Erfindungen bezeugen.

Die Natur wird auf diese Weise selektiv behandelt. Ihre Wirkungsweisen werden erforscht, zerlegt und technisch verwendet, während ihre Rückmeldungen über Regenerationszeiten, Kipppunkte, Abhängigkeiten und Verletzbarkeit als wirtschaftliche Hindernisse erscheinen. Die menschliche Intelligenz richtet sich damit nicht vorrangig auf das Verständnis der eigenen Existenzbedingungen, sondern auf deren Verwertbarkeit.

Statement, Rolle und moderne Skulpturidentität

In der gegenwärtigen Geltungswelt wird die Aussage zunehmend wichtiger als die tatsächlich hervorgebrachte Wirkung. Unternehmen erklären sich nachhaltig, Institutionen offen, Menschen authentisch und Politik verantwortlich. Das Statement erzeugt Geltung, ohne dass daraus notwendig eine überprüfbare Veränderung der Tätigkeit folgt.

Auch das Ich wird zum Statement. Der Mensch erklärt, wer er sei, welche Identität er besitze, wofür er stehe und wie er gesehen werden wolle. Die Selbstaussage tritt an die Stelle einer Untersuchung seiner Abhängigkeiten, Widersprüche und Tätigkeitsfolgen. Das Geltungs-Ich verdrängt das Referenz-Ich des verletzbaren Organismus.

Diese Verhärtung bezeichne ich als Skulpturidentität. Sie behandelt den Menschen wie eine aus dem lebendigen Zusammenhang herausgeschnittene, abgeschlossene und zu verteidigende Form. Eigenschaften, Rollen und Überzeugungen werden zu einem festen Besitz. Widerspruch erscheint als Angriff, Rückmeldung als Kränkung und Korrektur als Identitätsverlust.

Die Skulpturidentität beruht auf einem doppelten Als-ob. Im Inneren stellt sich der Mensch vor, als sei ein unabhängiger und unverletzlicher Urheber vorhanden, der den Körper und das Denken besitzt. Nach außen stellt er sich durch Titel, Rollen, Eigentum, Status und Authentizitätsbehauptungen als eine feste gesellschaftliche Person dar. Die innere Unverletzlichkeitswelt und die äußere Darstellungswelt bestätigen sich gegenseitig.

Der moderne idiotes ist in diesem Sinne nicht einfach ein unwissender Mensch. Er ist ein Mensch, der sich innerhalb seiner privaten Interessen, Rollen und Geltungsansprüche einschließt und die gemeinsame Abhängigkeitswelt aus seinem Selbstverständnis entfernt. Er kann hoch spezialisiert und technisch informiert sein und dennoch die Voraussetzungen seines eigenen Lebens nicht als gemeinsame Angelegenheit wahrnehmen.

Tätigkeit als Übergang in die Konsequenzwirklichkeit

Vorstellungen, Begriffe und Geltungen bleiben nicht folgenlos. Sobald Menschen ihnen entsprechend handeln, greifen sie in Materialien, Organismen, Beziehungen und Lebensräume ein. Aus der Wahrnehmung wird eine Benennung, aus der Benennung eine Vorstellung, aus der Vorstellung eine Behauptung, aus der Behauptung eine Tätigkeit, aus der Tätigkeit ein Werk und aus dem Werk eine Konsequenzspur.

Tätigkeit ist deshalb der entscheidende Übergang von der Vorstellungs- und Geltungswelt in die verletzbare Wirklichkeit. Eine Idee kann im Denken widerspruchslos erscheinen. Erst wenn sie in Material, Technik, Körper oder gesellschaftliche Ordnung überführt wird, zeigt sich, welche Bedingungen sie benötigt und welche Wirkungen sie hervorbringt.

Auch die Grammatik kann diesen Vorgang verdecken. Aus „ein Mensch tut etwas“ wird „eine Tätigkeit findet statt“. Der Handelnde, die Betroffenen und die Folgen verschwinden. Aus dem Tun wird eine Tat, aus der Tat eine Tätigkeit und aus dem hervorgebrachten Zustand eine Tatsache. Die Tatsache erscheint schließlich als vorgefundener Sachverhalt, obwohl ihr eine Herstellung, Durchsetzung oder fortgesetzte Anerkennung vorausliegt.

Eigentumsordnungen, Marktpreise, Staatsgrenzen und gesellschaftliche Rollen erscheinen dadurch als Tatsachen. Tatsächlich bestehen sie nur durch fortgesetzte Geltungstätigkeiten. Eigentum muss eingetragen, anerkannt, geschützt und durchgesetzt werden. Geld muss angenommen und verrechnet werden. Rollen müssen dargestellt und von anderen beantwortet werden.

Ein Eigentumstitel verändert den Boden nicht unmittelbar. Er kann jedoch Einzäunung, Bebauung, Abholzung, Verkauf, Ausschluss und Vertreibung auslösen. Eine Kaufentscheidung besteht nicht nur im Augenblick des Bezahlens. Sie setzt Rohstoffabbau, Produktion, Transport, Arbeitsverhältnisse, Energieverbrauch, Werbung und Entsorgung fort. Das vollständige Werk einer Tätigkeit zeigt sich deshalb erst in seiner gesamten Konsequenzspur.

Der Mensch als Künstler und Kunstwerk seiner Tätigkeiten

Der Mensch wird nicht erst durch die Herstellung eines anerkannten Kunstgegenstandes zum Künstler. Er wird zum Künstler, indem er wahrnimmt, auswählt, deutet, benennt, darstellt und tätig wird. Er gestaltet Werkzeuge, Räume, Landschaften, Beziehungen, Institutionen, Gesetze, Märkte, technische Systeme und Bilder seiner selbst.

Gleichzeitig ist er selbst Kunstwerk. Sein Organismus, seine Sprache, seine Erziehung, seine Ernährung, sein Milieu, seine Beziehungen, seine Arbeitsbedingungen und seine gesellschaftlichen Gewohnheiten formen ihn. Er ist Künstler, Material, Darsteller, Betrachter und Betroffener seines Werkes zugleich.

Der traditionelle Werkbegriff trennt das beabsichtigte Produkt häufig von seinen Voraussetzungen und Folgen. Das Auto gilt als Werk, nicht aber Rohstoffabbau, Energieverbrauch, Straßenbau, Lärm, Abgase und Entsorgung. Das Unternehmen gilt als Werk, nicht aber seine ausgelagerten Schäden. Der wirtschaftliche Gewinn gilt als Leistung, während die verbrauchten Voraussetzungen und die verletzten Menschen und Organismen aus der Werkbilanz entfernt werden.

Mein erweiterter Kunstbegriff führt diese Bereiche wieder zusammen. Das vollständige Werk umfasst die Vorstellung, die Benennung, das Material, die Arbeitsbedingungen, die Tätigkeit, das Produkt, den Gebrauch, den Verschleiß und sämtliche Konsequenzen. Artensterben, vergiftete Böden, technische Ruinen und klimatische Veränderungen werden dadurch nicht ästhetisch aufgewertet. Der Kunstbegriff stellt vielmehr die verdrängte Urheberschaft wieder her.

Der Mensch kann nicht allein das gewünschte Ergebnis als sein Werk beanspruchen und die Schäden als unzuständige Nebenwirkungen behandeln. Die gegenwärtige Katastrophenwelt ist die sichtbar gewordene Konsequenz seiner Prädikations-, Geltungs-, Handels- und Tätigkeitskunstwerke.

Künstlersein bedeutet deshalb keine Selbsterhöhung, sondern Verantwortung. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob der Mensch gestaltet. Er gestaltet bereits. Die Frage lautet, ob er erkennt, welches Werk er tatsächlich hervorbringt, und ob er bereit ist, sich durch dessen Konsequenzen korrigieren zu lassen.

50:50, 51:49 und die plastische Korrekturfähigkeit

Das Verhältnis 50:50 bezeichnet in meinem Modell keine bloße mathematische Gleichheit. Es steht für eine Vorstellung des spiegelbildlichen, abgeschlossenen und scheinbar vollkommenen Gleichgewichts. Eine solche Vorstellung kann Zeit, Entstehung, Bewegungsrichtung, Belastung und Erhaltungsaufwand ausblenden. Das Gleichgewicht erscheint als fertige Eigenschaft eines Systems.

Lebendige Gleichgewichte sind jedoch keine ruhenden Zustände. Sie bestehen aus Stoffwechsel, Austausch, Abweichung, Regulation, Regeneration und fortlaufender Korrektur. Mit 51:49 tritt die minimale Differenz in Erscheinung, durch die Richtung, Spannung, Bewegung und Veränderung wahrnehmbar werden.

51:49 ist keine behauptete universelle Naturkonstante. Es ist ein künstlerischer, methodischer und operativer Prüfmaßstab. Er richtet die Aufmerksamkeit auf jene kleine Abweichung, durch die ein scheinbar geschlossenes Verhältnis wieder als zeitlicher Prozess sichtbar wird.

Die Skulpturidentität versucht, die bewegliche und verletzbare Existenz in eine feste Form zu überführen. Die plastische Identität bleibt dagegen formbar. Plastik wird hier im Sinne des Auf-, An-, Um- und Weiterformens verstanden. Plastische Identität entsteht in der fortgesetzten Auseinandersetzung mit Material, Organismus, Milieu, Gegenüber und Rückmeldung. Sie besitzt ihre Form nicht endgültig, sondern stellt Passung immer wieder neu her.

