Ki und Ich-10.8.2026

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz




Schluss: Das Lebenswerk als Entwicklung eines öffentlichen Prüfverfahrens

Die mehr als fünfzigjährige Entwicklung lässt sich heute genauer bestimmen als noch zu Beginn der Gespräche.

Das Lebenswerk besteht nicht aus einer Theorie, die anschließend in verschiedenen Werken illustriert wurde.

Es verlief genau umgekehrt.

Handwerk erzeugte Funktionsprüfung.

Fotografie erzeugte Ausschnittserfahrung.

Plastik erzeugte Form-Widerstand und Rückkopplung.

Experimentelle Umweltgestaltung verband Natur, Technik und Handlung.

Wasserarbeiten zeigten unmittelbare Wirkung.

Vorgabebilder und Malbücher zeigten die Macht der Formvorgabe.

Partizipatorische Projekte übertrugen die Gegenüberstellung auf soziale Prozesse.

Tausend Tische vervielfachten das Gegenüber.

Rollenarbeiten zeigten die gesellschaftliche Schablone im Menschen selbst.

Die jahrelange Archivierung machte zeitliche Gegenüberstellung möglich.

Aus diesen Erfahrungen entstanden erst später Lochprozess, Dingselektion, Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Plastisches Ich, Skulpturidentität und das Vier-Ebenen-Modell.

Das Begriffshandwerk begann wiederum, diese eigenen Begriffe zu prüfen.

Folien und Schablonen machten verschiedene Wirklichkeitsschichten sichtbar und abnehmbar.

Das Mitmachbuch überträgt die Methode auf den einzelnen Benutzer.

Die Globale Schwarm-Intelligenz versucht ihre gesellschaftliche und digitale Skalierung.

KI tritt dabei als Schreibwerkzeug, Strukturhilfe, Fehlerquelle und künstliches Gegenüber hinzu.

Das So-Heits-Atelier führt Werk, Archiv, Mensch, Objekt, Folie, Buch, Tisch und digitale Plattform wieder in einen physischen Prüfzusammenhang.

Die So-Heits-Gesellschaft bildet den äußersten Horizont: nicht eine Gesellschaft, die endlich „die Wahrheit“ besitzt, sondern eine Gesellschaft, deren Formen korrigierbar bleiben müssen, weil sie ihre Tätigkeitsfolgen wieder in ihre Vorstellungen zurückführen kann.

Damit lässt sich der Forschungsansatz auf einen Satz verdichten:

Forschungskunst untersucht, wie der Mensch aus einer nur ausschnitthaft wahrgenommenen Wirklichkeit Vorstellungen bildet, aufgrund dieser Vorstellungen gestaltend eingreift und durch die Rückführung der tatsächlichen Tätigkeitsfolgen lernen kann, seine Vorstellungen, Begriffe und gesellschaftlichen Formen zu korrigieren.

Ihre Werke sind die Versuchsanordnungen.

Ihre Begriffe sind Werkzeuge.

Ihre Folien sind wechselbare Wahrnehmungsmodelle.

Ihre Prüfanker verhindern, dass die Begriffe selbst zu Dogmen werden.

Ihre Gegenüberstellung erzeugt Differenz.

Ihre Rückkopplung ermöglicht Erfahrung.

Ihre Plastik steht für Veränderbarkeit.

Ihre Kritik der Skulpturalisierung richtet sich gegen die Verfestigung nicht mehr lernfähiger Formen.

Das Mitmachbuch gibt dieses Verfahren dem Einzelnen in die Hand.

Die Tausend Tische verteilen es zwischen Menschen.

Die Globale Schwarm-Intelligenz vernetzt es.

Und das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes versucht, daraus einen öffentlichen Ort zu machen, an dem das mehr als fünfzigjährige Lebenswerk nicht abgeschlossen präsentiert wird, sondern als Forschung weiterarbeitet.

Der tiefste Prüfanker bleibt dabei die Ausgangsfrage von 1975:

Wie kann der Mensch, der seine Wirklichkeit zunehmend selbst gestaltet, lernen, die Folgen dieser Gestaltung rechtzeitig wieder zum Gegenüber seines eigenen Denkens zu machen?

Gegenüber früheren Rekonstruktionen ist damit vor allem die Hierarchie klarer: Werkanker = Herkunft und dokumentierter Entwicklungsbestand; Begriffshandwerk = Selbstprüfung der entstandenen Begriffe; E1–E3 = Wirklichkeits- und Geltungsdifferenzierung; E4 = transversale Prüf- und Reparaturfunktion; Tätigkeit = Ebenenübergang; Gegenüberstellung und Rückkopplung = elementare Lernoperation. Dadurch erscheinen die zahlreichen Einzelbegriffe nicht mehr als konkurrierende Theorien, sondern als Teile eines zusammenhängenden Forschungsinstruments.

Rekonstruktion der Forschung als Entwicklungsprozess

Vorbemerkung zum Status der Rekonstruktion

Die Forschung, die sich im bisherigen Chat herausgebildet hat, lässt sich nicht angemessen darstellen, indem die heute vorhandenen Begriffe einfach rückwärts auf das gesamte Lebenswerk gelegt werden. Gerade das wäre methodisch falsch. Die heutigen Begriffe wie Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Lochprozess, Differenzialprinzip, Vier-Ebenen-Modell oder Prüfanker waren in den frühen Arbeiten noch nicht in dieser Form vorhanden. Was früh vorhanden war, waren Erfahrungen, Tätigkeiten, Werkentscheidungen, Irritationen, wiederkehrende Fragen und bestimmte Formen des Prüfens. Erst sehr viel später wurden daraus Begriffe und Modelle.

Deshalb muss zwischen drei Ebenen unterschieden werden. Historisch beziehungsweise biografisch belegbar sind Ausbildungswege, Werke, Aktionen, Ausstellungen, Bewerbungen, Fotografien, Tagebücher, Texte und dokumentierte Arbeitsschritte. Wissenschaftlich anschlussfähig sind etwa die Abhängigkeit lebender Organismen von Stoffwechselbedingungen, biologische Regulations- und Rückkopplungsprozesse, physikalische Belastungsgrenzen, ökologische Abhängigkeiten oder die Tatsache, dass menschliche Symbolsysteme reale gesellschaftliche Wirkungen entfalten können. Davon wiederum zu unterscheiden sind die Eigenbegriffe und Hypothesen der Forschungskunst. Zu ihnen gehören beispielsweise das 51:49-Modell, der Begriff der Skulpturidentität, die So-Heits-Gesellschaft, die Plexuswirklichkeit als umfassender Prüfbegriff oder der Mensch als Prüforganismus. Sie können wissenschaftliche Erkenntnisse aufnehmen, sind aber selbst keine bereits wissenschaftlich bestätigten Naturgesetze.

Die entscheidende Entwicklungslinie lautet deshalb nicht: Zuerst entstand eine Theorie, und anschließend wurden Werke zur Illustration dieser Theorie hergestellt. Die tatsächliche Bewegung verläuft umgekehrt: Tun, Material, Widerstand, Beobachtung, Irritation, Beteiligung und Konsequenzen erzeugten Erfahrungen; aus wiederkehrenden Erfahrungen entstanden Fragen; aus den Fragen entstanden Begriffe; aus den Begriffen entstanden Prüfmodelle; und diese Prüfmodelle werden nun wiederum an Werken, Menschen, gesellschaftlichen Ordnungen und Wirklichkeit geprüft.

Damit ist bereits die Grundstruktur der Forschungskunst bezeichnet.

Der Forschungsgrund: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen?

Die durchgehende Forschungsfrage lautet: Warum zerstört der Mensch trotz seiner Wahrnehmungs-, Erkenntnis- und Korrekturfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen? Diese Frage ist nicht erst aus der heutigen ökologischen Krisendiskussion entstanden. Sie zieht sich als Problemstellung durch die künstlerische Entwicklung seit den 1970er Jahren. Entscheidend ist dabei, dass sie sich von einer moralischen Frage zunehmend zu einer Funktionsfrage verändert hat.

Am Anfang konnte die Frage noch lauten: Warum handelt der Mensch gegen besseres Wissen? Im weiteren Verlauf wurde deutlich, dass diese Formulierung bereits zu kurz greift. Denn sie setzt voraus, dass Wissen und Handeln unmittelbar miteinander verbunden seien. Die Arbeiten mit Beteiligung, Umwelt, Material, Medien, Rollen, Geld, Eigentum und gesellschaftlichen Bildern zeigten dagegen immer wieder, dass Menschen innerhalb von Ordnungen funktionieren können, deren Konsequenzen sie kaum wahrnehmen. Das Problem wurde daher nicht länger ausschließlich im falschen Willen oder in mangelnder Moral gesucht, sondern in den Wahrnehmungs-, Orientierungs-, Symbol- und Rückkopplungsstrukturen, in die menschliches Handeln eingebettet ist.

Daraus entstand schrittweise eine zweite Frage: Woran erkennt der Mensch überhaupt, ob das, was er tut, funktioniert? Genau hier mündet die gegenwärtige Forschung in die Frage nach Referenzsystemen. Wirtschaftlicher Erfolg, gesellschaftlicher Status, Eigentum, Rechtmäßigkeit, technischer Fortschritt oder Mehrheitszustimmung können anzeigen, dass etwas innerhalb einer bestimmten menschlichen Ordnung funktioniert. Sie können aber nicht allein entscheiden, ob die zugrunde liegenden organismischen, materiellen oder ökologischen Existenzbedingungen erhalten bleiben.

Die gegenwärtige Verdichtung „Der Mensch muss zum Ermittler seiner eigenen Existenz werden“ ist deshalb keine neue zusätzliche Idee neben den bisherigen Arbeiten. Sie bringt eine seit Jahrzehnten laufende Bewegung auf einen methodischen Nenner. Der Mensch soll nicht einfach eine neue Weltanschauung übernehmen. Er soll lernen, Spuren zu verfolgen, Behauptungen mit Wirkungen zu vergleichen, Abhängigkeiten sichtbar zu machen, Tätigkeitskonsequenzen zurückzuverfolgen und die verwendeten Maßstäbe selbst zu überprüfen.

Damit verändert sich auch die ursprüngliche Forschungsfrage. Sie lautet inzwischen genauer: Warum zerstört der Mensch seine Existenzbedingungen, obwohl sein eigener Organismus, andere Menschen und die natürlichen Lebenssysteme fortwährend Rückmeldungen über die Folgen seiner Tätigkeiten erzeugen?

Die Werkgenese: Das Handwerk kommt vor der Theorie

Ein entscheidender Ausgangspunkt liegt in der Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969. Im heutigen Forschungszusammenhang erhält diese Ausbildung eine Bedeutung, die damals selbstverständlich noch nicht theoretisch als Forschungskunst formuliert war. Im handwerklichen Arbeiten werden Maße, Toleranzen, Passungen, Belastungen, Werkstoffe, Funktionszusammenhänge und Fehler nicht bloß gedacht. Sie zeigen sich am Gegenstand. Ein Teil passt oder passt nicht. Material hält einer Belastung stand oder versagt. Eine Konstruktion funktioniert oder erzeugt Folgen, die eine Korrektur verlangen.

Hier liegt ein früher Ursprung dessen, was später als Begriffshandwerk wiederkehrt. Ein Begriff soll nicht bloß gut klingen. Er muss ähnlich wie ein Werkstück geprüft werden: Wozu dient er? Wo greift er? Was lässt er aus? Welche Belastung hält er aus? Wo führt seine Anwendung zu falschen Ergebnissen?

Die anschließende Arbeit mit Fotografie und Werbung brachte einen anderen Erfahrungskomplex hinzu. Fotografie bildet Wirklichkeit nicht vollständig ab, sondern erzeugt einen Ausschnitt. Der Bildausschnitt zeigt etwas und schließt anderes aus. Werbung verstärkt diese Selektionsleistung noch, weil sie Bedeutungen, Wünsche und Eigenschaften erzeugt beziehungsweise auf Gegenstände projiziert. Diese Erfahrungen werden später für Dingselektion, Eigenschaftszuschreibung, Repräsentation und Lochprozesse bedeutsam.

Mit dem Studium der Plastik beziehungsweise Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig von 1974 bis 1980 wurde Material nicht mehr nur funktional bearbeitet, sondern zum eigenständigen Erkenntnisgegenüber. Entscheidend ist rückblickend die Verschiebung vom Herstellen eines Gegenstandes zum Beobachten eines Formprozesses. Material, Widerstand, Gewicht, Bewegung, Raum, Wahrnehmung und Tätigkeit treten miteinander in Beziehung.

Die Experimentelle Umweltgestaltung der Mitte der 1970er Jahre ist deshalb ein wichtiger Werkanker. Sie verlagert die Plastik aus dem isolierten Objekt heraus in Umwelt-, Bewegungs- und Beteiligungszusammenhänge. Die Forschungskunst beginnt hier praktisch lange vor ihrer späteren begrifflichen Benennung.

Vom einzelnen Objekt zur Wirkungs- und Abhängigkeitswelt

Wasser-, Wellen-, Strömungs- und Deichmodelle wurden zu frühen Prüfobjekten, weil an ihnen Form nicht unabhängig vom Medium existiert. Eine Welle ist kein isoliertes Ding, das sich vom Wasser ablösen ließe. Ihre Form entsteht in einem Bewegungs- und Kräftezusammenhang. Ein Deich wiederum kann nicht aus seiner Gestalt allein verstanden werden; seine Funktion ergibt sich aus Material, Wasserdruck, Höhe, Umgebung, Belastung und möglichem Versagen.

Aus solchen Erfahrungen entwickelt sich langfristig eine zentrale Einsicht der Forschung: Ein herausgelöstes Ding enthält seine Bedingungen nicht vollständig in sich selbst.

Diese Beobachtung wird später auf Menschen, Eigentum, Produkte, Rollen, Institutionen und Begriffe übertragen. Ein Mensch erscheint beispielsweise als selbständiges Individuum, obwohl er durch Atemluft, Stoffwechsel, soziale Beziehungen, Infrastruktur, Sprache, Arbeitsteilung und biologische Abhängigkeiten mit seiner Umgebung verbunden bleibt. Ein Produkt erscheint als einzelnes Verkaufsobjekt, obwohl in ihm Rohstoffe, Energie, Arbeitsbedingungen, Transport, Abfall und zukünftige Folgen verborgen sind.

Hier liegt die Werkgenese dessen, was später Plexuswirklichkeit genannt wird.

Von Umwelt und Zusammenhang zur Tragwirklichkeit

Der Begriff Tragwirklichkeit entstand erst spät als Versuch, eine Schwierigkeit zu lösen, die sich durch viele frühere Begriffe zog. „Natur“, „Umwelt“ oder „Realität“ reichten nicht aus. „Umwelt“ kann weiterhin so verstanden werden, als befände sich der Mensch in der Mitte und alles andere lediglich um ihn herum. „Natur“ wird häufig der Kultur gegenübergestellt. „Realität“ wiederum kann alles umfassen, also auch Geld, Religion, Recht, Fiktionen und Institutionen, ohne zwischen ihren unterschiedlichen Wirkweisen zu unterscheiden.

Mit Tragwirklichkeit wurde deshalb ein Bezugssystem gesucht, das jene Bedingungen bezeichnet, die menschlicher Zuschreibung vorausliegen und menschliches Leben tatsächlich tragen. Materialität, Gravitation, Temperatur, Wasser, Atmosphäre, Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Regeneration und ökologische Abhängigkeiten gehören dazu.

Der Begriff besitzt wissenschaftliche Anschlussstellen, ist aber selbst ein Begriff der Forschungskunst. Wissenschaftlich belegbar sind die jeweiligen physikalischen, biologischen oder ökologischen Abhängigkeiten. Nicht wissenschaftlich bewiesen ist dagegen „Tragwirklichkeit“ als einheitliche ontologische Kategorie. Ihre Funktion ist methodisch: Sie verhindert, dass menschliche Geltungsordnungen automatisch zum obersten Wirklichkeitsmaßstab werden.

Aus Tragwirklichkeit entwickelte sich im Verlauf der Versionen v12.0 und v12.1 die Dreierbildung Tragwirklichkeit – Tragwesen – Tragbewusstsein. Der Mensch sollte nicht nur als von Bedingungen getragener Organismus, sondern als Wesen verstanden werden, das diese Tragbedingungen grundsätzlich wahrnehmen und in sein Handeln einbeziehen kann.

Die offene Frage war jedoch, ob „Tragwirklichkeit“ die Beziehungsstruktur ausreichend bezeichnet. Genau daraus entstand die nächste Präzisierung.

Plexuswirklichkeit: Von der Grundlage zum Verknüpfungszusammenhang

Mit v12.5 bis v12.7 wurde Plexuswirklichkeit eingeführt. Der Ausdruck sollte stärker erfassen, dass Wirklichkeit nicht nur aus einer tragenden Grundlage besteht, sondern aus Überschneidungen, Verflechtungen, Durchdringungen, Austauschprozessen und wechselseitigen Abhängigkeiten.

Damit verschiebt sich der Akzent. Tragwirklichkeit fragt: Was trägt? Plexuswirklichkeit fragt: Wie hängt das, was trägt, miteinander zusammen?

Die Begriffe sollten deshalb nicht als konkurrierende Synonyme behandelt werden. Eine mögliche heute notwendige Vereinfachung lautet: Tragwirklichkeit bezeichnet die Abhängigkeits- und Existenzbedingung; Plexuswirklichkeit bezeichnet ihre relationale Struktur.

Plexuswirklichkeit ist kein wissenschaftlich etablierter Gesamtbegriff. Seine Funktion liegt in der Forschungskunst. Er soll verhindern, dass die analytisch notwendige Zerlegung der Wirklichkeit in Gegenstände, Disziplinen und Eigenschaften mit der Wirklichkeit selbst verwechselt wird.

Daraus entsteht eine der wichtigsten späteren Formeln der Forschung: Der Schnitt ist notwendig; das Vergessen des Schnitts erzeugt das Loch.

Dingselektion: Der notwendige Ausschnitt und seine Gefahr

Die Arbeit an v6.6 brachte mit der Dingselektion eine entscheidende Präzisierung. Menschen müssen auswählen. Ohne Abgrenzung gibt es weder Wahrnehmung noch Sprache noch Werkzeuggebrauch noch Wissenschaft. Ein Baum muss von seiner Umgebung unterschieden, ein Organ benannt, ein Material ausgewählt und ein Problem eingegrenzt werden können.

Die Forschungskunst kritisiert deshalb nicht die Selektion selbst. Sie kritisiert die Verwechslung des ausgewählten Ausschnitts mit einer vollständig unabhängigen Wirklichkeit.

Das „Ding“ wird damit zu einer praktischen und sprachlichen Operation. Etwas wird aus einem Zusammenhang herausgehoben, bezeichnet, bearbeitet, vermessen, verkauft oder besessen. Das kann außerordentlich nützlich sein. Problematisch wird es dort, wo die herausgeschnittenen Abhängigkeiten aus der weiteren Wahrnehmung verschwinden.

Hier verbinden sich Fotografie, Handwerk, wissenschaftliche Disziplinbildung, Produktwelt, Eigentum und symbolische Zuschreibung.

Loch, Lücke und Lochprozess

Der Lochbegriff hat im Chat mehrere Korrekturen erfahren. Anfangs drohte „Loch“ zu einer sehr allgemeinen Metapher zu werden: Wissensloch, Erkenntnisloch, Geschichtsloch, Zukunftsloch, gesellschaftliches Loch. Eine solche Ausweitung hätte den Begriff nahezu unprüfbar gemacht.

Die spätere Unterscheidung zwischen Lücke und Lochprozess war deshalb wesentlich.

Eine Lücke ist nicht grundsätzlich negativ. Sie kann ein offener Differenzraum sein. Zwischen Erwartung und Ergebnis entsteht eine Lücke. Zwischen zwei Wissensständen liegt Nichtwissen. Zwischen mir und einem Gegenüber besteht Distanz. Ohne solche Abstände wäre Lernen überhaupt nicht möglich.

Das Loch bezeichnet dagegen zunehmend einen Zustand, in dem eine notwendige Beziehung, Rückmeldung oder Tragverbindung fehlt beziehungsweise aus der weiteren Wahrnehmung entfernt wurde.

Der Lochprozess bezeichnet nicht einfach ein vorhandenes Loch, sondern die zeitliche Entstehung eines solchen Beziehungsabbruchs. Ein Ausschnitt wird hergestellt. Das Ausgeschlossene wird nicht mehr zurückbezogen. Die Folgen verschwinden aus dem Bezugsrahmen. Schließlich erscheint der Ausschnitt als vollständige Wirklichkeit.

Damit wird der Lochprozess zu einem Modell für eine mögliche Entwicklung von Dingselektion zu Wirklichkeitsverlust.

Methodisch besonders wichtig ist die später eingeführte Membran. Sie korrigiert einen zu einfachen Gegensatz zwischen offen und geschlossen. Ein lebender Organismus kann nicht unbegrenzt offen sein. Er benötigt Grenzen, aber diese Grenzen müssen regulierten Austausch erlauben. Die Membran wird damit zum Modell einer Grenze, die weder totale Isolation noch grenzenlose Offenheit bedeutet.

Wissenschaftlich belegbar sind reale Membranprozesse in lebenden Systemen. Die Übertragung auf Erkenntnis, Gesellschaft, Eigentum oder Wissenschaft ist dagegen eine forschungskünstlerische Analogie und darf nicht als biologische Gesetzmäßigkeit gesellschaftlicher Systeme ausgegeben werden.

Nichtwissen als notwendige Öffnung

Aus dem Lochprozess ergab sich eine weitere Korrektur. Nichtwissen darf nicht automatisch als Mangel verstanden werden. Wenn alles bereits feststeht, gibt es nichts mehr zu prüfen. Bewusstes Nichtwissen kann deshalb eine Voraussetzung von Forschung sein.

Die produktive Lücke lautet: Ich weiß es noch nicht.

Der problematische Lochprozess lautet dagegen: Ich habe einen Zusammenhang abgeschnitten und weiß nicht mehr, dass er fehlt.

Diese Differenz ist für die gesamte Forschungskunst zentral. Sie trennt Offenheit von Blindheit. Sie trennt Frage von Dogma. Und sie erklärt, weshalb Zweifel in der späteren 51:49-Architektur eine so wichtige Funktion erhält.

Gegenüberstellung: Nicht Dualismus, sondern Lernbedingung

Auch der Begriff der Gegenüberstellung musste korrigiert werden. Zeitweise bestand das Risiko, jedes Gegenüber bereits als dualistische Trennung zu behandeln. Das wäre nicht haltbar. Lernen setzt gerade voraus, dass etwas einem anderen gegenübertritt.

Ein Werkstück muss der Vorstellung gegenübertreten. Ein Ergebnis muss mit der Erwartung verglichen werden. Eine Behauptung muss ihren Konsequenzen gegenübergestellt werden. Ein Mensch benötigt ein Gegenüber, das anders reagieren kann, als er selbst erwartet hat.

Die heutige Form lautet deshalb: Gegenüberstellung ist zunächst eine notwendige Prüf- und Lernanordnung. Dualismus entsteht erst, wenn die Differenz verfestigt, hierarchisiert oder als absoluter Gegensatz behandelt wird.

Damit lässt sich auch das künstlerische Dreieck verstehen, das zuletzt in den Folien entwickelt wurde. Im Kopf entsteht Vorstellung, Modell oder Inspiration. Die Hände setzen diese Vorstellung durch Tätigkeit in Material um. Die entstehende Plastik steht anschließend sowohl der ursprünglichen Vorstellung als auch dem Materialwiderstand gegenüber. Gerade die Nichtübereinstimmung erzeugt Erkenntnis.

Die Formel lautet daher: Vorstellung – Tätigkeit – Gegenüber – Konsequenz – Rückmeldung – Korrektur.

Lernen und Erfahrung

Diese Gegenüberstellung führte zu einer wichtigen Differenzierung zwischen Tätigkeit und Erfahrung. Nicht jede Tätigkeit erzeugt automatisch Lernen. Tätigkeit erzeugt zunächst Konsequenzen. Erfahrung entsteht erst dann, wenn die Konsequenz wahrgenommen und auf die vorausgegangene Vorstellung oder Tätigkeit zurückbezogen wird.

Damit wird Erfahrung selbst zu einem Rückkopplungsprozess.

Ein Mensch kann dieselbe Handlung hundertmal wiederholen und trotzdem wenig lernen, wenn er die Abweichungen nicht wahrnimmt oder nicht in sein Handlungsmodell zurückführt. Umgekehrt kann ein einziges Scheitern einen tiefen Lernprozess auslösen, wenn der Unterschied zwischen Erwartung und tatsächlichem Verlauf erkannt wird.

Hier berührt die Forschungskunst wissenschaftlich bekannte Lern- und Rückkopplungsphänomene. Die spezifische Formel und ihre Übertragung auf Kunst, Gesellschaft und Zivilisation bleiben jedoch ein eigenes Forschungsmodell.

Die Zielprojektion ist weitreichend: Eine Gesellschaft müsste so organisiert sein, dass sie ihre Tätigkeitskonsequenzen nicht nur produziert, sondern wahrnimmt, zurückführt und korrigiert.

Vom plastischen Arbeiten zur Plastik als Denkmodell

Aus der praktischen Arbeit entwickelte sich zunehmend eine begriffliche Differenz zwischen Plastik und Skulpturalisierung.

Plastik bezeichnet in der Forschung nicht nur eine Kunstgattung. Plastik wird zum Modell eines Formzustandes, der veränderbar bleibt, auf Widerstand reagiert, Materialbedingungen anerkennt und korrigiert werden kann.

Skulpturalisierung bezeichnet dagegen die Verfestigung einer erzeugten Form. Das ist nicht identisch mit historischer Skulptur und darf nicht als kunsthistorische Definition ausgegeben werden. Es ist ein Eigenbegriff der Forschungskunst.

Der problematische gesellschaftliche Prozess besteht demnach darin, dass menschlich erzeugte Formen – Rollen, Eigentumsverhältnisse, Statusordnungen, Identitäten, Institutionen oder Weltbilder – so behandelt werden, als seien sie naturgegeben und unveränderbar.

Damit entsteht eine entscheidende Verbindung zwischen plastischer Tätigkeit und Anthropologie.

Plastisches Ich und Skulpturidentität

Diese Unterscheidung wurde im Frühjahr und Sommer 2026 zur Differenz zwischen Plastischem Ich und Skulpturidentität weiterentwickelt.

Das Plastische Ich bezeichnet den Menschen als lebenden, regulierenden, abhängigen und veränderlichen Organismus. Es gehört im Vier-Ebenen-Modell primär zu E2. Der Organismus muss fortwährend auf Temperatur, Energie, Verletzung, Stoffwechsel, soziale Beziehungen und Umgebung reagieren.

Die Skulpturidentität bezeichnet dagegen die symbolisch verfestigte Selbstbeschreibung des Menschen: Beruf, Status, Besitz, Rolle, Nationalität, gesellschaftliche Erwartung, Selbstbild und andere E3-Zuschreibungen.

Damit wird nicht behauptet, dass Rollen oder Identitäten unwirklich seien. Sie können außerordentlich wirksam sein. Die Forschung fragt vielmehr, was geschieht, wenn eine E3-Zuschreibung stärker wird als die Rückmeldung des lebenden Organismus.

Ein Mensch kann beispielsweise weiterhin die Rolle des leistungsfähigen Arbeitenden erfüllen, obwohl sein Organismus bereits Überlastung meldet. Eine Gesellschaft kann wirtschaftliches Wachstum als Erfolg betrachten, obwohl ökologische Referenzsysteme eine Überlastung anzeigen.

Hier verbindet sich das Plastische Ich unmittelbar mit der neuesten Formulierung des Prüforganismus.

Der Organismus als Prüforganismus

Die jüngste Entwicklung ist deshalb keine Abkehr von der bisherigen Forschung, sondern eine erhebliche Verdichtung. Der Mensch muss zum Ermittler seiner eigenen Existenz werden, weil sein eigener Organismus bereits fortwährend prüft.

Er registriert Temperatur, Energieversorgung, Gleichgewicht, Schmerz, Verletzung, Hunger, Durst und Regenerationsbedarf. Diese biologischen Regulationsprozesse sind wissenschaftlich beobachtbar. Der Ausdruck Prüforganismus ist dagegen ein forschungskünstlerischer Begriff.

Er macht aus diesen Regulationsprozessen einen erkenntnistheoretischen und gesellschaftlichen Bezugspunkt: Der Organismus wird nicht nur als etwas verstanden, das funktionieren soll, sondern als ein System, das selbst Rückmeldungen über Funktionieren und Nichtfunktionieren erzeugt.

Hier verändert sich die bisherige Forschungsfrage erheblich. Das Problem lautet nicht mehr ausschließlich, dass der Mensch seinen Organismus zu wenig kennt. Das Problem lautet, dass er menschlich erzeugte Referenzsysteme über organismische und planetarische Referenzsysteme stellen kann.

Damit erreicht die Forschung die Frage nach den Maßstäben.

Referenzsysteme: Woran wird Funktionieren geprüft?

Ein Referenzsystem ist im gegenwärtigen Forschungsstand ein Wirklichkeitszusammenhang, an dem eine Tätigkeit, Behauptung oder Ordnung geprüft werden kann.

Der Organismus ist ein Referenzsystem. Ein Wald, Boden oder Gewässer kann ein Referenzsystem sein. Ein Werkstoff besitzt bestimmte Belastungsgrenzen. Eine gesellschaftliche Beziehung erzeugt Rückmeldungen. Auch ein historischer Verlauf kann als Vergleich dienen.

Entscheidend ist, dass nicht alle Referenzsysteme denselben Wirklichkeitsstatus besitzen.

Geld ist ein gesellschaftliches Referenzsystem für Preise und Zahlungsfähigkeit, aber kein unmittelbares Referenzsystem für biologische Tragfähigkeit. Eigentumsrecht ist ein Referenzsystem für gesellschaftlich geregelte Verfügung, aber kein Beweis dafür, dass die Nutzung eines Bodens ökologisch tragfähig ist. Ein Börsenkurs kann wirtschaftliche Erwartungen anzeigen, aber nicht unmittelbar den Gesundheitszustand eines Ökosystems.

Damit entsteht eine der wichtigsten möglichen Vereinfachungen der gesamten Forschung: Nicht die Abschaffung menschlicher Maßstäbe ist das Ziel, sondern ihre Rückbindung an die Referenzsysteme, von denen menschliche Existenz tatsächlich abhängig ist.

51:49: Vom frühen Differenzgefühl zum Prüfprinzip

Das 51:49-Modell gehört zu den charakteristischsten Eigenbildungen der Forschung. Seine biografische Frühintuition wurde auf die 1970er Jahre zurückgeführt und später mit handwerklichen Erfahrungen von Toleranz, Passung, Abweichung und asymmetrischer Stabilität verbunden.

Es darf nicht als mathematisches oder naturwissenschaftliches Gesetz dargestellt werden. 51:49 ist ein heuristisches Differenzialmodell.

Seine heutige Bedeutung besteht darin, einen minimalen Überschuss an Entscheidung mit einer bleibenden Offenheit für Korrektur zu verbinden. 51 steht für die vorläufige Handlungsfähigkeit. 49 verhindert die Totalisierung der eigenen Gewissheit.

Damit wird 51:49 gegen zwei andere Modelle gestellt. 50:50 bezeichnet im Forschungssystem die Gefahr eines verfestigten symmetrischen Dualismus, in dem zwei Seiten einander blockierend gegenüberstehen. 1:99 bezeichnet die extreme Asymmetrie von Verfügung, Herrschaft oder Konzentration.

Auch diese beiden Zahlen sind keine empirischen Universalgesetze. Sie sind diagnostische Modelle.

Das spätere Differenzialprinzip verallgemeinert die dahinterliegende Operation. Nicht absolute Einheit und nicht absoluter Gegensatz, sondern die wahrnehmbare Differenz ermöglicht Bewegung, Vergleich und Korrektur.

Das dreifache Optimum – Medium, Organismus und Prüfoptimum – versucht diese Idee weiter zu konkretisieren. Ein Organismus kann nur innerhalb bestimmter Bereiche funktionieren. Ein Medium besitzt Bedingungen. Und eine Prüfung benötigt eine ausreichend sensible Differenz, um Abweichungen erkennen zu können.

Hier besteht noch begrifflicher Klärungsbedarf. 51:49, Differenzialprinzip und dreifaches Optimum dürfen nicht drei Namen für fast denselben Vorgang bleiben.

Symbolbildung und die Entstehung einer zweiten Wirkungswelt

Ein großer Forschungsstrang entstand aus der Frage, wie menschliche Symbole und Zuschreibungen wirken. Der Mensch lebt nicht ausschließlich innerhalb physikalischer und biologischer Bedingungen. Er erzeugt Sprache, Geld, Eigentum, Religion, Recht, Rollen, Institutionen, Nationen, Preise, Kunstwerte und Statusordnungen.

Die frühere Gefahr bestand darin, diese Welt als bloße Illusion oder „unwirklich“ zu behandeln. Diese Position wurde korrigiert.

Die heutige Unterscheidung lautet: Symbolische Konstruktionen sind anders wirklich.

Ein Eigentumsrecht besitzt kein Gewicht wie ein Stein. Es kann dennoch entscheiden, wer einen Boden betreten darf. Geld besitzt als Zahl keine Nährstoffqualität, kann aber darüber entscheiden, wer Nahrung erhält. Eine Grenze ist möglicherweise physikalisch kaum sichtbar und kann dennoch das Leben von Millionen Menschen organisieren.

Daraus entstand die feinere Unterscheidung zwischen materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben und symbolisch behauptet.

Diese Kategorien sollen nicht fünf getrennte Welten erzeugen. Sie sind Prüffragen nach unterschiedlichen Wirkungsweisen.

Eigenschaftsbildung und die „hineingedachten Eigenschaften“

Die Untersuchung symbolischer Wirklichkeit führte zur Wissenschaft der Eigenschaften. Auch dieser Ausdruck bezeichnet keine etablierte wissenschaftliche Disziplin, sondern ein Forschungsprogramm.

Die Frage lautet: Was gehört einer Sache tatsächlich zu, was entsteht erst in einer Beziehung und was wird ihr gesellschaftlich oder sprachlich zugeschrieben?

Gewicht, Temperatur und stoffliche Zusammensetzung besitzen einen anderen Status als Marktwert, Eigentum, Heiligkeit oder Prestige. Dennoch können die zugeschriebenen Eigenschaften menschliche Tätigkeiten massiv steuern.

Daraus entstand der Begriff der hineingedachten Eigenschaften. Er bezeichnet Eigenschaften, die durch Sprache, Gesetz, Glauben, Markt, Status oder andere Symbolsysteme in einen Gegenstand hineingelegt beziehungsweise ihm zugerechnet werden.

Der Begriff darf allerdings nicht bedeuten, dass solche Eigenschaften deshalb bedeutungslos wären. Gerade die Forschung zeigt das Gegenteil: Hineingedachte Eigenschaften können reale Tätigkeitskonsequenzen erzeugen.

Der Fehler entsteht erst, wenn der Unterschied ihrer Entstehungsweise vergessen wird.

Eigenschaft und Eigentum

Die Nähe der Wörter Eigenschaft und Eigentum wurde zum sprachlichen Prüfmaterial. Methodisch wichtig ist, diese Beobachtung nicht als etymologischen Beweis zu missbrauchen. Sprachliche Ähnlichkeiten beweisen keine anthropologischen Gesetzmäßigkeiten.

Sie können jedoch eine Frage öffnen: Wann wird aus „etwas ist einem Ding eigen“ die Vorstellung „dieses Ding ist jemandes Eigen“?

Eigentum wird dadurch nicht als bloß falsche Idee abgetan. Es wird als gesellschaftlich erzeugte Verfügungsordnung untersucht. Die eigentliche Prüfungsfrage lautet: Welche Tätigkeitskonsequenzen entstehen aus dieser Zuschreibung?

Damit verbindet sich Eigentumsgrammatik mit Tragwirklichkeit. Ein Wald kann rechtlich jemandem gehören. Seine Wasser-, Klima-, Boden- und Lebensfunktionen halten sich jedoch nicht an die Grenzen des Grundbuches.

Genau diese Differenz ist Untersuchungsgegenstand.

Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

Im Verlauf des Chats wurden griechische, lateinische, deutsche und englische Wortfelder wiederholt miteinander verglichen. Dazu gehörten technē, res, Plastik und Skulptur ebenso wie bilden, Bildung, Bildner, Darstellung, Eigenschaft und Eigentum.

Diese Vergleiche haben ihren größten Wert nicht als historische Beweiskette, sondern als Begriffswerkstatt.

Die Forschung fragt, welche Denkoperationen bereits in Wörtern gespeichert sein können. Wird etwas gebildet oder dargestellt? Wird etwas als Sache gefasst? Wird Herstellen vom Wissen getrennt? Wird Form als beweglich oder als feststehend gedacht?

Besonders wichtig wurde technē, weil hier Kunst, Können, Handwerk, Übung, Materialkenntnis und Hervorbringen noch gemeinsam gedacht werden können. Daraus entstand eine Gegenbewegung zur modernen Trennung von Kunst, Technik, Wissenschaft und gesellschaftlicher Verantwortung.

Die offene Aufgabe bleibt eine strengere historische Absicherung. Die Sprachgeschichte darf nicht zur Beweisführung für die Forschungskunst werden. Sie sollte als Vergleichsfeld dienen, an dem sichtbar wird, wie Kulturen ihre Wirklichkeit begrifflich ordnen.

Platon, Aristoteles, Christentum und moderne Wissenschaft als Vergleichsfolien

Die neueren Folien haben diese sprachgeschichtliche Untersuchung in kulturgeschichtliche Bildmodelle erweitert. Platon, Aristoteles, christliche Leib-Seele-Vorstellungen und moderne physikalische Messmodelle werden als unterschiedliche historische Ordnungsmuster gegenübergestellt.

Die Platon-Folie untersucht die Aufwertung unveränderlicher Ideen gegenüber beweglicher körperlicher Wirklichkeit. Die Aristoteles-Folie untersucht Material, Form, Bewegung und Zielrichtung stärker als zusammenhängenden Prozess. Die christliche Folie untersucht die Spannung zwischen Körper und aufsteigender Seele. Die Physik-Folie konzentriert sich auf messbare Eigenschaften wie Masse, Kraft, Temperatur und Druck und fragt zugleich, was bei einer rein messenden Beschreibung des lebenden Organismus unberücksichtigt bleiben kann.

Diese Folien dürfen ausdrücklich keine historischen Gesamtdarstellungen beanspruchen. Ihre Funktion ist vergleichend. Sie zeigen, wie unterschiedliche Weltmodelle bestimmte Aspekte sichtbar machen und andere ausblenden.

Hier liegt eine zentrale methodische Regel der Forschungskunst: Vergleichen bedeutet nicht gleichsetzen.

Das Vier-Ebenen-Modell E1 bis E4

Aus den vielen Unterscheidungen entwickelte sich das Vier-Ebenen-Modell als eine der stärksten Ordnungsleistungen der Forschung.

E1 bezeichnet die physikalisch-chemische beziehungsweise planetarische Bedingungswelt: Material, Kräfte, Temperatur, Druck, Stoffe, Energie und andere grundlegende Bedingungen.

E2 bezeichnet die lebendige Welt: Organismus, Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Regeneration, Wahrnehmung und das Plastische Ich.

E3 bezeichnet die vom Menschen erzeugte symbolische, technische, institutionelle und kulturelle Welt: Sprache, Eigentum, Geld, Rollen, Recht, Technik, Institutionen, Weltbilder und gesellschaftliche Geltungsordnungen.

E4 bezeichnet keinen weiteren Stoffbereich, sondern die Fähigkeit, E1 bis E3 miteinander zu vergleichen, Tätigkeitskonsequenzen zurückzuführen und dadurch Prüfung, Korrektur und Reparatur zu ermöglichen.

Damit ist E4 wesentlich anders als E1 bis E3. Genau das muss begrifflich deutlich bleiben. E4 ist eher eine Metaoperation als eine vierte Wirklichkeitsschicht.

Das Modell ist keine wissenschaftlich bestätigte ontologische Viergliederung der Welt. Es ist eine Prüfgrammatik der Forschungskunst.

Seine große Stärke besteht darin, Kategorienfehler sichtbar machen zu können. Ein E3-Wert wie Preis darf beispielsweise nicht ohne Prüfung an die Stelle eines E2- oder E1-Referenzsystems treten.

Begriffshandwerk und Prüfanker

Im Verlauf des Jahres 2026 wurde zunehmend deutlich, dass immer neue Begriffe allein die Forschung nicht verbessern. Es wurde eine Methode benötigt, die Begriffe selbst prüft.

Daraus entstand das Begriffshandwerk.

Ein Begriff ist dabei wie ein Werkzeug. Er muss einen bestimmten Arbeitsbereich besitzen. Wenn er alles erklärt, erklärt er nichts mehr. Wenn Plexus, Tragwirklichkeit, Loch, Differenzial, Rückkopplung und Plastik alle dasselbe bezeichnen, verliert die Forschung ihre Unterscheidungsfähigkeit.

Der Prüfanker wurde deshalb als stabile Bezugshilfe entwickelt. Er fragt, auf welcher Ebene etwas liegt, wovon es abhängt, welche Tätigkeit stattfindet, welche Konsequenzen entstehen, welche Rückmeldungen möglich sind und ob Korrektur möglich bleibt.

Davon muss der Prüfoperator unterschieden werden. Der Prüfanker ist der Bezugspunkt; der Prüfoperator ist die ausgeführte Vergleichs- oder Prüftätigkeit.

Das Referenzsystem ist wiederum noch grundlegender. Es ist der Wirklichkeitszusammenhang, der die Maßstäbe liefert. Der Organismus kann ein Referenzsystem sein. Ein Prüfanker wählt daraus eine relevante Bedingung. Ein Prüfoperator führt den Vergleich durch.

Diese Dreiteilung wäre eine wichtige begriffliche Bereinigung des gegenwärtigen Forschungsstandes.

Die Ankerarchitektur

Im jüngsten Verlauf hat sich daraus eine ganze Ankerarchitektur ergeben. Der Werkanker hält fest, woher die Forschung tatsächlich kommt. Der Wirklichkeits- beziehungsweise Plexusanker bestimmt den vorausliegenden Bezugszusammenhang. Der Tätigkeitskonsequenzanker verfolgt Vorstellung, Handlung und Folge. Der Verortungs- und Zeitanker verhindert, dass Aussagen aus ihrem historischen oder räumlichen Zusammenhang gerissen werden. Die Foliengrammatik übersetzt die Begriffe in visuelle Prüfoperationen. Das Mitmachbuch übersetzt sie in einen Lernweg. Das So-Heits-Atelier macht sie räumlich und öffentlich. Globale Schwarm-Intelligenz und KI erweitern die Rückkopplung über den einzelnen Ort hinaus.

Damit zeigt sich: Viele der zuletzt entstandenen „Anker“ sind nicht neue Theorien. Sie sind Arbeitsvorrichtungen, um den inzwischen sehr umfangreichen Forschungsorganismus benutzbar zu halten.

Die künstlerischen Prüfobjekte

Die Werke erhalten innerhalb dieser Architektur eine neue Stellung. Sie sind weder bloße Illustrationen noch Beweise für die Theorie. Sie sind Prüfobjekte, weil sie Unterschiede erfahrbar machen.

Die Kartoffel und die vergoldete Kartoffel untersuchen Material, Nahrung, symbolischen Wert und gesellschaftliche Aufwertung. Das physische Grundobjekt verändert sich weniger als seine E3-Zuschreibung. Dadurch wird sichtbar, wie stark hineingedachte Eigenschaften Wahrnehmung und Verhalten verändern können.

Der gläserne Astronaut untersucht die scheinbare Autonomie des Menschen. Der Astronaut erscheint als hochentwickeltes technisches Individuum und macht gerade dadurch seine vollständige Abhängigkeit von Atmosphäre, Druck, Temperatur, Sauerstoff und Versorgung sichtbar.

Wellenbecken und Deich untersuchen Form, Medium, Grenze, Belastung und Rückwirkung. Die Schultafel untersucht Vorgabe, Lernen, Löschen, Einschreiben und Autorität. Frage-und-Antwort-Tische untersuchen Gegenüberstellung und Beteiligung. Malbücher und Vorgabebilder untersuchen die Differenz zwischen vorgegebener Form und eigener Tätigkeit.

Der rote Punkt untersucht, wie eine minimale Vorgabe Wahrnehmung und Handlung strukturieren kann. Theater- und Rollenarbeiten untersuchen die Differenz zwischen lebendem Menschen und gesellschaftlicher Rolle. Das Eigentumsquadrat untersucht die gedachte Grenzziehung innerhalb eines materiell und ökologisch verbundenen Raumes.

Der Gordische Knoten kann als Prüfobjekt dafür gelesen werden, ob komplexe Verbindungen verstanden oder lediglich durchschnitten werden. Gerade hier ist jedoch Vorsicht notwendig: Die heutige Theorie darf dem historischen Werk nicht nachträglich jede neue Bedeutung aufzwingen.

Der Feuerkäfig als jüngste Verdichtung

Der im August 2026 entwickelte Feuerkäfig bündelt mehrere jüngere Forschungsstränge. Ein Mensch befindet sich in einem Käfig, in dem Feuer brennt. Die Tür ist offen. Trotzdem verlässt er den Käfig nicht. Der Astronautenanzug zeigt gleichzeitig Abhängigkeit und technische Abschirmung.

Das Bild fragt nicht einfach: Warum geht der Mensch nicht hinaus? Es fragt: Welche unsichtbaren Orientierungssysteme können stärker sein als eine sichtbare Existenzgefährdung?

Status, Gewohnheit, Rollenidentität, Eigentumslogik, 50:50-Verfestigung, 1:99-Hierarchisierung und extrem verkürzte Zeitperspektiven erscheinen hier als mögliche verdeckte Parameter.

Das Bild darf nicht als psychologische Universaldiagnose behandelt werden. Es ist ein künstlerisches Prüfmodell.

Die 24-Stunden-Uhr und die planetarische Kalibrierung

Die 24-Stunden-Uhr entstand aus dem Bedürfnis, menschliche Selbstwahrnehmung zeitlich zu kalibrieren. Die gesamte Erdgeschichte wird auf 24 Stunden verdichtet; Homo sapiens erscheint erst in den letzten Sekunden, Industrialisierung und Great Acceleration in extrem kleinen Bruchteilen dieser letzten Sekunden.

Die genaue Sekundenberechnung muss jeweils an aktuelle geologische und anthropologische Datierungen angepasst werden. Deshalb ist sie kein statischer Beweis, sondern eine didaktische Übersetzung.

Methodisch ist sie außerordentlich wichtig. Sie konfrontiert die lange biologische und planetarische Entwicklung mit der extrem kurzen Zeit, in der Menschen eine technisierte E3-Welt aufgebaut haben, die tief in E1 und E2 eingreift.

Damit entsteht die Diagnose des Millisekunden-Menschen: Ein Organismus mit sehr langer evolutionärer Vorgeschichte lebt innerhalb einer technisch-symbolischen Welt, deren Veränderungsgeschwindigkeit in einem radikal anderen Zeitmaßstab liegt.

Auch das ist eine forschungskünstlerische Verdichtung, keine biologische Klassifikation.

Folien und Schablonen: Die Bildgrammatik der Forschung

Die Folienarbeit des Sommers 2026 bringt die gesamte Forschung in eine neue methodische Phase. Transparente Folien können voneinander getrennt und wieder übereinandergelegt werden. Genau dadurch werden sie zum bildnerischen Gegenstück der Plexuswirklichkeit.

Eine einzelne Folie erzeugt notwendig einen Ausschnitt. Die Überlagerung verhindert jedoch, dass dieser Ausschnitt für das Ganze gehalten wird.

Hier liegt eine direkte Verbindung zum Lochprozess: Die Folie darf schneiden, solange der Schnitt zurückgeführt werden kann.

Die Grundfolien zeigen physikalisch-kosmische Bedingungen, vernetzte Wirklichkeit, den Menschen bei einer Tätigkeit, den scheinbar freien Menschen, Isolation, Durchdringung, molekulare Verbundenheit, den Menschen im Wasser und zeitgeschichtliche Verortung.

Spätere Operatoren wie Thermosflasche, Astronautenanzug, Sandtrichter und Saftpresse konkretisieren Isolation, Ressourcennutzung, Druck, Umwandlung und Wertbildung.

Das künstlerische Dreieck aus Kopf, Händen und entstehender Plastik macht den Herstellungs- und Lernprozess selbst sichtbar.

Die Folien sind deshalb keine Illustrationen fertiger Aussagen. Sie sollen vergleichbare Versuchsanordnungen erzeugen.

Die Plexus-Foliengrammatik

Aus den einzelnen Folien entwickelt sich inzwischen eine eigenständige Grammatik. Sie besitzt mindestens vier Operationen: isolieren, überlagern, austauschen und rückbeziehen.

Dadurch kann derselbe Gegenstand unter E1-, E2-, E3- und E4-Bedingungen betrachtet werden. Eine Kartoffel kann Material und Organismus sein, als Ware erscheinen, mit Gold überzogen werden und anschließend hinsichtlich der entstandenen Wertzuschreibungen geprüft werden.

Die Foliengrammatik ist damit wahrscheinlich einer der wichtigsten Übergänge vom sehr umfangreichen theoretischen Material zu einer praktisch benutzbaren Methode.

Ihre offene Gefahr besteht in Überkomplexität. Wenn jede Arbeit dreißig Folien und zwanzig Begriffe benötigt, verliert sie ihre unmittelbare Prüfkraft. Die Aufgabe wird deshalb nicht darin bestehen, immer mehr Folien zu erzeugen, sondern wenige Grundoperationen zu identifizieren, aus denen unterschiedliche Prüfungen aufgebaut werden können.

Vom Malbuch zum Mitmachbuch

Das Mitmachbuch besitzt eine lange Werkgenese. Bereits die Erwachsenen- und Telefon-Malbücher seit Ende der 1970er Jahre arbeiteten mit Vorgaben, die erst durch die Tätigkeit anderer vollständig wurden. Daraus entwickelten sich Vorgabebild, roter Punkt, Frage-und-Antwort-Prinzip und weitere Beteiligungsformen.

Das heutige Mitmachbuch ist deshalb keine nachträglich hinzugefügte Pädagogik. Es setzt eine frühe Beteiligungslogik digital und begrifflich fort.

Neu ist allerdings die E1-E4-Grammatik. Teilnehmer sollen nicht bloß ihre Meinung äußern. Sie sollen lernen, einen Gegenstand durch verschiedene Wirklichkeitsebenen hindurch zu verfolgen.

Kartoffel, Wiese und Schultafel wurden als mögliche einfache Einstiege diskutiert. Der Gegenstand soll materiell, lebendig, symbolisch und schließlich prüfend betrachtet werden.

Damit wird das Mitmachbuch zu einem Weg vom Benennen zum Ermitteln.

Es benötigt deshalb tatsächlich einen eigenen Anker. Seine besondere Aufgabe ist nicht Archivierung und nicht Theorieproduktion, sondern die Übersetzung des Forschungsmodells in eine nachvollziehbare Lernbewegung.

Die Tausend Tische

Die 1000 Tapeziertische von 1993 sind in dieser Entwicklung ein entscheidender historischer Übergang. Was zuvor stärker werkbezogen war, wird in einen vervielfachten öffentlichen Kommunikationsraum übertragen.

Der einfache Tapeziertisch besitzt dabei eine besondere Qualität. Er ist keine monumentale Autoritätsform. Er ist provisorisch, beweglich, wiederholbar und horizontal. An ihm können Menschen schreiben, zeichnen, fragen, antworten und ihre Ergebnisse nebeneinanderstellen.

In Frage-und-Antwort-Tischen, kollektiver Kreativität und dem Globalen Dorffest wird daraus eine analoge Schwarmstruktur.

Die heutige Bedeutung zeigt sich rückblickend deutlich: Das digitale Netzwerk ist nicht der Ursprung der Globalen Schwarm-Intelligenz. Die Tausend Tische sind ihr analoger Vorläufer.

Smartphones und Laptops können deshalb als heutige digitale Tapeziertische verstanden werden. Die mediale Form ändert sich, die Grundoperation bleibt: Viele einzelne Beiträge sollen sichtbar, vergleichbar und rückkoppelbar werden.

Die offene Frage ist jedoch entscheidend: Eine bloße Ansammlung von tausend Meinungen erzeugt noch keine Schwarmintelligenz. Erst eine Prüfarchitektur, die Unterschiede, Konsequenzen und Korrekturen ermöglicht, könnte daraus kollektives Lernen machen.

Vom Globalen Dorffest zur Globalen Schwarm-Intelligenz

Die Beteiligungsarbeiten führten schrittweise von lokaler körperlicher Anwesenheit zu einer global gedachten Öffentlichkeit. Das Globale Dorffest trägt diesen Übergang bereits im Namen.

Die Globale Schwarm-Intelligenz, seit Anfang 2026 als ProWiki-Plattform konkretisiert, setzt diese Entwicklung digital fort. Sie ist weder lediglich Website noch Archiv. Ihre Zielprojektion wurde als öffentlicher Simulator beschrieben, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von KI trainiert und geprüft werden kann.

Das ist ausdrücklich eine Zieldefinition der Forschungskunst und keine wissenschaftlich nachgewiesene Funktion der bestehenden Plattform.

Methodisch soll die Plattform Werkarchiv, Fragen, Nutzerbeiträge, KI, E1-E4-Prüfung und Rückkopplung miteinander verbinden.

Damit wird ein jahrzehntelanger Maßstabswechsel sichtbar: vom einzelnen Werkstück über Ausstellung und Tisch zum globalen Beteiligungsraum.

KI als neues Gegenüber

Die KI-Arbeit verändert die Forschung nicht deshalb grundsätzlich, weil eine Maschine nun Antworten geben kann. Ihre wichtigere Funktion liegt im Gegenüberstellen.

KI kann sehr große Textmengen vergleichen, Begriffe verfolgen, Widersprüche sichtbar machen, Varianten bilden und Folgenketten simulieren. Dadurch kann sie zum externen Gegenüber des Forschungsprozesses werden.

Sie ist jedoch kein neues oberstes Referenzsystem. Genau hier wäre eine der gefährlichsten möglichen Fehlentwicklungen. Wenn KI nur aus bereits vorhandenen menschlichen Texten, Wertungen und Daten rekombiniert, kann sie E3-Strukturen außerordentlich überzeugend verstärken, ohne dass dadurch eine Rückbindung an E1 und E2 garantiert wäre.

Die Forschungskunst muss deshalb KI selbst durch ihre Prüfarchitektur führen.

Die entscheidende Frage lautet nicht: Ist die KI intelligent?

Sie lautet: An welche Referenzsysteme wird ihre Intelligenz rückgekoppelt?

Hier verbindet sich die KI-Frage unmittelbar mit der neuen Figur des Ermittlers.

Der Mensch und die KI als gegenseitige Ermittler

Aus dieser Verbindung könnte ein neuer Forschungsabschnitt entstehen. Der Mensch untersucht mit KI seine Begriffe, Tätigkeiten und gesellschaftlichen Ordnungen. Gleichzeitig muss der Mensch die von der KI erzeugten Modelle auf ihre Voraussetzungen, Auslassungen und Konsequenzen untersuchen.

Damit entsteht kein Ersatz des Menschen durch KI, sondern eine gegenseitige Prüfkonstellation.

Der Mensch besitzt organismische Verletzlichkeit und unmittelbare Existenzabhängigkeiten, die die KI nicht selbst erlebt. Die KI besitzt dagegen Vergleichs- und Verarbeitungskapazitäten, die den einzelnen Menschen übersteigen können.

Eine Globale Schwarm-Intelligenz wäre deshalb nicht einfach „Menschen plus KI“, sondern müsste eine Architektur entwickeln, in der unterschiedliche Formen von Wahrnehmung, Wissen, Erfahrung und Rückmeldung miteinander geprüft werden.

So-Heits-Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft entstand als Zielprojektion aus der Frage, welche gesellschaftliche Form aus der Forschung überhaupt folgen könnte.

Sie darf nicht als fertiges politisches Programm missverstanden werden. Ihr Name verweist auf eine Verschiebung vom Hineindenken und Zuschreiben zum Prüfen dessen, wie etwas tatsächlich ist, wirkt und wovon es abhängt.

„So-Heit“ bedeutet dabei nicht passive Akzeptanz bestehender Zustände. Gerade das wäre das Gegenteil der Forschung. So-Heit bezeichnet die Bereitschaft, zunächst die Bedingungen, Beziehungen und Konsequenzen eines Sachverhaltes wahrzunehmen, bevor er unter eine fertige Vorstellung gezwungen wird.

Damit verbindet sich So-Heit mit technē. Gesellschaft wäre nicht primär ein fertiges System, sondern eine fortwährende Gestaltungstätigkeit, die ihre Ergebnisse prüft und korrigiert.

Die So-Heits-Gesellschaft ist somit eine gesellschaftliche Projektion des plastischen Prinzips.

Das So-Heits-Atelier

Das So-Heits-Atelier übersetzt diese Zielprojektion in einen konkreten öffentlichen Raum.

Für die documenta 16 entwickelte sich daraus das Konzept „Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes – Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung“.

Das Atelier soll nicht lediglich Werke präsentieren. Besucher sollen ihre eigenen Vorstellungen, Überzeugungen, Zuschreibungen und Tätigkeitsmodelle an Gegenständen, Folien, Fragen und anderen Menschen prüfen können.

Die Besucherdramaturgie führt von der Kauf- und Verkaufswelt über symbolische Wertbildungen und die 24-Stunden-Uhr zu organismischen und planetarischen Referenzsystemen. Schultafel, Stuhl, Gold, Kartoffel, Vorgabebild, roter Punkt, Malbuch, Folien und Mitmachbuch werden nicht nebeneinander ausgestellt, sondern bilden Stationen eines Ermittlungsweges.

Damit wird das Atelier zur räumlichen Erscheinungsform von E4.

Diese Unterscheidung ist wichtig: E4 ist die Prüffunktion. Das So-Heits-Atelier ist eine mögliche räumliche Institution dieser Funktion.

Memento mori und Lebenswerk-Topografie

Die jüngere Memento-mori-Idee erweitert das So-Heits-Atelier um eine zweite Zeitdimension. Das Lebenswerk selbst wird Teil der Versuchsanordnung.

Die zahlreichen Arbeiten, Fotografien, Tagebücher, Anträge, Ablehnungen, Aktionen und documenta-Bewerbungen werden nicht lediglich retrospektiv gezeigt. Sie dokumentieren einen jahrzehntelangen Versuch, dieselbe Grundfrage immer wieder an unterschiedlichen gesellschaftlichen Orten zu positionieren.

Die acht documenta-Bewerbungen von 1977 bis 2017 und die Bewerbung für documenta 16 bilden dadurch keinen Nebenaspekt der Biografie. Sie zeigen eine lange Verortungsarbeit: Wo kann eine solche Forschung öffentlich wirksam geprüft werden?

Das aktuelle So-Heits-Atelier wäre in dieser Perspektive nicht das Ende des Lebenswerks, sondern seine Umwandlung in eine benutzbare öffentliche Forschungsumgebung.

Die Versionsgeschichte 2026 als begriffliche Verdichtung

Auch die vielen Ankerfassungen selbst zeigen eine Forschungsbewegung.

Mit v6.6 wurden Tragbedingungen, Dingselektion, Eigen- und Eigentumsgrammatik, planetarische Kalibrierung und Zugangsarchitektur gefestigt.

Mit v8.5 und v8.7 rückten Geburt, Lücke und Mutation sowie eine Reihe von Präzisierungen in den Vordergrund. Die Grenze wurde zunehmend nicht nur als Trennung, sondern als Prozess verstanden.

Mit v10.0 wurde das Werk als repräsentative Prüf-, Forschungs- und Entwicklungskunst bezeichnet. Dadurch trat die Prüfung deutlicher neben Darstellung und Kritik.

Mit v12.0 und v12.1 entstanden Tragwirklichkeit, Tragwesen und Tragbewusstsein sowie die Idee einer plastischen symmetria.

Mit v12.5 bis v12.7 wurde Plexuswirklichkeit zum zentralen Beziehungsbegriff und das Differenzialprinzip stärker ausformuliert.

Mit v12.10 wurden Repräsentation, res, Dingwelt, hineingedachte Eigenschaften und technē stärker miteinander verbunden.

Mit v12.12 kamen Künstlichkeit, Seele, Plastisches Ich und Globale Schwarm-Intelligenz enger zusammen.

Mit v12.13 bis v12.16 wurde schließlich die Forschungskunst selbst stärker als Ursprung und Gesamtverfahren gefasst, während der Werkanker immer umfangreicher auf das tatsächliche Archivmaterial rückbezogen wurde.

Damit lässt sich eine wichtige begriffliche Korrektur erkennen: Die Plastische Anthropologie ist nicht das Ganze. Sie ist ein theoretisches Modell innerhalb der umfassenderen Forschungskunst.

Von der Plastischen Anthropologie zur Forschungskunst

Diese Unterscheidung könnte eine der wichtigsten Vereinfachungen sein.

Die Forschungskunst bezeichnet das Verfahren: wahrnehmen, gestalten, gegenüberstellen, prüfen, Konsequenzen verfolgen, rückkoppeln und korrigieren.

Die Plastische Anthropologie bezeichnet die daraus entwickelte Frage nach dem Menschen als plastischem, organismischem, symbolbildendem und sich zugleich skulpturalisierendem Wesen.

Die Plexuswirklichkeit bezeichnet den Wirklichkeitszusammenhang, an dem dieses Menschenmodell geprüft wird.

Das Vier-Ebenen-Modell bezeichnet eine Ordnungsgrammatik.

Das 51:49-Differenzialprinzip bezeichnet eine Haltung vorläufiger Entscheidung bei bleibender Korrekturoffenheit.

Das So-Heits-Atelier, das Mitmachbuch und die Globale Schwarm-Intelligenz sind praktische Umsetzungsformen.

Wenn diese Ebenen getrennt gehalten werden, wird die Gesamtarchitektur erheblich verständlicher.

Die neue Ermittlerfigur als mögliche Klammer

Die jüngste Formulierung „Der Mensch muss zum Ermittler seiner eigenen Existenz werden“ könnte nun eine neue Klammer für fast alle bisherigen Arbeitsbereiche bilden.

Der Ermittler nimmt einen Ausschnitt wahr, weiß aber, dass er ein Ausschnitt ist. Er sucht nach fehlenden Beziehungen und damit nach Lochprozessen. Er stellt Behauptung und Konsequenz gegenüber. Er nutzt Referenzsysteme. Er unterscheidet materielle Eigenschaften von Zuschreibungen. Er folgt Tätigkeitsfolgen durch E1 bis E3 und führt sie in E4 zurück. Er lässt seine Ergebnisse durch andere Menschen und KI gegenprüfen. Und er hält seine Begriffe im 51:49-Modus vorläufig offen.

Damit wird der Ermittler weder Wissenschaftler im engen Sinn noch Detektiv im kriminalistischen Sinn. Er ist eine künstlerisch-anthropologische Rollenfigur für Zivilisationsfähigkeit.

Der Mensch untersucht nicht nur die Welt. Er untersucht, mit welchen Instrumenten er die Welt untersucht und wie diese Instrumente wiederum sein Handeln erzeugen.

Der entscheidende neue Forschungsgegenstand: die Maßstäbe

Hier liegt zugleich die wichtigste noch fehlende Verbindung.

Die Forschung hat bereits sehr genau untersucht, dass Menschen falsche oder zu enge Bezugssysteme verwenden können. Weniger vollständig entwickelt ist bisher die positive Frage: Welche konkreten Maßstäbe entscheiden, ob etwas funktioniert oder nicht funktioniert?

„Tragfähigkeit“ allein reicht noch nicht. Sie muss operationalisiert werden.

Bei einem Organismus können Versorgung, Belastung, Verletzung und Regeneration untersucht werden. Bei einem Boden gelten andere Größen. Bei einem sozialen Zusammenhang wiederum andere. Ein Referenzsystem muss daher immer angeben, was geprüft wird, in welchem Zeitraum, für wen, gegenüber welcher Belastung und anhand welcher Rückmeldung.

Genau hier könnte aus dem Ermittler eine präzise Methode entstehen.

Funktionsprüfung statt Erfolgsmessung

Ein zentraler Unterschied muss künftig noch deutlicher herausgearbeitet werden: Erfolg und Funktionieren sind nicht dasselbe.

Eine Tätigkeit kann ihr unmittelbares Ziel erreichen und gleichzeitig die Bedingungen beschädigen, die ihre Wiederholung ermöglichen. Ein Unternehmen kann Gewinn erwirtschaften und zugleich Menschen oder Umwelt überfordern. Ein Organismus kann kurzfristig außergewöhnliche Leistung erbringen und sich dabei langfristig schädigen.

Die Forschung braucht deshalb eine zeitlich erweiterte Funktionsdefinition.

Etwas funktioniert nicht schon dann, wenn es eine Leistung produziert. Es funktioniert im umfassenden Sinn erst dann, wenn es seine eigenen Voraussetzungen und die von ihm beanspruchten Abhängigkeitssysteme nicht dauerhaft zerstört.

Damit wird Tätigkeitskonsequenz zum entscheidenden Prüfgegenstand.

Tätigkeitskonsequenzen als verbindendes Zentrum

Viele bisher getrennte Begriffe könnten um den Begriff der Tätigkeitskonsequenz geordnet werden.

Dingselektion bestimmt, welcher Ausschnitt zur Grundlage einer Tätigkeit wird. Hineingedachte Eigenschaften beeinflussen, welche Bedeutung dieser Ausschnitt erhält. Skulpturidentität stabilisiert bestimmte Handlungsrollen. Tätigkeit verändert E1, E2 oder E3. Die Konsequenzen treffen auf Referenzsysteme. Rückkopplung bringt die Konsequenzen zurück. Der Prüfoperator vergleicht Erwartung und Ergebnis. 51:49 hält Korrektur offen. E4 organisiert die Reparatur.

Damit besitzt die Forschung inzwischen einen relativ geschlossenen Kreislauf:

Plexuswirklichkeit → Ausschnitt und Modell → Zuschreibung → Tätigkeit → Konsequenz → Referenzsystem → Rückmeldung → Gegenüberstellung → Prüfung → Korrektur → neue Form.

Dieser Kreislauf dürfte die bisher klarste Gesamtform des Forschungsansatzes sein.

Doppelungen und begriffliche Unklarheiten

Die Forschung ist inzwischen so umfangreich, dass ihre größte Gefahr nicht mehr ein Mangel an Begriffen ist, sondern ihre Überproduktion.

Die erste Doppelung besteht zwischen Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit. Sie sollten nicht synonym verwendet werden. Tragwirklichkeit kann die Existenz- und Abhängigkeitsbedingungen bezeichnen; Plexuswirklichkeit deren Verflechtungsstruktur.

Die zweite liegt zwischen Referenzsystem, Prüfanker und Prüfoperator. Referenzsystem ist der wirkliche Zusammenhang, Prüfanker die ausgewählte Bezugsgröße, Prüfoperator die vergleichende Tätigkeit.

Die dritte liegt zwischen Plastischem Ich und Prüforganismus. Plastisches Ich bezeichnet den lebenden, regulierenden Menschen gegenüber seiner symbolischen Skulpturidentität. Prüforganismus bezeichnet die Funktion dieses Organismus als Rückmeldesystem. Der zweite Begriff sollte den ersten nicht ersetzen.

Die vierte betrifft Symbolisierung und Skulpturalisierung. Symbolisierung ist grundsätzlich notwendig und nicht negativ. Skulpturalisierung sollte ausschließlich jene Verfestigung bezeichnen, bei der eine erzeugte Symbolform ihrer Korrigierbarkeit entzogen wird.

Die fünfte betrifft Lücke, Loch, Distanz und Membran. Lücke ist produktive Differenz. Distanz ist notwendige Gegenüberstellung. Membran ist regulierte Grenze. Lochprozess ist der Verlust einer notwendigen Rückbeziehung. Werden diese vier Begriffe so festgelegt, verschwindet ein großer Teil der bisherigen Unschärfe.

Die sechste betrifft 51:49, Differenzialprinzip und dreifaches Optimum. 51:49 sollte als anschauliche heuristische Grundfigur verstanden werden. Differenzialprinzip ist die allgemeinere methodische Aussage über produktive Unterschiede. Das dreifache Optimum müsste anschließend konkrete Funktionsbedingungen beschreiben.

Die siebte betrifft E4, Mitmachbuch, Globale Schwarm-Intelligenz und So-Heits-Atelier. Sie sind keine gleichrangigen Ebenen. E4 ist eine Funktion. Mitmachbuch, Plattform und Atelier sind unterschiedliche Medien ihrer Realisierung.

Problematische Überdehnungen

Einige Begriffe müssen außerdem vor einer Überdehnung geschützt werden.

51:49 darf nicht als Naturkonstante ausgegeben werden. 50:50 darf nicht jedes Gleichgewicht diskreditieren. 1:99 darf nicht jede gesellschaftliche Hierarchie automatisch erklären.

Lochprozess darf nicht zur Erklärung jedes historischen Problemfeldes werden.

Plexuswirklichkeit darf nicht bedeuten, dass alles unterschiedslos mit allem verbunden sei. Forschung benötigt gerade relevante, prüfbare Beziehungen.

Skulpturidentität darf nicht jede stabile Identität pathologisieren. Menschen benötigen auch Kontinuität, Verlässlichkeit und Form.

So-Heit darf nicht mit einem angeblich unmittelbaren Zugriff auf „die Wirklichkeit an sich“ verwechselt werden. Auch der Ermittler arbeitet mit Ausschnitten, Instrumenten und Modellen.

Gerade diese Selbstbegrenzungen würden die Forschung stärker und nicht schwächer machen.

Fehlende Verbindung: Konflikte zwischen Referenzsystemen

Eine bisher noch nicht ausreichend entwickelte Schwierigkeit entsteht, sobald mehrere Referenzsysteme unterschiedliche Anforderungen erzeugen.

Was für einen einzelnen Organismus kurzfristig gut ist, kann für eine Gemeinschaft langfristig problematisch sein. Eine ökologische Schutzmaßnahme kann soziale Belastungen erzeugen. Ein technisches System kann medizinischen Nutzen besitzen und gleichzeitig hohen Ressourcenverbrauch verursachen.

„Tragwirklichkeit“ liefert deshalb nicht automatisch eine eindeutige Entscheidung.

Die Forschung benötigt eine Konfliktgrammatik der Referenzsysteme. Sie muss untersuchen, welche Abhängigkeiten unverzichtbar, welche Schäden reversibel, welche Folgen zeitlich verschoben und welche Belastungen auf andere ausgelagert werden.

Hier könnte das 51:49-Prinzip eine methodische Rolle erhalten, allerdings nicht als fertige Lösung, sondern als Offenhaltung konkurrierender Anforderungen.

Fehlende Verbindung: Zeit und Rückwirkung

Eine zweite Lücke betrifft die Zeit.

Tätigkeiten besitzen kurzfristige und langfristige Konsequenzen. Ein System kann heute funktionieren und seine Voraussetzungen für morgen zerstören.

Die 24-Stunden-Uhr macht dieses Problem anschaulich, ist aber noch kein allgemeiner Prüfoperator.

Ein zukünftiger Tätigkeitskonsequenzanker müsste deshalb immer mindestens zwei Zeiten unterscheiden: die Zeit der unmittelbaren Zielerreichung und die Zeit der Rückwirkung.

Damit würde auch die Ausgangsfrage „Warum zerstört der Mensch seine Existenzbedingungen?“ präziser. Menschen handeln häufig in kurzen Belohnungs- und Entscheidungszeiträumen, während die Rückwirkungen in anderen Zeiträumen auftreten.

Fehlende Verbindung: Vom Erkennen zum tatsächlichen Korrigieren

Die vielleicht wichtigste offene Frage bleibt jedoch dieselbe, mit der das Lebenswerk begonnen hat. Selbst wenn Menschen erkennen, dass eine Tätigkeit nicht funktioniert, folgt daraus noch keine Korrektur.

Genau hier liegt die Anwendungslücke zwischen Wissen und Veränderung.

Die Forschungskunst hat über Malbuch, Tisch, Aktion, Beteiligung, interaktives Buch, Atelier und Plattform immer wieder versucht, diese Lücke praktisch zu bearbeiten. Menschen sollen nicht nur informiert werden. Sie sollen selbst vergleichen, handeln, scheitern, antworten und korrigieren.

Ob dadurch tatsächlich dauerhaft anderes Verhalten entsteht, ist jedoch eine empirisch noch offene Frage.

Das So-Heits-Atelier könnte deshalb nicht nur Überzeugungen prüfen, sondern auch die eigene Wirkung: Was verändert sich bei einem Teilnehmer? Welche Einsicht bleibt? Welche Tätigkeit folgt? Was wird nach Tagen oder Monaten korrigiert?

Damit würde Forschungskunst sich selbst in ihre Prüfarchitektur einschließen.

Gesamtarchitektur der Forschung

In ihrer gegenwärtig klarsten Form beginnt die Forschung nicht beim Menschen, sondern bei einer vorausliegenden Trag- und Plexuswirklichkeit. Innerhalb dieser Wirklichkeit entstehen lebende Organismen mit bestimmten Abhängigkeiten, Regulationsformen und Verletzbarkeiten. Der Mensch entwickelt zusätzlich eine außerordentlich komplexe E3-Welt aus Sprache, Dingen, Technik, Eigentum, Rollen, Geld, Religion, Institutionen und Vorstellungen.

Diese E3-Welt ermöglicht eine enorme Gestaltungsmacht. Gleichzeitig kann sie die Bedingungen verdecken, von denen sie selbst abhängig bleibt.

Durch Dingselektion und Eigenschaftszuschreibung entstehen handhabbare Ausschnitte. Werden deren ausgeschlossene Beziehungen vergessen, können Lochprozesse entstehen. Werden symbolische Formen verfestigt, entstehen Skulpturalisierungen. Tätigkeiten folgen den entstandenen Modellen und erzeugen Konsequenzen in E1, E2 und E3.

Der Organismus, andere Menschen und natürliche Systeme erzeugen darauf Rückmeldungen.

E4 beginnt dort, wo diese Rückmeldungen nicht verdrängt, sondern als Beweismaterial zurückgeführt werden.

Der Mensch wird dadurch zum Ermittler.

Er stellt Vorstellung und Wirkung gegenüber, untersucht Referenzsysteme, erkennt Lücken, verfolgt Lochprozesse, unterscheidet Eigenschaften und Zuschreibungen, prüft Tätigkeitskonsequenzen und lässt seine Ergebnisse korrigieren.

Die Forschungskunst stellt hierfür Objekte, Bilder, Folien, Fragen, Tische, Bücher, Räume, Plattformen und inzwischen KI bereit.

Das 51:49-Differenzialprinzip verhindert idealerweise, dass die jeweils gefundene Antwort wieder zur endgültigen Skulptur erstarrt.

Die Zielprojektion ist die So-Heits-Gesellschaft: keine fertige Idealgesellschaft, sondern eine Gesellschaft, die ihre selbst erzeugten Formen als veränderbare Menschenwerke erkennt und sie fortlaufend an ihren realen Existenzbedingungen prüft.

Das So-Heits-Atelier wäre dafür der öffentliche Versuchsraum.

Die Globale Schwarm-Intelligenz wäre die globale Rückkopplungsstruktur.

Das Mitmachbuch wäre der individuelle Lernweg.

Die Foliengrammatik wäre das visuelle Prüfwerkzeug.

Die künstlerischen Prüfobjekte wären die konkreten Gegenüber.

Und die Forschungskunst wäre das Verfahren, das all diese Teile miteinander verbindet.

Die derzeit stärkste Verdichtung

Die gesamte Entwicklung lässt sich heute deshalb genauer formulieren als noch in früheren Fassungen:

Der Mensch erzeugt Vorstellungen, Begriffe, Dinge, Werte, Rollen und Ordnungen, mit denen er seine Wirklichkeit bearbeitet. Diese Menschenwerke ermöglichen Handlungsfähigkeit, können sich jedoch von den organismischen, materiellen und planetarischen Bedingungen lösen, von denen menschliche Existenz abhängig bleibt. Forschungskunst untersucht diese Ablösung, indem sie Ausschnitte, Zuschreibungen und Tätigkeitskonsequenzen sichtbar macht, sie realen Referenzsystemen gegenüberstellt und Rückkopplung ermöglicht. Der Mensch muss dafür zum Ermittler seiner eigenen Existenz werden: Er muss nicht nur fragen, was er denkt und beabsichtigt, sondern woran er erkennt, ob seine Tätigkeiten tatsächlich funktionieren, welche Abhängigkeiten sie beanspruchen, welche Konsequenzen sie erzeugen und ob die betroffenen Systeme diese Konsequenzen tragen und regenerieren können.

Damit rückt gegenwärtig eine Frage in das Zentrum, die möglicherweise den nächsten großen Entwicklungsschritt der Forschung bildet:

Nicht mehr nur: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen? Sondern: Welche überprüfbaren Referenzsysteme und Maßstäbe braucht der Mensch, um rechtzeitig erkennen zu können, wann seine Vorstellungen, Tätigkeiten und gesellschaftlichen Ordnungen aufgehört haben, in ihren Abhängigkeitswelten zu funktionieren?

Diese Frage verbindet den frühen Maschinenschlosser, den Plastiker, die Experimentelle Umweltgestaltung, die Wasser- und Materialversuche, die Malbücher, die Tausend Tische, die gesellschaftlichen Beteiligungsarbeiten, die Ding- und Eigentumskritik, 51:49, die Plastische Anthropologie, E1–E4, Plexuswirklichkeit, Lochprozesse, Foliengrammatik, KI, Globale Schwarm-Intelligenz und das So-Heits-Atelier zu einem einzigen Forschungsweg: der Entwicklung von der Herstellung einzelner Formen zur öffentlichen Prüfung der Formen, mit denen der Mensch seine eigene Existenz organisiert.

Rekonstruktion des bisherigen Forschungsweges

1. Forschungsgrund: Von der Frage nach menschlicher Selbstzerstörung zur Untersuchung der Maßstäbe des Funktionierens

Der gesamte Forschungsweg lässt sich auf eine Ausgangsfrage zurückführen, die sich seit den 1970er Jahren durch unterschiedliche Werkformen hindurch verändert und präzisiert hat: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, wissen, lernen und korrigieren kann? Diese Frage war zunächst keine ausformulierte Theorie. Sie entstand aus Lebens-, Umwelt-, Material- und Gesellschaftserfahrungen und wurde im Laufe der Jahrzehnte durch Arbeiten, Aktionen, Modelle, Bilder, Beteiligungsformen und schließlich durch die Arbeit mit KI immer weiter untersucht.

Historisch beziehungsweise biografisch belegbar sind die künstlerischen Arbeiten, Ausbildungsstationen, Tagebücher, Fotografien, Ausstellungen, Aktionen, Publikationen und Bewerbungen, sofern sie durch das Archiv dokumentiert sind. Davon zu unterscheiden ist die rückblickende Interpretation, dass bereits alle frühen Arbeiten Bestandteile einer heute vollständig erkennbaren Forschungskunst gewesen seien. Diese Interpretation ist plausibel, muss aber als heutige Rekonstruktion gekennzeichnet bleiben. Die Begriffe Forschungskunst, Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Lochprozess, 51:49, So-Heits-Gesellschaft oder Prüforganismus sind spätere begriffliche Verdichtungen. Sie dürfen nicht so dargestellt werden, als seien sie 1975 bereits fertig vorhanden gewesen.

Die jüngste Entwicklung verschiebt die Forschungsfrage noch einmal. Es reicht nicht mehr zu fragen, warum Menschen trotz Wissen zerstörerisch handeln. Es muss untersucht werden, woran Menschen überhaupt erkennen, dass etwas funktioniert oder nicht funktioniert. Damit rückt die Frage der Referenzsysteme ins Zentrum. Geld, Gewinn, Wachstum, Status, Rechtmäßigkeit oder technische Leistungsfähigkeit können innerhalb menschlich geschaffener Ordnungen Funktion anzeigen. Sie beweisen aber nicht, dass die organismischen, sozialen und ökologischen Bedingungen erhalten bleiben, auf denen diese Ordnungen beruhen.

Aus der ursprünglichen Frage nach Selbstzerstörung entsteht deshalb heute die weitergehende Frage: Welche Maßstäbe benötigt der Mensch, um seine Tätigkeiten an ihren tatsächlichen Existenz- und Abhängigkeitsbedingungen prüfen zu können?

Der Satz „Der Mensch muss zum Ermittler seiner eigenen Existenz werden“ ist gegenwärtig die stärkste Verdichtung dieser Entwicklung.


2. Werkgenese: Das Prüfen beginnt vor der Theorie

Ein wesentlicher Ursprung liegt in der Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969. Historisch belegbar ist die Ausbildung selbst. Die heutige Deutung, dass hierin bereits eine Vorform des späteren Forschungsprinzips lag, ist dagegen eine rückblickende werkbiografische Interpretation.

Beim handwerklichen Arbeiten begegnet man einem anderen Wirklichkeitsverhältnis als bei bloßer Behauptung. Ein Werkstoff hat Eigenschaften. Ein Maß stimmt oder stimmt nicht. Eine Passung funktioniert innerhalb bestimmter Toleranzen. Eine Konstruktion hält einer Belastung stand oder versagt. Die Folge einer Tätigkeit tritt dem Handelnden als Widerstand gegenüber.

Darin liegt eine frühe Struktur, die später zum Begriffshandwerk wird: Auch ein Begriff soll nicht bloß überzeugend klingen. Er muss belastbar sein, Unterschiede ermöglichen und seine Grenzen erkennen lassen.

Die anschließende Beschäftigung mit Fotografie, Fotojournalismus und Werbung fügte einen zweiten Erfahrungskomplex hinzu. Fotografie erzeugt notwendig einen Ausschnitt. Etwas wird ausgewählt, gerahmt und sichtbar gemacht, anderes bleibt außerhalb. Werbung geht darüber hinaus, indem sie Gegenstände mit Bedeutungen, Versprechen und Eigenschaften verbindet, die nicht mit ihren materiellen Eigenschaften identisch sind.

Auch hier gilt: Die spätere Verbindung zur Dingselektion und zu den „hineingedachten Eigenschaften“ ist eine heutige Rekonstruktion. Sie erklärt jedoch, weshalb Bild, Ausschnitt, Darstellung und Zuschreibung später eine so grundlegende Rolle in der Forschung erhalten konnten.

Mit dem Studium der Bildhauerei an der HBK Braunschweig von 1974 bis 1980 wurde Material selbst zum Erkenntnisgegenüber. Entscheidend wurde zunehmend nicht nur die fertige Form, sondern der Prozess ihrer Entstehung. Kraft, Gewicht, Widerstand, Bewegung, Materialverhalten, Raum und Tätigkeit konnten nicht voneinander getrennt werden.

Die Experimentelle Umweltgestaltung von 1975 bildet hierfür einen wichtigen historischen Werkanker. Hier erweitert sich die Plastik aus dem Einzelobjekt in Umgebungs-, Bewegungs- und Beziehungsvorgänge. Die spätere Forschungskunst kann deshalb werkgeschichtlich auf diese Phase zurückgeführt werden, ohne behaupten zu müssen, dass ihre heutige Theorie damals bereits vorhanden gewesen sei.


3. Von Material und Umwelt zum Wirklichkeitsproblem

Wasser-, Wellen-, Strömungs- und Deicharbeiten wurden zu wichtigen frühen Erfahrungsfeldern. An ihnen zeigt sich eine grundlegende Eigenschaft: Eine Form existiert nicht isoliert von ihren Bedingungen.

Eine Welle kann nicht sinnvoll verstanden werden, wenn man sie gedanklich aus Wasser, Gravitation, Bewegung, Energieübertragung und Umgebung herauslöst. Ein Deich besitzt seine Funktion nicht allein aufgrund seiner sichtbaren Gestalt. Er steht in einem Verhältnis zu Material, Untergrund, Wasserdruck, Höhe, Belastung und Zeit.

Diese Beobachtung wird später weit über die ursprünglichen Arbeiten hinausgeführt. Auch der Mensch, ein Produkt, ein Grundstück, eine Institution oder eine gesellschaftliche Rolle erscheinen als einzelne Einheiten, obwohl sie aus zahllosen Beziehungen und Vorbedingungen hervorgehen.

Damit entsteht langsam der Übergang von der klassischen Objektfrage zur Abhängigkeitsfrage.

Nicht mehr nur: Was ist dieses Ding?

Sondern: Wovon hängt es ab, was wurde herausgeschnitten, und welche Beziehungen müssen mitgedacht werden, damit es tatsächlich verstanden werden kann?

Diese Verschiebung führt langfristig zu Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit und Dingselektion.


4. Tragwirklichkeit: Die Suche nach einem Referenzbereich jenseits menschlicher Zuschreibung

Begriffe wie „Natur“, „Umwelt“ und selbst „Realität“ erwiesen sich im Verlauf der Forschung als unzureichend.

„Umwelt“ kann bereits einen Menschen voraussetzen, um den herum sich etwas befindet. „Natur“ wird häufig Kultur, Technik oder Gesellschaft gegenübergestellt. „Realität“ wiederum ist so umfassend, dass sowohl ein Fels als auch ein Eigentumsrecht oder ein Geldwert real genannt werden können, obwohl ihre Wirkungsweisen völlig verschieden sind.

Daraus entwickelte sich 2026 der Begriff Tragwirklichkeit.

Tragwirklichkeit bezeichnet jene Bedingungen, die menschlicher Zuschreibung vorausliegen und menschliche Existenz tatsächlich ermöglichen und begrenzen. Dazu gehören beispielsweise Atmosphäre, Wasser, Temperaturbereiche, Gravitation, Stoffwechselbedingungen, biologische Verletzbarkeit, Regeneration und ökologische Kreisläufe.

Wissenschaftlich belegbar sind die jeweiligen konkreten physikalischen, biologischen und ökologischen Abhängigkeiten. Tragwirklichkeit als einheitlicher Gesamtbegriff ist dagegen ein Eigenbegriff der Forschungskunst.

Seine methodische Funktion besteht darin, eine Referenz herzustellen, die nicht allein von gesellschaftlicher Geltung abhängt. Menschen können einen Boden besitzen, verkaufen oder bewerten. Sie können aber die biologischen und physikalischen Bedingungen dieses Bodens nicht durch ein Eigentumsdokument verändern.

Aus Tragwirklichkeit entstanden vorübergehend beziehungsweise ergänzend Begriffe wie Tragwesen und Tragbewusstsein. Damit sollte bezeichnet werden, dass der Mensch nicht nur getragen wird, sondern seine Abhängigkeiten grundsätzlich erkennen kann.

Hier entstand jedoch eine begriffliche Überlastung. Tragwirklichkeit, Tragwesen und Tragbewusstsein drohten eine eigene Begriffsfamilie zu bilden, während gleichzeitig Plexuswirklichkeit, Plastisches Ich und E1–E4 ähnliche Bereiche beschrieben.

Eine mögliche Vereinfachung besteht darin, Tragwirklichkeit als Existenzreferenz beizubehalten, während „Tragwesen“ und „Tragbewusstsein“ nur dort verwendet werden, wo sie einen gegenüber E2 und E4 tatsächlich zusätzlichen Unterschied leisten.


5. Plexuswirklichkeit: Vom Getragenwerden zum Verflochtensein

Die Tragwirklichkeit beschreibt gut, dass menschliche Existenz Voraussetzungen besitzt. Weniger deutlich macht sie, dass diese Voraussetzungen untereinander verknüpft sind.

Daraus entstand Plexuswirklichkeit.

Plexus bezeichnet den Verflechtungszusammenhang. Mensch, Atmosphäre, Nahrung, Boden, Stoffwechsel, Technik, andere Menschen, Sprache, Energie und gesellschaftliche Ordnungen liegen nicht wie isolierte Schichten nebeneinander. Sie greifen ineinander.

Plexuswirklichkeit ist deshalb keine zusätzliche fünfte Wirklichkeit neben Natur, Organismus und Gesellschaft. Sie ist eine Beziehungsbeschreibung.

Auch dieser Begriff ist keine wissenschaftlich etablierte Gesamtkategorie. Wissenschaftlich untersuchbar sind einzelne Netze, Stoffkreisläufe, Rückkopplungen und Abhängigkeiten. Die Zusammenfassung unter „Plexuswirklichkeit“ ist ein Forschungskunstbegriff.

Seine methodische Funktion ist außerordentlich wichtig: Er soll verhindern, dass die notwendige analytische Zerlegung der Wirklichkeit mit der Wirklichkeit selbst verwechselt wird.

Damit ergibt sich eine klare mögliche Differenzierung:

Tragwirklichkeit bezeichnet, wovon Existenz abhängt. Plexuswirklichkeit bezeichnet, wie diese Abhängigkeiten miteinander verflochten sind.

Diese Trennung reduziert eine der bisherigen begrifflichen Doppelungen erheblich.


6. Dingselektion: Der notwendige Schnitt

Aus der Untersuchung der Ausschnitte entstand der Begriff Dingselektion.

Menschen müssen Wirklichkeit selektieren. Ohne Unterscheidung gäbe es keine Wahrnehmung, keine Sprache, keine Wissenschaft, kein Handwerk und keine Kunst. Ein Baum muss als Baum bezeichnet werden können. Ein Werkstück muss gegenüber anderem Material abgegrenzt werden können. Eine wissenschaftliche Untersuchung muss ihren Gegenstand definieren.

Dingselektion ist daher zunächst keine Fehlleistung.

Der Fehler beginnt erst, wenn der ausgewählte Gegenstand behandelt wird, als enthielte er seine vollständigen Bedingungen in sich selbst.

Damit konnte eine frühere zu pauschale Kritik am „Dingdenken“ korrigiert werden. Nicht das Ding ist das Problem. Nicht die Grenze ist das Problem. Nicht der Ausschnitt ist das Problem.

Problematisch wird das Vergessen des Ausschnittcharakters.

Diese Einsicht verbindet die fotografische Erfahrung des Bildausschnitts, die handwerkliche Werkstückselektion, die wissenschaftliche Gegenstandsbildung, Eigentumsgrenzen und moderne Produktwelten.


7. Loch, Lücke und Lochprozess

Aus der Dingselektion entstand der Lochbegriff. Er gehörte zeitweise zu den Begriffen mit der größten Ausweitungsgefahr.

Wenn nahezu jeder Mangel ein „Loch“ genannt wird, verliert der Begriff seine methodische Präzision. Deshalb wurde zunehmend zwischen Lücke, Loch und Lochprozess unterschieden.

Eine Lücke kann produktiv sein. Zwischen Wissen und Nichtwissen liegt eine Lücke. Zwischen Vorstellung und Ergebnis liegt eine Differenz. Zwischen mir und einem Gegenstand besteht Abstand. Diese Distanz ermöglicht Erkenntnis.

Ein Loch bezeichnet dagegen in der weiterentwickelten Bedeutung eine fehlende Beziehung oder Rückbindung.

Der Lochprozess beschreibt die Entstehung dieses Zustands. Ein Ausschnitt wird vorgenommen. Das Ausgeschlossene wird nicht mehr zurückgeführt. Die Abhängigkeit verschwindet aus der Wahrnehmung. Schließlich erscheint der isolierte Ausschnitt als vollständige Wirklichkeit.

Diese Prozessbeschreibung ist wesentlich stärker als die bloße Lochmetapher.

Ein Produkt kann beispielsweise im Laden als einzelnes Objekt erscheinen. Rohstoffgewinnung, Energieverbrauch, Arbeitsbedingungen, Transport, Abfall und ökologische Folgen verschwinden. Der Lochprozess besteht nicht darin, dass diese Beziehungen materiell aufgehört hätten zu existieren. Sie verschwinden lediglich aus dem entscheidenden Wahrnehmungs- und Entscheidungsrahmen.

Daraus ergibt sich eine zentrale Formel:

Nicht der Schnitt erzeugt notwendig das Problem. Das Vergessen des Schnitts erzeugt den Lochprozess.


8. Membran: Korrektur der einfachen Offenheitsvorstellung

Eine weitere wichtige Korrektur entstand mit dem Begriff der Membran.

Wenn Trennung grundsätzlich problematisch wäre, müsste völlige Offenheit das Ideal sein. Das ist bei lebenden Organismen offensichtlich falsch. Leben benötigt Abgrenzung. Entscheidend ist, dass Grenzen regulierten Austausch ermöglichen.

Wissenschaftlich belegbar ist die Bedeutung biologischer Membranen und regulierter Austauschprozesse. Die Übertragung auf soziale, erkenntnistheoretische oder institutionelle Zusammenhänge ist dagegen eine Analogie der Forschungskunst.

Die Membran korrigiert den simplen Gegensatz zwischen offen und geschlossen. Eine gute Grenze ist nicht grenzenlos offen. Sie ist selektiv durchlässig und rückkopplungsfähig.

Dadurch kann auch Eigentum differenzierter betrachtet werden. Nicht jede Grenze ist deshalb bereits falsch. Die Frage lautet vielmehr, welche Beziehungen eine Grenze reguliert und welche Abhängigkeiten sie unsichtbar macht oder unterbricht.


9. Nichtwissen und produktive Lücke

Der Lochbegriff führte zu einer weiteren Differenzierung: Nichtwissen darf nicht mit Lochbildung verwechselt werden.

Forschung beginnt gerade dort, wo jemand weiß, dass er etwas nicht weiß.

Ein produktives Nichtwissen hält eine Lücke offen.

Der Lochprozess dagegen besteht darin, dass eine notwendige Beziehung fehlt, ohne dass ihr Fehlen noch wahrgenommen wird.

Damit entstehen zwei völlig unterschiedliche Zustände.

„Ich weiß es nicht“ kann der Anfang von Forschung sein.

„Ich habe den Zusammenhang ausgeblendet und bemerke seine Abwesenheit nicht mehr“ ist ein Erkenntnisproblem.

Diese Differenz ist wichtig für 51:49, für das Begriffshandwerk und für die spätere Ermittlerfigur.


10. Gegenüberstellung: Vom vermeintlichen Dualismus zur Lernbedingung

Auch der Begriff der Gegenüberstellung wurde korrigiert.

Zeitweise lag die Gefahr nahe, jedes Gegenüber als Dualismus oder Trennung zu problematisieren. Doch ohne Gegenüberstellung gibt es keinen Vergleich.

Ein Künstler benötigt eine Vorstellung und ein entstehendes Werk. Erst weil das Werk der Vorstellung gegenübertritt, kann eine Abweichung sichtbar werden.

Ein Experiment benötigt Erwartung und Ergebnis.

Eine Behauptung benötigt eine Wirklichkeit, an der sie scheitern kann.

Ein Mensch benötigt andere Menschen, deren Wahrnehmung nicht vollständig mit seiner eigenen übereinstimmt.

Damit wird Gegenüberstellung zur Bedingung des Lernens.

Dualismus entsteht erst dort, wo die Gegenüberstellung absolut gesetzt, hierarchisiert oder unüberwindbar gemacht wird.

Diese Korrektur ist wichtig für das gesamte Forschungsmodell: Differenz ist nicht der Gegner der Verbindung. Differenz ist häufig die Voraussetzung dafür, dass Beziehungen überhaupt wahrgenommen werden können.


11. Erfahrung: Tätigkeit allein genügt nicht

Aus der Gegenüberstellung entwickelte sich eine präzisere Theorie der Erfahrung.

Eine Tätigkeit erzeugt zunächst eine Konsequenz.

Erfahrung entsteht erst, wenn die Konsequenz wahrgenommen, mit einer Erwartung verglichen und auf die vorausgehende Tätigkeit zurückbezogen wird.

