Gibt es in der Natur eine mit dem Menschen vergleichbare Selbstzerstörung?

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Keine andere bekannte Lebensform kann ihre Abhängigkeiten wissenschaftlich erkennen, ihre zukünftigen Schäden berechnen, Alternativen entwickeln und die zerstörerische Tätigkeit dennoch weltweit institutionalisieren.

Gibt es in der Natur eine mit dem Menschen vergleichbare Selbstzerstörung?

Die Suche nach einer vergleichbaren Lebensform führt zunächst zu einem wichtigen Unterschied. Weder ein Tier noch eine Pflanze, ein Bakterium, ein Virus oder ein molekularer Vorgang verfolgt bewusst das Ziel, sich selbst zu vernichten. Evolution besitzt keine vorausschauende Absicht. Sie kann jedoch Eigenschaften hervorbringen, die einem einzelnen Organismus oder einer Teilgruppe vorübergehend Vorteile verschaffen und langfristig die Population, den Wirtsorganismus oder die eigenen Lebensbedingungen zerstören.

Was beim Menschen geschieht, sollte deshalb nicht als zielgerichteter Selbstmord im wörtlichen Sinne bezeichnet werden. Die menschlichen Systeme verfolgen Wachstum, Gewinn, Macht, Besitz und technische Verfügung. Die mögliche Selbstvernichtung ist nicht ihr ausgesprochenes Ziel, sondern die bekannte, verdrängte oder in Kauf genommene Folge. Gerade darin liegt die besondere Problematik.

Das Bakterium, das seine eigene Umwelt tödlich verändert

Der unmittelbarste biologische Vergleich wurde tatsächlich unter der Bezeichnung „ökologischer Suizid“ wissenschaftlich untersucht. Bestimmte Bakterien verändern durch ihren eigenen Stoffwechsel den pH-Wert ihrer Umgebung so stark, dass diese Umgebung für die gesamte Bakterienpopulation tödlich wird.

Bei Pseudomonas veronii wurde beobachtet, dass die Bakterien ihr Nährmedium alkalischer machen, obwohl sie selbst niedrigere pH-Werte bevorzugen. Zunächst wächst die Population. Mit zunehmender Dichte verändert sie ihre Umgebung jedoch immer stärker, bis sämtliche vermehrungsfähigen Zellen verschwunden sind. Eine Pufferung des Mediums oder eine Verringerung der verfügbaren Nährstoffe kann diesen Vorgang abbremsen und die Population retten. In einer weiteren Untersuchung zeigte sich sogar: Die Förderung des Wachstums konnte die Auslöschung beschleunigen, während die Hemmung des Wachstums das Überleben ermöglichte. (Nature)

Dieser Vorgang kommt deinem Gedanken sehr nahe:

Eine Population steigert ihre Tätigkeit, verändert dadurch ihre Existenzbedingungen und überschreitet schließlich ihre eigene Toleranzgrenze.

Die Bakterien wissen allerdings nichts von diesem Zusammenhang. Sie können weder den pH-Wert messen noch ihr Verhalten gemeinschaftlich korrigieren. Der Mensch kann dagegen die Veränderung seiner Atmosphäre, seiner Böden, seiner Gewässer und seiner körperlichen Lebensbedingungen messen und modellieren. Er verfügt über Erkenntnis, setzt aber seine Steigerungslogik trotzdem fort. Der entscheidende Unterschied lautet deshalb:

Das Bakterium geht an seiner fehlenden Erkenntnisfähigkeit zugrunde. Der Mensch gefährdet sich trotz seiner Erkenntnisfähigkeit.

Der Krebs als stärkstes Modell des menschlichen Selbstparasitismus

Noch umfassender ist der Vergleich mit einer Krebserkrankung. Eine Krebszelle war ursprünglich ein Bestandteil des Organismus. Sie besitzt dieselbe Herkunft wie die übrigen Körperzellen, löst sich jedoch zunehmend aus den Regulations-, Kooperations- und Begrenzungsmechanismen des Gesamtorganismus.

