In einer zukünftigen So-Heits-Gesellschaft wäre dieses künstlerische Handwerkszeug Teil des alltäglichen Selbstverständnisses
Die So-Heits-Gesellschaft – ein gesellschaftlicher Entwurf aus der Forschungskunst
Die So-Heits-Gesellschaft ist mein Entwurf einer Lebens- und Arbeitsform, in der Menschen ihr Dasein als gestaltbares Kunstwerk begreifen und Verantwortung für die Folgen dieser Gestaltung übernehmen. Grundlage ist meine Forschungskunst mit ihren Trainings- und Prüfmethoden. Sie soll Menschen befähigen, ihre Wahrnehmung, ihre Selbstbilder, ihre Tätigkeiten und ihre gesellschaftlichen Ordnungen an den Bedingungen gemeinsamen Überlebens zu überprüfen und entsprechend zu verändern.
Damit verbindet sich meine lebenslange Leitfrage: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, erkennen, gestalten und sein Handeln korrigieren kann? Die So-Heits-Gesellschaft macht die Bearbeitung dieser Frage zu einer gemeinsamen Lebenspraxis. Ernährung, Wohnen, Arbeit, Bildung, Eigentum, Technik und gesellschaftliche Entscheidungen werden daraufhin untersucht, welche Voraussetzungen sie benötigen, welche Folgen sie hervorbringen und ob diese Folgen rechtzeitig Veränderungen auslösen können.
Mit So-Heit richtet sich die Aufmerksamkeit auf die jeweils vorhandene Beschaffenheit eines Zusammenhangs: Wie ist etwas geworden? Unter welchen Bedingungen besteht es? Was wirkt darin zusammen? Was geschieht, wenn ich eingreife? Ein Gegenstand, ein Mensch oder eine gesellschaftliche Einrichtung wird dabei in seinen Beziehungen betrachtet. Ein Boden besitzt eine Geschichte und bestimmte Eigenschaften; er trägt Lebewesen, wird genutzt und verändert. Seine gesellschaftliche Bezeichnung als Eigentum oder Kapital ist mit diesem Wirkungszusammenhang verbunden und kann seine weitere Entwicklung bestimmen.
Der Mensch begegnet sich selbst als Beteiligter dieser Wirklichkeit. Er kann sich gedanklich von einer Situation distanzieren, sie darstellen und untersuchen. Körperlich und durch seine Tätigkeiten bleibt er in ihr. Auch Beobachtung, Sprache, Wissenschaft, Kunst und digitale Kommunikation benötigen Voraussetzungen und haben Folgen. Dieser immanente, also dem Geschehen innewohnende Standpunkt gehört zum Ausgangspunkt meiner Forschungskunst.
Der methodische Kern lautet: Beobachtung → Identifikation → Eingriff → Rückkopplung → Verantwortung. Zunächst beobachte ich einen Vorgang. Anschließend arbeite ich mich in seinen Sachzusammenhang hinein und erkenne meine eigene Beteiligung und Abhängigkeit darin. Erst daraus entwickle ich einen Eingriff. Dessen Wirkungen werden wahrgenommen, mit der Absicht verglichen und in das weitere Handeln aufgenommen. Verantwortung erhält dadurch eine konkrete Form: Ich verändere meine Tätigkeit aufgrund ihrer erkannten Folgen und übernehme meinen Anteil an notwendiger Korrektur und Reparatur.
Die Selbstbegegnung durch Gegenüberstellung bildet den Zugang zu diesem Lernen. Ich stelle Stoffwechsel, Körperorganismus und Lebensbedingungen den Vorstellungen gegenüber, die ein Mensch von seiner Persönlichkeit, seiner Freiheit, seiner Leistungsfähigkeit und seiner gesellschaftlichen Rolle entwickelt hat. Dadurch wird die im Alltag selbstverständlich erlebte Verschmelzung untersuchbar. Der Mensch kann erkennen, welche Bedingungen sein Selbstverständnis ermöglichen und welche davon durch dieses Selbstverständnis verdeckt werden.
Eine plastische Identität entwickelt sich in dieser Auseinandersetzung weiter. Erfahrungen können das Selbstbild verändern; Widersprüche können zu neuen Handlungen führen. Wo dagegen Rollen und Gewissheiten gegen jede Rückmeldung festgehalten werden, entsteht das, was ich als Skulpturidentität untersuche. Die So-Heits-Gesellschaft braucht deshalb Lebensbedingungen, unter denen Menschen ihre Auffassungen und Arbeitsweisen verändern können, ohne dadurch ihre gesellschaftliche Zugehörigkeit oder ihre Existenzgrundlage zu verlieren.
