Ki und Ich

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Rekonstruktion der Forschungskunst als Entwicklung eines Forschungszusammenhangs

1. Arbeitsgrundlage und Status der Aussagen

Die bisherige Forschung lässt sich nicht angemessen als fertige Theorie rekonstruieren, die irgendwann formuliert und anschließend mit passenden Kunstwerken illustriert worden wäre. Gerade die Werkgeschichte zeigt das Gegenteil. Materialien, handwerkliche Erfahrungen, Fotografien, Plastiken, Aktionen, Malbücher, Theaterformen, Tische, Schultafeln, Archive und gesellschaftliche Versuchsanordnungen waren lange vorhanden, bevor Begriffe wie Plexuswirklichkeit, Tragwirklichkeit, Skulpturidentität, Vier-Ebenen-Modell, Lochprozess oder Prüfoperator in ihrer heutigen Form entwickelt wurden. Die Werkgenese ist deshalb nicht geradlinig; sie besteht aus Wiederholungen, Brüchen, Wiederaufnahmen, späteren Selbsterkenntnissen und nicht realisierten Formen.

Für die folgende Rekonstruktion müssen vier Aussageformen auseinandergehalten werden. Historisch dokumentiert sind Vorgänge, Arbeiten und Entwicklungsschritte, soweit sie durch Werkmaterial, Tagebücher, Fotografien, Korrespondenzen, Bewerbungen, Presseberichte oder andere Archivspuren belegt werden können. Wissenschaftlich anschlussfähig oder fachwissenschaftlich beschreibbar sind etwa physikalische Materialwirkungen, Stoffwechsel, lebendige Regulation, Wahrnehmung oder technische Messvorgänge; ihre genaue fachliche Verwendung verlangt dort, wo daraus wissenschaftliche Behauptungen abgeleitet werden, externe Fachquellen. Forschungskünstlerische Begriffe und Hypothesen sind dagegen unter anderem Plexuswirklichkeit als eigener Gesamtbegriff, 51:49 als plastische Verhältnisfigur, Skulpturidentität, Lochprozess, So-Heits-Gesellschaft und das Vier-Ebenen-Modell als eigene Prüfarchitektur. Sie werden nicht dadurch wissenschaftlich bewiesen, dass ähnliche Begriffe in Wissenschaft oder Philosophie existieren. Schließlich gibt es offene historische und begriffsgeschichtliche Hypothesen, etwa weiterreichende sprachvergleichende oder kulturgeschichtliche Zusammenhänge; diese besitzen gegenwärtig Forschungsfunktion, bedürfen aber vor einer historisch-philologischen Behauptung einer gesonderten Quellenprüfung. Die projektinternen Texte selbst bestimmen das Werk- und Chatmaterial ausdrücklich als Primärmaterial des Eigenansatzes und externe Literatur als Mittel der Gegenprüfung, nicht als nachträglichen Beweis der Eigenbegriffe.

Diese Unterscheidung ist inzwischen selbst zu einem methodischen Fortschritt der Arbeit geworden. Sie verhindert sowohl die nachträgliche Überhöhung des Lebenswerks zur vermeintlich seit 1975 fertigen Theorie als auch die umgekehrte Verkürzung, nach der die heutige Theorie ohne jahrzehntelange Werkgenese entstanden wäre.

2. Forschungsgrund: Von der Umweltfrage zur Frage nach der Zivilisationsfähigkeit

Der beständigste Ausgangspunkt ist die seit den 1970er Jahren wiederkehrende Frage, warum der Mensch trotz Wissen und Korrekturfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen zerstört. In späteren Fassungen wurde diese Frage erheblich verschärft. Zunächst konnte sie wie eine Umwelt-, Gesellschafts- oder Verantwortungsfrage erscheinen. Mit der Entwicklung des Werkes verlagerte sich ihr Gegenstand jedoch immer stärker vom einzelnen Fehlverhalten auf die Fähigkeit des Menschen, überhaupt tragfähige Wirklichkeits-, Gesellschafts- und Selbstmodelle hervorzubringen.

Die handwerkliche Erfahrung war hierfür entscheidend. In der Maschinenschlosserei waren Maß, Passung, Widerstand, Belastung, Toleranz und Fehlfunktion nicht bloße Begriffe. Ein Werkstück konnte passen oder nicht passen. Eine Konstruktion konnte unter ihrer Beanspruchung tragen oder versagen. Diese Erfahrung wurde später nicht mechanisch auf Menschen übertragen; sie erzeugte vielmehr die Grundfrage, weshalb der Mensch seine technischen Hervorbringungen oft genauer an deren Funktionsbedingungen prüft als seine Eigentums-, Wirtschafts-, Rollen-, Wissens- und Gesellschaftsordnungen.

Damit verschob sich das Forschungsziel. Die ursprüngliche Frage nach der Zerstörung der Umwelt wurde zu einer Untersuchung des Menschenkunstwerkes selbst: Welche Vorstellungen erzeugt der Mensch? Wie setzt er sie in Tätigkeit um? Welche Folgen entstehen daraus? Und besitzt das von ihm geschaffene System eine wirksame Möglichkeit, durch seine eigenen Folgen verändert zu werden?

Die heutige persönliche Antwort auf diese Langzeitbeobachtung gehört nicht in die Theorie, sondern in den Positionsanker: „Die Menschheit hat keine Chance zu überleben.“ Der Forschungsfortschritt besteht gerade darin, diese Diagnose nicht mehr mit der Methode gleichzusetzen. Die Diagnose ist eine über Jahrzehnte entwickelte persönliche Zukunftsdiagnose; das Prüfverfahren darf nicht so konstruiert werden, dass es sie zwangsläufig bestätigt. Diese Trennung zwischen Position und Prüfung war eine der wichtigsten methodischen Korrekturen der jüngsten Arbeit.

3. Werkgenese: Forschung entstand aus Verrichtungen, nicht aus Definitionen

Die Werkentwicklung beginnt nicht mit Plexuswirklichkeit oder E1 bis E4, sondern mit Verrichtungen. Handwerk, Fotografie, Werbung, Bildhauerei, Experimentelle Umweltgestaltung, Wasser- und Deichversuche, Malbücher, Collagen, Theater, gesellschaftliche Werkstätten, Tische und Aktionen bilden eine nicht lineare Werkbewegung. Projektintern werden unter anderem Maschinenschlosserei, Fotografie, Werbearbeit, Bildhauerei, Experimentelle Umweltgestaltung, Wasser- und Deichforschung, Erwachsenenmalbücher, Kollektive Kreativität, Tanglandschaft, Entelechie-Museum, Totentanz, 1000 Tapeziertische, Globales Dorffest, Partizipatorisches Welttheater und Globale Schwarm-Intelligenz als zusammengehörige, aber nicht geradlinige Werkgenese geführt.

Die Fotografie brachte die Frage des Ausschnittes hervor. Jede Aufnahme zeigt etwas, indem anderes außerhalb des Bildrandes bleibt. Die spätere Begriffsarbeit über Selektion, Dingbildung und Lochprozesse hat hierin eine werkgeschichtliche Vorform. Die Erfahrung in Werbung und Gestaltung verschärfte die Frage, wie Eigenschaften nicht nur vorgefunden, sondern einem Gegenstand zugeschrieben und gesellschaftlich verstärkt werden können.

Die Bildhauerei brachte Materialwiderstand, Wegnehmen, Aufbauen und Formbildung ins Zentrum. Hier liegt der werkpraktische Grund für die spätere Differenz zwischen Plastik und Skulpturalisierung. Entscheidend ist dabei die historische Vorsicht: Die heutige anthropologische Bedeutung dieser Begriffe darf nicht rückwirkend vollständig in die Studienzeit hineingelesen werden. Was historisch früher vorhanden war, war zunächst eine Arbeit mit Material und Form; die anthropologische Generalisierung entstand später.

Die Wasser-, Wellen- und Deicharbeiten führten die Forschung aus der statischen Form in Kräfte, Strömungen, Anpassungen und Folgen. Ein Modell erhält seine Bedeutung nicht allein aus seiner Vorstellung, sondern aus dem, was Wasser tatsächlich damit macht. Damit entstand eine frühe Form des späteren Naturstatements: Das Material antwortet nicht sprachlich, aber es begrenzt die Vorstellung.

Kartoffel, Eis und Gold führten eine andere Differenz ein. Die gesellschaftliche oder künstlerische Aufwertung eines Stoffes verändert seine physikalische beziehungsweise lebendige Beschaffenheit nicht automatisch. Eine vergoldete Kartoffel bleibt vergänglich; eine vergoldete Eisfläche bleibt temperaturabhängig. Daraus entwickelte sich später die Frage nach hineingedachten Eigenschaften und der Differenz zwischen materieller Beschaffenheit und symbolischer Geltung.

Schultafel, Schrift, Malbuch, Vorgabebild und Collage brachten die Korrekturfähigkeit menschlicher Darstellungen ins Werk. Die Tafel kann beschrieben und gelöscht werden. Das Vorgabebild gibt etwas vor, bleibt aber bearbeitbar. Die Collage macht den Schnitt und die nachträgliche Montage sichtbar. Diese Arbeiten werden heute nicht mehr lediglich als einzelne Werkgruppen gelesen, sondern als historische Vorformen eines Begriffshandwerks.

Theater und Rollenarbeit erweiterten den Zusammenhang um eine entscheidende Einsicht: Der Mensch erzeugt nicht nur Dinge und Begriffe, sondern spielt gesellschaftliche Formen. Rolle und Person können auseinanderfallen. Später wurde daraus die Skulpturidentität: eine Rollen- und Selbstfigur, die ihren hergestellten Charakter vergessen kann.

Die zentrale werkmethodische Korrektur lautet deshalb heute: Für jedes historische Werk müssen damalige Aussage, praktisch angelegte Arbeitsweise, spätere Selbsterkenntnis und heutige Aktivierung auseinandergehalten werden. Nur dadurch bleibt die Werkgeschichte historische Forschung und wird nicht zur rückwirkend erfundenen Beweisgeschichte.

4. Wirklichkeit: Von „Realität“ über Verletzungswelt zur Plexus- und Tragwirklichkeit

Der Wirklichkeitsbegriff wurde mehrfach verändert. Ausgangspunkt war die Erfahrung, dass Vorstellungen an etwas geraten, das ihnen Widerstand entgegensetzt. Daraus entstand zunächst eine Orientierung an Wirklichkeit als Wirksamkeit und an einer Verletzungswelt: Wirklich ist nicht nur das, was gedacht oder anerkannt wird, sondern das, was wirkt, trägt, verletzt, verändert und Folgen erzeugt.

Später wurde dieser Ansatz zu Tragwirklichkeit verdichtet. Der Begriff sollte jene Bedingungen hervorheben, die menschliche Geltung nicht ersetzen kann: Material, Wasser, Atem, Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Regeneration, Energie, Lebensbedingungen und die Beziehungen, in denen diese wirksam werden. In den internen Haupttexten wurde Tragwirklichkeit ausdrücklich der Geltungswirklichkeit gegenübergestellt: Geltung wirkt real, trägt jedoch nicht aus sich selbst.

Die weitere Entwicklung führte zur Plexuswirklichkeit. Der entscheidende Schritt bestand darin, Tragbedingungen nicht mehr als Ansammlung einzelner Faktoren zu behandeln, sondern als verflochtene Wirkungszusammenhänge. Wirklichkeit besteht in dieser Forschungsperspektive nicht primär aus isolierten Dingen, sondern aus Beziehungen, Übergängen, Abhängigkeiten, Grenzen und Rückwirkungen.

Damit erhielt auch der Begriff des Funktionsteils eine neue Bedeutung. Der Mensch ist nicht außerhalb dieses Plexus positioniert. Er ist ein eigenständiger, aber getragener Teil innerhalb überschneidender Zusammenhänge. Eigenständigkeit wird dadurch nicht aufgehoben, sondern anders bestimmt: Sie ist möglich, weil Austausch, Grenze, Bindung und Regulation funktionieren.

An diesem Punkt entstand die Formel „Weil ich atme, existiere ich“ als Gegenakzent zu einer Selbstbegründung, die Denken von seinen materiell-leiblichen Voraussetzungen abzulösen droht. Sie ist kein naturwissenschaftlicher Lehrsatz, sondern eine kunstphilosophische Verdichtung der Abhängigkeit.

Offen bleibt weiterhin eine sprachliche Vereinfachung: Plexuswirklichkeit, Tragwirklichkeit, Verletzungswelt, Gebrauchswelt und Rückkopplungswelt sind zeitweise nahezu gleichrangig verwendet worden. Für die weitere Architektur ist eine Hierarchie sinnvoller: Plexuswirklichkeit bezeichnet den umfassenden relationalen Wirkungszusammenhang; Tragwirklichkeit bezeichnet darin diejenigen nicht ersetzbaren Bedingungen des Tragens und Lebens; Verletzungswelt beschreibt eine Weise, in der Folgen an Körpern und lebendigen Zusammenhängen sichtbar werden. Dadurch müssen nicht drei oder vier nahezu identische Wirklichkeitsbegriffe parallel fortgeführt werden.

5. Begriffsbildung: Der Mensch schneidet, benennt und stellt her

Aus Fotografie, Collage, Sprache und Werkhandlung entwickelte sich zunehmend die Einsicht, dass menschliches Erkennen immer mit Auswahl beginnt. Der Mensch kann nicht die gesamte Wirklichkeit gleichzeitig aufnehmen. Er schneidet etwas aus, unterscheidet, stellt gegenüber, benennt und stabilisiert das Ergebnis in einem Begriff, Bild, Modell oder Ding.

Dieser Vorgang wurde zunächst als Problem des Ausschnittes behandelt, später als Sezieren der Wirklichkeit und schließlich als Begriffshandwerk. Der entscheidende Fortschritt bestand darin, Auswahl und Begriffsbildung nicht als Fehler abzuwerten. Ohne Unterscheidung gäbe es keine Sprache, Wissenschaft, Kunst oder Handlung. Der Fehler entsteht erst dort, wo der hergestellte Schnitt vergessen wird und der Ausschnitt für die vollständige Wirklichkeit gehalten wird.

Das führte zum Begriff des Menschenkunstwerks. Sprache, Geld, Eigentum, Recht, wissenschaftliche Modelle, Rollen, Institutionen, technische Konstruktionen und Selbstbilder werden damit nicht als bloße Illusionen bezeichnet. Sie sind reale menschliche Hervorbringungen mit realen Folgen. „Kunstwerk“ bezeichnet hier Formgebung, nicht ästhetische Güte.

Die zentrale Umkehrung lautet deshalb: Die Menschenwelt ist nicht falsch, weil sie künstlich ist. Sie wird problematisch, wenn sie ihre Künstlichkeit vergisst.

Dies ist zugleich die Grundlage des späteren Prüfverfahrens. Ein Begriff muss nicht abgeschafft werden; sein Herstellungsweg und sein Geltungsbereich müssen sichtbar bleiben.

6. Lücke und Lochprozess: Vom notwendigen Zwischenraum zum Verlust der Beziehung

Die Begriffe Lücke und Lochprozess wurden in früheren Fassungen teilweise zu dicht aneinander gerückt. Inzwischen lässt sich eine wichtige Differenz herstellen.

Die Lücke ist zunächst produktiv. Zwischen Reiz und Antwort, Wahrnehmung und Deutung, Denken und Sprechen, Vorstellung und Werk, Handlung und Wirkung liegt kein vollständig geschlossener Übergang. Genau dieser Zwischenraum ermöglicht Formbildung, Lernen und Korrektur. Projektintern wurde die Lücke als Leerstelle, Hiatus, Schwelle und plastischer Umschlagraum bestimmt.

Der Lochprozess bezeichnet dagegen nicht jede Lücke. Er entsteht, wenn in einer notwendigen Übergangsbewegung entscheidende Beziehungen verloren gehen und dieser Verlust nicht mehr bemerkt wird. Die Folge kann ein Wahrnehmungsloch, Begriffsloch, Geschichtsloch, Zuständigkeitsloch oder Rückkopplungsloch sein. Der Verlauf von Frage, Ausschnitt, Unterscheidung, Gegenüberstellung, Benennung und Zuschreibung über Tätigkeit und Konsequenz bis zur Rückmeldung kann an jeder Stelle Beziehungen verlieren.

Damit wird eine wichtige begriffliche Vereinfachung möglich:

Die Lücke ist der offene plastische Zwischenraum. Der Lochprozess ist der Verlust einer für die Rückkopplung notwendigen Beziehung innerhalb dieses Zwischenraums.

Die Membran bildet hierzu den Gegenbegriff. Sie schließt nicht alles, sondern hält Grenze und Austausch gleichzeitig aufrecht. Der Zweifel wurde in diesem Zusammenhang zur „Membran des Kunstwerks“: nicht als lähmender Skeptizismus, sondern als Schutz davor, dass eine Interpretation sich endgültig gegen Gegenwirkungen abschließt. Die Forschung selbst muss deshalb an ihren eigenen Begriffen die Möglichkeit des Zweifels erhalten.

7. Gegenüberstellung und Lernen: Das Gegenüber als Bedingung der Korrektur

Eine weitere Entwicklungslinie betrifft die Gegenüberstellung. Sie stammt aus der plastischen Werkpraxis: Vorstellung und Material, Modell und Ergebnis, Bild und Gegenbild, Rolle und Person werden nicht identifiziert, sondern einander gegenübergestellt.

Die Gegenüberstellung darf dabei nicht mit dem später kritisierten 50:50-Dualismus verwechselt werden. Ein Gegenüber ist methodisch notwendig, damit Unterschied wahrnehmbar wird. Ein Dualismus entsteht erst, wenn die Unterscheidung zu zwei voneinander abgetrennten und absoluten Polen verfestigt wird.

Lernen benötigt deshalb Distanz, aber keine völlige Isolation. Ein Mensch kann seine eigene Vorstellung nur verändern, wenn etwas ihr gegenübertritt: Materialwiderstand, Erfahrung, eine andere Person, eine Messung, ein Kunstwerk, ein Gegenbeispiel oder die eigene spätere Erinnerung.

Aus dieser Einsicht entwickelte sich das künstlerische Dreieck: Vorstellung beziehungsweise Modell – Tätigkeit beziehungsweise Hand – hervorgebrachtes Werk beziehungsweise Ergebnis. Das Werk antwortet auf die Vorstellung durch seine tatsächlich entstandene Form. Scheitern ist dann nicht bloß Niederlage, sondern Informationsgewinn. Dieser Gedanke verbindet handwerkliches Lernen, künstlerisches Lernen und die spätere gesellschaftliche Rückkopplung.

Die offene Frage liegt in der gesellschaftlichen Übertragung. Material kann unmittelbaren Widerstand leisten; Institutionen können Folgen umbenennen oder auslagern. Deshalb genügt Gegenüberstellung auf gesellschaftlicher Ebene nicht. Sie braucht zusätzlich Sensorik, Spurensicherung, Konsequenzpfade und erreichbare Revisionsstellen.

8. Plastik, Skulpturalisierung und die Entwicklung des Ichbegriffs

Die Differenz zwischen Plastik und Skulptur wurde aus der Werkpraxis zunehmend anthropologisch erweitert. Plastik bezeichnete immer stärker eine Form, die durch Aufbau, Veränderung, Widerstand und Rückwirkung entsteht. Skulpturalisierung bezeichnete demgegenüber die Verfestigung einer Form zu einem scheinbar abgeschlossenen Zustand.

Diese Übertragung führte zum plastischen Ich und zur Skulpturidentität. In älteren Fassungen wurde das plastische Ichbewusstsein teilweise E2, also der lebendigen Ebene, zugeordnet, während die Skulpturidentität E3 zugeordnet wurde. Genau hier entstand zuletzt ein begrifflicher Widerspruch. Interne frühere Fassungen dokumentieren ausdrücklich diese ältere Zuordnung von „plastischem Ich-Bewusstsein auf E2“.

Die jüngste Korrektur ist grundlegender: Auf E2 liegt nicht das ausgeformte Ichbewusstsein, sondern leibliche Selbstreferenz. Der Organismus reguliert sich, erlebt Eigenbewegung, Schmerz, Hunger, Atem, Spannung und Körpergrenzen. Erst wenn diese Selbstreferenz sprachlich, biografisch und gesellschaftlich als „Ich“ interpretiert wird, entsteht ein Menschenkunstwerk auf E3.

Damit gehören sowohl plastisches Ichbewusstsein als auch Skulpturidentität grundsätzlich zu E3. Sie sind zwei Modi der symbolischen Selbstinterpretation. Das plastische Ichbewusstsein weiß um seine Getragenheit, Veränderlichkeit und Abhängigkeit. Die Skulpturidentität behandelt die gesellschaftlich und biografisch erzeugte Ichform als autonomen Ursprung und Besitzer ihrer selbst.

Daraus folgt derzeit keine fünfte Ebene. Stattdessen benötigt E3 eine innere analytische Differenzierung. Arbeitsweise und Benennung sind noch offen; denkbar sind etwa E3-P für plastisch rückgebundene Selbstinterpretation und E3-S für skulptural entkoppelte Selbstinterpretation. Entscheidend ist nicht die Buchstabenwahl, sondern die Korrektur des alten Fehlers: Ein natürliches „gutes“ plastisches Ich darf nicht einem künstlichen „schlechten“ skulpturalen Ich gegenübergestellt werden. Beide sind Menschenkunstwerke.

Diese Korrektur ist zugleich für das gesamte Forschungsmodell wichtig. Sie schützt die Forschungskunst davor, selbst eine neue Wesenslehre des Menschen zu erzeugen.

9. Erfahrung, Spur und Rückkopplung

Aus der Werkpraxis entwickelte sich zunehmend die Frage, wie überhaupt erkannt werden kann, dass eine Vorstellung Folgen erzeugt. Damit rückten Erfahrung, Spur, Sensor und Rückmeldung in den Mittelpunkt.

Die frühe Fährtenmetapher war hierfür bedeutsam: Eine Fährte verbindet eine abwesende Ursache mit einer gegenwärtigen Spur und einer zukünftigen Handlung. Man sieht nicht die Ursache selbst, sondern eine Veränderung im Medium. Projektintern wurde die Fährte entsprechend als anthropologisches Spurmodell bestimmt.

Daraus entstand später der eigenständige Sensorenanker. Er trennt Wirkung, Spur, Signal, Sensor, Schwelle, Übersetzung, Aufzeichnung, Zeichen und Rückmeldung. Der entscheidende methodische Fortschritt besteht darin, weder subjektive Wahrnehmung abzuwerten noch aus ihr unmittelbar eine vollständige Ursachenerklärung abzuleiten.

Damit wurde zugleich Rückmeldung von Rückkopplung getrennt. Eine Rückmeldung liegt vor, wenn eine Wirkung wahrgenommen, gemessen oder mitgeteilt wird. Rückkopplung beginnt erst, wenn diese Rückmeldung die Tätigkeit, Regel oder Institution erreicht, die tatsächlich verändert werden kann.

Diese Unterscheidung beseitigt eine frühere begriffliche Unschärfe. Nicht jede Information ist bereits Lernen. Nicht jede Dokumentation ist E4. Ein Archiv kann eine Spur sichern; eine E4-Funktion entsteht erst, wenn aus der gesicherten Spur eine revisionswirksame Rückbindung wird.

10. Symbol-, Ding- und Eigenschaftsbildung

Ein zentraler Forschungskern entstand aus der Frage, wie aus Beziehungen Dinge und Eigenschaften werden. Der Mensch findet Unterschiede vor, stellt sie gegenüber, benennt sie und macht bestimmte Merkmale wiedererkennbar. Daraus entstehen Kategorien und schließlich gesellschaftlich stabilisierte Gegenstände.

Die Forschung begann diese Leistung nicht mehr nur kritisch, sondern doppelt zu sehen. Eigenschaftsbildung ist eine enorme kulturelle Leistung. Ohne sie gäbe es weder Technik noch Recht noch gemeinsame Erinnerung. Der Zivilisationsfehler beginnt nicht mit dem Begriff, sondern mit dem Vergessen des Begriffswerks. Genau diese Verdichtung ist in den jüngeren sprachvergleichenden Texten formuliert: Beziehung wird zum Ding, Beschreibung zur Eigenschaft, Eigenschaft kann zum Eigentum, gesellschaftliche Zuerkennung zur Identität und Symbol zum Wirklichkeitsersatz werden.

Der Begriff hineingedachte Eigenschaften wurde deshalb wichtig. Eigentum liegt nicht als physikalische Eigenschaft im Boden. Marktwert liegt nicht als Stoffeigenschaft im Gold. Eine Berufsrolle ist nicht die biologische Eigenschaft eines Menschen. Gleichwohl sind diese Zuschreibungen nicht unwirklich: Sie können über menschliche Tätigkeit enorme reale Wirkungen erzeugen.

Hier entstand die Eigenschaftslehre als mögliche eigene Forschungslinie. Noch offen ist, ob sie tatsächlich als eigenständige Lehre ausgebaut werden sollte oder als Teil des Begriffshandwerks genügt. Die gegenwärtige Architektur spricht eher für Letzteres, weil sonst erneut parallele Begriffsgebäude entstehen würden.

11. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

Aus der Eigenschaftsfrage entstand zuletzt eine neue Vergleichsebene. Begriffe wie Eigenschaft, Eigentum, Symbol, Zeichen, Maß, Erfahrung und Erkenntnis sollen nicht nur im Deutschen als selbstverständlich behandelt werden. Der Vergleich mit lateinischen, griechischen, hebräischen, arabischen oder indischen Begriffsfeldern sollte sichtbar machen, dass jede Sprache Wirkungszusammenhänge anders schneidet.

Das projektinterne Material schlägt beispielsweise Gegenüberstellungen von „Eigenschaft“ mit proprietas, property, middah, ṣifa, lakṣaṇa und guṇa vor und verbindet dies mit der Frage, wie unterschiedliche Kulturen Eigenschaften, Maß und Zugehörigkeit begrifflich ordnen.

Methodisch ist diese Erweiterung wichtig, weil sie die Forschungskunst gegen eine unbeabsichtigte Verabsolutierung der eigenen deutschen Begriffe öffnet. Sie zeigt: Auch „Eigenschaft“, „Subjekt“, „Eigentum“ oder „Symbol“ sind historisch geformte Werkzeuge.

Der epistemische Status muss hier jedoch streng bleiben. Die bisher entwickelten Vergleiche sind Forschungsansätze und heuristische Gegenüberstellungen, keine abgeschlossene historische Linguistik. Aussagen über Etymologien, Bedeutungsentwicklungen oder kulturgeschichtliche Zusammenhänge dürfen erst nach philologischer Quellenprüfung als historisch gesichert verwendet werden. Der künstlerische Nutzen der Vergleiche besteht bereits vorher: Sie machen die Nicht-Selbstverständlichkeit der eigenen Begriffe erfahrbar.

12. Vom 51:49-Bild zum Differenzial- und Kalibrierungsprinzip

51:49 gehört zu den ältesten und zugleich am stärksten umgedeuteten Eigenfiguren. Ausgangspunkt war die Vorstellung einer minimalen Asymmetrie gegenüber einem starren 50:50. Später wurde daraus das Differenzialprinzip, die plastische symmetria, ein Modell von Beweglichkeit, Toleranzraum und korrigierbarer Gewichtung.

Damit wuchs allerdings die Gefahr einer Überdehnung. 51:49 wurde zeitweise als Werkmaß, Lebensmaß, gesellschaftliches Maß, Referenzprinzip, symmetria, Lernprinzip und Reparaturfigur gleichzeitig eingesetzt. Interne Texte weisen selbst darauf hin, dass es als minimale Asymmetrie und Gegenkalibrierung gegen ein falsches 50:50 verstanden wird.

Die heutige Vereinfachung sollte deshalb lauten: 51:49 ist eine plastische Kalibrierungs- und Lesefigur, keine Naturkonstante und keine universale Zahlenregel. Es erinnert daran, dass Form weder in vollkommener Symmetrie erstarren noch in beliebige Offenheit zerfallen darf. Es kann helfen, Gewichtungen zu prüfen; es entscheidet sie nicht.

Der Begriff 50:50 sollte entsprechend nicht jeden Gegensatz bezeichnen. Er steht nur dort sinnvoll, wo eine scheinbar neutrale oder symmetrische Gleichsetzung reale Differenzen, Verletzbarkeiten oder Machtasymmetrien verdeckt.

13. Das Vier-Ebenen-Modell: Von der Wirklichkeitsschichtung zur Prüfarchitektur

Das Vier-Ebenen-Modell entstand als Versuch, die inzwischen auseinandergetretenen Bereiche von materieller Wirkung, lebendigem Erleben, symbolischer Geltung und öffentlicher Rückprüfung systematisch zu unterscheiden. Inzwischen ist klar, dass es kein Weltmodell im Sinne vier ontologisch getrennten Welten sein darf. Es ist ein Prüf- und Zuordnungsmodell innerhalb des Prüfankers. Diese Selbstbegrenzung wurde in jüngeren Materialien ausdrücklich vorgenommen.

E1 bezeichnet die physikalisch-chemische Wirkungswirklichkeit. E2 bezeichnet lebendige Organisation, Stoffwechsel, Regulation, Verletzbarkeit und leibliche Selbstreferenz. E3 bezeichnet menschliche Symbol-, Begriffs-, Rollen-, Ding-, Eigentums- und Geltungsbildung. E4 bezeichnet keine weitere Naturstufe, sondern die öffentlich hergestellte Funktion der Rückbindung, Revision und Reparatur.

Die zentrale Operationsform entstand erst schrittweise: E3-Setzungen werden durch Tätigkeit in E1 und E2 wirksam; dort entstehen Konsequenzen; diese werden wahrgenommen und können auf die ursprüngliche Setzung zurückgeführt werden. Tätigkeit darf deshalb nicht als fünfte Ebene behandelt werden. Sie ist der Übergang.

Die jüngste Ich-Korrektur verändert E2 und E3 erheblich: E2 trägt leibliche Selbstreferenz, E3 formt daraus das symbolische Ichbewusstsein. Innerhalb E3 können plastisch rückgebundene und skulptural entkoppelte Selbstinterpretationen unterschieden werden. Damit verschwindet die frühere Asymmetrie, nach der das plastische Ich quasi natürlich und die Skulpturidentität künstlich gewesen wäre.

E4 wurde ebenfalls mehrfach korrigiert. Zunächst drohte es wie eine höhere Vernunftebene zu erscheinen. Heute wird E4 funktional verstanden. Auch eine Universität, ein Gericht, eine Demokratie oder eine Plattform ist nicht automatisch E4. E4 entsteht nur dort, wo eine Rückmeldung tatsächlich auf die verursachende Geltungs- oder Tätigkeitsform zurückwirken kann.

Die offene Hauptfrage lautet deshalb weniger, ob vier oder fünf Ebenen nötig sind, sondern wie präzise die Schwellen und Übergänge beschrieben werden. Besonders E2/E3 benötigt nach der Ich-Korrektur eine neue Gesamtfassung.

14. Begriffshandwerk und Prüf-Anker: Von einer zusätzlichen Methode zur operativen Hauptseite

Das Begriffshandwerk entstand aus der Einsicht, dass menschliche Begriffe selbst Werkstücke sind. Auswahl, Unterscheidung, Gegenüberstellung, Benennung, Eigenschaftszuschreibung und Stabilisierung sind Verrichtungen. Diese Verrichtungen können gelernt und geprüft werden.

Zwischenzeitlich entstand daraus ein eigener „Prüfanker des Begriffshandwerks“. Seine grundlegende Bewegungsfolge lautete: Frage, Ausschnitt, Unterscheidung, Gegenüberstellung, Benennung, Zuschreibung, Tätigkeit, Konsequenz, Rückmeldung, Zweifel, Korrektur, veränderte Frage.

Später wurde jedoch deutlich, dass ein zusätzlicher Hauptanker neue Doppelungen erzeugen würde. Das Begriffshandwerk gehört deshalb heute in den Prüf-Anker, nicht neben ihn. Es bildet die elementare Vorstufe des Prüfens; das Vier-Ebenen-Modell ist ein später hinzukommendes Differenzierungsinstrument.

Der aktuelle Prüf-Anker v1.2 verdichtet dies zu Ebenenortung, Maßstabszuständigkeit, Übertragungsprüfung, Konsequenzpfad, Tragfähigkeitsprüfung, Revisionsstelle, Stoppregel, Reparatur und erneuter Rückkopplung.

Besonders wichtig war die Einführung der Maßstabszuständigkeit. Sie unterscheidet die Frage „Woran muss geprüft werden?“ von der institutionellen Frage „Wer muss handeln?“. Dadurch kann eine Behörde formal unzuständig sein, ohne dass eine physikalische oder lebendige Wirkung dadurch verschwindet.

Mit Übertragung wurde der Wechsel des Geltungsortes gefasst. Ein gesellschaftlicher Wert kann wie eine materielle Eigenschaft behandelt werden; umgekehrt kann eine leibliche Rückmeldung auf eine bloße symbolische Kategorie reduziert werden. Drift bezeichnet die fortschreitende Stabilisierung solcher Verschiebungen.

Der Prüf-Anker wurde schließlich um Revision, Stoppregel, Reparatur und Gemeinsinnsübung erweitert. Das ist ein wesentlicher Fortschritt gegenüber reiner Kritik. Dekonstruktion allein repariert nichts; Erkenntnis allein verändert keine Tätigkeit. Die Methode verlangt deshalb einen Weg von der Störung über die Rückverfolgung bis zu einer veränderten und erneut prüfbaren Praxis.

15. Künstlerische Prüfobjekte: Vom Kunstgegenstand zur materiellen Gegenfrage

Die künstlerischen Objekte wurden im Verlauf des Chats zunehmend nicht als Illustrationen einer Theorie, sondern als Prüfgegenüber verstanden. Genau darin liegt ihre methodische Eigenständigkeit.

Das Wellenbecken und der Deich prüfen Vorstellung gegen Strömung und Belastung. Die Kartoffel prüft lebendige Stofflichkeit gegen gesellschaftliche Wertzuschreibung. Gold zeigt, dass Aufwertung die darunterliegende Beschaffenheit nicht ersetzt. Die Schultafel macht Behauptung und Löschbarkeit gleichzeitig sichtbar. Das Malbuch prüft Vorgabe und Selbsttätigkeit. Das Rollentheater prüft Rolle und Identifikation. Der Rote Punkt verortet Interesse. Der Tapeziertisch erzeugt einen öffentlichen Arbeitsort. Diese Funktion einzelner Werkformen wird auch in den documenta-Materialien ausdrücklich beschrieben.

Hinzu kamen in der jüngsten Werkphase neue Operatorobjekte. Der Sandtrichter verschiebt den Fokus von „Was ist es?“ zu „Was geschieht, wenn ich etwas tue?“. Die Saftpresse macht Umformung, Ressourcenverbrauch und Wertverschiebung sichtbar. Die Thermosflasche dient als Modell von Isolation durch Schichtung. Der Astronautenanzug verdichtet scheinbare Autonomie bei tatsächlicher Abhängigkeit. Die Zellmembran dient als Gegenmodell einer Grenze, die gerade durch regulierte Durchlässigkeit trägt.

Dabei entstand eine wichtige methodische Regel: Analogie statt Gleichsetzung. Zellmembran ist nicht Bewusstsein, Thermosflasche nicht Ich, Astronautenanzug nicht Seele, Möbiusband nicht Selbstbewusstsein. Die Analogie muss ihre eigene Grenze mitzeigen. Die entwickelte Foliengrammatik hat diese Analogiegrenzen ausdrücklich eingebaut.

16. Folien, Schablonen und das ausgeschnittene Gehirn

Die Folienarbeit ist aus Fotografie, Collage, Malbuch und Schichtenbildung hervorgegangen und inzwischen zu einer eigenständigen Bildgrammatik geworden.

Die entscheidende künstlerische Erfindung besteht nicht darin, auf jeder Folie eine richtige Weltanschauung abzubilden. Transparente Folien machen vielmehr sichtbar, dass etwas hinzugefügt wurde. Ein Boden bleibt sichtbar, während darüber eine Grundstücksgrenze gelegt wird. Ein Körper bleibt sichtbar, während eine Berufsrolle oder Eigentümeridentität hinzukommt. Ein Abhängigkeitsnetz bleibt unter der Behauptung „Ich bin frei“ bestehen.

Die leere Folie wurde dadurch sogar wichtiger als manche vorbereitete Folie. Der Benutzer stellt seine eigene Zuschreibung her; anschließend kann genau diese Herstellung geprüft werden. Dadurch wird die Foliengrammatik nicht zu einem Kanon fertiger Künstlerbilder.

Das ausgeschnittene Gehirn entwickelte sich zum Wechselträger verschiedener Weltbilder. Es kann mit Plexus, Skulptur, Freiheit, Eigentum, Seele, Geld, Rolle, Tätigkeitskonsequenz oder Prüfoperator gefüllt werden. Dadurch wird nicht behauptet, im Gehirn liege buchstäblich eine solche Folie. Das Bild macht künstlerisch erfahrbar, dass Menschen mit ausgewählten Darstellungen handeln und diese Darstellungen mit der Wirklichkeit verwechseln können.

Die kulturgeschichtlichen Folien zu Platon, Aristoteles, Christentum und Physik erweitern diese Grammatik. Sie sollen unterschiedliche Arten zeigen, Veränderliches, Körperliches, Form, Seele, Messbarkeit oder Wirklichkeitsrang zu ordnen. Auch hier gilt jedoch: Diese Folien sind künstlerisch-philosophische Vergleichsmodelle, keine vollständigen philosophiehistorischen Darstellungen. Für öffentliche wissenschaftliche Behauptungen über Platon, Aristoteles oder christliche Anthropologie wären Primär- und Fachquellen erforderlich.

17. Das Mitmachbuch: Von der Leserführung zur portablen Werkstatt

Das Mitmachbuch entstand aus Erwachsenenmalbuch, Vorgabebild, Collage, Schultafel und später Foliengrammatik. Seine heutige Funktion ist deshalb nicht die eines Lehrbuchs. Es soll keinen linearen Weg zu einer richtigen Antwort vorgeben.

Das Buch ist als Werkstatt gedacht. Ein Nutzer kann zurückkehren, streichen, überkleben, schneiden, Folien auflegen, Aussagen verändern und frühere Entscheidungen erneut prüfen. Gerade eine veränderte Antwort ist dann kein Fehler des Buches, sondern ein Forschungsergebnis.

Damit wurde auch das Verhältnis zum Vier-Ebenen-Modell korrigiert. E1 bis E4 sollen nicht als Eingangsdogma vor dem Benutzer stehen. Zuerst kann eine konkrete Frage, ein Bild, eine irritierende Gegenüberstellung oder ein materieller Versuch kommen. Erst wenn ein Problem sichtbar wird, kann das Ebenenmodell als Differenzierungswerkzeug hinzugezogen werden.

Das Mitmachbuch ist damit die kleine portable Form dessen, was im So-Heits-Atelier räumlich geschieht. Das interaktive Buch auf der Plattform ist dagegen der längerfristige, persönliche und versionierbare digitale Arbeitsweg. Beide dürfen nicht mehr unter einem einzigen unscharfen „Buch“-Begriff zusammenfallen.

18. Tausend Tische: Der analoge Vorläufer der Schwarmarchitektur

Die Tapeziertische gehören zu den wichtigsten Übergängen vom einzelnen Werk zur gesellschaftlichen Versuchsanordnung. Besonders wichtig ist eine historische Präzisierung: Das Globale Dorffest 1993 und die 1000 Tapeziertische dürfen nicht automatisch so behandelt werden, als seien tausend Tische tatsächlich vollständig realisiert worden. In den Materialien erscheint die Aktion „1000 tapezierte Tische unter den Linden“ als geplante Versuchsanordnung für den 3. Oktober 1993.

Das methodische Modell ist jedoch klar dokumentiert. Jeder Tisch sollte eine eigene Frage und eigene Gestaltung tragen. Die Teilnehmer sollten nicht bei ihrem Tisch verbleiben, sondern zwischen den Tischen wandern und an anderen Stellen zu Antwortgebern werden. Dadurch entstand eine Struktur, in der Eigenständigkeit und Verbindung gleichzeitig erhalten bleiben.

Genau darin liegt der Vorläufer der späteren Globalen Schwarm-Intelligenz. Der Schwarm ist keine Einheitsmeinung. Er entsteht durch Bewegungen zwischen unterschiedlichen Positionen. Die eigentliche Arbeit liegt nicht im einzelnen Tisch allein, sondern im Wechsel zwischen ihnen.

Der Tapeziertisch wurde damit zur gesellschaftlichen Zelle: niedrigschwellig, beweglich, öffentlich, nicht institutionell abgeschlossen.

Die offene historische Aufgabe besteht darin, die genaue Realisierungsgeschichte von Globalem Dorffest und Tausend-Tische-Konzept anhand des Archivs vollständig zu trennen: Was wurde geplant, was aufgebaut, was fotografiert, was berichtet, was blieb Entwurf? Gerade diese Differenz ist Teil der Werkforschung.

19. Künstliche Intelligenz: Vom Schreibwerkzeug zum Gegenprüfer

Die KI trat spät in die Werkgeschichte ein, wurde aber sehr schnell mit älteren Arbeitsformen verbunden. Zunächst diente sie der sprachlichen Korrektur, Strukturierung und Erschließung eines sehr großen Archivs. Daraus entstand die weiterreichende Frage, ob eine KI nicht nur Antwortmaschine, sondern Gegenüber, Vergleichsinstrument und Simulator sein kann.

Dabei wurden zwei gegenläufige Einsichten entwickelt. Einerseits kann KI große Textmengen vergleichen, Lücken aufspüren, Begriffe gegeneinanderstellen und alternative Formulierungen erzeugen. Andererseits kann sie gerade durch sprachliche Glätte falsche Datierungen, erfundene Zusammenhänge oder begriffliche Überdehnungen verdecken.

Dies führte zu der wichtigen Selbstanwendung: Die Entstehung der eigenen Anker zeigte selbst, dass eine überzeugend formulierte KI-Fassung nicht notwendig historisch oder begrifflich richtig ist. Genau daraus wuchs die Forderung nach Versionierung, Gegenprüfung und klarer Quellenherkunft.

KI wurde außerdem als mögliche zweite künstliche Parallelwelt verstanden. E3 erzeugt bereits menschliche Symbol-, Rollen- und Modellwelten; KI verarbeitet diese Hervorbringungen erneut und erzeugt daraus weitere Modelle. Sie steht deshalb nicht außerhalb der Menschenkunstwerke.

Eine weitere Korrektur betrifft den Sensorenbegriff: KI ist ohne angeschlossene technische Sensorik kein ursprünglicher Sensor für materielle oder leibliche Vorgänge. Sie verarbeitet bereits erzeugte Daten, Texte und Bilder. Diese Grenze gehört heute in den Sensorenanker.

Offen bleibt die größere politische Frage nach Eigentum, Kontrolle und Macht über KI-Infrastrukturen. Sie ist Teil des Zukunfts- und Gesellschaftsfeldes, aber kein zusätzlicher Hauptanker.

20. Globale Schwarm-Intelligenz: Vom Globalen Dorffest zum digitalen Werkorganismus

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist nicht plötzlich aus der KI entstanden. Ihre Werkgenese führt über Frage-und-Antwort-Tische, Kollektive Kreativität, Globales Dorffest, Tapeziertische, Beteiligungsprojekte, Archivarbeit und interaktive Buchformen.

Die Plattform wurde zunehmend als Werkarchiv, Arbeitsprotokoll, digitales Atelier, öffentlicher Frage- und Prüfraum und fortlaufend korrigierbares Kunstwerk verstanden.

Die entscheidende begriffliche Verschiebung bestand darin, „Schwarmintelligenz“ nicht mit der bloßen Anwesenheit vieler Beiträge gleichzusetzen. Ein globaler Tätigkeitsschwarm existiert längst; globale Schwarmintelligenz entsteht erst, wenn unterschiedliche Positionen ihre Wirkungen vergleichen, Gegenbeispiele zulassen und Veränderungen auslösen können.

Deshalb musste zwischen Speicherung und Rückkopplung unterschieden werden. Eine Plattform, auf der Tausende Beiträge liegen, ist noch nicht intelligent im hier gemeinten Sinne. Erst wenn eine Rückmeldung eine erkennbare Revisionsstelle erreicht und das gemeinsame Werk ändern kann, entsteht die angestrebte E4-Funktion.

Aus dieser Einsicht entstand der Integrationsanker der Globalen Schwarm-Intelligenz. Er definiert nicht erneut alle Theorien, sondern ausschließlich die Verbindung von Plattform, interaktivem Buch, documenta-Mitmachbuch, KI-Unterstützung, Versionierung und öffentlicher Rückkopplung.

21. So-Heits-Gesellschaft: Von der Zukunftsgesellschaft zur prüffähigen Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft hat sich im Verlauf der Forschung stark verändert. Frühere Fassungen konnten den Eindruck eines alternativen Gesellschaftsmodells oder einer Zukunftsgesellschaft erwecken. Später wurde zunehmend deutlich, dass eine solche fertige Gegenordnung den eigenen kritisierten Fehler wiederholen könnte: Eine neue ideale Gesellschaft würde als richtige Form vorgegeben.

Die heutige Fassung ist wesentlich vorsichtiger. Die So-Heits-Gesellschaft ist keine fertige Utopie und keine neue Weltanschauung. Sie bezeichnet eine Gesellschaft, die ihre Begriffe, Rollen, Regeln und Tätigkeiten fortwährend an Voraussetzungen und Folgen prüft. Genau so wird sie in den aktuellen documenta-Materialien bestimmt.

Damit verschiebt sich auch „So-Heit“. Es bezeichnet nicht eine metaphysische Essenz, die der Künstler kennt. Es fordert vielmehr, einen Menschen oder Gegenstand nicht nur nach gesellschaftlichen Zuschreibungen zu behandeln, sondern nach Beschaffenheit, Abhängigkeit und tatsächlichen Beziehungen zu fragen.

Der entscheidende Fortschritt ist deshalb der Wechsel vom alternativen Gesellschaftsbild zur gesellschaftlichen Prüffähigkeit. Die zentrale Zukunftsfrage lautet nicht mehr: „Wie sieht die richtige Gesellschaft aus?“, sondern: „Wie müsste eine Gesellschaft organisiert sein, damit ihre eigenen Folgen ihre Regeln verändern können?“

So-Heits-Gesellschaft, Gemeinsinnsübung und E4 nähern sich dadurch stark an. Hier besteht eine Doppelungsgefahr. So-Heits-Gesellschaft sollte künftig das gesellschaftliche Ziel- und Anwendungsfeld bezeichnen; Gemeinsinnsübung dagegen eine konkrete Methode innerhalb des Prüf-Ankers.

22. So-Heits-Raum, So-Heits-Werkstatt und So-Heits-Atelier

Eine weitere wichtige Differenzierung entstand zwischen So-Heits-Raum, So-Heits-Gesellschaft, So-Heits-Atelier und So-Heits-Werkstatt.

Der So-Heits-Raum bezeichnet nicht einen Ausstellungsraum, sondern den größeren Wirklichkeitszusammenhang, in dem jede Tätigkeit ohnehin stattfindet. Der Besucher betritt also nicht erst mit der documenta „die Wirklichkeit“. Er tritt in eine Versuchsanordnung ein, die seine bereits bestehende Einbindung anders sichtbar machen soll.

Das So-Heits-Atelier bezeichnet die künstlerische Forschungsform. Die So-Heits-Werkstatt bezeichnet die konkrete Verrichtung: schneiden, schreiben, auflegen, modellieren, vergleichen, prüfen, korrigieren. Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet den offenen gesellschaftlichen Entwicklungs- und Prüfprozess. Diese Differenzierung wurde in den jüngsten Materialien ausdrücklich herausgearbeitet.

Damit ist auch eine frühere Unklarheit beseitigt: Nicht alles, was mit „So-Heit“ bezeichnet wird, ist derselbe Gegenstand auf verschiedenen Größenstufen.

23. Das So-Heits-Atelier und die documenta: Von der Bewerbung zur Verortungskunst

Die documenta-Beziehung entwickelte sich über Jahrzehnte. Wiederholte Bewerbungen, Projekte, Ablehnungen und nicht realisierte Vorhaben bilden nicht nur institutionelle Nebengeschichte, sondern eine Werkspur.

Der entscheidende neue Begriff dafür ist Verortungskunst. Ein Werk muss nicht nur einen Inhalt besitzen, sondern zu einem bestimmten Zeitpunkt, an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten institutionellen Situation wirksam werden. Der Ort ist nicht Behälter, sondern Teil der Wirkung.

Damit verändert sich die gegenwärtige documenta-Bewerbung. Sie ist nicht lediglich ein Antrag, eine fertige Arbeit ausstellen zu dürfen. Die Beziehung zwischen Lebenswerk und documenta selbst wird zum Prüfgegenstand. Frühere Bewerbungen können heutigen Bedingungen gegenübergestellt werden: Was wurde damals behauptet? Was ist eingetreten? Was muss korrigiert werden? Diese zeitliche Gegenprüfung ist ausdrücklich als Kern der aktuellen Verortungskunst beschrieben.

Das So-Heits-Atelier soll deshalb keine Retrospektive sein. Es stellt eine öffentliche Werkstatt bereit, in der historische Werkspuren, heutige Modelle, Besucherhandlungen, Folien, Mitmachbuch und Plattform miteinander arbeiten. Die documenta wäre dann nicht nur Ausstellungsort, sondern selbst Mitprüfende einer Versuchsanordnung.

Das Memento-mori-Atelier verschärft diese Frage noch einmal. Ein historischer, nicht betretbarer Werkraum kann das abgeschlossene Lebenswerk, Tod und Hinterlassenschaft zeigen; daneben steht das lebendige Atelier, in dem das Material weiterverwendet wird. Dadurch wird selbst das eigene Lebenswerk der Plastik/Skulptur-Prüfung unterworfen: Als abgeschlossene Künstleridentität würde es erstarren; als verwendbares Material bleibt es plastisch.

24. Positions-, Kontext-, Werk-, Sensoren-, Prüf- und Integrationsanker

Die Anker entstanden aus einem praktischen Problem der immer größer werdenden Forschung: Ein einziger Kontextanker konnte Theorie, Werkgeschichte, persönliche Diagnose, Sensorik, Methode, Plattform und Zukunftsprojektion nicht mehr sauber voneinander trennen.

Zunächst entstanden immer weitere Versionen einzelner Hauptanker. Dann zeigte sich ein neuer Fehler: Jeder Anker begann den gesamten Ansatz erneut zu erklären. Dadurch wurde die Ankerarchitektur selbst redundant. Die jüngste redaktionelle Korrektur besteht deshalb in einer strengen Zuständigkeitsregel:

Vollständig definieren nur auf der zuständigen Hauptseite. Auf anderen Seiten nur erinnern, anwenden und verweisen.

Damit erhält jeder Anker eine einzige Frage und einen begrenzten Inhalt. Der Positionsanker enthält die persönliche Diagnose und Erwartung. Der Kontextanker die theoretisch-anthropologischen Grundbegriffe. Der Werk-Anker die Werkgenese. Der Sensorenanker Wahrnehmung, Spur und Übersetzung. Der Prüf-Anker allein das Vier-Ebenen-Modell und den Prüfoperator. Der Integrationsanker verbindet die öffentlichen Werkformen.

Diese Bereinigung ist nicht bloß redaktionell. Sie ist selbst eine Anwendung des Forschungsprinzips: Auch Begriffe und Architekturen müssen korrigiert werden, wenn ihre Folgen zeigen, dass sie nicht mehr tragen.

25. Gesamtarchitektur des entstandenen Forschungsansatzes

Die gegenwärtige Architektur besteht aus einem Dachanker und fünf Funktionsankern:

  1. Integrationsanker der Globalen Schwarm-Intelligenz v1.0 – verbindet Plattform, interaktives Buch, documenta-Mitmachbuch, KI-Unterstützung, Versionierung und öffentliche Rückkopplung.
  2. Positionsanker v1.0 – legt persönliche Diagnose, Erwartungshaltung und gesellschaftlichen Herkunftsraum offen.
  3. Kontextanker v14.1 – definiert die theoretischen und anthropologischen Grundbegriffe.
  4. Werk-Anker v14.1 – sichert Werkgenese, Werkspuren und künstlerische Prüfmittel.
  5. Sensorenanker v1.0 – klärt Wahrnehmung, Messung, Spur, Übersetzung und Rückmeldung.
  6. Prüf-Anker v1.2 – enthält allein das Vier-Ebenen-Modell, Ebenenortung, Maßstabszuständigkeit, Übertragung, Konsequenzpfad, Revision, Reparatur und Gemeinsinnsübung.

Unterhalb dieser Architektur liegen keine weiteren Hauptanker, sondern Werkzeuge und Module: Lochprozess, Membran, Begriffshandwerk, 51:49, Foliengrammatik, 24-Stunden-Uhr, Millisekundenmensch, Astronaut, Sandtrichter, Prüfpass, Mitmachbuch, Tausend Tische, Sprachvergleiche und einzelne Prüfprogramme.

Damit ist erstmals eine Architektur entstanden, in der nicht jeder wichtige Begriff zu einer eigenen theoretischen Säule werden muss.

26. Doppelungen, Unklarheiten und notwendige Vereinfachungen

Die wichtigste verbleibende Doppelung betrifft Plexuswirklichkeit, Tragwirklichkeit und Verletzungswelt. Sie müssen hierarchisch statt parallel verwendet werden. Plexuswirklichkeit sollte der umfassendste Eigenbegriff bleiben; Tragwirklichkeit bezeichnet darin die nicht ersetzbaren Tragebedingungen; Verletzungswelt bezeichnet die Erscheinung von Folgen an verletzbaren Zusammenhängen.

Eine zweite Doppelung betrifft plastisches Ich, plastische Identität, plastisches Ichbewusstsein, Tragbewusstsein, Kopplungs-Ich und Geltungs-Ich. Diese Begriffsserie ist inzwischen zu groß. Nach der jüngsten Ich-Korrektur sollte E2 nur noch leibliche Selbstreferenz tragen. Auf E3 genügen wahrscheinlich zwei zentrale Begriffe: plastisch rückgebundenes Ichbewusstsein und Skulpturidentität. Die übrigen historischen Begriffe können als Entwicklungsstufen dokumentiert werden.

Eine dritte Unklarheit liegt zwischen Lücke und Lochprozess. Diese sollte verbindlich beseitigt werden: Lücke ist produktiver Übergangsraum; Lochprozess ist Beziehungsverlust.

Eine vierte betrifft Gegenüberstellung und 50:50. Gegenüberstellung ist eine notwendige Erkenntnisoperation. 50:50 bezeichnet nur eine bestimmte Form falscher Symmetrisierung. Beides darf nicht ineinanderfallen.

Eine fünfte betrifft 51:49. Der Begriff sollte nicht gleichzeitig Naturprinzip, anthropologisches Gesetz, demokratisches Verhältnis, ästhetisches Maß und Reparaturformel sein. Seine tragfähige Funktion ist die einer plastischen Kalibrierungsfigur für minimale Asymmetrie und Revisionsoffenheit.

Eine sechste betrifft E4. E4 darf nicht zum Sammelbecken für alles Vernünftige werden. Wahrnehmung gehört zum Sensorenanker; theoretische Grundbegriffe zum Kontextanker; gesellschaftliche Zukunft zur So-Heits-Gesellschaft. E4 bezeichnet nur die Funktion, durch die Folgen zurückgebunden und revisionswirksam werden.

Eine siebte betrifft Forschungskunst als „Beweislinie“. Werkgeschichte kann historisch dokumentieren, dass bestimmte Fragen und Arbeitsweisen über Jahrzehnte vorhanden waren. Sie beweist dadurch keine allgemeine anthropologische oder naturwissenschaftliche These. Der Begriff Werkgenese ist deshalb wissenschaftlich sauberer als „Beweislinie“.

27. Noch fehlende Verbindungen

Die bedeutendste noch ausstehende Verbindung ist die vollständige Neuformulierung der E2/E3-Schwelle nach der Ich-Korrektur. Das gesamte Vier-Ebenen-Modell muss nun konsequent von leiblicher Selbstreferenz zu symbolischem Ichbewusstsein übergehen. Frühere Texte, in denen das plastische Ichbewusstsein unmittelbar E2 zugeordnet wurde, müssen als historische Fassungen erhalten, aber in der aktiven Methodik korrigiert werden.

Zweitens fehlt noch eine vollständig ausgearbeitete Verbindung von Sensorenanker und Lochprozess. Ein Lochprozess müsste künftig präzise danach unterschieden werden können, ob eine Wirkung überhaupt keine Spur erzeugt, ein Sensor sie nicht aufnimmt, eine Übersetzung sie verändert, eine Institution sie nicht kategorisiert oder eine Rückmeldung keine Revisionsstelle erreicht. Damit würde der Lochbegriff vom starken Bild zum differenzierten Diagnosewerkzeug.

Drittens fehlt die endgültige Verbindung von Begriffshandwerk und Prüf-Anker. Das Begriffshandwerk sollte die einfache Eingangsbewegung bilden: Ausschnitt, Unterscheidung, Gegenüberstellung, Benennung, Zuschreibung. Erst danach folgt bei Bedarf das Vier-Ebenen-Modell. Dies würde verhindern, dass Besucher bereits am Eingang ein komplexes System lernen müssen.

Viertens benötigen die sprach- und kulturgeschichtlichen Vergleiche eine wissenschaftliche Gegenprüfung. Gerade weil sie eine große Erweiterung darstellen könnten, sollten künstlerische Analogie, belegbare Etymologie und kulturgeschichtliche Interpretation streng getrennt werden.

Fünftens braucht die Globale Schwarm-Intelligenz noch eine konkrete Revisionsarchitektur. Es ist begrifflich geklärt, dass Rückmeldung nicht genügt. Technisch und organisatorisch muss jedoch noch festgelegt werden, wie eine öffentliche Rückmeldung eine zuständige Stelle erreicht, wie Änderungen begründet werden und wie ältere Versionen erhalten bleiben.

Sechstens benötigt die So-Heits-Gesellschaft eine klare Grenze zum Prüf-Anker. Sie sollte nicht noch einmal E4 in Gesellschaftssprache wiederholen. Ihre eigenständige Frage lautet vielmehr, welche institutionellen und kulturellen Formen entstehen würden, wenn eine Gesellschaft Rückkopplung, Revision und Reparatur tatsächlich dauerhaft einübte.

Siebtens ist das So-Heits-Atelier jetzt methodisch stark, muss aber räumlich weiter reduziert werden. Nicht jede entwickelte Folie, jedes Werk und jeder Begriff darf gleichzeitig gezeigt werden. Gerade die Forschung über Ausschnitt und Überlastung müsste sich in der Ausstellung selbst bewähren.

28. Gegenwärtige Gesamtform

Aus der jahrzehntelangen Werkentwicklung ist damit kein geschlossenes philosophisches System entstanden, sondern eine zunehmend differenzierte Forschungskunst der menschlichen Wirklichkeitsherstellung und ihrer Rückprüfung.

Sie beginnt bei der Erfahrung, dass der Mensch nicht außerhalb der Wirklichkeit steht. Er wird getragen, nimmt wahr, unterscheidet, bildet Begriffe, stellt Dinge und Rollen her und handelt aus diesen hervorgebrachten Formen heraus. Seine Tätigkeiten verändern wiederum die materiellen und lebendigen Bedingungen, von denen er selbst abhängig bleibt. Der entscheidende Zivilisationsfehler liegt nach der gegenwärtigen Arbeitshypothese nicht darin, dass der Mensch überhaupt Symbole, Eigentum, Wissenschaft, Technik, Rollen oder Selbstbilder erzeugt. Er liegt darin, dass diese Menschenkunstwerke ihren Herstellungscharakter und ihre Rückkopplungspflicht vergessen können.

Die Forschungskunst antwortet darauf nicht mit der Behauptung einer bereits gefundenen endgültigen Wirklichkeit. Sie versucht, menschliche Hervorbringungen plastisch zu halten: durch Gegenüberstellung, Materialwiderstand, Spur, Zweifel, transparente Zuschreibung, Tätigkeitskonsequenz, öffentliche Prüfung, Revision und Reparatur.

Damit haben sich Werk, Theorie und Methode in einer Bewegung angenähert, ohne identisch zu werden. Das Lebenswerk liefert die historischen und künstlerischen Prüfgegenüber. Der Kontextanker liefert die Begriffe. Der Sensorenanker sichert Wahrnehmung und Spur. Der Prüf-Anker organisiert Rückbindung und Revision. Der Integrationsanker verbindet individuelle und öffentliche Arbeitswege. Das Mitmachbuch macht diese Bewegung portabel. Die Tausend Tische bilden ihre analoge Vorgeschichte. Die Globale Schwarm-Intelligenz bildet ihre digitale Fortsetzung. Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet ihr gesellschaftliches Entwicklungsfeld. Das So-Heits-Atelier bildet die räumliche Versuchsanordnung.

Der wahrscheinlich wichtigste Fortschritt der jüngsten Phase besteht jedoch darin, dass auch diese gesamte Architektur nicht von ihrer eigenen Prüfung ausgenommen wird. Plexuswirklichkeit, 51:49, Vier-Ebenen-Modell, Skulpturidentität, Lochprozess und So-Heits-Gesellschaft sind selbst Menschenkunstwerke. Würden sie zu unangreifbaren Wahrheiten erklärt, reproduzierten sie genau die Skulpturalisierung, die die Forschung untersucht. Diese Selbstanwendung ist nicht Zusatz, sondern der methodische Punkt, an dem aus einem großen Begriffssystem tatsächlich Forschung werden kann.........

Ich rekonstruiere den bisherigen Forschungsweg in zwei Bewegungen: zuerst als zeitliche Entstehungsgeschichte, danach als systematische Architektur der heute miteinander verbundenen Begriffe, Werkformen und Prüfverfahren. Dadurch wird sichtbar, was aus einer frühen künstlerischen Erfahrung hervorging, was später korrigiert wurde und was heute noch Hypothese oder offene Baustelle ist.

Rekonstruktion einer Forschung

Von der plastischen Arbeit zur öffentlichen Überzeugungsprüfung im So-Heits-Atelier des globalen Dorfes

Vorbemerkung zum Erkenntnisstatus

Die bisherige Arbeit lässt sich nicht angemessen als fertige Theorie rekonstruieren. Sie ist aus einem über Jahrzehnte verlaufenden Werkprozess hervorgegangen, in dem künstlerische Arbeiten, biografische Erfahrungen, gesellschaftliche Beobachtungen, Naturbeobachtungen, technische Erfahrungen, sprachliche Untersuchungen und theoretische Auseinandersetzungen immer wieder aufeinander zurückwirkten. Entscheidend ist deshalb die Unterscheidung verschiedener Erkenntnisstufen.

Als werkhistorisch dokumentiert können zunächst jene Ereignisse, Arbeiten, Bewerbungen, Aktionen, Fotografien, Texte, Ausstellungen, Objekte und biografischen Erfahrungen gelten, die sich durch das eigene Archiv, Tagebücher, Presseberichte, Fotografien, Rechnungen, Korrespondenzen und andere Dokumente nachweisen lassen. Ihre historische Existenz ist von ihrer späteren Interpretation zu unterscheiden.

Davon verschieden sind wissenschaftlich oder historisch belegbare Sachverhalte, etwa dass Organismen stoffwechselabhängig sind, dass menschliche Körper Gravitation, Temperatur, Druck und chemischen Bedingungen unterliegen, dass biologische Membranen selektiv durchlässig sind oder dass Geld, Eigentum und Recht gesellschaftlich erzeugte Geltungsordnungen darstellen. Auch historische Aussagen über Platon, Aristoteles, Christentum, Descartes oder die Entstehung moderner Wissenschaft gehören grundsätzlich in diesen Bereich, müssen für eine wissenschaftliche Veröffentlichung jedoch jeweils quellenkritisch abgesichert werden.