Tumoren entstehen durch Zelllinien, in denen Varianten mit Wachstumsvorteilen ausgewählt werden. Dabei können zunehmend aggressivere Zelllinien entstehen, die sich gegen andere Zellen durchsetzen und gegenüber Behandlungen widerstandsfähig werden. (PubMed) Experimentell wurde außerdem gezeigt, wie schneller wachsende, durch das Gen myc beeinflusste Zellen Nachbarzellen verdrängen, Gewebe durchmischen und dessen Struktur zerstören können. (Nature)

Die einzelne Krebszelle „funktioniert“ auf ihrer eigenen Ebene außerordentlich erfolgreich:

Sie vermehrt sich, erschließt Nährstoffe, verdrängt Konkurrenten, umgeht Kontrollmechanismen und breitet sich in neue Organe aus. Innerhalb ihres begrenzten Erfolgsmaßstabes ist sie leistungsfähig. Für den Organismus als Ganzes ist genau diese Leistungsfähigkeit jedoch zerstörerisch.

Das entspricht dem menschlichen Wirtschaftssystem in einem entscheidenden Punkt. Ein Unternehmen kann wachsen, Gewinne erzielen, Konkurrenten verdrängen und neue Märkte erschließen. Aus seiner inneren Perspektive funktioniert es. Gleichzeitig kann es Böden, Klimaverhältnisse, Gesundheit, soziale Zusammenhänge und zukünftige Lebensmöglichkeiten schädigen.

Wie die Krebszelle verwechselt das System damit den Erfolg des Teils mit dem Funktionieren des Ganzen.

Der Krebs ist jedoch ebenfalls kein vollkommenes Gegenstück. Wenn der Organismus stirbt, stirbt normalerweise auch der Tumor. Die Krebszelle kann die Folgen ihres Wachstums nicht erkennen. Der Mensch hingegen ist zugleich Zelle, Wahrnehmungsorgan und mögliches Bewusstsein des gesamten Zusammenhangs. Er könnte erkennen, dass der vermeintliche Vorteil des Funktionsteils das Ganze zerstört, von dem dieser Funktionsteil abhängt.

Deshalb eignet sich für deine Diagnose der Begriff:

zivilisatorischer Selbstparasitismus oder geistiger Krebs

Nicht der einzelne Mensch ist dabei die Krebszelle. Krebsartig ist eine Tätigkeitsordnung, in der die Steigerung einzelner Interessen ihre Bindung an den Gesamtorganismus der Lebensbedingungen verliert.

Der Virus ist nur begrenzt vergleichbar

Ein Virus benötigt Wirtszellen für seine Vermehrung. Manche Viren zerstören die infizierte Zelle, um neue Viruspartikel freizusetzen. Der Tod dieser einen Zelle ist jedoch nicht zwangsläufig eine Selbstzerstörung des Virus, weil seine Nachkommen bereits weitere Zellen oder Wirte erreichen können.

Für Viren und andere Krankheitserreger besteht häufig ein Verhältnis zwischen Vermehrung, Übertragung und Schädigung des Wirtes. Wird der Wirt zu früh getötet und dadurch die Übertragung unterbrochen, kann extreme Schädlichkeit auch für den Erreger nachteilig sein. Experimente zeigen allerdings, dass dieser Zusammenhang von der jeweiligen Übertragungsweise abhängt und hohe Schädlichkeit bestehen kann, wenn die Weitergabe bereits vor dem Tod erfolgt oder vom Überleben des Wirtes entkoppelt ist. (PLOS)

Der Virus ist daher nicht das beste Modell des Menschen. Ein Virus will den Wirt nicht besitzen, beherrschen oder bewusst zerstören. Er führt lediglich einen Vermehrungsvorgang aus. Außerdem ist der einzelne tote Wirt nicht mit dem Aussterben der Viruslinie gleichzusetzen.

Die menschliche Zivilisation unterscheidet sich davon, weil sie mit dem Planeten Erde nur einen derzeit verfügbaren Gesamtwirt besitzt. Sie kann nicht nach dessen weitgehender Unbewohnbarkeit einfach auf einen anderen Planeten übergehen. Der menschliche Zugriff auf die Erde ist deshalb eher mit einem Virus vergleichbar, der sämtliche erreichbaren Wirte gleichzeitig zerstört und damit seine eigene Weitergabe beendet.