51:49 hält den Spielraum dieser plastischen Veränderung offen. Die minimale Differenz ermöglicht Wahrnehmung, Neugier, Versuch, Irrtum, Korrektur und Reparatur. Wird die Differenz dagegen verdrängt, kann sich das Verhältnis immer weiter in Richtung einer extremen Entkopplung verschieben. Verfügungsmacht, Reichtum und Entscheidungsmöglichkeiten konzentrieren sich, während Verletzungen, Risiken und Konsequenzen ausgelagert werden.

Das Vier-Ebenen-Modell als öffentlicher Prüfmechanismus

Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet verschiedene Wirkungs- und Geltungsweisen innerhalb eines gemeinsamen Zusammenhangs. Die erste Ebene umfasst die physikalisch-materiellen Bedingungen von Raum, Zeit, Bewegung, Energie, Gewicht, Temperatur, Widerstand, Belastbarkeit und Grenze. Hier zeigt sich, ob etwas trägt, fließt, bricht oder seine Form verändert.

Die zweite Ebene umfasst Leben, Stoffwechsel, Milieu, Versorgung, Regulation, Regeneration, Abhängigkeit und Verletzbarkeit. Ein technischer Vorgang kann funktionieren und dennoch Organismen schädigen. Effizienz und Lebensfähigkeit sind nicht identisch.

Die dritte Ebene umfasst Sprache, Begriffe, Rollen, Eigentum, Geld, Markt, Status, Gesetze und gesellschaftliche Geltungstätigkeiten. Diese Ebene ist nicht unwirklich. Sie besitzt große Wirkungsmacht, weil Menschen nach ihren Regeln handeln. Sie kann jedoch die Bedingungen der ersten beiden Ebenen nicht außer Kraft setzen.

Die vierte Ebene ist die Ebene der öffentlichen Prüfung, Rückkopplung, Korrektur, Reparatur und Verantwortungszuordnung. Sie führt die Behauptungen und Tätigkeiten der Geltungswelt auf ihre materiellen, organismischen und planetaren Konsequenzen zurück.

Die zentrale Prüffrage lautet: Welche nicht verhandelbare Rückmeldung aus der physikalischen oder organismischen Wirklichkeit würde diese Aussage korrigieren, und wer trägt die Konsequenz, wenn sie falsch ist?

Die Prüfung führt eine Behauptung zunächst auf ihre Referenzbereiche zurück. Sie unterscheidet gesellschaftliche Geltung von materieller und organismischer Tragfähigkeit, verfolgt die Konsequenzspur, untersucht mögliche Kipppunkte und gelangt zu einem vorläufigen, revidierbaren Urteil. Auch dieser Prüfmechanismus darf nicht zu einer neuen dogmatischen Ordnung erstarren. Er muss selbst für Gegenbeispiele und Korrekturen offenbleiben.

Das Lebenswerk als zusammenhängende Beweiskette

Die einzelnen Arbeiten meines Lebenswerks sind keine voneinander getrennten Projekte. Sie bilden eine mehr als fünfzigjährige Untersuchung derselben Ausgangsfrage. Biberdamm, asymmetrisches Auto, Deichprofile, Wasser-, Wellen- und Strömungsmodelle untersuchen Passung, Belastungsrichtung, Zeitverzögerung, Unterspülung und Kipppunkte. Die Capella-Fotografie und die Deichbrüche werden zu einer Spurensicherung, die nicht erst nach dem sichtbaren Bruch fragt, sondern nach den vorausliegenden Entscheidungen, Interessen und unterlassenen Korrekturen.

Das Erwachsenen-Malbuch und das Fußgängermalbuch führen den Menschen vom Betrachten zum Tätigwerden. Zwischen Vorgabe und eigener Ergänzung wird Wahrnehmung als Handlung erfahrbar. Der rote Punkt wird vom Verkaufszeichen zum Zeichen eines Forschungsinteresses und der Bereitschaft, sich mit anderen Menschen zu verbinden.

Die Arbeiten zum Sozialen Organismus, zur Arche, zum Globalen Dorffest, zur Zeitmaschine und zu den Eintausend Tapeziertischen untersuchen die Gesellschaft als verteilten Arbeits-, Versorgungs- und Abhängigkeitszusammenhang. Das Partizipatorische Welttheater macht Käufer, Verkäufer, Eigentümer, Arbeitnehmer, Wissenschaftler, Künstler und politische Entscheidungsträger als gesellschaftliche Rollen sichtbar.

Kartoffel, Vergoldung, Schultafel, Kreide, Goldschrift, Sand, Beton, Wasser, Werkzeuge, Küstenstreifen und Torsozeichnungen machen den Unterschied zwischen materieller Wirkungsweise, organismischer Funktion, gesellschaftlicher Geltung und hineingedachter Eigenschaft unmittelbar erfahrbar. Dieses Material soll nicht als historische Sammlung nebeneinandergestellt werden. Jedes Werk erhält einen gegenwärtigen Prüfauftrag.

Das Soheits-Atelier als Gewohnheitswerkstatt

Für die documenta 16 schlage ich das Soheits-Atelier des globalen Dorfes als begehbaren Werk-, Erkenntnis-, Tätigkeits- und Prüfzusammenhang vor. Es ist weder eine traditionelle Retrospektive noch ein unverbindlicher Beteiligungsraum. Ausgewählte Schlüsselwerke werden zu anwendbaren Versuchsanordnungen.

Der Begriff Soheit richtet die Aufmerksamkeit auf das, was sich innerhalb eines bestimmten Referenzsystems tatsächlich in Erscheinung, Tätigkeit, Wirkung und Konsequenz zeigt, bevor es durch Wunsch, Rolle oder Geltungsbehauptung überformt wird. Soheit bezeichnet keine unveränderliche Essenz. Sie bezeichnet die Rückführung einer Aussage auf ihre Bedingungen, Beziehungen und Folgen.

Der Besuch beginnt mit einer persönlichen Verortung auf der 24-Stunden-Uhr. An Begriffsstationen werden scheinbar selbstverständliche Aussagen auf ihr verlorenes „als“ und auf ihre Referenzsysteme hin untersucht. An Materialstationen treffen Vermutungen auf Wasser, Sand, Gewicht, Strömung, Werkzeug und veränderliche Formen. Ein abweichendes Ergebnis wird nicht als Fehler verborgen, sondern als Erkenntnismaterial verwendet.

Im Rollentheater wird dieselbe Situation aus verschiedenen Geltungspositionen dargestellt. Der Mensch tritt als Käufer, Verkäufer, Eigentümer, Arbeitnehmer, Wissenschaftler, Künstler oder politisch Verantwortlicher auf. Durch den Rollenwechsel wird sichtbar, dass keine dieser Darstellungen das vollständige Wesen der Person bezeichnet.

An den Frage-und-Antwort-Tischen werden Aussagen durch das Vier-Ebenen-Modell geführt. Beteiligung bedeutet nicht nur, eine Meinung hinzuzufügen. Sie bedeutet, die eigene Wahrnehmung, Benennung, Rolle und Tätigkeit als Bestandteil eines gemeinsamen Kunstwerks zu untersuchen.

Das Atelier ist eine Gewohnheitswerkstatt. Wissen allein verändert keine tief verankerten Bedürfnisse. Die wiederholte Anwendung der Prüfverfahren kann jedoch ein Bedürfnis nach Referenz, Rückmeldung, Konsequenzwahrnehmung, Korrektur und Passung hervorbringen. Eine Behauptung ohne erkennbare Grundlage wird dann als unvollständig erlebt, ein Erfolg ohne Konsequenzprüfung als fragwürdig und eine Korrektur nicht als Niederlage, sondern als notwendiger Bestandteil des eigenen Werkes.

Globale Schwarmintelligenz und digitale Tapeziertische

Die Plattform Globale Schwarmintelligenz ist nicht nur ein Archiv oder eine nachträgliche digitale Ergänzung. Sie ist Kristallisationskern des Lebenswerks, öffentlicher Rückkopplungsraum und bereits zugänglicher Teil des vorgeschlagenen Kunstwerks.

Die Eintausend Tapeziertische von 1993 werden in die heutige Kommunikationswirklichkeit übersetzt. Smartphones und ergänzend bereitgestellte Computer können zu digitalen Tapeziertischen werden. Jeder Besucher eröffnet einen zeitweiligen Arbeitsort, an dem ein Begriff, ein Werk, eine Alltagstätigkeit oder eine gesellschaftliche Behauptung durch die Prüfarchitektur geführt wird.

Das Smartphone ist dabei nicht nur Werkzeug. Es wird selbst zum Prüfgegenstand. Seine Rohstoffe, Produktionsbedingungen, Energieabhängigkeit, Datenverarbeitung, Aufmerksamkeitswirkung, Eigentumsfunktion, Statusbedeutung und spätere Entsorgung gehören zu seinem vollständigen Werk.

Schwarmintelligenz entsteht nicht automatisch durch eine große Zahl von Beteiligten. Auch ein Schwarm kann Vorurteile, Marktzwänge, Feindbilder, Konsumgewohnheiten und selbstzerstörerische Tätigkeiten verstärken. Globale Schwarmintelligenz entsteht erst, wenn unterschiedliche Kenntnisse, Erfahrungen und Perspektiven in einen gemeinsamen, korrigierbaren Prüfprozess eintreten.

Künstliche Intelligenz wird dabei nicht als Wahrheitsinstanz eingesetzt. Sie kann Aussagen vergleichen, Widersprüche markieren, verborgene Voraussetzungen sichtbar machen und alternative Fragen formulieren. Auch ihre Antworten bleiben Behauptungen, die auf Quellen, Referenzbereiche und Konsequenzen geprüft werden müssen.