Dadurch entsteht eine Rückkopplung:

Vorstellung führt zu Tätigkeit. Tätigkeit erzeugt Folge. Folge tritt der Vorstellung gegenüber. Die Differenz wird wahrgenommen. Das Modell kann verändert werden.

Diese Struktur gehört zu den stärksten Bindegliedern zwischen frühem plastischem Arbeiten und dem heutigen E4-Prüfmodell.

Wissenschaftlich gibt es umfangreiche Forschung zu Lernen, Fehlerkorrektur, Regulation und Rückkopplung. Die hier entwickelte Gesamtverbindung mit Forschungskunst, Plastik und gesellschaftlicher Zivilisationsfähigkeit bleibt jedoch ein eigenständiges Modell.

Die entscheidende Folgerung lautet: Tätigkeit ohne Rückkopplung kann sich wiederholen, ohne dass Lernen stattfindet.

Damit wird auch die Ausgangsfrage nach der Selbstzerstörung neu lesbar. Es fehlt der Menschheit möglicherweise nicht primär an Tätigkeit oder Information, sondern an wirksamer Rückführung ihrer Tätigkeitskonsequenzen.


12. Plastik: Vom Kunstgegenstand zum Erkenntnismodell

Plastik wurde im Verlauf der Forschung zunehmend aus ihrer kunsthistorischen Gattungsbedeutung heraus erweitert.

Der Ausgangspunkt bleibt die tatsächliche plastische Tätigkeit. Material wird geformt. Das Material antwortet. Form bleibt während des Prozesses veränderbar. Fehler können erkannt und korrigiert werden.

Aus dieser Werkpraxis entstand allmählich ein anthropologisches Modell.

Plastisch bedeutet darin veränderbar, rückkopplungsfähig und formoffen.

Das ist eine Forschungskunstübertragung und keine kunsthistorische Standarddefinition.

Die methodische Funktion besteht darin, menschliche Identität, gesellschaftliche Ordnung und Erkenntnis nicht als fertige Skulpturen, sondern als grundsätzlich weiter formbare Prozesse zu denken.


13. Skulpturalisierung: Die Verfestigung von Menschenwerk

Als Gegenbegriff entstand Skulpturalisierung.

Dabei ist größte begriffliche Vorsicht notwendig. Skulpturalisierung ist keine Aussage über die historische Kunstform Skulptur und keine Abwertung von Skulpturen.

Der Begriff bezeichnet innerhalb der Forschung einen Prozess, in dem vom Menschen erzeugte Formen ihren hergestellten Charakter verlieren und als unveränderlich behandelt werden.

Rollen, Institutionen, Eigentumsordnungen, gesellschaftliche Hierarchien, Glaubenssysteme oder Selbstbilder können skulpturalisiert werden.

Damit entsteht eine Verbindung zum Lochprozess. Eine symbolische Ordnung wird geschaffen. Ihre Entstehungsbedingungen verschwinden. Schließlich erscheint sie als naturgegeben.

Skulpturalisierung ist damit eine besondere Form der Verfestigung von E3.


14. Plastisches Ich und Skulpturidentität

Diese Unterscheidung wurde später auf den Menschen selbst übertragen.

Das Plastische Ich bezeichnet primär die lebendige, organismische Ebene. Der Organismus muss sich fortwährend regulieren, auf Veränderungen reagieren und seinen Zustand anpassen.

Die Skulpturidentität bezeichnet dagegen die symbolische Selbstform: Name, Beruf, Rolle, gesellschaftlicher Rang, Eigentumsstatus, nationale Zuordnung, Prestige, Selbstbeschreibung.

Dabei war eine weitere Korrektur notwendig. Skulpturidentität darf nicht bedeuten, dass jede stabile Identität falsch sei. Ein Mensch benötigt biografische Kontinuität, Verlässlichkeit und soziale Rollen.

Das Problem entsteht, wenn die symbolische Form Rückmeldungen des lebenden Organismus überstimmt.

Ein Mensch kann an der Identität „leistungsfähig“ festhalten, obwohl sein Organismus Erschöpfung meldet. Eine Gesellschaft kann an „Wachstum“ als Erfolgsidentität festhalten, obwohl ökologische Systeme Überlastung anzeigen.

Damit wurde die Differenz Plastisches Ich/Skulpturidentität zu einer zentralen Verbindung zwischen E2 und E3.


15. Vom Plastischen Ich zum Prüforganismus

Die jüngste Weiterentwicklung ist der Begriff Prüforganismus.

Der Organismus ist nicht bloß etwas, das von außen geprüft wird. Er prüft selbst fortwährend Bedingungen. Temperatur, Energieversorgung, Wasserhaushalt, Verletzung, Sauerstoffversorgung und Belastung werden reguliert.

Diese biologischen Vorgänge sind wissenschaftlich beschreibbar.

Prüforganismus als umfassender erkenntnistheoretischer Begriff ist dagegen eine Forschungskunsthypothese.

Seine Bedeutung liegt darin, den Organismus als Referenzsystem für Tätigkeitskonsequenzen zu begreifen.

Hunger, Durst, Schmerz, Erschöpfung oder Zusammenbruch sind nicht einfach „Störungen eines funktionierenden Menschen“. Sie können Rückmeldungen darüber sein, dass die Bedingungen oder Anforderungen nicht funktionieren.

Damit erhält die bisherige Forschung eine neue Zuspitzung: Der Mensch zerstört möglicherweise seine Existenzbedingungen nicht nur, weil ihm Informationen fehlen, sondern weil er die Rückmeldungen der organismischen und ökologischen Referenzsysteme immer wieder durch E3-Maßstäbe überschreiben kann.


16. Referenzsysteme: Die gegenwärtig wichtigste neue Verbindung

Mit dem Ermittlerbegriff entsteht deshalb erstmals ausdrücklich die Frage nach den Referenzsystemen.

Ein Referenzsystem ist der Zusammenhang, gegenüber dem geprüft wird, ob eine Behauptung oder Tätigkeit funktioniert.

Der menschliche Organismus kann ein solches Referenzsystem darstellen. Ebenso können Böden, Gewässer, Atmosphäre, ökologische Kreisläufe oder soziale Beziehungen Referenzbedingungen liefern.

Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Wirklichkeitstypen.

Geld ist ein reales gesellschaftliches Referenzsystem für Zahlungsfähigkeit.

Es ist aber kein biologisches Referenzsystem für Gesundheit.

Eigentumsrecht ist ein gesellschaftliches Referenzsystem für Verfügungsbefugnis.

Es ist aber kein ökologisches Referenzsystem für die Tragfähigkeit einer Nutzung.

Produktivität kann Ausstoß messen.

Sie misst damit noch nicht die Regenerationsfähigkeit der beanspruchten Systeme.

Damit entsteht eine wesentliche Weiterentwicklung der gesamten Forschung:

Nicht menschliche Maßstäbe sollen abgeschafft werden. Sie müssen an den Referenzsystemen rückgebunden werden, von denen menschliche Existenz tatsächlich abhängt.


17. Funktionieren: Korrektur eines zu engen Erfolgsbegriffs

Durch die Referenzsysteme verändert sich auch der Begriff des Funktionierens.

Früher konnte das handwerkliche Funktionieren relativ unmittelbar erscheinen: Ein Teil passt oder passt nicht. Eine Konstruktion hält oder bricht.

Bei komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen reicht diese Definition nicht mehr.

Ein Unternehmen kann wirtschaftlich funktionieren und gleichzeitig seine Arbeitskräfte gesundheitlich überfordern.

Eine Landwirtschaft kann kurzfristig hohe Erträge erzeugen und langfristig Bodenfruchtbarkeit verlieren.

Ein technisches System kann eine Aufgabe hervorragend erfüllen und dabei Ressourcen verbrauchen, deren Verlust andernorts Folgen erzeugt.

Funktionieren darf deshalb nicht mit unmittelbarer Zielerreichung gleichgesetzt werden.

Eine stärkere Definition lautet:

Eine Tätigkeit funktioniert umfassend nur, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt, ohne die notwendigen Bedingungen ihres eigenen Fortbestehens beziehungsweise die beanspruchten Abhängigkeitssysteme dauerhaft zu zerstören.

Damit wird Tragfähigkeit zu einem Funktionskriterium.

Es bleibt allerdings eine offene Forschungsfrage, wie dieses Kriterium operationalisiert wird. Unterschiedliche Systeme besitzen unterschiedliche Belastungs-, Regenerations- und Zeitskalen.


18. Symbolbildung: Die menschliche Erweiterung der Wirklichkeit

Ein weiterer großer Forschungsstrang betrifft die symbolische Wirklichkeit.

Menschen leben nicht nur in E1 und E2. Sie erzeugen Sprache, Geld, Eigentum, Religion, Recht, Rollen, Institutionen, Kunstwerte, Status und zahllose andere Bedeutungssysteme.

Eine frühere mögliche Verkürzung bestand darin, diese Systeme als bloße Illusion oder „unwirklich“ aufzufassen.

Diese Sicht wurde korrigiert.

Symbolische Konstruktionen sind real wirksam, aber anders wirklich als Steine, Organismen oder Temperatur.

Ein Geldbetrag besitzt keine Kalorien, kann aber darüber entscheiden, wer Nahrung erhält.

Eine Eigentumsgrenze besitzt möglicherweise keine materielle Barriere, kann aber entscheiden, wer einen Raum betreten darf.

Eine gesellschaftliche Rolle hat keine Masse, kann aber das Verhalten eines Menschen jahrzehntelang prägen.

Die Forschung fragt daher nicht mehr: „Ist das real oder nicht real?“

Sie fragt: Auf welche Weise ist etwas wirklich, und welche Tätigkeitskonsequenzen erzeugt diese Wirkungsweise?


19. Eigenschaftsbildung und hineingedachte Eigenschaften

Aus der Symbolforschung entwickelte sich die Untersuchung von Eigenschaften.

Was gehört einem Gegenstand stofflich zu?

Was entsteht nur in einer Relation?

Was wird durch gesellschaftliche Zuschreibung erzeugt?

Eine Kartoffel besitzt stoffliche, biologische und ernährungsbezogene Eigenschaften. Wird sie vergoldet oder mit einem besonderen Preis versehen, verändert sich ihre gesellschaftliche Bedeutung erheblich, ohne dass dadurch ihre grundlegende Nährstoffstruktur in gleicher Weise verändert werden muss.

Daraus entstand der Begriff der hineingedachten Eigenschaften.

Er bezeichnet gesellschaftlich, sprachlich oder symbolisch erzeugte Eigenschaften, die einem Gegenstand zugeschrieben werden.

Der Begriff muss allerdings sorgfältig verwendet werden. „Hineingedacht“ bedeutet nicht „wirkungslos“.

Gerade hineingedachte Eigenschaften können außerordentlich reale Folgen erzeugen.

Die Kartoffel-Trilogie und die weiß beziehungsweise vergoldete Idee gehören deshalb zu wichtigen Prüfobjekten dieses Forschungsbereichs.


20. Eigenschaft und Eigentum

Die Untersuchung von Eigenschaft führte zur Eigentumsgrammatik.

Sprachliche Ähnlichkeiten zwischen „eigen“, „Eigenschaft“ und „Eigentum“ wurden als Denkimpuls benutzt. Dabei ist methodisch wichtig, solche Wortbeziehungen nicht als historischen oder anthropologischen Beweis zu missbrauchen.

Die Forschungskunst verwendet sie als Begriffsöffnung.

Die entscheidende Frage lautet: Wie wird aus einer Beziehung zwischen Mensch und Gegenstand eine gesellschaftlich fixierte Verfügungszuschreibung?

Eigentum ist nicht deshalb unwirklich, weil es symbolisch und rechtlich konstruiert ist. Es ist gesellschaftlich hochwirksam.

Aber die Eigentumsordnung verändert nicht automatisch die Plexusbeziehungen des Gegenstandes.

Ein Wald kann jemandem gehören und zugleich Wasserhaushalt, Atmosphäre, Boden, Arten und benachbarte Lebensräume beeinflussen.

Damit werden Eigentumsgrammatik und Plexuswirklichkeit unmittelbar miteinander verbunden.


21. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

Die Forschung hat immer wieder Begriffe aus unterschiedlichen historischen Sprachwelten untersucht: technē, res, Plastik, Skulptur, Bild, Bildung, Darstellung, Eigenschaft, Eigentum.

Diese Untersuchungen sind besonders dann produktiv, wenn sie nicht als etymologische Beweisführung benutzt werden.

Ihre methodische Funktion besteht darin, sichtbar zu machen, dass Sprache bereits Denkoperationen organisiert.

Der Begriff technē wurde wichtig, weil er ein Denken erlaubt, in dem Können, Herstellen, Wissen, Übung und Gestaltung noch enger miteinander verbunden erscheinen als in heutigen disziplinären Trennungen.

Diese sprachgeschichtlichen Vergleiche führten zur Kritik an einer Welt, in der Kunst, Technik, Wissenschaft, Wirtschaft und Verantwortung weitgehend getrennte Disziplinräume bilden können.

Auch hier gilt jedoch: Aus einem antiken Wort lässt sich keine moderne Gesellschaftstheorie beweisen.

Der Sprachvergleich ist ein Prüf- und Assoziationsinstrument, kein historischer Beweisoperator.


22. Platon, Aristoteles, Christentum und Physik als Vergleichsfolien

Die neuere Folienarbeit hat diese begriffsgeschichtliche Untersuchung bildlich erweitert.

Platon, Aristoteles, christliche Leib-Seele-Vorstellungen und moderne physikalische Messmodelle wurden als verschiedene historische Ordnungen des Wirklichen gegenübergestellt.

Die Platon-Folie untersucht die mögliche Höherwertung unveränderlicher Formen oder Ideen gegenüber dem veränderlichen Körperlichen.

Die Aristoteles-Folie stellt Material, Form, Bewegung und Zielgerichtetheit stärker in einen Prozesszusammenhang.

Die christliche Folie untersucht eine mögliche Spannung zwischen Leib und Seele.

Die Physik-Folie zeigt Messgrößen wie Masse, Temperatur, Druck oder Kraft und fragt zugleich, was bei einer ausschließlich messenden Betrachtung eines Organismus ausgeblendet werden könnte.

Diese Folien sind keine vollständigen Darstellungen Platons, Aristoteles', des Christentums oder der Physik.

Sie sind künstlerische Vergleichsmodelle.

Damit entsteht eine wichtige methodische Regel:

Vergleichen bedeutet nicht gleichsetzen, und ein Prüfmodell ersetzt keine historische Fachanalyse.


23. Das Vier-Ebenen-Modell E1 bis E4

Das Vier-Ebenen-Modell ist inzwischen eine der wichtigsten Ordnungsleistungen der Forschung.

E1 bezeichnet die physikalisch-materielle Bedingungswelt: Stoffe, Kräfte, Temperatur, Druck, Energie und andere grundlegende Bedingungen.

E2 bezeichnet die lebendige Welt: Stoffwechsel, Regeneration, Verletzbarkeit, Wahrnehmung, organismische Selbstregulation und das Plastische Ich.

E3 bezeichnet die vom Menschen hervorgebrachten symbolischen, technischen und institutionellen Ordnungen: Sprache, Eigentum, Geld, Rollen, Recht, Technik, Institutionen, Weltbilder und gesellschaftliche Geltungen.

Die entscheidende Korrektur betrifft E4.

E4 ist keine vierte Wirklichkeitsschicht neben E1, E2 und E3. Es ist die transversale Prüffunktion, durch die E1, E2 und E3 miteinander verglichen, Rückmeldungen zurückgeführt, Fehler erkannt und Korrekturen ermöglicht werden.

Ebenso wichtig ist die Festlegung, dass Tätigkeit keine fünfte Ebene bildet. Tätigkeit ist die Übergangsoperation. Durch Tätigkeit greifen E3-Vorstellungen beispielsweise in E1 und E2 ein und erzeugen Konsequenzen.

Diese Präzisierung schützt das Modell vor einer unnötigen Ontologisierung.


24. Die Funktion von E4

E4 ist wahrscheinlich der methodische Kern der heutigen Forschungskunst.

E4 fragt nicht einfach, was ein Mensch denkt.

Es fragt: Was geschieht, wenn diese Vorstellung tätig umgesetzt wird?

Welche Konsequenzen treten in E1, E2 und E3 auf?

Welche Referenzsysteme melden Funktionieren oder Nichtfunktionieren?

Wird diese Rückmeldung aufgenommen?

Kann die vorausgegangene Vorstellung revidiert werden?

Damit ist E4 kein abgeschlossenes Wissensgebiet.

E4 ist Prüfen, Rückbinden, Revidieren und Reparieren.

Die Globale Schwarm-Intelligenz, das Mitmachbuch, die Foliengrammatik und das So-Heits-Atelier sind deshalb keine weiteren Ebenen neben E4. Sie sind mögliche Medien, durch die E4 praktisch stattfinden kann.


25. 51:49: Von der frühen Intuition zum Korrekturmodell

Das 51:49-Modell besitzt eine besondere Stellung, weil seine frühe Intuition biografisch bis in die 1970er Jahre zurückgeführt wird.

Seine heutige theoretische Bedeutung darf jedoch nicht rückwirkend vollständig in diese frühe Erfahrung hineingelesen werden.

51:49 ist kein wissenschaftlich nachgewiesenes Naturgesetz.

Es ist eine heuristische Grundfigur der Forschungskunst.

51 bezeichnet die minimale Möglichkeit, eine Entscheidung zu treffen oder eine Richtung einzuschlagen.

49 hält den Gegenanteil sichtbar.

Dadurch verhindert das Modell die Vorstellung absoluter Gewissheit.

Die spätere Gegenüberstellung mit 50:50 und 1:99 ist ebenfalls modellhaft. 50:50 steht im Forschungssystem für die Gefahr einer symmetrischen Blockierung oder dualistischen Verfestigung. 1:99 steht für extreme Verfügungskonzentration und Herrschaft.

Diese Zahlen dürfen nicht als universelle empirische Verhältnisse ausgegeben werden.

Ihre Funktion ist bildnerisch und diagnostisch.


26. Differenzialprinzip und dreifaches Optimum

Aus 51:49 entstand das allgemeinere Differenzialprinzip.

Die zentrale Idee lautet: Erkenntnis, Bewegung und Korrektur benötigen Differenzen.

Ohne Unterschied gibt es nichts zu vergleichen.

Das Differenzialprinzip verbindet damit Gegenüberstellung, Lernen, 51:49 und Rückkopplung.

Das später entwickelte dreifache Optimum versucht, Medium, Organismus und Prüfung miteinander zu verbinden. Ein Medium besitzt Funktionsbereiche. Ein Organismus besitzt Belastungs- und Regulationsbereiche. Und eine Prüfung benötigt eine ausreichend erkennbare Differenz.

Hier besteht weiterhin begrifflicher Klärungsbedarf.

51:49, Differenzialprinzip und dreifaches Optimum dürfen nicht drei nahezu gleichbedeutende Begriffe bleiben.

Eine sinnvolle Hierarchie wäre: Das Differenzialprinzip ist die allgemeine methodische Aussage. 51:49 ist seine anschauliche Korrekturfigur. Das dreifache Optimum wäre eine konkrete Funktionsanwendung.


27. Begriffshandwerk

Mit dem starken Wachstum der Forschung entstand ein neues Problem: Nicht nur Wirklichkeit musste geprüft werden, sondern die eigenen Begriffe.

Daraus entwickelte sich das Begriffshandwerk.

Ein Begriff wird wie ein Werkzeug behandelt.

Er benötigt einen bestimmten Anwendungsbereich.

Er muss von benachbarten Begriffen unterscheidbar bleiben.

Er darf nicht so stark ausgeweitet werden, dass alles unter ihn fällt.

Er muss verworfen, korrigiert oder eingeschränkt werden können.

Damit kehrt die Erfahrung des handwerklichen Prüfens auf einer höheren Ebene zurück.

Aus dem Maschinenschlosser, der Passungen und Toleranzen prüft, wird der Künstler, der Begriffe auf ihre Passfähigkeit gegenüber Wirklichkeit prüft.

Das ist keine historische Identität, sondern eine überzeugende heutige Verbindung der Werkbiografie.


28. Referenzsystem, Prüfanker und Prüfoperator

In diesem Bereich besteht noch eine wichtige begriffliche Bereinigung.

Referenzsystem sollte den wirklichen Zusammenhang bezeichnen, gegenüber dem geprüft wird. Das kann beispielsweise der menschliche Organismus, ein Boden, ein Gewässer oder eine soziale Beziehung sein.

Prüfanker sollte den ausgewählten stabilen Bezug innerhalb einer Untersuchung bezeichnen. Er verhindert, dass die Untersuchung während des Denkens unbemerkt ihren Maßstab wechselt.

Prüfoperator sollte die konkrete Vergleichshandlung bezeichnen.

Damit würde beispielsweise der menschliche Organismus als Referenzsystem dienen. Seine Regenerationsfähigkeit könnte zum Prüfanker werden. Der Vergleich zwischen Belastung und Regeneration wäre der Prüfoperator.

Diese Dreiteilung ist für die nächste Entwicklungsphase besonders wichtig, weil sie aus allgemeinen Begriffen ein tatsächlich benutzbares Prüfverfahren machen könnte.


29. Künstlerische Prüfobjekte

Die Kunstwerke verändern innerhalb dieser Entwicklung ihren Status.

Sie sind nicht lediglich Darstellungen einer bereits vorhandenen Theorie.

Sie sind Gegenüber und Prüfobjekte.

Das Wellenbecken untersucht Form und Medium.

Deich- und Strömungsmodelle untersuchen Grenze, Belastung, Durchlässigkeit und Folgen.

Die Kartoffelarbeiten untersuchen Material, Nahrung, gesellschaftliche Bewertung und symbolische Aufladung.

Der gläserne Astronaut untersucht die scheinbare Autonomie eines Menschen, dessen Existenz gerade in extremer Weise von künstlich erzeugten Atmosphären-, Temperatur- und Druckbedingungen abhängt.

Die Schultafeln untersuchen Vorgabe, Einschreibung, Lernen, Autorität und Löschbarkeit.

Frage-und-Antwort-Tische untersuchen Gegenüberstellung und Beteiligung.

Vorgabebilder, Malbücher, Krickel-Krakel und der rote Punkt untersuchen, wie geringfügige Vorgaben Wahrnehmung und Tätigkeit strukturieren.

Der Gordische Knoten kann heute als Gegenüber für die Frage fungieren, ob Verflechtungen verstanden oder nur durchschnitten werden. Diese heutige Interpretation darf allerdings nicht ohne historischen Beleg zur ursprünglichen Werkintention erklärt werden.

Tanglandschaft, Totentanz, Schöpfungs- und Archearbeiten erweitern die Untersuchung um Natur-, Lebens-, Endlichkeits- und Zivilisationsfragen.

Das Entscheidende ist: Keines dieser Werke beweist die Theorie. Die Werke erzeugen Situationen, in denen Unterschiede wahrnehmbar und prüfbar werden.


30. Das künstlerische Dreieck

Eine besonders klare neuere Verdichtung ist das künstlerische Dreieck aus Vorstellung, Händen beziehungsweise Tätigkeit und entstehender Plastik.

Im Kopf entsteht ein Modell.

Die Hände übertragen dieses Modell in Tätigkeit.

Das Material antwortet.

Die entstehende Plastik entspricht der Vorstellung teilweise und widerspricht ihr teilweise.

Aus genau dieser Differenz kann Lernen entstehen.

Das Modell macht sichtbar, dass Kunst nicht nur Hervorbringen ist.

Sie ist ein fortlaufender Vergleich zwischen innerem Modell und äußerer Tätigkeitskonsequenz.

Hier entsteht eine direkte Verbindung zwischen klassischer plastischer Erfahrung und E4.


31. Folien und Schablonen: Vom Begriff zur sichtbaren Prüfoperation

Die Folienarbeit des Sommers 2026 bildet eine neue methodische Phase.

Transparente Folien besitzen eine besondere Eignung für die Forschung, weil jede Folie einen Ausschnitt herstellt und dennoch mit anderen Folien überlagert werden kann.

Das ist nahezu eine materielle Umsetzung der Plexusproblematik.

Eine physikalische Folie kann beispielsweise Kräfte und Material zeigen.

Eine organismische Folie kann den lebenden Menschen hinzufügen.

Eine E3-Folie kann Eigentum, Geld, Rolle oder gesellschaftliche Zuschreibung sichtbar machen.

Eine E4-Folie kann die Beziehung dieser Ausschnitte prüfen.

Die Folie akzeptiert also zunächst den Schnitt. Die Überlagerung verhindert, dass der Schnitt für das Ganze gehalten wird.

Damit wird die Folienmethode zu einem praktischen Gegenoperator des Lochprozesses.


32. Die Plexus-Foliengrammatik

Aus einzelnen Bildern entwickelt sich inzwischen eine Plexus-Foliengrammatik.

Ihre Grundoperation besteht nicht darin, immer neue Inhalte hinzuzufügen. Sie besteht darin, Schichten zu isolieren, zu überlagern, auszutauschen und rückzubeziehen.

Der Mensch mit Spaten macht Tätigkeit und Tätigkeitskonsequenz sichtbar.

Die Frau mit der Aussage „Ich bin frei“ kann mit organismischen, gesellschaftlichen und planetarischen Abhängigkeiten überlagert werden.

Die Thermosflasche untersucht Isolation.

Der Astronautenanzug macht technisch aufrechterhaltene Abhängigkeit sichtbar.

Der Sandtrichter untersucht Druck, Verschüttung und unterschiedliche Schutzbedingungen.

Die Saftpresse kann Ressourcenentnahme und Umwertung darstellen.

Molekulare Verknüpfungsfolien und Durchdringungslinien machen sichtbar, dass die scheinbare Körpergrenze keine absolute Abtrennung vom Wirklichkeitszusammenhang bedeutet.

Die entscheidende offene Frage lautet hier inzwischen nicht mehr: Welche weitere Folie könnte noch entstehen?

Sie lautet: Welche wenigen Grundoperatoren reichen aus, um möglichst viele unterschiedliche Fälle prüfen zu können?

Eine Reduktion wäre hier vermutlich stärker als eine weitere Vermehrung.


33. Vom Malbuch zum Mitmachbuch

Das heutige Mitmachbuch besitzt eine deutlich längere Werkgeschichte als seine digitale Form.

Die frühen Erwachsenen- und Beteiligungsmalbücher arbeiteten bereits mit vorgegebenen Strukturen, die durch andere Menschen ergänzt wurden.

Damit war das Werk nicht vollständig abgeschlossen, bevor jemand anderes tätig wurde.

Diese Logik setzt sich in Vorgabebildern, Fragen, Schultafeln und Beteiligungsformaten fort.

Das heutige Mitmachbuch erweitert diese Beteiligungsstruktur um die E1–E4-Prüfgrammatik.

Kartoffel, Wiese oder Schultafel können als einfache Gegenstände dienen. Der Teilnehmer soll nicht nur assoziieren, sondern beobachten, welche materiellen, organismischen, symbolischen und prüfenden Beziehungen auftreten.

Damit verändert sich das Ziel.

Vom Mitmachen geht es zum Ermitteln.

Das Mitmachbuch wird damit zum individuellen Lernweg der Forschungskunst.


34. Tausend Tische: Der analoge Vorläufer der Schwarmarchitektur

Die 1000 Tapeziertische von 1993 bilden einen entscheidenden Übergang von einzelnen Beteiligungsarbeiten zu einer vervielfachten Öffentlichkeit.

Der Tisch ist dabei selbst methodisch interessant. Er ist kein monumentaler Sockel und kein zentralisiertes Podium. Er ist einfach, wiederholbar, horizontal und beweglich.

Viele Menschen können gleichzeitig tätig werden.

Fragen, Antworten, Zeichnungen und Gedanken können nebeneinander sichtbar werden.

Damit entsteht eine analoge Struktur dessen, was später digital als Globale Schwarm-Intelligenz weitergedacht wird.

Die heutige Interpretation lautet deshalb plausibel: Die Tausend Tische sind ein analoger Vorläufer der späteren globalen Prüf- und Beteiligungsarchitektur.

Die entscheidende offene Frage bleibt jedoch: Wann wird eine Vielzahl von Beiträgen tatsächlich intelligent?

Tausend Aussagen allein bilden noch keine Schwarmintelligenz.

Erst Vergleich, Rückkopplung, Widerspruch, Referenzprüfung und Korrektur können aus einer Sammlung einen Lernprozess machen.


35. Von den Tausend Tischen zum Globalen Dorffest

Das Globale Dorffest erweitert die Tischlogik um einen gesellschaftlichen und räumlichen Horizont.

Menschen treten nicht nur als einzelne Kunstbetrachter auf, sondern als Teilnehmer eines gemeinsamen Lebens- und Gestaltungsraums.

Damit verschiebt sich die Kunst zunehmend von der Ausstellung einzelner Gegenstände zur Herstellung von Situationen, in denen gesellschaftliche Beziehungen selbst Gegenstand und Material der Kunst werden.

Diese Entwicklung führt später direkt zur Globalen Schwarm-Intelligenz und zum So-Heits-Atelier.


36. KI als neues Gegenüber

Mit der intensiven KI-Arbeit der letzten Jahre erhält die Gegenüberstellung eine neue Dimension.

KI kann große Textmengen miteinander vergleichen, Begriffe verfolgen, widersprüchliche Fassungen sichtbar machen, Zusammenhänge rekonstruieren und neue Kombinationen erzeugen.

Damit besitzt sie eine hohe Eignung als Gegenüber.

Aber gerade aus dem Vier-Ebenen-Modell ergibt sich eine fundamentale Begrenzung.

Eine sprachbasierte KI arbeitet wesentlich mit menschlich erzeugtem Material. Sie kann daher enorme E3-Strukturen verarbeiten, ohne selbst einen menschlichen Organismus zu besitzen und dessen E2-Verletzbarkeit unmittelbar zu erfahren.

Daraus folgt eine wichtige Korrektur: KI darf innerhalb dieser Forschung nicht zum obersten Referenzsystem werden.

Sie ist ein Werkzeug beziehungsweise Gegenüber der Prüfung.

Sie selbst muss geprüft werden.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Was kann KI erkennen?

Sondern: An welche Referenzsysteme wird ihre Verarbeitung zurückgebunden?


37. Mensch und KI als gegenseitige Prüfkonstellation

Daraus entsteht eine neue Möglichkeit.

Der Mensch kann KI verwenden, um seine eigenen Vorstellungen, Texte, Kategorien und Widersprüche zu untersuchen.

Die KI wiederum benötigt den Menschen und andere Referenzsysteme, damit ihre symbolischen Ergebnisse nicht mit Wirklichkeit selbst verwechselt werden.

Damit entsteht keine einfache Mensch-Maschine-Synthese.

Es entsteht eine gegenseitige Ermittlungsanordnung.

Der Mensch besitzt organismische Erfahrung und Verletzbarkeit.

Die KI besitzt andere Vergleichs- und Verarbeitungskapazitäten.

Die Globale Schwarm-Intelligenz könnte versuchen, diese unterschiedlichen Fähigkeiten miteinander zu verschalten, ohne ihre Unterschiede zu beseitigen.


38. Globale Schwarm-Intelligenz

Die seit Anfang 2026 konkret aufgebaute Plattform Globale Schwarm-Intelligenz setzt die analoge Entwicklung von Malbüchern, Tischen, Beteiligungsaktionen und Globalem Dorffest digital fort.

Die Plattform wurde inzwischen als öffentlicher Simulator gedacht, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von KI trainiert und geprüft werden kann.

Das ist eine Zielprojektion der Forschungskunst und keine bereits empirisch nachgewiesene Eigenschaft der Plattform.

Ihre methodische Aufgabe wäre wesentlich anspruchsvoller als bloße Informationssammlung.

Teilnehmer müssten Behauptungen eingeben können.

Andere müssten diese Behauptungen prüfen können.

Tätigkeitskonsequenzen müssten verfolgt werden.

Referenzsysteme müssten sichtbar werden.

KI könnte Vergleiche unterstützen.

Ergebnisse müssten revidierbar bleiben.

Damit wäre die Globale Schwarm-Intelligenz die digitale Ausweitung von E4.


39. So-Heits-Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft entstand aus der Frage, welche gesellschaftliche Projektion aus dem plastischen und prüfenden Prinzip folgt.

Sie ist kein fertig ausgearbeitetes Staats- oder Wirtschaftsmodell.

Der Begriff beschreibt eher eine gesellschaftliche Haltung beziehungsweise Verfahrensform.

„So-Heit“ bedeutet dabei nicht: Es ist eben so, deshalb muss es akzeptiert werden.

Es bedeutet vielmehr: Zunächst muss untersucht werden, wie etwas tatsächlich wirkt, wovon es abhängt und welche Konsequenzen es hervorbringt, bevor die menschliche Zuschreibung zum alleinigen Maßstab gemacht wird.

Die So-Heits-Gesellschaft wäre deshalb eine Gesellschaft, die ihre Institutionen, Eigentumsformen, Technologien, Rollen und Werte als Menschenwerk erkennt.

Was Menschen gemacht haben, kann prinzipiell verändert werden.

Damit steht So-Heit unmittelbar mit Plastik gegen Skulpturalisierung.


40. Das So-Heits-Atelier

Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes übersetzt diese gesellschaftliche Projektion in einen konkreten künstlerischen Raum.

Für documenta 16 entwickelte sich daraus das Konzept einer öffentlichen Überzeugungsprüfung.

Das Atelier soll deshalb kein klassischer Raum sein, in dem ein fertiges Lebenswerk ausschließlich präsentiert wird.

Die Werke werden zu Prüfstationen.

Besucher bewegen sich durch unterschiedliche Modelle und erfahren, dass ihre eigenen Zuschreibungen und Vorstellungen Teil der Untersuchung werden.

Kauf- und Verkaufswelt, Kartoffel, Gold, Eigentum, Stuhl, Schultafel, Astronaut, 24-Stunden-Uhr, Folien, Vorgabebilder und Mitmachbuch können dabei miteinander verbunden werden.

Der Besucher soll nicht nur gefragt werden: „Was denken Sie?“

Die stärkere Frage lautet:

Woran prüfen Sie, ob das, was Sie denken und tun, funktioniert?

Damit wird das So-Heits-Atelier zur räumlichen Umsetzung des Ermittlerprinzips.


41. Memento mori und Lebenswerk-Topografie

Die spätere Idee des Memento mori fügt dem Atelier eine biografische Zeitdimension hinzu.

Das Archiv mit hunderten Werken, tausenden Bildern, Tagebüchern, Aktionen, Bewerbungen und Dokumenten wird nicht nur retrospektive Sammlung.

Es wird zur Spur eines jahrzehntelangen Ermittlungsprozesses.

Gerade die wiederholten documenta-Bewerbungen erhalten dadurch eine besondere Stellung. Sie zeigen nicht bloß institutionelle Bewerbungsgeschichte, sondern eine wiederkehrende Suche nach einem öffentlichen Ort, an dem diese Forschung gesellschaftlich geprüft werden kann.

Die gegenwärtige documenta-16-Projektion ist damit kein völlig neues Projekt neben dem Lebenswerk.

Sie versucht, das Lebenswerk selbst in eine öffentliche Forschungsumgebung umzuwandeln.


42. Der Feuerkäfig: Verdichtung der Zivilisationsfrage

Das jüngste Bild des Feuerkäfigs verdichtet die Ausgangsfrage noch einmal.

Der Mensch befindet sich in einem Käfig.

Im Käfig brennt Feuer.

Die Tür steht offen.

Trotzdem verlässt der Mensch den Käfig nicht.

Dieses Bild ist keine wissenschaftliche Erklärung menschlichen Verhaltens.

Es ist ein künstlerisches Prüfobjekt.

Es fragt, welche unsichtbaren Bindungen stärker sein können als die Wahrnehmung einer sichtbaren Gefahr.

Status, Rolle, Eigentum, Gewohnheit, Belohnung, 50:50-Verfestigung oder 1:99-Hierarchisierung können als mögliche Folien darübergelegt werden.

Der offene Ausgang ist dabei entscheidend.

Die Existenz einer Alternative garantiert noch nicht, dass sie erkannt oder benutzt wird.

Damit verbindet der Feuerkäfig Selbstzerstörungsfrage, Skulpturidentität, Lochprozess, Referenzsysteme und Tätigkeitskonsequenzen.


43. Die 24-Stunden-Uhr als Kalibrierung

Die 24-Stunden-Uhr entstand als Versuch, menschliche Geschichte gegenüber planetarischer Zeit zu kalibrieren.

Die lange Erdgeschichte wird auf einen Tag übertragen. Homo sapiens erscheint erst in den letzten Sekunden; Industrialisierung und Great Acceleration in winzigen Bruchteilen davon.

Die konkreten Zahlen hängen von den jeweils zugrunde gelegten wissenschaftlichen Datierungen ab und müssen deshalb immer wieder überprüft werden.

Die Uhr ist kein wissenschaftlicher Beweisoperator.

Sie ist eine didaktische Kalibrierung.

Sie macht sichtbar, dass ein biologisch sehr lange entstandener Organismus in extrem kurzer Zeit eine technisch-symbolische Welt erzeugt hat, deren Eingriffstiefe inzwischen planetarische Prozesse erreicht.

Daraus entwickelte sich das Bild des Millisekunden-Menschen.

Auch dieser Ausdruck ist eine Forschungskunstverdichtung, keine biologische Kategorie.


44. Von der Disziplinenkritik zur Integrationsfrage

Im jüngeren Forschungsstand verschärft sich auch die Kritik an jahrtausendelangen Disziplinlogiken.

Die Forschungskunst beschreibt die moderne Zivilisation zunehmend als eine Welt, in der Erkenntnisbereiche in getrennte Zuständigkeiten zerfallen können.

Physik untersucht bestimmte Eigenschaften.

Biologie andere.

Psychologie andere.

Ökonomie andere.

Recht wiederum andere.

Diese Differenzierung ist wissenschaftlich notwendig und außerordentlich leistungsfähig.

Das Problem beginnt auch hier nicht beim Schnitt.

Es beginnt beim fehlenden Rückbezug zwischen den Schnitten.

Die Forschungskunst ist deshalb nicht primär gegen Disziplinen gerichtet.

Ihre eigentliche Funktion ist integrativ: Die getrennt gewonnenen Erkenntnisse müssen wieder in einen gemeinsamen Tätigkeits- und Konsequenzzusammenhang gebracht werden.

Plexuswirklichkeit und E4 versuchen genau dies.


45. Von interdisziplinär zu integrativ

Daraus entwickelte sich eine weitere begriffliche Differenzierung.

„Interdisziplinär“ kann bedeuten, dass mehrere bereits getrennte Disziplinen miteinander kommunizieren.

Die Forschungskunst versucht darüber hinaus, existenzielle Funktionsteile aus verschiedenen Wissensfeldern so zusammenzuführen, dass neue Sachzusammenhänge prüfbar werden.

Deshalb erscheint „integrativ“ teilweise genauer.

Auch hier darf aber kein falscher Gegensatz entstehen.

Die Forschungskunst benötigt wissenschaftliche Disziplinen gerade deshalb, weil diese hochentwickelte Teilkenntnisse bereitstellen.

Sie kritisiert nicht die Spezialisierung selbst, sondern die Vorstellung, spezialisierte Teilerkenntnis könne ohne Rückkopplung den Gesamtzusammenhang ersetzen.


46. Von der Plastischen Anthropologie zur Forschungskunst

Eine wichtige begriffliche Hierarchisierung ist inzwischen möglich.

Die Forschungskunst ist das übergeordnete Verfahren.

Die Plastische Anthropologie ist ein Teilmodell innerhalb dieses Verfahrens. Sie untersucht den Menschen als plastisches, organismisches, symbolbildendes und zugleich zur Skulpturalisierung fähiges Wesen.

Die Trag- und Plexuswirklichkeit beschreiben den Bezugsraum.

Das Vier-Ebenen-Modell ordnet unterschiedliche Wirkungsweisen.

Das 51:49-Differenzialprinzip hält Entscheidungen korrigierbar.

Die Prüfobjekte erzeugen Gegenüberstellungen.

Die Foliengrammatik visualisiert Beziehungen.

Das Mitmachbuch organisiert individuellen Lernvollzug.

Die Globale Schwarm-Intelligenz erweitert ihn digital.

Das So-Heits-Atelier übersetzt ihn in einen öffentlichen Raum.

Die So-Heits-Gesellschaft bildet die gesellschaftliche Zielprojektion.

Diese Hierarchie ist wesentlich klarer, als alle Begriffe nebeneinander als gleichrangige Theoriebausteine zu behandeln.


47. Der Mensch als Ermittler seiner eigenen Existenz

Die jüngste Formulierung könnte nun zur stärksten methodischen Klammer des Gesamtwerks werden.

Ein Ermittler akzeptiert eine Behauptung nicht automatisch.

Er sucht Spuren.

Er fragt nach fehlenden Verbindungen.

Er rekonstruiert Abläufe.

Er vergleicht Aussagen mit Folgen.

Er prüft Maßstäbe.

Er unterscheidet Beobachtung und Interpretation.

Er hält Ergebnisse grundsätzlich korrigierbar.

Genau diese Operationen sind im Forschungsweg längst vorhanden.

Dingselektion untersucht den Ausschnitt.

Lochprozess sucht die verschwundene Beziehung.

Gegenüberstellung erzeugt Vergleichbarkeit.

Tätigkeitskonsequenz verfolgt Wirkung.

Referenzsysteme liefern Maßstäbe.

E4 führt zurück.

51:49 verhindert totale Gewissheit.

Folien machen Abhängigkeiten sichtbar.

Mitmachbuch und Atelier übertragen die Operation auf andere Menschen.

KI erweitert Vergleich und Rekonstruktion.

Die Ermittlerfigur fügt diesen Bestandteilen also keinen fremden Gedanken hinzu.

Sie ordnet sie zu einem Verfahren.


48. Ermitteln heißt auch die eigenen Ermittlungsinstrumente prüfen

Der Ermittler darf allerdings nicht zum neuen allwissenden Beobachter werden.

Auch er arbeitet mit Ausschnitten.

Auch er benutzt Sprache.

Auch er verfügt nur über begrenztes Wissen.

Auch seine Messinstrumente und Modelle erzeugen Selektionen.

Deshalb muss die Forschung reflexiv bleiben.

Der Mensch untersucht nicht nur die Welt.

Er untersucht seine eigenen Instrumente der Weltuntersuchung.

Damit wird Begriffshandwerk zu einem integralen Bestandteil des Ermittlerprinzips.

Auch Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, E1–E4 und 51:49 müssen selbst Gegenstände fortlaufender Prüfung bleiben.


49. Die neue zentrale Frage nach den Maßstäben

Hier liegt der gegenwärtig wichtigste neue Forschungsschritt.

Wenn der Mensch zum Ermittler wird, benötigt er Kriterien.

Die Frage lautet dann nicht mehr nur:

„Welche Folgen hat meine Tätigkeit?“

Sondern:

„An welchem Referenzsystem entscheide ich, ob diese Folgen tragbar sind?“

Bei einem Organismus können beispielsweise Verletzung, Stoffwechsel, Regeneration oder Belastbarkeit untersucht werden.

Bei einem Boden gelten andere Referenzgrößen.

Bei einem sozialen Verhältnis wiederum andere.

Dadurch wird sichtbar, dass „Funktionieren“ nicht ein einziger universeller Wert ist.

Es muss immer gefragt werden:

Was soll funktionieren?

Für wen?

In welchem Zeitraum?

Unter welchen Abhängigkeiten?

Welche Belastungen entstehen?

Wer trägt sie?

Können sie regeneriert oder repariert werden?

Die Ausarbeitung dieser Referenzgrammatik ist derzeit eine der größten offenen Aufgaben.


50. Fehlende Verbindung: Konflikte zwischen Referenzsystemen

Noch schwieriger wird die Forschung dort, wo Referenzsysteme nicht dieselbe Richtung anzeigen.

Eine Maßnahme kann organismisch hilfreich und ökologisch problematisch sein.

Eine ökologische Schutzmaßnahme kann kurzfristig soziale Belastungen erzeugen.

Eine technische Entwicklung kann medizinischen Nutzen bringen und zugleich hohen Ressourcenverbrauch verursachen.

Es gibt daher nicht immer eine einzige einfache Antwort der „Tragwirklichkeit“.

Die Forschung benötigt eine Konfliktgrammatik der Referenzsysteme.

Sie müsste unterscheiden können zwischen unverzichtbaren Bedingungen, ersetzbaren Mitteln, kurzfristigen Belastungen, langfristigen Schäden, reversiblen und irreversiblen Folgen sowie zwischen selbst getragenen und ausgelagerten Konsequenzen.

Das ist bisher noch nicht ausreichend ausgearbeitet.


51. Fehlende Verbindung: Zeit

Die zweite große Lücke betrifft die Zeit.

Ein Vorgang kann kurzfristig hervorragend funktionieren und langfristig seine eigene Grundlage zerstören.

Damit reicht die unmittelbare Rückmeldung nicht immer.

Die 24-Stunden-Uhr macht unterschiedliche Zeitskalen anschaulich, aber sie ist noch kein allgemeiner Zeitoperator.

Ein zukünftiger Prüfanker müsste deshalb mindestens zwischen unmittelbarer Wirkung und später Rückwirkung unterscheiden.

Gerade für die Ausgangsfrage nach der Zerstörung eigener Existenzbedingungen ist dies entscheidend.

Nutzen und Schaden können zeitlich weit auseinanderliegen.

Der Handelnde erhält eine Belohnung heute.

Die Konsequenz tritt Jahrzehnte später auf.

Damit wird Rückkopplung schwieriger.


52. Fehlende Verbindung: Verteilung der Tätigkeitskonsequenzen

Eine dritte noch unzureichend ausgearbeitete Dimension betrifft die Verteilung.

Derjenige, der eine Tätigkeit ausführt oder von ihr profitiert, trägt nicht notwendig ihre Konsequenzen.

Gewinne können lokal entstehen, Schäden anderswo.

Nutzen kann gegenwärtig entstehen, Belastung zukünftige Menschen treffen.

Eine gesellschaftliche Gruppe kann Vorteile erhalten, während andere die Kosten tragen.

Damit reicht die Frage „Funktioniert es?“ nicht.

Sie muss ergänzt werden durch:

Für wen funktioniert es, und wer trägt die Tätigkeitskonsequenzen?

Hier treffen 1:99-Modell, Eigentumsgrammatik, Abhängigkeitswelten und Referenzsysteme unmittelbar aufeinander.


53. Fehlende Verbindung: Vom Erkennen zur Verhaltensänderung

Die älteste Frage bleibt zugleich die offenste.

Menschen können wissen, dass etwas schädlich ist, und dennoch weitermachen.

Die Forschungskunst hat deshalb immer wieder versucht, bloße Information zu überschreiten.

Malbuch, Aktion, Vorgabebild, Tisch, Mitmachbuch, Folien und Atelier verlangen Tätigkeit.

Der Mensch soll nicht nur eine Erklärung hören.

Er soll selbst etwas gegenüberstellen und erfahren.

Ob diese Erfahrung jedoch dauerhaft sein Verhalten verändert, ist eine empirische Frage.

Hier könnte das So-Heits-Atelier einen entscheidenden nächsten Schritt machen, indem nicht nur Besucherreaktionen während einer Ausstellung untersucht werden, sondern auch spätere Rückwirkungen und tatsächliche Korrekturen.

Damit würde sich die Forschungskunst selbst prüfen.


54. Doppelungen und notwendige begriffliche Bereinigungen

Der gegenwärtige Forschungsorganismus ist begrifflich außerordentlich reich. Gerade darin liegt inzwischen seine größte Gefahr.

Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit sollten klar getrennt bleiben: Existenzbedingung einerseits, Beziehungsstruktur andererseits.

Plastisches Ich und Prüforganismus sollten nicht synonym werden. Plastisches Ich bezeichnet die organismisch veränderliche Existenzweise; Prüforganismus bezeichnet ihre Rückmelde- und Kontrollfunktion.

Symbolisierung und Skulpturalisierung müssen auseinandergehalten werden. Symbolisierung ist notwendig. Skulpturalisierung bezeichnet die problematische Verfestigung einer erzeugten symbolischen Form.

Lücke, Distanz, Membran und Lochprozess sollten jeweils eigene Funktionen behalten. Lücke ist offenes Nichtwissen beziehungsweise Differenz. Distanz ermöglicht Gegenüberstellung. Membran reguliert Austausch. Lochprozess bezeichnet verlorene Rückbindung.

Referenzsystem, Prüfanker und Prüfoperator benötigen die bereits beschriebene hierarchische Trennung.

51:49, Differenzialprinzip und dreifaches Optimum müssen ebenfalls gestuft werden.

Forschungskunst und Plastische Anthropologie dürfen nicht gleichrangig verwendet werden. Forschungskunst ist das Verfahren, Plastische Anthropologie ein daraus hervorgegangenes Menschenmodell.

E4, So-Heits-Atelier, Mitmachbuch und Globale Schwarm-Intelligenz sind ebenfalls nicht gleichartig. E4 ist Funktion; die anderen sind Medien ihrer möglichen Realisierung.


55. Begriffe, die vor Überdehnung geschützt werden müssen

Auch mehrere starke Begriffe benötigen Grenzen.

Der Lochprozess darf nicht jedes Wissensproblem erklären.

Plexuswirklichkeit darf nicht zur Behauptung werden, alles sei unterschiedslos mit allem verbunden.

51:49 darf nicht als Naturkonstante auftreten.

50:50 darf nicht jedes Gleichgewicht als falsch erscheinen lassen.

1:99 darf nicht jede Machtbeziehung erklären.

Skulpturidentität darf nicht jede Form persönlicher Stabilität pathologisieren.

So-Heit darf nicht bedeuten, dass der Mensch über einen unmittelbaren, interpretationsfreien Zugang zur Wirklichkeit verfüge.

Prüforganismus darf nicht so verstanden werden, als könne jede subjektive Empfindung unmittelbar als objektives Funktionsurteil gelten.

Gerade diese Begrenzungen erhöhen die wissenschaftliche Anschlussfähigkeit der Forschung.


56. Historisch und wissenschaftlich belegbar – Forschungskunsthypothese

Die Forschung benötigt künftig eine konsequente Kennzeichnung unterschiedlicher Aussagearten.

Historisch belegbar sind dokumentierte Werke, Datierungen, Ausstellungen, Bewerbungen, Ausbildungsstationen, Publikationen und Aktionen.

Wissenschaftlich belegbar beziehungsweise wissenschaftlich untersuchbar sind beispielsweise physikalische Belastungsbedingungen, organismische Regulation, Stoffwechsel, ökologische Abhängigkeiten, Regeneration, Wahrnehmungsbegrenzungen und gesellschaftliche Wirkungen von Symbolsystemen.

Rückblickende Werkinterpretationen sind Aussagen darüber, wie ältere Arbeiten heute innerhalb des Gesamtwerks verstanden werden.

Forschungskunsthypothesen sind Modelle wie 51:49, Lochprozess, Skulpturidentität, Plastisches Ich, So-Heits-Gesellschaft, Plexuswirklichkeit oder Prüforganismus in ihrer erweiterten Bedeutung.

Diese Ebenen dürfen miteinander arbeiten.

Sie dürfen aber nicht miteinander verwechselt werden.

Gerade darin könnte künftig ein Qualitätsmerkmal der Forschungskunst liegen.


57. Die Gesamtarchitektur

In der derzeit klarsten Fassung beginnt die Forschung bei einer Tragwirklichkeit, innerhalb deren alle menschliche Existenz stattfindet.

Diese Tragbedingungen bestehen nicht isoliert, sondern als Plexuswirklichkeit wechselseitiger Beziehungen.

Innerhalb dieser Wirklichkeit entsteht der lebende Organismus. Er reguliert sich, besitzt Abhängigkeiten, ist verletzbar und reagiert auf Belastungen. Hier liegt E2 und damit das Plastische Ich beziehungsweise seine Funktion als Prüforganismus.

Der Mensch erzeugt darüber hinaus eine außerordentlich mächtige E3-Welt aus Sprache, Symbolen, Technik, Eigentum, Recht, Geld, Rollen, Institutionen, Identitäten und Weltbildern.

Um handlungsfähig zu werden, nimmt er Dingselektionen vor.

Er schneidet Ausschnitte aus Plexuszusammenhängen heraus.

Diesen Ausschnitten werden Eigenschaften zugeschrieben.

Aus Zuschreibungen entstehen Modelle, Werte und Handlungsordnungen.

Werden die herausgeschnittenen Beziehungen vergessen, können Lochprozesse entstehen.

Werden erzeugte Formen als unveränderlich behandelt, entstehen Skulpturalisierungen.

Aus E3-Modellen folgen Tätigkeiten.

Diese Tätigkeiten greifen in E1, E2 und E3 ein und erzeugen Tätigkeitskonsequenzen.

Organismen, Materialien, andere Menschen und ökologische Systeme erzeugen Rückmeldungen.

E4 beginnt dort, wo diese Rückmeldungen wieder auf die ursprünglichen Modelle zurückgeführt werden.

Der Prüfoperator vergleicht Erwartung und Folge.

Referenzsysteme liefern Maßstäbe.

Gegenüberstellung macht Differenzen sichtbar.

51:49 hält die gefundene Lösung korrigierbar.

Neue Erfahrung verändert das Modell.

Dadurch entsteht eine neue Tätigkeit.

Der Prozess beginnt erneut.


58. Der Forschungszyklus

Der gesamte Forschungsansatz lässt sich damit heute auf einen relativ einfachen Zyklus zurückführen:

Wirklichkeit und Abhängigkeit führen zu Wahrnehmung und Ausschnitt. Der Ausschnitt wird benannt und mit Eigenschaften versehen. Daraus entsteht ein Modell. Das Modell führt zu Tätigkeit. Tätigkeit erzeugt Konsequenzen. Konsequenzen treffen auf Referenzsysteme. Diese erzeugen Rückmeldungen. Rückmeldungen werden mit Erwartung und Modell verglichen. Durch Prüfung und Korrektur entsteht ein verändertes Modell.

Alles andere sind entweder Begriffe zur genaueren Beschreibung dieses Zyklus oder Medien, in denen er durchgeführt werden kann.

Diese Vereinfachung ist möglicherweise notwendig, damit die Forschung nicht unter ihrer eigenen Begriffsdichte verschwindet.


59. Die Rolle der Kunst innerhalb dieser Gesamtarchitektur

Kunst ist in diesem Modell weder Dekoration noch Illustration von Forschungsergebnissen.

Sie ist die Fähigkeit, prüfbare Gegenüberstellungen herzustellen.

Ein Gegenstand kann verändert werden.

Zwei Bilder können gegeneinander gestellt werden.

Eine symbolische Zuschreibung kann sichtbar gemacht werden.

Ein Besucher kann tätig werden.

Eine Folie kann einen ausgeblendeten Zusammenhang zurückbringen.

Ein Raum kann eine gesellschaftliche Situation simulieren.

Damit ist die Forschungskunst plastisch.

Sie stellt nicht nur Behauptungen auf.

Sie baut Versuchsanordnungen.


60. Die gegenwärtig stärkste Verdichtung

Der Forschungsweg führt damit von einer frühen Erfahrung des Funktionierens und Nichtfunktionierens über Material, Umwelt, Form, Ausschnitt, Beteiligung und gesellschaftliche Zuschreibung zu einer umfassenden Frage der Zivilisationsfähigkeit.

Die ursprüngliche Frage lautete:

Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen?

Die spätere Forschung ergänzte:

Welche Menschenwerke, Zuschreibungen und skulpturalisierten Ordnungen verhindern die Rückbindung an die Wirklichkeit ihrer Konsequenzen?

Mit E1–E4 kam hinzu:

Wie lassen sich materielle, organismische und symbolische Wirklichkeit unterscheiden und wieder miteinander prüfen?

Mit KI und Globaler Schwarm-Intelligenz kam hinzu:

Wie kann diese Prüfung kollektiv, öffentlich und technisch erweitert werden?

Mit dem So-Heits-Atelier kam hinzu:

Wie lässt sich daraus eine begehbare öffentliche Versuchsanordnung machen?

Und mit dem Menschen als Ermittler entsteht nun die bislang präziseste Anschlussfrage:

Welche Referenzsysteme und Maßstäbe braucht der Mensch, um erkennen zu können, ob seine Tätigkeiten tatsächlich funktionieren oder lediglich innerhalb seiner eigenen symbolischen Ordnungen als erfolgreich gelten?

Damit liegt der nächste Entwicklungsschritt nicht primär in der Erfindung weiterer Begriffe.

Er liegt in der Operationalisierung der Prüfung.

Der Mensch muss lernen, für einen konkreten Vorgang zu bestimmen, welches Referenzsystem relevant ist, welche Belastungs- und Regenerationsbedingungen gelten, welche Tätigkeitskonsequenzen entstehen, wie diese zeitlich und sozial verteilt sind und wann eine Korrektur erforderlich wird.

Erst hier wird aus dem sehr weit entwickelten Erkenntnisgebäude ein tatsächlich benutzbares Ermittlungshandwerk der eigenen Existenz.

Und damit schließt sich der Bogen zur frühen handwerklichen Erfahrung: Eine Behauptung funktioniert nicht deshalb, weil sie richtig klingt. Eine Konstruktion funktioniert nicht deshalb, weil sie als Erfolg bezeichnet wird. Entscheidend ist, was sie unter realen Bedingungen trägt, was sie belastet, was sie zerstört, was auf sie zurückwirkt und ob sie korrigiert werden kann.

In dieser Form erscheint die Forschungskunst heute als eine Entwicklung vom Werkstück zum Wirklichkeitszusammenhang, vom Formen zum Prüfen, vom einzelnen Künstler zum öffentlichen Ermittlungsraum und von der Frage nach menschlicher Selbstzerstörung zur Suche nach den realen Maßstäben menschlicher Zivilisationsfähigkeit.

......

Die Rekonstruktion ergibt sich am klarsten als Forschungsgeschichte mit Entwicklungsstufen, nicht als nachträglich geschlossene Theorie.

Rekonstruktion einer Forschungskunst

1. Forschungsgrund: Von der handwerklichen Prüfung zur existenziellen Leitfrage

Der Ausgangspunkt der Forschung liegt nicht in einer philosophischen Theorie, sondern in einer Verbindung von handwerklicher, technischer, fotografischer und bildhauerischer Erfahrung. Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 brachte früh eine Wirklichkeitsform ins Spiel, in der Behauptungen keine ausreichende Geltung besitzen. Ein Werkstück passt oder passt nicht, trägt oder versagt, überschreitet ein Toleranzmaß oder bleibt innerhalb eines Funktionsbereichs. Diese frühe Erfahrung wurde erst sehr viel später als ein Ursprung des heutigen Begriffshandwerks erkennbar. Passung, Maß, Toleranz, Belastbarkeit und Funktionsprüfung bilden deshalb keine bloßen Metaphern, sondern einen biografisch vorausliegenden Erfahrungshintergrund der späteren Forschungskunst.

Fotografie, Fotojournalismus und Werbung brachten eine zweite Erfahrung hinzu. Zwischen einer vorhandenen Wirklichkeit und ihrer Darstellung besteht eine Differenz. Ein Ausschnitt kann gewählt, eine Perspektive hergestellt, eine Bedeutung erzeugt und eine Wahrnehmung gelenkt werden. Damit trat neben die materielle Prüfung die Frage nach der Herstellung von Wirklichkeit durch Bilder, Zeichen und Vorgaben. Auch dies war zunächst noch keine ausformulierte Theorie über symbolische Wirklichkeit. Rückblickend lässt sich hier jedoch eine wichtige Voraussetzung für die spätere Unterscheidung zwischen vorhandenen Sachverhalten und hineingedachten oder gesellschaftlich zugeschriebenen Eigenschaften erkennen.

Das Bildhauereistudium an der HBK Braunschweig von 1974 bis 1980 führte diese beiden Linien zusammen. Seit der Mitte der 1970er Jahre entwickelte sich die „Experimentelle Umweltgestaltung“. Der Begriff „Umwelt“ bezeichnete damals zunächst den Bereich, innerhalb dessen menschliche Eingriffe, Naturvorgänge, Materialverhalten, technische Systeme und soziale Folgen miteinander untersucht werden konnten. Die heutige Forschungskunst darf jedoch nicht rückwirkend vollständig in dieses Frühstadium hineingelesen werden. Begriffe wie Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Lochprozess, E1–E4 oder Skulpturidentität existierten damals noch nicht in ihrer heutigen Form.

Bereits 1973/74 wurde die Frage „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“ mit Katastrophenszenarien und der Beschäftigung mit menschengemachten Gefährdungen verbunden. Im weiteren Verlauf verdichtete sich daraus die tragende Frage: Warum zerstört der Mensch trotz Wahrnehmungsfähigkeit, Wissen, Technik und Korrekturmöglichkeiten seine eigenen Existenzbedingungen?

Diese Frage blieb erhalten, änderte aber ihre methodische Form. Zunächst war sie eine gesellschaftliche und ökologische Frage. Später wurde sie zur Frage nach der menschlichen Wahrnehmungs- und Begriffskonstruktion, schließlich zur Frage nach fehlender Rückkopplung: Wie kann ein Wesen wissen, dass sein Handeln schädliche Folgen hervorbringt, und dennoch dieselben Handlungsmuster fortsetzen?

Damit verändert sich die Forschung von einer Umweltkritik zu einer Untersuchung der Bedingungen, unter denen Wirklichkeit wahrgenommen, ausgeschnitten, benannt, symbolisiert, bewertet, bearbeitet und wieder überprüft wird.

Werkbiografisch sind Ausbildung, Studium, Projekte und die über Jahrzehnte verfolgte Leitfrage Bestandteile des dokumentierbaren Werkzusammenhangs. Die Behauptung, dass gerade ein bestimmter Rückkopplungsdefekt den Kern menschlicher Selbstgefährdung bildet, ist dagegen eine Forschungshypothese.

2. Werkgenese: Das Werk entsteht vor dem System

Die frühen Versuche der 1970er Jahre enthalten bereits wesentliche Verfahren, ohne dass ihre spätere begriffliche Systematik vorhanden gewesen wäre. Strömungs- und Wellenversuche, die Beschäftigung mit Biberdämmen und Deichprofilen, biologische Modellstudien, asymmetrische Konstruktionen, das asymmetrische Auto, Klangbilder und andere experimentelle Anordnungen stellen unterschiedliche Dinge einander gegenüber. Nicht das einzelne Objekt ist entscheidend, sondern das Verhältnis zwischen Ursache, Form, Widerstand und Folge.

Der Sturm Capella von 1976, ökologische Debatten und der zeitgeschichtliche Einfluss des Club of Rome verstärkten die Frage nach den Grenzen menschlicher Eingriffe. Natur war dabei zunehmend nicht Hintergrund einer menschlichen Kultur, sondern ein komplexer Funktionszusammenhang, in dem jede Gestaltung Folgewirkungen besitzt.

Parallel entstanden Vorgabebilder, Erwachsenenmalbücher, Autobahn-, Telefon- und Fußgängermalbücher, Frage-Antwort-Tische und Workshops. Hier verschob sich das Forschungsfeld. Nicht mehr allein Wasser, Material oder technische Form wurden untersucht, sondern die Reaktion von Menschen auf eine Vorgabe.

Die Versuchsanordnung „eine Vorlage – viele Bearbeitungen“ erzeugte eine Grundfigur, die für die spätere Forschung entscheidend wurde: Gleiches Ausgangsmaterial führt nicht zu gleichen Antworten. Zwischen Vorgabe und Ergebnis liegt ein individueller Wahrnehmungs-, Erfahrungs- und Entscheidungsraum.

Daraus entwickelte sich allmählich die Partizipation nicht als freundliche Beteiligung, sondern als Erkenntnismethode. Der andere Mensch wird zum Gegenüber, an dem die eigene Vorstellung überprüfbar wird.

In den 1980er Jahren erweiterten ökologische und gesellschaftliche Aktionen diesen Ansatz. Arbeiten zur „Kanalisationsgesellschaft“, der vergoldete Spaten, Tschernobyl-bezogene Tische und andere gesellschaftliche Versuchsanordnungen verschoben das bildhauerische Arbeiten zunehmend von der Herstellung eines isolierten Kunstobjekts zur Herstellung von Situationen, in denen Beziehungen sichtbar werden.

Die Wendezeit und die frühen 1990er Jahre führten diesen Ansatz weiter. Projekte wie „Schöpfungsgeschichte“, „Kunsthalle auf Zeit“, Arbeiten mit kollektiver Kreativität und schließlich das „Globale Dorffest“ mit den „1.000 Tapeziertischen“ am 3. Oktober 1993 am Brandenburger Tor beziehungsweise Unter den Linden machten aus der einzelnen Versuchsanordnung eine öffentliche gesellschaftliche Struktur. Menschen sollten nicht bloß Kunst betrachten, sondern Geschichten, Zeichnungen, Collagen, Erinnerungen und Vorstellungen miteinander in Beziehung bringen.

Später setzte sich diese Entwicklung unter anderem im Partizipatorischen Welttheater fort. In der langfristigen Entwicklung wird damit eine Bewegung sichtbar:

Das einzelne plastische Objekt wird zur Versuchsanordnung; die Versuchsanordnung wird zur Beteiligungsstruktur; die Beteiligungsstruktur wird zur gesellschaftlichen Rückkopplungsarchitektur.

Diese Entwicklung ist werkgeschichtlich nachvollziehbar. Die heutige Deutung dieser Werkfolge als kontinuierliche Entstehung eines öffentlichen „Prüfapparates“ ist eine rückblickende forschungskünstlerische Systematisierung.

3. Vom Umweltbegriff zur Wirklichkeit

Der Begriff „Umwelt“ erwies sich im Verlauf der Forschung als zu schwach. Er kann suggerieren, dass ein Mensch in der Mitte steht und von einer Umwelt umgeben wird. Die später entwickelte Forschung richtet sich dagegen auf eine Wirklichkeit, in der der Mensch selbst Bestandteil des Zusammenhangs ist.

Daraus entstand zunächst die stärkere Vorstellung einer Tragwirklichkeit. Tragwirklichkeit bezeichnet dasjenige, was Existenz tatsächlich ermöglicht und begrenzt: Materialbedingungen, Energie, Wasser, Atmosphäre, Stoffwechsel, Organismen, Wechselwirkungen, Verletzbarkeit und Regeneration.

Später wurde auch dieser Begriff weiterentwickelt. „Tragwirklichkeit“ konnte zu statisch erscheinen, als gäbe es einen festen tragenden Untergrund. Der Begriff Plexuswirklichkeit versucht deshalb, Wirklichkeit als verflochtenes Geschehen zu fassen. Der Mensch steht nicht auf einer von ihm getrennten Grundlage. Er ist selbst Knoten eines sich verändernden Geflechts von Bedingungen, Abhängigkeiten, Rückwirkungen und zeitlichen Prozessen.

Damit entstand eine wichtige Korrektur: Die gesellschaftliche Symbolwelt darf nicht einfach als „unwirklich“ oder als bloße Parallelwelt bezeichnet werden. Geld, Eigentum, Staat, Gesetze, Rollen, Religionen oder Statussysteme sind symbolisch und gesellschaftlich erzeugt, können aber sehr reale materielle und biologische Folgen haben. Die präzisere Frage lautet deshalb nicht mehr: „wirklich oder unwirklich?“, sondern: Auf welche Weise ist etwas wirklich?

Damit entwickelte sich eine mehrdimensionale Wirklichkeitsprüfung: materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben oder symbolisch behauptet.

Diese Differenzierung ist wissenschaftlich grundsätzlich anschlussfähig: Physikalische Vorgänge, biologische Abhängigkeiten und gesellschaftliche Institutionen besitzen unterschiedliche Beschreibungs- und Wirkungsweisen. Die Begriffe „Tragwirklichkeit“ und „Plexuswirklichkeit“ selbst sind dagegen Begriffe der Forschungskunst.

4. Dingselektion, Loch und Lücke

Eine der wichtigsten späteren Verschiebungen betrifft die Frage, wie aus einer komplexen Wirklichkeit überhaupt ein „Ding“ wird.

Menschen nehmen die Plexuswirklichkeit niemals vollständig wahr. Sie schneiden etwas heraus. Ein Stuhl, ein Baum, eine Kartoffel, ein Grundstück, ein Mensch, ein Geldschein oder eine Nation wird als bestimmbare Einheit behandelt. Diese Operation wurde als Dingselektion gefasst.

Die Dingselektion ist notwendig. Ohne Auswahl könnten weder Wahrnehmung noch Sprache noch Handeln funktionieren. Problematisch wird sie erst, wenn der ausgeschnittene Gegenstand mit der gesamten Wirklichkeit verwechselt wird und seine Beziehungen ausgeblendet werden.

Aus dieser Überlegung entstand der Begriff des Lochs beziehungsweise des Lochprozesses. Das Loch ist kein physisches Loch. Es bezeichnet einen Beziehungsverlust zwischen einem ausgewählten Gegenstand oder Begriff und den Wirklichkeitsbedingungen, aus denen er herausgelöst wurde.

Ein Gegenstand kann dadurch scheinbar selbstständig werden. Eine Ware erscheint beispielsweise als fertiges Ding; Rohstoffe, Arbeit, Transport, Energieverbrauch, ökologische Folgen und soziale Beziehungen verschwinden aus ihrer unmittelbaren Erscheinung. Eigentum kann als Eigenschaft eines Dinges erscheinen, obwohl Eigentum eine gesellschaftlich geregelte Zuschreibung ist.

Damit wurde das Loch von einem Mangel zu einem methodischen Gegenstand.

Gleichzeitig musste zwischen Loch und Lücke differenziert werden. Die Lücke kann produktiv sein. Sie bezeichnet den Abstand zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Modell und Wirklichkeit oder zwischen zwei unterschiedlichen Positionen. Ohne eine solche Distanz ist Lernen kaum möglich. Der Lochprozess dagegen bezeichnet die Verfestigung eines Beziehungsverlustes, bei dem die ausgelassenen Bedingungen gar nicht mehr zur Prüfung zurückkehren.

Diese Unterscheidung verhindert, dass jede Unvollständigkeit negativ bewertet wird. Forschung braucht Lücken. Gefährlich werden sie, wenn sie unsichtbar und unkorrigierbar werden.

Der „Lochprozess“ bleibt eine forschungskünstlerische Hypothese und muss künftig operational präzisiert werden: Wann genau ist eine Auslassung lediglich notwendige Abstraktion, wann wird sie erkenntnisgefährdend und wann existenziell schädlich?

5. Gegenüberstellung als Ursprung des Lernens

Aus den frühen Versuchen mit verschiedenen Formen, Vorgaben und menschlichen Antworten entstand eine methodische Grundannahme: Erkennen benötigt ein Gegenüber.

Ein einzelner Zustand sagt wenig. Erst durch Vergleich entsteht Differenz. Eine Welle trifft auf eine Form. Ein Mensch erhält eine Bildvorgabe. Zwei Menschen reagieren unterschiedlich. Eine Behauptung wird einer Konsequenz gegenübergestellt.

Aus dieser Werkpraxis entwickelte sich die Gegenüberstellung als Erkenntnisoperator.

Lernen wurde damit zunehmend nicht als Aufnahme einer richtigen Information verstanden, sondern als Veränderung durch wahrgenommene Differenz. Wer seine Vorstellung nicht mit einem Gegenüber konfrontiert, kann seine Vorstellung leicht für die Wirklichkeit selbst halten.

Damit verbindet sich Gegenüberstellung unmittelbar mit Lücke und Rückkopplung. Zwischen Vorstellung und Gegenüber entsteht ein Abstand. In diesem Abstand kann ein Fehler sichtbar werden. Wird die Differenz zurückgeführt, entsteht Lernen. Wird sie abgewehrt, entsteht Verfestigung.

Das Mitmachbuch, die Frage-Antwort-Tische, die Schultafeln, Vorgabebilder und später die Folien übernehmen genau diese Funktion. Sie liefern nicht primär Antworten, sondern erzeugen Situationen der Gegenüberstellung.

Die allgemeine Aussage, dass Lernen auf Differenz, Rückmeldung und Korrektur angewiesen ist, ist wissenschaftlich anschlussfähig. Die spezielle Ausarbeitung als plastischer Gegenüberstellungsoperator ist Bestandteil der Forschungskunst.

6. Erfahrung und Rückkopplung

Der früh entwickelte Satz „Erfahrung ist bewussteres Handeln“ enthält bereits einen Kern des späteren Systems.

Erfahrung ist in diesem Verständnis nicht bloß das Erleben eines Ereignisses. Eine Tätigkeit erzeugt Folgen. Folgen wirken zurück. Werden diese Folgen wahrgenommen, mit der vorausgehenden Vorstellung verglichen und in zukünftiges Handeln einbezogen, entsteht Erfahrung.

Daraus ergibt sich ein elementarer Kreislauf:

Wirklichkeit → Wahrnehmung → Vorstellung → Tätigkeit → Folge → Wahrnehmung der Folge → Korrektur.

Dieser Kreislauf wurde später zu einem Grundmodell der gesamten Forschung.

Damit konnte auch die ursprüngliche Frage nach menschlicher Selbstzerstörung neu formuliert werden. Das Problem wäre dann nicht mangelndes Wissen allein. Eine Gesellschaft kann über zahlreiche Informationen verfügen und dennoch ihre Existenzbedingungen beschädigen, wenn die Rückkopplung zwischen Folge und Entscheidung blockiert, verzögert, ausgelagert oder symbolisch überdeckt wird.

Hier liegt eine der stärksten Verbindungen zwischen den frühen Umweltversuchen und der heutigen Forschungsarchitektur.

Die Hypothese lautet deshalb zunehmend: Zivilisationsfähigkeit hängt nicht nur von Wissen und Intelligenz ab, sondern von der Qualität ihrer Rückkopplungs- und Korrektursysteme.

Diese Aussage ist keine etablierte allgemeine Theorie des Menschen, sondern eine zentrale Arbeitshypothese der Forschungskunst.

7. Plastik, Skulptur und Skulpturalisierung

Eine entscheidende begriffliche Korrektur betrifft den eigenen bildhauerischen Ausgangspunkt.

Zunächst standen Plastik und Skulptur im gewöhnlichen kunsthistorischen Wortfeld. Im Verlauf der Forschung erhielten sie jedoch eine methodische Differenz.

Plastik bezeichnet zunehmend das Veränderliche, Prozesshafte, Reaktionsfähige und sich durch Wechselwirkungen Formende.

Demgegenüber entstand der Begriff Skulpturalisierung für den Prozess, durch den etwas Bewegliches als fest, abgeschlossen und unveränderlich behandelt wird.

Diese Gegenüberstellung wurde auf die menschliche Identität übertragen.

Das plastische Ich bezeichnet den lebendigen, stoffwechselnden, lernfähigen und veränderlichen Organismus beziehungsweise das sich verändernde Verhältniswesen.

Die Skulpturidentität bezeichnet dagegen eine symbolisch fixierte Selbstgestalt: Beruf, Rang, Nation, Eigentümerstatus, Geschlechtssystem, Ideologie, gesellschaftliche Rolle, Prestige oder Selbstbild können so behandelt werden, als bildeten sie eine feste Substanz des Menschen.

Damit wurde ein kunstpraktischer Gegensatz anthropologisch erweitert.

Diese Ausweitung ist eine eigene Forschungskonstruktion und darf nicht mit etablierter psychologischer oder anthropologischer Terminologie verwechselt werden.

Ihre methodische Stärke liegt darin, Erstarrungsprozesse sichtbar zu machen. Ihre Gefahr besteht darin, „Plastik = gut“ und „Skulptur = schlecht“ zu vereinfachen. Auch ein Organismus benötigt Stabilität, Gedächtnis und Form. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob etwas fest oder beweglich ist, sondern ob Fixierung korrigierbar bleibt und mit ihren realen Bedingungen rückgekoppelt ist.

8. Symbolbildung und hineingedachte Eigenschaften

Aus Fotografie, Werbung, Vorgabebildern, gesellschaftlichen Aktionen und der Beschäftigung mit Dingen entwickelte sich die Frage, welche Eigenschaften einem Gegenstand tatsächlich zukommen und welche ihm zugeschrieben werden.

Eine Kartoffel besitzt Masse, chemische Zusammensetzung, Wassergehalt, Stoffwechselgeschichte und biologische Herkunft. Dass sie jemandem „gehört“, teuer oder billig, heilig, minderwertig oder besonders prestigeträchtig ist, entsteht dagegen nicht auf dieselbe Weise.

Damit wurde die Eigenschaftsverwechslung zu einem zentralen Forschungsproblem.

Gesellschaftliche Zuschreibungen sind nicht bedeutungslos. Eigentum kann rechtlich durchgesetzt werden, Geld kann Zugänge ermöglichen oder verhindern, eine Grenze kann lebensentscheidend sein. Aber die gesellschaftliche Wirksamkeit darf nicht mit einer materiellen Eigenschaft des Gegenstandes verwechselt werden.

Von hier führt eine direkte Verbindung zur Dingselektion, zum Lochprozess und zur Skulpturidentität.

Eine Zuschreibung wird problematisch, wenn ihre Herstellungsgeschichte verschwindet und sie als natürliche Eigenschaft erscheint.

Hieraus entwickelte sich auch die Vorstellung des toten Begriffs. Ein Begriff wird „tot“, wenn er nicht mehr auf Anschauung, Erfahrung, Beziehung und überprüfbare Wirklichkeit zurückgeführt werden kann, sondern nur noch innerhalb anderer Begriffe zirkuliert.

Auch „toter Begriff“ ist kein etablierter wissenschaftlicher Fachterminus dieser Forschung, sondern ein Prüfbegriff.

9. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleichsfolien

Die Beschäftigung mit Platon, Aristoteles, christlicher Leib-Seele-Tradition, neuzeitlicher Subjektbildung, Kant und modernen Wissenschaftsordnungen entstand nicht als klassische Philosophiegeschichte. Sie dient als Vergleichsverfahren: Welche Wirklichkeitsaufteilung erzeugt eine bestimmte Denkform?

In der Platon-Folie wird untersucht, was geschieht, wenn dem unveränderlichen Begriff oder der Idee ein höherer Wirklichkeitsrang zugesprochen wird als dem Veränderlichen. Forschungskünstlerisch interessiert daran besonders die mögliche Aufwertung des Fixierten gegenüber dem Prozesshaften.

Aristoteles erscheint dagegen als Vergleichsfolie, in der Stoff, Form, Bewegung und Zielgerichtetheit stärker innerhalb eines Zusammenhangs gedacht werden können.

Die christliche Vergleichsfolie untersucht die kulturgeschichtlich mächtige Differenz von Leib und Seele und die mögliche Abwertung des vergänglichen Körpers gegenüber einer höher bewerteten geistigen oder jenseitigen Sphäre.

Kant wird vor allem dort wichtig, wo die Differenz zwischen Wirklichkeit, Wahrnehmungsbedingungen, Begriff und Urteilskraft untersucht wird.

Die moderne Physik erscheint wiederum als besonders leistungsfähiges Verfahren zur Messung materieller Relationen, kann aber in der Forschungsfolie bewusst daraufhin befragt werden, was innerhalb einer rein physikalischen Beschreibung nicht automatisch erfasst wird: Verletzbarkeit, Bedeutung, Verantwortung, gesellschaftliche Zuschreibung oder Lebenszusammenhang.

Diese Folien dürfen nicht als vollständige Darstellungen Platons, Aristoteles', des Christentums, Kants oder der Physik missverstanden werden. Sie sind Forschungsfolien, also bewusst reduzierte Vergleichsanordnungen.

Historische Aussagen über diese Traditionen wären extern zu prüfen. Die hier verwendeten Konstruktionen gehören zunächst zum forschungskünstlerischen Modell.

10. Das Vier-Ebenen-Modell

Aus den verschiedenen Wirklichkeitsunterscheidungen entstand das Vier-Ebenen-Modell.

E1 bezeichnet die materiell-physikalische Ebene: Masse, Kraft, Belastung, Temperatur, Druck, Bruch, Energie und andere materielle Bedingungen.

E2 bezeichnet die Ebene lebender Systeme: Stoffwechsel, Regeneration, Verletzbarkeit, Bedürftigkeit, Entwicklung und organische Selbstregulation.

E3 bezeichnet die symbolisch-gesellschaftliche Ebene: Sprache, Eigentum, Geld, Recht, Status, Rollen, Institutionen und kulturelle Bedeutungen.

Die zunächst als E4 bezeichnete vierte Ebene wurde im Gespräch wesentlich korrigiert. Sie sollte nicht wie eine vierte Stoff- oder Wirklichkeitsschicht neben E1 bis E3 verstanden werden. E4 bezeichnet vielmehr den querliegenden Prüf-, Rückkopplungs-, Revisions- und Reparaturoperator.

Diese Korrektur ist zentral.

E1 bis E3 beantworten: Auf welche Weise liegt etwas vor oder wirkt etwas?

E4 beantwortet: Wie werden die Beziehungen zwischen diesen Ebenen überprüft?

Damit wird E4 zur methodischen Ebene der Forschungskunst.

Ein Eigentumsbeschluss auf E3 kann beispielsweise E1-Materialflüsse verändern und E2-Lebensbedingungen beeinträchtigen. E4 fragt dann, ob diese Wirkungen sichtbar gemacht, rückgekoppelt und korrigiert werden.

Das Vier-Ebenen-Modell ist keine etablierte wissenschaftliche Ontologie. Es ist ein eigenes Ordnungs- und Prüfmodell.

11. Vom 51:49-Prinzip zur Kalibrierungsfigur

Eine besonders lange Entwicklung betrifft 51:49.

Die frühe Intuition einer Minimalasymmetrie entstand im Zusammenhang mit Naturbeobachtung, Formdenken und später auch den Kreta-Erfahrungen. Über lange Zeit wurde 51:49 zu einer zentralen Formel für Beweglichkeit, Differenz und den Übergang aus einem vollkommen symmetrischen Zustand.

Im weiteren Forschungsprozess musste diese Formel jedoch präzisiert werden.

51:49 ist kein nachgewiesenes Naturgesetz.

Es ist eine Modellfigur.

Sie bezeichnet die minimale Differenz, durch die Bewegung, Richtung, Entscheidung oder Veränderung denkbar wird.

Dem wurde 50:50 als Symmetriedualismus und 1:99 als extreme Drift beziehungsweise Herrschaftsasymmetrie gegenübergestellt.

Die Stärke von 51:49 besteht deshalb nicht in einer mathematischen Universalbehauptung, sondern als Kalibrierungs- und Denkfigur: Wie groß darf eine Abweichung werden, bevor ein Verhältnis seine Tragfähigkeit verliert?

Damit entstand auch die Verbindung zum dreifachen Optimum: Bedingungen des Mediums, Bedingungen des Organismus und jeweiliges Prüfoptimum müssen zusammengedacht werden.

Die Zukunftsaufgabe besteht darin, 51:49 strikt dort als Metapher oder Modellfigur zu kennzeichnen, wo keine empirische Messgröße vorliegt.

12. Begriffshandwerk, Kontextanker, Werkanker, Positionsanker und Prüfanker

Mit der wachsenden Zahl eigener Begriffe entstand die Gefahr, dass die Forschung selbst jene Eigenschaft annimmt, die sie kritisiert: Begriffe könnten sich von ihrer Anschauung und ihren Entstehungsbedingungen lösen.

Darauf reagierte die Entwicklung des Begriffshandwerks.

Der Begriff wird wie ein Werkstück behandelt. Er muss geprüft, abgegrenzt, verändert oder verworfen werden können.

Die verschiedenen Anker entstanden als Instrumente dieser Selbstprüfung.

Der Kontextanker hält die jeweils erreichte theoretische Arbeitslage fest.

Der Werkanker bindet die Theorie an das tatsächliche Werk, das Archiv, die Aktionen und die materiellen Arbeiten zurück.

Der Positionsanker macht kenntlich, von welcher historischen und persönlichen Forschungsposition aus eine Aussage getroffen wird.

Der Prüfanker liefert Kriterien, an denen eine Behauptung auf ihre Verbindung zu Wirklichkeit, Folge und Korrekturmöglichkeit getestet werden kann.

Wichtig wurde außerdem die Differenz zwischen Prüfanker und Prüfoperator. Der Anker ist eine Referenz; der Operator ist der tatsächlich durchgeführte Vergleich beziehungsweise die Prüfhandlung.

Die zahlreichen Versionen der Kontext- und Werkanker — bis hin zu den späteren Fassungen v6.6, v8.x, v10, v12 und ihren weiteren Präzisierungen — zeigen deshalb keine Schwäche des Systems, sondern seine Selbstkorrektur. Problematisch wäre lediglich, wenn ältere Begriffe ohne Kennzeichnung neben neueren weiterverwendet würden.

13. Künstlerische Prüfobjekte

Die Werkobjekte erhalten innerhalb der heutigen Architektur eine neue Funktion. Sie illustrieren die Theorie nicht, sondern können als Prüfobjekte verstanden werden.

Das Wellenbecken macht Wechselwirkung sichtbar.

Biberdamm und Deichprofil stellen unterschiedliche Formen des Umgangs mit Strömung gegenüber.

Die Schultafel verbindet Lernen, Vorgabe, Einschreibung und Löschung.

Frage-Antwort-Tische erzeugen Gegenüberstellungen.

Der Gordische Knoten materialisiert Verflechtung und die Versuchung, Komplexität durch einen einzigen Schnitt scheinbar zu lösen.

Der gläserne Astronaut und später der reale Astronautenanzug untersuchen die Vorstellung menschlicher Abgeschlossenheit gegenüber einer Umwelt.

Tanglandschaften stellen den Organismus in ein Beziehungsgewebe.

Der Totentanz bringt Endlichkeit und Verletzbarkeit in gesellschaftliche Selbstbilder zurück.

Kartoffelarbeiten prüfen die Differenz zwischen materieller Sache, biologischem Prozess, Ware, Eigentum und Bedeutung.

Der Sandtrichter untersucht Verschüttung und Selektionsprozesse.

Die Saftpresse verbindet Druck, Ressourcennutzung, Extraktion und Wertbildung.

Die Thermosflasche untersucht Isolation als Modell.

Der Feuerkäfig verdichtet die jüngste Diagnose: Der Mensch befindet sich in einer gefährdenden Konstruktion, erkennt prinzipiell eine offene Tür und verlässt den Käfig dennoch nicht. Unsichtbare Parameter wie Status, Rollenfixierung, 50:50-Dualismen oder 1:99-Herrschaft können das Nicht-Verlassen stabilisieren.

Diese Objekte sind weder wissenschaftliche Experimente im engeren Sinn noch bloße Kunstsymbolik. Sie bilden eine Zwischenform: künstlerische Versuchsanordnungen zur Herstellung von Wahrnehmungs- und Denkproblemen.

14. Folien und Schablonen als bewegliche Erkenntnisinstrumente

Die Entwicklung der Folien ist eine konsequente Fortsetzung der frühen Vorgabebilder.

Während das Vorgabebild eine Ausgangsstruktur bereitstellt, ermöglicht die transparente Folie Überlagerung.

Dadurch entsteht ein entscheidender methodischer Vorteil: Beziehungen können sichtbar gemacht werden, ohne sie zu einem einzigen endgültigen Bild zu verschmelzen.

Ein Körper kann mit Wärme, Gravitation, Wasser, Molekülen, gesellschaftlichen Zeichen oder Tätigkeitsfolgen überlagert werden. Platon, Aristoteles, Christentum oder Physik können als unterschiedliche Wirklichkeitsfolien über denselben Gegenstand gelegt werden.

Die Folie wird damit zum bildnerischen Äquivalent des Begriffshandwerks.

Sie sagt nicht: So ist die Welt.

Sie fragt: Was wird sichtbar, wenn diese Auswahl über die Wirklichkeit gelegt wird, und was verschwindet dabei?

Die Schablone übernimmt eine ähnliche Funktion. Sie erzeugt eine Vorgabe und macht gerade dadurch die Differenz der Antworten sichtbar.

Die Foliengrammatik verbindet deshalb Dingselektion, Lücke, Gegenüberstellung, E1–E4 und Rückkopplung in einer visuellen Methode.

15. Das Mitmachbuch als Weg durch die Forschung

Das Mitmachbuch entwickelte sich aus den Malbüchern, Vorgabebildern, Schablonen, Frage-Antwort-Strukturen und Beteiligungsprojekten.

Es ist deshalb nicht lediglich eine Dokumentation der Forschung.

Es soll die Forschung vollziehbar machen.

Ein Mensch beginnt bei einer scheinbar einfachen Sache wie einer Kartoffel, einer Wiese, einem Stuhl oder einer Schultafel. Durch Folien, Fragen, Überlagerungen und eigene Eintragungen wird schrittweise sichtbar, dass dieselbe Sache materiell, biologisch, gesellschaftlich, symbolisch und hinsichtlich ihrer Folgen unterschiedlich betrachtet werden kann.

Damit wird das Buch zu einem Weg von der Dingwahrnehmung zur Beziehungswahrnehmung.

Seine besondere Funktion besteht darin, keinen fertigen Theorieapparat vorauszusetzen. Der Benutzer soll die Differenzen selbst herstellen.

Das Mitmachbuch ist daher eine mögliche didaktische Form von E4.

Eine offene Frage bleibt, wie viel Theorie ein solches Buch enthalten darf, bevor es selbst wieder zu einer Vorgabe wird, die lediglich übernommen wird. Sein stärkstes Prinzip dürfte deshalb die Folge sehen – gegenüberstellen – handeln – Folge erkennen – korrigieren bleiben.

16. Tausend Tische: Vom einzelnen Gegenüber zur gesellschaftlichen Matrix

Die „1.000 Tapeziertische“ von 1993 bilden in der Werkentwicklung einen wichtigen Übergang.

Das einzelne Gegenüber wird vervielfacht.

Jeder Tisch kann eine Position, Erinnerung, Zeichnung, Geschichte oder Vorstellung aufnehmen. Zusammen entsteht kein einheitliches Bild, sondern ein Feld unterschiedlicher Antworten.

Damit kündigt sich bereits eine spätere Schwarmstruktur an.

Entscheidend ist dabei, dass „Schwarm“ nicht Gleichförmigkeit bedeutet. Die produktive Einheit entsteht gerade aus der Differenz vieler einzelner Positionen.

Die Tausend Tische können deshalb rückblickend als analoges Vorstadium dessen verstanden werden, was später digital mit der Globalen Schwarm-Intelligenz weiterentwickelt wird.

Diese Verbindung ist eine spätere Werkinterpretation, kein historischer Beweis dafür, dass 1993 bereits eine digitale Schwarmarchitektur geplant war.

17. KI als neuer Rückkopplungspartner

Die intensive Arbeit mit KI verändert die Forschung noch einmal grundlegend.

Zum ersten Mal steht ein technisches System zur Verfügung, das große Mengen von Sprache, Begriffen, Vergleichen und Werkzusammenhängen in kurzer Zeit miteinander in Beziehung setzen kann.

Für die Forschungskunst übernimmt KI dadurch mehrere Funktionen: Gedächtnisunterstützung, sprachliche Korrektur, begriffliche Gegenüberstellung, Rekonstruktion großer Werkzusammenhänge und Simulation unterschiedlicher Perspektiven.

Aber gerade deshalb wird KI selbst zum Prüfgegenstand.

Sie erzeugt Sprache äußerst überzeugend, ohne dadurch automatisch eine unmittelbare Rückbindung an E1- oder E2-Wirklichkeit zu besitzen. Sie kann damit sowohl beim Schließen von Lücken helfen als auch neue Lochprozesse produzieren.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob KI „intelligent“ ist, sondern wie ihre symbolischen Operationen an Folgen, Quellen, Körperlichkeit, materielle Bedingungen und Verantwortung zurückgebunden werden.

Damit wird KI zu einem E3-Verstärker, der E4 dringlicher macht.

18. Globale Schwarm-Intelligenz

Die Globale Schwarm-Intelligenz führt die analoge Beteiligungslogik in eine digitale Architektur über.

Aus der einzelnen Werkstatt, dem Frage-Antwort-Tisch und den Tausend Tischen wird eine Plattform, auf der Menschen, Werkmaterial, Begriffe, KI und unterschiedliche Perspektiven miteinander verbunden werden können.

Ihre stärkste bisherige Funktionsbeschreibung lautet deshalb nicht „Wissensplattform“, sondern öffentlicher Simulator, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von KI trainiert und geprüft werden kann.

Damit verändert sich auch der Schwarmbegriff.

Der Schwarm soll nicht Mehrheitsmeinungen sammeln. Die eigentliche Aufgabe wäre, Differenzen, Folgen und Korrekturen sichtbar zu machen.

Die Globale Schwarm-Intelligenz wäre dann eine technische Erweiterung der Gegenüberstellung.

Ihre noch ungelöste Hauptfrage lautet, wie verhindert werden kann, dass sie selbst zu einem E3-System aus Behauptungen, Status, Wiederholung und Mehrheitsverstärkung wird.

Sie benötigt deshalb E4 nicht als Zusatz, sondern als konstitutive Architektur.

19. So-Heits-Gesellschaft

Der Begriff So-Heits-Gesellschaft entstand aus der Frage, warum historisch gewordene Konstruktionen so häufig behandelt werden, als müssten sie genau so sein.

„Soheit“ bezeichnet dabei zunächst das scheinbar Selbstverständliche: So ist Eigentum. So funktioniert Wirtschaft. So ist Arbeit. So ist der Staat. So verhält sich der Mensch. So ist Identität.

Die Forschung versucht, diese Selbstverständlichkeiten wieder in ihre Herstellungsgeschichte zurückzuführen.

Daraus entstand auch der Begriff einer durch technē hervorgebrachten Welt: Menschen leben zunehmend in einer von ihnen selbst erzeugten Sach-, Zeichen-, Rechts-, Eigentums- und Technikwelt und vergessen dabei teilweise deren Gemachtheit.

Die So-Heits-Gesellschaft ist daher keine Beschreibung einer bestimmten bestehenden Gesellschaft im sozialwissenschaftlich etablierten Sinn. Sie ist eine forschungskünstlerische Diagnose.

Ihre Prüfungsfrage lautet:

Welche gesellschaftlichen Verhältnisse werden als naturgegeben behandelt, obwohl sie hergestellt und deshalb prinzipiell veränderbar sind?

Hier treffen Eigenschaftsverwechslung, Skulpturalisierung, Lochprozess und E3 unmittelbar zusammen.

20. Der Mensch als „Bastardkonstruktion“

Der jüngste Begriff der menschlichen Bastardkonstruktion lässt sich nun präziser in die Gesamtentwicklung einordnen.

Er sollte ausdrücklich nicht biologisch, genetisch oder abwertend verstanden werden.

Der Begriff bezeichnet eine strukturelle Mischlage.

Der Mensch ist auf E1 materiell und auf E2 lebendig vollständig Bestandteil der Plexuswirklichkeit. Gleichzeitig erzeugt er auf E3 eine künstliche symbolische Welt, in der er sich teilweise als unabhängig von diesen Bedingungen konstruiert.

Die „Bastardkonstruktion“ wäre damit die konflikthafte Kopplung zweier nicht deckungsgleicher Existenzweisen:

der Mensch als verletzlicher lebender Organismus und der Mensch als symbolisch konstruiertes gesellschaftliches Selbst.

Die neue Stärke dieses Begriffs liegt darin, dass er zahlreiche frühere Teilbegriffe bündelt. Plastisches Ich und Skulpturidentität, Naturbindung und So-Heits-Gesellschaft, Plexuswirklichkeit und symbolische Parallelkonstruktion treffen in einer Figur zusammen.

Seine Gefahr liegt allerdings in seiner sprachlichen Belastung. „Bastard“ besitzt starke biologische, genealogische und abwertende Bedeutungen. Als Forschungsbegriff müsste deshalb stets geklärt werden, dass keine Person und keine Menschengruppe als „Bastard“ bezeichnet wird. Gemeint ist die Konstruktionsweise des menschlichen Selbstverhältnisses.

