Gemeinsame „Grundsoftware“ bei Tieren und Menschen

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Wenn Sie mit „neutral“ meinen, ob das Gehirn bei Tieren anders „arbeitet“ als beim Menschen: In den Grundprinzipien eher nicht. Bei nahezu allen Wirbeltieren (und in Varianten auch bei vielen Wirbellosen) finden Sie dieselben Basismechanismen: Reizaufnahme, Mustererkennung, Vorhersage, Lernen über Belohnung/Bestrafung, Stress- und Alarmregulation, sowie die Kopplung von Wahrnehmung an Handlung. Diese Grundsoftware ist biophysikalisch und stoffwechselgebunden; sie folgt Energieökonomie und Überlebensdruck. In Ihrem Schichtenmodell wären das vor allem Schicht 1 und Schicht 2, die bei Mensch und Tier denselben „unverhandelbaren“ Charakter haben.

Der entscheidende Unterschied: symbolische Rekursion und kulturelle Außen-Gedächtnisse

Der qualitative Sprung beim Menschen liegt weniger in einem völlig anderen Gehirnprinzip, sondern in einer starken Verstärkung bestimmter Fähigkeiten und deren Rückkopplung mit Kultur. Dazu gehört vor allem, dass Menschen stabil und rekursiv mit Symbolen operieren können: Sprache mit nahezu unbegrenzter Kombinatorik, explizite Normen, Recht, Zahlen, Modelle, Institutionen, Rollen, ideelle Zugehörigkeiten und langfristige Projekte, die nicht mehr an unmittelbare Reizlage gebunden sind.

Wichtig ist dabei: Diese Symbolfähigkeit ist nicht nur „im Kopf“. Sie hängt an externen Speichern und Infrastrukturen (Schrift, Bilder, Technik, Organisationen). Dadurch entsteht eine dritte Ebene, die sich selbst stabilisiert und die stoffwechselhaften Signale übertönen kann. Tiere haben Kommunikation, Rangordnungen, teils Werkzeuggebrauch und soziale Regeln, aber die kumulative, institutionell fixierte und weltweit skalierbare Symbolproduktion ist beim Menschen extrem.

„Menschengemachtes“ als Rückkopplung auf das Gehirn

Das menschengemachte Umfeld erzeugt neue Reizlandschaften, die das Gehirn dauerhaft umprogrammieren können, ohne dass sich seine Grundmechanik ändert. Permanente Verfügbarkeit, künstliche Belohnungsschleifen, abstrakte Statussignale, virtuelle Vergleichsräume und dauernde normative Bewertung erzeugen Geltungsdruck als dauerhaften Input. Das ist eine zentrale Stelle, an der Ihre Unterscheidung zwischen Symbolwelt und Geltungswelt operational wird: Nicht nur Symbole existieren, sondern Symbole werden durch soziale Anerkennungs- und Sanktionssysteme biochemisch „hart“ gemacht. Dann arbeitet die dritte Schicht wie ein Verstärker, der Angst, Begehren, Scham, Überlegenheit oder Zugehörigkeit als Steuergrößen in die Kognition einspeist.

Was daran „neutral“ ist und was nicht

Neutral im Sinne „gleichartig“ sind die Basalregeln: Ohne Stoffwechsel kein Denken; ohne Energie keine Aufmerksamkeit; ohne Stressregulation keine stabile Urteilskraft. Nicht neutral ist die Priorisierung, weil der Mensch zusätzliche Bewertungs- und Selbstmodell-Schleifen betreibt: Er kann sich selbst als Objekt behandeln, sich rechtfertigen, seine Identität erzählen, Zukunftsszenarien bauen und an ihnen leiden oder sich an ihnen berauschen. Diese Fähigkeit ist evolutionär nicht „gegen“ die Biologie entstanden, sondern als soziale und planerische Erweiterung. Sie wird problematisch, wenn sie die Rückbindung an Schicht 1 und 2 verliert und Geltung an die Stelle von Tragfähigkeit setzt.

Übersetzung in Ihr Schichten-Prüfsystem

Wenn Sie die Differenz Tier–Mensch in Ihrem Modell prüfen wollen, liegt der schärfste Prüfpunkt hier: Wie oft und wie stark kann die symbolisch-gesellschaftliche Ebene beim Menschen Signale der stoffwechselhaften Ebene überstimmen, und wie lange hält das, bevor es kippt. Tiere können kurzfristig Triebe hemmen und Strategien verfolgen, aber sie bauen typischerweise keine autonomen Geltungsregime, die sich gegen Körper, Umweltgrenzen und langfristige Konsequenzen stabilisieren. Beim Menschen ist genau diese Entkopplungsfähigkeit groß; sie ist Quelle von Technik und Kunst, aber auch Quelle der Selbstüberforderung und der zerstörerischen Konsequenzketten, die Sie kritisieren.

Wenn Sie möchten, kann ich das als eigenes Kapitel formulieren, das Ihre Begriffe „Geltung/Tragfähigkeit“, „Kalibrierung“, „1-Sekunden-Wesen“ und „trotziges Kind“ exakt an diese neurobiologisch-kulturelle Differenz ankoppelt, ohne den Punkt psychologisch zu verflachen.