Die Plattform prüft nicht den Besucher im Sinne einer Leistungsbewertung. Sie ermöglicht ihm, sein Wissen, seine Rollen, Interessen, Gewohnheiten, Wertmaßstäbe und Selbstbilder zu untersuchen. Gleichzeitig wird die Tragfähigkeit des künstlerischen Systems selbst geprüft. Verständnisprobleme, Abbrüche, Widersprüche und Gegenbeispiele werden zu Rückmeldungen darüber, wo der Werk- und Vermittlungszusammenhang weiterentwickelt werden muss.

Die Bewerbung als Teil des Kunstwerks

Auch die Bewerbung selbst darf nicht außerhalb des behaupteten Prüfverfahrens stehen. Das Anschreiben formuliert die Ausgangsfrage und die künstlerische These. Die Anlagen legen Werkgenese, Begriffe, Modelle, Materialien und Realisierungsmöglichkeiten offen. Die Plattform ermöglicht bereits vor einer Ausstellung eine erste eigenständige Gegenprüfung. Das Soheits-Atelier würde diesen Vorgang schließlich in einen materiellen, körperlichen, sprachlichen und gesellschaftlichen Erfahrungsraum überführen.

Die Bewerbung folgt damit derselben Struktur wie die Forschungskunst. Eine Behauptung wird durch das Lebenswerk belegt und anschließend einer öffentlichen Gegenprüfung ausgesetzt. Die documenta-Leitung soll die These nicht einfach übernehmen. Sie soll prüfen können, ob sie tatsächlich aus der Werkentwicklung hervorgeht, ob die Begriffe unterscheidungsfähig sind, ob die Versuchsanordnungen praktisch arbeiten und ob sie Besucher zu einer eigenständigen Untersuchung befähigen.

Der Prüfmaßstab kann nicht darin bestehen, dass ein Besucher mein gesamtes Lebenswerk sofort vollständig versteht. Entscheidend ist, ob ein tragfähiger Zugang entsteht, ob zentrale Zusammenhänge auffindbar werden, ob die Prüfwerkzeuge anwendbar sind und ob aus der Begegnung neue Fragen, Gegenbeispiele und Korrekturen hervorgehen.

Die documenta wird dadurch nicht nur als Ausstellung oder Ereignis verstanden. Sie wird zu einer Verortungskunst. Ein über Jahrzehnte entwickelter Werkzusammenhang wird erstmals als Ganzes öffentlich verortet und zugleich seiner gegenwärtigen Anwendung ausgesetzt. Die Präsentation wäre deshalb weder eine abschließende Retrospektive noch eine bloße Würdigung. Sie könnte zu einem vorläufigen Opus Magnum werden, weil sich Werkbiografie, planetarer Maßstab, Begriffsuntersuchung, materielle Versuchsanordnung, gesellschaftliche Beteiligung und digitale Weiterführung in einem gemeinsamen Prüfprozess verbinden.

Vom Handel zurück zum verantwortlichen Handeln

Der verdichtete Gesamtkern meines Lebenswerks liegt in der Frage, wie der Mensch vom umfassenden Tätigsein zu einer durch Handel, Besitz und Verwertung bestimmten Wirklichkeitsordnung gelangt ist. Das ursprüngliche Handeln bedeutete, etwas in die Hand zu nehmen, zu bearbeiten, zu behandeln und sich dem Widerstand eines Gegenübers auszusetzen. Im modernen Handel wird dieses Gegenüber zunehmend in Ware, Preis, Eigentum und verwertbaren Wert verwandelt.

Die notwendige Aufgabe besteht nicht darin, jeden Austausch oder jede gesellschaftliche Geltung abzuschaffen. Sie besteht darin, den Handel wieder in den umfassenderen Zusammenhang des Handelns zurückzuführen. Kaufen, Verkaufen, Produzieren, Entscheiden und Verfügen müssen wieder als Tätigkeiten mit materiellen, organismischen, sozialen und planetaren Konsequenzen sichtbar werden.

Der Mensch ist kein unabhängiges geistiges Wesen, das einen Körper besitzt und einer äußeren Natur gegenübersteht. Er ist ein verletzbarer Organismus innerhalb eines planetaren Plexusgewebes. Seine Wahrnehmungen, Begriffe, Rollen und Eigentumsordnungen sind notwendige Hervorbringungen, aber keine Naturgegebenheiten. Sobald er nach ihnen handelt, erzeugen sie wirkliche Folgen.

Das menschliche Kunstwerk beginnt dort, wo etwas als etwas wahrgenommen, benannt und dargestellt wird. Gefährlich wird dieser Vorgang, wenn das menschlich hervorgebrachte „als“ verschwindet und Geltungszuschreibungen wie vorgefundene Eigenschaften behandelt werden. Aus der Erfindung wird eine Institution, aus der Institution eine Gewohnheit, aus der Gewohnheit eine Tätigkeit und aus der Tätigkeit eine Konsequenzspur.

Der Mensch ist deshalb bereits Künstler. Er hat jedoch gelernt, vor allem seine Absichten, Leistungen, Produkte und Gewinne als Werk anzuerkennen, während er Schäden, Verletzungen und zerstörte Voraussetzungen aus dem Werk herausrechnet. Forschungskunst führt diese verdrängten Bestandteile wieder zusammen.

Die abschließende Frage lautet daher nicht nur, warum der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen zerstört. Sie lautet, welches Werk er durch seine Wahrnehmungen, Benennungen, hineingedachten Eigenschaften, Rollen, Handelsformen und Tätigkeiten tatsächlich hervorbringt und ob er bereit ist, die vollständige Konsequenz dieses Werkes als seine Verantwortung anzuerkennen.

Erst wenn der Mensch vom Händler seiner selbst und seiner Lebensbedingungen wieder zum Ermittler seiner eigenen Existenz wird, kann aus der bisherigen Katastrophenkunst eine öffentliche Kunst der Wahrnehmung, des Maßes, der Passung, der Rückkopplung, der Korrektur und der Reparatur entstehen.

Die Fassung ist als einheitlicher Grundtext angelegt, aus dem Anschreiben, Anlagen und Plattformtexte ohne erneute begriffliche Zersplitterung entwickelt werden können.................

Komprimierte Kontextualisierung des Gesamtwerks und des Vorschlags für die documenta 16

Ausgangsfrage und Entstehung der Forschungskunst

Seit 1975 geht mein gesamtes künstlerisches Lebenswerk von der Frage aus, warum der Mensch trotz seiner Wahrnehmungsfähigkeit, seines Wissens, seiner technischen Leistungsfähigkeit und seiner Möglichkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört. Diese Frage ist kein nachträglich gewähltes Thema, das durch Kunst illustriert werden soll. Sie entstand aus meiner praktischen Arbeit mit Material, Werkzeug, Körper, Landschaft, Wasser, Strömung, Fotografie, Sprache, gesellschaftlichen Rollen und den Folgen menschlicher Tätigkeiten.

Meine Ausbildung zum Maschinenschlosser, das Studium der Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, die Beschäftigung mit Bionik, Deichbau, Strömungsforschung und Experimenteller Umweltgestaltung sowie meine Arbeiten in Fotografie, Theater, Performance und gesellschaftlicher Beteiligung führten zu einem disziplinübergreifenden Kunstverständnis. Die Beobachtung eines Biberdamms, die Erfahrungen mit dem Capella-Orkan und den Deichbrüchen von 1976, die Arbeit mit Wasser- und Wellenmodellen und die Untersuchung asymmetrischer Formen zeigten mir, dass Tragfähigkeit nicht aus einer abstrakten Idealform hervorgeht. Sie entsteht innerhalb eines zeitlichen Verhältnisses von Form, Richtung, Belastung, Untergrund, Milieu, Widerstand und Rückkopplung. Als Joseph Beuys 1980 zu mir sagte, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst, berührte er damit den Kern meiner weiteren Arbeit: Wenn jeder Mensch an der Gestaltung gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligt ist, muss auch jede Tätigkeit auf ihre Voraussetzungen und Folgen hin geprüft werden. Aus der Urheberschaft folgt die Verantwortung für das vollständige Werk.

Forschungskunst bedeutet für mich deshalb nicht, wissenschaftliche Erkenntnisse nachträglich in eine künstlerische Form zu übersetzen. Die Kunst selbst wird zum Erkenntnis-, Vergleichs- und Prüfverfahren. Sie erzeugt Situationen, in denen eine Vorstellung auf ein materielles, körperliches, organismisches oder gesellschaftliches Gegenüber trifft. Der Widerstand dieses Gegenübers ist kein Hindernis der Kunst, sondern ihre Erkenntnisbedingung. Das Kunstwerk beginnt nicht erst mit dem ausgestellten Ergebnis. Es umfasst die Wahrnehmung, die Benennung, das innere Bild, die Entscheidung, den körperlichen und technischen Vollzug, die Reaktion des Materials, die Wirkung auf andere Menschen und Lebewesen, die zeitverzögerten Konsequenzen und die Möglichkeit der Korrektur.

Die 24-Stunden-Uhr als planetarer Referenzmaßstab

Die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ überträgt die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte proportional auf einen Tag. Homo sapiens erscheint in diesem Maßstab erst ungefähr sechs Sekunden vor Mitternacht. Die letzten hundert Jahre technisch-industrieller Zivilisation entsprechen knapp zwei Millisekunden. Die Uhr ist deshalb kein bloßes Schaubild. Sie ist ein künstlerischer Maßstab gegen die Verkürzung menschlicher Zeitvorstellungen und gegen die Selbstüberschätzung des Millisekunden-Menschen.