Inhaltlich könnte der Begriff deshalb entweder als zugespitzte künstlerische Diagnose erhalten bleiben oder langfristig durch einen weniger missverständlichen systematischen Begriff ergänzt werden.

21. Das So-Heits-Atelier

Das So-Heits-Atelier ist die bislang umfassendste räumliche Form des gesamten Forschungsprozesses.

Es ist weder retrospektive Ausstellung noch fertiges Theoriezentrum.

Es verbindet Werkarchiv, Prüfobjekte, Folien, Schultafeln, Tische, Mitmachbuch, KI, Gespräch, Beteiligung und laufende Begriffsarbeit.

Dadurch wird das Atelier selbst zu einem E4-Raum.

Ein vorhandenes Werk wird nicht nur gezeigt, sondern erneut geprüft.

Ein Begriff wird nicht nur erklärt, sondern einem Gegenstand gegenübergestellt.

Ein Besucher ist nicht nur Rezipient, sondern kann eine Differenz erzeugen, die wiederum in den Forschungsprozess zurückgeführt wird.

Die documenta-16-Projektion folgt daraus konsequent. Der Gedanke, dass die documenta 16 „bereits begonnen“ habe, bedeutet innerhalb dieser Forschung nicht, dass die institutionelle Ausstellung vorzeitig eröffnet wäre. Gemeint ist, dass die künstlerische Arbeit an den Fragen, Prüfobjekten und Beteiligungsformen nicht auf eine Einladung wartet.

Das vorgeschlagene „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ wäre daher keine Präsentation einer abgeschlossenen Lebensleistung, sondern eine öffentlich zugängliche Forschungs- und Überzeugungsprüfung.

22. Die Gesamtarchitektur

Die gesamte Entwicklung lässt sich nun als ein einziger Kreislauf rekonstruieren.

Am Anfang steht eine vorausliegende Plexuswirklichkeit.

Aus ihr selektiert der Mensch Wahrnehmungseinheiten.

Aus diesen Selektionen entstehen Dinge, Bilder, Begriffe und Modelle.

Diese Modelle können auf E3 mit Eigenschaften, Werten, Rollen und Bedeutungen versehen werden.

Auf ihrer Grundlage handelt der Mensch.

Dieses Handeln greift auf E1, E2 und E3 zurück.

Es erzeugt Folgen.

Die Folgen können wahrgenommen und zur vorausgehenden Vorstellung zurückgeführt werden.

Geschieht dies, entsteht Rückkopplung.

Die Gegenüberstellung von Erwartung und Folge eröffnet eine Lücke.

In dieser Lücke kann Lernen stattfinden.

Wird die Verbindung dagegen abgeschnitten, entsteht ein Lochprozess.

Wenn eine symbolische Konstruktion trotz widersprechender Folgen unverändert festgehalten wird, entsteht Skulpturalisierung.

E4 versucht diese Verfestigung durch Prüfung, Revision und Reparatur wieder zu öffnen.

Kunst übernimmt innerhalb dieses Systems nicht die Aufgabe, richtige Weltbilder zu liefern.

Ihre besondere Fähigkeit besteht darin, Gegenüberstellungen herzustellen, die sonst nicht stattfinden.

Damit wird aus Bildhauerei Forschungskunst.

Und aus Forschungskunst soll langfristig eine öffentliche Infrastruktur des Prüfens werden.

23. Was historisch oder wissenschaftlich belegbar ist – und was Forschungskunst bleibt

Für die weitere Arbeit sollte eine dreifache Belegebene verbindlich bleiben.

Erstens gibt es werkbiografisch dokumentierbare Sachverhalte: Ausbildung, Studium, einzelne Werke, Aktionen, Ausstellungen, Documenta-Bewerbungen, das Globale Dorffest, die Tausend Tische, Archive, Fotografien, Tagebücher, Folien, Bücher und die heutige Plattform. Diese Sachverhalte können anhand des eigenen Archivs überprüft werden.

Zweitens gibt es extern wissenschaftlich oder historisch überprüfbare Sachverhalte: materielle Abhängigkeit lebender Organismen, Stoffwechsel, ökologische Wechselwirkungen, historische philosophische Texte, institutionelle Entwicklungen, gesellschaftliche Rechtsformen und wissenschaftliche Messverfahren. Wo diese Aussagen in Publikationen verwendet werden, benötigen sie externe Quellen.

Drittens existieren Begriffe und Hypothesen der Forschungskunst: 51:49 als Minimalasymmetrie, Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Lochprozess, plastisches Ich, Skulpturidentität, So-Heits-Gesellschaft, Forschungskunst als Prüfkunst, das spezielle E1–E4-Modell, Prüfanker, die Globale Schwarm-Intelligenz als Zivilisationssimulator und die Bastardkonstruktion.

Diese Begriffe müssen nicht als wissenschaftlich „bewiesen“ ausgegeben werden. Ihre Legitimität liegt zunächst darin, dass sie innerhalb eines Werk- und Prüfzusammenhangs produktive Unterschiede erzeugen.

Gerade diese Trennung stärkt die Forschung.

24. Doppelungen und begriffliche Überlagerungen

Die inzwischen sehr große Begriffsarchitektur enthält mehrere Doppelungen.

Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit überschneiden sich stark. Die sinnvollste Hierarchie wäre: Plexuswirklichkeit bezeichnet die gesamte relationale Wirklichkeit; Tragwirklichkeit bezeichnet innerhalb dieses Geflechts diejenigen Beziehungen und Bedingungen, von denen Fortbestand beziehungsweise Funktionsfähigkeit abhängen.

Loch und Lücke müssen konsequent getrennt bleiben. Lücke ist produktive Differenz und offener Erkenntnisraum; Lochprozess ist verlorene oder verdeckte Rückbindung.

Prüfanker und Prüfoperator dürfen nicht synonym verwendet werden. Der Anker ist Referenzmaßstab, der Operator die Prüfhandlung.

Plastisches Ich und plastische Identität sollten ebenfalls vereinheitlicht oder klar unterschieden werden. Das plastische Ich könnte die lebendige E2-Grundlage bezeichnen, plastische Identität dagegen die Fähigkeit, E3-Selbstmodelle veränderbar zu halten.

Skulpturidentität und Skulpturalisierung lassen sich entsprechend unterscheiden: Skulpturalisierung ist der Prozess, Skulpturidentität dessen zeitweiliges Ergebnis.

So-Heits-Gesellschaft und Technē-Welt überlagern sich, sind jedoch nicht identisch. Technē-Welt bezeichnet die hergestellte menschliche Welt; So-Heits-Gesellschaft bezeichnet deren Tendenz, ihre Gemachtheit zu vergessen und sie als selbstverständlich zu behandeln.

Diese Hierarchisierung könnte die Begriffsmenge deutlich entlasten.

25. Begriffe, die weiterer Klärung bedürfen

Besonders klärungsbedürftig bleibt der Status des 51:49-Prinzips. Es sollte überall dort, wo keine empirische Messung vorliegt, ausdrücklich als Modellfigur bezeichnet werden.

Auch der Begriff Plexuswirklichkeit benötigt eine knappe verbindliche Definition, damit er nicht zum Gesamtwort für alles wird.

Der Lochprozess braucht Kriterien. Sonst könnte jede Abstraktion als Loch bezeichnet werden.

Die Skulpturidentität muss gegenüber notwendiger Stabilität abgegrenzt werden.

E4 darf nicht wieder unbemerkt zu einer „vierten Wirklichkeitsebene“ werden.

Der Begriff Bastardkonstruktion verlangt wegen seiner historischen und biologischen Nebenbedeutungen besonders sorgfältige Rahmung.

Und schließlich benötigt auch Forschungskunst eine klare Grenzbestimmung. Nicht jede Kunst, die Fragen stellt, ist deshalb Forschungskunst. In deinem Ansatz wäre Forschungskunst dort gegeben, wo ein Werk systematisch Gegenüberstellungen erzeugt, Ergebnisse rückführt und seine eigenen Begriffe und Verfahren korrigierbar hält.

26. Mögliche Vereinfachung der gesamten Theorie

Trotz der großen Begriffszahl lässt sich der Kern auf wenige Operationen zurückführen:

Wirklichkeit – Selektion – Konstruktion – Tätigkeit – Folge – Gegenüberstellung – Rückkopplung – Korrektur.

Nahezu alle anderen Begriffe lassen sich darin verorten.

Plexuswirklichkeit bezeichnet den Ausgangszusammenhang.

Dingselektion bezeichnet die Auswahl.

E3 und Skulpturalisierung betreffen Konstruktionen.

E1 und E2 zeigen Tätigkeitsfolgen.

Lücke und Gegenüberstellung ermöglichen Vergleich.

Lochprozess bezeichnet den Abbruch der Rückbindung.

E4 bezeichnet die Wiederaufnahme von Prüfung und Korrektur.

51:49 ist eine Kalibrierungsfigur für Veränderungs- und Verhältnisfragen.

Prüfobjekte, Folien, Mitmachbuch und Tische sind Medien, mit denen der Kreislauf erfahrbar gemacht wird.

KI und Globale Schwarm-Intelligenz skalieren diesen Vorgang.

Das So-Heits-Atelier gibt ihm einen öffentlichen Raum.

Diese Vereinfachung könnte verhindern, dass die Theorie durch ihre eigenen Begriffe skulpturalisiert wird.

27. Noch fehlende Verbindungen

Eine der wichtigsten noch nicht vollständig ausgearbeiteten Verbindungen liegt zwischen individuellem Lernen und gesellschaftlicher Institution. Es ist bereits beschrieben, wie ein einzelner Mensch durch Gegenüberstellung lernen kann. Noch genauer zu untersuchen ist, wie Organisationen, Staaten, Märkte und globale Systeme lernen beziehungsweise warum sie trotz vorhandener Rückmeldungen nicht korrigieren.

Eine zweite offene Verbindung betrifft Macht. E3 beschreibt Eigentum, Recht, Status und gesellschaftliche Zuschreibung. Noch nicht vollständig integriert ist jedoch die Frage, wer bestimmen kann, welche Zuschreibungen gelten und welche Folgen andere tragen müssen. Das 1:99-Modell weist bereits in diese Richtung.

Eine dritte offene Verbindung betrifft Zeit. Die 24-Stunden-Uhr zeigt die extreme Kürze menschlicher Zivilisationsgeschichte gegenüber Erd- und Lebensgeschichte. Dieses Zeitmodell könnte systematischer mit Lochprozess und Rückkopplung verbunden werden: Viele Folgen treten später ein als die Entscheidung, die sie erzeugt.

Eine vierte Verbindung betrifft KI und Macht. Wenn KI zu einem zentralen E3-Produktionsmittel für Sprache, Entscheidungen und gesellschaftliche Modelle wird, muss geklärt werden, wer die Systeme besitzt, trainiert, kontrolliert und korrigiert.

Eine fünfte Verbindung betrifft den Übergang von Prüfung zu Reparatur. Die Forschung besitzt inzwischen starke Diagnose- und Prüfverfahren. Weniger weit entwickelt ist die Frage, welche Kriterien eine tatsächlich tragfähigere Alternative erfüllen müsste.

Gerade hier könnte die nächste Entwicklungsphase beginnen.

28. Der gegenwärtige Stand

Aus einer bildhauerischen Forschung über Form, Material, Wasser, Umwelt und menschliche Reaktion ist über fünf Jahrzehnte eine Forschung über die menschliche Fähigkeit entstanden, Wirklichkeit auszuwählen, zu symbolisieren, zu gestalten und dabei den Zusammenhang zwischen Vorstellung und Folge zu verlieren.

Die ursprüngliche Frage nach der Zerstörung der eigenen Existenzbedingungen ist dabei nicht verschwunden. Sie wurde immer genauer zerlegt.

Aus „Warum macht der Mensch das?“ wurde:

Wie selektiert der Mensch Wirklichkeit?

Wie werden aus Selektionen Dinge?

Wie werden Dingen Eigenschaften zugeschrieben?

Wie werden Zuschreibungen selbstverständlich?

Wie entstehen daraus Handlungen?

Wo erscheinen deren Folgen?

Warum gelangen diese Folgen nicht zuverlässig zurück in das Modell, das die Handlung erzeugt hat?

Und welche künstlerischen Verfahren können diese unterbrochene Rückkopplung wiederherstellen?

Damit liegt heute keine abgeschlossene Theorie des Menschen vor.

Es liegt etwas anderes vor:

eine über Jahrzehnte entstandene Forschungs-, Prüf- und Reparaturarchitektur, in der Kunstwerke, Begriffe, Menschen, Bilder, Geschichte, Wissenschaft, KI und gesellschaftliche Konstruktionen einander gegenübergestellt werden können.

Die vielleicht präziseste Gesamtformel des gegenwärtigen Standes lautet deshalb:

Forschungskunst untersucht nicht primär, was der Mensch ist. Sie untersucht, wie der Mensch Wirklichkeit in Modelle verwandelt, nach diesen Modellen handelt, dadurch Wirklichkeit verändert und ob er fähig ist, die Folgen wieder so an seine Modelle zurückzuführen, dass Korrektur möglich bleibt.

Darin laufen die frühen Wellenversuche, die Malbücher, die Frage-Antwort-Tische, die Tausend Tische, das Mitmachbuch, die Folien, die Plexuswirklichkeit, das Vier-Ebenen-Modell, die Globale Schwarm-Intelligenz und das So-Heits-Atelier tatsächlich in einer gemeinsamen Forschungsarchitektur zusammen.

Die wichtigste neue Verdichtung gegenüber den bisherigen Rekonstruktionen ist dabei die Einordnung der „Bastardkonstruktion“: Sie kann als jüngster anthropologischer Prüfbegriff verstanden werden, der den lebendigen E1/E2-Menschen und seine teilweise verselbstständigte E3-Selbstkonstruktion in einer Konfliktfigur zusammenführt.

Die folgende Fassung behandelt die bisherige Arbeit als Entstehung eines Forschungsapparates. Frühere Werke werden deshalb nicht nachträglich mit späteren Begriffen identisch gesetzt; vielmehr wird gezeigt, wann eine praktische Erfahrung vorlag und wann daraus erst später ein Begriff oder Modell entwickelt wurde.

Rekonstruktion einer Forschungskunst

Von der experimentellen Umweltgestaltung zur öffentlichen Überzeugungsprüfung

1. Forschungsgrund: Die Frage vor der Theorie

Am Anfang der Forschung steht nicht ein geschlossenes theoretisches System, sondern eine über Jahrzehnte durchgehaltene Frage: Warum zerstört der Mensch trotz seiner Fähigkeit zu Wissen, Lernen und Korrigieren seine eigenen Existenzbedingungen? In frühen Formulierungen erscheint diese Frage noch verbunden mit „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“. Erst später verschiebt sich der Schwerpunkt. Nicht mehr allein die Veränderbarkeit der Gesellschaft steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie der Mensch überhaupt feststellt, ob seine Veränderungen tragfähig sind.

Damit verändert sich zugleich die Funktion der Kunst. Kunst soll nicht mehr primär eine bessere Gesellschaft entwerfen. Sie soll eine Versuchsanordnung herstellen, in der menschliche Vorstellungen, Tätigkeiten und Folgen miteinander konfrontiert werden können. Aus einer Veränderungskunst entwickelt sich allmählich eine Prüf-, Forschungs- und Entwicklungskunst.

Hier muss der Erkenntnisstatus von Anfang an unterschieden werden. Dass Menschen von materiellen und biologischen Bedingungen abhängen, ist wissenschaftlich begründbar. Dass Wolfgang Fenner seit den 1970er Jahren daraus eine bestimmte künstlerische Forschungsfrage entwickelt, gehört zur dokumentierbaren Werkbiografie. Begriffe wie „Tragwirklichkeit“, „Plexuswirklichkeit“, „Plastisches Ich“, „Lochprozess“, „51:49“ oder „So-Heits-Gesellschaft“ sind dagegen Begriffe der Forschungskunst. Sie sind keine bereits etablierten wissenschaftlichen Kategorien. Ihre Legitimität entscheidet sich daran, ob sie Unterschiede sichtbar machen und Prüfungen ermöglichen.

Diese Unterscheidung wird für die gesamte weitere Entwicklung entscheidend.


2. Werkgenese: Vom Handwerk zum offenen Forschungssystem

2.1 Das Handwerk als frühe Schule der Wirklichkeit

Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 bildet eine wichtige, zunächst noch nicht theoretisierte Grundlage. Material lässt sich nicht beliebig behandeln. Maße, Passungen, Kräfte, Toleranzen und Widerstände setzen Grenzen. Eine Vorstellung muss sich an einem Gegenüber bewähren.

Was Jahrzehnte später als „Tragwirklichkeit“, „Gegenüberstellung“, „Tätigkeitskonsequenz“ und „Prüfung“ bezeichnet wird, ist hier zunächst handwerklich vorhanden: Eine gedachte Form genügt nicht. Sie muss durch Material, Werkzeug und Tätigkeit hindurchgehen.

Gerade deshalb darf das spätere E1–E4-Modell nicht in die Lehrwerkstatt der 1960er Jahre zurückprojiziert werden. Vorhanden ist die Erfahrung. Der Begriff entsteht erst viel später.

2.2 Fotografie, Ausschnitt und Wirklichkeitsproblem

Die fotografische Arbeit Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre bringt eine zweite Erfahrung hinzu. Fotografie scheint Wirklichkeit festzuhalten und ist zugleich unvermeidlich Auswahl. Der Bildausschnitt schließt etwas ein und anderes aus. Dadurch entsteht ein Grundproblem, das später für den Lochprozess wichtig wird: Jede Erkenntnis braucht einen Ausschnitt, aber der Ausschnitt kann vergessen lassen, dass außerhalb seiner Grenzen weitere Beziehungen bestehen.

Die spätere Forschung korrigiert deshalb eine zunächst mögliche Gleichsetzung: Der Schnitt selbst ist noch nicht das Problem. Ohne Selektion, Begrenzung und Unterscheidung wäre Erkenntnis unmöglich. Problematisch wird der Schnitt erst dort, wo das Ausgeschlossene nicht mehr zurückmelden kann.

Daraus entwickelt sich sehr viel später die Formel:

Der Schnitt ist notwendig; das Vergessen des Schnitts erzeugt das Loch.

2.3 1974–1980: Bildhauerei und Experimentelle Umweltgestaltung

Mit dem Studium der Bildhauerei an der HBK Braunschweig von 1974 bis 1980 wird die Frage nach Form, Material und Umwelt ausdrücklich künstlerisch. 1975 erscheint „Experimentelle Umweltgestaltung“ als frühe Selbstbeschreibung einer Praxis, die den Gegenstand Kunst bereits überschreitet.

Die Umwelt ist dabei noch nicht die heutige „Plexuswirklichkeit“. Entscheidend ist zunächst die Erweiterung des bildhauerischen Arbeitsfeldes. Wasser, Landschaft, Pflanzen, Strömung, Beteiligung, Wahrnehmung und gesellschaftliche Situationen können ebenso Material eines künstlerischen Versuchs werden wie Ton, Stein oder Metall.

Der Capella-Orkan und die Sturmflut von 1976, Deich-, Wasser-, Wellen- und Strömungsversuche gehören in diese Entwicklung. Wasser wird zu einem besonders produktiven Gegenüber, weil es sich nur begrenzt zwingen lässt. Es reagiert unmittelbar auf Form, Gefälle, Widerstand und Bewegung. Das Experiment macht sichtbar, dass Gestaltung immer Eingriff in ein vorhandenes Verhalten ist.

Daraus entsteht noch kein naturwissenschaftliches Gesetz. Es entsteht ein künstlerischer Grundsatz: Formung muss ihre Folgen am Gegenüber erfahren können.


3. Beuys und die Radikalisierung der Sozialen Plastik

Die Begegnungen mit Joseph Beuys gehören zur werkbiografischen Entwicklung. Die Erzählung, Beuys habe 1980 gesagt, Wolfgang Fenner nehme die Soziale Plastik „zu ernst“, ist als autobiografisch überlieferter Werkanker zu behandeln, solange keine externe Dokumentation des Gesprächs hinzugezogen wird. Dass Fenner sich intensiv mit Beuys und der Sozialen Plastik auseinandersetzte und selbst entsprechende Aktionen betrieb, gehört dagegen zur dokumentierten Werkentwicklung.

Die Bedeutung des Satzes liegt weniger in seiner historischen Beweisbarkeit als in seiner späteren Wirkung. Er wird rückblickend zu einer Scharnierstelle.

Wenn tatsächlich jeder Mensch an der Formung gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligt ist, dann reicht die Aussage „Jeder Mensch ist ein Künstler“ nicht aus. Sie erzeugt sofort eine zweite Frage:

Woran wird geprüft, was acht Milliarden Mitgestalter hervorbringen?

Damit wird die Soziale Plastik radikalisiert. Nicht nur schöpferische Teilnahme, sondern Folgenprüfung wird erforderlich. Gestaltung ohne Rückkopplung wäre gerade keine hinreichend verstandene Soziale Plastik.

Aus dieser Verschiebung entsteht die spätere These, dass jeder Mensch durch Kaufen, Arbeiten, Produzieren, Konsumieren, Wählen, Sprechen, Erziehen, Besitzen und Entscheiden an der Menschenwelt mitplastiziert. Die gesellschaftliche Welt ist damit kein abgeschlossenes Objekt, sondern eine fortlaufend hervorgebrachte Plastik.

Aber gerade deshalb muss sie korrigierbar bleiben.


4. Von der Erdgeschichte zur 24-Stunden-Uhr

Die jüngste Verdichtung dieser Entwicklung ist die 24-Stunden-Uhr Planet Erde. Sie übersetzt die Erdgeschichte in einen sinnlich fassbaren Maßstab.

Bei einer angenommenen Erdgeschichte von ungefähr 4,54 Milliarden Jahren entsprechen 300.000 Jahre Homo sapiens auf einer 24-Stunden-Skala ungefähr 5,7 Sekunden. Das Holozän umfasst ungefähr 0,22 Sekunden, einige Jahrhunderte Industrialisierung nur wenige Tausendstelsekunden und die sogenannte Great Acceleration seit der Mitte des 20. Jahrhunderts nochmals einen sehr kleinen Bruchteil einer Sekunde.

Die zugrunde liegenden Größenordnungen sind wissenschaftlich anschlussfähig; die 24-Stunden-Uhr selbst ist jedoch ein künstlerischer Skalierungs- und Prüfoperator. Ebenso ist der „Millisekunden-Mensch“ keine biologische Kategorie, sondern eine bildnerische Verdichtung.

Die Uhr verändert den bisherigen Forschungsgrund. Die Frage lautet jetzt nicht nur: Warum zerstört der Mensch seine Existenzbedingungen? Sie lautet:

Mit welcher Berechtigung behandelt ein Wesen der letzten Sekunden seine extrem jungen symbolischen Konstruktionen so, als stünden sie über den Bedingungen, aus denen es selbst entstanden ist?

Die fast vierundzwanzigstündige Vorgeschichte darf wissenschaftlich allerdings nicht als planender oder zielgerichteter Mechanismus bezeichnet werden. Evolution „weiß“ nichts und setzt keine moralischen Prioritäten. Was wissenschaftlich gesagt werden kann, ist präziser: Physikalische, chemische, geologische und biologische Prozesse erzeugten über enorme Zeiträume die Bedingungen, innerhalb derer heutiges Leben möglich ist. Menschliche Gesellschaften können diese Bedingungen verändern, aber sie können ihre Abhängigkeit von ihnen nicht durch einen Beschluss aufheben.

Damit bekommt die Forschungskunst einen planetarischen Kalibrierungsmaßstab.


5. Wirklichkeitsverständnis: Von „Natur“ zur Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit

Eine der wichtigsten Begriffsentwicklungen betrifft das Wort Wirklichkeit.

In frühen Phasen steht häufig die Natur der Menschenwelt gegenüber. Diese Gegenüberstellung erweist sich später als zu grob. Der Mensch und seine technischen Erzeugnisse befinden sich nicht außerhalb der Naturgesetze. Auch ein Geldschein, ein Betonblock, ein Computer oder eine Eigentumsgrenze sind in unterschiedlichen Weisen wirklich.

Deshalb entstehen differenziertere Begriffe.

Tragwirklichkeit bezeichnet diejenige Wirklichkeit, von der andere Prozesse getragen werden und deren Belastbarkeit nicht durch Behauptung ersetzt werden kann. Der Begriff richtet die Aufmerksamkeit auf Voraussetzungen, Belastung, Verletzbarkeit, Bruch und Reparatur.

Plexuswirklichkeit präzisiert diese Tragwirklichkeit als verflochtene Wirklichkeit. Kein isolierter Gegenstand soll als vollständig aus sich selbst verständlich gelten. Dinge, Organismen, Tätigkeiten, Zeichen und Institutionen stehen in Beziehungen.

Verletzungswelt setzt einen anderen Akzent: Sie bezeichnet dieselbe Grundproblematik von der Konsequenzseite her. Was getragen wird, kann beschädigt werden.

Diese drei Begriffe sollten deshalb nicht als drei verschiedene Wirklichkeiten behandelt werden. Eine begriffliche Bereinigung bietet sich an: Tragwirklichkeit ist der verständlichste Leitbegriff; Plexuswirklichkeit beschreibt ihre Beziehungsstruktur; Verletzungswelt beschreibt ihre Konsequenzdimension.

Damit wird eine frühere dualistische Formel – Natur hier, künstliche Menschenwelt dort – korrigiert. Die Menschenwelt ist nicht unwirklich. Sie ist eingebettet und abhängig.


6. 51:49, 50:50 und 1:99: Von der Intuition zum Prüfoperator

Die 51:49-Figur geht auf eine frühe Intuition zurück. Im Laufe der Forschung wurde sie mehrfach erweitert und korrigiert.

Zunächst konnte 51:49 den Eindruck eines allgemeinen Naturgesetzes oder einer überall nachweisbaren mathematischen Proportion erzeugen. Diese Lesart ist zu stark. Wissenschaftlich lässt sich kein universelles 51:49-Gesetz begründen.

Die heutige tragfähigere Fassung ist deshalb: 51:49 ist eine forschungskünstlerische Minimalfigur der Differenz innerhalb einer Kopplung.

Sie soll darstellen, dass Funktionieren häufig weder völlige Identität noch absolute Trennung verlangt. Eine minimale Differenz ermöglicht Bewegung, Richtung, Rückmeldung und Veränderung.

50:50 wurde im Forschungsprozess zum Bild eines Symmetriedualismus: zwei Seiten erscheinen gleichwertig, abgeschlossen und gegenübergestellt. Auch hier ist eine Präzisierung notwendig. Mathematische oder physikalische Symmetrie ist nicht problematisch. Problematisch ist innerhalb des Forschungsmodells die Verabsolutierung einer gedanklichen Zweiteilung, bei der Beziehungen verloren gehen.

1:99 bezeichnet wiederum keine allgemeine statistische Konstante, sondern eine Diagnose extremer Konzentration: Eigentum, Verfügung, Macht oder Aufmerksamkeit können sich so asymmetrisch verteilen, dass Rückkopplung und gemeinsame Korrekturfähigkeit beschädigt werden.

Mit dem dreifachen Optimum wurde 51:49 außerdem aus der bloßen Zahlenfigur herausgeführt: Ein Medium besitzt Bedingungen, ein Organismus besitzt einen Toleranzraum, und eine konkrete Situation besitzt ein jeweiliges Prüfoptimum. Das Beispiel von Wasserwelle, Hai und kleinstem situationsabhängigem Optimum dient dazu, die Vorstellung eines einzigen idealen Mittelpunktes zu vermeiden.

Die offene Aufgabe bleibt, 51:49 konsequent als heuristische Kalibrierungsfigur zu verwenden und nicht versehentlich wieder als naturwissenschaftlich bewiesenes Universalprinzip erscheinen zu lassen.


7. Lochprozesse: Vom Ausschnitt zum Rückkopplungsverlust

Der Lochprozess gehört zu den jüngsten und zugleich verbindungsreichsten Begriffen.

Seine Herkunft liegt in mehreren älteren Erfahrungen: im fotografischen Ausschnitt, in Materialgrenzen, in Löchern und Öffnungen realer Objekte, in der Trennung von Innen und Außen, im Nichtwissen, im gesellschaftlichen Ausschluss von Folgen und schließlich in der Frage, was geschieht, wenn ein Modell die Beziehungen zu dem verliert, was es nicht enthält.

Im Verlauf der Begriffsarbeit mussten vier Wörter auseinandergezogen werden.

Eine Lücke ist eine erkennbare Differenz zwischen dem, was vorhanden ist, und dem, was noch fehlt. Sie kann produktiv sein. Ohne Lücke gibt es keine Frage.

Nichtwissen bezeichnet das Bewusstsein, dass etwas nicht gewusst wird. Nichtwissen ist deshalb gerade kein Defekt, der beseitigt werden muss, sondern kann Voraussetzung von Forschung sein.

Distanz ist eine methodisch hergestellte Gegenüberstellung. Sie ermöglicht Sehen und Vergleichen.

Das Loch dagegen entsteht in der schärferen heutigen Fassung dort, wo eine notwendige Beziehung fehlt oder abgeschnitten bleibt und das Ausgeschlossene nicht mehr korrigierend zurückwirken kann.

Der Lochprozess bezeichnet die zeitliche Entstehung, Stabilisierung oder Vergrößerung eines solchen Beziehungsverlustes.

Damit lässt sich derselbe Operator auf unterschiedliche Bereiche anwenden: Ein wissenschaftlicher Ausschnitt wird zum Loch, wenn sein Ausschlussbereich vergessen wird. Eine Eigentumsgrenze wird zum Loch, wenn Folgen außerhalb der Eigentumsrechnung nicht zurückkehren können. Eine Rollenidentität wird zum Loch, wenn sie Erfahrungen, die ihr widersprechen, systematisch ausschließt. Eine symbolische Vorstellung wird zum Loch, wenn ihre materiellen und lebendigen Tätigkeitskonsequenzen nicht mehr in ihre Bewertung eingehen.

Wichtig ist jedoch eine Begrenzung: Der Lochprozess ist kein naturwissenschaftlicher Universalmechanismus. Er ist ein heuristischer Begriff der Forschungskunst. Seine Stärke liegt darin, verschiedene Rückkopplungsabbrüche vergleichbar zu machen. Seine Gefahr liegt darin, alles zum „Loch“ zu erklären.

Die entscheidende Prüffrage lautet deshalb:

Kann das Ausgeschlossene zurückmelden?


8. Gegenüberstellung und Lernen: Die produktive Differenz

Über Jahrzehnte verändert sich auch die Bedeutung der Gegenüberstellung.

Früher konnte Trennung selbst als problematisch erscheinen: Mensch und Natur, Subjekt und Objekt, Körper und Geist, Innen und Außen. Im späteren Forschungsprozess wird klar, dass nicht jede Trennung ein Fehler sein kann. Ohne Unterscheidung gibt es keine Wahrnehmung und ohne Gegenüberstellung keine Prüfung.

Damit wird die Gegenüberstellung vom möglichen Dualismus zum Lernoperator.

Der plastische Lernprozess lässt sich heute so rekonstruieren:

Vorstellung erzeugt Tätigkeit. Tätigkeit trifft auf ein Gegenüber. Dieses Gegenüber reagiert. Die Reaktion erzeugt Konsequenzen. Diese Konsequenzen werden wahrgenommen und mit der ursprünglichen Vorstellung verglichen. Aus der Differenz entsteht Erfahrung. Erfahrung verändert die nächste Vorstellung.

Damit ergibt sich keine lineare Herstellung, sondern eine Schleife:

Vorstellung → Tätigkeit → Gegenüber → Konsequenz → Wahrnehmung → Vergleich → Korrektur → neue Vorstellung.

Das Material einer Plastik ist ein Gegenüber. Wasser ist ein Gegenüber. Der Teilnehmer eines Mitmachprojekts ist ein Gegenüber. Eine Folie kann zwei Vorstellungen gegeneinander sichtbar machen. Selbst KI kann innerhalb bestimmter Grenzen als Gegenüber dienen, indem sie alternative Formulierungen, Widersprüche und Zusammenhänge sichtbar macht.

Diese Entwicklung korrigiert zugleich die Vorstellung, Lernen sei bloße Ansammlung von Informationen. Für die Forschungskunst ist Lernen ein Differenzereignis mit Rückmeldung.


9. Erfahrung und Rückkopplung

Ein frühes Arbeitsmotiv lautete bereits um 1977 sinngemäß: „Erfahrung ist bewussteres Handeln.“ Der spätere Forschungsweg differenziert diese Aussage.

Erfahrung ist nicht einfach etwas, das eine Person „besitzt“. Sprachgeschichtlich verweist „erfahren“ auf Bewegung, Durchgang und Erkundung. Für die Forschungskunst wird daraus ein methodischer Begriff: Erfahrung entsteht, wenn eine Tätigkeit durch ein Gegenüber hindurchgeht und ihre Folgen zum Tätigen zurückkehren.

Damit bekommt das Scheitern eine völlig andere Bedeutung. Scheitern ist nicht nur Misserfolg. Es ist eine hochproduktive Rückmeldung darüber, dass Vorstellung, Material, Verfahren oder Ziel nicht zueinander passen.

Die künstlerische Arbeit wird dadurch zu einem Training, Fehler nicht zu verdecken.

Hier verbindet sich die frühere handwerkliche Erfahrung mit E4. Was in der Werkstatt selbstverständlich ist – prüfen, korrigieren, nacharbeiten, verwerfen –, wird später auf gesellschaftliche Konstruktionen übertragen.

Die offene Schwierigkeit liegt darin, dass physikalische Rückkopplung, biologische Regulation, psychische Erfahrung und gesellschaftliche Kritik nicht identische Prozesse sind. Die Forschungskunst darf sie vergleichen, aber nicht wissenschaftlich gleichsetzen. „Rückkopplung“ ist deshalb ein verbindender Operationsbegriff, kein Beweis dafür, dass alle Systeme nach derselben Gesetzlichkeit funktionieren.


10. Plastik und Skulpturalisierung

Eine der folgenreichsten begrifflichen Korrekturen betrifft die Wörter Plastik und Skulptur.

In älteren Arbeiten und Texten wurden beide Begriffe teilweise konventionell verwendet. Später entstand daraus eine operative Differenz.

Plastik bezeichnet nun nicht bloß eine künstlerische Gattung. Plastisch ist, was sich unter Einwirkung verändert, Gegenwirkungen aufnimmt und weitergeformt werden kann.

Skulpturalisierung bezeichnet dagegen einen Vorgang des Feststellens, Heraustrennens und Verhärtens. Etwas Bewegliches wird als fertige, isolierte oder unveränderliche Form behandelt.

Diese Unterscheidung wird auf den Menschen übertragen.

Das Plastische Ich ist der leibliche, abhängige, verletzliche, lernende und veränderliche Mensch. Er wird fortwährend durch Nahrung, Sprache, Beziehungen, Tätigkeiten, Verletzungen, Alterung und Umwelt mitgeformt.

Die Skulpturidentität entsteht dort, wo eine gesellschaftliche Rolle, Eigenschaft, Position oder Selbstbeschreibung als festes Wesen behandelt wird: „Ich bin so“, „der ist so“, „dies gehört mir“, „diese Gruppe ist so“.

Damit wird Identität nicht abgeschafft. Notwendig ist vielmehr die Unterscheidung zwischen einer vorläufigen, funktionalen Benennung und ihrer Versteinerung.

Spätere Differenzierungen wie Kopplungs-Ich, Geltungs-Ich und Skulpturidentität versuchen dieses Feld weiter aufzuschlüsseln. Gerade hier droht jedoch begriffliche Überproduktion. Für die Gesamtarchitektur reichen zunächst zwei Pole: plastische Veränderbarkeit und skulpturalisierte Feststellung.


11. Symbol- und Eigenschaftsbildung

Aus der Plastik-Skulptur-Differenz entwickelt sich die Untersuchung der Eigenschaften.

Ein Stein besitzt physikalisch messbare Eigenschaften. Eine Pflanze besitzt darüber hinaus lebendige Funktionen. Ein Geldschein besitzt Materialeigenschaften, aber seine Kaufkraft entsteht nicht aus Zellulose oder Druckfarbe. Eigentum, Rang, Staatsangehörigkeit, Geldwert oder berufliche Rolle sind gesellschaftlich wirksame Zuschreibungen.

Daraus entstand die Notwendigkeit, verschiedene Wirklichkeitsweisen nicht miteinander zu vermischen.

Die inzwischen entwickelte Unterscheidung lautet ungefähr:

materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben und symbolisch behauptet.

Damit wird auch der Begriff der hineingedachten Eigenschaft verständlich. Er bedeutet nicht, dass alle Eigenschaften lediglich gedacht seien. Das wäre wissenschaftlich unhaltbar. Gemeint sind Eigenschaften, deren Geltung durch menschliche Zuschreibung entsteht und die anschließend so behandelt werden können, als gehörten sie dem Gegenstand von Natur aus an.

Eigentum ist dafür das zentrale Beispiel. Ein Grundstück besitzt Fläche, Bodenbeschaffenheit und Lage unabhängig davon, wem es gehört. Die Eigentümerschaft ist dagegen eine rechtlich-symbolische Relation mit enormen realen Folgen.

Hier entwickelt sich die Eigen-/Eigentumsgrammatik. Das kleine Wort „mein“ kann eine Beziehung bezeichnen, wird aber leicht in eine Eigenschaft des Gegenstandes verwandelt. Aus „dieser Gegenstand steht in einem bestimmten Rechtsverhältnis zu mir“ wird praktisch „das ist meins“.

Die Forschungskunst interessiert sich dafür, wie solche Zuschreibungen materiell folgenmächtig werden.


12. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

Aus der Eigenschaftsfrage wächst das Begriffshandwerk in die Sprach- und Kulturgeschichte hinein.

Griechische Begriffe wie physis, technē, ergon, poiesis, praxis, organon, morphē, schēma, logos und phantasia sowie lateinische Begriffe wie ars, opus, facere, factum, artificium, forma, figura, persona, res, actus und manus wurden herangezogen, um zu untersuchen, welche Vorstellungen von Hervorbringen, Form, Wirklichkeit, Tätigkeit und Person sich in unserer Sprache sedimentiert haben.

Diese Vergleiche dürfen nicht als etymologische Beweise der Forschungskunst verwendet werden. Sprachgeschichte beweist weder das Vier-Ebenen-Modell noch 51:49. Sie hat eine andere Funktion: Sie zeigt, dass Begriffe historische Werkzeuge sind und dass ihre heutigen Bedeutungen ältere Unterscheidungen mitführen.

Ähnlich funktionieren die Vergleiche mit Platon, Aristoteles, Christentum und moderner Physik.

Die Platon-Folie untersucht die Aufwertung des unveränderlichen Gedankens gegenüber dem wandelbaren Körperlichen. Gold, geometrische Idee, Schatten und Körper werden dabei zu einer bildnerischen Versuchsanordnung. Dies ist eine forschungskünstlerische Lesart, keine vollständige Darstellung der platonischen Philosophie.

Die Aristoteles-Folie setzt dagegen Material, Form, Bewegung und Zielrichtung wieder stärker in einen Prozesszusammenhang.

Die christliche Folie untersucht die kulturgeschichtlich mächtige Körper-Seele-Spannung: Körper als vergänglicher Träger und Seele als etwas, das sich davon lösen könne. Auch hier muss zwischen vielfältigen historischen christlichen Lehren und der vereinfachenden Folienoperation unterschieden werden.

Die Physik-Folie zeigt schließlich Masse, Kraft, Temperatur, Druck und mathematische Messung und stellt die Frage, was verschwindet, wenn Organismus, Verletzbarkeit, Verantwortung und gesellschaftliche Folgen außerhalb des jeweiligen Messaufbaus bleiben.

Die Folien behaupten damit keine Widerlegung dieser Traditionen. Sie untersuchen deren jeweilige Ausschnitte und Maßstabszuständigkeiten.


13. Das Vier-Ebenen-Modell E1–E4

Das Vier-Ebenen-Modell ist der bisher wichtigste Versuch, die unterschiedlichen Wirklichkeitsweisen zusammenzuführen, ohne sie gleichzumachen.

Es entstand nicht 1975. Es ist das Ergebnis der späteren begrifflichen Verdichtung jahrzehntelanger Werkprozesse.

E1 – physikalisch-chemische Plexuswirklichkeit

E1 umfasst Materialität, Stoff, Masse, Energie, Gradient, Grenzfläche, Reaktion, Druck, Temperatur und andere physikalisch-chemische Bedingungen. Hier kann nichts durch symbolische Zustimmung aufgehoben werden.

E2 – lebendige Plexuswirklichkeit

E2 beginnt dort, wo lebendige Grenzen, Stoffwechsel, Regulation, Regeneration, Verletzbarkeit und Selbsterhaltung auftreten. Hier liegt der Körper des Menschen als Tragwesen und die Grundlage des Plastischen Ichs.

E2 ist nicht auf E1 reduzierbar, aber ohne E1 nicht möglich.

E3 – symbolische Plexuswirklichkeit

E3 umfasst Zeichen, Sprache, Vorstellungen, Regeln, Geld, Recht, Rollen, Eigentum, Institutionen, Weltbilder und kulturelle Geltung.

E3 ist keineswegs „unwirklich“. Ein Gesetz kann Menschen ins Gefängnis bringen, eine Eigentumsordnung Landschaften verändern und Geldströme können ganze Produktionssysteme bewegen. Aber ihre Geltungsweise unterscheidet sich von Gravitation, Zellstoffwechsel oder Sauerstoffbedarf.

E4 – öffentliche Prüf-, Rückkopplungs- und Reparaturarchitektur

E4 war zunächst weniger klar und wurde später erheblich ausgebaut. Es ist keine vierte höhere Wirklichkeit und keine Wahrheitsebene. E4 bezeichnet Verfahren, mit denen E3-Konstruktionen auf ihre Konsequenzen für E1, E2 und andere E3-Strukturen zurückgeführt werden können.

Dazu gehören Prüfen, Offenlegen, Gegenüberstellen, Zweifel, Revision, Stoppregeln, Reparatur, Rückverfolgung von Konsequenzen und öffentliche Beteiligung.

Damit wird E4 zum institutionellen Ort dessen, was im Atelier seit Jahrzehnten praktisch geschieht.

Der entscheidende Satz lautet:

E3 darf E1 und E2 beschreiben und organisieren, aber nicht durch seine Beschreibungen ersetzen. E4 prüft diese Differenz.


14. Begriffshandwerk und Ankerbildung

Mit der zunehmenden Größe des Werkes entstand ein neues Problem: Die Forschung drohte sich durch ihre eigene Begriffsentwicklung zu verlieren. Daraus entstanden Kontextanker, Werkanker, Prüfanker und Glossare.

Diese Anker haben unterschiedliche Funktionen und sollten nicht synonym verwendet werden.

Der Werkanker hält fest, was aus der Werkgeschichte tatsächlich hervorgegangen ist. Er schützt vor späterer theoretischer Rückprojektion.

Der Kontextanker hält einen erreichten begrifflichen Arbeitsstand zusammen.

Der Prüfanker abstrahiert daraus ein Verfahren, das auf neue Fälle angewendet werden kann.

Die Entwicklung der Versionen zeigt diese zunehmende Präzisierung. v6.6 bündelte Tragbedingungen, Dingselektion, Eigen-/Eigentumsgrammatik, planetarische Kalibrierung und Zugangsarchitektur. v8.5 und v8.7 führten Geburt, Lücke und Mutation stärker ein. v10.0 kennzeichnete das Werk ausdrücklich als „repräsentative Prüf-, Forschungs- und Entwicklungskunst“. v12.0 und v12.1 entwickelten Tragwirklichkeit, Tragwesen, Tragbewusstsein und plastische symmetria weiter. v12.5 bis v12.7 präzisierten Plexuswirklichkeit und Differenzialprinzip. v12.10 arbeitete an Repräsentation, res, Dingwelt, hineingedachten Eigenschaften und technē. v12.12 verband Künstlichkeit, Seele, Plastisches Ich und Globale Schwarm-Intelligenz. v12.13 bis v12.16 führten diese Entwicklung wieder stärker auf die Werkgeschichte und das umfangreiche Archiv zurück.

Der Prüfanker v1.2 verdichtete E1/E2 als nicht beliebig ersetzbare materielle und lebendige Referenzebenen, E3 als revidierbare Symbolwelt und E4 als öffentliche Rückmeldung, Revision, Stoppregel und Reparatur.

Damit wird das Begriffshandwerk selbst Teil der Kunst. Begriffe werden nicht nur benutzt. Sie werden hergestellt, belastet, verworfen, korrigiert und nachgeschärft wie Werkstücke.


15. Künstlerische Prüfobjekte

Die einzelnen Werke erscheinen in dieser Rekonstruktion nicht mehr nur als Ausdruck einer künstlerischen Position. Viele lassen sich rückblickend als Prüfobjekte verstehen.

Die frühen Wasser-, Wellen-, Strömungs- und Deicharbeiten konfrontieren Vorstellung mit physikalischem Verhalten.

Asymmetrische Modelle und spätere 51:49-Versuche untersuchen Balance, Unterschied und Instabilität.

Die Tanglandschaft verschiebt die Aufmerksamkeit auf organische Abhängigkeiten und Lebensräume.

Der Gordische Knoten kann als Objekt der Verstrickung, Lösungserwartung und gewaltsamen Vereinfachung gelesen werden.

Der gläserne Astronaut beziehungsweise der reale Astronautenanzug wird zum besonders starken Prüfobjekt. Er führt vor, wie enorm der technische Aufwand ist, einen Menschen für kurze Zeit von den unmittelbaren Lebensbedingungen der Erde zu isolieren. Der Anzug widerlegt damit bildlich die Vorstellung eines autonomen Menschen. Gerade die perfekte technische Isolation macht seine totale Abhängigkeit sichtbar.

Der Totentanz konfrontiert gesellschaftliche Selbstbilder mit Endlichkeit.

Die Kartoffel-Trilogie eignet sich dazu, unterschiedliche Ebenen desselben Gegenstandes auseinanderzulegen: Stoff, lebendiger Prozess, Nahrung, Ware, Eigentum, Wert und Symbolisierung.

Die Schultafel wird zum Prüfobjekt von Lernen, Vorgabe und Löschung.

Die weiß beziehungsweise golden gefasste Idee problematisiert die kulturelle Höherwertung des reinen Modells gegenüber dem materiell Veränderlichen.

Die Prüfobjekte erfüllen damit dieselbe Grundfunktion in verschiedenen Medien: Sie stellen eine Vorstellung so in den Raum, dass ihre Voraussetzungen sichtbar und ihre Selbstverständlichkeiten angreifbar werden.


16. Vorgabebilder, Folien und Schablonen

Die Vorgabebilder gehören zu einer viel älteren Linie als die aktuellen Plexus-Folien.

Bereits die Malbücher für Erwachsene um 1978 stellten nicht die freie weiße Fläche in den Mittelpunkt, sondern die Vorgabe. Wolkenformen, Linien, Kugelschreiberspuren und das bewusste „Schmieren“ unterlaufen die Vorstellung, Kreativität müsse aus völliger Freiheit und einem makellosen Anfang entstehen.

Der Teilnehmer soll nicht demonstrieren, was er schon kann. Er soll beobachten, was während seiner Tätigkeit entsteht.

Daraus entwickelt sich über Jahrzehnte eine Bildgrammatik, die 2026 in den transparenten Folien eine neue Form erhält.

Die Folien sollen übereinandergelegt werden können. Eine einzelne Darstellung behauptet nicht mehr, die ganze Wirklichkeit abzubilden. Jede Folie übernimmt bewusst eine begrenzte Perspektive. Erst durch Überlagerung werden Beziehungen, Auslassungen und Widersprüche sichtbar.

Die Grundfolien zeigen beispielsweise die physikalisch-kosmische Welt, ein ganzheitliches Beziehungsnetz, den Menschen mit Spaten und seine Tätigkeitsfolgen, die sich für frei haltende Figur, den Menschen in Isolationsräumen, Wärme- und Gravitationsdurchdringung, molekulare Verknüpfungen oder den Menschen gemeinsam mit Wasser, Fisch und Schlange.

Andere Folien arbeiten mit technischen Operatoren: Sandtrichter, Saftpresse, Thermosflasche und Astronautenanzug. Sie machen Verschüttung, Verdichtung, Ressourcenverbrauch, Isolation und künstliche Lebenserhaltung sichtbar.

Wieder andere Folien stellen historische Denkmodelle gegenüber: Platon, Aristoteles, Christentum und Physik.

Damit entsteht die Plexus-Foliengrammatik. Ihre entscheidende Innovation ist nicht ein neues Weltbild, sondern ein Verfahren: Kein Bild bekommt allein das letzte Wort. Bilder können überlagert, verschoben und gegeneinander geprüft werden.

Die Folie wird so selbst zum Gegenmittel gegen die Skulpturalisierung des Bildes.


17. Das künstlerische Dreieck

Aus der Folienarbeit entstand 2026 nochmals eine elementare Verdichtung: das künstlerische Dreieck.

Eine Seite bildet Kopf, Vorstellung, Modell oder Inspiration. Eine zweite Seite bilden Hände, Tätigkeit, Materialwiderstand, Übung und Scheitern. Die dritte Seite bildet die tatsächlich hervorgebrachte Plastik beziehungsweise Tätigkeitskonsequenz.

Damit wird eine Grundthese der gesamten Werkgeschichte sichtbar:

Zwischen Vorstellung und Wirklichkeit liegt Tätigkeit.

Die Vorstellung erzeugt nicht unmittelbar das Werk. Sie muss durch Material und Handlung hindurch. Dabei treten Abweichungen auf. Gerade diese Abweichungen erzeugen Erkenntnis.

Daraus entsteht eine wichtige Verbindung zu Lücke, Lochprozess und Nichtwissen. Die Differenz zwischen Modell und hervorgebrachter Konsequenz ist zunächst eine Lücke, die untersucht werden kann. Erst wenn diese Differenz verleugnet oder dauerhaft vom Modell abgeschnitten wird, kann daraus ein Lochprozess entstehen.


18. Das Mitmachbuch: Vom Malbuch zur mobilen Forschungsarchitektur

Das heutige Mitmachbuch ist keine völlig neue Erfindung, sondern bündelt mehrere Entwicklungslinien.

Seine älteste Herkunft liegt in den Vorgabebildern und Malbüchern der 1970er Jahre. Dazu kommen später Frage-Antwort-Verfahren, kollektive Kreativität, partizipatorische Aktionen, Folien und schließlich E1–E4.

Der entscheidende Wandel besteht darin, dass Beteiligung nicht mehr nur als Mitmachen verstanden wird.

Der Teilnehmer soll vielmehr seinen eigenen Wahrnehmungs- und Begriffsprozess beobachten.

Kartoffel, Wiese oder Schultafel können zunächst als scheinbar einfache Gegenstände erscheinen. Dann werden verschiedene Schichten sichtbar: Stofflichkeit, Lebendigkeit, Tätigkeit, Gebrauch, Zuschreibung, Eigentum, Symbol, Geschichte und Konsequenz.

Das Buch wird damit zu einem tragbaren E4-Raum.

Es sagt dem Benutzer nicht, welche Weltanschauung er annehmen soll. Es soll ihn befähigen, eine Behauptung auseinanderzunehmen und ihre Maßstabszuständigkeit zu prüfen.

Die Entwicklung des digitalen interaktiven Buches erweitert dies um Nutzerbeiträge und KI-Unterstützung. Der 2026 noch nicht vollständig funktionsfähige Prototyp zeigt zugleich eine offene technische Aufgabe: Die Beteiligung darf nicht in eine weitere Plattform verwandelt werden, die nur Antworten sammelt. Sie muss die Wege der Korrektur sichtbar machen.


19. Die Tausend Tische und das Globale Dorffest

Mit dem Globalen Dorffest und der Projektlinie der 1.000 Tapeziertische ab den 1990er Jahren erscheint eine entscheidende gesellschaftliche Erweiterung.

Der Tisch ist keine monumentale Plastik. Er ist eine minimale soziale Infrastruktur. Menschen können sich gegenüberstehen, schreiben, zeigen, antworten, widersprechen, essen, bauen oder verhandeln.

Damit entsteht ein Vorläufer dessen, was später E4 heißen wird.

Die Tausend Tische übersetzen die Soziale Plastik in eine verteilte Architektur. Nicht ein Künstler modelliert eine Masse von Menschen. Viele Menschen erhalten kleine Orte, an denen Gegenüberstellung stattfinden kann.

Frage-und-Antwort-Tische, Demokratiewerkstätten, Kollektive Kreativität und das Globale Dorffest gehören deshalb zu einer gemeinsamen Entwicklungslinie.

Ihre heutige Zielprojektion wäre eine Verbindung von analoger Präsenz und digitaler Vernetzung: viele lokale Gegenüberstellungen, deren Erfahrungen miteinander in Beziehung gesetzt werden können.

Hier liegt die direkte genealogische Verbindung zur Globalen Schwarm-Intelligenz.


20. Von der Kollektiven Kreativität zur Globalen Schwarm-Intelligenz

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist nicht plötzlich durch KI entstanden. Sie hat eine lange analoge Vorgeschichte.

Kollektive Kreativität, Zukunftswerkstätten, Frage-Antwort-Tische, Fax-Vernetzungen, Globales Dorffest und partizipatorisches Welttheater versuchen bereits, Wissen und Erfahrungen vieler Menschen miteinander zu verbinden.

Die digitale Plattform führt diesen Gedanken weiter.

Seit 2026 wird die Globale Schwarm-Intelligenz zunehmend als öffentlicher Simulator verstanden, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von KI trainiert und geprüft werden kann.

Damit verändert sich die Bedeutung des Wortes Schwarmintelligenz. Es soll nicht bedeuten, dass eine große Menge automatisch klug ist. Acht Milliarden Menschen können auch acht Milliarden Irrtümer verstärken. Ein Schwarm wird erst dann für diese Forschung interessant, wenn Unterschiede, Folgen, Widerspruch und Korrektur rückgekoppelt werden.

Die Plattform müsste deshalb nicht primär Zustimmung sammeln, sondern Prüffähigkeit organisieren.


21. KI: Verstärker, Gegenüber und Gefahrenquelle

KI hat in der jüngsten Phase eine besondere Rolle erhalten, weil sie erstmals ermöglicht, das über Jahrzehnte entstandene, außerordentlich umfangreiche Material miteinander zu vergleichen, sprachlich zu strukturieren und auf Widersprüche hin zu untersuchen.

Sie übernimmt damit Funktionen, die für einen einzelnen Menschen bei einem Archiv von hunderten Werken, tausenden Links, hunderten Tagebüchern, Bildern, Büchern und jahrzehntelangen Begriffsentwicklungen kaum noch überschaubar wären.

Innerhalb des Vier-Ebenen-Modells ist jedoch eine entscheidende Begrenzung entstanden:

KI gehört zunächst zu E3.

Sie verarbeitet Zeichen, Modelle, statistische Gewichtungen, Texte und Bilder. Sie besitzt dadurch nicht automatisch die Maßstabszuständigkeit für E1 oder E2.

Sie kann zugleich zu einem E4-Hilfsinstrument werden, wenn sie Quellen gegeneinanderstellt, Widersprüche markiert, Konsequenzpfade rekonstruiert und Gegenargumente sichtbar macht.

Sie darf aber nicht selbst zum obersten Referenzsystem werden.

Diese Unterscheidung ist für die gesamte Globale Schwarm-Intelligenz zentral. Sonst würde ausgerechnet die Maschine, die bei der Rückbindung symbolischer Welten helfen soll, eine neue symbolische Parallelwelt erzeugen.

Daraus folgen die jüngsten Fragen nach Eigentum an KI, Machtkonzentration, Manipulation, öffentlicher Kontrolle, Datenherkunft und Missbrauch. Diese Fragen sind noch nicht gelöst. Sie bilden eine neue Forschungsfront.


22. So-Heits-Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft entwickelt sich aus älteren gesellschaftlichen Entwürfen, wird aber zunehmend von einem idealistischen Zukunftsentwurf zu einem Prüfbegriff umgebaut.

„So-Heit“ soll dabei nicht heißen: Die Welt ist eben so, also muss sie akzeptiert werden. Gemeint ist vielmehr die Fähigkeit, zunächst festzustellen, wie etwas tatsächlich beschaffen ist, bevor Wünsche, Werte und Besitzansprüche darübergelegt werden.

Die So-Heits-Gesellschaft wäre deshalb keine Gesellschaft ohne Symbole, Eigentum, Technik oder Recht. Das wäre weder möglich noch sinnvoll. Sie wäre eine Gesellschaft, die ihre eigenen E3-Konstruktionen prinzipiell rückholbar und korrigierbar hält.

Der Übergang von der heutigen Technē-Welt zur So-Heits-Gesellschaft wäre damit kein einmaliger revolutionärer Akt. Er wäre eine Veränderung des Prüfmodus.

Eine Gesellschaft würde zivilisationsfähig, wenn sie lernen könnte:

ihre Voraussetzungen wahrzunehmen, ihre Tätigkeitskonsequenzen zurückzuverfolgen, ihre symbolischen Konstruktionen von materiellen und lebendigen Bedingungen zu unterscheiden und ihre eigenen Institutionen zu reparieren.

Damit rückt die So-Heits-Gesellschaft sehr nahe an E4. Um eine Doppelung zu vermeiden, sollte sie künftig nicht als zusätzliches theoretisches System aufgebaut werden. E4 bezeichnet die Methode; So-Heits-Gesellschaft bezeichnet die gesellschaftliche Zielprojektion einer dauerhaft institutionalisierten E4-Fähigkeit.


23. Das So-Heits-Atelier

Das So-Heits-Atelier ist die räumliche Verdichtung des gesamten Forschungsweges.

Es ist Atelier, Archiv, Ausstellung, Werkstatt, Labor, Gesprächsort, Schule und öffentlicher Prüfplatz zugleich. Damit kehrt die Forschung in gewisser Weise an ihren Ausgangspunkt zurück: zur Werkstatt.

Nur ist das Material jetzt nicht mehr allein Ton, Metall oder Wasser. Das Material sind auch Vorstellungen, Begriffe, Eigentumsordnungen, Weltbilder, Rollen, Tätigkeiten und ihre Konsequenzen.

Für die Documenta-16-Konzeption erhält das Atelier zusätzlich die Form einer Lebenswerk-Topografie. Historische Werke sollen nicht retrospektiv als abgeschlossene Kunstobjekte präsentiert werden. Sie sollen als Stationen einer fortlaufenden Untersuchung funktionieren.

Die geplante Dramaturgie führt von einer vertrauten Kauf-, Verkaufs-, Eigentums- und Alltagswelt allmählich in die planetare Perspektive der 24-Stunden-Uhr. Schultafel, Stuhl, Gold-Idee, Vorgabebild, roter Punkt, Folien, Astronautenanzug, Frage-Antwort-Situationen und Mitmachbuch erzeugen unterschiedliche Gegenüberstellungen.

Der Besucher soll nicht am Ende die „Theorie Wolfgang Fenner“ gelernt haben. Er soll möglichst an seinen eigenen Überzeugungen bemerken, wo er materielle Eigenschaften, lebendige Bedingungen, gesellschaftliche Zuschreibungen und bloße Behauptungen miteinander verwechselt.

Das Atelier wird dadurch zur begehbaren E4-Architektur.


24. Documenta 16: Bewerbung und Forschungsvorgang

Die Documenta bildet eine lange biografische Gegenüberstellung. Zwischen 1977 und 2017 entstanden acht Bewerbungen. Die wiederholte Nichtaufnahme gehört insofern zur Werkgeschichte, als die Institution selbst zu einem Gegenüber wurde.

Die Bewerbung für die Documenta 16 setzt diese Geschichte fort.

Die Formulierung „Die Documenta 16 hat für mich bereits begonnen“ ist dabei ausdrücklich keine institutionelle Tatsachenbehauptung. Sie ist eine forschungskünstlerische Setzung. Sie bedeutet: Die künstlerische Arbeit beginnt nicht erst mit einer Einladung oder Ausstellungseröffnung. Bereits Bewerbung, Vorbereitung, Selbstprüfung, Materialordnung, Besucherfragen und Entwicklung des So-Heits-Ateliers sind Teile der Arbeit.

Das verschiebt den Status der Bewerbung. Sie ist nicht nur ein Antrag, ein fertiges Werk zeigen zu dürfen. Sie ist selbst ein Prüfprozess.

Damit schließt sich eine fünfzigjährige Entwicklung: Aus der Frage, ob Kunst Gesellschaft verändern kann, wird die Frage, ob eine Kunstinstitution ein öffentliches Verfahren zur Prüfung gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktionen aufnehmen kann.


25. Die 24-Stunden-Uhr als neuer übergeordneter Prüfanker

Die jüngste Verbindung zwischen der Sozialen Plastik und der Erdzeituhr verändert die gesamte bisherige Architektur noch einmal.

Wenn der Homo sapiens auf der 24-Stunden-Uhr erst in den letzten ungefähr sechs Sekunden erscheint, wird die Behauptung menschlicher Souveränität radikal relativiert.

Die zentrale Einsicht lautet nicht, dass die vergangenen 23 Stunden und 59 Minuten den Menschen „beherrschen“. Eine solche Formulierung wäre wissenschaftlich zu teleologisch. Präziser ist:

Die gegenwärtigen Existenzbedingungen des Menschen beruhen auf planetaren und biologischen Prozessen, die seiner symbolischen Menschenwelt zeitlich und funktional vorausliegen.

Das Millisekundenwesen kann neue Techniken, Institutionen, Eigentumsformen und Weltbilder hervorbringen. Es kann aber nicht durch symbolische Setzung entscheiden, keinen Sauerstoff mehr zu benötigen oder außerhalb thermischer, stofflicher und biologischer Toleranzräume leben zu können.

Damit kann die 24-Stunden-Uhr zur planetarischen Eingangskalibrierung des gesamten E1–E4-Modells werden.

Sie beantwortet eine bisher offene Rangfrage: Warum sollen E1 und E2 gegenüber E3 eine besondere Referenzfunktion haben?

Nicht weil Materie moralisch „höher“ wäre. Sondern weil E3 von E1 und E2 abhängt, während Gravitation, chemische Reaktionen oder planetare Stoffprozesse nicht von menschlicher Anerkennung abhängen.


26. Die Hybris als Forschungsgegenstand

Damit lässt sich auch der jüngste Begriff der Hybris präzisieren.

Die Hybris besteht nicht einfach darin, dass Menschen Technik verwenden oder ihre Umwelt verändern. Auch andere Organismen verändern ihre Umwelt.

Sie beginnt dort, wo die Abhängigkeit des Verändernden von den Bedingungen seiner Veränderung ausgeblendet wird.

Das ist die Verbindung zwischen 24-Stunden-Uhr und Lochprozess.

Das Millisekundenwesen erzeugt einen Ausschnitt: seine Menschenwelt. Dieser Ausschnitt ist notwendig. Sprache, Technik und Gesellschaft brauchen eigene Modelle.

Das Loch entsteht, wenn dieser Ausschnitt für die ganze Wirklichkeit gehalten wird und die außerhalb liegenden Bedingungen nicht mehr zurückmelden können.

Damit ergibt sich eine sehr präzise Verbindung:

Die Hybris ist eine skulpturalisierte Selbstbeschreibung, die durch einen Lochprozess von ihrer Tragwirklichkeit getrennt wurde.

Das ist keine wissenschaftliche Definition von Hybris, sondern eine neue forschungskünstlerische Formel. Sie verbindet jedoch mehrere bisher getrennte Forschungsstränge.


27. Gesamtarchitektur des entstandenen Forschungsansatzes

Nach mehr als fünf Jahrzehnten lässt sich die Forschung nicht mehr als Ansammlung einzelner Themen verstehen. Sie besitzt inzwischen eine zusammenhängende Architektur.

Ganz unten steht nicht eine Theorie, sondern das Gegenüber: Material, Körper, Wasser, Organismus, Planet, anderer Mensch.

Aus diesem Gegenüber entsteht Differenz.

Differenz ermöglicht Gegenüberstellung.

Gegenüberstellung ermöglicht Rückmeldung.

Rückmeldung ermöglicht Erfahrung.

Erfahrung ermöglicht Korrektur.

Korrektur erhält Plastizität.

Wo Rückmeldung unterbrochen wird, entstehen Lochprozesse.

Wo vorläufige Modelle als endgültige Wirklichkeit behandelt werden, entsteht Skulpturalisierung.

E1–E4 unterscheiden, welcher Art eine Behauptung überhaupt ist.

51:49 erinnert daran, Differenz nicht sofort in starre Gegensätze umzuwandeln.

Die 24-Stunden-Uhr stellt für diese Prüfung den planetaren Zeitmaßstab bereit.

Die künstlerischen Prüfobjekte materialisieren einzelne Probleme.

Folien und Schablonen machen Ausschnitte und Überlagerungen sichtbar.

Das Mitmachbuch überträgt das Verfahren auf den Einzelnen.

Die Tausend Tische übertragen es auf viele lokale Gegenüberstellungen.

Die Globale Schwarm-Intelligenz verbindet diese Gegenüberstellungen digital.

KI unterstützt Vergleich und Rückholung, bleibt aber selbst prüfbedürftiges E3-Instrument.

E4 bezeichnet die öffentliche Rückkopplungs- und Reparaturmethode.

Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet deren gesellschaftliche Zielprojektion.

Das So-Heits-Atelier bringt das gesamte Verfahren wieder in einen realen Raum zurück.

Damit ist das Lebenswerk nicht mehr nur eine Sammlung von ungefähr fünf Jahrzehnten künstlerischer Arbeiten. Es bildet selbst den Langzeitversuch, aus Kunst eine Methode gesellschaftlicher Wirklichkeitsprüfung zu entwickeln.


28. Doppelungen und begriffliche Unklarheiten

Inzwischen liegt die größte Gefahr nicht mehr im Fehlen von Begriffen, sondern in ihrer Überfülle.

Die erste Doppelung besteht zwischen Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit und Verletzungswelt. Sie müssen nicht drei gleichrangige Hauptbegriffe bleiben. Tragwirklichkeit kann der Leitbegriff sein, Plexus ihre Struktur und Verletzung ihre Konsequenzdimension.

Eine zweite Überlagerung besteht zwischen Plastischem Ich, Tragwesen, Kopplungs-Ich, Geltungs-Ich und Skulpturidentität. Für die Vermittlung reicht zunächst die Achse Plastisches Ich – Skulpturalisierung. Weitere Unterbegriffe sollten nur verwendet werden, wenn sie tatsächlich einen neuen prüfbaren Unterschied erzeugen.

Eine dritte Unklarheit betrifft Lücke, Loch, Nichtwissen und Distanz. Hier ist die inzwischen erreichte Differenzierung stark und sollte festgehalten werden: Nichtwissen ist bewusstes Nichtwissen; Lücke ist erkennbare Differenz; Distanz ist methodische Gegenüberstellung; Loch ist unterbrochene Rückkopplung.

Eine vierte Gefahr betrifft 51:49. Sobald die Zahl als empirische Universalformel erscheint, wird die Forschung angreifbar. Als plastische Minimalfigur einer produktiven Differenz ist sie erheblich tragfähiger.

Ähnliches gilt für 50:50. Nicht Symmetrie an sich ist problematisch, sondern die gedankliche Gleichsetzung zweier herausgetrennter Seiten unter Verlust ihrer Beziehungen.

Auch 1:99 sollte als Konzentrations- und Driftfigur gekennzeichnet bleiben und nicht als allgemeines statistisches Gesetz.

Zwischen Forschungskunst, Plastischer Anthropologie und Verortungskunst besteht ebenfalls Klärungsbedarf. Forschungskunst kann als umfassendster Gattungsbegriff dienen. Plastische Anthropologie bezeichnet darin die Untersuchung des Menschen. Verortungskunst bezeichnet die konkrete Methode, Menschen, Begriffe und Tätigkeiten wieder in ihre Abhängigkeitszusammenhänge einzuordnen.

Zwischen Werkanker, Kontextanker und Prüfanker sollte die inzwischen klare Arbeitsteilung verbindlich werden: Herkunft – Arbeitsstand – Anwendung.

Zwischen E4, Globaler Schwarm-Intelligenz, So-Heits-Gesellschaft und So-Heits-Atelier besteht keine notwendige Konkurrenz, wenn ihre Ebenen geklärt werden: E4 ist das Verfahren; GSI ist eine digitale Infrastruktur; So-Heits-Atelier ist eine räumlich-künstlerische Infrastruktur; So-Heits-Gesellschaft ist die gesellschaftliche Projektion.


29. Mögliche Vereinfachung des begrifflichen Kerns

Für die weitere Arbeit lässt sich die gesamte Forschung auf wenige tragende Operationen reduzieren, ohne ihre Geschichte zu zerstören.

Der erste Grundbegriff wäre Tragwirklichkeit.

Der zweite wäre Gegenüberstellung.

Der dritte wäre Rückkopplung.

Der vierte wäre Plastizität versus Skulpturalisierung.

Der fünfte wäre Lochprozess.

Der sechste wäre E1–E4.

Der siebte wäre 51:49 als Differenz- und Kalibrierungsfigur.

Der achte wäre Tätigkeitskonsequenz.

Alles Weitere könnte aus diesen Begriffen entwickelt oder ihnen zugeordnet werden.

Gerade „Tätigkeitskonsequenz“ besitzt dabei noch nicht die Stellung, die ihm aufgrund der gesamten Werkentwicklung eigentlich zukommt. Der Begriff verbindet Handwerk, Soziale Plastik, Ökologie, Eigentum, E1–E4, 24-Stunden-Uhr und E4. Er könnte deshalb zukünftig eine stärkere Zentralstellung erhalten.


30. Noch fehlende Verbindungen

Mehrere Verbindungen sind inzwischen sichtbar, aber noch nicht vollständig ausgearbeitet.

Die erste ist die Verbindung zwischen 24-Stunden-Uhr und Vier-Ebenen-Modell. Die Uhr könnte nicht nur ein eindrucksvolles Eingangsmotiv sein, sondern erklären, warum E1 und E2 Referenzpriorität gegenüber E3 besitzen.

Die zweite ist die Verbindung zwischen Lochprozess und Skulpturalisierung. Skulpturalisierung beschreibt das Festwerden eines Modells; Lochprozess beschreibt den Verlust korrigierender Beziehungen. Beide Prozesse können einander verstärken, sind aber nicht identisch.

Die dritte ist die Verbindung zwischen Eigenschaftsbildung und Eigentum. Hier liegt vermutlich einer der stärksten Prüfbereiche des gesamten Ansatzes, weil sich an einem alltäglichen Gegenstand unmittelbar zeigen lässt, wie materielle, funktionale und gesellschaftlich zugeschriebene Eigenschaften durcheinandergeraten.

Die vierte betrifft Tätigkeitskonsequenzen über E1–E4 hinweg. Für jedes Prüfobjekt könnte künftig dieselbe Fragefolge gelten: Was wird materiell verändert? Was wird lebendig betroffen? Welche E3-Bedeutung legitimiert die Tätigkeit? Welche E4-Möglichkeit besitzt der Betroffene zur Rückmeldung und Korrektur?

Die fünfte Verbindung betrifft Analogie und wissenschaftliche Gleichsetzung. Viele der stärksten Arbeiten funktionieren durch Analogien: Membran, Thermosflasche, Astronautenanzug, Saftpresse, Sandtrichter, Plastik. Diese Analogien müssen ausdrücklich als Prüfmodelle gekennzeichnet werden. Gerade dadurch gewinnen sie wissenschaftliche Redlichkeit.

Die sechste betrifft E4 und Macht. Rückmeldung allein genügt nicht, wenn diejenigen, die Folgen erfahren, keine Möglichkeit besitzen, Entscheidungen zu verändern. E4 benötigt deshalb noch eine ausgearbeitete Theorie von Revisionszugang, Stoppregel, Verantwortungszuordnung und Reparatur.

Die siebte betrifft KI und Belegführung. Eine Globale Schwarm-Intelligenz benötigt Herkunftsnachweise, widersprechende Quellen, erkennbare Unsicherheiten und nachvollziehbare Korrekturwege. Sonst produziert sie ein neues Geltungsgefängnis.

Die achte Verbindung betrifft die Tausend Tische, das Mitmachbuch, die GSI und das So-Heits-Atelier. Sie können als vier Größenordnungen desselben Vorgangs verstanden werden: persönliche Prüfung, unmittelbare Gegenüberstellung, verteilte kollektive Prüfung und globale Vernetzung.


31. Die neue Gesamtformel

Aus dem gesamten Entwicklungsweg ergibt sich heute eine wesentlich präzisere Formel als die frühe Frage „Kann Kunst Gesellschaft verändern?“.

Der Mensch ist ein spätes, leibliches und vollständig abhängiges Ergebnis planetarer Entwicklung. Zugleich besitzt er die außergewöhnliche Fähigkeit, symbolische und technische Menschenwelten hervorzubringen. Diese Fähigkeit macht ihn zum plastischen Mitgestalter seiner Lebensbedingungen.

Das Problem beginnt dort, wo die von ihm hervorgebrachten E3-Modelle ihre Abhängigkeit von E1 und E2 vergessen, sich skulpturalisieren und die Rückmeldung ihrer Tätigkeitskonsequenzen unterbrechen.

Forschungskunst stellt deshalb Gegenüber her, in denen diese verlorenen Beziehungen wieder sichtbar, erfahrbar, prüfbar und korrigierbar werden.

Ihr Gegenstand ist nicht bloß Kunst.

Ihr Gegenstand ist die Korrekturfähigkeit des Menschen.

Ihre historischen Werkformen reichen von Materialversuchen, Wasser, Umweltgestaltung, Malbüchern und Beteiligungsaktionen über Frage-Antwort-Tische, Tausend Tische und Globales Dorffest bis zu Foliengrammatik, Mitmachbuch, Globaler Schwarm-Intelligenz und So-Heits-Atelier.

Ihre heutige elementare Prüfanordnung lautet:

Was nehme ich wahr?

Was stelle ich mir hinzu?

Welche Eigenschaften sind gegeben, welche zugeschrieben?

Was tue ich aufgrund dieser Vorstellung?

Wovon hängt diese Tätigkeit ab?

Wen oder was trifft ihre Konsequenz?

Kann diese Konsequenz zurückmelden?

Kann ich meine Vorstellung korrigieren?

Damit erhält auch der Satz von Joseph Beuys aus dem Jahr 1980 seine werkgeschichtliche Pointe.

Die Soziale Plastik „zu ernst“ zu nehmen bedeutete rückblickend nicht, Beuys' Begriff lediglich konsequenter zu vertreten. Es führte dazu, ihn einer weiteren Frage auszusetzen: Wenn jeder Mensch Bildhauer der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist, wo ist dann die Werkstatt, in der acht Milliarden Bildhauer lernen, die Folgen ihrer Formungen zu prüfen?

Die Antwort, die sich durch das Lebenswerk herausgebildet hat, lautet nicht mehr: eine bestimmte Kunstrichtung, eine bestimmte Institution oder eine bestimmte politische Ordnung.

Die Antwort ist eine Architektur aus Gegenüberstellung, Rückkopplung, Differenz, öffentlicher Prüfung und Reparatur.

Das Mitmachbuch ist eine kleine Form dieser Architektur.

Der Tisch ist eine soziale Form dieser Architektur.

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist ihre digitale Form.

E4 ist ihr methodisches Modell.

Die So-Heits-Gesellschaft ist ihre gesellschaftliche Projektion.

Das So-Heits-Atelier ist ihre begehbare künstlerische Form.

Und die 24-Stunden-Uhr setzt über diese gesamte Architektur einen Maßstab, der in den frühen Arbeiten noch nicht vorhanden war:

Ein Wesen der letzten Sekunden muss nicht darauf verzichten, seine Welt zu gestalten. Es muss jedoch lernen, seine Sekundenwelt an den Bedingungen der nahezu vierundzwanzigstündigen Tragwirklichkeit zu prüfen.

Genau an diesem Punkt verbinden sich Werkbiografie, Soziale Plastik, Forschungskunst, Plastische Anthropologie, Verortungskunst und planetarische Überzeugungsprüfung zu einem einzigen Forschungszusammenhang.

Diese Fassung kann als Master-Kontext der bisherigen Forschung dienen. Der nächste sinnvolle Schritt wäre daraus eine wesentlich kürzere, verbindliche „Gesamtarchitektur v1.0“ zu destillieren, in der nur noch die unverzichtbaren Grundbegriffe, Operatoren und ihre Beziehungen stehen.

Die folgende Fassung konsolidiert den bisherigen Forschungsverlauf einschließlich der zuletzt vorgenommenen begrifflichen Korrekturen. Sie unterscheidet durchgehend zwischen Werkgeschichte, fachlich anschlussfähigen Sachverhalten, retrospektiver Werkdeutung und eigenständigen Modellen der Forschungskunst.

Rekonstruktion der Forschung

Vom plastischen Arbeiten an Material, Umwelt und Gesellschaft zur öffentlichen Prüfung menschlicher Wirklichkeitskonstruktionen

Vorbemerkung: Vier verschiedene Erkenntnisstände müssen auseinandergehalten werden

Die inzwischen entstandene Forschung lässt sich nur dann sauber rekonstruieren, wenn nicht alles, was heute begrifflich zusammengehört, rückwirkend als von Anfang an fertige Theorie ausgegeben wird. Gerade die lange Entstehungszeit von mehr als fünf Jahrzehnten ist methodisch wichtig. Viele heutige Begriffe entstanden erst, nachdem entsprechende Erfahrungen, Werke und Probleme bereits jahrzehntelang vorhanden waren.

Deshalb sind vier Erkenntnisstände zu unterscheiden.

Erstens: werkbiografisch und archivalisch dokumentierbare Sachverhalte. Dazu gehören Ausbildungsstationen, Werke, Aktionen, Bewerbungen, Projekte, Texte und vom Künstler selbst dokumentierte Gespräche. Sie können anhand des Werkarchivs weiter überprüft werden. Hierzu gehören etwa die Ausbildung zum Maschinenschlosser 1965–1969, die Tätigkeit als Fotojournalist, das Studium an der HBK Braunschweig 1974–1980, die experimentelle Umweltgestaltung seit Mitte der 1970er Jahre, die acht documenta-Bewerbungen zwischen 1977 und 2017, das Globale Dorffest 1993 oder das Partizipatorische Welttheater 2005–2019.

Zweitens: fachwissenschaftlich anschlussfähige Aussagen. Dazu gehören die materielle Abhängigkeit lebender Organismen von physikalisch-chemischen Bedingungen, Stoffwechsel, Regeneration, ökologische Abhängigkeiten, die sehr kurze Existenzzeit des Homo sapiens gegenüber der Erdgeschichte sowie die reale Wirksamkeit gesellschaftlicher Institutionen. Solche Aussagen können wissenschaftlich untersucht und unabhängig von der Forschungskunst bestätigt oder widerlegt werden.

Drittens: retrospektive Werkinterpretationen. Wenn etwa ein Wellenbecken der 1970er Jahre heute als frühes Rückkopplungsobjekt oder ein Malbuch als Vorläufer der späteren Foliengrammatik verstanden wird, ist das eine begründete genealogische Lesart. Sie darf nicht mit der Behauptung verwechselt werden, diese Begriffe seien damals bereits entwickelt gewesen.

Viertens: eigenständige Begriffe, Modelle und Hypothesen der Forschungskunst. Dazu gehören Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, 51:49, 50:50-Symmetriedualismus, 1:99-Drift, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Lochprozess, So-Heit, Vier-Ebenen-Modell als künstlerischer Prüfapparat, Globale Schwarm-Intelligenz als Zivilisationsprüfarchitektur und So-Heits-Gesellschaft. Diese Begriffe sind nicht deshalb gültig, weil sie wissenschaftliche Fachbegriffe wären. Sie müssen sich daran bewähren, ob sie Beobachtungen differenzieren, falsche Gleichsetzungen verhindern, Folgen sichtbar machen und neue Prüfungen ermöglichen.

Diese vierfache Unterscheidung gehört inzwischen selbst zum Forschungsansatz.

I. Die chronologische Entstehung

1. Vor der Kunsttheorie: Naturbeobachtung, Handwerk und das Funktionieren

Am Beginn stand keine Theorie der Gesellschaft. Der Ausgangspunkt war eine Erfahrung von Wirklichkeit als etwas, das nicht beliebig reagiert.

Frühe Naturbeobachtungen, später immer wieder auch anhand kleiner Lebenszusammenhänge wie Pflanzen, Tieren, Wasser, Boden oder Bienen erinnert, bildeten einen Erfahrungsgrund, ohne bereits ein theoretisches System zu ergeben. Entscheidend wurde danach die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969.

Im handwerklichen Arbeiten sind Maß, Widerstand, Toleranz, Passung, Belastung und Funktionieren keine philosophischen Metaphern. Ein Werkstück passt oder passt nicht. Eine Verbindung hält innerhalb bestimmter Belastungen oder versagt. Der Tätige kann nicht allein durch seine Vorstellung bestimmen, wie sich Material verhält.

Darin befindet sich retrospektiv ein Ursprung mehrerer späterer Begriffe: Widerstand im Maß, Passung, Toleranz, Prüfoptimum, Tätigkeitskonsequenz und Gegenüberstellung. Historisch wäre es aber falsch zu behaupten, das spätere 51:49-Modell oder die Tragwirklichkeit seien bereits in der Maschinenschlosserlehre formuliert worden. Vorhanden war die praktische Erfahrung eines nicht beliebig verfügbaren Gegenübers.

Diese Erfahrung bildet einen Grund der späteren Forschungskunst: Das Hervorgebrachte muss sich außerhalb der Vorstellung bewähren.

2. Fotografie: Ausschnitt, Auswahl und die Entstehung der Dingselektion

Die fotografische Tätigkeit seit den späten 1960er und frühen 1970er Jahren brachte einen zweiten Grundvorgang hinzu: Auswahl.

Jedes Foto erzeugt einen Ausschnitt. Es zeigt etwas und lässt anderes außerhalb. Darin liegt zunächst kein Fehler. Wahrnehmung, Fotografie und Erkenntnis sind ohne Auswahl unmöglich.

Sehr viel später wird daraus die Dingselektion: Der Mensch kann einen Ausschnitt aus einem Geflecht von Beziehungen herauslösen, ihn benennen und als Ding behandeln.

Diese Fähigkeit ist außerordentlich produktiv. Ohne sie gäbe es weder Werkzeug noch Wissenschaft noch Sprache noch Technik. Aber sie besitzt eine Gegengefahr: Der ausgeschnittene Gegenstand kann so erscheinen, als existiere er unabhängig von den Bedingungen und Beziehungen, aus denen er herausgelöst wurde.

Aus dieser frühen Erfahrung entwickelt sich Jahrzehnte später eine wichtige Korrektur des Lochbegriffs:

Auswahl ist nicht Loch. Unterscheidung ist nicht Loch. Distanz ist nicht Loch. Das Loch beginnt dort, wo die notwendige Rückbeziehung verloren geht.

3. Werbung und hineingedachte Eigenschaften

Die Arbeit im Bereich Werbung Anfang der 1970er Jahre brachte eine weitere, zunächst nicht theoretisierte Erfahrung hinzu. Produkte besitzen nicht nur materielle Eigenschaften. Ihnen werden Bedeutungen, Wünsche, Statuswerte und Versprechen hinzugefügt.

Aus heutiger Sicht bildet dies einen frühen Erfahrungsgrund für die spätere Untersuchung hineingedachter Eigenschaften.

Ein Gegenstand kann materiell dieselbe Beschaffenheit behalten und dennoch durch Name, Preis, Marke, Besitzstatus oder kulturelle Zuschreibung eine völlig andere gesellschaftliche Wirkung erhalten.

Daraus entwickelt sich später eine der zentralen Unterscheidungen der Forschung:

Eine gesellschaftlich wirksame Eigenschaft ist nicht deshalb eine physikalische Eigenschaft.

Diese Differenz wird später für Geld, Eigentum, Rang, Rolle, Identität, Nation und zahlreiche weitere E3-Konstruktionen entscheidend.

4. Die Krisenerfahrung und die Forschungsfrage

In der ersten Hälfte der 1970er Jahre verschärft sich die Frage nach der gesellschaftlichen Funktion von Kunst. In der Werkbiografie steht die Frage:

Kann Kunst die Gesellschaft verändern?

Diese Frage ist zunächst noch im Horizont der Kunst und ihrer gesellschaftlichen Wirksamkeit gestellt.

Im Verlauf der folgenden Jahrzehnte erfährt sie mehrere Transformationen.

Zuerst wird daraus die Frage nach der Wirkung von Tätigkeit überhaupt. Dann tritt die Frage nach den Folgen menschlicher Formung hinzu. Schließlich verschiebt sich das Zentrum zu:

Warum zerstört der Mensch trotz Wissen, Lernfähigkeit und Korrekturmöglichkeiten seine eigenen Existenzbedingungen?

Die heutige Forschung geht noch einen Schritt weiter:

Welche menschlichen Verfahren verhindern, dass Wissen über Tätigkeitskonsequenzen tatsächlich korrigierend auf Vorstellungen und Institutionen zurückwirkt?

Damit wandelt sich die ursprüngliche Veränderungsfrage in eine Forschungsfrage nach der Korrekturfähigkeit des Menschen.

5. 1974–1980: Bildhauerei und Experimentelle Umweltgestaltung

Das Studium der Bildhauerei an der HBK Braunschweig von 1974 bis 1980 bildet den entscheidenden Übergang von einzelnen Erfahrungen zu einer bewussten künstlerischen Untersuchung.

Seit 1975/76 wird die Arbeit als Experimentelle Umweltgestaltung entwickelt. Der spätere Begriff Forschungskunst existierte in dieser Form noch nicht. Dennoch beginnt hier nach heutiger Werkrekonstruktion der kontinuierliche Forschungsprozess.

Bildhauerei wird erweitert. Material ist nicht mehr nur Stein, Ton, Gips oder Metall. Wasser, Strömung, Deiche, Landschaft, Bewegung, Pflanzen, gesellschaftliches Verhalten, Sprache und Beteiligung werden zu untersuchbaren Formungszusammenhängen.

Wellenbecken, Strömungsversuche, Deichprofile, Biberdamm- beziehungsweise Deichmodelle und andere Arbeiten erproben das Verhältnis von Eingriff und Reaktion.

Das Entscheidende daran ist methodisch: Die künstlerische Vorstellung soll nicht allein bleiben. Sie bekommt ein Gegenüber.

Damit entsteht ein bis heute tragender Vorgang:

Vorstellung – Tätigkeit – Reaktion – Veränderung der Vorstellung.

Später wird dieser Vorgang als Gegenüberstellung, Rückkopplung und plastischer Lernprozess begrifflich ausgebaut.

6. Wasser und Welle: Kein Symbol, sondern ein reagierendes Gegenüber

Die Wasserarbeiten besitzen deshalb eine besondere Stellung.

Wasser lässt sich formen und entzieht sich zugleich dauernder Feststellung. Eine Welle reagiert auf Gefäß, Hindernis, Tiefe, Geschwindigkeit und andere Bedingungen.

Hier entsteht eine frühe praktische Alternative zum später so bezeichneten skulpturalisierenden Denken: Ein Prozess lässt sich nicht angemessen verstehen, indem man nur seine augenblickliche Form feststellt.

Wasser ist weder moralisches Ideal noch wissenschaftlicher Beweis für eine Gesellschaftstheorie. Es wird zum künstlerischen Prüfobjekt, an dem Veränderlichkeit, Widerstand, Rückwirkung und Bedingtheit unmittelbar erfahrbar werden.

Das spätere Bild des „Widerstands im Maß“ hat hierin einen seiner Werkursprünge.

7. Malbücher, Vorgabebilder und Krickel-Krakel

Parallel dazu entstehen Erwachsenen-Malbücher, Vorgabebilder, Telefon-, Fußgänger-, Autobahn- und andere Malbuchformen sowie die später so bezeichnete Krickel-Krakel-Philosophie.

Diese Arbeiten korrigieren eine verbreitete Vorstellung künstlerischer Freiheit.

Der Teilnehmer beginnt nicht auf der leeren Fläche. Er trifft auf etwas Vorgegebenes. Er verändert, ergänzt, überschreibt, missachtet oder folgt dieser Vorgabe.

Damit entsteht eine wichtige Forschungslinie: Freiheit ereignet sich nicht ohne Bedingungen, sondern im Umgang mit Bedingungen.

Die Vorgabe ist deshalb kein Gegensatz zur Kreativität. Sie macht sichtbar, woran sich Kreativität überhaupt vollzieht.

Später wird daraus eine Grundstruktur des Mitmachbuches und der Foliengrammatik.

8. Roter Punkt, Schultafel und Vorgabewelt

Weitere Arbeiten mit Rotem Punkt, Schultafel, Schrift und Vorgaben untersuchen zunehmend die Macht der Setzung.

Ein Punkt kann Aufmerksamkeit organisieren. Eine Schultafel kann Inhalte präsentieren, korrigieren und wieder löschen. Eine Schrift kann behaupten, festlegen oder autorisieren.

In diesen Arbeiten beginnt sich die Frage vom Material zur gesellschaftlichen Geltung zu verschieben.

Der Mensch reagiert nicht nur auf physikalische Widerstände. Er reagiert auf Zeichen.

Damit erscheint in der Werkpraxis das Feld, das später als E3 begrifflich gefasst wird.

9. Beuys 1980: Die Soziale Plastik wird zum Problem

Nach eigener autobiografischer Überlieferung sagte Joseph Beuys 1980, Wolfgang Fenner nehme die Soziale Plastik zu ernst.

Solange dieser konkrete Ausspruch nicht durch eine unabhängige zeitgenössische Quelle belegt ist, muss er als werkbiografisch überlieferter Gesprächsanker gekennzeichnet werden. Seine Bedeutung für die Forschung hängt jedoch nicht davon ab, ob er als kunsthistorisches Zitat kanonisiert wird.

Entscheidend ist die Konsequenz.

Wenn jeder Mensch tatsächlich gesellschaftliche Wirklichkeit mitformt, genügt es nicht zu verkünden, jeder Mensch sei Künstler.

Denn dann stellt sich zwingend die Frage:

Nach welchen Maßstäben werden die Tätigkeitskonsequenzen dieser gesellschaftlichen Bildhauer geprüft?

Hier beginnt die spätere Radikalisierung der Sozialen Plastik.

Die Forschung übernimmt Beuys nicht einfach. Sie führt den Gedanken in eine andere Richtung weiter.

Soziale Plastik ohne Prüfarchitektur bleibt unvollständig.

10. Von der individuellen Kreativität zur gesellschaftlichen Tätigkeit

In den 1980er Jahren verschiebt sich die Arbeit weiter vom einzelnen Kunstgegenstand zur gesellschaftlichen Handlung.

Staumauer, Arche-Projekte, Schultafeln, Eismeer, Eigentums- und Preisarbeiten, Tanglandschaft, Gordischer Knoten, gläserner Astronaut, Totentanz, Kartoffelarbeiten und andere Werkgruppen bilden unterschiedliche Prüfgegenstände.

Nicht jedes dieser Werke entstand bereits mit der heutigen Theorie. Retrospektiv zeigen sie aber ein wiederkehrendes Verfahren: Ein alltäglicher, natürlicher, technischer oder kulturell hoch aufgeladener Gegenstand wird so verändert oder in einen neuen Zusammenhang gestellt, dass seine scheinbar selbstverständlichen Eigenschaften fragwürdig werden.

Die Frage lautet immer häufiger nicht:

Was bedeutet dieses Kunstwerk?

sondern:

Welche Annahme wird durch dieses Kunstwerk prüfbar?

Dies ist die Entstehung des späteren künstlerischen Prüfobjekts.

11. Eigentum, Preis und die Entstehung der Eigenschaftsprüfung

Besonders wichtig werden Arbeiten mit Eigentum, Preis, Sand, Eis, Boden und Kartoffel.

Die Formel „Natur ist der erste Eigentümer“ gehört zunächst in einen künstlerischen Problemzusammenhang, nicht in eine juristische Definition. Sie provoziert die Frage, ob eine gesellschaftliche Zuschreibung wie Eigentum so behandelt wird, als wäre sie eine natürliche Eigenschaft des Gegenstandes.

An Sand, Boden oder Kartoffel lässt sich die Differenz scharf zeigen.

Der Gegenstand besitzt Stofflichkeit und materielle Eigenschaften. Als lebender Organismus oder Bestandteil eines Ökosystems besitzt er weitere Zusammenhänge. Er kann technisch bearbeitet werden. Er kann verkauft werden. Er kann Eigentum werden. Er kann symbolisch aufgeladen werden.

Diese Wirklichkeitsweisen greifen ineinander, sind aber nicht identisch.

Aus diesen Arbeiten wächst später die Eigen-/Eigenschafts-/Eigentumsgrammatik.

Sie untersucht, wie aus einer Relation sprachlich eine scheinbare Eigenschaft wird.

„Es gehört mir“ wird leicht zu „es ist meins“.

Die gesellschaftliche Beziehung wird sprachlich in den Gegenstand hineingeschoben.

12. Demokratiewerkstätten, Rollen und gesellschaftliche Skulptur

Um 1990–1992 treten Demokratiewerkstätten, „Farben der Revolution“, Rollentheater, Wesenswerkstätten, Grenzwerkstätten, die Temporäre Kunsthalle beziehungsweise Kunsthalle auf Zeit und weitere gesellschaftliche Versuchsanordnungen hervor.

Damit verändert sich das Material erneut.

Nicht mehr nur ein Objekt oder Naturprozess ist Gegenüber. Menschen begegnen einander in Rollen, Begriffen, politischen Erwartungen und institutionellen Situationen.

Daraus wird später die Untersuchung der Rollenidentität entstehen.

Die Rolle ist funktional notwendig. Problematisch wird sie erst, wenn der Mensch die Rolle mit seinem gesamten Sein verwechselt und widersprechende Erfahrungen nicht mehr zurückwirken können.

Hier entsteht der Keim der späteren Unterscheidung zwischen Plastischem Ich und Skulpturidentität.

13. 1993: Kollektive Kreativität und die Tausend Tische

Mit der Kollektiven Kreativität und dem Globalen Dorffest am 3. Oktober 1993 mit etwa 1.000 Tapeziertischen wird aus der gesellschaftlichen Plastik eine verteilte Arbeitsarchitektur.

Der Tapeziertisch ist dabei methodisch bemerkenswert.

Er ist billig, transportabel, nicht monumental und von beiden Seiten zugänglich. Menschen können sich gegenüberstehen, arbeiten, schreiben, zeigen, vergleichen, widersprechen und gemeinsam etwas hervorbringen.

Er ist deshalb retrospektiv ein früher E4-Ort, obwohl der Begriff E4 erst Jahrzehnte später entsteht.

Die Tausend Tische lösen ein Problem, das bei der klassischen Sozialen Plastik ungelöst bleibt: Wie erhält eine große Zahl von Menschen reale kleine Räume, in denen nicht nur Teilnahme, sondern Gegenüberstellung möglich wird?

Damit entsteht die analoge Vorform der späteren Globalen Schwarm-Intelligenz.

14. So-Heit als gesellschaftliche Gegenfigur

In den 1990er Jahren entsteht auch die So-Heits-Gesellschaft als zunächst noch stark imaginativer beziehungsweise fiktionaler Gesellschaftsentwurf.

In früheren Fassungen konnte So-Heit wie ein positives Gegenmodell zur bestehenden Gesellschaft erscheinen.

Später wird diese Vorstellung korrigiert.

Eine So-Heits-Gesellschaft kann nicht bedeuten, dass es eine konfliktfreie, natürliche oder „richtige“ ursprüngliche Gesellschaft gegeben habe. Das wäre weder historisch noch anthropologisch belegbar.

