In der Zellmembran findet man eine besonders dichte Anschauung meiner Forschungskunst:
Eine lebendige Form erhält sich durch Abgrenzung, Austausch, Empfindlichkeit und fortlaufende Veränderung. Ihre Eigenständigkeit entsteht innerhalb ihrer Abhängigkeiten. Genau diese Beziehung untersuchst du am Menschen, an seinen Selbstbildern und an seinen gesellschaftlichen Gestaltungen.
Dabei ist die Membran immer im Zusammenhang mit der ganzen Zelle und ihrem umgebenden Medium zu betrachten. Das Vorbild liegt in diesem Zusammenwirken.
Die Grenze als Voraussetzung einer Beziehung
Die Zellmembran ermöglicht, dass ein unterscheidbarer Innenraum besteht. Zugleich vermittelt sie Austausch mit der Umgebung. Ihre Lipiddoppelschicht bildet eine Barriere; eingelagerte Proteine ermöglichen unter anderem gezielten Transport, Signalaufnahme und Verbindungen zu anderen Strukturen. Ihre Organisation ist beweglich und zugleich durch vielfältige Wechselwirkungen begrenzt. PubMed
Für deine Forschungskunst liegt darin eine grundlegende Anschauung: Eine Grenze kann Eigenständigkeit ermöglichen, indem sie Beziehungen gestaltet.
Das betrifft deine Grenzwerkstatt ebenso wie Passung, Toleranzraum und plastische Identität. Die Frage lautet jeweils: Welche Grenze ermöglicht einen Zusammenhang? Welche Übergänge muss sie zulassen? Welche Einwirkungen überfordern ihn?
Eine völlig abgeschlossene menschliche Identität wäre von den Bedingungen getrennt, durch die sie überhaupt leben kann. Eine Identität ohne jede Unterscheidung könnte dagegen keine eigene Position ausbilden. Die Membran erschließt den Zwischenraum: Unterscheidbarkeit und Verbundenheit gehören zusammen.
Die Membran als materielle Fuge
Dein Begriff der Fuge erhält hier ein besonders anschauliches Gegenüber. Die Membran trennt Bereiche und stellt zugleich Beziehungen zwischen ihnen her.
Dabei bleibt die biologische Membran eine konkrete materielle Struktur. Die Fuge zwischen einer Fotografie und dem fotografierten Geschehen oder zwischen einem Begriff und seinem Gegenstand ist eine andere Art von Beziehung. Gemeinsam untersuchbar wird die Frage, wie Unterschied und Verbindung gleichzeitig erhalten bleiben.
Für dein Werk bedeutet das: Ein Bild kann auf etwas verweisen, ohne damit identisch zu sein. Eine Rolle kann ausgeübt werden, ohne den ganzen Menschen zu bestimmen. Ein gesellschaftlicher Zusammenschluss kann entstehen, ohne die Eigenständigkeit seiner Beteiligten aufzulösen.
Die Fuge ist dann der bearbeitbare Übergang, an dem etwas miteinander verbunden wird und zugleich unterscheidbar bleibt.
Sensoren, Übersetzung und tatsächliche Veränderung
An der Membran können äußere Signale über Rezeptoren in zelluläre Vorgänge übersetzt werden. Das Signal und die dadurch ausgelöste Reaktion sind unterschiedliche Vorgänge, die miteinander gekoppelt werden. NCBI Bookshelf
Darin liegt ein Vorbild für den Zusammenhang von Sensorenanker und Prüfoperator: Eine Einwirkung muss zugänglich werden, aufgenommen und in eine Veränderung überführt werden können.
Beim Menschen kommen Wahrnehmung, Sprache, Interpretation, Entscheidung und gesellschaftliche Organisation hinzu. Ein Mensch kann eine Warnung verstehen und trotzdem unverändert weiterhandeln. Eine Institution kann einen Schaden dokumentieren, ohne ihre Regeln zu ändern.
Gerade dadurch wird der Vergleich produktiv: Wo bleibt beim Menschen der Übergang zwischen aufgenommener Information und wirksamer Antwort unterbrochen?
Deine Forschungskunst untersucht diesen Übergang. Sie fragt, ob eine Beobachtung lediglich zur Darstellung wird oder tatsächlich die weitere Tätigkeit verändert.