Die vorausliegenden 23 Stunden, 59 Minuten und 54 Sekunden stehen für die Entstehung jener physikalischen, chemischen und biologischen Wirkungszusammenhänge, innerhalb deren Leben überhaupt möglich wurde. Atmosphäre, Wasser, Temperaturbereiche, Stoffkreisläufe, Photosynthese, Zellen, Stoffwechsel, Regeneration und unzählige wechselseitige Abhängigkeiten gingen dem Menschen voraus. Pflanzen und Tiere besitzen ihre Passung an diese Bedingungen nicht als fertige und unveränderliche Eigenschaft. Sie stellen ihre Kompatibilität durch Stoffwechsel, Wahrnehmung, Wachstum, Bewegung, Tarnung, Schutz, Kooperation, Fortpflanzung, Regeneration und fortlaufende Anpassung immer wieder her. Funktionieren oder Nichtfunktionieren wird durch den Organismus und sein Milieu beantwortet. Eine Pflanze kann ihre Verträglichkeit mit Trockenheit nicht behaupten. Ein Tier kann fehlende Nahrung oder eine ungeeignete Temperatur nicht durch gesellschaftliche Anerkennung ersetzen.

Diese planetare Entwicklung ist keine harmonische Idylle. Sie umfasst Verletzung, Konkurrenz, Beuteverhalten, Tarnung, Täuschung, Kooperation und gegenseitige Abhängigkeit. Entscheidend ist jedoch, dass diese Vorgänge an wirkliche Bedingungen rückgebunden bleiben. Der Mensch hat diese Mechanismen nicht verlassen. Auch sein Denken, seine Sprache, seine technischen Erfindungen und seine gesellschaftlichen Ordnungen beruhen auf einem verletzbaren Kohlenstoff-, Wasser- und Stoffwechselorganismus. Er kann die Natur nicht verlassen und nicht unabhängig von ihr handeln. Er kann seine Unabhängigkeit lediglich glauben, wünschen, behaupten, darstellen oder rechtlich festlegen.

Die 24-Stunden-Uhr führt deshalb jede menschliche Behauptung, jedes Produkt und jede Tätigkeit auf die Frage zurück, welche Entstehungszeit ihre Voraussetzungen benötigten, welche Regenerationszeit sie beanspruchen, welche Zeitskalen ihre Wirkungen besitzen und wie lange ihre Folgen fortbestehen. Sie macht sichtbar, dass die Erde nicht die Umgebung eines unabhängigen Menschen ist. Der Mensch ist vielmehr eine zeitweilige, verletzbare Verdichtung innerhalb eines planetaren Plexusgewebes.

Der Mensch als offener Organismus im planetaren Plexus

Der Begriff Umwelt erzeugt leicht das Bild eines abgeschlossenen Menschen, der sich im Mittelpunkt befindet und von einer äußeren Welt umgeben wird. Organismisch ist diese Trennung nicht haltbar. Luft, Wasser, Nahrung, Wärme, Mikroorganismen, Stoffkreisläufe, Beziehungen und technische Infrastrukturen gehen fortlaufend in die menschliche Existenz ein. Der Mensch ist nicht nur von einem Milieu umgeben. Er wird durch dieses Milieu hervorgebracht und muss seine zeitweilige Einheit innerhalb dieses Milieus fortlaufend regulieren.

Auch Haut, Schleimhäute und Zellmembranen sind keine absoluten Trennwände. Sie vollziehen Grenztätigkeiten. Sie unterscheiden innen und außen, indem sie Stoffe aufnehmen, abweisen, umwandeln und ihre Durchlässigkeit verändern. Grenze ist deshalb keine starre Linie und keine Eigenschaft, die ein Körper ein für alle Mal besitzt. Sie ist eine verletzbare, zeitliche Regulationsleistung.

Diese Sicht verändert das Verständnis von Identität. Das Ich ist nicht der unabhängige Eigentümer eines Körpers, der einer äußeren Natur gegenübersteht. Es ist eine innerhalb eines offenen Organismus hervorgebrachte Zuordnungs-, Orientierungs- und Darstellungsfigur. Seine Handlungsfähigkeit entsteht nicht trotz seiner Abhängigkeiten, sondern innerhalb ihrer tragfähigen Regulation. Die Frage „Wer bin ich?“ muss deshalb durch die vorausliegende Frage „Wodurch existiere ich?“ korrigiert werden.

Die planetare Wirkungswelt, der Leib und sein Stoffwechsel, die Arbeitsweise des Gehirns, die geistige Begriffswelt und die gesellschaftliche Rollen- und Darstellungswelt dürfen dabei nicht zu einer einzigen Wirklichkeit verschmolzen werden. Sie greifen ineinander, besitzen aber unterschiedliche Entstehungsbedingungen und unterschiedliche Prüfmaßstäbe. Das Gehirn arbeitet nicht in einer körperlosen Geistwelt, sondern innerhalb der Verletzungswelt des Organismus. Die Vorstellung eines davon unabhängigen, souveränen und unverletzlichen Ichs ist eine menschliche Konstruktion.

Wahrnehmung und die Lücke des Nichtwissens

Der Mensch lebt nicht unmittelbar in einer vollständig vorliegenden Außenwelt. Seine Sinnesorgane, sein Nervensystem, sein Körperzustand, seine Erinnerungen, seine Sprache und seine gesellschaftlichen Erfahrungen erzeugen selektive Orientierungsleistungen. Das Auge sieht nicht die vollständige Wirklichkeit, sondern verarbeitet bestimmte Lichtunterschiede. Das Ohr erschließt bestimmte Frequenz- und Zeitverhältnisse. Berührung, Geruch, Geschmack und Gleichgewicht erzeugen jeweils andere Ausschnitte.

Wahrnehmung ist deshalb weder ein vollständiges Abbild noch einfach eine Täuschung. Der Begriff Täuschung würde bereits ein vollkommen richtiges Bild voraussetzen, von dem die Wahrnehmung abweicht. Wahrnehmung ist eine organismische Orientierung innerhalb begrenzter Bedingungen. Etwas erscheint einem bestimmten Organismus zu einer bestimmten Zeit unter bestimmten Voraussetzungen als etwas.

Zwischen den molekularen, neuronalen und organismischen Vorgängen und dem bewusst auftretenden Gedanken besteht eine Lücke des Nichtwissens. Der Mensch erlebt einen Gedanken, kennt aber nicht vollständig die körperlichen, sprachlichen, erinnerungsbezogenen und sozialen Prozesse, die ihn hervorgebracht haben. Er hört sich selbst sprechen, verändert seinen Satz und erklärt den entstandenen Gedanken anschließend zu seinem Willen, seinem Besitz oder seiner Überzeugung. Eine zweite Lücke besteht zwischen der gegenwärtigen Vorstellung und den zukünftigen Folgen der daraus entstehenden Tätigkeit. Der Mensch kennt weder die vollständige Herkunft seiner Gedanken noch die vollständige Zukunft seiner Taten.

Gefährlich wird diese Unwissenheit, wenn die Lücken durch Begriffe wie souveräner Wille, unabhängiger Geist, unveränderliche Identität oder denkende Substanz verschlossen werden. Aus dem Vollzug des Denkens wird ein Ich, das Denken besitzt. Aus diesem Besitz wird die Eigenschaft eines denkenden Wesens und aus dieser Eigenschaft schließlich die Vorstellung einer unabhängigen Substanz. Dabei beruhen Denken und Selbstwahrnehmung auf Gehirn- und Nerventätigkeit, Stoffwechsel, Wahrnehmung, Erinnerung, Sprache, Milieu und gesellschaftlich erlernten Begriffen. Forschungskunst hält die Lücke des Nichtwissens offen und verwandelt sie in Neugier, Gegenüberstellung, Versuch und Korrektur.

Das hineingedachte Als und der unbrauchbar gewordene Eigenschaftsbegriff

Der bisherige allgemeine Begriff der Eigenschaft erweist sich als eine zentrale Quelle menschlicher Wirklichkeitsverwechslung. Unter demselben Wort werden physikalische Wirkungsweisen, organismische Funktionen, Wahrnehmungseindrücke, sprachliche Prädikate, persönliche Bewertungen, gesellschaftliche Rollen, rechtliche Geltungen, Besitzansprüche und metaphysische Behauptungen zusammengeführt. Dadurch entsteht der Eindruck, alle diese Bestimmungen lägen auf dieselbe Weise in einem Menschen oder Gegenstand vor.

Präziser muss zwischen bedingungsgebundenen Erscheinungs- und Wirkungsweisen, organismischen Funktionen, Wahrnehmungsleistungen, sprachlichen Zuschreibungen, gesellschaftlichen Geltungsprädikaten und metaphysischen Annahmen unterschieden werden. Ein Material besitzt seine Festigkeit nicht wie einen inneren Gegenstand. Es widersteht unter bestimmten Bedingungen einer Belastung, verändert sich oder bricht. Wasser besitzt das Gefrieren nicht als festen Bestandteil, sondern verändert innerhalb bestimmter Temperatur-, Druck- und Zeitverhältnisse seinen Zustand. Das Experiment findet keine isoliert im Gegenstand liegende Eigenschaft. Es stellt Bedingungen her, unter denen eine Wirkungsweise erneut in Erscheinung tritt.

Die sprachliche Verdichtung beginnt mit der Aussage, dass sich etwas unter bestimmten Bedingungen auf eine bestimmte Weise verhält. Daraus wird die Aussage, der Gegenstand habe eine Eigenschaft. Schließlich wird behauptet, der Gegenstand sei so. Bedingung, Zeit, Bewegung, Beobachtungsverfahren und Gegenbeziehung verschwinden. Aus einem Verhältnis wird ein Besitz des Gegenstandes. Die bewegliche Wirkungsweise wird zu einer scheinbar unveränderlichen Eigenschaft.