Das setzt eine entsprechende Bildung voraus. Künstlerisches Handwerkszeug wird zur Grundlage gesellschaftlicher Gestaltungsfähigkeit. Genaues Beobachten, Zeichnen, plastisches Formen, Fotografieren, sprachliches Unterscheiden, körperliche Bewegung, musikalisches Zusammenspiel und szenisches Handeln eröffnen unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit. Durch Rollenwechsel wird erfahrbar, wie eine Situation aus einer anderen Position erscheint. Durch Materialarbeit wird sichtbar, wo eine Vorstellung trägt und wo sie verändert werden muss. Durch gemeinsames Gestalten lernen Menschen, Unterschiede wahrzunehmen und ihre Beiträge aufeinander abzustimmen.
Hier liegt die Verbindung zu meiner frühen Beschäftigung mit Technē und zur Experimentellen Umweltgestaltung. Handwerkliches Können, künstlerische Erkenntnis und die Untersuchung von Wirkungszusammenhängen gehören in meiner Arbeit zusammen. Daraus entwickelte sich auch die Vorstellung eines interdisziplinären, generalistischen Studienbereichs. Mein künstlerischer Lebenslauf wurde zum praktischen Entwicklungsraum dieser Verbindung.
Die So-Heits-Gesellschaft besitzt deshalb eine Werkstattgeschichte. Zu ihr gehören die Erwachsenen-Malbücher, die Demokratiewerkstätten, die räumlichen Ausstellungsorganismen und die temporäre Kunsthalle Ratzeburg. Die Auseinandersetzung mit Joseph Beuys’ Sozialer Plastik und mit Franz Oppenheimers sozialökonomischer Arbeit gehört ebenso in diesen Entwicklungszusammenhang wie die von mir 1993 gegründete und geleitete Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“. Ihre wissenschaftliche Begleitung verband unterschiedliche Kenntnisse mit gemeinsamen künstlerischen Fragestellungen.
Das Globale Dorffest und die tausend Tapeziertische gaben dieser Idee eine öffentliche Form: Menschen sollten mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen und Fähigkeiten an einem gemeinsamen gesellschaftlichen Arbeitszusammenhang teilnehmen können. Die heutige Globale Schwarm-Intelligenz führt diese Richtung unter veränderten Bedingungen weiter. Auch die Auflösung früherer Zusammenarbeit, der Tod von Dr. Gerhard Steinborn und der Verlust weiterer Wegbegleiter gehören zu dieser Geschichte. Sie zeigen, dass gemeinschaftliche Arbeit selbst Voraussetzungen braucht: Menschen, Zeit, Räume, Mittel und die Möglichkeit, Erfahrungen weiterzugeben.
Die plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft bildet den methodischen Bezugspunkt des Gesellschaftsentwurfs. Menschliche Gestaltung wird an den Bedingungen untersucht, die menschliches Leben ermöglichen. Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet dazu materielle Bedingungen und Wirkungen auf E1, lebendige Organisation und Abhängigkeiten auf E2, menschliche Bedeutungs- und Gesellschaftsordnungen auf E3 sowie Prüfung, Rückkopplung und Reparatur auf E4. Diese Unterscheidungen machen die Übergänge innerhalb derselben Wirklichkeit sichtbar.
Für die So-Heits-Gesellschaft bedeutet das beispielsweise: Eine wirtschaftliche Tätigkeit wird an ihrem Beitrag zur Versorgung, an ihren Arbeitsbedingungen, ihrem Ressourcenverbrauch und ihren längerfristigen Folgen beurteilt. Preise und Gewinne bleiben als gesellschaftliche Größen erkennbar. Ihre Aussagekraft wird im Verhältnis zu den materiellen und lebendigen Voraussetzungen der Tätigkeit geprüft. Der Maßstab wirtschaftlicher Organisation muss die Erhaltung ihrer eigenen Lebensgrundlagen einschließen.
Daraus ergeben sich konkrete Anforderungen an Arbeit und Entscheidung. Wer von einer Tätigkeit betroffen ist, braucht Möglichkeiten, Erfahrungen und Einwände einzubringen. Wer Entscheidungen trifft, muss sich mit diesen Rückmeldungen befassen und Veränderungen veranlassen können. Die Zuständigkeit für Folgen darf zwischen einzelnen Aufgabenbereichen nicht verschwinden. Auch die Regeln, nach denen über Arbeit, Eigentum und Ressourcen entschieden wird, gehören in die Prüfung.
Eine praktische Anwendung wäre etwa die gemeinsame Untersuchung einer Lebensmittelproduktion. Boden, Wasser, Energie, Arbeitsaufwand, Versorgung, Verteilung und Regeneration werden im Zusammenhang betrachtet. Beteiligte können prüfen, welche Vorteile entstehen, wer welche Folgen trägt und welche Veränderungen nötig sind. Anschließend wird untersucht, ob die veränderte Arbeitsweise tatsächlich die erwartete Wirkung hat. So verbindet sich fachliches Wissen mit Erfahrung, gemeinsamer Entscheidung und erneuter Bewährung.