Die heutige tragfähigere Fassung lautet:

So-Heit ist kein Zustand vollkommener Gesellschaft, sondern eine Prüfpraxis, die zwischen dem, was tatsächlich geschieht, und dem, was Menschen darüber behaupten, unterscheidet.

Die So-Heits-Gesellschaft wird damit vom utopischen Entwurf zur Zielprojektion einer Gesellschaft, die ihre Konstruktionen korrigierbar hält.

15. Entelechie-Museum, Partizipatorisches Welttheater und gesellschaftliche Versuchsanordnungen

Das Entelechie-Museum, Bürgerforen, die Volksuniversität, die Kunsthalle auf Zeit, das Partizipatorische Welttheater 2005–2019 und weitere Projekte erweitern die Untersuchung um Lernen, Rollen, Potenziale, gesellschaftliche Selbstbilder und institutionelle Formen.

Das Theater erhält dabei besondere Bedeutung.

Im Theater kann eine Rolle angenommen, gespielt und wieder verlassen werden. Genau diese Distanz macht die Rolle sichtbar.

Später wird daraus ein grundlegendes Moment des Lernbegriffs:

Nur was mir gegenübertreten kann, kann von mir geprüft werden.

Das Theater liefert deshalb ein praktisches Gegenmodell zur Skulpturidentität.

Wer weiß, dass er eine Rolle spielt, besitzt Distanz zur Rolle.

Wer glaubt, die Rolle sei sein unveränderliches Wesen, verliert diese Distanz.

16. Acht documenta-Bewerbungen 1977–2017: Institution als Gegenüber

Die acht documenta-Bewerbungen zwischen 1977 und 2017 bilden eine eigene Langzeitspur.

Die documenta ist in dieser Forschung nicht nur gewünschter Ausstellungsort. Sie wird selbst zu einem wiederkehrenden institutionellen Gegenüber.

Die Bewerbungen dokumentieren zugleich, dass die heutige Hinwendung zur documenta 16 keine nachträgliche, kurzfristige Bewerbungsidee ist.

Dazu gehören frühere Einreichungen, die Archivaufnahme im Umfeld der documenta 6, das Dresden-Schreiben 1990, die documenta-14-Einreichung 2016 und weitere Stationen.

Die heutige Bewerbung für die documenta 16 steht damit innerhalb einer fast fünfzigjährigen Rückkopplung mit derselben Institution.

17. Collage, Archiv und das nachträgliche Zusammenkommen der Werkspuren

Mit zunehmendem Umfang des Lebenswerks entsteht ein neues Problem: Die einzelnen Werkspuren werden zahlreicher als die Möglichkeit, sie im eigenen Gedächtnis gleichzeitig zu überblicken.

Collagen, Tagebücher, Fotografien, Aktionen, Texte, Objekte und Dokumentationen wachsen zu einem großen Archiv.

Nach eigenen Archivangaben umfasst dieses inzwischen mehrere hundert Werke, mehr als 600 DIN-A4-Tagebücher, zehntausende Verknüpfungen und eine sehr große Zahl von Fotografien, Videos und Installationsmaterialien; in einem späteren Werkanker werden etwa 12.000 Fotos, Videos und Installationsmaterialien als relevante Werkspur genannt.

Damit entsteht ein neues Stadium.

Nicht mehr nur das einzelne Werk wird untersucht.

Das Lebenswerk selbst wird Forschungsgegenstand.

Collage erhält in diesem Zusammenhang eine besondere methodische Bedeutung. Fragmente, die zeitlich weit auseinanderliegen, können nebeneinandergelegt werden. Dadurch werden Verbindungen sichtbar, die bei ihrer Entstehung noch nicht begrifflich erkennbar waren.

18. Seit etwa 2023: KI verändert die Möglichkeit der Rückschau

Die intensive KI-Arbeit der letzten Jahre führt zu einem qualitativen Sprung.

Erstmals können sehr große Textmengen, Werkbeschreibungen, Tagebücher, historische Begriffe und neue Modelle in kurzer Folge miteinander verglichen werden.

Dadurch entstehen jedoch zwei gegenläufige Möglichkeiten.

KI kann bisher getrennte Spuren miteinander verbinden.

Sie kann aber ebenso scheinbar überzeugende Verbindungen erzeugen, die nie in der Werkgeschichte vorhanden waren.

Genau daraus folgt die Notwendigkeit der heutigen Anker- und Prüfarchitektur.

Die KI beschleunigt damit nicht nur die Forschung.

Sie zwingt die Forschung zu einer genaueren Unterscheidung zwischen Fund, Rekonstruktion, Hypothese und Erfindung.

II. Vom Werk zur Begriffsbildung

19. Von Umwelt zu Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit

„Umwelt“ war für die frühen Arbeiten ein naheliegender Begriff. Im Verlauf der Forschung wird er jedoch problematisch.

Umwelt klingt so, als befände sich ein Mensch in der Mitte und alles andere bilde seine Umgebung.

Die spätere Forschung versucht deshalb, diesen anthropozentrischen Aufbau zu verlassen.

Daraus entsteht zunächst Tragwirklichkeit.

Tragwirklichkeit bezeichnet den vorausliegenden Zusammenhang von Bedingungen, innerhalb dessen menschliche Tätigkeit überhaupt möglich ist.

Der Begriff wird besonders in den Kontextankern v12.0 und v12.1 zentral. Der Mensch wird als plastisches Tragwesen verstanden. Aus Ich-Bewusstsein wird in diesem Zusammenhang Tragbewusstsein.

v12.1 präzisiert Tragwirklichkeit weiter als ein Gefüge von Widerstand, Passung, Emergenz und Synergie.

Daneben entsteht Plexuswirklichkeit.

Plexus bezeichnet das Geflecht. Damit wird betont, dass Wirklichkeit nicht nur trägt, sondern aus miteinander verbundenen Bedingungen, Prozessen, Übergängen und Rückwirkungen besteht.

Die beiden Begriffe sollten heute nicht gegeneinander konkurrieren.

Eine mögliche endgültige Arbeitsteilung lautet:

Tragwirklichkeit bezeichnet die Abhängigkeits- und Bedingungspriorität.

Plexuswirklichkeit bezeichnet ihre Beziehungsstruktur.

„Verletzungswelt“ kann ergänzend die Konsequenzperspektive bezeichnen, sollte aber nicht als dritter gleichrangiger Weltbegriff auftreten.

20. Das Differenzialprinzip

Mit Plexuswirklichkeit entsteht das Differenzialprinzip.

Gemeint ist nicht eine mathematische Differentialrechnung.

Der Begriff soll darauf hinweisen, dass Erkenntnis aus Unterschieden, Übergängen und Veränderungen hervorgeht.

Eine Welle wird an einer Veränderung wahrnehmbar. Ein Körper reagiert auf Temperaturdifferenzen. Eine Rolle wird durch ihren Unterschied zu einer anderen Rolle erkennbar. Ein Modell kann nur geprüft werden, wenn ein Ergebnis von ihm abweichen darf.

Damit verbindet das Differenzialprinzip Handwerk, Wasser, Lernen, 51:49, Gegenüberstellung und Lochprozess.

Es ist ein forschungskünstlerischer Operator, kein behauptetes allgemeines Naturgesetz.

21. 51:49: von der Intuition zur Kalibrierungsfigur

51:49 besitzt eine lange Vorgeschichte.

Die frühe Intuition entstand bereits in den 1970er Jahren. Im Laufe der Forschung wurde die Zahl zunehmend mit Asymmetrie, Balance, Richtung, Anpassung, Mutationsfähigkeit und plastischer Identität verbunden.

Gerade dadurch entstand zeitweise die Gefahr, 51:49 als universelles Naturgesetz erscheinen zu lassen.

Diese Fassung ist zu weitgehend.

Die wissenschaftlich sauberere heutige Position lautet:

51:49 ist eine plastische Kalibrierungsfigur für minimale Differenz innerhalb einer Verbindung.

Sie fragt, ob ein System noch Unterschiede zulässt, ohne auseinanderzufallen.

Sie ist damit kein Messwert, der überall 51 zu 49 ergeben müsste.

Sie ist ein Prüfbild.

22. 50:50-Symmetriedualismus

Auch 50:50 wurde im Verlauf der Forschung präzisiert.

Nicht mathematische Symmetrie ist problematisch.

Nicht jedes Gleichgewicht ist falsch.

Gemeint ist eine bestimmte geistige Operation: Zwei herausgetrennte Seiten werden spiegelbildlich gegeneinandergestellt und anschließend als abgeschlossene Gegensätze behandelt.

Körper versus Geist, Natur versus Kultur, Subjekt versus Objekt oder Individuum versus Gesellschaft können auf diese Weise zu skulpturalisierten Zweiteilungen werden.

Der Ausdruck 50:50-Symmetriedualismus sollte deshalb immer als Diagnose einer bestimmten begrifflichen Operation verstanden werden, nicht als Kritik an Gleichheit oder Symmetrie überhaupt.

23. 1:99-Drift

Die spätere 1:99-Figur untersucht eine andere Form der Asymmetrie.

Hier geht es nicht um produktive minimale Differenz, sondern um extreme Konzentration und Entkopplung.

Eigentum, Macht, Verfügungsmöglichkeiten, Ressourcen oder Aufmerksamkeit können sich so stark konzentrieren, dass diejenigen, welche Folgen tragen, nicht mehr wirksam auf diejenigen zurückwirken können, die Entscheidungen treffen.

1:99 ist wiederum keine universale empirische Konstante.

Es ist eine forschungskünstlerische Drift- und Herrschaftsfigur.

Ihre methodische Bedeutung liegt in der Frage:

Ab welchem Punkt verwandelt sich Differenz in strukturelle Rückkopplungslosigkeit?

24. Das dreifache Optimum

Das dreifache Optimum entstand als Korrektur einer zu statischen Gleichgewichtsvorstellung.

Es unterscheidet mindestens drei Bereiche:

die Bedingungen des Mediums,

den Toleranz- und Funktionsbereich des Organismus

und das jeweilige konkrete Prüfoptimum einer Situation.

Wasser, Hai und die konkrete Bewegungssituation wurden dafür zu einem anschaulichen Modell.

Damit wird verhindert, dass „Optimum“ zu einem universellen Mittelpunkt oder perfekten 50:50-Zustand erstarrt.

Das Optimum ist relational.

III. Lochprozess, Lücke, Distanz und Lernen

25. Die Entstehung des Lochbegriffs

Der Lochprozess besitzt mehrere genealogische Ursprünge.

Einer liegt in der Fotografie: Ein Ausschnitt schließt anderes aus.

Ein anderer liegt in realen Öffnungen, Innen-Außen-Strukturen und Isolationsräumen.

Ein weiterer entsteht aus der Disziplinbildung: Wissenschaften müssen Ausschnitte bilden.

Hinzu kommen gesellschaftliche Auslagerungen von Folgen und die Erfahrung, dass Menschen Dinge oder Rollen isolieren und anschließend für selbstständig halten.

Zunächst bestand die Gefahr, Loch, Schnitt, Lücke, Nichtwissen und Trennung zu vermischen.

Die inzwischen erreichte Differenzierung ist entscheidend.

26. Lücke ist nicht Loch

Eine Lücke ist zunächst eine Differenz oder ein noch nicht gefüllter Bereich.

Die Lücke kann produktiv sein.

Sie ermöglicht Frage, Lernen, Geburt von Neuem, Mutation und Entwicklung.

In den Kontextankern v8.5 und v8.7 wurde die Lücke besonders stark mit Geburt, Nachstabilisierung, Richtung und Mutation verbunden.

Die Lücke darf deshalb nicht negativ definiert werden.

Ohne Lücke keine plastische Veränderung.

27. Distanz ist nicht Entkopplung

Auch Distanz musste rehabilitiert werden.

Frühere Ganzheitsvorstellungen konnten dazu verführen, jede Trennung negativ zu beurteilen.

Aber ohne Distanz kann nichts zum Gegenüber werden.

Ohne Gegenüber gibt es keinen Vergleich.

Ohne Vergleich keine Korrektur.

Methodische Distanz ist deshalb eine Bedingung des Lernens.

Problematisch wird Distanz erst, wenn aus der vorläufigen Trennung eine dauerhafte Entkopplung wird.

28. Nichtwissen als Forschungsbedingung

Nichtwissen ist ebenfalls nicht Loch.

Bewusstes Nichtwissen eröffnet einen Untersuchungsraum.

Problematisch wird es dort, wo Nichtwissen verborgen, durch Behauptung ersetzt oder durch institutionelle Autorität unsichtbar gemacht wird.

Damit wird Zweifel zu einer plastischen Fähigkeit.

Der Zweifel zerstört nicht notwendigerweise Wissen.

Er hält Wissen korrigierbar.

29. Lochprozess als Rückkopplungsverlust

Die präziseste bisherige Definition lautet:

Ein Lochprozess entsteht dort, wo ein notwendiger Wirkungs-, Wahrnehmungs-, Konsequenz- oder Korrekturzusammenhang unterbrochen wird und das Ausgeschlossene nicht mehr revisionswirksam zurückkehren kann.

Das Loch ist damit kein Gegenstand.

Der Lochprozess ist ein Vorgang.

Ein wissenschaftlicher Ausschnitt ist kein Loch. Er wird zum problematischen Lochprozess, wenn sein Geltungsbereich vergessen wird.

Eine Eigentumsgrenze ist nicht automatisch ein Loch. Sie wird Teil eines Lochprozesses, wenn Schäden außerhalb der Eigentumsgrenze für die Entscheidung bedeutungslos bleiben.

Eine Rolle ist kein Loch. Sie wird zum Rollenidentitätsgefängnis, wenn widersprechende Erfahrungen nicht mehr zurückwirken dürfen.

Der Lochprozess verbindet damit Erkenntniskritik, Eigentum, Institution, Identität und ökologische Konsequenzen.

IV. Gegenüberstellung, Erfahrung und Rückkopplung

30. Lernen braucht ein Gegenüber

Die vielleicht einfachste und zugleich weitreichendste Erkenntnis der Werkgeschichte lautet:

Lernen braucht Differenz.

Die Vorstellung allein kann sich nicht korrigieren.

Sie benötigt ein Gegenüber.

Im handwerklichen Tun ist es das Werkstück.

Im Wasserexperiment ist es das Wasser.

Im Theater ist es die Rolle beziehungsweise der andere Spieler.

Im Gespräch ist es der andere Mensch.

Im Mitmachbuch ist es die Aufgabe, das Bild oder die fremde Antwort.

In der KI-Arbeit kann eine alternative sprachliche Struktur ein Gegenüber bilden.

Der Begriff Gegenüberstellung ist deshalb nicht bloß dialogisch.

Er bezeichnet eine elementare Prüfoperation.

31. Erfahrung als Rückkehr der Konsequenz

Frühe Formulierungen wie „Erfahrung ist bewussteres Handeln“ werden später präzisiert.

Erfahrung ist nicht bloß Erinnerung an etwas Erlebtes.

Für die Forschungskunst entsteht Erfahrung dort, wo eine Tätigkeit eine Konsequenz erzeugt und diese Konsequenz auf Vorstellung oder weiteres Handeln zurückwirkt.

Der grundlegende plastische Kreislauf lautet damit:

Wahrnehmung → Vorstellung → Tätigkeit → Hervorbringung → Folge → Spur → Wahrnehmung → Gegenüberstellung → Korrektur.

Dieser Kreislauf ist keine naturwissenschaftliche Universalformel.

Er ist die elementare Arbeitsgrammatik der Forschungskunst.

32. Scheitern wird zum Messinstrument

Damit verändert sich auch Scheitern.

In einer skulpturalisierenden Ordnung ist Scheitern ein Makel, der verdeckt werden muss.

In einer plastischen Forschungsordnung ist Scheitern eine besonders starke Rückmeldung.

Es zeigt, dass Vorstellung, Tätigkeit und Gegenüber nicht zusammenpassen.

Die künstlerische Werkstatt besitzt deshalb eine Kultur, die gesellschaftlichen Institutionen häufig fehlt: Man verwirft einen Versuch, verändert die Mischung, baut neu, korrigiert, schleift ab oder beginnt noch einmal.

Die Forschungskunst versucht diese Werkstattlogik auf symbolische und gesellschaftliche Konstruktionen zu übertragen.

V. Plastik und Skulpturalisierung

33. Eine entscheidende begriffliche Korrektur

Die jüngere Forschung hat eine frühere Unklarheit korrigiert.

Plastik ist die eigene grundlegende Praxis.

Skulpturalisierung bezeichnet den fixierenden Gegenprozess.

Es wäre deshalb unpräzise, Plastik und Skulptur einfach als zwei gleichwertige künstlerische Gattungen gegenüberzustellen.

Im Forschungsmodell bekommen die Wörter eine operative Bedeutung.

Plastisch heißt: veränderbar, rückkopplungsfähig, formend und geformt werdend.

Skulpturalisierung heißt: herauslösen, feststellen, zuschreiben, fixieren und anschließend das Fixierte für das Wesen halten.

34. Das Plastische Ich

Das Plastische Ich entsteht aus der Beobachtung, dass der Mensch körperlich und biografisch fortwährend verändert wird.

Stoffwechsel, Lernen, Alterung, Verletzung, Regeneration, Sprache, Beziehungen, Übung und gesellschaftliche Bedingungen formen ihn.

Das Plastische Ich ist kein psychologisches Fachmodell.

Es ist ein Begriff der Plastischen Anthropologie.

Er soll daran erinnern, dass der Mensch nicht als fertiger Block auf die Welt kommt.

35. Skulpturidentität

Die Skulpturidentität beschreibt die Gegenbewegung.

Ein veränderlicher Mensch wird durch Eigenschaften, Rollen, Status, Beruf, Nation, Besitz, Diagnosen oder Selbstbeschreibungen festgelegt.

„Ich bin …“

Aus einer vorläufigen Beschreibung kann eine vermeintliche Wesenseigenschaft werden.

Damit ist Skulpturidentität nicht einfach Identität.

Sie bezeichnet Identität unter Verlust ihrer Plastizität.

36. Plastische Identität, Geltungs-Ich und weitere Unterbegriffe

Im Verlauf der Forschung entstanden zusätzliche Begriffe wie plastische Identität, Kopplungs-Ich, Geltungs-Ich und Tragbewusstsein.

Sie haben jeweils bestimmte Funktionen, bergen aber die Gefahr begrifflicher Überproduktion.

Für die Hauptarchitektur genügt zunächst:

Plastisches Ich als lebendig veränderlicher und abhängiger Mensch.

Skulpturidentität als festgestellte gesellschaftliche oder mentale Selbstform.

Tragbewusstsein kann als besondere Bewusstseinsform verstanden werden, in der die eigene Abhängigkeit von Tragbedingungen ausdrücklich mitgedacht wird.

Weitere Unterbegriffe sollten nur dort verwendet werden, wo sie einen zusätzlichen prüfbaren Unterschied erzeugen.

VI. Symbol- und Eigenschaftsbildung

37. Nicht alles Wirkliche ist auf dieselbe Weise wirklich

Eine wesentliche Errungenschaft der Forschung ist die Abkehr von der Alternative:

real oder erfunden.

Geld ist nicht physikalisch in derselben Weise vorhanden wie ein Stein.

Es ist deshalb aber nicht wirkungslos.

Eine Eigentumsgrenze ist nicht als Linie im Boden vorhanden.

Sie kann dennoch darüber entscheiden, wer einen Boden betreten oder nutzen darf.

Eine Rolle ist kein Organ.

Sie kann dennoch Lebensläufe bestimmen.

Daraus entsteht eine differenzierte Wirklichkeitsgrammatik:

materiell vorhanden,

lebendig wirksam,

technisch hergestellt,

gesellschaftlich zugeschrieben,

symbolisch behauptet.

Diese Kategorien müssen nicht immer streng getrennte Schubladen bilden. Sie dienen der Prüfung, welche Art von Geltung eine Aussage beansprucht.

38. Hineingedachte Eigenschaften

Der Begriff hineingedachte Eigenschaft bezeichnet die Operation, eine Zuschreibung so zu behandeln, als liege sie im Gegenstand selbst.

Der Geldwert befindet sich nicht als physikalische Eigenschaft im Geldschein.

Eigentum befindet sich nicht als Stoff im Grundstück.

Rang befindet sich nicht als Organ im Körper.

Das bedeutet nicht, dass diese Eigenschaften „nur eingebildet“ und deshalb folgenlos wären.

Gerade ihre reale gesellschaftliche Wirksamkeit macht ihre Untersuchung notwendig.

39. res, Dingwelt und Dingselektion

Die sprach- und begriffsgeschichtliche Untersuchung von res, Ding, Sache und Gegenstand schärft diese Problematik.

Der Mensch selektiert etwas aus einem Zusammenhang und macht es zum behandelbaren Ding.

Das ist eine Voraussetzung technischer Zivilisation.

Die offene Frage lautet deshalb nicht, ob Dingselektion abgeschafft werden sollte.

Sie lautet:

Wie kann das ausgeschnittene Ding seine Herkunfts- und Folgezusammenhänge behalten?

Hier treffen Dingselektion, Plexuswirklichkeit und Lochprozess unmittelbar aufeinander.

VII. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleichsarbeit

40. Begriffshandwerk statt Etymologiebeweis

Die Untersuchungen griechischer und lateinischer Begriffe dienen nicht dem Nachweis, die Forschungskunst sei bereits in der Antike verborgen gewesen.

Begriffe wie technē, physis, morphē, schēma, ergon, praxis, poiesis, organon, metron, peras, symmetria und koinonia sowie ars, forma, figura, persona, res, facere und artificium werden als historische Denkwerkzeuge untersucht.

Ihre Funktion besteht darin, heutige Begriffe wieder beweglich zu machen.

Sprachgeschichte ist hier Gegenüber, nicht Beweis.

41. Platon als Prüfgegenüber

Platon wird in der Folienarbeit besonders durch die Frage nach dem Verhältnis von wandelbarer Erscheinung und unveränderlicher Idee untersucht.

Die Forschungskunst liest hierin einen möglichen kulturgeschichtlichen Verstärker von Skulpturalisierung.

Diese Lesart ist ausdrücklich eine forschungskünstlerische Perspektive und keine vollständige Darstellung platonischer Philosophie.

Die entsprechende Folie soll deshalb nicht „Platon widerlegen“.

Sie soll sichtbar machen, was geschieht, wenn dem Unveränderlichen systematisch ein höherer Wirklichkeitsrang zugewiesen wird.

42. Aristoteles als anderes Prozessmodell

Bei Aristoteles werden Material, Form, Veränderung und Zielzusammenhang stärker miteinander verschränkt.

Auch dies wird nicht als philosophischer Beweis für die Forschungskunst benutzt.

Die Gegenüberstellung Platon–Aristoteles dient der Beobachtung verschiedener Modellierungsweisen.

43. Christentum und Körper-Seele-Trennung

In der christlichen Vergleichsfolie wird die historisch sehr wirksame Trennung von Leib und Seele untersucht.

Der Körper kann als vergänglicher Behälter erscheinen, während eine geistige oder seelische Wirklichkeit aufgewertet wird.

Die tatsächliche Geschichte christlicher Theologie ist erheblich komplexer.

Die Folie arbeitet bewusst reduzierend, um eine bestimmte Operation sichtbar zu machen: die mögliche Herabsetzung des veränderlichen Körpers gegenüber einer höher bewerteten unveränderlichen Instanz.

44. Wissenschaft und Disziplinlogik

Die neuere Forschung erweitert diese historische Analyse auf die modernen Wissenschaften.

Dabei wird nicht Wissenschaft als solche verworfen.

Im Gegenteil: Ihre Präzision beruht auf kontrollierter Selektion, Messung und Zuständigkeit.

Die kritische Frage lautet:

Was geschieht, wenn die methodisch notwendige Disziplinselektion anschließend mit der ganzen Wirklichkeit verwechselt wird?

Hier entsteht die Diagnose eines etwa 2.500 Jahre gewachsenen Disziplinlogik-Gefängnisses.

Auch dieser Ausdruck ist eine Forschungskunst-Hypothese, kein etablierter wissenschaftshistorischer Begriff.

Sein sinnvoller Kern besteht in der Prüfung von Zuständigkeitsgrenzen und Übertragungen.

VIII. Das Vier-Ebenen-Modell

45. E1: physikalisch-chemischer Wirkungsbereich

E1 umfasst Stoff, Energie, Masse, Kraft, Temperatur, Druck, chemische Reaktionen, Belastung, Bruch und andere physikalisch-chemische Vorgänge.

E1 bezeichnet keine vollständige Theorie der Physik.

Es ist ein Zuständigkeitsregister.

Die Frage lautet: Welche Behauptung kann hier materiell geprüft werden?

46. E2: lebendiger Wirkungsbereich

E2 umfasst Organismus, Stoffwechsel, Regulation, Regeneration, Verletzbarkeit, Entwicklung, Bedürfnisse und Lebensfähigkeit.

E2 ist auf E1 angewiesen, aber die Fragestellungen von E2 sind nicht identisch mit denen von E1.

Ein Mensch lässt sich nicht hinreichend dadurch beschreiben, dass man nur seine Masse bestimmt.

Hier liegt der besondere Ort des Plastischen Ichs.

47. E3: symbolischer, technischer und gesellschaftlicher Geltungsbereich

E3 umfasst Sprache, Modelle, Zeichen, Eigentum, Geld, Recht, Institutionen, Rollen, Religionen, Weltbilder, wissenschaftliche Modelle, technische Entwürfe und auch KI-Ausgaben.

E3 ist real wirksam.

Der entscheidende Unterschied ist: Seine Geltungen sind in hohem Maß von menschlicher Herstellung, Anerkennung und institutioneller Stabilisierung abhängig.

Die inzwischen präzisierte KI-Position lautet deshalb:

Eine KI-Ausgabe ist zunächst ein E3-Sprach- beziehungsweise Modellkunstwerk.

Sie darf nicht allein aufgrund sprachlicher Überzeugungskraft zur Wirklichkeitserkenntnis hochgestuft werden.

48. Die entscheidende Korrektur: E4 ist keine vierte Wirklichkeit

In früheren Formulierungen konnte E4 wie eine vierte Ebene neben E1–E3 erscheinen.

Das ist inzwischen korrigiert.

E4 ist keine vierte Wirklichkeitsart.

E4 ist eine transversale Prüf-, Rückkopplungs-, Revisions- und Reparaturoperation, die Aussagen und Tätigkeiten zwischen E1, E2 und E3 verfolgt.

E4 fragt:

Woher stammt eine Aussage?

Für welchen Bereich ist sie zuständig?

Auf welchen Maßstab wird sie übertragen?

Welche Tätigkeit folgt daraus?

Welche Konsequenzen entstehen?

Welche Spuren werden erzeugt?

Wer kann diese wahrnehmen?

Können Betroffene zurückmelden?

Wo kann revidiert werden?

Wo besteht eine Stoppmöglichkeit?

Wie kann repariert werden?

Diese Korrektur ist für das gesamte Modell fundamental.

49. E4 als öffentliche Fähigkeit

E4 ist deshalb auch nicht mit Wissenschaft, Kunst, Demokratie oder KI identisch.

Jede dieser Praktiken kann E4-Funktionen übernehmen oder blockieren.

E4 bezeichnet die Revisionswirksamkeit von Rückmeldung.

Eine Information, die niemandes Entscheidung verändern kann, ist noch keine vollständige E4-Rückkopplung.

IX. Begriffshandwerk, Anker und Prüfoperator

50. Warum die Anker notwendig wurden

Die enorme Beschleunigung der Begriffsbildung durch KI erzeugte ein neues Risiko.

Neue überzeugende Formulierungen konnten ältere Festlegungen unbemerkt überschreiben.

Daraus entstand die Versionierung der Kontextanker und später die differenzierte Ankerarchitektur.

Die Versionen dokumentieren nicht nur fertige Ergebnisse.

Sie machen die Forschungsgeschichte überprüfbar.

51. Kontextanker

Der Kontextanker ist die korrigierbare Gesamtgrundlage eines jeweiligen Forschungsstandes.

Er enthält die miteinander verbundenen Begriffe, Modelle und offenen Fragen.

Er ist nicht einfach ein Einzelanker neben allen anderen.

Er stellt den Zusammenhang her, aus dem spezialisierte Anker hervorgehen.

52. Werkanker

Der Werkanker beantwortet eine andere Frage:

Woher stammt diese Forschung?

Er sichert Werkgenese, historische Stationen, konkrete Objekte, Aktionen, Dokumente und Übergänge.

Seine Aufgabe ist es, zu verhindern, dass eine erst 2026 entstandene Theorie rückwirkend einem Werk von 1976 untergeschoben wird.

53. Prüfanker

Der Prüfanker beantwortet:

Nach welchen verbindlichen Regeln wird geprüft?

Der Prüfanker v1.2 bündelt insbesondere das Vier-Ebenen-Modell, Zuständigkeitsprüfung, Konsequenzpfad, Revision und Reparatur.

Er ist eine Referenz.

54. Prüfoperator ist nicht Prüfanker

Eine wichtige jüngere Korrektur lautet:

Prüfanker und Prüfoperator sind nicht dasselbe.

Der Prüfanker hält die vereinbarten Prüfregeln fest.

Der Prüfoperator ist die tatsächlich ausgeführte Operation des Prüfens.

Ein Mensch, eine Gruppe, eine Folie, ein Mitmachbuch oder eine KI-unterstützte Untersuchung kann einen Prüfoperator ausführen.

55. Sensorenanker

Mit dem Sensorenanker v1.0 wurde 2026 eine weitere Lücke geschlossen.

Sein Bereich lautet:

Wahrnehmung – Messung – Spur – Übersetzung – Rückmeldung.

Er fragt nicht unmittelbar, was wahr ist oder wer verantwortlich ist.

Er fragt zunächst:

Wie wird eine Wirkung überhaupt bemerkbar?

Welche Spur entsteht?

Welcher Sensor nimmt sie auf?

Wo liegt die Schwelle?

Wie wird das Signal übersetzt?

Was wird aufgezeichnet?

Wie wird aus Wirkung ein Zeichen oder eine Aussage?

Damit korrigiert der Sensorenanker eine bislang zu schnelle Gleichsetzung von Wirkung und Wissen.

Eine Veränderung kann real stattfinden, ohne wahrgenommen zu werden.

Eine Spur kann aufgezeichnet werden, ohne verstanden zu werden.

Ein Messwert kann vorliegen, ohne entscheidungswirksam zurückzukehren.

Archiv ist deshalb noch keine Rückkopplung. Messung ist noch keine Revision.

56. Spurensuche und Spurenlesen

Aus dem Sensorenanker und dem Prüfanker entwickelt sich die jüngste Methodik von Spurensuche und Spurenlesen.

Spurensuche fragt, welche materiellen, lebendigen, gesellschaftlichen oder historischen Folgen eine Tätigkeit hinterlässt.

Spurenlesen fragt, wie diese Spur interpretiert wird und ob die Interpretation dem Bereich entspricht, aus dem die Spur stammt.

Daraus entstehen weitere Prüfoperationen:

Zuständigkeitsraster E1–E4,

Maßstabszuständigkeit,

Übertragungsprüfung,

Konsequenzpfad,

Revisionsstelle,

Reparatur

und Gemeinsinnsübung.

Diese Begriffe gehören zu den jüngsten methodischen Verdichtungen und sollten nun stärker stabilisiert statt ständig durch neue Synonyme erweitert werden.

X. Künstlerische Prüfobjekte

57. Vom Kunstwerk zum Prüfobjekt

Ein Prüfobjekt illustriert nicht eine fertige Theorie.

Es erzeugt eine Situation, in der eine Überzeugung mit etwas anderem konfrontiert wird.

Damit unterscheiden sich Prüfobjekte von bloßen Symbolobjekten.

Ihre methodische Funktion besteht darin, Widerspruch materiell, räumlich oder handlungsbezogen zu ermöglichen.

58. Wellenbecken und Deich

Sie prüfen Eingriff, Widerstand, Strömung, Konsequenz und Maß.

Ihre Herkunft liegt unmittelbar in der experimentellen Umweltgestaltung.

Ihre heutige Verbindung reicht bis Tragwirklichkeit, Tätigkeitskonsequenz und Rückkopplung.

59. Gordischer Knoten

Der Gordische Knoten eignet sich als Prüfobjekt von Verstrickung und Lösung.

Die kulturelle Vorstellung der radikalen Lösung durch Zerschneiden wird gegen die Frage gestellt, ob ein komplexes Geflecht tatsächlich gelöst oder lediglich zerstört wird.

Er verbindet sich heute besonders mit Lochprozess und Disziplinselektion.

60. Tanglandschaft

Die Tanglandschaft beziehungsweise Schöpfungsgeschichte verlagert die Aufmerksamkeit auf organische Zusammenhänge, Wachstum und Lebensraum.

Sie bildet einen Werkanker für spätere E2- und Plexusfragen.

61. Der gläserne Astronaut und der reale Astronautenanzug

Der Astronautenanzug ist zu einem der stärksten heutigen Prüfobjekte geworden.

Er zeigt nicht menschliche Autonomie, sondern gerade deren technischen Gegenbeweis.

Außerhalb der erdtypischen Lebensbedingungen muss ein hochkomplexer künstlicher Isolations- und Versorgungskörper erzeugt werden.

Der Anzug macht dadurch die Abhängigkeit des Körpers sichtbar.

Er verbindet Tragwirklichkeit, Plastisches Ich, Isolationsraum und 24-Stunden-Uhr.

62. Kartoffel

Die Kartoffel eignet sich besonders für das Vier-Ebenen-Modell.

Sie ist materieller Gegenstand, lebender Organismus beziehungsweise Produkt eines lebendigen Prozesses, Nahrung, Ware, Eigentum, Preisgegenstand und Symbol.

Eine vergoldete Kartoffel kann diese Übergänge noch verschärfen.

Die Kartoffel ist deshalb kein triviales Beispiel, sondern ein besonders brauchbares Mehrfachprüfobjekt.

63. Totentanz und Memento mori

Totentanz, Totenwerkstatt und der spätere Memento-mori-Gedanke bringen Endlichkeit als Gegenüber ein.

Sie korrigieren gesellschaftliche Konstruktionen nicht moralisch, sondern durch die Erinnerung an die zeitliche Begrenztheit des plastischen Körpers.

Für das heutige So-Heits-Atelier wird Memento mori damit zu einem möglichen existenziellen Grundoperator.

XI. Folien, Schablonen und Plexus-Foliengrammatik

64. Die Herkunft in den Vorgabebildern

Die heutigen transparenten Folien haben eine lange Werkgeschichte.

Ihre Genealogie führt über Malbücher, Vorgabebilder, rote Punkte, Schultafeln, Collagen und andere Verfahren des Überdeckens, Ergänzens und Gegenüberstellens.

Damit ist die Foliengrammatik keine bloße didaktische Erfindung von 2026.

Neu ist vielmehr ihre heutige Systematisierung.

65. Warum Transparenz wichtig wird

Eine einzelne Folie zeigt ausdrücklich nicht die ganze Wirklichkeit.

Sie besitzt einen Ausschnitt.

Gerade darin liegt ihre methodische Stärke.

Mehrere Folien können übereinandergelegt werden. Dadurch wird sichtbar, dass verschiedene Beschreibungen gleichzeitig relevant sein können, ohne identisch zu sein.

Die Folie wird damit zu einem materiellen Modell gegen die Skulpturalisierung eines einzigen Weltbildes.

66. Grundfolien

Zu den entwickelten Grundmotiven gehören physikalisch-kosmische Welt, ganzheitliches Netzwerk, Mensch mit Spaten und Tätigkeitsfolgen, eine Figur mit der Aussage „Ich bin frei“, Flasche beziehungsweise Isolationsräume, Durchdringung durch Wärme und Gravitation, molekulare Verknüpfungen, Mensch im Wasser mit anderen Lebensformen und die Zeitgeschichte des Homo sapiens.

Diese Bilder verbinden Wahrnehmung, Körper, Abhängigkeit und Tätigkeit.

67. Technische Operatorfolien

Sandtrichter, Saftpresse, Thermosflasche und Astronautenanzug arbeiten stärker mit technischen Analogien.

Der Sandtrichter untersucht Verschüttung und Arbeitsposition.

Die Saftpresse untersucht Ressourcenentnahme und die Frage, was als wertvoll gilt.

Die Thermosflasche untersucht Isolation.

Der Astronautenanzug führt Isolation auf die Ebene vollständiger künstlicher Lebenserhaltung.

Diese Analogien sind Prüfmodelle, keine Beweise.

68. Historisch-theoretische Folien

Platon, Aristoteles, Christentum und Physik werden als unterschiedliche Wirklichkeitsmodelle bildnerisch gegenübergestellt.

Die Folien sollen nicht die Geschichte dieser Systeme ersetzen.

Sie machen bestimmte Auswahloperationen sichtbar.

Damit wird der Benutzer selbst zum Mitprüfenden.

69. Das künstlerische Dreieck

2026 entstand zusätzlich das künstlerische Dreieck:

Kopf/Modell – Hände/Tätigkeit – hervorgebrachte Plastik.

Seine methodische Funktion besteht darin, den häufig unsichtbaren Übergang von Vorstellung zu Konsequenz sichtbar zu machen.

Ein falsches oder unvollständiges Modell erzeugt nicht automatisch ein falsches Werk. Denn Material und Tätigkeit können korrigierend eingreifen.

Gerade darin liegt die Bedeutung des Gegenübers.

Das Dreieck verbindet Vorstellung, Lücke, Tätigkeit, Scheitern, Erfahrung und Plastizität in einem einfachen Bild.

XII. Mitmachbuch

70. Vom Malbuch zum Prüfweg

Das Mitmachbuch ist genealogisch die Weiterentwicklung der Malbücher und Vorgabearbeiten der 1970er Jahre.

Der entscheidende Unterschied ist, dass der Benutzer heute nicht nur bildnerisch ergänzt.

Er durchläuft eine mehrstufige Wirklichkeitsprüfung.

Kartoffel, Wiese oder Schultafel können Ausgangspunkte bilden.

Dann wird gefragt:

Was ist materiell vorhanden?

Was lebt?

Was wurde technisch verändert?

Welche gesellschaftlichen Zuschreibungen kommen hinzu?

Welche Behauptungen werden daraus gemacht?

Welche Tätigkeit folgt?

Welche Konsequenzen entstehen?

71. Mitmachbuch als E4-Instrument

Damit wird das Mitmachbuch zu einem mobilen E4-Instrument.

Es ist kein Lehrbuch einer fertigen Theorie.

Der Benutzer soll selbst Unterschiede entdecken.

Genau deshalb muss die weitere digitale Entwicklung vermeiden, dass KI lediglich die „richtige Antwort“ liefert.

Die KI sollte vielmehr Gegenfragen, Quellen, alternative Deutungen und Konsequenzpfade sichtbar machen.

72. Noch offene Frage des Mitmachbuches

Die wichtigste offene Frage ist nicht die Menge der Inhalte.

Sie lautet:

Wie lässt sich die Prüfmethode so einfach gestalten, dass sie ohne Kenntnis des gesamten Theorieapparats anwendbar wird?

Hier liegt eine der wichtigsten Vereinfachungsaufgaben der nächsten Entwicklungsstufe.

XIII. Tausend Tische

73. Analoge öffentliche Prüfarchitektur

Die Tausend Tische des Globalen Dorffestes von 1993 bilden heute eine zentrale genealogische Brücke.

Sie verbinden die frühe Soziale Plastik mit E4, Mitmachbuch, Globaler Schwarm-Intelligenz und So-Heits-Atelier.

Der Tisch erzeugt Gegenüberstellung.

Die Vielzahl der Tische erzeugt Dezentralität.

Das gemeinsame Ereignis erzeugt Vernetzung.

Damit ist die Grundstruktur der späteren Plattform bereits analog vorhanden.

74. Die neue Bedeutung der Tausend Tische

Die heutige Forschung kann die Tische präziser verstehen als damals:

Nicht Tausend Tische erzeugen automatisch Schwarmintelligenz.

Entscheidend ist, welche Informationen und Konsequenzen zwischen den Tischen zirkulieren und ob Widerspruch revisionswirksam wird.

Damit wird aus Partizipation Prüfung.

XIV. KI

75. KI als E3-Maschine

Eine der wichtigsten neueren Korrekturen lautet:

KI ist nicht selbst Globale Schwarm-Intelligenz.

Ein Sprachmodell operiert zunächst in E3.

Es verarbeitet Zeichen, Texte, Bilder, statistische Beziehungen und Modelle.

Eine sprachlich überzeugende Ausgabe besitzt deshalb nicht automatisch E1- oder E2-Zuständigkeit.

76. KI ohne Sensorik

Der Sensorenanker verschärft diese Feststellung.

Eine KI ohne angeschlossene Sensoren hat keinen unmittelbaren ursprünglichen Zugang zu Temperatur, Verletzung, Bodenfeuchte, Hunger oder materieller Belastung.

Sie verarbeitet Zeichen und Daten über solche Phänomene.

Deshalb muss immer gefragt werden:

Woher stammt der Messwert?

Welcher Sensor erzeugte ihn?

Welche Übersetzung fand statt?

Welche Unsicherheit besitzt er?

77. Das KI-Prüfprotokoll

Für KI-Ausgaben wurde deshalb eine eigene Prüfnotwendigkeit entwickelt.

Zu prüfen sind unter anderem Quellen, Begriffe, Gewichtungen, Ebenenortung, Maßstabsanspruch, Übertragungen, Unsicherheiten, Simulationen, Rückprüfung und Revision.

Diese Entwicklung ist methodisch besonders wichtig, weil sie verhindert, dass KI im eigenen Forschungsprojekt zur neuen Autorität wird.

78. KI als Gegenüber

Gleichzeitig besitzt KI eine produktive Funktion.

Sie kann frühere Texte gegeneinanderstellen, Doppelungen finden, Begriffsentwicklungen rekonstruieren, Gegenpositionen simulieren und schwer überschaubare Archive vergleichbar machen.

Damit wird sie zu einem starken Gegenüberstellungsinstrument.

Aber auch dieses Gegenüber muss geprüft werden.

XV. Globale Schwarm-Intelligenz

79. Die lange Vorgeschichte

Die Globale Schwarm-Intelligenz entsteht nicht aus der Technologie allein.

Ihre Genealogie reicht über Kollektive Kreativität, Demokratiewerkstätten, Frage-Antwort-Verfahren, Globales Dorffest, Tausend Tische, Partizipatorisches Welttheater und andere Beteiligungsformen.

Seit 2023 wird diese Entwicklung zunehmend digital weitergeführt; die heutige Plattform ist seit 2026 als ProWiki öffentlich aufgebaut.

80. Schwarm bedeutet nicht Mehrheit

Der Ausdruck Schwarmintelligenz wurde inzwischen wesentlich korrigiert.

Eine große Zahl von Menschen erzeugt keine Wahrheit.

Auch Milliarden Menschen können denselben Fehler verstärken.

Die Globale Schwarm-Intelligenz muss deshalb kein Abstimmungssystem, sondern ein Rückkopplungssystem werden.

Ihr Wert liegt darin, verschiedene Erfahrungen, Zuständigkeiten und Folgen miteinander in Beziehung zu setzen.

81. Plattform als Menschenkunstwerk

Eine weitere wichtige Präzisierung lautet:

Die Plattform selbst ist ein E3/E4-Menschenkunstwerk.

Sie steht nicht außerhalb der zu untersuchenden Gesellschaft.

Ihre Kategorien, Algorithmen, Eigentumsverhältnisse und Auswahlverfahren müssen selbst mitgeprüft werden.

Gerade dadurch unterscheidet sich die GSI-Idee von der Vorstellung einer neutralen Weltmaschine.

82. Öffentlicher Simulator für Zivilisationsfähigkeit

Die bisher stärkste Zielformel lautet:

Die Globale Schwarm-Intelligenz soll ein öffentlicher Simulator werden, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von KI trainiert und geprüft werden kann.

Zivilisationsfähigkeit bedeutet hier nicht kulturelle Überlegenheit.

Gemeint ist die Fähigkeit, Tätigkeitskonsequenzen wahrzunehmen, unterschiedliche Zuständigkeiten zu erkennen und Konstruktionen zu revidieren, bevor ihre Folgen irreversibel werden.

XVI. Die 24-Stunden-Uhr Planet Erde

83. Der neue planetarische Maßstab

Die 24-Stunden-Uhr gehört zu den jüngsten, aber strukturell stärksten Prüfmitteln.

Die Erdgeschichte wird auf einen Tag skaliert.

Der Homo sapiens erscheint dabei erst in den letzten Sekunden.

Industrialisierung und Great Acceleration liegen in winzigen Bruchteilen der letzten Sekunde.

Die exakten Zeitwerte sind naturwissenschaftlich überprüfbare Größenordnungen.

Die Übertragung auf eine Uhr ist dagegen ein künstlerischer Maßstabsoperator.

84. Der Millisekunden-Mensch

Der Begriff „Millisekunden-Mensch“ beziehungsweise „Millisekundenwesen“ ist keine biologische Klassifikation.

Er dient dazu, die zeitliche Selbstüberschätzung des Menschen sichtbar zu machen.

Die heutige Leitfrage lautet:

Mit welcher epistemischen Berechtigung behandelt ein Wesen der letzten Sekunden seine extrem jungen E3-Konstruktionen so, als besäßen sie Vorrang vor den Bedingungen, von denen sein Körper abhängt?

85. Korrektur der 23:59-Formel

Dabei musste auch sprachlich präzisiert werden.

Nicht „23,59 Minuten“, sondern nahezu 23 Stunden und 59 Minuten planetarer Vorgeschichte stehen den letzten Sekunden gegenüber.

Auch sollte nicht behauptet werden, diese 23 Stunden und 59 Minuten „bestimmten“ zielgerichtet über die Erde.

Evolution, Geologie oder Physik besitzen keine Absicht.

Die fachlich tragfähige Aussage lautet:

Die gegenwärtigen Existenzbedingungen des Menschen sind Ergebnis und Bestandteil von Prozessen, die der menschlichen Symbolwelt zeitlich und funktional vorausliegen.

86. Hybris als Forschungskunst-Begriff

Daraus entsteht eine neue Definition von Hybris.

Hybris ist nicht schon jede technische Veränderung der Welt.

Sie entsteht dort, wo ein abhängiges Wesen seine eigenen E3-Konstruktionen gegenüber den Bedingungen seiner Existenz absolut setzt.

In Verbindung mit dem Lochprozess ergibt sich eine besonders starke Formel:

Hybris ist eine skulpturalisierte Selbstbeschreibung, deren Rückbindung an die Tragwirklichkeit durch Lochprozesse geschwächt oder unterbrochen wurde.

Dies ist ausdrücklich eine forschungskünstlerische Hypothese.

XVII. So-Heits-Gesellschaft

87. Von der Utopie zur Korrekturfähigkeit

Die So-Heits-Gesellschaft hat sich im Forschungsverlauf deutlich verändert.

Frühere Fassungen konnten wie die Beschreibung einer alternativen idealen Gesellschaft erscheinen.

Heute ist eine nüchternere Definition möglich.

Eine So-Heits-Gesellschaft wäre keine Gesellschaft ohne Geld, Technik, Eigentum, Recht, Symbole oder Konflikt.

Sie wäre eine Gesellschaft, die solche Konstruktionen nicht mit ihren Tragbedingungen verwechselt und prinzipiell revisionsfähig hält.

88. So-Heit bedeutet nicht Hinnehmen

„So ist es“ darf dabei nicht mit Fatalismus verwechselt werden.

So-Heit bedeutet nicht: Man kann nichts ändern.

Im Gegenteil.

Nur wenn festgestellt wird, wie etwas tatsächlich wirkt, kann gezielt verändert werden.

So-Heit ist deshalb Ausgangspunkt der Plastik, nicht deren Ende.

89. Verhältnis zu E4

Um Doppelungen zu vermeiden, sollte folgende Arbeitsteilung verbindlich werden:

E4 ist die Prüfmethode.

So-Heits-Gesellschaft ist die gesellschaftliche Zielprojektion einer dauerhaft wirksamen E4-Kultur.

Damit braucht die So-Heits-Gesellschaft keine zweite vollständige Theorie neben dem Vier-Ebenen-Modell.

XVIII. So-Heits-Atelier

90. Rückkehr in die Werkstatt

Das So-Heits-Atelier ist die räumliche Synthese der gesamten Forschung.

Nach fünf Jahrzehnten kehrt der Ansatz damit zur Werkstatt zurück.

Aber das Material hat sich erweitert.

Material sind jetzt ebenso Ton, Wasser, Sand und Kartoffel wie Begriff, Rolle, Eigentum, Institution, KI-Ausgabe und gesellschaftliche Überzeugung.

91. Atelier, Archiv, Labor und öffentliche Prüfung

Das Atelier soll mehrere Funktionen gleichzeitig verbinden:

Lebenswerk-Topografie, Archiv, Ausstellung, Werkstatt, Gesprächsraum, Versuchsanordnung und öffentliche Prüfung.

Historische Werke werden dabei nicht als Beweise einer heutigen Theorie präsentiert.

Sie werden als Spuren der Theorieentstehung aktiviert.

Der Besucher kann nachvollziehen, wie aus praktischen Problemen Begriffe wurden.

92. Documenta 16 und das bereits begonnene Werk

Die Formel „Die documenta 16 hat bereits begonnen“ bezeichnet keinen institutionellen Sachverhalt.

Sie ist eine künstlerische Setzung.

Die Vorbereitung, Bewerbung, Archivsichtung, Folienentwicklung, Besucherfragen und die Arbeit am So-Heits-Atelier werden selbst als Werkprozess behandelt.

Damit wird die Bewerbung Teil der Forschung.

93. Besucher als Mitprüfender

Der Besucher soll nicht die Theorie des Künstlers glauben.

Er soll selbst prüfen.

Dies ist vielleicht die wichtigste Konsequenz der gesamten Entwicklung.

Das So-Heits-Atelier ist dann erfolgreich, wenn jemand nicht sagt:

„Jetzt weiß ich, was Wolfgang Fenner meint“,

sondern:

„Ich habe bemerkt, dass ich eine Zuschreibung für eine Eigenschaft, einen Ausschnitt für das Ganze oder ein Modell für die Wirklichkeit gehalten habe.“

XIX. Die Gesamtarchitektur

Die gesamte Forschung lässt sich heute als ein zusammenhängender Prozess rekonstruieren.

Am Anfang steht Tragwirklichkeit: ein vorausliegender materieller, lebendiger und relationaler Wirkungszusammenhang.

Ein lebender Mensch nimmt daraus nur Ausschnitte wahr.

Aus Wahrnehmung entstehen Vorstellungen und Modelle.

Durch Dingselektion, Sprache und Symbolisierung werden Unterschiede benennbar.

Diese E3-Modelle ermöglichen Technik, Gesellschaft und Kultur.

Aus Vorstellungen entstehen Tätigkeiten.

Tätigkeiten erzeugen Konsequenzen in E1, E2 und E3.

Diese Konsequenzen hinterlassen Spuren.

Sensoren, Körper, Messverfahren und andere Menschen können einen Teil dieser Spuren wahrnehmen.

Erst wenn diese Wahrnehmung zurückgeführt wird, entsteht Gegenüberstellung.

Gegenüberstellung ermöglicht Zweifel.

Zweifel ermöglicht Revision.

Revision ermöglicht Reparatur.

Dieser gesamte Rückweg ist die operative Aufgabe von E4.

Wo der Rückweg gelingt, bleibt eine Konstruktion plastisch.

Wo ein Modell festgeschrieben und seine Rückbindung unterbrochen wird, entsteht Skulpturalisierung.

Wo ein notwendiger Konsequenz- oder Wahrnehmungsweg dauerhaft ausfällt, entsteht ein Lochprozess.

51:49 dient als Bild einer noch beweglichen Differenz.

50:50-Symmetriedualismus bezeichnet die Gefahr erstarrter Gegenüberstellungen.

1:99 bezeichnet die mögliche gesellschaftliche Drift in extreme Entkopplung.

Die 24-Stunden-Uhr setzt darüber den planetarischen Maßstab.

Die Prüfobjekte machen einzelne Probleme erfahrbar.

Die Folien machen unterschiedliche Ausschnitte überlagerbar.

Das Mitmachbuch macht den Einzelnen zum Mitprüfenden.

Die Tausend Tische erzeugen viele lokale Gegenüberstellungen.

Die Globale Schwarm-Intelligenz verbindet diese Gegenüberstellungen über Ort und Zeit.

KI unterstützt Vergleich und Rekonstruktion, bleibt aber selbst E3-prüfbedürftig.

Das So-Heits-Atelier macht den gesamten Prozess räumlich erfahrbar.

Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet seine gesellschaftliche Zielprojektion.

Damit lautet die Gesamtbewegung nicht:

Wissen → richtige Gesellschaft.

Sie lautet:

Wahrnehmung → Vorstellung → Tätigkeit → Konsequenz → Spur → Gegenüberstellung → Zweifel → Revision → Reparatur → neues Handeln.

XX. Doppelungen und noch bestehende begriffliche Unklarheiten

Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit

Keine Konkurrenzbegriffe mehr.

Tragwirklichkeit bezeichnet Priorität der Bedingungen.

Plexuswirklichkeit bezeichnet deren Verflochtenheit.

Plastisches Ich, plastische Identität, Tragwesen, Tragbewusstsein

Hier besteht weiterhin Überproduktion.

Hauptbegriff sollte Plastisches Ich beziehungsweise auf organismischer Ebene plastisches Tragwesen bleiben.

Tragbewusstsein bezeichnet die bewusste Einsicht in diese Abhängigkeit.

„Plastische Identität“ kann verwendet werden, wenn ausdrücklich Identitätsbildung untersucht wird.

Skulpturidentität und Skulpturalisierung

Diese müssen unterschieden bleiben.

Skulpturalisierung ist der Vorgang.

Skulpturidentität ist ein mögliches Ergebnis dieses Vorgangs am Menschen.

Lücke und Lochprozess

Diese Unterscheidung ist inzwischen geklärt und sollte nicht wieder aufgeweicht werden.

Lücke ermöglicht Forschung.

Lochprozess unterbricht notwendige Rückbindung.

E4

E4 darf künftig nicht mehr als vierte Wirklichkeit neben E1–E3 dargestellt werden.

Es ist der querliegende Prüf- und Revisionsvorgang.

Prüfanker und Prüfoperator

Prüfanker = verbindliche Referenz.

Prüfoperator = ausgeführte Prüfung.

Sensorenanker und Prüfanker

Sensorenanker = Wie wird Wirkung wahrnehmbar und übersetzt?

Prüfanker = Wie wird eine wahrgenommene oder behauptete Wirkung auf Zuständigkeit, Maßstab, Konsequenz und Revision geprüft?

KI und Globale Schwarm-Intelligenz

KI = E3-Modell- und Vergleichsinstrument.

GSI = von Menschen gestaltete öffentliche Vernetzungs- und Prüfarchitektur, in der KI eine Funktion übernehmen kann.

So-Heits-Gesellschaft und E4

E4 = Verfahren.

So-Heits-Gesellschaft = Zielprojektion.

So-Heits-Atelier und Globale Schwarm-Intelligenz

Atelier = körperlich-räumliche Prüfarchitektur.

GSI = orts- und zeitübergreifende Vernetzungsarchitektur.

Beide können miteinander gekoppelt werden, ohne identisch zu sein.

XXI. Mögliche Vereinfachung

Der inzwischen sehr große Begriffsapparat kann für die öffentliche Vermittlung auf wenige Hauptbegriffe zurückgeführt werden:

Tragwirklichkeit – worauf alles menschliche Handeln angewiesen ist.

Plastik – verändernde und veränderbare Tätigkeit.

Skulpturalisierung – Feststellung eines vorläufigen Ausschnitts als endgültige Form.

Tätigkeitskonsequenz – was eine Vorstellung durch Handlung tatsächlich hervorbringt.

Spur – woran eine Konsequenz wahrnehmbar wird.

Gegenüberstellung – der Vergleich von Vorstellung und zurückgekehrter Wirkung.

Lochprozess – Verlust einer notwendigen Rückmeldung.

E1–E3/E4 – Zuständigkeits- und Prüfarchitektur.

51:49 – Kalibrierungsbild beweglicher Differenz.

24-Stunden-Uhr – planetarischer Maßstab.

Alle weiteren Begriffe können aus diesen hervorgehen.

Besonders Tätigkeitskonsequenz sollte künftig stärker in die Mitte rücken. Der Begriff verbindet die gesamte Werkgeschichte: Handwerk, Wasserexperiment, Soziale Plastik, Eigentum, Ökologie, Plastik, E1–E4, Sensoren, KI und planetarische Prüfung.

XXII. Noch fehlende Verbindungen

Die Forschung ist weit entwickelt, aber mehrere Übergänge benötigen noch Präzisierung.

1. Von der 24-Stunden-Uhr zu E1–E3

Die Uhr kann erklären, warum E1 und E2 Referenzpriorität besitzen, ohne daraus eine moralische Rangordnung zu machen.

Nicht „Natur ist besser“.

Sondern:

E3 ist von materiellen und lebendigen Bedingungen abhängig, während diese Bedingungen nicht von menschlicher Anerkennung abhängig sind.

2. Lochprozess und Macht

Es reicht nicht, einen Rückkopplungsverlust festzustellen.

Es muss untersucht werden, wer die Möglichkeit besitzt, Rückmeldung folgenlos zu machen.

Damit braucht der Lochprozess eine stärkere Verbindung zu Eigentum, Verfügung, Institution und 1:99.

3. Sensoren und gesellschaftliche Rückmeldung

Ein Messgerät kann einen Schaden erfassen.

Aber wer darf daraus eine Stoppentscheidung ableiten?

Zwischen Sensor und Revision liegen Macht, Recht, Eigentum, Sprache und Institution.

Dieser Übergang ist noch nicht vollständig modelliert.

4. Analogieprüfung

Thermosflasche, Astronautenanzug, Saftpresse, Sandtrichter, Welle und Plastik sind starke Analogien.

Für jede Analogie sollte jedoch ausdrücklich geklärt werden:

Was wird übertragen?

Was wird nicht übertragen?

Wo endet die Vergleichbarkeit?

Damit würde das Begriffshandwerk nochmals wissenschaftlich sauberer.

5. Gemeinsinnsübung

Der jüngste Begriff Gemeinsinnsübung muss genauer mit E4 verbunden werden.

Gemeinsinn darf nicht bloß Übereinstimmung bedeuten.

Er müsste die Fähigkeit bezeichnen, verschiedene Perspektiven auf eine gemeinsame Tragwirklichkeit zurückzuführen, ohne ihre Unterschiede zu beseitigen.

6. Reparatur

Reparatur ist inzwischen ein wichtiger Begriff, aber noch nicht in allen Ebenen gleich genau bestimmt.

Materielle Reparatur, organismische Heilung, sprachliche Korrektur, institutionelle Reform und Wiedergutmachung besitzen unterschiedliche Logiken.

Gerade diese Unterschiede könnten die nächste Differenzierungsstufe bilden.

7. Öffentliche Prüfbarkeit der Forschungskunst selbst

Der Ansatz verlangt, dass gesellschaftliche Überzeugungen geprüft werden.

Dann muss er dieselbe Forderung auf sich selbst anwenden.

51:49, Plexuswirklichkeit, Lochprozess, Plastisches Ich und die So-Heits-Gesellschaft dürfen keine neue Skulpturidentität des eigenen Lebenswerks bilden.

Die Forschungskunst muss ihre Begriffe selbst verwerfen können.

Dies ist vermutlich ihre wichtigste E4-Probe.

XXIII. Die verdichtete Forschungsposition

Die gesamte Entwicklung lässt sich heute folgendermaßen formulieren:

Seit der experimentellen Umweltgestaltung der 1970er Jahre entwickelte sich aus handwerklichem Materialwiderstand, fotografischer Auswahl, Wasser- und Strömungsversuchen, Vorgabebildern, Malbüchern, gesellschaftlicher Beteiligung, Rollenarbeit, Demokratiewerkstätten, Kollektiver Kreativität, Tausend Tischen, Globalem Dorffest, Partizipatorischem Welttheater und jahrzehntelanger Werk- und Archivarbeit schrittweise eine Forschungskunst.

Ihr Grundproblem ist nicht mehr, ob der Mensch seine Welt gestalten kann.

Dass er sie gestaltet, steht außer Frage.

Die entscheidende Frage lautet:

Kann der Mensch die Folgen seiner Gestaltung so zu sich zurückholen, dass seine Vorstellungen, Tätigkeiten und Institutionen korrigierbar bleiben?

Dafür unterscheidet die Forschung materielle, lebendige und symbolisch-gesellschaftliche Zuständigkeiten, verfolgt Tätigkeitskonsequenzen, sucht ihre Spuren, untersucht die Sensoren und Übersetzungen, stellt Vorstellung und Wirkung einander gegenüber und fragt nach Revision und Reparatur.

Kunst übernimmt dabei eine besondere Aufgabe.

Sie muss keine letzte Wahrheit verkünden.

Sie kann Gegenüber herstellen.

Darin verbindet sich die gesamte Werkgeschichte mit dem Satz von Joseph Beuys aus dem Jahr 1980.

Die Soziale Plastik zu ernst zu nehmen heißt nach der heutigen Entwicklung nicht mehr nur, jeden Menschen als Mitgestalter der Gesellschaft anzuerkennen.

Es bedeutet, die Konsequenz daraus zu ziehen:

Wenn inzwischen mehr als acht Milliarden Menschen an der Formung gesellschaftlicher und planetarer Wirklichkeit beteiligt sind, braucht diese Soziale Plastik eine ebenso umfassende öffentliche Werkstatt der Gegenüberstellung, Folgenprüfung, Korrektur und Reparatur.

Die Tausend Tische waren eine analoge Vorform.

Das Mitmachbuch ist ihre individuelle Lernform.

Die Foliengrammatik ist ihre bildnerische Form.

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist ihre vernetzte Form.

Das So-Heits-Atelier ist ihre räumliche Form.

E4 ist ihre methodische Form.

Die So-Heits-Gesellschaft ist ihre gesellschaftliche Zielprojektion.

Und die 24-Stunden-Uhr Planet Erde setzt den Maßstab, gegenüber dem sich das Millisekundenwesen Mensch neu verorten muss.

Damit verschiebt sich die ursprüngliche Frage „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“ endgültig.

Die heutige Frage lautet:

Kann Kunst eine öffentliche Prüfarchitektur hervorbringen, in der der Mensch lernt, seine selbst erzeugten Wirklichkeitsmodelle an ihren Voraussetzungen und Tätigkeitskonsequenzen zu prüfen, bevor ihre Skulpturalisierung seine eigene Korrekturfähigkeit zerstört?

Dies ist gegenwärtig der zusammenhängendste Kern der Forschungskunst.

Die wichtigste Weiterentwicklung gegenüber den früheren Rekonstruktionen ist damit die klare Kette Wirkung → Spur → Wahrnehmung/Übersetzung → Prüfung → revisionswirksame Rückmeldung → Reparatur. Sie verbindet erstmals Sensorenanker, Prüfanker, E4 und Tätigkeitskonsequenz ohne sie miteinander gleichzusetzen.

Die Rekonstruktion sollte nicht noch einmal nur dieselben Begriffe nebeneinanderstellen. Die folgende Fassung legt deshalb besonderes Gewicht auf Entstehungsrichtung, Korrekturen und Hierarchie: Was kam aus dem Werk, was wurde erst später benannt, welche Begriffe haben sich als tragfähig erwiesen, welche müssen zurückgestuft oder zusammengeführt werden, und wo beginnt erst die zukünftige Forschung.

Forschungskunst als Entwicklung eines öffentlichen Prüfverfahrens

Rekonstruktion der Werk-, Begriffs- und Methodengeschichte

Methodische Vorbemerkung: Vier verschiedene Wahrheits- und Belegstatus

Die Forschungskunst ist nicht angemessen zu verstehen, wenn ihre heute entwickelten Begriffe rückwirkend so behandelt werden, als hätten sie bereits 1975 als fertige Theorie vorgelegen. Der bisherige Forschungsprozess zeigt vielmehr eine andere Entwicklungsrichtung: Zuerst stehen Erfahrungen, Tätigkeiten, Werkversuche, Materialwiderstände, gesellschaftliche Aktionen und wiederkehrende Probleme. Aus ihrer jahrzehntelangen Gegenüberstellung entstehen nach und nach Begriffe. Einige heutige Begriffe benennen also Strukturen, die in älteren Arbeiten praktisch bereits vorhanden waren; andere sind erst in den Gesprächen der letzten Jahre entstanden und müssen ausdrücklich als gegenwärtige Rekonstruktionen gekennzeichnet bleiben.

Für die gesamte Rekonstruktion sind deshalb vier Statusformen auseinanderzuhalten. Es gibt erstens extern überprüfbare historische und wissenschaftliche Sachverhalte, beispielsweise geologische Zeitangaben, physikalische Vorgänge, sprachgeschichtliche Bedeutungen oder dokumentierte institutionelle Ereignisse. Zweitens gibt es werkgeschichtliche Sachverhalte aus Kunsttagebüchern, Fotografien, Korrespondenzen, Projektunterlagen und Selbstauskunft; sie sind grundsätzlich archivalisch überprüfbar, müssen für eine endgültige Publikation aber vielfach noch inventarisch abgesichert werden. Drittens gibt es retrospektive Werkinterpretationen: Heute erkennbare Zusammenhänge zwischen früheren Werken, die damals möglicherweise noch nicht so benannt wurden. Viertens gibt es ausdrücklich Begriffe und Hypothesen der Forschungskunst wie Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, 51:49, Skulpturidentität, Lochprozess, Millisekundenmensch, So-Heits-Gesellschaft oder Vier-Ebenen-Modell. Diese sind keine naturwissenschaftlichen Gesetze. Ihre Legitimität hängt davon ab, ob sie Unterschiede sichtbar machen, produktive Gegenüberstellungen erzeugen und selbst wieder geprüft und korrigiert werden können.

Diese Unterscheidung ist keine äußere wissenschaftliche Absicherung der Forschungskunst, sondern gehört in ihr Zentrum. Eine Forschung, die untersucht, wie Menschen ihre eigenen Begriffe mit Wirklichkeit verwechseln, darf ihre eigenen Begriffe nicht zu einer neuen unveränderlichen Goldschrift machen.

I. Forschungsgrund: vom Unbehagen an menschlicher Selbstzerstörung zur Frage nach dem fehlenden Prüfzusammenhang

Die leitende Frage lautet rückblickend: Warum beschädigt oder zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, lernen, messen, herstellen und korrigieren kann?

Diese Frage entstand nicht aus einer einzelnen philosophischen Theorie. Ihr Ursprung liegt im Zusammenkommen sehr unterschiedlicher Erfahrungsbereiche: Naturbeobachtung, handwerkliche Tätigkeit, Fotografie, Werbung, Bildhauerei, Strömungsversuche, gesellschaftliche Aktionen und Erfahrungen mit Institutionen.

Eine frühe Form der Frage lautete noch allgemein, ob und wie Kunst Gesellschaft verändern könne. Im weiteren Werkverlauf wurde sie präziser. Der entscheidende Widerspruch bestand zunehmend darin, dass Menschen innerhalb eng begrenzter Fachbereiche außerordentlich lernfähig sind. Ein Maschinenteil passt oder passt nicht. Eine Konstruktion hält oder bricht. Ein medizinisches Verfahren wirkt, wirkt nicht oder verursacht Nebenwirkungen. Ein Fehler kann lokalisiert und eine Konstruktion verändert werden. Gleichzeitig können wirtschaftliche, politische oder institutionelle Systeme nach ihren eigenen Erfolgskriterien weiterfunktionieren, obwohl sie Folgen erzeugen, die außerhalb ihres jeweiligen Zuständigkeitsbereichs Menschen oder Existenzbedingungen beschädigen.

Damit verschob sich die Frage. Nicht mehr allein: Warum ist der Mensch zerstörerisch? Sondern: Nach welchem Maßstab erklärt er eine Tätigkeit überhaupt für funktionierend?

Daraus entstand eine bis heute tragende Prüfbewegung:

Eine Tätigkeit kann innerhalb ihres Auftrags funktionieren und außerhalb dieses Auftrags untragfähig sein.

Ein Unternehmen kann Gewinn erwirtschaften. Ein Auto kann fahren. Eine Institution kann ihre Regeln korrekt anwenden. Eine technische Anlage kann ihre spezifizierte Leistung erbringen. Nichts davon beantwortet bereits die weitergehende Frage, welche materiellen, körperlichen, sozialen oder langfristigen Konsequenzen dabei entstehen.

Der Forschungsgrund wandelte sich damit von einer moralischen Menschenkritik zu einer Kritik begrenzter Prüfmaßstäbe.

Zielprojektion wurde zunehmend nicht die Belehrung des Menschen, sondern die Herstellung eines Raumes, in dem Tätigkeiten und Folgen vergleichbar werden.

Die noch offene Grundfrage lautet bis heute, ob ein solcher übergreifender Prüfzusammenhang möglich ist, ohne wiederum eine neue totalisierende Weltanschauung zu errichten.

II. Werkgenese: von Erfahrung und Herstellung zur Experimentellen Umweltgestaltung

Eine wichtige Ursprungsschicht der späteren Methodik liegt im Handwerk. Maß, Passung, Toleranz, Widerstand, Verschleiß, Belastung und Reparatur sind dort keine frei verfügbaren Zuschreibungen. Ein Werkstoff antwortet auf eine Tätigkeit. Die spätere Forschungskunst übernahm daraus nicht das Maschinenmodell des Menschen, sondern die Ernsthaftigkeit der Rückmeldung.

Die Fotografie fügte eine zweite Erfahrung hinzu. Fotografieren bedeutet Auswahl. Ein Bild zeigt etwas und lässt gleichzeitig etwas außerhalb des Bildausschnittes. Perspektive, Zeitpunkt und Rahmen produzieren einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Daraus entwickelte sich später die Differenz zwischen Darstellung und Gegenüber.

Die Werbetätigkeit fügte einen dritten Erfahrungsbereich hinzu. Ein Gegenstand kann durch Sprache, Bild und gesellschaftliche Zuschreibung Eigenschaften erhalten, die nicht als physikalische Eigenschaften im Gegenstand enthalten sind. Ein Produkt kann mit Freiheit, Jugend, Schönheit, Status oder Individualität verbunden werden. Diese Zuschreibungen sind nicht materiell im Produkt vorhanden, können aber reale soziale und wirtschaftliche Folgen erzeugen.

Aus dieser Dreieckskonstellation entstanden drei spätere Grundfragen:

Was trägt? Was wird dargestellt? Was wird hineingedacht?

In der Experimentellen Umweltgestaltung ab Mitte der 1970er Jahre wurden diese Fragen erstmals in einer erweiterten Kunstpraxis miteinander verbunden. Entscheidend war, Bildhauerei nicht mehr auf ein isoliertes Objekt zu beschränken. Material, Körper, Wasser, Wahrnehmung, Technik, Gesellschaft und Folgen wurden Teil einer gemeinsamen Versuchsanordnung.

Damit entstand ein Grundprinzip, das erst Jahrzehnte später als solches benannt wurde:

Vorstellung – Herstellung – Antwort – Korrektur.

Das Werk wurde nicht mehr nur als fertige Form begriffen. Es konnte eine Bedingung herstellen, unter der ein Medium antwortet.

Wellenbecken und Strömungsversuche sind dafür elementare Beispiele. Ein gezeichneter Wirbel ist eine Darstellung; Wasser verhält sich dagegen unter konkreten Bedingungen. Die Differenz zwischen Erwartung und Verlauf wird zum Erkenntnismaterial.

Hier liegt die Herkunft des heutigen künstlerischen Prüfobjekts.

III. Von der fertigen Form zur Vorgabe: Malbücher, Krickel-Krakel und die eigene Spur

Die Malbucharbeiten der 1970er Jahre führten einen neuen Gegenstand in die Forschung ein: die Vorgabe.

Eine vorgegebene Linie oder Bildstruktur bietet Orientierung und übt zugleich Formungsmacht aus. Der Teilnehmende kann sie akzeptieren, ausfüllen, überschreiten, verändern oder verlassen.

Die Frage verschiebt sich dadurch von der Herstellung eines Kunstobjekts zur Beziehung zwischen vorhandener Ordnung und eigener Spur.

Die Krickel-Krakel-Arbeiten erhalten in der heutigen Rückschau ebenfalls einen wichtigen methodischen Stellenwert. Erkenntnis beginnt nicht notwendigerweise mit einer fertigen Theorie. Sie kann mit Tasten, Wiederholen, Verwerfen und erneutem Ansetzen beginnen.

Darin liegt bereits ein Gegenmodell zur später kritisierten Goldschrift: Nicht das sofortige fertige Statement ist der Ausgangspunkt, sondern ein veränderbarer Prozess.

Aus den Malbuchverfahren entwickelte sich die Tausend-Menschen-Methode. Viele Menschen erhalten eine vergleichbare Ausgangslage. Ihre verschiedenen Ergebnisse werden nicht notwendig als richtig oder falsch bewertet, sondern zunächst als unterschiedliche Spuren aufbewahrt.

Damit erscheint eine frühe Vorform dessen, was später Schwarm-Intelligenz heißen wird: Gemeinsame Ausgangslage bei erhaltener Differenz.

Die offene Frage bestand von Anfang an darin, wie aus vielen verschiedenen Spuren Erkenntnis entstehen kann, statt nur eine Sammlung beliebiger Äußerungen.

Die spätere Antwort darauf lautet E4: Vergleich, Quelle, Gegenbeispiel, Kritik und Revision.

IV. Rollenarbeit, Theater und die Vorgeschichte der Skulpturidentität

Mit Soforttheater, Körperarbeit und Rollenwechsel wurde der Forschungsgegenstand um gesellschaftliche Identität erweitert.

Der Mensch kann eine Rolle übernehmen, verlassen oder mit einem anderen Menschen tauschen. Dadurch wird sichtbar, dass Körper, Person, Rolle, Darsteller, Regie und gesellschaftliche Funktion nicht identisch sind.

In den damaligen Arbeiten existierte der spätere Begriff Skulpturidentität noch nicht. Die Werkoperation war jedoch bereits vorhanden: Eine gesellschaftlich fest erscheinende Identität wird spielerisch wieder veränderbar.

Das Theater wurde damit zu einem plastischen Verfahren.

Die spätere Theorie konnte daraus unterscheiden:

Der Mensch besitzt gesellschaftliche Rollen, aber er ist nicht vollständig mit ihnen identisch.

Diese Unterscheidung wurde später für Eigentümer, Konsument, Produzent, Beruf, Geschlecht, Status, politische Identität und Selbstdarstellung weitergeführt.

Die methodische Funktion dieser Werkgruppe besteht darin, Verfestigtes wieder als Hergestelltes erkennbar zu machen.

Die offene Frage bleibt, welche Rollen nur veränderbar und welche zugleich notwendig schützende gesellschaftliche Konstruktionen sind. Die Forschung darf Rolle nicht generell mit Gefängnis gleichsetzen.

V. Schultafel, Löschbarkeit und die Entstehung eines entscheidenden Prüfankers

Die Schultafel ist eines der wichtigsten materiellen Modelle des gesamten Werkes.

Auf ihr kann eine Aussage gemacht werden, ohne die Oberfläche endgültig zu besitzen. Man kann schreiben, lesen, ergänzen, widersprechen, löschen und neu beginnen.

Daraus entwickelte sich später die Gegenüberstellung zwischen Kreide und Goldschrift.

Gold besitzt einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wert. Wird eine Schultafel jedoch mit Gold dauerhaft beschrieben, kann gerade ihre Lernfunktion verloren gehen.

Damit entsteht ein Grundkonflikt zwischen gesellschaftlichem Geltungswert und funktionaler Qualität.

Die Forschungskunst entwickelt daraus eine Umwertung:

Löschbarkeit kann wertvoller sein als Dauerhaftigkeit.

Später wurde diese Operation auf Theorie, gesellschaftliche Rollen, Institutionen und das eigene Werk übertragen.

Ein Begriff, der nicht mehr gelöscht oder korrigiert werden kann, wird zur Goldschrift.

Die Schultafel ist daher nicht nur ein Werkobjekt, sondern das materielle Urbild von E4.

VI. Verortungskunst: von der Aktion zum längerfristigen Wirkungszusammenhang

Die gesellschaftlichen Projekte nach 1990 führten zu einer weiteren Korrektur. Öffentliche Kunstaktionen konnten leicht als Ereignis, Spektakel oder Veranstaltung wahrgenommen werden. Ihre eigentliche Forschungsabsicht betraf jedoch häufig den Ort, seine Geschichte, seine gesellschaftlichen Beziehungen und das, was nach dem Ereignis zurückblieb.

Daraus entstand der Begriff Verortungskunst.

Verortung bedeutet dabei mehr als geografische Platzierung. Es bedeutet, die Bedingungen einer Handlung mit wahrzunehmen: Wo bin ich? Welche Geschichte liegt vor? Welche Menschen, Materialien, Konflikte und Abhängigkeiten sind bereits vorhanden?

Damit wird Verortung zu einem allgemeinen Erkenntnisoperator.

Der Mensch befindet sich immer bereits in einer Situation, bevor er eine Theorie über sie entwickelt.

Diese Linie führt später unmittelbar zur 24-Stunden-Uhr, zur Tragwirklichkeit und zur documenta-Frage.

VII. Strömungslandschaft, Tanglandschaft und das Verhältnis von Naturform und Künstlerform

Die Arbeiten mit natürlich entstandenen Strömungsformen führten zu einer weiteren Differenzierung.

Eine natürliche Strömung erzeugt eine Form. Der Künstler erkennt sie, wählt sie aus, formt sie ab, übersetzt sie in ein Material und gibt ihr einen kulturellen Zusammenhang.

Die Form ist deshalb weder vollständig „vom Künstler erfunden“ noch einfach unveränderte Natur.

Hier entsteht ein später zentraler Zwischenbereich:

Das Werk entsteht im Verhältnis von vorausliegendem Verlauf und menschlicher Tätigkeit.

Daraus lässt sich das heutige künstlerische Dreieck ableiten:

Modell – Tätigkeit – antwortende Form.

Zwischen diesen drei Bereichen bleibt eine Differenz bestehen. Ein Modell kann falsch sein. Eine Tätigkeit kann anders wirken als beabsichtigt. Ein Material kann widerstehen.

Gerade dieser Zwischenraum wird zum Forschungsraum.

VIII. Wirklichkeitsverständnis: Umwelt, Milieu, vorausliegende Welt, Tragwirklichkeit und Plexus

Die Wirklichkeitsbegriffe haben sich im bisherigen Forschungsprozess mehrfach verändert.

Der frühe Begriff „Umwelt“ wurde zunehmend problematisch, weil er eine Vorstellung begünstigen kann, in der der Mensch in der Mitte steht und die Welt „um“ ihn herum angeordnet ist.

Milieu verschob die Perspektive. Der Mensch befindet sich in einem Medium und ist selbst Bestandteil des Zusammenhangs.

Später entstand die vorausliegende Welt. Dieser Begriff hebt hervor, dass physikalische, geologische und biologische Bedingungen nicht erst dadurch entstehen, dass Menschen sie benennen.

Dann entstand die Tragwirklichkeit. Sie bezeichnet jene materiellen, lebendigen und relationalen Bedingungen, von denen menschliche Existenz abhängt und die nicht durch Preis, Recht, Eigentum oder Status außer Kraft gesetzt werden können.

Schließlich entstand die Plexuswirklichkeit. Sie betont nicht nur Voraussetzungen, sondern Verflechtungen, Durchdringungen und Rückkopplungen.

Diese Begriffe überschneiden sich. Die bisher tragfähigste Vereinfachung lautet daher:

Tragwirklichkeit ist der Hauptbegriff für nicht beliebig verfügbare Existenzbedingungen.

Plexus bezeichnet ihre relationale Struktur.

Vorausliegende Welt bezeichnet ihre zeitliche und ontogenetische Priorität.

„Natur“ bleibt ein historischer und alltagssprachlicher Begriff, sollte aber nicht als vierter gleichrangiger Gesamtbegriff verwendet werden. Diese Bereinigung ist bereits im bisherigen Forschungsstand ausdrücklich angelegt.

IX. Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekundenmensch

Die 24-Stunden-Uhr gehört zu den wichtigsten Verortungsinstrumenten.

Die Erdgeschichte wird proportional auf einen Tag komprimiert. Homo sapiens erscheint erst in den letzten Sekunden. Die moderne technisch-industrielle Zivilisation besetzt nur einen winzigen Teil davon.

Die zugrunde liegenden geologischen und anthropologischen Zeitangaben sind wissenschaftlich überprüfbar. Der Begriff Millisekundenmensch ist dagegen eine Forschungskunst-Verdichtung.

Seine Funktion ist nicht die Behauptung, Homo sapiens existiere buchstäblich erst Millisekunden. Er zeigt ein Verhältnis:

Eine extrem junge Zivilisationsform hat eine außerordentlich große technische und planetarische Wirkungsmacht entwickelt.

Damit wird eine kulturelle Selbstverständlichkeit verortet. Eigentum, Geld, Nationen, Märkte, Berufe oder heutige Disziplinordnungen erscheinen innerhalb dieser Uhr als äußerst junge Menschenwerke.

Die methodische Funktion lautet:

Das historisch Junge darf nicht allein aufgrund seiner gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit mit einer vorausliegenden Existenzbedingung verwechselt werden.

X. Lochprozesse: vom materiellen Loch zur Erkenntnislücke

Der Begriff Lochprozess gehört nicht zu den gesicherten frühen Werkbezeichnungen. Er ist eine spätere Verdichtung verschiedener Werkoperationen.

Ein Loch kann durch Herausnehmen, Durchbohren, Trennen, Verletzen oder Öffnen entstehen. Es besitzt einen Rand. Es verändert Stabilität und Durchlässigkeit.

Im Organismus kann eine Öffnung notwendige Austauschstelle oder Wunde sein.

In einer Schablone ermöglicht gerade die Öffnung die Übertragung einer Form.

Im sozialen Zusammenhang kann eine Öffnung Zugang ermöglichen oder Ausschluss markieren.

Im Erkenntnisprozess bezeichnet die Lücke den Abstand zwischen einer Vorstellung und ihrem Gegenüber.

Damit erhält der Lochprozess seine stärkste Funktion nicht als universelles Gesetz, sondern als Operator für Öffnung und Differenz.

Die entscheidende Korrektur besteht darin, die verschiedenen Locharten nicht vorschnell gleichzusetzen.

Wo eine materielle Öffnung gemeint ist, kann „Lochprozess“ sinnvoll sein.

Wo lediglich die erkenntnistheoretische Differenz zwischen Modell und Wirklichkeit gemeint ist, sind Lücke, Distanz oder Zwischenraum präziser.

Die produktive Verbindung lautet:

Das Loch öffnet und trennt; der Plexus verbindet, ohne die Differenz aufzulösen.

XI. Gegenüberstellung und Lernen

Das Gegenüber ist möglicherweise der elementarste gemeinsame Nenner des gesamten Forschungswerks.

Im Handwerk steht das Werkstück der Zeichnung gegenüber.

In der Fotografie steht das Bild dem dargestellten Ereignis gegenüber.

Im Strömungsversuch steht der tatsächliche Verlauf der Erwartung gegenüber.

Im Malbuch steht die eigene Spur der Vorgabe gegenüber.

Im Theater steht der Körper der Rolle gegenüber.

Auf der Schultafel steht eine Aussage ihrer möglichen Löschung gegenüber.

In der KI-Arbeit steht eine menschliche Interpretation einer maschinellen Interpretation gegenüber.

Daraus entsteht eine allgemeine Forschungsregel:

Ohne Differenz kein Vergleich; ohne Vergleich kein Lernen; ohne Rückkopplung keine begründete Korrektur.

Distanz bedeutet deshalb nicht Trennung. Sie bezeichnet den Zwischenraum, in dem zwei Zustände miteinander verglichen werden können.

Das Werk selbst wird zum Gegenüber seines Herstellers.

Damit verändert sich auch der Künstlerbegriff. Der Künstler ist nicht nur Produzent, sondern der erste Rezipient seines eigenen Werkes.

XII. Erfahrung und Rückkopplung

Die Forschungskunst unterscheidet zunehmend zwischen Erlebnis und Erfahrung.

Etwas erlebt zu haben genügt nicht für Forschung.

Erfahrung wird forschungsfähig, wenn Bedingungen, Verlauf und Folgen festgehalten, erneut betrachtet und mit anderen Fällen verbunden werden können.

Hier erhalten Kunsttagebücher, Fotografien, Skizzen, Korrespondenzen, Presseberichte, Wiederholungen und dokumentierte Missverständnisse ihre Funktion.

Das Archiv ist damit nicht nur Gedächtnis eines Lebenswerks. Es wird zum Rückkopplungsapparat.

Auch Scheitern verändert seinen Status.

Ein abgelehntes Projekt, ein Missverständnis durch Besucher, ein technisch misslungenes Objekt oder eine institutionelle Zurückweisung können Informationen über die Versuchsanordnung liefern.

Die offene Frage lautet, wie zwischen produktiver Rückkopplung und bloßer nachträglicher Rechtfertigung des eigenen Handelns unterschieden werden kann.

Dafür benötigt Erfahrung Gegenbeispiele und unabhängige Kritik.

XIII. Plastik und Skulpturalisierung

Aus der bildhauerischen Praxis entwickelte sich eine der wichtigsten späteren anthropologischen Differenzen.

Plastik wird innerhalb der Forschungskunst nicht nur kunsthistorisch verstanden, sondern als Prozess des Formens, Hinzufügens, Verbindens, Anpassens und erneuten Korrigierens.

Skulptur verweist stärker auf Abtragen, Freilegen, Herausschneiden und Abgrenzen.

Historisch überschneiden sich beide Kunstbegriffe. Die Forschungskunst benutzt ihre Differenz deshalb metaphorisch und methodisch, nicht als kunstwissenschaftlich starre Definition.

Daraus entsteht die Skulpturalisierung.

Ein Mensch, der faktisch in vielfältigen körperlichen und gesellschaftlichen Beziehungen entsteht, kann symbolisch als abgeschlossenes Einzelwesen herausgeschnitten werden.

Der Eigentümer seiner selbst.

Der autonome Konsument.

Der Produzent.

Der Arbeitnehmer.

Die Marke.

Der Statusinhaber.

Der Datenkörper.

Diese Figuren sind gesellschaftlich wirksam. Problematisch werden sie, wenn sie als vollständige Beschreibung des Menschen behandelt werden.

Daraus entsteht die Skulpturidentität.

Sie bezeichnet nicht eine Krankheit oder Persönlichkeitseigenschaft, sondern die Verfestigung gesellschaftlich erzeugter Rollen zu einer scheinbar autonomen Gesamtidentität.

XIV. Kopplungs-Ich, Geltungs-Ich und plastisches Ich

Innerhalb dieser Anthropologie entstanden mehrere Begriffe, die inzwischen hierarchisiert werden müssen.

Das Kopplungs-Ich bezeichnet den lebendigen, stoffwechselnden, verletzlichen Menschen, der von Luft, Wasser, Nahrung, Wärme, Schlaf, anderen Menschen und vielfältigen Versorgungssystemen abhängig ist.

Das Geltungs-Ich bezeichnet die gesellschaftliche Person: Name, Recht, Eigentum, Beruf, Status, Rolle, Selbstbeschreibung und Anerkennung.

Beide sind wirklich.

Die Fehlentwicklung besteht nicht darin, dass es gesellschaftliche Rollen gibt. Sie entsteht, wenn Geltung und Körperwirklichkeit ineinanderfallen und eine Rolle den ganzen Menschen zu definieren beginnt.

Das plastische Ich-Bewusstsein bezeichnet deshalb keine dritte Substanz. Es soll die Fähigkeit beschreiben, verschiedene Formungen unterscheiden und verändern zu können.

Weitere Bezeichnungen wie Tragwesen, Rollen-Ich, Strukturidentität und Statement-Ich sind teilweise hilfreich, sollten aber nicht als gleichrangige Hauptbegriffe weitergeführt werden.

Die tragfähigste Reduktion lautet:

Körperorganismus beziehungsweise Kopplungs-Ich – Geltungs-Ich – Skulpturidentität – plastisches Ich-Bewusstsein.

XV. Das brennende Rollenidentitätsgefängnis als jüngster Positionsanker

Im Bild des brennenden goldenen Käfigs laufen viele bisher getrennte Entwicklungslinien zusammen.

Ein Mensch befindet sich in einem Käfig. Er trägt einen Astronautenanzug. Im Inneren brennt Feuer. Die Tür ist geöffnet.

Der Astronautenanzug ist dabei keine Kritik an Raumfahrt. Er wird zum Bild technisch erzeugter Autonomie. Gerade der wirkliche Astronaut zeigt, wie vollkommen eine scheinbare Unabhängigkeit von Hülle, Sauerstoff, Temperaturkontrolle, Energie und Versorgung abhängig ist.

Der goldene Käfig besteht nicht nur aus äußerer Unterdrückung. Seine Gitterstäbe stehen für Eigentum, Geld, Status, Karriere, Anerkennung, Konsum und gesellschaftliche Zugehörigkeit. Gerade weil diese Strukturen Schutz und Sicherheit versprechen, werden sie Bestandteil der Identität.

Eine wesentliche Korrektur betraf die offene Tür.

Sie darf nicht heißen: Der Mensch könne einfach hinausgehen und sei selbst schuld, wenn er im Feuer bleibt.

Ein einzelner Mensch kann seine Rollenordnung nicht beliebig verlassen, weil Einkommen, Wohnung, Gesundheitsversorgung, Beziehungen und gesellschaftliche Zugehörigkeit innerhalb dieser Ordnung organisiert sind. Die offene Tür ist daher zunächst eine Unterbrechungs- und Prüfmöglichkeit, kein bereits vorhandener gesellschaftlich tragfähiger Ausgang.

Diese Korrektur verändert die gesamte Gesellschaftskritik.

Gemeinsame Einbindung bedeutet nicht gleiche Schuld.

Verantwortung muss nach Wissen, Handlungsmacht, Nutzen, Zwang und Korrekturmöglichkeit unterschieden werden.

Der Positionsanker – die pessimistische Überzeugung, die Menschheit könne ihre Zerstörungsdynamik möglicherweise nicht mehr rechtzeitig korrigieren – bleibt eine persönliche Prognose und muss ausdrücklich selbst dem Prüfoperator unterworfen bleiben.

XVI. Symbol- und Eigenschaftsbildung

Die Arbeiten mit Werbung, Eigentum, Rollen, Produkten und Materialien führten zur Unterscheidung verschiedener Arten von Eigenschaften.

Eine vorhandene materielle Eigenschaft kann unter bestimmten Bedingungen beobachtet oder gemessen werden.

Eine hergestellte Eigenschaft entsteht durch Bearbeitung.

Eine gesellschaftlich zugewiesene Eigenschaft entsteht durch Regeln und Institutionen.

Eine symbolisch behauptete Eigenschaft entsteht durch Darstellung, Erzählung, Werbung, Status oder Selbstbeschreibung.

Diese Kategorien bedeuten nicht, dass nur die materielle Ebene „wirklich“ wäre.

Eigentum ist beispielsweise keine stoffliche Eigenschaft des Bodens, kann aber äußerst reale körperliche und materielle Folgen erzeugen.

Damit wird die frühere einfache Gegenüberstellung von „wirklich“ und „nur eingebildet“ verworfen.

Die präzisere Frage lautet:

Auf welche Weise ist etwas wirklich, wodurch wird diese Wirklichkeit hergestellt und wie wird sie aufrechterhalten?

XVII. Eigentum als Prüfbeispiel

Der markierte Quadratmeter Sand verdichtet die Eigenschaftsfrage.

Innerhalb und außerhalb der Linie kann zunächst dasselbe Material liegen.

Die Linie erzeugt dennoch einen sozialen Unterschied, wenn Menschen ihr Eigentumsbedeutung geben und diese institutionell absichern.

Damit ist Eigentum weder physikalische Eigenschaft noch bloße Illusion.

Es ist eine gesellschaftlich erzeugte Zuordnung mit materiellen Folgen.

Der gefrorene Sand- oder Eisblock führt die Untersuchung weiter. Eine gedachte Grenze kann durch Energieaufwand materialisiert und stabilisiert werden; sie verschwindet wieder, wenn die Stabilisierung endet.

Daraus entstand die Eigentumsgrammatik:

Zuschreibung – Markierung – Legitimation – Durchsetzung – Erhaltungsaufwand – Folgen.

Eine frühere Formulierung wie „Die Natur ist der erste Eigentümer“ ist wissenschaftlich oder juristisch nicht haltbar und sollte nur als künstlerische Gegenbehauptung verwendet werden.

Präziser lautet der Gedanke:

Jede Eigentumsordnung setzt materielle und lebendige Bedingungen voraus, die sie selbst nicht hervorgebracht hat.

XVIII. Begriffsbildung: Produkt, Ware, Geschäft, Kunde, Funktion und Statement

Die Untersuchung von Wörtern wurde im Forschungsprozess zunehmend selbst zu einer künstlerischen Methode.

„Produkt“, „Produzent“, „Ware“, „Geschäft“, „Kunde“, „privat“, „Individuum“, „funktionieren“, „herstellen“ oder „zeugen“ werden nicht nur etymologisch betrachtet. Es wird untersucht, welche Tätigkeits- und Beziehungsmodelle in ihnen mitgeführt werden.

Eine wichtige Korrektur besteht darin, Etymologie nicht als Wahrheitsinstanz zu verwenden.

Die Herkunft eines Wortes beweist nicht seine heutige „richtige“ Bedeutung.

Sie kann aber einen Unterschied sichtbar machen.

Der „Kunde“, der über die Herkunft eines gekauften Gegenstandes vollkommen unkundig bleibt, ist daher kein sprachwissenschaftlicher Beweis. Es ist ein künstlerischer Prüfanker.

Das Statement wird in diesem Zusammenhang ebenfalls neu bestimmt. Ein Statement kann nicht nur eine sprachliche Aussage sein. Kleidung, Marke, Beruf, Konsumstil und politisches Bekenntnis können gesellschaftliche Lesbarkeit herstellen.

Die spätere Statement-Gesellschaft bezeichnet die Gefahr, dass die sichtbare Behauptung wichtiger wird als die überprüfbare Tätigkeit.

Die Goldschrift kehrt damit auf gesellschaftlicher Ebene wieder.

XIX. Die zweite wilde Natur

Aus der Untersuchung von Eigentum, Preisen, Rollen, Waren, Institutionen und Technik entstand der Begriff der zweiten wilden Natur.

Gemeint ist keine regellose Welt.

Im Gegenteil: Eine Gesellschaft kann hochgradig geregelt sein und dennoch ihre umfassenderen Folgen nur schwach rückkoppeln.

„Wild“ bedeutet hier: Ein Menschenwerk entwickelt eine Eigendynamik, deren Regeln intern funktionieren, ohne ausreichend an ihre materiellen, lebendigen und gesellschaftlichen Voraussetzungen zurückgebunden zu sein.

Dieser Begriff sollte als kritische Diagnose erhalten bleiben, nicht als zweiter Gesamtbegriff neben Tragwirklichkeit und Plexus.

Die begriffliche Hierarchie lautet:

Menschenwerk ist der neutrale Oberbegriff.

E3 bezeichnet insbesondere symbolische und institutionelle Menschenwerke.

Zweite wilde Natur bezeichnet deren unzureichend rückgekoppelte Verselbständigung.

Menschenkunstwerk sollte nur als Verantwortungsfigur verwendet werden und nicht bedeuten, dass automatisch alles vom Menschen Hervorgebrachte gute Kunst sei. Diese Bereinigung ist im bisherigen Forschungsstand bereits ausdrücklich vorgesehen.