Beim Menschen kommt eine weitere Hervorbringung hinzu. Er bezeichnet etwas als etwas. Ein Stück Boden gilt als Eigentum. Ein Gegenstand gilt als Ware. Ein Papier gilt als Geld. Ein Mensch tritt als Experte, Eigentümer, Arbeitnehmer, Künstler oder Amtsträger auf. Diese Bestimmungen sind keine physikalischen Eigenschaften der bezeichneten Körper oder Materialien. Sie sind Geltungsprädikate, die durch Benennung, Dokumente, Institutionen, Anerkennung, Recht, Geld, Macht und fortgesetzte gesellschaftliche Tätigkeiten hervorgebracht werden.

Der entscheidende Umschlag erfolgt, wenn das „als“ verschwindet. Aus der Aussage, dieser Boden gelte innerhalb einer Rechtsordnung als Eigentum, wird die Aussage, dieser Boden sei Eigentum. Aus dem Auftreten eines Menschen als Experte wird eine scheinbar in ihm wohnende Eigenschaft überlegenen Wissens. Aus einem gesellschaftlich anerkannten Geldschein wird eine Sache, die Wert zu besitzen scheint. Die menschlich hervorgebrachte Geltungsordnung erscheint nun wie eine vorgefundene Wirklichkeit. Der Mensch vergisst seine eigene Urheberschaft.

Das eigentliche Kunstwerk beginnt damit bereits bei der Prädikation. Indem der Mensch etwas als etwas bezeichnet, denkt er Eigenschaften, Werte, Rollen und Bedeutungen in Erscheinungen hinein. Aus diesen Zuschreibungen entstehen Vorstellungen, Selbstbilder, Institutionen, technische Systeme und gesellschaftliche Ordnungen. Dieses Prädikationskunstwerk bleibt jedoch nicht in der Sprache. Sobald Menschen entsprechend tätig werden, beginnt es, die verletzbare Wirklichkeit zu verändern.

Skulpturidentität und die doppelte Als-ob-Konstruktion

Die menschliche Selbstkonstruktion kann als eine Bastardkonstruktion aus verletzbarem Organismus und behaupteter Unverletzlichkeitsfigur verstanden werden. Einerseits bleibt der Mensch vollständig stoffwechselabhängig, begrenzt, alternd, regenerationsbedürftig und verletzbar. Andererseits entwickelt er ein Geltungs-Ich, das sich als autonomer Eigentümer, souveräner Entscheider, abgeschlossene Persönlichkeit und Mittelpunkt seiner Welt darstellt.

Diese Konstruktion beruht auf einem doppelten Als-ob. Im Inneren entsteht die Vorstellung, als sei ein unabhängiger geistiger Homunkulus vorhanden, der den Körper besitzt, das Denken steuert und von seinen Abhängigkeiten grundsätzlich getrennt sei. Nach außen wird diese Figur durch Rollen, Titel, Eigentum, Status, Authentizitätsbehauptungen und gesellschaftliche Darstellungen bestätigt. Die innere Unverletzlichkeitswelt und die äußere Rollenwelt stabilisieren sich gegenseitig.

Diese verhärtete Selbstform bezeichne ich als Skulpturidentität. Sie behandelt Identität wie eine aus dem lebendigen Zusammenhang herausgeschnittene, abgeschlossene und verteidigungsfähige Form. Sie reduziert Veränderung auf Verlust, Rückmeldung auf Angriff und Korrektur auf Kränkung. Als vergoldete leere Hülle gleicht sie einer Perpetuum-mobile-Fiktion: Sie erscheint aus sich selbst heraus wirksam, obwohl sie vollständig von Organismus, Milieu, Arbeit anderer Menschen und planetaren Stoffströmen abhängig bleibt.

Die plastische Identität folgt dagegen nicht dem Modell des Herausmeißelns einer endgültigen Gestalt. Sie entsteht durch Antragen, Formen, Umbilden, Erweitern, Reparieren und erneute Passung. Sie besitzt keine fertige Mitte, sondern muss ihre Beziehung zu Körper, Milieu, Gegenüber und Konsequenz fortlaufend herstellen. Sie ist keine neue Identitätsbehauptung, sondern die Bereitschaft, die eigene Form durch Widerstand und Rückmeldung verändern zu lassen.

Tätigkeit als Übergang in die Konsequenzwirklichkeit

Eine Vorstellung, Rolle oder Geltung wird nicht dadurch materiell wahr, dass sie überzeugend erscheint. Sie tritt jedoch in eine wirkende Welt ein, sobald Menschen entsprechend handeln. Tätigkeit ist der Übergang, durch den das Hineingedachte die verletzbare Wirklichkeit verändert.

Der vollständige Zusammenhang beginnt mit einer Erscheinung, die wahrgenommen, benannt und zu einer Vorstellung verdichtet wird. Aus dieser Vorstellung entsteht eine Behauptung oder Geltung. Wird ihr entsprechend gehandelt, trifft sie auf Widerstand, erzeugt Wirkungen und hinterlässt Konsequenzen. Diese Konsequenzen wirken zurück und können eine Korrektur auslösen. Werden sie verdrängt oder ausgelagert, kann die Geltungsordnung trotz zunehmender Zerstörung weiterbestehen.

Auch die Grammatik kann diesen Vorgang tarnen. Aus „ein Mensch tut etwas“ wird „eine Tätigkeit findet statt“. Der Handelnde, die Betroffenen und die Folgen verschwinden. Aus dem Tun wird eine Tat, aus der Tat eine Tätigkeit und aus dem hervorgebrachten Zustand eine Tatsache. Die Tatsache erscheint schließlich wie etwas Vorgefundenes, obwohl ihr eine Herstellung, Durchsetzung oder fortgesetzte Anerkennung vorausliegt.

Eigentum, Geld, Marktwert, Staatsgrenzen und gesellschaftliche Rollen sind deshalb keine ruhenden Eigenschaften. Sie bestehen durch Geltungstätigkeiten. Eigentum muss eingetragen, anerkannt, geschützt und notfalls durchgesetzt werden. Geld muss angenommen und verrechnet werden. Eine Rolle muss dargestellt und beantwortet werden. Ein Eigentumstitel verändert den Boden nicht unmittelbar. Er kann jedoch Einzäunung, Bebauung, Abholzung, Verkauf, Ausschluss oder Vertreibung auslösen. Erst in diesen Tätigkeitsfolgen zeigt sich das vollständige Werk einer Geltung.

Spracharchäologie als Freilegung der Herstellungsprozesse

Die sprachgeschichtliche Untersuchung ist kein zusätzlicher gelehrter Schmuck meiner Arbeit. Sie zeigt, wie tief die Verschmelzung von Beschaffenheit, Besitz, Tätigkeit, Werk und gesellschaftlicher Geltung in der Grammatik verankert ist.

Die deutsche Wortfamilie von „eigen“, „Eigenschaft“, „Eigentum“, „Eigentümer“, „eigentlich“ und „eigentümlich“ verbindet das charakteristisch Zukommende mit Haben, Besitzen und Beherrschen. Die Aussage, ein Gegenstand habe Eigenschaften, kann dadurch in die Vorstellung übergehen, auch der erkennende Mensch habe diese Eigenschaften begrifflich in Besitz genommen. Die Wortlinie von Tat, tätig, Tätigkeit und Tatsache zeigt, wie ein Vollzug allmählich in einen scheinbar feststehenden Sachverhalt überführt wird.

Andere Sprachtraditionen machen zusätzliche Unterscheidungen sichtbar. Im Griechischen können Setzung, Handlungsvollzug, Hervorbringung, Werk und Wirksamsein als unterschiedliche Vorgänge bezeichnet werden. Im Lateinischen verbindet actio körperliches Tun, öffentliche Handlung, Rechtsakt und Darstellung, während proprietas sowohl besondere Beschaffenheit als auch Eigentum bezeichnen kann. Im Englischen bewahrt property diese Doppelbedeutung bis heute; act kann Tat, Gesetz und Schauspiel bedeuten. In indischen Denktraditionen verbindet karman Handlung, Werk und fortwirkende Konsequenz. Diese Begriffe liefern keine ursprüngliche Wahrheit. Sie zeigen aber, dass Wahrnehmung, Zuschreibung, Vollzug, Werk, Besitz und Folge immer wieder getrennt und erneut miteinander verschmolzen wurden.

Forschungskunst betreibt deshalb Spracharchäologie, um die vorausliegenden Tätigkeiten wieder freizulegen. Sie fragt nicht nur, was ein Begriff bedeutet, sondern was er tut, welche Rolle er erzeugt, welche Verfügung er ermöglicht und welche Konsequenz aus seiner Anwendung hervorgeht.

Der Mensch als Künstler, Kunstwerk und Urheber seiner Katastrophenwelt

Die Erde, das Leben und die planetaren Existenzbedingungen sind keine menschlichen Kunstwerke. Sie waren vorhanden, bevor der Mensch sie wahrnahm, benannte, deutete oder darstellte. Sobald der Mensch jedoch Bilder, Begriffe, Modelle und Bewertungen von ihnen hervorbringt, entsteht ein menschliches Kunstwerk. Die Gefahr beginnt dort, wo dieses hervorgebrachte Bild mit der vorausliegenden Wirklichkeit verwechselt wird.

Der Mensch wird nicht erst durch die Herstellung eines anerkannten Kunstgegenstandes zum Künstler. Er wird zum Künstler, indem er wahrnimmt, auswählt, benennt, deutet, darstellt und tätig wird. Er gestaltet Werkzeuge, Räume, Landschaften, Beziehungen, Unternehmen, Institutionen, Gesetze, Märkte und technische Systeme. Er bestimmt, was als wertvoll, nützlich, schön, erfolgreich, normal, verfügbar oder fortschrittlich gelten soll.