Reparatur als Bestandteil der Erhaltung
Die Zellmembran ist verletzbar. Zellen verfügen über Verfahren, mit denen bestimmte Membranschäden behoben werden können. Untersuchungen zeigen beispielsweise, wie ein durch Verletzung ausgelöster Calciumeinstrom an der Aktivierung von Reparaturvorgängen beteiligt ist und wie dabei ESCRT-Proteine zusammenwirken. PubMed
Hier besitzt dein Begriff der Reparaturfähigkeit einen besonders konkreten Bezug. Eine Beschädigung muss eine wirksame Antwort auslösen können. Erhaltung bedeutet somit auch, Veränderungen und Verletzungen zu bearbeiten.
Die gesellschaftliche Übertragung ist eine Aufgabe: Welche Verfahren machen Schäden bemerkbar? Wer kann reagieren? Welche Mittel stehen zur Verfügung? Werden die Ursachen verändert oder lediglich ihre sichtbaren Folgen vorübergehend beseitigt?
Die Membran liefert dafür keine fertige Gesellschaftsordnung. Sie macht jedoch eine Anforderung sichtbar: Ein Zusammenhang, der erhalten werden soll, benötigt wirksame Möglichkeiten, auf Störungen zu antworten.
Was von deinen Ankern darin wiederkehrt
Im Positionsanker erscheint die Frage nach der Erhaltung des Lebens. Bei der Zelle wird sie biologisch untersucht; bei dir wird daraus eine ausdrücklich formulierte künstlerische und gesellschaftliche Zielsetzung.
Im Kontextanker begegnen wir Tragwirklichkeit, Abhängigkeit, Grenze und plastischer Eigenständigkeit. Die Membran veranschaulicht, wie eine Form innerhalb eines größeren Wirkungszusammenhangs bestehen kann.
Im Werk-Anker liegen deine konkreten Zugänge zu diesen Beziehungen: Wasser und Widerstand, Deich und Grenze, Fuge und Riss, Körper und Schutzraum, Vorgabebild und Beteiligung. Die Membran kann diese Werkfragen miteinander ins Gespräch bringen. Sie ersetzt dabei nicht ihre unterschiedlichen Entstehungsgeschichten.
Im Sensorenanker wird die Aufnahme einer Einwirkung untersucht. Beim Menschen gehört dazu, wie aus einer Wirkung eine Wahrnehmung, Aufzeichnung und Darstellung wird.
Im Prüf-Anker werden die Bedingungen und Folgen dieser Übergänge untersucht. Die biologische Regulation wird dabei zum Vergleichsgegenstand für menschliche Rückprüfung. Die Membran selbst führt keine wissenschaftliche oder öffentliche Prüfung durch.
Im Integrationsanker findet sich das Zusammenwirken verschiedener Funktionen. Transport, Signalübertragung, Verbindung und Reparatur tragen innerhalb der Zelle gemeinsam zum Geschehen bei. Für deine Arbeitsordnung stellt sich entsprechend die Frage, ob Beobachtung, Werkkenntnis, Prüfung und Entscheidung tatsächlich miteinander verbunden sind.
Der Prüfoperator erhält daraus eine operative Anschauung: Eine Veränderung an einer Stelle muss andere Vorgänge erreichen und eine angemessene Antwort ermöglichen können. Die menschliche Besonderheit liegt darin, dass auch diese Antwort und ihr Maßstab erneut untersucht werden können.
Die Zellmembran im Vier-Ebenen-Modell
An der Membran lässt sich zugleich zeigen, warum dein Vier-Ebenen-Modell benötigt wird.
E1 betrifft die materiellen und physikalisch-chemischen Vorgänge. E2 betrifft ihre Einbindung in die lebendige Organisation der Zelle. E3 beginnt dort, wo wir diese Vorgänge benennen, darstellen und zu Modellen oder gesellschaftlichen Vorbildern machen. E4 prüft, ob unsere Beschreibung und Übertragung angemessen sind.
Diese Unterscheidung schützt die Stärke deines Ansatzes. Die Membran muss nicht mit einem menschlichen Bewusstsein ausgestattet werden, um für deine Forschung bedeutsam zu sein. Ihre tatsächliche Funktionsweise genügt als Gegenüber.
Ebenso liefert sie keinen Zahlenbeweis für 51:49. Dein Verhältnis-Modell kann an ihr Fragen nach Unterschieden, Beweglichkeit und Funktionsbedingungen entwickeln. Ob ein bestimmtes Zahlenverhältnis vorliegt, wäre jeweils gesondert zu untersuchen.