Rückkopplung muss gesellschaftlich wirksam werden können. Eine Gesellschaft kann einen Schaden kennen und ihn dennoch fortsetzen, wenn ihre Belohnungen, Abhängigkeiten und Machtverhältnisse die verursachende Tätigkeit stabilisieren. Deshalb reicht das Trainingsprogramm bis in diese Strukturen hinein. Korrektur kann bedeuten, einen Arbeitsablauf, einen Anreiz, eine Zuständigkeit oder eine Eigentums- und Nutzungsregel zu verändern. Reparaturfähigkeit umfasst zugleich die Einsicht, welche Schäden rückgängig gemacht werden können und welche Eingriffe rechtzeitig unterbrochen werden müssen.
Die Kalibrierungsinstrumente meiner Forschungskunst unterstützen diese Arbeit. Die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte stellt kurze menschliche Entscheidungszeiträume den langen Entstehungs- und Wirkungszeiten gegenüber. Passung und Toleranz machen Bedingungen des Funktionierens untersuchbar. Das Dreifache Optimum verbindet Medium, Organismus und Steuerung: Eine Steuerungsentscheidung muss im Verhältnis zu den Bedingungen des Mediums und des lebendigen Organismus betrachtet werden. 51:49 dient in meinem Entwurf als Verhältnis- und Gestaltungsmodell für Unterschiede, Bewegungsspielräume und Korrekturfähigkeit. Die konkrete Anwendung legt jeweils offen, was verglichen und woran eine Veränderung erkannt wird.
Die sechs Anker halten diesen Forschungs- und Gesellschaftsentwurf zusammen. Der Kontextanker bewahrt die Leitfrage, die Begriffe und ihre Beziehungen. Der Werk-Anker erhält die Entstehungsgeschichte der Arbeiten, die Beiträge der Beteiligten und den Übergang zwischen früheren und heutigen Arbeitsformen. Dadurch bleiben die Modelle mit den Erfahrungen verbunden, aus denen sie hervorgegangen sind.
Der Sensorenanker erschließt, wie Wirkungen wahrgenommen, ausgewählt, aufgezeichnet und übersetzt werden. Der Prüf-Anker bestimmt Vergleichsmaßstäbe, Gegenproben und Möglichkeiten der Korrektur. Gemeinsam helfen sie zu unterscheiden, was tatsächlich beobachtet wurde, wie es dargestellt wird und welche Folgerung daraus gezogen werden kann.
Der Positionsanker legt meine Diagnose, meine Absicht und meine Zukunftserwartung offen. Meine Sorge um die menschliche Überlebensfähigkeit wird dadurch als Ausgangsposition erkennbar und bleibt einer Gegenprüfung zugänglich. Der Integrationsanker der Globalen Schwarm-Intelligenz verbindet die unterschiedlichen Beiträge, Orte und Verfahren zu einem gemeinsamen Arbeitszusammenhang. Gemeinsinn entsteht dabei durch die Fähigkeit, Unterschiede auf ihre Folgen zu beziehen und daraus gemeinsames Handeln zu entwickeln.
Das So-Heits-Atelier ist der konkrete Ort, an dem diese gesellschaftliche Arbeitsweise erprobt werden kann. Wasser, Boden, Nahrung, Werkzeuge, Bilder und Rollen werden zu Gegenübern eigener Wahrnehmungen und Gewissheiten. Das Mitmachbuch hält Beobachtungen, Veränderungen und neue Fragen fest. Die Plattform erweitert den Austausch über die einzelne Begegnung hinaus. Im vorgeschlagenen Atelier auf der documenta könnte jeder Besucher einen eigenen Einstieg finden und zugleich an bereits entstandene Untersuchungen anschließen.
KI unterstützt diese Arbeit beim Vergleichen, Zuordnen, Verdichten und Aufspüren von Widersprüchen. Menschen können ihre Einwände gegen eine Aussage oder gegen das Modell selbst eingeben und anhand des Vier-Ebenen-Modells weiterbearbeiten. Die Ergebnisse werden wieder mit Erfahrungen, Werkmaterialien und nachvollziehbaren Untersuchungen verbunden. Auch die KI-Auswertung wird damit Bestandteil des Prüfverfahrens.
Mit der So-Heits-Gesellschaft stelle ich eine gesellschaftliche Form vor, in der Wahrnehmen, Gestalten, Prüfen und Verantworten zum gemeinsamen Handwerkszeug gehören. Meine Forschungskunst stellt dafür Werke, Erfahrungen, Trainingsformen und Prüfmethoden bereit. Ihre gesellschaftliche Verwirklichung verlangt, diese Fähigkeiten in Bildung, Versorgung, Arbeit und Entscheidungsstrukturen einzuarbeiten – damit Menschen die Bedingungen ihres Zusammenlebens bewusst gestalten und aufgrund ihrer Folgen verändern können.