Gleichzeitig ist er selbst Kunstwerk. Sein Organismus, seine Sprache, seine Erziehung, seine Ernährung, seine Erfahrungen, seine Beziehungen, seine Arbeitsbedingungen und die von ihm übernommenen gesellschaftlichen Systeme formen ihn. Er ist Künstler, Material, Darsteller, Betrachter und Betroffener seines Werkes zugleich. Er gestaltet eine Welt und wird durch diese gestaltete Welt erneut gestaltet.

Der traditionelle Werkbegriff trennt häufig das gewünschte Produkt von seinen Voraussetzungen und Folgen. Das Auto gilt als Werk, nicht aber Rohstoffabbau, Energieverbrauch, Straßenbau, Lärm, Abgase und Entsorgung. Das Unternehmen gilt als Werk, nicht aber ausgelagerte Schäden und zerstörte Lebensbedingungen. Der wirtschaftliche Gewinn gilt als Leistung, während die Verletzten und die verbrauchten Voraussetzungen aus dem Werk herausgerechnet werden.

Mein erweiterter Kunstbegriff führt diese Bereiche wieder zusammen. Das vollständige Werk umfasst Vorstellung, Benennung, Material, Arbeitsbedingungen, Tätigkeit, Produkt, Gebrauch, Verschleiß, Nebenwirkungen, Schäden und sämtliche Konsequenzen. Artensterben, vergiftete Böden, ausgebeutete Landschaften, technische Ruinen und klimatische Veränderungen werden dadurch nicht ästhetisch aufgewertet. Der Kunstbegriff stellt vielmehr die verdrängte Urheberschaft wieder her. Der Mensch kann nicht allein das Gewünschte als sein Werk beanspruchen und die Schäden zu unzuständigen Nebenwirkungen erklären.

Die Behauptung, jeder Mensch sei ein Künstler, ist daher keine schmeichelhafte Auszeichnung. Sie ist eine Verpflichtung. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob der Mensch gestaltet, sondern ob er erkennt, welches Werk er tatsächlich hervorbringt. Wird er zum Ermittler seiner eigenen Existenz und seiner Tätigkeitsfolgen, oder betrachtet er weiterhin nur seine Absicht, seinen Status und seine Selbstdarstellung?

50:50, 51:49 und die Rückkehr der Zeit

Das Verhältnis 50:50 bezeichnet in meinem Modell keine bloße mathematische Gleichheit. Es steht für die Vorstellung eines spiegelbildlichen, abgeschlossenen und scheinbar vollkommenen Gleichgewichts. Diese Symmetrie kann den Eindruck von Ordnung, Gerechtigkeit und Vollständigkeit erzeugen. Sie blendet jedoch leicht aus, wie ein Verhältnis entstanden ist, in welche Richtung es sich bewegt, welcher Aufwand zu seiner Erhaltung notwendig ist und wer die Folgen einer Veränderung trägt.

50:50 kann dadurch zu einer Gleichgewichtsblindheit werden. Das fertige Bild wird betrachtet, während Zeit, Belastung, Bewegung, Verzögerung, Verletzbarkeit und Rückkopplung verschwinden. Gleichgewicht erscheint als Eigenschaft, die ein System besitzt. Lebendige Gleichgewichte sind jedoch keine ruhenden Zustände. Sie bestehen aus Stoffwechsel, Austausch, Abweichung, Regulation, Reparatur und fortwährender Korrektur.

Mit 51:49 tritt die minimale Differenz in Erscheinung. Sie erzeugt Richtung, Spannung, Bewegung und die Möglichkeit, eine Veränderung überhaupt wahrzunehmen. 51:49 ist keine von mir behauptete universelle Naturkonstante. Es ist ein künstlerischer, methodischer und operativer Maßstab. Er richtet die Aufmerksamkeit auf jene kleinste Abweichung, durch die ein scheinbar geschlossenes System wieder als zeitlicher und verletzbarer Prozess erkennbar wird.

Die Differenz führt nicht notwendig in ein zerstörerisches Extrem. Sie kann die Bedingung eines beweglichen Gleichgewichts sein. Tragfähigkeit entsteht dort, wo ein System Abweichungen wahrnehmen, beantworten und korrigieren kann. Wird die Differenz dagegen immer weiter entkoppelt und verschiebt sich das Verhältnis in Richtung 1:99, konzentrieren sich Verfügungsmacht, Ressourcen und Entscheidungsmöglichkeiten, während Verletzungen und Konsequenzen ausgelagert werden.

51:49 bringt damit die Zeit in das Kunstwerk zurück. Es fragt nicht nur, wie etwas gegenwärtig erscheint, sondern wodurch es entstanden ist, in welche Richtung es sich verändert, welche Regenerationsfähigkeit vorhanden ist und an welchem Punkt ein Kipppunkt erreicht wird. Im künstlerischen Prozess zeigt sich dieselbe Struktur: Die Abweichung zwischen innerer Vorstellung und materiellem Ergebnis zwingt den Künstler zur Wahrnehmung, Entscheidung, Korrektur und schließlich zum Loslassen.

Markt, Verwertung und die gesellschaftliche Gewohnheitsmaschine

Die gegenwärtige Zerstörung der Existenzbedingungen ist nicht allein das Ergebnis fehlenden Wissens. Sie ist das Ergebnis eingeübter Wahrnehmungs-, Bewertungs-, Begehrens- und Tätigkeitsgewohnheiten. Der Mensch hat seine Genauigkeit vor allem im Kaufen, Verkaufen, Bewerten, Verwerten, Konkurrieren und in der Darstellung seiner selbst entwickelt. Er lernt, Rohstoffe, Gegenstände, Wissen, Fähigkeiten, Aufmerksamkeit, Lebenszeit und schließlich das eigene Ich in eine verkäufliche Form zu überführen.

Der Markt ist dadurch zu einem maßgeblichen Lern-, Trainings- und Rückmeldesystem geworden. Was sich verkaufen lässt, erscheint als erfolgreich. Verkaufserfolg sagt jedoch nichts darüber aus, ob eine Tätigkeit ihre eigenen Voraussetzungen erhält oder zerstört. Eine Erfindung kann technisch funktionieren, wirtschaftlich erfolgreich und gesellschaftlich anerkannt sein und zugleich Organismen, Lebensräume und zukünftige Regenerationsmöglichkeiten vernichten.

Der Mensch hat deshalb nicht aufgehört, der Natur zuzuhören. Er hört ihr dort sehr genau zu, wo ihre Gesetzmäßigkeiten technisch oder wirtschaftlich nutzbar gemacht werden können. Er verdrängt ihre Rückmeldungen dort, wo sie Grenzen, Verletzungen und langfristige Folgen seiner Erfindungen bezeugen. Die Technik darf aus Fehlern lernen, weil der Fehler ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Die gesellschaftliche Geltungswelt immunisiert sich dagegen häufig durch Eigentum, Status, Recht, Marktwert, Expertentitel und institutionelle Anerkennung.

So entsteht die Statement-Gesellschaft. Nicht mehr das tatsächliche Handeln und seine Tragfähigkeit entscheiden, sondern die wirksame Behauptung darüber. Unternehmen erklären sich nachhaltig, Institutionen offen, Menschen authentisch und Politik verantwortlich. Das Statement erzeugt Geltung, ohne notwendig eine korrigierbare Tätigkeit hervorzubringen. Das Geltungs-Ich erklärt, wer es sei, während das Referenz-Ich, der verletzbare Organismus und seine Abhängigkeitswelt aus der Darstellung verschwinden.

Wissen allein verändert diese Gewohnheiten nicht. Der Mensch kann eine Gefährdung erkennen und dennoch unverändert weiterhandeln. Deshalb stellt meine Forschungskunst die weiterführende Frage, ob Kunst neue Wahrnehmungs-, Denk- und Tätigkeitsgewohnheiten und daraus neue Bedürfnisse hervorbringen kann. Kann sie ein Bedürfnis nach Referenz, Rückmeldung, Maß, Reparatur, Konsequenzwahrnehmung und tragfähiger Passung erzeugen?

Kunst als öffentlicher Prüf-, Lern- und Reparaturprozess

Kunst schafft die notwendige Distanz zwischen Vorstellung und Gegenüber. Eine Idee kann im Denken widerspruchslos erscheinen. Im bildnerischen Prozess trifft sie auf Material, Gewicht, Oberfläche, Raum, Zeit, Reibung und Verletzbarkeit. In der darstellenden Kunst trifft sie auf Körper, Rolle, Zuschauer, Reaktion und gesellschaftlichen Kontext. Erst diese Gegenüberstellung ermöglicht Lernen.

Künstlerisches Handwerkszeug bedeutet deshalb nicht nur technische Geschicklichkeit. Es umfasst genaues Wahrnehmen, Vergegenständlichen, Gegenüberstellen, Vergleichen, Messen, Zweifeln, Erproben, Korrigieren, Reparieren und das Loslassen einer nicht tragfähigen Vorstellung. Das Werk überprüft den Künstler. Es wird zum Protokoll seiner Bereitschaft, sich von einem Gegenüber korrigieren zu lassen.

Übertragen auf gesellschaftliches Handeln kann jede menschliche Tätigkeit zu einem Kunstwerkprozess werden, wenn ihre Voraussetzungen, ihre Darstellung und ihre Konsequenzen sichtbar gemacht, miteinander verglichen und öffentlich geprüft werden. Forschungskunst will den Menschen nicht zu einer vorgegebenen Weltanschauung überreden. Sie schafft Situationen, in denen seine Vorstellungen, Rollen, Tätigkeiten und Folgen selbst zu Zeugen werden.