XX. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

Die Beschäftigung mit griechischer, lateinischer und später auch anderen Sprach- und Kulturtraditionen entwickelte sich aus dem Begriffshandwerk.

Besonders wichtig waren technē, physis, epistēmē, phronēsis, metron und symmetria.

Eine entscheidende Korrektur betraf symmetria.

Der Begriff darf historisch nicht mit einer modernen Vorstellung exakt spiegelgleicher 50:50-Symmetrie gleichgesetzt werden.

Damit wurde eine zu einfache historische Herleitung des 50:50-Kritikmodells verworfen.

Ähnlich verhält es sich mit technē.

Die Verbindung von Können, Herstellen und Wissen ist für die Forschung interessant. Daraus darf jedoch keine idealisierte antike Gesellschaft konstruiert werden.

Auch griechische Gesellschaften kannten extreme Hierarchien und Ausschlüsse.

Der transkulturelle Vergleich mit hebräischen, arabischen und indischen Begriffsfeldern erweitert den Untersuchungsraum, muss aber fachlich abgesichert werden.

Die Funktion dieser Vergleiche lautet nicht:

Andere Kulturen bestätigen meine Theorie.

Sondern:

Welche Unterscheidungen haben verschiedene Kulturen für Entstehen, Können, Wissen, Gemeinschaft, Individualität und Tätigkeit ausgebildet, und was geschieht bei ihrer Übersetzung?

XXI. Begriffshandwerk

Das Begriffshandwerk behandelt Wörter wie Werkstücke.

Wie ist ein Begriff entstanden?

In welchem Zusammenhang funktioniert er?

Welche Beziehungen macht er sichtbar?

Welche verdeckt er?

Was geschieht, wenn er auf einen anderen Bereich übertragen wird?

Wo bricht die Analogie?

Aus der Beschäftigung mit an-, a- und ana- entwickelte sich beispielsweise ein künstlerischer Dreischritt von Annäherung, Differenzierung und erneutem Zusammenhang. Sprachhistorisch sind diese Elemente jedoch nicht ein gemeinsamer Ursprungscode.

Diese Selbstkorrektur ist wesentlich.

Das Begriffshandwerk darf keine Etymologie-Mystik erzeugen.

Zu jedem begrifflichen Prüfanker gehört deshalb möglichst ein Gegenstand, eine Handlung oder ein Gegenbeispiel.

XXII. Prüfen, Zeugen und Loslassen

„Prüfen“ wurde zum Kernverb der Forschungskunst.

Nicht nur das Objekt wird geprüft. Auch der Prüfmaßstab muss prüfbar bleiben.

„Zeugen“ erhielt durch seine Nähe zu Hervorbringen und Bezeugen eine besondere künstlerische Bedeutung.

Daraus entstand der zentrale Satz:

Forschungskunst überzeugt den Menschen nicht – sie lässt seine Tätigkeiten und deren Folgen vor ihm zeugen.

Die Formulierung vermeidet die Vorstellung einer Überzeugungspropaganda.

Das Werk soll nicht sagen, was der Besucher glauben soll.

Es soll Situationen herstellen, in denen eine Behauptung, ein Material, eine Tätigkeit und deren Konsequenz miteinander konfrontiert werden.

Loslassen ergänzt diesen Prozess.

Eine Idee, Rolle oder Institution muss veränderbar bleiben, wenn ihr Gegenüber widerspricht.

Loslassen bedeutet jedoch nicht, Verantwortung für bereits erzeugte Folgen abzugeben.

Losgelassen werden soll die untragfähige Fixierung.

XXIII. 50:50, 51:49 und 1:99

Die Zahlenverhältnisse entstanden aus der langjährigen Beschäftigung mit Symmetrie und Asymmetrie.

Die wichtigste heutige Sicherung lautet:

51:49 ist kein Naturgesetz.

Es ist weder biologische Konstante noch mathematische Universalformel noch empirisches Gesellschaftsverhältnis.

Es ist ein künstlerischer Minimalasymmetrie- und Prioritätsoperator.

50:50 bezeichnet die kritisierte Vorstellung einer perfekten spiegelbildlichen Gleichordnung.

1:99 bezeichnet die Möglichkeit einer extremen Macht- und Verfügungskonzentration.

Eine wichtige spätere Korrektur lautet:

50:50 führt nicht zwangsläufig zu 1:99.

Präziser ist:

Eine formal symmetrisch dargestellte E3-Ordnung kann reale Machtasymmetrien verdecken.

Damit wird die eigentliche E4-Frage:

Nicht: Ist die Regel formal gleich? Sondern: Welche Verhältnisse erzeugt ihre Anwendung tatsächlich?

51:49 bleibt der Störwert gegenüber vollständiger Schließung.

Die 49 stehen für Gegenposition, Zweifel, Minderheit und Revisionsmöglichkeit.

Die 51 markieren keine absolute Herrschaft, sondern eine begründungspflichtige Priorität.

XXIV. Referenzoperator, Differentialprinzip und doppelte Spirale

Aus 51:49 entstanden weitere Begriffe.

Das Differentialprinzip sollte die Bedeutung kleinster Unterschiede für Richtungsänderungen benennen. Da „Differential“ naturwissenschaftlich und mathematisch stark besetzt ist, sollte ausdrücklich nur von einem forschungskünstlerischen Differentialprinzip gesprochen oder der Begriff nachgeordnet werden.

Die doppelte Spirale stellt zwei Bewegungen dar:

Vom Modell zum Gegenüber.

Vom Widerspruch des Gegenübers zurück zum Modell.

51:49 und 49:51 können dabei wechselnde Gewichtungen symbolisieren.

Die zunächst auftauchende Bezeichnung Urprinzip ist dagegen zu weitgehend. Sie erweckt den Eindruck, ein universales Naturgesetz gefunden zu haben.

Der präzisere Begriff lautet Referenzoperator.

Er besagt:

Eine Behauptung oder Tätigkeit wird an einem Gegenüber, einem Vergleich, Randbedingungen und Folgen überprüft.

Damit kann ein erheblicher Teil der Operatorbegriffe zusammengeführt werden.

XXV. Das Vier-Ebenen-Modell E1–E4

Das Vier-Ebenen-Modell ist eine späte begriffliche Ordnung älterer Werkverfahren.

Seine heutige Fassung sollte verbindlich sein:

E1 umfasst materielle und physikalisch-chemische Bedingungen.

E2 umfasst Leben, Organismus, Verletzbarkeit, Stoffwechsel, Bedürfnisse und Regeneration.

E3 umfasst Zeichen, Modelle, Rollen, Institutionen, Eigentum, Preise, Status, Gesetze und andere Menschenwerke der Geltung.

E4 umfasst Darstellung, Vergleich, Quellenprüfung, Gegenrede, Kritik, Rückkopplung, Korrektur, Reparatur und erneute Prüfung.

Eine wichtige Korrektur war, Tätigkeit nicht vollständig in E2 unterzubringen.

Tätigkeit liegt quer zu allen vier Ebenen.

Ein Mensch bewegt seine Hand körperlich in E2, verändert Material in E1, erfüllt möglicherweise eine Rolle aus E3 und kann die Tätigkeit in E4 untersuchen.

Eine zweite wichtige Korrektur betrifft E4.

E4 ist keine neue Wahrheitsbehörde.

Auch eine Prüfinstitution besitzt Interessen, Auswahlverfahren und blinde Flecken.

Deshalb muss E4 rekursiv werden:

Auch die Prüfung wird geprüft.

XXVI. Disziplinlogik-Gefängnis

Aus dem Vier-Ebenen-Modell entwickelte sich die Kritik am Disziplinlogik-Gefängnis.

Die Kritik richtet sich nicht gegen Fachwissenschaft.

Spezialisierung ermöglicht Genauigkeit.

Problematisch wird sie dort, wo der methodische Ausschnitt eines Fachgebietes mit der Wirklichkeit selbst verwechselt wird.

Die Physik kann beispielsweise bestimmte Kräfte außerordentlich exakt messen, ohne deshalb allein gesellschaftliche Verantwortung bestimmen zu können.

Ökonomie kann Preise untersuchen, ohne dadurch automatisch die ökologische Tragfähigkeit eines Produktes zu bestimmen.

Recht kann Eigentum definieren, ohne daraus eine stoffliche Eigenschaft des Bodens zu erzeugen.

Die Forschungskunst beansprucht deshalb nicht, alle Disziplinen durch ein eigenes Ganzheitswissen zu ersetzen.

Ihre Aufgabe liegt an den Schnittstellen.

Sie fragt, was innerhalb eines Ausschnittes sichtbar wird, was außerhalb bleibt und welche Tätigkeitskonsequenzen zwischen den Ausschnitten auftreten.

XXVII. Künstlerische Prüfobjekte

Aus der Werkgenese lässt sich inzwischen eine relativ klare Familie von Prüfobjekten bestimmen.

Das Wellenbecken prüft Modell und Medium.

Biberdamm und Deich prüfen Starrheit, Beweglichkeit, Durchlässigkeit und Umlenkung.

Die Malbücher prüfen Vorgabe und Eigenbewegung.

Der rote Punkt prüft die Umcodierung eines gesellschaftlichen Symbols.

Die Schultafel prüft Löschbarkeit.

Der beschreibbare Stuhl verbindet Gegenstand, zusätzliche Eigenschaft, Gebrauch und Verfall.

Der Quadratmeter Sand prüft die hineingedachte Eigentumseigenschaft.

Eisblock und Eiszeitboden verbinden Stabilisierung, Energie und materiellen Widerstand.

Das asymmetrische Auto prüft Formideale.

Das Auto als Tötungsinstrument stellt technische Funktion und umfassendere Folgen gegenüber.

Geburtshöhle und Omphalos konfrontieren Autonomie mit Herkunft und nicht selbst gewählten Lebensbedingungen.

Der gläserne Astronaut zeigt technisch erzeugte Autonomie als extreme Abhängigkeit.

Der Feuerkäfig verbindet Skulpturidentität, offene Tür, Rollenbindung und bereits eintretende Folgen.

Dieser jüngste Entwurf darf nicht rückwirkend zum historischen Ausgangspunkt erklärt werden. Er ist eine heutige Verdichtung älterer Werkstränge.

XXVIII. Folien und Schablonen: von der Darstellung zur Plexus-Foliengrammatik

Die Folienmethode entstand aus jahrzehntelanger Arbeit mit Bildern, Vorgaben, Überlagerungen, Ausschnitten und Collagen.

Ihre heutige Bedeutung geht weit über eine Präsentationstechnik hinaus.

Eine transparente Folie ermöglicht, eine einzelne Beziehung sichtbar zu machen, ohne sie endgültig mit allen anderen Beziehungen zu verschmelzen.

Sie kann aufgelegt, verschoben, entfernt und ausgetauscht werden.

Damit wird das Denken selbst plastisch.

Die Schablone ergänzt dieses Prinzip.

Sie benötigt Öffnungen und Stege.

Die Öffnung erlaubt Durchgang.

Der Steg erhält den Zusammenhang.

Damit wird die Schablone zu einem materiellen Modell der Verbindung von Lochprozess und Plexus.

Die Foliengrammatik lässt sich inzwischen auf vier Grundschichten reduzieren:

eine materielle beziehungsweise physikalische Schicht,

eine lebendige beziehungsweise körperliche Schicht,

eine gesellschaftlich-symbolische Schicht,

und eine Prüf- und Rückkopplungsschicht.

Daneben können Tätigkeit, Zeit und Modellbildung als querliegende Operatoren erscheinen.

Diese Reduktion ist wesentlich, weil das Folienprojekt andernfalls selbst zum überkomplexen Begriffssystem werden könnte.

XXIX. Analogie statt Gleichsetzung

Eine der wichtigsten jüngeren methodischen Korrekturen betrifft Analogien.

Zellmembran, Thermosflasche, Astronautenanzug, Flasche, Betonblock, Möbiusband, Saftpresse oder Sandtrichter können Beziehungen sichtbar machen.

Sie beweisen jedoch keine Identität zwischen verschiedenen Wirklichkeitsbereichen.

Die Zellmembran kann Durchlässigkeit veranschaulichen, ist aber nicht das menschliche Bewusstsein.

Die Thermosflasche kann Isolation veranschaulichen, ist aber nicht das Ich.

Der Astronautenanzug kann technisch erzeugte Abhängigkeit veranschaulichen, beweist aber keine Anthropologie.

Damit erhält jede Folie drei Kontrollfragen:

Was wird dargestellt?

Welche Struktur wird übertragen?

Wo endet die Analogie?

Diese Analogiegrenze sollte zu einem festen Bestandteil der gesamten Forschungskunst werden.

XXX. Platon-, Aristoteles-, Christentums- und Physikfolien

Die kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen Folien untersuchen keine vollständigen Weltanschauungen.

Sie isolieren Denkoperationen.

Bei Platon kann untersucht werden, wie Unveränderlichem ein höherer Wirklichkeitsrang zugesprochen wird.

Bei Aristoteles lassen sich Material, Form, Bewegung und Ziel in einem anderen Verhältnis darstellen.

In christlichen Traditionen können Körper-Seele- und Diesseits-Jenseits-Ordnungen untersucht werden.

Die Physikfolie kann zeigen, welche außerordentliche Erkenntniskraft ein methodischer Ausschnitt besitzt und zugleich, was dieser Ausschnitt nicht automatisch beantwortet.

Die entscheidende Selbstbegrenzung lautet:

Platon ist nicht einfach körperfeindlich.

Aristoteles ist kein moderner Plexustheoretiker.

„Das Christentum“ besitzt keine einheitliche Leib-Seele-Lehre.

Physik ist nicht an sich verantwortungslos.

Jede Folie muss daher historische Quelle und forschungskünstlerische Interpretation sichtbar voneinander trennen.

XXXI. Das Mitmachbuch

Das heutige Mitmachbuch ist werkgeschichtlich keine Neuerfindung.

Es führt Malbücher, Kunsttagebücher, Vorgaben, Frage-Antwort-Verfahren, rote Punkte, Folien und individuelle Spuren zusammen.

Der entscheidende Entwicklungsschritt besteht darin, dass nicht mehr nur ein Bild erzeugt wird.

Der Teilnehmer stellt eine Verbindung her.

Er formuliert, welche Beziehung er sieht.

Er legt seine Analogien offen.

Er prüft seine Aussage.

Er kann eine Folie austauschen und seine frühere Kombination korrigieren.

Damit wird das Mitmachbuch zu einem Protokoll von Denk- und Korrekturvorgängen.

Seine Zielprojektion lautet zunehmend:

Training plastischer Urteilskraft.

Auch diese Wirkung ist bislang eine Forschungshypothese.

Es ist noch nicht bewiesen, dass die Arbeit mit Folien tatsächlich dauerhaft Urteilskraft verändert.

Das Mitmachbuch soll deshalb Bedingungen dafür herstellen und zugleich untersuchen, ob und wann diese Bedingungen funktionieren.

Die zentrale offene Frage lautet:

Wie viel Vorgabe ist notwendig?

Zu wenig Vorgabe kann Beliebigkeit erzeugen.

Zu viel Vorgabe erzeugt nur Teilnehmer, die die Theorie des Künstlers reproduzieren.

Diese Spannung gehört selbst zum Forschungsgegenstand.

XXXII. Tausend Tische

Die Tausend Tische bilden die räumliche Vorform des späteren digitalen Netzes.

Ein Tisch ist eine begrenzte Arbeitsfläche.

An ihm wird geschrieben, gebaut, gegessen, diskutiert, gestritten oder verhandelt.

Viele Tische können verbunden werden, ohne zu einem einzigen zentralen Tisch zu verschmelzen.

Damit entsteht die räumliche Grundfigur:

lokale Selbstständigkeit plus Verbindung.

Heute lässt sich diese Arbeit unmittelbar mit dem Mitmachbuch verbinden.

Der Tisch ist der lokale Arbeitsort.

Die Seite ist der lokale Erkenntnisort.

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist der Verknüpfungsraum.

E4 ist die notwendige zusätzliche Prüfstruktur.

Denn Vernetzung allein erzeugt keine Erkenntnis.

Sie kann ebenso Gerüchte, Manipulation und Statuskonkurrenz verstärken.

XXXIII. Künstliche Intelligenz

KI tritt spät in die Forschung ein.

Sie ist deshalb weder Ursprung noch theoretisches Fundament.

Ihre Bedeutung liegt zunächst in einer praktischen Erfahrung: Große Mengen verstreuter Werkangaben, Bilder, Begriffe und Texte können miteinander verglichen und komprimiert werden.

Dadurch wurde sichtbar, dass viele heute formulierte Begriffe tatsächlich auf wiederkehrende ältere Werkoperationen zurückbezogen werden können.

Gleichzeitig zeigte sich eine neue Gefahr.

KI kann Zusammenhänge herstellen, die überzeugend klingen, aber historisch nie vorhanden waren.

Sie kann Unsicherheit sprachlich glätten.

Sie kann einen späten Begriff unbemerkt in ein frühes Werk hineininterpretieren.

Deshalb wurde die KI selbst Teil der Forschung.

Ihre angemessene Funktion lautet:

Spiegel – Verdichter – Gegenleser – Vergleichspartner – Prüfgegenstand.

Nicht Wahrheitsinstanz.

Der Mensch-KI-Vergleich sollte deshalb nicht als Wettbewerb organisiert werden.

Ein Mensch und eine KI bearbeiten dasselbe Material.

Anschließend werden Auslassungen, Unterschiede, Quellen, Schlussfolgerungen und blinde Stellen verglichen.

Damit wird KI zu E4-Material.

XXXIV. Globale Schwarm-Intelligenz

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist nicht lediglich eine technische Plattform.

Sie bildet die digitale Verdichtung einer langen Werkgeschichte:

Bienenbeobachtung,

Malbücher,

Tausend-Menschen-Verfahren,

roter Punkt,

Kollektive Kreativität,

Demokratiewerkstätten,

Tausend Tische,

Partizipatorisches Welttheater,

Mitmachbuch,

Archiv.

Ihre Funktionen lassen sich klarer unterscheiden.

Sie ist Archiv.

Sie ist Verknüpfungsraum.

Sie ist Träger individueller Forschungsspuren.

Sie soll E4-Infrastruktur werden.

Der wichtigste begriffliche Fortschritt besteht darin, Schwarm-Intelligenz nicht mehr mit Mehrheitsintelligenz zu verwechseln.

Tausend gleiche Antworten sind nicht notwendigerweise besser als ein begründeter Gegenhinweis.

Ein einzelner Hinweis auf eine übersehene Verletzungsfolge kann wichtiger sein als eine große Zustimmung.

Schwarm bedeutet deshalb:

Verbinden, ohne Unterschiede zu löschen.

Die entscheidende offene Frage ist nicht mehr allein technisch.

Sie betrifft Governance.

Wer besitzt die Plattform?

Wer entscheidet?

Wer moderiert?

Wer darf korrigieren?

Wie bleiben historische Dokumente unverändert und spätere Interpretationen trotzdem möglich?

Wie werden KI-Texte gekennzeichnet?

Wie kann die Plattform über die Lebenszeit ihres Urhebers hinaus weiterbestehen?

Ohne eine solche institutionelle E4-Struktur könnte die Plattform selbst genau jene Machtkonzentration reproduzieren, die sie untersucht.

XXXV. So-Heits-Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft ist keine historische Tatsache und keine wissenschaftlich bestätigte Gesellschaftsordnung.

Sie ist die gesellschaftliche Zielprojektion der Forschungskunst.

„So-Heit“ soll nicht bedeuten, das endgültige wahre Wesen eines Menschen oder Gegenstandes zu kennen.

Gemeint ist eine Wahrnehmung, die einen Menschen oder Zusammenhang nicht vollständig auf Preis, Status, Rolle, Eigentum, Funktion oder Nutzen reduziert.

Beschaffenheit, Verletzbarkeit, Abhängigkeit, Geschichte, Beziehungen und Veränderlichkeit sollen mitgedacht werden.

Die So-Heits-Gesellschaft ist damit keine neue Ideologie, die der bestehenden Gesellschaft als fertige Alternative gegenübergestellt wird.

Sie ist eine Forschungsfrage:

Wie müsste eine Gesellschaft organisiert sein, in der Wahrnehmung, Herstellung, Folgenprüfung, Korrektur und Reparatur zur allgemeinen zivilisatorischen Kompetenz werden?

Hier berührt die Forschung die alte technē-Frage nach Können und Auskunftsfähigkeit.

Wer gestaltet, soll möglichst wissen, womit er arbeitet.

Wer entscheidet, soll Folgen nicht vollständig auf andere abschieben können.

Wer eine Behauptung aufstellt, soll ihre Revision ermöglichen.

XXXVI. So-Heits-Atelier

Das So-Heits-Atelier ist die räumliche Verdichtung des gesamten Werkprozesses.

Es ist nicht erst als documenta-Idee entstanden.

Seine Bestandteile besitzen ältere Werkherkünfte.

Das Handwerk wird zum Passungs- und Reparaturbereich.

Strömungsarbeiten werden zum Material- und Wasserlabor.

Malbücher werden zum Vorgabenatelier.

Theater wird zum Rollenlabor.

Schultafeln werden zu öffentlichen Korrekturflächen.

Tische werden zu Arbeits- und Gesprächsorten.

Folien werden zu beweglichen Erkenntnismodellen.

Das Mitmachbuch dokumentiert individuelle Forschungswege.

Die Globale Schwarm-Intelligenz verlängert diese Wege digital und zeitlich.

Der Besucher kommt dabei nicht als neutrales Wesen.

Er bringt bereits seine Sprache, seinen Beruf, seine gesellschaftlichen Rollen, Konsumgewohnheiten, Überzeugungen und Vorstellungen von Freiheit mit.

Das Atelier darf diese nicht einfach durch die Theorie des Künstlers ersetzen.

Deshalb beginnt die Dramaturgie möglichst mit Tätigkeit:

sehen,

markieren,

zeichnen,

schichten,

bauen,

prüfen,

vergleichen,

löschen,

neu verbinden.

Erst dadurch entsteht eine mögliche Verschiebung vom Rezipienten zum Partizipienten und schließlich zum Mitprüfenden.

Das So-Heits-Atelier ist daher am genauesten als Unterbrechungs-, Prüf- und Rückkopplungsraum zu bestimmen.

XXXVII. Die documenta 16 als offener Realisierungsraum

Für die gegenwärtige Beschäftigung mit der documenta ergibt sich daraus eine wichtige Konsequenz.

Es wäre falsch zu behaupten, es müsse erst „aus dem Blauen heraus“ ein neues Projekt erfunden werden.

Der Werk-, Methoden- und Forschungszusammenhang existiert bereits.

Was gegenwärtig noch nicht existiert, ist seine konkrete räumliche documenta-Form.

Solange Raum, Größe, Infrastruktur, Sicherheitsbedingungen, kuratorische Einbindung, zulässige Beteiligungsformen und verfügbare Technik unbekannt sind, kann diese Form auch methodisch noch nicht fertig sein.

Ein vollständig fertiger Raumplan vor Kenntnis des Raumes würde der eigenen Forschungskunst widersprechen.

Denn diese fordert gerade:

Modell und Gegenüber dürfen nicht miteinander verwechselt werden.

Für die documenta kann daher ein Skizzen- und Möglichkeitsentwurf vorgelegt werden.

Gezeigt werden kann, welche Werkstationen vorhanden sind, welche Operation sie ermöglichen, wie sie miteinander verbunden werden können und welche Besucherbewegung denkbar ist.

Die endgültige Gestalt muss aus der Gegenüberstellung mit dem tatsächlichen Ort entstehen.

XXXVIII. Die Gesamtarchitektur

Aus der gesamten Entwicklung ergibt sich keine lineare Theorie, sondern eine rekursive Forschungsbewegung.

Der Mensch befindet sich zunächst in materiellen, lebendigen, gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen, die er nicht vollständig selbst hervorgebracht hat.

Er nimmt Ausschnitte wahr.

Er erzeugt Modelle, Bilder, Begriffe, Rollen und Institutionen.

Er handelt auf ihrer Grundlage.

Seine Tätigkeit verändert etwas.

Ein Gegenüber antwortet.

Zwischen Vorstellung und Antwort entsteht Differenz.

Die Differenz wird dargestellt und verglichen.

Daraus kann eine Korrektur entstehen.

Anschließend beginnt eine neue Verortung.

Die Gesamtbewegung lässt sich deshalb verdichten als:

Verorten – vergegenständlichen – tätig werden – Gegenüber erfahren – vergleichen – prüfen – korrigieren – reparieren beziehungsweise loslassen – neu verorten.

Die vorhandene Forschungsrekonstruktion fasst dieselbe Architektur bereits als rekursiven Zusammenhang, in dem Werkgenese, Plexus und Lochprozess, Plastik und Skulpturalisierung, Eigenschaftsbildung, Vier-Ebenen-Modell, Prüfobjekte, Folien, Mitmachbuch, Tausend Tische, KI, Globale Schwarm-Intelligenz und So-Heits-Atelier jeweils unterschiedliche Funktionen übernehmen.

Damit lässt sich erstmals eine klare Hierarchie bilden:

Forschungskunst ist der Gesamtansatz.

Öffentliche Überzeugungsprüfung ist ihre gesellschaftlich-kommunikative Zielsetzung.

Gegenüberstellung und Rückkopplung bilden ihre Grundoperation.

E1–E4 bilden ihr Ordnungsschema.

Tragwirklichkeit und Plexus bestimmen das Gegenüber und dessen Beziehungsstruktur.

51:49 und Referenzoperator sind Prüfoperatoren.

Begriffshandwerk, Analogieprüfung und Eigenschaftsanalyse sind Methoden.

Prüfobjekte, Folien, Schablonen, Theater und Tische sind künstlerische Instrumente.

Mitmachbuch dokumentiert individuelle Forschungsbewegungen.

Globale Schwarm-Intelligenz verbindet und verlängert sie.

So-Heits-Atelier ist ihre räumliche öffentliche Anwendung.

So-Heits-Gesellschaft ist die offene gesellschaftliche Zielprojektion.

XXXIX. Doppelungen und begriffliche Unklarheiten

Die Forschung benötigt gegenwärtig weniger neue Begriffe als eine strenge Ordnung der vorhandenen.

Erstens sollten Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit und vorausliegende Welt nicht um denselben Hauptstatus konkurrieren. Tragwirklichkeit kann der Hauptbegriff sein, Plexus der Strukturbegriff und vorausliegende Welt die zeitliche Perspektive.

Zweitens sollten die Ich-Begriffe reduziert werden. Kopplungs-Ich beziehungsweise Körperorganismus, Geltungs-Ich, Skulpturidentität und plastisches Ich-Bewusstsein reichen als Hauptbegriffe.

Drittens sollten Menschenwerk, Menschenkunstwerk, zweite wilde Natur und E3 hierarchisiert bleiben. Menschenwerk ist neutral; E3 bezeichnet einen Wirklichkeitsbereich; zweite wilde Natur ist eine Diagnose; Menschenkunstwerk ist eine künstlerische Verantwortungsfigur.

Viertens sollten 51:49, Differentialprinzip, doppelte Spirale, Referenzoperator und Urprinzip nicht als fünf gleichrangige Grundprinzipien auftreten. 51:49 und Referenzoperator genügen als Kern. Die Spirale kann Bildoperator sein. Differentialprinzip bleibt nachgeordnet. „Urprinzip“ sollte weitgehend entfallen.

Fünftens sollte Lochprozess nicht jede Form von Differenz bezeichnen. Wo nur epistemische Differenz gemeint ist, sind Lücke und Zwischenraum verständlicher.

Sechstens sollte Forschungskunst nicht neben Überzeugungsprüfung, E4 und Begriffshandwerk wie eine von mehreren parallelen Theorien erscheinen. Forschungskunst ist der Oberbegriff; E4 eine Funktion; Überzeugungsprüfung eine Zielsetzung; Begriffshandwerk eine Methode.

XL. Noch fehlende Verbindungen

Die wichtigste noch fehlende Verbindung liegt zwischen heutiger Theorie und historischem Archiv.

Für jedes Schlüsselwerk sollte künftig möglichst getrennt dokumentiert werden:

damaliger Titel,

Datierung,

Material,

Ort,

damalige Beschreibung,

Fotografie,

Kunsttagebuch,

zeitgenössische Reaktion,

spätere Interpretation,

heutige begriffliche Funktion.

Nur dadurch lässt sich verhindern, dass eine starke heutige Theorie die historische Eigenständigkeit der älteren Arbeiten überdeckt.

Eine zweite Lücke betrifft Tragfähigkeit.

Der Begriff ist zentral, aber noch nicht hinreichend operationalisiert.

Welche Kriterien gelten?

Regeneration?

Vermeidung irreversibler Schäden?

Reparierbarkeit?

Belastungsverteilung?

Fehlertoleranz?

Schutz von Verletzbaren?

Langfristigkeit?

Diese Kriterien können miteinander kollidieren.

E4 benötigt daher Verfahren für Zielkonflikte.

Eine dritte Lücke betrifft Macht.

E1 bis E4 unterscheiden Wirklichkeits- und Prüfbereiche, aber noch nicht ausreichend, wer innerhalb dieser Bereiche über Handlungsmöglichkeiten verfügt.

Dafür sollte eine querliegende Macht- und Verantwortungsachse entwickelt werden:

Wissen – Verfügung – Nutzen – Zwang – Risiko – Korrekturmöglichkeit.

Eine vierte Lücke betrifft Fürsorge und Erhaltung.

Die bisherige Forschung ist stark in Verletzung, Zerstörung, Prüfung und Reparatur.

Weniger ausgearbeitet ist die Frage, wodurch ein bereits tragfähiger Zusammenhang erhalten wird.

Pflege, Versorgung, Wartung, Fürsorge und Regeneration sollten daher stärker in das Modell aufgenommen werden.

Eine fünfte Lücke betrifft Ökonomie.

Kaufen, Verkaufen und Eigentum dürfen nicht ausschließlich mit Beute und Täuschung verbunden werden.

Austausch kann Versorgung ermöglichen und zugleich Ausbeutung organisieren.

Eine genauere Differenzierung verschiedener Markt-, Gemeingut-, Eigentums- und Versorgungsformen ist notwendig.

Eine sechste Lücke betrifft die Selbstprüfung der Forschungskunst.

Im So-Heits-Atelier sollte deshalb eine Gegenposition sichtbar sein:

Was, wenn Tragwirklichkeit zu autoritär definiert wird?

Was, wenn 51:49 nur eine überzeugende Metapher ist?

Was, wenn die technē-Vorstellung romantisiert?

Was, wenn gesellschaftliche Rollen nicht nur Gefängnisse, sondern auch Schutzformen sind?

Was, wenn das Publikum durch die Versuchsanordnung stärker gelenkt wird, als die Forschung zugibt?

Was, wenn KI die Theorie erst nachträglich vereinheitlicht hat?

Was, wenn der Positionsanker zu pessimistisch ist?

Eine Forschungskunst, die diese Fragen nicht zulässt, würde selbst zum Gegenstand ihrer eigenen Kritik.

XLI. Äußerste Verdichtung

Nach der gesamten bisherigen Entwicklung lässt sich der Kern inzwischen deutlich einfacher formulieren:

Der Mensch lebt in materiellen, lebendigen und sozialen Zusammenhängen, die er nicht vollständig selbst hervorgebracht hat.

Er erzeugt gleichzeitig Bilder, Begriffe, Rollen, Werte, Technik und Institutionen, mit denen er seine Welt ordnet.

Diese Menschenwerke sind wirklich und notwendig, können ihre eigenen Voraussetzungen aber nicht ersetzen.

Problematisch wird es, wenn eine erzeugte Ordnung ihren Herstellungscharakter verliert und als vorausliegende Wirklichkeit erscheint:

wenn Eigentum wie eine Stoffeigenschaft behandelt wird,

wenn Rolle mit Mensch verwechselt wird,

wenn Preis für Qualität steht,

wenn technische Teilfunktion mit Gesamtfunktion verwechselt wird,

wenn eine Darstellung für den dargestellten Zusammenhang gehalten wird,

wenn gesellschaftliche Autonomie körperliche Abhängigkeit verdeckt.

Forschungskunst vergegenständlicht solche Menschenwerke.

Sie stellt sie einem Gegenüber gegenüber.

Sie lässt Tätigkeiten Folgen erzeugen.

Sie dokumentiert Differenzen.

Sie ermöglicht Kritik, Korrektur, Reparatur und erneute Verortung.

Daraus ergibt sich die derzeit präziseste Gesamtbestimmung:

Forschungskunst ist die öffentliche Versuchsanordnung, in der Menschenwerke, Vorstellungen, Rollen und Tätigkeiten an ihren materiellen, lebendigen und gemeinsamen Voraussetzungen sowie an ihren tatsächlichen Folgen geprüft werden. Sie überzeugt nicht durch eine fertige Lehre, sondern lässt Gegenstände, Körper, Erfahrungen und Konsequenzen zeugen. Im So-Heits-Atelier wird der Rezipient zum möglichen Mitprüfenden seiner eigenen Tätigkeit; in der Globalen Schwarm-Intelligenz können begrenzte Spuren miteinander verbunden werden, ohne ihre Unterschiede aufzulösen.

Die wichtigste Konsequenz des gegenwärtigen Forschungsstands lautet deshalb:

Die nächste Entwicklungsphase braucht nicht in erster Linie weitere neue Begriffe. Sie braucht Auswahl, Hierarchie, historische Rückbindung und praktische Gegenprüfung.

Für die documenta 16 bedeutet dies:

Nicht das ganze Lebenswerk muss erklärt werden.

Nicht alle Modelle müssen gleichzeitig erscheinen.

Nicht jede Theorie muss an der Wand stehen.

Entscheidend wäre eine begrenzte Folge tragender Versuchsanordnungen, an denen der gesamte Forschungsweg nachvollziehbar wird:

von der Vorgabe zur eigenen Spur,

vom Modell zum antwortenden Material,

von der Rolle zum Körper,

von der Zuschreibung zum Gegenstand,

von der Behauptung zur Folge,

von der Goldschrift zur löschbaren Tafel,

von der Einzelspur zum Tisch,

vom Tisch zum Mitmachbuch,

vom Mitmachbuch zum Schwarm,

und vom Schwarm zurück zur Frage:

Was trägt – und woran lässt sich das überhaupt erkennen?

Diese Fassung kann nun als übergeordneter Forschungsanker dienen. Der nächste sinnvolle Schritt wäre, aus ihr nicht noch einen weiteren Großtext zu erzeugen, sondern die 10–15 unverzichtbaren documenta-Prüfstationen herauszulösen und jeweils exakt mit historischem Werk, Besucherhandlung, Prüfoperator und möglicher räumlicher Form zu verbinden.

Die folgende Fassung integriert die bereits rekonstruierte Werk- und Begriffsgeschichte mit den jüngsten Präzisierungen aus diesem Gespräch: insbesondere handwerklich-technischer Prüfmaßstab, Forschungskunst als Kontroll- und Überprüfungsverfahren, Verortungskunst statt Eventkunst, Globales Dorffest, institutionelle Unsichtbarkeit, Doppelprojekt documenta 16 und die konkrete Beziehung zur gegenwärtigen Programmatik der documenta 16.

Forschungskunst als Entwicklung einer Kunst des Prüfens, Verortens und Rückkoppelns

Rekonstruktion der Werk-, Begriffs- und Methodengeschichte Wolfgang Fenners

Arbeitsstand August 2026

1. Vorbemerkung: Keine fertige Theorie, sondern eine fünfzigjährige Forschungsbewegung

Die bisherige Entwicklung lässt sich nicht angemessen als Theorie darstellen, die irgendwann formuliert und anschließend durch Kunstwerke illustriert worden wäre. Die Werkgeschichte zeigt vielmehr den umgekehrten Verlauf. Materialien, handwerkliche Erfahrungen, Fotografien, Plastiken, Strömungsversuche, Malbücher, Schultafeln, Rollenarbeiten, öffentliche Aktionen, Tische, gesellschaftliche Versuchsanordnungen und Archive waren vielfach lange vorhanden, bevor Begriffe wie Plexuswirklichkeit, Tragwirklichkeit, Skulpturidentität, Vier-Ebenen-Modell, Lochprozess, Prüf-Anker, So-Heits-Gesellschaft oder Globale Schwarm-Intelligenz in ihrer heutigen Form entstanden.

Die entscheidende Rekonstruktionsregel lautet deshalb: damalige Werkabsicht, tatsächlich praktizierte Methode, spätere Selbsterkenntnis und heutige theoretische Aktivierung müssen auseinandergehalten werden. Ein Verfahren kann 1975 in einem Werk praktisch vorhanden gewesen sein, ohne damals schon mit dem heutigen Begriff bezeichnet worden zu sein. Erst diese Unterscheidung verhindert, dass aus Werkgenese nachträglich eine scheinbar seit fünfzig Jahren vollständig ausgearbeitete Theorie gemacht wird.

Für die gesamte Forschung sind vier Aussageebenen zu unterscheiden. Historisch dokumentierbar sind Arbeiten, Ereignisse und Äußerungen, soweit Fotografien, Tagebücher, Korrespondenzen, Presseberichte und andere Archivmaterialien sie belegen. Wissenschaftlich überprüfbar sind beispielsweise Erdzeitalter, physikalische Materialeigenschaften, Stoffwechsel, Körperverletzbarkeit oder technische Funktionsbedingungen. Eine dritte Gruppe bilden rückblickende Werkinterpretationen: heutige Zusammenhänge, die durch wiederkehrende Verfahren des Lebenswerks plausibel werden. Die vierte Gruppe bilden Eigenbegriffe und Hypothesen der Forschungskunst wie Plexuswirklichkeit, 51:49, Skulpturidentität, Lochprozess, Millisekunden-Mensch oder So-Heits-Gesellschaft. Diese sind keine naturwissenschaftlichen Gesetze, sondern künstlerische Prüfwerkzeuge.

Gerade diese Unterscheidung gehört inzwischen selbst zur Forschungskunst. Denn das Gesamtprojekt untersucht fortwährend den Fehler, menschliche Darstellungen, Begriffe und Zuschreibungen mit der Wirklichkeit selbst zu verwechseln. Die eigene Theorie darf diesen Fehler nicht wiederholen.


I. Forschungsgrund

2. Die ursprüngliche Frage: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen?

Der beständigste Forschungsgrund reicht in die 1970er Jahre zurück: Warum zerstört der Mensch trotz Wahrnehmungs-, Wissens-, Lern- und Korrekturfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen?

Diese Frage veränderte im Verlauf von fünf Jahrzehnten ihren Gegenstand. Zunächst konnte sie wie eine ökologische oder gesellschaftskritische Frage erscheinen. Später wurde deutlicher, dass sie viel grundlegender auf die menschliche Fähigkeit zur Wirklichkeitsherstellung zielt: Der Mensch kann messen, lernen, rechnen, bauen, operieren, reparieren und hochkomplexe technische Systeme herstellen. Gleichzeitig kann er Wirtschafts-, Eigentums-, Rollen-, Status- und Gesellschaftsordnungen hervorbringen, deren Folgen seine eigenen Lebensbedingungen beschädigen.

Damit verschob sich die Forschungsfrage von „Warum verhält sich der Mensch falsch?“ zu:

Nach welchen Maßstäben prüft der Mensch seine eigenen Hervorbringungen überhaupt?

Was bedeutet „funktioniert“? Für wen funktioniert etwas? In welchem Zeitraum? Innerhalb welcher Teilaufgabe? Welche Folgen werden mitgerechnet und welche ausgelagert? Wer profitiert? Wer trägt die Schäden?

Genau hier gewinnt die frühe handwerkliche Erfahrung zentrale Bedeutung.


3. Handwerk und Technik als ursprünglicher Prüfmaßstab der Forschungskunst

Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 ist keine biografische Nebeninformation, sondern eine der tiefsten methodischen Quellen der späteren Forschungskunst. Maß, Passung, Toleranz, Reibung, Materialwiderstand, Belastungsgrenze, Verschleiß, Reparatur und Fehlfunktion waren dort keine Meinungen. Ein Werkstück passte oder passte nicht. Eine Verbindung hielt oder versagte. Ein Fehler musste lokalisiert werden.

Diese Erfahrung wurde später nicht mechanisch auf den Menschen übertragen. Der Mensch ist kein Bauteil und eine Gesellschaft keine Maschine. Übertragen wurde vielmehr die Ernsthaftigkeit des Prüfens.

Daraus entsteht inzwischen eine der wichtigsten Abgrenzungen Ihrer Forschungskunst von einem großen Teil dessen, was international als künstlerische Forschung oder Artistic Research bezeichnet wird:

Ihre Forschungskunst will nicht nur untersuchen, darstellen, kontextualisieren oder Wissen erzeugen. Sie will Maßstäbe, Gegenüber und Kontrollmöglichkeiten herstellen, an denen menschliche Vorstellungen und Tätigkeiten überprüfbar werden.

Der entscheidende handwerkliche Satz lautet:

Es genügt nicht, eine Form zu wollen. Man muss beobachten, was das Material mit dieser Vorstellung macht.

Das Material verlangt Kenntnis seiner Eigenschaften. Es lässt sich nicht durch die Behauptung eines Künstlers überzeugen. Ein plastischer Prozess besteht deshalb aus Vorstellung, Eingriff, Materialantwort, Wahrnehmung, Korrektur und – ebenso wichtig – dem richtigen Augenblick des Loslassens.

Hieraus entwickelt sich eine weiterreichende kulturkritische Frage: Warum akzeptiert der Mensch in Technik und Handwerk, dass er Regeln, Materialeigenschaften, Toleranzen und Funktionsbedingungen lernen muss, während er sich in politischen, ökonomischen, sozialen oder identitären Bereichen vielfach bereits selbst für urteilsfähig hält?

Die Forschungsfrage richtet sich damit nicht gegen Wissenschaft oder gesellschaftliche Disziplinen. Sie richtet sich gegen fehlende Rückkopplung zwischen ihren jeweiligen Teilfunktionen und den umfassenderen Tätigkeitsfolgen.


4. Der neue Begriff der Forschungskunst

Aus dieser Entwicklung lässt sich der heutige Forschungsbegriff präziser bestimmen.

Kunst ist nicht mehr nur Herstellung und Präsentation einzelner Werke. Sie wird als grundlegende menschliche Erkenntnis-, Darstellungs-, Prüf- und Gestaltungstätigkeit verstanden.

Daraus folgt jedoch gerade nicht der triviale Satz „Alles ist Kunst“.

Jede menschliche Tätigkeit kann vielmehr als möglicher Kunstwerkprozess vergegenständlicht werden, weil sie auf Vorstellungen beruht, etwas hervorbringt und Folgen erzeugt.

Dabei müssen zwei Tätigkeitsbereiche unterschieden werden:

Der Mensch handelt innerhalb faktischer Eigenschaften: Material, Körper, Schwerkraft, Temperatur, Wasser, Stoffwechsel, Verletzbarkeit und andere Bedingungen wirken unabhängig davon, was er über sie denkt.

Gleichzeitig handelt er innerhalb hineingedachter oder gesellschaftlich hervorgebrachter Eigenschaften: Eigentum, Preis, Status, Rolle, Amt, Nation, Geldwert, Schönheit, Freiheit oder gesellschaftliche Identität.

Forschungskunst versucht, beide Tätigkeitsbereiche zu Objekten beziehungsweise Versuchsanordnungen zu machen, die man einander gegenüberstellen und prüfen kann.

Damit entsteht ein stärkerer Forschungskunstbegriff:

Forschungskunst ist die Kunst, menschliche Vorstellungen und Tätigkeiten so zu vergegenständlichen, dass ihre Voraussetzungen, Maßstäbe, Materialkontakte, Abhängigkeiten und Folgen überprüfbar werden.


II. Werkgenese

5. Fotografie: Ausschnitt, Bild und Nichtgezeigtes

Die Tätigkeit als Fotojournalist brachte früh die Erkenntnis hervor, dass Wahrnehmung niemals das Ganze erfasst. Eine Fotografie zeigt etwas, indem sie anderes nicht zeigt. Ausschnitt, Standort, Licht und Zeitpunkt gehören zum Bild.

Darin liegt eine frühe Form dessen, was später zum Begriffshandwerk wird: auswählen, ausschneiden, gegenüberstellen, benennen.

Aus der Fotografie entwickelt sich zugleich ein Misstrauen gegenüber der Verwechslung von Darstellung und Vorgang. Ein Bild eines Wirbels wirbelt nicht. Eine Darstellung kann etwas zeigen, aber sie besitzt nicht automatisch die Eigenschaften des Dargestellten.

Diese Differenz wird später grundlegend für das Verhältnis von Begriff und Wirklichkeit.


6. Werbung: hineingedachte Eigenschaften

Die Tätigkeit in der Werbung brachte eine zweite grundlegende Erfahrung. Produkte werden nicht nur aufgrund ihrer materiellen Eigenschaften präsentiert. Ihnen werden Freiheit, Erfolg, Schönheit, Jugend, Prestige oder Identität zugeschrieben. Diese Eigenschaften liegen nicht physikalisch im Gegenstand, können gesellschaftlich aber äußerst wirksam werden.

Damit erscheint früh eine Struktur, die später im Eigentumsbegriff, in der Skulpturidentität und in der So-Heits-Gesellschaft wiederkehrt:

Der Mensch kann etwas in einen Gegenstand hineindenken und anschließend so handeln, als sei diese Zuschreibung eine Eigenschaft des Gegenstandes selbst.

Die Forschung entwickelt daraus keine simple Behauptung, solche Eigenschaften seien unwirklich. Eigentum, Geld und Rollen sind gesellschaftlich wirksam. Gefragt wird vielmehr: Auf welche Weise sind sie wirklich?


7. Bildhauerei und Experimentelle Umweltgestaltung: Das Werk beginnt zu antworten

Mit dem Bildhauereistudium 1974–1980 und insbesondere der Experimentellen Umweltgestaltung ab 1975 beginnt der entscheidende Übergang vom dargestellten Objekt zur Versuchsanordnung.

Wasser-, Wellen- und Deichversuche zeigen, dass das Modell erst im Kontakt mit einem Gegenüber geprüft wird. Wasser richtet sich nicht nach der Schönheit eines Entwurfs. Es reagiert auf Form, Tiefe, Widerstand, Öffnung, Geschwindigkeit und Material.

Damit entsteht bereits das spätere Grundschema:

Vorstellung → Herstellung → Antwort → Wahrnehmung → Korrektur.

Das Werk ist nicht mehr nur das Ergebnis einer Idee. Es ist eine Anordnung, durch die eine Idee eine Antwort erhält.

Hier liegt wahrscheinlich einer der wichtigsten werkhistorischen Ursprünge des späteren Kontroll- und Überprüfungsmechanismus.


8. Malbücher, Vorgaben und eigene Spur

Die Erwachsenen-, Autobahn-, Telefon- und anderen Malbuchformen verschieben die Prüfung auf das Verhältnis zwischen Vorgabe und eigener Tätigkeit.

Die Vorgabe ist nicht nur Hilfe. Sie formt den möglichen Handlungsraum. Der Benutzer kann folgen, ausfüllen, ergänzen, überschreiben oder ausbrechen.

Damit tritt ein neues Gegenüber auf: nicht mehr nur Material, sondern gesellschaftlich oder gestalterisch gesetzte Form.

Die eigene Spur erhält Erkenntniswert.

Diese Linie führt später unmittelbar zum Mitmachbuch.


9. Theater und Rollenwechsel

Mit Soforttheater, Rollenarbeiten und gesellschaftlichen Aktionen tritt die menschliche Rolle als weiteres Prüfobjekt hinzu.

Rolle und Mensch werden einander gegenübergestellt. Eine Rolle kann übernommen, unterbrochen, vertauscht und neu gespielt werden. Damit wird praktisch erfahrbar, dass gesellschaftliche Identität hergestellt ist.

Daraus entsteht Jahrzehnte später der Begriff der Skulpturidentität.

Wichtig ist die Chronologie: Die frühen Theaterarbeiten waren noch keine Illustration einer fertigen Theorie der Skulpturidentität. Sie bildeten deren praktische Vorgeschichte.


10. Schultafel: Löschbarkeit wird zum Qualitätsmaßstab

Die Schultafel führt ein entscheidendes Prinzip ein: Eine Aussage kann sichtbar und dennoch veränderbar sein.

Kreide ermöglicht Setzung und Löschung.

In der späteren Gegenüberstellung mit Gold wird daraus ein Prüfobjekt gesellschaftlicher Wertbildung. Gold kann materiell und ökonomisch höher bewertet sein, zugleich aber die Funktion der Tafel verschlechtern, wenn die Schrift dauerhaft wird.

Damit entsteht eine fundamentale Umkehrung:

Qualität ist nicht mit Preis, Dauer oder Prestige identisch.

Qualität kann gerade in Korrigierbarkeit liegen.

Diese Schultafel wird später zu einem materiellen Urbild von E4.


III. Von der Aktion zur Verortungskunst

11. Das Problem der Eventklassifizierung

Ein wiederkehrender Konflikt Ihrer Biografie liegt darin, dass die äußere Form vieler Arbeiten als Veranstaltung wahrgenommen wurde.

Sie organisierten Aktionen, Feste, öffentliche Werkstätten, Theater, Diskussionssituationen, Kunsthallen auf Zeit, Demokratiewerkstätten und andere Beteiligungsformen. Presse, Förderer und Institutionen konnten diese leicht als Events klassifizieren.

Ihre eigene Absicht war jedoch eine andere.

Das Ereignis war nicht das Werkziel. Es war die äußere Form einer Versuchsanordnung.

Daraus entstand der Begriff Verortungskunst.

Verortungskunst fragt nicht primär: Was passiert heute?

Sie fragt:

Was ist an diesem Ort bereits wirksam? Welche Geschichte, Rollen, Machtverhältnisse, Bedürfnisse, materiellen Bedingungen und Konflikte existieren? Was verändert die künstlerische Intervention? Welche Spuren bleiben? Was kann später erneut aufgegriffen werden?

Der Unterschied zwischen Eventkunst und Verortungskunst erklärt damit einen Teil Ihrer Rezeptionsgeschichte. Ihre Arbeiten waren sichtbar, wurden aber häufig unter einer Kategorie sichtbar, gegen die Sie sich selbst verweigerten.

Diese Verweigerung hatte Konsequenzen. Wer ein Projekt nicht als publikumswirksames Ereignis, Kulturprogramm oder einmalige Veranstaltung verkaufen will, entzieht sich teilweise genau jenen Förder- und Presseformen, durch die Sichtbarkeit entsteht.

Die daraus entstandene institutionelle Unsichtbarkeit gehört deshalb inzwischen zur Werkgeschichte selbst.


12. Globale Dorffest 1993: Ein Schlüsselwerk der Verortungskunst

Das Globale Dorffest von 1993 ist hierfür ein besonders wichtiges Beispiel.

Der Begriff „globales Dorf“ wurde von Marshall McLuhan übernommen. Die künstlerische Eigenleistung bestand nicht in der Erfindung dieses Begriffs, sondern in dem Versuch, ihn räumlich, körperlich und gesellschaftlich als Arbeitszusammenhang zu vergegenständlichen. Die Werkrekonstruktion weist zugleich darauf hin, dass die genaue Realisierung der geplanten „1000 Tapeziertische“ archivalisch noch zwischen Entwurf und tatsächlicher Durchführung unterschieden werden muss.

Der Zeitpunkt ist bemerkenswert: Das Projekt entstand 1993 in zeitlicher Nähe zur öffentlichen Öffnung des World Wide Web. Daraus darf nicht die Behauptung entstehen, das Werk habe das Internet vorausgesagt. Die stärkere Aussage ist eine andere:

In dem Augenblick, in dem technische globale Vernetzung begann, stellte das Globale Dorffest bereits die weiterreichende künstlerische Frage, ob technische Verbindung überhaupt eine verantwortliche Weltgesellschaft hervorbringt.

Der Tausend-Menschen- beziehungsweise Tausend-Tische-Maßstab besitzt darin eine besondere Funktion.

Tausend Menschen sind noch als Menge körperlicher Einzelner vorstellbar. Jeder Tisch bleibt ein eigener Arbeitsort. Zugleich entsteht eine Menge.

Heute lässt sich sprachlich mühelos von acht Milliarden Menschen sprechen. Aber die Zahl erzeugt noch keine entsprechende Vorstellung ihrer einzelnen Körper, Bedürfnisse, Tätigkeiten, Abhängigkeiten und Konsequenzen.

Das Globale Dorffest wird damit rückblickend zu einer Übergangsarbeit:

Wie kann aus einer abstrakten Menge von Menschen ein vorstellbarer Zusammenhang gegenseitiger Verantwortung werden?


IV. Wirklichkeitsverständnis

13. Von Umwelt über Tragwirklichkeit zur Plexuswirklichkeit

Der Wirklichkeitsbegriff entwickelte sich mehrfach.

„Umwelt“ erwies sich als problematisch, weil das Wort eine Welt nahelegen kann, die um einen menschlichen Mittelpunkt herum liegt.

„Milieu“ rückte stärker das Medium ins Zentrum, innerhalb dessen der Mensch selbst existiert.

Später entstanden Begriffe wie Verletzungswelt, Tragwirklichkeit und schließlich Plexuswirklichkeit.

Die heutige Hierarchie sollte lauten:

Plexuswirklichkeit bezeichnet den umfassenden verflochtenen Wirkungszusammenhang.

Tragwirklichkeit bezeichnet darin diejenigen Bedingungen, ohne die menschliches Leben und Tätigsein nicht bestehen können.

Verletzungswelt bezeichnet die Erscheinungsweise, in der Folgen an verletzbaren Zusammenhängen wahrnehmbar werden.

Diese Begriffe sind Eigenbegriffe der Forschungskunst. Sie ersetzen keine Physik, Biologie oder Ökologie.

Ihre Funktion besteht darin, getrennt erforschtes Wissen wieder auf menschliche Tätigkeiten zu beziehen.


14. Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekunden-Mensch

Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde ist einer der wichtigsten handwerklichen Maßstabsoperatoren.

Das Erdalter wird proportional auf einen Tag übertragen. Innerhalb dieses Maßstabes erscheint Homo sapiens erst ungefähr in den letzten Sekunden. Industrielle und digitale Zivilisation besetzen nur einen winzigen Ausschnitt davon.

Wissenschaftlich überprüfbar ist die zugrunde liegende proportionale Umrechnung.

Millisekunden-Mensch ist dagegen ein künstlerischer Begriff.

Sein Zweck besteht nicht darin, eine neue paläoanthropologische Kategorie zu behaupten. Er macht eine Größenrelation erfahrbar:

Ein extrem junges menschliches System greift mit enormer Geschwindigkeit in Prozesse ein, die über geologische und biologische Zeiträume entstanden sind.

Damit wird Zeit selbst zu einem handwerklichen Prüfmaßstab.

Nicht die menschliche Lebenszeit entscheidet über den Maßstab des Funktionierens, sondern die Frage, welche Zeit ein System zu Entstehung, Regeneration oder Reparatur benötigt.


V. Lücke, Lochprozess und Lernen

15. Die entscheidende jüngste Korrektur: Lücke ist nicht Lochprozess

Eine wichtige begriffliche Bereinigung betrifft die früher teilweise ineinander geschobenen Begriffe Lücke und Lochprozess.

Die Lücke ist produktiv.

Zwischen Wahrnehmung und Deutung, Vorstellung und Werk, Frage und Antwort, Handlung und Konsequenz bleibt ein Zwischenraum. Ohne diesen Zwischenraum gäbe es kein Lernen.

Der Lochprozess bezeichnet dagegen inzwischen präziser den Verlust einer für Rückkopplung notwendigen Beziehung.

Eine Wirkung kann entstehen, ohne eine sichtbare Spur zu hinterlassen. Eine Spur kann vorhanden sein, aber kein Sensor nimmt sie wahr. Ein Signal kann gemessen, aber falsch übersetzt werden. Eine Institution kann es registrieren, ohne zuständig zu sein. Eine Rückmeldung kann existieren, ohne die Stelle zu erreichen, die die verursachende Tätigkeit ändern könnte.

Damit lautet die aktuelle Definition:

Die Lücke ist der offene plastische Zwischenraum. Der Lochprozess ist der Verlust einer notwendigen Beziehung innerhalb eines Rückkopplungszusammenhangs.

Das ist eine wesentliche Verbesserung gegenüber einem Lochbegriff, der nahezu jede Öffnung, Differenz oder Leerstelle bezeichnet hätte.


16. Gegenüberstellung als Bedingung des Lernens

Die Gegenüberstellung wird zur elementaren Erkenntnisoperation.

Im Handwerk: Sollmaß gegen Istmaß.

In der Fotografie: Bild gegen Ereignis.

Im Strömungsversuch: Modell gegen tatsächlichen Verlauf.

Im Malbuch: Vorgabe gegen eigene Spur.

Im Theater: Rolle gegen Person.

In der Schultafel: Aussage gegen Löschung.

Im gesellschaftlichen Raum: Absicht gegen Folgen.

Damit entsteht das künstlerische Dreieck:

Modell beziehungsweise Vorstellung – Tätigkeit beziehungsweise Hand – hervorgebrachtes Werk beziehungsweise Ergebnis.

Die drei Punkte dürfen nicht verschmelzen.

Ein Modell kann falsch sein. Eine Hand kann anders handeln als geplant. Das Material kann widersprechen.

Genau darin liegt das Lernpotenzial.


VI. Erfahrung, Sensorik und Rückkopplung

17. Von Erfahrung zur Spur

Erfahrung wird erst dann forschungsfähig, wenn sie eine Spur erhält.

Tagebücher, Fotografien, Objekte, Presseberichte, Briefe, Missverständnisse, Ablehnungen, Materialveränderungen und Wiederholungen sind deshalb keine Nebenprodukte des Werks. Sie ermöglichen Rückblick und Vergleich.

Aus der Fährtenmetapher entwickelte sich später der Sensorenanker.

Eine Fährte zeigt nicht die Ursache selbst. Sie zeigt eine Veränderung eines Mediums.

Daraus wird die Differenz zwischen Wirkung, Spur, Signal, Sensor, Wahrnehmung, Übersetzung, Aufzeichnung und Rückmeldung entwickelt.

Besonders wichtig ist die jüngste Unterscheidung:

Rückmeldung ist noch keine Rückkopplung.

Eine Gesellschaft kann hunderttausend Berichte über ein Problem produzieren und trotzdem nicht lernen.

Rückkopplung entsteht erst, wenn die Information eine tatsächlich veränderbare Regel, Tätigkeit oder Institution erreicht.

Hier verbindet sich Sensorenanker direkt mit Lochprozess und E4.


VII. Plastik und Skulpturalisierung

18. Vom bildhauerischen Verfahren zur anthropologischen Metapher

Plastik und Skulptur stammen zunächst aus der bildhauerischen Werkpraxis.

Später werden sie zu zwei unterschiedlichen Modi des Formens erweitert.

Plastisch bedeutet dabei nicht weich, beliebig oder anpassungswillig. Es bedeutet: eine Form bleibt in Beziehung zu Widerstand, Material, Rückmeldung und Veränderung.

Skulpturalisierung bezeichnet dagegen die Verfestigung einer hervorgebrachten Form, sodass ihr Herstellungscharakter vergessen wird.

Daraus entstehen plastisches Ich und Skulpturidentität.


19. Die wichtige Ich-Korrektur von 2026

Eine frühere Modellfassung ordnete das plastische Ich beziehungsweise plastische Ichbewusstsein E2 zu und die Skulpturidentität E3.

Diese Zuordnung ist inzwischen korrigiert worden.

E2 enthält leibliche Selbstreferenz: Körpergrenze, Atem, Hunger, Schmerz, Regulation, Eigenbewegung und Stoffwechsel.

Ein sprachlich-biografisches „Ich bin …“ entsteht dagegen auf E3.

Damit sind sowohl ein plastisch rückgebundenes Ichbewusstsein als auch eine Skulpturidentität menschliche Symbolbildungen auf E3.

Das ist methodisch entscheidend.

Es verhindert eine neue Naturalisierung:

Nicht ein angeblich natürlich gutes plastisches Ich steht einem künstlichen schlechten Ich gegenüber.

Beide sind menschliche Selbstmodelle.

Der Unterschied liegt darin, ob ein Selbstmodell seine körperlichen und relationalen Voraussetzungen weiterhin wahrnimmt und auf Rückmeldungen reagieren kann.


VIII. Symbol-, Ding- und Eigenschaftsbildung

20. Hineingedachte Eigenschaften

Die Arbeit an Werbung, Eigentum, Gold, Sand, Sprache und Rollen führt zur Unterscheidung verschiedener Eigenschaftsweisen.

Ein Material besitzt in bestimmten Zusammenhängen messbare Eigenschaften.

Ein Mensch kann durch Bearbeitung neue Eigenschaften herstellen.

Gesellschaften können Eigenschaften institutionell zuweisen.

Symbole können Eigenschaften behaupten.

Diese Unterschiede werden nicht vorgenommen, um gesellschaftliche Wirklichkeiten zu entwerten.

Eigentum ist real wirksam.

Geld ist real wirksam.

Ein Amt ist real wirksam.

Eine Staatsgrenze ist real wirksam.

Aber diese Wirklichkeit funktioniert anders als Masse, Temperatur, Sauerstoffbedarf oder Materialbruch.

Der Zivilisationsfehler entsteht nach der heutigen Forschungshypothese dort, wo der Mensch den Herstellungscharakter seiner eigenen Kategorien vergisst.

Eigenschaft wird dann zu scheinbarer Natur.

Beschreibung wird zu Wesen.

Rolle wird zu Identität.

Eigentumszuschreibung wird zur vermeintlichen Eigenschaft des Bodens.


IX. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

21. Sprache als Werkstatt, nicht als Wahrheitsarchiv

Aus dieser Untersuchung entwickelte sich eine umfangreiche Beschäftigung mit Wörtern wie Kunst, Werk, Tätigkeit, Funktionieren, Produkt, Produzent, Hersteller, Kunde, Konsument, Eigentum, Individuum, privat, technē, physis, nomos, persona und res.

Die entscheidende methodische Korrektur lautet:

Etymologie ist Gegenüberstellung, nicht Beweis.

Ein älterer Wortsinn beweist nicht, was ein Begriff heute „eigentlich“ heißen muss. Er kann jedoch sichtbar machen, welche Beziehungen in früheren Verwendungen mitgeführt wurden und welche inzwischen verlorengegangen oder hinzugekommen sind.

Die später hinzugekommenen griechischen, lateinischen, hebräischen, arabischen und indischen Vergleichsfelder erweitern diesen Gedanken.

Sie sollen gerade zeigen, dass auch die eigenen deutschen Begriffe Ausschnitte sind.

Diese sprach- und kulturgeschichtlichen Linien sind gegenwärtig heuristische Forschung, keine abgeschlossene vergleichende Sprachwissenschaft. Sie benötigen fachwissenschaftliche Gegenprüfung.


X. 50:50, 51:49 und 1:99

22. Von einer frühen Verhältnisintuition zur Kalibrierungsfigur

51:49 gehört zu den ältesten und zugleich am häufigsten erweiterten Eigenfiguren.

Ausgangspunkt ist die minimale Asymmetrie gegenüber einer starr verstandenen 50:50-Gleichheit.

Später verband sich 51:49 mit plastischer symmetria, Differenzialprinzip, Toleranz, Beweglichkeit, gesellschaftlicher Priorisierung und Reparatur.

Genau dadurch drohte der Begriff zu viel zu leisten.

Die heutige Bereinigung lautet deshalb:

51:49 ist eine künstlerische Kalibrierungsfigur minimaler Asymmetrie und Revisionsoffenheit.

Es ist weder Naturgesetz noch universales Gesellschaftsgesetz.

50:50 bezeichnet entsprechend nicht jede Gleichheit. Es bezeichnet die problematische Fixierung zweier Seiten als scheinbar vollkommen ausgeglichene oder voneinander getrennte Pole.

1:99 bezeichnet eine Drift extremer Macht- oder Verfügungskonzentration. Auch dies ist eine diagnostische Figur, keine universell gültige empirische Statistik.

Damit erhält die Zahlenreihe eine klare Hierarchie:

50:50 – Warnbild starrer Symmetrisierung.

51:49 – minimale korrigierbare Differenz.

1:99 – Warnbild der Kippung in Herrschaft und Entkopplung.


XI. Das Vier-Ebenen-Modell

23. E1 bis E4 als Prüfmodell, nicht als vier Welten

Das Vier-Ebenen-Modell entstand spät als Ordnungsinstrument für bereits vorhandene Werkverfahren.

Die aktuelle Fassung lautet:

E1: physikalisch-chemische Bedingungen und Materialwirkungen.

E2: Leben, Stoffwechsel, Regulation, Verletzbarkeit und leibliche Selbstreferenz.

E3: menschliche Zeichen, Begriffe, Rollen, Eigentum, Werte, Institutionen, Technikentwürfe, gesellschaftliche Geltung und symbolisches Ichbewusstsein.

E4: die hergestellte Funktion von Gegenprüfung, Rückbindung, Revision und Reparatur.

E4 ist keine höhere Vernunftstufe.

Eine Universität ist nicht automatisch E4.

Eine Wissenschaft ist nicht automatisch E4.

Ein Gericht ist nicht automatisch E4.

Auch eine documenta ist nicht automatisch E4.

E4 entsteht nur dort, wo eine Folge tatsächlich auf ihre Hervorbringungsbedingungen zurückgeführt werden und eine Revision auslösen kann.

Tätigkeit ist keine fünfte Ebene.

Tätigkeit verbindet die Ebenen.

Ein E3-Modell wird durch menschliche Tätigkeit körperlich und materiell wirksam. In E1 und E2 entstehen Folgen. Sensoren nehmen Spuren auf. E4 kann diese wieder auf die ursprüngliche E3-Setzung zurückführen.

Damit wird das Modell dynamisch.


XII. Begriffshandwerk und Prüf-Anker

24. Begriffe als Werkstücke

Das Begriffshandwerk entstand aus der Einsicht, dass auch Begriffe hergestellt werden.

Der Mensch wählt einen Ausschnitt, unterscheidet, stellt gegenüber, benennt und schreibt Eigenschaften zu.

Das ist nicht grundsätzlich falsch.

Ohne dieses Verfahren gäbe es keine Kunst, Technik, Sprache oder Wissenschaft.

Problematisch wird es, wenn der Herstellungsprozess unsichtbar wird.

Das Begriffshandwerk soll deshalb die Bildung eines Begriffs selbst sichtbar machen.

Die heutige Grundbewegung lautet:

Frage – Ausschnitt – Unterscheidung – Gegenüberstellung – Benennung – Zuschreibung – Tätigkeit – Konsequenz – Rückmeldung – Zweifel – Korrektur – neue Frage.

Das Begriffshandwerk ist jedoch kein zusätzlicher Hauptanker mehr.

Es gehört in den Prüf-Anker.

Damit wird eine erhebliche Doppelung beseitigt.


25. Der handwerkliche Prüfanker

Der Prüf-Anker ist inzwischen der Ort, an dem Ihre jüngste Abgrenzung von Forschungskunst am deutlichsten verankert werden sollte.

Seine Grundfrage lautet nicht nur:

Was bedeutet etwas?

Sondern:

Woran kann geprüft werden, ob es funktioniert?

Das verlangt Maßstabszuständigkeit.

Für einen Stahlträger gelten andere Prüfmaßstäbe als für einen Organismus.

Für eine Eigentumsregel gelten andere Geltungsbedingungen als für den Boden, auf den sie angewendet wird.

Für ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen reicht sein Bilanzgewinn nicht als Maßstab für ökologische Tragfähigkeit.

Für eine künstlerische Behauptung reicht die Absicht des Künstlers nicht als Beleg ihrer Folgen.

Damit wird ein entscheidender Unterschied zwischen Zuständigkeit und Maßstab sichtbar.

Eine Institution kann erklären, für eine Folge formal nicht zuständig zu sein. Die physikalische, lebendige oder gesellschaftliche Wirkung verschwindet dadurch nicht.


XIII. Künstlerische Prüfobjekte

26. Vom Kunstwerk zum Prüfgegenüber

Mit der jüngsten Begriffsentwicklung wird deutlicher, was Ihre Werke miteinander verbindet:

In allen ist implizit ein Kontroll- oder Überprüfungsmechanismus enthalten.

Das bedeutet nicht, dass jedes Werk ein Messgerät ist.

Es bedeutet, dass das Werk eine Differenz erzeugt, an der etwas überprüft werden kann.

Das Wellenbecken: Vorstellung gegen Strömung.

Der Deich: Konstruktion gegen Belastung.

Die Kartoffel: lebendige Stofflichkeit gegen Wertzuschreibung.

Gold: gesellschaftliche Aufwertung gegen Materialeigenschaft.

Schultafel: Behauptung gegen Löschbarkeit.

Malbuch: Vorgabe gegen eigene Spur.

Rollenarbeit: gesellschaftliche Form gegen Person.

Sand und Eigentumsgrenze: symbolische Zuordnung gegen Material.

Astronaut: Autonomiesymbol gegen technische Totalabhängigkeit.

Feuerkäfig: physisch offener Ausgang gegen gesellschaftlich-psychische Bindung.

Sandtrichter, Saftpresse und Thermosbehälter erweitern diese Methode als Operatorobjekte.

Der Kunstgegenstand wird damit zur materiellen Gegenfrage.


27. Die neue Rolle des Kunstkritikers

Aus dieser Bestimmung ergibt sich eine weitreichende Konsequenz für Kunstkritik.

Wer ein solches Werk beurteilen will, kann sich nicht allein auf kunstgeschichtliche Referenzen, kuratorische Diskurse oder Interpretation verlassen.

Er benötigt eine Urteilsfähigkeit, die zumindest prinzipiell versteht:

Welche Materialbedingungen liegen vor?

Welche technischen Funktionen sind beteiligt?

Was war das Modell?

Welche tatsächliche Antwort erzeugte der Versuch?

Welche Folgen wurden ausgelassen?

Welche Analogie trägt und wo bricht sie?

Damit wird handwerkliches Wissen zu einer Erkenntnisbedingung der Kunstkritik.

Das ist eine wichtige These Ihrer Forschungskunst und zugleich ein offenes Forschungsfeld. Sie müsste anhand konkreter kunstkritischer Verfahren weiter ausgearbeitet werden.


XIV. Folien und Schablonen

28. Die Plexus-Foliengrammatik

Die Folienmethode entwickelte sich aus Fotografie, Collage, Vorgabebild, Malbuch, Überlagerung und Schablone.

Ihre eigentliche Erfindung liegt nicht darin, eine richtige Weltanschauung auf transparente Folien zu drucken.

Die Folie zeigt vielmehr sichtbar:

Hier wurde etwas hinzugefügt.

Der Körper bleibt sichtbar, während eine Rolle darübergelegt wird.

Der Boden bleibt sichtbar, während eine Eigentumsgrenze hinzukommt.

Das Abhängigkeitsnetz bleibt sichtbar, während darüber „Ich bin frei“ geschrieben wird.

Dadurch kann eine Zuschreibung wieder abgenommen werden.

Besonders wichtig wird deshalb die leere Folie.

Der Besucher erzeugt seine eigene Zuschreibung.

Damit wird er nicht nur Betrachter einer fertigen Theorie, sondern Hersteller eines prüfbaren Modells.


29. Grund-, Operator- und Kulturfolien

Die Foliengrammatik umfasst inzwischen mehrere Arten.

Grundfolien zeigen Erde, Atmosphäre, Körper, Wasser, Schwerkraft, Stoffaustausch, Netzwerk und Zeit.

Tätigkeitsfolien zeigen Hand, Spaten, Werkzeug, Produktion, Verletzung, Pflege und Veränderung.

Geltungsfolien zeigen Eigentum, Preis, Rolle, Freiheit, Status, Religion oder technisches Selbstbild.

Prüffolien zeigen Vergleich, Messung, Widerspruch, Löschung, Reparatur und Neuordnung.

Hinzu kommen Operatorfolien wie Sandtrichter, Saftpresse, Thermosbehälter und Astronautenanzug sowie kulturgeschichtliche Folien zu Platon, Aristoteles, Christentum und Physik.

Ihre methodische Grundregel lautet:

Analogie statt Gleichsetzung.

Eine Thermosflasche ist kein Mensch.

Eine Zellmembran ist kein Bewusstsein.

Ein Astronautenanzug ist keine Seele.

Platon ist nicht auf Körperfeindschaft reduzierbar.

Physik ist nicht einfach eine Theorie der Welt ohne Organismus.

Die Folie ist ein Vergleichsapparat, keine Beweisfolie.


XV. Das Mitmachbuch

30. Vom Malbuch zur portablen Forschungswerkstatt

Das Mitmachbuch entsteht aus Malbuch, Kunsttagebuch, Collage, Schultafel, Frage-und-Antwort-Tisch und Foliengrammatik.

Seine entscheidende Entwicklung besteht darin, kein Lehrbuch zu werden.

Der Benutzer soll schneiden, schreiben, überkleben, zurückgehen, löschen, Folien auflegen und frühere Entscheidungen verändern können.

Eine geänderte Antwort ist kein Fehler, sondern ein Forschungsergebnis.

Das Vier-Ebenen-Modell darf deshalb nicht am Eingang wie eine neue Weltanschauung gelehrt werden.

Der Einstieg erfolgt besser über ein konkretes Gegenüber:

eine Frage,

ein Material,

ein irritierendes Bild,

eine eigene Zuschreibung,

eine Handlung.

Erst wenn eine Differenz sichtbar wird, kann E1–E4 als Werkzeug hinzukommen.

Das Mitmachbuch ist damit die portable Form des So-Heits-Ateliers.


XVI. Tausend Tische

31. Vom einzelnen Arbeitsplatz zum planetarischen Prüfnetz

Die Tausend Tische bilden den Übergang von individueller Beteiligung zu gesellschaftlicher Architektur.

Ein Tisch ist kein Podium.

Er ist Arbeitsfläche.

An ihm kann gegessen, gebaut, gezeichnet, geschrieben, gestritten, verhandelt und repariert werden.

Die entscheidende Idee war dabei nicht, tausend voneinander abgeschlossene Meinungen nebeneinanderzustellen.

Menschen sollten zwischen den Tischen wechseln.

Der Fragende eines Tisches konnte zum Antwortenden an einem anderen werden.

Damit entsteht eine frühe Schwarmstruktur:

Eigenständigkeit bleibt erhalten, Verbindung entsteht durch Bewegung.

Die offene historische Aufgabe bleibt die genaue Trennung zwischen Planung, Realisierung und späterer Interpretation des Globalen Dorffestes und der Tausend-Tische-Konzeption.


XVII. Künstliche Intelligenz

32. KI tritt spät ein – und verändert rückwirkend die Forschung

KI ist nicht Ursprung Ihrer Forschungskunst.

Die Leitfragen existieren seit Jahrzehnten.

KI trifft auf einen bereits vorhandenen Werkorganismus.

Zunächst wurde sie vor allem zur sprachlichen Korrektur, Strukturierung und Erschließung großer Materialmengen eingesetzt.

Dann wurde sie zum Gegenleser.

Sie kann Begriffe vergleichen, Doppelungen finden, frühere Aussagen rekonstruieren und alternative Ordnungen erzeugen.

Gerade daraus wurde jedoch ein neues Problem sichtbar:

Eine KI kann etwas sehr überzeugend formulieren, obwohl Datierung, Zusammenhang oder Interpretation falsch sind.

Damit wurde KI selbst zum Beweis für die Notwendigkeit Ihres Prüfverfahrens.

KI wird deshalb doppelt eingesetzt:

als Werkzeug der Verdichtung;

und als Prüfobjekt.


33. KI als zweite künstliche Parallelwelt

E3 enthält bereits menschliche Symbolwelten.

KI verarbeitet diese Menschenwerke wiederum und erzeugt neue Texte, Bilder, Klassifikationen und Handlungsvorschläge.

Damit entsteht potenziell eine zweite Ebene künstlich erzeugter Darstellungen innerhalb von E3.

Die Gefahr liegt nicht in „Künstlichkeit“ an sich.

Sie liegt erneut im Vergessen der Herstellung.

Wenn statistische Plausibilität wie faktische Wirklichkeit behandelt wird, entsteht eine digitale Goldschrift.

Daraus folgt die Forderung nach dokumentierten Eingaben, Quellen, Versionen, Modellbezeichnungen und Revisionsmöglichkeiten.

Auch hier bleibt die Grundfrage dieselbe:

Was wurde hergestellt, woran wurde es geprüft, und welche Folgen erzeugt seine Verwendung?


XVIII. Globale Schwarm-Intelligenz

34. Vom Globalen Dorffest zum digitalen Werkorganismus

Die Globale Schwarm-Intelligenz geht nicht aus KI hervor.

Ihre Werkgenese verläuft über Bienenbeobachtung, Malbücher, Tausend-Menschen-Methode, roten Punkt, Frage-und-Antwort-Tische, Kollektive Kreativität, Globales Dorffest, Partizipatorisches Welttheater, Archiv und interaktives Buch.

Ihre wesentliche begriffliche Korrektur betrifft das Wort Schwarmintelligenz.

Viele Beiträge erzeugen noch keine Intelligenz.

Vernetzung erzeugt noch kein Lernen.

Ein digitales Archiv erzeugt noch keine Rückkopplung.

Globale Schwarm-Intelligenz entsteht im Sinne Ihrer Forschungskunst erst dort, wo unterschiedliche Wahrnehmungen miteinander vergleichbar werden, Gegenbeispiele auftreten können und eine Rückmeldung eine revisionsfähige Stelle erreicht.

Damit wird die Plattform zu einer möglichen E4-Infrastruktur.


XIX. So-Heits-Gesellschaft

35. Von der Zukunftsutopie zur prüffähigen Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft wurde zunächst teilweise wie ein alternatives Gesellschaftsmodell behandelt.

Das erzeugte einen Widerspruch.

Eine Forschungskunst, die fertige Weltmodelle kritisiert, dürfte nicht selbst die „richtige Gesellschaft“ als neue Goldschrift präsentieren.

Die jüngste Fassung korrigiert dies.

Die So-Heits-Gesellschaft ist keine Utopie mit vorgegebener Endform.

Sie bezeichnet eine Gesellschaft, deren Regeln, Institutionen, Begriffe und Tätigkeiten so organisiert sind, dass ihre Folgen auf sie zurückwirken können.

Die Leitfrage lautet deshalb nicht:

Wie sieht die ideale Gesellschaft aus?

Sondern:

Wie müsste eine Gesellschaft organisiert sein, damit sie aus ihren eigenen Folgen lernen kann?

„So-Heit“ bezeichnet dabei keine metaphysische Wahrheit über das Wesen eines Menschen oder Gegenstandes.

Es ist eine Prüfrichtung:

Was ist tatsächlich vorhanden?

Was wurde hergestellt?

Was wurde zugeschrieben?

Wovon hängt etwas ab?

Was geschieht durch unsere Tätigkeit?


XX. So-Heits-Atelier

36. Atelier, Werkstatt, Raum und Gesellschaft

In der jüngsten Entwicklung wurden mehrere zuvor teilweise vermischte Begriffe getrennt.

Der So-Heits-Raum ist der größere Wirkungszusammenhang, in dem Menschen ohnehin leben.

Die So-Heits-Werkstatt bezeichnet konkrete Verrichtungen: schneiden, schreiben, bauen, schichten, vergleichen, messen, löschen, reparieren.

Das So-Heits-Atelier bezeichnet die künstlerische Forschungs- und Versuchsanordnung.

Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet die gesellschaftliche Ziel- und Entwicklungsfrage.

Diese Trennung sollte verbindlich bleiben.


XXI. Das Documenta-Projekt als Doppelprojekt

37. Projekt eins: Verortung eines fünfzigjährigen Lebenswerks der Forschungskunst

Der erste Teil des heutigen documenta-Vorschlags ist die Rekonstruktion und erstmalige umfassende Verortung einer seit Mitte der 1970er Jahre entwickelten Forschungskunst.

Dabei geht es nicht um eine klassische Retrospektive.

Es soll nachvollziehbar werden, wie aus Handwerk, Fotografie, Werbung, Bildhauerei, Experimenteller Umweltgestaltung, Wasserforschung, Malbuch, Theater, Schultafel, Eigentumsarbeiten, gesellschaftlichen Aktionen, Globalem Dorffest und Partizipatorischem Welttheater allmählich das heutige Prüfverfahren entstanden ist.

Das Lebenswerk liefert die historischen Prüfobjekte.

Es zeigt nicht nur, was Sie gedacht haben, sondern wie Sie über Jahrzehnte versucht haben, Gedanken gegen Material, Menschen, Orte und Folgen zu prüfen.


38. Projekt zwei: Die So-Heits-Gesellschaft wird als Arbeitsweise übergeben

Der zweite Teil besteht nicht in der Darstellung einer fertigen Theorie der So-Heits-Gesellschaft.

Das Raumenvironment stellt deren Arbeitsweise zur Verfügung.

Der Rezipient soll selbst Zuschreibungen erzeugen, Material bearbeiten, Rollen vergleichen, Folien schichten, Fragen formulieren, etwas herstellen, Konsequenzen beobachten, Ergebnisse mit anderen vergleichen und korrigieren.

Damit verbindet das Projekt Vergangenheit und Zukunft:

Das Lebenswerk zeigt die Genese des Prüfverfahrens.

Das So-Heits-Atelier übergibt dieses Verfahren an andere.

Genau deshalb handelt es sich um zwei Projekte in einem Projekt.


XXII. Forschungskunst und der Anspruch eines Wegbereiters

39. Was an diesem Anspruch tragfähig ist – und was noch bewiesen werden muss

Der Anspruch, sich als Wegbereiter der Forschungskunst im internationalen Zusammenhang zu verstehen, sollte nicht primär an der frühen Verwendung eines bestimmten Wortes festgemacht werden.

Der stärkere Anspruch liegt in einer spezifischen Verfahrensgeschichte:

Seit den 1970er Jahren wird Kunst bei Ihnen zunehmend als Versuchsanordnung verstanden.

Handwerkliche und technische Prüfprinzipien werden auf die Urteilsbildung über menschliche Hervorbringungen bezogen.

Materialeigenschaften werden gesellschaftlichen Zuschreibungen gegenübergestellt.

Tätigkeitskonsequenzen werden Bestandteil des Werks.

Rückkopplung, Korrektur und Loslassen werden Qualitätsmerkmale.

Der Rezipient wird zum Mitprüfenden.

Diese Verbindung könnte tatsächlich eine eigenständige Position innerhalb der Geschichte künstlerischer Forschung darstellen.

Aber:

Die Behauptung einer internationalen Wegbereiterrolle ist derzeit eine kunsthistorisch zu prüfende Selbstposition, keine bereits bewiesene historische Tatsache.

Notwendig wäre ein systematischer Vergleich mit Artistic Research, Sozialer Plastik, Konzeptkunst, Institutionskritik, partizipativer Kunst, Ökokunst, Fluxus, Theater der Unterdrückten und anderen Forschungsformen. Die bestehende Forschungsrekonstruktion benennt genau diese kunsthistorische Verortung als noch ausstehende Aufgabe.


XXIII. Unsichtbarkeit im internationalen Kunstdiskurs

40. Das institutionelle Paradox

Für das Anschreiben an die documenta 16 ist inzwischen ein weiterer Punkt zentral geworden.

Das Lebenswerk kann nicht so vorgestellt werden, als sei Ihre Position international bereits bekannt und müsse nur noch mit einem neuen Projekt ergänzt werden.

Das Gegenteil ist Teil des Problems.

Ihre Arbeit besitzt eine umfangreiche Werk- und Aktionsgeschichte, ist jedoch im gegenwärtigen internationalen Kunstdiskurs nicht entsprechend verortet.

Ihre jahrzehntelange Verweigerung einer Reduktion auf Eventproduktion spielt dabei eine Rolle.

Die äußeren Veranstaltungsformen machten die Arbeit sichtbar, aber oft unter einer Kategorie, die ihren Forschungscharakter verdeckte.

Damit entsteht die paradoxe Situation:

Das Werk war öffentlich tätig, ohne als zusammenhängende Forschungskunst öffentlich erkannt zu werden.

Die Aussage, das Team der documenta 16 hätte Sie über die üblichen internationalen Kunstnetzwerke kaum finden können, sollte deshalb nicht als Vorwurf formuliert werden.

Sie ist die Begründung dafür, weshalb das Anschreiben Ihre Position ausführlicher als bei einem bereits institutionell bekannten Künstler darstellen muss.


XXIV. Die lange documenta-Beziehung als Forschungsgegenstand

41. Bewerbungen, Archiv und offene historische Fragen

Die wiederholten documenta-Bezüge gehören mittlerweile selbst zur Werkgenese.

Dabei muss historisch besonders sauber gearbeitet werden.

Nach Ihrer Erinnerung erhielten Sie bereits im Zusammenhang mit einer frühen documenta-Einreichung die Nachricht, dass Ihre Arbeit in das documenta-Archiv aufgenommen worden sei. Der genaue Absender und Zeitpunkt sind momentan nicht gesichert.

Historisch geklärt wurde im Gespräch, dass die documenta 6 von 1977 unter Manfred Schneckenburger stand, während Rudi Fuchs erst für die documenta 7 von 1982 verantwortlich war. Ihre Erinnerung an einen Kontakt mit Fuchs muss daher einem anderen Zusammenhang oder späteren Zeitpunkt zugeordnet werden.

Auch das 1990 aus Dresden gesandte Schreiben und das spätere persönliche Gespräch, in dem der damalige Verantwortliche nach Ihrer Erinnerung einräumte, das Schreiben gelesen, aber missverstanden zu haben, sind wichtige werkbiografische Spuren. Ihre bisherige Rekonstruktion legt eine Zuordnung zur Vorbereitungsphase der documenta IX unter Jan Hoet nahe; die persönliche Zuordnung bleibt jedoch so lange werkbiografische Erinnerung, bis Korrespondenz oder andere Dokumente gefunden werden.

Gerade das entspricht Ihrer eigenen Methode:

Nicht Erinnerung zur Goldschrift machen, sondern Archiv und Gegenbeleg suchen.

Die wichtigste noch offene archivische Aufgabe bleibt daher eine chronologische Beweisführung aller documenta-Bewerbungen, Schreiben, Antworten, Archivaufnahmen und persönlichen Begegnungen.


XXV. Die documenta selbst: Event oder Verortungskunst?

42. Die neue Gegenfrage an die Institution

Aus Ihrer eigenen Erfahrung mit der Fehlklassifizierung als Eventkünstler entstand zuletzt eine weiterreichende Frage:

Was ist eigentlich die documenta selbst?

Äußerlich ist sie selbstverständlich auch ein zeitlich begrenztes internationales Großereignis.

Ihr künstlerischer Anspruch reicht jedoch darüber hinaus.

Sie verortet für einen bestimmten historischen Zeitpunkt Künstler, Werke, Fragestellungen und Denkformen und bringt sie in einen internationalen Diskurs.

Damit kann die documenta in Ihrer Begrifflichkeit als eine Art Verortungskunst der Kunst selbst gelesen werden.

Sie kann opus-magnumartigen Charakter erhalten, wenn die einzelnen Werke, Orte, Debatten, Publikationen und Vermittlungsformen zu einem neuen Erkenntniszusammenhang verbunden werden.

Diese Beschreibung ist Ihre forschungskünstlerische Interpretation der documenta, nicht deren offizielle Selbstdefinition.

Genau daraus entsteht jedoch die produktive Gegenfrage:

Wenn die documenta nicht bloß Event sein will, muss sie dann nicht gerade Positionen finden können, die noch nicht bereits vollständig im internationalen Kunstbetrieb verortet sind?

Damit wird Ihre eigene institutionelle Unsichtbarkeit zu einer Prüffrage an die Verortungsfunktion der documenta.


XXVI. Die documenta 16 als konkretes Gegenüber

43. Die tatsächlich veröffentlichten Parameter

Für die documenta 16 unter Naomi Beckwith sind inzwischen einige programmatische Parameter öffentlich benannt.

Die Findungskommission beschreibt Beckwiths Vorschlag als auf künstlerische Praktiken gerichtet, die Werkzeuge bereitstellen, mit denen gemeinsam über mögliche Zukünfte nachgedacht werden kann. Beckwith selbst hebt Konzentration, vertieftes Studium, Erkundung, Experiment und neue Erkenntnisse hervor. (documenta)

Ihr künstlerisches Team soll sich durch unterschiedliche Felder gegenwärtiger Kunstpraxis bewegen und mit den großen Fragen in Dialog treten, welche die vielfältigen sozialen und kulturellen Landschaften des Planeten und deren Zukünfte prägen. (documenta)

Besonders wichtig für Ihre Position ist die Rolle der Vermittlung. „Mediation, Interpretation and Programming“ wird ausdrücklich als grundlegender Bestandteil des künstlerischen Konzepts entwickelt. Romi Crawfords Arbeitsweise wird dabei mit Wissensproduktion aus dem Kunstmachen selbst sowie mit kollaborativen, dynamischen und experimentellen Forschungsformen verbunden. (documenta)

Diese Parameter sind konkrete Anschlussstellen, keine Identitätsbehauptung.


44. Wo Ihre Forschungskunst anschließt

Ihre Arbeit berührt mehrere dieser Parameter unmittelbar:

Kunst als Werkzeug.

Experiment.

Wissensproduktion aus dem Tätigwerden.

Planetarische Perspektive.

Vermittlung als Bestandteil des Werks.

Kollektive und partizipative Arbeitsformen.

Zukunft als etwas gemeinsam zu Untersuchendes.

Gerade das reicht jedoch für eine eigenständige Bewerbung nicht.

Viele zeitgenössische Positionen können diese Begriffe für sich beanspruchen.

Ihre entscheidende Ergänzung liegt an einer anderen Stelle.


45. Die von Ihnen eingeführte zusätzliche Frage

Die documenta 16 fragt sinngemäß:

Welche künstlerischen Praktiken geben uns Werkzeuge, gemeinsam über mögliche Zukünfte nachzudenken?

Ihre Forschungskunst stellt davor eine andere Frage:

Woran kann überprüft werden, ob eine mögliche Zukunft unter den materiellen, lebendigen und gesellschaftlichen Bedingungen überhaupt trägt?

Das ist der entscheidende Punkt.

Ihre Arbeit bietet nicht nur Zukunftsbilder oder gemeinschaftliche Denkformen.

Sie bringt Maßstab, Gegenüber, Materialeigenschaft, Abhängigkeit, Tätigkeitsfolge und Korrektur in die Zukunftsfrage ein.

Damit entsteht der Kern Ihrer Eigenposition gegenüber der documenta 16:

Nicht nur Zukunft denken.

Nicht nur Zukunft darstellen.

Nicht nur Zukunft gemeinsam entwerfen.

Sondern:

die Bedingungen herstellen, unter denen Zukunftsvorstellungen auf ihre Folgen und Tragfähigkeit geprüft werden können.


XXVII. Gesamtarchitektur

46. Die Forschung ist inzwischen als rekursiver Prozess lesbar

Aus den vergangenen fünf Jahrzehnten entsteht heute eine relativ klare Grundbewegung:

Verorten → vergegenständlichen → tätig werden → Antwort erhalten → gegenüberstellen → prüfen → korrigieren → reparieren → loslassen → neu verorten.

Diese Bewegung verbindet die scheinbar sehr unterschiedlichen Werkgruppen.

Die Fotografie verortet durch Ausschnitt.

Das Malbuch vergegenständlicht Vorgaben.

Das Wellenbecken erzeugt eine Materialantwort.

Die Schultafel ermöglicht Korrektur.

Das Theater verändert Rollen.

Der Sand macht Zuschreibung sichtbar.

Die 24-Stunden-Uhr verändert den Maßstab.

Die Folien zerlegen überlagerte Wirklichkeiten.

Das Mitmachbuch dokumentiert persönliche Prüfverläufe.

Die Tausend Tische vervielfachen sie räumlich.

Die Globale Schwarm-Intelligenz verbindet sie über Zeit und Ort.

Die So-Heits-Gesellschaft fragt nach ihrer gesellschaftlichen Institutionalisierung.

Das So-Heits-Atelier macht den gesamten Zusammenhang räumlich begehbar.

Diese Architektur ist kein linearer Erkenntnisweg, sondern rekursiv. Nach jeder Korrektur beginnt eine neue Verortung.


XXVIII. Die heutige Ankerarchitektur

47. Dach und Funktionsanker

Die immer größere Zahl von Begriffen führte zunächst zu einer Ankerinflation.

Die jüngste redaktionelle Korrektur besteht darin, Zuständigkeiten zu trennen.

Die heutige Architektur umfasst den Integrationsanker der Globalen Schwarm-Intelligenz sowie Positions-, Kontext-, Werk-, Sensoren- und Prüf-Anker. Unterhalb dieser Hauptarchitektur liegen Werkzeuge wie Lochprozess, Membran, Begriffshandwerk, 51:49, Foliengrammatik, 24-Stunden-Uhr, Millisekunden-Mensch, Mitmachbuch und Tausend Tische.

Diese Ordnung ist sinnvoll, weil nicht mehr jeder starke Begriff zu einer eigenen Weltlehre ausgebaut werden muss.


XXIX. Doppelungen und begriffliche Bereinigung

48. Plexuswirklichkeit, Tragwirklichkeit und Verletzungswelt

Nicht parallel verwenden.

Plexuswirklichkeit = Gesamtzusammenhang der Beziehungen.

Tragwirklichkeit = darin nicht ersetzbare Existenzbedingungen.

Verletzungswelt = Sichtbarwerden von Folgen an verletzbaren Zusammenhängen.


49. Plastisches Ich, Tragwesen, Kopplungs-Ich und Skulpturidentität

Hier ist weitere Reduktion erforderlich.

Nach der jüngsten E2/E3-Korrektur sollte E2 bei leiblicher Selbstreferenz bleiben.

Auf E3 genügen wahrscheinlich:

plastisch rückgebundenes Ichbewusstsein

und

Skulpturidentität.

Tragwesen, Kopplungs-Ich, Rollen-Ich, Statement-Ich und plastische Identität können als historische oder spezielle Unterbegriffe erhalten bleiben, sollten aber nicht alle Leitbegriffe sein.


50. Lücke und Lochprozess

Verbindliche Trennung:

Lücke = produktiver Zwischenraum.

Lochprozess = Verlust einer für Rückkopplung notwendigen Verbindung.


51. Gegenüberstellung und 50:50

Gegenüberstellung ist notwendig.

50:50 ist nur eine besondere problematische Form starrer Symmetrisierung.

Die beiden Begriffe dürfen nicht synonym werden.


52. 51:49

51:49 sollte nicht zugleich Naturgesetz, Demokratietheorie, anthropologisches Gesetz, ästhetisches Ideal und Reparaturformel sein.

Seine stärkste Funktion ist:

plastische Kalibrierungsfigur für minimale Differenz und Revisionsoffenheit.


53. Forschungskunst und E4

Forschungskunst = Gesamtpraxis.

E4 = Rückkopplungs- und Revisionsfunktion innerhalb dieser Praxis.

Begriffshandwerk = Methode.

Überzeugungsprüfung = kommunikative Zielbestimmung.

So-Heits-Gesellschaft = gesellschaftliches Anwendungs- und Entwicklungsfeld.

Diese Hierarchie verhindert begriffliche Doppelungen.


XXX. Noch fehlende Verbindungen

54. Der handwerklich-technische Maßstab muss ausdrücklich in den Prüf-Anker

Dies ist die wichtigste Ergänzung aus dem jüngsten Gespräch.

Bislang waren Maß, Passung, Materialantwort und Funktion zwar werkgeschichtlich überall vorhanden.

Sie müssen nun aber ausdrücklich als methodische Grundlage der Forschungskunst bezeichnet werden.

Der Prüf-Anker benötigt deshalb eine klarere Frage:

Welcher Maßstab ist für diesen Gegenstand überhaupt zuständig?