Eine dritte Ebene bilden die Begriffe und Hypothesen der Forschungskunst. Dazu gehören insbesondere 51:49, der 50:50-Symmetriedualismus, die 1:99-Dynamik, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Lochprozess, So-Heits-Gesellschaft oder die Deutung der Menschheitsgeschichte über die 24-Stunden-Uhr. Diese Begriffe beanspruchen nicht automatisch den Status naturwissenschaftlicher Gesetze. Sie sind zunächst künstlerisch-philosophische Untersuchungsinstrumente. Ihre Stärke hängt davon ab, ob sie Unterschiede sichtbar machen, Fragen erzeugen, Erfahrungen strukturieren, Widersprüche entdecken und Korrekturen ermöglichen.

Diese Trennung ist für das gesamte Projekt von zentraler Bedeutung. Die Forschungskunst verliert ihre besondere Funktion gerade dann, wenn ihre eigenen Prüfbegriffe selbst zu Dogmen werden.

I. Die chronologische Entstehung des Forschungsansatzes

1. Handwerk, Fotografie und Bildhauerei: die Vorgeschichte des Prüfens

Der Forschungsansatz beginnt nicht mit einer Theorie. Er beginnt mit Tätigkeiten.

Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 bildet rückblickend eine wichtige erste Schicht. Im Handwerk gilt eine andere Art von Wahrheit als in einer bloßen Behauptung. Ein Werkstück passt oder passt nicht. Eine Verbindung trägt oder versagt. Ein Maß kann falsch sein. Material besitzt Widerstände, die sich nicht durch Überzeugung aufheben lassen. Diese Erfahrung wurde erst Jahrzehnte später ausdrücklich als Begriffshandwerk wieder aufgenommen.

Die anschließende Arbeit mit Fotografie, Journalismus und Werbung brachte einen zweiten Erfahrungsbereich hinzu. Zwischen einem Sachverhalt und seiner Darstellung entsteht eine Differenz. Auswahl, Ausschnitt, Bild, Text und Inszenierung erzeugen eine Repräsentation. Der spätere Gegensatz zwischen Wirklichkeit und Vorgabebild ist hier bereits praktisch angelegt, obwohl er noch nicht begrifflich formuliert war.

Mit dem Studium der Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig von 1974 bis 1980 tritt die Plastik in den Mittelpunkt. Entscheidend ist rückblickend nicht nur das Herstellen einer Skulptur, sondern die Erfahrung des Formens selbst: Material antwortet auf Tätigkeit. Der Bildhauer besitzt eine Vorstellung, arbeitet auf ein Material ein und erhält vom entstehenden Werk Widerstand und Rückmeldung.

Damit entsteht die elementare Struktur, die später auf Mensch und Gesellschaft übertragen wird:

Vorstellung – Tätigkeit – Materialantwort – Korrektur – neue Tätigkeit.

Das ist noch keine Gesellschaftstheorie. Es ist zunächst die praktische Logik plastischen Arbeitens.

Der werkhistorische Teil dieser Entwicklung kann anhand der Ausbildungs- und Werkbiografie dokumentiert werden. Die spätere Übertragung des plastischen Vorgangs auf Erkenntnis, Identität und Gesellschaft ist dagegen eine Forschungskunst-Hypothese.

2. 1975: Aus der Bildhauerei entsteht die Forschungsfrage

Als entscheidender Ausgangspunkt wurde im bisherigen Forschungsprozess das Jahr 1975 herausgearbeitet. Mit der „Experimentellen Umweltgestaltung“ verschiebt sich die Aufmerksamkeit von einem abgegrenzten Kunstobjekt auf Bedingungen, Umgebungen und Zusammenhänge.

Gleichzeitig verdichtet sich die Frage, die später zum Forschungsgrund des gesamten Lebenswerks wird:

Warum zerstört der Mensch trotz Wissen, Intelligenz und Korrekturfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen?

Diese Frage ist deshalb entscheidend, weil sie nicht einfach nach Fehlverhalten fragt. Sie verlangt eine Untersuchung der Voraussetzungen menschlicher Orientierung. Wie entsteht überhaupt eine Vorstellung von Welt? Was hält der Mensch für wirklich? Worauf bezieht er seine Entscheidungen? Welche Rückmeldungen nimmt er auf und welche blendet er aus?

Hier liegt die Keimform dessen, was Jahrzehnte später als Forschungskunst bezeichnet wird.

3. Kreta und 51:49: die Minimalasymmetrie als frühe Intuition

In den frühen Erfahrungen auf Kreta, insbesondere im Zusammenhang mit Pitsidia und der Kamares-Höhle, entstand die Intuition des Verhältnisses 51:49.

51:49 war zunächst keine mathematische Theorie. Es bezeichnete eine minimale Ungleichheit, durch die überhaupt Bewegung, Richtung, Entscheidung und Entwicklung entstehen können. Wären beide Seiten vollkommen gleich, würde keine Seite überwiegen.

Später wurde daraus die Vorstellung einer plastischen Asymmetrie. Leben, Lernen und Gestaltung benötigen demnach keine völlige Herrschaft einer Seite über die andere, sondern eine kleine Differenz, die Richtung ermöglicht und gleichzeitig die Gegenrichtung erhalten lässt.

Erst viel später wurde diesem 51:49 der 50:50-Symmetriedualismus gegenübergestellt. Damit veränderte sich die Bedeutung. 51:49 bezeichnete nun nicht mehr nur eine interessante Proportion, sondern einen Kontrast zwischen beweglicher Rückkopplung und einer gedanklich erzeugten vollkommenen Gegenordnung: Geist gegen Körper, Mensch gegen Natur, Subjekt gegen Objekt, Freiheit gegen Abhängigkeit, Diesseits gegen Jenseits.

Noch später kam 1:99 hinzu. Damit wurde ein zweiter Vorgang unterschieden: Nicht jede Asymmetrie bleibt minimal. Aus einer zunächst kleinen Verschiebung können Verstärkung, Konzentration, Macht- und Eigentumsakkumulation entstehen. 51:49 und 1:99 bezeichnen daher zwei völlig verschiedene Dinge. 51:49 ist eine Arbeitshypothese für tragfähige Differenz; 1:99 bezeichnet eine mögliche Drift zur extremen Ungleichverteilung.

Diese Differenzierung gehört zu den wichtigen begrifflichen Korrekturen des Forschungsprozesses.

4. Beuys und die Radikalisierung der Sozialen Plastik

Die Begegnungen mit Joseph Beuys wurden im Forschungsprozess zu einem weiteren historischen Bezugspunkt. Dazu gehört die 1976 an Beuys geschickte Blumenwiese und insbesondere die Begegnung von 1980, bei der Beuys Ihnen sagte, Sie nähmen die Soziale Plastik zu ernst.

Unabhängig davon, wie dieser Satz kunsthistorisch interpretiert werden kann, erhielt er für die eigene Werkentwicklung eine zentrale Funktion.

Wenn jeder Mensch gesellschaftliche Wirklichkeit mitformt, dann reicht es nicht, lediglich zu behaupten, jeder Mensch sei ein Künstler. Dann müsste vielmehr gefragt werden, was diese Gestaltung hervorbringt und ob das Hervorgebrachte trägt.

Damit verschiebt sich die Soziale Plastik von einer Erweiterung des Kunstbegriffs zu einer Verantwortungsfrage.

Der Mensch formt Gesellschaft. Gesellschaft formt den Menschen zurück. Die entstandenen Institutionen, Verkehrsformen, Produktionsweisen, Eigentumsordnungen, Schulen, Medien, Rollen und Begriffe sind somit nicht nur Ergebnisse menschlicher Tätigkeit. Sie werden wiederum zu Formen, die zukünftige Menschen prägen.

Aus dieser Rückkopplung entsteht später die Unterscheidung von Plastik und Skulpturalisierung.

5. Von Einzelwerken zu Versuchsanordnungen

In den folgenden Jahrzehnten vervielfältigen sich die Medien. Fotografie, Plastik, Collage, Theater, Workshops, Mal- und Mitmachformen, Texte, Aktionen, Frage-Antwort-Strukturen und gesellschaftliche Veranstaltungen werden miteinander verbunden.

Diese Vielfalt erscheint rückblickend nicht als fehlende Spezialisierung, sondern als Folge der Forschungsfrage. Wenn untersucht werden soll, wie Menschen Wirklichkeit herstellen, reicht ein einziges Medium nicht aus.

Hier entsteht allmählich eine besondere Form des Werkes: Das Kunstwerk zeigt nicht nur etwas, sondern stellt den Besucher in eine Situation, in der seine eigene Vorstellung tätig werden muss.

Daraus entwickeln sich später die Begriffe Prüfobjekt, Vorgabebild, Mitmachbuch und So-Heits-Atelier.

6. Die documenta-Bewerbungen als wiederkehrende Forschungsstationen

Die über Jahrzehnte erfolgten documenta-Bewerbungen – von den frühen Bewerbungen ab 1977 bis zu späteren Einreichungen und schließlich zur documenta 16 – verändern in der Rückschau ihre Bedeutung.

Sie sind nicht mehr lediglich erfolglose oder erfolgreiche Bewerbungsversuche um einen Ausstellungsplatz. Jede Bewerbung markiert einen Zeitpunkt, an dem das eigene Werk auf die Frage trifft:

Was könnte oder müsste eine documenta zu diesem Zeitpunkt gesellschaftlich leisten?

Damit wird die documenta selbst zum Untersuchungsgegenstand.

Die wiederholte Beschäftigung mit Labor, Werkstatt, Beteiligung, gesellschaftlicher Gestaltung und globaler Verantwortung bildet eine eigene Werkspur. Aus heutiger Sicht lässt sich darin bereits die spätere Verortungskunst erkennen.

Die gegenwärtige Bewerbung zur documenta 16 radikalisiert diesen Gedanken: Die künstlerische Arbeit beginnt nicht erst mit der Einladung und nicht erst 2027. Bereits Bewerbung, Reaktion, Nichtreaktion, Auswahlprozess, Kassel, institutionelle Bedingungen und die Frage nach dem Ort gehören zum Werkprozess.

Damit verwandelt sich die Bewerbung von einer Vorstufe zum Bestandteil des Kunstwerks.

7. 1993: Das Globale Dorffest und die Tausend Tische

Eine entscheidende analoge Vorform der späteren Globalen Schwarm-Intelligenz entstand 1993 im Zusammenhang mit dem Globalen Dorffest.

Etwa tausend Tapeziertische bilden dabei keine monumentale Skulptur im traditionellen Sinn. Ihre Bedeutung liegt in ihrer elementaren Funktion: Jeder Tisch ist Arbeitsfläche, Gesprächsort, Ausstellungsträger, Werkbank, Ablage, Bühne, Essplatz oder Versuchsfläche.

Gerade die Einfachheit ist entscheidend.

Tausend Tische erzeugen keine tausend identischen Antworten, sondern tausend mögliche Orte der Tätigkeit. Menschen können gleichzeitig an unterschiedlichen Fragen arbeiten, während sie dennoch räumlich Bestandteil eines gemeinsamen Zusammenhangs bleiben.

Damit entsteht eine frühe Struktur dessen, was später digital weiterentwickelt wird:

dezentrale Tätigkeit bei gemeinsamer Bezogenheit.

Die Tausend Tische bilden deshalb einen wichtigen Übergang zwischen sozialer Plastik, kollektiver Kreativität, Mitmachverfahren und Globaler Schwarm-Intelligenz.

8. Vom Archiv zur vernetzten Forschungsplattform

Im Laufe der Jahrzehnte entsteht ein umfangreiches Werkarchiv aus Fotografien, Tagebüchern, Presseartikeln, Aktionen, Ausstellungen, Texten, Rechnungen, Korrespondenzen, Bewerbungen und Werkdokumentationen.

Dieser Bestand erhält in der späteren Entwicklung eine neue Bedeutung. Das Archiv soll nicht nur Vergangenheit konservieren. Es wird zum Forschungsmaterial.

Die Globale Schwarm-Intelligenz und das interaktive Buch entstehen aus dem Versuch, diesen Werkbestand nicht linear als Künstlerbiografie abzulegen, sondern ihn mit Fragen, Begriffen und Beiträgen anderer Menschen zu verbinden.

Damit verändert sich auch die Funktion der Dokumentation. Aus Archiv wird eine mögliche Arbeitsoberfläche.

9. KI als neuer Rückkopplungspartner

Mit der intensiven Nutzung künstlicher Intelligenz tritt ein neuer Faktor hinzu.

Zunächst übernimmt KI praktische Funktionen: Schreiben, Korrigieren, Strukturieren, Vergleichen, Wiederauffinden und Verknüpfen großer Textmengen. Sehr schnell wird sie jedoch selbst zum Forschungsgegenstand.

Denn KI stellt die alte Grundfrage in verschärfter Form: Was geschieht, wenn ein System überzeugende symbolische Antworten herstellen kann, ohne dadurch automatisch mit den materiellen und lebendigen Folgen dieser Antworten verbunden zu sein?

Damit wird KI gleichzeitig Werkzeug und Prüfobjekt.

Die entscheidende methodische Forderung lautet daher zunehmend: KI soll Nichtwissen nicht durch plausible Sprache verdecken, sondern Differenzen offenhalten, Gegenpositionen erzeugen, Voraussetzungen sichtbar machen und Prüfungen ermöglichen.

Hier schließt sich die KI direkt an den älteren Gedanken der Gegenüberstellung an.

10. 2026: Verdichtung zu Werk-Ankern und Prüfoperatoren

Im Jahr 2026 beschleunigt sich die begriffliche Verdichtung. Frühere Werkintuitionen werden systematisch gegeneinander geprüft und in Versionen überführt.

Aus dem allgemeinen Begriff der Wirklichkeit entwickeln sich Tragwirklichkeit, Tragwesen und Tragbewusstsein. Aus 51:49 entwickelt sich die plastische symmetria. Aus der Vorstellung miteinander verbundener Bedingungen entsteht die Plexuswirklichkeit. Aus Differenz und Rückkopplung wird ein Differenzialprinzip. Die Kritik an symbolischer Zuschreibung führt zu Repräsentation, res, Dingwelt und hineingedachten Eigenschaften. Die Auseinandersetzung mit Seele, Identität und Künstlichkeit führt zur Gegenüberstellung von Plastischem Ich und Skulpturidentität.

Diese Versionierung ist methodisch bemerkenswert. Sie bedeutet, dass der Werk-Anker selbst nicht als unantastbarer Text behandelt wird. Er bleibt korrigierbar.

Damit wird die Form des Denkens dem Inhalt angeglichen: Eine Forschung, die Rückkopplung fordert, muss ihre eigenen Begriffe rückkoppeln können.

II. Forschungsgrund: Warum zerstört der Mensch seine Existenzbedingungen?

Die Ausgangsfrage bleibt über fünf Jahrzehnte erstaunlich stabil. Verändert hat sich jedoch, wo die Ursache gesucht wird.

Anfangs konnte die Frage noch wie eine moralische Frage erscheinen: Warum handelt der Mensch falsch, obwohl er es besser wissen könnte?

Die spätere Forschung verschiebt sie von Moral zu Struktur. Entscheidend wird nicht mehr primär, ob Menschen gute oder schlechte Absichten haben, sondern auf welche Referenzsysteme ihre Tätigkeiten bezogen sind.

Menschen handeln innerhalb von Vorstellungen, Rollen, Eigentumsordnungen, religiösen Bildern, politischen Begriffen, wissenschaftlichen Modellen und ökonomischen Wertsystemen. Diese Konstruktionen können gesellschaftlich außerordentlich wirksam sein. Ihre Wirksamkeit beweist jedoch noch nicht, dass sie mit den Voraussetzungen des Lebens verträglich sind.

Genau hier entsteht die Grundunterscheidung zwischen Geltungswirklichkeit und Tragwirklichkeit.

Geld kann gesellschaftlich gelten und trotzdem keine Nahrung sein. Ein Grundstück kann jemandem rechtlich gehören, während Boden, Wasser, Mikroorganismen und Pflanzen nicht aus dieser Eigentumszuschreibung hervorgehen. Ein Mensch kann sich als vollkommen autonom vorstellen und gleichzeitig innerhalb jeder Sekunde von Sauerstoff, Temperatur, Wasser, Mikroorganismen, Stoffwechsel und Gravitation abhängen.

Der Forschungsgrund verschiebt sich damit von der Frage „Warum ist der Mensch böse oder unvernünftig?“ zu der präziseren Frage:

Wie kann ein symbolisch hochleistungsfähiges Wesen Referenzsysteme erzeugen, die seine realen Abhängigkeiten verdecken und dennoch sein Handeln organisieren?

Das ist eine Forschungskunst-Hypothese. Dass Menschen symbolische Systeme bilden und biologisch abhängig bleiben, ist wissenschaftlich anschlussfähig. Dass die zentrale zivilisatorische Fehlentwicklung gerade in der Entkopplung beider Ebenen besteht, ist dagegen die eigene diagnostische These.

Die Zielprojektion lautet deshalb nicht moralische Besserung, sondern Verbesserung der Rückkopplungsfähigkeit.

Offen bleibt, wie weit diese Diagnose universell formuliert werden darf. Nicht jede symbolische Konstruktion ist entkoppelt, und nicht jede Abstraktion ist schädlich. Die Forschung muss deshalb immer genauer unterscheiden zwischen hilfreicher symbolischer Vermittlung und selbstverabsolutierter Symbolordnung.

III. Wirklichkeit: vom „Da draußen“ zur Trag- und Plexuswirklichkeit

Der Wirklichkeitsbegriff gehört zu den am stärksten veränderten Begriffen des gesamten Forschungsprozesses.

Früh stand der Gegensatz zwischen menschlicher Vorstellung und einer außerhalb dieser Vorstellung existierenden Welt im Vordergrund. Später zeigte sich, dass auch diese Zweiteilung zu grob ist.

Ein Organismus steht nicht einfach einer äußeren Welt gegenüber. Er ist von ihr durchdrungen und zugleich partiell abgegrenzt. Sauerstoff wird aufgenommen, Stoffe werden ausgeschieden, Licht trifft auf Augen, Schall auf Ohren, Wärme wird ausgetauscht, Mikroorganismen leben im und auf dem Körper.

Daraus entwickelt sich der Begriff der Tragwirklichkeit. Wirklich ist hier nicht nur das, was vorhanden ist, sondern das Gefüge von Bedingungen, das einen Vorgang überhaupt tragen kann.

Das Tragwesen bezeichnet entsprechend keinen isolierten Gegenstand, sondern ein Wesen, dessen Existenz nur innerhalb solcher Bedingungen möglich ist.

Tragbewusstsein wäre dann ein Bewusstsein, das diese Bedingungen nicht nachträglich als Zusatzinformation kennt, sondern sie in seine Orientierung einbezieht.

Der Begriff Plexuswirklichkeit erweitert diese Überlegung. Plexus wird als Geflecht verstanden. Kein relevanter Vorgang besitzt nur eine Ursache und nur eine Wirkung. Boden, Wasser, Organismus, Technik, Sprache, Eigentum, Geschichte und Tätigkeit können gleichzeitig in einem Wirkungszusammenhang stehen.

Damit soll ein Problem disziplinärer Zerlegung sichtbar werden. Wissenschaftliche Spezialisierung ist für Erkenntnis unverzichtbar; problematisch wird sie dort, wo der untersuchte Ausschnitt anschließend mit dem Gesamtzusammenhang verwechselt wird.

Die Plexuswirklichkeit ist deshalb keine neue Naturwissenschaft. Sie ist ein Prüfrahmen gegen Ausschnittsverwechslung.

Ihre offene Frage lautet: Wie lässt sich Komplexität darstellen, ohne wieder ein totalisierendes Weltmodell zu schaffen?

IV. Begriffsbildung als plastischer Prozess

Im bisherigen Forschungsweg hat sich der Begriff selbst vom bloßen Benennungsmittel zum Untersuchungsgegenstand entwickelt.

Ein Begriff schneidet aus einem Zusammenhang etwas heraus. Er macht vergleichbar und kommunizierbar. Gleichzeitig erzeugt er eine Grenze.

Diese Einsicht verbindet Fotografie, Sprache und Dingselektion. So wie die Kamera einen Ausschnitt erzeugt, erzeugt auch ein Wort einen Ausschnitt.

Daraus entstand die Vorstellung, dass Begriffe nicht nur Dinge benennen, sondern Wirklichkeitszugänge formen.

Wichtig ist dabei eine spätere Korrektur: Symbolisierung darf nicht pauschal als Fehler behandelt werden. Ohne Sprache, Erinnerung, Zeichen, Planung und Modelle wäre menschliches Lernen kaum denkbar. Die symbolische Ebene ist daher zunächst eine plastische Leistung.

Erst wenn ihre Produkte ihre Referenzbedingungen verdecken und sich selbst für die maßgebliche Wirklichkeit halten, entsteht das Problem der Skulpturalisierung.

Damit ist eine wichtige frühere Vereinfachung korrigiert worden: Nicht „Symbol = künstlich = falsch“, sondern:

Symbolische Vermittlung kann rückgekoppelt oder entkoppelt sein.

Die methodische Aufgabe des Begriffshandwerks besteht deshalb nicht darin, Begriffe abzuschaffen, sondern sie wie Werkzeuge zu prüfen.

V. Lochprozesse: vom Loch zur zeitlichen Grenzveränderung

Einer der ungewöhnlichsten Entwicklungsschritte ist die Arbeit am Begriff des Lochs.

Das Loch wurde zunächst leicht als Abwesenheit verstanden: Dort, wo etwas fehlt, ist ein Loch. Diese Vorstellung erwies sich als zu statisch.

Im weiteren Forschungsprozess wurde daraus der Lochprozess.

Ein Lochprozess bezeichnet nun eine zeitliche Veränderung einer Grenze, einer Oberfläche, einer Verbindung oder einer Referenzordnung. Entscheidend ist nicht das fertige Loch, sondern was sich öffnet, schließt, durchdringt, verletzt, austauscht oder neu verbindet.

Die Membran wird dabei zum zentralen Gegenbild. Eine lebende Membran ist gerade nicht vollkommen geschlossen. Ihre Leistung besteht in regulierter Durchlässigkeit.

Die Geburt wurde entsprechend als grundlegender Loch- beziehungsweise Übergangsprozess untersucht. Ein Organismus tritt nicht einfach aus einem Raum in einen anderen. Versorgung, Atmung, Temperaturregulation und Beziehung verändern sich. Die Grenze wird umgebaut.

Von hier aus wurden ganz unterschiedliche Werk- und Denkbeispiele miteinander verbunden: dünnes Eis, Deichbruch, Schiff, Flugzeug, Tang, Körperöffnung, Spatenstich, Eigentumsgrenze, Möbiusschleife, Seele und auch die Vorstellung eines Zeitlochs.

Diese Analogien besitzen nicht denselben wissenschaftlichen Status. Ein Loch im Eis, eine biologische Membran und eine begriffliche Lücke sind physikalisch verschiedene Sachverhalte. Ihre Verbindung ist eine künstlerische Vergleichsoperation.

Gerade deshalb wurde die Definition enger gefasst: Der gemeinsame Nenner ist nicht „Loch“ als Gegenstand, sondern Grenzveränderung mit Folgen.

Damit wird der Lochprozess zu einem Werkzeug der Tätigkeitsanalyse.

Was geschieht, wenn ich eine Grenze verändere? Was gelangt hindurch? Was wird unterbrochen? Welche Rückkopplung setzt ein? Ist die Veränderung regenerierbar? Ab wann wird Öffnung zur Verletzung?

Eine weitere wichtige Entwicklung ist die Verbindung von Loch und Lücke. Die Lücke wurde als Umschlagraum zwischen Reiz und Antwort, Wahrnehmung und Deutung, Erfahrung und Vorstellung verstanden.

Sie ist damit nicht bloß Nichtwissen. Sie kann der Raum sein, in dem Lernen überhaupt möglich wird.

VI. Gegenüberstellung und Lernen: Erkenntnis braucht Differenz

Aus der Lücke entwickelt sich ein allgemeiner Lernoperator.

Damit ein Organismus oder Mensch etwas korrigieren kann, muss eine Differenz auftreten. Erwartung und Ergebnis müssen gegeneinander stehen können.

Die Gegenüberstellung wird deshalb zu einer elementaren Methode der Forschungskunst.

Ein Bild allein kann überzeugen. Zwei gegeneinander gestellte Bilder können eine Frage erzeugen.

Eine Behauptung allein kann geschlossen wirken. Wird sie neben ihre Voraussetzung oder ihre Folge gestellt, entsteht eine Differenz.

Das betrifft auch die eigene Person. Lernen setzt eine gewisse Distanz zur eigenen Vorstellung voraus. Wenn Vorstellung und Identität vollständig zusammenfallen, kann die Widerlegung einer Aussage als Angriff auf die eigene Person erlebt werden.

Hier verbindet sich Gegenüberstellung mit dem Plastischen Ich.

Methodisch führt dies zum Prinzip:

Nicht die richtige Antwort zuerst liefern, sondern Bedingungen schaffen, unter denen Differenzen erfahrbar werden.

Genau daraus erklärt sich später die Bedeutung der Folien, Schablonen, Frage-Antwort-Tische, KI-Gegenüberstellungen und des Mitmachbuches.

Die offene Frage lautet, wie viel Gegenüberstellung produktiv ist. Zu viele widersprüchliche Informationen können ebenso wenig Lernen erzeugen wie ein starres Vorgabebild. Der Prüfprozess braucht also eine Dramaturgie.

VII. Plastik und Skulpturalisierung

Die vermutlich wichtigste begriffliche Übertragung aus dem künstlerischen Lebenswerk betrifft Plastik und Skulptur.

Im traditionellen Kunstverständnis können beide Begriffe nahezu synonym verwendet werden. Im Forschungsansatz werden sie bewusst auseinandergezogen.

Plastik bezeichnet zunehmend den offenen Formungsvorgang. Eine Form entsteht, antwortet, verändert sich und kann korrigiert werden.

Skulpturalisierung bezeichnet dagegen einen Prozess der Verfestigung. Eine hervorgebrachte Form wird so behandelt, als wäre sie unabhängig von ihrer Entstehung und ihren Bedingungen.

Daraus entwickelt sich die Unterscheidung zwischen Plastischem Ich und Skulpturidentität.

Das Plastische Ich wäre eine Selbstform, die abhängig, verletzlich, lernfähig und rückkoppelbar bleibt. Es besitzt Vorstellungen, aber kann sie verändern.

Die Skulpturidentität behandelt eine solche Hervorbringung dagegen wie eine fertige Statue. Rolle, Nation, Besitz, Religion, Status, Beruf, Theorie oder Selbstbild können dann nicht mehr als vorläufige Konstruktionen erlebt werden, sondern erscheinen als Wesen der Person.

Damit wird der alte bildhauerische Werkprozess zu einem anthropologischen Prüfmodell.

Der Zusammenhang mit 51:49 wird nun sichtbar. Plastizität braucht Differenz, aber keinen absoluten Bruch. Skulpturalisierung tendiert dagegen zur Symmetrie absoluter Gegensätze: Ich/Welt, Geist/Körper, Mensch/Natur, Eigentümer/Nichteigentümer.

Die offene Gefahr dieses Begriffs liegt darin, „Skulptur“ negativ zu besetzen, obwohl reale Skulpturen selbstverständlich nicht das Problem sind. Deshalb muss immer deutlich bleiben: Skulpturalisierung ist hier ein technischer Begriff innerhalb der Forschungskunst, kein kunsthistorisches Werturteil über Skulptur.

VIII. Erfahrung und Rückkopplung

Eine weitere große Verschiebung betrifft den Erfahrungsbegriff.

Anfangs scheint Erfahrung vor allem etwas zu sein, das ein Mensch besitzt. Im späteren Forschungsmodell wird Erfahrung dynamischer verstanden.

Ein Organismus handelt, erhält Wirkungen zurück und verändert gegebenenfalls sein Verhalten. Entscheidend ist also nicht der gespeicherte Inhalt allein, sondern der Rückkopplungsweg.

Die Bildhauerei liefert dafür das Grundmodell. Die Hand formt Ton. Der Ton antwortet durch Widerstand und Form. Das Auge nimmt das Ergebnis wahr. Die Vorstellung wird korrigiert. Die nächste Tätigkeit verändert sich.

Dieses Muster wird auf gesellschaftliches Handeln übertragen.

Das Problem entsteht dort, wo zwischen Handlung und Wirkung eine sehr große räumliche, zeitliche oder symbolische Distanz liegt. Wer ein Produkt kauft, erlebt möglicherweise weder Rohstoffgewinnung noch Arbeitsbedingungen noch Entsorgung. Die unmittelbare Rückmeldung fehlt.

Hier erhält Kunst eine neue Funktion. Sie kann unterbrochene Rückkopplungswege künstlich wieder sichtbar oder erfahrbar machen.

Daraus ergeben sich viele der späteren Prüfobjekte.

Die Hypothese lautet also nicht, dass Kunst die gesellschaftlichen Probleme direkt löst, sondern dass Kunst Rückkopplungen rekonstruieren kann, die im Alltag unsichtbar geworden sind.

IX. Symbol-, Eigenschafts- und Eigentumsbildung

Aus der Begriffsanalyse entstand die Untersuchung hineingedachter Eigenschaften.

Ein materieller Gegenstand besitzt physikalische und chemische Eigenschaften. Gleichzeitig schreiben Menschen ihm gesellschaftliche Eigenschaften zu.

Ein Stück Metall kann Gold sein. Zusätzlich kann es wertvoll, heilig, Eigentum, Zahlungsmittel, Statussymbol oder Kunstwerk sein.

Diese zusätzlichen Eigenschaften sind nicht einfach „unwirklich“. Sie können Verhalten massiv steuern. Aber ihre Wirklichkeit ist eine andere.

Daraus entstand die Notwendigkeit, verschiedene Wirklichkeitsweisen zu unterscheiden:

materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben und symbolisch behauptet.

Für die Eigentumsanalyse wird dies besonders wichtig.

Ein Boden verändert seine physikalische Beschaffenheit nicht dadurch, dass ein Grundbuch einen Eigentümer einträgt. Trotzdem verändert die Eigentumszuschreibung sehr real, wer den Boden nutzen, verkaufen, betreten oder verändern darf.

Eigentum ist daher weder bloß Illusion noch natürliche Eigenschaft des Bodens.

Es ist eine gesellschaftlich wirksame Zuschreibung.

Diese Differenz wurde mit res, Dingwelt, Repräsentation und technē verbunden. Die Frage lautet immer wieder: Was ist am Gegenstand vorhanden, was wurde technisch erzeugt und was wurde ihm symbolisch oder rechtlich zugeschrieben?

Das ist einer der stärksten Kandidaten für das Begriffshandwerk, weil dieselbe Methode auf Geld, Nation, Status, Beruf, Geschlecht der Rolle, Marke, Kunstwert oder politische Institutionen angewendet werden kann, ohne deren gesellschaftliche Wirksamkeit zu leugnen.

X. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

Im späteren Forschungsprozess wurde die Untersuchung über einzelne Werke hinaus kulturgeschichtlich erweitert.

Dabei entstanden keine vollständigen philosophiehistorischen Theorien, sondern Vergleichsfolien.

Platon wurde zum Prüfbeispiel für die Höherbewertung unveränderlicher Formen gegenüber der veränderlichen körperlichen Welt. Die geplante Platon-Folie zeigt deshalb unten Körper und Bewegung, dazwischen Schatten beziehungsweise Spiegelung und darüber geometrisch-goldene Ideen.

Damit wird nicht behauptet, Platons gesamte Philosophie sei damit erklärt. Die Folie isoliert einen für die Forschung relevanten Operator: die Möglichkeit, dem Unveränderlichen einen höheren Wirklichkeitsrang zuzuschreiben.

Aristoteles wurde demgegenüber stärker als Prozessvergleich gelesen: Stoff, Form, Bewegung und Zielrichtung bleiben miteinander verbunden. Auch diese Gegenüberstellung ist eine künstlerische Zuspitzung, keine vollständige philosophiehistorische Darstellung.

Das Christentum wurde anhand der Leib-Seele-Spannung untersucht. Der Körper kann als zeitweiliger Behälter erscheinen, während die eigentliche Person als Seele gedacht wird. Für den Forschungsansatz ist interessant, wie dadurch ein Selbstbild entstehen kann, das seine stoffwechselhafte Körperlichkeit symbolisch übersteigt.

Bei Descartes verschärft sich das Problem in der Gegenüberstellung von denkendem Subjekt und ausgedehnter Welt.

Die moderne Physik wurde anschließend ebenfalls kritisch betrachtet, allerdings in einer anderen Weise. Physik liefert hochpräzise Messgrößen wie Masse, Kraft, Temperatur, Geschwindigkeit und Druck. Das Problem ist nicht die Physik selbst. Die Frage lautet vielmehr, was verloren geht, wenn ihre abstrahierten Messgrößen anschließend mit der vollständigen Lebenswirklichkeit verwechselt werden.

Damit richtet sich die Forschung nicht gegen Wissenschaft, sondern gegen Kategorieüberschreitungen.

Die sprach- und kulturgeschichtliche Forschung hat dadurch eine präzisere Aufgabe erhalten: Sie soll rekonstruieren, welche sprachlichen und symbolischen Trennungen historisch entstanden sind und welche Wirkungen sie auf unser Selbst- und Weltverständnis ausüben.

Die offene Aufgabe besteht hier in einer erheblich strengeren historischen Absicherung. Gerade diese Teile müssen bei einer wissenschaftlichen Veröffentlichung mit Primärtexten und Fachliteratur überprüft werden.

XI. Das Vier-Ebenen-Modell

Das Vier-Ebenen-Modell bildet heute eine der wichtigsten Ordnungsstrukturen des gesamten Ansatzes.

Seine Stärke liegt darin, dass es keine vollständige Ontologie behaupten muss. Es kann als Prüfraster verwendet werden.

Ebene 1: materielle Wirkungs- und Tragbedingungen

Auf der ersten Ebene stehen physikalische und materielle Bedingungen: Masse, Kraft, Druck, Temperatur, Stoffe, räumliche Strukturen, Belastbarkeit, Bruch und andere materielle Wechselwirkungen.

Ein Deich kann brechen. Eis kann eine Last tragen oder nicht tragen. Ein Körper kann verletzt werden. Eine Brücke besitzt Belastungsgrenzen.

Diese Ebene ist weitgehend naturwissenschaftlich zugänglich.

Ebene 2: lebendige Organisation

Die zweite Ebene umfasst Organismus, Stoffwechsel, Regulation, Regeneration, Wahrnehmung, Verletzlichkeit und lebendige Rückkopplung.

Eine wichtige Korrektur bestand darin, Symbolisierung nicht vollständig aus dieser Ebene auszuschließen. Menschen sind symbolbildende Lebewesen. Wahrnehmung, Erinnerung und Zeichenverwendung können daher bereits Bestandteil lebendiger plastischer Organisation sein.

Hier liegt das Plastische Ich.

Ebene 3: verdichtete Symbol- und Geltungsordnungen

Auf Ebene 3 entstehen relativ eigenständige gesellschaftliche Konstruktionen: Eigentum, Geld, Recht, Institutionen, Status, Rollen, Nationen, Märkte, Glaubenssysteme und andere symbolische Ordnungen.

Diese Systeme sind real wirksam, aber sie besitzen einen anderen Realitätsmodus als Organismus oder Materie.

Die Gefahr entsteht, wenn Ebene 3 ihre eigenen Voraussetzungen auf Ebene 1 und 2 verdeckt.

Hier liegt die Möglichkeit der Skulpturidentität.

Ebene 4: Prüfung, Rückbindung und Reparatur

Ebene 4 wurde als entscheidende Ergänzung entwickelt.

Sie ist keine weitere Substanzebene, sondern ein Operator.

Auf ihr werden Aussagen, Handlungen und gesellschaftliche Konstruktionen daraufhin geprüft, ob sie mit Ebene 1 und 2 rückgekoppelt bleiben.

Damit gehören Kunst, Wissenschaft, Kritik, Reparatur, Vergleich, Fehlerkorrektur und institutionelles Lernen potentiell zu E4 – aber nur, sofern sie tatsächlich prüfen und nicht lediglich eine neue E3-Doktrin erzeugen.

Gerade dieser letzte Punkt ist wichtig. Auch das Vier-Ebenen-Modell selbst gehört als Begriff zunächst zur symbolischen Ebene. Es wird nur dann zu einem E4-Instrument, wenn es sich selbst korrigieren lässt.

XII. Das Differenzialprinzip und die plastische symmetria

Mit zunehmender Präzisierung wurde 51:49 von einer Zahlenmetapher zu einem allgemeinen Differenzialgedanken weiterentwickelt.

Das Differenzialprinzip fragt nicht nach absoluten Zuständen, sondern nach Unterschieden, Richtungen und Veränderungen.

Wie verändert sich ein System, wenn eine kleine Differenz entsteht? Wann wird aus einer korrigierbaren Differenz eine Verstärkung? Wann kippt ein Prozess?

Die später verwendete plastische symmetria versucht dabei, den ursprünglichen griechischen Sinn von Angemessenheit und Verhältnis gegen eine moderne Vorstellung vollkommener geometrischer Gleichheit zu setzen.

Entscheidend ist nicht mathematische Ungleichheit als solche. 51:49 soll deshalb nicht als universelle Naturkonstante missverstanden werden.

Seine methodische Funktion lautet vielmehr:

Suche nach dem kleinsten wirksamen Unterschied, bevor du in absolute Gegensätze denkst.

XIII. Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde

Die planetarische Kalibrierung über eine 24-Stunden-Uhr entstand als weiteres Gegenüberstellungsinstrument.

Die gesamte Erdgeschichte wird dabei metaphorisch auf einen Tag komprimiert. Homo sapiens erscheint erst in den letzten Sekunden; das Holozän in einem winzigen Bruchteil davon, Industrialisierung und sogenannte Great Acceleration nochmals in extrem kleineren Zeitfenstern.

Die genaue Sekundenangabe hängt von den zugrunde gelegten Datierungen ab. Wissenschaftlich belastbar ist daher nicht eine magische exakte Zahl, sondern das Größenverhältnis.

Die künstlerische Funktion dieser Uhr besteht in einer radikalen Perspektivverschiebung.

Der Mensch, der sich als Herr oder Mittelpunkt des Planeten erlebt, erscheint zeitlich als äußerst spätes Wesen innerhalb eines Systems, dessen elementare Wirkungszusammenhänge lange vor ihm entstanden.

Daraus entsteht das Bild des Millisekunden-Menschen.

Die Forschungskunst-Hypothese lautet, dass ein erheblicher Teil moderner Hybris daraus entsteht, dass dieser extreme zeitliche Maßstabsunterschied im Alltagsbewusstsein kaum vorkommt.

Die Uhr ist deshalb kein naturwissenschaftliches Modell des Verhaltens, sondern ein Kalibrierungsobjekt.

XIV. Begriffshandwerk und Prüfanker

Aus der handwerklichen Herkunft kehrt im späten Forschungsprozess eine einfache Frage zurück:

Funktioniert es oder funktioniert es nicht?

Damit wird eine Gegenposition zu rein rhetorischen oder weltanschaulichen Streitformen entwickelt.

Ein Begriff kann eindrucksvoll klingen und trotzdem schlecht unterscheiden.

Ein gesellschaftliches Modell kann moralisch attraktiv erscheinen und trotzdem seine materiellen Voraussetzungen zerstören.

Eine technische Lösung kann kurzfristig funktionieren und langfristig nicht tragfähig sein.

Das Begriffshandwerk verlangt deshalb eine Art Werkstattprüfung von Begriffen.

Ein Prüfanker soll verhindern, dass die Untersuchung vollständig in Sprache davontreibt.

Daraus entwickelte sich die Folge verschiedener Kontext- und Werk-Anker. Ihre Versionierung von v6 über v8 bis zu v12 ist selbst Teil der Methode.

Begriffe wie Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, plastische symmetria, Differenzialprinzip, Dingselektion, Eigenschaftskritik, Plastisches Ich und Forschungskunst wurden nicht gleichzeitig erfunden. Sie sind das Ergebnis wiederholter Korrekturen.

Der wichtigste methodische Fortschritt besteht daher möglicherweise nicht in einem einzelnen Begriff, sondern in der Einführung einer expliziten Korrekturgeschichte.

Das Projekt besitzt dadurch die Möglichkeit, später sichtbar zu machen, warum eine Definition aufgegeben und durch eine andere ersetzt wurde.

XV. Die künstlerischen Prüfobjekte

Die lange Werkgeschichte erhält innerhalb dieses Systems eine neue Lesbarkeit.

Viele Arbeiten können heute als Prüfobjekte gelesen werden, obwohl sie ursprünglich nicht unter diesem Begriff entstanden.

Die Schultafel ist ein besonders starkes Beispiel. Kreide erzeugt eine sichtbare Aussage, die wieder gelöscht werden kann. Goldschrift oder eine vergoldete Vorstellung kann dagegen symbolisch für Verfestigung stehen. Damit wird aus dem Materialunterschied ein Erkenntnisunterschied: Was darf korrigiert werden?

Die Kartoffelarbeiten verbinden unscheinbaren Stoff, Wachstum, Ernährung, Form und kulturelle Zuschreibung. Die Kartoffel kann Lebensmittel, Ware, Pflanze, Plastik oder Symbol werden.

Der Gordische Knoten untersucht nicht nur einen Knoten, sondern auch die kulturelle Faszination für die heroische Durchtrennung eines Problems.

Das Wellenbecken macht Rückkopplung körperlich sichtbar. Eine Tätigkeit erzeugt Wellen, die sich ausbreiten, überlagern und zurückkehren.

Tanglandschaften stellen den Menschen nicht einer neutralen Natur gegenüber, sondern bringen ihn in ein lebendiges Medium.

Der Astronautenanzug entwickelt sich zum Gegenbild maximaler künstlicher Isolation. Auf der Erde kann der Mensch sich gedanklich als autonom erleben; der Astronautenanzug zeigt drastisch, wie viele technische Systeme erforderlich sind, sobald natürliche Austauschbedingungen unterbrochen werden.

Das spätere Feuerkäfig-Bild verdichtet diese Diagnose: ein Mensch im Astronautenanzug befindet sich in einem brennenden Käfig, dessen Tür offensteht. Die künstlich erzeugte Identität verspricht Freiheit, während die existenziellen Bedingungen zerstört werden.

Der Spaten wird zu einem weiteren elementaren Prüfobjekt. Eine einfache Tätigkeit am Boden verbindet Körper, Werkzeug, Eigentum, Nahrung, Arbeit, Geschichte und Konsequenz.

Diese Werke haben gemeinsam, dass sie nicht eine abstrakte Theorie illustrieren sollen. Sie erzeugen Situationen, in denen Begriffe gegeneinander geprüft werden können.

XVI. Folien und Schablonen: die Entstehung einer analogen Bildgrammatik

Die jüngste Entwicklung der Folien und Schablonen stellt einen methodischen Sprung dar.

Bilder werden nicht mehr nur nebeneinander gezeigt. Transparente Ebenen können übereinandergelegt, entfernt, gedreht oder verändert werden.

Damit wird Denken physisch manipulierbar.

Eine Grundfolie kann den menschlichen Körper zeigen. Eine weitere zeigt Wärme, Gravitation oder Stoffaustausch. Eine dritte kann Eigentumsgrenzen oder Rollenbegriffe darüberlegen. Eine vierte kann Tätigkeitsfolgen markieren.

Die Plexuswirklichkeit wird dadurch nicht lediglich erklärt, sondern montierbar.

Besonders wichtig sind die theoretischen Folien zu Platon, Aristoteles, Christentum und Physik. Sie dienen nicht als Lehrbuchbilder, sondern als Vergleichsoperatoren.

Das gleiche gilt für den Menschen mit Spaten, die Frau mit der Aussage „Ich bin frei“, die Thermosflasche, den Astronautenanzug, den Sandtrichter, die Saftpresse und das künstlerische Dreieck aus Kopf, Händen und entstehender Plastik.

Die Foliengrammatik entwickelt damit eine neue Sprache zwischen Bild, Plastik, Lehrmittel, Spiel und Erkenntnisapparat.

Ihre offene Frage lautet, wie viele Ebenen gleichzeitig verständlich bleiben. Wenn jede Erkenntnis eine weitere Folie erhält, könnte die Plexusdarstellung selbst unübersichtlich werden. Daher braucht das System eine Minimalgrammatik.

XVII. Das künstlerische Dreieck

Das jüngst entwickelte Dreieck aus Kopf, Hand und Plastik fasst einen großen Teil der Werkgeschichte in einem einfachen Bild zusammen.

Im Kopf befindet sich Vorstellung, Modell, Inspiration oder Vorgabebild.

Die Hände stehen für Tätigkeit, Übung, Materialkontakt, Scheitern und Veränderung.

Die Plastik ist das Ergebnis, das wiederum auf Vorstellung und Tätigkeit zurückwirkt.

Damit wird deutlich: Ein falsches Modell im Kopf ist nicht automatisch folgenlos. Es kann über Tätigkeiten in die Welt übertragen werden.

Das Dreieck eignet sich deshalb als allgemeiner Prüfoperator:

Modell – Tätigkeit – Tätigkeitsfolge.

Es verbindet Bildhauerei, Erkenntnistheorie, Politik, Ökonomie und Alltag, ohne diese Disziplinen gleichzusetzen.

XVIII. Das Mitmachbuch: vom Betrachter zum Mitprüfenden

Das Mitmachbuch ist aus einer langen Geschichte eigener kleiner Workshophefte, Malbücher und partizipativer Arbeiten hervorgegangen.

Seine heutige Form unterscheidet sich jedoch grundlegend von einem gewöhnlichen Begleitheft.

Der Besucher soll nicht lediglich Informationen über den Künstler erhalten. Sein eigener Denk- und Arbeitsprozess wird zum Material.

Damit verändert sich die Rolle schrittweise vom Betrachter zum Beteiligten, vom Beteiligten zum Mitgestalter und schließlich zum Mitprüfenden.

Vorgabebilder, transparente Folien, Zeichnungen, Texte, Fotografien, rote Punkte, Fragen, Korrekturen und eigene Ergänzungen bilden ein persönliches Forschungsbuch.

Besonders wichtig ist, dass Korrekturen nicht gelöscht werden müssen. Die Änderung selbst dokumentiert Lernen.

Das Mitmachbuch ist deshalb gewissermaßen ein tragbares So-Heits-Atelier.

Gleichzeitig bildet es die Brücke zur digitalen Globalen Schwarm-Intelligenz. Analoge Einträge können miteinander verglichen, digitalisiert und mit anderen Beiträgen verbunden werden.

Die offene Frage ist hier vor allem die Datenstruktur. Wie bleiben individuelle Beiträge miteinander vergleichbar, ohne ihre Besonderheit zu zerstören?

XIX. Tausend Tische: die räumliche Vorform des Netzes

Die Tausend Tische erhalten aus heutiger Sicht eine überraschend aktuelle Funktion.

1993 waren sie zunächst eine reale soziale Infrastruktur. Heute können sie als räumliches Modell eines Netzes gelesen werden.

Jeder Tisch ist ein lokaler Arbeitsort. Kein Tisch muss das Ganze repräsentieren. Die Verbindung entsteht zwischen den Tischen.

Damit unterscheiden sie sich fundamental von einem zentralen Podium, auf dem wenige Experten sprechen und viele Menschen zuhören.

Die Logik lautet:

Viele lokale Perspektiven – ein gemeinsamer Untersuchungszusammenhang.

Genau hierin liegt die Verbindung zur Globalen Schwarm-Intelligenz.

Für die documenta 16 müssen deshalb nicht tatsächlich tausend Tische rekonstruiert werden. Entscheidend ist das Organisationsprinzip: bewegliche, kombinierbare Arbeitsflächen statt einer zentralisierten Wissensbühne.

Die Tausend Tische sind insofern gleichzeitig historische Arbeit, Raumkonzept, soziale Plastik und Vorläufer einer digitalen Architektur.

XX. KI: Werkzeug, Gegenüber und Risiko

Die KI fügt der Forschung eine völlig neue Dimension hinzu.

Sie kann das jahrzehntelange Archiv durchsuchen, Varianten vergleichen, Begriffsentwicklungen rekonstruieren und Verbindungen erkennen, die ein einzelner Mensch kaum gleichzeitig überblicken könnte.

Damit realisiert sie einen Teil der alten Idee kollektiver und vernetzter Intelligenz.

Aber genau ihre Stärke erzeugt das neue Risiko: KI kann sprachlich geschlossene Antworten erzeugen, wo eigentlich eine Lücke bleiben müsste.

Damit könnte sie zu einer gigantischen Skulpturalisierungsmaschine werden.

Ein plausibler Text kann den Eindruck einer fertigen Wahrheit erzeugen.

Deshalb wurde ihre methodische Rolle zunehmend korrigiert. Die ideale KI innerhalb des Projektes ist nicht die Orakelmaschine, sondern ein Gegenüberstellungsapparat.

Sie müsste fragen: Welche Voraussetzung fehlt? Welche Gegenposition existiert? Auf welcher Ebene liegt die Behauptung? Ist eine gesellschaftliche Zuschreibung mit einer materiellen Eigenschaft verwechselt worden? Welche Folge wurde ausgeblendet?

Dann würde KI E4-Funktionen unterstützen.

Gleichzeitig entsteht die politische Frage, wem solche Systeme gehören und welche Macht durch ihre Konzentration entsteht. Damit führt der Forschungsweg von Eigentum und 1:99 unmittelbar zur gegenwärtigen KI-Ökonomie.

XXI. Globale Schwarm-Intelligenz

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist nicht plötzlich aus der Digitalisierung entstanden. Sie hat analoge Vorläufer.

Kollektive Kreativität, Frage-Antwort-Tische, Workshops, das Globale Dorffest, Vernetzungsversuche und die Tausend Tische besitzen bereits dieselbe Grundbewegung: Viele Menschen verfügen über unterschiedliche Erfahrungen und Ausschnitte.

Der digitale Schritt ermöglicht, diese Ausschnitte dauerhaft miteinander zu verbinden.

Wichtig ist dabei eine zentrale Korrektur: Schwarm-Intelligenz darf nicht mit Mehrheitsentscheidung verwechselt werden.

Tausend Menschen können denselben Irrtum teilen.

Die Qualität des Schwarms hängt deshalb nicht nur von der Zahl der Teilnehmer ab, sondern von seiner Prüfarchitektur.

Die Globale Schwarm-Intelligenz wird damit zur möglichen technischen Erweiterung des Vier-Ebenen-Modells.

Beiträge könnten nicht lediglich gesammelt, sondern nach Voraussetzungen, Ebenen, Widersprüchen, Erfahrungen und Folgen miteinander verbunden werden.

Das Ziel wäre keine globale Einheitsmeinung, sondern eine globale Korrekturfähigkeit.

XXII. Die So-Heits-Gesellschaft

Der Begriff So-Heits-Gesellschaft entsteht aus der zunehmenden Skepsis gegenüber vorgestellten Idealgesellschaften.

Eine Gesellschaft soll nicht zuerst danach beurteilt werden, welchem Ideal sie entspricht, sondern danach, wie ihre Voraussetzungen tatsächlich beschaffen sind und welche Folgen ihre Tätigkeiten hervorbringen.

„Soheit“ bezeichnet deshalb nicht Resignation nach dem Motto „Es ist eben so“. Im Gegenteil: Erst wenn ein Zustand in seiner Beschaffenheit erfasst wird, kann gezielt verändert werden.

Die So-Heits-Gesellschaft wäre somit keine fertige politische Utopie.

Sie wäre eine Gesellschaft, die ihre eigenen Konstruktionen als Konstruktionen erkennen und an ihren Tragbedingungen prüfen kann.

Ihre elementare politische Fähigkeit wäre nicht Glauben, sondern korrigierbares Herstellen.

Hier kehrt technē zurück: menschliche Gesellschaft als hergestellte Welt.

Der Begriff besitzt allerdings noch Klärungsbedarf. Er darf nicht den Eindruck erzeugen, es gebe eine objektiv vollständig erfassbare „Soheit“. Auch jede Beschreibung erfolgt aus Perspektiven und mit Begriffen.

Deshalb müsste genauer gesagt werden: So-Heits-Gesellschaft bezeichnet eine Gesellschaft, die ihre Beschreibungen fortlaufend an Widerständen, Folgen und anderen Perspektiven prüft.

XXIII. Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes

Im So-Heits-Atelier laufen fast alle Entwicklungslinien zusammen.

Es ist Atelier, weil Formen hergestellt und verändert werden.

Es ist Labor, weil Hypothesen ausprobiert werden.

Es ist Archiv, weil fünf Jahrzehnte Werkgeschichte als Material vorhanden sind.

Es ist Schule, weil Begriffe erlernt und überprüft werden können.

Es ist Bühne, weil Rollen und gesellschaftliche Situationen dargestellt werden.

Es ist Werkstatt, weil gearbeitet wird.

Es ist öffentlicher Untersuchungsraum, weil Besucher nicht ausschließlich Publikum bleiben.

Gerade dadurch unterscheidet es sich von einer retrospektiven Ausstellung des Lebenswerks.

Das historische Werk wird nicht nur gezeigt. Es wird als Werkzeuglager reaktiviert.

Schultafeln, Fotografien, Collagen, Kartoffelarbeiten, Wellenbecken, Gordischer Knoten, Astronaut, Tang, Tausend Tische, Mitmachbücher, Folien und digitale Plattform bilden keine beliebige Sammlung. Sie werden zu unterschiedlichen Instrumenten einer gemeinsamen Frage.

Damit lässt sich auch die documenta-16-Bewerbung neu bestimmen.

Die documenta wäre nicht bloß der Ort, an dem ein fertiges So-Heits-Atelier präsentiert wird. Sie wäre selbst ein Teil des Untersuchungsgegenstandes.

Welche Vorstellungen von Kunst gelten dort? Wer entscheidet? Welche Arbeit wird sichtbar? Was bedeutet Partizipation? Wie verhält sich der hunderttägige Ausstellungszeitraum zur jahrzehntelangen Werkgenese? Was geschieht außerhalb der Ausstellungsräume? Welche Beziehungen entstehen zwischen Kassel, globaler Plattform und Besuchern?

Hier gewinnt die Verortungskunst ihre heutige Präzision.

Der richtige Ort ist nicht einfach eine Adresse. Verortung bedeutet, Werk, Zeitpunkt, gesellschaftliche Situation, historische Vorgeschichte, institutionelle Struktur und Tätigkeit miteinander zu verbinden.

Deshalb kann die documenta 16 für diese Arbeit bereits mit der Bewerbung begonnen haben.

Und in einer noch radikaleren Lesart hat sie bereits Jahrzehnte zuvor begonnen, weil die früheren documenta-Bewerbungen zu historischen Schichten der heutigen Untersuchung geworden sind.

XXIV. Der Prüfoperator als gemeinsamer Kern

Nach der langen Entwicklung lässt sich ein gemeinsamer Operator erkennen, der in den frühen Arbeiten noch nicht ausdrücklich formuliert war.

Er lässt sich ungefähr so beschreiben:

Was wird behauptet oder vorgestellt?

Worauf bezieht sich diese Vorstellung?

Welche Tätigkeiten entstehen daraus?

Welche materiellen und lebendigen Folgen haben sie?

Welche Rückmeldung erreicht das handelnde System?

Wo wird diese Rückmeldung unterbrochen?

Ist eine Korrektur möglich?

Fast alle heutigen Begriffe lassen sich diesem Prozess zuordnen.

51:49 untersucht Differenz.

Der Lochprozess untersucht Grenzveränderung.

Die Plexuswirklichkeit untersucht Zusammenhänge.

E1 bis E3 unterscheiden Wirklichkeitsebenen.

E4 organisiert Prüfung.

Plastisches Ich bezeichnet Korrekturfähigkeit.

Skulpturidentität bezeichnet Verfestigung.

Das Mitmachbuch dokumentiert individuelle Prüfung.

Tausend Tische verteilen sie räumlich.

Globale Schwarm-Intelligenz verbindet sie digital.

KI kann Unterschiede und Gegenpositionen erzeugen.

Das So-Heits-Atelier bringt diese Elemente in einen öffentlichen Raum.

Damit entsteht erstmals eine relativ geschlossene Gesamtarchitektur.

XXV. Die Gesamtarchitektur der Forschungskunst

Der gesamte Ansatz lässt sich heute als eine Folge von sieben miteinander gekoppelten Operationen verstehen.

Am Anfang steht Existenz innerhalb von Bedingungen. Das ist die Tragwirklichkeit.

Innerhalb dieser Wirklichkeit entstehen Unterschiede und Grenzprozesse. Das sind Differenzial- und Lochprozesse.

Lebende Systeme beantworten diese Unterschiede durch Rückkopplung und Lernen.

Menschen erzeugen darüber hinaus Bilder, Begriffe, Symbole und institutionelle Konstruktionen.

Diese Konstruktionen können rückgekoppelt bleiben oder sich skulptural verselbständigen.

Daher entsteht die Notwendigkeit eines Prüf- und Reparaturoperators.

Kunst wird schließlich zum öffentlichen Verfahren, in dem dieser Operator erfahrbar, beteiligbar und veränderbar gemacht wird.

Das ist der Punkt, an dem Forschungskunst nicht mehr nur eine Bezeichnung für eine Kunst mit Forschungselementen ist. Sie bezeichnet eine besondere Arbeitsweise:

Kunst stellt nicht nur Ergebnisse her, sondern konstruiert Bedingungen, unter denen Menschen ihre eigenen Wirklichkeitskonstruktionen prüfen können.

XXVI. Doppelungen und begriffliche Überlagerungen

Die zunehmende Dichte des Systems erzeugt allerdings inzwischen ein neues Problem. Mehrere Begriffe erfüllen teilweise dieselbe Funktion.

Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit überschneiden sich. Tragwirklichkeit betont die Bedingungen, von denen Existenz abhängt. Plexuswirklichkeit betont deren Vernetzung. Beide sollten daher nicht synonym verwendet werden.

51:49, plastische symmetria und Differenzialprinzip liegen ebenfalls nah beieinander. 51:49 ist das historische Ursprungsbild. Plastische symmetria bezeichnet das angemessene Verhältnis. Differenzialprinzip bezeichnet die allgemeinere methodische Operation. Diese Hierarchie könnte ausdrücklich festgelegt werden.

Plastisches Ich, plastische Identität und teilweise Tragbewusstsein überschneiden sich. Hier wäre eine Vereinfachung sinnvoll. Das Plastische Ich könnte die anthropologische Grundfigur bleiben, während Tragbewusstsein eine seiner Fähigkeiten bezeichnet.

Skulpturidentität, Skulpturalisierung, 50:50-Symmetriedualismus und Parallelwelt beschreiben unterschiedliche Stadien desselben Problems. Sie sollten nicht gleichgesetzt werden. Skulpturalisierung ist der Prozess; Skulpturidentität das Resultat auf der Ebene des Selbst; 50:50 beschreibt die zugrunde liegende absolute Gegenordnung; Parallelwelt bezeichnet eine mögliche gesellschaftliche Folge.

Auch Prüfoperator, Prüfanker, Werk-Anker, E4 und Begriffshandwerk müssen deutlicher unterschieden werden. Der Prüfoperator ist die allgemeine Operation. E4 ist seine Stelle im Vier-Ebenen-Modell. Begriffshandwerk ist eine Methode seiner Anwendung auf Sprache. Ein Prüfanker ist eine konkrete Referenz. Der Werk-Anker dokumentiert den jeweils erreichten Forschungsstand.

Diese Klärungen würden das System nicht verkleinern. Sie würden seine Architektur sichtbar machen.

XXVII. Mögliche Vereinfachung des Gesamtmodells

Der gesamte Forschungsapparat könnte künftig auf vier Grundfragen zurückgeführt werden:

Was trägt?

Was stelle ich mir vor?

Was tue ich aufgrund dieser Vorstellung?

Was kommt tatsächlich zurück?

Nahezu alle weiteren Begriffe lassen sich darunter einordnen.

„Was trägt?“ umfasst Tragwirklichkeit, E1 und E2.

„Was stelle ich mir vor?“ umfasst Symbolbildung, E3, Vorgabebild, Eigenschaften und Identität.

„Was tue ich?“ umfasst technē, Gestaltung, Spaten, Wirtschaft, Politik und soziale Plastik.

„Was kommt zurück?“ umfasst Erfahrung, Differenz, Folgen, E4, Lernen und Reparatur.

Diese vier Fragen könnten die einfachste Eingangstür für Besucher bilden, während die differenzierten Begriffe dahinter als Forschungsapparat erhalten bleiben.

XXVIII. Noch fehlende Verbindungen

Trotz der weit fortgeschrittenen Architektur bestehen mehrere offene Forschungsstellen.

Die erste betrifft Zeit. Die 24-Stunden-Uhr, Lochprozesse, Erfahrung, Lernen und gesellschaftliche Beschleunigung verwenden alle Zeit, sind aber noch nicht vollständig in einem gemeinsamen Zeitmodell verbunden.

Die zweite betrifft Macht. Eigentum und 1:99 weisen bereits darauf hin, doch Macht müsste systematischer als Fähigkeit untersucht werden, Rückkopplung zu verhindern, Kosten auszulagern oder die Definition von Wirklichkeit zu kontrollieren.

Die dritte betrifft Institutionen. Zwischen individueller Skulpturidentität und planetarer Zerstörung liegen Organisationen, Unternehmen, Staaten, Verwaltungen, Wissenschaftssysteme und Märkte. Diese mittlere Ebene ist bisher weniger präzise ausgearbeitet.

Die vierte betrifft Emotion und Belohnung. Status, Anerkennung, Angst, Zugehörigkeit und Gewohnheit können erklären, warum Menschen an Vorstellungen festhalten, selbst wenn Gegenbelege existieren. Diese Dimension darf jedoch nicht vorschnell psychologisiert werden. Sie müsste innerhalb des eigenen Wirkungsmodells untersucht werden.

Die fünfte offene Stelle betrifft Messbarkeit. Wann kann gesagt werden, ein Prüfprozess habe tatsächlich zu besserer Rückkopplung geführt? Das So-Heits-Atelier benötigt dafür einfache Beobachtungskriterien, ohne zu einem sozialwissenschaftlichen Experiment im engen Sinn werden zu müssen.

Die sechste betrifft KI und epistemische Verantwortung. Es muss geklärt werden, wie KI Beiträge strukturieren darf, ohne eine neue Autorität zu bilden.

Die siebte betrifft die Globale Schwarm-Intelligenz. Noch ist nicht vollständig geklärt, wie Widerspruch, Minderheitenpositionen, Evidenz, Erfahrung und Korrektur technisch miteinander organisiert werden können, ohne daraus eine Mehrheitsmaschine zu machen.

Die achte offene Stelle betrifft die documenta selbst. Wenn die Bewerbung bereits Bestandteil der Verortungskunst ist, müsste systematisch dokumentiert werden, welche Handlungen seit der Bewerbung stattfinden. Damit würde aus der Behauptung „Die documenta hat für mich bereits begonnen“ tatsächlich eine nachvollziehbare künstlerische Methode.

XXIX. Vom Lebenswerk zum Forschungsinstrument

Aus der gesamten Entwicklung ergibt sich schließlich eine entscheidende Umdeutung des Lebenswerks.

Die mehr als fünf Jahrzehnte entstandenen Arbeiten sind nicht lediglich Vorarbeiten für eine heute formulierte Theorie.

Umgekehrt ist die heutige Theorie auch nicht bloß eine nachträgliche Erklärung früherer Kunst.

