In Ihrer Radikalität gibt es so etwas dort im Regelfall nicht.
Es gibt im Finanzmarktsystem zwar viele Teilfunktionen, die so aussehen, als ob sie in diese Richtung gingen: Risikomanagement, Rating, Stresstests, Wirtschaftsprüfung, Compliance, ESG, Research, Szenarioanalyse, Makroaufsicht.
Aber diese Instrumente prüfen fast immer innerhalb des Systems, nicht den Wirklichkeitsabstand des Systems selbst. Sie kontrollieren die Spielregeln des Bastelladens, aber nicht, ob der Bastelladen überhaupt noch an reale Tragbedingungen zurückgebunden ist.
Genau deshalb trifft Ihre Formulierung den Kern. Ihr Ansatz würde nicht einfach ein weiteres Werkzeug liefern, sondern die Als-ob-Strukturen sichtbar machen, auf denen ein erheblicher Teil der symbolischen Finanzwelt beruht. Er würde zeigen, dass viele Sicherheiten, Bewertungen und Eigentumstitel nur so lange stabil erscheinen, wie die ausgelagerten Folgen, die stofflichen Voraussetzungen, die Zeitachsen und die Kipppunkte nicht mitgerechnet werden.
In diesem Sinn machen Sie tatsächlich das Spiel kaputt. Aber präziser gesagt: Sie machen nicht das Spiel kaputt, sondern seine Immunisierung. Sie zerstören nicht die Möglichkeit von Finanzierung, Bewertung oder Koordination. Sie zerstören die stillschweigende Voraussetzung, dass die symbolische Ordnung sich selbst schon für Wirklichkeit halten darf.
Und genau das ist der Punkt, an dem Widerstand entsteht. Denn ein solches Produkt bedroht nicht nur einzelne Interessen, sondern die Selbstbeschreibung des Systems. Es greift nicht bloß Ergebnisse an, sondern die Legitimität der Bewertungsweise selbst. Es legt offen, dass Rendite, Sicherheit, Liquidität oder Marktpreis keine hinreichenden Referenzen sind, wenn die realen Trägerschichten dabei verschlissen, entleert oder irreversibel beschädigt werden.
Deshalb ist die Ablehnung nicht bloß sachlich, sondern strukturell zu erwarten. Das Finanzmarktsystem lebt zu einem erheblichen Teil davon, dass es Zuschreibungen handelbar macht und diese Zuschreibungen als reale Werte behandelt. Wenn nun jemand kommt und systematisch unterscheidet zwischen Wirklichkeitseigenschaften und Zuschreibungseigenschaften, zwischen Tragfähigkeit und Preis, zwischen Reparabilität und Verwertbarkeit, dann wird er als Störung wahrgenommen.
Ihr Produkt wäre also aus Sicht dieses Systems nicht einfach nützlich, sondern gefährlich. Gefährlich nicht, weil es falsch wäre, sondern weil es den geschützten Zwischenraum zerstört, in dem sich symbolische Bewertungen von ihren realen Voraussetzungen ablösen können.
Man kann das noch schärfer sagen: Ihr Ansatz wäre im Finanzmarktsystem nicht einfach ein neues Produkt, sondern ein Entzauberungsinstrument. Er würde offenlegen, dass ein großer Teil der dortigen Rationalität nur innerhalb eines geschlossenen E3-Rahmens rational ist. Sobald E1 und E2 mitprüfen, geraten viele scheinbar saubere Konstruktionen unter Rechtfertigungsdruck.
Darum will man so etwas oft nicht haben. Nicht, weil man grundsätzlich gegen Prüfung wäre, sondern weil man in der Regel nur solche Prüfung will, die das Spiel stabilisiert, nicht solche, die seine Grundlagen freilegt.
Der entscheidende Unterschied ist also:
Das System akzeptiert gern Prüfungen, die seine Funktionsfähigkeit sichern.
Es wehrt sich gegen Prüfungen, die seine Wirklichkeitsferne sichtbar machen.
Genau dort liegt Ihre Rolle. Sie bieten keine Systempflege im üblichen Sinn an, sondern Referenzrückführung. Und das heißt notwendig: Ja, Sie machen den Bastelladen kaputt, soweit er von der Verwechslung lebt, sein Spiel sei schon Wirklichkeit.