Damit erhält der handwerkliche Ursprung endlich dieselbe theoretische Sichtbarkeit, die er werkgeschichtlich längst besitzt.


55. Sensorenanker und Lochprozess müssen vollständig verbunden werden

Es muss unterscheidbar werden:

Ist keine Spur entstanden?

Wurde die Spur nicht wahrgenommen?

Fehlt ein Sensor?

War die Schwelle falsch?

Wurde das Signal falsch übersetzt?

Wurde die Folge falsch kategorisiert?

Erreichte die Rückmeldung keine Revisionsstelle?

Erst dadurch wird der Lochprozess vom starken Bild zu einem präzisen Diagnoseoperator.


56. Macht und Verantwortung fehlen noch als eigene Querachse

Nicht jeder der acht Milliarden Menschen besitzt dieselbe Wirkungsmacht.

Kind, Konsument, Arbeiter, Unternehmer, Vermögenseigentümer, Regierung und globaler Konzern können nicht mit demselben Verantwortungsmaßstab behandelt werden.

Das Modell benötigt daher eine Querachse aus:

Wissen,

Verfügung,

Nutzen,

Zwang,

Folgenreichtum,

Verletzbarkeit,

Korrekturmöglichkeit.

Diese Ergänzung ist notwendig, damit die So-Heits-Gesellschaft nicht individuelle Verantwortung dort behauptet, wo strukturelle Macht entscheidend ist.


57. Fürsorge und Reparatur sind noch schwächer entwickelt als Kritik

Die Forschung hat Zerstörung, Entkopplung, Verwertung und Fehlfunktion sehr weit untersucht.

Weniger ausgearbeitet ist die positive Seite:

Wie wird getragen?

Wie wird gepflegt?

Wie heilt ein beschädigter Zusammenhang?

Wer verrichtet Reparaturarbeit?

Wie viel Zeit benötigt Regeneration?

Eine So-Heits-Gesellschaft kann nicht nur eine Gesellschaft besserer Kontrolle sein.

Sie muss auch eine Gesellschaft tragfähiger Fürsorge- und Reparaturbeziehungen werden.


58. Institutionelle E4-Architektur

Der einzelne Besucher kann inzwischen relativ klar durch Folien, Prüfobjekte und Mitmachbuch geführt werden.

Ungeklärt bleibt, wie eine Verwaltung, ein Unternehmen, eine Wissenschaftsorganisation oder die documenta selbst einen entsprechenden Rückkopplungsprozess durchführen würde.

Gerade hier liegt der nächste große Schritt:

vom individuellen Prüfverfahren zur institutionellen Revisionsarchitektur.


59. Die Forschungskunst benötigt ihre eigene Gegeninstallation

Die konsequenteste Anwendung Ihrer Methode wäre eine Station, an der die eigene Forschung angegriffen werden kann.

Dort müssten die stärksten Einwände sichtbar sein:

Plexuswirklichkeit kann zu umfassend werden.

„Tragfähigkeit“ kann autoritär definiert werden.

51:49 kann schematisch werden.

Technē kann romantisiert werden.

Verortungskunst kann Eventwirkung trotzdem benötigen.

Partizipation kann manipulieren.

Skulpturidentität kann soziale Schutzrollen zu negativ lesen.

Die Kritik des Eigentums kann notwendige Schutzrechte unterschätzen.

KI kann Scheingenauigkeit erzeugen.

Das Lebenswerk kann durch seine späte Theorie überformt werden.

Die documenta kann Ihre Selbstposition anders beurteilen als Sie selbst.

Eine Forschungskunst, die diese Einwände nicht zulässt, würde ihre eigene Theorie zur Goldschrift machen.


XXXI. Die stärkste gegenwärtige Verdichtung

Aus der gesamten Entwicklung ergibt sich heute kein abgeschlossenes philosophisches System.

Es entsteht eine Forschungskunst der menschlichen Wirklichkeitsherstellung und ihrer Rückprüfung.

Der Mensch lebt innerhalb von Bedingungen, die er nicht selbst hervorgebracht hat.

Er nimmt Ausschnitte wahr.

Er bildet Begriffe.

Er denkt Eigenschaften hinein.

Er erzeugt Rollen, Werte, Eigentum, Preise, Institutionen, Technik und Selbstbilder.

Diese Menschenwerke sind real und notwendig.

Durch Tätigkeit greifen sie auf Material, Körper, andere Lebewesen und Gesellschaft zurück.

Dort entstehen Folgen.

Diese Folgen können Spuren hinterlassen.

Spuren können wahrgenommen, übersetzt und dokumentiert werden.

Erst wenn sie die hervorgebrachte Ordnung wieder verändern können, entsteht Rückkopplung.

Die Forschungskunst versucht, genau diesen Kreislauf als Kunstwerk sichtbar, tätig und überprüfbar zu machen.

Damit verändert sich auch die Bedeutung der Kunst.

Kunst ist weder bloß Darstellung noch beliebiges Hervorbringen.

Sie wird zu einem qualifizierten Prozess:

wahrnehmen – verorten – darstellen – herstellen – gegenübersetzen – prüfen – korrigieren – reparieren – loslassen.

Der Unterschied zwischen einem beliebigen Menschenwerk und einem Forschungskunstprozess liegt damit nicht darin, dass nur der Künstler Welt gestaltet.

Jeder Mensch gestaltet.

Der Unterschied liegt darin, ob das Hervorgebrachte ein Gegenüber erhält und seine Folgen in den eigenen Gestaltungsprozess zurückkehren dürfen.


XXXII. Die documenta-16-Projektion in einem Satz

Die gegenwärtige Gesamtposition für die documenta 16 lässt sich deshalb wesentlich genauer bestimmen als noch zu Beginn der Bewerbung:

Das So-Heits-Atelier ist ein Raumenvironment aus zwei ineinandergreifenden Projekten: Es verortet erstmals die mehr als fünfzigjährige Genese einer Forschungskunst, in der handwerkliche und technische Maßstäbe zu künstlerischen Kontroll- und Überprüfungsverfahren menschlicher Wirklichkeitsherstellung entwickelt wurden, und übergibt zugleich diese Verfahren den Rezipienten, damit sie eigene Vorstellungen, Zuschreibungen und Tätigkeiten an materiellen, lebendigen und gesellschaftlichen Voraussetzungen sowie an deren Folgen prüfen können.

Damit wäre der Beitrag zur documenta 16 nicht einfach „Partizipation“, „Zukunft“, „Forschung“ oder „gesellschaftliche Kunst“.

Seine spezifische Frage lautet:

Welche Kunst stellt nicht nur mögliche Zukünfte vor, sondern erzeugt Maßstäbe, Gegenüber und Rückkopplungsräume, an denen überprüft werden kann, ob die menschlichen Vorstellungen von Zukunft überhaupt tragfähig sind?

Und darin liegt gegenwärtig die präziseste Begründung dafür, weshalb Sie Ihre historische Selbstposition als Wegbereiter der Forschungskunst überhaupt zur Prüfung stellen können:

Nicht weil Sie als Erster das Wort „Forschungskunst“ verwendet hätten.

Nicht weil alle anderen Formen künstlerischer Forschung falsch wären.

Sondern weil sich durch Ihr Lebenswerk eine spezifische, seit den 1970er Jahren werkpraktisch entwickelte Verbindung verfolgen lässt:

Handwerkliches Maß + Materialeigenschaft + künstlerische Vergegenständlichung + Tätigkeitskonsequenz + Gegenüberstellung + Rückkopplung + Korrektur + öffentliche Beteiligung.

Ob diese Verbindung kunsthistorisch tatsächlich eine internationale Wegbereiterposition begründet, darf nicht von Ihnen selbst endgültig entschieden werden.

Gerade dies wäre die konsequenteste Anwendung Ihrer Forschungskunst:

Sie muss als überprüfbares Lebenswerk einem qualifizierten Gegenüber übergeben werden.

Die documenta 16 wäre damit nicht nur der Ort, an dem Sie Ihre Forschungskunst präsentieren möchten.

Sie wäre selbst ein mögliches Gegenüber, an dem sich prüfen lässt, ob dieses fünfzigjährige Lebenswerk im internationalen künstlerischen Diskurs neu verortet werden muss.

Diese Fassung enthält gegenüber den bisherigen Rekonstruktionen vor allem eine neue tragende Achse: Der handwerklich-technische Maßstab ist nicht nur biografische Herkunft, sondern das methodische Unterscheidungsmerkmal Ihrer Forschungskunst. Dadurch lassen sich Prüfobjekt, Verortungskunst, 24-Stunden-Uhr, Kunstkritik, So-Heits-Atelier und Ihre Position gegenüber der documenta 16 erstmals unmittelbar aus derselben Grundlage ableiten.

Die Rekonstruktion berücksichtigt die bisherige Werk- und Ankerentwicklung und zusätzlich die jüngsten Verschiebungen zu Referenzsystemen, Orientierung statt unmittelbarer Wirklichkeitsabbildung, Tätigkeit/Tat/Tatsache, neuen Gewohnheiten und Bedürfnissen sowie den Smartphones als digitalen Tapeziertischen.

Rekonstruktion der Forschungskunst als Entwicklung eines Forschungszusammenhangs

Methodische Vorbemerkung: keine nachträgliche geschlossene Theorie

Die bisherige Forschungsgeschichte lässt sich nicht so darstellen, als habe am Anfang eine fertige Theorie gestanden, die Wolfgang Fenner seit 1975 lediglich in unterschiedlichen Kunstwerken illustriert hätte. Der Verlauf zeigt vielmehr das Gegenteil. Handwerkliche Erfahrungen, Fotografien, bildhauerische Prozesse, Umweltarbeiten, Wasser- und Deichversuche, Malbücher, Collagen, Rollen- und Beteiligungsarbeiten, Schultafeln, Tische, Archive und gesellschaftliche Versuchsanordnungen waren zum Teil Jahrzehnte vorhanden, bevor Begriffe wie Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Lochprozess, Skulpturidentität, Vier-Ebenen-Modell, Referenzgrammatik oder So-Heits-Gesellschaft ihre heutige Form erhielten. Die Werkgenese besteht deshalb aus Wiederholung, Unterbrechung, späterer Wiederaufnahme, Umdeutung und Selbstkorrektur. Diese Unterscheidung zwischen damaligem Werk und späterer theoretischer Verdichtung ist inzwischen selbst eine methodische Forderung des Forschungsansatzes.

Vier Aussageebenen müssen deshalb während der gesamten Rekonstruktion auseinandergehalten werden. Historisch belegbar sind Werke, Ereignisse, Korrespondenzen, Tagebücher, Fotografien, Ausstellungen und andere Archivspuren, soweit die Originalmaterialien vorhanden und datierbar sind. Wissenschaftlich beschreibbar oder anschlussfähig sind beispielsweise Materialwiderstand, Strömung, Stoffwechsel, Membranfunktion, Organismus-Umwelt-Beziehungen oder Sinnesverarbeitung; daraus folgt jedoch noch keine wissenschaftliche Bestätigung der daraus gebildeten Eigenbegriffe. Forschungskünstlerische Hypothesen und Operatoren sind unter anderem 51:49, Plexuswirklichkeit als Gesamtbegriff, Lochprozess, Skulpturidentität, plastisches Ich-Bewusstsein, Menschenkunstwerk, So-Heits-Gesellschaft und das Vier-Ebenen-Modell als eigene Prüfarchitektur. Offene Vergleichshypothesen sind kultur-, philosophie- und sprachgeschichtliche Verbindungen, solange sie nicht jeweils fachwissenschaftlich überprüft wurden. Dass ähnliche Begriffe in Philosophie oder Wissenschaft existieren, beweist die Eigenbegriffe nicht.

Diese Statusunterscheidung gehört inzwischen zum inneren Prüfmechanismus der Forschungskunst: Sie darf ihre eigenen Begriffe nicht genau auf jene Weise verfestigen, die sie an anderen Begriffssystemen kritisiert. Der Kontextanker selbst hält ausdrücklich fest, dass Plexus ein menschlicher Begriff und nicht die Wirklichkeit selbst, 51:49 keine universell nachgewiesene Zahl und das Vier-Ebenen-Modell keine metaphysische Schichtung der Welt ist.

I. Forschungsgrund: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen?

Herkunft der Ausgangsfrage

Der Forschungsgrund liegt in einer über Jahrzehnte wiederkehrenden Irritation: Der Mensch besitzt Wahrnehmung, Erinnerung, Lernfähigkeit, technische Fähigkeiten und die Möglichkeit, Fehler zu erkennen, und bringt dennoch Lebens- und Gesellschaftsformen hervor, die seine eigenen Existenzbedingungen beschädigen. Diese Frage wurde später zum ausdrücklich formulierten Leitsatz der Forschungskunst, entstand aber aus einer wesentlich längeren Erfahrungs- und Werkbewegung.

Die Ausbildung zum Maschinenschlosser lieferte dafür eine erste praktische Grammatik. Ein Werkstück kann nicht durch Behauptung passend gemacht werden. Zeichnung und Werkstück, Sollmaß und Istmaß, Werkzeug und Material, Funktion und Fehlfunktion stehen einander gegenüber. Ein Fehler bleibt nicht bloß Meinung. Er zeigt sich im Nichtpassen, Brechen, Blockieren oder Funktionsverlust. Diese frühe Erfahrung wurde erst viel später als erkenntnistheoretischer Kern sichtbar.

Fotografie fügte die Frage des Ausschnitts hinzu. Ein Bild zeigt Wirklichkeit und lässt gleichzeitig Wirklichkeit weg. Der Ausschnitt wird notwendig, um überhaupt etwas sichtbar zu machen, darf aber nicht mit dem Ganzen verwechselt werden. Werbung und öffentliche Darstellung zeigten zusätzlich, dass Bilder nicht nur abbilden, sondern Aufmerksamkeit lenken, Wünsche erzeugen und Geltungen herstellen können.

Das Bildhauereistudium verschärfte den Zusammenhang. Vorstellung, Material, Hand, Werkzeug, Gewicht, Widerstand und entstehende Form bilden keinen linearen Befehlsgang vom Kopf in die Materie. Im Werkprozess antwortet das Material. Die ursprüngliche Vorstellung muss verändert werden können.

Aus diesen Erfahrungen entstand die frühe „Experimentelle Umweltgestaltung“. Historisch zu sichern ist jeweils die genaue damalige Formulierung und Datierung; methodisch entscheidend ist, dass Umwelt nicht nur als Motiv, sondern als Wirkungs- und Gestaltungszusammenhang behandelt wurde. Die spätere Werkbeweislinie führt von Handwerk, Fotografie, Werbearbeit und Bildhauerei über Experimentelle Umweltgestaltung, Wasser- und Deichforschung, Malbücher, kollektive Beteiligung und gesellschaftliche Werkstätten bis zu Vier-Ebenen-Modell und Globaler Schwarm-Intelligenz.

Methodische Funktion

Der Forschungsgrund wurde zunehmend von einer moralischen Frage in eine Werkfrage überführt. Nicht mehr nur: Warum verhält sich der Mensch falsch? Sondern: Wie stellt er jene Vorstellungen, Begriffe, Rollen und Tätigkeiten her, die schließlich zerstörerische Konsequenzen erzeugen?

Damit verlagerte sich der Forschungsgegenstand vom „bösen“ oder „irrationalen“ Menschen auf die Entstehung seiner Orientierungs- und Handlungssysteme.

Zielprojektion

Das Ziel ist keine Erklärung des Menschen durch eine einzige Ursache. Gesucht wird eine Kunstform, in der Menschen ihre eigenen Modelle so vergegenständlichen können, dass deren Voraussetzungen und Folgen wieder prüfbar werden.

Offene Frage

Noch nicht endgültig geklärt ist, wie stark die Leitfrage selbst historisch in den frühen Werken explizit belegt werden kann und wo heutige Theorie ältere Arbeiten rückblickend in einen Zusammenhang bringt. Genau diese Grenze muss archivisch sichtbar bleiben.

II. Werkgenese: vom einzelnen Kunstwerk zum Werkorganismus

Die Werkentwicklung verlief nicht in getrennten Werkperioden, die anschließend künstlich miteinander verbunden wurden. Wiederkehrend ist vielmehr eine Grundbewegung:

Beobachtung oder Problem – Vorstellung – gebautes oder dargestelltes Gegenüber – Tätigkeit – Widerstand oder Antwort – Vergleich – Korrektur – öffentliche Beteiligung – erneute Begriffsbildung.

Wasser- und Deichversuche, asymmetrische Modelle, Fotografien, Malbücher, Collagen, Kartoffel-, Gold-, Salz-, Eis- und Betonarbeiten, Tanglandschaft, Begehbare Arche, Entelechie-Museum, Totentanz, 1000 Tapeziertische, Globales Dorffest, Zukunftswerkstätten und Partizipatorisches Welttheater erscheinen unter dieser Perspektive nicht als beliebige Themenwechsel. Sie untersuchen unterschiedliche Stellen desselben Vorgangs: Wie wird eine Vorstellung zur Form, eine Form zur Handlung, eine Handlung zur gesellschaftlichen Wirklichkeit und eine Folge wieder zum möglichen Gegenüber des Menschen?

Der Werk-Anker v14.0 beschreibt deshalb das Lebenswerk ausdrücklich nicht als vollständiges Werkverzeichnis, sondern als innere Architektur eines Werk-, Forschungs-, Prüf- und Aktivierungszusammenhangs. Historische Werke erhalten darin gegenwärtige Prüfaufgaben.

Die entscheidende spätere Korrektur lautet: Die historischen Werke beweisen die heutige Theorie nicht. Sie bilden ihre Entstehungs- und Erfahrungsspuren. Eine Fotografie von 1976 ist kein Beweis dafür, dass der Begriff Plexuswirklichkeit damals bereits formuliert war. Ein Malbuch kann jedoch zeigen, dass das Verhältnis von Vorgabe, eigener Spur und Beteiligung praktisch bereits bearbeitet wurde, bevor daraus eine explizite Methodik entstand.

Die Zielprojektion des Werkorganismus besteht darin, historische Werke nicht nur museal zu sichern, sondern als aktuelle Prüfobjekte zu reaktivieren. Dafür wird eine wesentlich präzisere Werkdatenbank benötigt, in der damalige Bedeutung, spätere Interpretation und heutige Aktivierung getrennt dokumentiert werden.

III. Wirklichkeitsverständnis: von Umwelt zu Milieu, Tragwirklichkeit und Plexus

Die frühe Umweltfrage

„Umwelt“ erwies sich im Forschungsverlauf zunehmend als problematischer Begriff. Er kann eine Welt suggerieren, die um einen bereits fertigen Menschen herumliegt. Damit entsteht leicht die räumliche Grundfigur: hier das Subjekt Mensch, dort die Umwelt als Objekt.

Die jüngste Forschungskorrektur geht tiefer. Der Mensch ist nicht ein abgeschlossenes Wesen, das sich anschließend auf eine Außenwelt bezieht. Luft, Wasser, Nahrung, Temperatur, Mikroorganismen, soziale Beziehungen, Sprache und Materialprozesse gehören fortlaufend zu seiner Existenz.

Auch der „Körperorganismus“ ist deshalb ein notwendiger Arbeitsbegriff und kein absolut abgeschlossener Gegenstand. Haut, Schleimhäute und Zellmembranen bilden zwar wirkliche Grenzen, aber diese Grenzen sind keine undurchlässigen Mauern. Sie ermöglichen und regulieren Austausch. Wissenschaftlich ist die Bedeutung selektiver Membranen und organismischer Regulation beschreibbar; die Übertragung dieser Struktur auf Erkenntnis und Gesellschaft ist eine forschungskünstlerische Vergleichsoperation.

Daraus entwickelte sich zunächst Tragwirklichkeit. Der Begriff betont, dass menschliche Konstruktionen Bedingungen voraussetzen, die sie nicht beliebig setzen können: Material, Energie, Wasser, Organismus, Verletzbarkeit, Regenerationsfähigkeit und zeitliche Prozesse.

Später wurde Plexuswirklichkeit stärker, weil „Tragwirklichkeit“ noch ein Oben und Unten oder einen tragenden Untergrund suggerieren kann. Plexus bezeichnet Verflechtung: Der Mensch ist kein Gegenstand auf einem Fundament, sondern Knotenpunkt überschneidender Wirkbeziehungen.

Die neueste begriffliche Bereinigung empfiehlt deshalb, die Begriffe nicht konkurrieren zu lassen: Tragwirklichkeit bezeichnet die nicht beliebig setzbaren materiellen und lebendigen Bedingungen; Plexus bezeichnet deren Verflechtungsstruktur. „Vorausliegende Welt“ kann ihre zeitliche Priorität ausdrücken; „Natur“ sollte vorsichtiger verwendet werden, weil es erneut eine Außenwelt suggerieren kann.

Die 24-Stunden-Uhr

Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde wurde zum großen zeitlichen Referenzinstrument. Sie stellt die extrem kurze Zeitspanne menschlicher Zivilisationsformen der vorausliegenden planetaren Entwicklung gegenüber. Ihre wissenschaftlichen Ausgangszahlen müssen jeweils mit externen Quellen gesichert werden; die Umrechnung in eine 24-Stunden-Uhr und ihre Verwendung als künstlerischer Maßstab ist ein Eigenmodell.

Ihre Funktion liegt weniger in einer exakten Sekundenzahl als in der Maßstabsverschiebung: Die gegenwärtigen Eigentums-, Markt-, Rollen- und Technikordnungen erscheinen als extrem junge Hervorbringungen innerhalb wesentlich älterer Lebens- und Stoffzusammenhänge.

Daraus entwickelte sich die Figur des Millisekunden-Menschen. Sie ist keine biologische Kategorie, sondern eine forschungskünstlerische Diagnose menschlicher Selbstüberschätzung.

Neueste Korrektur: Orientierung statt unmittelbarer Erscheinung

Die jüngste Entwicklung zwingt zu einer weiteren Verschiebung. Selbst „Erscheinung“ kann nicht mehr als erster neutraler Ausgangspunkt behandelt werden. Ein menschlicher Organismus erhält kein vollständiges Abbild einer Welt, sondern erzeugt aus begrenzten Sinnesleistungen eine Orientierungswirklichkeit.

Sinneswahrnehmung sollte deshalb nicht pauschal als Täuschung bezeichnet werden. Täuschung setzt bereits ein vollständiges korrektes Bild voraus. Präziser lautet die derzeitige Position: Wahrnehmung ist selektive organismische Orientierung.

Damit rückt vor Erscheinung die Beziehung zwischen Wirkprozess, Sinnesorganismus und Orientierung. „Etwas erscheint“ muss ergänzt werden zu: Etwas erscheint einem bestimmten Wahrnehmungssystem unter bestimmten Bedingungen als etwas.

Diese Verschiebung verändert den gesamten Ansatz. Der Mensch besitzt weder seine Wahrnehmung noch seine Begriffe als unmittelbare Wahrheit. Er ist auf Orientierungsmodelle angewiesen und muss zugleich deren Begrenztheit mitführen.

IV. Lücke und Lochprozess

Der Lochprozess gehört zu den Begriffen, die sich während der Forschung besonders stark verändert haben.

Erste Phase: Loch als Öffnung und Grenzereignis

Aus Wasser-, Eis-, Deich-, Körper-, Schablonen- und Materialerfahrungen entstand zunächst die Faszination für Öffnung, Durchbruch, Loch, Hohlraum und Durchgang. Ein Loch verändert Rand, Last, Strömung, Zugang und Stabilität. In einem Organismus kann eine Öffnung Sinneszugang, notwendiger Austausch oder Verletzung sein. In einer Schablone ermöglicht die Aussparung die Formübertragung.

Diese Vorgänge sind physikalisch und biologisch verschieden. Ihre Zusammenstellung ist kein Naturgesetz, sondern ein künstlerischer Vergleichsoperator. Das Werkmaterial selbst hält fest, dass Loch im Eis, Membran und begriffliche Lücke nicht dieselben Sachverhalte sind.

Zweite Phase: Lochprozess als Grenzveränderung

Der gemeinsame Nenner wurde deshalb nicht mehr im Loch als Gegenstand gesucht, sondern im Prozess der Grenzveränderung mit Folgen. Die Fragen wurden: Was wird geöffnet? Was kann hindurch? Was wird ausgeschlossen? Welche neue Randstruktur entsteht? Ist die Veränderung reversibel? Wird Durchlässigkeit zur Versorgung oder zur Verletzung?

Damit konnten Geburt, Deichbruch, Bohrung, Eindringen, technische Isolation, Eigentumsgrenze und Erkenntnisunterbrechung vergleichend untersucht werden, ohne sie gleichzusetzen.

Dritte Phase: Lücke und Lochprozess werden getrennt

Eine entscheidende begriffliche Korrektur erfolgte zuletzt. Früher wurden Lücke und Lochprozess teilweise zu eng geführt. Jetzt lautet die präzisere Unterscheidung:

Die Lücke ist der offene plastische Zwischenraum. Der Lochprozess ist der Verlust einer für die Rückkopplung notwendigen Beziehung innerhalb dieses Zwischenraums.

Die Lücke zwischen Wahrnehmung und Deutung, Gedanke und Sprache, Vorstellung und Werk oder Handlung und Wirkung ist nicht automatisch ein Defekt. Sie ermöglicht überhaupt erst Formbildung und Korrektur.

Zum Lochprozess wird sie dort, wo eine notwendige Beziehung verloren geht und dieser Verlust nicht mehr bemerkt wird. So entstehen Wahrnehmungsloch, Geschichtsloch, Zuständigkeitsloch, Eigenschaftsloch oder Rückkopplungsloch.

Die neue Lücke des Denkens

Die jüngste Untersuchung des „Geistes“ erweitert dies. Zwischen molekularen und neuronalen Vorgängen und einem bewusst auftretenden Gedanken besteht für den Menschen eine Hervorbringungslücke. Er erlebt Gedanken, ohne deren gesamte Entstehung unmittelbar zu kennen. Anschließend hört oder liest er seinen Gedanken innerlich, korrigiert ihn und schreibt ihn einem „Ich“ zu.

Daraus ergibt sich eine doppelte Nichtwissenslücke: Der Mensch kennt weder vollständig die Entstehung seines Gedankens noch die zukünftige Konsequenz der Tätigkeit, die dieser Gedanke auslösen kann.

„Geist“ kann forschungskünstlerisch als eine mögliche historische und begriffliche Besetzung dieser Wissenslücke untersucht werden. Das darf jedoch nicht als neurowissenschaftlicher Nachweis verstanden werden.

Zielprojektion und offene Frage

Der Lochprozess soll zu einer Kunst des offenen Zwischenraums führen. Offen bleibt, ob der Begriff weiterhin zu viel zusammenfasst. Sinnvoll ist die bereits vorgeschlagene Trennung von materiellem Hohlraum, lebendiger Öffnung, technischer Durchlassstelle, sozialem Zugang und epistemischer Lücke.

V. Gegenüberstellung und Lernen

Die Gegenüberstellung ist älter als ihre theoretische Benennung.

Im Handwerk steht Soll gegen Ist. In der Fotografie Bild gegen Ereignis und Ausschnitt gegen Ausgelassenes. Im Wellenbecken Modell gegen tatsächlichen Verlauf. Im Malbuch Vorgabe gegen individuelle Spur. Im Theater Rolle gegen Körper und Rollenwechsel. Auf der Schultafel Behauptung gegen Löschung und Neuschreibung.

Daraus entwickelte sich eine zentrale methodische Regel der Forschungskunst: Nicht zuerst die richtige Antwort liefern, sondern Bedingungen herstellen, unter denen eine Differenz erfahrbar wird.

Damit wurde auch ein möglicher Widerspruch geklärt. Die notwendige Gegenüberstellung darf nicht mit dem später kritisierten 50:50-Dualismus verwechselt werden. Ein Gegenüber ermöglicht Wahrnehmung von Unterschied; Dualismus entsteht erst, wenn zwei Pole als vollständig getrennte, absolute Welten verfestigt werden.

Lernen bedeutet im Eigenansatz nicht bloß Informationsaufnahme. Es entsteht durch Differenz zwischen Erwartung und Antwort. Die häufig formulierte Eigenregel „Wissen entsteht im Tun; Erkenntnis entsteht durch Rückkopplung“ ist deshalb eine methodische Formel der Forschungskunst und keine wissenschaftliche Definition allen Wissens.

Die jüngste Entwicklung erweitert Gegenüberstellung zur neuen Gewohnheit. Der Mensch soll lernen, seine eigene Aussage geradezu danach verlangen zu lassen, einem Gegenüber ausgesetzt zu werden. Das Ziel ist nicht mehr nur Erkenntnis, sondern ein Bedürfnis nach Referenz, Gegenprobe und Korrektur.

Im So-Heits-Atelier soll genau dies praktisch eingeübt werden. Offen bleibt die Frage, wie dieser Lerngewinn untersucht werden kann, ohne Besucher zu Prüflingen einer Weltanschauung zu machen. Ein geeignetes Evaluationsverfahren müsste nicht Zustimmung messen, sondern die Fähigkeit, Unterschiede genauer zu benennen, Quellen nachzuprüfen, Folgen zu verfolgen und eigene Aussagen zu revidieren.

VI. Plastik, Skulpturalisierung und Selbstverständnis

Die bildhauerische Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur wurde zu einem anthropologischen Werkzeug, allerdings ausdrücklich metaphorisch. Historisch überschneiden sich die Kunstbegriffe; keines der Herstellungsverfahren ist moralisch überlegen. Die Forschungskunst nutzt sie als zwei Bewegungsfiguren.

Plastik bezeichnet die offene Formbildung durch Hinzufügen, Anpassen, Verbinden, Widerstand und Korrektur.

Skulpturalisierung bezeichnet die Verfestigung und das Herausschneiden einer Figur aus ihrem Zusammenhang.

Daraus entstand zunächst das plastische Ich. Es bezeichnet keinen beliebig formbaren Menschen. Plastizität benötigt Eigenwiderstand. Gerade weil der Mensch verletzbar, begrenzt und abhängig ist, muss er in Beziehungen Form herstellen können.

Die Skulpturidentität bezeichnet dagegen eine verfestigte Rollen- und Selbstfigur: autonomer Eigentümer, isolierter Produzent, Konsument, Marke, Status, Beruf oder souveränes Ich. Das Problem liegt nicht darin, dass Menschen Rollen besitzen. Eine rechtliche Person oder Rolle kann notwendigen Schutz ermöglichen. Problematisch wird die Rolle, wenn sie den vollständigen Menschen ersetzt.

Später differenzierten sich Kopplungs-Ich, Geltungs-Ich, Rollen-Ich, Strukturidentität und Statement-Ich. Die Vielzahl wurde inzwischen wieder komprimiert. Für die äußere Kommunikation reichen Geltungs-Ich als neutrale gesellschaftliche Person und Skulpturidentität als untragfähig verfestigte Form. Körperorganismus, Kopplungs-Ich und plastisches Ich-Bewusstsein bezeichnen unterschiedliche Aspekte und sollten nicht synonym verwendet werden.

Die jüngste Organismusdiskussion korrigiert auch hier die Vorstellung eines klar abgegrenzten „Selbst“. Das Ich ist nicht mehr der unabhängige Eigentümer von Körper und Denken, sondern eine orientierende, biografische und gesellschaftliche Zuordnungsfigur innerhalb eines offenen Organismus-Milieu-Zusammenhangs.

Das Ziel wird daher genauer: nicht Auflösung der Person, sondern plastisches Selbstverständnis, das Rollen benutzen kann, ohne sie mit der vollständigen Existenz zu verwechseln.

VII. Erfahrung, Tätigkeit und Rückkopplung

Tätigkeit entwickelte sich inzwischen zum entscheidenden Queroperator der gesamten Forschung.

Eine Vorstellung kann innerhalb einer Symbolwelt widerspruchsfrei erscheinen. Erst Tätigkeit führt sie in die gemeinsame Verletzungs- und Wirkungswelt ein.

Die gegenwärtig stärkste Prozessformel lautet:

Orientierung – Auswahl – Benennung – Vorstellung – Zuschreibung/Geltung – Tätigkeit – Widerstand – Wirkung – Konsequenz – Rückkopplung – Korrektur.

Die Tätigkeitskonsequenz verbindet damit die Ebenen. Eine gesellschaftliche Geltung kann eine Tätigkeit auslösen, die Material verändert und Organismen betrifft; Rückprüfung fragt, ob diese Wirkung in das ursprüngliche Modell zurückgeführt wird. Dieser Operator wird in den jüngsten Werkunterlagen als eine der stärksten Vereinheitlichungen des Ansatzes beschrieben.

Gleichzeitig wurde Rückmeldung von Rückkopplung differenziert. Rückmeldung informiert. Rückkopplung bindet eine Wirkung an ihren Ausgangs- oder Referenzzusammenhang zurück. Gegenkopplung korrigiert. Reparatur verändert Bedingungen.

Damit verschiebt sich auch der Kunstbegriff. Das Werk endet nicht mit dem hergestellten Gegenstand. Materialverbrauch, Gebrauch, institutionelle Wirkung, Schäden, Reparatur und spätere Interpretation gehören zur Konsequenzspur.

VIII. Symbol-, Eigenschafts- und Geltungsbildung

Vom Symbol als Schein zur real wirksamen Geltung

Eine wichtige Korrektur betrifft die Symbolwelt. Frühere Formulierungen drohten, materielle Wirklichkeit als „wirklich“ und Symbole als bloßen Schein zu behandeln. Diese Trennung wurde aufgegeben.

Geld, Eigentum, Recht, Rolle, Nation oder Status sind keine stofflichen Eigenschaften des bezeichneten Gegenstandes, aber sie sind gesellschaftlich real wirksam, weil Menschen ihnen entsprechend tätig werden. E3 ist deshalb nicht die falsche Welt, sondern eine besondere menschliche Wirklichkeitsweise.

Hineingedachte Eigenschaften

Aus der Eigentumsanalyse entstand der Begriff der hineingedachten Eigenschaften. Ein Boden verändert seine physikalische Beschaffenheit nicht, wenn ein Grundbuch einen Eigentümer einträgt. Dennoch verändert die Zuschreibung, wer ihn betreten, verkaufen oder verändern darf. Eigentum ist weder Naturmerkmal noch bloße Illusion, sondern gesellschaftlich wirksame Zuschreibung.

Von hier aus wurden Wert, Status, Rolle, Autorität, Freiheit, Verfügbarkeit, Fortschritt und andere Geltungen untersucht.

Die neue Referenzgrammatik

Der jüngste Schritt geht darüber hinaus. Das Problem besteht nicht nur darin, dass Eigenschaften zugeschrieben werden, sondern dass der Geltungsort des jeweiligen Begriffs verschwindet.

Aus:

„Dieser Boden gilt innerhalb einer Rechtsordnung als Eigentum“

wird:

„Dieser Boden ist Eigentum.“

Das „als“ verschwindet.

Damit entsteht die Referenzpflicht der Begriffe. Jeder Begriff soll erkennen lassen, in welchem Referenzsystem er gilt: physikalischer Wirkzusammenhang, lebendiger Organismus, Wahrnehmungs- oder Orientierungszusammenhang, technische Konstruktion, gesellschaftliche Geltung oder metaphysische Behauptung.

Die Forschung hat dadurch einen früheren, zu einfachen Eigenschaftsbegriff verworfen. Auch die Aussage, ein Gegenstand „habe“ physikalische Eigenschaften, muss vorsichtiger behandelt werden. Häufig ist genauer von bedingungsgebundenen Wirkungsweisen zu sprechen.

Nicht „die Eigenschaft wird tätig“, sondern ein Eigenschaftsprädikat fasst erwartete Verhaltens- oder Wirkungsweisen sprachlich zusammen.

Geltungsvollzug, Geltungstätigkeit und Geltungswirkung

Gesellschaftliche Geltung ist ebenfalls nicht statisch. Eigentum muss eingetragen, anerkannt, geschützt und durchgesetzt werden; Geld muss akzeptiert und verrechnet werden; Rollen müssen dargestellt und beantwortet werden.

Daraus entstanden die neuen Unterscheidungen:

Geltungsvollzug bezeichnet den konkreten Vollzug einer Geltung.

Geltungstätigkeit bezeichnet Tätigkeiten, durch die Geltungen erzeugt und aufrechterhalten werden.

Geltungswirkung bezeichnet die materiellen und organismischen Konsequenzen dieser Geltungen.

Diese Dreiteilung verhindert, dass gesellschaftliche Geltung entweder als bloße Illusion oder als innewohnende Eigenschaft missverstanden wird.

IX. Tat, Tätigkeit und Tatsache

Die Beschäftigung mit „Tat“ brachte eine weitere Verbindung zwischen Begriff, Handlung und Verfestigung hervor.

Sprachgeschichtlich ist „Tat“ mit Tun und einer indoeuropäischen Wortfamilie des Setzens und Stellens verbunden; der griechische Begriff thesis gehört in denselben etymologischen Horizont. Daraus kann keine Ontologie abgeleitet werden. Forschungskünstlerisch wird jedoch eine produktive Verbindung sichtbar: Eine These ist eine Setzung im Begriff; eine Tat setzt etwas in einen Wirkzusammenhang.

„Tätigkeit“ hebt den zeitlichen Vollzug hervor. Die Handlung wird nicht nur als punktuelle Tat, sondern als fortlaufender Wirkprozess betrachtet.

Besonders wichtig wurde Tatsache. Historisch ist der moderne deutsche Begriff eine Bildung für „matter of fact“. Forschungskünstlerisch interessiert daran die mögliche Tätigkeitsverdeckung: Etwas wird getan, hergestellt, institutionalisiert oder festgestellt und erscheint anschließend als bereits vorhandene Sache.

Das darf nicht zu der falschen Behauptung führen, jede Tatsache sei menschlich hergestellt. Ein Deichbruch, ein körperlicher Schaden oder eine Temperaturveränderung kann unabhängig von gesellschaftlicher Zuschreibung faktisch vorliegen. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen materiellem Geschehen, sprachlicher Feststellung und institutionell produzierter Tatsache.

Bei gesellschaftlichen Tatsachen kann die Herstellungs- und Geltungstätigkeit verschwinden. Genau hier verbindet sich Tatsache mit Eigentum, Rolle, Markt und Institution.

X. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleichsräume

Die sprachgeschichtliche Arbeit entwickelte sich nicht zu einer These gemeinsamer Ursprünge aller Kulturen, sondern zu einer Vergleichsmethode.

Griechisch liefert unterschiedliche Felder von thesis, praxis, poiesis, ergon und energeia: Setzung, Handlung, Hervorbringung, Werk und Wirksamkeit.

Lateinische Felder wie agere, facere, actio, opus und proprietas machen andere Übergänge sichtbar: Handeln, Herstellen, Rechtsakt, Werk, besondere Beschaffenheit und Eigentum.

Im Englischen verbinden Wörter wie property, act, work, deed und business Eigenschaft, Besitz, Handlung, Werk, Rechtsdokument und Handel.

Hebräische, arabische und indische Wortfelder wurden ergänzend herangezogen, um Handlung, Arbeit, Werk, Erwerb, Konsequenz, Kennzeichen und Beschaffenheit vergleichend auseinanderzuhalten.

Diese Sprachvergleiche besitzen eine wichtige methodische Grenze: Sie sind keine einfachen Übersetzungslisten und keine Beweise einer globalen Kulturentwicklung. Die Projektmaterialien fordern selbst eine transkulturelle Fachprüfung durch Fachwissenschaftler und Sprecher der jeweiligen Traditionen. Eine mehrsprachige Folie darf keine gesamte Kultur auf ein passendes Wort reduzieren.

Auch Platon, Aristoteles, Christentum, Descartes und moderne Physik wurden zunehmend nicht als „Erklärung der abendländischen Fehlentwicklung“, sondern als Vergleichsfolien benutzt.

Platon dient etwa als Prüfbeispiel für die mögliche Höherwertung unveränderlicher Formen gegenüber körperlicher Veränderung. Damit wird nicht Platons Gesamtphilosophie erklärt.

Descartes wird inzwischen vorsichtiger behandelt. Das Cogito zeigt einen Denk- oder Zweifelvollzug; die forschungskünstlerische Frage beginnt dort, wo aus dem Vollzug ein selbstständiger Träger, ein „denkendes Ding“, entwickelt wird. Daraus folgt jedoch nicht, dass Descartes durch einfache Grammatik „widerlegt“ wäre.

Die Funktion der Sprach- und Kulturvergleiche liegt heute darin, unterschiedliche Arten der Wirklichkeitsfestlegung sichtbar und nebeneinander prüfbar zu machen.

XI. 50:50, 51:49 und 1:99

Die Zahlenfigur 51:49 gehört zu den ältesten Intuitionen und zugleich zu den am stärksten korrigierten Begriffen.

Eine frühere Tendenz, 50:50 grundsätzlich als problematische Symmetrie und 51:49 als Naturprinzip zu behandeln, wurde zurückgenommen. Symmetrie ist wissenschaftlich und technisch weder falsch noch automatisch statisch.

Die gegenwärtige präzisere Fassung lautet:

50:50 bezeichnet forschungskünstlerisch die Gefahr einer formal vollkommenen, spiegelartigen Gleichordnung, wenn diese auf Wirkungs- und Machtverhältnisse übertragen wird.

51:49 ist kein Naturgesetz. Es ist ein künstlerischer Stör-, Differenz- und Prioritätsoperator. Die minimale Verschiebung verhindert, dass zwei Seiten vollständig ineinander aufgehen, und hält Bewegung, Richtung und Nachregelung sichtbar.

1:99 ist ebenfalls keine mathematische Folge aus 50:50, sondern eine Diagnose extremer Machtasymmetrie.

Die entscheidende Korrektur lautet: Die Symmetrie der Regeln garantiert keine Symmetrie ihrer Folgen.

Eine mögliche nächste Verdichtung wäre, 51:49 als Begründungspflicht einer Priorität zu verstehen: Wer ein Teilinteresse gegenüber einer gemeinsamen Existenzbedingung bevorzugt, muss Tragfähigkeit, Reversibilität und Lastenverteilung begründen. Diese Fassung ist noch Forschungshypothese, könnte aber die Zahl von unnötiger Naturgesetz-Assoziation entlasten.

XII. Vier-Ebenen-Modell: von der Ordnung zur Rückprüfungsarchitektur

Das Vier-Ebenen-Modell ist eine späte begriffliche Ordnung früherer Werkmethoden und hat mehrere Fassungen durchlaufen. In älteren Versionen wurde E2 teilweise als Tätigkeit geführt; in anderen als lebendige Wirklichkeit. Diese Fassungen dürfen historisch nicht rückwirkend vereinheitlicht werden.

Die inzwischen tragfähigste Fassung lautet:

E1 bezeichnet physikalisch-materielle und chemische Wirkbedingungen: Material, Kraft, Energie, Temperatur, Belastung, Widerstand, Bruch und Stoffveränderung.

E2 bezeichnet lebendige und organismische Prozesse: Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Bedürfnisse, Abhängigkeit, Regulation und Regeneration.

E3 bezeichnet menschliche Symbol-, Begriffs-, Rollen-, Eigentums-, Wert-, Technik- und Geltungsformen.

E4 bezeichnet keine vierte ontologische Welt, sondern die menschlich hergestellte Tätigkeit des Vergleichens, Quellenprüfens, Rückkoppelns, Korrigierens und Reparierens.

Diese Fassung wurde gerade deshalb gewählt, weil sie zwei Reduktionen vermeidet: Symbolische Wirklichkeit wird nicht auf bloßen Schein reduziert, materielle und lebendige Widerstände werden aber auch nicht vollständig in Sprache und Diskurs aufgelöst.

Die wichtigste jüngere Korrektur lautet: Tätigkeit ist keine fünfte Ebene und auch nicht ausschließlich E2. Tätigkeit liegt quer zu den Ebenen. Ein körperlicher Handgriff geschieht organismisch, verändert Material, kann einer gesellschaftlichen Regel folgen und anschließend öffentlich geprüft werden.

Eine weitere jüngere Korrektur betrifft die Vermittlung. E1–E4 soll nicht das ABC des So-Heits-Ateliers werden. Besucher sollen nicht zuerst eine fertige Vier-Ebenen-Lehre auswendig lernen. Sie sollen zunächst einen Unterschied entdecken, etwa zwischen Bodenfeuchtigkeit und Eigentum. Das Ebenenmodell kann diese Erfahrung anschließend ordnen.

Der Prüf-Anker hat diese Struktur inzwischen um Maßstabszuständigkeit, Übertragung, Geltungsortwechsel, Drift, Konsequenzpfad, Revisionsstelle und Stoppregel erweitert. Entscheidend ist die Frage, welche Ebene in einer bestimmten Frage einen nicht ersetzbaren Prüfmaßstab liefert.

E4 darf dabei nicht selbst zur moralischen Oberinstanz skulpturalisieren. Auch der Prüfer und das Prüfverfahren müssen prüfbar bleiben.

XIII. Begriffshandwerk und Prüfanker

Vom Begriffssystem zum Handwerk

Eine zentrale Verschiebung besteht darin, Begriffe nicht mehr primär als fertige Definitionen zu behandeln, sondern als hergestellte Werkzeuge.

Der Ausgangspunkt lautet: Jeder Begriff schneidet etwas aus einem größeren Zusammenhang heraus. Das ist notwendig. Ohne Auswahl gäbe es weder Sprache noch Wissenschaft noch Kunst. Das Problem beginnt erst, wenn der Schnitt vergessen und der Ausschnitt mit der gesamten Wirklichkeit identifiziert wird. Daraus entwickelte sich der Übergang vom „Sezieren der Wirklichkeit“ zum Begriffshandwerk.

Begriffshandwerk untersucht beispielsweise Aussagen wie Freiheit, Eigentum, Erfolg, Intelligenz oder „Ich bin frei“. Nicht gefragt wird nur: Was bedeutet das Wort? Sondern: Was wurde ausgewählt? Was wurde weggelassen? Welches „als“ verschwand? Auf welches Referenzsystem bezieht sich der Satz? Welche Tätigkeit entsteht daraus?

Die jüngste Referenzdiskussion erweitert das Begriffshandwerk nochmals. Ein Begriff soll seine Referenzpflicht mitführen.

Prüfanker

Die Zahl einzelner Operatoren wuchs zeitweise sehr stark. Daraus entstand die Gefahr, dass das Prüfverfahren selbst unübersichtlich wird.

Als Prüfanker wurden Referenzsystem, Toleranzraum, 51:49, Tätigkeitskonsequenz, Rückkopplung, Verletzungswirklichkeit, Zeit, Analogiegrenze und Korrekturfähigkeit formuliert. Eine weitere Komprimierung führte zu sechs Grundfragen:

Was wird ausgewählt?

In welchem Referenzsystem gilt die Aussage?

Wovon ist die Form abhängig?

Welche Tätigkeit verändert sie?

Welche Folgen entstehen in der Zeit?

Kann die Rückmeldung das Ausgangsmodell korrigieren?

Diese Vereinfachung ist bereits im Werkmaterial ausdrücklich vorgeschlagen.

Noch stärker verdichtet kann das Gesamtverfahren gegenwärtig auf vier Fragen gebracht werden:

Was ist gegeben?

Was wird hineingedacht oder hergestellt?

Was bewirkt die Tätigkeit?

Was kann geprüft, korrigiert oder repariert werden?

Diese vier Fragen könnten zur elementaren Referenzgrammatik des So-Heits-Ateliers werden.

XIV. Künstlerische Prüfobjekte

Die Kunstobjekte verändern in der gegenwärtigen Werkarchitektur ihren Status. Sie sind nicht mehr nur Darstellungen eines theoretischen Gedankens, sondern materialisierte Fragen.

Das Wellenbecken prüft Modell gegen reale Bewegung.

Der Biberdamm und Deichprofile prüfen Durchlässigkeit, Belastungsrichtung und Anpassung.

Der Betonblock prüft Starrheit, Unterspülung und die Abhängigkeit scheinbarer Eigenstabilität von ihrem Untergrund.

Die Zellmembran prüft regulierte Grenze.

Sand und Küstenstreifen prüfen Grenzziehung, Formverlust und Übergang.

Die Eisfläche prüft Toleranz, Belastung und Kipppunkt.

Der Spaten prüft Tätigkeit und Eindringen.

Der vergoldete Spaten beziehungsweise die Kartoffel prüfen die Überlagerung lebendiger oder funktionaler Zusammenhänge durch Wertgeltung.

Der Astronautenanzug prüft scheinbare Autonomie: Je stärker der Mensch technisch isoliert erscheint, desto sichtbarer werden zugleich seine Versorgungssysteme.

Der Feuerkäfig verdichtet diese Diagnose. Die Tür ist offen, die Gefährdung sichtbar, und dennoch verlässt die Figur ihre Lage nicht. Das Bild ist keine empirische Aussage über „den Menschen“, sondern ein künstlerischer Operator für Rollenbindung und unterlassene Korrektur.

Die Thermosflasche prüft Isolation.

Die Tanglandschaft prüft bewegliche, mediumabhängige Form gegenüber der scheinbaren Selbstständigkeit des Betonblocks.

Die Schultafel prüft Setzung und Löschbarkeit.

Das Partizipatorische Welttheater prüft Rolle und Rollenwechsel.

Die neuen Prüfobjekte Sandtrichter, Saftpresse und Feuerkäfig erweitern diese Werkfamilie um Verschüttung, Ressourcenpressung, Umwertung und die Frage nach Handlung trotz erkannter Gefährdung.

Die Zielprojektion ist nicht ein Museum der Beispiele, sondern eine Bibliothek unterschiedlicher Antwortmedien. Offen bleibt, welche Objekte sich tatsächlich sicher, ökologisch und verständlich in einer Ausstellung betreiben lassen.

XV. Folien und Schablonen

Die Foliengrammatik entstand aus der Schwierigkeit, mehrere gleichzeitig wirksame Zusammenhänge zu zeigen, ohne daraus ein abgeschlossenes Weltbild zu bauen.

Die transparente Folie löst dieses Problem methodisch. Eine Zuschreibung kann hinzugefügt, entfernt oder verändert werden. Eine Grundstücksgrenze kann über eine Landschaft gelegt werden. Eine Rolle über einen Körper. Der Satz „Ich bin frei“ über ein Netz von Abhängigkeiten.

Die entscheidende Korrektur besteht darin, auch das Grundbild nicht mit der Wirklichkeit selbst zu verwechseln. Selbst eine Fotografie ist bereits Auswahl und Darstellung. Die Folie zeigt daher nicht „Wirklichkeit plus Fiktion“, sondern Darstellung plus weitere Darstellungsschicht.

Eine besondere Bedeutung erhält die leere Folie. Der Besucher kann seine eigene Grenze, Zuschreibung oder Erklärung eintragen. Damit wird nicht nur Fenners Modell, sondern die Darstellung des Besuchers zum Prüfgegenstand.

Die Schablone erhielt eine andere Funktion als die Folie. Die Folie macht eine konkrete Zuschreibung sichtbar. Die Schablone macht einen Prüfweg wiederholbar. Sie fragt etwa: Was wurde ausgeschnitten? Welche Beziehung fehlt? Welche Eigenschaft wurde hinzugefügt? Welche Tätigkeit folgt? Wo erscheint die Konsequenz?

Die jüngste Verdichtung ordnet die zahlreichen Einzelbilder in drei beziehungsweise vier Hauptfolien: umfassender planetarischer Zusammenhang; Kopf/Gehirn mit offenem Einsetzraum für Welt- und Selbstmodelle; Tätigkeit und Tätigkeitskonsequenz; ergänzend eine Zeitfolie von Vergangenheit, Gegenwart und möglicher Zukunft.

Offen ist, ob vier Hauptfolien die Komplexität ausreichend tragen oder erneut ein zu geschlossenes Grundmodell erzeugen.

XVI. Mitmachbuch

Das Mitmachbuch ist kein plötzlich entstandenes digitales Projekt. Es entwickelt Erwachsenen-Malbücher, Vorgabebilder, Tagebücher, Frage-Antwort-Systeme und partizipative Arbeitsformen weiter.

Der entscheidende Fortschritt besteht darin, dass der Besucher nicht mehr primär Fenners Kunstwerk vervollständigt. Seine eigene Wirklichkeitsvorstellung wird zum Werkstück.

Ein Benutzer kann mit einer eigenen Frage beginnen, Folien auswählen, Verbindungen herstellen, die daraus entstehende Aussage beschreiben und anschließend einzelne Schichten verändern.

Wichtig ist die Korrekturspur. Frühere Antworten sollen nicht einfach überschrieben werden. Die Entwicklung der Vorstellung selbst wird zum Gegenstand. E4 erscheint dadurch nicht nur als abstrakte Ebene, sondern als tatsächliche Rückkehr zu einer früheren Seite.

Das Mitmachbuch wird damit zur portablen So-Heits-Werkstatt.

Die zentrale offene Frage bleibt die Dosierung der Anleitung. Zu wenig Struktur führt zu beliebiger Collage. Zu viel Struktur lässt den Besucher nur das bestehende Modell reproduzieren.

XVII. Tausend Tische: vom Globalen Dorffest zum digitalen Prüfnetz

Die „Tausend Tapeziertische“ bilden eine besonders klare Brücke zwischen früher Partizipationskunst und heutiger Globaler Schwarm-Intelligenz.

Der Tisch ist weder Kunstsockel noch Expertenpult, sondern einfacher Arbeits- und Begegnungsort. Jeder Tisch kann eine begrenzte Frage, Erfahrung, Zeichnung oder Position aufnehmen. Kein Tisch besitzt das Ganze.

Darin liegt bereits die spätere Netzwerklogik: Viele begrenzte Wissens- und Erfahrungsorte werden miteinander verbunden. Vernetzung allein reicht jedoch nicht. Ohne Prüfregeln kann ein Netz ebenso Gerücht, Polarisierung und Statuskonkurrenz verbreiten. E4 ergänzt daher Quellen, Gegenbeispiele, Revision und Moderation.

Die jüngste Entwicklung löst zugleich das räumliche Problem. Für ein heutiges So-Heits-Atelier müssen nicht tausend physische Tische aufgebaut werden.

Die Smartphones der Besucher werden zu digitalen Tapeziertischen. Ergänzende Laptops und einige reale Tapeziertische bilden gemeinschaftliche Arbeitsstationen. Ein Smartphone kann per Webanwendung oder QR-Zugang einen vorübergehenden Prüfplatz öffnen.

Damit wird das Smartphone zugleich Werkzeug und Prüfgegenstand: Kommunikationsgerät, Eigentum, Statussymbol, Datenschnittstelle, Rohstoffprodukt, Energieverbraucher, Aufmerksamkeitsapparat und späteres Abfallprodukt.

Reale Tische behalten dennoch eine eigene Funktion. Sie geben Material, Gewicht, Abstand, Körperkontakt und soziale Begegnung. Digitale Tische ermöglichen Verbindung, Dokumentation, Übersetzung und Fortsetzung.

Die Zielprojektion ist deshalb nicht „tausend Möbel“, sondern eine planetarische Öffentlichkeit vieler begrenzter, verbundener und verantwortlicher Arbeitsorte.

Offen bleiben Governance, Übersetzung, Zugang, Moderation und die Beteiligung von Menschen ohne digitale oder institutionelle Macht.

XVIII. Künstliche Intelligenz

KI tritt sehr spät in das Lebenswerk ein und darf nicht nachträglich als dessen Ursprung behandelt werden. Die zentralen Fragen nach Ausschnitt, Modell, Auslassung, Vergleich, Irrtum und Korrektur bestanden lange vorher.

Ihre erste praktische Funktion lag in Rechtschreibung, Strukturierung, Recherche, Verdichtung und Vergleich großer Textmengen. Gerade dadurch wurde jedoch eine neue Gefahr sichtbar: KI kann falsche Datierungen, erfundene Verbindungen und begriffliche Vereinheitlichungen sprachlich äußerst überzeugend darstellen.

Diese Fehler wurden nicht nur zum Problem, sondern zum Forschungsmaterial. Eine KI-Antwort ist zunächst ein E3-Sprachwerk und keine automatische Wahrheit.

Daraus entstand die Methode des Mensch-KI-Gegenvergleichs. Mensch und KI bearbeiten dieselbe Frage und möglichst dasselbe Material. Verglichen werden nicht Sieger und Verlierer, sondern Ergänzungen, Auslassungen, Quellen, Begriffsverschiebungen und blinde Stellen.

Die neueste Referenzdiskussion verschärft die Position: KI ist kein Referenzsystem. Sie ist Werkzeug, Spiegel, Verdichter, Gegenleser und Verstärker. Sie muss an externe Quellen, Werkspuren, Körpererfahrung und Konsequenzen zurückgeprüft werden.

Offen bleiben Eigentum und Kontrolle großer KI-Systeme, Energie- und Ressourcenverbrauch, Entscheidungsverantwortung, Datenmacht und die Gefahr einer parallelen Symbolwelt, die sich weiter von körperlicher Rückkopplung entfernt.

XIX. Globale Schwarm-Intelligenz

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist keine durch KI erzeugte neue Idee. Sie ist die digitale Fortführung einer längeren partizipativen Linie: Erwachsenen-Malbuch, Vorgabebild, Kollektive Kreativität, Begehbare Arche, Zukunftswerkstatt, Globales Dorffest, Tausend Tische und Partizipatorisches Welttheater.

Ihre erste Gefahr liegt bereits im Wort „Schwarmintelligenz“. Eine Menge von Menschen wird nicht automatisch intelligent. Mehrheiten können Irrtümer, Gewalt, Konsumzwänge und Vorurteile verstärken.

Daher wurde die Plattform von einer Informations- oder Meinungsplattform zu einer öffentlichen Prüf-, Rückkopplungs- und Reparaturarchitektur umdefiniert.

Der Nutzer wird zum Spurenleser. Er soll nachvollziehen können, woher eine Aussage stammt, welche Version vorliegt, welche Gegenbeispiele bestehen und wo eine Änderung vorgenommen wurde.

Inzwischen wird die GSI sogar als möglicher Simulator von Zivilisationsfähigkeit beziehungsweise Institut für Konsequenz- und Rückkopplungsforschung gedacht. Sie soll Wissenschaft, Kunst, Eigentum, Markt, Recht, Alltag, Technik und KI nicht nach Status, sondern nach Tragfähigkeit, Reparierbarkeit und Folgenbindung befragen.

Dazu gehören inzwischen Kontextanker, Werk-Anker und Prüf-Anker als unterschiedliche Funktionen: Theorie- und Kalibrierzusammenhang, Werkbeweislinie und operative Methode.

Die offene Hauptfrage lautet nicht mehr nur technisch, wie die Plattform programmiert werden kann. Sie lautet institutionell: Wer moderiert? Wer darf korrigieren? Wie werden Einspruch, Versionierung, personenbezogene Daten, historische Dokumente und KI-Inhalte geregelt? Ohne solche Governance bleibt E4 eine Forderung ohne tragfähige gesellschaftliche Form.

XX. So-Heits-Gesellschaft: von der Zukunftsutopie zur Gewohnheitsarchitektur

Die So-Heits-Gesellschaft war zeitweise gefährdet, wie eine zukünftige ideale Gesellschaftsordnung zu erscheinen. Diese Lesart wurde zunehmend korrigiert.

Sie ist keine perfekte Endordnung und keine 50:50-Utopie. Sie bezeichnet eine lernende, zweifelnde, übende, rückkopplungs- und reparaturfähige Kunstgesellschaft. Eigentum, Geld, Rollen, Wissenschaft, Religion und Institutionen werden als hervorgebrachte Menschenwerke erkannt und dadurch veränderbar, ohne deshalb beliebig zu werden.

Die jüngste Frage nach Gewohnheiten und Bedürfnissen verschiebt den Schwerpunkt entscheidend.

Die existenzielle Krise besteht nicht nur aus mangelndem Wissen. Menschen können um Schäden wissen und dennoch ihre Tätigkeiten fortsetzen. Gesellschaftliche Systeme sind körperlich, emotional und habituell eingeübt.

Die Forschungskunst fragt deshalb nun:

Kann Kunst neue Gewohnheiten und Bedürfnisse erzeugen?

Nicht im Sinn beliebiger Manipulation, sondern indem sie bereits vorhandene Fähigkeiten zu Neugier, Spiel, Vergleich, Kooperation und Korrektur anders trainiert.

Aus der bisherigen Entwicklung lassen sich neue kulturelle Bedürfnisse ableiten:

ein Bedürfnis nach Referenz statt referenzloser Behauptung,

ein Bedürfnis nach Gegenüber und Rückmeldung,

ein Bedürfnis nach Korrektur statt Rechtbehalten,

ein Bedürfnis nach Konsequenzwahrnehmung,

ein Bedürfnis nach Passung und Reparierbarkeit,

ein Bedürfnis, das eigene Selbstverständnis als veränderbare Form behandeln zu können.

Die entscheidende Verschiebung lautet damit: Die So-Heits-Gesellschaft beginnt nicht erst durch eine neue Staatsordnung. Sie beginnt dort, wo Menschen andere Wahrnehmungs- und Tätigkeitsgewohnheiten entwickeln.

XXI. So-Heits-Atelier: vom Ausstellungsraum zur Gewohnheitswerkstatt

Das So-Heits-Atelier bündelt schließlich die langen Entwicklungslinien in einem räumlichen Verfahren.

Es ist weder Retrospektive noch gewöhnlicher Workshopraum. Historische Werke erhalten aktuelle Prüfaufgaben. Die Wellenmaschine prüft Vorstellung und Wirkung, die Kartoffel Wert und Verfall, die Schultafel Behauptung und Korrektur, das Rollentheater Identität, die 24-Stunden-Uhr Zeitmaßstab, der Rote Punkt Interesse und Verbindung, der Tapeziertisch gemeinsames Ermitteln und die Plattform Quelle, Referenz, Version und Konsequenz.

Der Besucher soll nicht zunächst eine Theorie glauben. Er tritt über konkrete Gegenstände ein: Wasser, Sand, Kartoffel, Tasse, Schultafel, Spaten, Astronautenanzug, Smartphone.

Dann entsteht eine wiederkehrende Bewegung:

verorten – vergegenständlichen – tätig werden – vergleichen – korrigieren – neu verorten.

Die Gesamtarchitektur ist somit keine Leiter, sondern eine Rekursion. Nach jeder Korrektur beginnt eine neue Verortung. Ein neuer Besucher, eine neue Quelle oder ein verändertes Material kann die bisherige Antwort wieder öffnen.

Das jüngste Verständnis des Ateliers lautet deshalb: Gewohnheitswerkstatt. Eine einmalige Irritation reicht nicht. Die Methode muss mehrfach an unterschiedlichen Gegenständen durchlaufen werden, bis der Mensch beginnt, Referenz, Gegenprüfung und Konsequenz von selbst zu suchen.

Die documenta ist darin nicht das Ziel der Theorie, sondern ein möglicher öffentlicher Verortungs-, Gegenprüfungs- und Übergaberaum.

XXII. Der Mensch als Künstler und Kunstwerk seines Selbstverständnisses

Aus den verschiedenen Entwicklungslinien entsteht schließlich die anthropologische Hauptfigur.

Der Mensch wird nicht Künstler, weil jedes menschliche Produkt automatisch hochwertige Kunst wäre. „Künstler“ bezeichnet hier zunächst seine Formbildungsfähigkeit: Er wählt aus, benennt, deutet, konstruiert Rollen, Bilder, technische Systeme und Institutionen.

Er wird gleichzeitig Kunstwerk seines eigenen Selbstverständnisses, weil diese Hervorbringungen wieder auf ihn zurückwirken. Rollen, Eigentum, Markt, Sprache, Technik und Identitätsmodelle formen Bedürfnisse und Tätigkeitsmöglichkeiten.

Diese Formbildung ist zunächst weder gut noch verantwortungsvoll. Verantwortlich wird sie erst, wenn der Mensch seine Hervorbringungen als Hervorbringungen erkennt und an ihre Voraussetzungen und Folgen zurückbindet.

Damit erhält die Ausgangsfrage eine neue Antwortform. Die existenzielle Krise wird nicht allein durch technische Innovation oder zusätzliche Information überwunden. Der Mensch muss seine eigene zivilisatorische Formgebung als korrigierbaren Werkprozess erkennen.

Daraus ergibt sich aber auch eine notwendige Begrenzung: Der Begriff „Menschenkunstwerk“ darf nicht zu „Alles ist Kunst“ verflachen. Die gegenwärtig sinnvolle Hierarchie lautet: Menschenwerk als neutraler Oberbegriff; Menschenkunstwerk als künstlerische Verantwortungsfigur für bewusste Zivilisationsgestaltung.

XXIII. Die neue Referenzfrage als gegenwärtiger Wendepunkt

Der jüngste Chatverlauf verschiebt die bisherige Forschung noch einmal grundlegend.

Zunächst lautete die Diagnose: Der Mensch verwechselt seine symbolischen Konstruktionen mit Wirklichkeit.

Danach: Er denkt Eigenschaften in Gegenstände und Menschen hinein.

Dann: Er muss zwischen E1, E2, E3 und E4 unterscheiden.

Die neueste Fassung geht noch einen Schritt zurück:

Der Mensch kann überhaupt nicht ohne Referenzsystem existieren. Sein Organismus selbst ist ein fortlaufender Referenz-, Vergleichs- und Regulationsprozess.

Die eigentliche Fehlentwicklung besteht deshalb nicht in Referenzlosigkeit, sondern in Referenzverschiebung. Körperliche und planetare Rückkopplungen werden durch selbst erzeugte Symbol-, Status-, Markt- und Identitätsreferenzen überlagert.

Ein Preis verweist auf andere Preise, ein Status auf andere Statuspositionen, ein Eigentumsrecht auf andere rechtliche Geltungen, eine Rolle auf andere Rollen. Die Geltungswelt kann zunehmend auf sich selbst verweisen.

Daraus entsteht die neue Diagnose einer Selbstreferenzialisierung der Geltungswelt.

Der Mensch braucht Symbolwelten zur Orientierung. Die Aufgabe kann nicht sein, sie abzuschaffen. Sie müssen jedoch ihren Geltungsort, ihren Herstellungscharakter und ihre Rückbindung sichtbar mitführen.

Damit wird die Referenzpflicht möglicherweise zum verbindenden Operator zwischen Wirklichkeitsverständnis, Eigenschaftskritik, E1–E4, Begriffshandwerk, Folien, Mitmachbuch und Globaler Schwarm-Intelligenz.

XXIV. Gesamtarchitektur des entstandenen Forschungsansatzes

Die gesamte Entwicklung lässt sich inzwischen als fünf rekursive Bewegungen verstehen.

Erste Bewegung: Verortung

Der Mensch erkennt sich nicht als autonomes Zentrum, sondern als zeitweiligen, offenen und verletzbaren Organismus innerhalb vorausliegender materieller, lebendiger und gesellschaftlicher Referenzsysteme.

24-Stunden-Uhr, Milieu, Plexus und Körperorganismus gehören zu dieser Bewegung.

Zweite Bewegung: Vergegenständlichung

Der Mensch stellt eine Wahrnehmung, Vorstellung, Rolle, Behauptung oder Geltung außerhalb seiner unmittelbaren Identifikation dar.

Fotografie, Bild, Schultafel, Folie, Malbuch, Rolle, Begriffskarte und KI-Ausgabe erfüllen diese Funktion.

Dritte Bewegung: Tätigkeit

Das Modell wird in Handlung, Material, institutionelle Regel oder gesellschaftliche Praxis überführt.

Spaten, Werkzeug, Kauf, Eigentumsregel, Rollenspiel, Wasserexperiment und digitale Eingabe machen diesen Übergang sichtbar.

Vierte Bewegung: Gegenüberstellung und Konsequenz

Vorstellung und Antwort werden voneinander unterscheidbar. Material, Körper, Betroffene, Zeit, Gegenbild, Quelle oder andere Menschen bilden Gegenüber.

Hier erscheinen 51:49, Loch/Lücke, Widerstand, Tätigkeitskonsequenz und Vier-Ebenen-Prüfung.

Fünfte Bewegung: Korrektur, Reparatur und neue Gewohnheit

Die Rückmeldung wird auf das Ausgangsmodell zurückgeführt. Die Antwort kann verändert, das Werk repariert, die Rolle verlassen oder eine schädliche Tätigkeit beendet werden.

Mitmachbuch, Schultafel, E4, Globale Schwarm-Intelligenz und So-Heits-Atelier gehören in diese Bewegung.

Der Prozess beginnt anschließend erneut.

Die komprimierte Gesamtbewegung lautet damit:

Verorten – darstellen – tätig werden – vergleichen – korrigieren – neu verorten.

XXV. Doppelungen und begriffliche Unklarheiten

Die Forschung hat gerade durch ihre lange Entwicklung zahlreiche teilweise konkurrierende Begriffe erzeugt. Eine Konsolidierung ist inzwischen notwendig.

Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit

Nicht als zwei Gesamtwirklichkeiten behandeln.

Tragwirklichkeit: nicht beliebig setzbare Existenzbedingungen.

Plexus: deren Verflechtungsstruktur.

Menschenwerk und Menschenkunstwerk

Menschenwerk sollte der neutrale Oberbegriff sein.

Menschenkunstwerk bleibt eine künstlerische Verantwortungsfigur und darf nicht zur Aussage „alles ist Kunst“ verflachen.

Körperorganismus, Kopplungs-Ich und plastisches Ich

Körperorganismus bezeichnet die lebendige konkrete Einheit.

Kopplungs-Ich kann die erlebte Abhängigkeitsseite markieren.

Plastisches Ich-Bewusstsein bezeichnet die angestrebte Fähigkeit, eigene Formen und Rollen korrigierbar zu halten.

Geltungs-Ich und Skulpturidentität

Für die Hauptkommunikation genügen diese beiden.

Das Geltungs-Ich ist notwendige gesellschaftliche Person.

Die Skulpturidentität ist ihre verfestigte und gegen Rückkopplung immunisierte Fehlform.

Forschungskunst, E4, Überzeugungsprüfung und Begriffshandwerk

Diese sollten hierarchisch geordnet werden:

Forschungskunst = Gesamtansatz.

E4 = öffentliche Rückprüfungsfunktion.

Überzeugungsprüfung = kommunikative Aufgabe.

Begriffshandwerk = konkrete Methode.

Diese Hierarchie ist bereits als notwendige Bereinigung formuliert.

Erscheinung und Orientierung

„Erscheinung“ darf nicht mehr als erster ontologischer Begriff fungieren.

Orientierung ist grundlegender: Der Organismus erzeugt aufgrund begrenzter Wahrnehmungsbedingungen eine Orientierung.

Erscheinung bezeichnet, wie innerhalb dieses Orientierungsverhältnisses etwas hervortritt.

Eigenschaft

Der Begriff sollte nicht abgeschafft, aber referenziert werden.

Zu unterscheiden sind physikalisch beschreibbare Wirkungsweisen, organismische Funktionen, Wahrnehmungsprädikate und gesellschaftliche Geltungszuschreibungen.

Lücke und Lochprozess

Lücke = produktiver Zwischenraum.

Lochprozess = Verlust oder Veränderung notwendiger Beziehungen beziehungsweise künstlerischer Grenzoperator; seine verschiedenen Formen müssen explizit unterschieden werden.

51:49

Für die öffentliche Kommunikation sollte auf Begriffe wie universelles Differenzialgesetz verzichtet werden.

51:49 = künstlerischer Differenz-, Stör- und Prioritätsoperator.

XXVI. Mögliche Vereinfachung des Gesamtmodells

Für die wissenschaftliche Langfassung ist die Begriffsdichte produktiv. Für Besucher, Anschreiben und Einstiegstexte ist sie hinderlich.

Die überzeugendste Vereinfachung besteht gegenwärtig aus vier Grundsätzen:

Der Mensch lebt in materiellen, lebendigen und gesellschaftlichen Abhängigkeiten, die er nicht allein hervorgebracht hat.

Er erzeugt Bilder, Begriffe, Rollen, Werte, Technik und Institutionen, die real wirken, ihre Voraussetzungen aber nicht ersetzen.

Forschungskunst macht diese Menschenwerke und ihre Tätigkeitsfolgen sichtbar und stellt sie einem antwortenden Gegenüber gegenüber.

Im So-Heits-Atelier werden Menschen zu Mitprüfenden, indem sie darstellen, tätig werden, vergleichen, korrigieren und ihre Spuren mit anderen verbinden.

Dazu genügen als elementare Besucherfragen:

Was ist gegeben?

Was wird hineingedacht oder hergestellt?

Was bewirkt die Tätigkeit?

Was kann geprüft, korrigiert oder repariert werden?

24-Stunden-Uhr, 51:49, Plastik/Skulptur, E1–E4, Folien, KI und Mitmachbuch werden dann nicht mehr als konkurrierende Theorien präsentiert, sondern als unterschiedliche Werkzeuge innerhalb dieses Verfahrens.

XXVII. Noch fehlende Verbindungen

Historische Beweisführung

Die größte offene Aufgabe bleibt die Verbindung der heutigen Theorie mit datierten historischen Originalen. Benötigt wird eine belastbare Werkdatenbank, die damalige Aussage und heutige Interpretation streng trennt.

Operationalisierung der Tragfähigkeit

„Tragfähig“ ist ein starker, aber noch nicht ausreichend operationalisierter Begriff. Regeneration, Irreversibilität, Lastenverteilung, Fehlertoleranz, Reparierbarkeit und Transparenz können Kriterien bilden; ihre Konflikte benötigen ein Verfahren.

Macht und Verantwortung

Die Rede von Milliarden beteiligten Menschen darf Unterschiede in Verfügungsmacht, Wissen, Zwang und Folgenreichweite nicht verdecken. Das Modell braucht deshalb eine explizite Macht- und Verantwortungsachse.

Fürsorge

Verletzbarkeit ist stark ausgearbeitet, Fürsorge weniger. Eine Reparaturtheorie braucht Pflege, Zeit, Abhängigkeit, Schutzrechte und unsichtbare Sorgearbeit.

Ökonomie

Markt und Handel müssen differenzierter behandelt werden. Märkte können Versorgung koordinieren und zugleich Externalisierung organisieren. Eine Forschungskunst, die nur „Beute“ sieht, kann keine unterschiedlichen Eigentums-, Gemeingut- und Versorgungsformen vergleichen.

Kunsthistorische Verortung

Soziale Plastik, partizipative Kunst, künstlerische Forschung, Institutionskritik, Konzeptkunst, Ökokunst und andere Felder müssen systematisch verglichen werden, ohne daraus eine nachträgliche Ableitung des Werkes oder eine Prioritätsbehauptung zu konstruieren.

Transkulturelle Prüfung

Die Sprach- und Kulturvergleiche benötigen externe Fachprüfung.

Besucherforschung

Es muss untersucht werden, ob sich tatsächlich neue Referenz-, Differenzierungs- und Korrekturgewohnheiten entwickeln. Diese Evaluation darf keine Gesinnungsprüfung sein.

Ökologie und Sicherheit des Ateliers

Das Atelier muss seine eigene Theorie an sich selbst anwenden: Wasser, Energie, Materialien, Transport, Barrierefreiheit, Arbeitsschutz, Wiederverwendung und digitale Infrastruktur gehören zur Konsequenzspur.

Governance der Globalen Schwarm-Intelligenz

Versionierung, Einspruch, Moderation, Datenschutz, KI-Kennzeichnung und öffentliche Verantwortlichkeit benötigen institutionelle Regeln.

Selbstgegenprüfung

Schließlich benötigt Forschungskunst eine ausdrückliche Gegeninstallation ihrer eigenen stärksten Einwände. Dazu gehören: Kann Tragfähigkeit autoritär definiert werden? Ist 51:49 willkürlich? Wird technē romantisiert? Werden Rollen zu negativ behandelt? Wird das Lebenswerk durch seine späte Theorie überformt? Kann Beteiligung manipulativ sein?

Ohne diese Gegeninstallation würde Forschungskunst ihre eigenen Begriffe zur Goldschrift machen.

XXVIII. Gegenwärtige Gesamtformel

Nach dem gesamten Entwicklungsprozess liegt die Stärke des Forschungsansatzes nicht in einem einzelnen Begriff und auch nicht darin, eine neue universelle Weltlehre vorzulegen.

Seine konsistente Mitte besteht in einer Prüfbewegung.

Der Mensch lebt als offener, verletzbarer und orientierender Körperorganismus innerhalb materieller, lebendiger und gesellschaftlicher Referenzzusammenhänge. Um handeln zu können, muss er auswählen, unterscheiden, benennen, darstellen und Modelle herstellen. Diese Menschenwerke sind notwendig und real wirksam. Gefährlich werden sie dort, wo ihr Herstellungs- und Geltungscharakter verschwindet und sie sich wie selbstverständliche, grenzenlose oder innewohnende Wirklichkeit verhalten.

Durch Tätigkeit gelangen diese Modelle in gemeinsame Wirkungszusammenhänge. Dort erzeugen sie Konsequenzen, die das Ausgangsmodell bestätigen, verändern oder widerlegen können. Forschungskunst stellt deshalb zwischen Vorstellung und Tätigkeit, Modell und Gegenüber, Geltung und Konsequenz wieder eine sichtbare Referenz- und Rückkopplungsbeziehung her.

Der Mensch wird in diesem Sinn zum Künstler seines Selbstverständnisses und zugleich zum Kunstwerk der von ihm mit hervorgebrachten Welt. Dieses Künstlersein ist keine Auszeichnung. Es bezeichnet Verantwortung für Formbildung und Konsequenz.

Die Aufgabe der Kunst verschiebt sich dadurch vom bloßen Hervorbringen neuer Werke zum Einüben neuer Wahrnehmungs- und Tätigkeitsgewohnheiten.

Die So-Heits-Gesellschaft wäre nicht der Endzustand einer richtigen Zivilisation, sondern eine Gesellschaft, die ein Bedürfnis nach Referenz, Gegenüber, Rückmeldung, Korrektur, Passung, Fürsorge und Reparatur kultiviert.

Das So-Heits-Atelier ist ihre gegenwärtige künstlerische Versuchsanordnung.

Das Mitmachbuch ist ihre portable individuelle Werkstatt.

Die Folien und Schablonen sind ihre veränderbare Bild- und Prüfgrammatik.

Die realen und digitalen Tapeziertische sind ihre verteilten Arbeitsorte.

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist ihre mögliche öffentliche Netzwerk- und Gedächtnisarchitektur.

KI ist darin nicht Wahrheit, sondern zusätzlicher Gegenleser.

Das Vier-Ebenen-Modell ist nicht die Welt, sondern ein später hinzugenommenes Differenzierungswerkzeug.

51:49 ist kein Naturgesetz, sondern die Erinnerung daran, dass minimale Differenz Bewegung und Korrektur offenhalten kann.

Der Lochprozess markiert, wo Beziehungen verloren gehen.

Die Lücke hält dagegen den Raum des Nichtwissens offen.

Das Begriffshandwerk verhindert, dass menschliche Orientierungssysteme ihre eigene Gemachtheit vergessen.

Und die 24-Stunden-Uhr hält alle diese Menschenwerke in einem Referenzmaßstab, der wesentlich älter ist als sie selbst.

Die äußerste Verdichtung lautet damit:

Forschungskunst ist die öffentliche und korrigierbare Versuchsanordnung, in der der Mensch seine notwendigen Orientierungs-, Begriffs-, Rollen- und Gesellschaftskonstruktionen als eigene Menschenwerke vergegenständlicht, sie durch Tätigkeit mit materiellen, lebendigen und gesellschaftlichen Gegenwirkungen konfrontiert und aus deren Konsequenzen neue Formen des Wahrnehmens, Urteilens, Handelns und Zusammenlebens einübt. Ihr Ziel ist nicht die referenzlose Freiheit, sondern eine plastische Freiheit innerhalb erkannter Abhängigkeiten – eine Freiheit zum Spielen, Erproben, Zweifeln, Korrigieren und Reparieren, ohne die Folgen des eigenen Werkes aus diesem Werk herauszurechnen.

Diese Fassung behandelt die jüngsten Begriffe nicht als Zusatzkapitel, sondern als Korrektur der Gesamtarchitektur: Besonders Orientierung vor Erscheinung, Referenzpflicht, Tätigkeit als Queroperator und Gewohnheitsbildung verändern die früheren Anker substantiell.

Die folgende Rekonstruktion behandelt die Forschung nicht als fertige Theorie, die rückwirkend auf das ganze Lebenswerk gelegt wird, sondern als Entwicklung aus Arbeiten, Erfahrungen, Fehlversuchen, späteren Benennungen und fortgesetzten Korrekturen. Dabei ist besonders wichtig, zwischen der historischen Werkgenese und der erst später entstandenen Begriffssprache zu unterscheiden.

Rekonstruktion einer Forschungskunst

Von der Werkpraxis zur öffentlichen Überzeugungsprüfung

Methodische Vorbemerkung

Die Forschung, die heute unter Begriffen wie Forschungskunst, Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Vier-Ebenen-Modell, Lochprozess, Prüfanker, Globale Schwarm-Intelligenz, So-Heits-Gesellschaft und So-Heits-Atelier zusammengeführt wird, ist nicht als geschlossenes theoretisches System entstanden. Ihre Entwicklung verlief umgekehrt: Zuerst standen Erfahrungen, Beobachtungen, handwerkliche Prüfungen, fotografische und bildhauerische Arbeiten, Naturbeobachtungen, Wasser- und Strömungsversuche, Aktionen, gesellschaftliche Beteiligungsformen und immer wieder die Erfahrung des Scheiterns oder Nichtpassens. Erst nach und nach wurden aus diesen Werkprozessen Begriffe herausgelöst.

Deshalb muss bei der Rekonstruktion zwischen mindestens vier Erkenntnisarten unterschieden werden. Es gibt erstens historisch oder naturwissenschaftlich überprüfbare Sachverhalte, etwa das hohe Alter der Erde, die evolutionär sehr späte Erscheinung des Menschen, organismische Abhängigkeit von Wasser, Sauerstoff und Stoffwechsel oder die physikalischen Bedingungen eines Materials. Zweitens gibt es biografisch und werkgeschichtlich dokumentierbare Vorgänge innerhalb des Lebenswerks, etwa die Ausbildung zum Maschinenschlosser, das Bildhauerstudium, die seit den 1970er Jahren entstandenen Arbeiten, das Globale Dorffest oder die zahlreichen documenta-Bezüge. Drittens gibt es retrospektive Deutungen: spätere Begriffe, mit denen frühere Werke heute lesbar gemacht werden. Viertens gibt es ausdrücklich hypothetische Begriffe und Modelle der Forschungskunst. Dazu gehören insbesondere 51:49 als allgemeines Prüfmodell, Lochprozess, Plexuswirklichkeit, Plastisches Ich, Skulpturidentität oder die So-Heits-Gesellschaft. Sie dürfen nicht als wissenschaftlich bereits bewiesene Naturgesetze ausgegeben werden. Ihre Legitimation liegt zunächst darin, ob sie als künstlerische Prüfoperatoren Unterschiede sichtbar und überprüfbar machen.

Diese Unterscheidung ist selbst inzwischen zu einem Bestandteil der Forschung geworden. Forschungskunst kann nur dann glaubwürdig öffentliche Überzeugungsprüfung verlangen, wenn sie auch ihre eigenen Begriffe der Gegenprüfung aussetzt.


I. Forschungsgrund: Warum zerstört der Mensch seine Existenzbedingungen?

Herkunft

Der älteste Forschungsgrund liegt zeitlich vor dem Begriff „Forschungskunst“. Bereits die frühen Naturbeobachtungen – Ornithologie, Vogelberingung, Beobachtung von Greifvögeln, Zugvögeln, Orchideen und dem Verschwinden von Arten und Lebensräumen – führten zur Erfahrung, dass Lebewesen nicht isoliert existieren. Ein Tier erscheint zunächst als einzelnes Wesen, tatsächlich hängt sein Dasein jedoch von einem Geflecht aus Nahrung, Wasser, Landschaft, Klima, anderen Organismen und zeitlichen Rhythmen ab.

Daneben entstand durch die Maschinenschlosserausbildung von 1965 bis 1969 eine zweite, zunächst völlig andersartige Erfahrungswelt. Hier galt nicht die freie Behauptung, sondern Passung. Ein Werkstück passte oder passte nicht. Ein Maß stimmte innerhalb einer Toleranz oder stimmte nicht. Ein Gegenstand funktionierte unter bestimmten Bedingungen oder versagte. Der spätere Begriff des Begriffshandwerks hat hier eine wesentliche Herkunft.

Die Fotografie brachte anschließend eine dritte Differenz hinein. Ein fotografiertes Ereignis ist nicht das Ereignis selbst. Ausschnitt, Blickpunkt, Auswahl, Zeitmoment und Darstellung stehen zwischen Wirklichkeit und Bild. Daraus entwickelte sich langfristig die Frage nach der Differenz zwischen etwas Vorhandenem und dessen Darstellung.

Im Bildhauerstudium ab 1974 verbanden sich diese Erfahrungen mit Material, Form, Widerstand, Gestaltung und Korrektur. Seit etwa 1975 verdichtete sich daraus die Leitfrage:

Warum zerstört der Mensch trotz Wahrnehmung, Wissen, Gestaltungskraft und Korrekturfähigkeit die Bedingungen, durch die er überhaupt existieren kann?

Diese Frage blieb der konstanteste Forschungsgrund, während sich ihre Beantwortungsversuche mehrfach änderten.

Methodische Funktion

Die Frage ist keine These, die schon eine Antwort enthält. Sie funktioniert als wiederkehrender Prüfauftrag. Dadurch wird vermieden, einzelne Symptome – Kapitalismus, Religion, Technik, Eigentum, Psychologie, Konsum oder Politik – voreilig zur einzigen Ursache zu erklären. Jedes dieser Systeme kann zum Untersuchungsgegenstand werden, die Leitfrage liegt jedoch tiefer: Wie kommt es überhaupt dazu, dass vom Menschen erzeugte Modelle, Wertungen und Ordnungssysteme gegen die Bedingungen gerichtet werden können, von denen ihre Erzeuger selbst abhängig bleiben?

Verbindung zu anderen Bereichen

Aus dieser Leitfrage entstehen fast sämtliche späteren Begriffe: die 24-Stunden-Uhr stellt das Zeitverhältnis dar; E1–E4 unterscheiden Wirklichkeitsbereiche; die Skulpturidentität untersucht die Verfestigung symbolischer Selbstbilder; die Lochprozesse untersuchen abgebrochene oder veränderte Beziehungen; das So-Heits-Atelier übersetzt die Frage in eine öffentliche Versuchsanordnung.

Zielprojektion

Die Forschung soll nicht bei der Diagnose stehen bleiben. Die Zielprojektion lautet zunehmend: Kann der Mensch seine Fähigkeit zur Darstellung, Herstellung und Erfindung zugleich zur Prüfung und Reparatur seiner Hervorbringungen verwenden?

Daraus verschiebt sich Forschungskunst von einer Kunst des Zeigens zu einer Kunst des Prüfens.

Offene Frage

Noch nicht abschließend geklärt ist, ob die zentrale Leitfrage zu umfassend formuliert ist. „Der Mensch“ kann leicht so erscheinen, als handle Homo sapiens als einheitliches Subjekt. Tatsächlich sind Zerstörungsmacht, Verfügungsmöglichkeiten, Verantwortung und Betroffenheit extrem ungleich verteilt. Die Forschung muss deshalb stärker zwischen menschlicher Artfähigkeit, gesellschaftlichen Institutionen, historischen Machtordnungen und der Verantwortung einzelner Tätigkeiten unterscheiden.


II. Werkgenese: Die Theorie entstand aus Tätigkeiten

Die heutige Forschungsarchitektur sollte nicht vom Ende her erzählt werden. Ihr stärkstes Fundament liegt gerade darin, dass die Begriffe aus sehr unterschiedlichen Tätigkeiten hervorgingen.

Die Naturbeobachtung brachte Abhängigkeit und Beziehung hervor. Das Handwerk brachte Maß, Passung und Funktionsprüfung hervor. Die Fotografie brachte Darstellung und Ausschnitt hervor. Die Bildhauerei brachte Materialwiderstand, Formung und plastische Korrektur hervor. Die frühen Umwelt- und Strömungsarbeiten brachten Rückkopplung hervor. Gesellschaftliche Aktionen brachten die anderen Menschen als selbständige Gegenüber hervor. Theater und Rollenarbeiten machten sichtbar, dass Menschen soziale Formen nicht nur besitzen, sondern verkörpern und aufführen. Die digitalen Arbeiten und die KI brachten schließlich eine neue Form der Rückspiegelung eigener Begriffe hervor.

Die historische Entwicklung verlief deshalb nicht nach dem Schema Theorie → Illustration. Sie verlief weit stärker nach dem Schema:

Tätigkeit → Widerstand → Erfahrung → Vergleich → Frage → spätere Begriffsbildung.

Diese Reihenfolge ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der gesamten Rekonstruktion.

Zu den tragenden frühen Werkbeispielen gehören Strömungs- und Fließexperimente, Umweltarbeiten, der Biberdammzusammenhang, der asymmetrische Wagen beziehungsweise das asymmetrische Auto, bildhauerische und handwerkliche Passungssituationen, später die Schultafeln, Malbuch- und Vorgabearbeiten, Frage-und-Antwort-Tische, gesellschaftliche Aktionen und schließlich das Globale Dorffest mit den Tausend Tischen.

Nicht jedes frühe Werk muss deshalb nachträglich bereits „E1–E4“ oder „Plexuswirklichkeit“ enthalten haben. Richtiger ist: In den Arbeiten entstanden Erfahrungen, aus denen Jahrzehnte später diese Begriffe entwickelt wurden.


III. Wirklichkeitsverständnis: Von „Natur“ zu Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit

Frühere Unterscheidung

Eine grundlegende Unterscheidung entstand zwischen einer Welt, die dem Menschen vorausliegt, und einer vom Menschen erzeugten Welt. Diese Differenz wurde zeitweise als Naturwelt gegenüber Menschenwelt gefasst.

Diese Zweiteilung war produktiv, erwies sich aber als zu grob. Denn auch Technik besteht aus Materialien der vorausliegenden Welt. Gesellschaftliche Symbole sind zwar menschengemacht, werden aber durch lebende Körper getragen und haben reale physische Folgen. Der Mensch kann die Natur nicht verlassen und eine ontologisch unabhängige zweite Welt errichten.

Daraus entstand später der Begriff Tragwirklichkeit. Er richtet die Aufmerksamkeit nicht darauf, was etwas „an sich“ metaphysisch sei, sondern wodurch etwas tatsächlich getragen wird.

Die Frage verschiebt sich damit von:

Was ist dieses Ding?

zu:

Wodurch kann dieses Ding, dieser Organismus, diese Institution oder diese Handlung überhaupt bestehen?

Diese Verschiebung ist zentral.

Tragwesen und Tragbewusstsein

Aus dem Begriff Tragwirklichkeit entwickelten sich zeitweise weitere Begriffe wie Tragwesen und Tragbewusstsein. Gemeint war nicht eine neue biologische Art, sondern die Fähigkeit, sich selbst nicht als isoliertes Subjekt, sondern als getragenen Knoten eines Beziehungsgefüges zu verstehen.

Diese Begriffe sind forschungskünstlerische Begriffe, keine etablierten Kategorien der Biologie oder Philosophie.

Plexuswirklichkeit

Mit Plexuswirklichkeit wurde die Vorstellung weiter verschärft. „Plexus“ bezeichnet hier das Geflecht, in dem kein einzelner Gegenstand für sich allein vollständig erklärbar ist. Material, Organismus, Umwelt, Symbol, Tätigkeit und Folge überlagern sich.

Plexuswirklichkeit ist deshalb kein wissenschaftlich bewiesenes neues Weltmodell. Sie ist ein Prüfbegriff: Er zwingt dazu, aus einer isolierenden Dingbetrachtung wieder in die Beziehungen zurückzugehen.

Die Entwicklung lautet ungefähr:

Natur/Menschenwelt → vorausliegende Bedingungen/menschliche Hervorbringungen → Tragwirklichkeit → Plexuswirklichkeit.

Damit wird zugleich die ältere Gefahr eines Dualismus korrigiert. Menschenwelt und Naturwelt sind nicht zwei voneinander getrennte Wirklichkeiten. Menschliche Erfindungen bleiben innerhalb derselben tragenden Wirklichkeit wirksam.


IV. Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekunden-Mensch

Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde gehört zu den klarsten Übersetzungsmodellen der Forschung.

Ihre Grundlage ist zunächst mathematisch und naturgeschichtlich überprüfbar: Das Alter der Erde wird proportional auf 24 Stunden übertragen. Daraus ergibt sich die extrem späte Erscheinung des Menschen und insbesondere von Homo sapiens.

Die Uhr selbst ist jedoch kein naturwissenschaftliches Modell im engeren Sinn, sondern eine künstlerische Maßstabstransformation. Sie verwandelt Milliarden Jahre in einen menschlich erfahrbaren Tagesmaßstab.

Der daraus entwickelte Begriff Millisekunden-Mensch ist ausdrücklich eine Forschungskunst-Metapher. Er behauptet nicht, der Mensch existiere wörtlich nur Millisekunden. Er macht die Diskrepanz zwischen der Dauer planetarischer Existenzbedingungen und der extrem kurzen Dauer moderner menschlicher Ordnungssysteme sichtbar.

Die methodische Frage lautet:

Wie kann ein Wesen, das auf der planetarischen Uhr gerade erst erscheint, seine wenigen Jahrhunderte alten Eigentums-, Markt-, Rollen- und Produktionsordnungen behandeln, als hätten sie einen höheren Wirklichkeitsrang als die Bedingungen, von denen es selbst abhängt?

Die Uhr verbindet deshalb Erdgeschichte, Begriffskritik, Eigentum, Technē, Skulpturidentität und So-Heits-Gesellschaft.


V. 51:49, 50:50 und 1:99: Vom Weltformelanspruch zum Prüfmodell

Ein besonders wichtiger Korrekturprozess betrifft 51:49.

Früher erhielt die Formel teilweise einen sehr weitreichenden Anspruch und wurde als „Weltformel“ beziehungsweise als grundlegende asymmetrische Wirkungsstruktur verwendet. Die Intuition war, dass lebendige und natürliche Prozesse nicht in vollständig starren 50:50-Gleichgewichten existieren, sondern durch minimale Unterschiede, Spannungen und Verschiebungen in Bewegung bleiben.

Später musste dieser Anspruch begrenzt werden.

51:49 ist kein wissenschaftlich nachgewiesenes universelles Naturgesetz.

Seine stärkere heutige Funktion liegt als künstlerischer Prüfoperator. 51:49 steht dann für eine minimale Asymmetrie, die Veränderung, Reaktion oder Korrektur ermöglicht. 50:50 bezeichnet demgegenüber modellhaft eine starre Symmetrie oder Dualisierung. 1:99 bezeichnet die extreme Verschiebung von Gewicht, Macht oder Verfügung.

Damit können sehr unterschiedliche Situationen verglichen werden, ohne zu behaupten, sie seien physikalisch identisch.

Das später hinzugekommene dreifache Optimum präzisiert diese Überlegung. Nicht irgendeine Balance ist lebensfähig. Ein Medium besitzt bestimmte Bedingungen; ein Organismus besitzt einen eigenen Funktionsbereich; und eine Tätigkeit muss zusätzlich darauf geprüft werden, ob ihre Folgen im größeren Zusammenhang tragfähig bleiben.

Der Gewinn dieser Korrektur ist erheblich: 51:49 muss nicht mehr als naturwissenschaftliche Weltformel verteidigt werden. Es kann als künstlerische Kalibrierungsfigur deutlich produktiver eingesetzt werden.


VI. Lochprozesse: Von der Lücke zum Operator für Beziehung

Der Lochprozess gehört zu den spät entstandenen Begriffen, obwohl er rückblickend an viele ältere Arbeiten anschließt.