Zwischen beidem besteht Rückkopplung.

Die frühen Werke liefern Situationen, Bilder und Erfahrungen. Die heutigen Begriffe machen bestimmte Zusammenhänge darin sichtbar. Diese neuen Begriffe verändern wiederum die Art, wie die alten Werke gelesen und erneut eingesetzt werden können.

Das Archiv wird dadurch zu einer Art Materiallager einer langjährigen Forschung.

Genau hier liegt die Besonderheit des geplanten So-Heits-Ateliers auf der documenta 16.

Es müsste nicht vortäuschen, 2027 ein vollkommen neues Kunstprojekt zu beginnen.

Es könnte sichtbar machen, wie ein einzelner Werkprozess über mehr als fünf Jahrzehnte immer wieder an derselben Grundfrage gearbeitet hat, seine Werkzeuge verändert, seine eigenen Begriffe korrigiert und schließlich aus Bildern, Plastiken, Veranstaltungen, Erfahrungen, Archiven, Büchern, Tabellen, Folien, digitalen Netzen und KI einen öffentlichen Prüfapparat entwickelt hat.

XXX. Die gegenwärtige Forschungsposition

Am gegenwärtigen Punkt steht deshalb nicht eine abgeschlossene Weltanschauung.

Es steht ein Prüfapparat im Aufbau.

Sein stärkster Satz lautet nicht:

„So ist die Welt.“

Sondern:

„Wie können wir prüfen, ob unsere Vorstellung davon, wie die Welt ist, mit den Bedingungen übereinstimmt, von denen unser Handeln und unser Leben tatsächlich abhängen?“

Damit schließt sich der Kreis zum Ausgangspunkt von 1975.

Die ursprüngliche Frage lautete, warum ein wissender Mensch seine Existenzbedingungen zerstört.

Fünf Jahrzehnte später liegt eine mögliche Antwort nicht mehr in mangelndem Wissen allein.

Das Problem könnte vielmehr darin liegen, dass Wissen, Vorstellung, Identität, gesellschaftliche Geltung und Tätigkeit sich von ihren Rückkopplungsbedingungen trennen können.

Daraus ergibt sich zugleich die Aufgabe der Forschungskunst:

die unterbrochenen Gegenüberstellungen wiederherzustellen.

Nicht Menschen zu belehren, sondern ihnen ihre eigenen Vorstellungen gegenüberzustellen.

Nicht eine neue Wahrheit zu verkünden, sondern Unterschiede sichtbar zu machen.

Nicht eine ideale Gesellschaft zu entwerfen, sondern die hergestellte Gesellschaft als veränderbare Plastik zu behandeln.

Nicht Beteiligung als dekoratives Mitmachen zu organisieren, sondern Besucher zu Mitprüfenden zu machen.

Nicht KI zur letzten Antwortmaschine auszubauen, sondern sie zum Gegenüber und Differenzverstärker zu machen.

Nicht das Lebenswerk museal abzuschließen, sondern es als Werkzeugbestand erneut in Tätigkeit zu versetzen.

Unter dieser Perspektive ist Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes keine weitere Arbeit neben den früheren Arbeiten. Es ist der gegenwärtige Ort, an dem sie funktional zusammengeführt werden.

Und genau deshalb ist auch die documenta 16 nicht lediglich der mögliche Ausstellungsort eines bereits fertigen Projekts.

Sie wird selbst zum nächsten Material dieser Forschung.

Die Bewerbung gehört zum Werk.

Die Vorgeschichte der früheren documenta-Bewerbungen gehört zum Werk.

Die Entscheidung der Institution gehört zum Werkzusammenhang.

Kassel gehört als Ort dazu.

Die Besucher gehören dazu.

Das Mitmachbuch gehört dazu.

Die Tausend Tische gehören als historische Raumgrammatik dazu.

Die Globale Schwarm-Intelligenz erweitert den Raum digital.

Die KI fügt ein neues Gegenüber hinzu.

Und das eigene Lebenswerk wird nicht als Monument vor das Publikum gestellt, sondern als mehr als fünfzig Jahre entstandener, weiterhin korrigierbarer Forschungs- und Prüfprozess.

Damit erreicht die Entwicklung einen Punkt, an dem sich Werkgeschichte, Erkenntnisgeschichte und Zukunftsprojekt erstmals nahezu decken:

Die Forschungskunst untersucht die Bedingungen des menschlichen Formens, indem sie ihren eigenen Formungsprozess öffentlich zur Prüfung stellt.

Der nächste sinnvolle Arbeitsschritt wäre daraus nicht eine weitere allgemeine Verdichtung, sondern eine historische Entwicklungs-Matrix der Begriffe zu erstellen: für jeden Begriff Erstauftreten, frühere Bedeutung, Korrektur, heutige Definition, zugehöriges Werk und noch offene Prüfung. Das würde besonders bei 51:49, Lochprozess, Plastischem Ich, Plexuswirklichkeit und E1–E4 verhindern, dass verschiedene Entwicklungsstufen später wieder miteinander vermischt werden.

.......

Die folgende Fassung rekonstruiert die bisherige Forschung als Entwicklungsgeschichte. Sie behandelt die späteren Begriffe nicht so, als hätten sie von Anfang an festgestanden, sondern zeigt, aus welchen Arbeiten, Erfahrungen, Korrekturen und begrifflichen Verdichtungen sie hervorgegangen sind.

Rekonstruktion einer Forschung

Von der plastischen Werkpraxis zum So-Heits-Atelier, zur Globalen Schwarm-Intelligenz und zur Prüfung der künstlichen Parallelwelt

Vorbemerkung: Drei verschiedene Aussageebenen

Die bisher entwickelte Forschung lässt sich nur angemessen darstellen, wenn drei Aussagearten voneinander getrennt werden. Erstens gibt es werkgeschichtlich und biografisch dokumentierbare Sachverhalte: Ausbildung, Arbeiten, Ausstellungen, Aktionen, Workshops, Documenta-Bewerbungen, Erwachsenenmalbücher, Frage-und-Antwort-Tische, das Globale Dorffest, das Partizipatorische Welttheater, die Plattform Globale Schwarm-Intelligenz und die gegenwärtige Arbeit am So-Heits-Atelier. Zweitens gibt es wissenschaftlich oder historisch anschlussfähige Sachverhalte, etwa die Abhängigkeit lebender Organismen von Stoffwechsel und Umwelt, Rückkopplungsprozesse, Membranen, Toleranzbereiche, die Erdgeschichte, die sehr späte Existenz des Homo sapiens oder die Tatsache, dass gesellschaftliche Zuschreibungen wie Eigentum nicht als physikalische Eigenschaften in einem Gegenstand stecken. Drittens gibt es Begriffe und Hypothesen der Forschungskunst: 51:49, der 50:50-Symmetriedualismus, die 1:99-Drift, Plexuswirklichkeit, Tragwirklichkeit, plastisches Ich, Skulpturidentität, Lochprozess, Millisekunden-Mensch, So-Heits-Gesellschaft oder die Vorstellung der KI als zweiter künstlicher Parallelwelt. Diese können wissenschaftliche Erkenntnisse aufnehmen, sind aber selbst zunächst künstlerische Forschungsmodelle und keine anerkannten Naturgesetze oder wissenschaftlichen Theorien.

Gerade diese Unterscheidung ist für die weitere Entwicklung wichtig. Der Forschungsansatz verliert an Schärfe, wenn seine künstlerischen Prüfmodelle als bereits wissenschaftlich bewiesene Gesetzmäßigkeiten auftreten. Seine Stärke liegt vielmehr darin, aus Werkpraxis, Erfahrung, Gegenüberstellung und begrifflicher Konstruktion prüfbare Fragen an unterschiedliche Wirklichkeitsordnungen zu erzeugen.

1. Forschungsgrund: Vom Funktionieren des Werkstücks zur Frage nach dem Funktionieren des Menschen

Am Anfang steht nicht eine Theorie, sondern eine Erfahrung des Herstellens. Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 bildet einen frühen, später immer wichtiger gewordenen Hintergrund. Bei einem Werkstück genügt es nicht, eine überzeugende Vorstellung davon zu haben, dass es funktionieren müsste. Material, Maß, Belastung, Verbindung und Bewegung widersprechen der Vorstellung gegebenenfalls unmittelbar. Ein falsch gebohrtes Loch, eine unpassende Verbindung oder ein überlastetes Bauteil lassen sich nicht durch Überzeugung funktionsfähig machen.

Dieser handwerkliche Erfahrungskern wurde zunächst noch nicht als allgemeine Forschungsmethode formuliert. Rückblickend lässt sich hier jedoch der spätere Prüfmaßstab erkennen: Funktionieren oder Nichtfunktionieren ist zunächst keine Meinungsfrage. Eine Konstruktion muss sich an dem Zusammenhang bewähren, in den sie eingreift.

Die fotografische Arbeit verschob die Frage. Fotografie ist zwar technisch ebenfalls von Material, Licht, Optik und Chemie beziehungsweise später Elektronik abhängig, zugleich aber eine Auswahlhandlung. Der Fotograf entscheidet über Ausschnitt, Moment, Blickrichtung und das, was außerhalb des Bildes bleibt. Damit erscheint ein zweites Problem: Der Mensch begegnet nicht einfach „der Wirklichkeit“, sondern stellt durch Auswahl einen Wirklichkeitsausschnitt her. Die später entwickelte Dingselektion hat hier einen frühen werkpraktischen Vorläufer.

Mit dem Studium an der HBK Braunschweig von 1974 bis 1980 und der experimentellen Umweltgestaltung ab Mitte der 1970er Jahre verschiebt sich die handwerkliche Frage nochmals. Material wird nicht nur bearbeitet, sondern in Beziehungen untersucht: Wasser, Strömung, Wellen, Dämme, Belastungszustände, Gelände, Bewegung und Umwelt. Die Frage „Kann Kunst Gesellschaft verändern?“ wird dadurch nicht bloß politisch verstanden. Sie führt zu einem methodischen Problem: Wenn Kunst verändern soll, muss sie die Konsequenzen ihrer eigenen Eingriffe mit untersuchen.

In dieser Phase liegt auch der Ursprung der späteren 51:49-Intuition. Aus Beobachtungen von Form, Bewegung, Symmetrie und Asymmetrie entwickelte sich allmählich die Vermutung, dass vollständige statische Gleichheit kein ausreichendes Modell für lebendige oder bewegliche Systeme sein könne. 51:49 entstand zunächst als künstlerische Minimalfigur einer notwendigen Differenz. Erst sehr viel später wurde daraus eine umfassendere Forschungsfigur.

Belegstatus: Die Ausbildungs- und Werkgeschichte ist biografisch beziehungsweise archivalisch dokumentierbar. Dass Rückkopplung, Materialwiderstand, Strömung und asymmetrische Zustände reale physikalische Phänomene sind, ist wissenschaftlich anschlussfähig. Die Übertragung von 51:49 auf ein allgemeines Welt-, Erkenntnis- oder Gesellschaftsprinzip bleibt eine Forschungskunst-Hypothese.

2. Werkgenese: Von einzelnen Kunstwerken zur Forschungskunst

In der Werkentwicklung zeigt sich früh eine Bewegung weg vom abgeschlossenen autonomen Einzelobjekt. Arbeiten mit Wasser, Landschaft, Dämmen, Umweltbedingungen und veränderlichen Zuständen machen das Kunstwerk zu einem Vorgang. Das Werk besteht zunehmend nicht nur in einem hergestellten Gegenstand, sondern in einer Situation, in der etwas beobachtet, verändert und rückgemeldet wird.

Die Erwachsenenmalbücher und Vorgabebilder von 1978 markieren einen weiteren entscheidenden Schritt. Das Blatt ist nicht mehr ausschließlich Ort der autonomen Künstlerhandschrift. Eine Vorgabe wird hergestellt, damit andere sie verändern können. Fußgänger-, Autobahn- und Fernsehmalbuch sind deshalb nicht lediglich spielerische Publikationen. Sie enthalten bereits eine spätere Grundstruktur: Vorgabe, Gegenüberstellung, Eingriff, Abweichung und sichtbare Spur des anderen.

Damit verschiebt sich die Autorenschaft. Der Künstler stellt nicht mehr ausschließlich das fertige Bild her, sondern eine Bedingung für Hervorbringung. Der Betrachter wird Teilnehmer, später Mitforscher und schließlich Ermittler seiner eigenen Voraussetzungen.

Die Frage-und-Antwort-Tische, die Arbeit an kollektiver Kreativität, Workshops und die Beschäftigung mit darstellerischen Verfahren erweitern diese Struktur vom Bild auf die soziale Situation. Auch die Auseinandersetzung mit Joseph Beuys und der Sozialen Plastik wird zu einem Vergleichspunkt. Der eigene Ansatz übernimmt die Vorstellung gesellschaftlicher Gestaltung jedoch nicht einfach. Immer deutlicher tritt eine Differenz hervor: Gesellschaft soll nicht nur gestaltet, sondern ihre Gestaltungen sollen auf ihre Tragfähigkeit geprüft werden.

Aus dieser Verschiebung entsteht rückblickend die Forschungskunst. Kunst ist nun nicht in erster Linie Darstellung einer Theorie. Das künstlerische Verfahren selbst erzeugt Situationen, in denen Annahmen an Material, Körper, andere Menschen, Zeit und Folgen geraten.

Das Globale Dorffest von 1993, spätere partizipatorische Projekte und das Partizipatorische Welttheater von etwa 2005 bis 2019 verbreitern diese Forschungsform. Das „Werk“ wird räumlich, sozial, zeitlich und institutionell immer größer. Aus dem individuellen Bild wird eine soziale Versuchsanordnung; aus der sozialen Versuchsanordnung entwickelt sich schließlich die Vorstellung eines globalen Forschungsraumes.

Die zahlreichen Documenta-Bewerbungen von 1977 bis 2017 sind innerhalb dieser Entwicklung nicht bloß erfolglose institutionelle Bewerbungen. Sie dokumentieren wiederkehrende Versuche, die jeweilige Forschungsstufe an einem exemplarischen Weltkunst-Ort zu verorten. Deshalb ist auch die heutige Aussage verständlich, die documenta 16 habe für die Verortungskunst mit der Bewerbung bereits begonnen: Der Bewerbungs-, Ablehnungs-, Vorbereitungs- und Prüfprozess wird selbst zum Bestandteil des Werkes.

Belegstatus: Arbeiten, Publikationen, Aktionen, Bewerbungen und Dokumentationen können historisch überprüft werden. „Forschungskunst“ als rückwirkend vereinheitlichender Begriff ist eine werkinterne Systematisierung. Ob alle frühen Werke bereits bewusst denselben Forschungsansatz verkörperten, muss jeweils an zeitgenössischen Dokumenten geprüft werden und darf nicht nur aus den heutigen Begriffen zurückprojiziert werden.

3. Wirklichkeitsverständnis: Von der Umwelt zur Mitwelt, Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit

Ein wesentlicher Entwicklungsschritt besteht darin, „Umwelt“ nicht mehr als bloße Umgebung eines zentralen Menschen zu behandeln. Wasser, Luft, Temperatur, Material, Mikroorganismen, Pflanzen, Tiere, Nahrung und andere Menschen bilden keinen dekorativen Außenraum, sondern Voraussetzungen des eigenen Existierens.

Daraus entwickelte sich zunehmend die Vorstellung einer Tragwirklichkeit. Gemeint ist jene Wirklichkeit, die eine menschliche Vorstellung überhaupt erst tragen muss, damit diese praktisch bestehen kann. Ein Gesetz kann Eigentum zuschreiben; es kann jedoch nicht durch Beschluss die notwendige Sauerstoffkonzentration des Menschen verändern. Geld kann den Zugang zu Wasser organisieren oder verhindern; es ersetzt aber Wasser nicht. Ein gesellschaftlicher Status kann einen Menschen privilegieren; er hebt seine Stoffwechselabhängigkeit nicht auf.

Der Begriff Plexuswirklichkeit verdichtet diese Beziehungsperspektive weiter. „Plexus“ bezeichnet hier kein wissenschaftlich etabliertes Gesamtmodell der Wirklichkeit, sondern eine Forschungskunst-Metapher für ein verflochtenes Trage- und Wirkungsgewebe. Kein Teil existiert darin vollständig für sich. Ein Eingriff verändert Verhältnisse und erzeugt Rückwirkungen.

Damit wird der frühere Materialmaßstab erweitert. Das Werkstück funktioniert nicht isoliert; auch ein Organismus, eine Gesellschaft oder eine technische Ordnung kann nur innerhalb bestimmter Beziehungen funktionieren.

Die Bezeichnung Tragwesen entstand daraus als Versuch, den Menschen nicht als souveränes, abgeschlossenes Individuum zu beschreiben, sondern als Wesen, das getragen wird und selbst trägt. Tragbewusstsein bezeichnet entsprechend nicht bloß Wissen über Abhängigkeit, sondern die bewusste Einbeziehung dieser Abhängigkeiten in Handlungen.

Hier liegt zugleich eine begriffliche Gefahr. Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, So-Heit und Mitwelt können sich überschneiden. Sie müssen deshalb unterschiedliche Aufgaben behalten: Tragwirklichkeit bezeichnet die Bedingungen, ohne die etwas nicht bestehen kann; Plexuswirklichkeit bezeichnet das Beziehungsgewebe dieser Bedingungen; So-Heit bezeichnet die Prüfung dessen, wie etwas tatsächlich beschaffen beziehungsweise wirksam ist, bevor zusätzliche Zuschreibungen daraufgelegt werden.

Belegstatus: Abhängigkeiten von Organismen, Ökosystemen und technischen Systemen sind wissenschaftlich untersuchbar. „Tragwirklichkeit“, „Plexuswirklichkeit“, „Tragwesen“ und „Tragbewusstsein“ sind Forschungskunst-Begriffe.

4. Begriffsbildung: Das Wort als Werkzeug und als mögliche Falle

Im Verlauf der Forschung wird zunehmend deutlich, dass der Mensch nicht nur materielle Werkzeuge herstellt. Er stellt auch Begriffe her. Diese Begriffe können Beziehungen sichtbar machen, aber auch verdecken.

Die zugespitzte Aussage „Einen Sonnenuntergang gibt es nur als Begriff“ entstand aus dieser Untersuchung. Sie muss präzise verstanden werden. Das beobachtbare Farb-, Licht- und Horizontphänomen existiert selbstverständlich. Die Sonne bewegt sich dabei jedoch nicht in dem alltäglichen Sinne unter eine ruhende Erde. „Sonnenuntergang“ ist eine perspektivische Benennung eines realen Ereigniszusammenhangs. Der Satz soll deshalb nicht das Ereignis leugnen, sondern zeigen, dass Benennung und Vorgang nicht identisch sind.

Von hier führt der Weg zur Unterscheidung von res, Dingwelt und hineingedachten Eigenschaften. Ein Betonblock besitzt Masse, Ausdehnung und bestimmte Materialeigenschaften. Dass er „mein Eigentum“, „wertvoll“, „heilig“, „Kunst“, „Ware“ oder „nationales Kulturgut“ ist, entsteht dagegen erst innerhalb bestimmter menschlicher Zuschreibungsordnungen. Diese Zuschreibungen sind nicht unwirklich: Sie können Gerichte, Polizei, Märkte, Verhalten und Lebenswege organisieren. Sie sind aber anders wirklich als Masse, Temperatur oder Bruchfestigkeit.

Die Forschung bewegt sich damit weg von der groben Alternative „real oder erfunden“. Stattdessen entsteht eine Staffelung: etwas kann materiell vorhanden, biologisch wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben oder symbolisch behauptet sein. Diese Differenzierung wird später im Vier-Ebenen-Modell geordnet.

Das Begriffshandwerk entsteht genau an dieser Stelle. Wie der Maschinenschlosser eine Bohrung prüfen muss, soll der Forschungskünstler prüfen, welche Verbindungen ein Begriff herstellt und welche er verdeckt. Ein Begriff kann zu groß sein, zwei unterschiedliche Vorgänge unzulässig zusammenschieben oder eine Beziehung in eine scheinbare Eigenschaft verwandeln.

Belegstatus: Die Unterscheidung zwischen physikalischen Eigenschaften und gesellschaftlichen Zuschreibungen ist wissenschaftlich und philosophisch anschlussfähig. Die konkrete Grammatik von res, Dingwelt, hineinprojizierten Eigenschaften und Begriffshandwerk ist Teil der Forschungskunst.

5. Lochprozesse: Von der Lücke zur zeitlichen Veränderung einer Grenze

Der Lochprozess ist eine der jüngsten begrifflichen Verdichtungen, hat aber eine lange Vorgeschichte. Zunächst stand die Lücke im Mittelpunkt. Beim Sprechen entsteht eine Differenz zwischen dem, was man sagen wollte, dem tatsächlich gesprochenen Laut und dem, was man beim eigenen Hören wahrnimmt. Beim Zeichnen entsteht eine Differenz zwischen Vorstellung, Handbewegung und sichtbarer Spur. Beim Arbeiten mit Material steht zwischen Absicht und Resultat ein nicht vollständig kontrollierbarer Erfahrungsraum.

Diese Lücke wurde zunächst als Raum des Nichtwissens erkannt. Lernen ist möglich, weil Resultat und Erwartung nicht vollkommen identisch sind. Wird diese Differenz sofort durch eine feste Erklärung geschlossen, verschwindet ein Teil der Lernmöglichkeit.

Später wurde die Lücke mit Geburt und Mutation verbunden. Geburt bezeichnet dabei nicht einfach genetische Mutation. Sie ist ein Übergang zwischen Abhängigkeitsordnungen: Das Kind verlässt einen biologischen Innenraum, bleibt aber in einer neuen Form vollständig abhängig. Die Lücke nach der Geburt eröffnet Lern-, Sprach-, Kultur- und Gestaltungsmöglichkeiten. „Mutation“ wurde im Forschungskunstmodell zum Begriff dafür, in welche Richtung diese Offenheit ausgestaltet wird.

Daraus entstand die Unterscheidung einer plastischen Mutation und einer skulpturalen Mutation. Plastisch bleibt eine Grenze lernfähig, rückgekoppelt und korrigierbar. Skulptural wird die Lücke durch feste Identitäts-, Eigentums-, Status- oder Unverletzbarkeitsvorstellungen geschlossen.

Im August 2026 wurde „Lücke“ nochmals erweitert und zum Lochprozess verdichtet. Dabei erhielt das Modell eine zeitliche Struktur. Eine Membran ist eine rückgekoppelte Grenze; ein Terminus eine gesetzte beziehungsweise begrifflich gezogene Grenze; ein Loch eine Öffnung oder Unterbrechung; ein Lochprozess die zeitliche Veränderung einer solchen Grenze und ihrer Verbindungen.

Damit lassen sich sehr unterschiedliche Beispiele gegenüberstellen: natürliche Geburt und die mythische Kopfgeburt Athenes; Zellmembran und Betonblock; Gehirn und Außenwelt; Spaten und verletzte Erde; Gold und Midas; Eigentumsgrenzen; Platons Ideenwelt; Seele und Körper; Descartes’ denkendes Ich; Schwimmen und Wassergrenze; Eisdecke und Einbruch; Deich, Schiff, Flugzeug und künstlich erzeugte Grenzräume; Möbiusband und Selbstbezug; Tanglandschaft und durchlässige bewegliche Verbindung.

Die Beispiele sind nicht identisch. Ihre Zusammenstellung soll keine wissenschaftliche Gleichsetzung behaupten. Der Lochprozess dient als Vergleichsoperator: Was für eine Grenze liegt vor? Was tritt hindurch? Welche Rückkopplung existiert? Was geschieht, wenn eine Öffnung zu klein, zu groß, zu starr oder vollständig unterbrochen wird?

Damit wird aus dem statischen „Loch“ ein Zeitvorgang. Geburt, Lernen, Verletzung, technische Herstellung und gesellschaftliche Grenzziehung können als unterschiedliche Formen von Grenzveränderung untersucht werden.

Belegstatus: Membranen, Durchlässigkeit, Verletzungen und technische Grenzsysteme sind wissenschaftlich untersuchbar. Die Zusammenführung all dieser Vorgänge unter „Lochprozess“ ist ein Forschungskunstmodell. Sie gewinnt nur dann analytische Kraft, wenn die Unterschiede zwischen den verglichenen Vorgängen erhalten bleiben.

6. Gegenüberstellung und Lernen: Erkenntnis braucht Differenz

Die Gegenüberstellung zieht sich vom Fotografieren über das Vorgabebild bis zum heutigen Prüfoperator. Ein Bildausschnitt zeigt etwas, weil anderes außerhalb bleibt. Eine Zeichenvorgabe wird erkenntniswirksam, weil verschiedene Menschen nicht dasselbe daraus machen. Ein ausgesprochener Satz wird lernwirksam, wenn das Gehörte von der Absicht abweicht. Ein Material antwortet auf die Bearbeitung durch Widerstand.

Daraus entstand die Formel: Wissen entsteht im Tun; Erkenntnis entsteht durch Rückkopplung. Sie ist keine allgemeingültige Definition sämtlichen Wissens, sondern die methodische Grundregel der eigenen Forschungskunst.

51:49 erhielt in diesem Zusammenhang eine neue Bedeutung. Nicht die Zahl selbst erzeugt Erkenntnis. Sie steht für eine minimale Differenz, die verhindert, dass zwei Seiten vollkommen ineinander aufgehen. Das Gegenüber muss ähnlich genug sein, damit Vergleich möglich wird, und verschieden genug, damit eine Rückmeldung entsteht.

Das spätere Differenzialprinzip entwickelte diese Vorstellung weiter. Das technische Differenzial wurde zum Prüfmodell gekoppelter Differenz: Zwei Bewegungen können voneinander abweichen und bleiben dennoch Teil eines gemeinsamen Kraftzusammenhangs. „Schlupf“ wurde dabei mehrdeutig: als Ausschlüpfen beziehungsweise Geburt, als Schlupfloch und als technischer Verlust der Kraftübertragung.

Diese Erweiterung führte zu einer wichtigen Korrektur. 51:49 sollte nicht mehr einfach als numerische Weltformel auftreten. Fruchtbarer ist es, die Zahl als Minimalbild für gekoppelte Ungleichheit zu behandeln: genügend Differenz für Bewegung und Korrektur, genügend Verbindung für Tragfähigkeit.

Belegstatus: Lernen durch Feedback und Differenz ist wissenschaftlich anschlussfähig. Dass exakt 51:49 ein universales Optimum oder Naturgesetz darstellt, ist nicht wissenschaftlich belegt. In der Forschungskunst besitzt 51:49 die Funktion einer heuristischen Kalibrierungsfigur.

7. Plastik und Skulpturalisierung: Vom Kunstverfahren zum Menschenmodell

Die Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur wurde im Verlauf der Forschung von einer künstlerischen zu einer anthropologischen und gesellschaftlichen Unterscheidung erweitert.

Dabei muss ausdrücklich zwischen allgemeiner kunsthistorischer Terminologie und der eigenen Forschungssprache unterschieden werden. In der Kunstgeschichte werden Plastik und Skulptur unterschiedlich und nicht immer einheitlich verwendet. In dieser Forschung erhalten sie eine spezifische operative Bedeutung.

Plastisch bezeichnet einen Vorgang, der formbar, rückgekoppelt, abhängig, korrigierbar und in Veränderung bleibt. Skulpturalisierung bezeichnet dagegen die Tendenz, eine zeitweilige Form als feste, unabhängige und sich selbst begründende Identität zu behandeln.

Das plastische Ich entstand aus der Beobachtung, dass der lebende Mensch kein fertiger Block ist. Stoffwechsel, Atmung, Temperaturregulation, Heilung, Wahrnehmung und Lernen halten ihn durch permanente Veränderung aufrecht. Identität besteht auf dieser Ebene nicht trotz Veränderung, sondern gerade durch geregelte Veränderung.

Die Skulpturidentität bezeichnet dagegen die symbolische Verfestigung des Menschen: „Ich bin Eigentümer“, „ich bin frei“, „ich bin diese Rolle“, „ich habe diesen Wert“, „mein Denken steht außerhalb des Körpers“. Diese Zuschreibungen können gesellschaftlich enorm wirksam werden, aber sie dürfen nicht mit der biologischen und materiellen Existenzweise des Menschen verwechselt werden.

Das Bild des Astronautenanzugs bringt diese Entwicklung zusammen. Der Anzug ist zunächst ein reales technisches Lebenserhaltungssystem. In der späteren künstlerischen Metapher wird er zur künstlichen Rollen- und Begriffsidentität. Der Mensch hält sich für unabhängig, obwohl er weiter vollständig an Versorgungsschläuche, Energie, Material und Umwelt gebunden bleibt. Im Feuerkäfig steht die Tür offen, doch die konstruierte Freiheit kann das Verlassen des Käfigs verhindern.

Belegstatus: Die biologische Plastizität und die Abhängigkeit lebender Systeme sind wissenschaftlich beschreibbar. „Plastisches Ich“, „Skulpturidentität“ und die Übertragung plastischer/skulpturaler Verfahren auf gesellschaftliche Identität sind Forschungskunst-Begriffe.

8. Erfahrung und Rückkopplung: Die Werkstatt als Erkenntnisapparat

Die Forschung entwickelt sich nicht von Theorie zu Illustration, sondern vielfach in umgekehrter Richtung. Materialhandlung, Scheitern, Wiederholung und Veränderung erzeugen erst die Begriffe.

Das Wellenbecken ist dafür exemplarisch. Wasser widerspricht dem Wunsch nach einer statischen Form. Es antwortet auf Eingriffe durch Strömung, Widerstand, Wellen, Umwege und Rückwirkungen. Der Deich kann schützen und gleichzeitig an einer anderen Stelle neue Belastungen erzeugen. Das Schiff ist kein Sieg über das Wasser, sondern funktioniert nur, weil Konstruktion, Auftrieb, Dichte und Grenzfläche exakt aufeinander bezogen bleiben.

Ähnlich funktioniert die bildnerische Praxis. Das weiße Blatt enthält nicht bereits die Lösung. Erst die Hand erzeugt eine Spur, an der das Auge die eigene Handlung wahrnehmen kann. Dadurch wird das Bild zum Rückkopplungsorgan.

In Workshops und partizipatorischen Arbeiten wird der andere Mensch zu einer weiteren Rückkopplungsinstanz. Nicht Übereinstimmung, sondern Abweichung wird produktiv. Die kollektive Arbeit entwickelt sich daher nicht idealerweise zur einheitlichen gemeinsamen Aussage, sondern zu einem Feld, in dem unterschiedliche Reaktionen sichtbar und vergleichbar bleiben.

Diese Linie führt später direkt zur KI. Auch eine KI wird zunächst nicht als Orakel interessant, sondern als Gegenüber, das Formulierungen, Gegenargumente, Analogien und Widersprüche erzeugen kann. Ihr Wert für die Forschung liegt dann nicht darin, dass sie „recht hat“, sondern darin, dass sie eine zusätzliche Rückkopplungsschicht erzeugt, die ihrerseits geprüft werden muss.

9. Symbol- und Eigenschaftsbildung: Wie der Mensch seine zweite Wirklichkeit herstellt

Mit der Untersuchung von Eigentum, Wert, Gold, Rolle und Identität tritt die symbolische Ebene stärker hervor. Ein Gegenstand kann real vorhanden sein, während die Eigenschaft, die Menschen ihm zusprechen, nur in einem kulturellen Regelzusammenhang existiert.

Gold wurde deshalb zu einem wichtigen Prüfmaterial. Physikalisch besitzt es bestimmte Eigenschaften. Gesellschaftlich kann Gold zugleich Reichtum, Macht, Dauer, Heiligkeit oder ideellen Rang repräsentieren. In der Midas-Figur wird diese Übertragung bis zum Umschlag geführt: Was als höchster Wert erscheint, zerstört die Lebensfähigkeit, sobald alles in diesen Wert verwandelt wird.

Ähnlich funktioniert Eigentum. Eigentum steckt nicht im Molekülverband eines Gegenstandes. Es ist eine gesellschaftliche Zuordnung zwischen Personen, Dingen und Institutionen. Dennoch erzeugt diese Zuordnung materielle Konsequenzen. Menschen dürfen Räume betreten oder nicht, Nahrung verwenden oder nicht, Boden bearbeiten oder nicht.

Damit entsteht eine zentrale Forschungsfrage: Wie werden Beziehungen sprachlich in Eigenschaften verwandelt? Aus „dieser Gegenstand ist mir aufgrund einer gesellschaftlichen Regel zugeordnet“ wird „das ist mein Gegenstand“. Die Relation verschwindet in der Eigenschaftsgrammatik.

Die spätere Eigen-/Eigentumsgrammatik versucht diesen Vorgang sichtbar zu machen. „Eigen“ kann zunächst eine beobachtbare Besonderheit oder Zugehörigkeit bezeichnen; „Eigentum“ institutionalisiert daraus ein Verfügungsverhältnis.

Der gleiche Prüfoperator lässt sich auf Freiheit, Seele, Nation, Geld oder gesellschaftlichen Wert anwenden. Das Ziel besteht nicht darin, symbolische Konstruktionen für „unwirklich“ zu erklären. Es besteht darin, ihre Wirklichkeitsart von materiellen und biologischen Wirklichkeiten zu unterscheiden und anschließend ihre Folgen zurückzuprüfen.

10. Sprach- und kulturgeschichtliche Gegenüberstellungen

Die kulturgeschichtlichen Vergleiche entstanden nicht als vollständige Philosophiegeschichte. Sie wurden als Folien entwickelt, an denen sich bestimmte wiederkehrende Trennungen untersuchen lassen.

Bei Platon wird vor allem die Höherbewertung des unveränderlichen Ideellen gegenüber der veränderlichen Erscheinungswelt untersucht. Die dafür entwickelte Folie zeigt unten Körper und Bewegung, darüber Schatten und Spiegelungen und darüber goldene beziehungsweise geometrisch reine Ideen. Entscheidend ist nicht, Platon auf dieses eine Schema zu reduzieren. Die Forschungskunst isoliert eine bestimmte Operation: dem Unveränderlichen einen höheren Wirklichkeitsrang zuzuschreiben. Diese Operation wird mit der späteren Skulpturidentität verglichen.

Aristoteles dient demgegenüber als Gegenfolie, weil Stoff, Form, Bewegung und Zielursache stärker innerhalb eines zusammenhängenden Werdeprozesses betrachtet werden können. Auch dies ist keine vollständige Wiedergabe seiner Philosophie, sondern eine ausgewählte Vergleichsfolie.

Die christliche Leib-Seele-Tradition wird anhand der Vorstellung untersucht, der Körper könne zu einem vorübergehenden Behälter und die Seele zur eigentlichen, aufsteigenden Identität werden. Die Folie mit Körper, aufsteigender Seele, Gold und Himmel untersucht die kulturelle Möglichkeit einer Abwertung materieller Abhängigkeit. Sie darf nicht als Behauptung auftreten, „das Christentum“ bestehe ausschließlich aus diesem Dualismus.

Bei Descartes interessiert vor allem die Trennung zwischen denkendem Subjekt und ausgedehnter Welt. Die Aussage „Ich denke, also bin ich“ wird deshalb mit dem schwimmenden, atmenden oder verletzlichen Körper konfrontiert. Nicht um Descartes historisch zu widerlegen, sondern um sichtbar zu machen, dass Denken die Bedingungen des eigenen körperlichen Existierens nicht ersetzen kann.

Kant erscheint später über die Urteilskraft. Die Verbindung zum Schichten- und Isolationsmodell besteht darin, dass Urteil nicht bloß aus einem isolierten Begriff hervorgehen kann, sondern einen Vermittlungsakt zwischen Besonderem und Allgemeinem benötigt. Auch hier handelt es sich um einen philosophischen Anschluss, nicht um einen Beweis des eigenen Modells.

Die Beschäftigung mit technē führte zu einer weiteren wichtigen Rückbindung. Kunst, Handwerk, Können und Wissen waren historisch nicht immer so streng getrennt wie in modernen Disziplinen. Für die Forschungskunst wird technē deshalb zu einer Vergleichsfigur für die Wiederverbindung von Herstellen, Erfahren, Wissen und Verantworten.

Ähnlich muss symmetria sorgfältiger verwendet werden. Historisch bezeichnet Symmetrie nicht schlicht mathematisches 50:50. Deshalb sollte der Ausdruck „50:50-Symmetriedualismus“ ausdrücklich als eigener Forschungskunst-Begriff gekennzeichnet bleiben. Er bezeichnet eine kulturelle Neigung zur idealisierten gleichgewichtigen Zweiteilung und nicht die wissenschaftliche Definition von Symmetrie.

11. Das Vier-Ebenen-Modell: Eine nachträgliche Ordnung der bisherigen Forschung

Das Vier-Ebenen-Modell ist nicht der Ursprung der Forschung. Es entstand spät als Ordnungsinstrument für bereits vorhandene Werk- und Begriffserfahrungen.

E1 bezeichnet die materielle beziehungsweise physikalische Wirkungswelt: Last, Masse, Bewegung, Temperatur, Bruch, Druck, Verbindung. Hier liegt der ursprüngliche handwerkliche Prüfbereich.

E2 bezeichnet die lebendige Ebene: Stoffwechsel, Selbstregulation, Regeneration, Abhängigkeit, Verletzbarkeit und das plastische Ich. Hier verändert sich die Prüfweise. Ein Organismus ist kein statisches Bauteil, sondern erhält sich durch kontinuierliche Prozesse.

E3 bezeichnet die symbolische, gesellschaftliche und zugeschriebene Wirklichkeit: Eigentum, Geld, Status, Rolle, Gesetz, Religion, Nation, symbolischer Wert und Skulpturidentität. Diese Ebene ist real wirksam, aber ihre Regeln werden von Menschen hergestellt und können verändert werden.

E4 bezeichnet Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur. E4 ist deshalb keine weitere Stoffart neben E1 bis E3. Es handelt sich eher um eine Operationsebene, die Verbindungen zwischen den anderen Ebenen überprüft.

Das Modell löst ein früheres Problem: Zuvor konnten physikalische, biologische und symbolische Beispiele zu schnell miteinander verschmolzen werden. E1–E4 erlaubt zu fragen, auf welcher Wirklichkeitsebene eine Aussage überhaupt gilt.

Ein Geldwert kann auf E3 steigen, während gleichzeitig auf E2 Lebensbedingungen zerstört werden und auf E1 Ressourcen irreversibel verändert werden. Das Modell macht einen solchen Ebenenkonflikt sichtbar.

Offen bleibt, ob E4 tatsächlich als gleichrangige „Ebene“ bezeichnet werden sollte. Methodisch wäre möglicherweise präziser, von drei Wirklichkeitsebenen plus einem Prüfoperator zu sprechen. Damit würde deutlicher, dass E4 die anderen Ebenen durchquert und nicht einfach neben ihnen liegt.

12. Begriffshandwerk, Werkanker und Prüfanker

Im Jahr 2026 verdichtete sich die Forschung in einer Folge von Werk- und Kontextankern. Diese Versionierungen waren nicht nur Ordnungshilfen. Sie zeigen, dass die Forschung begann, ihre eigenen Begriffe systematisch zu prüfen.

Frühe Ankerfassungen ordneten Tragbedingungen, Dingselektion, Eigen- und Eigentumsgrammatik, planetarische Kalibrierung und Zugangsarchitektur. Danach wurden Geburt, Lücke und Mutation stärker ausformuliert. Weitere Fassungen führten Tragwirklichkeit, Tragwesen und Tragbewusstsein, plastische symmetria, Plexuswirklichkeit, Differenzialprinzip, res, Dingwelt, hineingedachte Eigenschaften und technē zusammen. Später wurden Künstlichkeit, Seele, plastisches Ich, Globale Schwarm-Intelligenz und der Ursprung der Forschungskunst integriert.

Dabei entstand zunehmend die Einsicht, dass ein Werkanker und ein Prüfanker nicht dasselbe sind. Der Werkanker beantwortet: Was gehört nachweislich zu diesem Lebenswerk, wann entstand es und welche Funktion erhielt es? Der Prüfanker beantwortet: Nach welchem Verfahren wird eine neue Aussage, ein Begriff oder ein gesellschaftlicher Vorschlag auf seine Tragfähigkeit untersucht?

Der Prüfanker entwickelt sich deshalb vom bloßen „Mechanismus“ zum Prüfoperator. Ein Mechanismus suggeriert eine automatisch arbeitende Maschine. Der Operator lässt dagegen offen, wer prüft, mit welchem Material, auf welcher Ebene und mit welcher Möglichkeit der Korrektur.

Das Begriffshandwerk bekommt dadurch vier Schritte: zunächst die Wirklichkeitsebene bestimmen, dann die gesetzte Grenze beziehungsweise Zuschreibung identifizieren, anschließend die Handlungskonsequenzen und Rückkopplungen verfolgen und schließlich prüfen, ob Korrektur und Reparatur möglich bleiben.

Das ist gegenwärtig einer der wichtigsten methodischen Fortschritte. Die Forschung verfügt nicht mehr nur über ein Vokabular, sondern beginnt, ein Verfahren zur Prüfung ihres eigenen Vokabulars zu entwickeln.

13. Künstlerische Prüfobjekte: Vom Kunstgegenstand zum Operator

Viele ältere Werke erhalten innerhalb dieser späteren Architektur eine neue Funktion. Sie sind nicht lediglich Illustrationen einer Theorie, sondern Prüfobjekte, an denen eine Fragestellung körperlich und visuell erfahrbar wird.

Das Wellenbecken untersucht Bewegung, Störung und Rückkopplung. Der Deich untersucht Grenze, Schutz und veränderte Belastung. Die Tanglandschaft zeigt Verbindung ohne starre Fixierung. Der Gordische Knoten bringt die Frage hervor, ob ein komplexer Zusammenhang durch einen einzigen gewaltsamen Schnitt tatsächlich gelöst oder nur zerstört wird.

Der gläserne Astronaut beziehungsweise der reale Astronautenanzug untersucht die Illusion der Autonomie. Der Astronaut ist eines der technisch unabhängigsten Bilder des modernen Menschen und zugleich eines der abhängigsten Wesen: Ohne künstliche Erhaltung seiner Beziehung zu Druck, Sauerstoff, Temperatur und Energie stirbt er unmittelbar.

Die Kartoffel-Arbeiten führen zurück zu Organismus, Wachstum, Nahrung, Verwertung und Dingwerdung. Die Schultafel wird zum Ort der gesetzten Begriffe, des Löschens, Korrigierens und Neuanschreibens. Die Frage-und-Antwort-Tische machen die soziale Gegenüberstellung zum Werk.

Die vergoldete Idee beziehungsweise der Gegensatz von weißer und vergoldeter Idee untersucht symbolische Aufwertung. Gold verändert nicht notwendig die Funktion eines Gedankens, kann ihm aber Autorität, Dauer oder vermeintliche Höherwertigkeit verleihen.

Das Vorgabebild wiederum wird zum Grundoperator der Partizipation. Etwas wird vorgegeben, aber nicht abgeschlossen. Die Antwort des anderen bleibt sichtbar. Genau daraus entwickelt sich später die Foliengrammatik und das Mitmachbuch.

Die künstlerischen Objekte sollten deshalb in der weiteren Forschung nicht nur nach Entstehungsdatum katalogisiert werden. Für jedes Objekt wäre zusätzlich festzuhalten: Welche Grenze prüft es? Welche Ebenen verbindet es? Welche Rückmeldung erzeugt es? Welche Fehlinterpretation soll durch das Objekt sichtbar werden?

14. Folien und Schablonen: Sichtbare Schichtungen der Wirklichkeit

Die im Jahr 2026 entwickelte Folienarbeit ist eine konsequente Fortsetzung des Vorgabebildes. Transparente Folien erlauben, unterschiedliche Wirklichkeitsschichten übereinanderzulegen, ohne sie zu einer einzigen Darstellung zu verschmelzen.

Die Grundidee besteht darin, dass ein Ausgangsbild bestehen bleibt und weitere Folien nacheinander Zuschreibungen, technische Eingriffe, Begriffe oder Handlungskonsequenzen hinzufügen. Dadurch kann sichtbar werden, wann sich ein Bild verändert und welche Schicht für diese Veränderung verantwortlich ist.

Zu den entwickelten Motiven gehören die physikalisch-kosmische Welt, das ganzheitliche Netzwerk, der Mensch mit Spaten und seinen Tätigkeitskonsequenzen, die Frau mit der Aussage „Ich bin frei“, das Flaschen- beziehungsweise Isolationsmodell, Wärme- und Gravitationsdurchdringungen, der molekular eingebundene Mensch, der Mensch in Wasser, der denkende Mensch mit erhobener Hand und die erdgeschichtliche Zeitfolie.

Hinzu kommen Operatorbilder wie Sandtrichter, Saftpresse, Thermosflasche und Astronautenanzug. Sie machen unterschiedliche Formen von Verengung, Extraktion, Isolation und künstlicher Lebenserhaltung sichtbar.

Die philosophisch-kulturgeschichtlichen Folien zu Platon, Aristoteles, Christentum und Physik erweitern das Verfahren auf historische Denkmodelle. Dadurch wird die Folie selbst zum Begriffshandwerk: Sie legt eine Denkoperation über eine körperlich-materielle Ausgangssituation und erlaubt anschließend, beide wieder voneinander zu trennen.

Die Schablone ist bislang begrifflich weniger stabil als die Folie. Sie kann zwei gegensätzliche Funktionen haben. Einerseits ermöglicht sie Wiederholung und Vergleichbarkeit; andererseits zeigt sie gerade die Gefahr einer festgelegten Form, in die unterschiedliche Wirklichkeiten hineingepresst werden. Diese Doppelfunktion sollte künftig ausdrücklich genutzt werden: Folie als reversible Überlagerung, Schablone als prüfbare Formvorgabe.

15. Das Mitmachbuch: Vom Erwachsenenmalbuch zum mobilen So-Heits-Atelier

Das Mitmachbuch ist nicht erst 2026 entstanden. Seine Genealogie beginnt mit den Erwachsenenmalbüchern von 1978. Schon dort erhält der Teilnehmer kein vollständig leeres Blatt und auch kein fertiges Bild, sondern eine Vorgabe, die zur eigenen Reaktion zwingt.

Über Workshops, Frage-und-Antwort-Tische, kollektive Kreativität und partizipatorische Projekte entwickelt sich dieses Verfahren weiter. Das heutige Mitmachbuch verdichtet diese Vorgeschichte zu einem tragbaren Prüfatelier.

Der entscheidende Wandel besteht darin, dass der Teilnehmer nicht nur kreativ ergänzen soll. Er soll zum Ermittler werden. Bilder, Folien, Fragen und Gegenüberstellungen sollen ihn dazu bringen, die eigenen Begriffe, Tätigkeiten und Ziele auf ihre Voraussetzungen zu untersuchen.

Das Mitmachbuch kann deshalb die vier Ebenen durchlaufen, ohne sie notwendig abstrakt zu erklären. Ein Gegenstand wird zunächst materiell betrachtet. Danach tritt seine Beziehung zum lebenden Menschen hinzu. Anschließend werden Eigentum, Wert, Rolle oder Bedeutung aufgelegt. Schließlich wird gefragt, welche Folgen die jeweilige Zuschreibung erzeugt und wie sie korrigiert werden könnte.

Damit wird das Buch zugleich Verbindungsglied zwischen analogem Atelier und digitalem interaktivem Buch. Die digitale Variante kann Nutzerantworten sammeln, vergleichen und durch KI weitere Gegenüberstellungen erzeugen. Die analoge Fassung bewahrt dagegen die körperliche Handlung, das Blättern, Zeichnen, Überlagern und direkte Gegenüber.

Offen ist noch, wie viel Theorie das Mitmachbuch selbst enthalten darf. Wird es zu erklärend, schließt es die Lücke, in der der Nutzer selbst entdecken soll. Wird es zu offen, fehlt der Prüfoperator. Seine endgültige Form muss daher genau zwischen Vorgabe und Nichtwissen kalibriert werden.

16. Tausend Tische: Die Vervielfachung der Gegenüberstellung

Die „Tausend Tische“ sind weniger ein einzelnes Objekt als eine räumliche Konsequenz der bisherigen Partizipationsarbeit. Ihre Vorgeschichte liegt in den Frage-und-Antwort-Tischen, Workshops, gemeinsamen Bildarbeiten und im Globalen Dorffest.

Der Tisch besitzt eine einfache, aber wichtige Struktur. Menschen stehen oder sitzen nicht vor einem Podium, sondern an einer gemeinsamen horizontalen Arbeitsfläche. Dinge, Bilder, Fragen und Antworten können nebeneinanderliegen. Der Tisch ist damit weder reine Bühne noch reine Ausstellungsvitrine. Er ist ein Arbeitsort.

Die Vorstellung, sehr viele dieser Tische zu vervielfältigen, macht aus dem einzelnen Dialog ein gesellschaftliches Feld. Ein konkreter später Entwurf von 2017 sah für das ZDF-Fernsehgarten-Konzept vor, von Zuschauern bearbeitete Bilder auf 1000 Tapeziertischen auszubreiten. Damit verbindet sich das ältere Vorgabebild unmittelbar mit der räumlichen Vervielfachung kollektiver Antworten.

Für das heutige Forschungsmodell erhalten die Tausend Tische eine zusätzliche Bedeutung. Jeder Tisch könnte einen anderen Wirklichkeitsausschnitt, ein anderes lokales Problem oder eine andere Begriffszuschreibung prüfen. Die Einheit entstünde nicht durch identische Antworten, sondern durch einen gemeinsamen Prüfoperator.

Die Tausend Tische sind damit eine analoge Vorform der Globalen Schwarm-Intelligenz: Viele Menschen bearbeiten gleichzeitig unterschiedliche Teile eines gemeinsamen Zusammenhangs, ohne dass ein einziges Zentrum sämtliche Antworten besitzen muss.

Offen ist, wie verhindert werden kann, dass aus Tausend Tischen lediglich Tausend Meinungen werden. Dafür benötigt die Arbeit die Verbindung zum Prüfanker: Beiträge müssen an Referenzen, Folgen und Korrekturmöglichkeiten zurückgebunden werden.

17. KI: Von der Schreib- und Strukturhilfe zur zweiten künstlichen Parallelwelt

Die KI tritt sehr spät in die Werkgeschichte ein, verbindet aber überraschend viele ältere Linien. Zunächst wird sie praktisch eingesetzt: zum Schreiben, Korrigieren, Strukturieren, Vergleichen, Recherchieren und zum Durcharbeiten des sehr großen Archivs. Dadurch wird sie zu einem Werkzeug, mit dem ein jahrzehntelang gewachsenes, heterogenes Lebenswerk überhaupt neu miteinander in Beziehung gesetzt werden kann.

Dann verändert sich ihre methodische Rolle. KI wird zum Gegenüberstellungsapparat. Sie kann einen Begriff auf Widersprüche prüfen, unterschiedliche historische Modelle nebeneinanderstellen und immer neue Perspektiven erzeugen. Damit ähnelt sie funktional dem Vorgabebild, der Schultafel und dem Frage-und-Antwort-Tisch, allerdings in wesentlich höherer Geschwindigkeit.

Aus der aktuellen Diskussion entstand schließlich die Vorstellung der KI als zweiter künstlicher Parallelwelt. Der Mensch hat bereits eine erste symbolische Wirklichkeit aus Sprache, Geld, Eigentum, Gesetzen, Rollen, Religionen und gesellschaftlichen Werten hergestellt. KI wird überwiegend mit den Aufzeichnungen dieser menschlich interpretierten Welt trainiert. Sie verarbeitet also nicht einfach „Natur“, sondern in erheblichem Maß menschliche Modelle, Texte, Bilder und Entscheidungen.

Daraus ergibt sich eine zweite Ordnung: Die physikalische und biologische Wirklichkeit wird vom Menschen interpretiert; diese menschliche Interpretationswelt wird anschließend von KI erneut modelliert; die erzeugten KI-Modelle wirken wiederum auf menschliche Entscheidungen und damit zurück auf die physische Welt.

Der Millisekunden-Mensch erhält dadurch eine neue Dimension. Im Maßstab der etwa 4,54 Milliarden Jahre Erdgeschichte erscheint Homo sapiens erst am äußersten Ende. Die genaue Anzahl der Sekunden in der 24-Stunden-Übertragung hängt von der angesetzten Entstehungszeit des Homo sapiens ab. Das Modell ist deshalb eine proportionale Anschauungsrechnung, kein Naturgesetz. Seine künstlerische Funktion liegt darin, die extreme zeitliche Diskrepanz zwischen planetaren Entstehungsprozessen und der sehr jungen menschlichen Zivilisationsordnung sichtbar zu machen.

KI verschärft diese Diskrepanz zusätzlich. Der Millisekunden-Mensch erzeugt Maschinen, die Entscheidungen, Berechnungen und Kommunikationsprozesse in extrem kurzen Zeiträumen ausführen können. Daraus entsteht die neue Forschungsfrage: Was geschieht, wenn technische Handlungsgeschwindigkeit schneller wächst als menschliche Prüf-, Verantwortungs- und Reparaturfähigkeit?

Aus der Gegenüberstellung mit Frankenstein, Forster, Čapek, Huxley, Orwell, Lem, Gibson, Stephenson, Clarke, Günther Anders, Wiener, Bostrom und Russell wurde deutlich, dass viele Bestandteile dieser Gefahr bereits literarisch oder philosophisch beschrieben worden sind. Das Spezifische der eigenen Forschung liegt nicht in der erstmaligen Warnung vor Technik oder KI, sondern in der Verbindung mit dem planetaren Zeitmaßstab, der künstlichen Eigenschafts- und Rollenwelt, dem plastischen/skulpturalen Unterschied und einem handwerklich gedachten Prüfoperator.

Auch die Eigentumsfrage folgt daraus. Eine vollständige Verstaatlichung von KI wurde als zu einfache Lösung erkannt. Private Monopolisierung könnte durch staatliche Monopolisierung ersetzt werden. Präziser ist deshalb die Frage nach Vergesellschaftung, öffentlicher Infrastruktur, Zugangsrechten, Prüfrechten, Eingriffsrechten und Rückkopplungsrechten. Eigentum selbst liegt auf E3; die materielle Infrastruktur auf E1, ihre Auswirkungen auf Menschen auf E2 und die gesellschaftliche Kontrolle beziehungsweise Korrektur auf E4.

Die KI-Frage wird dadurch zu einem exemplarischen Prüfobjekt des gesamten Systems.

18. Globale Schwarm-Intelligenz: Vom partizipatorischen Kunstwerk zum digitalen Prüfgewebe

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist nicht allein aus der aktuellen KI-Technologie entstanden. Ihre Vorgeschichte reicht über Vorgabebild, kollektive Kreativität, Frage-und-Antwort-Tische, Globales Dorffest und Partizipatorisches Welttheater zurück.

Die Grundidee lautet, dass gesellschaftliches Wissen nicht nur von einzelnen Expertenzentren ausgehen muss. Unterschiedliche Menschen verfügen über verschiedene Erfahrungen und Wirklichkeitsausschnitte. Entscheidend ist jedoch, diese Vielfalt nicht bloß zu sammeln, sondern in prüfbare Beziehungen zu setzen.

Seit etwa 2023 verdichtete sich diese Werkphase digital; mit der ProWiki-Plattform wurde sie 2026 zu einer konkreten öffentlichen Infrastruktur weiterentwickelt. Das interaktive Buch, die große Dokumentationsmenge des Lebenswerks und die KI-Unterstützung gehören zunehmend zu diesem digitalen Werkkomplex.

Die ursprünglich sehr weit gefasste Idee einer „Schwarmintelligenz“ wurde im Verlauf der Forschung präzisiert. Ein Schwarm ist nicht automatisch intelligent. Millionen Menschen können denselben Irrtum wiederholen. Deshalb benötigt die Globale Schwarm-Intelligenz einen Prüfoperator.

Damit unterscheidet sie sich idealerweise sowohl vom klassischen sozialen Netzwerk als auch von einer bloßen Wissensenzyklopädie. Sie soll nicht nur Aussagen sammeln, sondern Aussagen mit Voraussetzungen, Gegenpositionen, Handlungskonsequenzen und Korrekturen verbinden.

Hier liegt die engste Verbindung zum Mitmachbuch und zu den Tausend Tischen. Das Mitmachbuch ist der einzelne mobile Prüfplatz; die Tausend Tische sind die analoge gesellschaftliche Vervielfachung; die Globale Schwarm-Intelligenz ist ihre digitale und potentiell globale Vernetzung.

Die offene Hauptfrage lautet gegenwärtig: Wie wird aus der Plattform tatsächlich ein Prüfgewebe und nicht lediglich ein sehr großes Archiv? Dafür braucht sie eine klare Benutzerhandlung, eine nachvollziehbare E1–E4-Grammatik, Versionsgeschichte, Gegenargumente, Rückkopplung und sichtbare Korrekturspuren.

19. So-Heits-Gesellschaft: Von der Gesellschaftsutopie zum Prüfbegriff

Die So-Heits-Gesellschaft entstand als Zielprojektion aus der wachsenden Kritik an einer Gesellschaft, die ihren selbst erzeugten Begriffen und Rollen einen höheren Rang einräumen kann als ihren tatsächlichen Existenzbedingungen.

„So-Heit“ meint dabei nicht eine endgültige objektive Wahrheit, die ein Künstler oder eine Institution besitzt. Der Begriff ist sinnvoller, wenn er eine Prüfrichtung bezeichnet: Wie verhält sich etwas, bevor ich ihm zusätzliche gewünschte Eigenschaften zuschreibe? Was benötigt es? Was bewirkt es? Was verletzt es? Welche Grenzen besitzt es? Was verändert sich durch meine Handlung?

Damit sollte die So-Heits-Gesellschaft nicht als fertiger gesellschaftspolitischer Bauplan verstanden werden. Sonst würde sie selbst zur Skulpturidentität: Ein Idealbild würde festgelegt und anschließend der Wirklichkeit übergestülpt.

Als plastisches Modell wäre sie dagegen eine Gesellschaft, die ihre eigenen Regeln grundsätzlich als korrigierbar behandelt und die Rückmeldungen ihrer materiellen, biologischen und sozialen Folgen strukturell in Entscheidungen einbaut.

Hier berührt sich die So-Heits-Gesellschaft mit der früheren 51:49-Idee. Nicht perfekte Harmonie ist das Ziel, sondern ein Verhältnis, das Differenz, Widerspruch und Korrektur erlaubt, ohne den gemeinsamen Tragzusammenhang zu zerstören.

Der Begriff bleibt jedoch sehr groß. Seine zukünftige Brauchbarkeit hängt davon ab, ob er aus konkreten Prüfverfahren hervorgeht. Das So-Heits-Atelier ist deshalb methodisch wichtiger als eine abstrakte Beschreibung der So-Heits-Gesellschaft: Im Atelier müsste gezeigt werden können, wie eine einzelne Regel, ein Eigentumsverhältnis, eine technische Erfindung oder eine KI-Entscheidung tatsächlich geprüft werden kann.

20. Das So-Heits-Atelier: Die gegenwärtige Zusammenführung

Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes ist der bisherige Kulminationspunkt der Entwicklung. Es versucht erstmals, Werkgeschichte, Forschungsbegriffe, körperliche Objekte, Mitmachverfahren, digitale Plattform, KI und gesellschaftliche Zielprojektion in einem gemeinsamen Ort zusammenzuführen.

Für die documenta 16 erhält diese Form eine besondere Bedeutung. Nicht ein abgeschlossenes Theoriegebäude soll ausgestellt werden, sondern ein öffentliches Atelier der Überzeugungsprüfung. Die jahrzehntelange Werkgeschichte bildet die materielle und biografische Topografie; die aktuellen Prüfoperatoren bilden den lebendigen Teil.

Das Memento-mori-Modell verschärft diesen Gedanken. Ein nicht mehr betretbares Lebensatelier könnte als abgeschlossene Werk- und Erinnerungsschicht erscheinen, während an einem anderen Ort ein lebendes So-Heits-Atelier weiterarbeitet. Damit würde die Unterscheidung zwischen Skulptur und Plastik räumlich sichtbar: hier der abgeschlossene Lebensbestand, dort die weiterlaufende Veränderung, Prüfung und Beteiligung.

Die Documenta-Bewerbung selbst gehört unter dem Gesichtspunkt der Verortungskunst bereits zum Werk. Sie setzt einen Ort, eine institutionelle Reaktion, eine mögliche Ablehnung oder Aufnahme und die weitere Entwicklung miteinander in Beziehung.

Das So-Heits-Atelier könnte deshalb die verschiedenen bisher entwickelten Elemente nicht einfach nebeneinander zeigen. Es benötigt eine Besucherdramaturgie. Der Besucher müsste vom scheinbar selbstverständlichen Gegenstand zur ersten Irritation, von dort zur Schichtung seiner Zuschreibungen, anschließend zu den Handlungskonsequenzen und schließlich zur eigenen Prüftätigkeit gelangen.

Der entscheidende Rollenwechsel wäre:

Betrachter → Teilnehmer → Gegenüber → Ermittler → Mitprüfer → möglicher Korrektor.

Erst dann würde die jahrzehntelange Entwicklung von der fertigen Kunstform zur offenen Forschungssituation räumlich nachvollziehbar.

21. Gesamtarchitektur des entstandenen Forschungsansatzes

Rückblickend lässt sich die gesamte Entwicklung als eine einzige zunehmende Erweiterung des Prüfbereichs verstehen.

Am Anfang steht das Werkstück. Es muss funktionieren.

Dann tritt das Materialgefüge hinzu. Das Werkstück funktioniert nur innerhalb bestimmter Kräfte und Beziehungen.

Danach tritt der lebende Mensch hinzu. Auch er ist kein isolierter Körper, sondern ein sich durch Stoffwechsel, Regulation und Umweltbeziehung erhaltender Vorgang.

Darauf folgt die symbolische Welt. Der Mensch legt Geld, Eigentum, Rolle, Wert, Freiheit, Seele, Nation und andere Zuschreibungen über die materielle und biologische Welt.

Dann entsteht die Frage nach der Lücke zwischen Wirklichkeit, Wahrnehmung, Begriff und Handlung.

Aus der Lücke entwickelt sich der Lochprozess als zeitliche Veränderung von Grenzen und Verbindungen.

Die Erfahrung von Differenz führt zum Prinzip der Gegenüberstellung. Ohne Unterschied keine Rückmeldung; ohne Rückmeldung keine Korrektur.

51:49 wird zum künstlerischen Minimalbild dieser gekoppelten Differenz.

Plastik und Skulptur werden von Werkverfahren zu zwei gegensätzlichen Existenz- und Identitätsweisen erweitert: plastisch rückgekoppelt oder skulptural verhärtet.

Das Vier-Ebenen-Modell ordnet anschließend nachträglich die bereits gefundenen Wirklichkeitsarten.

Der Prüfanker macht aus den Begriffen ein Verfahren.

Künstlerische Objekte übersetzen das Verfahren wieder in körperliche Erfahrung.

Folien machen die Schichtung sichtbar.

Das Mitmachbuch individualisiert den Prüfprozess.

Die Tausend Tische vervielfachen ihn gesellschaftlich.

Die Globale Schwarm-Intelligenz vernetzt ihn digital.

KI beschleunigt und erweitert diesen Prozess, erzeugt aber zugleich die Gefahr einer zweiten künstlichen Parallelwelt.

Die So-Heits-Gesellschaft bildet die gesellschaftliche Zielrichtung.

Das So-Heits-Atelier stellt schließlich den Ort her, an dem diese gesamte Architektur öffentlich untersucht werden kann.

Die Gesamtbewegung lautet damit:

Herstellen → Erfahren → Gegenüberstellen → Rückkoppeln → Begriffe bilden → Begriffe auseinandernehmen → Ebenen unterscheiden → Handlungskonsequenzen prüfen → korrigieren → gemeinsam weiterarbeiten.