Die Soheitsgesellschaft wäre deshalb keine Gesellschaft, deren Mitglieder sich die feste Identität des Künstlers zuschreiben. Sie wäre eine öffentliche Übungsform der technē, des Maßes, des Gemeinsinns und der Korrekturfähigkeit. Jeder Mensch kann zum Forschungskünstler werden, indem er seine eigene Tätigkeit als veränderbares Werk untersucht. Er muss dafür keinen neuen Status beanspruchen. Entscheidend ist seine Bereitschaft, Rückmeldungen anzuerkennen und Verantwortung für die Konsequenzspur seines Handelns zu übernehmen.

Das Vier-Ebenen-Modell als Prüfarchitektur

Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet verschiedene Wirkungs- und Geltungsweisen innerhalb eines gemeinsamen Zusammenhangs. Es trennt keine vier unabhängigen Welten, sondern verhindert, dass physikalische Wirkungsweisen, organismische Lebensbedingungen, gesellschaftliche Geltungen und öffentliche Urteile unter einem einzigen unbestimmten Wirklichkeitsbegriff verschmolzen werden.

Auf der ersten Ebene treten physikalisch-materielle Bedingungen wie Raum, Zeit, Bewegung, Energie, Gewicht, Temperatur, Widerstand, Belastbarkeit und Grenze in Erscheinung. Hier zeigt sich, ob etwas trägt, fließt, bricht, sich erwärmt, abkühlt oder seine Form verändert. Preis, Rolle und Anerkennung können diese Rückmeldungen nicht ersetzen.

Die zweite Ebene umfasst Leben, Stoffwechsel, Milieu, Regulation, Regeneration, Versorgung, Abhängigkeit und Verletzbarkeit. Ein technischer Vorgang kann funktionieren und dennoch Organismen schädigen. Effizienz und Lebensfähigkeit sind nicht identisch. Schäden können zeitverzögert auftreten, sich kumulieren und erst sichtbar werden, wenn eine Reparatur kaum noch möglich ist. Die Grenze zwischen Organismus und Milieu bleibt dabei durchlässig. Beide bilden ein planetarisches Plexusgewebe.

Die dritte Ebene umfasst Sprache, Begriffe, Rollen, Eigentum, Geld, Markt, Status, Gesetze, Institutionen und gesellschaftliche Geltungstätigkeiten. Diese Ebene ist nicht unwirklich. Sie besitzt große Wirkungsmacht, weil Menschen nach ihren Regeln handeln. Sie kann jedoch die Bedingungen der ersten beiden Ebenen nicht außer Kraft setzen.

Die vierte Ebene ist die Ebene der öffentlichen Prüfung, Rückkopplung, Korrektur, Reparatur und Verantwortungszuordnung. Sie führt die Aussagen und Tätigkeiten der Geltungswelt auf ihre materiellen und organismischen Konsequenzen zurück. Ihre zentrale Frage lautet: Welche nicht verhandelbare Rückmeldung aus der physikalischen oder organismischen Wirklichkeit würde diese Aussage korrigieren, und wer trägt die Konsequenz, wenn sie falsch ist?

Die Prüfung beginnt mit der Verortung einer Aussage oder eines Gegenstandes innerhalb der verschiedenen Ebenen. Danach müssen gesellschaftliche Geltung und materielle Tragfähigkeit unterschieden, die Konsequenzspur verfolgt, mögliche Kipppunkte erkannt und ein vorläufiges Urteil gebildet werden. Dieses Urteil bleibt revidierbar. Auch die Prüfarchitektur darf nicht zu einem neuen dogmatischen Referenzsystem erstarren.

Die Werkgenese als zusammenhängende Beweiskette

Die einzelnen Stationen meines Lebenswerks sind keine voneinander getrennten Projekte. Sie bilden eine mehr als fünfzigjährige Beweiskette derselben Untersuchung. Die frühe Experimentelle Umweltgestaltung, die Arbeit mit dem Biberdamm, das asymmetrische Auto, die Wasser-, Wellen- und Deichmodelle untersuchen Passung, Belastungsrichtung, Formveränderung und Rückkopplung. Der Capella-Orkan und die Deichbrüche machten sichtbar, dass die Katastrophe nicht erst im Augenblick des sichtbaren Bruchs beginnt, sondern in einer längeren Vorgeschichte aus Entscheidungen, Konstruktionen, Interessen und unterlassenen Korrekturen.

Das Erwachsenen-Malbuch von 1978 und das Fußgängermalbuch verschieben den Menschen vom Betrachter zum Tätigen. Zwischen Vorgabe und eigener Ergänzung wird erkennbar, dass Wahrnehmung, Benennung und Darstellung bereits Werkhandlungen sind. Der rote Punkt wird vom Zeichen des Verkaufs und der Marktbewertung zu einem Zeichen des Forschungsinteresses und der Bereitschaft, sich mit anderen Menschen zu verbinden.

Die Arbeiten zum Sozialen Organismus, zur Arche, zum Globalen Dorffest, zur Zeitmaschine und zu den Eintausend Tapeziertischen untersuchen die Gesellschaft als verteilten Arbeits-, Versorgungs- und Abhängigkeitszusammenhang. Das Partizipatorische Welttheater macht Käufer, Verkäufer, Eigentümer, Arbeitnehmer, Experten, Künstler und politische Entscheidungsträger als Rollen sichtbar. Die Rolle wird nicht abgeschafft, aber als Darstellung kenntlich gemacht. Dadurch kann zwischen dem Menschen, seiner organismischen Existenz und seiner gesellschaftlichen Funktion eine notwendige Distanz entstehen.

Die Kartoffel kann als Organismus, Nahrung, Ware, Eigentum, Kunstobjekt, Abfall und Ausgangspunkt neuen Wachstums erscheinen. Ihre Vergoldung verändert nicht ihre organismische Funktion, erzeugt aber eine neue Geltung. Schultafel, Kreide und Goldschrift untersuchen, wie eine vorläufige Behauptung durch Material, Inszenierung und Wertzeichen den Anschein von Dauerhaftigkeit und Wahrheit erhält. Ein Quadratmeter nasser Sand, ein unterspülter Betonklotz, ein veränderbarer Küstenstreifen, Wellenbecken, Werkzeuge, Torsozeichnungen und plastische S-Kurven machen erfahrbar, dass Form, Festigkeit, Grenze und Tragfähigkeit keine isolierten Eigenschaften sind, sondern aus Beziehungen hervorgehen. Dieses Werkmaterial wird nicht als historische Sammlung nebeneinandergestellt. Jedes Werk erhält einen gegenwärtigen Prüfauftrag.

Das Soheits-Atelier des globalen Dorfes

Für die documenta 16 schlage ich das Soheits-Atelier des globalen Dorfes als begehbaren Werk-, Erkenntnis-, Tätigkeits- und Prüfzusammenhang vor. Es ist weder eine traditionelle Retrospektive noch ein beliebiger Beteiligungsraum. Das Lebenswerk soll nicht lediglich dokumentiert, sondern in seiner gegenwärtigen Anwendbarkeit aktiviert werden.

Der Begriff Soheit richtet die Aufmerksamkeit auf das, was sich innerhalb eines bestimmten Referenzsystems tatsächlich in Erscheinung, Tätigkeit und Konsequenz zeigt, bevor es durch Wunsch, Rolle, Wertung oder Geltungsbehauptung überformt wird. Soheit bezeichnet keine unveränderliche Essenz. Sie bezeichnet die Bereitschaft, eine Erscheinung auf ihre Bedingungen, Beziehungen, Veränderungen und Folgen zurückzuführen.

Der Besucher beginnt mit einer persönlichen Verortung auf der 24-Stunden-Uhr. Die eigene Lebenszeit, die Industrialisierung, technische Entwicklungen und eine ausgewählte Alltagstätigkeit werden in den planetaren Zeitmaßstab eingetragen. Dadurch wird Erdgeschichte nicht nur als Information vermittelt, sondern zum Maßstab der eigenen Selbst- und Tätigkeitsvorstellung.

An den Malbüchern und der Roter-Punkt-Aktion wird sichtbar, dass Wahrnehmung, Ergänzung, Interesse und Verbindung Tätigkeiten sind. An Wasser-, Sand-, Wellen- und Strömungsmodellen stellen die Besucher Vermutungen auf und prüfen sie an einem materiellen Gegenüber. Ein abweichendes Ergebnis wird nicht als Fehler versteckt, sondern als Erkenntnismaterial dokumentiert.

Im handwerklichen Passungsatelier trifft die Vorstellung auf Werkzeug, Oberfläche, Gewicht, Reibung und körperliche Tätigkeit. Passung bedeutet nicht, dem Material eine fertige Idee aufzuzwingen. Sie entsteht im Vergleich zwischen Absicht, Widerstand und Ergebnis. An den Schultafeln werden Begriffe wie Eigenschaft, Eigentum, Erscheinung, Tätigkeit, Wert, Geist, Freiheit, Kunstwerk und Verantwortung öffentlich untersucht, ergänzt, bestritten, korrigiert und wieder gelöscht.

Im Rollentheater kann dieselbe Situation aus unterschiedlichen Geltungspositionen dargestellt werden. Der Besucher tritt als Käufer, Verkäufer, Eigentümer, Arbeitnehmer, Wissenschaftler, Künstler oder politisch Verantwortlicher auf. Durch den Rollenwechsel wird erfahrbar, dass keine dieser Darstellungen das vollständige Wesen der Person bezeichnet.