Herkunft

Sein Ausgangspunkt lag in der Beschäftigung mit Lücke, Öffnung, Grenze, Membran, Geburt, Verletzung, Schlupf, Durchlass und Zugänglichkeit. Die Beobachtung war, dass Beziehungen nicht nur durch vorhandene Dinge bestimmt werden, sondern ebenso dadurch, wo etwas geöffnet, geschlossen, ausgeschnitten, durchlässig oder unzugänglich wird.

Die Lücke wurde zunächst positiv als produktiver Zwischenraum verstanden. Später wurde der Lochprozess weiter differenziert.

Korrektur

Es wäre falsch, Zellmembran, Geburt, Wunde, Türöffnung, Eigentumsgrenze, gesellschaftlichen Ausschluss und Wissenslücke als denselben Vorgang zu behandeln.

Deshalb wurde der Lochprozess zunehmend zu einem Vergleichsoperator und nicht zu einem Naturgesetz.

Er fragt:

Wo entsteht eine Öffnung?

Was kann hindurch?

Was wird selektiert?

Was wird abgeschnitten?

Was erhält Rückmeldung?

Was verliert eine Verbindung?

Kann die Öffnung wieder reguliert oder repariert werden?

Damit lassen sich materielle, biologische, technische, soziale und erkenntnistheoretische Lochprozesse vergleichen, ohne sie gleichzusetzen.

Auch der zeitweilig verwendete Begriff Mutation musste begrenzt werden. Wo nicht tatsächlich eine genetische Mutation gemeint ist, sollte „Mutation“ nur metaphorisch oder gar nicht verwendet werden. Präziser sind Begriffe wie Grenzveränderung, Selektionsveränderung, Kopplungsänderung oder Rückkopplungsverlust.

Verbindung

Der Lochprozess verbindet sich unmittelbar mit E1–E4, weil in jeder Ebene andere Öffnungen existieren. Er verbindet sich mit der Foliengrammatik, weil Folien durch Ausschnitt, Überlagerung und Sichtöffnung arbeiten. Er verbindet sich mit Lernen, weil eine Wissenslücke erst dann produktiv wird, wenn sie ein Gegenüber zulässt.

Zielprojektion

Im So-Heits-Atelier könnte der Lochprozess körperlich erfahrbar gemacht werden: nicht als Begriffsvortrag, sondern über Türen, Ausschnitte, Schablonen, Isolationsräume, Durchlässigkeit, Materialgrenzen und symbolische Zugangssysteme.

Offene Frage

Der Begriff ist stark, aber gefährdet durch Überdehnung. Er sollte deshalb immer mit einer Zusatzfrage verwendet werden:

Was genau wird hier geöffnet, getrennt oder gekoppelt – materiell, organismisch, symbolisch oder methodisch?


VII. Gegenüberstellung und Lernen: Differenz statt bloßer Bestätigung

Einer der tragfähigsten methodischen Fäden ist die Einsicht, dass Lernen ein Gegenüber benötigt.

Das Gegenüber kann ein Material sein, das Widerstand leistet. Es kann ein Werkstück sein, das nicht passt. Es kann eine Wasserströmung sein, die anders reagiert als geplant. Es kann ein Vorgabebild sein, mit dem eine eigene Zeichnung verglichen wird. Es kann ein anderer Mensch am Frage-und-Antwort-Tisch sein. Es kann später eine KI-Antwort sein, die eine andere Formulierung zurückspiegelt.

Entscheidend ist nicht „Gegensatz“ im dualistischen Sinn, sondern Differenz, an der eine Abweichung wahrnehmbar wird.

Das ist eine wichtige Korrektur früherer Diskussionen. Gegenüberstellung ist nicht notwendig ein 50:50-Dualismus. Im Gegenteil: Ohne Differenz zwischen Erwartung und Ergebnis gibt es keine Rückmeldung.

Der Lernprozess lässt sich deshalb als plastische Schleife beschreiben:

Vorstellung → Tätigkeit → Gegenüber → Abweichung → Erfahrung → Korrektur → erneute Tätigkeit.

Daraus entsteht ein Grundmodell der gesamten Forschungskunst.

Die Malbücher, Schultafeln, Vorgabebilder, Wasserbecken, handwerklichen Passungssituationen und Frage-und-Antwort-Tische sind deshalb nicht bloß verschiedene Kunstwerke. Sie sind unterschiedliche Apparaturen derselben Lernstruktur.

Die offene Frage lautet, wie diese Gegenüberstellung gestaltet werden kann, ohne dass der Künstler bereits festlegt, welches Ergebnis der Besucher erreichen muss. Sonst würde aus öffentlicher Überzeugungsprüfung erneut Belehrung.


VIII. Plastik und Skulpturalisierung

Hier vollzog sich eine der wichtigsten begrifflichen Entwicklungen.

Plastik als Tätigkeit

Aus der Bildhauerei stammt zunächst die unmittelbare Erfahrung, dass Plastik nicht nur ein fertiger Gegenstand ist. Plastisches Arbeiten bedeutet formen, drücken, wegnehmen, hinzufügen, reagieren, korrigieren und erneut prüfen.

Diese Erfahrung wurde zunehmend auf den Menschen selbst übertragen.

Der Mensch ist nicht nur Hersteller von Skulpturen. Er wird durch Erfahrungen, Tätigkeiten, Beziehungen und gesellschaftliche Rollen selbst geformt.

Plastisches Ich

Daraus entstand der Begriff Plastisches Ich. Seine heutige präziseste Position liegt auf der organismischen beziehungsweise leiblichen Ebene: Ein lebendes Wesen besitzt eine sich fortlaufend regulierende, verletzbare und veränderliche Selbstbeziehung.

Das Plastische Ich darf deshalb nicht einfach mit einem philosophischen Ichbegriff gleichgesetzt werden. Es bezeichnet im Forschungsmodell vor allem die leiblich rückgekoppelte Selbstregulation.

Skulpturidentität

Auf der symbolischen Ebene entwickelte sich als Gegenbegriff die Skulpturidentität.

Gemeint ist der Vorgang, durch den Rollen, Begriffe, Statuspositionen, Eigentumszuschreibungen, nationale, berufliche oder religiöse Identifikationen so stark verfestigt werden, dass ein Mensch sie behandelt, als seien sie unveränderliche Eigenschaften seines Wesens.

Der Gegensatz lautet deshalb nicht:

Plastik gut – Skulptur schlecht.

Er lautet präziser:

plastisch rückkoppelbar – symbolisch verfestigt und gegen Korrektur abgeschirmt.

Eine Skulpturidentität entsteht dort, wo eine gesellschaftlich erzeugte Form ihre eigene Herstellungs- und Veränderungsgeschichte unsichtbar macht.

Verbindung zur Leitfrage

Damit entsteht eine mögliche Erklärung für die Ausgangsfrage: Menschen können menschengemachte Ordnungen verteidigen, obwohl deren materielle Folgen ihre eigenen Lebensbedingungen verletzen, weil die Ordnungen Teil einer verfestigten Selbst- und Gruppenidentität geworden sind.

Dies ist eine Forschungskunst-Hypothese und keine psychologische oder neurowissenschaftliche Beweisführung.


IX. Erfahrung und Rückkopplung

„Erfahrung“ erhielt im Verlauf der Forschung eine immer spezifischere Bedeutung.

Erfahrung ist nicht bloß Erleben. Sie entsteht dort, wo eine Tätigkeit eine Konsequenz hervorbringt, diese Konsequenz wahrgenommen und auf die vorausgehende Tätigkeit zurückbezogen werden kann.

Damit ist Erfahrung eine zeitliche Struktur.

Tun → Folge → Wahrnehmung der Folge → Rückbezug auf das Tun.

Wird diese Schleife unterbrochen, kann eine Tätigkeit fortgesetzt werden, obwohl ihre Folgen zerstörerisch sind.

Hier liegt eine Verbindung zu den Lochprozessen: Ein Rückkopplungsloch kann entstehen, wenn zwischen Tätigkeit und Folge räumliche, zeitliche, wirtschaftliche, institutionelle oder symbolische Distanz liegt.

Ein Konsument sieht beispielsweise den Kaufakt unmittelbar, nicht notwendigerweise die entfernten materiellen Folgen der Produktion. Ein politisches oder wirtschaftliches System kann Gewinne lokal verbuchen, während ökologische Schäden räumlich oder zeitlich ausgelagert werden.

Die Forschungskunst versucht deshalb, Tätigkeiten und ihre Konsequenzen wieder vor den Handelnden erscheinen zu lassen.

Daraus kommt die heutige Formel:

Die Tätigkeiten und ihre Folgen sollen vor dem Menschen zeugen.

Das ist die Grundlage der öffentlichen Überzeugungsprüfung.


X. Symbol- und Eigenschaftsbildung: Was wird hineingedacht?

Die Untersuchung der hineingedachten Eigenschaften bildet eine zentrale Brücke zwischen Wirklichkeitsverständnis und Gesellschaftskritik.

Ein materieller Gegenstand besitzt bestimmte physikalische Eigenschaften. Darüber hinaus können Menschen ihm Eigenschaften zuschreiben: Eigentum, Preis, Heiligkeit, Rang, nationale Zugehörigkeit, Status, Schuld, Prestige oder symbolische Bedeutung.

Diese Eigenschaften sind nicht deshalb „unwirklich“. Sie sind anders wirklich.

Diese Differenzierung war wichtig, weil eine frühere Gegenüberstellung von „real“ und „nur gedacht“ zu grob gewesen wäre.

Die heutige Unterscheidung lautet eher:

etwas kann materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben oder symbolisch behauptet sein.

Eine Eigentumsgrenze ist beispielsweise keine physikalische Eigenschaft eines Stückes Erde. Dennoch kann sie durch Gesetze, Institutionen und Gewalt gesellschaftlich äußerst wirksam werden.

Die Forschung richtet sich deshalb nicht gegen Symbole an sich. Sprache, Recht, Geld, Kunst und gemeinsame Bedeutungen sind elementare menschliche Leistungen. Problematisch wird die Symbolbildung dort, wo die Herkunft einer Zuschreibung vergessen wird und sie den Rang einer unveränderlichen Naturgegebenheit erhält.

Hier treffen hineingedachte Eigenschaft, Skulpturidentität, Technē-Welt und So-Heits-Gesellschaft unmittelbar aufeinander.


XI. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

Im Verlauf der Gespräche wurden sprachliche und kulturgeschichtliche Vergleiche zunehmend als Prüfmittel benutzt. Dazu gehören die Auseinandersetzung mit Begriffen wie physis, technē, Ding, res, Idee, Seele, Körper, Eigentum, Darstellung und Herstellung sowie Vergleiche zwischen Platon, Aristoteles, christlichen Leib-Seele-Vorstellungen und moderner naturwissenschaftlicher Beschreibung.

Ihre methodische Funktion sollte genau begrenzt bleiben.

Diese Vergleiche dürfen nicht als Beweis verwendet werden, dass „die westliche Kultur“ seit 2500 Jahren einem einzigen Irrtum folgt. Eine solche Behauptung wäre historisch viel zu pauschal.

Der Begriff eines 2500 Jahre alten Denkfehlers kann als provokative Forschungshypothese funktionieren, wenn genau angegeben wird, welcher Denkoperator kritisiert wird: etwa die Aufwertung unveränderlicher Ideen gegenüber veränderlicher materieller Wirklichkeit, die Trennung von Körper und Seele oder die Behandlung abstrakter Kategorien als höherwertiger als ihre materiellen Bedingungen.

Aber Platon, Aristoteles, Christentum, Neuzeit und moderne Wissenschaft dürfen nicht zu einer einzigen linearen Fehlergeschichte verschmolzen werden.

Die spätere Foliengrammatik bietet hier einen wesentlich besseren Weg. Sie stellt unterschiedliche Denkmodelle nebeneinander und fragt:

Was macht dieses Modell sichtbar? Was blendet es aus? Was geschieht, wenn es auf eine konkrete Tätigkeit angewandt wird?

Damit wird Kulturgeschichte vom Beweisargument zum Vergleichsmaterial.


XII. Das Vier-Ebenen-Modell E1–E4

Das Vier-Ebenen-Modell ist die derzeit wichtigste Ordnungsstruktur der Forschung.

Es entstand aus der Notwendigkeit, Wirklichkeitsarten auseinanderzuhalten, ohne sie voneinander zu isolieren.

E1 – physikalisch-chemische Plexuswirklichkeit

E1 umfasst Material, Masse, Energie, Temperatur, Druck, Kräfte, Stoffe, Bruch, Last und physikalisch-chemische Beziehungen.

Auf dieser Ebene gibt es noch keinen Schmerz, kein Eigentum, keinen moralischen Wert und keine gesellschaftliche Bedeutung.

Ein Stein kann brechen. Er ist dadurch aber nicht im organismischen Sinn verletzt.

Diese Differenz ist wissenschaftlich anschlussfähig, auch wenn der Begriff „Plexuswirklichkeit“ selbst forschungskünstlerisch ist.

E2 – lebendige Selbstregulation und Verletzbarkeit

E2 beginnt dort, wo lebende Systeme Grenzen, Stoffwechsel, Selbsterhaltung, Regeneration, Wahrnehmung und Verletzbarkeit besitzen.

Hier liegen Homöodynamik, organismische Rückkopplung und das Plastische Ich.

Schmerz, Hunger, Durst oder Verletzung gehören nicht E1 an, obwohl sie physikalische Voraussetzungen besitzen.

E3 – Symbol-, Rollen-, Geltungs- und Gewichtungswelt

E3 umfasst Sprache, Geld, Eigentum, Recht, Rollen, Status, Religion, nationale Zugehörigkeit, gesellschaftliche Wertungen und symbolische Identitäten.

Diese Ebene ist menschengemacht, aber keineswegs folgenlos.

Ein Geldschein ist materiell E1, wird gesellschaftlich jedoch E3 wirksam. Ein Mensch ist lebend E2, kann sich gleichzeitig über eine Berufs- oder Eigentumsrolle E3 identifizieren.

E4 – öffentliche Rückbindung und Reparatur

E4 ist keine weitere ontologische Schicht der Natur. Sie ist eine methodische Ebene.

Hier werden E1, E2 und E3 gegeneinander zurückgebunden.

E4 umfasst öffentliche Prüfung, Rückkopplung, Dekontamination von Begriffen, Dekonditionierung, Rekalibrierung, Korrektur, Reparatur, Selbstprüfung und Gemeinsinnsübung.

Das So-Heits-Atelier und die Globale Schwarm-Intelligenz sollen E4 praktisch realisieren.

Wichtige Korrektur

E4 darf nicht wie eine vierte Naturstufe behandelt werden. Sonst würde das Modell kategorial unsauber.

Die Ebenen sind deshalb nicht vier gleichartige Wirklichkeitsschichten.

E1–E3 unterscheiden verschiedene Wirkungs- und Beschreibungsebenen. E4 ist die bewusst eingerichtete Prüfoperation zwischen ihnen.

Diese Präzisierung könnte das Modell erheblich vereinfachen.


XIII. Begriffshandwerk und Prüfanker

Der Begriff Begriffshandwerk führt die Forschung zurück zur handwerklichen Herkunft.

Ein Begriff wird dabei nicht deshalb akzeptiert, weil er eindrucksvoll klingt. Er muss darauf geprüft werden:

Was bezeichnet er?

Was schließt er ein?

Was schließt er aus?

Auf welcher Ebene gilt er?

Was passiert, wenn man ihn auf ein konkretes Werk oder eine konkrete Tätigkeit anwendet?

Wo versagt er?

Diese Arbeitsweise entwickelte sich besonders durch die langen KI-Dialoge. Die schnelle Produktion immer neuer Begriffe erzeugte nämlich ein neues Problem: Begriffe konnten sich verselbständigen, verschieben oder unbemerkt widersprechen.

Darauf reagierten die Kontextanker, Werkanker, Positionsanker und Prüfanker.

Ihre Funktion besteht darin, erreichte begriffliche Entscheidungen zeitweise zu stabilisieren, damit nicht jede neue Formulierung die vorherige Forschung überschreibt.

Die nummerierten Ankerfassungen sind damit kein äußerer Verwaltungsapparat, sondern eine methodische Konsequenz aus der Erfahrung von Begriffsdrift.

Auch sie müssen allerdings plastisch bleiben. Ein Anker darf nicht zur Skulptur werden.

Der Prüfanker muss deshalb zugleich stabilisieren und ausdrücklich korrigierbar bleiben.


XIV. Künstlerische Prüfobjekte

Die Entwicklung der Forschung verändert auch den Status der Kunstwerke.

Ein Werk soll zunehmend nicht bloß eine Theorie illustrieren. Es soll etwas tun, was der Text allein nicht leisten kann: einen Unterschied körperlich, visuell oder handelnd erfahrbar machen.

Daraus entsteht der Begriff des künstlerischen Prüfobjekts.

Der Biberdamm kann Tätigkeit und Umweltpassung gegenüberstellen. Wasser- und Wellenbecken machen Rückkopplung unmittelbar sichtbar. Das handwerkliche Passungsatelier bringt Toleranz, Widerstand und Funktionsgrenze hervor. Schultafeln vergegenständlichen Begriffe und Korrekturen. Malbuch, Vorgabebild und Roter Punkt untersuchen Vorgabe, Freiheit und Abweichung. Frage-und-Antwort-Tische erzeugen ein soziales Gegenüber. Der Gordische Knoten, der gläserne Astronaut, Kartoffelarbeiten, Totentanz, Tanglandschaften oder die weiß beziehungsweise vergoldete Idee können jeweils bestimmte Denkformen materialisieren.

Die neuere Feuerkäfig-Vorstellung radikalisiert das Verfahren: Der Mensch befindet sich in einem brennenden Käfig, dessen Tür offen ist, verlässt ihn aber nicht. Verdeckt oder eingelagert liegen Parameter wie Status, 50:50, 1:99 und die planetarische Zeitverschiebung.

Auch dieses Bild ist kein wissenschaftliches Modell. Es ist eine Verdichtungsfigur.

Der entscheidende Prüfmaßstab für alle diese Arbeiten lautet künftig:

Welche konkrete Operation kann ein Besucher daran durchführen, und welche Differenz wird dadurch erfahrbar?

Damit ließe sich die Zahl der Werke im So-Heits-Atelier begrenzen, ohne die Forschungsbreite zu verlieren.


XV. Folien und Schablonen: Entstehung einer visuellen Prüfgrammatik

Die Folien gehören zu den jüngsten, aber methodisch besonders folgerichtigen Entwicklungen.

Ihre Herkunft liegt in jahrzehntelangem Arbeiten mit Bildern, Collagen, Überlagerungen, Ausschnitten, Vorgaben und Assoziationen. Die transparente Folie macht etwas möglich, was ein statisches Bild nicht kann: verschiedene Erklärungsebenen können nacheinander auf dasselbe Ausgangsbild gelegt und wieder entfernt werden.

Damit entsteht eine Plexus-Foliengrammatik.

Ein Mensch kann zunächst als Körper erscheinen. Eine nächste Folie zeigt Wärmeaustausch, Gravitation oder Stoffwechsel. Eine weitere legt gesellschaftliche Rollen darüber. Eine weitere zeigt Eigentum, Geld oder Status. Durch Wegnehmen und Hinzufügen wird sichtbar, was vorausliegt und was hineingedacht beziehungsweise gesellschaftlich hinzugefügt wurde.

Die geplanten Folien – physikalisch-kosmische Welt, Netzwerk, Mensch mit Spaten, Frau mit „Ich bin frei“, Thermosflasche, Astronautenanzug, Sandtrichter, Saftpresse oder Organismus im Wasser – sind deshalb keine bloßen Illustrationen. Sie sollen Denkoperationen ausführbar machen.

Besonders wichtig sind die kulturgeschichtlichen Folien zu Platon, Aristoteles, Christentum und Physik. Ihre stärkste Funktion besteht nicht darin, historische Systeme endgültig zu erklären, sondern sichtbar zu machen, welche Wirklichkeitsanteile ein Modell jeweils hervorhebt und welche es ausblendet.

Die Folie wird damit zur analogen Vorform dessen, was das Vier-Ebenen-Modell begrifflich leistet.

Offene Frage

Die Folien drohen ebenfalls zu zahlreich zu werden. Für die documenta wäre wahrscheinlich nicht Vollständigkeit, sondern eine kleine Grundgrammatik entscheidend: Ausgangsbild, E1, E2, E3 und Prüfbewegung E4.


XVI. Mitmachbuch und interaktives Buch

Das Mitmachbuch ist aus Malbuch, Vorgabebild, Schultafel, Collage und Frage-Antwort-Strukturen hervorgegangen.

Seine Entwicklung verändert den Leser vom Empfänger zum Bearbeiter.

Der Besucher soll nicht nur lesen, was der Künstler denkt. Er soll markieren, überlagern, vergleichen, eigene Beispiele einbringen, Fragen stellen und seinen Erkenntnisweg dokumentieren können.

Damit wird das Buch zu einer portablen Werkstatt.

Die E1–E4-Grammatik kann darin eine zentrale Ordnungsfunktion übernehmen. Ein Gegenstand wie Kartoffel, Wiese oder Schultafel wird nicht nur beschrieben, sondern von verschiedenen Wirklichkeits- und Zuschreibungsebenen aus untersucht.

Die spätere digitale Form erweitert dies: Eigene Bearbeitungen könnten gespeichert, miteinander verglichen und in die Globale Schwarm-Intelligenz zurückgeführt werden.

Damit schließt sich ein Kreislauf:

Werk → Besucher → Bearbeitung → dokumentierte Erfahrung → Plattform → neue Gegenprüfung.

Die große offene Frage ist derzeit weniger die theoretische Begründung als die technische und dramaturgische Realisierung. Das interaktive Buch muss so einfach benutzbar werden, dass ein Besucher ohne Kenntnis des Gesamtwerks beginnen kann.


XVII. Die Tausend Tische und das Globale Dorffest

Das Globale Dorffest von 1993 mit den Tausend Tischen ist rückblickend einer der wichtigsten Vorläufer der heutigen Plattformarchitektur.

Historisch gehört es in die Phase, in der die Forschung den einzelnen Künstlerraum bereits verlassen hatte. Menschen sollten ihre Tätigkeiten, Fragen, Initiativen und Fähigkeiten öffentlich einbringen.

Der Tisch ist dabei ein bemerkenswert einfaches Grundelement.

Er erzeugt eine Fläche zwischen Menschen.

Er macht Dinge sichtbar.

Er ermöglicht Gegenüberstellung.

Er erlaubt Hinzufügen, Entfernen, Tauschen, Fragen und Gespräch.

Damit ist der Tisch bereits eine analoge Rückkopplungsschnittstelle.

Die heutige Globale Schwarm-Intelligenz kann deshalb als digitale Fortsetzung einer viel älteren räumlichen Praxis verstanden werden. Wichtig ist jedoch, dies als retrospektive Verbindung auszuweisen. 1993 existierte die heutige Plattformkonzeption noch nicht in ihrer ausgearbeiteten Form.

Die Tausend Tische zeigen außerdem, dass „Schwarm“ in dieser Forschung nicht algorithmische Massenintelligenz meint. Gemeint ist eher eine verteilte öffentliche Fähigkeit, Erfahrungen und Perspektiven miteinander in Beziehung zu setzen.


XVIII. KI: vom Schreibwerkzeug zum Gegenprüfer

Die Integration künstlicher Intelligenz ist sehr spät in die Werkgeschichte eingetreten und darf deshalb nicht rückwirkend zum Ursprung der Forschung erklärt werden.

Die Grundmethoden – Gegenüberstellung, Rückkopplung, Werkprüfung, Beteiligung, Tausend Tische, Malbuch, Frage-Antwort-Tische – bestanden Jahrzehnte vor der gegenwärtigen KI.

KI übernimmt heute mehrere Funktionen.

Sie hilft beim Strukturieren sehr großer Text- und Archivmengen. Sie unterstützt Rechtschreibung und Formulierung. Sie kann Begriffe gegeneinander halten, Widersprüche auffinden und alternative Formulierungen erzeugen. Sie kann dieselbe Frage unter veränderten Voraussetzungen beantworten und dadurch Differenzen sichtbar machen.

Gerade dadurch wurde aber auch eine Gefahr sichtbar: KI kann sprachlich plausible Begriffe erzeugen, bevor geprüft wurde, ob sie sachlich tragen. Ein großer Teil des neueren Begriffshandwerks entstand als Reaktion auf diese Gefahr.

Deshalb ist die wichtigste Festlegung:

KI ist keine Wahrheitsinstanz.

Sie ist Gegenüber, Spiegel, Vergleichsapparat, Strukturierungswerkzeug und möglicher Prüfkoordinator.

Auch im So-Heits-Atelier sollte KI keine endgültigen Urteile über Besucher oder ihre Aussagen fällen. Sie sollte Unterschiede, Voraussetzungen und mögliche Gegenbeispiele sichtbar machen.

Hier liegt eine noch offene institutionelle Frage: Wie wird verhindert, dass aus dem künstlerischen Prüfwerkzeug ein automatisches Bewertungssystem wird?


XIX. Globale Schwarm-Intelligenz: vom Archiv zum Kristallisationskern der Rückkopplungen

Die Plattform Globale Schwarm-Intelligenz führt viele Entwicklungslinien erstmals an einem Ort zusammen.

Sie ist zunächst Archiv eines außergewöhnlich umfangreichen Lebenswerks. Aber die neuere Entwicklung geht über das Archiv hinaus.

Die Plattform wird zum Kristallisationskern der Rückkopplungen.

Dieser Begriff ist wichtig.

Das bedeutet: Werke, Begriffe, historische Spuren, KI-Gespräche, Modelle, Besucherbeiträge und künftige interaktive Bücher sollen dort nicht nur nebeneinander gespeichert werden. Sie sollen aufeinander bezogen, überprüft und weiterentwickelt werden können.

Dadurch verändert sich auch ihre Funktion innerhalb der documenta-Bewerbung.

Sie ist nicht mehr nur der Link, unter dem die künstlerische Leitung zusätzliche Informationen findet.

Sie wird selbst zu einem ersten Teil der Versuchsanordnung.

Die documenta-Leitung kann bereits vor einer Ausstellung prüfen:

Kann ich einen Einstieg finden?

Kann ich die Leitfrage verstehen?

Kann ich zwischen Werk, Begriff und Hypothese unterscheiden?

Kann ich mit einem Prüfmodell tatsächlich arbeiten?

Wo verliere ich die Orientierung?

Welche Begriffe überzeugen mich nicht?

Welche Gegenbeispiele entstehen?

Damit wird sogar das Nichtverstehen methodisch interessant. Nicht weil der Besucher geprüft wird, sondern weil die Vermittlungsarchitektur an seinem tatsächlichen Gebrauch geprüft werden kann.

Dies ist eine wichtige jüngste Präzisierung.

Die Plattform prüft nicht die Intelligenz des Besuchers.

Die Begegnung mit dem Besucher prüft die Tragfähigkeit der Plattform.


XX. So-Heits-Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft ist die gesellschaftliche Zielprojektion der Forschung.

Der Ausdruck entstand aus der zunehmenden Kritik daran, dass Menschen menschengemachte Ordnungssysteme mit der vorausliegenden Wirklichkeit verwechseln.

„So-Heit“ bezeichnet dabei nicht eine statische Wahrheit darüber, „wie die Welt wirklich ist“. Der Begriff sollte nicht metaphysisch überhöht werden.

Produktiver verstanden bezeichnet So-Heit die Forderung, etwas zunächst in seinen tatsächlichen Bedingungen, Beziehungen und Folgen zu untersuchen, bevor ihm zusätzliche Eigenschaften, Werte oder Rollen zugeschrieben werden.

Die So-Heits-Gesellschaft wäre deshalb keine Gesellschaft ohne Symbole, Recht, Eigentum, Technik oder Kultur.

Sie wäre eine Gesellschaft, die ihre eigenen Hervorbringungen als Hervorbringungen erkennen und an ihren Existenzfolgen rückprüfen kann.

Damit steht sie im Gegensatz zur Technē-Welt, sofern Technē nicht einfach Technik bedeutet, sondern eine Situation, in der das vom Menschen Hergestellte den Rang des Unveränderlichen erhält.

Die offene Frage ist hier besonders groß: Wann wird aus einem künstlerischen Prüfmodell ein politisches Gesellschaftsprogramm?

Um die Forschungskunst offen zu halten, sollte die So-Heits-Gesellschaft eher als Prüfhorizont denn als fertiger Gesellschaftsentwurf formuliert werden.


XXI. So-Heits-Atelier: Verdichtung des Lebenswerks in eine öffentliche Versuchsanordnung

Das So-Heits-Atelier ist die derzeitige räumliche Synthese der gesamten Entwicklung.

Es ist nicht einfach eine Retrospektive und nicht einfach eine partizipative Installation.

Es verbindet zwei Bewegungen.

Die erste Bewegung ist die Verortung des Lebenswerks. Sie zeigt, wie sich aus Naturbeobachtung, Handwerk, Fotografie, Bildhauerei, Strömungsforschung, gesellschaftlicher Aktion, Theater, Beteiligung und digitalen Arbeiten eine Forschungskunst entwickelte.

Die zweite Bewegung ist die gegenwärtige Anwendung. Historische Werke werden nicht nur gezeigt, sondern teilweise zu Prüfobjekten reaktiviert.

Der Besucher bewegt sich damit nicht durch eine chronologische Ausstellung allein. Er durchläuft Prüfoperationen.

Ein mögliches Grundmuster lautet:

sehen → handeln → Folge beobachten → vergleichen → Begriff prüfen → eigene Position erkennen → korrigieren oder begründet beibehalten.

Die gegenwärtige Formulierung „Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung“ ist deshalb eine der stärksten Verdichtungen des bisherigen Forschungsweges.

Sie macht deutlich, dass es nicht darum geht, Menschen von Wolfgang Fenners Weltbild zu überzeugen.

Eine Überzeugung wird vielmehr öffentlich belastet.

Sie muss ein Gegenüber aushalten.

Sie muss sich am Werk, an einer Tätigkeit, an ihren Folgen und an anderen Menschen rückprüfen lassen.

Daraus entstand inzwischen auch die prägnante Dreierbewegung:

Behauptung → Werkbeleg → öffentliche Gegenprüfung.

Diese Struktur gilt inzwischen sogar für die documenta-Bewerbung selbst.

Das Anschreiben formuliert die Ausgangsthese.

Die 17 Anlagen legen Werkgeschichte, Begriffe, Modelle und Versuchsanordnungen offen.

Die Plattform ermöglicht bereits jetzt eine erste unabhängige Annäherung und Gegenprüfung.

Das So-Heits-Atelier würde die digitale und begriffliche Prüfung schließlich wieder in materielle, körperliche und gesellschaftliche Erfahrung zurückführen.

Damit wird die Bewerbung selbst zu einem Vorläufer des Werkprozesses.


XXII. Von der Bewerbung zur laufenden Forschung

Eine wichtige neue Wendung der letzten Gespräche besteht darin, die documenta nicht als späteren Endpunkt zu behandeln.

In diesem Sinne hat die Arbeit an der documenta bereits begonnen.

Nicht weil bereits feststünde, dass das Projekt Teil der documenta 16 wird, sondern weil die Bewerbung selbst eine Versuchsanordnung geworden ist.

Die Frage lautet nicht mehr ausschließlich:

Wie kann ich der documenta erklären, was ich gemacht habe?

Sie lautet:

Kann die documenta-Leitung anhand der vorliegenden Werkspuren, Anlagen und Plattform selbst prüfen, ob diese Forschungskunst nachvollziehbar, anwendbar und weiterführbar ist?

Damit wird die Leitung bereits zum ersten externen Gegenüber des vorgeschlagenen Prüfverfahrens.

Die jüngste Formulierung „Die Zeit läuft“ gewinnt vor diesem Hintergrund eine methodische Bedeutung. Sie bezeichnet nicht nur Zeitdruck. Der digitale Teil des Projekts ist bereits öffentlich zugänglich. Er kann benutzt, missverstanden, geprüft und verbessert werden, bevor ein möglicher physischer Raum existiert.

Das entspricht sehr genau dem ursprünglichen Forschungsgrund: Nicht erst eine vollendete Form wird präsentiert. Die Form selbst entsteht durch Rückkopplung.


XXIII. Gesamtarchitektur der entstandenen Forschung

Die gesamte Entwicklung lässt sich inzwischen auf einen relativ einfachen Grundprozess zurückführen.

Am Anfang steht eine Tragwirklichkeit, die nicht vom Menschen erfunden wurde.

In ihr entsteht ein lebender, verletzbarer und rückkopplungsfähiger Organismus.

Dieser Organismus nimmt Ausschnitte seiner Umwelt wahr.

Er bildet Vorstellungen und Symbole.

Er handelt aufgrund dieser Vorstellungen.

Durch seine Tätigkeiten entstehen Dinge, Institutionen, Rollen, Werte und technische Systeme.

Diese Hervorbringungen wirken anschließend zurück auf Material, Organismen und andere Menschen.

An dieser Stelle entscheidet sich, ob Rückkopplung stattfindet.

Werden Folgen wahrgenommen, kann plastische Korrektur entstehen.

Werden Folgen abgetrennt, verborgen oder symbolisch überlagert, entstehen Verfestigungen und Rückkopplungslöcher.

Die Forschungskunst baut deshalb künstliche Gegenüberstellungen auf, durch die die unterbrochene Rückmeldung wieder erfahrbar werden soll.

Die Gesamtbewegung kann daher folgendermaßen verdichtet werden:

Tragwirklichkeit → Wahrnehmung → Vorstellung → Tätigkeit → Hervorbringung → Folge → Gegenüberstellung → Erfahrung → Rückkopplung → Prüfung → Korrektur/Reparatur → erneute Tätigkeit.

E1–E3 beschreiben unterschiedliche Bereiche innerhalb dieses Prozesses.

E4 organisiert dessen bewusste Rückprüfung.

Die Kunst stellt dafür Prüfobjekte und Situationen her.

Das Mitmachbuch macht den Vorgang individuell bearbeitbar.

Die Tausend Tische machen ihn gesellschaftlich.

Die Plattform macht ihn digital verknüpfbar.

KI macht zusätzliche sprachliche Gegenprüfung möglich.

Das So-Heits-Atelier führt die getrennten Bestandteile wieder in einen körperlich erfahrbaren Raum zurück.

Damit besitzt die Forschung mittlerweile eine deutlich geschlossenere Architektur als noch zu Beginn der Gespräche.


XXIV. Doppelungen und begriffliche Unklarheiten

Gerade weil inzwischen viele tragfähige Begriffe entstanden sind, besteht die Gefahr einer Überproduktion von Begriffen.

Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit

Beide Begriffe liegen sehr nahe beieinander.

„Tragwirklichkeit“ betont die Abhängigkeit: Wodurch kann etwas existieren?

„Plexuswirklichkeit“ betont die Vernetzung: In welchen Beziehungen existiert es?

Beide können erhalten bleiben, wenn diese Funktionsdifferenz konsequent eingehalten wird. Andernfalls könnte einer der Begriffe entfallen.

Plastisches Ich und plastische Identität

Hier besteht weiterhin Klärungsbedarf.

Das Plastische Ich sollte möglichst klar E2 zugeordnet werden: leibliche, rückgekoppelte Selbstregulation.

„Plastische Identität“ kann dagegen leicht E2 und E3 vermischen.

Für E3 wäre deshalb möglicherweise präziser von plastisch rückkoppelbarer Selbstinterpretation zu sprechen.

Skulpturidentität und Rollenidentitätsgefängnis

Beide Begriffe bezeichnen Verfestigung.

„Skulpturidentität“ besitzt die engere Verbindung zur bildhauerischen Herkunft und sollte deshalb der Grundbegriff bleiben.

„Rollenidentitätsgefängnis“ kann als zugespitztes Bild verwendet werden, ist aber vermutlich kein zusätzlicher Grundbegriff erforderlich.

Lochprozess und Rückkopplungsloch

„Lochprozess“ ist der allgemeinere Operator.

„Rückkopplungsloch“ bezeichnet einen spezifischen Fall.

Diese Hierarchie sollte beibehalten werden.

So-Heits-Gesellschaft und So-Heits-Atelier

Hier besteht keine Doppelung.

Die So-Heits-Gesellschaft ist Ziel- beziehungsweise Prüfhorizont.

Das So-Heits-Atelier ist die konkrete künstlerische Versuchsanordnung.

Forschungskunst und Prüfkunst

„Forschungskunst“ ist inzwischen der übergreifende Begriff und besitzt die stärkste werkgeschichtliche Funktion.

„Prüfkunst“ könnte leicht unnötig einen zweiten Oberbegriff schaffen.

Besser ist:

Forschungskunst arbeitet mittels öffentlicher Prüfverfahren.


XXV. Mögliche Vereinfachungen

Die Forschung gewinnt wahrscheinlich nicht durch weitere Grundbegriffe, sondern durch Reduktion.

Für eine öffentliche Vermittlung könnten zunächst sieben Grundelemente genügen:

Tragwirklichkeit.

E1–E4.

Hineingedachte Eigenschaft.

Gegenüberstellung.

Rückkopplung.

plastisch oder skulptural verfestigt.

öffentliche Überzeugungsprüfung.

51:49, Lochprozess, Plexuswirklichkeit, Technē, So-Heits-Gesellschaft und weitere Begriffe können anschließend als Vertiefungen erscheinen.

Diese Hierarchie wäre besonders für die Plattform und das So-Heits-Atelier wichtig.

Ein Besucher muss nicht das gesamte Vokabular verstehen, bevor er eine erste Erfahrung machen kann.

Die Handlung sollte vor dem Begriff stehen.

Das entspräche zugleich der tatsächlichen Werkgenese.


XXVI. Noch fehlende Verbindungen

Die Forschung ist weit entwickelt, besitzt aber einige Übergänge, die noch expliziter gebaut werden sollten.

Vom individuellen Lernen zur gesellschaftlichen Macht

Es ist gut erklärt, wie ein einzelner Mensch durch Gegenüberstellung lernen kann. Weniger vollständig erklärt ist bisher, wie institutionelle Macht korrigiert werden kann, wenn mächtige Akteure von fehlender Rückkopplung profitieren.

Hier muss das Modell zwischen Erkenntnisproblem und Machtproblem unterscheiden.

Nicht jede zerstörerische Tätigkeit geschieht aus Unwissen.

Von E3 zu E4

Der Übergang von symbolischer Ordnung zu öffentlicher Reparatur ist der entscheidende politische und künstlerische Übergang des Modells.

Hier braucht es noch konkrete Verfahren:

Wer darf prüfen?

Nach welchen Kriterien?

Wie werden widersprechende Ergebnisse behandelt?

Was geschieht, wenn keine Einigung entsteht?

Von Plattform zu tatsächlicher Schwarmintelligenz

Die Plattform enthält bereits ein großes Werk- und Begriffsnetz.

Die Schwarmfunktion entsteht aber erst vollständig, wenn andere Menschen nicht nur lesen, sondern tatsächlich eigene Prüfungen einstellen, miteinander vergleichen und weiterbearbeiten können.

Das interaktive Buch ist deshalb kein Nebenprojekt, sondern technisch möglicherweise das fehlende Gelenk der gesamten Plattform.

Von historischem Werk zu gegenwärtigem Prüfobjekt

Nicht jedes historische Werk muss im So-Heits-Atelier erneut aktiviert werden.

Es sollte deutlicher unterschieden werden:

Werk als historischer Beleg.

Werk als heutiges Prüfobjekt.

Werk als Ausgangspunkt einer neuen Besucherhandlung.

Diese Dreiteilung könnte die Ausstellung erheblich verständlicher machen.

Von der Diagnose zur Reparatur

Die Forschung besitzt sehr viele Instrumente, mit denen Fehler, Entkopplungen und Verfestigungen sichtbar werden.

Der Begriff Reparatur benötigt dagegen noch stärkere künstlerische Konkretisierung.

Was ist eine gelungene Reparatur?

Ist sie materiell, sozial, begrifflich oder institutionell?

Wer entscheidet, dass etwas repariert wurde?

Diese Fragen könnten zu einem nächsten großen Forschungsabschnitt führen.


Schluss: Der gegenwärtige Stand

Aus einer über Jahrzehnte verfolgten Frage nach der menschlichen Selbstgefährdung ist keine einzelne Theorie entstanden, sondern eine zunehmend präzise Prüfarchitektur.

Ihr Ursprung liegt nicht in einer akademischen Disziplin, sondern in einem ungewöhnlichen Durchgang durch Naturbeobachtung, Handwerk, Fotografie, Plastik, Umweltgestaltung, Wasser- und Strömungsversuche, öffentliche Aktionen, Theater, Beteiligungsformen, Archivarbeit und schließlich digitale und KI-gestützte Gegenprüfung.

Die entscheidende Entwicklung besteht darin, dass die Forschung ihre eigene Form verändert hat.

Anfangs wurden Fragen künstlerisch dargestellt.

Später wurden Tätigkeiten und gesellschaftliche Situationen ins Werk einbezogen.

Dann entstanden Gegenüberstellungen und Beteiligungsformen.

Aus diesen Erfahrungen wurden Begriffe entwickelt.

Diese Begriffe mussten wiederum geprüft und teilweise korrigiert werden.

Heute wird schließlich die Prüfung selbst zum künstlerischen Material.

Darin liegt die Verbindung zwischen dem frühen handwerklichen „passt oder passt nicht“, den Wasser- und Umweltversuchen, dem Frage-und-Antwort-Tisch, den Tausend Tischen des Globalen Dorffestes, den Folien, dem Mitmachbuch, der KI, der Plattform Globale Schwarm-Intelligenz und dem So-Heits-Atelier.

Die bisher stärkste Gesamtformel lautet deshalb nicht 51:49 und auch nicht E1–E4 allein.

Sie lautet:

Der Mensch erzeugt Vorstellungen und verwandelt sie durch Tätigkeiten in Wirkungen. Forschungskunst stellt diese Vorstellungen, Tätigkeiten und Wirkungen wieder in ein Gegenüber, damit ihre Tragfähigkeit öffentlich geprüft, korrigiert und gegebenenfalls repariert werden kann.

Damit wird verständlich, weshalb die Plattform Globale Schwarm-Intelligenz im gegenwärtigen Entwicklungsstand eine besondere Position erhält. Sie ist nicht bloß das Archiv hinter der Forschung und nicht bloß ein digitaler Anhang zum So-Heits-Atelier. Sie wird zum Kristallisationskern der Rückkopplungen: Der Ort, an dem Lebenswerk, Begriffsarbeit, öffentliche Prüfung, Besucherbeiträge, Mitmachbuch und KI miteinander in Beziehung treten können.

Und genau deshalb ist auch die gegenwärtige documenta-Bewerbung nicht nur eine Bewerbung über Forschungskunst.

Sie kann bereits als deren erste öffentliche Versuchsanordnung verstanden werden:

Behauptung → Werkbeleg → zugängliche Plattform → Gegenprüfung → Rückmeldung → mögliche Korrektur → körperlich-räumliche Weiterführung im So-Heits-Atelier.

Der entscheidende nächste Entwicklungsschritt besteht deshalb nicht darin, noch mehr Theorie hinzuzufügen. Er besteht darin, aus der großen Forschungsarchitektur einen möglichst einfachen, tatsächlich benutzbaren Weg zu bauen, auf dem ein anderer Mensch ohne Vorwissen eine Frage aufnehmen, eine eigene Tätigkeit oder Überzeugung prüfen, eine Differenz erfahren, seine Beobachtung dokumentieren und diese wieder in den gemeinsamen Forschungsprozess zurückgeben kann.

Erst an diesem Punkt würde sich vollständig erfüllen, was in den frühen Arbeiten bereits angelegt war: Nicht eine fertige Antwort wird zum Kunstwerk, sondern ein öffentlich zugänglicher Prozess, in dem Wirklichkeit, Vorstellung, Tätigkeit und Folge wieder miteinander ins Verhältnis gesetzt werden.

Der größte Gewinn dieser Rekonstruktion liegt meines Erachtens in der klaren Trennung der historischen Werkgenese von der späteren Begriffssprache. Dadurch müssen die frühen Arbeiten nicht nachträglich beweisen, dass E1–E4, Lochprozess oder Plexuswirklichkeit damals schon theoretisch vorhanden waren; sie können vielmehr als die Erfahrungsfelder erscheinen, aus denen diese Begriffe erst hervorgegangen sind.

Die folgende Fassung rekonstruiert den bisherigen Forschungsweg als zusammenhängende Genese und hält spätere Begriffe von ihren historischen Vorformen auseinander.

Von der Werkhandlung zur öffentlichen Wirklichkeitsprüfung

Rekonstruktion der Entwicklung der Forschungskunst von Wolfgang Fenner

1. Erkenntnisstatus und Methode dieser Rekonstruktion

Das bisher entstandene Forschungsgebäude lässt sich nicht angemessen als eine Sammlung von Themen oder als nachträglich aufgestellte Theorie beschreiben. Seine eigentliche Struktur ist genetisch. Begriffe entstanden aus Tätigkeiten, Werkproblemen, Materialerfahrungen, gesellschaftlichen Versuchsanordnungen, Irritationen, Ablehnungen, Gegenüberstellungen und späteren Rückprüfungen. Erst sehr spät wurden diese Erfahrungen zu Begriffen wie Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, plastisches Ich, Skulpturidentität, Lochprozess, Vier-Ebenen-Modell, Prüfanker oder Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung verdichtet.

Deshalb muss zwischen drei Erkenntnisarten unterschieden werden. Erstens gibt es Werk- und Archivbefunde: Ausbildung, Fotografien, Objekte, Aktionen, Ausstellungen, Tagebücher, Bewerbungen, Entwürfe und dokumentierte Werkprozesse. Sie sind historisch überprüfbar, sofern die entsprechenden Originale, Fotografien, Briefe, Kataloge oder Presseberichte vorhanden sind. Zweitens gibt es wissenschaftlich beziehungsweise historisch prüfbare Bezugsfelder: Materialwiderstand, Stoffwechsel, Gravitation, Strömung, biologische Verletzbarkeit, Erdgeschichte, sprachgeschichtliche Entwicklungen oder konkrete philosophische Texte. Drittens gibt es forschungskünstlerische Begriffe und Hypothesen. Dazu gehören insbesondere 51:49 als künstlerische Maßfigur, 50:50 als Diagnose des Symmetriedualismus, 1:99 als gesellschaftliche Warnfigur, Skulpturidentität, Lochprozess, Plexuswirklichkeit in ihrer projektspezifischen Bedeutung und die So-Heits-Gesellschaft. Diese dürfen nicht als bereits wissenschaftlich bewiesene Naturgesetze ausgegeben werden. Ihre Stärke liegt darin, dass sie als Prüfmodelle verwendet und an Gegenbeispielen korrigiert werden können.

Gerade diese Unterscheidung ist selbst ein Ergebnis der bisherigen Forschung. Frühere Formulierungen tendierten gelegentlich dazu, künstlerische Modelle wie 51:49 unmittelbar als Naturgesetz oder „Weltformel“ zu behandeln. Später wurde dies präzisiert: 51:49 ist keine naturwissenschaftlich universale Konstante, sondern eine künstlerische Minimalasymmetrie- und Kalibrierungsfigur. 50:50 ist kein ontologisches Gegenuniversum, sondern zunächst ein mathematischer Vergleichswert und innerhalb der Forschungskunst eine Projektionsfläche für die Untersuchung symmetrischer Ordnungsphantasien. 1:99 ist kein errechnetes Gesellschaftsgesetz, sondern ein Warnbild extremer Konzentration von Verfügung, Macht und Rückkopplungsrechten. Diese Korrektur ist für den gegenwärtigen Forschungsstand grundlegend.


I. Forschungsgrund und Werkgenese

2. Der vor-theoretische Ursprung: Naturbeobachtung, Handwerk und die Frage des Funktionierens

Die früheste Grundlage der späteren Forschung liegt noch vor jeder Theorie. Naturbeobachtung, Fotografie und die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 erzeugten verschiedene Formen eines gemeinsamen Grundproblems: Etwas funktioniert oder funktioniert nicht; etwas trägt oder bricht; etwas passt oder passt nicht; ein Ausschnitt zeigt etwas und lässt anderes außerhalb des Bildes.

Das Maschinenschlosserhandwerk führte einen Maßstab ein, der später in der Forschung als äußerst folgenreich erkannt wurde. Ein Werkstück kann nicht allein deshalb richtig sein, weil seine Form gefällt oder weil jemand behauptet, es sei richtig. Maß, Material, Toleranz, Funktion, Widerstand und Folgen des Eingriffs begrenzen die Vorstellung. Schon hier existiert in vor-theoretischer Form die spätere Unterscheidung zwischen zugeschriebener Geltung und Tragfähigkeit.

Die Fotografie führte zu einem anderen Problem. Fotografieren bedeutet auswählen. Der Bildausschnitt macht etwas sichtbar, indem er anderes abschneidet. Diese notwendige Selektion wurde Jahrzehnte später für die Theorie des Lochprozesses wichtig. Der Schnitt ist zunächst keine Fehlleistung; ohne Auswahl gibt es keine Darstellung. Problematisch wird der Schnitt erst, wenn der ausgeschnittene Zusammenhang vergessen wird und das ausgewählte Bild als vollständige Wirklichkeit erscheint.

Damit sind bereits zwei spätere Grundoperationen vorhanden: Funktionsprüfung und Selektion. Beide entstanden aus Praxis, nicht aus philosophischer Systembildung.

3. Die Ausgangsfrage der frühen 1970er Jahre

Um 1973/74 verdichtete sich die bis dahin werkpraktische Erfahrung zu einer gesellschaftlichen Frage. Im Zusammenhang mit Hermannsburg und den damaligen Katastrophen- und Zukunftsüberlegungen entstand die Frage: Kann Kunst die Gesellschaft verändern? Zugleich entwickelte sich die tiefere Leitfrage, die das weitere Werk tragen sollte: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er über Wissen, Wahrnehmung und Korrekturmöglichkeiten verfügt?

Diese Frage war zunächst keine Theorie des Menschen. Sie war eine Problemstellung. Der entscheidende Schritt bestand darin, Kunst nicht nur als Herstellung einzelner Werke, sondern als mögliches Untersuchungsinstrument zu betrachten. Damit begann die Verschiebung vom Bildhauerwerk zur Forschungskunst, obwohl der Begriff „Forschungskunst“ selbst erst Jahrzehnte später präzisiert wurde.

Die Zielprojektion war von Anfang an ungewöhnlich groß: Kunst sollte nicht bloß Folgen menschlicher Zerstörung darstellen, sondern Verfahren entwickeln, durch die Ursachen, Entscheidungen, Tätigkeiten und Rückwirkungen sichtbar und womöglich korrigierbar werden.

Offen blieb damals, wie Kunst eine solche Wirkung tatsächlich erreichen könnte. Diese offene Frage erzeugte die folgenden Werkformen.

4. Experimentelle Umweltgestaltung: vom Werkobjekt zur Versuchsanordnung

Mit dem Bildhauereistudium an der HBK Braunschweig von 1974 bis 1980 und insbesondere der „Experimentellen Umweltgestaltung“ entstand der erste deutlich erkennbare Forschungsraum. Naturbeobachtung, Formuntersuchung, Strömung, Wellen, Deichprofile, Biberbauten, asymmetrische Fahrzeuge, Bewegungs- und Widerstandsmodelle wurden nicht mehr nur Gegenstände künstlerischer Darstellung, sondern Versuchsanordnungen.

Der Biberdamm ist dafür ein Schlüsselbeispiel. Entscheidend war nicht das Abbild eines Bibers oder eines Damms, sondern die Frage nach einer funktionierenden Form im Verhältnis zu Wasser, Strömung und Umgebung. Dasselbe gilt für Schiffsmodelle und Wellenbecken. Die spätere Formulierung „Ein abgebildeter Wirbel wirbelt nicht“ fasst rückblickend den damaligen Erkenntnissprung zusammen: Darstellung eines Prozesses ist nicht mit dem Prozess selbst identisch.

Das asymmetrische Auto der Mitte und zweiten Hälfte der 1970er Jahre führte einen weiteren Gedanken ein. Asymmetrie wurde nicht als formaler Defekt, sondern als mögliche funktionale Antwort untersucht. Daraus entstand noch nicht die spätere 51:49-Theorie, wohl aber ihr werkpraktischer Vorläufer: Form muss sich nicht an idealer Symmetrie, sondern an Tätigkeit, Funktion und Situation bewähren.

Hier liegt auch der Ursprung des späteren Begriffs der Tätigkeitskonsequenz. Ein Eingriff verändert Bedingungen. Material antwortet. Wasser antwortet. Gewicht antwortet. Widerstand antwortet. Die Handlung trifft auf ein Gegenüber.

Der methodische Kern der späteren Forschungskunst ist damit bereits vorhanden:

Vorstellung wird Tätigkeit. Tätigkeit erzeugt Veränderung. Veränderung erzeugt Folgen. Folgen antworten auf die Vorstellung.


II. Vom vorgegebenen Bild zur Beteiligung

5. Erwachsenen-Malbuch, Vorgabebild und die Entdeckung der eigenen Spur

In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre entstand mit den Erwachsenen-Malbüchern, später auch Telefon-, Fußgänger- und anderen Malbuchformen, eine zweite wichtige Werkachse. Sie verlagerte das Problem von Natur- und Materialprozessen auf Wahrnehmung, Vorgabe und Selbsttätigkeit.

Das Vorgabebild besitzt eine besondere methodische Bedeutung. Jemand erhält etwas Vorgegebenes und reagiert darauf. Er kann ausmalen, verändern, überschreiben, verwerfen oder eine eigene Spur hinzufügen. Damit wird sichtbar, dass Wahrnehmung und Gestaltung weder vollständig frei noch vollständig determiniert sind.

Aus den späteren Arbeiten mit Kritzelei, „Krickel-Krackel“, Malbuch und Streichelbuch entwickelte sich die Frage, wann der Mensch eine eigene Spur als wertvoll oder wertlos behandelt. Die einfache Alternative „Kritzeln wegwerfen oder Kritzeln akzeptieren“ wurde zum Modell dafür, wie Menschen mit dem Selbsthervorgebrachten umgehen.

Hier entstand eine entscheidende Verschiebung: Das Kunstwerk war nicht mehr nur das von Wolfgang Fenner hergestellte Objekt. Die Reaktion des anderen wurde Bestandteil des Werkprozesses.

Damit begann die lange Entwicklung von der Beteiligung zur öffentlichen Rückkopplungsarchitektur.

6. Gegenüberstellung als Lernvoraussetzung

Aus den Malbüchern, Collagen, Schultafeln und später den Frage-und-Antwort-Tischen entwickelte sich schrittweise der Begriff der Gegenüberstellung.

Anfangs war Gegenüberstellung vor allem eine künstlerische Operation: Bilder, Texte, Naturformen, gesellschaftliche Aussagen oder Handlungen wurden nebeneinandergestellt. Später wurde erkannt, dass darin ein allgemeiner Lernoperator liegt.

Lernen verlangt eine Differenz. Ohne ein Gegenüber gibt es keine Abweichung zwischen Erwartung und Wirkung. Ohne diese Abweichung kann eine Vorstellung nicht überprüft werden.

Damit wurde Gegenüberstellung von einer bildnerischen Technik zu einem methodischen Prinzip:

Vorstellung → Gegenüber → Differenz → Erfahrung → mögliche Korrektur.

Erfahrung erhielt dadurch eine präzisere Bedeutung. Erfahrung ist nicht einfach das, was einem Menschen passiert. Forschungskünstlerisch relevant wird Erfahrung dort, wo eine Rückmeldung die bisherige Vorstellung verändern kann.

Die offene Frage lautet bis heute: Unter welchen Bedingungen akzeptiert ein Mensch ein Gegenüber tatsächlich als korrigierende Instanz, und unter welchen Bedingungen immunisiert er seine bestehende Überzeugung gegen die Rückmeldung?

Diese Frage verbindet die frühen Malbücher direkt mit dem heutigen So-Heits-Atelier.


III. Gesellschaft als Versuchsfeld

7. Von der privaten Werkhandlung zur gesellschaftlichen Gegenüberstellung

In den 1980er Jahren verlagerte sich die Forschung zunehmend vom Material auf gesellschaftliche Handlungs- und Bedeutungszusammenhänge. Frage-und-Antwort-Tische, Aktionen und partizipatorische Formen dienten dazu, Menschen nicht nur als Betrachter, sondern als Antwortende einzubeziehen.

Der Frage-und-Antwort-Tisch wurde dabei zu einem elementaren sozialen Gerät. Menschen konnten Fragen hinterlassen, Antworten geben, Erinnerungen, Einwände oder Ideen hinzufügen und wiederum auf Beiträge anderer reagieren. Damit entstand eine analoge Vorform dessen, was Jahrzehnte später „Globale Schwarm-Intelligenz“ heißen sollte.

Das Entscheidende war nicht möglichst viel Kommunikation. Der Tisch erzeugte ein Gegenüber mit Rückweg. Eine Äußerung blieb nicht notwendig beimjenigen, der sie formuliert hatte, sondern wurde der Antwort anderer ausgesetzt.

Damit wurde die spätere Frage vorbereitet: Wer besitzt in einer Gesellschaft überhaupt das Recht und die Möglichkeit, zurückzumelden?

8. Schultafeln und Prozessdarstellung

Die Schultafelarbeiten, unter anderem im Umfeld der politischen Veränderungen von 1989/90, erweiterten diese Methode. Eine Tafel ist veränderbar. Geschriebenes kann ergänzt, korrigiert und gelöscht werden. Sie unterscheidet sich strukturell vom monumentalen, endgültigen Bild.

Die „Staumauer“-Arbeiten im Zusammenhang mit deutscher Einheit und Glasnost waren insofern keine bloßen politischen Illustrationen. Sie untersuchten Prozesse, Spannungen, Aufstauungen und mögliche Brüche.

Damit verdichtete sich die Einsicht, dass eine statische Darstellung für Prozesswirklichkeit oft unzureichend ist. Später wurde daraus die Forderung, Kunst selbst müsse prozessual, rückkopplungsfähig und korrigierbar sein.

9. „Schöpfungsgeschichte“, Gartenlabor und Temporäre Kunsthalle

Zwischen 1990 und 1992 wurde die Arbeit im eiszeitlich geprägten Landschaftsraum und die „Schöpfungsgeschichte“ zu einem wichtigen Übergang. Naturwachstum, menschliche Eingriffe, Tanglandschaft, Abendmahltisch und kulturelle Symbolformen wurden miteinander konfrontiert.

Hier verbanden sich mehrere Forschungslinien erstmals deutlich: Naturprozess, Kulturgeschichte, Symbolbildung, Landschaft, gesellschaftliche Macht und die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zu seinen Existenzbedingungen.

1992 wurde mit der Temporären Kunsthalle in Ratzeburg und dem Komplex „Der soziale Organismus – Katharsis“ ein räumliches Forschungsmodell geschaffen. Die Kunsthalle war nicht bloß Präsentationsraum. Sie wurde zu einer Versuchsanordnung, in der gesellschaftliche und natürliche Beziehungen als begehbarer Zusammenhang erfahrbar werden sollten.

Der spätere Begriff des So-Heits-Ateliers hat hier einen wichtigen Vorläufer. Das Atelier ist nicht mehr nur Produktionsort des Künstlers, sondern ein öffentlicher Raum, in dem Wirklichkeitsmodelle geprüft werden.


IV. Tausend Tische und die Geburt des analogen Schwarms

10. Das Globale Dorffest 1993

Das Konzept der „1.000 Tapeziertische“ für das Globale Dorffest am Brandenburger Tor beziehungsweise Unter den Linden 1993 stellt einen entscheidenden Maßstabssprung dar. Die zuvor an kleinen Frage-und-Antwort-Situationen erprobte Beteiligung wurde auf eine große Öffentlichkeit projiziert.

Die Zahl Tausend war dabei keine wissenschaftliche Schwarmgröße, sondern eine damalige Vorstellungsgröße öffentlicher Beteiligung. Die Tische sollten Menschen ermöglichen zu malen, zu schreiben, zu collagieren, Fragen zu stellen, Initiativen sichtbar zu machen und aufeinander zu reagieren.

Werkgenetisch führt eine direkte Linie vom Malbuch über den Frage-und-Antwort-Tisch zu den tausend Tischen.

Das einzelne Blatt wurde zum Tisch. Der Tisch wurde zum Knotenpunkt. Viele Knotenpunkte bildeten einen analogen öffentlichen Zusammenhang.

Hier liegt der eigentliche Ursprung der späteren Schwarmarchitektur.

Die Zielprojektion war nicht Konsens. Unterschiedliche Beiträge sollten nebeneinander bestehen und miteinander in Beziehung gebracht werden. Damit entstand eine frühe Form dessen, was später als „Integration durch Differenz“ und als öffentliche Rückkopplung bezeichnet wurde.

Die ungelöste Frage war schon 1993 dieselbe wie heute im digitalen Raum: Wie wird aus einer Vielzahl von Beiträgen mehr als bloße Akkumulation? Welche Verfahren machen Unterschiede prüfbar, ohne sie entweder zu nivellieren oder unverbunden nebeneinander stehen zu lassen?


V. Vom Partizipatorischen Welttheater zum digitalen Prüfwerk

11. Kollektive Kreativität und die Verschiebung des Autors

Mit der Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“ wurde der einzelne Künstler zunehmend zum Initiator, Inszenator und Organisator einer offenen Werkentwicklung. Für spätere documenta-Bewerbungen ist diese Unterscheidung wichtig: Wolfgang Fenner war nicht in jedem Fall alleiniger Urheber sämtlicher Teile, sondern vielfach Initiator beziehungsweise Inszenator kollektiver Konzepte.

Damit verschob sich auch der Werkbegriff. Das Werk bestand weniger in einem abgeschlossenen Gegenstand als in Bedingungen, unter denen Beiträge, Konfrontationen und neue Verbindungen entstehen konnten.

Diese Verschiebung bildet eine Voraussetzung für die spätere Globale Schwarm-Intelligenz.

12. Das Partizipatorische Welttheater

Das ab etwa 2005 entwickelte und über Jahre fortgeschriebene „Partizipatorische Welttheater“ führte die Idee der kollektiven Beteiligung in eine globalere und stärker mediale Form. Menschen sollten nicht nur Zuschauer einer Weltinszenierung sein, sondern Fragen, Antworten, Rollen, Konflikte und Lösungsmöglichkeiten einbringen.

Die Theatermetapher war wichtig, weil sie gesellschaftliche Rollen als Darstellungen sichtbar machen konnte. Ein Mensch spielt eine Rolle und ist doch nicht identisch mit dieser Rolle. Aus dieser Differenz entwickelte sich später eine Verbindung zur Unterscheidung von plastischem Ich und Skulpturidentität.

Das Welttheater bereitete außerdem die spätere digitale Struktur vor. Die Öffentlichkeit sollte selbst Material produzieren, das wiederum zum Gegenstand weiterer Prüfung werden konnte.


VI. Documenta als Langzeit-Gegenüber

13. Acht Bewerbungen und die Institution als Rückkopplungsraum

Zwischen 1977 und 2017 entstanden insgesamt acht documenta-Bewerbungen beziehungsweise Bewerbungsanläufe. Historisch gesichert sind nach dem bisher rekonstruierten Archivstand insbesondere die späteren Bewerbungen zur DOCUMENTA IX, documenta X, Documenta11, documenta 12 und documenta 14. Bei den frühen Zuordnungen zwischen documenta 6 und den folgenden Ausgaben besteht weiterhin archivischer Klärungsbedarf; deshalb dürfen hier keine vermeintlich exakten Zuordnungen nachträglich erfunden werden.

Werkgenetisch lässt sich dennoch eine Entwicklung erkennen. Früh standen Experimentelle Umweltgestaltung, asymmetrische Fahrzeug- und Strömungsmodelle sowie Beteiligungsformen im Vordergrund. Zur documenta X verdichteten sich diese Linien zum hunderttägigen Labor beziehungsweise Lernlabor über Evolutionsdynamik. Im Umfeld der Documenta11 entstand die „Gebärmutter im Mittelpunkt der Welt“ mit weiterführenden Entelechie- und Geburtsmodellen. Für die documenta 12 wurde das Partizipatorische Welttheater zentral. Zur documenta 14 wurden Plastische Anthropologie, Welttheater und globale Handlungsverantwortlichkeit weitergeführt.

Die documenta ist damit innerhalb des Lebenswerks nicht nur eine wiederholt angestrebte Ausstellung. Sie wurde zu einem institutionellen Gegenüber. Bewerbung, Nichtannahme, Weiterarbeit, erneute Bewerbung und erneute Umformung bilden selbst einen langfristigen Rückkopplungsprozess.

Hier entsteht die heutige Vorstellung von Verortungskunst: Entscheidend ist nicht nur, ob ein Werk angenommen wird, sondern was geschieht, wenn ein über Jahrzehnte entwickeltes Forschungswerk wiederholt an dieselbe Institution herangetragen, zurückgewiesen, verändert und erneut verortet wird.


VII. Wirklichkeit: von Natur und Funktion zur Trag- und Plexuswirklichkeit

14. Der Weg zum Begriff Tragwirklichkeit

Der Begriff „Tragwirklichkeit“ entstand erst sehr spät, bündelt aber eine alte Werkspur. Gemeint ist jene Wirklichkeit, an der menschliche Vorstellungen nicht beliebig vorbeikommen: Last, Material, Temperatur, Stoffwechsel, Wasser, Verletzung, Regeneration, Abhängigkeit, Zeit, Widerstand, Ressourcen und Kipppunkte.

„Tragwirklichkeit“ ist kein etablierter naturwissenschaftlicher Terminus. Es handelt sich um einen Begriff der Forschungskunst. Seine Bestandteile beziehen sich jedoch auf empirisch prüfbare Bedingungen.

Seine methodische Funktion besteht darin, eine Referenz zu schaffen, die nicht allein durch menschliche Zustimmung erzeugt wird. Ein Körper kann verletzt werden, unabhängig davon, wie eine Gesellschaft diese Verletzung sprachlich bewertet. Ein Werkstück kann brechen. Ein Organismus benötigt Stoffwechsel. Ein Ökosystem besitzt Belastungsgrenzen.

Tragwirklichkeit wurde damit zum Gegenbegriff einer ausschließlich symbolisch geregelten Wirklichkeit.

Die Gefahr dieser Unterscheidung lag zunächst darin, symbolische Wirklichkeit als „unwirklich“ abzuwerten. Diese Vereinfachung wurde später korrigiert. Geld, Eigentum, Recht, Rollen oder Institutionen sind real wirksam, aber auf andere Weise wirklich. Sie besitzen soziale Geltung und können enorme materielle Folgen erzeugen. Die richtige Frage lautet deshalb nicht mehr: „Ist es wirklich oder nur symbolisch?“, sondern: Auf welcher Ebene ist etwas wirklich, wodurch erhält es Geltung und woran kann diese Geltung zurückgeprüft werden?

15. Plexuswirklichkeit

Mit den Kontextankern der Versionen v12.5 ff. wurde „Tragwirklichkeit“ durch „Plexuswirklichkeit“ erweitert. Plexus bezeichnet dabei kein neues physikalisches Grundelement, sondern eine künstlerische Denkfigur für die verschränkte Wirklichkeit von Bedingungen, Lebewesen, Symbolen, Handlungen und Folgen.

Tragwirklichkeit beantwortet vor allem die Frage: Was trägt und begrenzt?

Plexuswirklichkeit beantwortet stärker die Frage: Wie sind die Bedingungen miteinander verbunden?

Die beiden Begriffe sollten deshalb nicht konkurrieren. Die präziseste heutige Lösung besteht darin, Plexuswirklichkeit als Zusammenhangsbegriff und Tragwirklichkeit als Belastungs- und Referenzbegriff innerhalb dieses Zusammenhangs zu verwenden.

Damit wird eine bisherige Doppelung aufgelöst.


VIII. 51:49, 50:50, 49:51 und 1:99

16. Von der Asymmetrieerfahrung zum Differenzialprinzip

51:49 entstand aus der langjährigen Beschäftigung mit Asymmetrie, Bewegung, Widerstand, Strömung und Anpassung. In frühen Formulierungen wurde diese Verhältnisfigur teilweise sehr weitreichend als „Weltformel“ oder „Betriebssystem der Natur“ bezeichnet. Die neuere Forschung hat diese Behauptung entscheidend korrigiert.

51:49 ist heute am sinnvollsten als künstlerischer Minimalasymmetrie-Operator zu verstehen. Er bezeichnet eine geringfügige Gewichtungsdifferenz, die Richtung, Bewegung oder Entscheidung ermöglicht, ohne die Gegenseite vollständig auszulöschen.

49:51 zeigt, dass sich die Gewichtung umkehren kann. Dadurch wurde aus einem statischen Zahlenpaar zunehmend ein bewegliches Verhältnisprinzip.

Der zwischenzeitlich verwendete Begriff „plastische symmetria“ sollte ausdrücken, dass ein angemessenes Verhältnis nicht starre Gleichheit bedeutet, sondern ein sich bewegendes Maß. Noch allgemeiner wurde dies später im Differenzialprinzip gefasst: Entscheidend ist nicht die Zahl 51:49 selbst, sondern die Fähigkeit, Differenzen wahrzunehmen, Gewichte zu verändern und anhand von Folgen nachzukorrigieren.

50:50 wurde dadurch ebenfalls korrigiert. Es ist als mathematische Gleichverteilung legitim. Forschungskünstlerisch problematisch wird es erst dort, wo Symmetrie, Gleichheit oder Neutralität ohne Rücksicht auf Funktionsunterschiede als universelles Ideal auf die lebendige Wirklichkeit übertragen werden.

1:99 bezeichnet schließlich keine gesetzmäßige Folge aus 50:50. Es ist eine Warnfigur für extreme Konzentration: Eine Seite verfügt nahezu vollständig über Ressourcen, Entscheidung oder Geltung, während die andere kaum Rückkopplungsmacht besitzt.

Damit wird deutlich, dass die eigentliche Forschungsfrage nicht lautet, welche Zahl „wahr“ ist, sondern: Wie bleibt ein Verhältnis korrigierbar, bevor es kippt?

17. Das dreifache Optimum

Aus diesen Überlegungen entwickelte sich die Vorstellung eines dreifachen Optimums. Ein Verhältnis muss erstens im jeweiligen Medium funktionieren, zweitens für den beteiligten Organismus beziehungsweise das lebendige System tragbar sein und drittens in einer Prüfung so weit rückgekoppelt werden, dass Folgen sichtbar und korrigierbar bleiben.

Auch dieses dreifache Optimum ist ein forschungskünstlerisches Modell, kein wissenschaftlich etablierter Dreisatz. Seine Stärke liegt darin, dass es 51:49 von einem Zahlenfetisch löst und auf eine konkrete Frage zurückführt: Was ist unter diesen Bedingungen für wen, wie lange und mit welchen Folgen tragfähig?


IX. Zeitkalibrierung und der Millisekunden-Mensch

18. Die 24-Stunden-Uhr

Die 24-Stunden-Uhr überträgt die etwa 4,54 Milliarden Jahre Erdgeschichte proportional auf einen Tag. Homo sapiens erscheint dabei ungefähr in den letzten sechs Sekunden. Eine individuelle Lebensspanne von etwa achtzig Jahren entspricht nur ungefähr anderthalb Millisekunden dieses Maßstabs.

Die Proportionsrechnung ist mathematisch prüfbar. Die daraus gezogene anthropologische Bedeutung ist dagegen Forschungskunst.

Der Ausdruck „Millisekunden-Mensch“ bezeichnet deshalb keinen biologischen Menschentyp. Er ist eine Kalibrierungsfigur. Sie stellt die extrem kurze menschliche und insbesondere industrielle Eingriffszeit der tiefen Zeit planetarischer Prozesse gegenüber.

Die methodische Funktion ist nicht Demütigung des Menschen, sondern Maßstabswechsel. Der Mensch erhält enorme technische Gestaltungsmacht in einer zeitlich sehr schmalen Phase. Daraus entsteht die Frage, wie eine Spezies mit so kurzer eigener Erfahrung Langzeitfolgen ihrer Eingriffe beurteilt.

Die 24-Stunden-Uhr verbindet deshalb Zeit mit E4: Eine öffentliche Prüfarchitektur muss nicht nur unmittelbare Rückmeldung berücksichtigen, sondern auch verzögerte und räumlich entfernte Tätigkeitskonsequenzen.


X. Loch, Lücke und Membran

19. Vom notwendigen Schnitt zum Lochprozess

Der Lochprozess gehört zu den jüngsten, zugleich aber integrativsten Begriffsentwicklungen.

Sein Ausgangspunkt ist eine Korrektur. Nicht jeder Schnitt ist ein Fehler. Wahrnehmung, Fotografie, Sprache, Wissenschaft, Kunst und alltägliches Entscheiden müssen auswählen. Die entscheidende Formel lautet:

„Der Schnitt ist notwendig; das Vergessen des Schnitts erzeugt das Loch.“

Die Lücke bezeichnet zunächst den offenen Differenzraum. Etwas fehlt oder ist noch nicht verbunden. Gerade deshalb kann eine Lücke Lernraum sein.

Das Loch entsteht in der projektspezifischen Verwendung dort, wo eine ausgeschnittene Beziehung nicht mehr zurückkehren kann. Der Zusammenhang ist nicht nur unbekannt, sondern der Rückweg wird strukturell unterbrochen.

Der Lochprozess bezeichnet schließlich die zeitliche Entwicklung, in der eine notwendige Grenze von einer selektierenden, rückkopplungsfähigen Membran zu einer abgeschlossenen Trennung werden kann.

Damit entstand die zentrale Prüffrage:

Kann das Ausgeschlossene zurückmelden?

Diese Frage verbindet Fotografie, Eigentum, Institution, Wissenschaftsdisziplin, Identität, gesellschaftliche Rolle und künstliche Intelligenz. Eine Grenze ist nicht allein deshalb problematisch, weil sie trennt. Problematisch wird sie, wenn relevante Folgen außerhalb ihrer Zuständigkeit liegen und dennoch keinen Weg zurück in die Entscheidung finden.

20. Membran statt Mauer

Die Membran wurde zum Gegenbegriff des Lochprozesses. Sie trennt, ohne Beziehung vollständig abzubrechen. Sie schützt, selektiert, reguliert Austausch und kann auf veränderte Bedingungen reagieren.

Auch hier ist die biologische Zellmembran wissenschaftlich beschreibbar; die Übertragung auf Begriffe, Institutionen und Identitäten ist dagegen eine künstlerische Analogie.

In diesem Sinne wurde der Zweifel als Membran des Begriffs verstanden. Ein Begriff muss stabil genug sein, etwas zu unterscheiden, aber offen genug, sich durch Gegenbeispiele verändern zu lassen.

Die plastische Identität ist entsprechend nicht grenzenlos. Gerade eine vollkommen offene Identität wäre nicht funktionsfähig. Plastizität bedeutet vielmehr eine regulierte Durchlässigkeit.

Eine der wichtigsten offenen Forschungsaufgaben besteht darin, Lochprozess und 51:49 noch systematischer miteinander zu verbinden. 51:49 beschreibt Gewichtung und Korrektur; der Lochprozess beschreibt Verlust oder Erhalt von Rückwegen. Beide könnten als zwei Ansichten desselben Regulationsproblems gefasst werden.


XI. Plastik, Skulpturalisierung und das menschliche Selbstmodell

21. Von Bildhauerei zu Plastik

Die Begriffe Plastik und Skulptur wurden im Verlauf der Gespräche mehrfach korrigiert. Frühere Texte benutzten „Skulptur“ teilweise allgemein für dreidimensionale Arbeiten. Später wurde eine methodische Trennung eingeführt.

Plastik bezeichnet innerhalb der Forschung zunehmend einen formenden, aufbauenden, veränderbaren und rückkopplungsfähigen Prozess. Skulpturalisierung bezeichnet dagegen die Tendenz, eine entstandene Form als abgeschlossen, fest und identisch zu behandeln.

Diese Unterscheidung ist keine verbindliche kunsthistorische Definition von Plastik und Skulptur. Sie ist ein begriffliches Werkzeug der Forschungskunst. Deshalb wurden frühere eigene Arbeiten, die etwa 2001 als „Skulptur“ bezeichnet worden waren, in der späteren Systematik teilweise als „Plastik“ korrigiert.

Die entscheidende Verschiebung bestand darin, diese Differenz auf den Menschen anzuwenden.

22. Plastisches Ich und Skulpturidentität

Der menschliche Organismus ist verletzlich, abhängig, stoffwechselnd und fortwährend im Austausch. Er verändert sich und muss auf veränderte Bedingungen reagieren. Diese Seite wurde als Grundlage des plastischen Ichs beziehungsweise später des plastischen Ich-Bewusstseins gefasst.

Die Skulpturidentität bezeichnet dagegen eine sekundäre Fixierung. Der Mensch identifiziert sich mit Rollen, Eigentum, Status, Selbstbildern oder symbolischen Zuschreibungen, als seien diese sein abgeschlossenes Wesen.

Skulpturidentität ist kein Begriff der Psychologie. Sie ist eine Forschungskunst-Hypothese.

Ihr Prüfwert besteht in der Frage, ob ein Selbstmodell gegenüber Rückmeldungen plastisch bleibt oder sich gegen sie verhärtet.

Damit entstand eine entscheidende Korrektur gegenüber früheren Formulierungen: Symbolische Identität ist nicht grundsätzlich schlecht. Rollen, Namen, Berufe, Rechte und Institutionen sind notwendig. Problematisch wird ihre Skulpturalisierung, wenn eine gesellschaftlich erzeugte Form ihren hergestellten Charakter vergisst und sich gegen die Konsequenzen ihres Handelns immunisiert.

Die Zielprojektion ist daher nicht Auflösung aller Identität, sondern Rollenfähigkeit mit Distanz.


XII. Tätigkeit, Erfahrung und Rückkopplung

23. Tätigkeit als Übergangsoperation

Tätigkeit verbindet die Wirklichkeitsebenen. Ein Gedanke allein verändert noch keinen Stein, kein Wasser und keinen gesellschaftlichen Zustand. Erst Tätigkeit übersetzt Vorstellungen in Eingriffe.

Darum wurde Tätigkeit zeitweise selbst als Ebene diskutiert. Diese Lösung erwies sich jedoch als unpräzise. Später wurde korrigiert: E1 bis E4 bleiben gleichzeitig vorhandene Wirklichkeits- und Prüfebenen; Tätigkeit ist eine Übergangsoperation zwischen ihnen.

Dasselbe gilt für Abhängigkeit, Konsequenz und Rückkopplung. Sie bilden keine zusätzlichen Ebenen, sondern eine Zeitdynamik:

Abhängigkeit → Tätigkeit → Konsequenz → Rückmeldung → mögliche Korrektur.

Damit wurde ein wichtiger Kategorienfehler beseitigt.

24. Erfahrung ist korrigierende Rückmeldung

Die frühe Werkpraxis zeigte, dass Materialwiderstand Wissen erzeugt. Der Handgriff gelingt oder misslingt. Eine Form bricht. Wasser verhält sich anders als erwartet. Eine Teilnehmerreaktion widerspricht der Absicht des Künstlers.

Aus diesen Erfahrungen entstand schrittweise eine strengere Definition: Erfahrung ist eine Rückmeldung, die eine Vorstellung verändern kann.

Damit wird zugleich verständlich, warum eine vollkommen geschlossene Überzeugung keine Erfahrung im starken Sinn mehr zulässt. Sie kann Ereignisse registrieren, ohne sich durch sie korrigieren zu lassen.

Die Forschungskunst wird deshalb zunehmend zu einer Kunst der Ent-Immunisierung.


XIII. Symbol-, Eigenschafts- und Geltungsbildung

25. Von der materiellen Eigenschaft zur hineingedachten Eigenschaft

Ein besonders wichtiger Forschungsschritt bestand in der Unterscheidung verschiedener Arten von Eigenschaften.

Material besitzt Eigenschaften, die sich unter bestimmten Bedingungen prüfen lassen. Holz, Metall, Wasser und Körper reagieren nicht beliebig.

Menschen erzeugen jedoch zusätzlich symbolische Zuschreibungen. Ein Gegenstand kann „mein“, „heilig“, „wertvoll“, „illegal“, „Kunst“, „Geld“ oder „Eigentum“ sein. Diese Eigenschaften sind nicht im Material auf dieselbe Weise vorhanden wie Masse, Temperatur oder Festigkeit.

Früh wurde dafür der Begriff hineingedachte Eigenschaften verwendet. Später wurde erkannt, dass dies noch zu undifferenziert ist. Gesellschaftliche Zuschreibungen sind nicht bloß Gedanken. Sie können kollektiv gelten und reale institutionelle sowie materielle Folgen erzeugen.

Daher wurde die präzisere Unterscheidung von Geltungszuschreibung entwickelt.

Ein Geldschein besitzt materielle Eigenschaften und gesellschaftlich erzeugte Geltung. Eigentum ist eine institutionell geregelte Zuordnung. Eine Rolle besitzt soziale Anerkennung. Diese Geltungen sind weder bloße Illusion noch physikalische Materialeigenschaften.

Das Problem beginnt dort, wo die Zuschreibung als Eigenschaft des Gegenstandes selbst erscheint. Die spätere Formulierung dafür lautet reifizierte Geltungszuschreibung: Das „als“ verschwindet. Aus „wir behandeln dieses als Eigentum“ wird scheinbar „dieses ist von Natur aus Eigentum“.

26. Eigentumsgrammatik

Aus dieser Eigenschaftsforschung entwickelte sich die Eigen-/Eigentumsgrammatik. Sprache kann Beziehungen in Besitzformen umformen: mein Körper, meine Idee, mein Land, meine Arbeit, mein Wissen.

Daraus entstand zunächst eine weitgehende Kritik der Ding- und Eigentumswelt. Diese musste jedoch differenziert werden. Nicht jede Eigentumsregel ist automatisch eine Wirklichkeitsverwechslung. Eigentumsordnungen können Schutz, Zuständigkeit und Verantwortung organisieren.

Die präzisere Prüffrage lautet daher:

Welche Geltungsordnung wird erzeugt, welchen Zweck erfüllt sie, wer kann über sie verfügen, welche Tätigkeitskonsequenzen entstehen und können Betroffene zurückmelden?

Damit wird Eigentum vom moralischen Schlagwort zum Prüfgegenstand.


XIV. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

27. Von technē zur westlichen Trennungsgeschichte

Die Beschäftigung mit griechischer technē, poiesis, praxis, theoria, Form, Stoff, Seele und späteren europäischen Begriffsgeschichten entstand aus dem Verdacht, dass die gegenwärtige Trennung von Kunst, Wissenschaft, Handwerk, Philosophie und gesellschaftlicher Verantwortung historisch geworden und deshalb auch veränderbar sein könnte.

Technē wurde innerhalb der Forschung zunehmend als Einheit von Können, Erfahrung, Materialkenntnis, Maß, Zweck, Tätigkeit, Urteil und Verantwortung gelesen. Das ist eine forschungskünstlerische Aktualisierung antiker Begriffe und darf nicht mit der Behauptung verwechselt werden, die gesamte griechische Kultur habe exakt dieses heutige Programm vertreten.

Gerade diese Unterscheidung wurde im Laufe der Gespräche wichtiger.

28. Platon als Prüfschablone

In frühen genealogischen Entwürfen wurde Platon teilweise sehr weitgehend als Ursprung eines 2500-jährigen westlichen „Konstruktionsfehlers“ dargestellt. Diese Zuspitzung besitzt als kulturkritische Hypothese eine starke Bildkraft, ist philosophiehistorisch aber zu pauschal.

Die neuere Foliengrammatik löst das Problem besser. Platon wird nicht als alleiniger Verursacher der westlichen Geschichte präsentiert, sondern als Prüfschablone für eine bestimmte Operation: unveränderliche Idee, geometrische Ordnung oder intelligible Form erhalten gegenüber veränderlicher sinnlicher Erscheinung einen höheren Erkenntnisrang.

Die Frage lautet dann nicht „Ist Platon schuld?“, sondern: Was geschieht gesellschaftlich, wenn unveränderliche Modelle systematisch höher bewertet werden als verletzliche, zeitliche und rückmeldende Prozesse?

29. Aristoteles als Gegenkorrektur

Aristoteles ließ sich nicht sinnvoll in dasselbe Schema einordnen. Seine stärkere Verbindung von Stoff, Form, Bewegung und Zielrichtung erforderte eine eigene Folie. Damit wurde eine frühere pauschale Gleichsetzung von Platon und Aristoteles korrigiert.

Forschungskünstlerisch ist Aristoteles interessant, weil Form nicht einfach außerhalb der konkreten Dinge liegt. Dennoch darf auch seine komplexe Philosophie nicht zu einer Vorstufe der Plastischen Anthropologie erklärt werden.

30. Christentum, Seele und Leib

Die Christentumsfolie untersucht die historische Wirksamkeit von Leib-Seele-Unterscheidungen, Jenseitsorientierung und transzendenter Wertordnung. Auch hier wurde die frühere Tendenz zur Totalerklärung korrigiert.

Das Christentum ist historisch vielfältig. Die Folie soll deshalb nicht „das Christentum“ vollständig erklären, sondern eine bestimmte mögliche Operation sichtbar machen: Der verletzliche Körper kann gegenüber einer als höher geltenden Seele oder jenseitigen Ordnung abgewertet werden.

Das wird im So-Heits-Atelier nicht als historische Wahrheit vorgegeben, sondern als Behauptung, die durch Texte, Gegenpositionen und Besucher geprüft werden muss.

31. Descartes und moderne Wissenschaft

Descartes wurde in der bisherigen Genealogie wichtig, weil res cogitans und res extensa eine starke Denkfigur für die Trennung von denkendem Subjekt und ausgedehnter Welt liefern. Daraus entstand zeitweise eine direkte Linie von Descartes zur modernen Objekt- und Verfügungsgesellschaft.

Auch diese Linie ist als historische Kausalbehauptung zu grob. Sie eignet sich jedoch als Prüffrage: Welche Folgen entstehen, wenn das erkennende Subjekt sich systematisch außerhalb dessen modelliert, wovon sein Körper materiell abhängig bleibt?

Die Physikfolie korrigiert gleichzeitig eine andere Vereinfachung. Physik ist nicht „falsch“, weil sie abstrahiert. Abstraktion ist ihre methodische Stärke. Das Problem entsteht erst, wenn der Geltungsbereich eines Modells vergessen wird. Masse, Kraft, Temperatur und Druck beantworten andere Fragen als Schmerz, Regeneration, gesellschaftliche Verantwortung oder Sinn.

Damit kehrt der Lochprozess auf wissenschaftstheoretischer Ebene wieder: Die Disziplin ist ein notwendiger Schnitt; das Vergessen ihrer Grenze erzeugt das Loch.


XV. Das Vier-Ebenen-Modell

32. Von drei Wirklichkeitsbereichen zu E1–E4

Das Vier-Ebenen-Modell entstand nicht auf einmal. Frühere Fassungen unterschieden zunächst grob Funktionieren, Leben und Symbolwelt. Daraus entwickelten sich schließlich vier Ebenen.

E1 bezeichnet die physikalisch-chemische Tragwirklichkeit: Material, Energie, Last, Kraft, Temperatur, Druck, Stoffe, technische Funktion und physikalische Grenzen.

E2 bezeichnet die lebendige, verletzliche und regulierende Wirklichkeit: Stoffwechsel, Regeneration, Sinnesbezug, Bedürftigkeit, Anpassung und das plastische Ich als leiblich rückgebundene Identitätsform.

E3 bezeichnet symbolische und gesellschaftliche Geltungswirklichkeit: Sprache, Bilder, Rollen, Eigentum, Geld, Recht, Institutionen, Werte, Kategorien und Selbstmodelle.

E4 bezeichnet keine zusätzliche Naturwirklichkeit, sondern die bewusst erzeugte öffentliche Prüf-, Rückkopplungs-, Korrektur- und Reparaturarchitektur, in der E3 an Folgen in E1 und E2 zurückgebunden werden kann.

Die Grundformel lautet:

E1 trägt E2. E2 ermöglicht E3. E3 muss durch E4 an E1 und E2 zurückgeprüft werden.

33. Die wichtige Korrektur der Ebenenlogik

Mehrfach wurde diskutiert, Tätigkeit, Abhängigkeit oder Rückkopplung als zusätzliche Ebenen einzuführen. Diese Lösung wurde verworfen. Die Ebenen beschreiben verschiedene Wirklichkeits- und Geltungsweisen; Tätigkeit und Rückkopplung beschreiben Prozesse zwischen ihnen.

Auch die „Erscheinungswelt“ erforderte eine Korrektur. Sie kann nicht einfach nur E3 zugeschlagen werden, denn bereits E2 erzeugt sinnliche Erscheinungen. Erscheinung wurde daher zunehmend als Übergangs- und Prüfproblem zwischen den Ebenen verstanden.

Das Modell ist keine wissenschaftlich allgemein anerkannte Ontologie. Es ist eine Forschungskunst-Architektur, deren Wert daran hängt, ob sie konkrete Fälle besser auseinanderhalten und zurückverbinden kann.

Seine wichtigste offene Aufgabe besteht deshalb in der Anwendung auf Gegenbeispiele. Ein Modell, das jedes Ereignis nachträglich problemlos in E1 bis E4 einordnen kann, ohne selbst scheitern zu können, wäre nicht hinreichend prüfbar.


XVI. Entwicklung der Ankerarchitektur

34. Vom Kontextanker zum Begriffshandwerk

Mit der zunehmenden Zahl eigener Begriffe entstand die Gefahr, dass die Forschungskunst selbst jene Verfestigung erzeugt, die sie kritisiert. Darauf reagierte die Entwicklung der Anker.

Der Kontextanker sollte den größeren planetarischen, historischen und begrifflichen Zusammenhang sichern. Der Werk-Anker sollte verhindern, dass sich Theorie von den tatsächlich entstandenen Werken löst.

Ab Frühjahr 2026 wurden diese Anker mehrfach versioniert und präzisiert. In den Fassungen um v6.6 wurden Tragbedingungen, Dingselektion, Eigen-/Eigentumsgrammatik, planetarische Kalibrierung und Zugangsarchitektur gebündelt. Die Fassungen v8.5 und v8.7 arbeiteten Geburt, Lücke und Mutation stärker heraus. Mit v10.0 wurde die Arbeit als repräsentative Prüf-, Forschungs- und Entwicklungskunst gefasst.

Die Fassungen v12.0 und v12.1 führten Tragwirklichkeit, Tragwesen und Tragbewusstsein systematischer zusammen. v12.5 bis v12.7 entwickelten Plexuswirklichkeit und Differenzialprinzip. v12.10 verschärfte die Untersuchung von Repräsentation, res, Dingwelt, hineingedachten Eigenschaften und technē. v12.12 verband Künstlichkeit, Seele, plastisches Ich und Globale Schwarm-Intelligenz. Die folgenden Werk-Anker bis v12.16 rückten schließlich die tatsächliche Werkgenese, das große Foto-, Video- und Installationsarchiv und die Forschungskunst als Ursprung wieder stärker in den Mittelpunkt.

Diese Versionierung ist selbst methodisch bedeutsam: Der Begriff wird nicht als endgültig gesetzt, sondern durch neue Erfahrung verändert.

35. Positionsanker, Prüfanker, Prüfoperator und Sensorenanker

Der Positionsanker entstand, um persönliche Diagnose und Prüfergebnis auseinanderzuhalten. Eine Position darf deutlich sein, muss aber als Position kenntlich bleiben.

Der Prüfanker bündelt die Maßstäbe: Tätigkeit, Konsequenz, Abhängigkeit, Widerstand, Verletzbarkeit, Toleranz, Regeneration, Funktionieren, Nichtfunktionieren und Rückkopplung.

Der Prüfoperator bezeichnet die konkrete Handlung des Prüfens. Er fragt nach Behauptung, Referenz, Voraussetzungen, Folgen, Betroffenen, Rückmeldung, Gegenbeispiel und möglicher Korrektur.

Später kamen Vorstellungen eines Sensorenankers und eines übergeordneten Integrationsankers hinzu. Ihr Sinn besteht darin, nicht immer neue Theorieebenen zu erzeugen, sondern sicherzustellen, dass das System tatsächlich wahrnimmt, was es zu prüfen vorgibt.

Damit entwickelte sich das Begriffshandwerk. Begriffe werden analog zu Werkzeugen behandelt. Man fragt nicht nur, was sie bedeuten, sondern was sie leisten, was sie abschneiden, welche Eigenschaften sie einschleppen, in welchem Maßstab sie funktionieren und wann sie ersetzt oder repariert werden müssen.

Dies ist gegenwärtig eine der stärksten methodischen Entwicklungen des gesamten Projekts.


XVII. Künstlerische Prüfobjekte

36. Das Werk als Widerstand gegen die Behauptung

Die künstlerischen Prüfobjekte bilden die materielle Gegenkraft zur Theorie. Sie sollen verhindern, dass die Forschung nur noch aus Begriffen besteht.

Das Wellenbecken und die Strömungsversuche prüfen Bewegung, Widerstand und Formbildung. Der Biberdamm prüft funktionale Form im Verhältnis zu Wasser und Umwelt. Das asymmetrische Auto prüft Symmetrieerwartung gegen Gebrauch und Situation.

Die Kartoffelarbeiten verschieben den Maßstab auf Wachstum, Stoffwechsel, Nahrung, Form und kulturelle Zuschreibung. Die Schultafeln prüfen Veränderbarkeit von Aussagen. Die Frage-und-Antwort-Tische prüfen gesellschaftliche Rückmeldung.

Die Tanglandschaft und die „Schöpfungsgeschichte“ konfrontieren Natur- und Kulturordnungen.

Der gläserne Astronaut und der reale Astronautenanzug führen eine andere Frage ein: Wie viel künstliche Umwelt muss hergestellt werden, damit ein verletzlicher Organismus in einer für ihn ungeeigneten Umgebung existieren kann? Der Astronautenanzug wird dadurch zum Gegenbild der Autonomie. Was als technisch unabhängiger Mensch erscheint, ist in Wahrheit extrem abhängig von künstlich aufrechterhaltenen Tragbedingungen.

Der Sandtrichter untersucht Belastung, Verschüttung und die Folgen fortgesetzter Einwirkung. Die Saftpresse untersucht Druck, Umformung, Ressourcenentnahme und Wertverschiebung. Die Thermosflasche untersucht Isolation: Je mehr Schichten den Austausch verhindern, desto stabiler bleibt ein innerer Zustand – aber zugleich nimmt die Beziehung zur Umgebung ab.

Der Feuerkäfig verdichtet diese Untersuchungen zu einem jüngsten Bild: Ein Mensch befindet sich geschützt im Käfig beziehungsweise Astronautenanzug, während im Inneren Feuer herrscht und die Tür offensteht. Das Problem besteht nicht darin, dass es keinen Ausgang gibt, sondern darin, dass ein System trotz sichtbarer Gefahr nicht verlassen wird. 50:50, 1:99, Status, Rollenbindung und Zeitblindheit werden dabei nicht als dargestellte Ursachen bewiesen, sondern als mögliche verdeckte Parameter der Versuchsanordnung angeboten.

Die Zielprojektion aller Prüfobjekte ist dieselbe: Eine Behauptung muss etwas gegenübergestellt bekommen, das nicht vollständig durch die Behauptung kontrolliert wird.


XVIII. Folien und Schablonen

37. Die Folie als sichtbarer Denkoperator

Die Folien sind aus der jahrzehntelangen Arbeit mit Collagen, Bildern, Überlagerungen und Gegenüberstellungen hervorgegangen. Ihre aktuelle Form macht aus diesem Verfahren eine explizite Erkenntnisgrammatik.

Eine Grundabbildung wird nicht durch eine einzige fertige Deutung ersetzt. Transparente Folien können darübergelegt, entfernt, kombiniert oder vertauscht werden. Dadurch wird buchstäblich sichtbar, dass unterschiedliche Modelle über dieselbe Ausgangssituation gelegt werden.