Das ist gegenwärtig der stärkste gemeinsame Kern des Lebenswerks.

22. Doppelungen und begriffliche Unklarheiten

Die lange Entwicklung hat zwangsläufig mehrere Begriffe hervorgebracht, die ähnliche Bereiche besetzen. Für die nächste Forschungsphase ist deshalb nicht primär die Erfindung weiterer Begriffe notwendig, sondern eine Reduktion.

Plexuswirklichkeit, Tragwirklichkeit und So-Heit sollten nicht synonym verwendet werden. Tragwirklichkeit bezeichnet Bedingungen des Bestehens; Plexuswirklichkeit das Beziehungsgewebe; So-Heit die Prüfrichtung auf die tatsächliche Beschaffenheit und Wirksamkeit.

Plastisches Ich, plastische Identität und Tragwesen liegen sehr nah beieinander. „Plastisches Ich“ ist am präzisesten für den lebendigen, regulierenden Selbstprozess; „Tragwesen“ bezeichnet stärker die relationale Existenzform; „plastische Identität“ könnte als übergeordneter Begriff entfallen oder nur historisch dokumentiert werden.

Lücke, Loch, Lochprozess, Membran und Schlupf benötigen eine feste Hierarchie. Die Membran ist eine Grenze; die Lücke ein offener Differenzraum; das Loch eine konkrete Unterbrechung oder Öffnung; der Lochprozess deren zeitliche Veränderung; Schlupf bezeichnet einen Sonderfall verminderter Kopplung beziehungsweise einen metaphorischen Übergang.

Prüfmechanismus, Prüfoperator, Prüfanker und Referenzsystem sollten ebenfalls getrennt werden. „Prüfoperator“ eignet sich für die Handlung; „Prüfanker“ für die verbindliche methodische Grundregel; „Referenzsystem“ für den Gegenbereich, an dem geprüft wird. „Prüfmechanismus“ kann weitgehend entfallen.

51:49, plastische symmetria und Differenzialprinzip sind keine drei Namen für dasselbe. 51:49 ist das Minimalbild; plastische symmetria bezeichnet ein dynamisches Verhältnis von Teilen; das Differenzialprinzip beschreibt gekoppelte unterschiedliche Bewegungen. Diese Unterscheidung sollte erhalten bleiben.

Der 50:50-Symmetriedualismus muss deutlich als Forschungskunst-Diagnose bezeichnet werden. 50:50 ist weder die allgemeine wissenschaftliche Definition von Symmetrie noch beweist eine gleichmäßige Teilung einen Dualismus.

Auch die 1:99-Herrschaftsordnung sollte als diagnostisches Bild und nicht als allgemeines quantitatives Gesellschaftsgesetz verwendet werden.

Der Millisekunden-Mensch ist ein starkes künstlerisches Zeitbild, aber keine paläoanthropologische Kategorie. Seine Stärke liegt gerade in der proportionalen Verfremdung menschlicher Selbstbedeutung.

Die erste und zweite künstliche Parallelwelt könnten terminologisch noch präziser werden. „Parallelwelt“ kann fälschlich suggerieren, beide Welten seien von der materiellen Wirklichkeit getrennt. Tatsächlich sind Geld, Server, Gesetze, Daten und KI vollständig materiell vermittelt. Präziser wäre deshalb: symbolische Konstruktionsebene erster Ordnung und synthetische Modell- und Vermittlungsebene zweiter Ordnung. Der anschauliche Begriff „Parallelwelt“ kann künstlerisch bestehen bleiben.

23. Mögliche Vereinfachung des gesamten Begriffssystems

Die Forschung könnte inzwischen mit wesentlich weniger Grundbegriffen auskommen.

Der erste Grundbegriff wäre Tragbedingung: Was muss vorhanden sein, damit etwas existieren und funktionieren kann?

Der zweite wäre Grenze/Membran: Wie wird ein System von anderem unterschieden und zugleich verbunden?

Der dritte wäre Differenz/Lücke: Wo entstehen Abweichung, Nichtwissen und Lernmöglichkeit?

Der vierte wäre Rückkopplung: Wie erfährt ein Handelnder die Folgen seines Eingriffs?

Der fünfte wäre Zuschreibung: Welche zusätzlichen symbolischen Eigenschaften werden einem Vorgang oder Ding gegeben?

Der sechste wäre Skulpturalisierung: Wann wird eine vorläufige Zuschreibung gegen Rückmeldung verhärtet?

Der siebte wäre Prüfung/Reparatur: Wie kann eine fehlerhafte Verbindung erkannt und korrigiert werden?

Nahezu alle weiteren Begriffe könnten daraus abgeleitet werden. 51:49 wäre dann ein Bild für Differenz und Kopplung; Plexus das Gesamtgewebe der Tragbedingungen; plastisches Ich ein lebender rückgekoppelter Prozess; Skulpturidentität eine verhärtete Zuschreibung; E1–E4 die Ordnung der Wirklichkeits- und Prüfbereiche; Lochprozess die zeitliche Grenzveränderung; Mitmachbuch, Tausend Tische und Globale Schwarm-Intelligenz unterschiedliche Maßstäbe derselben Prüftätigkeit.

Diese Reduktion würde das Lebenswerk nicht verkleinern. Sie würde sichtbar machen, dass viele scheinbar verschiedene Begriffe tatsächlich aus einem gemeinsamen handwerklich-plastischen Kern hervorgegangen sind.

24. Noch fehlende Verbindungen und offene Forschungsfragen

Die wichtigste noch fehlende Verbindung liegt zwischen dem Prüfoperator und überprüfbaren Kriterien. „Funktioniert“ ist beim Werkstück relativ eindeutig. Bei einer Gesellschaft, einer Religion, einer Rechtsordnung oder einem KI-System ist dagegen strittig, für wen und in welchem Zeitraum etwas funktioniert. Die Forschung benötigt deshalb eine explizite Skalenprüfung: individuell, sozial, biologisch, ökologisch, lokal, global, kurzfristig und langfristig.

Zweitens muss präzisiert werden, was als Widerlegung einer eigenen Forschungskunst-Hypothese gelten würde. Wenn jede Beobachtung nachträglich als Bestätigung von 51:49 gedeutet werden kann, verliert das Modell seine Prüfkraft. Es sollte deshalb Beispiele geben können, an denen 51:49 nicht trägt oder nur metaphorisch sinnvoll ist.

Drittens fehlt noch eine vollständig ausgearbeitete Übersetzung von E1–E4 in institutionelle Verantwortung. Die aktuelle KI- und Eigentumsdiskussion eröffnet hier einen konkreten Anwendungsbereich. Wer besitzt Infrastruktur? Wer setzt Ziele? Wer trägt materielle Kosten? Wer erfährt Verletzungen? Wer darf prüfen? Wer kann stoppen? Wer muss reparieren?

Viertens benötigt das So-Heits-Atelier eine klare Besucher-Rückkopplungsschleife. Es reicht nicht, dass der Besucher eine interessante Erfahrung macht. Seine Veränderung, sein Widerspruch oder seine Korrektur müsste wieder in das Atelier eingehen und sichtbar werden.

Fünftens muss das Verhältnis zwischen Archiv und lebender Forschung geklärt werden. Das umfangreiche Archiv belegt die Werkgeschichte. Es darf aber nicht die aktuelle Forschung überdecken. Die Vergangenheit muss als Referenz dienen, nicht als Autoritätsbeweis.

Sechstens benötigt die Globale Schwarm-Intelligenz ein Verfahren, das Pluralität ohne Beliebigkeit ermöglicht. Gegensätzliche Antworten müssen nebeneinander bestehen können; dennoch muss überprüfbar bleiben, welche Aussagen auf welcher Wirklichkeitsebene tragen.

Siebtens muss die KI selbst dem Prüfoperator unterworfen werden. Sie darf nicht zum letzten Wahrheitsgeber werden. Jede KI-Antwort ist wiederum eine erzeugte Folie, die Herkunft, Auswahl, Begrenzung und mögliche Fehler besitzt.

Achtens bleibt die Eigentums- und Machtfrage offen. Die bisherige Unterscheidung zwischen Verstaatlichung und Vergesellschaftung sollte weiterentwickelt werden zu einer Architektur aus Zugangsrechten, Prüfrechten, Eingriffsrechten, Transparenz, öffentlicher Infrastruktur und dezentraler Verfügung.

Neuntens fehlt noch eine vollständige Verbindung zwischen dem Lochprozess und der institutionellen Welt. Gesetze, Eigentumsrechte, Grenzen, Plattformzugänge und KI-Schnittstellen können ebenfalls als regulierte Öffnungen und Schließungen verstanden werden. Hier könnte der Lochprozess vom anschaulichen Vergleich zu einem tatsächlich leistungsfähigen gesellschaftlichen Prüfmodell weiterentwickelt werden.

Schluss: Der gemeinsame Forschungsgegenstand

Die jahrzehntelange Arbeit lässt sich heute nicht mehr angemessen als Sammlung voneinander getrennter Bilder, Plastiken, Workshops, Bücher, Aktionen, gesellschaftlicher Projekte und theoretischer Texte verstehen.

Ihr gemeinsamer Gegenstand ist die menschliche Fähigkeit, Wirklichkeit zu gestalten, ohne die Bedingungen dieser Gestaltung vollständig zu kennen, und die daraus entstehende Notwendigkeit von Rückkopplung, Prüfung und Korrektur.

Der Maschinenschlosser prüft, ob die Verbindung trägt. Der Fotograf entdeckt, dass Wahrnehmung auswählt. Der Plastiker erfährt, dass Form aus Widerstand und Veränderung entsteht. Der Umweltkünstler entdeckt die Rückwirkung des Eingriffs. Das Vorgabebild macht die Abweichung des anderen produktiv. Der Tisch macht die Gegenüberstellung sozial. Das Globale Dorffest und das Partizipatorische Welttheater erweitern sie zum gesellschaftlichen Raum. 51:49 macht die notwendige Differenz zum Bild. Plexus und Tragwirklichkeit machen die Abhängigkeiten sichtbar. Das plastische Ich unterscheidet den lebenden Prozess von der skulpturalisierten Rollenidentität. Der Lochprozess untersucht die Veränderung von Grenzen. E1–E4 ordnet die Wirklichkeitsarten. Der Prüfanker übersetzt die Begriffe in eine Methode. Folien machen Zuschreibungen sichtbar. Das Mitmachbuch gibt den Prüfprozess an den Einzelnen weiter. Tausend Tische vervielfachen ihn. Die Globale Schwarm-Intelligenz vernetzt ihn. KI beschleunigt ihn und bedroht ihn zugleich durch eine zweite künstliche Modellwelt. Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet die gesellschaftliche Zielrichtung. Und das So-Heits-Atelier versucht, diese gesamte Bewegung wieder an einen konkreten Ort, an Dinge, Körper, Bilder, Fragen und Menschen zurückzubinden.

Damit erscheint auch die ursprüngliche Frage in einer präziseren Form. Sie lautet nicht mehr lediglich:

Warum zerstört der Mensch trotz seines Wissens seine eigenen Existenzbedingungen?

Nach der bisherigen Entwicklung lautet sie:

Wie erzeugt der Mensch aus Wahrnehmung, Sprache, Begriffen, Bildern, Eigentum, Rollen, Technik und inzwischen künstlicher Intelligenz Wirklichkeitsmodelle, die sich zwischen ihn und seine Tragbedingungen schieben können – und wie lässt sich ein plastischer Prüf-, Rückkopplungs- und Reparaturprozess herstellen, durch den diese Modelle wieder an ihren tatsächlichen Handlungskonsequenzen geprüft werden können?

Dies ist gegenwärtig die geschlossenste Form des Forschungsgegenstandes. Sie verbindet die früheste Werkpraxis mit der heutigen KI-Frage, ohne die unterschiedlichen Wirklichkeitsbereiche miteinander gleichzusetzen. Und sie macht verständlich, weshalb das So-Heits-Atelier nicht lediglich eine Ausstellung des Lebenswerks wäre, sondern dessen gegenwärtige methodische Konsequenz: ein öffentliches Atelier, in dem der Mensch seine eigenen Wirklichkeitskonstruktionen wieder zum Gegenstand der Gestaltung und Prüfung macht.

Als nächste Verdichtungsstufe ließe sich daraus eine verbindliche Masterarchitektur mit etwa 10–12 Grundbegriffen entwickeln, in der alle übrigen Begriffe eindeutig untergeordnet werden.

Rekonstruktion einer Forschungskunst

Von der Experimentellen Umweltgestaltung zum So-Heits-Atelier als öffentlicher Wirklichkeits- und Zivilisationsprüfung

Forschungsgrund und Werkgenese: Wie aus einer künstlerischen Lebensfrage eine Forschung entstand

Der Ausgangspunkt der Forschung liegt nicht in einer nachträglich entworfenen Theorie, sondern in einer Verbindung von biografischer Erfahrung, handwerklicher Ausbildung, künstlerischem Studium, Naturbeobachtung und der seit den 1970er-Jahren wiederkehrenden Frage, ob Kunst gesellschaftlich wirksam werden kann. Die Ausbildung im Maschinenbau vermittelte zunächst einen sehr konkreten Maßstab: Ein Werkstück muss passen, eine Verbindung muss halten, ein Werkzeug muss für eine bestimmte Verrichtung geeignet sein, und ein Fehler lässt sich nicht dadurch beseitigen, dass er anders beschrieben wird. Maß, Toleranz, Materialeigenschaft, Widerstand und Korrektur waren damit vorhanden, bevor daraus später ausdrückliche Begriffe der Forschungskunst entstanden. In späteren Werkfassungen wird diese Herkunft selbst als entscheidend bezeichnet: Ein Werk entsteht nicht aus einer souveränen Vorstellung allein, sondern im Verhältnis von Vorstellung, Material, Werkzeug, Tätigkeit, Widerstand, Zeit, Fehler, Korrektur und Wirkung.

Während des Kunststudiums verschob sich diese handwerkliche Erfahrung auf die Frage nach dem Menschen und der gesellschaftlichen Gestaltung. Die 1975 verwendete Bezeichnung Experimentelle Umweltgestaltung war dabei noch kein ausgearbeitetes theoretisches System. Sie markierte vielmehr die Forderung, künstlerische Arbeit nicht auf das Herstellen einzelner ästhetischer Gegenstände zu begrenzen. Umwelt bedeutete zunächst einen Zusammenhang, in dem der Mensch selbst lebt und tätig ist. Erst wesentlich später wurde deutlich, dass schon das Wort „Umwelt“ problematisch werden kann, wenn es den Eindruck erzeugt, ein fertiges Subjekt befinde sich im Zentrum und die Welt liege außen um dieses Subjekt herum. Der spätere Begriff der Plexuswirklichkeit entstand gerade aus der Korrektur dieses frühen Umweltbegriffs. Die Werkentwicklung zeigt daher keine lineare Entfaltung einer von Anfang an fertigen Theorie. Sie zeigt eine Folge von künstlerischen Versuchsanordnungen, in denen frühere Begriffe immer wieder gegen neue Erfahrungen geprüft und gegebenenfalls umgebaut wurden.

Aus dieser frühen Phase entwickelte sich die Grundfrage, die das gesamte Werk später zusammenhielt: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, lernen, wissen, gestalten und korrigieren kann? In den jüngsten documenta-Unterlagen wird diese Frage ausdrücklich als seit mehr als fünfzig Jahren bestehender Ausgangspunkt bezeichnet. Dort erscheint bereits die zentrale Paradoxie, dass technische Teilbereiche Fehler außerordentlich präzise korrigieren können, während gleichzeitig ein gemeinsamer Maßstab für die Tragfähigkeit gesellschaftlicher Gesamtentwicklung fehlt. Historisch belegbar ist hier zunächst die Kontinuität der Fragestellung in den vorhandenen Werk- und Bewerbungsunterlagen. Die weitergehende These, dass diese Paradoxie durch eine bestimmte anthropologische Fehlkonstruktion oder Skulpturidentität erzeugt werde, gehört dagegen zur später entwickelten Forschungskunst und ist als Hypothese zu prüfen.

Die frühen bildnerischen, plastischen und partizipatorischen Arbeiten entwickelten diese Frage zunächst nicht sprachlich, sondern praktisch. Strömungsmodelle, Deichuntersuchungen, Malbücher, Vorgabebilder und Formen der Rezeptionskunst führten dazu, dass das fertige Werk zunehmend geöffnet wurde. Der Betrachter sollte nicht lediglich interpretieren, sondern selbst tätig werden. Diese Entwicklung wird in den vorhandenen Werkfassungen ausdrücklich als Übergang vom Betrachter zum Beteiligten beschrieben. Schon darin liegt die spätere Grundstruktur des Mitmachbuches: Eine Vorgabe wird nicht als endgültiges Bild präsentiert, sondern als Anlass zu Veränderung, Gegenüberstellung und Rückmeldung.

Mit den Demokratiewerkstätten, den Grenzarbeiten, der Zukunftswerkstatt, der Kollektiven Kreativität und dem Globalen Dorffest verschob sich der Werkbegriff anschließend vom einzelnen Objekt auf soziale und öffentliche Versuchsanordnungen. Das Globale Dorffest mit den Tausend Tapeziertischen vor dem Brandenburger Tor stellte 1993 nicht nur eine große Beteiligungsaktion dar. Die Tische wurden zu einer räumlichen Struktur des Gegenübertretens, Fragens, Antwortens und Mitteilens. Das einzelne künstlerische Urheberzentrum wurde dadurch relativiert. Unterschiedliche Menschen sollten ihre eigenen Erfahrungen und Fähigkeiten einbringen und innerhalb eines gemeinsamen Zusammenhangs sichtbar machen. In späteren Unterlagen wird dieser Vorgang als Entstehung einer integrativ-sozialen Skulptur und als Programm globaler Verantwortlichkeit beschrieben. Die spätere Globale Schwarm-Intelligenz besitzt damit eine analoge Vorgeschichte: Was später digital miteinander verbunden werden soll, wurde zuvor als körperliche und räumliche Anordnung von Menschen, Tischen, Fragen und Antworten erprobt.

Die documenta-Bewerbungen wurden innerhalb dieser Entwicklung zu wiederkehrenden institutionellen Prüfstellen. Die Bewerbung zur documenta X von 1996 formulierte bereits ein neues Verhältnis zwischen Kunst und Naturwissenschaften. Ein hunderttägiges Labor sollte Ereignis und Reflexion verbinden, unterschiedliche Erkenntnisse aufnehmen und sie in einem veränderbaren sozialen Raum praktisch erproben. Der Besucher sollte nicht außerhalb bleiben, sondern durch seine Mitwirkung Bestandteil einer sich fortwährend verändernden Informations- und Sozialstruktur werden. Damit war eine Grundfigur der späteren Forschungskunst vorhanden: Nicht die Fachwissenschaft soll abgeschafft werden, sondern ihre Erkenntnisse sollen in einen gemeinsamen Wirkungszusammenhang zurückgeführt werden.

In den folgenden documenta-Konzepten wurde diese Linie weiterentwickelt. Die Gebärmutter, das Entelechie-Museum, das Partizipatorische Welttheater und der Astronaut verschoben die Fragestellung auf Geburt, Selbstverständnis, Rolle, technische Abschirmung und die Differenz zwischen scheinbarer Autonomie und tatsächlicher Abhängigkeit. Die Bewerbung zur documenta 14 formulierte schließlich ausdrücklich ein „Mitmach-Konzept zur globalen Handlungsverantwortlichkeit“ und wollte den Ausstellungsraum in eine begehbare Werkstatt verwandeln. Aus heutiger Sicht wird sichtbar, dass diese Bewerbungen nicht einfach verschiedene Projekte waren. Sie dokumentieren die schrittweise Verschiebung vom erweiterten Kunstwerk über Partizipation und kollektive Kreativität zur heutigen öffentlichen Überzeugungs- und Tätigkeitsprüfung.

Vom Umweltbegriff zur Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit

Die wichtigste erkenntnistheoretische Entwicklung des neueren Forschungsprozesses bestand in der Frage, was überhaupt mit „Wirklichkeit“ gemeint ist. Frühe Formulierungen verwendeten Umwelt, Natur, Realität, System oder Ganzheit teilweise noch nebeneinander. Im weiteren Verlauf entstand zunehmend die Notwendigkeit, zwischen einer vorausliegenden Wirklichkeit und den menschlichen Beschreibungen dieser Wirklichkeit zu unterscheiden. Daraus entwickelte sich zunächst der Begriff der Tragwirklichkeit. Er sollte jene Bedingungen bezeichnen, die nicht deshalb gelten, weil Menschen sie vereinbart haben, sondern an denen menschliche Tätigkeiten tatsächlich tragen oder scheitern. Ein Deich, ein Körper, ein Werkzeug oder eine Brücke kann in diesem Sinne nicht durch gesellschaftliche Zustimmung tragfähig werden. In den späteren Werkankern wurde Tragwirklichkeit deshalb zum Gegenbegriff einer nur symbolisch oder institutionell geltenden Realität.

Dieser Begriff wurde anschließend durch die Plexuswirklichkeit erweitert. Tragwirklichkeit konnte noch zu stark nach einem festen Untergrund klingen. Plexuswirklichkeit bezeichnet dagegen ein Geflecht von Beziehungen, in dem keine isolierten Dinge zuerst existieren und anschließend Beziehungen aufnehmen. Ein Organismus entsteht bereits in Wasser, Atmosphäre, Temperatur, Stoffwechsel, Gravitation, Mikroorganismen und anderen Lebenszusammenhängen. Der Mensch ist deshalb nicht ein fertiges Subjekt, das einer äußeren Welt gegenübersteht. Er ist eine zeitweilige Verdichtung innerhalb eines vorausliegenden Wirkungsgefüges. Die neuere Forschung nach den hineingedachten Eigenschaften formuliert diesen Punkt ausdrücklich: Ausgangspunkt der Plexuswirklichkeit ist nicht das Ding, sondern die Beziehung; Eigenschaften werden aus einem Wirkungszusammenhang herausselektiert und können anschließend den Anschein gewinnen, dem ausgewählten Gegenstand aus sich selbst zuzukommen.

Damit wurde auch die frühere Innen-Außen-Grammatik problematisch. Der Mensch kann sich methodisch einem Gegenstand gegenüberstellen, aber er kann sich nicht ontologisch außerhalb jener Wirklichkeit positionieren, zu der sein eigener Organismus gehört. Aus dieser Korrektur entstand die Vorstellung des Plexusraumes. Der So-Heits-Raum bezeichnet deshalb in der jüngsten Entwicklung nicht einfach eine Halle auf der documenta. Er bezeichnet den umfassenden Zusammenhang, den der Besucher gar nicht verlassen kann. Der documenta-Raum kann nur eine künstliche Membran innerhalb dieses größeren Plexus bilden. Diese Unterscheidung führte zu der prägnanten Formulierung, dass man das So-Heits-Atelier verlassen kann, nicht aber den So-Heits-Raum.

Wissenschaftlich beziehungsweise empirisch belegbar sind dabei die einzelnen Abhängigkeiten des menschlichen Organismus von Stoffwechsel, Atmosphäre, Temperatur und anderen Lebensbedingungen. Die Bezeichnung dieses Gesamtzusammenhangs als Plexuswirklichkeit ist dagegen ein eigener Forschungsbegriff. Er beansprucht nicht, eine neue naturwissenschaftliche Entdeckung zu sein. Seine methodische Funktion besteht darin, Kenntnisse, die in verschiedenen Fachbereichen getrennt vorliegen, wieder als zusammenhängende Trag- und Wirkungsbeziehungen lesbar zu machen. Offen bleibt dabei, wie weit der Plexusbegriff präzise operationalisiert werden kann, ohne selbst zu einer universellen Metapher zu werden. Diese Gefahr muss innerhalb des eigenen Prüfverfahrens ausdrücklich erhalten bleiben.

Gegenüberstellung, Lernen und die Entstehung des Prüfoperators

Ein zweiter großer Entwicklungsschritt betraf den Begriff des Lernens. Frühere Arbeiten hatten bereits Gegenüberstellungen benutzt: Wunsch und Realität, Vorgabebild und Veränderung, Rolle und Darsteller, Deich und Wasser, Mensch und technische Hülle. Erst später wurde deutlich, dass Gegenüberstellung selbst ein grundlegender Lernoperator sein könnte. Lernen benötigt eine Differenz, an der etwas zurückgemeldet werden kann. Wenn Vorstellung und Ergebnis vollständig identisch gesetzt werden, ist keine Korrektur möglich. Das künstlerische Arbeiten hatte diese Differenz von Beginn an enthalten: Eine Vorstellung begegnet Material; das Material antwortet; das entstehende Werk verändert wiederum die Vorstellung des Künstlers.

Daraus entwickelte sich die Einsicht, dass der Mensch einerseits nicht außerhalb der Wirklichkeit stehen kann, andererseits aber eine methodische Distanz benötigt, um etwas vergleichen zu können. Die Gegenüberstellung wurde deshalb nicht mehr als metaphysische Trennung von Subjekt und Objekt verstanden, sondern als vorläufige Arbeitsoperation innerhalb einer gemeinsamen Wirklichkeit. Genau hier liegt eine wichtige begriffliche Korrektur. Die Forschungskunst kritisiert nicht jede Unterscheidung von Subjekt und Objekt als sinnlos. Sie kritisiert den Übergang von einer methodischen Gegenüberstellung zu der Annahme zweier voneinander unabhängiger Wirklichkeitsbereiche.

Diese Entwicklung führte zum Prüfoperator. Ein Mechanismus wirkt im üblichen Sinn relativ bestimmt nach einer bestimmten Funktionsordnung. Ein Prüfoperator ist offener. Er erzeugt eine Gegenüberstellung und fragt, ob eine angenommene Beziehung trägt. Damit entstand eine grundlegende Verschiebung der Forschung: Nicht mehr die Suche nach einem einzigen „Weltmechanismus“ stand im Mittelpunkt, sondern die Konstruktion von Verfahren, mit denen unterschiedliche Wirklichkeitsbehauptungen geprüft werden können.

Die Zielprojektion dieses Lernbegriffs ist der Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit. Der Besucher soll nicht belehrt werden, sondern eine Distanz zu seinen eigenen Begriffen, Rollen und Überzeugungen herstellen können. In den documenta-Unterlagen wird er deshalb ausdrücklich nicht als Prüfling einer fertigen Lehre, sondern als Mitprüfender beschrieben. Nichtwissen bleibt dabei sichtbar; es soll nicht beseitigt oder durch eine Scheingewissheit geschlossen werden, sondern vorsichtigere Versuche, Beobachtung, Rückkopplung und Reparatur auslösen.

Erfahrung, Rückkopplung und die begriffliche Störung des Lernens

Die Untersuchung des Wortes Erfahrung führte zu einer weiteren wichtigen Verschiebung. Sprachgeschichtlich verweist „erfahren“ auf ältere Bedeutungen des Durchfahrens, Durchziehens, Erkundens und Kennenlernens; „Erfahrung“ bezeichnete unter anderem Durchwanderung und Erforschung. Für die Forschungskunst war daran interessant, dass Erfahrung ursprünglich stärker als Vorgang lesbar wird, während der heutige Sprachgebrauch Erfahrung häufig wie einen Besitz behandelt: Jemand „hat“ Erfahrung.

Aus dieser Beobachtung entwickelte sich keine etymologische Beweisführung, sondern eine methodische Frage: Wann wird ein Prozess in eine Eigenschaft oder einen Besitz umgedeutet? Eine durchlaufene Erfahrung kann zu einer fixierten Selbstbeschreibung werden. „Ich habe Erfahrung“ kann schließlich zu „Ich bin erfahren“ und damit zu einer Identitätszuschreibung führen. Dasselbe Problem wurde bei Wahrnehmung und Erkenntnis verfolgt. Wahrnehmung kann einen sinnlichen Vorgang bezeichnen, aber ebenso eine bereits interpretierte „Wahrnehmung der Lage“. Erkenntnis kann Unterscheidung und Prüfung bedeuten, aber auch ein feststehendes Ergebnis. Damit entstand die Hypothese einer begrifflichen Rückkopplungsstörung: Der Mensch bildet notwendige Begriffe zur Orientierung, vergisst aber ihren Entstehungsprozess und behandelt sie anschließend als unmittelbare Wirklichkeit.

Hier verbindet sich Erfahrung mit dem Lochprozess. Zwischen eintretender Veränderung und begrifflicher Verarbeitung kann ein Rückkopplungsloch entstehen. Ein Organismus reagiert auf Hitze, Nahrungsmangel oder Verletzung unmittelbar. Ein gesellschaftliches System kann dieselbe Rückmeldung dagegen durch Recht, Preis, Status, institutionelle Zuständigkeit oder Ideologie umcodieren. Wahrnehmen, Erkennen, Akzeptieren und Tätigkeitskorrektur sind deshalb nicht identisch. Ein Mensch kann eine Folge wahrnehmen, ohne ihren Zusammenhang zu erkennen; er kann sie erkennen, ohne sie zu akzeptieren; er kann sie akzeptieren, ohne seine Tätigkeit zu verändern. E4 entwickelte sich gerade als Antwort auf diese Unterbrechungen.

Plastik, Skulpturalisierung und die Entwicklung des Menschenbildes

Aus der bildhauerischen Herkunft entwickelte sich im Laufe der Forschung eine grundlegende Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur. In der klassischen handwerklichen Differenz kann Plastik stärker als aufbauendes, modellierendes und veränderndes Verfahren verstanden werden, Skulptur stärker als Herausarbeiten und Fixieren einer Form. Diese handwerkliche Differenz wurde später auf das Menschenbild übertragen, allerdings ausdrücklich als Begriff der Forschungskunst und nicht als kunsthistorisch zwingende Definition.

Das plastische Ich bezeichnet einen Menschen, der sich nicht als fertige Substanz besitzt, sondern innerhalb von Stoffwechsel, Abhängigkeit, Verletzbarkeit, Lernen und Rückkopplung fortwährend verändert. Die Skulpturidentität bezeichnet demgegenüber die Tendenz, eine vorläufige gesellschaftliche oder begriffliche Form so zu behandeln, als sei sie eine unveränderliche Eigenschaft des Menschen. Beruf, Status, Eigentümerrolle, Nation, religiöse oder politische Identität können dann von einer vorläufigen sozialen Zuschreibung zu einem scheinbaren „So bin ich“ werden.

Damit entstand später eine weitere Differenzierung zwischen Kopplungs-Ich, Geltungs-Ich und Skulpturidentität. Die ursprüngliche Gegenüberstellung lebendiger Körper gegen gesellschaftliche Rolle war noch zu grob. Gesellschaftliche Rollen sind nicht bloß illusionär; sie sind real wirksam. Das Problem liegt vielmehr in ihrem Wirklichkeitsmodus. Sie existieren durch Zuerkennung, Regel, Erwartung und institutionelle Wiederholung, nicht in derselben Weise wie Masse, Temperatur oder Stoffwechsel. Diese Korrektur war wesentlich, weil sie verhinderte, sämtliche symbolische Wirklichkeit einfach als falsch abzuwerten.

Aus der plastischen Identität entstand schließlich das Tragbewusstsein. Das Ich sollte nicht länger als Besitzer seiner selbst verstanden werden, sondern als leiblich, stoffwechselhaft, symbolisch und öffentlich getragenes Referenzsystem. In späteren Werkfassungen wird diese Unterscheidung ausdrücklich als Kern der Plastischen Anthropologie formuliert. Die weitergehende These, dass viele moderne Gesellschaftsformen aus einer „skulpturalen Menschenfigur“ hervorgehen, ist dagegen eine Forschungshypothese und muss im internationalen Vergleich noch wesentlich genauer gegen andere anthropologische und gesellschaftstheoretische Ansätze geprüft werden.

51:49, 50:50 und 1:99: vom Formexperiment zum Verhältnisoperator

Die Zahl 51:49 entstand nicht als statistisches Naturgesetz, sondern aus einer langjährigen künstlerischen Beschäftigung mit Asymmetrie, Bewegung und Form. Im Forschungsprozess wurde sie zunehmend als Minimalasymmetrie interpretiert, durch die eine Bewegung gegenüber einer vollständig gedachten 50:50-Symmetrie möglich wird. Daraus entstand die Kritik am 50:50-Symmetriedualismus: Der Mensch neige dazu, Beziehungen als starre Gegensätze zu denken und dadurch Bewegungs- und Übergangszonen zu verlieren.

Diese These wurde mehrfach korrigiert. Historisch kann griechische symmetria nicht einfach mit einer modernen 50:50-Spiegelgleichheit identifiziert werden. In den neueren Unterlagen wird ausdrücklich festgehalten, dass symmetria ein Zusammenmaß oder angemessenes Verhältnis bezeichnet und nicht ausschließlich mathematische Spiegelgleichheit. Damit musste die frühere Vorstellung eines unmittelbaren historischen Ursprungs des 50:50-Denkens relativiert werden. 51:49 bleibt ein künstlerischer Prüf- und Vergleichsoperator, kein naturwissenschaftlich nachgewiesenes universelles Gesetz.

Aus derselben Verhältnisforschung entwickelte sich die 1:99-Drift. Sie beschreibt eine mögliche gesellschaftliche Entwicklung, bei der Verfügungsmacht und Folgenbetroffenheit immer stärker auseinanderfallen. Auch hier handelt es sich nicht um eine empirisch feststehende allgemeine Zahlenrelation, sondern um ein zugespitztes künstlerisches Modell. Seine stärkere, überprüfbare Form lautet: Je weiter Entscheidungs- und Verfügungsmacht von der Betroffenheit durch die Folgen getrennt werden, desto schwächer kann die korrigierende Rückkopplung werden. Damit wird 1:99 mit Eigentum, Finanzmacht, Status und gesellschaftlicher Verantwortungsverteilung verbunden, ohne behaupten zu müssen, jede Gesellschaft sei buchstäblich nach diesem Zahlenverhältnis organisiert.

Die drei Begriffe 51:49, 50:50 und 1:99 gehören deshalb heute nicht mehr als kosmologische Behauptungen, sondern als Verhältnis- und Prüfmodelle in das So-Heits-Atelier. Offen bleibt, wie stark sie für Besucher vereinfacht werden müssen, damit die Zahlensymbolik nicht den eigentlichen relationalen Gedanken verdeckt.

Symbol, Eigenschaft und die Entdeckung der hineingedachten Wirklichkeit

Ein wesentlicher neuer Forschungsstrang entstand aus der Frage, was eine Eigenschaft eigentlich ist. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass sehr unterschiedliche Aussagen dieselbe grammatische Form annehmen können. Ein Metall ist schwer, ein Eis trägt eine bestimmte Belastung, ein Grundstück „ist mein“, ein Gegenstand „ist wertvoll“, ein Mensch „ist frei“. Die grammatische Form lässt diese Aussagen zunächst ähnlich erscheinen, obwohl sie unterschiedliche Wirklichkeitsweisen bezeichnen.

Daraus entwickelte sich der Begriff der hineingedachten Eigenschaft. Zunächst wurde zugespitzt formuliert, solche Eigenschaften „existierten nicht“. Diese Formulierung wurde später korrigiert. Gesellschaftliche Zuschreibungen existieren sehr wohl als Regeln, Erwartungen, Institutionen und Handlungsordnungen und können gewaltige reale Folgen erzeugen. Was nicht gilt, ist die Gleichsetzung ihrer Existenzweise mit materiellen oder biologischen Eigenschaften. Eigentum ist keine molekulare Eigenschaft eines Bodens; gesellschaftliche Eigentumsordnung kann aber bestimmen, wer ihn betritt, bebaut, verkauft oder zerstört.

Aus dieser Korrektur entstand die präzisere Figur des Eigenschaftsduplikats. Eine gesellschaftliche Zuschreibung übernimmt die sprachliche Form einer vorgefundenen Eigenschaft und kann dadurch den Eindruck erwecken, sie gehöre dem Gegenstand selbst an. Das Problem ist nicht die Zuschreibung an sich. Problematisch wird sie, wenn der Übergang von Beziehung und Zuerkennung zu scheinbarer Eigenbeschaffenheit unsichtbar wird.

Diese Forschung verbindet sich mit dem Symbolbegriff. Auch das Symbol wurde im Verlauf verändert. Es ist nicht einfach „unwirklich“. Es stellt eine vermittelnde Ebene derselben Wirklichkeit dar. Geld, Eigentum, Religion, Rolle oder Gesetz sind keine physikalischen Eigenschaften und dennoch real wirksam, weil Menschen nach ihnen handeln. Die dritte Ebene des Vier-Ebenen-Modells entstand genau aus dieser notwendigen Differenzierung. E3 ist nicht die „falsche Welt“, sondern die symbolische und gesellschaftliche Wirklichkeitsweise, die gefährlich wird, wenn sie sich gegenüber E1 und E2 verselbständigt.

Lochprozess: von der Lücke zum allgemeinen Grenz- und Rückkopplungsoperator

Der Begriff der Lücke war zunächst eng mit Nichtwissen, Differenz und dem Abstand zwischen Vorstellung und Wirklichkeit verbunden. Im Werkprozess wurde die Lücke nicht nur als Mangel verstanden, sondern als notwendiger Entstehungs- und Prüfbereich. Eine Vorstellung ist noch nicht ihre Wirkung; ein Modell ist nicht der modellierte Vorgang; ein Bild ist nicht das Abgebildete. Gerade diese Differenz macht Lernen möglich.

Aus der Lücke entwickelte sich der umfassendere Begriff des Lochprozesses. Ein Loch wurde nun nicht länger als statischer fehlender Teil verstanden, sondern als zeitlicher Vorgang einer Öffnung, Unterbrechung oder Grenzveränderung innerhalb eines bestehenden Zusammenhangs. Entscheidend wurde die Frage, was nach der Öffnung geschieht und ob der neue Zusammenhang tragfähig bleibt. Damit konnte zwischen Erkenntnisloch, Verletzungsloch und tragfähiger Öffnung unterschieden werden.

Die Membran wurde zum zentralen Gegenmodell. Eine lebendige Membran kann weder vollständig geschlossen noch vollständig offen sein. Ihre Funktion besteht in regulierter Durchlässigkeit. Diese biologische Tatsache ist empirisch beschreibbar. Die Übertragung auf Erkenntnis, Gesellschaft und Begriffssysteme ist dagegen ein künstlerischer Vergleichsoperator. Die Forschungshypothese lautet, dass auch begriffliche und gesellschaftliche Grenzen tragfähiger werden, wenn sie Rückkopplung zulassen, und gefährlicher, wenn sie sich vollständig gegen widersprechende Erfahrungen abschließen.

Der Lochprozess wurde anschließend auf zahlreiche andere Bereiche ausgedehnt. Die Dingselektion wurde zum epistemischen Loch, weil ein Ausschnitt aus einem größeren Zusammenhang herausgelöst wird. Das Eigentum konnte ein Eigenschaftsloch erzeugen, wenn eine gesetzte Grenze mit einer materiellen Grenze verwechselt wird. Die Fachdisziplin konnte ein Zuständigkeitsloch erzeugen, wenn eine Tätigkeitsfolge den Bereich einer Wissenschaft verlässt und keine andere Instanz den Gesamtzusammenhang übernimmt. Das Zeitloch entstand dort, wo die Vorgeschichte eines Zustandes oder seine zukünftigen Folgen nicht mehr gleichzeitig sichtbar sind. Das Geschichtsloch bezeichnete die Verwechslung von „Es ist so“ mit „Es ist so geworden“. Das Rückkopplungsloch beschreibt den Punkt, an dem eine eingetretene Konsequenz die ursprüngliche Vorstellung nicht mehr korrigiert.

Diese Ausdehnung macht den Lochprozess zugleich stark und gefährlich. Er kann sehr unterschiedliche Unterbrechungen unter einem gemeinsamen Bild erfassbar machen. Gleichzeitig droht er zu einem Universalbegriff zu werden, der jede Differenz nur noch „Loch“ nennt. Eine der offenen Aufgaben besteht deshalb darin, die verschiedenen Locharten auf wenige präzise Grundoperationen zurückzuführen: Auswahl, Grenzsetzung, Unterbrechung, Verlust von Beziehung und fehlende Rückkopplung.

Ereignishorizont und Tätigkeitskonsequenz

Aus dem Lochprozess entstand die Notwendigkeit, Zeit genauer einzubeziehen. Der Ereignishorizont wurde dabei ausdrücklich nicht als Übernahme des astrophysikalischen Begriffs verstanden. Er wurde zu einer künstlerischen Bezeichnung für jene zeitliche Schwelle, an der eine Möglichkeit in eine tatsächliche Veränderung übergeht. Vor einer Tätigkeit bestehen unterschiedliche Möglichkeiten. Im Augenblick des Eingriffs verändert sich der Zustand und damit auch der zukünftige Möglichkeitsraum.

Das einfachste Bild dafür wurde die Kugelschreiberspitze. Hinter ihr liegt das bereits Geschriebene, an ihrer Spitze findet der Vorgang statt, vor ihr liegt eine noch offene Möglichkeit. Daraus entwickelte sich der Satz, dass Zukunft im Lochprozess des Augenblicks entsteht. Auch der Ereignishorizont des Bewusstwerdens wurde daraus abgeleitet: Ein Gedanke oder Wort tritt aus nicht vollständig bewusst zugänglichen Prozessen hervor und wird anschließend vom Menschen als „mein Gedanke“ oder „meine Aussage“ identifiziert. Diese Überlegung ist eine Forschungshypothese; sie darf nicht als neurobiologische Theorie ausgegeben werden.

Parallel dazu wurde der Begriff der Tätigkeitskonsequenz präzisiert. Die Spatenfolie spielte dabei eine Schlüsselrolle. Der Spaten zeigt, dass die Folge einer Handlung nicht erst am Endpunkt entsteht. Interesse, Entscheidung, Werkzeugwahl, Griff, Kraftübertragung, Materialkontakt und Widerstand gehören bereits zum Vorgang. Die Konsequenz entsteht aus dem Zusammentreffen von Tätigkeit, Material, Ort, Zeitpunkt und vorausliegendem Zusammenhang.

Damit wurde Tätigkeitskonsequenz zu einem zentralen Bindeglied zwischen den Ebenen. Eine gesellschaftliche Setzung auf E3 kann eine Tätigkeit auslösen, die über ein Werkzeug in E1 eingreift und in E2 lebendige Folgen erzeugt. E4 fragt anschließend, ob diese Folge in die ursprüngliche Vorstellung zurückgeführt wird. Diese Struktur ist inzwischen einer der stärksten vereinheitlichenden Operatoren des gesamten Forschungsansatzes.

Das Vier-Ebenen-Modell: vom Wirklichkeitsproblem zur Prüfarchitektur

Das Vier-Ebenen-Modell entstand aus der Notwendigkeit, unterschiedliche Wirklichkeitsweisen auseinanderzuhalten, ohne sie wieder in getrennte Welten zu zerlegen. E1 bezeichnet die physikalisch-materielle Wirklichkeit von Stoff, Kraft, Widerstand, Temperatur, Belastung und Bruch. E2 bezeichnet die lebendige, organismische Wirklichkeit von Stoffwechsel, Abhängigkeit, Verletzbarkeit, Regeneration und plastischer Selbstveränderung. E3 bezeichnet die symbolischen, sprachlichen, rechtlichen und gesellschaftlichen Geltungsformen. E4 bezeichnet die Rückführung, Prüfung, Korrektur und Reparatur zwischen diesen Ebenen. Diese Fassung ist in den jüngeren Werkunterlagen ausdrücklich festgehalten.

Das Modell hat sich mehrfach verändert. Frühere Fassungen drohten, E3 als bloße Scheinwelt und E1/E2 als alleinige „wirkliche“ Welt zu behandeln. Diese Vereinfachung wurde korrigiert. E3 ist eine reale gesellschaftliche Wirkungsweise. Ein Eigentumstitel, ein Gesetz oder eine Währung besitzt keine biologische oder stoffliche Eigenschaft, kann aber Tätigkeiten organisieren, die sehr reale Folgen haben. Die Aufgabe liegt deshalb nicht darin, E3 abzuschaffen, sondern ihren Wirklichkeitsmodus kenntlich und rückkopplungsfähig zu halten.

Auch E4 wurde weiterentwickelt. Zunächst erschien es als Kontroll- oder Reparaturebene. Später wurde deutlicher, dass E4 nicht über den anderen Ebenen als neue Wahrheitsinstanz stehen darf. Es bezeichnet vielmehr den Vorgang, in dem die verschiedenen Ebenen wieder aneinander geprüft werden. Deshalb ist E4 heute am besten als Kalibrierungs- und Rückkopplungsebene zu verstehen. Auch E4 selbst muss korrigierbar bleiben.

Offen bleibt, ob das Vier-Ebenen-Modell für sämtliche Fragestellungen ausreichend ist. Insbesondere die Übergänge zwischen E1 und E2 sowie zwischen individueller und institutioneller E3-Wirklichkeit benötigen noch weitere Präzision. Ebenso muss verhindert werden, dass das Modell selbst genau jene starre Schichtung erzeugt, die die Plexuswirklichkeit eigentlich überwinden soll.

Begriffshandwerk, Werkzeug und Prüfanker

Die jüngste Entwicklung führte von der allgemeinen Rede über Denkwerkzeuge zu einer wesentlich strengeren Frage: Wann verdient ein Begriff überhaupt den Namen Werkzeug? Die Untersuchung des Wortes Werkzeug und die handwerkliche Herkunft machten deutlich, dass ein reales Werkzeug eine konkrete Verrichtung ermöglicht und sich gegenüber einem Widerstand bewähren muss. Ein Denkwerkzeug dürfte deshalb nicht bloß eine beliebige Metapher sein. Es müsste angeben können, was damit getan wird, woran sein Funktionieren erkannt wird, wo seine Grenzen liegen und wodurch ein Fehler zurückgemeldet werden kann.

Daraus entstand das Begriffshandwerk. Begriffe werden nun nicht nur auf ihre Definition geprüft, sondern auf ihre Herstellung, Herkunft, Anwendungsweise und Tätigkeitsfolgen. Ein Begriff kann etwas ausschneiden, gegenüberstellen, verbinden, fixieren oder überlagern. Diese Operationen wurden mit bildnerischen und handwerklichen Verfahren parallelisiert. Ausschneiden erzeugt einen Ausschnitt; Nebeneinanderlegen erzeugt eine Gegenüberstellung; Überlagern erzeugt eine Zuschreibung; Durchstreichen macht Korrektur sichtbar. Im Mitmachbuch werden diese Operationen ausdrücklich materiell durchgeführt.

Der Prüfanker des Begriffshandwerks verdichtet diese Entwicklung. Er soll keine neue Lehre sein, sondern eine wiederholbare Prüfform. Der bisherige Ablauf verbindet Frage, Auswahl, Unterscheidung, Gegenüberstellung, Benennung, Zuschreibung, Tätigkeit, Konsequenz, Rückmeldung, Zweifel und Korrektur. In den neueren Materialien wird gerade diese Abfolge als verbindender Ablauf von Begriffshandwerk, Lochprozess, Membran, Vier-Ebenen-Modell, Tausend Tischen, KI und Archiv beschrieben.

Aus der Werkzeugkritik entstand dabei einer der schärfsten Sätze der gesamten Forschung: Ein Werkzeug muss scheitern dürfen. Ein Werkzeug, das von seinem Scheitern nicht korrigiert werden kann, verliert seinen Werkzeugcharakter. Daraus ergibt sich die Unterscheidung zwischen Werkzeug und Wirklichkeitssurrogat. Das Werkzeug lässt sich von der Wirklichkeit korrigieren; das Wirklichkeitssurrogat versucht, widersprechende Wirklichkeit so umzudeuten, dass seine eigene Form erhalten bleibt. Genau hier verbindet sich Begriffshandwerk mit Skulpturidentität, Ideologiekritik und E4.

Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche als Kalibrierungsmaterial

Die sprachgeschichtlichen Untersuchungen entstanden zunächst aus einzelnen Wortfragen und entwickelten sich zu einem größeren Vergleichsraum. Dabei wurde mehrfach klargestellt, dass Etymologie keine Ontologie beweist. Die frühere Bedeutung eines Wortes legt nicht fest, was der Begriff heute einzig „wirklich“ bedeuten muss. Sprachgeschichte kann aber sichtbar machen, welche früheren Tätigkeits- und Beziehungsanteile in einem heutigen Begriff verschwunden oder verschoben worden sind. Genau diese methodische Begrenzung wird in den documenta-Anlagen ausdrücklich festgehalten.

Die griechische Achse brachte physis, technē, metron, peras, symmetria, ergon, organon, koinonia, polis, paideia und idiōtēs in die Untersuchung ein. Entscheidend war dabei nicht die Behauptung einer verlorenen vollkommenen griechischen Ganzheitskultur. Diese Vorstellung wurde zunehmend korrigiert. Auch die Antike kannte Differenzierung, Herrschaft und Ausschluss. Relevant blieb vielmehr die Möglichkeit, natürliches Entstehen, menschliches Herstellen, Können, Maß und gesellschaftliche Setzung sprachlich deutlicher voneinander zu unterscheiden. In den neueren Unterlagen wird technē als Kunstfertigkeit, Handwerk und begründbares Hervorbringen beschrieben; metron bezeichnet Maß, symmetria ein angemessenes Verhältnis, ergon Werk oder Tätigkeit und koinonia Gemeinschaft beziehungsweise Teilhabe.

Auch die jüngste Diskussion um theōria und praxis gehört in diese Korrekturbewegung. Die zunächst erinnerte Gleichsetzung von Praxis mit Theater und Maske musste zurückgenommen werden. Theōria besitzt tatsächlich eine historische Nähe zum Schauen und Betrachten; praxis bezeichnet jedoch das Tun und Handeln und ist nicht aus der Theatermaske abzuleiten. Die Theaterlinie gehört vielmehr zur persona und zur Rolle. Gerade diese Korrektur stärkt die Forschung, weil sie zwischen Zuschauen, Handeln, Hervorbringen und Rolle unterscheiden kann, statt sie etymologisch künstlich miteinander zu verschmelzen.

Die römisch-lateinische Achse wurde anschließend mit Begriffen wie persona, proprietas, res, forma, substantia, lex, contractus, societas und sculptura untersucht. In neueren Forschungsfassungen wird daraus die Hypothese einer langfristigen Verschiebung hin zu Person, Eigentum, Sache, Vertrag und fixierter Form entwickelt. Diese historische Großthese ist jedoch deutlich von den belegbaren Wortgeschichten zu unterscheiden. Dass bestimmte Wörter und Rechtsbegriffe existieren, ist historisch belegbar. Dass aus ihnen eine einheitliche „skulpturale Zivilisation“ entstanden sei, bleibt eine interpretative Forschungshypothese.

Die deutsche Achse brachte Werk, Wirken, Wirklichkeit, Bewirken, Verwirken, tragen, ertragen, vertragen, tragbar und untragbar in Beziehung. Daraus wurde der Gedanke entwickelt, dass Wirklichkeit nicht nur Bestand, sondern Wirkung, Folge und Tragfähigkeit bezeichnet. Auch hier gilt: Die Wortverwandtschaft liefert Vergleichsmaterial, nicht den Beweis einer metaphysischen Wahrheit.

Künstlerische Prüfobjekte als materielle Forschungsgeschichte

Die künstlerischen Objekte erhalten innerhalb des inzwischen entstandenen Systems einen neuen Status. Sie sind keine nachträglichen Illustrationen einer Theorie, sondern historische Vorläufer der heutigen Prüfoperatoren. Das Wellenbecken zeigt, wie ein lokaler Eingriff sich innerhalb eines gemeinsamen Mediums fortsetzt. Der Deich verbindet Grenze, Belastung, Schwachstelle, Zeit und Bruch. Die Tasse der Realität konfrontiert Wunschform und Gebrauchsfähigkeit. „Auto und Umwelt“ zeigt, dass eine vorgestellte Konstruktion an Bewegung, Gewicht, Verbindung und Funktion geprüft werden kann. Der Spaten führt Hand, Werkzeug, Kraftübertragung, Boden und Tätigkeitsfolge in einem einzigen Vorgang zusammen. Diese Funktion der Objekte als materielle Gegenüber ist in den neueren Werkfassungen ausdrücklich beschrieben.

Die Schultafel erhält aufgrund ihrer Löschbarkeit eine besondere Stellung. Sie materialisiert die Möglichkeit, eine Aussage sichtbar zu machen, ohne sie endgültig festzuschreiben. Gold bildet das Gegenmotiv. Eine dünne materielle Schicht kann eine enorme gesellschaftliche Wertzuschreibung erzeugen. Daraus entstand das Midas-Motiv als Untersuchung einer verdrängenden Aufwertung: Etwas wird symbolisch wertvoller und kann dabei seine lebendige oder funktionale Qualität verlieren.

Der Astronaut verdichtet die Autonomieproblematik. Er erscheint als abgeschlossener, technisch geschützter Mensch, ist jedoch gerade durch seine Schläuche, Energieversorgung, Luft und Temperaturregulierung extrem abhängig. Daraus entwickelte sich später der Feuerkäfig: eine offene Tür, ein brennender Käfig und ein Mensch im Astronautenanzug, der den Raum verlassen könnte, aber in seiner Rollenidentität verbleibt. Dieses Bild ist keine empirische Beschreibung „des Menschen“, sondern ein künstlerischer Diagnoseapparat für die Frage, warum eine erkannte Gefährdung nicht automatisch zur korrigierenden Tätigkeit führt.

Die Tanglandschaft wurde zunehmend zum Gegenbild des Betonblocks. Der Betonblock verkörpert die abgegrenzte Dingidentität; Tang ist beweglich, mediumabhängig und verändert seine Form im Verhältnis zu Strömung und Umgebung. Auch diese Gegenüberstellung ist ein künstlerischer Operator, keine naturwissenschaftliche Typologie.

Folien und Schablonen: vom Bild zum veränderbaren Prüfverfahren

Die Folien entstanden aus der Notwendigkeit, unterschiedliche Wirklichkeitsweisen sichtbar übereinanderlegen zu können, ohne sie endgültig zu verschmelzen. Die Foliengrammatik ist damit ein direkter Nachfolger der Vorgabebilder. Während ein festes Bild bereits eine Auswahl präsentiert, kann eine transparente Folie hinzugefügt und wieder entfernt werden. Gerade diese Reversibilität macht sie zu einem E4-Instrument.

Eine Landschaft kann als Grundbild sichtbar bleiben, während eine Grundstücksgrenze darübergelegt wird. Ein menschlicher Körper kann sichtbar bleiben, während eine Berufsrolle oder Eigentümeridentität ergänzt wird. Ein Abhängigkeitsnetz kann unter dem Satz „Ich bin frei“ fortbestehen. Die Folie behauptet dabei nicht, die zusätzliche Ebene sei unwirklich. Sie zeigt, dass sie hinzugefügt wurde. Das ist die entscheidende methodische Leistung.

Aus diesem Grund wurde die leere Folie zu einem besonders wichtigen Bestandteil. Nicht nur der Künstler soll vorgegebene Symbolfolien bereitstellen. Der Benutzer soll selbst sichtbar machen können, welche Grenze, Rolle, Erklärung oder Wertung er über einen Zusammenhang legt. Seine eigene Darstellung wird damit zum nächsten Prüfobjekt.

Die Schablone besitzt eine andere Funktion. Sie macht nicht ein Bild, sondern eine Fragestellung wiederholbar. Was wurde ausgeschnitten? Welche Beziehung verschwindet? Welche Eigenschaft wurde zugeschrieben? Welche Tätigkeit folgt daraus? Wo tritt eine Konsequenz auf? Eine solche Schablone ist der Übergang vom einzelnen Kunstwerk zur Methode. Sie stabilisiert nicht die Antwort, sondern den Prüfweg.

Das Mitmachbuch als portable Werkstatt

Das Mitmachbuch bündelt die lange Entwicklung von Erwachsenenmalbuch, Workshopheft, Tagebuch, Vorgabebild, Frage- und Antwortsystem, Folienarbeit und digitalem interaktivem Buch. Es ist deshalb weder Lehrbuch noch Katalog. Es ist eine portable So-Heits-Werkstatt.

Die bildnerischen Tätigkeiten bleiben darin wesentlich. Schreiben, Zeichnen, Ausschneiden, Überkleben, Durchstreichen, Nebeneinanderlegen und Überlagern sind nicht dekorative Methoden. Sie materialisieren Operationen des Begriffshandwerks. Beim Ausschneiden wird sichtbar, dass ein Ausschnitt entsteht. Beim Nebeneinanderlegen wird Gegenüberstellung erfahrbar. Beim Entfernen einer Folie zeigt sich, was ohne eine Zuschreibung bestehen bleibt. Beim Durchstreichen wird Korrektur nicht nur gedacht, sondern sichtbar vollzogen.

Damit verändert sich auch der Partizipationsbegriff. Der Besucher soll nicht einfach „mitmachen“. Die heutige zentrale Forderung lautet: Prüfe, woran du dich beteiligst. Das ist die entscheidende Weiterentwicklung gegenüber frühen partizipatorischen Formen. Beteiligung wird erst dann Forschungskunst, wenn der eigene Beitrag, die eigene Vorstellung und die eigene Rolle ebenfalls geprüft werden können.

Offen bleibt, wie stark das Buch angeleitet werden muss. Zu viele vorgegebene Folien könnten eine neue Lehrordnung schaffen; zu wenig Struktur könnte zu beliebigem Ausdruck führen. Die leere Folie und die wiederholbare Prüfschablone sind bisher die überzeugendsten Versuche, diese Spannung offen zu halten.

Tausend Tische und die Entwicklung von der Beteiligung zur Schwarmprüfung

Die Tausend Tische des Globalen Dorffestes bilden eine wichtige Brücke zwischen der frühen Sozialen Plastik und der heutigen Globalen Schwarm-Intelligenz. Der Tisch ist zunächst ein sehr einfaches Gegenüber. Menschen können sich ansehen, etwas zeigen, fragen, antworten, schreiben und vergleichen. Tausend Tische erzeugen keinen einheitlichen Zentralraum, sondern viele lokale Begegnungsstellen.

Im Rückblick wird sichtbar, dass darin bereits eine Netzwerklogik lag. Jeder Tisch bleibt begrenzt, aber die Vielzahl bildet einen größeren Zusammenhang. Die spätere Kollektive Kreativität entwickelte diesen Gedanken weiter: Unterschiedliche Fähigkeiten sollten miteinander verbunden werden, ohne ihre Differenz aufzugeben. In den Werkunterlagen wird ausdrücklich betont, dass das gemeinsame Werk nicht von einem einzigen Zentrum vollständig vorgegeben werden sollte.

Die heutige Aufgabe besteht darin, diese frühe soziale Offenheit durch E4 zu ergänzen. Tausend Antworten erzeugen nicht automatisch bessere Erkenntnis. Schwarmintelligenz darf deshalb nicht mit Mehrheitsbildung verwechselt werden. Der heutige Prüfanker fragt, welche Argumente, Erfahrungen und Folgen hinter den unterschiedlichen Antworten liegen und wie Widersprüche produktiv gehalten werden können.

Künstliche Intelligenz und Globale Schwarm-Intelligenz

Die künstliche Intelligenz trat erst sehr spät in die Werkgeschichte ein, wurde jedoch rasch zu einem Instrument, mit dem das über Jahrzehnte entstandene Archiv neu vergleichbar wurde. Ihre Funktion liegt zunächst im Suchen, Ordnen, Vergleichen, Verdichten und Gegenlesen großer Mengen von Texten, Bildern und Werkspuren. Die KI ist deshalb nicht Ursprung der Forschungskunst. Die Grundfrage, die Werkformen und die partizipatorischen Verfahren entstanden lange vor ihr.

Aus dieser zeitlichen Differenz ergibt sich die methodische Begrenzung: KI kann Spiegelungs-, Vergleichs- und Kontrollinstrument, aber nicht letzte Wahrheitsinstanz sein. In den documenta-Unterlagen wird diese Funktion ausdrücklich so beschrieben. Atelier und Plattform bilden zwei miteinander verbundene Bereiche: Das Atelier stellt den körperlichen, räumlichen und handwerklichen Erfahrungsraum her; die Plattform übernimmt Dokumentation, Verknüpfung, Vergleich und Weiterführung.

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist dabei mehr als eine Webseite. Sie ist die digitale Fortsetzung einer Werkentwicklung, die vom Vorgabebild über kollektive Beteiligung und Internetprojekte zur vernetzten Prüfarchitektur geführt hat. Bereits die documenta-XII-Konzepte sahen vor, Besucher über Internetterminals in einen internationalen Mitproduktionsprozess einzubeziehen. Die documenta-14-Bewerbung verlangte globale Handlungsverantwortlichkeit. In späteren Werkfassungen wird diese Entwicklung ausdrücklich als Kontinuität beschrieben.

Die offene Frage betrifft hier die Governance. Wer entscheidet, welche Beiträge verbunden werden? Wie werden Widersprüche sichtbar gemacht? Wie verhindert man, dass die KI die vorhandenen kulturellen Begriffssysteme lediglich reproduziert? Wie bleibt nachvollziehbar, welche Aussage vom Menschen, welche vom Archiv und welche aus einer algorithmischen Verdichtung stammt? E4 muss deshalb auch auf die eigene KI-Infrastruktur angewendet werden.

Die So-Heits-Gesellschaft: von der Vergangenheits-Utopie zur offenen Kunstgesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft entstand zunächst als fiktive alternative Gesellschaftsform, die in eine gedachte prähistorische Vergangenheit auf Kreta verlegt wurde. Durch diese Vergangenheits-Utopie sollte eine Zukunftsmöglichkeit so behandelt werden, als hätte sie bereits existiert. Das Futur II wurde dabei zum Gestaltungsprinzip: Eine mögliche Zukunft wird aus einer imaginierten Vergangenheit heraus mit der Gegenwart verglichen. Diese ursprüngliche Konstruktion ist im vorhandenen Material ausdrücklich dokumentiert.

Im weiteren Forschungsprozess wurde diese Gesellschaftsvorstellung jedoch zunehmend problematisch. Eine fertige alternative Gesellschaft könnte selbst zur Skulpturidentität werden. Deshalb verschob sich die So-Heits-Gesellschaft von einer vorgegebenen Utopie zu einer öffentlichen Kunst-, Prüf-, Übungs- und Reparaturgesellschaft. In neueren Fassungen wird sie ausdrücklich als Gesellschaft beschrieben, in der Menschen lernen sollen, Wirklichkeit nicht vorschnell durch Eigentum, Selbstbild, Markt, Ideologie oder Symbolwert zu überformen.

Damit verändert sich auch der griechische Bezug. Die So-Heits-Gesellschaft soll nicht die Polis rekonstruieren und keine historische Antike idealisieren. Technē, metron, koinonia oder paideia dienen als Vergleichsmaterial für eine Gesellschaft, in der Können, Maß, Lernen und gemeinsame Tätigkeit wieder stärker aufeinander bezogen werden könnten. Historisch belegt sind die jeweiligen antiken Begriffe und Bedeutungsfelder. Die Vorstellung einer zukünftigen „technē-Gesellschaft“ ist dagegen eine künstlerische Zielprojektion.

Der Kern der So-Heits-Gesellschaft liegt heute weniger in einer bestimmten Institutionenordnung als in der gesellschaftlichen Fähigkeit zur Rückkopplung. Eine tragfähige Gesellschaft wäre nicht eine Gesellschaft ohne Fehler. Sie wäre eine Gesellschaft, die Fehler wahrnehmen, Verantwortlichkeiten zurückverbinden und ihre eigenen Formen verändern kann, bevor die eigenen Tragbedingungen irreversibel geschädigt werden.