An den Frage-und-Antwort-Tischen werden Aussagen und Interessen durch das Vier-Ebenen-Modell geführt. Die Besucher sollen nicht nur ihre Meinung hinzufügen. Sie untersuchen die eigene Wahrnehmung, Benennung und Tätigkeit als Bestandteil eines gemeinsamen Kunstwerkes. Wiederholung ist dafür entscheidend. Eine einmalige Irritation schafft noch keine neue Gewohnheit. Der Prüfmechanismus muss auf unterschiedliche Gegenstände, Rollen und Alltagstätigkeiten übertragbar werden.

Globale Schwarmintelligenz und die digitalen Tapeziertische

Die Plattform Globale Schwarmintelligenz ist nicht nur ein Archiv meines Lebenswerks und keine nachträgliche digitale Ergänzung. Sie ist der Kristallisationskern, der öffentliche Rückkopplungsraum und bereits ein zugänglicher Teil des vorgeschlagenen Kunstwerks. Sie verbindet Werkspuren, Begriffsarbeit, interaktive Bücher, Besucherbeiträge und die gemeinsame Prüfarchitektur.

Die Eintausend Tapeziertische von 1993 werden in die heutige Kommunikationswirklichkeit übersetzt. Die Smartphones der Besucher und ergänzend bereitgestellte Laptops können zu digitalen Tapeziertischen werden. Jeder Besucher eröffnet einen vorübergehenden Arbeitsort, an dem ein Begriff, ein Werk, eine Alltagstätigkeit oder eine gesellschaftliche Behauptung untersucht wird. Texte, Fotografien, Zeichnungen, Tonaufnahmen, Quellen, Beobachtungen und Gegenbeispiele können eingebracht und mit anderen Beiträgen verbunden werden.

Einige materielle Tapeziertische bleiben als gemeinschaftliche Stationen erhalten. Die physischen Tische ermöglichen Berührung, Gewicht, Abstand, direkte Begegnung und materiellen Widerstand. Die digitalen Tische ermöglichen Dokumentation, Vergleich, Verknüpfung und Weiterarbeit über den Ausstellungsraum hinaus. Das Smartphone ist dabei nicht nur Hilfsmittel, sondern selbst Prüfgegenstand. Seine Rohstoffe, Produktionsbedingungen, Energieabhängigkeit, Datenerzeugung, Aufmerksamkeitswirkung, Statusfunktion und spätere Entsorgung gehören zu seinem vollständigen Werk.

Schwarmintelligenz entsteht nicht automatisch durch eine große Zahl von Beteiligten. Auch ein Schwarm kann Vorurteile, Marktzwänge, Feindbilder, Selbstbestätigung und zerstörerische Gewohnheiten verstärken. Globale Schwarmintelligenz entsteht erst, wenn unterschiedliche Erfahrungen, Kenntnisse und Perspektiven in einen gemeinsamen, korrigierbaren Prüfprozess eintreten.

Künstliche Intelligenz wird dabei nicht als Eigentümerin von Wissen und nicht als Wahrheitsinstanz eingesetzt. Sie kann Aussagen vergleichen, Widersprüche markieren, verborgene Voraussetzungen sichtbar machen, alternative Fragen formulieren und unterschiedliche Referenzsysteme auseinanderhalten. Auch ihre Antworten bleiben Behauptungen, die auf Quellen, Bedingungen, Wirkungen und Konsequenzen geprüft werden müssen. Die künstliche Intelligenz steht nicht außerhalb der Versuchsanordnung. Sie ist selbst Bestandteil des Prüfgegenstandes.

Die Plattform prüft dabei nicht den Besucher im herkömmlichen Sinne. Sie ermöglicht ihm, sein Wissen, seine gesellschaftliche Position, seine Rollen, Interessen, Gewohnheiten, Wertmaßstäbe, Selbstbilder und Abhängigkeiten zu untersuchen. Gleichzeitig wird die Tragfähigkeit des künstlerischen Systems selbst geprüft. Missverständnisse, Abbrüche, Widersprüche und Orientierungsprobleme sind deshalb keine bloßen Fehler des Besuchers. Sie werden zu Rückmeldungen darüber, wo Begriffe, Verbindungen und Zugänge präzisiert werden müssen.

Die Bewerbung als erster Teil des Prüfmechanismus

Auch die Bewerbung selbst darf nicht außerhalb des behaupteten Prüfverfahrens stehen. Der Brief formuliert die Ausgangsfrage und die künstlerische These. Die Anlagen legen Werkgenese, Begriffe, Modelle, Materialien und Realisierungsmöglichkeiten offen. Die Plattform ermöglicht bereits jetzt eine erste eigenständige Gegenprüfung. Das Soheits-Atelier würde diesen Vorgang schließlich in einen materiellen, körperlichen, sprachlichen und gesellschaftlichen Erfahrungsraum überführen.

Behauptung, Werkbeleg und öffentliche Gegenprüfung bilden damit keine nachträgliche Argumentationsstrategie, sondern die innere Struktur der Forschungskunst. Die documenta-Leitung soll meine Position nicht einfach glauben. Sie soll prüfen können, ob die Ausgangsfrage tatsächlich aus dem Lebenswerk hervorgeht, ob die Begriffe unterscheidungsfähig sind, ob die Versuchsanordnungen praktisch arbeiten und ob die Besucher dadurch zu einer eigenen Untersuchung befähigt werden. Die Bewerbung wird dadurch selbst zur ersten Versuchsanordnung.

Der Prüfmaßstab darf dabei nicht lauten, ob ein Besucher mein gesamtes Lebenswerk sofort vollständig versteht. Entscheidend ist, ob ein tragfähiger Zugang entsteht, ob zentrale Zusammenhänge auffindbar werden, ob die bereitgestellten Prüfwerkzeuge anwendbar sind und ob aus der Begegnung neue Fragen, Gegenbeispiele und Korrekturen hervorgehen. Nicht die Zustimmung bestätigt die Arbeit, sondern ihre Fähigkeit, Gegenprüfung auszuhalten und aus ihr weiterzulernen.

Damit wird die documenta nicht nur als Ausstellungsereignis verstanden. Sie wird zu einer Verortungskunst, in der ein über Jahrzehnte entwickelter Werkzusammenhang erstmals als Ganzes öffentlich lokalisiert und zugleich seiner gegenwärtigen Anwendung ausgesetzt wird. Die mögliche Präsentation wäre deshalb weder eine abschließende Retrospektive noch eine bloße Würdigung eines Lebenswerks. Sie könnte zum vorläufigen Opus Magnum werden, weil sich Werkbiografie, planetarer Maßstab, Begriffskritik, materielle Versuchsanordnung, gesellschaftliche Beteiligung und digitale Weiterführung in einem gemeinsamen Prüfprozess verbinden.

Der verdichtete Gesamtkern

Der Mensch ist kein unabhängiges geistiges Wesen, das einen Körper besitzt und einer äußeren Natur gegenübersteht. Er ist ein verletzbarer, offener Organismus innerhalb eines planetaren Plexusgewebes. Seine Wahrnehmungen und Gedanken sind begrenzte Orientierungsleistungen. Dennoch erzeugt er aus ihnen Begriffe, Eigenschaften, Rollen, Werte, Eigentumsordnungen, technische Systeme und gesellschaftliche Wirklichkeiten.

Das menschliche Kunstwerk beginnt dort, wo etwas als etwas wahrgenommen, benannt und dargestellt wird. Gefährlich wird dieser notwendige Vorgang, wenn das menschlich hervorgebrachte „als“ verschwindet und Geltungszuschreibungen wie vorgefundene Eigenschaften behandelt werden. Aus dem Als-ob entsteht durch Tätigkeit eine wirkende Wirklichkeit. Die Erfindung wird zur Institution, zum Produkt, zum Gesetz, zum Markt, zur Gewohnheit und schließlich zur Konsequenzspur in Körpern, Materialien, Beziehungen und Lebensräumen.

Der Mensch ist deshalb bereits Künstler. Aber er ist ein Künstler, der gelernt hat, vor allem seine Absichten, Leistungen, Produkte und Selbstdarstellungen als Werk anzuerkennen, während er Schäden, Opfer und zerstörte Voraussetzungen aus seinem Werk herausrechnet. Die Katastrophenwelt ist jedoch kein äußerer Unfall. Sie ist die sichtbar gewordene Konsequenz seiner Prädikations-, Geltungs- und Tätigkeitskunstwerke.

Forschungskunst führt das Werk zu seinen Voraussetzungen und Folgen zurück. Sie macht das verlorene Als wieder sichtbar, konfrontiert Vorstellungen mit materiellen und organismischen Gegenübern und verwandelt Rückmeldung in einen öffentlichen Lernprozess. Die 24-Stunden-Uhr liefert den planetaren Maßstab. 51:49 macht die kleinste wirkende Differenz und die Bewegungsrichtung sichtbar. Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet Tragwirklichkeit, Lebenswirklichkeit, Geltungswelt und öffentliche Korrektur. Das Soheits-Atelier macht diese Zusammenhänge begehbar und tätig erfahrbar. Die Globale Schwarmintelligenz führt sie digital, interaktiv und langfristig weiter.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr nur, warum der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen zerstört. Sie lautet, welches Werk er durch seine Wahrnehmungen, Benennungen, hineingedachten Eigenschaften, Rollen, Geltungen und Tätigkeiten tatsächlich hervorbringt, welche Voraussetzungen und Verletzungen er daraus entfernt und ob er bereit ist, sich als Urheber dieses vollständigen Werkes erkennen und durch seine Konsequenzen korrigieren zu lassen. Erst wenn der Mensch zum Ermittler seiner eigenen Existenz und zum Forschungskünstler seiner Tätigkeitsfolgen wird, kann aus der bisherigen Katastrophenkunst eine öffentliche Kunst der Wahrnehmung, Passung, Rückkopplung, Verantwortung und Reparatur entstehen.