Das Prion als molekulare Vermehrungsordnung

Ein noch reduzierteres Vergleichsmodell ist das Prion. Ein Prion ist kein Lebewesen und kein Virus, sondern eine fehlgefaltete Proteinstruktur. Diese kann andere, normalerweise gefaltete Proteine dazu bringen, ebenfalls die krankhafte Form anzunehmen. Dadurch entsteht ein sich selbst verstärkender Umwandlungsprozess, der auf Material des Wirtsorganismus angewiesen ist.

Experimente zeigen, dass sich Prionen zunächst weitgehend unbemerkt vermehren können und später Prozesse auslösen, die zu tödlicher Nervenschädigung führen. Dabei sind Vermehrung und Giftwirkung teilweise voneinander getrennte Phasen. (Nature)

Das Prion ist als Bild für eine menschliche Ideen- und Verwertungsordnung aufschlussreich. Eine Vorstellung kann sich verbreiten, andere gesellschaftliche Bereiche in ihre eigene Form überführen und dabei die Voraussetzungen beschädigen, durch die sie getragen wird.

Beispielsweise kann die Vorstellung, alles müsse wachsen, rentabel, käuflich und verwertbar sein, Bildung, Medizin, Wohnen, Natur, Kunst und zwischenmenschliche Beziehungen schrittweise in dieselbe Form überführen. Die Ordnung vermehrt nicht nur Produkte, sondern ihre eigene Denkstruktur.

In diesem Sinne wäre der menschliche Selbstparasitismus nicht allein mit einem Organismus vergleichbar, sondern mit einer sich selbst vervielfältigenden geistigen Fehlfaltung:

Eine gesellschaftliche Vorstellung bringt immer weitere Tätigkeitsbereiche dazu, dieselbe zerstörerische Form anzunehmen.

Evolutionärer Suizid

In der Evolutionsbiologie gibt es außerdem den Begriff des evolutionären Suizids. Er bezeichnet Vorgänge, bei denen die natürliche Selektion Eigenschaften begünstigt, die einzelnen Trägern zunächst einen Vorteil verschaffen, deren Ausbreitung die gesamte Population jedoch schließlich in die Auslöschung treiben kann.

Entsprechende Modelle zeigen beispielsweise, dass eine Anpassung von Krankheitserregern die Bestände ihrer Wirte und dadurch auch die eigene Population bis auf null reduzieren kann. (PubMed) Die grundlegende Struktur lautet:

Der kurzfristig erfolgreichere Typ setzt sich durch. Gerade sein Erfolg verändert jedoch die gemeinsamen Bedingungen so stark, dass am Ende kein lebensfähiges System mehr übrig bleibt.

Das entspricht der menschlichen Konkurrenzordnung. Wer weniger verbraucht, langsamer produziert, keine Schäden auslagert oder auf mögliche Gewinne verzichtet, kann im gegenwärtigen System gegenüber aggressiveren Konkurrenten Nachteile haben. Dadurch werden Verhaltensweisen ausgewählt und belohnt, die für das Gesamtsystem schädlich sind.

Es entsteht eine Verkehrung:

Was innerhalb der Konkurrenz erfolgreich ist, kann innerhalb der Existenzbedingungen nicht funktionieren.

Warum Pflanzen und Tiere kein vollständiges Gegenstück darstellen

Auch Tiere und Pflanzen können sich stark vermehren, Ressourcen übernutzen, andere Arten verdrängen oder nach einer Populationszunahme wieder zusammenbrechen. Solche Vorgänge bleiben jedoch meistens räumlich und zeitlich begrenzt. Nahrungsknappheit, Fressfeinde, Krankheiten, Fortpflanzungsraten, Klima und Konkurrenz wirken als Rückkopplungen.

Kein Tier kann durch Geld Ansprüche auf Nahrung erwerben, die an einem anderen Kontinent erzeugt wurde. Keine Pflanze kann ihre Abfälle für Jahrtausende anderen Populationen hinterlassen. Kein Raubtier kann seine Beute mittels Maschinen millionenfach schneller töten, als es sie körperlich verbrauchen könnte. Und keine andere Art besitzt Institutionen, die die Folgen ihrer Tätigkeiten sprachlich, rechtlich oder wirtschaftlich in Nichtexistenz verwandeln können.