Das So-Heits-Atelier: Verdichtung der gesamten Forschung in einer öffentlichen Versuchsanordnung

Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes ist die gegenwärtige räumliche und methodische Verdichtung dieser gesamten Entwicklung. Der Begriff Atelier hat sich gegenüber „Raum“ und „Werkstatt“ als Hauptbezeichnung durchgesetzt, weil er die künstlerische Herkunft, den unfertigen Werkprozess und die Möglichkeit von Versuch, Verwerfung und Weiterarbeit zusammenhält. Die Werkstatt bezeichnet darin die konkrete Verrichtung; der So-Heits-Raum bezeichnet den umfassenden Plexuszusammenhang.

Das Atelier ist deshalb weder eine Retrospektive noch eine Ausstellung einer fertigen Weltanschauung. Historische Objekte, Fotografien, documenta-Bewerbungen, Tagebücher, Schultafeln, Wellenbecken, Spaten, Gold, Astronaut, Tang, Vorgabebilder und andere Werkspuren werden wieder in Gebrauch genommen. Der Besucher soll an ihnen untersuchen können, wie sich bestimmte Fragen entwickelt haben und wo frühere Begriffe später korrigiert werden mussten.

Die documenta erhält dadurch eine doppelte Funktion. Einerseits wird sie um einen Ort für diese Forschungskunst gebeten. Andererseits wird sie selbst Teil der Verortungskunst. Die früheren Bewerbungen dokumentieren über Jahrzehnte hinweg, welche Fragen bereits gestellt und welche Versuchsanordnungen vorgeschlagen wurden. Die heutige Bewerbung fragt deshalb nicht nur nach Anerkennung. Sie fragt, ob eine Institution der Gegenwartskunst bereit ist, ihre eigene Auswahl-, Wahrnehmungs- und Anerkennungsstruktur mitprüfen zu lassen. Diese Verdichtung ist inzwischen ausdrücklich als Gesamtformel der documenta-Verortung formuliert worden.

Die Biografie wird dabei nicht zum Beweis eines „Ich hatte immer recht“. Ihre stärkere wissenschaftliche Funktion liegt in der chronistischen Gegenprüfung. Sie dokumentiert, wann eine Frage, Warnung oder Versuchsanordnung tatsächlich vorlag. Anschließend kann geprüft werden, was historisch geschehen ist, was nicht eingetreten ist, welche Annahme unzutreffend war und welche frühere Diagnose heute eine neue Aktualität besitzt. Was früher als „Prophezeiung“ bezeichnet wurde, wird damit methodisch in eine dokumentierte Zukunftsannahme oder künstlerische Warnung überführt.

Gesamtarchitektur des entstandenen Forschungsansatzes

Aus der gesamten Entwicklung lässt sich inzwischen eine zusammenhängende Architektur erkennen. Ausgangspunkt ist nicht der Begriff, sondern eine vorausliegende Plexuswirklichkeit, innerhalb derer materielle und lebendige Prozesse bereits stattfinden. Der Mensch ist ein plastischer, abhängiger und tätiger Teil dieses Zusammenhangs. Um sich orientieren zu können, muss er auswählen, unterscheiden, gegenüberstellen, benennen und symbolische Ordnungen bilden. Damit entstehen notwendigerweise Ausschnitte und Lücken. Problematisch wird dieser Vorgang, wenn die menschlich hervorgebrachte Form ihre eigene Herkunft vergisst und als unveränderliche Eigenschaft oder Wirklichkeit behandelt wird.

Hier entsteht die Skulpturalisierung. Eine vorläufige Unterscheidung wird fixiert, eine Beziehung wird zur Eigenschaft, eine Rolle wird zum Ich, eine gesellschaftliche Zuerkennung wird zur scheinbaren Natur des Gegenstandes. Die dritte Ebene kann dadurch ihre eigene Abhängigkeit von den ersten beiden Ebenen verdecken. Tätigkeiten werden anschließend auf Grundlage dieser symbolischen Formen ausgeführt und erzeugen materielle und lebendige Konsequenzen.

Der entscheidende Prüfpunkt liegt deshalb in der Rückbewegung. Erreicht die Konsequenz wieder die Vorstellung, die sie ausgelöst hat? Wird eine beschädigte Tragbedingung zum Anlass einer Korrektur? Oder wird die Rückmeldung durch Status, Eigentum, institutionelle Zuständigkeit, Ideologie oder begriffliche Selbstimmunisierung abgefangen?

E4 bezeichnet diese Rückbewegung.

Begriffshandwerk, Folien, Schablonen, Mitmachbuch, künstlerische Prüfobjekte, Tausend Tische, KI und Globale Schwarm-Intelligenz sind unterschiedliche materielle und soziale Formen derselben Rückkopplungsarchitektur. Das So-Heits-Atelier bringt sie räumlich zusammen. Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet ihre gesellschaftliche Zielprojektion.

Damit lässt sich die gesamte Forschungsbewegung heute auf eine Grundfrage verdichten:

Wie kann der Mensch die notwendigen Formen seines Denkens und Zusammenlebens hervorbringen, ohne zu vergessen, dass sie hervorgebracht wurden, und wie kann er sie so rückkopplungsfähig halten, dass die Folgen seines Tätigwerdens seine Vorstellungen tatsächlich korrigieren können?

Doppelungen, begriffliche Unklarheiten und notwendige Vereinfachungen

Die größte begriffliche Doppelung besteht gegenwärtig zwischen Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit und Verletzungswirklichkeit. Alle drei Begriffe bezeichnen Teile desselben Grundproblems, aber mit unterschiedlicher Betonung. Tragwirklichkeit hebt das Funktionieren und die Tragbedingungen hervor. Verletzungswirklichkeit betont, dass Handlungen reale Schädigungen erzeugen können und keine symbolische Immunität besteht. Plexuswirklichkeit betont Beziehung und Verflechtung. Es wäre sinnvoll, Plexuswirklichkeit als umfassendsten Wirklichkeitsbegriff zu verwenden, Tragwirklichkeit als dessen Prüfgesichtspunkt und Verletzungswirklichkeit als jenen Bereich, in dem die Folgen eines Eingriffs unmittelbar oder vermittelt körperlich, materiell oder ökologisch wirksam werden. Dann konkurrieren die drei Begriffe nicht mehr um denselben Platz.

Eine zweite Doppelung besteht zwischen plastischem Ich, plastischer Identität, Tragbewusstsein und Kopplungs-Ich. Diese Begriffe sind im Laufe unterschiedlicher Forschungsphasen entstanden. Sie sollten nicht alle gleichrangig weitergeführt werden. Das plastische Ich eignet sich als Hauptbegriff für den lebenden, sich rückkoppelnd verändernden Menschen. Tragbewusstsein kann den bewussten Aspekt dieser Abhängigkeit bezeichnen. Kopplungs-Ich ist nur dort notwendig, wo ausdrücklich die Art der Verbindung untersucht wird. „Plastische Identität“ könnte als Übergangsbegriff entfallen, wenn plastisches Ich und Skulpturidentität hinreichend präzise bestimmt werden.

Auch Lücke, Loch, Lochprozess, Rückkopplungsloch, Eigenschaftsloch, Geschichtsloch, Zeitloch und Wissenschaftsloch haben sich stark vermehrt. Der produktive Kern liegt im Lochprozess. Die zahlreichen Unterbegriffe sollten nur noch als Anwendungen dieses Grundoperators verwendet werden, nicht als selbständige Theorieelemente. Sonst droht der Lochbegriff selbst zu einer begrifflichen Überproduktion zu werden.

Bei 51:49, 50:50 und 1:99 besteht das Risiko, dass die Zahlen stärker wahrgenommen werden als das zugrunde liegende Verhältnisproblem. 51:49 sollte deshalb ausdrücklich als künstlerischer Minimalasymmetrie- und Bewegungsoperator definiert werden. 50:50 bezeichnet dann die problematische Fixierung eines Gegensatzes, nicht jede mathematische Gleichheit. 1:99 bezeichnet eine Herrschafts- und Rückkopplungsdrift, nicht eine empirisch universelle Bevölkerungsstatistik.

Der Begriff Forschungskunst erscheint inzwischen tragfähiger als frühere Bezeichnungen wie Weltmechanismus, Entelechie-Modell oder ganzheitliches System, weil er die Offenheit der Prüfung erhält. Auch die Formulierung „Plastische Anthropologie 51:49“ kann sinnvoll sein, wenn eine theoretische Verdichtung des Werkes bezeichnet werden soll. Sie darf aber nicht mit dem gesamten Lebenswerk gleichgesetzt werden. Forschungskunst ist die übergeordnete künstlerische Praxis; Plastische Anthropologie wäre deren anthropologische Theorieebene.

Fehlende Verbindungen und nächste Forschungsaufgaben

Die wichtigste noch fehlende Verbindung liegt zwischen E4 und institutioneller Umsetzung. Es ist relativ klar geworden, wie ein einzelner Besucher mit Folien, Mitmachbuch und Prüfankern arbeiten kann. Weniger geklärt ist, wie eine Institution, ein Unternehmen, eine Verwaltung oder eine Wissenschaftsorganisation denselben Prüfprozess vollziehen könnte. Wenn das Modell tatsächlich eine Zivilisationsprüfung leisten soll, muss gezeigt werden, wie aus individuellem Lernen eine institutionelle Rückkopplungsarchitektur werden kann.

Eine zweite offene Verbindung betrifft Verantwortung und zeitlich beziehungsweise räumlich entfernte Folgen. Die Tätigkeitskonsequenz ist am Spaten unmittelbar anschaulich. Schwieriger wird sie bei globalen Lieferketten, Klimafolgen, Finanzentscheidungen oder langfristigen Technologien. Hier muss der Prüfanker Verfahren entwickeln, mit denen entfernte Betroffenheit sichtbar gemacht werden kann, ohne eine Vollständigkeit vorzutäuschen, die niemand erreichen kann.

Eine dritte offene Frage betrifft die positive gesellschaftliche Form. Die Forschung hat inzwischen sehr präzise Operatoren für Verwechslung, Skulpturalisierung, Rückkopplungsloch und Nichtfunktionieren entwickelt. Weniger entwickelt ist eine ebenso präzise Sprache für gelingende Beziehungen. Begriffe wie Stimmigkeit, Tragfähigkeit, Gemeinsinn, plastische Mittigkeit und rückkopplungsfähige Verschiedenheit weisen in diese Richtung, benötigen aber noch eine klarere Beziehung zueinander. Andernfalls bleibt die Forschung stärker in der Diagnose als in der Konstruktion.

Eine vierte Aufgabe betrifft die wissenschaftliche Gegenprüfung der eigenen Begriffe. Plexuswirklichkeit, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Lochprozess und 51:49 dürfen nicht nur auf andere Theorien angewendet werden. Sie müssen systematisch gegen Physik, Biologie, Philosophie, Rechtswissenschaft, Ökonomie, Anthropologie, Kunstwissenschaft und bestehende relationale beziehungsweise systemische Ansätze geprüft werden. Die neueren Unterlagen fordern bereits ausdrücklich einen internationalen Vergleich, in dem nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch die Grenzen der eigenen Plastischen Anthropologie sichtbar werden sollen.

Schließlich bleibt die Frage der documenta-Verortung selbst offen. Die Bewerbung kann zum Kunstwerk werden, wenn ihre Annahme, Ablehnung, Nichtbeachtung oder spätere Wiederaufnahme dokumentiert und in den Forschungsprozess zurückgeführt wird. Gerade darin liegt die Konsequenz der Verortungskunst: Der richtige Ort ist kein passiver Behälter eines bereits fertigen Werkes. Ort, Zeitpunkt, institutionelle Reaktion und gesellschaftliche Situation werden selbst zu Bestandteilen der Arbeit.

Schluss: Von der Frage nach der Selbstzerstörung zur Werkstatt der Korrekturfähigkeit

Die Forschung begann mit der Frage, warum der Mensch seine Existenzbedingungen zerstört. Über fünf Jahrzehnte hat sich diese Ausgangsfrage zunehmend verändert. Zunächst lag der Schwerpunkt auf Umweltgestaltung, später auf gesellschaftlicher Beteiligung, kollektiver Kreativität und erweiterten Kunstformen. Danach rückten Wahrnehmung, Rolle, Symbol, Eigentum, Autonomie und wissenschaftliche Fragmentierung stärker in den Mittelpunkt. Die jüngste Forschungsphase hat diese Bereiche durch Plexuswirklichkeit, Lochprozess, Tätigkeitskonsequenz, Vier-Ebenen-Modell und Begriffshandwerk in eine gemeinsame Prüfarchitektur überführt.

Damit ist die ursprüngliche Frage nicht beantwortet, aber präzisiert worden. Das zentrale Problem erscheint heute nicht mehr lediglich als mangelndes Wissen. Es liegt in der Möglichkeit des Menschen, zwischen sich und die Rückmeldung der Wirklichkeit selbst erzeugte Begriffs-, Rollen- und Geltungsformen zu setzen und diese anschließend für unverletzlicher zu halten als die Bedingungen, von denen er lebt.

Die Forschungskunst antwortet darauf nicht mit einer weiteren endgültigen Weltordnung. Sie versucht, die Fähigkeit zur Korrektur selbst künstlerisch zu organisieren.

Das ist der gemeinsame Kern von Experimenteller Umweltgestaltung, Malbuch, Wellenbecken, Tasse der Realität, Demokratiewerkstatt, Tausend Tischen, Kollektiver Kreativität, Partizipatorischem Welttheater, Astronaut, documenta-Bewerbungen, Folien, Mitmachbuch, Globaler Schwarm-Intelligenz, So-Heits-Gesellschaft und So-Heits-Atelier.

Das Werk ist nicht die fertige Antwort. Das Werk ist die Herstellung einer Situation, in der eine Vorstellung der Wirklichkeit begegnen, an ihren Folgen scheitern und sich aufgrund dieses Scheiterns verändern können muss.

Darin liegt heute die umfassendste Bestimmung der Forschungskunst: Sie ist die künstlerische Organisation von Rückkopplungsfähigkeit.

Das So-Heits-Atelier wäre deren gegenwärtige öffentliche Werkstatt.

Ich behandle den bisherigen Verlauf als Forschungsprozess mit mehreren sich kreuzenden Entwicklungslinien. Die Statusangaben im Text unterscheiden zwischen werkhistorisch dokumentiert, wissenschaftlich beziehungsweise philosophiegeschichtlich anschlussfähig und Forschungskunst-Hypothese beziehungsweise eigener Begriffsbildung.

Rekonstruktion der Forschungsgenese des So-Heits-Ateliers

Methodische Vorbemerkung: Keine lineare Theoriegeschichte

Die bisherige Entwicklung lässt sich nicht als geradliniger Weg von einer frühen Grundidee zu einem heute abgeschlossenen theoretischen System rekonstruieren. Ein solcher roter Faden würde die tatsächliche Werkgenese verfälschen. Vielmehr sind mehrere zunächst teilweise voneinander unabhängige Erfahrungs-, Wahrnehmungs-, Handwerks-, Kunst- und Forschungsstränge entstanden, die sich über Jahrzehnte miteinander verbunden haben. Manche heute zentralen Begriffe waren am Anfang noch überhaupt nicht vorhanden. Sie entstanden wesentlich später als sprachliche Verdichtungen bereits länger praktizierter Wahrnehmungs- und Arbeitsweisen. Andere Begriffe wurden im Verlauf der Gespräche wieder verworfen oder präzisiert, weil sie den inzwischen erreichten Zusammenhang nicht mehr ausreichend erfassten.

Für diese Rekonstruktion müssen deshalb drei Aussageebenen getrennt werden. Werkhistorisch dokumentiert sind biografische Tätigkeiten, Arbeiten, Veranstaltungen, Objekte und Programmentwürfe. Wissenschaftlich oder philosophiegeschichtlich anschlussfähig sind beispielsweise Zellmembran, Osmose, technische Toleranzen, Rückkopplung, Analogiebildung sowie die historischen Bezugnahmen auf Platon, Aristoteles oder Descartes. Eine dritte Ebene bilden die eigenständigen Begriffe und Hypothesen der Forschungskunst: Plexuswirklichkeit, 51:49-Minimalasymmetrie, Plastische Identität, Skulpturidentität, Lochprozess, Millisekunden-Mensch, Referenzplexus oder Plexus-Operatorik. Diese Begriffe können auf wissenschaftliche oder historische Sachverhalte zurückgreifen, sind aber als Gesamtsystem keine bereits wissenschaftlich bestätigte Theorie.

Gerade diese Unterscheidung ist für das So-Heits-Atelier notwendig. Andernfalls würde die Methode denselben Fehler begehen, den sie untersuchen will: Ein Modell würde mit der Wirklichkeit verwechselt.

I. Forschungsgrund und frühe Erfahrungsbildung

Naturzerstörung als existenzieller Ausgangspunkt

Ein früher Forschungsgrund liegt in der bereits in der Kindheit wahrgenommenen Störung von Naturzusammenhängen durch menschliches Verhalten. Die Beschäftigung mit Ornithologie und die Beunruhigung über menschliche Eingriffe in das Naturgeschehen sind biografisch ausdrücklich dokumentiert. Später bestätigte die Auseinandersetzung mit dem Club of Rome für Sie, dass es sich nicht nur um lokale Beobachtungen, sondern um ein umfassenderes gesellschaftliches Problem handelt.

Aus diesem frühen Wahrnehmungsstrang entstand noch keine ausformulierte Plexus-Theorie. Entscheidend war zunächst eine Irritation: Der Mensch ist lernfähig, technisch leistungsfähig und kann Folgen erkennen, handelt aber dennoch auf eine Weise, die seine Lebensbedingungen beeinträchtigt. Diese Irritation verdichtete sich später zu der über Jahrzehnte verfolgten Leitfrage, warum der Mensch trotz Wissen und Korrekturfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.

Der Forschungsgrund ist deshalb nicht primär philosophischer Natur. Er entsteht aus einer Differenz zwischen beobachtbarer menschlicher Fähigkeit und beobachtbarer menschlicher Tätigkeit. Die heutige Zielprojektion besteht darin, diese Differenz nicht nur moralisch zu beurteilen, sondern ihre Wahrnehmungs-, Denk-, Symbol-, Tätigkeits- und Rückkopplungsbedingungen zu untersuchen.

Ornithologie und die Entdeckung des Gegenübers

Die frühe Ornithologie bildet einen zweiten eigenständigen Forschungsfaden. Wer gelernt hat, zahlreiche Vogelarten voneinander zu unterscheiden, erlebt praktisch, dass Wahrnehmung trainierbar ist. Ein ungeübter Beobachter fasst sehr unterschiedliche Tiere möglicherweise unter wenigen groben Kategorien zusammen. Durch langfristige Beschäftigung entstehen dagegen immer feinere Unterschiede.

Hier findet sich eine frühe Grundlage des späteren Begriffs der Gegenüberstellung. Lernen bedeutet nicht allein, zusätzliche Informationen zu speichern. Es verändert die Fähigkeit, Unterschiede wahrzunehmen. Voraussetzung ist ein Gegenüber, das nicht vollkommen mit der vorhandenen Vorstellung identisch ist.

Diese Erfahrung wurde erst viel später mit Zellmembran, Distanz, Lücke und plastischer Urteilskraft verbunden. Die Zellmembran ist daher nicht Ursprung dieser Lernvorstellung. Sie wurde nachträglich zu einem Analogieträger für etwas, das praktisch schon wesentlich früher erfahren worden war: Eigenstruktur und Gegenüber müssen unterscheidbar bleiben, zugleich aber miteinander in Austausch stehen.

Die Zielprojektion dieses Forschungsstranges besteht heute darin, den Besucher des Mitmachbuches nicht mit einem fertigen Weltbild zu versorgen, sondern seine Fähigkeit zur Differenzierung zu erweitern.

II. Fotografie, Ausschnitt und die spätere Dingeproblematik

Fotografieren als Festhalten und Beweisen

Ein weiterer früher Entwicklungsstrang liegt in der Fotografie. Sie war für Sie nicht nur künstlerisches Medium, sondern eine erfolgreiche und früh anerkannte Praxis. Fotogruppenarbeit, fotografische Auszeichnungen und spätere fotojournalistische Tätigkeit sind biografisch dokumentiert.

Die Fotografie brachte mehrere für die spätere Forschung wichtige Erfahrungen zusammen. Etwas konnte beobachtet, technisch festgehalten und anderen Menschen vorgelegt werden. Dadurch erhielt die eigene Wahrnehmung ein äußeres Gegenüber. Gleichzeitig war das fotografische Bild niemals mit dem vollständigen Wirklichkeitszusammenhang identisch. Standort, Zeitpunkt, Bildausschnitt, Perspektive und technische Bearbeitung entschieden darüber, was sichtbar wurde und was außerhalb des Bildes blieb.

Hier liegt ein möglicher früher Erfahrungsgrund der späteren Dingeproblematik. Die Fotografie macht praktisch erfahrbar, dass ein Ausschnitt notwendig ist, um etwas sichtbar zu machen, und dass gerade diese Sichtbarmachung gleichzeitig Beziehungen entfernt.

Die fotografische Dingselektion

Aus diesem Zusammenhang wurde im späteren Gespräch ein konkreter Folienoperator entwickelt. Eine Landschaft wird dargestellt. Aus dieser Landschaft wird ein Teil tatsächlich herausgeschnitten. Im ursprünglichen Bild bleibt ein Loch zurück. Das ausgeschnittene Stück wird oberhalb oder neben dem Bild befestigt.

Damit wird der normalerweise unsichtbare Vorgang der Selektion materialisiert. Das Teil war vorher Bestandteil eines Zusammenhangs. Durch den Schnitt erhält es eine neue Selbständigkeit. Es kann benannt, bewegt, bewertet, verkauft oder symbolisch aufgeladen werden. Im Herkunftsbild verbleibt gleichzeitig eine sichtbare Leerstelle.

Die heutige Forschungshypothese lautet deshalb nicht, dass Dinge nicht existierten. Diese zwischenzeitlich auftauchende Möglichkeit wurde präzisiert. Problematisch ist nicht die notwendige Unterscheidung eines Gegenstandes, sondern die Verwandlung einer vorläufigen Selektion in die Behauptung einer vollständig beziehungslosen Einheit.

Diese Korrektur ist wichtig. Die Plexus-Operatorik kann nicht ohne Selektion arbeiten. Auch jede Folie wählt aus. Sie muss deshalb die eigene Auswahl sichtbar halten.

Die Zielprojektion besteht darin, den Vorgang der Dingwerdung reversibel zu machen: Der ausgeschnittene Teil soll durch zusätzliche Folien wieder mit seinen Herstellungs-, Stoff-, Lebens-, Eigentums-, Zeit- und Tätigkeitsbeziehungen verbunden werden können.

III. Maschinenbau, Toleranzraum und Passung

Das Handwerk als eigenständiger Erkenntnisstrang

Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 bildet einen weiteren, nicht aus den vorherigen Strängen abzuleitenden Entwicklungsfaden. Hier wurden Material, Maß, Winkel, Spiel, Reibung, Kraft, Verschleiß, Belastung und Bruch nicht zunächst theoretisch, sondern praktisch erfahren.

Der später zentrale Begriff des Toleranzraumes hat hier einen nachvollziehbaren Erfahrungsgrund. Eine technische Konstruktion funktioniert nicht deshalb, weil alle Bestandteile geometrisch vollkommen identisch oder spiegelbildlich sind. Gerade Spielräume, Freiwinkel und begrenzte Differenzen können notwendige Funktionsbedingungen darstellen.

Aus dieser handwerklichen Erfahrung entwickelte sich später das 51:49-Modell. Die Zahl ist innerhalb der Forschungskunst nicht als naturwissenschaftliches Universalgesetz zu verstehen. Sie dient als Verhältnisoperator für eine Minimalasymmetrie: Eine kleine Differenz kann Bewegung, Schnitt, Spielraum oder Korrektur ermöglichen.

Der technische Hintergrund bildet damit keinen Beweis für das 51:49-Prinzip in biologischen, sozialen oder philosophischen Zusammenhängen. Er stellt ein starkes Ausgangsreferenzsystem bereit, aus dem Analogien entwickelt werden können.

Vom Toleranzraum zum Passungsdenken

Der Toleranzraum erweitert die Frage nach dem Gegenüber. Etwas kann verschieden sein und dennoch funktionieren. Entscheidend ist nicht vollständige Identität, sondern Passung.

Diese Passung wurde im Verlauf der Forschung immer umfassender. Zunächst kann sie technisch gemeint sein: Passt ein Teil zu einem anderen, ohne zu klemmen oder zu brechen? Später wird gefragt, ob eine menschliche Tätigkeit zum Material, ein Organismus zum Medium, eine gesellschaftliche Ordnung zu ihren Lebensbedingungen oder ein Weltmodell zur Verletzungswirklichkeit passt.

Damit entwickelte sich Passung zu einer Brücke zwischen Handwerk und Forschungskunst. Noch offen ist allerdings, ob „Passung“ künftig einen eigenen Grundbegriff erhalten soll oder dem Referenz- und Toleranzmodell untergeordnet bleibt. Für die Gesamtarchitektur wäre eine ausdrückliche Bestimmung sinnvoll, weil Passung mehrere bisher getrennt behandelte Stränge miteinander verbindet.

IV. Von der gesellschaftlichen Katastrophenfrage zur Forschungskunst

„Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“

In den Jahren 1973/74 wurde innerhalb eines künstlerischen Seminars eine szenische Folge zu prognostizierten menschengemachten Katastrophen entwickelt und die Frage „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“ formuliert. Aus dieser Arbeit entwickelte sich laut biografischer Dokumentation eine jahrzehntelange Suche nach Lösungsmodellen und ein Programmentwurf für eine partizipative, repräsentative und verrichtungsbezogene Forschungskunst.

Damit beginnt eine neue Phase. Frühere Wahrnehmungs-, Fotografie- und Handwerkserfahrungen werden nun bewusster mit Kunst und Gesellschaft verbunden. Die Kunst wird nicht mehr nur als Herstellung von Bildern oder Plastiken verstanden. Sie soll Verfahren bereitstellen, mit denen gesellschaftliche und menschliche Prozesse untersucht werden können.

Die heutige Forschungskunst ist deshalb nicht nachträglich aus dem Begriff „Plexus“ entstanden. Umgekehrt ist Plexus eine spätere begriffliche Verdichtung einer bereits viel früher vorhandenen kunstpraktischen Forschungsorientierung.

V. Experimentelle Umweltgestaltung und Generalismus

Das frühe Labor verschiedener Erkenntnisformen

Während des Bildhauerstudiums entstanden zahlreiche Arbeiten, die heute als Vorläufer der Plexus-Operatorik gelesen werden können: naturwissenschaftliche Experimente, Wellenbecken, Synergie- und Regulationsversuche, Deichprofile nach dem Vorbild von Biberdämmen, Autoarbeiten, asymmetrische Formen, Non-finito-Vorgaben, Messungen, Malbücher und Frage-Antwort-Verfahren. Ein integrativer beziehungsweise generalistischer Studienansatz wurde ausdrücklich formuliert.

Diese Werkphase ist methodisch besonders wichtig. Sie zeigt, dass der heutige transdisziplinäre Anspruch nicht erst aus der Arbeit mit künstlicher Intelligenz entstanden ist. Bereits hier werden künstlerische, technische und naturwissenschaftliche Funktionsbausteine miteinander konfrontiert.

Der heutige Begriff „epistemisches Funktionsmodul“ kann als nachträgliche methodische Beschreibung dieser Arbeitsweise dienen. Er bedeutet, dass nicht komplette Wissenschaften in die Kunst übernommen werden, sondern bestimmte funktionsrelevante Erkenntnisteile. Ein Wellenbecken liefert beispielsweise nicht „die Physik“, sondern ein beobachtbares Modell von Ausbreitung, Störung und Rückwirkung. Ein Deichprofil liefert nicht „die Biologie“, kann aber mit dem Biberdamm auf Grenz- und Regulationsformen hin verglichen werden.

Die offene Frage besteht darin, wie genau die Grenze zwischen legitimer funktionaler Analogie und unzulässiger Gleichsetzung markiert wird. Diese Grenze muss künftig Bestandteil jeder Folie sein.

VI. Vom statischen Bild zum Prozess

„Ein abgebildeter Wirbel wirbelt nicht“

In der weiteren Werkentwicklung entstand ein entscheidendes Problem: Malerei und Plastik können Bewegungsformen darstellen, doch das dargestellte Geschehen vollzieht sich im Bild nicht tatsächlich. Diese Einsicht wurde in der Biografie ausdrücklich formuliert: Ein abgebildeter Wirbel wirbelt nicht. Daraus folgte eine verstärkte Orientierung auf Prozesse, Serien und politische beziehungsweise gesellschaftliche Abläufe.

Hier liegt ein wesentlicher Vorläufer der heutigen Unterscheidung zwischen Abbild und Verletzungswirklichkeit. Ein Foto eines Loches ist kein materielles Loch. Eine gezeichnete Welle besitzt keine reale Kraftwirkung. Ein Begriff „Hitze“ erzeugt keine Temperatur.

Gleichzeitig sind Abbilder nicht bedeutungslos. Sie ermöglichen Distanz, Vergleich und erneute Bearbeitung. Die spätere Foliengrammatik versucht deshalb nicht, das Bild zugunsten einer vermeintlich unmittelbaren Realität abzuschaffen. Sie verbindet Bild, Material und Tätigkeit.

Die Zielprojektion besteht in einem Erkenntnisverfahren, bei dem ein Bild jederzeit mit seinem materiellen oder prozessualen Gegenüber konfrontiert werden kann.

VII. Schultafel, Serien und korrigierbare Behauptung

Von der Darstellung eines Zustandes zur Darstellung eines Verlaufs

Mit den Schultafelarbeiten um 1989 wurden unterschiedliche Phasen eines Geschehens seriell dargestellt. Die Auseinandersetzung mit dem neuen Deutschland, gesellschaftlicher Veränderung und „Mauern in den Köpfen“ öffnete die Arbeit für zeitliche und politische Prozesse.

Die Schultafel besitzt heute eine weiterentwickelte methodische Funktion. Sie ist eine Behauptungsfläche, deren Inhalt nicht endgültig festgeschrieben ist. Kreide kann geschrieben, verändert und gelöscht werden. Dadurch wird die Korrigierbarkeit selbst Teil des Werkes.

Die spätere Idee der Goldschrift verschärft diesen Gegensatz. Wird eine Aussage nicht mit Kreide, sondern dauerhaft und symbolisch aufgewertet in Gold angebracht, verliert sie ihre Gleichrangigkeit mit den anderen vorläufigen Einträgen. Die goldene Idee wird zum Modell einer immunisierten Behauptung.

Damit verbindet sich die Schultafel mit Midas, Platon, Eigentum, Wert, Ideologie und Skulpturidentität. Das Material der Schrift wird zu einem Prüfoperator für den Geltungsanspruch einer Aussage.

VIII. Schöpfungsgeschichte, Landschaft und naturstrukturelle Prozesse

Die Landschaft als Labor

Die „Schöpfungsgeschichte“ der frühen 1990er-Jahre bildet einen weiteren entscheidenden Werkkomplex. Eine jahreszeitliche Arbeit in einer eiszeitlich geprägten Landschaft konfrontierte menschliche Herrschaftsvorstellungen mit naturstrukturellen Wachstums- und Prozessformen. Tanglandschaft, Abendmahltisch und weitere Elemente wurden in einen umfassenden Landschaftszusammenhang gebracht.

Hier treffen mehrere heute getrennt benannte Stränge bereits praktisch zusammen: Zeit, Boden, Geschichte, Naturprozess, menschliche Konstruktion, Symbol und Tätigkeit.

Besonders wichtig ist die später entwickelte Betrachtung des Bodens. Der gegenwärtige menschliche Spatenstich trifft auf eine materielle Struktur, deren Entstehungsgeschichte wesentlich älter ist als die Handlung selbst. Damit wird Zeit nicht mehr nur durch eine Uhr dargestellt. Vergangenheit ist materiell in der Gegenwart wirksam.

Aus diesem Werkbereich entwickelt sich heute eine Verbindung zur 24-Stunden-Uhr des Planeten und zum Millisekunden-Menschen: extrem kurze menschliche Handlungszeiten greifen in wesentlich längere Entstehungs- und Regenerationszeiten ein.

IX. Tanglandschaft, Membran und prozesshafte Form

Die Tanglandschaft erhält im gegenwärtigen Forschungsstand eine neue Bedeutung. Sie kann als Gegenbild zum Betonblock gelesen werden. Der Betonblock besitzt starre Kanten, Wiederholbarkeit und geometrische Abgrenzung. Tang verändert dagegen seine Form in Beziehung zu Wasser, Strömung, Untergrund und anderen Materialien.

Damit wird Tang zu einem Analogieträger einer prozessabhängigen Form. Diese Analogie kann mit der Zellmembran verbunden werden, darf aber nicht biologisch gleichgesetzt werden. Gemeinsam untersucht werden kann die Frage, wie eine Form unterscheidbar bleibt, obwohl ihre Grenze beweglich, durchlässig oder mediumabhängig ist.

Die Zielprojektion besteht in der Entwicklung einer plastischen Grenzvorstellung, die weder starre Isolation noch unterschiedslose Auflösung bedeutet.

X. Partizipation, Rollen und gesellschaftliche Versuchsräume

Augusto Boal und das Als-ob

In den 1980er-Jahren wurden Performances, Rollenexperimente, kreatives Wandern und Verfahren des Sofort-Theaters nach Augusto Boal eingesetzt. Diese Arbeiten bilden einen eigenständigen Ursprung der späteren Rollen- und Skulpturidentitätsproblematik.

Theater macht eine gesellschaftlich äußerst wichtige Unterscheidung praktisch erfahrbar. Ein Schauspieler ist nicht identisch mit seiner Rollenfigur. Das „Als-ob“ kann angenommen und wieder verlassen werden. Gerade weil Distanz besteht, kann die Rolle intensiv gespielt werden.

Die heutige Forschungshypothese lautet, dass gesellschaftliche Rollen problematisch werden können, wenn diese Distanz verloren geht. Aus „Ich spiele eine Rolle“ wird „Diese Rolle bin ich“. Beruf, Status, Eigentum, Geschlecht oder gesellschaftliche Funktion können dadurch zu einer Skulpturidentität verfestigt werden.

Der künstlerische Gegenentwurf ist nicht Rollenlosigkeit. Er besteht in der Fähigkeit, Rollen zu benutzen, ohne sie zum unveränderlichen Wesenskern zu machen.

XI. Die Tausend Tische als soziale Materialstruktur

Das „Globale Dorffest“ am Brandenburger Tor mit rund tausend Tapeziertischen gehört zu den wichtigen Vorläufern der heutigen Schwarm- und Mitmachstruktur.

Der Tisch besitzt dabei eine doppelte Funktion. Er ist ein banales materielles Objekt und zugleich eine temporäre soziale Infrastruktur. Viele gleiche Tische können einzeln benutzt, verbunden, umgestellt oder zu größeren Formationen zusammengesetzt werden.

Damit bilden die tausend Tische ein Gegenmodell sowohl zur monumentalen Einzelplastik als auch zur bloßen Menschenmenge. Die soziale Form entsteht aus einer Vielzahl temporärer Arbeitsflächen.

Im heutigen Forschungsansatz können die tausend Tische als Vorläufer einer analogen Schwarmintelligenz gelesen werden: Viele Menschen erhalten Ausgangsmaterial beziehungsweise eine gemeinsame Fragestellung, entwickeln aber unterschiedliche Antworten.

Offen bleibt, ob der Begriff „Tausend Tische“ im So-Heits-Atelier nur werkhistorisch verwendet oder als eigener methodischer Operator reaktiviert werden soll. Seine Verbindung zum Mitmachbuch und zur Globalen Schwarm-Intelligenz ist jedenfalls strukturell stark.

XII. Vom Partizipatorischen Welttheater zur Globalen Schwarm-Intelligenz

Das zwischen 2005 und 2019 entwickelte Partizipatorische Welttheater verband bereits Natur-Mensch-Beziehungen, unterschiedliche Module, Besucherbeteiligung, Interdependenz und die Vorstellung einer plastischen Welt. Der Besucher sollte Fragen stellen, Antworten geben und sich als plastisches Grenzwesen innerhalb der Lebensgemeinschaft wahrnehmen.

Damit ist die heutige Globale Schwarm-Intelligenz nicht als völlig neuer digitaler Ansatz zu verstehen. Sie setzt eine wesentlich ältere Vernetzungs- und Partizipationsgeschichte fort. Frühere Fax-Vernetzungen, Tausend-Tische-Strukturen, Malbücher, Frage-Antwort-Tische und partizipative Aktionen bilden analoge Vorläufer.

Seit 2023 wird diese Werkbewegung ausdrücklich auf einer professionellen Wiki-Plattform fortgeführt. Vorgabebilder, Collagen, Zeichnungen, Folien und Fotografien sollen dort verarbeitet, gedeutet und in neue Zusammenhänge gebracht werden.

Die Zielprojektion besteht nicht nur in der Sammlung von Beiträgen. Schwarmintelligenz wird zunehmend als Korrekturstruktur verstanden. Viele Menschen erzeugen nicht automatisch Intelligenz. Wenn alle dieselbe Strukturidentität reproduzieren, entsteht nur eine größere kollektive Verfestigung. Intelligenz setzt unterschiedliche Gegenüber, Vergleich, Widerspruch und Korrektur voraus.

XIII. Das Wirklichkeitsverständnis: Von der Dingwelt zur Plexuswirklichkeit

Wirklichkeit nicht als Ansammlung fertiger Gegenstände

Aus Fotografie, Landschaft, Handwerk, Naturprozess, gesellschaftlicher Erfahrung und Materialarbeit entstand allmählich ein Wirklichkeitsverständnis, das die isolierte Dingeinheit zunehmend problematisiert.

Zwischenzeitlich wurde der Begriff „Erscheinung“ grundsätzlich infrage gestellt. Auch diese Kritik musste präzisiert werden. Es wäre sprachlich und philosophiegeschichtlich zu weitgehend zu behaupten, Erscheinungen existierten überhaupt nicht. Die tragfähigere Formulierung lautet, dass das, was erscheint, nicht automatisch eine von seinen Bedingungen unabhängige Wirklichkeitseinheit bildet.

Daraus entwickelte sich der Begriff der Plexuskonfiguration: Etwas kann als unterscheidbare Form ausgewählt werden, bleibt aber Bestandteil umfassenderer Wirk-, Entstehungs- und Folgenzusammenhänge.

Die Plexuswirklichkeit bezeichnet den umfassenderen Zusammenhang, der niemals vollständig durch ein einzelnes Bild, Referenzsystem oder Modell erfasst wird.

So-Heit

Der Begriff So-Heit ist innerhalb dieses Zusammenhangs nicht als Behauptung eines unveränderlichen Wesenskerns zu verstehen. Er bezeichnet zunehmend eine jeweils prüfbare Verbindung von Material, Entstehung, Beziehung, Gebrauch, Zuschreibung und Folge.

Damit unterscheidet sich So-Heit von essentialistischen Identitätsvorstellungen. Ein Gegenstand „ist“ nicht unabhängig von den Beziehungen, innerhalb derer seine Funktion entsteht. Ein Mensch „ist“ nicht nur seine gesellschaftliche Rolle.

Die Zielprojektion ist daher eine Wirklichkeitsbeschreibung, die genügend Unterscheidung zulässt, um handlungsfähig zu sein, aber genügend Offenheit erhält, um Beziehungen und Veränderungen mitzudenken.

XIV. Das Vier-Ebenen-Modell E1–E4

Das Vier-Ebenen-Modell ist eine spätere Komprimierung vieler älterer Arbeiten. Es bildet keine wissenschaftlich etablierte Ontologie, sondern einen Forschungskunst-Prüfrahmen.

E1 umfasst Material, Kraft, Last, Widerstand, Temperatur, Bruch und andere physikalisch-chemische Bedingungen. E2 bezeichnet Organismus, Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Regulation und Regeneration. E3 umfasst gesellschaftliche und symbolische Konstruktionen wie Geld, Eigentum, Rolle, Gesetz, Religion, Wert und Identität. E4 bezeichnet die Ebene der Prüfung, Rückkopplung und Reparatur.

Methodisch entscheidend ist nicht die bloße Einteilung. Entscheidend ist die Prüfung von Übergängen. Eine E3-Konstruktion kann gesellschaftlich äußerst real wirksam sein. Eigentum beispielsweise kann Zugang, Verhalten und Verfügungsrechte bestimmen. Dennoch ist Eigentum keine materielle Eigenschaft desselben Typs wie Masse oder Temperatur.

Die Zielprojektion des Modells besteht darin, Kategorienfehler sichtbar zu machen und E3-Konstruktionen an ihren E1- und E2-Folgen zu prüfen.

Eine offene Frage ist, ob E4 tatsächlich eine gleichartige „Ebene“ darstellt oder besser als Operator beschrieben werden sollte. Da E4 die anderen Ebenen prüft, besitzt sie methodisch eine andere Funktion als E1 bis E3. Diese Unterscheidung sollte künftig ausdrücklich gemacht werden.

XV. Plastisches Ich, Plastische Identität und Skulpturidentität

Die Unterscheidung zwischen Plastischem Ich beziehungsweise Plastischer Identität und Skulpturidentität gehört inzwischen zu den tragenden anthropologischen Modellen.

Plastisch bezeichnet eine Form, die Eigenstruktur besitzt, aber auf Widerstand, Erfahrung und Rückmeldung reagieren kann. Skulpturalisierung bezeichnet dagegen die Verfestigung einer vorläufigen Form zu einer vermeintlich unveränderlichen Identität.

Diese Begriffe entstanden aus dem bildhauerischen Handwerk, der Rollenarbeit, dem Materialwiderstand und der gesellschaftlichen Identitätskritik. Sie sind nicht psychologische Diagnosen.

Das Ziel besteht nicht darin, jede Stabilität aufzulösen. Auch eine plastische Form benötigt Kontinuität. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob eine Identität Korrektur zulässt.

Hier besteht eine begriffliche Doppelung: „Plastisches Ich“ und „Plastische Identität“ werden teilweise für nahe Sachverhalte verwendet. Für die weitere Systematik wäre eine klare Trennung sinnvoll. „Plastisches Ich“ könnte stärker den organismisch-lebendigen Selbstprozess E2 bezeichnen, „Plastische Identität“ dagegen die Fähigkeit eines Menschen, seine E3-Selbstbeschreibungen veränderbar zu halten.

XVI. Der Toleranzraum wird durch das Referenzsystem erweitert

Der Toleranzraum war zunächst ein technisch-handwerklich geprägter Begriff. Erst wesentlich später entstand durch andere Erfahrungen, unter anderem die wiederholte Auseinandersetzung mit medizinischen Blutwerten und Referenzbereichen, der Begriff des Referenzsystems.

Damit veränderte sich die Frage. Der Toleranzraum fragt, innerhalb welcher Abweichungen etwas funktioniert. Das Referenzsystem fragt grundlegender, nach welchem Maßstab „zu viel“, „zu wenig“, „normal“, „gefährlich“ oder „erfolgreich“ überhaupt bestimmt wird.

Der Referenzbegriff ermöglichte neue Analogien. Zellmembran, Osmose, habitable Zone, Maschinenbautoleranz und gesellschaftliche Bewertung mussten nicht länger unmittelbar miteinander gleichgesetzt werden. Sie konnten vielmehr daraufhin untersucht werden, welche Referenzbedingungen jeweils Funktionsbereiche bestimmen.

Dieser begriffliche Schritt war eine echte Komprimierung: Ein später gefundener Begriff machte frühere Erfahrungen auf eine neue Weise miteinander verbindbar.

XVII. Vom Referenzsystem zum Referenzplexus

Auch der Begriff Referenzsystem erwies sich als nicht ausreichend. Ein System kann innerhalb seines eigenen Bezugsrahmens erfolgreich sein und gleichzeitig umfassendere Voraussetzungen schädigen.

Ein wirtschaftliches System kann Gewinn erzeugen und gleichzeitig soziale oder ökologische Schäden externalisieren. Ein technisches System kann seinen unmittelbaren Zweck erfüllen, während seine Herstellung langfristige Folgen besitzt.

Daraus entstand der Begriff Referenzplexus. Er bezeichnet die Überlagerung verschiedener Bezugssysteme und verhindert, dass ein lokaler Maßstab zum universalen Wahrheitsmaßstab erklärt wird.

Die offene begriffliche Frage besteht darin, „Referenzmodell“, „Referenzsystem“, „Referenzbewertungssystem“ und „Referenzplexus“ künftig klarer zu trennen. Gegenwärtig besitzen sie teilweise überlappende Funktionen.

Eine mögliche Vereinfachung wäre: Ein Referenzmodell ist die innere oder theoretische Darstellung eines Zusammenhanges; ein Referenzsystem ist der konkrete Bezugsrahmen einer Bewertung; der Referenzplexus bezeichnet das Verhältnis mehrerer solcher Systeme.

XVIII. Das dreifache Optimum

Aus den Referenzüberlegungen entstand die Vorstellung dreier ineinanderliegender Optima. Das umfassendere Mediumoptimum wird beispielsweise durch Wasser und seine Bewegungsbedingungen repräsentiert. Darin befindet sich das Organismusoptimum des Hais, dessen Körperform und Verhalten über sehr lange evolutionäre Prozesse mit bestimmten Umweltbedingungen gekoppelt wurden. Innerhalb dessen gibt es wiederum das kleinere situative Handlungsoptimum.

Diese Struktur ist als Forschungskunst-Modell zu behandeln, nicht als etablierte biologische Terminologie.

Ihre methodische Bedeutung liegt darin, dass ein kleines Optimum nicht automatisch das größere bestimmen darf. Was für eine einzelne Handlung kurzfristig optimal erscheint, kann für den Organismus oder das Medium schädlich sein.

Damit entsteht eine Verbindung zu Ökonomie und Millisekunden-Mensch: Ein lokales Gewinnoptimum darf nicht ohne Prüfung zum Maßstab des planetarischen Tragsystems werden.

XIX. 51:49, 50:50 und 1:99

Das 51:49-Modell entwickelte sich aus Passung, Freiwinkel, Differenz und dem Interesse an Minimalasymmetrie. 50:50 bezeichnet demgegenüber die Gefahr einer gedanklich perfekten Symmetrie, die notwendige Bewegungs- oder Spielräume unterschlägt. 1:99 markiert die mögliche gesellschaftliche Drift zu extremer Ungleichheit und Herrschaft.

Diese Zahlen besitzen im Forschungsansatz unterschiedliche Status. 51:49 ist ein künstlerischer Verhältnisoperator. 50:50 bezeichnet eine kritisierte Symmetrievorstellung. 1:99 ist ein gesellschaftlich-politisches Bild extremer Konzentration. Sie dürfen nicht zu einem einheitlichen mathematischen Naturgesetz verschmolzen werden.

Die Vereinfachung besteht darin, sie künftig ausdrücklich als drei verschiedene Operatoren zu kennzeichnen: Minimalasymmetrie, Symmetrieillusion und Konzentrationsdrift.

XX. Das Urprinzip und seine Korrektur

Im Gespräch entstand die Vermutung eines inneren Urprinzips, das Assoziationen, Bilder, technische Erfahrungen, Gefühle und Ideen miteinander verbindet. Zunächst drohte daraus die Vorstellung eines einzigen universalen Mechanismus zu entstehen.

Diese Vorstellung wurde korrigiert. Osmose, Bohrergeometrie, Zellmembran, habitable Zone und gesellschaftliche Prozesse besitzen keine identischen Sachmechanismen. Ein gemeinsames Prinzip kann höchstens auf einer zweiten Ebene angenommen werden: als wiederkehrende Such- und Prüfbewegung.

Daraus entstand der Begriff des generativen Plexus-Grundoperators. Er beschreibt eine innere Formdynamik, die in unterschiedlichen Sachbereichen nach Beziehungen von Grenze, Differenz, Toleranz, Rückkopplung und Tragfähigkeit sucht.

Die entscheidende Selbstkorrektur lautet: Dieser Operator darf nicht nur Beispiele für seine eigene Richtigkeit sammeln. Das Gegenüber muss das Modell verändern können.

Damit wird die Gefahr einer Ideologie ausdrücklich in das eigene Verfahren eingebaut.

XXI. Doppelte Spirale und Rückkopplungsrichtung

Die doppelte Spirale entwickelte sich als mögliches Bild zweier gegenläufiger Bewegungen. Eine Richtung geht vom inneren Modell zum Gegenüber und sucht nach passenden Relationen. Die andere Richtung führt Abweichungen und Widersprüche des Gegenübers zum inneren Modell zurück.

Das 51:49 beziehungsweise 49:51 kann in dieser Folie eine wechselnde Minimalasymmetrie symbolisieren. Es handelt sich jedoch ausdrücklich nicht um eine gemessene Gehirnfunktion.

Die doppelte Spirale ist somit ein Forschungskunst-Modell für projektionale und korrektive Erkenntnisbewegung. Noch offen ist, ob die Spirale als eigenständiger Grundoperator benötigt wird oder ob Rückkopplung, Membran und Referenzsystem bereits genügend leisten. Hier besteht Vereinfachungspotenzial.

XXII. Gegenüberstellung, Distanz und Lernen

Die Frage nach Lernen gehört zu den ältesten Erfahrungssträngen und wurde im jüngsten Forschungsstand neu mit den Folien verbunden.

Distanz bedeutet dabei keine vollständige Trennung. Sie bezeichnet den Zwischenraum, in dem vorhandene Vorstellung und Gegenüber miteinander verglichen werden können. Ohne diesen Abstand gibt es keine Korrektur.

Das künstlerische Werk kann zum Gegenüber des Künstlers werden. Das Foto wird zum Gegenüber seiner Erinnerung. Die Schultafel macht eine Aussage äußerlich sichtbar. Das Mitmachbuch macht die Folienkombination zum Gegenstand einer erneuten Betrachtung.

Wissenschaftlich anschlussfähig ist daran, dass Lernen, Analogiebildung, externe Repräsentation und konzeptuelle Veränderung tatsächlich wichtige Forschungsfelder der Kognitionswissenschaft darstellen. Nicht wissenschaftlich belegt ist bislang die weitergehende Behauptung, die Plexus-Foliengrammatik verändere dauerhaft das Denken ihrer Benutzer. Das wäre eine empirische Forschungsfrage.

Die Zielprojektion lautet deshalb präziser: Das Mitmachbuch soll Bedingungen für ein Training plastischer Urteilskraft bereitstellen. Ob und unter welchen Bedingungen dies tatsächlich gelingt, müsste beobachtet und untersucht werden.

XXIII. Kognitionswissenschaft als Referenz, nicht als Fundament

Zwischenzeitlich entstand die Frage, ob Kognitionswissenschaft die Grundlage dieser Arbeitsweise erklären könne. Die inzwischen tragfähigere Position lautet, dass sie Teilvorgänge beschreiben kann, aber nicht Fundament der Plexus-Operatorik ist.

Begriffe wie mentale Modelle, Schemata, Analogiebildung, epistemische Neugier, Unsicherheitsverarbeitung oder kognitive Geschlossenheit können Vergleichsmöglichkeiten bereitstellen. Sie erklären jedoch weder die biografische Entstehung Ihres Werkes noch dessen normative Zielprojektion.

Der Forschungsansatz sollte deshalb nicht nachträglich kognitionswissenschaftlich legitimiert werden. Umgekehrt kann die Kognitionswissenschaft als externes Referenzfeld genutzt werden, um konkrete Wirkungsfragen des Mitmachbuches zu überprüfen.

XXIV. Erfahrung, Erfolg, Spiel und Komprimierung

Ein bisher unterschätzter Forschungsfaden liegt in den Erfolgserlebnissen und dem Spielerischen. Fotografie ermöglichte früh sichtbare Ergebnisse. Material konnte verändert, etwas konnte hergestellt und anderen gezeigt werden.

Diese Erfahrung setzt sich in vielen späteren Arbeiten fort. Malbücher, kreatives Wandern, Tonarbeiten, Auto und Umwelt, Frage-Antwort-Tische und Theater sind keine bloßen didaktischen Techniken. Sie ermöglichen spielerische Versuchsanordnungen.

Das Spielerische wird dadurch zu einem möglichen eigenständigen Urprinzip. Es erlaubt Kombinationen, bevor ihre Richtigkeit feststeht. Dadurch unterscheidet es sich vom Dogma.

Die über Jahrzehnte wiederholte Verbindung von Bildern, Assoziationen und Texten führte schließlich zu einer zunehmenden Komprimierung. Ein einzelnes Bild konnte immer mehr Funktionszusammenhänge aktivieren. Aus vielen Beispielen entstanden Begriffe wie Toleranzraum, Referenzsystem oder Plexus.

Komprimierung bedeutet daher nicht Verkürzung allein. Sie bedeutet die Herausarbeitung eines übertragbaren relationalen Kerns.

XXV. Das künstlerische Dreieck

Die bildnerische Arbeit wurde im Gespräch zu einem eigenen Erkenntnismodell verdichtet. Im Kopf des Künstlers befindet sich keine vollständig fertige Vorlage, sondern ein vorläufiges inneres Modell. Hände und Werkzeug übertragen diese Vorstellung in Material. Das entstehende Werk tritt dem Künstler gegenüber und kann seine ursprüngliche Vorstellung korrigieren.

Das künstlerische Dreieck verbindet Vorstellung, Tätigkeit und Gegenüber. Materialwiderstand, handwerkliches Können, Scheitern und Distanz sind dabei keine Nebensachen, sondern Erkenntnisbedingungen.

Der Künstler muss außerdem loslassen können. Ein Werk darf nicht unbegrenzt der ursprünglichen Vorstellung unterworfen bleiben.

Aus diesem Modell entwickelt sich eine weitergehende Zielprojektion: Könnten gesellschaftliche Weltmodelle ähnlich behandelt werden wie ein künstlerischer Entwurf? Sie dürften eine Zielvorstellung besitzen, müssten aber Widerspruch, Scheitern und Veränderung zulassen.

Das künstlerische Dreieck wird damit zu einem möglichen Reparaturoperator.

XXVI. Tätigkeitskonsequenzen

Eine dritte Hauptfolie entstand aus der Frage, was geschieht, wenn eine innere Vorstellung tatsächlich handlungswirksam wird.

Die Hand greift ein Werkzeug. Das Werkzeug überträgt Kräfte. Das Material reagiert. Zwischen Zielprojektion und tatsächlicher Folge entsteht eine Wirkungskette.

Damit wird der Begriff Tätigkeitskonsequenz genauer als „Handlung“. Eine Handlung kann aus der Perspektive des Menschen beschrieben werden. Die Tätigkeitskonsequenz umfasst zusätzlich, was im bearbeiteten Zusammenhang tatsächlich geschieht.

Diese Differenz ist für die Ausgangsfrage nach der Selbstzerstörung zentral. Menschen müssen ihre Lebensgrundlagen nicht zerstören wollen. Es genügt, wenn ihre lokalen Handlungen erfolgreich erscheinen und die weiterreichenden Konsequenzen aus dem verwendeten Referenzsystem herausfallen.

XXVII. Der Spaten als Tätigkeitsoperator

Der Spaten verdichtet diese Zusammenhänge. Hand, Griff, Stiel, Schneide und Mutterboden bilden eine Kette von Kontakt- und Übertragungsstellen.

Die Handlungsabsicht liegt im Menschen. Das Loch entsteht im Boden.

Dadurch kann die Differenz zwischen Vorstellung und Verletzungswirklichkeit unmittelbar sichtbar gemacht werden.

Der Spaten verbindet zudem Gegenwart und Vergangenheit. Ein gegenwärtiger Spatenstich kann in einen Boden eingreifen, dessen materielle Entstehung wesentlich älter ist. Kurze Tätigkeitszeit trifft auf lange Bodenzeit.

Damit verbindet der Spaten Handwerk, Lochprozess, Zeit, Eigentum und planetarische Kalibrierung.

XXVIII. Gold, Midas und Symbolwert

Mit dem vergoldeten Spaten entsteht eine weitere Ebene. Gold besitzt materielle Eigenschaften und zugleich kulturell zugeschriebene Werteigenschaften. Diese Ebenen dürfen nicht verwechselt werden.

Wird der Griff vergoldet, tritt symbolische Aufwertung zwischen Hand und Werkzeug. Wird die Schneide vergoldet, liegt sie genau an der Kontaktstelle zwischen Werkzeug und Boden.

Der Midas-Mythos wird dabei zu einem kulturellen Analogieträger. Maximale Wertsteigerung innerhalb eines Goldreferenzsystems kann die Lebensfunktion zerstören. Nahrung, die zu Gold wird, erfüllt ihre organismische Funktion nicht mehr.

Midas wird damit als Referenzsystemkonflikt gelesen und nicht bloß als moralische Geschichte über Gier.

XXIX. Symbol- und Eigenschaftsbildung

Eigentum, Geld, Rolle, Freiheit, Seele, Nation, Gesetz oder Wert sind im Forschungsansatz weder einfach unwirklich noch mit materiellen Eigenschaften identisch.

Die inzwischen entwickelte Differenzierung lautet: Es gibt materiell vorhandene Eigenschaften, organismisch wirksame Prozesse, technisch hergestellte Formen, gesellschaftlich zugeschriebene Geltungen und symbolisch behauptete Eigenschaften.

Der zentrale Fehler entsteht, wenn zwischen diesen Wirklichkeitsweisen unbemerkt gewechselt wird.

Ein Grundstück besitzt materielle Eigenschaften. Die Eigentumsgrenze ist gesellschaftlich wirksam, aber nicht als chemische Linie im Boden vorhanden. Geld besitzt materielle oder digitale Träger, während sein Wert gesellschaftlich erzeugt wird. Ein Mensch besitzt einen Organismus und kann gleichzeitig eine Berufsrolle tragen.

Die Zielprojektion besteht darin, diese Schichten nicht gegeneinander auszuspielen, sondern ihre jeweilige Wirkungsweise sichtbar zu halten.

XXX. Eigentum als Ausschnitt

Das Eigentum lässt sich unmittelbar mit der fotografischen Dingselektion verbinden. Ein Quadratmeter Landschaft wird symbolisch beziehungsweise rechtlich herausgeschnitten und einer Person zugeschrieben.

Die Linie ist gesellschaftlich äußerst wirksam. Wasser, Bodenorganismen, Wurzeln oder Luftbewegungen folgen ihr jedoch nicht automatisch.

Damit entsteht ein besonders deutliches Beispiel dafür, wie ein E3-Referenzsystem in einen E1/E2-Zusammenhang eingeschrieben wird.

Die offene Forschungsfrage lautet nicht, ob Eigentum grundsätzlich abgeschafft werden soll, sondern welche Reichweite der Eigentumsoperator besitzen darf und an welchen umfassenderen Tragbedingungen seine Geltung endet.

XXXI. Geld und ökonomisches Referenzsystem

Der Geldoperator führt eine ähnliche Reduktion durch. Unterschiedliche Tätigkeiten, Materialien und Güter werden über Preise vergleichbar gemacht.

Diese Operation besitzt eine enorme gesellschaftliche Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig bleiben zahlreiche Eigenschaften außerhalb des monetären Referenzsystems.

Das Problem ist daher nicht der Preis als solcher. Problematisch wird seine Verabsolutierung. Wenn Preis oder Gewinn zum obersten Referenzsystem werden, können organismische, soziale und planetarische Konsequenzen aus der Bewertung herausfallen.

Dies verbindet sich mit der früheren 1:99-Herrschafts- und Statusproblematik.

XXXII. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleichsfolien

Platon

Die Platon-Folie untersucht die historisch wirkmächtige Unterscheidung zwischen veränderlicher sinnlicher Welt und unveränderlicher Ideenordnung. Historisch wäre es falsch, Platon auf die Behauptung einer beliebigen Parallelwelt zu reduzieren.

Für die Plexus-Operatorik interessiert die strukturelle Frage, wann ein geistiges Modell einen höheren Wirklichkeitsrang erhält als der veränderliche materielle beziehungsweise lebendige Zusammenhang.

Die Zielprojektion besteht darin, Idealisierung als möglichen Erkenntnisgewinn und als mögliche Skulpturalisierung gleichzeitig sichtbar zu machen.

Aristoteles

Aristoteles dient als Kontrastfolie, weil Form, Material, Bewegung und Zielrichtung stärker im werdenden Zusammenhang gedacht werden können. Die Pflanzenentwicklung ist dabei ein geeigneter Analogieträger.

Auch hier gilt: Die Folie stellt keine vollständige Aristoteles-Interpretation dar. Sie extrahiert einen für die Forschungsfrage relevanten Funktionsunterschied.

Christentum und Seele

Die christliche beziehungsweise abendländische Leib-Seele-Tradition wird in der Foliengrammatik über Körper, aufsteigende Seele, Himmel und Gold untersucht.

Die Forschungskunst-Hypothese richtet sich nicht gegen Religion als solche. Untersucht wird, wie eine hineingedachte geistige Eigenschaft den Status eines eigenständigen inneren Wesens erhalten kann.

Descartes

Descartes wird über die Formel der denkenden Selbstgewissheit zum Prüfobjekt. Historisch darf seine Philosophie nicht auf „weil ich denke, existiere ich“ reduziert werden.

Für die eigene Fragestellung ist jedoch entscheidend, ob das denkende Selbstmodell so weit vom organismischen Träger gelöst wird, dass Verletzungs- und Abhängigkeitsbedingungen ausgeblendet werden.

Athene und Kopfgeburt

Die Kopfgeburt Athenes bildet ein mythologisches Gegenbild zur natürlichen Geburt. Eine fertige Gestalt tritt aus dem Kopf hervor.

Sie eignet sich deshalb als bildnerischer Operator dafür, wie geistige Konstruktionen scheinbar selbständige Gestalt erhalten.

Midas

Midas repräsentiert die Verabsolutierung eines Wertreferenzsystems.

Diese kulturgeschichtlichen Folien erfüllen somit keine Beweisfunktion. Sie stellen historische Denk- und Bildmodelle zur Verfügung, an denen bestimmte Strukturfragen der Plexus-Operatorik geprüft werden.

XXXIII. Der Lochprozess als jüngste begriffliche Verdichtung

Der Lochprozess gehört zu den jüngsten Komprimierungsbegriffen. Er darf deshalb nicht rückwirkend als Ursprung älterer Arbeiten dargestellt werden.

Seine Stärke besteht darin, sehr verschiedene bereits vorhandene Werkfäden neu miteinander verbinden zu können: Fotografie, Ausschnitt, Geburt, Grenze, Membran, Spaten, Eis, Glas, Eigentum, Gehirnlücke, Rückkopplung, Wissen und Zeit.

Ein Lochprozess wurde dabei inzwischen als zeitliche Veränderung einer Grenze, Verbindung, Trägerstruktur oder Referenzordnung definiert.

Entscheidend ist, dass nicht jedes Loch negativ ist.

XXXIV. Produktive Lochprozesse

Die Zellmembran besitzt regulierte Öffnungen. Geburt ist ein Übergang zwischen unterschiedlichen Abhängigkeitsordnungen. Die Wissenslücke kann Neugier erzeugen. Die offene Gehirnfläche ermöglicht Modellwechsel. Eine Schultafel lässt Korrektur zu.

Diese Lochprozesse erzeugen keine bloße Zerstörung. Sie ermöglichen Austausch, Übergang, Lernen oder Veränderung.

Die Zielprojektion lautet daher nicht, Löcher zu verhindern, sondern unterschiedliche Lochqualitäten zu unterscheiden.

XXXV. Destruktive Lochprozesse

Ein Loch in einer zu dünnen Eisfläche kann einen abrupten Wechsel von Tragfähigkeit zu Lebensgefahr erzeugen. Ein Loch in einem Schiffsrumpf kann das Verhältnis zwischen Innen und Außen umkehren. Eine Glasscheibe kann durch die Tätigkeit desjenigen zerstört werden, den sie selbst trägt.