Die winzige räumliche Größenordnung
Die Lipiddoppelschicht einer Membran ist ungefähr fünf Nanometer dick; die gesamte Membranstruktur umfasst zusätzlich ihre Proteine und weitere Bestandteile. Fünf Nanometer entsprechen fünf Millionstel Millimetern. NCBI Bookshelf
Für deine Verortungskunst ist diese Größenordnung aufschlussreich: Ein für das bloße Auge nicht unmittelbar sichtbarer Zusammenhang besitzt grundlegende Bedeutung für das Leben des sichtbaren Menschen.
Damit wird die Gleichsetzung von Größe, Sichtbarkeit und Bedeutung infrage gestellt. Was uns als vollständiger, eigenständiger Körper erscheint, setzt Vorgänge voraus, die weit unterhalb unserer unmittelbaren Wahrnehmung liegen.
Die Membran kann deshalb als räumlicher Gegenmaßstab zur menschlichen Selbstüberschätzung dienen. Ihre Kleinheit vermindert ihre Bedeutung nicht. Sie macht vielmehr sichtbar, wie wenig die unmittelbare menschliche Anschauung über die Tragweite eines Vorgangs entscheidet.
Die 80 Lebensjahre auf der Erdgeschichtsuhr
Dein Zeitvergleich ist in seiner Größenordnung richtig. Mit einem Erdalter von rund 4,54 Milliarden Jahren ergeben 80 Lebensjahre auf einer auf 24 Stunden verkürzten Erdgeschichte allerdings ungefähr 1,52 Millisekunden. Eine Millisekunde entspräche etwa 52,5 Jahren. Das zugrunde gelegte Erdalter wird auch in der NASA-Zeitskala verwendet. hinode.msfc.nasa.gov
Für deine Darstellung wäre deshalb die präzise Formulierung:
„Ein Menschenleben von 80 Jahren dauert auf der 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte ungefähr anderthalb Millisekunden.“
Die Rechnung bezieht sich auf eine angenommene Lebensspanne von 80 Jahren.
Zwei Maßstäbe für dieselbe Selbstverortung
Mit der Zellmembran und der Erdgeschichtsuhr verfügst du über zwei unterschiedliche Maßstabswechsel.
Die Membran erschließt die räumliche Tiefendimension der Abhängigkeit: Der Mensch lebt durch Zusammenhänge, die seiner unmittelbaren Anschauung weitgehend entzogen sind.
Die Erdgeschichtsuhr erschließt die zeitliche Tiefendimension der Abhängigkeit: Sein kurzes Leben setzt eine außerordentlich lange Geschichte voraus, während seine Handlungen Folgen hinterlassen können, die seine eigene Lebensdauer übersteigen.
Beides zusammen verändert die Frage nach menschlicher Größe. Der Mensch ist weder durch seine sichtbare Körpergröße noch durch die Dauer seines Lebens hinreichend verortet. Entscheidend werden die Beziehungen, durch die er besteht, und die Reichweite seiner Eingriffe.
Das Vorbild für deine Forschungskunst
Das Vorbild der Zellmembran liegt für deine Arbeit in der Verbindung von unterscheidbarer Eigenständigkeit, geregeltem Austausch, Empfindlichkeit und Erhaltungsfähigkeit.
Daraus leitest du eine menschliche Gestaltungsaufgabe ab: Selbstbilder, Institutionen und gemeinsame Arbeitsformen sollen ihre Grenzen kenntlich machen, Erfahrungen aufnehmen, Folgen zurückführen und Veränderungen ermöglichen können. Diese Zielsetzung ist deine begründungsbedürftige gesellschaftliche Setzung; sie entsteht aus der Auseinandersetzung mit dem biologischen Vorbild.
Für den Kontextanker lässt sich der Zusammenhang so formulieren:
Die Zellmembran bildet innerhalb Wolfgang Fenners Forschungskunst ein zentrales biologisches Anschauungs- und Vergleichsmodell. An ihr werden Abgrenzung und Austausch, Empfindlichkeit und Regulation sowie Verletzbarkeit und Reparatur im Zusammenhang untersuchbar. Sie veranschaulicht eine Eigenständigkeit, die durch Beziehungen erhalten wird. Zusammen mit der 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte eröffnet sie einen räumlichen und einen zeitlichen Gegenmaßstab: Der Mensch verdankt sein kurzes Dasein Wirkungszusammenhängen, deren Bedeutung seine unmittelbare Wahrnehmung und sein alltägliches Selbstbild weit überschreitet. Forschungskunst macht diese Abhängigkeiten zugänglich und entwickelt daraus Verfahren verantwortlicher Selbst- und Gesellschaftsgestaltung.