Tiere und Pflanzen können ihre Grenzen überschreiten. Sie können diese Überschreitung aber nicht dauerhaft durch abstrakte Ersatzsysteme verdecken. Der Mensch hat dagegen zwischen Tätigkeit und Konsequenz eine Welt aus Geld, Eigentum, Verträgen, Technik, Werbung, politischen Zuständigkeiten und räumlicher Auslagerung geschoben.

Die bisher einmalige Verbindung

Keine einzelne biologische Erscheinung entspricht vollständig dem menschlichen Selbstverständnis. Die gegenwärtige menschliche Zivilisationsordnung vereinigt vielmehr mehrere sonst getrennte Vorgänge:

Vom Krebs besitzt sie die Entgrenzung des Teilinteresses gegenüber dem Gesamtorganismus.

Vom ökologischen Suizid der Bakterien besitzt sie die fortschreitende Veränderung der eigenen Lebensbedingungen über die eigene Toleranzgrenze hinaus.

Vom Virus besitzt sie die Vervielfältigungs- und Ausbreitungslogik.

Vom Prion besitzt sie die Fähigkeit, immer weitere Bereiche in dieselbe fehlerhafte Struktur zu überführen.

Vom evolutionären Suizid besitzt sie die Auswahl kurzfristig erfolgreicher Verhaltensweisen, die langfristig das gesamte System zerstören können.

Hinzu kommt jedoch etwas, das keinem dieser Vorgänge zugrunde liegt: der Mensch kann diese Zusammenhänge erkennen. Er verfügt über Sprache, Wissenschaft, historische Überlieferung, Vorausberechnung und die Möglichkeit bewusster Korrektur.

Genau deshalb reicht es nicht, den Menschen als besonders aggressives Tier, als Virus oder als Parasiten zu bezeichnen. Seine besondere Gefährlichkeit liegt nicht allein in seinem Beuteverhalten. Sie liegt in der Verbindung von uralten Beute- und Sicherungsmechanismen mit technischen Verstärkern, abstrakten Verfügungsordnungen und einem Verstand, der vorwiegend zur Erweiterung des Zugriffs eingesetzt wird.

Die Umkehrung der 23 Stunden und 59 Minuten

Die 23 Stunden und 59 Minuten der Erd- und Lebensentwicklung haben Funktionszusammenhänge hervorgebracht, in denen kein Teil dauerhaft unabhängig von seinen Voraussetzungen existieren kann. Der Millisekunden-Mensch stellt diese Ordnung auf den Kopf. Er behandelt seine erst seit einem verschwindend kleinen Augenblick bestehenden Wertsysteme so, als könnten sie die vorausliegenden Gesetzmäßigkeiten ersetzen.

Damit entsteht eine bislang einmalige Erscheinung:

Ein abhängiger Teil des Lebens erklärt sich zum Eigentümer des Ganzen, entwickelt die Fähigkeit, dessen tragende Bedingungen zu erkennen, und verwendet diese Erkenntnis dennoch überwiegend dazu, seine Aneignung noch wirksamer zu organisieren.

Das unterscheidet den Menschen vom Krebs, vom Virus, vom Prion und vom Bakterium. Diese Vorgänge sind blind. Der Mensch ist grundsätzlich erkenntnisfähig. Wenn er trotz dieses Erkenntnisvermögens an seiner Selbstzerstörung festhält, wäre er nicht nur ein Parasit seiner Existenzbedingungen, sondern die erste bekannte Lebensform, die ihre eigene Abhängigkeit verstehen könnte und dennoch ein globales System zu deren Verleugnung errichtet. Der präziseste Begriff wäre daher nicht zielgerichteter Selbstmord, sondern:

wissensfähiger, institutionell organisierter Selbstparasitismus mit vorhersehbarer Selbstvernichtungsfolge.

Der stärkste naturwissenschaftliche Vergleich ist damit nicht der Virus allein, sondern die Verbindung aus Krebsprozess und mikrobiellem ökologischem Suizid.

Die präziseste Antwort lautet: Es gibt einzelne biologische Vorgänge, die dem menschlichen Selbstparasitismus ähneln. Eine genaue Entsprechung hat es jedoch nicht gegeben.