Der katastrophale Lochprozess ist daher eine besondere Form der Grenzveränderung, bei der eine tragende Beziehung verloren geht.

Die Glasscheibe ist hierbei ein besonders verdichteter Operator Ihrer Lebensfrage: Der Mensch schlägt Löcher in genau jene Fläche, auf der er selbst steht.

XXXVI. Rückkopplungsloch

Der wahrscheinlich wichtigste Lochprozess für die Ausgangsfrage ist das Rückkopplungsloch.

Eine Folge entsteht, wird aber nicht in das verantwortliche Welt- oder Handlungsmodell zurückgeführt. Der Mensch kann die Information sogar besitzen und dennoch weiterhandeln, als gäbe es sie nicht.

Damit verändert sich die Leitfrage. Das Problem könnte weniger darin liegen, dass der Mensch grundsätzlich nichts weiß, sondern darin, dass zwischen Wissen, Konsequenz und Korrektur Unterbrechungen entstehen.

Diese Hypothese müsste künftig stärker mit konkreten historischen und gesellschaftlichen Beispielen untersucht werden.

XXXVII. Zeit als zentrale Dimension

Die jüngste Entwicklung zeigt, dass Lochprozess, Membran, Tätigkeit und Referenzsystem ohne Zeit nicht ausreichend verstanden werden können.

Tier, Pflanze und Organismus befinden sich in fortlaufenden gegenwärtigen Regulationsprozessen. Molekulare Vorgänge folgen ihren physikalisch-chemischen Bedingungen. Der Mensch kann darüber hinaus Vergangenheit erinnern und Zukunft modellieren.

Dadurch entstehen zusätzliche Möglichkeiten und zusätzliche Löcher.

Eine Tätigkeit findet gegenwärtig statt, ihre Ursachen können weit zurückliegen und ihre Folgen weit in die Zukunft reichen.

XXXVIII. Gegenwart als Membran

Die Gegenwart kann deshalb als zeitliche Membran der Plexus-Operatorik verstanden werden. Sie ist die Übergangszone, an der Vorstellung zur Tätigkeit und Tätigkeit zur tatsächlichen Folge wird.

Diese Membran darf nicht als physikalische Theorie der Zeit verstanden werden. Sie ist ein künstlerischer Operator.

Ihre Stärke besteht darin, die bisher getrennten Themen Lernen, Handlung und Lochprozess miteinander zu verbinden. Vergangenheitsmodelle und Zukunftsprojektionen treffen in der Gegenwart auf die Verletzungswirklichkeit.

XXXIX. Vergangenheits- und Zukunftsloch

Ein Vergangenheitsloch entsteht, wenn ein gegenwärtiger Zustand so behandelt wird, als besitze er keine Entstehungsgeschichte. Ein Zukunftsloch entsteht, wenn eine gegenwärtige Handlung so bewertet wird, als besitze sie keine langfristigen Folgen.

Die 24-Stunden-Uhr des Planeten bildet hierfür einen zentralen Kalibrierungsoperator. Sie setzt kurze menschliche Zeiträume ins Verhältnis zur Erdgeschichte.

Der Begriff des Millisekunden-Menschen verdichtet die Kritik: Ein extrem junger gesellschaftlicher oder technischer Zusammenhang wird behandelt, als könne er die wesentlich älteren Tragbedingungen des Planeten ersetzen.

XL. Membran, Deich, Schiff und Flugzeug

Die Membranfrage wird inzwischen nicht mehr nur biologisch bearbeitet. Deich, Schiff, Flugzeug, Thermosflasche und Astronautenanzug liefern unterschiedliche technische Grenzmodelle.

Ein Deich reguliert den Unterschied zwischen Wasser und Land. Ein kontrollierter Durchlass kann funktional sein; ein Deichbruch ist ein Katastrophenloch.

Der Schiffsrumpf erzeugt eine bewegliche Grenze innerhalb des Wassers. Eine Öffnung oberhalb der Wasserlinie besitzt eine andere Bedeutung als ein Loch unterhalb.

Das Flugzeug erzeugt einen technisch regulierten Innenraum innerhalb veränderter atmosphärischer Bedingungen.

Diese Beispiele dürfen nicht zu einem gemeinsamen naturwissenschaftlichen Mechanismus erklärt werden. Als Plexus-Operatoren untersuchen sie jedoch dieselbe Funktionsfrage: Welche Grenze benötigt ein System, welche Öffnungen sind notwendig und wann zerstört eine Grenzveränderung die Tragfähigkeit?

XLI. Schwimmen und plastische Freiheit

Der Schwimmer bildet eine wichtige Gegenfolie zur Behauptung „Ich bin frei“.

Schwimmfähigkeit entsteht nicht dadurch, dass der Mensch vom Wasser unabhängig wird. Sie entsteht durch eine erlernte Passung zwischen Körper, Atmung, Bewegung, Auftrieb und Widerstand.

Damit liefert das Schwimmen ein besonders klares Modell plastischer Freiheit. Freiheit besteht in Bewegungsfähigkeit innerhalb erkannter Bedingungen.

Die symbolische Selbstbehauptung allein besitzt im Wasser keine tragende Kraft.

XLII. Verletzungswirklichkeit und Tragwirklichkeit

Die Begriffe Verletzungswirklichkeit und Tragwirklichkeit werden gegenwärtig teilweise überlappend verwendet.

Tragwirklichkeit betont die Bedingungen, die etwas ermöglichen und tragen. Verletzungswirklichkeit betont, dass Materialien, Organismen und Systeme Grenzen besitzen und beschädigt werden können.

Beide Begriffe sind nützlich, sollten aber nicht synonym verwendet werden. Eine mögliche Vereinfachung lautet: Tragwirklichkeit bezeichnet die umfassenden Ermöglichungsbedingungen; Verletzungswirklichkeit bezeichnet deren Grenz- und Schadensseite.

Plexuswirklichkeit wäre demgegenüber der umfassendere relationale Begriff.

XLIII. Begriffshandwerk

Die gesamte bisherige Entwicklung zeigt, dass Begriffe in Ihrer Forschung nicht nur Benennungen sind. Sie funktionieren wie Werkzeuge.

Ein Begriff wird zunächst hergestellt, an unterschiedlichen Beispielen ausprobiert, verändert und gegebenenfalls verworfen. Der Übergang vom Toleranzraum zum Referenzsystem ist dafür exemplarisch.

Auch „Erscheinung“ wurde problematisch und durch präzisere Formulierungen wie Plexuskonfiguration relativiert. „Gemeinsamer Mechanismus“ wurde vom vermeintlichen gemeinsamen Sachmechanismus zum Mechanismus zweiter Ordnung beziehungsweise generativen Prüfoperator korrigiert.

Der Lochprozess ist gegenwärtig noch in einer solchen Prüfphase.

Begriffshandwerk bedeutet deshalb, dass auch die zentralen Termini keinen Goldstatus erhalten dürfen.

XLIV. Prüfanker

Aus dem bisherigen Gespräch ergeben sich mehrere Prüfanker. Dazu gehören Referenzsystem, Toleranzraum, 51:49, Tätigkeitskonsequenz, Rückkopplung, Verletzungswirklichkeit, Zeit, Analogiegrenze und Korrekturfähigkeit.

Diese Anker dürfen nicht zu einer endlosen Sammlung werden. Ihre Funktion besteht darin, unterschiedliche Folien und Werkobjekte immer wieder an denselben wenigen Fragen zu prüfen.

Eine sinnvolle zukünftige Komprimierung könnte auf sechs Grundfragen hinauslaufen: Was wird ausgewählt? In welchem Referenzsystem gilt die Aussage? Wovon ist die Form abhängig? Welche Tätigkeit verändert sie? Welche Folgen entstehen in der Zeit? Kann die Rückmeldung das Ausgangsmodell korrigieren?

Damit ließe sich die derzeit große Zahl von Einzeloperatoren methodisch vereinfachen.

XLV. Künstlerische Prüfobjekte als materialisierte Fragen

Die historischen und neu entwickelten Objekte bilden kein bloßes Illustrationsarchiv. Sie besitzen unterschiedliche Prüffunktionen.

Das Wellenbecken prüft reale Bewegung gegenüber Abbild. Der Betonblock prüft Starrheit und Standardisierung. Die Zellmembran prüft regulierte Grenze. Der Spaten prüft Tätigkeit. Der Sandtrichter prüft Standort und Folgewirkung. Die Glasscheibe prüft selbst erzeugte Tragfähigkeitszerstörung. Die Eisfläche prüft Toleranz und Kipppunkt. Der Astronautenanzug prüft scheinbare Autonomie. Der Schwimmer prüft plastische Freiheit. Die Thermosflasche prüft Isolation. Der vergoldete Spaten und die Kartoffel prüfen Wertüberlagerung. Der Abendmahltisch prüft symbolische Requisitenbildung. Die Schultafel prüft Korrigierbarkeit.

Ältere Werkverfahren wie „Auto und Umwelt“ oder die Tonarbeit mit Wunsch- und Realitätstasse passen vollständig in diese Struktur. In beiden Fällen wird eine Vorstellung materialisiert und anschließend an Funktion, Material und Tätigkeitsmöglichkeit geprüft.

XLVI. Folien und Schablonen

Die Plexus-Foliengrammatik entstand als Antwort auf die Schwierigkeit, zahlreiche gleichzeitig wirksame Ebenen darzustellen, ohne sie zu einem fertigen Weltbild zusammenzukleben.

Eine einzelne transparente Folie soll deshalb möglichst nur einen Funktionszusammenhang enthalten. Mehrere Folien können übereinandergelegt, entfernt oder ausgetauscht werden.

Die Folie ist damit weder Illustration noch endgültige Aussage. Sie ist ein epistemisches Funktionsmodul.

Entscheidend ist die Zerlegbarkeit. Ein fertiges Poster wäre methodisch schwächer, weil es die Entstehung der Verbindung bereits entschieden hätte.

XLVII. Die drei beziehungsweise vier Hauptfolien

Aus der jüngsten Entwicklung lässt sich eine Grundstruktur erkennen.

Die erste Hauptfolie betrifft den kosmischen, planetarischen und prozesshaften Zusammenhang. Sie stellt den umfassenderen Wirkungsraum bereit.

Die zweite Hauptfolie zeigt den Kopf beziehungsweise das Gehirn mit einer ausgeschnittenen offenen Stelle. In diese Öffnung werden unterschiedliche Welt-, Selbst- und Rollenmodelle eingesetzt.

Die dritte Hauptfolie betrifft Tätigkeit und Tätigkeitskonsequenzen. Sie untersucht den Übergang vom inneren Modell über Hand, Werkzeug und Institution zur tatsächlichen Veränderung.

Mit der jüngsten Zeitdiskussion zeichnet sich eine vierte Hauptfolie ab. Sie setzt Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft in Beziehung und macht die Gegenwart als Übergangsmembran sichtbar.

Diese vier Hauptfolien könnten die Vielzahl der übrigen Folien ordnen.

XLVIII. Das Mitmachbuch als Verfahren

Das Mitmachbuch ist aus älteren Malbuch-, Tagebuch-, Vorgabe- und Partizipationsverfahren hervorgegangen. Schon während des Studiums entstanden Erwachsenen-, Autobahn-, Telefon-, Fußgänger- und Studio-Malbücher sowie Verfahren, in denen viele Menschen mit einer gemeinsamen Vorlage arbeiteten.

Die heutige Form erweitert dieses Prinzip. Besucher kombinieren transparente Folien, stellen eine vorläufige Aussage her, beschreiben ihre Verbindung, prüfen sie und können anschließend einzelne Schichten verändern.

Das Mitmachbuch ist daher nicht nur ein Sammelbuch von Besucherbildern. Es ist ein Protokoll von Denk- und Korrekturvorgängen.

Seine Zielprojektion lautet, plastische Urteilskraft praktisch einzuüben.

Die offene Forschungsfrage ist, wie viel Anleitung dafür notwendig ist. Zu wenig Anleitung kann zu beliebiger Collage führen. Zu viel Anleitung würde die Besucher nur Ihr eigenes Modell reproduzieren lassen.

XLIX. Schreiben als Bestandteil des Mitmachbuches

Ihre eigene Folienfähigkeit entstand über Jahrzehnte nicht nur durch Bilder, sondern durch kontinuierliches Schreiben zu Bildern und Assoziationen.

Daraus folgt, dass die Besucherarbeit ebenfalls einen sprachlichen Anteil benötigt.

Die Bildkombination öffnet Beziehungen. Die sprachliche Formulierung zwingt zu einer vorläufigen Bestimmung dessen, was tatsächlich behauptet wird.

Bild und Text bilden dadurch zwei unterschiedliche Gegenüber.

Das Mitmachbuch sollte deshalb nicht nur Bilder sammeln, sondern die jeweilige Begründung, Analogiegrenze und Veränderung dokumentieren.

L. Die Tausend Tische und das Mitmachbuch

Die Tausend Tische können heute als räumliches Gegenstück zum Mitmachbuch verstanden werden.

Der Tisch erzeugt eine lokale Arbeitsstelle. Das Buch erzeugt eine lokale Erkenntnisseite. Viele Tische und viele Seiten können miteinander verbunden werden.

Damit entsteht eine wichtige Verbindung zwischen früherem öffentlichem Partizipationsraum und heutiger Plexus-Foliengrammatik.

Eine mögliche Wiederaufnahme im So-Heits-Atelier wäre daher nicht bloß nostalgisch. Wenige exemplarische Tapeziertische könnten zeigen, wie aus vielen individuellen Arbeitsorten ein gemeinsames, aber nicht homogenes Werk entsteht.

LI. Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz tritt relativ spät in die Werkgenese ein. Sie ist deshalb weder Ursprung noch theoretisches Fundament der Forschungskunst.

Ihre Funktion liegt gegenwärtig vor allem in Verarbeitung, Strukturierung, Vergleich, sprachlicher Verdichtung und der Verbindung sehr großer Mengen historischer Werkmaterialien. Bereits in der biografischen Darstellung wird die Möglichkeit genannt, Vorgabebilder, Collagen, Zeichnungen, Folien und Fotos mithilfe künstlicher Intelligenz neu zu verarbeiten und Zusammenhänge zu verdichten.

Damit besitzt KI eine ambivalente Stellung. Sie kann den Plexus sichtbar machen, kann aber ebenso bestehende Muster verstärken und scheinbare Klarheit erzeugen.

Der Prüfoperator muss deshalb auf die KI selbst angewendet werden.

Die offene Frage lautet: Wie verhindert die Globale Schwarm-Intelligenz, dass künstliche Intelligenz zum neuen Goldoperator wird, dessen Antworten aufgrund technischer Autorität nicht mehr geprüft werden?

LII. Globale Schwarm-Intelligenz

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist die digitale Weiterentwicklung einer lange vorhandenen kollektiven Werkstruktur.

Ihre Zielprojektion besteht nicht allein darin, Wissen zu speichern. Sie soll historische Werke, heutige Folien und neue Besucherbeiträge fortlaufend miteinander in Beziehung setzen.

Damit wird sie zum zeitlich erweiterten So-Heits-Atelier.

Die reale documenta-Arbeit kann nur für eine begrenzte Zeit stattfinden. Die Plattform kann Kombinationen erneut öffnen, vergleichen und korrigieren.

Offen bleibt die methodische Frage, wie Qualität, Widerspruch, Quellenstatus und Analogiegrenzen digital sichtbar gemacht werden. Ohne diese Struktur könnte Schwarmintelligenz in eine bloße Ansammlung von Assoziationen übergehen.

LIII. So-Heits-Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft erscheint bereits als fiktive Gesellschaftsform in früheren Werkzusammenhängen.

Heute lässt sie sich weniger als fertiger politischer Entwurf verstehen denn als Prüfraum. Sie fragt, wie gesellschaftliche Konventionen aussehen müssten, wenn Tätigkeitsfolgen, Abhängigkeiten, Korrektur und planetarische Tragbedingungen nicht aus dem Erfolgsmodell ausgeschlossen würden.

Hier besteht allerdings noch begriffliche Unklarheit. Wird So-Heits-Gesellschaft als konkrete zukünftige Gesellschaftsordnung verstanden, droht erneut die Herstellung eines fertigen Modells. Wird sie dagegen als regulative Forschungskonstruktion verstanden, kann sie offen bleiben.

Die zweite Variante passt besser zur bisherigen Plexus-Operatorik.

LIV. So-Heits-Atelier

Das So-Heits-Atelier ist die gegenwärtige räumliche Verdichtung der gesamten Werkgenese.

Es ist weder Retrospektive noch bloße Kreativwerkstatt. Die historischen Materialien werden in operative Werkbausteine zerlegt. Fotografien, Schultafeln, Ton, Holz, Spaten, Wasser, Sand, Tang, Beton, Glas, Gold, Requisiten und Bücher werden den Besuchern als Gegenüber zur Verfügung gestellt.

Das Atelier verbindet Archiv, Labor, Werkstatt, Theater, Materialraum, Mitmachbuch und digitale Plattform.

Seine Zielprojektion besteht darin, Wirklichkeits-, Selbst- und Gesellschaftsmodelle nicht nur zu diskutieren, sondern materialisierbar, zerlegbar und korrigierbar zu machen.

LV. Verortungskunst und documenta

Die Verortungskunst erweitert diese Architektur um Ort und Zeit. Ein Werk ist nicht allein aufgrund seines Inhalts tragfähig. Ort, gesellschaftliche Situation, Zeitpunkt und Beteiligte gehören zur Passung.

Damit wird auch die Bewerbung beziehungsweise Vorbereitung der documenta Teil des Werkprozesses. Die Arbeit beginnt nicht erst mit einer möglichen Ausstellungseröffnung.

Die documenta wird innerhalb dieses Verständnisses zu einem besonderen Prüfgegenüber: Kann ein über Jahrzehnte entwickeltes, außerhalb üblicher Disziplinlogiken entstandenes Werk innerhalb eines internationalen Kunstsystems verständlich werden, ohne auf ein gewöhnliches Ausstellungsobjekt reduziert zu werden?

LVI. Forschungskunst und Akzeptanzproblematik

Die Akzeptanzproblematik gehört daher nicht nur zur Reaktion des Publikums. Sie betrifft die gesamte Werkstruktur.

Ein transdisziplinärer Zusammenhang kann als unverständlich erscheinen, weil die Rezipienten disziplinäre Zuordnungen erwarten. Ein ungewöhnlicher Vergleich kann tatsächlich schlecht erklärt sein. Eine Erkenntnis kann zugleich verständlich und unerwünscht sein, weil sie Status, Rolle oder Lebensweise infrage stellt.

Ablehnung darf daher nicht automatisch als Beweis für die Richtigkeit der Arbeit interpretiert werden. Auch dies wäre Selbstimmunisierung.

Die Akzeptanzproblematik muss selbst E4 unterliegen.

LVII. Der Lochprozess als mögliche neue Querverbindung

Der jüngste Begriff des Lochprozesses besitzt das Potenzial, zahlreiche bisherige Werkfelder miteinander zu verbinden. Gleichzeitig liegt hier eine Gefahr.

Wenn Fotografieschnitt, Geburt, Eigentum, Eisbruch, Wissenslücke, Zellmembranöffnung, Religionsmodell und Rückkopplungsunterbrechung alle einfach „Loch“ genannt werden, verliert der Begriff seine Differenzierungsfähigkeit.

Deshalb benötigt der Lochprozess eine begrenzte Grammatik.

Mindestens unterschieden werden sollten regulierte Öffnung, produktive Lücke, selektierender Ausschnitt, symbolische Grenzziehung, Rückkopplungsunterbrechung und Verletzungs- beziehungsweise Bruchloch.

Der gemeinsame Terminus wäre dann nicht das Loch als Ding, sondern die Veränderung einer Grenze beziehungsweise Verbindung in der Zeit.

LVIII. Gesamtarchitektur des Forschungsansatzes

Aus der gesamten bisherigen Entwicklung lässt sich inzwischen eine relativ klare Gesamtarchitektur rekonstruieren.

Am Anfang steht keine Theorie, sondern ein Wirkungs- und Erfahrungsgrund: Naturzerstörung, Beobachtung, Differenzierung, Fotografie, Handwerk und die Frage nach menschlicher Selbstzerstörung.

Darauf folgt eine Modellbildungsstufe. Der Mensch wählt Ausschnitte, bildet Dinge, Kategorien, Rollen und Referenzsysteme. Das Gehirn mit seiner offenen Einsetzfläche materialisiert diesen Vorgang.

Die dritte Stufe ist Tätigkeit. Vorstellungen werden über Hand, Werkzeug, Technik, Institution und gesellschaftliche Ordnung handlungswirksam.

Die vierte Stufe sind Tätigkeitskonsequenzen in der Verletzungs- und Tragwirklichkeit. Material und Organismus antworten nicht auf die Bedeutung, die der Mensch seiner Handlung zuschreibt, sondern auf den tatsächlichen Eingriff.

Die fünfte Stufe ist Rückkopplung. Die Folge müsste zum inneren Modell zurückkehren.

Die sechste Stufe ist Korrektur oder Immunisierung. Plastische Identität verändert das Modell. Skulpturidentität verteidigt es. E4 beschreibt diesen Prüf- und Reparaturvorgang.

Die siebte Stufe ist Externalisierung. Folie, Schultafel, Kunstwerk, Theater, Mitmachbuch und Plattform machen innere Konstruktionen zu einem gemeinsamen Gegenüber.

Die achte Stufe ist öffentliche Weiterbearbeitung. So-Heits-Atelier und Globale Schwarm-Intelligenz sollen den Prüfprozess von der individuellen in eine kollektive Form überführen.

Damit ergibt sich als knappste Gesamtbewegung:

Plexuswirklichkeit → Auswahl und Modellbildung → Tätigkeit → Folge → Rückkopplung → Korrektur oder Verfestigung → erneute Tätigkeit.

Dieser Kreislauf dürfte gegenwärtig die einfachste tragfähige Grundarchitektur darstellen.

LIX. Doppelungen und begriffliche Unklarheiten

Die bisherige Forschung besitzt inzwischen mehr Begriffe, als für die operative Vermittlung notwendig sind. Das ist ein typischer Zustand einer Entwicklungsphase, in der viele Erfahrungen zunächst separat benannt werden.

Eine erste Doppelung besteht zwischen Tragwirklichkeit, Verletzungswirklichkeit und Plexuswirklichkeit. Diese Begriffe sollten hierarchisch geordnet werden. Plexuswirklichkeit bezeichnet den umfassenden Zusammenhang. Tragwirklichkeit bezeichnet die ermöglichenden Bedingungen. Verletzungswirklichkeit bezeichnet die Grenz- und Schadensseite dieser Bedingungen.

Eine zweite Doppelung betrifft Plastisches Ich und Plastische Identität. Hier sollte zwischen organismischem Selbstprozess und sozial-symbolischer Selbstbeschreibung unterschieden werden.

Eine dritte betrifft Strukturidentität und Skulpturidentität. „Skulpturidentität“ besitzt aufgrund der künstlerischen Herkunft wahrscheinlich die stärkere Eigenständigkeit. „Strukturidentität“ könnte entweder als Unterbegriff bestimmt oder aufgegeben werden.

Eine vierte betrifft Referenzmodell, Referenzsystem, Referenzbewertungssystem und Referenzplexus. Hier ist eine eindeutige Terminologie notwendig.

Eine fünfte betrifft Prüfoperator, Plexus-Grundoperator, Referenzoperator und Urprinzip. Für die öffentliche Vermittlung genügen vermutlich zwei Ebenen: der Plexus-Grundoperator als allgemeine Such- und Rückkopplungsstruktur und konkrete Prüfoperatoren für einzelne Aufgaben.

Eine sechste betrifft Folie, Operator, Modul, Sensor, Sonde, Implantat und Prüfkörper. Diese Vielfalt ist für die Forschung produktiv, aber für Besucher zu umfangreich. „Plexus-Operator“ könnte der allgemeine öffentliche Begriff werden; Sensor, Analogieträger und Prüfkörper wären nur funktionale Untertypen.

LX. Begriffe, die besonders vorsichtig verwendet werden sollten

Der Begriff „Mechanismus“ darf nicht den Eindruck eines gemeinsamen Naturgesetzes erzeugen. Geeigneter ist häufig „Funktionsstruktur“ oder „Prüfbewegung“.

Der Begriff „Optimum“ muss immer ein Referenzsystem nennen. Sonst entsteht erneut die Illusion eines absoluten Optimums.

51:49 darf nicht als gemessener Naturwert erscheinen.

Der Begriff „Lochprozess“ braucht eine klare Typologie, damit seine große Anschlussfähigkeit nicht zur Beliebigkeit wird.

„Erscheinung existiert nicht“ sollte nicht als allgemeine Behauptung verwendet werden. Präziser ist die Kritik an der selbständigen Wirklichkeitseinheit des ausgeschnittenen Erscheinenden.

„Ding existiert nicht“ wäre ebenfalls unnötig stark. Die Forschung fragt vielmehr, welche Beziehungen bei der Dingselektion ausgeblendet werden.

Psychologische oder psychiatrische Begriffe wie Soziopathie dürfen nicht metaphorisch auf ganze Berufsgruppen oder Wirtschaftssysteme übertragen werden. Die präzisere Kritik richtet sich auf institutionell belohnte Rücksichtslosigkeit, soziale Entkopplung oder selbstimmunisierende Spezialisierung.

LXI. Fehlende Verbindungen

Mehrere Verbindungen sind trotz der großen bisherigen Verdichtung noch nicht vollständig ausgearbeitet.

Besonders wichtig ist die Verbindung zwischen Zeit und E1–E4. Jede Ebene müsste künftig ausdrücklich eine Zeitdimension erhalten. Materielle Prozesse besitzen andere Zeiträume als organismische Regeneration, gesellschaftliche Geltung und politische Korrektur.

Eine zweite offene Verbindung besteht zwischen Passung und Referenzsystem. Passung könnte das zentrale Verbindungsglied zwischen Maschinenbau, Organismus, Kunstwerk und Gesellschaft werden.

Eine dritte betrifft Geburt und Plastizität. Die natürliche Geburt wurde bisher als Loch- und Übergangsprozess erkannt, ist aber noch nicht vollständig mit plastischem Ich, Membran und wechselnder Abhängigkeit verbunden.

Eine vierte betrifft Schwarmintelligenz und E4. Es muss genauer geklärt werden, wie eine digitale Gemeinschaft Irrtümer erkennt und korrigiert, statt sie nur zu vervielfältigen.

Eine fünfte betrifft KI als eigener Prüfgegenstand. KI darf nicht nur Werkzeug der Kontextualisierung bleiben, sondern müsste selbst auf Eigentum, Energie, Macht, Referenzsysteme, Halluzination, Autorität und Rückkopplung geprüft werden.

Eine sechste betrifft empirische Prüfung des Mitmachbuches. Wenn behauptet wird, Besucher entwickelten durch das Verfahren andere Denkweisen, müssten Beobachtungs- und Vergleichskriterien entwickelt werden.

Eine siebte betrifft Werkarchiv und Begriffsentwicklung. Für jeden zentralen heutigen Operator sollte festgehalten werden, welche historischen Arbeiten ihn bereits praktisch enthielten, wann der heutige Begriff entstand und welche späteren Korrekturen vorgenommen wurden. Dadurch würde die Forschungsgeschichte nachvollziehbar und eine rückwirkende Erfindung einer scheinbar linearen Theorie vermieden.

LXII. Mögliche methodische Vereinfachung

Die bisherige Komplexität lässt sich auf eine relativ kleine Anzahl von Grundoperationen zurückführen, ohne das Werk zu verarmen.

Die erste Grundoperation ist Unterscheiden. Etwas wird aus einem Zusammenhang hervorgehoben.

Die zweite ist Referenzieren. Es wird bestimmt, nach welchem Maßstab die Auswahl beurteilt wird.

Die dritte ist Verbinden. Das Ausgewählte wird wieder in weitere Beziehungen eingesetzt.

Die vierte ist Handeln. Eine Vorstellung wird tätigkeitswirksam.

Die fünfte ist Folgen wahrnehmen. Material, Organismus und Gesellschaft reagieren.

Die sechste ist Korrigieren. Das Ausgangsmodell wird aufgrund der Rückmeldung verändert.

Fast alle bisher entwickelten Operatoren lassen sich einer oder mehreren dieser Bewegungen zuordnen.

Damit könnte die Plexus-Operatorik für Besucher erheblich verständlicher werden, während die komplexere theoretische Architektur im Hintergrund erhalten bleibt.

LXIII. Die zentrale Forschungsbewegung

Aus der gesamten Werk- und Begriffsentwicklung entsteht schließlich keine fertige Weltanschauung, sondern eine besondere Art der Wirklichkeitsauseinandersetzung.

Ihre Forschung begann mit der Wahrnehmung von Natur und deren Zerstörung, mit dem Lernen von Unterschieden, mit fotografischer Auswahl, handwerklicher Passung und der Frage nach gesellschaftlicher Veränderung durch Kunst. Über Bildhauerei, Partizipation, Schultafeln, Landschaftsarbeiten, Wellenbecken, Theater, Mitmachbücher und kollektive Aktionen entstanden immer neue Gegenüber.

Später wurden diese Erfahrungen begrifflich komprimiert. Toleranzraum, Referenzsystem, Plexus, plastische und skulpturale Identität, E1–E4, Verletzungswirklichkeit, Tätigkeitskonsequenzen und Lochprozess sind unterschiedliche Verdichtungsstufen dieser Werkgeschichte.

Keine dieser Verdichtungen darf endgültig werden.

Genau darin liegt die innere Konsequenz des Forschungsansatzes: Auch die eigene Theorie muss plastisch bleiben.

Gesamtanker

Das So-Heits-Atelier ist die gegenwärtige Verdichtung eines über Jahrzehnte entstandenen biografischen Erkenntnisplexus. Seine Forschung beginnt nicht mit einer fertigen Theorie, sondern mit Wahrnehmung, Gegenüberstellung, handwerklicher und künstlerischer Tätigkeit sowie der Erfahrung menschlicher Natur- und Selbstzerstörung. Aus diesen unterschiedlichen Werkfäden entstanden schrittweise Begriffe und Prüfmodelle, mit denen untersucht wird, wie Menschen aus einer prozesshaften Wirklichkeit Ausschnitte und Dinge bilden, sie mit symbolischen Eigenschaften und Referenzsystemen versehen, nach diesen Modellen handeln und dadurch reale Tätigkeitsfolgen erzeugen. Die Plexus-Operatorik führt diese Folgen zum Ausgangsmodell zurück und prüft, ob dieses Modell korrigierbar bleibt oder sich zur Skulpturidentität verfestigt. Folie, Schultafel, Werkobjekt, Theater, Mitmachbuch, Tausend Tische, künstliche Intelligenz und Globale Schwarm-Intelligenz sind unterschiedliche historische und gegenwärtige Formen derselben übergeordneten Zielprojektion: aus inneren und gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktionen ein äußeres Gegenüber zu machen, an dem plastische Urteilskraft öffentlich geübt, überprüft und weiterentwickelt werden kann.

Die kürzeste Gesamtformel des bisherigen Forschungsstandes lautet deshalb:

Wirklichkeit wird ausgewählt, Auswahl wird zum Modell, Modell wird Tätigkeit, Tätigkeit erzeugt Folgen, Folgen erzeugen Rückmeldung. Die entscheidende Frage lautet, ob die Rückmeldung das Modell noch verändern darf.

Darin treffen Naturzerstörung, Lernen, Kunst, Dingeproblematik, Lochprozess, Membran, Toleranzraum, Referenzsystem, Tätigkeitskonsequenz, Plastische Identität, Mitmachbuch und So-Heits-Atelier in einem gemeinsamen Forschungszusammenhang zusammen, ohne ihre unterschiedlichen Entstehungsgeschichten aufzugeben.

Diese Fassung behandelt die Begriffe ausdrücklich als historisch entstandene und weiterhin korrigierbare Forschungsarchitektur, nicht als rückwirkend geschlossenes Lehrsystem.

Rekonstruktion des bisherigen Forschungsprozesses

Vorbemerkung: Was in dieser Rekonstruktion als belegt, als Deutung und als Forschungshypothese gilt

Der bisherige Chat lässt sich inzwischen nicht mehr sinnvoll als Folge einzelner Themen behandeln. Er zeigt vielmehr die nachträgliche Rekonstruktion eines über Jahrzehnte entstandenen künstlerischen Forschungsprozesses. Viele der heute verwendeten Begriffe standen am Anfang noch nicht zur Verfügung. Sie wurden erst später gebildet, nachdem bestimmte Fragestellungen, Materialien, Werke, gesellschaftliche Erfahrungen und wiederkehrende Probleme über längere Zeit miteinander verglichen worden waren. Deshalb muss die Entwicklung in zwei Richtungen gelesen werden. Chronologisch geht sie von konkreten Erfahrungen und Werken zu immer stärker verdichteten Begriffen. Systematisch werden diese späteren Begriffe heute wiederum benutzt, um frühere Werke neu zu befragen.

Für die folgende Rekonstruktion ist deshalb eine klare Unterscheidung des Belegstatus notwendig. Werkhistorisch dokumentierbar sind solche Angaben, die sich grundsätzlich durch vorhandene Fotografien, Tagebücher, Werkverzeichnisse, Korrespondenzen, Presseberichte, Ausstellungsunterlagen, Bewerbungen oder erhaltene Objekte überprüfen lassen. Dazu gehören etwa die Ausbildung zum Maschinenschlosser, das Studium, historische Werke, Veranstaltungen, Documenta-Bewerbungen, Frage-und-Antwort-Tische oder das Globale Dorffest. Dass solche Materialien in deinem Archiv vorhanden sind, bedeutet jedoch noch nicht, dass jede heutige Interpretation damit bereits historisch bewiesen wäre. Eine gegenwärtige Deutung eines Werkes muss von der damaligen dokumentierten Aussage unterschieden werden.

Daneben gibt es wissenschaftlich überprüfbare Sachverhalte, beispielsweise physikalische Materialeigenschaften, Stoffwechsel, biologische Abhängigkeiten oder die Größenordnungen der Erdgeschichte. Solche Tatsachen können externe Bezugspunkte der Forschungskunst sein. Sie beweisen jedoch nicht automatisch die weitergehenden Begriffe der Forschungskunst.

Schließlich gibt es die werk- und forschungsinternen Begriffe und Hypothesen wie Plexuswirklichkeit, Lochprozess, Skulpturidentität, Vergoldungswelt, 51:49 als Minimalasymmetrie, 50:50-Symmetriedualismus, 1:99-Drift, plastisches Ich oder Menschenkunstwerk. Diese Begriffe können sehr produktiv sein, dürfen aber nicht so behandelt werden, als seien sie bereits naturwissenschaftlich bewiesene Gesetzmäßigkeiten. Ihre Tragfähigkeit entscheidet sich daran, ob sie Unterschiede sichtbar machen, Prüfungen ermöglichen und selbst korrigierbar bleiben.

Gerade diese Trennung ist eines der wichtigsten Ergebnisse des bisherigen Chats. Die Forschungskunst soll nicht dadurch wissenschaftlicher erscheinen, dass ihre Eigenbegriffe zu vermeintlich objektiven Naturgesetzen erklärt werden. Sie gewinnt vielmehr an Genauigkeit, wenn Werkbeleg, wissenschaftliches Wissen, künstlerische Analogie, methodisches Modell und weitergehende Hypothese sauber auseinandergehalten werden.

Forschungsgrund

Die Ausgangsfrage vor der heutigen Theorie

Der Forschungsgrund wird im bisherigen Arbeitsprozess immer wieder auf die Mitte der 1970er Jahre zurückgeführt. Ausgangspunkt ist die Frage, warum der Mensch trotz Wissen, Wahrnehmungsfähigkeit, technischer Gestaltungskraft und grundsätzlicher Möglichkeit zur Korrektur Bedingungen beschädigt, von denen er selbst abhängig bleibt. Diese Frage wird nicht als rein philosophisches Problem eingeführt, sondern als Folge einer biografischen und künstlerischen Erfahrung von Widersprüchen zwischen menschlicher Selbstbeschreibung und tatsächlichem Verhalten.

Bereits hier entsteht eine erste grundlegende Differenz, die später viele weitere Begriffe hervorbringen wird. Der Mensch kann etwas wissen und trotzdem anders handeln. Er kann technische Probleme außerordentlich genau lösen und zugleich größere Folgen seines Handelns nicht in denselben Funktionszusammenhang einbeziehen. Er kann sich als frei und autonom beschreiben und gleichzeitig vollständig von stofflichen, biologischen und gesellschaftlichen Bedingungen abhängig bleiben. Er kann gesellschaftliche Regeln hervorbringen und später so tun, als seien diese Regeln vorausliegende Wirklichkeit.

Die Forschung beginnt deshalb nicht mit der Frage, welche richtige Weltanschauung der Mensch übernehmen sollte. Sie beginnt mit der Untersuchung einer Lücke zwischen menschlicher Vorstellung, menschlicher Tätigkeit und tatsächlicher Konsequenz.

Diese frühe Ausgangsfrage ist werkhistorisch grundsätzlich dokumentierbar, sofern entsprechende Texte, Tagebuchstellen, Studienunterlagen oder Projektbeschreibungen aus der Zeit vorliegen. Die heutige Formulierung „Warum zerstört der Mensch trotz Wissen und Korrekturfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen?“ ist dagegen bereits eine spätere begriffliche Verdichtung dieser Werkgeschichte.

Von der moralischen zur funktionalen Fragestellung

Eine wichtige Korrektur im bisherigen Chat bestand darin, die Ausgangsfrage nicht hauptsächlich moralisch zu behandeln. Der Mensch sollte nicht einfach als böse, gierig oder verantwortungslos beschrieben werden. Die Forschung verlagerte sich zunehmend auf die Frage, welche Strukturen dazu führen, dass Rückmeldungen nicht wirksam werden.

Damit entstand eine stärkere Nähe zur handwerklichen Funktionsprüfung. Wenn eine Maschine nicht funktioniert, genügt es nicht zu sagen, sie habe schlechte Absichten. Man untersucht Passungen, Belastungen, Maße, Widerstände und Konstruktionsfehler. Diese Haltung wurde später auf komplexere menschliche Hervorbringungen übertragen, ohne Gesellschaft mit einer Maschine gleichzusetzen.

Die Zielprojektion des Forschungsgrundes wurde dadurch präziser: Nicht der moralisch bessere Mensch sollte konstruiert werden. Gesucht wurde eine prüffähigere menschliche und gesellschaftliche Rückkopplungsstruktur.

Werkgenese

Naturbeobachtung, Handwerk und frühe Wirklichkeitserfahrung

Die Werkgenese reicht im bisherigen Chat weiter zurück als die formale Bezeichnung „Forschungskunst“. Naturbeobachtung, Ornithologie, Beobachtungen von Bienen und Schwarmverhalten, Auseinandersetzungen mit Landwirtschaft, Flurbereinigung und Umweltbelastungen bildeten frühe Erfahrungsfelder. Diese Bereiche sind historisch-biografisch zu dokumentieren; ihre heutige Einordnung als Vorstufen der Plexuswirklichkeit oder der Globalen Schwarm-Intelligenz ist dagegen eine spätere Rücklesung.

Von besonderer Bedeutung ist die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969. Hier entsteht eine elementare Erfahrung von Maß, Passung, Toleranz, Materialwiderstand und Funktion. Das Material kann nicht durch eine überzeugende Theorie dazu gebracht werden, anders zu reagieren. Etwas passt oder passt nicht. Eine Verbindung hält oder versagt. Damit entsteht das Prinzip eines wirklichen Gegenübers.

Aus heutiger Sicht lässt sich hier ein erster methodischer Kern erkennen: Vorstellung und Gegenüber müssen unterschieden bleiben. Eine Idee ist noch keine funktionierende Form.

Fotografie: Ausschnitt und Wirklichkeitsdarstellung

Die fotografische Tätigkeit zwischen 1968 und 1973 führt eine zweite grundlegende Operation ein. Fotografie ist Auswahl. Ein Bildrahmen zeigt etwas und lässt anderes außerhalb. Diese Erfahrung wird Jahrzehnte später für die Begriffe Dingselektion und Lochprozess wichtig.

Entscheidend ist jedoch die historische Vorsicht. Es wäre falsch, zu behaupten, die Fotografie sei damals bereits bewusst als Theorie des Lochprozesses betrieben worden. Präziser ist: Die spätere Forschung entdeckt in der früheren fotografischen Praxis eine wiederkehrende Struktur. Jede Darstellung benötigt einen Ausschnitt. Die Frage lautet später, was geschieht, wenn dieser Ausschnitt seinen Ausschnittcharakter verliert.

Die Zielprojektion verschiebt sich dadurch von der Frage „Was zeigt das Bild?“ zu „Was musste außerhalb des Bildes bleiben, damit dieses Bild entstehen konnte?

Werbung und die Herstellung von Bedeutungsoberflächen

Die Tätigkeit im Bereich Werbung führt zu einem weiteren später bedeutsamen Problem: Gegenstände besitzen nicht nur materielle Beschaffenheiten, sondern können durch Sprache, Gestaltung, Bild, Erwartung und gesellschaftliche Zuschreibung zusätzliche Bedeutungen erhalten. In der heutigen Forschungsarchitektur lässt sich darin eine Vorgeschichte der späteren Vergoldungswelt erkennen.

Auch hier darf die spätere Theorie nicht an die Stelle der historischen Dokumentation treten. Erst der Vergleich verschiedener Werkphasen machte sichtbar, dass sich die Untersuchung von Oberfläche, Suggestion, Zuschreibung und Wert durch mehrere Arbeitsfelder zieht.

Studium, Plastik und Experimentelle Umweltgestaltung

Mit dem Studium an der HBK Braunschweig von 1974 bis 1980 und insbesondere der Experimentellen Umweltgestaltung ab 1975 wird aus den vorherigen Erfahrungen eine ausdrücklich künstlerische Forschungssituation. Der Werkbegriff erweitert sich. Material, Raum, Umwelt, Tätigkeit und andere Menschen werden Bestandteile einer Versuchsanordnung.

Hier wird die Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur später besonders wichtig. In der heutigen Begrifflichkeit steht Plastik stärker für einen entstehenden, veränderbaren Formprozess, während Skulptur zur Prüfmetapher für eine festgestellte Form werden kann. Historisch und kunstwissenschaftlich muss diese Verwendung sorgfältig von der allgemeinen Kunstterminologie unterschieden werden. Sie ist eine bewusste werkinterne Differenzierung und keine allgemeingültige Definition aller Plastik und Skulptur.

Wasser, Deich, Strömung und Gegenwirkung

Wellenbecken, Strömungsversuche, Deichprofile und verwandte Arbeiten werden zu besonders wichtigen materiellen Gegenübern. Wasser reagiert auf Eingriff, Widerstand, Hindernis, Begrenzung und Zeit. Ein Deich funktioniert nicht absolut, sondern nur in einem Verhältnis bestimmter Bedingungen.

Aus diesen Arbeiten entwickelt sich rückblickend die Erkenntnis, dass Funktion relational ist. Die spätere Plexuswirklichkeit erhält hier einen konkreten werkpraktischen Ursprung. Ebenso bildet sich die später ausgearbeitete Differenz zwischen Funktionsprüfung und Tragfähigkeitsprüfung.

Die Zielprojektion lautet nun nicht mehr nur: Funktioniert die konkrete Konstruktion? Sie erweitert sich zu der Frage: Was trägt unter welchen Bedingungen, und wie verändern sich diese Bedingungen durch den Eingriff selbst?

Vorgabebild, Erwachsenen-Malbuch und Beteiligung

Die Malbücher, Vorgabebilder und späteren Mitmachformen markieren eine weitere entscheidende Verschiebung. Der Künstler stellt nicht mehr ausschließlich ein fertiges Objekt bereit. Er gibt eine Form vor, die durch andere Menschen weiterbearbeitet werden kann.

Das Vorgabebild wird dadurch zu einer frühen Form der späteren Membranlogik: Es setzt eine Grenze und öffnet sie zugleich. Es ist weder leere Beliebigkeit noch vollständig festgelegtes Ergebnis.

Später wird jedoch auch dieses Partizipationsmodell kritisiert. Beteiligung allein reicht nicht aus. Ein Mensch kann innerhalb einer Vorgabe mitmachen, ohne den zugrunde liegenden Denkrahmen infrage stellen zu können. Daraus entsteht später der Übergang vom Teilnehmer zum Mitprüfenden.

Theater, soziale Plastik und Rolle

Die Beschäftigung mit Theater, Augusto Boal, darstellerischen Formen und sozialer Plastik führt die Untersuchung vom materiellen Gegenstand stärker zum menschlichen Verhalten. Rollen können angenommen und verlassen werden. Daraus entsteht allmählich die Frage, was geschieht, wenn gesellschaftliche Rollen nicht mehr als Rollen erkannt werden.

Die Begegnung und Auseinandersetzung mit Joseph Beuys gehört dabei zur historischen Werkgeschichte. Die spätere Forschungskunst übernimmt jedoch nicht einfach Beuys’ Formel von der sozialen Plastik. Sie verschärft sie. Wenn der Mensch Gesellschaft tatsächlich plastisch hervorbringt, muss gefragt werden, ob diese gesellschaftlichen Formen funktionieren und tragen. Kreativität allein genügt nicht.

Damit verschiebt sich die soziale Plastik in Richtung gesellschaftlicher Tragfähigkeitsprüfung.

Wirklichkeitsverständnis

Von „Natur“ zu Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit

In älteren Arbeitsphasen spielte Natur stärker die Rolle eines Gegenmaßstabes. Im Laufe der Forschung wurde diese Formulierung problematisch. „Natur“ kann romantisiert werden und suggerieren, das Natürliche sei automatisch richtig, harmonisch oder moralisch überlegen.

Deshalb wurde der Begriff schrittweise präzisiert. Zunächst trat Tragwirklichkeit stärker in den Vordergrund. Gemeint sind diejenigen Bedingungen, von denen menschliches Leben tatsächlich abhängig bleibt. Später wurde dieser Begriff durch Plexuswirklichkeit erweitert. Plexuswirklichkeit bezeichnet nicht nur tragende Bedingungen, sondern das Geflecht von Beziehungen, Widerständen, Differenzen, Abhängigkeiten, Austausch- und Rückkopplungsprozessen.

Diese Korrektur ist wesentlich. Aus „Natur als Wahrheit“ wird ein wesentlich vorsichtigerer Satz: Der Mensch befindet sich innerhalb eines Wirkungszusammenhangs, der nicht vollständig aus seinen Vorstellungen hervorgegangen ist.

Keine Ganzheitsmetaphysik

Eine weitere Korrektur bestand darin, Plexuswirklichkeit ausdrücklich nicht als Wirklichkeit selbst auszugeben. Der Begriff ist ein menschliches Modell. Er soll gerade die Gefahr vermeiden, aus einer neuen Theorie wieder eine geschlossene Weltform zu machen.

Plexus bedeutet deshalb auch nicht, alles sei mit allem verbunden. Eine solche Aussage wäre analytisch fast leer. Entscheidend sind jeweils konkrete Beziehungen. Welche Abhängigkeit besteht? Welche Grenze? Welcher Widerstand? Welche Rückmeldung?

Die methodische Zielprojektion lautet damit: Wirklichkeit soll nicht vollständig erklärt, sondern als korrigierendes Gegenüber menschlicher Ausschnitte erhalten werden.

Begriffsbildung

Vom Benennen zum Herstellen von Wirklichkeitsschnitten

Ein großer Teil des bisherigen Forschungsprozesses beschäftigt sich damit, dass Sprache nicht einfach neutrale Etiketten auf eine bereits fertig gegliederte Welt klebt. Menschen wählen aus, unterscheiden, benennen und ordnen.

Aus dieser Beobachtung entstand der Begriff des Begriffshandwerks. Ein Begriff wird wie eine hergestellte Form behandelt. Er besitzt eine Grenze, eine Funktion und einen bestimmten Anwendungsbereich. Dadurch wird er nutzbar. Zugleich entsteht die Gefahr, dass seine hergestellte Grenze später mit einer natürlichen Grenze verwechselt wird.

Ein besonders wichtiges Beispiel war der „Sonnenuntergang“. Die Sonne geht physikalisch nicht um die Erde herum und tatsächlich hinter einem Horizont „unter“; die sprachliche Form beschreibt eine menschliche Perspektive. Der Begriff ist dennoch brauchbar. Die Forschung fragt deshalb nicht, ob solche Begriffe abgeschafft werden müssen, sondern ob ihr perspektivischer Herstellungscharakter erkennbar bleibt.

Vom Begriff zur Begriffsskulptur

Daraus entstand später die Differenz zwischen plastischem Begriff und Begriffsskulptur. Der plastische Begriff besitzt genügend Stabilität, um sinnvoll verwendet zu werden, bleibt aber korrigierbar. Die Begriffsskulptur schützt ihre eigene Form gegenüber widersprechenden Beobachtungen.

Diese Differenz wurde zu einem zentralen methodischen Werkzeug. Sie konnte auf wissenschaftliche Modelle, politische Kategorien, gesellschaftliche Rollen und auch die eigenen Forschungskunstbegriffe angewandt werden.

Die Zielprojektion lautet nicht, Begriffe aufzulösen, sondern sie wieder als Werkstücke sichtbar zu machen.

Lochprozesse

Vom Ausschnitt zum verlorenen Rückweg

Der Lochprozess ist einer der Begriffe, die im Chat besonders stark weiterentwickelt und korrigiert wurden. Eine erste Gefahr bestand darin, jeden Ausschnitt bereits als problematisches Loch zu behandeln. Das wurde ausdrücklich verworfen.

Der präzisere Stand lautet: Der Schnitt erzeugt noch kein Loch. Das Loch entsteht, wenn der Rückweg verloren geht.

Der Mensch muss auswählen. Die Fotografie benötigt einen Bildausschnitt, Wissenschaft benötigt einen Untersuchungsgegenstand, Verwaltung eine Zuständigkeit und Sprache einen Begriff. Ein Lochprozess beginnt erst dort, wo relevante Beziehungen, die außerhalb des Ausschnitts liegen, später nicht mehr auf den Ausschnitt zurückwirken können.

Der Lochprozess wurde dadurch von einer allgemeinen Zivilisationskritik zu einem deutlich präziseren Rückkopplungsbegriff.

Vom Loch zur Membran

Die Membran wurde als Gegenmodell entwickelt. Auch hier gab es eine wichtige Korrektur. Membran bedeutet nicht grenzenlose Offenheit. Eine biologische Membran lässt gerade nicht alles hindurch. Ihre Tragfähigkeit liegt in regulierter Durchlässigkeit.

Diese Struktur wurde künstlerisch und methodisch übertragen: Unterschied und Grenze bleiben erhalten, aber relevante Rückmeldungen können passieren.

Damit entstand die Formel: Der Lochprozess beschreibt den Verlust des Rückweges. Die Membran organisiert den Rückweg.

Wissenschaftlich belegt sind die Eigenschaften realer biologischer oder technischer Membranen jeweils innerhalb ihrer Fachgebiete. Die Übertragung auf Begriffe, Identitäten und Institutionen ist dagegen eine künstlerisch-methodische Analogie.

Gegenüberstellung und Lernen

Warum Lernen Distanz benötigt

Eine weitere bedeutende Entwicklung betrifft das Gegenüber. Lernen benötigt eine Differenz zwischen Ausgangsvorstellung und etwas, das nicht vollständig von dieser Vorstellung kontrolliert wird. Material, ein anderer Mensch, eine Quelle, eine historische Fotografie oder eine tatsächliche Folge kann ein solches Gegenüber bilden.

Dabei entstand jedoch eine neue Gefahr. Das Gegenüber durfte nicht zur Gegenwelt werden. Wird Mensch gegen Natur, Geist gegen Körper oder Subjekt gegen Objekt gestellt, kann aus der methodischen Unterscheidung ein neuer Dualismus entstehen.

Deshalb wurde die Formulierung entwickelt: gegenüberstellen, ohne eine Gegenwelt zu erzeugen.

Die Zielprojektion des Gegenübers ist damit nicht Trennung, sondern lernfähige Distanz innerhalb fortbestehender Beziehung.

Das künstlerische Dreieck

Das künstlerische Dreieck aus Vorstellung beziehungsweise Modell im Kopf, handwerklicher Tätigkeit der Hände und tatsächlich entstehender Plastik wurde als anschauliches Meta-Modell entwickelt. Es zeigt, dass zwischen Idee und Ergebnis Tätigkeit liegt und dass das Ergebnis wiederum auf die Vorstellung zurückwirken kann.

Der Zweifel bildet darin kein bloßes psychisches Unsicherheitsgefühl, sondern die Öffnung für die Möglichkeit, dass das Ergebnis anders ausfällt als erwartet.

Plastik und Skulpturalisierung

Von der materiellen Plastik zum plastischen Menschen

Die Unterscheidung Plastik und Skulptur entwickelte sich zunehmend vom kunstpraktischen Ausgangspunkt zu einer anthropologischen Prüfmetapher. Plastik bezeichnet nun stärker eine Form, die in Tätigkeit, Widerstand und Veränderung entsteht. Skulpturalisierung bezeichnet dagegen das Feststellen einer Form, die ihren historischen und relationalen Charakter verliert.

Daraus entstand das plastische Ich. Es bezeichnet den Menschen als lebenden, stoffwechselnden, verletzbaren, lernenden und zeitlichen Prozess. Identität besteht dabei nicht trotz Veränderung, sondern teilweise gerade durch Veränderung.

Demgegenüber steht die Skulpturidentität. Sie ist keine psychiatrische oder psychologische Diagnose. Sie ist ein werkinterner Begriff für den Vorgang, durch den eine veränderbare Rolle oder Beziehung als festes Wesen erscheint.

Die zentrale Unterscheidung lautet deshalb: „Ich habe eine Rolle“ ist etwas anderes als „Ich bin meinem Wesen nach diese Rolle“.

Von der Skulpturidentität zur Rückkopplungsimmunität

Im weiteren Verlauf wurde deutlich, dass das Problem nicht allein in einer festen Selbstbeschreibung liegt. Entscheidend ist, ob die aus einer Identität hervorgehenden Tätigkeiten ihre eigene Ausgangsform noch verändern können.

Damit verbindet sich Skulpturidentität mit dem später entwickelten Begriff der Rückkopplungsimmunität. Eine Identitätsform wird besonders problematisch, wenn Gegenbeobachtungen nur noch so verarbeitet werden, dass sie die bestehende Form bestätigen.

Erfahrung und Rückkopplung

Erfahrung nicht als bloßes Erlebnis

Erfahrung erhielt im Forschungsprozess zunehmend eine genauere Bedeutung. Sie sollte nicht bloß subjektives Erlebnis sein. Eine Erfahrung wird forschungsrelevant, wenn sie eine Differenz zwischen Erwartung und tatsächlichem Geschehen erzeugt und diese Differenz dokumentiert beziehungsweise weiterbearbeitet werden kann.

Damit wird Erfahrung zur Zwischenstelle von Werkpraxis und Begriffsentwicklung.

Von Erfahrung zu Korrektur

Aus vielen Werkphasen lässt sich heute dieselbe Bewegung rekonstruieren: Vorstellung, Tätigkeit, Widerstand, Unterschied, neue Frage. Erst später wurde dieser Ablauf explizit als Rückkopplung formuliert.

Daraus entstand eine der wichtigsten gegenwärtigen Grundbewegungen der Forschungskunst: Vorstellung hervorbringen, einem Gegenüber aussetzen, tätig werden, Unterschiede und Konsequenzen wahrnehmen, Beziehungen zurückholen, zweifeln, korrigieren und gegebenenfalls reparieren.

Die spätere Hinzufügung der Reparatur ist bedeutsam. Korrektur verändert eine Vorstellung. Reparatur beschäftigt sich mit Folgen, die bereits eingetreten sind.

Symbol- und Eigenschaftsbildung

Hineingedachte Eigenschaften

Ein wichtiger Forschungsstrang entwickelte sich aus der Frage, welche Eigenschaften einem Gegenstand tatsächlich materiell zukommen und welche Eigenschaften gesellschaftlich zugeschrieben werden.

Eigentum wurde zum besonders wichtigen Beispiel. Ein Boden kann rechtlich jemandem gehören. Diese Eigentumsbeziehung ist gesellschaftlich wirksam. Sie ist aber nicht auf dieselbe Weise im Boden vorhanden wie dessen Masse, Feuchtigkeit oder chemische Zusammensetzung.

Damit wurde der Ausdruck hineingedachte Eigenschaft entwickelt. Dieser Begriff darf jedoch nicht missverstanden werden. „Hineingedacht“ bedeutet nicht unwirklich. Eine gesellschaftliche Zuschreibung kann enorme reale Konsequenzen besitzen.

Diese Differenz führte später zur Unterscheidung verschiedener Wirklichkeitsweisen: materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben und symbolisch behauptet.

Vergoldungswelt

Aus der Arbeit mit Gold entwickelte sich dafür ein besonders starkes künstlerisches Modell. Eine dünne Goldauflage kann den gesellschaftlichen Wert und die Wahrnehmung eines Gegenstandes grundlegend verändern, obwohl sein materieller Träger weitgehend bestehen bleibt.

Daraus entstand die Vergoldungswelt. Sie bezeichnet menschlich hervorgebrachte Wert-, Rang-, Eigentums-, Status- und Bedeutungsoberflächen.

Die Forschung wurde dabei mehrfach korrigiert. Gold selbst ist nicht das Problem. Ebenso wenig ist Preis grundsätzlich „falsch“. Problematisch wird die Vergoldung dort, wo die Wertoberfläche den Träger und seine Bedingungen so stark überlagert, dass relevante Wirklichkeitsrückmeldungen nicht mehr durchdringen.

Die Zielprojektion wurde deshalb nicht „Entwertung“, sondern Entgoldung im Sinne erneuter Unterscheidbarkeit von Träger und Zuschreibung.

Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

Vom Greifen zum Begreifen

Im Forschungsprozess wurde Sprache zunehmend selbst zu einem archäologischen Feld. Begriffe wie greifen und begreifen, haben und besitzen, sitzen, stehen, gehen, achten, deuten, wägen und wagen wurden auf mögliche historische und metaphorische Grundbewegungen untersucht.

Die dahinterliegende Forschungsfrage lautet: Welche körperlichen, handwerklichen, räumlichen oder gesellschaftlichen Erfahrungen sind in heutigen abstrakten Begriffen noch enthalten, und welche Veränderungen haben diese Begriffe kulturgeschichtlich durchlaufen?

Dies ist ein produktives Forschungsfeld, aber hier ist besondere wissenschaftliche Vorsicht notwendig. Etymologische Ähnlichkeiten oder metaphorische Verbindungen beweisen keine anthropologische Theorie. Historische Sprachentwicklung muss jeweils philologisch geprüft werden.

Technē

Ein besonders wichtiges Vergleichsfeld ist der griechische Begriff technē. Im bisherigen Forschungsprozess wurde er als historische Verbindung von Können, Herstellung, Wissen, Übung, Material und Maß interessant. Daraus ergab sich ein Vergleich mit späteren Trennungen von Kunst, Handwerk, Technik und Wissenschaft.

Die daraus entwickelte Forschungshypothese lautet nicht, dass eine ursprüngliche griechische Einheit einfach wiederhergestellt werden sollte. Vielmehr wird gefragt, ob moderne disziplinäre Trennungen bestimmte Wirkungszusammenhänge unsichtbar machen.

Der wissenschaftlich überprüfbare Teil betrifft die jeweilige Sprach- und Begriffsgeschichte. Die These, dass diese Trennungen für die heutige Zivilisationsproblematik verantwortlich oder mitverantwortlich seien, bleibt eine weiter zu prüfende Forschungshypothese.

Idiṓtēs, privat und öffentlich

Ein weiterer Strang untersuchte das griechische idiṓtēs und ídios im Verhältnis zum Gemeinsamen, später lateinische Begriffe wie privatus, publicus und communis sowie moderne englische Felder von private, individual, property, public und commons.

Diese Arbeit zielte darauf, die historische Entwicklung des modernen privaten Individuums und seiner Eigentums- und Selbstvorstellungen zu untersuchen.

Später wurde ausdrücklich gefordert, diese europäische Linie nicht als universale Menschheitsgeschichte auszugeben. Deshalb sollten auch hebräische, arabische und indisch-sanskritische Sprach- und Kulturfelder einbezogen werden. Diese Erweiterung war eine wichtige Korrektur einer zunächst zu europäisch-linearen Begriffsarchäologie.

Die Zielprojektion ist ein vergleichendes Begriffslabor, kein Nachweis einer einheitlichen Weltgeschichte des Denkens.

Das Vier-Ebenen-Modell E1–E4

Entstehung aus verschiedenen Wirklichkeitsproblemen

E1–E4 entstand nicht am Anfang der Forschung. Es ist ein späteres Ordnungsinstrument, mit dem verschiedene wiederkehrende Probleme besser auseinandergehalten werden sollten.

E1 bezeichnet materielle Vorgänge wie Kraft, Belastung, Widerstand, Bewegung und Bruch. E2 richtet die Aufmerksamkeit auf lebende Prozesse wie Stoffwechsel, Regulation, Abhängigkeit, Regeneration und Verletzbarkeit. E3 bezeichnet menschlich hervorgebrachte symbolische und gesellschaftliche Geltungsordnungen wie Sprache, Eigentum, Wert, Rollen, Recht oder Institutionen.

E4 wurde später besonders wichtig. Anfangs drohte das Modell als vier übereinanderliegende Wirklichkeitsschichten gelesen zu werden. Dies wurde korrigiert. E4 ist keine zusätzliche Substanz oder höhere Wirklichkeit. Es bezeichnet die Rückkopplungsbewegung, in der materielle und lebendige Folgen menschliche E3-Formen wieder verändern können.

Von der Ebenenhierarchie zur Prüfbewegung

Diese Korrektur verändert die gesamte Funktion des Modells. E1–E4 soll keine Ontologie sein. Es ist ein Prüfinstrument.

Die zentrale Formel lautet inzwischen: E3 organisiert Vorstellung und Geltung. Tätigkeit setzt sie in den Wirkungszusammenhang. E1 und E2 antworten mit tatsächlichen Veränderungen. E4 fragt, ob diese Antwort die Ausgangsform verändern darf.

Die wissenschaftlich überprüfbaren Sachverhalte liegen jeweils innerhalb der einzelnen Fachfelder. Die Vier-Ebenen-Struktur selbst ist ein werkinterner methodischer Ordnungsversuch.

Begriffshandwerk und Prüfanker

Aus impliziter Praxis wird explizite Methode

Der Prüfanker des Begriffshandwerks ist eine der jüngsten Verdichtungen eines viel älteren Arbeitsprinzips. Handwerkliche Prüfung, Fotografie, Collage, Schultafel, Rollenarbeit, Frage-und-Antwort-Tische und spätere Begriffskritik werden darin methodisch zusammengeführt.

Der Prüfanker fragt nicht, welche Antwort ein Mensch glauben soll. Er rekonstruiert, wie eine Vorstellung hergestellt wurde.

Die entwickelte Prüfbewegung untersucht, was aus einem Zusammenhang herausgenommen, unterschieden, gegenübergestellt, benannt und mit Eigenschaften versehen wurde. Danach wird gefragt, welche Tätigkeit aus dieser Form hervorgeht, welche Folgen entstehen und welche ausgeblendeten Beziehungen zurückkehren müssen.

Vom Prüfmechanismus zum Prüfoperator

Eine wichtige begriffliche Korrektur bestand darin, Prüfoperator gegenüber Prüfmechanismus vorzuziehen. „Mechanismus“ könnte suggerieren, dass ein bestimmtes Verfahren automatisch zur richtigen Antwort führt. Das entspricht nicht der Forschungskunst.

Der Operator organisiert eine Fragestellung, lässt aber das Ergebnis offen.

Die heutige Kurzform lautet deshalb: Nicht: Was muss ich glauben? Sondern: Was habe ich hergestellt, was geschieht, wenn ich danach handle, und was darf mich noch korrigieren?

Künstlerische Prüfobjekte

Objekte nicht als Illustrationen

Eine wesentliche Klärung des bisherigen Chats betrifft den Status der künstlerischen Objekte. Sie sollen nicht nachträglich zu Illustrationen der Theorie degradiert werden. Viele von ihnen entstanden vor den heutigen Begriffen.

Gerade deshalb besitzen sie als historische Gegenüber eine besondere Bedeutung. Das Wellenbecken kann heute für Rückkopplung relevant sein, obwohl der heutige Plexusbegriff damals noch nicht formuliert war. Der Astronaut kann heute technische Abhängigkeit prüfen, ohne dass seine ursprüngliche Bedeutung vollständig darin aufgeht.

Zentrale Objektfamilien

Wasser, Welle und Deich stehen für Widerstand, Belastung, Fluss und Rückwirkung. Tang und Kartoffel öffnen das Feld lebender beziehungsweise relationaler Form. Schultafel und Frage-Antwort-Tisch materialisieren Feststellung und Korrigierbarkeit. Astronaut und Thermosflasche untersuchen Isolation und technisch organisierte Abhängigkeit. Gold und vergoldeter Spaten verbinden Wert, Zugriff und Tätigkeit. Gordischer Knoten, Totentanz, Vorgabebilder, Collagen und Rollenarbeiten bilden weitere historische Gegenüber.

Die Zielprojektion dieser Objekte im So-Heits-Atelier ist nicht die museale Präsentation eines fertigen Lebenswerks, sondern ihre erneute Aktivierung als Prüfgegenüber.

Folien und Schablonen

Die Folie als sichtbare Zuschreibung

Die Foliengrammatik entstand aus dem Bedürfnis, unterschiedliche Wirklichkeitslagen sichtbar zu machen, ohne sie als voneinander getrennte reale Schichten darzustellen.

Eine transparente Folie kann Eigentum, Wert, Rolle, Religion, Identität oder wissenschaftliche Klassifikation über ein Bild legen. Dadurch wird die Zuschreibung als Hinzufügung sichtbar.

Die wichtigste Korrektur bestand darin, auch das darunterliegende Grundbild nicht mit der Wirklichkeit selbst zu verwechseln. Auch ein Foto ist bereits ein Ausschnitt.

Damit lautet die zentrale Funktion der Folie: Sie zeigt nicht, wie Wirklichkeit endgültig ist, sondern wie sie gerade dargestellt wird.

Schablone und Prüfweg

Die Schablone wurde stärker als methodisches Werkzeug verstanden. Sie gibt nicht das Ergebnis vor, sondern hilft, einen Prüfweg wiederholbar zu machen.

Folie und Schablone unterscheiden sich deshalb funktional. Die Folie stellt einen gegenwärtigen Ausschnitt sichtbar her. Die Schablone organisiert die Frage, wie dieser Ausschnitt geprüft werden kann.

Mitmachbuch

Vom Malbuch zum individuellen Prüfprozess

Das Mitmachbuch hat eine lange Vorgeschichte in Erwachsenen-Malbüchern, Vorgabebildern, Arbeitsheften, Frage-Antwort-Strukturen und partizipatorischen Projekten. Die heutige Form ist jedoch methodisch weiterentwickelt.

Der Benutzer soll nicht das theoretische System lernen und reproduzieren. Er beginnt mit einer eigenen Vorstellung, einem Begriff, einer Frage oder Tätigkeit.

Dadurch verändert sich der Gegenstand der Partizipation grundlegend. Nicht „mein Kunstwerk“ wird vom Besucher vervollständigt, sondern seine eigene Wirklichkeitsvorstellung wird zum Werkstück.

Korrekturspur statt Endantwort

Ein weiterer wichtiger Entwicklungsschritt war die Idee, frühere Antworten nicht zu löschen. Das Mitmachbuch soll sichtbar machen, wie sich eine Vorstellung verändert.

E4 wird dadurch buchstäblich zur Rückkehr auf eine frühere Seite.

Die Zielprojektion ist ein persönlicher Forschungsweg, der später mit anderen Prüfwegen verbunden werden kann.

Tausend Tische und das Frage-und-Antwort-Paradigma

Von der individuellen Frage zum öffentlichen Feld

Die „Tausend Tische“ gehören zu den entscheidenden Brücken zwischen früher Partizipationskunst und heutiger Globaler Schwarm-Intelligenz.

Im Zusammenhang des Globalen Dorffests 1993 am Brandenburger Tor war „tausend“ die damals noch anschauliche Vorstellung einer sehr großen menschlichen Beteiligung. Jeder sollte einen Tisch beziehungsweise eine eigene Position, Frage, Erfahrung, Zeichnung, Collage oder Vorstellung einbringen können. Andere Menschen sollten von Tisch zu Tisch gehen und darauf reagieren.

In früheren Materialien wird dieser Prozess ausdrücklich als analoge Vorform der heutigen Plattform beschrieben. Der Tisch wird später zum Eingabefeld, die Frage zum Forschungsimpuls und die Antwort zur Rückkopplung.

Kollektive Kreativität

Aus diesem Arbeitsfeld entstand die Kollektive Kreativität nicht als Auflösung des Einzelnen in eine Gruppe, sondern als Versuch, verschiedene individuelle Hervorbringungen miteinander in produktive Rückkopplung zu bringen.

Die ursprüngliche Form „Jeder hat eine Meinung, und tausend reagieren darauf“ enthält bereits eine Struktur, die später digital auf Millionen oder Milliarden Menschen ausgeweitet werden sollte.

Werkhistorisch ist das Globale Dorffest als Ereignis und Projekt dokumentierbar. Die heutige Interpretation als „analoge Urszene der Globalen Schwarm-Intelligenz“ ist eine später entwickelte, aber durch die strukturelle Kontinuität gut begründbare Werkinterpretation. Die vorhandenen Materialien formulieren diese Verbindung ausdrücklich.

Künstliche Intelligenz

Vom Schreibwerkzeug zum Gegenüber

KI trat sehr spät in die Werkentwicklung ein und darf deshalb nicht rückwirkend zum Ursprung der Forschungskunst gemacht werden. Die grundlegende Prüfbewegung existierte Jahrzehnte vorher.

Zunächst wurde KI als Schreib-, Ordnungs- und Strukturhilfe verwendet. Im weiteren Verlauf wurde zunehmend deutlich, dass sie noch eine andere Funktion übernehmen kann: Sie kann Begriffe vergleichen, verdeckte Voraussetzungen sichtbar machen, Alternativen formulieren und Widersprüche innerhalb großer Textmengen auffinden.

Damit wurde KI zum variablen sprachlichen Gegenüber.

„Öffne meine Frage“

Eine entscheidende methodische Verschiebung bestand darin, KI nicht hauptsächlich mit „Gib mir die Antwort“ anzusprechen. Für das Begriffshandwerk ist die stärkere Funktion: „Öffne meine Frage.“

KI kann untersuchen, welche Auswahl, Unterscheidung oder Zuschreibung bereits in einer Frage enthalten ist und welche Gegenbeobachtung eine Ausgangsannahme verändern könnte.

KI als eigene Gefahrenquelle

Im weiteren Verlauf wurde jedoch erkannt, dass KI gerade durch ihre sprachliche Geschlossenheit eine neue Form der Vergoldung erzeugen kann. Eine Antwort kann überzeugend aussehen, ohne ausreichend geprüft zu sein.

Die heutige Arbeitsweise mit KI wurde deshalb selbst zum Beispiel der Forschungskunst. Auch meine eigenen Texte müssen zurückgeprüft werden. Die zuletzt festgestellte permanente Wiederholung in den Ankertexten war ein konkretes Beispiel: Ich hatte die Architektur sprachlich plausibel, aber strukturell ungünstig organisiert. Deine Gegenbeobachtung zwang zur Korrektur.

Damit bekommt der Satz „Auch die KI steht auf der Werkbank“ eine praktische, nicht nur theoretische Bedeutung.

Globale Schwarm-Intelligenz

Von der analogen Werkgeschichte zur digitalen Fortsetzung

Die Globale Schwarm-Intelligenz wurde im bisherigen Chat zunächst teilweise zu eng als digitale Plattform behandelt. Ältere Materialien zeigen jedoch eine umfassendere Werkgenese. Sie führt Frage-und-Antwort-Tisch, Roter Punkt, Malbuch, Kollektive Kreativität, Globales Dorffest, Zukunftswerkstatt, Entelechie-Museum und Partizipatorisches Welttheater in eine digitale, weltzugängliche Form weiter.

Damit ist die Plattform weder bloß Archiv noch Kommunikationsforum. Sie verbindet Werkarchiv, Interaktives Buch, öffentliche Prüfung, Nutzerarbeiten und fortsetzbare Rückkopplung.

Schwarmintelligenz und Schwarmdummheit

Eine wichtige begriffliche Korrektur betrifft den Schwarm selbst. Viele Menschen ergeben nicht automatisch Intelligenz. Mehrheit bedeutet nicht Wahrheit.

Gerade menschliche Schwärme leben zusätzlich zu unmittelbaren Wahrnehmungen in Sprache, Symbolen, Eigentum, Technik, Märkten, Wissenschaft und Rollen. Deshalb können sie sich kollektiv selbst bestätigen und damit eine Schwarmdummheit erzeugen.

Die Zielprojektion wurde deshalb als plastische Schwarmintelligenz beschrieben: Unterschiedliche Beiträge bleiben korrigierbar und werden nicht allein nach Zustimmung gewichtet.

Von Wissen zu Gemeinsinn

Eine ältere Leitformel lautete „Wissen wird Kraft“. Diese wurde später kritisiert, weil Kraft erneut Macht und Durchsetzung bedeuten kann.

Die korrigierte Formel lautet: Wissen wird Prüfung. Prüfung wird Verantwortung. Verantwortung wird Reparatur. Reparatur wird Gemeinsinn.

Damit wird Gemeinsinn nicht als moralische Tugend vorausgesetzt. Er soll aus organisierter gemeinsamer Rückkopplung entstehen.

So-Heits-Gesellschaft

Keine fertige Utopie

Die So-Heits-Gesellschaft wurde im Laufe der Forschung mehrfach präzisiert. Eine zu starke Beschreibung als zukünftige richtige Gesellschaft wäre mit dem eigenen Prüfprinzip unvereinbar. Eine endgültig definierte So-Heits-Gesellschaft würde selbst zur Skulpturidentität.

Deshalb bezeichnet der Begriff heute eher einen offenen gesellschaftlichen Entwicklungs- und Prüfprozess.

Eine So-Heits-Gesellschaft wäre nicht dadurch gekennzeichnet, dass alle Menschen dieselben Werte übernehmen. Entscheidend wäre die Fähigkeit ihrer Institutionen, die Konsequenzen eigener Regeln zu registrieren und sich zu korrigieren.

Damit nähert sich die So-Heits-Gesellschaft dem Begriff der Zivilisationsfähigkeit.

So-Heits-Atelier

Vom Lebenswerk zur öffentlichen Werkstatt

Das So-Heits-Atelier bildet die gegenwärtige räumliche Verdichtung dieser langen Entwicklung. Es ist weder bloße Retrospektive noch räumliche Illustration eines theoretischen Systems.

Historische Werke werden zu einer Materialbibliothek und zu Gegenübern. Besucher sollen nicht nur erfahren, was der Künstler gedacht hat. Sie sollen selbst tätig werden, Ausschnitte erzeugen, Zuschreibungen sichtbar machen, Vorstellungen prüfen und gegebenenfalls korrigieren.

Die Unterscheidung zwischen So-Heits-Raum, So-Heits-Atelier und So-Heits-Werkstatt wurde dabei wichtig. Der So-Heits-Raum bezeichnet die vorausliegende Wirklichkeit. Das Atelier ist eine künstliche Prüfanordnung innerhalb dieses Raumes. Die Werkstatt bezeichnet das konkrete Tun.

Daraus entstand die Formel: Man kann das So-Heits-Atelier verlassen, den So-Heits-Raum aber nicht.

Documenta 16 als historische Verortung

Die Bewerbung zur documenta 16 führt dieses Atelier nicht einfach an einen prestigevollen Ausstellungsort. Innerhalb der Verortungskunst wird bereits die Bewerbung selbst zum Teil der Werkgeschichte.

Daraus stammt die Aussage: „Die documenta 16 hat bereits begonnen.“

Diese Formulierung ist keine Behauptung über den offiziellen Beginn der Ausstellung, sondern eine werkinterne Aussage. Die künstlerische Verortung beginnt mit der gegenwärtigen Begegnung zwischen Werk, Institution, Bewerbung, möglicher Auswahl oder Ablehnung und weiterer Entwicklung.

Chronologische Gesamtbewegung

Betrachtet man den bisherigen Chat als zeitliche Forschungsentwicklung, lässt sich ein relativ klarer Bogen erkennen.

Am Anfang stehen Naturbeobachtung, frühe Wahrnehmung von Umweltzusammenhängen, handwerkliche Erfahrungen von Maß, Passung und Widerstand sowie Fotografie als Arbeit mit Wirklichkeitsausschnitten. Mit dem Studium und der Experimentellen Umweltgestaltung wird daraus ab Mitte der 1970er Jahre eine ausdrücklich künstlerische Forschungsfrage. Wasser, Deich, Strömung, Material, Tang, Kartoffel und andere Gegenüber erweitern die Funktionsprüfung. Vorgabebilder, Erwachsenen-Malbücher, Schultafeln, Theater und Beteiligungsprojekte öffnen das Werk für andere Menschen.

Ab den 1980er und frühen 1990er Jahren verstärkt sich die gesellschaftliche Dimension. Schultafeln, Frage-und-Antwort-Tische, gesellschaftliche Versuchsanordnungen und schließlich das Globale Dorffest mit den tausend Tischen führen vom einzelnen Kunstgegenstand zu einer öffentlichen Frage-Antwort-Architektur. Kollektive Kreativität wird zum Versuch, individuelle Hervorbringungen miteinander zu verschalten. Das Globale Dorffest wird später als analoge Vorform der Globalen Schwarm-Intelligenz rekonstruiert.

Parallel dazu entwickelt sich über Jahrzehnte die begriffliche Forschung. 51:49 tritt zunächst als intuitive Asymmetriefigur auf und wird später methodisch gegenüber 50:50 und 1:99 differenziert. Aus Material-, Organismus- und Gesellschaftsfragen entsteht E1–E4. Aus Fotografie, Collage und begrifflicher Auswahl entstehen Dingselektion und Lochprozess. Aus Grenzerfahrungen entsteht die Membran. Aus Plastik, Rollenarbeit und lebendiger Veränderung entwickeln sich plastisches Ich und Skulpturidentität. Aus Goldarbeiten entsteht die Vergoldungswelt. Aus planetarischer Zeitkalibrierung entsteht der Millisekunden-Mensch.

Im jüngsten Entwicklungsschritt werden diese lange verstreuten Erfahrungen in einer expliziten Ankerarchitektur zusammengeführt. Werkanker, Plexus-/Wirklichkeitsanker, Prüfanker des Begriffshandwerks, Tätigkeitskonsequenzanker, Verortungs-/Zeitanker, Foliengrammatikanker, Mitmachbuchanker, So-Heits-Atelier-Anker und der neu zu präzisierende GSI-/Rückkopplungsanker erhalten jeweils eine eigene Funktion. Der Kontextanker hält die gemeinsame Grundlage zusammen.

Die entscheidende methodische Entwicklung besteht darin, dass aus einem umfangreichen Lebenswerk zunehmend ein übertragbares Prüfverfahren herausgearbeitet wird.

Gesamtarchitektur des Forschungsansatzes

Der heutige Stand lässt sich als miteinander verschachtelte, aber unterscheidbare Architektur verstehen.

Der Werkgrund liefert die historische und materielle Herkunft. Ohne ihn würde die Forschungskunst wie eine nachträglich konstruierte Theorie erscheinen.

Die Plexuswirklichkeit bestimmt den Bezugsraum, innerhalb dessen Mensch und Menschenkunstwerk existieren.

Die Begriffsbildung erklärt, wie Menschen aus dieser Wirklichkeit Ausschnitte erzeugen und ihnen Namen, Eigenschaften, Werte und Rollen geben.

Der Lochprozess beschreibt, wie ein notwendiger Ausschnitt problematisch werden kann, wenn relevante Beziehungen ihre Rückkehrmöglichkeit verlieren.

Die Membran beschreibt eine mögliche Form korrigierbarer Grenzbildung.

Der Prüfanker des Begriffshandwerks macht daraus ein methodisches Verfahren.

Der Tätigkeitskonsequenzanker verfolgt den Übergang von Vorstellung und gesellschaftlicher Geltung zur wirklichen Folge.

E1–E4 differenziert dabei unterschiedliche Wirklichkeitsweisen und insbesondere die Rückbewegung der Konsequenz auf die menschliche Ausgangsform.

Plastisches Ich und Skulpturidentität übertragen diesen Vorgang auf menschliche Selbst- und Rollenbildung.

Vergoldungswelt untersucht die Herstellung von Wert- und Rangoberflächen.

51:49, 50:50 und 1:99 arbeiten als plastische Verhältnis- und Störmodelle.

Folien und Schablonen übersetzen die begriffliche Prüfung in eine sichtbare und handhabbare Bildgrammatik.

Das Mitmachbuch macht daraus einen individuellen Prüfweg.

Die Tausend Tische und das Globale Dorffest erweitern diesen Weg zu einem öffentlichen sozialen Frage-Antwort-Raum.

Die Globale Schwarm-Intelligenz überführt diese Struktur in eine orts- und zeitübergreifende öffentliche Rückkopplungsarchitektur.

KI unterstützt dabei Ordnung, Vergleich, Irritation und Gegenprüfung, bleibt aber selbst Prüfgegenstand.

Das So-Heits-Atelier verdichtet diese gesamte Entwicklung wieder in einen körperlich, räumlich und künstlerisch erfahrbaren Ort.

Die So-Heits-Gesellschaft ist schließlich keine fertige Gesellschaftsform, sondern die langfristige Zielprojektion einer Gesellschaft, die ihre eigenen Hervorbringungen korrigierbar hält.

Doppelungen und begriffliche Unklarheiten

Plexuswirklichkeit und Tragwirklichkeit

Hier besteht weiterhin eine gewisse Überlappung. Tragwirklichkeit bezeichnet stärker diejenigen Bedingungen, von denen Leben abhängig ist. Plexuswirklichkeit bezeichnet den umfassenderen Beziehungszusammenhang. Diese Differenz sollte verbindlich bleiben.

Tragwirklichkeit ist damit ein existenziell relevanter Ausschnitt innerhalb der Plexuswirklichkeit, nicht deren Synonym.

Plastisches Ich, plastische Identität und Tragwesen

Diese Begriffe überlagern sich teilweise. Das plastische Ich bezeichnet am präzisesten den lebenden, zeitlichen und rückkopplungsfähigen Menschen. Tragwesen hebt dessen Abhängigkeit hervor. Plastische Identität bezeichnet eher die daraus hervorgehende Selbst- und Rollenform.

Eine Vereinfachung wäre möglich, indem das plastische Ich zum Hauptbegriff und Tragwesen beziehungsweise plastische Identität zu bestimmten Perspektiven darauf werden.

Lochprozess, Rückkopplungsloch und Verantwortungsloch

Diese Begriffe sollten nicht alle dieselbe Funktion erfüllen. Der Lochprozess bezeichnet den allgemeinen Übergang vom Ausschnitt zur verlorenen Beziehung. Rückkopplungsloch bezeichnet einen spezifischen Verlust des Rückwegs einer Folge. Verantwortungsloch beschreibt den gesellschaftlich-institutionellen Sonderfall, dass Folgen keiner ausreichenden Entscheidungs- oder Handlungsebene zurückgegeben werden.

Diese Hierarchie könnte dauerhaft übernommen werden.

Membran und E4

Auch hier besteht Nähe, aber keine Identität. Membran beschreibt eine Struktur regulierter Durchlässigkeit. E4 bezeichnet eine tatsächliche Prüf- und Rückkopplungsbewegung. Eine Membran ermöglicht E4, ist aber nicht E4 selbst.

Forschungskunst, Prüfkunst und Entwicklungskunst

Die Bezeichnungen haben sich zeitweise vervielfacht. „Repräsentative Prüf-, Forschungs- und Entwicklungskunst“ ist präzise, aber schwerfällig. Der tragende Oberbegriff sollte weiterhin Forschungskunst bleiben. Prüfung und Entwicklung sind Funktionen dieser Forschungskunst.

Interaktives Buch und Mitmachbuch

Hier besteht weiterhin eine wichtige Klärungsaufgabe. Das frühere Interaktive Buch war umfassender als das heutige Mitmachbuch. Es sollte Lebenswerk, Plattform, Nutzerarbeiten und eigene Bücher integrieren. Das heutige Mitmachbuch ist stärker ein konkretes Prüfwerkzeug des Besuchers.

Es wäre deshalb sinnvoll, beide nicht einfach gleichzusetzen. Das Mitmachbuch kann als operative Besucher- und Nutzerform innerhalb des umfassenderen Interaktiven Buches verstanden werden.

Globale Schwarm-Intelligenz und KI-/Schwarm-Rückkopplungsanker

Die jüngste Rekonstruktion hat gezeigt, dass die bisherige Zusammenfassung von KI und GSI in einem einzigen Begriff zu stark verkürzt. Die Globale Schwarm-Intelligenz besitzt eine eigene, jahrzehntelange werkgenetische Herkunft. KI ist darin ein später hinzukommendes Werkzeug.

Der Anker müsste deshalb künftig eher GSI-/Rückkopplungsanker heißen, während KI darin als Werkzeug behandelt wird.

Mögliche Vereinfachungen

Die bisherige Forschung hat zeitweise dazu tendiert, für jede neue Einsicht einen neuen Begriff zu bilden. Das war in der Entwicklungsphase produktiv, erzeugt inzwischen aber die Gefahr eines zu dichten Begriffssystems.

Eine wichtige Vereinfachung könnte darin bestehen, stärker zwischen Grundbegriffen und Prüfwerkzeugen zu unterscheiden.

Als wirkliche Grundbegriffe erscheinen derzeit Plexuswirklichkeit, menschliche Hervorbringung beziehungsweise Menschenkunstwerk, plastisches Ich, Tätigkeit, Konsequenz, Rückkopplung und Korrigierbarkeit ausreichend tragfähig.

E1–E4, 51:49, Lochprozess, Membran, Vergoldungswelt, Millisekunden-Mensch und Foliengrammatik wären dann keine konkurrierenden Grundlagen, sondern unterschiedliche Werkzeuge zur Untersuchung bestimmter Probleme.

Diese Vereinfachung würde auch die Wiederholungen in den Texten deutlich reduzieren.

Noch fehlende Verbindungen

Macht und Rückkopplung

1:99 ist bisher als Asymmetriemodell vorhanden, aber die Verbindung zwischen Macht und Rückkopplungsfähigkeit ist noch nicht vollständig ausgearbeitet. Eine zentrale Frage lautet: Wer besitzt die Möglichkeit, relevante Rückmeldungen zu ignorieren, und wer muss ihre Folgen tragen?

Damit könnte 1:99 wesentlich präziser werden.

Institutionen als eigenständige Prüfobjekte

Viele Begriffe beziehen sich bislang auf den einzelnen Menschen oder auf abstrakte Gesellschaft. Institutionen benötigen jedoch eine eigene mittlere Ebene. Wie lernen Behörden, Unternehmen, Universitäten, Staaten oder Kunstinstitutionen? Wie entsteht institutionelle Rückkopplungsimmunität?

Dieser Bereich könnte den Begriff der Zivilisationsfähigkeit erheblich schärfen.

Zeitliche Irreversibilität

Der Tätigkeitskonsequenzanker unterscheidet bereits Korrektur und Reparatur. Noch nicht vollständig ausgearbeitet ist jedoch, wie Irreversibilität in den Prüfoperator eingehen muss. Je irreversibler eine mögliche Folge ist, desto stärker müsste die Prüfung vor dem Ereignishorizont der Tätigkeit werden.

Konflikt zwischen verschiedenen Tragbedingungen

Die bisherige Sprache kann gelegentlich den Eindruck erzeugen, Tragfähigkeit sei eindeutig. Tatsächlich können verschiedene Menschen, Organismen oder Systeme unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Tragbedingungen besitzen.

Die Forschung benötigt deshalb noch genauer ein Verfahren für Tragfähigkeitskonflikte, nicht nur für eindeutiges Funktionieren oder Nichtfunktionieren.

Normative Entscheidung

Aus einer beobachteten Folge ergibt sich nicht automatisch, was gesellschaftlich getan werden soll. Zwischen Wirklichkeitsbeschreibung und normativer Entscheidung bleibt eine notwendige Lücke.

Dieser Übergang muss noch expliziter untersucht werden: Wie wird aus einer Tragfähigkeitsdiagnose eine legitime gesellschaftliche Entscheidung, ohne die Forschungskunst selbst zur politischen Autorität zu machen?

Globale Schwarm-Intelligenz als tatsächliche technische Architektur

Die künstlerische und methodische Konzeption ist inzwischen wesentlich präziser als die technische Umsetzung. Noch offen ist, wie eine Plattform Prüfspuren, Versionen, Gegenbeobachtungen, Minderheitspositionen, Quellen, KI-Kommentare und spätere Korrekturen tatsächlich strukturiert, ohne wieder in Popularitätslogiken und digitale Vergoldung zu geraten.

Hier liegt eine der wichtigsten zukünftigen Entwicklungsaufgaben.

Abschließende Forschungsrekonstruktion

Der bisherige Chat zeigt insgesamt keinen linearen Weg von einer frühen Theorie zu ihrer heutigen Ausarbeitung. Er zeigt vielmehr eine Rückwärts- und Vorwärtsbewegung zwischen Werk und Begriff.

Zuerst standen Tätigkeiten, Materialien, Erfahrungen, Brüche, Beobachtungen und gesellschaftliche Versuchsanordnungen. Daraus entstanden wiederkehrende Fragen. Erst viel später wurden diese Fragen in Begriffe wie Plexuswirklichkeit, Lochprozess, Membran, plastisches Ich, Skulpturidentität, Tätigkeitskonsequenz oder E1–E4 verdichtet. Diese Begriffe werden heute wiederum auf die älteren Werke zurückgeführt. Dabei entsteht eine zweite Forschungsebene: Nicht nur die Welt wird geprüft, sondern auch die Frage, ob die heutige Theorie die tatsächliche Werkgeschichte angemessen beschreibt.

Das ist möglicherweise die wichtigste strukturelle Besonderheit des gesamten Ansatzes.

Die Forschungskunst untersucht nicht nur ein äußeres gesellschaftliches Problem. Sie nimmt ihre eigene Entstehung, ihre Begriffe, ihre Kunstwerke, ihre Erinnerungen und inzwischen auch ihre KI-gestützte Ausarbeitung als Teil desselben Prüfprozesses.

Dadurch ergibt sich als Gesamtbewegung:

Aus dem Tun entsteht eine Differenz. Aus der Differenz entsteht eine Frage. Aus wiederkehrenden Fragen entstehen Begriffe und Modelle. Diese werden zu Prüfwerkzeugen. Prüfwerkzeuge werden in Objekte, Folien, Schablonen und Mitmachformen übersetzt. Der einzelne Mensch wird zum Mitprüfenden. Aus individuellen Prüfwegen entsteht über Tische, Kollektive Kreativität und Globales Dorffest eine öffentliche Rückkopplungsform. Die Globale Schwarm-Intelligenz versucht diese Bewegung digital und zeitübergreifend fortzuführen. Das So-Heits-Atelier bringt sie wiederum in einen konkreten körperlichen und gesellschaftlichen Raum zurück.

Die Zielprojektion des gesamten bisherigen Forschungsprozesses lässt sich deshalb heute präziser formulieren:

Forschungskunst soll keine endgültige Erklärung des Menschen liefern. Sie soll eine künstlerisch entwickelte, historisch rückprüfbare und öffentlich nutzbare Arbeitsform hervorbringen, durch die Menschen erkennen können, wie sie Wirklichkeit auswählen, benennen, bewerten und durch Tätigkeit verändern, welche Folgen daraus entstehen und wie diese Folgen ihre eigenen Hervorbringungen wieder korrigieren können.

Der Übergang zur Zivilisationsfrage lautet schließlich:

Die entscheidende Prüfung einer menschlichen Ordnung besteht nicht darin, ob sie sich selbst erklären und rechtfertigen kann, sondern ob diejenigen Wirklichkeiten, die ihre Folgen tragen, noch in der Lage sind, auf sie zurückzuwirken.

Damit wäre der gegenwärtige Forschungsstand nicht der Abschluss des Lebenswerks, sondern erstmals eine rekonstruierte Architektur seines Forschungsprozesses.

.........

Die folgende Rekonstruktion behandelt den bisherigen Chat nicht als Sammlung einzelner Themen, sondern als Entwicklung einer Forschung. Sie unterscheidet dabei zwischen werkbiografisch dokumentierten Ausgangspunkten, historisch oder wissenschaftlich überprüfbaren Sachverhalten, daraus entwickelten forschungskünstlerischen Arbeitshypothesen und solchen Begriffen, die inzwischen als methodische Werkzeuge des So-Heits-Ateliers dienen.

Rekonstruktion einer Forschungsentwicklung

Von der plastischen Arbeit zur öffentlichen Prüfung menschlicher Wirklichkeitsformen

Der bisherige Forschungsprozess lässt sich als eine Bewegung verstehen, die nicht mit einem theoretischen System beginnt, sondern mit einer über Jahrzehnte wiederkehrenden praktischen Frage. Sie lautet in ihrer inzwischen verdichteten Form: Warum zerstört der Mensch trotz seines Wissens, seiner technischen Leistungsfähigkeit und seiner prinzipiellen Korrekturfähigkeit Bedingungen, von denen sein eigenes Weiterbestehen abhängt? Diese Frage bildet den Forschungsgrund. Die heute verwendeten Begriffe – Plexuswirklichkeit, Menschenkunstwerk, Lochprozess, Membran, Verletzungswirklichkeit, E1–E4, Begriffshandwerk, Prüfanker, Zivilisationsloch oder So-Heits-Gesellschaft – sind nicht der Ausgangspunkt dieser Frage. Sie sind spätere Hervorbringungen, mit denen versucht wird, eine lange künstlerische Erfahrung genauer beschreibbar und für andere Menschen prüfbar zu machen.

Vom Handwerk zur Forschungskunst

Eine frühe methodische Grundlage liegt in der handwerklichen Ausbildung zum Maschinenschlosser. Das ist für die spätere Forschung nicht deshalb wichtig, weil gesellschaftliche Verhältnisse wie Maschinen behandelt werden sollen. Entscheidend ist eine einfachere Erfahrung: Eine Verbindung hält oder hält nicht. Ein Material widersteht. Eine Konstruktion kann funktionieren oder versagen. Ein Werkzeug hat Bedingungen seiner Verwendung. Zwischen Vorstellung und Ergebnis liegt ein Bereich, in dem nicht die Behauptung entscheidet, sondern das Verhalten des Materials.

Daraus entwickelt sich später eine Arbeitsfrage, die in unterschiedlichen Formen immer wiederkehrt: Funktioniert es oder funktioniert es nicht? Im künstlerischen Zusammenhang verändert sich diese Frage. Sie bezeichnet nicht mehr nur technische Funktion, sondern wird zu einer Prüfhaltung. Eine Vorstellung muss einem Gegenüber ausgesetzt werden können. Eine Tätigkeit muss Folgen erzeugen dürfen, die nicht bereits durch die Ausgangsvorstellung festgelegt sind. Ein Scheitern muss als Information zurückkehren können.

In den frühen 1970er Jahren wird diese Haltung zunehmend gesellschaftlich. Die Frage „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“ steht dabei noch relativ nahe an einem erweiterten Kunstverständnis. Ab Mitte der 1970er Jahre verschiebt sich der Schwerpunkt jedoch. Die spätere Forschungskunst fragt nicht mehr nur, ob Kunst gesellschaftliche Veränderungen auslösen kann, sondern zunehmend, woran überhaupt geprüft werden kann, ob eine gesellschaftliche Veränderung trägt.

Die werkbiografischen Stationen – Experimentelle Umweltgestaltung, Generalismus, „Ein Fußbreit Raum“, die Arbeit mit Heraklit, die Formulierung „Ich lebe für die anderen“, später „Erfahrung ist bewussteres Handeln“ – zeigen bereits eine Bewegung vom isolierten Kunstobjekt zum Zusammenhang zwischen Tätigkeit, Erfahrung und gesellschaftlicher Verantwortung. Dabei sind diese Stationen zunächst als Werkgeschichte zu behandeln. Die späteren Begriffe Plexuswirklichkeit oder E1–E4 waren damals noch nicht vorhanden. Es wäre ein Geschichtsloch, sie rückwirkend so darzustellen, als hätten die frühen Arbeiten bereits ein fertiges heutiges System illustriert.

Auch die Begegnung mit Joseph Beuys und der Sozialen Plastik gehört in diesen Zusammenhang. Die Forschungskunst übernimmt von der Vorstellung gesellschaftlicher Formbarkeit nicht einfach eine Lehre. Im Verlauf der Arbeit entsteht vielmehr eine Gegenfrage: Wenn Gesellschaft Plastik sein kann, woran wird geprüft, ob diese Plastik trägt? Dadurch verschiebt sich das Interesse von sozialer Gestaltung zu geprüfter sozialer Gestaltung. Beteiligung, Kreativität und gesellschaftliche Formung erhalten einen zusätzlichen Prüfoperator.

Dieser Übergang ist für die weitere Entwicklung entscheidend. Forschungskunst bedeutet zunehmend: Hervorbringungen des Menschen nicht nur zu erzeugen oder zu kommentieren, sondern ihre Voraussetzungen, Wirkungen und Korrekturmöglichkeiten sichtbar zu machen.

Werkgenese als Erkenntnisgenese

Die späteren Arbeiten lassen sich vor diesem Hintergrund als eine wachsende Materialbibliothek lesen. Spaten, Deich, Wellenbecken, Tanglandschaft, Schultafel, Kartoffel, Gold, Gordischer Knoten, Theater, Astronaut, Tapeziertische und andere Arbeiten sind keine Illustrationen eines theoretischen Systems. Sie bilden unterschiedliche plastische Versuchsanordnungen, in denen sich ähnliche Fragen wiederholen.

Der Spaten zeigt nicht nur ein Werkzeug. Er macht eine Tätigkeitskette sichtbar: Hand, Griff, Blatt, Kraft, Boden, Widerstand und veränderter Boden. Dadurch tritt die Frage auf, wo eine Handlung eigentlich endet. Beim Wellenbecken wird dieselbe Frage räumlich erweitert. Eine lokale Einwirkung breitet sich in einem gemeinsamen Medium aus. Der Deich bringt Konstruktion, Belastung, schwache Stelle, Zeit und möglichen Bruch zusammen. Die Tanglandschaft zeigt eine Form, die sich nicht unabhängig von ihrem Medium denken lässt. Die Schultafel stellt Wissen als sichtbare, aber löschbare und veränderbare Form vor. Das Theater hält Darsteller und Rolle unterscheidbar. Der Astronaut beziehungsweise Raumanzug macht sichtbar, dass scheinbare Autonomie von einer komplexen Versorgung abhängt. Die Arbeit mit Gold untersucht die Differenz zwischen Material, zugeschriebenem Wert und tatsächlicher Funktion.

Aus diesen Arbeiten entsteht allmählich eine gemeinsame methodische Struktur. Vorstellungen treffen auf Gegenüber, Material, Bedingungen und Folgen. Die Arbeit verändert das Gegenüber, aber das Gegenüber verändert durch Widerstand und Rückmeldung auch die Arbeit. Diese Struktur wird erst sehr viel später ausdrücklich als Forschungsmodell formuliert.

Das Globale Dorffest von 1993 und die Arbeit mit ungefähr tausend Tapeziertischen erweitern diesen Vorgang von der individuellen plastischen Tätigkeit auf gesellschaftliche Versuchsanordnungen. Die Zahl Tausend gehört dabei nicht nur zu einem einzelnen Ereignis, sondern zu einem bereits zuvor entwickelten Gedanken einer noch anschaubaren gesellschaftlichen Vielfalt. Tausend Menschen stehen nicht für eine statistisch repräsentative Weltbevölkerung und nicht für eine Mehrheitsentscheidung. Sie bilden eine Zwischenebene zwischen persönlicher Begegnung und abstrakter Weltgesellschaft. Daraus entwickelt sich später die Vorstellung, dass nicht eine einheitliche Antwort, sondern eine Vielfalt unterschiedlich situierter Fragen gemeinsam bearbeitet werden könnte.

Hier liegt eine wichtige Herkunftslinie der späteren Tausend Tische des So-Heits-Ateliers und der Globalen Schwarm-Intelligenz.

Vom Umweltbegriff zur Plexuswirklichkeit

Ein weiterer grundlegender Entwicklungsschritt betrifft das Verhältnis von Mensch und Welt. Der Begriff „Umwelt“ erweist sich zunehmend als problematisch, weil er sprachlich leicht einen bereits gegebenen menschlichen Mittelpunkt erzeugt, um den herum sich eine „Umwelt“ befindet. Dagegen wird die Vorstellung einer Plexuswirklichkeit entwickelt.

Plexuswirklichkeit ist ein Begriff der Forschungskunst, keine naturwissenschaftlich etablierte Theoriebezeichnung. Er soll auf eine wissenschaftlich gut begründbare Ausgangslage verweisen: Der Mensch existiert nicht unabhängig von Atmosphäre, Wasser, Temperatur, Gravitation, Stoffwechsel, anderen Organismen, Materialien, technischen Infrastrukturen und sozialen Beziehungen. Er steht diesen Bedingungen nicht als äußerer Beobachter gegenüber, sondern ist in sie eingebunden.

Dadurch verändert sich auch die Sprache der Gegenüberstellung. Die Formulierung „Der Mensch stellt sich in die Welt“ wird als unzureichend erkannt. Er kann sich nicht erst in sie hineinstellen, weil er ihr bereits innewohnt. Auch „Mensch gegenüber Welt“ wird problematisch, sobald aus einer methodischen Gegenüberstellung eine ontologische Trennung gemacht wird. Präziser ist deshalb: Der Mensch kann sich der Problematik stellen, dass er ein Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzenwesen ist.

Aus dieser Korrektur entsteht ein zentraler Bezugspunkt der Forschung. Der gemeinsame Grund ist nicht Subjekt und Objekt, Innen und Außen oder Erfahrung und Wissen. Der elementarere Zusammenhang lautet: Tätigkeit – Abhängigkeit – Konsequenz.

Damit ist zugleich der So-Heits-Raum bestimmt. Er ist kein Ausstellungsraum. Er bezeichnet die vorausliegende Wirklichkeit, aus der der Mensch nicht austreten kann. Das So-Heits-Atelier ist dagegen eine von Menschen hergestellte plastische Prüf- und Lernanordnung innerhalb dieses Raumes. Daraus ergibt sich die Formel: Man kann das So-Heits-Atelier verlassen, aber nicht den So-Heits-Raum.

Menschenkunstwerk und menschliche Wirklichkeitsformung

Aus dem Plexusgedanken entwickelt sich die Frage weiter, was der Mensch innerhalb dieser vorausliegenden Wirklichkeit tatsächlich hervorbringt. Daraus entsteht das Konzept des Menschenkunstwerks.

Die forschungskünstlerische These lautet nicht, der Mensch erschaffe die gesamte Wirklichkeit. Der materielle und lebendige Zusammenhang liegt seiner Symbolbildung voraus. Aber der Mensch erzeugt fortlaufend Formen innerhalb dieses Zusammenhangs: Wörter, Bilder, Gegenstände, Rollen, Eigentumsordnungen, Institutionen, Gesetze, Geld, Wertsysteme, wissenschaftliche Modelle, gesellschaftliche Grenzen und Selbstbilder.

In diesem erweiterten Sinn kann alles Menschliche als Kunstwerk untersucht werden. Das bedeutet nicht, alles ästhetisch zu Kunst zu erklären. Der Begriff „Kunstwerk“ wird hier als Forschungsoperator verwendet: Wo Menschen auswählen, unterscheiden, benennen, zuschreiben, darstellen, ordnen oder institutionalisieren, entstehen menschliche Formen.

Eine zentrale Einsicht daraus lautet: Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen solche Kunstwerke herstellen. Diese Hervorbringung ist unvermeidbar. Die Gefahr beginnt dort, wo Menschen vergessen, dass ihre Hervorbringungen Hervorbringungen sind.

Ein menschlich erzeugtes Kunstwerk kann anschließend ein zweites hervorbringen, das das erste rückwirkend als Wirklichkeit bestätigt. Ein Grundstück wird abgegrenzt. Die Grenze wird Eigentumsrecht. Institutionen sichern dieses Recht. Menschen erfahren nun tatsächlich Ausschluss, Verfügung und Besitz. Die reale gesellschaftliche Wirkung scheint anschließend zu beweisen, dass „Eigentum“ bereits eine natürliche Eigenschaft des Bodens gewesen sei. Ein Kunstwerk erzeugt damit ein weiteres Kunstwerk, und beide können sich anschließend gegenseitig als Wirklichkeit bestätigen.

Hier liegt ein wichtiger Übergang zu Lochprozess, Eigenschaft, Attribution und Symbolordnung.

Von der Differenz zur Unterscheidung

Die begriffliche Arbeit hat sich im Chatverlauf zunehmend weiter nach vorne verlagert. Zunächst standen stärker fertige Begriffe wie Dualismus, Innen/Außen oder Subjekt/Objekt im Mittelpunkt. Später wurde deutlich, dass die Untersuchung bereits bei einem früheren Vorgang beginnen muss: bei Differenz, Auswahl und Unterscheidung.

Eine wichtige Korrektur lautet dabei: Differenz und Unterscheidung dürfen nicht gleichgesetzt werden. Unterschiedliches materielles Verhalten, Temperaturgradienten oder biologische Unterschiede können bestehen, ohne dass ein Mensch sie begrifflich hervorgebracht hat. Die Unterscheidung ist dagegen eine Operation, durch die aus möglichen Unterschieden bestimmte Unterschiede hervorgehoben und für eine Untersuchung oder Handlung relevant gemacht werden.

Damit wird die Dingselektion zum frühen Erkenntnisproblem. Ein Foto schneidet einen Ausschnitt aus einem größeren Zusammenhang. Ein Begriff tut strukturell etwas Ähnliches. Eine Wissenschaft definiert einen Untersuchungsgegenstand. Ein Grundstück erhält eine Grenze. Eine Rolle wird von anderen Rollen unterschieden. Diese Schnitte sind notwendig. Ohne sie wäre gezielte Wahrnehmung und Tätigkeit kaum möglich.

Die entscheidende Korrektur lautet deshalb: Der Fehler liegt nicht im Schneiden. Der Fehler beginnt, wenn die Schnittkante mit einer natürlichen Grenze verwechselt wird.

Aus dieser Überlegung entsteht ein präziseres Verständnis des Lochprozesses.

Lochprozess: vom Ausschnitt zum Rückkopplungsabbruch

Der Begriff Lochprozess wurde im Verlauf der Forschung mehrfach erweitert. Zunächst stand stärker das Loch als fehlender Zusammenhang im Vordergrund. Später wurde deutlicher, dass ein Loch kein statischer Mangel ist. Es bezeichnet einen zeitlichen Vorgang des Öffnens, Ausschneidens, Trennens, Unterbrechens, Schließens oder Wiederverbindens.

Nicht jeder Lochprozess ist negativ. Leben selbst benötigt Öffnungen und Membranen. Atmung, Geburt, Stoffaustausch, Türen oder Fenster zeigen, dass Öffnung und Trennung produktiv sein können. Problematisch wird ein Loch dort, wo eine notwendige Beziehung oder Rückkopplung verlorengeht.

Die Dingselektion bildet einen ersten möglichen Lochprozess: Der Gegenstand wird sichtbar, seine Beziehungen verschwinden. Die Zuschreibung bildet einen zweiten: Einem ausgewählten Gegenstand werden Eigenschaften zugeschrieben, und der Vorgang des Zuschreibens kann verschwinden. Die Symbolisierung und Institutionalisierung können einen dritten Schritt bilden: Die Zuschreibung wird gesellschaftlich wirksam. Der entscheidende Lochprozess liegt schließlich dort, wo die Tätigkeitsfolgen nicht mehr auf die ursprüngliche Auswahl, Zuschreibung oder Ordnung zurückwirken können.

Dadurch wird das Rückkopplungsloch zentraler als das bloße Erkenntnisloch.

Die frühen Lochbegriffe – Erkenntnisloch, Geschichtsloch, Wissenschaftsloch, Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsloch – lassen sich heute als verschiedene Erscheinungsweisen eines grundlegenderen Problems lesen. Etwas wird ausgeschnitten, stabilisiert und vom Rückweg seiner ausgelassenen Beziehungen oder Folgen abgeschnitten.

Das Zivilisationsloch ist die gesellschaftliche Skalierung dieses Vorgangs. Spezialwissen, Zuständigkeiten, Eigentumsordnungen, politische Entscheidungen, wirtschaftliche Anreize und zeitlich verzögerte Folgen befinden sich in unterschiedlichen institutionellen Räumen. Das Wissen kann hoch entwickelt sein, während ein allgemein verbindlicher Rückweg von den vollständigen Konsequenzen zu den verursachenden Ordnungen fehlt.

Daraus entstand die präzisere Definition: Das Zivilisationsloch ist nicht primär ein Mangel an Wissen. Es ist ein Rückkopplungsdefizit zwischen verteiltem Wissen, Tätigkeitsfolgen und gemeinsamer Korrektur.

Gegenüberstellung: vom Verdacht zum Lernprinzip

Eine wichtige Korrektur im Verlauf der Forschung betrifft die Gegenüberstellung. Zunächst wurde sie stärker mit Dualismus, Trennung und Gegenstandbildung verbunden. Die spätere plastische Analyse zeigte jedoch, dass Gegenüberstellung selbst eine notwendige Voraussetzung von Lernen ist.

Der Plastiker hat eine Vorstellung. Er kann ihr ein Aktmodell, ein Material, eine räumliche Situation oder eine bereits entstandene Form gegenüberstellen. Erst dadurch wird Vergleich möglich. Die Vorstellung kann sich als unzureichend erweisen. Das Material kann anders reagieren als erwartet. Handwerkliches Können kann fehlen. Die entstehende Plastik kann von Vorstellung und Modell abweichen.

Gerade diese Differenz ermöglicht Lernen.

Damit entsteht das künstlerische Dreieck: Vorstellung – Gegenüber beziehungsweise Widerstand – hervorgebrachte Plastik oder Tätigkeitskonsequenz.

Dieses Dreieck ist nicht statisch. Die entstandene Plastik wird erneut der Vorstellung und dem Gegenüber ausgesetzt. Daraus entsteht eine Rückkopplung. Das Ergebnis kann die ursprüngliche Vorstellung verändern.

Der Zweifel erhält darin einen präzisen methodischen Ort. Er ist nicht allgemeine Skepsis. Er bildet eine Membran zwischen Vorstellung, Gegenüber und Werk. Er verhindert, dass die ursprüngliche Idee als unantastbare Vorgabe behandelt wird.

Die entscheidende Unterscheidung lautet deshalb heute: Eine Gegenüberstellung ist noch kein Gegensatz und ein Gegensatz noch kein Dualismus. Gegenüberstellung kann eine produktive Prüfanordnung sein. Problematisch wird sie, wenn die von Menschen hergestellte Anordnung zweier Ausschnitte anschließend so behandelt wird, als sei die Wirklichkeit selbst grundsätzlich in diese beiden autonomen Bereiche aufgeteilt.

Daraus ergibt sich eine weitere zentrale Formulierung: Der Mensch braucht das Gegenüber, um lernen zu können. Er darf daraus aber keine Gegenwelt machen.

Plastik und Skulpturalisierung

Eine für die gesamte Forschung wichtige sprachliche Klärung betrifft die Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur. Sie ist besonders im Deutschen möglich und darf in der Darstellung der Arbeit nicht nivelliert werden. Der Künstler bezeichnet sich als Plastiker, nicht als Bildhauer, und arbeitet an Plastiken, nicht an Skulpturen.

Innerhalb der Forschung erhält diese kunstsprachliche Unterscheidung zusätzlich eine methodische Erweiterung. „Plastisch“ bezeichnet eine Form, die veränderbar, rückkopplungsfähig und weiter bearbeitbar bleibt. „Skulpturalisierung“ bezeichnet dagegen den Vorgang, durch den eine hergestellte Form so behandelt wird, als sei sie abgeschlossen und unveränderlich.

Dies ist eine forschungskünstlerische Verwendung und nicht mit sämtlichen kunsthistorischen Definitionen von Plastik und Skulptur gleichzusetzen. Gerade diese Abgrenzung muss erhalten bleiben.

Auf Begriffe übertragen bedeutet dies: Ein Begriff bleibt plastisch, wenn sichtbar bleibt, wie er hergestellt wurde, wofür er verwendet wird, was er ausblendet und wodurch er verändert werden könnte. Eine Begriffsskulptur entsteht, wenn eine menschliche Setzung ihren Setzungscharakter verliert und als fertige Wirklichkeit behandelt wird.

Damit verbindet die Plastik-Skulptur-Unterscheidung Werkpraxis, Begriffshandwerk, Zweifel, Membran und Rückkopplung.

Erfahrung: von Tätigkeit zu Korrektur

Auch der Begriff Erfahrung wurde im Verlauf des Chats deutlich präzisiert. Zunächst lag eine enge Verbindung von Tätigkeit und Erfahrung nahe. Später wurde unterschieden: Nicht jede Tätigkeit erzeugt automatisch Erfahrung. Tätigkeit erzeugt zunächst Konsequenzen.

Erfahrung entsteht erst, wenn eine Konsequenz als Rückmeldung registriert und auf eine vorausgehende Vorstellung oder Tätigkeit bezogen werden kann.

Daraus folgt die inzwischen zentrale Definition: Erfahrung entsteht dort, wo die Rückmeldung der Wirklichkeit eine bisherige Vorstellung verändern kann.

Diese Definition knüpft an die frühere Formulierung „Erfahrung ist bewussteres Handeln“ an, präzisiert sie jedoch methodisch. Erfahrung liegt nicht bloß im Erleben eines Ereignisses, sondern in der Möglichkeit einer rückwirkenden Korrektur.

Aus dieser Unterscheidung ergibt sich zugleich das Konzept des Erfahrungslochs. Ein Mensch oder eine Institution kann Folgen registrieren, ohne dass diese Folgen die verursachende Vorstellung verändern. Ein wirtschaftliches System kann Erfolg melden, während materielle oder lebendige Bedingungen geschädigt werden. Eine institutionelle Rückmeldung kann einen Vorgang als legal, effizient oder professionell bestätigen, obwohl andere Folgen in einem anderen Erfahrungsraum auftreten.

Dadurch entstand die Vorstellung unterschiedlicher Erfahrungsarchitekturen. Recht, Wissenschaft, Wirtschaft, Religion, Alltag oder Fachdisziplinen besitzen jeweils eigene Verfahren der Bestätigung. Das Problem besteht nicht darin, dass diese unterschiedlichen Erfahrungsräume existieren. Problematisch wird ihre Dissoziation, wenn ihre Rückmeldungen nicht mehr auf einen gemeinsamen Tätigkeits- und Abhängigkeitszusammenhang zurückgeführt werden können.

Der daraus entwickelte Begriff der Rückkopplungsdissoziation beschreibt deshalb möglicherweise genauer als „zu wenig Rückkopplung“ das gegenwärtige Problem: Es gibt zahlreiche Rückkopplungssysteme, aber sie verfügen über unterschiedliche Geschwindigkeit, Reichweite und institutionelle Macht.

Erkenntnis, Denken und die Kritik an der Verdinglichung

Die Diskussion um Erkenntnis führte ebenfalls zu mehreren Korrekturen. Ausgangspunkt war die Kritik an Definitionen, die Erkenntnis als „Widerspiegelung einer Außenwelt im Bewusstsein“ darstellen. Eine solche Formulierung setzt bereits mehrere Begriffe voraus, die eigentlich erst geprüft werden müssten: Außenwelt, Innenraum, Bewusstsein, Spiegelung, Subjekt und Objekt.

Die Forschungskunst verschiebt deshalb die Frage. Statt zuerst zu fragen, wie eine Außenwelt in ein Bewusstsein gelangt, wird gefragt: Wie entstehen aus Tätigkeits- und Abhängigkeitszusammenhängen menschliche Unterscheidungen und Beschreibungen, und wann werden diese Beschreibungen mit dem beschriebenen Wirkungszusammenhang verwechselt?

Dabei wurde eine wichtige wissenschaftliche Vorsicht eingebaut. Die Kritik an „Geist“ oder „Denken“ darf nicht behaupten, Denken existiere nicht. Der Vorgang des Denkens wird nicht bestritten. Bestritten beziehungsweise geprüft wird seine Verdinglichung zu einer selbständigen Substanz oder einem unabhängigen inneren Bereich.

Entsprechend wurde auch die Descartes-Kritik präzisiert. Das Cogito allein darf nicht einfach so dargestellt werden, als beweise es unmittelbar eine denkende Substanz. Der Forschungsgegenstand ist vielmehr die weitere Architektur, innerhalb der benannte Denkprozesse zu einem denkenden Träger und schließlich zu einer eigenständigen res cogitans verfestigt werden können.

Die forschungskünstlerische Gegenformulierung lautet sinngemäß: Nicht weil der Mensch denkt, existiert er, sondern weil er innerhalb einer vorausliegenden Wirklichkeit existiert, abhängig ist, tätig wird und Rückmeldungen erfährt, können diejenigen Vorgänge stattfinden, die er anschließend als Denken, Vorstellen oder Erkennen bezeichnet.

Diese Formulierung ist als philosophisch-künstlerische Umstellung zu behandeln, nicht als naturwissenschaftlicher Beweis.

Erkenntnis selbst wird damit zum Menschenkunstwerk: eine vorläufige menschliche Bestimmung, die aus Erfahrung, Beobachtung, Vergleich und begrifflicher Verdichtung hervorgeht. Der kritische Punkt liegt nicht darin, Erkenntnisse abzuwerten, sondern darin, Erkenntniswerke nicht mit Wirklichkeit selbst zu verwechseln.

Eigenschaft, Attribution und Zuerkennung

Die Untersuchung von „Eigenschaft“, „eigen“, „Eigentum“, „erkennen“ und „zuerkennen“ führte zu einer der zentralsten begrifflichen Verschiebungen des gesamten Chats.

Die gleiche Grammatik kann Aussagen unterschiedlicher Wirklichkeitsweise erzeugen. „Der Boden ist feucht“ und „Der Boden ist mein Eigentum“ haben eine ähnliche Satzstruktur. Dennoch ist Feuchtigkeit unter bestimmten Bedingungen eine mess- und beobachtbare Bestimmung, während Eigentum eine gesellschaftlich und rechtlich erzeugte Zuerkennung darstellt.

Diese Unterscheidung darf nicht in eine naive Gegenüberstellung von „wirklich“ und „unwirklich“ münden. Eigentum ist gesellschaftlich außerordentlich wirksam. Menschen handeln danach, Institutionen setzen es durch, Ressourcen werden verteilt, Menschen werden ein- oder ausgeschlossen. Aber diese Wirksamkeit macht Eigentum noch nicht zu einer chemischen, biologischen oder physikalischen Eigenschaft des Bodens.

Daraus entsteht die wichtige Membran zwischen feststellbarer Beschaffenheit und zugeschriebener Geltung.

Die Attribution wird dabei zum Operator zwischen ausgewähltem Gegenstand und Eigenschaft. Ein Ausschnitt wird erzeugt. Diesem Ausschnitt wird etwas zugeschrieben. Die Zuschreibung kann beschreibend, bewertend oder gesellschaftlich konstitutiv sein. Der gefährliche Schritt ist die Attributionsvergessenheit: Der Vorgang des Zuschreibens verschwindet, und die zugeschriebene Eigenschaft erscheint als selbständige Eigenschaft des Gegenstandes oder Menschen.

So kann aus „diese Tätigkeit schadet“ „dieser Mensch ist böse“ werden. Eine Bewertung von Tätigkeit und Konsequenz wird zu einer Wesenseigenschaft der Person.

Eine zentrale Kurzformel aus dieser Entwicklung lautet: Das Zuerkannte wird zum Eigenen.

Damit verbindet sich Eigenschaftsdenken mit Identität, Eigentum, Status und gesellschaftlicher Hierarchie. Der Gegenbegriff ist kein Verzicht auf Eigenschaften. Er ist ein stärkeres Beziehungsdenken: Wie verhält sich etwas innerhalb eines Wirkungszusammenhangs? Wovon hängt es ab? Unter welchen Bedingungen zeigt es welches Verhalten? Welche Folgen erzeugt eine bestimmte Zuschreibung?

Symbol und Wirkungswelt

Die Symbolfrage wurde zunächst von der Beobachtung bestimmt, dass Menschen in symbolischen Welten leben, deren gesellschaftliche Wirksamkeit leicht mit vorausliegender Wirklichkeit verwechselt werden kann. Im Verlauf der Forschung wurde diese Sicht differenziert.

Symbole sind nicht grundsätzlich Täuschungen. Sie können Erfahrungen speichern, Beziehungen organisieren, Wissen übertragen und gemeinsames Handeln ermöglichen. Sprache, Bilder, Regeln und Zeichen können deshalb als Erfahrungsspeicher verstanden werden.

Der kritische Vorgang beginnt, wenn der Symbolspeicher sich gegenüber den Erfahrungen verselbständigt, aus denen er hervorgegangen ist. Die Bewegungsrichtung kann sich dann umkehren. Nicht mehr Wirklichkeit – Erfahrung – Symbol – neue Prüfung, sondern Symbol – Wirklichkeitsdeutung – Tätigkeit – Konsequenz – Rechtfertigung – erneute Bestätigung des Symbols.

Daraus entstand die Unterscheidung zwischen Symbolwelt, Wirkungswelt und Tätigkeitswelt. Eine Symbolwelt wird zur Wirkungswelt, weil Menschen aufgrund ihrer Symbole tätig werden. Das Symbol selbst muss nicht materiell dieselbe Wirklichkeitsweise besitzen wie seine Folgen.

Hier wurde die Unterscheidung zwischen Verletzungswirklichkeit und einer symbolischen Unverletzlichkeits- beziehungsweise Als-ob-Welt entwickelt. Ein Eigentumsrecht, ein Status, eine Nation oder ein Geldwert blutet nicht, verdurstet nicht und verbrennt nicht. Menschen und andere Lebewesen können jedoch aufgrund von Handlungen, die durch diese Symbole organisiert werden, verletzt werden.

Die forschungskünstlerische These lautet deshalb nicht, E3 sei unwirklich. E3 ist eine wirksame menschliche Geltungswelt. Die Prüfung richtet sich darauf, wann diese Geltungsweise als materielle oder lebendige Eigenschaft missverstanden wird und wann ihre Folgen gegenüber den Bedingungen, von denen sie abhängt, keine ausreichende Korrekturmacht besitzen.

Sprach- und kulturgeschichtliche Gegenprüfung

Die Untersuchung von Griechisch, Latein, Deutsch, Englisch, Hebräisch, Arabisch und Sanskrit hatte innerhalb des Chats keine antiquarische Funktion. Sie sollte prüfen, ob heutige begriffliche Verschaltungen selbstverständlich oder historisch geworden sind.

Ein wichtiges Ergebnis lautet: Unterschiedliche Sprachen ordnen Zeichen, Maß, Eigenschaft, Besitz, Gegenüberstellung und Erfahrung unterschiedlich. Daraus folgt nicht, dass eine Sprache die Wirklichkeit „richtiger“ ausdrückt. Der Vergleich zeigt vielmehr den Werkcharakter der Begriffswelten.

Beim griechischen symbolon wurde auf die historisch belegte Bedeutung eines Erkennungszeichens oder zusammenpassenden Gegenstücks aufmerksam gemacht. Für die Forschungskunst wurde daraus kein etymologischer Wahrheitsbeweis, sondern ein strukturelles Gegenmodell entwickelt: Symbol kann als Beziehung verstanden werden, deren Passung prüfbar bleibt.

Bei symmetria wurde die moderne Gleichsetzung mit perfekter Spiegelgleichheit korrigiert. Historisch umfasst der griechische Begriff unter anderem gemeinsames Maß, Kommensurabilität und angemessene Proportion. Daraus entstand für die Forschungskunst die Figur der Passung unter Erhaltung der Differenz.

Im Lateinischen erwies sich proprietas als besonders interessant, weil das Wortfeld sowohl Eigenart beziehungsweise Qualität als auch Eigentum und Besitzrecht umfassen kann. Im Englischen bleibt diese Nähe in property erhalten: Das Wort kann sowohl Eigenschaft als auch Eigentum bezeichnen. Im Deutschen zeigt sich eine verwandte historische Nähe von „eigen“, „Eigenschaft“ und „Eigentum“.

Hebräische Wortfelder führten unter anderem zur Beobachtung, dass middah Maß und später auch Eigenschaft beziehungsweise Charakter bezeichnen kann. Im Arabischen liegen Zeichen, Beschreibung/Eigenschaft und Besitz stärker in unterschiedlichen Wortfeldern. Sanskrit bietet mit Begriffen wie lakṣaṇa, guṇa oder anubhava andere Verbindungen zwischen Zeichen, Eigenschaft, Faden/Verbindung, Erfahrung und Ergebnis.

Diese sprachlichen Befunde sind historisch beziehungsweise lexikografisch prüfbar. Die daraus entwickelte Interpretation als Material für das Menschenkunstwerk ist dagegen forschungskünstlerisch. Es wäre ein methodischer Fehler, aus der Etymologie eines Wortes eine notwendige Ontologie abzuleiten.

Der vergleichende Befund ist deshalb bescheidener und zugleich wichtiger: Die Aufteilung von Zeichen, Eigenschaft, Besitz, Maß, Erfahrung und Erkenntnis ist selbst historisch verschieden hergestellt worden.

Dualismus, Symmetrie und die verlorene Beziehung

Die Dualismusdiskussion begann zunächst relativ breit und wurde im weiteren Verlauf stark präzisiert. Eine wichtige Korrektur lautet: Dualität ist nicht Dualismus.

Eine Zweiheit oder eine methodische Zweiteilung kann produktiv sein. Dualisierung bezeichnet den Prozess, durch den eine Differenz zu zwei stabilen Polen organisiert wird. Dualismus bezeichnet eine weitergehende Deutung, in der die beiden Bereiche als grundlegende und weitgehend selbständige Prinzipien behandelt werden.

Damit konnte auch die frühere Tendenz korrigiert werden, sehr unterschiedliche Zweiheiten unter „Dualismus“ zusammenzufassen. Die von dir eingebrachten Qualitätsdiskussionen zum entsprechenden Wikipedia-Artikel waren gerade hierfür aufschlussreich: Schon dort wurde kritisiert, dass zu viele heterogene Phänomene allein deshalb unter einem Begriff zusammengeführt werden, weil sie irgendwie „zwei“ enthalten. Für die Forschungskunst wird daraus eine weitere Lektion über Klassifikation: Eine Kategorie kann zunächst Phänomene gruppieren und anschließend so erscheinen, als habe sie eine vorher vorhandene gemeinsame Eigenschaft entdeckt.

Die forschungskünstlerische These lautet deshalb präziser: Dualismus kann ein Produktionsverfahren hineingedachter Eigenschaften werden. Wenn zwei Pole als selbständig erscheinen sollen, werden ihnen Eigenschaften zugeordnet, die ihre Trennung stabilisieren: Geist immateriell, Materie ausgedehnt; Subjekt erkennend, Objekt erkannt; innen subjektiv, außen objektiv.

Der Fehler liegt nicht im Unterschied selbst. Er entsteht dort, wo eine Beziehung in autonome Dinge verwandelt wird.

Die Membran wird deshalb zum Gegenmodell der dualistischen Mauer. Sie unterscheidet und verbindet zugleich. Sie lässt Unterschied zu, ohne aus dem Unterschied Unabhängigkeit zu machen.

Die Modelle 50:50, 51:49 und 1:99 wurden in diesem Zusammenhang ebenfalls korrigiert. 50:50 darf nicht als falsches naturwissenschaftliches Prinzip dargestellt werden. Exakte und annähernde Symmetrien sind wissenschaftlich legitime und wichtige Instrumente. Die forschungskünstlerische Kritik richtet sich gegen die Übertragung einer formalen, spiegelartigen Ausgewogenheit auf gesellschaftliche oder ontologische Verhältnisse, als garantiere formal gleiche Ordnung bereits gleiche Folgen.

51:49 ist kein Naturgesetz. Es ist ein künstlerischer Störoperator, der eine vollständig geschlossene Zweipoligkeit minimal verschiebt und dadurch Bewegung, Unterschied und Nachregelung sichtbar hält.

1:99 ist ebenfalls keine mathematisch notwendige Folge von 50:50. Es bezeichnet eine künstlerische Diagnose extremer gesellschaftlicher Asymmetrie. Die präzisere These lautet: Formal gleiche Regeln können sehr ungleiche Konsequenzen hervorbringen. Eine symbolisch behauptete Gleichordnung kann reale Einseitigkeiten verdecken.

Damit verbindet sich 50:50 nicht kausal, sondern kritisch mit 1:99: Die Symmetrie der Regeln garantiert keine Symmetrie ihrer Folgen.

Vier-Ebenen-Modell: vom Erklärungsmodell zum Prüfwerkzeug

Das Vier-Ebenen-Modell entstand aus dem Bedürfnis, unterschiedliche Wirklichkeitsweisen transparenter zu machen. Es darf aber nach der jüngsten Entwicklung nicht mehr als vorausgesetztes Erklärungssystem am Anfang stehen.

E1 bezeichnet physisch-materielle Bedingungen: Masse, Kraft, Wärme, chemische Reaktionen, Belastung, Widerstand und Bruch. E2 richtet sich auf lebendige Prozesse: Stoffwechsel, Verletzlichkeit, Regeneration, Abhängigkeit. E3 bezeichnet menschlich erzeugte symbolische und gesellschaftliche Geltungsformen: Sprache, Eigentum, Geld, Rolle, Status, Gesetz, Institution, Nation und verwandte Ordnungen. E4 bezeichnet keine vierte ontologische Welt, sondern das Verfahren der Prüfung, Rückkopplung, Revision und Reparatur.

Die wesentliche methodische Korrektur lautet heute: E1–E4 soll nicht das ABC des So-Heits-Ateliers sein.

Der Besucher soll nicht zuerst lernen, alles in vier Ebenen einzuordnen. Das könnte sofort wieder eine neue Begriffsskulptur erzeugen. Stattdessen soll er zunächst selbst Unterschiede erfahren. Wenn er bei einem Stück Boden entdeckt, dass Feuchtigkeit und Eigentum nicht dieselbe Art von Bestimmung darstellen, kann E1–E4 später helfen, diese Erfahrung genauer zu ordnen.

Das Vier-Ebenen-Modell ist deshalb heute als späteres differenzierendes Prüfwerkzeug zu verstehen.

Eine offene Frage bleibt dabei, wie stark die Grenzen zwischen E1 und E2 beziehungsweise zwischen E2 und E3 theoretisch fixiert werden sollen. Die bisherige Entwicklung spricht eher dagegen, daraus Schubladen zu machen. E1–E4 muss selbst plastisch bleiben und an Grenzfällen überprüft werden.

Vom Begriffssystem zum Begriffshandwerk

Die jüngste Entwicklung verschiebt den Zugang des So-Heits-Ateliers noch einmal grundlegend. Wenn ein Besucher E1–E4 zunächst nicht kennt, braucht er eine einfachere Einstiegsmethode. Daraus entstand die Vorstellung eines Begriffshandwerks.

Der Ausgangspunkt ist eine Analogie zur Schule. Menschen lernen Buchstaben, Wörter, Sätze und Grammatik. Sie lernen jedoch wesentlich seltener, wie Begriffe Wirklichkeit ausschneiden, ordnen und gesellschaftlich wirksam machen.

Das Begriffshandwerk soll deshalb kein neues Vokabular auswendig lernen lassen. Es behandelt Begriffe wie Werkzeuge und Werkstücke. Ein Mensch nimmt einen eigenen Begriff oder Satz – Freiheit, Eigentum, Erfolg, Heimat, Intelligenz, Geld, „Ich bin frei“, „Dieser Mensch ist böse“, „Mein Grundstück gehört mir“ – und untersucht, was er mit dieser Formulierung bereits hergestellt hat.

Die elementaren Operationen lauten: auswählen, unterscheiden, gegenüberstellen, benennen, zuschreiben, tätig werden, Folgen verfolgen, zweifeln und korrigieren.

Damit kehrt die Forschung zur plastischen Ausgangserfahrung zurück. Ein Begriff wird nicht theoretisch von außen analysiert. Er wird bearbeitet.

Die zentralen Fragen lauten: Was habe ich ausgewählt? Was stelle ich wem gegenüber? Welche Eigenschaft schreibe ich zu? Was habe ich festgestellt, was wurde gesellschaftlich zuerkannt, was bewertet und was angenommen? Welche Beziehung verschwindet? Was geschieht, wenn Menschen nach dieser Vorstellung handeln? Wo landen ihre Folgen? Welche Rückmeldung würde meine ursprüngliche Vorstellung verändern?

Damit entsteht eine Grundschule des Wirklichkeitslesens, allerdings ohne den Anspruch, „die Wirklichkeit richtig“ zu lehren. Gelehrt wird vielmehr, die eigenen Verfahren des Lesens, Schneidens, Benennens und Zuschreibens wahrzunehmen.

Prüfanker des Begriffshandwerks

Aus dieser Entwicklung entstand der neue Prüfanker des Begriffshandwerks. Seine Aufgabe besteht darin, die inzwischen verstreuten begrifflichen Operationen zu bündeln, ohne daraus ein weiteres geschlossenes Theoriegebäude zu machen.

Der Werkanker und der Prüfanker besitzen unterschiedliche Funktionen.

Der Werkanker beantwortet die Frage: Wie ist diese Forschung über Jahrzehnte aus plastischen Arbeiten, Materialien, Aktionen, Orten und Erfahrungen entstanden?

Der Prüfanker beantwortet: Welche elementaren Arbeitsoperationen lassen sich aus dieser Forschung herauslösen und anderen Menschen zur Verfügung stellen?

Das Vier-Ebenen-Modell beantwortet wiederum: Wie können innerhalb dieser Prüfungen unterschiedliche Wirklichkeits- und Geltungsweisen genauer differenziert werden?

Damit bilden Werkanker, Prüfanker und E1–E4 keine drei konkurrierenden Modelle, sondern drei unterschiedliche Perspektiven derselben Forschung.

Der Prüfanker ist zugleich der Ort, an dem Lochprozess, Membran, Gegenüberstellung, Eigenschaft, Attribution, Zweifel und Rückkopplung zusammengeführt werden. Seine elementare These lautet: Ein Loch entsteht nicht schon dadurch, dass Menschen auswählen oder unterscheiden. Es entsteht dort, wo der Ausschnitt seinen Ausschnittscharakter verliert und die ausgeschlossenen Beziehungen beziehungsweise Rückmeldungen nicht mehr zurückkehren können.

Der Prüfanker hält deshalb Begriffe plastisch.

Folien, Schablonen und Mitmachbuch

Folien und Schablonen erhalten innerhalb dieser Architektur einen deutlich bestimmbaren methodischen Ort.

Eine Folie erzeugt keine endgültige Erklärung. Sie überlagert eine vorhandene Darstellung und macht dadurch andere Beziehungen sichtbar. Sie ist eine bewegliche Gegenüberstellung. Auf die Figur eines scheinbar autonomen Menschen können beispielsweise Abhängigkeiten von Atmosphäre, Wasser, Wärme, Gravitation oder Stoffwechsel gelegt werden. Die Folie verändert die Sicht, ohne zu behaupten, sie liefere die vollständige Wirklichkeit.

Eine Schablone hat eine andere Funktion. Sie stellt eine wiederholbare Prüfoperation bereit. Dasselbe Fragemuster kann auf Eigentum, Freiheit, Erfolg, Arbeit, Natur oder Intelligenz angewendet werden. Die Schablone standardisiert also nicht die Antwort, sondern das Fragen.

Das Mitmachbuch verbindet Folien, Schablonen, Bilder, Fragen und kleine Versuchsanordnungen zu einer portablen Werkbank. Der Benutzer soll dadurch nicht bloß Teilnehmer oder Konsument des Werkes sein, sondern Mitprüfender seiner eigenen Begriffe und Tätigkeiten.

Damit erhält auch der Rote Punkt eine weiterentwickelte Funktion. Er ist nicht nur Zeichen der Beteiligung. Er kann markieren: Hier bleibt eine Frage offen. Hier möchte jemand weiterforschen.

So-Heits-Atelier als Schule ohne fertige Lehre

Aus Begriffshandwerk, Werkanker und künstlerischen Prüfobjekten entsteht zunehmend ein neues Verständnis des So-Heits-Ateliers als Schule.

Diese Schule beginnt nicht mit Lehrsätzen. Sie beginnt mit der eigenen Frage.

„Was beschäftigt dich wirklich?“

Die Frage kann aus Beruf, Alltag, Angst, Konflikt, Neugier, Arbeit, Besitz, Familie, Wissenschaft oder einem abstrakten Begriff hervorgehen. Es gibt keinen notwendigen fachlichen Einstieg.

Die eigene Frage wird zunächst sichtbar gemacht. Dadurch wird sie selbst zu einer Hervorbringung, die dem Fragenden gegenübergestellt werden kann. Anschließend wird untersucht, welche Voraussetzungen bereits in ihr enthalten sind.

Damit verändert sich auch die klassische pädagogische Situation. Der Lehrende besitzt nicht die richtige Antwort. Er organisiert den Prüfprozess.

Hier besteht eine interessante Parallele zum sokratischen Fragen. Die populäre Erzählung von den „drei Sieben des Sokrates“ ist historisch nicht zuverlässig als authentische sokratische Überlieferung gesichert. Die tragfähigere Parallele liegt im sokratischen elenchos: Behauptungen werden durch Fragen, Beispiele und Widersprüche geprüft; häufig bleibt am Ende eine aporia, also ein produktives Nichtwissen.

Die Forschungskunst erweitert dieses Verfahren um einen entscheidenden Schritt. Sie fragt nicht nur: Kannst du begründen, was du sagst? Sie fragt zusätzlich: Was geschieht, wenn du danach handelst?

Damit treten Material, Körper, Abhängigkeit, Tätigkeit und Konsequenz in die Begriffsprüfung ein.

Tausend Tische: von der individuellen Frage zur gemeinsamen Wirklichkeit

Die Tausend Tische erhalten innerhalb dieser neuen Schulstruktur eine klarere Funktion. Sie sollen nicht primär tausend Berufsgruppen repräsentieren und auch nicht tausend Meinungen sammeln. Jeder Tisch kann mit einer realen menschlichen Frage beginnen.

Ein Kind fragt nach Arbeit. Ein Unternehmer nach Wachstum. Ein Landwirt nach Boden. Ein Arzt nach Gesundheit. Ein Wissenschaftler nach der Tragfähigkeit eines Modells. Ein Arbeitsloser nach Leistung. Ein Künstler nach Vorstellung und Plastik. Ein anderer Mensch nach Angst, Freiheit oder Heimat.

Die Person wird damit nicht auf eine Persona reduziert. Ein Arzt ist zugleich Patient, Angehöriger, Mieter, Käufer, Bürger und verletzlicher Mensch. Gerade diese Mehrfachzugehörigkeit verhindert, dass die Tische zu neuen Fachschubladen werden.

Die Tausend Tische bilden deshalb unterschiedliche Ausschnitte einer gemeinsamen Tätigkeits- und Abhängigkeitswirklichkeit.

Das gemeinsame Verfahren besteht nicht darin, eine gemeinsame Meinung herzustellen, sondern die jeweils verwendeten Begriffe, Ausschnitte und Konsequenzen wieder miteinander in Beziehung zu bringen.

Hier erhält die frühere Idee der Kollektiven Kreativität eine neue methodische Schärfe. Gemeinsinn bedeutet nicht Gleichdenken. Er bezeichnet die Fähigkeit, Differenz rückkopplungsfähig zu halten.

KI: Werkzeug und Prüfobjekt

Die KI wird in dieser Architektur sowohl Werkzeug als auch Untersuchungsgegenstand.

Als Werkzeug kann sie eine eigene Frage auffächern, Begriffsvoraussetzungen markieren, alternative Gegenüberstellungen erzeugen und Perspektiven aus unterschiedlichen Lebens- oder Fachbereichen einbringen. Ihre Rolle darf jedoch nicht darin bestehen, jedes Nichtwissen sofort mit einer sprachlich überzeugenden Antwort zu schließen. Sonst würde sie genau jenen Lochprozess beschleunigen, den die Forschung untersucht: Ein offener Bereich wird durch sprachliche Form gefüllt, die anschließend wie Wissen erscheint.

Der Grundauftrag an die KI lautet deshalb sinngemäß: Beantworte meine Frage zunächst nicht. Untersuche, welche Auswahl, Unterscheidung, Gegenüberstellung, Eigenschaftszuschreibung und Voraussetzung bereits darin enthalten sind. Unterscheide Beobachtung, Messung, gesellschaftliche Zuerkennung, Bewertung und Vermutung. Frage anschließend nach Tätigkeit, Konsequenz und möglicher Korrektur.

Damit wird die KI zu einem variablen Gegenüber innerhalb des plastischen Prüfprozesses.

Gleichzeitig muss sie selbst geprüft werden. KI erhöht in bislang kaum gekanntem Umfang die Geschwindigkeit menschlicher Symbolproduktion. Daraus ergibt sich die Frage, ob die Geschwindigkeit der Rückkopplung, Widerlegung und Korrektur mit der Geschwindigkeit der Repräsentation wächst.

Diese Frage verbindet KI unmittelbar mit dem Zivilisationsloch.

Globale Schwarm-Intelligenz

Die Globale Schwarm-Intelligenz ergibt sich aus dieser Entwicklung nicht als kollektive Superintelligenz und nicht als Mehrheitsentscheidungsmaschine. Sie ist als überörtliche Rückkopplungs- und Verbindungsstruktur gedacht.

Die Ergebnisse unterschiedlicher Tische, Fragen und Prüfungen können miteinander in Beziehung gebracht werden. Die KI kann Gemeinsamkeiten, Widersprüche und wiederkehrende Begriffsprobleme sichtbar machen. Ein einzelner Tisch arbeitet an Freiheit, ein anderer an Eigentum, ein dritter an Wasser, ein vierter an Arbeit. Die Plattform kann zeigen, wo ihre Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen sich berühren.

Dadurch könnte ein Kristallisationskern der Rückkopplungen entstehen.

Der entscheidende Maßstab wäre nicht Zustimmung, sondern die Qualität der Verbindung zwischen Behauptung, Tätigkeit, Konsequenz und Korrektur.

Wissenschaft und das Problem der Fachlöcher

Die Diskussion um Wissenschaft hat sich ebenfalls differenziert. Die Forschungskunst richtet sich nicht gegen Spezialisierung. Spezialdisziplinen sind für Präzision unverzichtbar. Das Problem entsteht dort, wo die Grenzen der Fachzuständigkeiten mit den Grenzen des untersuchten Wirkungszusammenhangs verwechselt werden.

Die vorausliegende Wirklichkeit ist nicht diszipliniert. Die Disziplinierung geschieht im menschlichen Zugriff.

Eine Wissenschaft kann hervorragendes Wissen über einen Ausschnitt produzieren. Eine andere untersucht einen angrenzenden Ausschnitt. Eine dritte die gesellschaftlichen Folgen. Das Zivilisationsproblem entsteht, wenn es keine ebenso starke gemeinsame Struktur gibt, in der diese getrennten Ergebnisse auf die vollständigen Tätigkeits- und Abhängigkeitsfolgen zurückgeführt werden.

Der Generalist erhält darin eine besondere, aber begrenzte Funktion. Er weiß nicht alles. Seine Aufgabe besteht darin, die Frage nach dem Gesamtzusammenhang nicht allein deshalb aufzugeben, weil niemand alle Fachkenntnisse besitzen kann.

Kunst soll dabei keine Superwissenschaft werden. Ihre besondere Möglichkeit liegt darin, unterschiedliche Material-, Bild-, Sprach-, Körper-, Zeit- und Erfahrungsbereiche in einer gemeinsamen Versuchsanordnung zusammenzubringen, ohne sie vollständig in eine Fachsprache übersetzen zu müssen.

Das So-Heits-Atelier wäre damit keine Konkurrenz zu den Wissenschaften, sondern eine gemeinsame Werkbank zwischen Zuständigkeiten.

So-Heits-Gesellschaft: von der Utopie zur Fähigkeit

Auch die Vorstellung einer So-Heits-Gesellschaft wurde im Verlauf der Forschung verändert. Sie soll keine fertige richtige Gesellschaft bezeichnen. Eine solche Vorstellung würde leicht selbst zur Begriffsskulptur.

So-Heits-Gesellschaft bezeichnet zunehmend eine Fähigkeit: Können Menschen ihre eigenen Institutionen, Rollen, Eigentumsordnungen, Technologien und Lebensformen als veränderbare Hervorbringungen behandeln? Können Tätigkeitsfolgen auf die Formen zurückwirken, die sie verursacht haben? Kann eine Gesellschaft Fehler anerkennen, ohne dass ihre gesamte Identität zusammenbricht?

Damit wird Zivilisationsfähigkeit zum übergeordneten Zielbegriff.

Zivilisationsfähigkeit bedeutet nicht primär höheren technischen Entwicklungsstand oder größeren Wissensumfang. Sie bezeichnet die Fähigkeit einer Gesellschaft, die Folgen ihrer eigenen Hervorbringungen wahrzunehmen und die verursachenden Hervorbringungen rechtzeitig zu korrigieren.

Die forschungskünstlerische Kurzform lautet: Nicht wie viel eine Zivilisation weiß, entscheidet über ihre Zivilisationsfähigkeit, sondern ob ihr Wissen rechtzeitig in Korrektur überführt werden kann.

Das So-Heits-Atelier als Gesamtarchitektur

Aus allen bisherigen Entwicklungen ergibt sich inzwischen eine erkennbare Gesamtarchitektur.

Am Grund liegt keine Theorie, sondern eine Frage innerhalb der vorausliegenden Plexuswirklichkeit: Der Mensch ist tätig, abhängig und erzeugt Folgen.

Der Werkanker zeigt, wie aus einer jahrzehntelangen plastischen Praxis Versuchsanordnungen entstanden sind, in denen Vorstellung, Widerstand, Material, Tätigkeit und Rückmeldung untersucht werden.

Aus dieser Praxis entstehen Begriffe, zunächst als Arbeitshypothesen: Lochprozess, Membran, Menschenkunstwerk, Verletzungswirklichkeit, Symbolwelt, Plexuswirklichkeit.

Das Begriffshandwerk zieht die Forschungsbewegung noch weiter an den Anfang zurück. Es fragt bereits bei Auswahl, Unterscheidung, Gegenüberstellung, Benennung und Zuschreibung danach, wie menschliche Wirklichkeitsformen hergestellt werden.

Der Prüfanker des Begriffshandwerks bündelt diese elementaren Operationen zu einer allgemein benutzbaren Methode.

E1–E4 hilft später, innerhalb der Prüfung unterschiedliche materielle, lebendige und symbolisch-gesellschaftliche Wirklichkeits- und Geltungsweisen auseinanderzuhalten und ihre Rückkopplung zu untersuchen.

Künstlerische Plastiken, Objekte und Versuchsanordnungen liefern Widerstand und konkrete Gegenüber.

Folien öffnen andere Ausschnitte.

Schablonen machen Prüfbewegungen wiederholbar.

Das Mitmachbuch macht sie transportabel.

Die Tausend Tische bringen unterschiedliche menschliche Fragen miteinander in Beziehung.

KI erzeugt zusätzliche Gegenüberstellungen und wird selbst zum Prüfgegenstand.

Die Globale Schwarm-Intelligenz verbindet getrennte Prüfprozesse über Orte und Zeiten hinweg.

Archiv und Biografie ermöglichen die zeitliche Gegenprüfung und verhindern, dass heutige Begriffe ihre Entstehungsgeschichte verlieren.

Verortungskunst prüft zusätzlich Ort, Zeitpunkt, Institution und gesellschaftlichen Zusammenhang.

Das So-Heits-Atelier führt diese Bestandteile zu einer öffentlichen plastischen Forschungs- und Lernarchitektur zusammen.

Seine Zielprojektion ist nicht eine fertige Weltanschauung, sondern die Erhöhung menschlicher und gesellschaftlicher Korrekturfähigkeit.

Begriffliche Doppelungen und mögliche Vereinfachungen

Gerade weil die Forschung inzwischen viele Begriffe hervorgebracht hat, muss sie ihre eigene Begriffsproduktion mitprüfen. An mehreren Stellen ist eine Vereinfachung sinnvoll.

„Begriffsarchitektur“ und „Begriffshandwerk“ sollten nicht als zwei konkurrierende Methoden geführt werden. Begriffsarchitektur kann das entstandene Gefüge bezeichnen; Begriffshandwerk bezeichnet die Tätigkeit, mit der an diesem Gefüge gearbeitet wird.

Die Vielzahl der Lochbegriffe sollte möglicherweise auf wenige Grundprozesse zurückgeführt werden. Besonders tragfähig erscheinen derzeit drei Grundformen: das Selektionsloch, bei dem Ausschnitt und Zusammenhang auseinanderfallen; das Attributionsloch, bei dem Zuschreibung und zugeschriebene Eigenschaft verwechselt werden; und das Rückkopplungsloch, bei dem Folgen die verursachende Vorstellung nicht mehr korrigieren können. Erkenntnisloch, Wissenschaftsloch, Geschichtsloch und Zivilisationsloch könnten dann als besondere Erscheinungsformen beziehungsweise Skalierungen dieser Grundprozesse beschrieben werden. Ob dafür tatsächlich die neuen Namen „Selektionsloch“ und „Attributionsloch“ gebraucht werden, sollte allerdings offenbleiben; möglicherweise genügt die Beschreibung des Vorgangs, um unnötige Begriffsinflation zu vermeiden.

Auch „Symbolwelt“, „Unverletzlichkeitswelt“, „Als-ob-Welt“, „Wirkungswelt“ und „Tätigkeitswelt“ benötigen weitere Klärung. Zu viele parallele Begriffe könnten den Vorgang verdunkeln, den sie transparent machen sollen. Zentral bleiben sollte die Unterscheidung zwischen gesellschaftlich erzeugter Geltung und den materiell-lebendigen Bedingungen beziehungsweise Konsequenzen des Handelns.

„Plexuswirklichkeit“ besitzt inzwischen eine tragende Funktion, muss aber ausdrücklich Arbeitsbegriff bleiben. Er darf nicht selbst zu einer neuen metaphysischen Gesamtbezeichnung werden, die behauptet, die Wirklichkeit abschließend zu erfassen.

Dasselbe gilt für E1–E4. Das Modell muss an seinen eigenen Grenzfällen überprüfbar bleiben.

„Plastik“ und „Skulpturalisierung“ sind für die Forschung dagegen zentral, solange eindeutig kenntlich bleibt, dass die Unterscheidung aus deiner plastischen Arbeitsweise hervorgeht und in der Forschung zusätzlich methodisch erweitert wird.

51:49 und 1:99 sollten klar als künstlerische Prüf- und Diagnosefiguren gekennzeichnet bleiben. Ihre Stärke liegt gerade darin, dass sie keine naturwissenschaftlichen Gesetze sein müssen.

Symbolon und symmetria sollten weiterhin als historische Resonanz- und Gegenmodelle verwendet werden, nicht als Behauptung, die Griechen hätten bereits die Forschungskunst gekannt oder eine ursprüngliche richtige Begriffswelt besessen.

Die kulturvergleichenden Sprachuntersuchungen sollten ebenfalls nicht als lineare Entwicklung von einer „richtigen“ alten Sprache zu einer „falschen“ modernen Sprache erzählt werden. Ihre Funktion ist der Nachweis, dass begriffliche Ordnungen geschichtlich variieren und deshalb selbst zum Gegenstand der Forschung gemacht werden können.

Noch offene Verbindungen

Eine zentrale offene Aufgabe liegt in der genaueren Verbindung des Werkankers mit dem Prüfanker. Für jede zentrale plastische Arbeit wäre systematisch zu zeigen, welche Operation des Begriffshandwerks dort bereits praktisch vorkommt. Dadurch könnte verhindert werden, dass das Begriffshandwerk wie eine nachträglich entwickelte Theorie über die Werke gelegt erscheint.

Eine zweite offene Aufgabe betrifft die Dramaturgie des So-Heits-Ateliers. Die Bestandteile sind inzwischen relativ klar, aber der Weg eines Besuchers durch diese Bestandteile muss noch genauer erprobt werden. Beginnt er mit einer eigenen Frage, einem Objekt, einer Folie oder einer überraschenden Gegenüberstellung? Wann erscheint die KI? Wann E1–E4? Wann werden andere Tische einbezogen? Wann endet eine Prüfung, und wie wird ihr offener Rest dokumentiert?

Eine dritte offene Frage betrifft das Verhältnis von persönlichem Bedürfnis und gesellschaftlicher Forschung. Die Tausend Tische können bei Beruf, Interesse, Konflikt, Angst, Wunsch oder Motivation beginnen. Noch genauer zu entwickeln ist, wie aus einer sehr persönlichen Frage eine Untersuchung gesellschaftlicher Tätigkeits- und Abhängigkeitszusammenhänge werden kann, ohne die persönliche Erfahrung zu instrumentalisieren.

Eine vierte Aufgabe betrifft die Rückkopplungsrechte. Bisher wurde stark gefragt, ob Folgen zurückwirken können. Weiter zu untersuchen ist, wer oder was gesellschaftlich tatsächlich die Macht besitzt, eine Ordnung aufgrund dieser Folgen zu verändern. Das könnte eine wichtige Präzisierung des Zivilisationsloches darstellen: Nicht nur Rückmeldungen sind ungleich verteilt, sondern auch die Rechte und Möglichkeiten, aus ihnen Konsequenzen zu ziehen.

Eine fünfte Aufgabe betrifft die Selbstprüfung der Forschungskunst. Wenn das So-Heits-Atelier verlangt, dass menschliche Begriffe plastisch und korrigierbar bleiben, muss dasselbe für seine eigenen Begriffe gelten. Jeder zentrale Begriff braucht deshalb eine eingebaute Möglichkeit seiner Revision. Der Zweifel darf nicht nur auf andere Weltbilder angewendet werden.

Gesamtformel der entstandenen Forschung

Die bisherige Entwicklung lässt sich schließlich in einer zusammenhängenden Bewegung darstellen.

Der Mensch lebt innerhalb einer vorausliegenden Wirklichkeit, von deren Bedingungen er abhängig ist. Um handeln zu können, muss er auswählen und unterscheiden. Er stellt Unterschiede gegenüber, benennt Ausschnitte und schreibt ihnen Eigenschaften zu. Aus diesen Hervorbringungen entstehen Begriffe, Symbole, Rollen, Modelle und Institutionen. Diese menschlichen Werke können Tätigkeiten organisieren und dadurch außerordentlich reale Folgen erzeugen. Problematisch wird der Vorgang dort, wo der Herstellungscharakter der menschlichen Formen vergessen wird, Beziehungen aus dem Ausschnitt verschwinden und die Folgen der daraus hervorgehenden Tätigkeiten nicht mehr auf die ursprünglichen Vorstellungen und Ordnungen zurückwirken können. Aus notwendigen Erkenntnis- und Gestaltungsoperationen entstehen dann Lochprozesse und in gesellschaftlicher Skalierung Zivilisationslöcher.

Die Forschungskunst versucht deshalb nicht, dem Menschen eine neue richtige Wirklichkeit zu erklären. Sie entwickelt plastische Verfahren, durch die der Mensch seine eigenen Hervorbringungen wieder einem Gegenüber aussetzen kann. Material, andere Menschen, Geschichte, Tätigkeitsfolgen, wissenschaftliches Wissen, künstlerische Versuchsanordnungen und künstliche Intelligenz können dabei unterschiedliche Formen der Gegenprüfung bereitstellen. Der Zweifel hält die Grenze zwischen Vorstellung und vorausliegendem Wirkungszusammenhang als Membran offen.

Der Werkanker dokumentiert die Herkunft dieser Arbeitsweise. Der Prüfanker des Begriffshandwerks macht ihre elementaren Operationen zugänglich. Das Vier-Ebenen-Modell differenziert innerhalb der Prüfung verschiedene Wirklichkeits- und Geltungsweisen. Die künstlerischen Plastiken geben den Begriffen Widerstand. Folien und Schablonen machen Beziehungen und Prüfbewegungen sichtbar. Mitmachbuch und Tausend Tische übertragen die individuelle Prüfung in einen gesellschaftlichen Lernprozess. KI erweitert die Möglichkeiten der Gegenüberstellung und muss gleichzeitig selbst auf ihre symbolische Überproduktionskraft geprüft werden. Die Globale Schwarm-Intelligenz soll getrennte Fragen und Rückmeldungen miteinander verbinden. Archiv und Verortungskunst halten Zeit, Entstehung, Scheitern und institutionellen Zusammenhang sichtbar. Das So-Heits-Atelier führt diese Teile in einer öffentlichen plastischen Prüfarchitektur zusammen.

Die Zielprojektion lautet damit nicht, eine endgültig richtige Gesellschaft zu entwerfen. Sie besteht darin, Zivilisationsfähigkeit als Korrekturfähigkeit gegenüber den Folgen der eigenen Hervorbringungen auszubilden.

In der knappsten Form lässt sich die Entwicklung deshalb so zusammenfassen:

Der Mensch muss unterscheiden, um lernen und handeln zu können. Er muss Vorstellungen hervorbringen, um gestalten zu können. Er muss Begriffe und Symbole erzeugen, um Erfahrungen zu speichern und gemeinsam tätig werden zu können. Das Zivilisationsproblem beginnt nicht mit diesen Hervorbringungen, sondern dort, wo ihre menschliche Herstellung vergessen wird und ihre Tätigkeitsfolgen sie nicht mehr korrigieren können. Forschungskunst versucht, diese verlorene Rückkopplung plastisch wieder zu öffnen.

Das So-Heits-Atelier wäre in diesem Sinn keine Ausstellung einer fertigen Forschung und keine Schule einer neuen Weltanschauung. Es wäre eine öffentliche Werkstatt, in der Menschen lernen können, ihre Fragen, Begriffe, Überzeugungen, Rollen, Institutionen und Tätigkeiten als eigene, veränderbare Hervorbringungen zu untersuchen und sie den Folgen auszusetzen, die sie innerhalb der gemeinsamen Tätigkeits- und Abhängigkeitswirklichkeit erzeugen.

Diese Rekonstruktion zeigt zugleich, dass der nächste notwendige Arbeitsschritt weniger die Erfindung weiterer Grundbegriffe als eine Reduktion und Zuordnung ist: Welche wenigen Grundoperationen tragen tatsächlich alles, und welche bisherigen Begriffe können als Unterformen, Beispiele oder Werkzeuge darunter eingeordnet werden?

Die documenta 16 als bereits begonnener Arbeitsprozess

Wenn du von deiner Verortungskunst ausgehst, hat die documenta 16 für dich tatsächlich bereits begonnen – allerdings noch nicht institutionell, sondern als künstlerischer Forschungs- und Prüfprozess. Die Arbeit beginnt nicht erst mit einer Einladung, einem Ausstellungsraum oder dem Eröffnungstag. Sie beginnt in dem Augenblick, in dem du untersuchst:

Was muss zu welchem Zeitpunkt, an welchem Ort, vor welchen Menschen und unter welchen Bedingungen sichtbar und überprüfbar werden?

Damit wird bereits deine Annäherung an die documenta zum Bestandteil des Kunstwerks. Die Briefe, Bewerbungen, Reaktionen, Absagen, Missverständnisse, räumlichen Überlegungen, Gesprächsversuche und die Suche nach einer angemessenen Darstellungsform sind nicht bloß Vorbereitungen. Sie zeigen praktisch, ob eine Institution bereit ist, sich auf eine offene Überzeugungsprüfung einzulassen.

Wichtig wäre jedoch die Unterscheidung: Nicht die documenta 16 selbst arbeitet bereits mit dir, sondern du arbeitest bereits an der documenta 16, in Richtung auf sie und zugleich an der Frage, ob sie ein geeigneter Ort für deine Arbeit sein kann.

Die zentrale Einladung an die Menschen

Du könntest die Menschen nicht nur fragen, ob sie deine Arbeit verstehen oder gut finden. Das wäre zu passiv. Du könntest sie vielmehr dazu einladen, ihre eigene Stellung innerhalb der von dir untersuchten Zusammenhänge zu bestimmen.

Die übergeordnete Frage könnte lauten:

Wo stehst du selbst innerhalb der Wirklichkeit, die du durch dein tägliches Handeln mit hervorbringst?

Oder noch enger an deine Verortungskunst gebunden:

An welchem Punkt zwischen Wissen, Nichtwissenwollen und Handeln befindest du dich?

Damit werden die Menschen nicht zu Betrachtern eines abgeschlossenen Lebenswerks, sondern zu Beteiligten eines noch laufenden Untersuchungsprozesses.

Fragen zur eigenen Verortung

Am Anfang sollten Fragen stehen, die den Menschen helfen, ihre eigene Position überhaupt wahrzunehmen:

Wo befindest du dich: innerhalb der Lebensbedingungen oder in einer gedanklichen Parallelwelt über ihnen?

Begreifst du dich als unabhängiges Individuum oder als Funktionsteil eines größeren Zusammenhangs?

Welche Voraussetzungen deines Lebens kannst du selbst herstellen – und von welchen bist du vollständig abhängig?

Was bedeutet für dich der Satz: „Weil ich atme, existiere ich“?

Wo endet deine persönliche Freiheit, weil die Folgen deines Handelns andere Menschen, Lebewesen oder Lebensgrundlagen betreffen?

Diese Fragen führen unmittelbar in deinen Grundgedanken hinein: Der Mensch befindet sich nicht außerhalb der Welt, sondern ist körperlich, materiell und durch seine Handlungskonsequenzen in sie eingebunden.

Fragen zum Millisekunden-Menschen

Die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ kann als zweiter großer Frageraum dienen. Hier geht es um das Verhältnis zwischen der extrem kurzen Anwesenheit des Menschen und seinem Anspruch, die gesamte Welt nach seinen Vorstellungen zu ordnen.

Welches Recht leitet der Millisekunden-Mensch daraus ab, Milliarden Jahre entstandene Lebensbedingungen zu verändern oder zu zerstören?

Kann ein Wesen, das erst seit wenigen Sekunden auf der planetarischen Uhr existiert, behaupten, die Funktionsweise des Ganzen besser zu kennen?

Welche Maßstäbe müssten gelten: die kurzfristigen Interessen des Menschen oder die langfristigen Funktionsbedingungen des Planeten?

Was würde sich ändern, wenn politische und wirtschaftliche Entscheidungen an der Erdgeschichte statt an Wahlperioden, Börsenkursen und Lebenszeiten gemessen würden?

Ist der Mensch der Mittelpunkt der Entwicklung oder lediglich eine vorläufige Testform der Evolution?

Hier wird deine Uhr nicht nur zu einer Illustration, sondern zu einem Prüfgerät für menschliche Selbstüberschätzung.

Fragen zum Funktionieren und Nichtfunktionieren

Ein zentraler Zugang zu deiner Arbeit liegt in deinem handwerklichen Maßstab. Die Frage ist nicht zuerst, ob etwas moralisch gut gemeint, theoretisch überzeugend oder wirtschaftlich erfolgreich ist, sondern ob es innerhalb seiner Lebenszusammenhänge funktioniert.

Woran erkennen wir, ob eine gesellschaftliche Form tatsächlich funktioniert?

Kann etwas wirtschaftlich erfolgreich sein und gleichzeitig biologisch, sozial oder planetarisch nicht funktionieren?

Wer bestimmt, was als funktionierend bezeichnet wird?

Welche Folgen werden aus einer Erfolgsrechnung ausgeschlossen?

Wo liegen die Toleranzbereiche und Kipppunkte eines politischen, sozialen oder ökologischen Systems?

Kann eine Ordnung noch als vernünftig gelten, wenn sie ihre eigenen Existenzvoraussetzungen zerstört?

Damit lässt sich dein Maschinenbauwissen mit der Forschungskunst verbinden. Jede Konstruktion muss geprüft werden. Warum sollte dies nicht auch für Ideologien, Wirtschaftsordnungen, Institutionen und menschliche Rollen gelten?

Fragen zur Verantwortung

Deine Arbeit erweitert Verantwortung über Absicht und persönliche Zuständigkeit hinaus. Deshalb könnten folgende Fragen besonders wichtig werden:

Bin ich nur für meine Absichten verantwortlich oder auch für die vorhersehbaren Folgen meines Handelns?

Wo endet Verantwortung in einem System, in dem jeder nur einen kleinen Teil seiner Tätigkeit ausführt?

Kann Verantwortung delegiert werden, wenn die Folgen trotzdem eintreten?

Welche Handlung würde ich verändern, wenn ich sämtliche Konsequenzen unmittelbar sehen könnte?

Welche Verantwortung entsteht allein daraus, dass ich Teil eines funktionalen Zusammenhangs bin?

Was bedeutet Verantwortung bei acht Milliarden gleichzeitig handelnden Menschen?

So wird dein „Spiegel der Verantwortung“ nicht zu einem moralischen Vorwurf, sondern zu einer Methode der Selbstprüfung.

Fragen zur Kunst und zur Sozialen Plastik

Die Menschen sollten außerdem prüfen können, was Kunst innerhalb deiner Arbeit bedeutet:

Ist Kunst die Herstellung eines Gegenstandes oder die Veränderung eines Wirklichkeitsverhältnisses?

Wann wird ein Gespräch, eine Prüfung, ein Brief oder eine institutionelle Reaktion zum Teil eines Kunstwerks?

Kann eine Gesellschaft als Plastik behandelt werden, ohne ihre Menschen zum Material fremder Vorstellungen zu machen?

Was bedeutet es praktisch, wenn jeder Mensch an der gesellschaftlichen Formung beteiligt ist?

Müsste dann nicht auch jede Tätigkeit auf ihre Voraussetzungen und Folgen geprüft werden?

Kann ein Kunstwerk scheitern – und wird gerade dieses Scheitern zu einem Erkenntnisgewinn?

Diese Fragen machen verständlich, weshalb deine documenta-Bewerbung nicht nur die Präsentation vorhandener Objekte betrifft. Auch die Weise, wie eine Institution darauf reagiert, wird Teil der Untersuchung.

Fragen an die documenta und andere Institutionen

Deine Arbeit richtet Fragen nicht nur an einzelne Besucher, sondern auch an die Institution selbst:

Kann eine Kunstinstitution eine Arbeit aufnehmen, deren Ergebnis noch nicht feststeht?

Ist die documenta bereit, nicht nur gesellschaftliche Probleme darzustellen, sondern ihre eigenen Auswahl-, Ausschluss- und Bewertungsmechanismen überprüfen zu lassen?

Kann eine Ausstellung zum Labor werden, in dem auch die Kuratoren, Organisatoren und Künstler Beteiligte der Untersuchung sind?

Was geschieht mit einer Arbeit, die nicht vollständig in die Kategorien Kunst, Wissenschaft, Pädagogik oder politische Aktion passt?

Erkennt eine Institution nur das an, was bereits kunsthistorisch verortet ist?

Kann die Nichtanerkennung eines Lebenswerks selbst zum Gegenstand der Verortungskunst werden?

Hier liegt ein entscheidender Punkt: Die documenta wäre nicht nur der Ort, an dem dein Werk ausgestellt wird. Sie würde selbst zu einem untersuchten Teil der Arbeit.

Fragen zu konkreten Objekten

Deine Objekte können jeweils als Fragestationen eingesetzt werden. Die vergoldete Kartoffel könnte fragen:

Was geschieht, wenn der kulturelle oder wirtschaftliche Wert eines Gegenstandes seine biologischen Bedingungen verdeckt?

Die vergoldete Eisfläche könnte fragen:

Kann der Mensch eine Wirklichkeit beliebig verschönern und weiterhin auf ihr handeln, ohne ihre Funktionsweise zu beachten?

Der Astronautenanzug im offenen Feuerkäfig könnte fragen:

Welche Rollenidentität schützt mich scheinbar davor, meine tatsächliche Lage wahrzunehmen?

Warum verlasse ich eine zerstörerische Ordnung nicht, obwohl die Tür offensteht?

Der Deich mit dem Reißverschluss könnte fragen:

Welche lebensnotwendigen Grenzen behandeln wir, als könnten sie beliebig geöffnet und geschlossen werden?

Der Biberdamm könnte fragen:

Warum gilt die Anpassung eines Tieres an seinen Lebensraum als intelligent, während der Mensch die Veränderung des Lebensraums nach seinen Interessen als Fortschritt bezeichnet?

So wird jedes Objekt zu einem eigenständigen Prüfoperator.

Fragen, die zu einer Handlung führen

Entscheidend ist, dass die Menschen nicht nach der Beantwortung der Fragen stehen bleiben. Am Ende sollte jede Person eine konkrete Verortung vornehmen:

Welche Frage aus diesem Atelier betrifft mein eigenes Leben unmittelbar?

Welche meiner Überzeugungen möchte ich überprüfen?

Welche Handlung hat Folgen, die ich bisher ausgeblendet habe?

Was kann ich verändern, ohne auf eine Regierung, Institution oder Mehrheit zu warten?

Mit welchen anderen Menschen müsste ich mich verbinden, damit aus meiner Erkenntnis eine wirksame Handlung entsteht?

Welche Spur möchte ich in diesem Forschungsatelier hinterlassen?

Daran könnte deine rote Punktaktion anknüpfen. Der rote Punkt wäre dann nicht bloß ein Zeichen der Teilnahme. Er würde markieren, an welcher Fragestellung ein Mensch weiterarbeiten will. Menschen mit ähnlichen Punkten könnten einander finden und zeitweilige Forschungsgruppen bilden.

Die entscheidende Grundfrage

Alle einzelnen Fragen könnten schließlich auf eine gemeinsame Kernfrage zulaufen:

Ist der Mensch bereit, seine selbst geschaffenen Überzeugungen, Rollen und Ordnungen an den Bedingungen zu überprüfen, von denen sein Leben tatsächlich abhängt?

Damit wird die documenta 16 für dich bereits jetzt zu einem offenen Verortungsprozess. Du prüfst nicht nur, wie dein Lebenswerk dort gezeigt werden könnte. Du prüfst zugleich, ob die documenta, ihre Verantwortlichen, ihre Besucher und du selbst bereit sind, sich innerhalb dieses Prozesses verorten zu lassen. Genau darin könnte das eigentliche Kunstwerk liegen.

Komprimierte Kontextualisierung des Gesamtzusammenhangs

Ausgangsfrage und Grundwirklichkeit

Das gesamte künstlerische Lebenswerk geht von einer einzigen, seit Jahrzehnten verfolgten Frage aus: Warum zerstört der Mensch trotz seines Wissens, seiner technischen Fähigkeiten und seines Anspruchs, ein Vernunftwesen zu sein, seine eigenen Existenzbedingungen?

Diese Frage wird nicht vorrangig moralisch gestellt. Ihr Ausgangspunkt ist eine handwerkliche und naturbezogene Prüfung: Funktioniert eine Tätigkeit innerhalb ihrer tatsächlichen Voraussetzungen und Abhängigkeiten, oder funktioniert sie nicht?

Die grundlegende Wirklichkeit ist der Plexus. Plexus bezeichnet das Geflecht, in dem abgegrenzte Funktionsteile durch Stoffaustausch, Information, Tätigkeit, Konsequenz und Rückkopplung miteinander verbunden sind. Eine Zellmembran, ein Organismus, ein Gehirn, ein Baum, das Zusammenwirken von Pflanzen und Pilzen, ein Wald, eine Gesellschaft und das gekoppelte Erdsystem sind nicht dasselbe. In ihnen wiederholt sich jedoch das Grundproblem, wie eigenständige Teile innerhalb gemeinsamer Abhängigkeiten bestehen können.

Die elementare Folge lautet:

Referenzsystem und Toleranzraum – Tätigkeit – Konsequenz – Rückmeldung – Vergleich – Korrektur – erneute Tätigkeit.

Das Gehirn hat diesen Vorgang nicht erfunden. Es stellt eine hoch entwickelte Verdichtung von Regulations-, Wahrnehmungs- und Rückkopplungsvorgängen dar, die bereits auf molekularer, zellulärer und organismischer Ebene vorhanden sind. Verstand und Bewusstsein dürfen daher nicht als voraussetzungslose Leistungen eines vom Körper abgelösten Kopfes behandelt werden. Sie sind Ergebnisse eines Milliarden Jahre alten plastischen Entwicklungs- und Abhängigkeitszusammenhangs.

Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekundenmensch

Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde stellt den zeitlichen Kontextanker bereit. Sie setzt die sehr kurze Existenz- und Kulturgeschichte des Menschen in Beziehung zur Milliarden Jahre umfassenden Entstehungsgeschichte seiner Existenzbedingungen.

Der Mensch erscheint darin als Millisekundenmensch. Er hat Luft, Wasser, Boden, Gravitation, Stoffkreisläufe, Zellregulation und biologische Regeneration nicht hervorgebracht. Dennoch behandelt er seine sehr spät entstandenen Geld-, Eigentums-, Rechts-, Markt- und Institutionsordnungen so, als seien sie die bestimmende Wirklichkeit.

Der Millisekundenmensch verwechselt die außerordentliche Reichweite seiner technischen Fähigkeiten mit der Fähigkeit, die Voraussetzungen seines Lebens ersetzen zu können. Er kann technisch außerordentlich präzise handeln und zugleich existenziell falsch liegen.

Die Erde ist deshalb nicht das Schutzobjekt eines außerhalb stehenden Menschen. Sie ist das umfassende Referenzsystem, innerhalb dessen sich der menschliche Vernunftanspruch bewähren muss. Der Planet wird wahrscheinlich auch ohne den Menschen fortbestehen. Darin liegt der Sarkasmus des Satzes, die Erde werde ihren Weg schon weitergehen: Der Mensch tröstet sich mit der Überlebensfähigkeit des Ganzen, während diese gerade seine eigene Entbehrlichkeit beweist.

Gerettet werden kann nicht der Planet als Himmelskörper. Geschützt werden können nur die menschliche Lebenswelt, die gegenwärtigen ökologischen Zusammenhänge, die globale Gesellschaft und die Bedingungen, unter denen menschliche Kultur weiterhin möglich bleibt.

Plastische Identität und Kulturidentität

Der Mensch besitzt eine plastische Identität. Er ist ein verletzlicher, atmender, stoffwechselnder und durchlässiger Organismus. Er besteht nicht unabhängig, sondern als eigenständiges Funktionsteil innerhalb umfassender Abhängigkeiten.

Daneben entwickelt er eine Kulturidentität. Sie besteht aus Namen, Rollen, Besitzverhältnissen, Berufen, Institutionen, Überzeugungen, Rechten und gesellschaftlichen Geltungsordnungen. Diese Konstruktionen sind nicht physikalisch gegeben, aber sie sind materiell wirksam. Geld ist keine Nahrung, kann jedoch über den Zugang zu Nahrung entscheiden. Eigentum ist keine Eigenschaft des Bodens, kann aber festlegen, wer ihn nutzen darf. Eine institutionelle Zuständigkeit ist kein Naturgesetz, kann aber darüber bestimmen, ob eine Verletzung anerkannt wird. Die Parallelwelt ist daher nicht wirkungslos; sie ist eine symbolisch erzeugte Ordnung mit wirklichen Tätigkeits- und Verletzungskonsequenzen.

Problematisch wird die Kulturidentität dort, wo sie sich für die vollständige Wirklichkeit hält. Sie erzeugt eine Skulpturidentität: den Als-ob-Menschen, der sich als abgeschlossen, autonom, unverletzlich und verfügend erlebt, obwohl er vollständig von Versorgung, anderen Menschen und dem planetarischen Plexus abhängig bleibt.

Die Geburt Athenes aus dem Kopf des Zeus kann dafür als kulturelles Bild gelesen werden. Das Wissen erscheint als aus dem Kopf hervorgebrachte, körperlose Eigenleistung. Die biologischen, weiblichen, materiellen und planetarischen Voraussetzungen der Geburt werden verdrängt. Die plastische Umkehrung setzt den Kopf wieder in den Körper und den Körper wieder in seine Abhängigkeitswelt ein.

Das brennende Rollenidentitätsgefängnis

Der Positionsanker verdichtet diese Diagnose im Bild des Astronauten in einem goldenen, brennenden Käfig mit geöffneter Tür. Der Astronautenanzug steht nicht für eine Kritik an der Raumfahrt, sondern für die technisch und gesellschaftlich erzeugte Skulpturidentität. Die goldenen Gitter bestehen aus Eigentum, Geld, Status, Karriere, Anerkennung, Konsum und dem Versprechen persönlicher Freiheit.

Die Tür ist geöffnet, aber noch kein tragfähiger gesellschaftlicher Ausgang vorhanden. Der Mensch kann seine Rollenordnung nicht einfach durch eine private Willensentscheidung verlassen, weil Versorgung, Einkommen, Wohnung, medizinische Hilfe, Beziehungen und gesellschaftliche Zugehörigkeit innerhalb dieser Ordnung organisiert werden.

Das Bild ist deshalb keine Beweisführung dafür, dass die Menschheit keine Überlebenschance besitzt. Es ist eine künstlerische Diagnose. Der Prüfoperator muss untersuchen, wodurch sie getragen wird, was ihr widerspricht und ob wirkliche Revisionsmöglichkeiten vorhanden sind.

Der Positionsanker legt die persönliche Überzeugung offen, dass die Menschheit das von ihr hervorgebrachte Gefängnis wahrscheinlich nicht mehr rechtzeitig verlassen wird. Der Prüfoperator darf diese Überzeugung weder verschweigen noch automatisch bestätigen.

Positionsanker, Kontextanker und Werkanker

Der Positionsanker benennt die persönliche, biografische und künstlerische Ausgangsposition. Sie lautet in ihrer zugespitzten Form: Die Menschheit hat keine Chance zu überleben, weil sie trotz vorhandenen Wissens die notwendigen Rückkopplungen verweigert und die Geschwindigkeit ihrer Zerstörungsdynamik die Geschwindigkeit ihrer Korrekturfähigkeit übersteigt.

Diese Aussage ist eine begründete persönliche Prognose, aber noch kein beweisbares zukünftiges Ereignis. Beweisbar sind bereits eingetretene Tätigkeiten und Folgen. Begründbar sind Entwicklungslinien und Wirkungszusammenhänge. Prognostizierbar sind wahrscheinliche zukünftige Folgen. Die Aussage über das endgültige Überleben der Menschheit bleibt eine Position, die selbst geprüft werden muss.

Der Kontextanker stellt den planetarischen, biologischen, historischen und gesellschaftlichen Zusammenhang her: die 24-Stunden-Uhr, den Millisekundenmenschen, den Plexus, die Entwicklung des Lebens, die Kulturgeschichte und die heutige globale Macht- und Zerstörungsordnung.

Der Werkanker zeigt, wie diese Fragen im künstlerischen Lebenswerk entstanden und untersucht worden sind. Dazu gehören die Kindheitserfahrungen mit dem Oberförster, die spätere Beschäftigung mit Raoul Heinrich Francé, der Begriff des Funktionsteils, das Wasserlabor, die Frage-und-Antwort-Tische, die experimentelle Umweltgestaltung, das Globale Dorffest von 1993, die tausend tapezierten Tische, die Kollektive Kreativität, die Documenta-Projekte, die Erwachsenen-Malbücher, Performances, Collagen, plastischen Modelle und die heutige Plattform.

Der Werkanker beweist nicht jede theoretische Schlussfolgerung. Er macht jedoch nachvollziehbar, dass die gegenwärtige Diagnose nicht nachträglich erfunden wurde, sondern aus einer mehr als fünfzigjährigen künstlerischen Untersuchungsbewegung hervorgegangen ist.

Prüfanker und Prüfoperator

Der Prüfanker legt fest, woran geprüft wird. Seine Maßstäbe sind nicht persönliche Zustimmung, Mehrheitsmeinung, wirtschaftlicher Erfolg oder gesellschaftliche Anerkennung. Seine Maßstäbe sind Tätigkeit, Konsequenz, Abhängigkeit, Rückkopplung, Toleranzraum, Verletzbarkeit, Regeneration sowie Funktionieren oder Nichtfunktionieren innerhalb der physischen und biologischen Existenzbedingungen.

Der Prüfoperator bezeichnet den aktiven Vorgang der Prüfung. Er fragt:

Was wird getan? Welches Ziel wird verfolgt? Welches Referenzsystem erklärt dieses Ziel für richtig? Welche Voraussetzungen werden benötigt? Wer erhält den Nutzen? Wer trägt die Folgen? Welche Konsequenzen werden wahrgenommen, ausgelagert oder verdrängt? Welche Rückmeldungen werden aufgenommen? Welche Korrekturen verändern nur die Mittel, und welche stellen auch das Ziel infrage?

Der Prüfoperator ist nicht neutral. Er ist an die Erhaltung und Tragfähigkeit der Existenzbedingungen gebunden. Er muss aber ergebnisoffen sein. Er muss auch feststellen können, dass eine persönliche Prognose zu weit geht, eine Korrekturmöglichkeit übersehen wurde oder eine als rettend dargestellte Maßnahme nur den Käfig modernisiert.

Die persönliche Haltung des Künstlers und der methodische Prüfoperator stehen deshalb nicht im Widerspruch. Die Haltung muss offengelegt werden, damit sie selbst Bestandteil der Prüfung werden kann.

Globale Schwarm-Intelligenz

Die acht Milliarden Menschen bilden bereits einen globalen Tätigkeitsschwarm. Produktion, Konsum, Finanzströme, Technik, Kommunikation, Verwaltung, Politik und Ressourcenverbrauch greifen weltweit ineinander. Diese Verflechtung ist jedoch noch keine Schwarm-Intelligenz.

Der Schwarm bezeichnet die Vielzahl eigenständiger Funktionsteile. Intelligenz entsteht erst, wenn deren Wahrnehmungen, Tätigkeiten und Konsequenzen in einen gemeinsamen Rückkopplungs- und Korrekturprozess eintreten.

Der Bindestrich in „Schwarm-Intelligenz“ bezeichnet daher eine noch herzustellende Verbindung.

Das Globale Dorffest von 1993 war bereits eine analoge Vorform dieser Struktur. Jeder Beteiligte sollte einen tapezierten Frage-und-Antwort-Tisch mitbringen, eine eigene Frage eröffnen und zugleich zu den anderen Tischen wandern, um dort Antwortgeber zu werden. Eigenständigkeit und Zusammenhang, Frage und Antwort, Verschiedenheit und gemeinsame Orientierung sollten nicht durch eine zentrale Lehre, sondern durch Bewegung und Rückkopplung miteinander verbunden werden.

Die heutige Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ erweitert dieses Tischparadigma räumlich und zeitlich. Jede Seite kann als ein Arbeitstisch verstanden werden. Erfahrungen, Fragen, Werke, Beobachtungen und Behauptungen werden eingebracht, miteinander verknüpft und dem Prüfoperator ausgesetzt.

Die Plattform sammelt nicht bloß Meinungen. Sie soll aus ihnen überprüfbare Beziehungen herstellen.

Gemeinsame Abhängigkeit und unterschiedliche Verantwortung

Alle acht Milliarden Menschen leben innerhalb gemeinsamer Existenzbedingungen. Daraus folgt jedoch keine gleiche Schuld. Verantwortung bemisst sich nach Tätigkeit, Wissen, Wirkungsmacht, Nutzen und Korrekturmöglichkeit.

Ein Konsument besitzt nicht dieselbe Handlungsmacht wie ein Großunternehmen, ein Finanzakteur, eine Regierung oder eine Institution, die Produktionsbedingungen, Eigentumsordnungen und Infrastrukturen festlegt. Die gemeinsame Verantwortung darf deshalb nicht benutzt werden, um Machtunterschiede unsichtbar zu machen.

Die weniger Mächtigen sollen nicht die Schuld der Herrschenden übernehmen. Ihre Verantwortung besteht darin, sich miteinander zu verbinden, Erfahrungen und Folgen sichtbar zu machen und die Entscheidungen der Mächtigen einer gemeinsamen Prüfung zu unterziehen.

Demokratie wäre in diesem Sinne eine organisierte Rückkopplungsstruktur. Macht müsste begründbar, kontrollierbar, korrigierbar und an ihre Konsequenzen rückgebunden werden. Die gegenwärtige Demokratie bleibt unvollständig, solange wirtschaftliche Verfügungsmacht, Eigentum und Finanzstrukturen stärkere Wirkungen entfalten als die Erfahrungen und Interessen der Betroffenen.

Wahrheit der Natur und menschliche Selbsttäuschung

Die Wahrheit des Waldes ist keine moralische Wahrheit. Natur ist nicht gut, gerecht oder friedlich. Sie umfasst Kooperation, Konkurrenz, Tarnung, Täuschung, Beute, Krankheit, Sterben und Zerfall.

Ihre Wahrheit liegt in der Unausweichlichkeit der Konsequenzen. Eine Pflanze kann ihren Wasserbedarf nicht durch einen Begriff ersetzen. Eine Zellmembran kann die Differenz zwischen Innen und Außen nicht durch einen Vertrag aufheben. Werden Toleranzbereiche überschritten, verändert sich das System oder verliert seine Funktionsfähigkeit.

Der Mensch kann dagegen Begriffe zu einem Zauberwerk machen. Er kann behaupten, etwas funktioniere, weil es bezahlt, beschlossen, erlaubt oder technisch möglich ist. Die physische Rückkopplung wird dadurch nicht aufgehoben, sondern nur verzögert oder aus der Wahrnehmung entfernt.

Genau darin besteht die menschliche Selbstlegitimation des Als-ob.

Kindheit, Kunst und Sandkasten

Die Kindheit darf nicht mit Unvernunft gleichgesetzt werden. In ihr liegt vielmehr der Anfang künstlerischer und forschender Tätigkeit. Das Kind verbindet Wahrnehmung, Vorstellung, Material, Spiel, Zerstörung, Wiederholung und neue Gestaltung.

Der Sandkasten ist eine elementare plastische Versuchsanordnung: Vorstellung, Tätigkeit, Materialwiderstand, Konsequenz und Korrektur werden unmittelbar erfahrbar. Er ist eine Simulation, in der Tätigkeitsfolgen erlernt werden können, ohne dass der gesamte planetarische Zusammenhang zerstört wird.

Die gesellschaftliche Erziehung kanalisiert diese offene Wahrnehmungs- und Gestaltungskraft häufig in vorgegebene Leistungs-, Berufs- und Verwertungsbahnen. Die erwartete Antwort ersetzt die offene Frage. Wissen wird von seinen Konsequenzen getrennt.

Die Forschungskunst versucht, diesen ursprünglichen Prüf- und Gestaltungsraum wieder zu öffnen.

Das So-Heits-Atelier als öffentlicher Rückkopplungsraum

Das So-Heits-Atelier ist keine gewöhnliche Ausstellung und keine fertige Gegenideologie. Es ist ein öffentlicher Unterbrechungs-, Simulations-, Ermittlungs- und Rückkopplungsraum.

Der Besucher tritt nicht nur als Betrachter ein. Er begegnet sich als geformtes Menschenkunstwerk, als Mitgestalter gesellschaftlicher Wirklichkeit und als verletzlicher Bestandteil des planetarischen Plexus.

Kontextanker, Werkanker, Positionsanker und Prüfanker stellen unterschiedliche Zugänge bereit. Der Prüfoperator verbindet sie zu einem Arbeitsprozess. Die Plattform erweitert diesen Prozess zu einer möglichen Globalen Schwarm-Intelligenz.

Das Ziel besteht nicht darin, Hoffnung vorzuschreiben oder den Niedergang zu verkünden. Es besteht darin, den menschlichen Vernunftanspruch prüfbar zu machen.

Verdichtete Gesamtformel

Der Mensch ist ein sehr spät entstandenes plastisches Funktionsteil eines Milliarden Jahre alten planetarischen Plexus. Sein Organismus bleibt vollständig von Stoffwechsel, Rückkopplung, Toleranzräumen und gemeinschaftlichen Abhängigkeiten bestimmt. Zugleich hat er eine Kulturidentität hervorgebracht, die sich als autonome, unverletzliche und verfügende Parallelwirklichkeit versteht.

Mit seiner technischen Wissens- und Herstellungspotenzialität greift der Millisekundenmensch immer tiefer in seine Existenzbedingungen ein. Seine gesellschaftlichen Regelwerke können die Konsequenzen dieser Eingriffe verteilen, verzögern oder verschleiern, aber nicht aufheben.

Der Positionsanker legt die persönliche Diagnose offen, dass die Menschheit ihre zerstörerische Bewegungsrichtung wahrscheinlich nicht mehr rechtzeitig korrigieren wird.

Der Kontextanker zeigt den planetarischen und historischen Maßstab.

Der Werkanker macht sichtbar, wie diese Erkenntnis innerhalb eines jahrzehntelangen künstlerischen Untersuchungsprozesses entstanden ist.

Der Prüfanker bestimmt die Maßstäbe des Funktionierens und Nichtfunktionierens.

Der Prüfoperator untersucht Tätigkeiten, Ziele, Referenzsysteme, Machtverhältnisse und Konsequenzen, einschließlich der persönlichen Position des Künstlers.

Die Globale Schwarm-Intelligenz bezeichnet die noch nicht verwirklichte Möglichkeit, die Erfahrungen, Kenntnisse und Tätigkeitsfolgen von acht Milliarden Menschen zu einer gemeinsamen demokratischen Rückkopplungs- und Verantwortungsstruktur zu verbinden.

Die abschließende Frage lautet daher nicht, ob der Mensch denken, erfinden oder technisch handeln kann. Sie lautet:

Kann der Mensch seine Begriffe, Ziele, Machtordnungen und Tätigkeiten rechtzeitig an den Konsequenzen korrigieren, die sie innerhalb des planetarischen Plexus hervorbringen?

Erst die nachprüfbare Beantwortung dieser Frage entscheidet darüber, ob die Selbstbezeichnung Homo sapiens mehr ist als eine kulturelle Selbstlegitimation des Als-ob.

Diese Fassung bildet den übergeordneten Gesamttext, unter den die einzelnen Anker und der Prüfoperator als eigenständige Vertiefungstexte eingeordnet werden können.

........................................................................