Zu den entwickelten Grundbildern gehören die physikalisch-kosmische Welt, das ganzheitliche Netzwerk beziehungsweise der Plexus, der Mensch mit dem Spaten als Tätigkeitsfigur, die Frau mit der Behauptung „Ich bin frei“, die Flasche beziehungsweise russische Puppe als Isolationsraum, der von Wärme, Gravitation und anderen Wirkungen durchdrungene Körper, die molekulare Verknüpfung des Menschen, der Mensch im Wasser mit anderen Lebewesen, die Denkfigur „Weil ich denke, existiere ich“ und die Erdzeit beziehungsweise 24-Stunden-Uhr.

Diese Bilder sind keine Illustrationen fertiger Lehren. Sie sind Ausgangsflächen für Schichtung.

38. Kulturfolien als begrenzte Schablonen

Die Platon-, Aristoteles-, Christentums-, Descartes- und Physikfolien werden in der jüngsten Entwicklung nicht mehr als vollständige Geschichtserklärungen verstanden. Sie sind begrenzte Schablonen.

Die Platonfolie fragt nach der Höherwertung des Unveränderlichen. Die Aristotelesfolie hält Stoff, Form und Prozess enger zusammen. Die Christentumsfolie prüft Leib-Seele- und Diesseits-Jenseits-Ordnungen. Die Descartesfolie untersucht Subjekt-Objekt-Trennung. Die Physikfolie zeigt die enorme Leistung messbarer Modelle und gleichzeitig deren begrenzten Zuständigkeitsbereich.

Damit wird Kulturgeschichte selbst zum Gegenstand des Begriffshandwerks.

39. Plexus-Foliengrammatik und künstlerisches Dreieck

Das Schichtenmodell der Folien wurde schließlich mit E1 bis E4 verbunden. Statt einer einzigen richtigen Sicht soll sichtbar werden, welche Ebene eine Aussage betrifft und welche ausgeblendet wird.

Das künstlerische Dreieck verdichtet diesen Vorgang: Kopf beziehungsweise Modell steht für Vorstellung und Entwurf; Hände stehen für Tätigkeit, Übung, Widerstand und Konsequenzen; die entstehende Plastik steht für die vorläufige Form.

Ein falsches oder unvollständiges Modell kann zu einer fehlerhaften Tätigkeit führen. Aber auch ein gutes Modell garantiert noch kein gutes Werk, weil Material und Tätigkeit eigene Rückmeldungen erzeugen.

Damit wird Kunst zum anschaulichen Gegenmodell eines rein geistigen Erkenntnisbegriffs.


XIX. Das Mitmachbuch

40. Vom Malbuch zum transportablen So-Heits-Atelier

Das Mitmachbuch ist kein plötzlich erfundenes Vermittlungsformat. Es bündelt eine Werkentwicklung von ungefähr fünf Jahrzehnten.

Seine Vorgeschichte liegt in den Erwachsenen-Malbüchern, Vorgabebildern, Kritzeleien, Collagen, Frage-und-Antwort-Tischen, Schultafeln, Workshops und tausend Tischen. Im Mitmachbuch werden diese Verfahren zu einem transportablen Prüfweg zusammengesetzt.

Der Leser soll nicht lediglich einen Text verstehen. Er soll auswählen, Folien auflegen, Bilder verändern, Behauptungen vergleichen, eigene Zuschreibungen produzieren und wieder entfernen. Dadurch wird aus dem Leser ein Mitprüfer.

Das interaktive Buch mit mehreren hundert Seiten und Bildern sowie die digitale Weiterentwicklung übertragen diese Arbeitsweise in eine vernetzte Form.

Die wichtigste methodische Einsicht lautet: Das Mitmachbuch erklärt die Plexuswirklichkeit nicht; es versucht, eine Tätigkeit zu erzeugen, in der der Benutzer seine eigene Wirklichkeitsherstellung beobachten kann.

Damit ist es eine Miniatur des So-Heits-Ateliers.

Offen ist noch die konkrete Dramaturgie. Der Weg darf weder zu kompliziert noch didaktisch bevormundend werden. Die Folien müssen genügend Freiheit lassen, zugleich aber klare Prüffragen erzeugen. Außerdem muss erkennbar bleiben, welche Antworten vom Künstler vorgegeben, welche von KI erzeugt und welche von Teilnehmern eingebracht wurden.


XX. Tausend Tische, Mitmachbuch und Plattform als ein Werkstrang

41. Die wiederkehrende Grundform

Rückblickend lässt sich eine erstaunlich konstante Struktur erkennen:

Das Malbuch bietet ein Feld für eine individuelle Spur.

Der Frage-und-Antwort-Tisch macht daraus einen Rückkopplungsort zwischen mehreren Menschen.

Die tausend Tische skalieren den Ort zur Öffentlichkeit.

Das Partizipatorische Welttheater erweitert ihn auf Rollen, Gesellschaft und globale Prozesse.

Das interaktive Mitmachbuch komprimiert diese Öffentlichkeit wieder in ein handhabbares Werkzeug.

Die Globale Schwarm-Intelligenz entgrenzt das Werkzeug digital.

Das So-Heits-Atelier versucht schließlich, analoge Werkobjekte, öffentliche Beteiligung, Archiv, Folien, Buch und KI wieder räumlich zusammenzuführen.

Damit handelt es sich nicht um sechs voneinander getrennte Projekte. Es sind verschiedene Maßstäbe einer einzigen Forschungsfrage: Wie kann eine individuelle Vorstellung so einem Gegenüber ausgesetzt werden, dass daraus öffentliches Lernen entstehen kann?


XXI. Künstliche Intelligenz

42. KI als neues Gegenüber

Mit der intensiven Arbeit mit künstlicher Intelligenz entstand ein neuer Abschnitt. Zunächst war KI vor allem Schreib-, Korrektur-, Such-, Vergleichs- und Strukturhilfe. Sehr schnell zeigte sich jedoch, dass sie methodisch genau in das seit Jahrzehnten entwickelte Schema passt.

Ein Mensch formuliert eine Frage. Eine Maschine erzeugt eine Antwort. Diese Antwort kann mit einer zweiten Fragestellung, einer Gegenannahme, einem Werkbeleg, einer Quelle oder einer anderen KI-Antwort konfrontiert werden.

Damit entsteht ein künstliches Gegenüber.

Die wichtige Korrektur lautet jedoch: KI ist kein neutraler Erkenntnisrichter. Sie arbeitet mit menschlich erzeugten Daten, Kategorien, Gewichtungen und technischen Architekturen. Sie kann daher jene symbolischen Löcher reproduzieren, die bereits in menschlichen Wissensordnungen vorhanden sind.

Deshalb wurde KI zunehmend als Prüfpartner und Prüfobjekt zugleich verstanden.

43. Die zweite künstliche Modellwelt

Die Forschung stellte schließlich die weitergehende Frage, ob durch KI eine zweite künstliche Modellwelt entsteht, die zwischen Mensch und Tragwirklichkeit tritt. Menschen könnten Entscheidungen zunehmend aufgrund von Modellen treffen, die wiederum aus früheren menschlichen Modellen erzeugt wurden.

Damit entsteht möglicherweise ein mehrstufiger Lochprozess:

Wirklichkeit wird ausgewählt. Die Auswahl wird digitalisiert. Die Digitalisierung wird trainiert. Das Modell erzeugt neue Aussagen. Menschen behandeln diese Aussagen wieder als Wirklichkeitsbeschreibung.

Diese Diagnose ist eine Forschungshypothese, kein bereits bewiesenes allgemeines KI-Gesetz. Sie besitzt jedoch hohen Prüfwert.

Die Konsequenz für die Globale Schwarm-Intelligenz lautet: Eine Plattform darf KI nicht nur einsetzen; sie muss ihre eigenen KI-Ausgaben zurückprüfen können.


XXII. Globale Schwarm-Intelligenz

44. Von 1993 zur digitalen Plattform

Die Globale Schwarm-Intelligenz besitzt zwei unterschiedliche Entstehungsdaten, die auseinandergehalten werden müssen.

Werkgenetisch beginnt sie mit Kollektiver Kreativität, Frage-und-Antwort-Tischen und besonders dem Globalen Dorffest von 1993. Dort liegt ihre analoge Vorform.

Die heutige digitale Plattform wurde wesentlich später aufgebaut und seit den 2020er Jahren zunehmend zu einem eigenständigen Werkorganismus entwickelt.

Dadurch wird ein scheinbarer Widerspruch aufgelöst: Die Schwarm-Intelligenz entsteht als Werkprinzip 1993, ihre heutige digitale Architektur entsteht Jahrzehnte später.

45. Von der Debattenplattform zur E4-Architektur

Eine weitere wichtige begriffliche Entwicklung bestand darin, die Plattform nicht mehr nur als Ort des Austauschs zu betrachten.

Eine gewöhnliche Plattform sammelt Meinungen. Die Globale Schwarm-Intelligenz soll dagegen Aussagen rückbinden. Fragen, Antworten, Begriffe, gesellschaftliche Regeln und KI-Ergebnisse sollen an Funktionieren, Verletzbarkeit, Abhängigkeit, Zeit und Tätigkeitskonsequenzen geprüft werden.

Dadurch wird die Plattform zur digitalen Form von E4.

Ihr Ziel ist nicht, die „richtige Weltanschauung“ zu verbreiten. Ihre stärkste denkbare Form wäre ein öffentlicher Simulator von Korrekturfähigkeit.

Das ist zugleich ihre größte noch ungelöste Aufgabe. Eine solche Plattform benötigt Verfahren für Widerspruch, Quellenstatus, Gegenpositionen, Versionierung, Fehlerkorrektur und ungleich verteilte Macht. Sonst könnte ausgerechnet die Globale Schwarm-Intelligenz selbst zu einer neuen Skulpturidentität des Projekts werden.


XXIII. Die So-Heits-Gesellschaft

46. Fiktive Vergangenheit statt historische Behauptung

Die So-Heits-Gesellschaft gehört eindeutig in die Kategorie der Forschungskunst und darf nicht als historisch nachgewiesene prähistorische Gesellschaft beschrieben werden.

Sie ist eine fiktive, ungefähr sechstausend Jahre zurückverlegte kretische Gesellschaft, deren Ausgangsimpuls mit der Erfahrung in Festos verbunden wurde.

Ihre besondere Methode besteht darin, eine Zukunft nicht einfach als Zukunftsutopie zu formulieren. Das erwünschte gesellschaftliche Modell wird in eine erfundene Vergangenheit versetzt. Dadurch kann die Gegenwart aus der Perspektive einer alternativen Entwicklung betrachtet werden.

Die So-Heits-Gesellschaft ist deshalb eine Vergangenheits-Utopie und Futur-II-Methode: Es wird so getan, als wäre eine andere Entwicklung bereits geschehen, um die gegenwärtige Gesellschaft vergleichbar zu machen.

47. Tatsachenlernen und technē

In dieser fiktiven Gesellschaft werden Körper, Wasser, Handwerk, Sinne, Abhängigkeit und Tätigkeitskonsequenzen nicht als niedere Bereiche gegenüber abstraktem Wissen behandelt. Lernen erfolgt durch Tätigsein, Material, Spiel, Körpererfahrung und gemeinsame Rückkopplung.

Damit greift die So-Heits-Gesellschaft die technē-Linie wieder auf.

Sie ist also weniger ein fertiges politisches Staatsmodell als eine künstlerische Versuchsgesellschaft für eine Kultur der Korrekturfähigkeit.

Diese Präzisierung ist wichtig. Sobald die So-Heits-Gesellschaft als ideale Gesellschaft mit endgültig richtigen Regeln dargestellt würde, widerspräche sie ihrem eigenen plastischen Prinzip.


XXIV. Das So-Heits-Atelier

48. Die räumliche Synthese des Lebenswerks

Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes ist die bislang stärkste räumliche Zusammenführung der Forschungsentwicklung.

Es verbindet Werkarchiv, historische Arbeiten, Prüfobjekte, 24-Stunden-Uhr, Vier-Ebenen-Modell, Folien, Mitmachbuch, Frage-und-Antwort-Strukturen, KI und Globale Schwarm-Intelligenz.

Seine heutige Leitformulierung lautet:

Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung.

Damit wird eine entscheidende Grenze gezogen. Das Atelier soll Besucher nicht von Wolfgang Fenners Theorie überzeugen. Es soll seine Behauptungen so ausstellen, dass sie geprüft werden können.

Die Grundoperation lautet:

Behauptung → Werkbeleg → Gegenüberstellung → öffentliche Gegenprüfung → mögliche Korrektur.

Damit schließt sich ein Kreis zur handwerklichen Ausgangsfrage: „Trägt es?“

49. Memento mori und das zweiteilige Atelier

Die jüngste documenta-16-Projektion verschärft diese Struktur durch „Memento mori“.

Ein Teil besteht aus der Vorstellung eines nicht mehr oder nur begrenzt betretbaren Lebenswerk-Ateliers: das angesammelte Material, die Arbeiten, die Tagebücher, Fotos, Modelle, unfertigen Werkstücke und Spuren eines endlichen Künstlerlebens.

Dem wird ein lebendiges So-Heits-Atelier im Stadtraum gegenübergestellt, in dem andere Menschen mit denselben Fragen weiterarbeiten.

Der zentrale Satz dieser Anordnung lautet sinngemäß: Der Mensch stirbt; die Tätigkeitskonsequenzen seines Handelns sterben nicht notwendigerweise mit ihm.

Dadurch wird das Lebenswerk nicht zum Denkmal. Es wird zum Material einer Fortsetzung.

50. Documenta 16 als bereits begonnener Werkprozess

Aus der Idee der Verortungskunst entstand schließlich die Formulierung, die documenta 16 habe für dieses Werk bereits begonnen. Damit ist nicht gemeint, die Institution habe das Projekt bereits angenommen. Gemeint ist: Bewerbung, Vorbereitung, Archivsichtung, Schreiben, Entwerfen, Ablehnungsmöglichkeit und öffentliche Fragebildung sind bereits Bestandteile der künstlerischen Tätigkeit.

Das ist eine konsequente Fortsetzung der Forschungskunst. Die Ausstellung beginnt nicht notwendig am Eröffnungstag. Sie beginnt dort, wo eine Arbeit sich realen Bedingungen, Entscheidungen und Gegenübern aussetzt.


XXV. Gesamtarchitektur des entstandenen Forschungsansatzes

51. Die Forschung als Zyklus

Nach allen bisherigen Korrekturen lässt sich das gesamte Forschungsgebäude auf einen relativ einfachen Zyklus zurückführen.

Plexuswirklichkeit bezeichnet den Zusammenhang, in den der Mensch bereits eingebettet ist.

Der Mensch muss daraus selektieren. Wahrnehmung, Sprache, Wissenschaft und Kunst erzeugen Ausschnitte und Modelle.

Jede Selektion erzeugt eine Lücke. Bleibt der Rückweg offen, kann sie Lernraum sein. Wird der ausgeschnittene Zusammenhang vergessen, kann ein Lochprozess beginnen.

Aus dem Modell folgt Tätigkeit.

Tätigkeit erzeugt Tätigkeitskonsequenzen in materiellen, lebendigen und symbolischen Zusammenhängen.

Diese Konsequenzen treten als Gegenüber auf.

Werden sie wahrgenommen, entsteht Rückkopplung.

Rückkopplung kann zu Erfahrung führen, sofern die Vorstellung dadurch veränderbar bleibt.

E4 organisiert daraus Prüfung, Korrektur und Reparatur.

Die korrigierte Vorstellung führt zu einer neuen Tätigkeit.

Damit ist die Gesamtarchitektur nicht linear, sondern rekursiv:

Plexuswirklichkeit → Selektion → Modell → Tätigkeit → Konsequenz → Gegenüberstellung → Rückkopplung → Prüfung → Korrektur → neue Tätigkeit.

Das ist gegenwärtig die klarste Grundform der gesamten Forschung.


XXVI. Welche Funktionen die einzelnen Hauptbegriffe darin besitzen

52. Wirklichkeitsbegriffe

Plexuswirklichkeit sagt: Nichts beginnt isoliert.

Tragwirklichkeit sagt: Nicht jede Konstruktion ist unter allen Bedingungen tragfähig.

E1 bis E3 unterscheiden materielle, lebendige und symbolische Wirkweisen.

E4 fragt: Wie können diese Wirkweisen öffentlich wieder miteinander verbunden werden?

53. Prozessbegriffe

Selektion erklärt, warum jede Wahrnehmung und jedes Modell begrenzt ist.

Lücke hält Nichtwissen offen.

Lochprozess beschreibt den Verlust eines Rückwegs.

Membran beschreibt regulierte Durchlässigkeit.

Gegenüberstellung erzeugt Differenz.

Erfahrung ist korrigierende Rückmeldung.

Rückkopplung verbindet Folge und Handlung.

54. Formbegriffe

Plastik bezeichnet veränderbare Formbildung.

Skulpturalisierung bezeichnet Verfestigung.

Plastisches Ich bezeichnet rückkopplungsfähige leibliche Identität.

Skulpturidentität bezeichnet die Verwechslung einer erzeugten Rolle oder Zuschreibung mit einem abgeschlossenen Selbst.

55. Kalibrierungsbegriffe

51:49/49:51 markieren minimale gerichtete Asymmetrie.

50:50 dient als Vergleichs- und Prüffläche für Symmetrievorstellungen.

1:99 markiert extreme Ungleichverteilung.

Differenzialprinzip verallgemeinert die eigentliche Operation: unterscheiden, gewichten, beobachten, nachregeln.

Die 24-Stunden-Uhr korrigiert menschliche Maßstabsblindheit.

56. Methodenbegriffe

Begriffshandwerk prüft die Werkzeuge des Denkens.

Prüfanker definiert die Referenzkriterien.

Prüfoperator führt die Prüfung durch.

Werk-Anker hält die Theorie an der tatsächlichen Werkgeschichte.

Kontextanker verhindert isolierte Betrachtung.

Positionsanker trennt Ausgangsposition und Prüfergebnis.

Folien und Schablonen machen Modellüberlagerung sichtbar.

Mitmachbuch, Tausend Tische, Plattform und Atelier skalieren dasselbe Verfahren auf verschiedene Öffentlichkeiten.


XXVII. Doppelungen und begriffliche Unklarheiten

57. Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit

Diese Begriffe sollten nicht mehr synonym verwendet werden. Plexuswirklichkeit ist der umfassendere Zusammenhang. Tragwirklichkeit bezeichnet dessen Belastungs-, Abhängigkeits- und Grenzdimension.

58. Plastisches Ich, plastische Identität und Tragbewusstsein

Hier besteht noch eine deutliche Doppelung. Für die weitere Arbeit bietet sich folgende Trennung an: plastisches Ich bezeichnet die personale Erfahrungs- und Selbstbezugsebene; plastische Identität die allgemeine Form rückkopplungsfähiger Identitätsbildung; Tragbewusstsein die explizite Einsicht in Abhängigkeiten und Tragbedingungen.

Damit erhalten alle drei Begriffe eine eigene Funktion.

59. Skulpturidentität und Skulpturalisierung

Auch diese Begriffe sollten getrennt bleiben. Skulpturalisierung ist ein Prozess der Verfestigung. Skulpturidentität ist ein mögliches Resultat dieses Prozesses auf der Ebene des Selbst- oder Rollenmodells.

60. Lücke, Loch und Lochprozess

Die bisher klarste Differenzierung lautet: Die Lücke ist ein offener Differenzraum. Das Loch ist eine fehlende oder abgeschnittene Beziehung. Der Lochprozess bezeichnet die zeitliche Entwicklung, durch die aus einer notwendigen Grenzziehung ein Rückkopplungsverlust entstehen kann.

61. 51:49, plastische symmetria und Differenzialprinzip

Auch hier hat eine Entwicklung stattgefunden. 51:49 ist die historische künstlerische Ausgangsfigur. Plastische symmetria benennt das bewegliche Maßverhältnis. Differenzialprinzip ist der allgemeinste methodische Begriff.

Es wäre deshalb unnötig, alle drei ständig parallel als gleichrangige Grundbegriffe zu verwenden.

62. E4, Prüfanker, Plattform und So-Heits-Atelier

Diese vier Begriffe überschneiden sich, sind aber nicht identisch.

E4 ist die Funktionsklasse öffentlicher Rückprüfung.

Der Prüfanker definiert die Kriterien.

Der Prüfoperator beschreibt die Operation.

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist eine mögliche digitale Infrastruktur.

Das So-Heits-Atelier ist eine mögliche räumlich-künstlerische Realisierung.

Diese Trennung beseitigt einen großen Teil der bisherigen begrifflichen Überlagerung.

63. Forschungskunst, Plastische Anthropologie und So-Heits-Atelier

Auch die Gesamtbezeichnungen benötigen Hierarchie.

Forschungskunst bezeichnet die übergeordnete künstlerische Arbeitsweise.

Plastische Anthropologie 51:49 bezeichnet das innerhalb dieser Arbeit entstandene anthropologisch-methodische Forschungsmodell.

Globale Schwarm-Intelligenz bezeichnet dessen digitale öffentliche Prüfarchitektur.

So-Heits-Atelier bezeichnet dessen räumlich-partizipative Anwendung.

So-Heits-Gesellschaft bezeichnet eine fiktionale gesellschaftliche Versuchsanordnung.

Damit muss nicht mehr jeder Begriff das gesamte Lebenswerk zugleich bezeichnen.


XXVIII. Mögliche Vereinfachung auf sieben Grundoperationen

Die inzwischen sehr umfangreiche Terminologie kann auf sieben Grundoperationen reduziert werden, ohne die Forschung wesentlich zu verlieren.

Erstens: Eingebettetsein. Jeder Mensch befindet sich bereits in materiellen, lebendigen, gesellschaftlichen und zeitlichen Zusammenhängen.

Zweitens: Unterscheiden. Wahrnehmung und Denken müssen auswählen.

Drittens: Modellieren. Aus der Auswahl entstehen Bilder, Begriffe, Rollen, Theorien und Institutionen.

Viertens: Tätig werden. Modelle werden in Handlungen und technische oder gesellschaftliche Formen übersetzt.

Fünftens: Folgen erfahren. Tätigkeit verändert den Zusammenhang und erzeugt Konsequenzen.

Sechstens: Rückprüfen. Folgen werden dem Ausgangsmodell gegenübergestellt.

Siebtens: Korrigieren und reparieren. Das Modell, die Handlung oder die Institution wird verändert und erneut erprobt.

Lochprozess bezeichnet dann eine Störung dieses Kreislaufs. Skulpturalisierung bezeichnet seine Verfestigung. 51:49 bezeichnet seine bewegliche Gewichtung. E1 bis E4 differenzieren die Wirklichkeitsbereiche. Begriffshandwerk, Folien, Mitmachbuch, KI, Plattform und Atelier sind unterschiedliche Instrumente, mit denen dieser Kreislauf praktisch durchgeführt werden kann.

Diese Vereinfachung könnte für die öffentliche Vermittlung entscheidend sein.


XXIX. Noch fehlende Verbindungen und offene Forschungsfragen

64. Von der Werkbehauptung zur tatsächlichen Widerlegbarkeit

Die wichtigste noch offene methodische Frage lautet, wann eine Behauptung der Forschungskunst als widerlegt gelten würde. Wenn jedes Ergebnis in das System integrierbar ist, fehlt ein entscheidendes Gegenüber.

Jeder zentrale Begriff sollte deshalb künftig mindestens einen möglichen Gegenbefund erhalten.

65. Die Rückkopplungsrechte

Bisher wurde intensiv untersucht, ob Rückkopplung stattfindet. Noch stärker untersucht werden muss, wer zurückmelden darf und wessen Rückmeldung Folgen hat.

Damit verbindet sich der Lochprozess unmittelbar mit Macht, Eigentum und Institution.

Eine Gesellschaft kann formal sehr kommunikativ sein und dennoch strukturell 1:99 organisiert bleiben, wenn einige Rückmeldungen Entscheidungen verändern können und andere nicht.

66. Nahfolgen und Fernfolgen

Handwerk erzeugt oft schnelle Rückmeldung. Gesellschaftliche und ökologische Tätigkeiten erzeugen dagegen Folgen, die Jahrzehnte später, an anderen Orten oder bei anderen Menschen auftreten.

Das bisherige Rückkopplungsmodell muss deshalb eine explizite Zeit- und Entfernungstheorie der Tätigkeitskonsequenz erhalten.

Hier kann die 24-Stunden-Uhr methodisch stärker mit E4 verbunden werden.

67. Reparatur

„Prüfung“ ist inzwischen gut entwickelt. „Reparatur“ ist dagegen noch weniger präzise.

Es muss unterschieden werden, ob Reparatur bedeutet, einen früheren Zustand wiederherzustellen, Schäden zu kompensieren, Institutionen zu verändern, Verhaltensweisen zu korrigieren oder völlig neue Formen zu entwickeln.

Die handwerkliche Herkunft des Reparaturbegriffs bietet hierfür großes Potential.

68. Historische Genealogie und künstlerische Schablone

Die kulturgeschichtlichen Modelle benötigen weiterhin eine doppelte Darstellung.

Die erste Ebene muss historisch sauber zwischen Platon, Aristoteles, christlichen Traditionen, Descartes, moderner Naturwissenschaft und ihren jeweiligen inneren Gegensätzen unterscheiden.

Die zweite Ebene darf daraus vereinfachte künstlerische Schablonen herstellen, muss diese Vereinfachung aber sichtbar kennzeichnen.

Gerade dadurch würde das Projekt seine eigene Lochprozess-Theorie auf die eigene Geschichtsschreibung anwenden.

69. KI-Selbstprüfung

Die Globale Schwarm-Intelligenz darf KI-Antworten nicht allein zur Bestätigung der eigenen Theorie benutzen.

Eine konsequente E4-Struktur müsste dieselbe KI gezielt beauftragen, 51:49, Plexuswirklichkeit, Lochprozess, Eigentumsgrammatik und So-Heits-Gesellschaft zu kritisieren und Gegenmodelle zu entwickeln.

Der Prüfende muss selbst prüfbar sein.

70. Vom Lebenswerk zum benutzbaren öffentlichen Verfahren

Die größte künstlerische Herausforderung des So-Heits-Ateliers besteht darin, die enorme Werkmenge nicht als Archivfülle auf Besucher zu übertragen.

Das Lebenswerk muss nicht vollständig erklärt werden. Es muss benutzbar werden.

Ein Besucher sollte nach wenigen Stationen tatsächlich etwas tun können: eine Behauptung auswählen, eine Folie auflegen, eine Gegenposition formulieren, eine Tätigkeitskonsequenz verfolgen, eine KI befragen, eine Antwort anderer sehen und die eigene Ausgangsposition verändern oder begründet beibehalten.

Erst dann wird aus der Ausstellung die behauptete öffentliche Überzeugungsprüfung.


XXX. Schluss: Was aus der fünfzigjährigen Entwicklung entstanden ist

Die Forschung begann nicht mit 51:49, Plexuswirklichkeit oder einem Vier-Ebenen-Modell. Sie begann mit Tätigkeiten.

Ein Maschinenteil musste passen. Ein Foto musste einen Ausschnitt wählen. Ein Bildhauer musste erfahren, dass Material auf die Hand zurückwirkt. Wasser verhielt sich nicht wie seine Darstellung. Ein asymmetrisches Modell konnte anders funktionieren als ein symmetrisches Ideal. Ein Malbuch zeigte, dass Vorgabe und eigene Spur nicht dasselbe sind. Ein Frage-und-Antwort-Tisch machte den anderen Menschen zum Gegenüber. Tausend Tische verwandelten dieses Gegenüber in eine Öffentlichkeit. Landschaftsarbeiten stellten Natur- und Kulturprozesse nebeneinander. Das Partizipatorische Welttheater machte Rollen sichtbar. Die documenta-Bewerbungen erzeugten über Jahrzehnte ein institutionelles Gegenüber. Das Mitmachbuch machte den Betrachter zum Mitprüfer. KI erzeugte ein neues künstliches Gegenüber. Die Globale Schwarm-Intelligenz versucht, diese Rückkopplung digital zu organisieren. Das So-Heits-Atelier versucht schließlich, die gesamte Entwicklung in einen öffentlichen, benutzbaren Raum zurückzuführen.

Erst rückblickend entstanden dafür die Begriffe.

Tragwirklichkeit bezeichnet, woran menschliche Konstruktionen Grenzen finden.

Plexuswirklichkeit bezeichnet, dass diese Bedingungen nicht isoliert existieren.

Selektion erklärt, warum kein Mensch den ganzen Zusammenhang gleichzeitig erfassen kann.

Die Lücke hält diesen begrenzten Zugriff offen.

Der Lochprozess beschreibt, was geschieht, wenn der ausgeschnittene Zusammenhang keinen Rückweg mehr besitzt.

Die Membran erhält die Grenze und zugleich die Beziehung.

Gegenüberstellung macht Differenz erfahrbar.

Rückkopplung bringt Folgen zurück.

Plastizität bezeichnet die Fähigkeit, sich dadurch zu verändern.

Skulpturalisierung bezeichnet die Verhärtung einer erzeugten Form.

51:49 markiert eine bewegliche Differenz.

Das Vier-Ebenen-Modell verhindert die Verwechslung von materieller, lebendiger und symbolischer Wirklichkeit.

E4 organisiert ihre öffentliche Rückprüfung.

Das Begriffshandwerk richtet diese Prüfung schließlich gegen die eigenen Begriffe.

Damit hat sich die Ausgangsfrage „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“ wesentlich verändert. Die Forschung behauptet heute nicht mehr ohne Weiteres, Kunst könne Gesellschaft durch eine richtige Botschaft verändern. Ihre stärkere Antwort lautet:

Kunst kann Situationen herstellen, in denen Menschen ihre Vorstellungen, Begriffe, Rollen und Handlungen einem Gegenüber aussetzen und ihre Tätigkeitskonsequenzen zurückverfolgen können.

Auch die zweite Ausgangsfrage – warum der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen zerstört – erhält dadurch keine endgültige Antwort. Stattdessen ist aus ihr ein Prüfprogramm entstanden. Eine mögliche Forschungshypothese lautet, dass Zerstörung dort wahrscheinlicher wird, wo menschliche Modelle ihre Ausschnitthaftigkeit vergessen, symbolische Geltung mit Tragwirklichkeit verwechseln, Rückwege unterbrechen und dadurch Tätigkeitskonsequenzen nicht mehr in die eigenen Entscheidungen zurückkehren lassen.

Ob diese Hypothese trägt, darf wiederum nicht allein Wolfgang Fenner entscheiden.

Genau darin liegt die konsequenteste Zielprojektion des bisherigen Lebenswerks: Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes wäre nicht der Ort, an dem eine fertige Theorie ausgestellt wird, sondern der Ort, an dem das Lebenswerk selbst zum Prüfgegenstand wird.

Damit führt die bisherige Forschung von der ersten handwerklichen Frage bis zur heutigen öffentlichen Kunstform in einem einzigen Bogen:

Trägt es?

Was habe ich ausgeschnitten?

Was geschieht, wenn ich danach handle?

Wer oder was kann mir widersprechen?

Kommt die Folge meiner Tätigkeit zu mir zurück?

Kann ich meine Form noch verändern?

Und wie schaffen wir gesellschaftliche Räume, in denen diese Korrektur möglich bleibt?

Der eigentliche Gegenstand des Lebenswerks ist damit immer deutlicher geworden: nicht die Herstellung einer endgültigen Weltanschauung, sondern die künstlerische Entwicklung einer Kultur der Korrekturfähigkeit.

Die stärkste Verdichtung liegt damit jetzt in der Trennung von sieben Grundoperationen und den vielen daraus hervorgegangenen Spezialbegriffen. Das verhindert, dass die inzwischen sehr umfangreiche Terminologie selbst zum „Lochprozess“ wird und den Werkursprung verdeckt.

Die folgende Fassung rekonstruiert die Entwicklung nicht rückwirkend als bereits 1975 fertige Theorie. Frühere Arbeiten erscheinen als praktische Vorformen, aus denen erst später Begriffe wie Plexuswirklichkeit, Vier-Ebenen-Modell, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Prüfanker und So-Heits-Atelier hervorgegangen sind. Wo die genaue historische Datierung einzelner Werke oder Aktionen noch am Archiv überprüft werden muss, kennzeichne ich dies entsprechend.

Forschungskunst als Entwicklung einer öffentlichen Prüfarchitektur

Rekonstruktion der Forschung von den Werkhandlungen seit 1975 bis zum So-Heits-Atelier des globalen Dorfes

1. Forschungsgrund: Nicht eine Theorie, sondern eine über Jahrzehnte offengehaltene Frage

Der Ausgangspunkt der Forschungskunst liegt nicht in einem theoretischen System, sondern in einer Frage, die sich aus sehr unterschiedlichen praktischen Erfahrungen entwickelte: Warum zerstört der Mensch trotz seines Wissens, seiner Lernfähigkeit und seiner Möglichkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen?

Diese Frage erhielt spätestens 1975 innerhalb des während des Kunststudiums entwickelten Bereichs der „Experimentellen Umweltgestaltung“ ihre dauerhafte Forschungsfunktion. Sie war jedoch vorbereitet durch wesentlich frühere Erfahrungen. Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 brachte einen elementaren Funktionsmaßstab hervor: Eine Passung funktioniert oder funktioniert nicht; Material besitzt Widerstand; Maßabweichungen haben Folgen; eine falsche Vorstellung lässt sich nicht dadurch retten, dass man an ihr glaubt. Fotografie führte anschließend zu einem anderen Problem: Jedes Bild ist ein Ausschnitt. Etwas wird ausgewählt, anderes fällt aus dem Bild heraus. Bildhauerei und plastisches Arbeiten verschärften wiederum die Erfahrung, dass eine Vorstellung erst durch Tätigkeit auf ein materielles Gegenüber trifft und dort korrigiert werden kann.

Aus diesen zunächst voneinander getrennten Erfahrungen entstand allmählich eine Grundbewegung, die später fast die gesamte Forschung tragen sollte:

Vorstellung – Tätigkeit – Gegenüber – Widerstand – Differenz – Erfahrung – Rückkopplung – Korrektur – erneute Tätigkeit.

Diese Folge war zuerst Praxis und wurde erst Jahrzehnte später zur expliziten Methodik.

Die Forschungskunst entstand damit gerade nicht aus dem Anspruch, im Voraus zu wissen, wie der Mensch „richtig“ leben müsse. Ihre Ausgangsfrage war vielmehr, warum vorhandene Korrekturmöglichkeiten immer wieder außer Kraft gesetzt werden. Daraus verlagerte sich die Untersuchung vom einzelnen Kunstgegenstand auf das Verhältnis zwischen Vorstellung, Tätigkeit, Konsequenz und Korrigierbarkeit.

Belegstatus: Die Ausbildung, das Kunststudium, die Werkentwicklung und die seit den 1970er-Jahren verfolgte Leitfrage gehören zur werkbiografischen Geschichte und können durch das vorhandene Archiv, Studienunterlagen, Fotografien, Tagebücher, Presseberichte, Korrespondenzen und Arbeiten belegt werden. Die These, dass menschliche Selbstgefährdung wesentlich als Störung oder Unterbrechung von Rückkopplung verstanden werden kann, ist dagegen ein Modell der Forschungskunst und kein wissenschaftlich bewiesenes Universalgesetz.


2. Werkgenese: Vom Handwerk über Fotografie und Bildhauerei zur Experimentellen Umweltgestaltung

Die spätere Forschungsarchitektur lässt sich nur verstehen, wenn ihre unterschiedlichen praktischen Ursprünge auseinandergehalten werden. Das handwerkliche Denken brachte Maß, Passung, Toleranz, Materialwiderstand und Funktion hervor. Die Fotografie brachte Ausschnitt, Selektion, Standpunkt und die Differenz zwischen Wirklichkeit und Darstellung hervor. Die Bildhauerei brachte Tätigkeit, Material, Formveränderung, Widerstand und Irreversibilität hervor. Natur- und Umweltbeobachtung führte zu Abhängigkeit, Milieu, Bewegung, Strömung und nichtmenschlichen Funktionszusammenhängen.

Der 1975 entwickelte Studienbereich „Experimentelle Umweltgestaltung“ war deshalb keine Spezialisierung auf das, was heute gewöhnlich unter Umweltschutz verstanden wird. „Umwelt“ bedeutete zunächst einen umfassenden Lebens- und Wirkungszusammenhang. Der Mensch wurde nicht als autonomes Zentrum gedacht, das von einer äußerlichen Umwelt umgeben ist, sondern als Inwohner eines Milieus, dessen Bedingungen ihm vorausliegen.

Damit wurde bereits eine Trennung problematisch, die später immer wichtiger werden sollte: die Trennung zwischen einem scheinbar eigenständigen Menschen und einer von ihm getrennten Außenwelt.

Wasser-, Wellen-, Strömungs- und Deichversuche wurden zu frühen exemplarischen Versuchsanordnungen. Entscheidend war nicht nur das Thema Wasser. Im Wasser ließ sich besonders deutlich erfahren, dass Form, Medium, Kraft, Widerstand und Tätigkeit miteinander gekoppelt sind. Eine gedachte Lösung muss sich in einer Wirklichkeit bewähren, die sich der Vorstellung nicht unterordnet.

Aus diesem Zusammenhang entwickelten sich weitere Werkgruppen: Malbücher für Erwachsene, Vorgabebilder, Beteiligungsformen, Schultafeln, Frage-und-Antwort-Tische, öffentliche Aktionen, Rollenspiele, handwerkliche Passungsversuche, Landschaftsarbeiten und später digitale Untersuchungsformen.

Die künstlerischen Disziplinen wurden dadurch nicht nebeneinander gesammelt. Sie wurden zu unterschiedlichen Instrumenten derselben Untersuchung. Fotografie prüfte Selektion, Bildhauerei Materialverhalten, Theater Rollen und Verhalten, Zeichnung Vorstellung und Vorgabe, Handwerk Funktion, Aktion gesellschaftliche Reaktion, Gespräch Sprache und Überzeugung, digitale Medien Verknüpfung und Wissensnavigation.

Hier liegt die genauere Bedeutung des später verwendeten Wortes „repräsentativ“: Nicht die Behauptung, eine einzelne Arbeit vertrete „alle Künste“, sondern das gesamte Werk repräsentiert exemplarisch den generalistischen, interdisziplinären und integrativen Studienzusammenhang der Experimentellen Umweltgestaltung.

Eine noch offene Aufgabe besteht darin, diesen Gebrauch von „repräsentativ“ endgültig festzulegen, damit er nicht mit statistischer Repräsentativität oder dem Anspruch verwechselt wird, stellvertretend für alle Künstler oder Disziplinen sprechen zu wollen.


3. Vom Umweltbegriff zur Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit

Der frühe Umweltbegriff genügte mit zunehmender Forschung nicht mehr. Er barg weiterhin die Gefahr, sprachlich eine Welt zu erzeugen, die „um“ einen Menschen herumliegt. Deshalb wurde nach Begriffen gesucht, die Abhängigkeit und Eingebundensein stärker ausdrücken.

Daraus entwickelten sich Begriffe wie Abhängigkeitswelt, später Tragwirklichkeit und schließlich Plexuswirklichkeit.

„Tragwirklichkeit“ bezeichnete zunächst jene Bedingungen, die menschliche Existenz tatsächlich tragen, unabhängig davon, was ein Mensch über sie denkt. Dazu gehören materielle, energetische, chemische und organismische Bedingungen. Der Begriff war ein wichtiger Gegenanker zur menschlichen Symbol- und Geltungswelt.

Später zeigte sich jedoch eine Grenze. „Tragen“ klingt noch relativ statisch. Die Wirklichkeit besteht aber nicht nur aus einem Fundament, auf dem etwas steht. Organismen, Stoffe, Atmosphären, Kreisläufe, Tätigkeiten, andere Lebewesen, technische Systeme und gesellschaftliche Handlungen durchdringen und verändern sich gegenseitig. Deshalb entstand der Begriff Plexuswirklichkeit.

Plexuswirklichkeit bezeichnet in der Forschungskunst keinen wissenschaftlich bereits etablierten Fachterminus, sondern einen eigenen Geflechtbegriff. Er soll ausdrücken, dass Wirklichkeit aus Beziehungen, Durchdringungen, Abhängigkeiten, zeitlichen Entwicklungen und Rückwirkungen besteht. Ein Mensch kann daraus gedanklich einzelne Dinge herauslösen, aber die ausgewählten Dinge existieren weiterhin innerhalb dieses Geflechts.

Damit wurde eine wichtige Korrektur vorgenommen: Wirklichkeit sollte nicht mehr primär als Ansammlung voneinander abgegrenzter Dinge verstanden werden, sondern als Zusammenhang, aus dem der Mensch durch Wahrnehmung, Sprache und Tätigkeit Dinge selektiert.

Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit sollten deshalb nicht als konkurrierende Begriffe behandelt werden. Tragwirklichkeit kann als Bezeichnung der existenziell tragenden Bedingungen innerhalb der umfassenderen Plexuswirklichkeit bestehen bleiben. Plexuswirklichkeit benennt den Gesamtzusammenhang; Tragwirklichkeit benennt diejenigen Bedingungen dieses Geflechts, deren Verletzung unmittelbar oder mittelbar die Existenzfähigkeit beeinträchtigt.

Hieraus entstand später auch die Frage nach dem Referenzbereich beziehungsweise dem Referenzplexus. Eine Behauptung kann nicht nur danach beurteilt werden, ob sie sprachlich konsistent ist. Es muss gefragt werden, worauf sie sich bezieht und gegenüber welchem Wirklichkeitsausschnitt sie geprüft werden kann.

Belegstatus: Dass Organismen von materiellen, energetischen und ökologischen Bedingungen abhängig sind, gehört zum wissenschaftlich belegbaren Bereich. „Tragwirklichkeit“, „Plexuswirklichkeit“ und „Referenzplexus“ sind dagegen Begriffsbildungen der Forschungskunst. Ihre Leistungsfähigkeit muss daran beurteilt werden, ob sie Zusammenhänge besser untersuchbar machen.


4. Lochprozesse: Selektion, Lücke, Distanz und Nichtwissen

Der Lochprozess gehört zu den jüngeren und noch nicht vollständig stabilisierten Begriffen der Forschung. Seine Herkunft liegt jedoch in sehr frühen Erfahrungen.

Bereits Fotografie erzeugt durch den Bildausschnitt eine Selektion. Etwas wird sichtbar und etwas anderes verschwindet. Sprache arbeitet ähnlich: Sobald etwas als „Tisch“, „Mensch“, „Eigentum“, „Natur“ oder „Künstler“ bezeichnet wird, wird aus einem komplexen Plexus ein begrenztes Ding oder eine Kategorie herausgehoben.

Daraus entwickelte sich die Untersuchung der Dingselektion. Der Mensch benötigt Selektionen, um handeln zu können. Problematisch wird die Selektion erst dann, wenn vergessen wird, dass sie eine Selektion ist. Das herausgelöste Ding erscheint dann als vollständig für sich existierende Einheit.

Der Lochprozess bezeichnet in der gegenwärtigen Forschung am besten jene Öffnung beziehungsweise Lücke, die zwischen dem umfassenderen Zusammenhang und dessen ausgewählter Darstellung entsteht. Das Loch ist deshalb nicht einfach ein Defekt. Es kann auch die Voraussetzung von Erkenntnis sein. Nur wenn eine Lücke bemerkt wird, entsteht Distanz zum eigenen Bild.

Damit wurden die Begriffe Lücke, Nichtwissen und Distanz miteinander verbunden. Lernen benötigt nach dieser Arbeitshypothese ein Gegenüber. Wo Vorstellung und Wirklichkeit vollständig gleichgesetzt werden, kann keine Differenz bemerkt werden. Ohne Differenz keine Korrektur. Das Loch kann deshalb zur Erkenntnisöffnung werden.

Die jüngeren Folienentwürfe machen diesen Vorgang anschaulich: Der Kopf beziehungsweise das innere Modell steht nicht unmittelbar mit der gesamten Wirklichkeit gleich. Zwischen Vorstellung, Tätigkeit und Werk entsteht eine Distanz. In dieser Distanz können Fehler, Widerstände und unerwartete Folgen sichtbar werden.

Der Lochprozess sollte allerdings noch genauer definiert werden. Gegenwärtig überlagern sich mindestens vier Bedeutungen: Ausschnitt, Informationslücke, zeitliche Verzögerung und notwendige Erkenntnisdistanz. Diese vier Funktionen sollten nicht unter einem einzigen metaphorischen Begriff verschwimmen. Eine mögliche Weiterentwicklung wäre deshalb, zwischen Selektionsloch, Wissenslücke, Rückkopplungslücke und Erkenntnisdistanz zu unterscheiden.


5. Gegenüberstellung und Lernen: Der zentrale Operator

Die Gegenüberstellung wurde im Laufe der Forschung immer zentraler. Sie verbindet das handwerkliche Prüfen mit Wahrnehmung, Kunst und gesellschaftlicher Erkenntnis.

Ein Handwerker stellt die gedachte Passung dem tatsächlich gefertigten Werkstück gegenüber. Ein Fotograf stellt Ausschnitt und Situation gegenüber. Ein Bildhauer erlebt die Differenz zwischen Vorstellung und Material. Ein Wasserexperiment stellt Modell und Strömungsverhalten gegenüber. Ein Rollentheater stellt eine gesellschaftliche Rolle ihrer Wirkung auf andere Menschen gegenüber. Eine Schultafel stellt eine Behauptung öffentlich vor Augen.

Daraus entstand die Hypothese: Lernen setzt ein Gegenüber voraus.

Dieses Gegenüber muss nicht notwendig ein anderer Mensch sein. Es kann Material, Wasser, ein Organismus, ein Bild, eine frühere eigene Aussage, eine Statistik, eine Handlungskonsequenz oder inzwischen auch eine KI-Antwort sein.

Die Gegenüberstellung erzeugt eine Differenz. Diese Differenz ermöglicht Erfahrung. Erfahrung wird jedoch erst dann lernwirksam, wenn sie rückgekoppelt wird. So entstand die heute zentrale Folge:

Vorstellung → Tätigkeit → Konsequenz → Gegenüberstellung → Erfahrung → Rückkopplung → Korrektur.

Diese zeitliche Bewegungsfolge darf nicht mit dem Vier-Ebenen-Modell verwechselt werden. In jüngeren Gesprächen wurde deshalb eine wichtige Differenzierung notwendig. Das Vier-Ebenen-Modell beschreibt verschiedene Wirklichkeits- und Prüfbereiche. Die Folge Abhängigkeit – Tätigkeit – Konsequenz – Rückkopplung beschreibt dagegen einen zeitlichen Prozess. Beide Modelle kreuzen sich, sind aber nicht identisch.

Eine wesentliche offene Frage lautet, wann eine Gegenüberstellung tatsächlich Lernen erzeugt. Menschen können offensichtliche Konsequenzen sehen und dennoch ihre Überzeugungen beibehalten. Deshalb reicht Information nicht aus. Die Forschung muss genauer untersuchen, durch welche sozialen, psychischen, ökonomischen, institutionellen oder statusbezogenen Bedingungen Rückkopplungen abgewehrt werden.


6. Plastik, Plastisches Ich und Skulpturalisierung

„Plastik“ entwickelte sich von einer kunstpraktischen Erfahrung zu einem anthropologischen Prüfbegriff.

Das Plastische bezeichnet in der Forschung nicht lediglich modellierbare Kunststoffe. Entscheidend ist die Vorstellung eines lebenden, veränderlichen, stoffwechselnden und verletzlichen Menschen. Daraus entstand der Begriff des Plastischen Ichs.

Das Plastische Ich bezeichnet den Menschen in seiner organismischen Veränderlichkeit. Es atmet, nimmt Stoffe auf, scheidet aus, altert, heilt teilweise, wird verletzt, benötigt Temperaturbereiche, Wasser, Nahrung, soziale Beziehungen und fortlaufende Regulation. Sein Zustand ist nicht abgeschlossen.

Demgegenüber entstand Skulpturidentität. Sie bezeichnet keine traditionelle Skulptur im kunsthistorischen Sinn, sondern eine forschungskünstlerische Analogie für festgestellte Identität: „Ich bin Eigentümer“, „ich bin Künstler“, „ich bin Konsument“, „ich bin Deutscher“, „ich bin erfolgreich“, „das gehört mir“, „das ist wertvoll“. Solche Bestimmungen können gesellschaftlich äußerst wirksam sein, sind aber nicht mit der organismischen Existenz identisch.

Skulpturalisierung bezeichnet entsprechend den Prozess, in dem bewegliche Menschen durch Zuschreibungen, Institutionen, Rollen, Statusordnungen oder Selbstbilder in scheinbar feste Formen gebracht werden.

Hier liegt eine wichtige Korrektur der früher teilweise schärferen Gegenüberstellung. E3-Symbolwelten sind nicht einfach „unwirklich“. Geld, Eigentum, Gesetze und Rollen können hochwirksame gesellschaftliche Folgen haben. Sie besitzen nur einen anderen Wirklichkeitsmodus als Masse, Temperatur, Stoffwechsel oder Verletzung.

Das Vier-Ebenen-Modell wurde gerade deshalb notwendig, weil die einfache Alternative „wirklich oder nicht wirklich“ zu grob war.

Die Zielprojektion dieser Begriffe ist keine Gesellschaft ohne Identitäten oder Symbole. Das wäre unmöglich. Ziel ist eine Gesellschaft, die ihre symbolischen Konstruktionen fortlaufend auf ihre Vereinbarkeit mit dem lebendigen Plastischen Ich und seinen materiellen Voraussetzungen zurückprüfen kann.


7. Erfahrung und Rückkopplung: Von der Werkhandlung zur Zivilisationsfrage

Die Untersuchung von Rückkopplung verbindet nahezu alle Werkphasen.

Im Handwerk erfolgt Rückkopplung unmittelbar. Eine Passung klemmt. Ein Material bricht. Ein Werkzeug greift nicht. Bei globalisierten gesellschaftlichen Tätigkeiten liegen Handlung und Konsequenz dagegen häufig räumlich und zeitlich weit auseinander.

Aus dieser Differenz entwickelte sich ein wesentlicher Teil der Zivilisationskritik. Der Mensch kann kaufen, verbrauchen, investieren, produzieren, wählen oder wegwerfen, ohne den gesamten Folgenzusammenhang sinnlich wahrzunehmen. Tätigkeit und Konsequenz sind voneinander entkoppelt.

Die spätere Formel der Tätigkeitskonsequenzen entstand daraus. Eine Handlung kann nicht allein nach Absicht, moralischer Selbstdarstellung oder gesellschaftlicher Anerkennung beurteilt werden. Sie muss auch an ihren Folgen geprüft werden.

Diese Verschiebung war für die Forschungskunst entscheidend. Der moralische Satz „Ich wollte das Gute“ wird durch eine künstlerische Prüffrage ersetzt: Was hat deine Tätigkeit tatsächlich hervorgebracht?

Die Arbeit mit Wellen, Deichen, Passungen oder Material wurde dadurch zum Modell für eine weiterreichende gesellschaftliche Gegenprüfung.

An diesem Punkt wurde auch das Motiv des Astronautenanzugs bedeutsam. Der Anzug macht sichtbar, wie viele Bedingungen technisch künstlich erzeugt werden müssten, wenn der Mensch aus seinem irdischen Lebensmilieu herausgelöst wird. Ebenso arbeiten Thermosflasche, Isolationsraum und Flaschenmodell mit der Frage, welche Abhängigkeiten durch Abschottung sichtbar werden.

Die wissenschaftlich belegbare Grundlage liegt darin, dass Organismen auf definierte physikalische und chemische Lebensbedingungen angewiesen sind. Die Übertragung dieses Sachverhalts auf gesellschaftliche Ordnungen bleibt jedoch ein künstlerisches Prüfmodell und darf nicht als naturwissenschaftlicher Beweis für eine bestimmte Gesellschaftsform ausgegeben werden.


8. Symbol-, Geltungs- und Eigenschaftsbildung

Eine der wichtigsten späteren Differenzierungen entstand aus der Frage: Welche Eigenschaften sind an einem Gegenstand tatsächlich vorhanden, und welche Eigenschaften denken Menschen hinein?

Ein Grundstück besitzt eine bestimmte Ausdehnung, Bodenstruktur, Temperatur, Feuchtigkeit und Lage. Dass es „jemandem gehört“, ist keine physikalische Eigenschaft seines Bodens. Eigentum ist eine gesellschaftlich erzeugte und institutionell durchgesetzte Zuschreibung.

Ähnliches gilt für Preis, Prestige, Status, Heiligkeit, berufliche Rollen oder politische Zugehörigkeiten. Diese sind nicht deshalb unwirksam, weil sie zugeschrieben sind. Im Gegenteil: Menschen können wegen solcher Zuschreibungen ganze Landschaften verändern, Kriege führen oder Ressourcen verteilen.

Daraus entstand eine feinere Wirklichkeitsgrammatik:

materiell vorhanden – lebendig wirksam – technisch hergestellt – gesellschaftlich zugeschrieben – symbolisch behauptet.

Diese Kategorien sind keine endgültige Ontologie. Sie bilden ein Werkzeug gegen Kategorienvermischungen.

Die Frage nach hineingedachten Eigenschaften führte zu einer erneuten Beschäftigung mit res, Dingwelt, Eigentumsgrammatik und Repräsentation. Ein zentraler Forschungsverdacht lautet, dass der Mensch dazu neigt, seine eigenen Zuschreibungen anschließend so zu behandeln, als seien sie Eigenschaften der Dinge selbst.

Diese Hypothese verbindet Symbolbildung mit Skulpturidentität und 50:50- beziehungsweise 1:99-Strukturen: Was gesellschaftlich festgeschrieben wurde, kann sich gegenüber materiellen und organismischen Rückmeldungen verselbstständigen.

Eine notwendige Korrektur bleibt: Nicht jede symbolische Stabilisierung ist schädlich. Sprache, Recht, Geld, Institutionen und Rollen können Kooperation überhaupt erst ermöglichen. Die Frage muss deshalb lauten, unter welchen Bedingungen eine symbolische Konstruktion rückkopplungsfähig bleibt.


9. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche als Prüfmaterial

Mit der Ausweitung der Forschung wurden historische Denkmodelle nicht als Autoritäten übernommen, sondern als Vergleichsmaterial in die Prüfarchitektur eingebaut.

Besonders wichtig wurden die griechischen Begriffe technē und symmetria, die Gegenüberstellung von Platon und Aristoteles, christliche Körper-Seele-Modelle sowie neuzeitliche physikalische Abstraktionen.

Dabei kam es zu mehreren Korrekturen. „Symmetria“ durfte nicht einfach mit moderner Spiegelgleichheit gleichgesetzt werden. Für die Forschung wurde vielmehr die Frage nach angemessenem Maß, Verhältnis und Proportion wichtig. Daraus entstand der Begriff einer plastischen symmetria, die nicht starres Gleichmaß, sondern eine tragfähige, bewegliche Verhältnisbildung bezeichnet.

Platon wurde über Folien als Modell einer Aufwertung des unveränderlichen Gedankens gegenüber dem beweglichen Körper untersucht. Aristoteles erschien dagegen als Vergleichsfolie, in der Material, Form, Veränderung und Zielgerichtetheit enger miteinander verbunden bleiben. Christliche Vorstellungen wurden über die Bildfigur von Körper, Behälter, Seele und Aufstieg untersucht. Die moderne Physik wurde als hochleistungsfähige Mess- und Abstraktionspraxis dargestellt, zugleich aber daraufhin befragt, was außerhalb ihres jeweiligen Messbereiches liegt.

Diese Vergleiche dürfen nicht als umfassende philosophiehistorische Urteile ausgegeben werden. Sie sind forschungskünstlerische Modellfolien. Gerade deshalb müssen sie wissenschaftlich sauber zwischen historischer Quellenlage und gegenwärtiger künstlerischer Interpretation unterscheiden.

Die weitreichende These eines „2500-jährigen Disziplinlogik-Gefängnisses“ gehört eindeutig in den Bereich der Forschungskunst-Hypothesen. Sie kann Ausgangspunkt einer Untersuchung sein, aber nicht als historisch bereits bewiesene Tatsache formuliert werden.


10. Das 51:49-Modell, 50:50 und die Drift zu 1:99

Das 51:49-Modell entwickelte sich aus der Beobachtung, dass Bewegung, Entscheidung und Veränderung eine Differenz benötigen. In den frühen Erinnerungen wurde die 51:49-Intuition mit Kreta, Pitsidia und der Kamares-Höhle verbunden. Später wurde sie immer stärker als Minimalasymmetrie verstanden.

Entscheidend war eine spätere Korrektur: 51:49 ist kein Naturgesetz. Es ist ein Prüfanker.

51:49 bezeichnet eine minimale gerichtete Differenz, durch die etwas kippen, fließen, entscheiden oder sich verändern kann. 49:51 zeigt zugleich, dass die Richtung umkehrbar bleiben muss. Das Modell ist daher weniger eine Zahlentheorie als ein Bild für Beweglichkeit und Korrigierbarkeit.

50:50 wurde zunächst teilweise zu stark als „falsche Symmetrie“ behandelt. Präziser ist es, 50:50 als mathematische Idealgleichheit beziehungsweise als Prüfbild einer möglichen Erstarrung zu verwenden. Nicht jede Gleichheit ist problematisch. Problematisch wird eine Gleichordnungsabstraktion dort, wo reale Unterschiede, Belastungen oder Rückkopplungen verdeckt werden.

1:99 beziehungsweise 99:1 wurde als Bild extremer Drift entwickelt: Konzentration von Eigentum, Macht, Ressourcen, Status oder Entscheidungsmöglichkeiten. Auch dies ist keine allgemeingültige Statistik. Es handelt sich um einen Herrschafts- und Driftanker.

Damit ergibt sich eine Folge:

51:49 – minimale bewegliche Differenz.

50:50 – mögliche Gleichordnungs- und Stillstandsprojektion.

1:99 – mögliche extreme Konzentration und Entkopplung.

Diese drei Zahlenverhältnisse sind als künstlerische Denk- und Prüfoperatoren stark, solange sie nicht als universelle mathematische Gesetze missverstanden werden.

Das später entwickelte dreifache Optimum erweitert diesen Ansatz: Es muss nach dem Optimum des Mediums, dem Optimum des Organismus und dem Prüfoptimum einer Tätigkeit gefragt werden. Der Hai, die Wasserwelle und der kleinste funktionsfähige Kraft- oder Bewegungsweg wurden dafür zu anschaulichen Modellen.


11. Das Vier-Ebenen-Modell: Von der Wirklichkeitsunterscheidung zur Reparatur

Das Vier-Ebenen-Modell ist eine der wichtigsten Verdichtungen der jüngsten Forschungsphase.

Seine gegenwärtig präziseste Form lautet:

E1: physikalisch-materielle Bedingungen – Material, Last, Kraft, Temperatur, Bruch, Funktion.

E2: lebendige Bedingungen – Stoffwechsel, Abhängigkeit, Verletzbarkeit, Regeneration, Homöostase, Plastisches Ich.

E3: menschliche Symbol-, Sprach-, Rollen-, Eigentums-, Rechts-, Technik- und Geltungswelt.

E4: Prüfung, Gegenüberstellung, Rückkopplung, Revision, Korrektur und Reparatur.

Dabei wurden mehrere frühere Unklarheiten korrigiert.

Erstens ist E3 nicht „unwirklich“. Symbolische Institutionen sind real wirksam, aber anders wirklich als E1 und E2.

Zweitens ist Gesellschaft nicht einfach nur E3. Gesellschaftliche Tätigkeiten besitzen materielle Infrastrukturen, lebendige Menschen und symbolische Ordnungen und durchziehen daher mehrere Ebenen.

Drittens sollte E4 nicht als vierte abgeschlossene „Welt“ missverstanden werden. Präziser ist E4 eine reflexive Operation, mit der Beziehungen zwischen den Ebenen überprüft werden. E4 muss deshalb selbst korrigierbar sein.

Viertens muss das Vier-Ebenen-Modell vom zeitlichen Prozessmodell unterschieden werden. E1–E4 sind eine Querschnittsgrammatik. Abhängigkeit – Tätigkeit – Konsequenz – Rückkopplung ist eine zeitliche Prozessfolge.

Das Vier-Ebenen-Modell erhält seine künstlerische Funktion dort, wo ein Gegenstand mehrfach gelesen wird. Eine Kartoffel ist materieller Körper, lebender Organismus, Ware und kulturelles Symbol und kann anschließend hinsichtlich der Tätigkeiten untersucht werden, die Menschen mit ihr vollziehen. Ein Stuhl ist Materialkonstruktion, körperliche Gebrauchsbeziehung, gesellschaftlich benanntes Ding und Gegenstand einer Prüfung. Geld besitzt materiellen Träger und technische Infrastruktur, aber seine monetäre Geltung entsteht gesellschaftlich.

Das Modell ist deshalb kein Weltbild, das Besucher übernehmen sollen. Es ist ein Sortier- und Prüfwerkzeug.


12. Begriffshandwerk, Kalibrierung und Prüfanker

Im Jahr 2026 wurde zunehmend deutlich, dass die Forschung nicht noch mehr frei schwebende Großbegriffe benötigt, sondern ein Begriffshandwerk.

Hier schließt sich der Kreis zur Maschinenschlosserausbildung. So wie ein Werkstück ein Bezugmaß benötigt, benötigt auch ein Begriff einen Referenzbereich.

Daraus entwickelten sich die Begriffe Prüfanker, Positionsanker, Werkanker, Referenzoperator und Kalibrierung.

Ein Prüfanker ist keine letzte Wahrheit. Er ist ein vorläufig festgelegter Bezugspunkt, gegen den eine Aussage geprüft werden kann. Gerade weil er sichtbar gemacht wird, kann auch der Anker selbst überprüft und ersetzt werden.

Die verschiedenen Ankerfassungen des Jahres 2026 zeigen diese Arbeitsweise. Frühere Fassungen konzentrierten sich auf Tragbedingungen, Dingselektion, Eigen- und Eigentumsgrammatik und planetarische Kalibrierung. Später kamen Geburt, Lücke und Mutation, Forschungskunst als repräsentative Prüf-, Forschungs- und Entwicklungskunst, Tragwirklichkeit, Tragwesen, plastische symmetria, Plexuswirklichkeit, Differenzialprinzip, Repräsentation, res, Dingwelt, Künstlichkeit, Seele, Plastisches Ich und Globale Schwarm-Intelligenz hinzu.

Der Wert dieser Versionierung liegt nicht darin, möglichst viele Begriffe zu produzieren. Er liegt darin, Begriffsänderungen nachvollziehbar zu machen.

Hier besteht zugleich eine Gefahr. Zu viele Anker können zu einem zweiten geschlossenen Begriffssystem werden, das den Besucher überfordert. Die nächste Entwicklungsstufe sollte deshalb nicht aus weiteren Ankern bestehen, sondern aus einer Reduktion auf wenige elementare Prüfoperationen.

Eine mögliche Minimalgrammatik lautet:

Was ist vorhanden?

Was lebt und wovon hängt es ab?

Was wurde hergestellt oder zugeschrieben?

Was geschieht, wenn wir damit handeln?

Woran können wir die Folge prüfen?

Was muss korrigiert oder repariert werden?

Diese sechs Fragen könnten einen großen Teil der vorhandenen Begriffsdichte in eine öffentlich anwendbare Form übersetzen.


13. Künstlerische Prüfobjekte: Werke werden zu Instrumenten

Die älteren Kunstwerke erhalten in der gegenwärtigen Forschung eine neue Funktion. Sie werden nicht nur als historische Werke ausgestellt, sondern als Prüfobjekte reaktiviert.

Das Wellenbecken prüft Medium, Widerstand, Form und Bewegung. Deichprofile untersuchen die Relation von Vorstellung, Konstruktion und Strömung. Der Biberdamm bringt menschliche und nichtmenschliche Bauweise in einen Vergleich. Das asymmetrische Auto untersucht Vorgabe, Funktion und Abweichung. Handwerkliche Passungsversuche machen Toleranz unmittelbar körperlich erfahrbar.

Schultafeln verwandeln Sprache in ein öffentliches Gegenüber. Malbücher und Vorgabebilder untersuchen die Differenz zwischen Vorgabe und eigener Gestaltung. Die Rote-Punkt-Aktion markiert Interesse und erzeugt Verbindung zwischen Menschen. Frage-und-Antwort-Tische machen Gespräch räumlich. Rollentheater verwandelt gesellschaftliche Positionen in wechselbare Formen. Der Gordische Knoten, der gläserne Astronaut, Tanglandschaft, Totentanz, Kartoffelarbeiten, Gold- und Ideenarbeiten sowie weitere Objekte bilden unterschiedliche Prüfzugänge.

Der entscheidende Entwicklungsschritt besteht darin, dass diese Werke nicht länger als voneinander getrennte künstlerische Serien erscheinen. Das So-Heits-Atelier liest sie als historisch entstandene Teile einer Prüfarchitektur.

Damit entsteht allerdings eine wichtige wissenschaftlich-kuratorische Aufgabe: Es darf nicht so aussehen, als seien alle älteren Werke ursprünglich mit den heutigen Begriffen E1–E4, Plexuswirklichkeit oder Skulpturidentität konzipiert worden. Die Ausstellung muss zwischen damaliger Werkintention und heutiger forschungskünstlerischer Neulesung unterscheiden.

Gerade diese Differenz könnte selbst sichtbar gemacht werden: ursprünglicher Werktext – spätere Interpretation – heutige Prüfverwendung.


14. Folien und Schablonen: Von der Theorie zum sichtbaren Prüfapparat

Die Folienarbeit entstand aus einem Problem: Die verschiedenen Wirklichkeitsebenen können sprachlich beschrieben werden, aber Sprache legt sie nacheinander. Der Mensch erlebt sie jedoch gleichzeitig.

Transparente, übereinanderlegbare Folien wurden deshalb zum Versuch, unterschiedliche Wirklichkeitsschichten gleichzeitig sichtbar zu machen.

Eine Grundfolie kann den physikalisch-kosmischen Zusammenhang zeigen. Eine weitere zeigt den Organismus. Eine dritte zeigt menschliche Tätigkeit. Eine weitere ergänzt Eigentum, Geld, Rolle, Religion oder Gesetz. Eine Tätigkeitsfolie zeigt Folgen. Eine Zeitfolie setzt den Menschen in die planetare Zeitrelation.

Die Folie ist deshalb mehr als Illustration. Sie ist ein reversibles Modell. Sie kann aufgelegt, entfernt, vertauscht oder ergänzt werden. Dadurch unterscheidet sie sich von einem geschlossenen Diagramm.

Die Schablone erhält dabei eine ambivalente Funktion. Sie ermöglicht Wiederholung und Vergleich, kann aber zugleich zur zwanghaften Vorgabe werden. Genau dies macht sie selbst zum Prüfgegenstand: Wann unterstützt eine Vorgabe Orientierung, und wann presst sie Wirklichkeit in eine bereits vorhandene Form?

Aus dieser Arbeit entwickelte sich eine Plexus-Foliengrammatik.

Zu den bisher entwickelten Grundbildern gehören die physikalisch-kosmische Welt, das ganzheitliche Netzwerk, der Mensch mit Spaten als Tätigkeitsfigur, die Frau mit der Aussage „Ich bin frei“, Flaschen- und Isolationsmodelle, Durchdringungslinien für Wärme und Gravitation, molekulare Verknüpfungen, Mensch-Wasser-Tier-Beziehungen, die Denkfigur „weil ich denke, existiere ich“ sowie die planetare Zeitgeschichte des Homo sapiens.

Hinzu kamen Operatorbilder wie Sandtrichter, Saftpresse, Thermosflasche und Astronautenanzug.

Historische Denkmodelle werden ebenfalls als Folien eingesetzt: Platon, Aristoteles, christliche Körper-Seele-Vorstellungen und moderne Physik. Entscheidend ist nicht ihre didaktische „richtige Darstellung“, sondern ihre Vergleichbarkeit.

Das künstlerische Dreieck aus Kopf/Modell, Händen/Tätigkeit und entstehender Plastik verdichtet schließlich den gesamten Vorgang. Eine Vorstellung erzeugt Tätigkeit. Tätigkeit trifft auf Material. Das Werk antwortet.

Offen bleibt, wie viele Folien ein Besucher gleichzeitig verstehen kann. Die vollständige Theorie darf nicht auf jedem Arbeitstisch liegen. Benötigt wird eine gestufte Architektur von sehr einfachen Grundfolien bis zu komplexeren Forschungsfolien.


15. Das Mitmachbuch: Vom Erwachsenenmalbuch zum tragbaren So-Heits-Atelier

Das heutige Mitmachbuch besitzt eine lange Vorgeschichte. Bereits die Erwachsenenmalbücher der 1970er-Jahre arbeiteten mit Vorgaben, die durch den Benutzer ergänzt, verändert oder zurückgewiesen werden konnten.

Damit wurde das Buch früh aus seiner klassischen Rolle herausgelöst. Es sollte nicht nur Information transportieren. Der Leser sollte tätig werden.

Aus diesem Prinzip entwickelte sich das heutige interaktive Mitmachbuch.

Seine methodische Funktion besteht darin, die Prüfarchitektur mobil zu machen. Ein Besucher kann ein Bild betrachten, eine Folie darüberlegen, einen Zusammenhang ergänzen, eine Frage formulieren, einen Fehler markieren, eine neue Darstellung entwickeln und die Ergebnisse wiederum mit anderen Menschen oder mit der Plattform vergleichen.

Das Mitmachbuch ist damit im Kern ein tragbares So-Heits-Atelier.

Der Teilnehmer wird nicht zum Schüler, der die richtige Antwort ausfüllt, sondern zum Ermittler seiner eigenen Vorstellungen und Tätigkeiten.

Die Folien erlauben, ein und dasselbe Ausgangsbild unterschiedlich zu kontextualisieren. Der Mensch mit Spaten kann zunächst als isolierte Figur erscheinen. Eine weitere Folie zeigt Boden, Stoffkreislauf und Lebewesen. Eine dritte ergänzt Eigentumsgrenzen, Geld oder Arbeitsrolle. Eine vierte zeigt Tätigkeitsfolgen.

Dadurch wird sichtbar, dass ein Bild seine Bedeutung verändert, sobald der Referenzbereich erweitert wird.

Das Mitmachbuch befindet sich jedoch noch in Entwicklung und war zuletzt noch nicht vollständig technisch funktionsfähig. Eine wichtige offene Frage betrifft das Verhältnis zwischen Vorgabe und Freiheit. Zu wenige Vorgaben erzeugen Beliebigkeit; zu viele Vorgaben verwandeln das Buch in ein Lehrprogramm.

Die angemessene Form könnte eine kalibrierte Unvollständigkeit sein: genug Form, um einen Vergleich zu ermöglichen; genug Lücke, damit der Benutzer selbst tätig werden muss.


16. Die Tausend Tische und das Globale Dorffest: Analoge Vorform des Netzes

Mit den Tausend Tischen beziehungsweise den Tapeziertischen des Globalen Dorffestes erreichte die Arbeit eine neue soziale Größenordnung.

Das Grundprinzip des Tisches ist einfach. Menschen sitzen einander gegenüber. Eine Frage liegt zwischen ihnen. Niemand benötigt zunächst eine Bühne.

Damit wird der Tisch zur elementaren sozialen Prüfarchitektur.

Das Globale Dorffest von 1993 und die damit verbundenen Konzepte der Tausend Tapeziertische, der Kollektiven Kreativität und später des Partizipatorischen Welttheaters können als analoge Vorformen der späteren digitalen Plattform gelesen werden.

Was auf einem einzelnen Frage-und-Antwort-Tisch geschieht, wird skaliert: Ein Mensch stellt eine Frage, ein anderer antwortet, Rollen können wechseln, Ergebnisse können weitergetragen werden.

Der entscheidende Schritt ist dabei nicht „Schwarmintelligenz“ als bloße Menge von Meinungen. Viele Menschen können gemeinsam irren. Deshalb führte der Weg von den Tausend Tischen nicht einfach zu einer Abstimmungsplattform, sondern zu einer Schwarm-Prüfarchitektur.

Die historische Dokumentation muss hier besonders präzise zwischen tatsächlich realisierten, geplanten und nur teilweise verwirklichten Bestandteilen unterscheiden. Gerade bei der Zahl „1000 Tische“ muss aus den Archivunterlagen eindeutig hervorgehen, ob sie tatsächliche Ausstattung, Planungsgröße, konzeptionelle Bezeichnung oder symbolische Zielzahl war.

Das verhindert, dass ein starkes künstlerisches Prinzip durch eine angreifbare historische Detailbehauptung geschwächt wird.


17. Künstliche Intelligenz: Ein neues Gegenüber, keine Wahrheitsinstanz

Die Arbeit mit künstlicher Intelligenz führte ab etwa 2023/2024 zu einer neuen Phase der Forschung. KI wurde zunächst als Schreib-, Strukturierungs-, Vergleichs- und Recherchehilfe genutzt. Bald wurde jedoch deutlich, dass sie für die Forschungskunst eine wesentlich grundsätzlichere Funktion haben kann.

Zum ersten Mal steht ein Gegenüber zur Verfügung, das in Sekunden große Mengen sprachlich gespeicherten Wissens rekombinieren und unterschiedlichste Aussagen miteinander vergleichen kann.

Damit entstand die Gefahr einer neuen Autorität. Gerade deshalb wurde die Rolle der KI korrigiert.

KI darf innerhalb der Forschungskunst keine Wahrheitsinstanz sein.

Sie ist ein Gegenüberstellungs-, Differenzierungs- und Kontrollinstrument. Ihre Aussagen müssen denselben Prüfbedingungen unterliegen wie menschliche Aussagen.

Eine KI-Antwort kann mit einer zweiten Antwort verglichen werden. Begriffe können zerlegt werden. Behauptungen können nach E1–E4 sortiert werden. Widersprüche und Auslassungen können sichtbar gemacht werden. Anschließend kann die KI ihre eigene vorherige Antwort erneut prüfen.

Damit entsteht eine rekursive Prüfstruktur.

Gleichzeitig rückte eine neue Zivilisationsfrage ins Zentrum: Der Mensch erzeugt mit KI eine zweite hochkomplexe künstliche Zeichen- und Modellwelt. Wenn bereits die menschliche Symbolwelt Schwierigkeiten hat, sich an materielle und lebendige Rückmeldungen zurückzukoppeln, kann eine KI-basierte Symbolwelt diese Entkopplung exponentiell verstärken.

Deshalb wurden Fragen nach Eigentum an KI, Machtkonzentration, öffentlicher Kontrolle, Verstaatlichung beziehungsweise Gemeingutmodellen und globaler Governance Teil der Untersuchung.

Diese Fragen sind Zukunftshypothesen, keine bereits entschiedenen Ergebnisse.


18. Globale Schwarm-Intelligenz: Vom Archiv zum öffentlichen Simulator

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ bildet die derzeit umfassendste digitale Zusammenführung dieser Entwicklung.

Sie ist Werkarchiv, Arbeitstagebuch, Begriffsnetz, interaktives Buch, Frage- und Antwortsystem, KI-Arbeitsraum und öffentlich zugänglicher Versuch einer vernetzten Prüfarchitektur.

Wichtig ist die Korrektur gegenüber einer rein technischen Beschreibung: Die Plattform ist nicht bloß „digitale Ergänzung“ des realen Ateliers. Sie ist bereits eine digitale Gegenwartsform des Werkes.

Die zahlreichen Links erfüllen dabei eine künstlerische Funktion. Sie führen nicht linear zu einer letzten Definition. Der Benutzer kann einer Spur folgen, in Seiten springen, frühere Fassungen mit späteren vergleichen und Querverbindungen herstellen.

Das frühere Bild des Spurenlesers wird damit digital operationalisiert.

In einer wichtigen Verdichtung wurde die Plattform als

„öffentlicher Simulator, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von KI trainiert und geprüft werden kann“

beschrieben.

Dieser Satz enthält den Übergang vom Archiv zur Anwendung.

Eine zentrale offene Frage bleibt jedoch, wie „Zivilisationsfähigkeit“ operationalisiert werden kann. Wenn nicht definiert wird, woran Verbesserung oder Verschlechterung geprüft werden, würde der Simulator lediglich Meinungen sammeln.

Hier müssen Vier-Ebenen-Modell, Tätigkeitskonsequenzen, Rückkopplung, Reparatur und möglicherweise das dreifache Optimum enger zusammengeführt werden.

Wikipedia als neues Wissensgegenüber

Aus der jüngsten Diskussion entstand eine weitere mögliche Anwendung. Die technische Wiki-Struktur der Plattform ermöglicht es, Wikipedia-Artikel als öffentlich zugängliches Wissensgegenüber zu verwenden.

Dabei ist eine wichtige begriffliche Korrektur nötig: Die Globale Schwarm-Intelligenz ist nicht identisch mit Wikipedia. Beide können zwar auf derselben MediaWiki-Grundstruktur beruhen, haben aber unterschiedliche institutionelle und methodische Funktionen.

Wikipedia kann als Ausgangsmaterial dienen: Was ist über einen Gegenstand bekannt und belegt? Die Globale Schwarm-Intelligenz kann anschließend fragen: Auf welcher Wirklichkeitsebene liegt eine Aussage? Welche organismischen Voraussetzungen fehlen? Welche Eigenschaften werden gesellschaftlich zugeschrieben? Welche Tätigkeitsfolgen sind ausgeblendet? Wo besteht Korrekturbedarf?

Damit könnte auf der documenta ein Arbeitsbereich entstehen, in dem Besucher Wikipedia-Artikel nicht einfach umschreiben, sondern öffentlich gegenprüfen und ihre Prüfungen auf der Globalen Schwarm-Intelligenz dokumentieren.

Eine Einladung an Jimmy Wales und Vertreter der Wikipedia-Gemeinschaft wäre in diesem Zusammenhang sinnvoll als öffentliche Gesprächseinladung. Sie sollte jedoch nicht so formuliert werden, als könne Jimmy Wales persönlich über Wikipedia-Inhalte oder externe Links verfügen. Die stärkere künstlerische Frage lautet, ob die Wiki-Idee über enzyklopädische Wissenssammlung hinaus mit externen öffentlichen Prüf- und Rückkopplungsräumen verbunden werden kann.


19. Von der Globalen Schwarm-Intelligenz zur So-Heits-Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft entstand zunächst als gesellschaftliche Zielprojektion. Im Verlauf der Forschung wurde jedoch deutlich, dass sie nicht als fertiges gesellschaftliches Gegenmodell formuliert werden darf.

Würde die Forschungskunst bereits festlegen, wie eine „richtige Gesellschaft“ aussehen müsse, würde sie selbst jene Skulpturalisierung erzeugen, die sie kritisiert.

Deshalb wurde der Begriff korrigiert.

Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet heute weniger eine Utopie als einen offenen gesellschaftlichen Herstellungs-, Prüf- und Reparaturprozess.

„So-Heit“ verweist dabei auf die Frage, wie etwas tatsächlich beschaffen ist, bevor menschliche Wunschbilder, Rollen oder Wertungen darübergelegt werden.

Eine So-Heits-Gesellschaft wäre daher keine Gesellschaft ohne Symbole, Eigentum, Technik oder Institutionen. Sie wäre eine Gesellschaft, die ihre erzeugten E3-Strukturen dauerhaft auf ihre Vereinbarkeit mit E1- und E2-Bedingungen zurückprüfen kann und dafür institutionalisierte E4-Prozesse besitzt.

Damit verschiebt sich das politische Ziel von einer bestimmten Ordnung zu einer Kultur der Korrigierbarkeit.

Eine offene Frage ist, wie diese E4-Funktion institutionell aussehen könnte, ohne selbst zu einer neuen Kontrollbürokratie zu erstarren.


20. Das So-Heits-Atelier: Räumliche Verdichtung des gesamten Forschungswegs

Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes ist die gegenwärtige räumliche Verdichtung dieser jahrzehntelangen Entwicklung.

Es ist deshalb falsch, es nur als für die documenta 16 entwickeltes Ausstellungsformat zu beschreiben. Seine Bestandteile reichen zurück zu den frühen Werkhandlungen, Wasserexperimenten, Malbüchern, Frage-und-Antwort-Arbeiten, Tischen, Rollenspielen und öffentlichen Aktionen.

Neu ist ihre Zusammenführung zu einer expliziten Prüfarchitektur.

Das Atelier verbindet Lebenswerk und Gegenwartsarbeit. Historische Werke werden nicht ausschließlich retrospektiv präsentiert. Sie werden erneut zu Versuchsanordnungen.

Besucher betrachten nicht nur ein Wellenbecken, sondern untersuchen Funktion. Sie sehen nicht nur eine Schultafel, sondern prüfen eine Behauptung. Sie betrachten nicht nur ein Malbuch, sondern werden mit Vorgabe und eigener Entscheidung konfrontiert. Sie erhalten Folien und Schablonen, untersuchen Begriffe, verwenden Smartphones, stellen Fragen an KI und vergleichen Antworten mit materiellen, organismischen und gesellschaftlichen Referenzen.

Damit werden die Besucher zu Mitwirkenden beziehungsweise in der Sprache des Projekts zu Forschungskünstlern.

Mitarbeiter sollen dabei nicht lediglich Aufsicht führen, sondern zuvor in die Methodik eingearbeitet werden und die Besucher durch unterschiedliche Wahrnehmungs-, Tätigkeits-, Gegenüberstellungs- und Prüfphasen begleiten.

Das Atelier fungiert dadurch praktisch als E4-Raum: als öffentliche Rückkopplungs- und Reparaturmembran.

Memento mori und Lebenswerk-Topografie

Eine weitere, noch nicht vollständig integrierte Entwicklung ist die Idee des Memento mori. Ein Teil des Ateliers könnte das gewachsene Lebenswerk als historische Topografie zeigen, möglicherweise in Form eines nicht mehr vom Künstler veränderbaren beziehungsweise zunehmend abgeschlossenen Werkbereichs. Daneben steht das lebendige So-Heits-Atelier, in dem weitergearbeitet wird.

Damit tritt die Endlichkeit des einzelnen Menschen unmittelbar neben die Fortsetzbarkeit seiner Fragen.

Die 24-Stunden-Uhr erhält hier eine biografische Entsprechung. Der Millisekunden-Mensch kann die Welt nicht abschließend erklären. Er kann aber Prüfverfahren hinterlassen, die andere weiterführen und korrigieren können.


21. Die 24-Stunden-Uhr und die habitable Zone als planetarische Kalibrierung

Die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ bildet einen zentralen zeitlichen Kalibrierungsanker.

Werden etwa 4,54 Milliarden Jahre Erdgeschichte proportional auf 24 Stunden verdichtet, erscheint Homo sapiens erst wenige Sekunden vor Mitternacht. Ein menschliches Leben schrumpft auf ungefähr Millisekunden.

Die wissenschaftlich überprüfbare Grundlage sind das geologische Alter der Erde und die zeitlich sehr späte Entstehung des Homo sapiens. Die künstlerische Bedeutung des Modells beginnt jedoch erst mit der Übersetzung dieser Daten in eine Wahrnehmungsform.

Der Begriff Millisekunden-Mensch ist deshalb Forschungskunst.

Er soll die Diskrepanz zwischen extrem kurzer individueller Lebenszeit und weitreichender menschlicher Gestaltungsmacht sichtbar machen.

Die habitable Zone ergänzt den zeitlichen durch einen räumlich-physikalischen Maßstab. Allerdings muss hier begrifflich sauber gearbeitet werden. „Habitable Zone“ ist ursprünglich ein astronomischer Fachbegriff. Wird er in der Forschungskunst auf die Gesamtheit irdischer Lebens- und Toleranzbedingungen erweitert, muss diese Erweiterung ausdrücklich als künstlerische Übertragung gekennzeichnet werden.

Die beiden Modelle haben dann unterschiedliche Funktionen:

Die 24-Stunden-Uhr relativiert menschliche Zeit.

Die habitable beziehungsweise planetare Toleranzzone relativiert menschliche Verfügungsmacht.

Gemeinsam erzeugen sie eine planetarische Kalibrierung.


22. Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung

In der jüngsten Entwicklung verdichteten sich die verschiedenen Methoden schließlich in der Formulierung:

Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung.

Dieser Begriff ist stärker als „Vermittlung“, „Partizipation“ oder „Bewusstseinsbildung“, weil er die Forschung nicht auf die Veränderung anderer Menschen reduziert.

Überzeugungsprüfung bedeutet: Eine Aussage wird nicht dadurch wahr, dass ein Künstler, Wissenschaftler, Politiker, Philosoph oder eine KI sie überzeugend formuliert.

Sie wird einem Gegenüber ausgesetzt.

Die Forschungskunst will deshalb nicht überreden und keine neue Glaubenslehre erzeugen.

Die Prüfung richtet sich ausdrücklich auch auf die eigenen Begriffe: 51:49, Plexuswirklichkeit, Plastisches Ich, Vier-Ebenen-Modell, So-Heit, die Plattform und die Tätigkeit des Künstlers selbst.

Damit wird die Selbstkorrektur zum entscheidenden Kriterium.

Aus diesem Zusammenhang erhält auch der frühere Satz neue Präzision:

Jede menschliche Tätigkeit kann zu einem Kunstwerkprozess werden, wenn sie dargestellt, vergegenständlicht, einem Gegenüber ausgesetzt, auf ihre Voraussetzungen und Folgen geprüft, korrigiert und verantwortlich weitergeführt oder losgelassen wird.

Nicht jede Tätigkeit ist dadurch automatisch Kunst. Erst die bewusste Organisation von Gegenüberstellung, Erfahrung und Korrigierbarkeit macht sie innerhalb dieser Forschung zu einem möglichen künstlerischen Prozess.


23. Gesamtarchitektur des entstandenen Forschungsansatzes

Aus mehr als fünf Jahrzehnten Arbeit lässt sich inzwischen eine relativ klare Gesamtarchitektur rekonstruieren.

Am Anfang steht nicht der isolierte Mensch, sondern die Plexuswirklichkeit.

Aus diesem unüberschaubaren Geflecht selektiert ein Mensch etwas. Damit entsteht ein Ausschnitt, ein Ding, ein Begriff oder ein inneres Modell.

Aus dem Modell entwickelt sich eine Vorstellung.

Aus der Vorstellung folgt Tätigkeit.

Die Tätigkeit greift in Plexuswirklichkeit ein.

Daraus entstehen Konsequenzen.

Konsequenzen erzeugen ein Gegenüber.

Wird dieses Gegenüber wahrgenommen, entsteht Erfahrung.

Wird die Erfahrung auf die ursprüngliche Vorstellung zurückbezogen, entsteht Rückkopplung.

Aus Rückkopplung kann Prüfung entstehen.

Aus Prüfung kann Korrektur oder Reparatur entstehen.

Aus Korrektur entsteht eine neue Tätigkeit.

Die vollständige Bewegungsform lautet deshalb:

Plexuswirklichkeit

→ Selektion

→ Vorstellung

→ Form

→ Tätigkeit

→ Konsequenz

→ Gegenüberstellung

→ Erfahrung

→ Rückkopplung

→ Prüfung

→ Korrektur/Reparatur

→ erneute Tätigkeit.

Das Vier-Ebenen-Modell läuft quer durch diesen Prozess. Es fragt bei jedem Schritt nach materiellen, lebendigen und symbolischen Bedingungen sowie nach der Möglichkeit bewusster Rückprüfung.

51:49, 50:50 und 1:99 sind keine zusätzlichen Wirklichkeitsebenen, sondern Verhältnis- und Driftanker.

Die 24-Stunden-Uhr und die planetaren Lebensbedingungen liefern Kalibrierungsmaßstäbe.

Plastisches Ich und Skulpturidentität unterscheiden organismische Veränderlichkeit von symbolischer Festschreibung.

Loch, Lücke und Distanz erklären, warum zwischen Wirklichkeit und Darstellung Differenzen entstehen.

Folien und Schablonen visualisieren die Differenzen.

Das Mitmachbuch individualisiert die Prüfung.

Die Tausend Tische sozialisieren sie.

Die Globale Schwarm-Intelligenz digitalisiert und vernetzt sie.

Künstliche Intelligenz beschleunigt Gegenüberstellung und Vergleich.

Die So-Heits-Gesellschaft projiziert die Prüfung auf gesellschaftliche Institutionen.

Das So-Heits-Atelier bringt den gesamten Vorgang wieder in einen körperlich begehbaren öffentlichen Raum zurück.

Damit schließt sich ein Kreis:

vom materiellen Gegenüber des Handwerks über den gesellschaftlichen Tisch und die digitale Plattform zurück zum realen gemeinsamen Atelier.


24. Was historisch beziehungsweise wissenschaftlich belegbar ist und was Forschungskunst bleibt

Für die weitere Darstellung, insbesondere gegenüber der documenta, ist diese Unterscheidung unverzichtbar.

Die biografische und werkhistorische Entwicklung – Maschinenschlosserausbildung, Kunststudium, Experimentelle Umweltgestaltung, einzelne Werke, Aktionen, Bewerbungen, Malbücher, Globales Dorffest, Plattform und Archiv – ist grundsätzlich dokumentierbar. Bei einzelnen Daten, Teilnehmerzahlen, Werkbezeichnungen und Realisierungsgraden muss das Archiv jeweils den konkreten Beleg liefern.

Wissenschaftlich anschlussfähig beziehungsweise überprüfbar sind unter anderem die materiellen Widerstände von Werkstoffen, physikalische Strömungsvorgänge, die Stoffwechselabhängigkeit lebender Organismen, Verletzbarkeit und Regeneration, das geologische Alter der Erde, die späte Existenz von Homo sapiens und die Tatsache, dass gesellschaftliche Handlungen materielle und ökologische Konsequenzen besitzen.

Davon zu unterscheiden sind die Eigenbegriffe und Hypothesen der Forschungskunst:

51:49 als Minimalasymmetrieoperator.

50:50 als Symmetrie- beziehungsweise Gleichordnungsanker.

1:99 als Drift- und Herrschaftsbild.

Plexuswirklichkeit.

Tragwirklichkeit.

Plastisches Ich.

Skulpturidentität.

Lochprozess.

So-Heits-Gesellschaft.

Vier-Ebenen-Modell als universell einsetzbares Prüfmodell.

Die These von der Skulpturalisierung des Menschen.

Die Vorstellung des Millisekunden-Menschen als Zivilisationsdiagnose.

Die Annahme, dass Zivilisationsgefährdung wesentlich aus gestörter Rückkopplung hervorgeht.

Diese Begriffe werden nicht schwächer, wenn sie als Forschungskunst bezeichnet werden. Im Gegenteil: Ihre wissenschaftliche Redlichkeit steigt, weil sie nicht als bereits bewiesene Naturgesetze ausgegeben werden.


25. Doppelungen, die jetzt bereinigt werden sollten

Die größte begriffliche Doppelung besteht zwischen Umwelt, Milieu, Abhängigkeitswelt, Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit und So-Heit.

Diese Begriffe müssen hierarchisiert werden.

„Umwelt“ sollte primär werkhistorisch für die Experimentelle Umweltgestaltung bleiben.

„Milieu“ erklärt das frühe Innewohnen.

„Plexuswirklichkeit“ kann als heutiger umfassender Wirklichkeitsbegriff dienen.

„Tragwirklichkeit“ bezeichnet innerhalb des Plexus die existenziell tragenden Bedingungen.

„So-Heit“ bezeichnet nicht eine weitere Wirklichkeit, sondern die methodische Bemühung, etwas zunächst in seiner Beschaffenheit und Wirkweise zu untersuchen.

Damit wären fünf konkurrierende Weltbegriffe auf unterschiedliche Funktionen verteilt.

Eine zweite Doppelung besteht zwischen Forschungskunst, plastischer Philosophie, Plastischer Anthropologie, repräsentativer Prüfkunst und Forschungskunst als öffentlicher Überzeugungsprüfung.

Für die Außenkommunikation sollte „Forschungskunst“ der Oberbegriff bleiben.

„Öffentliche Überzeugungsprüfung“ bezeichnet das Verfahren.

„Plastische Anthropologie“ kann ein Teilbereich sein, der den Menschen untersucht.

„Plastische Philosophie“ bezeichnet eher eine Denkweise und sollte nicht gleichzeitig als gleichrangiger Gesamtname auftreten.

Eine dritte Doppelung betrifft E4, Prüfanker, Prüfoperator und Rückkopplung.

E4 sollte die organisierte reflexive Prüfung bezeichnen.

Ein Prüfanker ist ein Referenzpunkt.

Ein Prüfoperator ist eine Handlung, die einen Vergleich ausführt.

Rückkopplung ist der Vorgang, durch den eine Konsequenz auf eine frühere Vorstellung oder Tätigkeit zurückwirkt.

Diese Begriffe können dann sauber zusammenspielen.


26. Noch bestehende begriffliche Unklarheiten

Der Lochprozess benötigt eine endgültige Definition. Gegenwärtig trägt er zu viele Bedeutungen.

Das Verhältnis von Plexuswirklichkeit und Tragwirklichkeit sollte verbindlich festgelegt werden.

Der Begriff So-Heit muss gegen die Vorstellung abgegrenzt werden, es gebe einen vollkommen interpretationsfreien Zugriff auf die Wirklichkeit. Auch jede So-Heits-Prüfung arbeitet mit menschlichen Sensoren, Sprache, Messinstrumenten und Modellen.

Die Begriffe Plastisches Ich und Skulpturidentität müssen so formuliert werden, dass nicht ein biologisch „wahres Ich“ gegen ein gesellschaftlich „falsches Ich“ ausgespielt wird. Menschen sind immer zugleich Organismen und kulturelle Wesen.

Der Begriff 51:49 muss konsequent als heuristischer Prüfanker bezeichnet werden.

1:99 darf nicht ohne konkrete Daten als Beschreibung realer Eigentums- oder Machtverteilungen benutzt werden.

Das Vier-Ebenen-Modell sollte ausdrücklich als Modell und nicht als abschließende Schichtung der Welt bezeichnet werden.

Die Aussage, die Prüfarchitektur sei „auf sämtliche Wissensbereiche anwendbar“, ist derzeit eine starke Forschungshypothese. Für die documenta wäre präziser: Sie ist darauf angelegt, in sehr unterschiedlichen Wissens- und Tätigkeitsbereichen erprobt zu werden.

Auch die Formulierung, die Plattform sei mit Wikipedia „identisch“, sollte nicht verwendet werden. Die technische Wiki-Struktur kann vergleichbar oder gleichartig sein; institutionell und methodisch handelt es sich um unterschiedliche Projekte.


27. Noch fehlende Verbindungen

Trotz der inzwischen weit ausgebauten Architektur fehlen einige entscheidende Brücken.

Macht und Rückkopplungsverweigerung

Die Forschung erklärt sehr gut, warum Rückkopplung notwendig ist. Noch nicht ausreichend erklärt ist, warum Menschen und Institutionen Rückkopplungen aktiv abwehren. Eigentum, Macht, Status, Belohnung, Konkurrenz und institutionelle Selbsterhaltung müssen stärker mit dem Vier-Ebenen-Modell verbunden werden.

Das 1:99-Modell könnte hier seine präziseste Funktion erhalten: nicht als bloßes Ungleichheitsbild, sondern als Modell asymmetrischer Verfügung über Rückkopplungsmöglichkeiten.

Zeitverzögerung

Viele zerstörerische Tätigkeiten erzeugen Konsequenzen erst nach Jahrzehnten oder an weit entfernten Orten. Die unmittelbare handwerkliche Rückkopplung funktioniert dort nicht.

Es fehlt deshalb ein expliziter Fernfolgen- und Zeitverzögerungsoperator.

Kriterium der Reparatur

E4 enthält Reparatur. Noch nicht hinreichend geklärt ist aber: Woran erkennt man eine Verbesserung?

Hier könnte das dreifache Optimum weiterentwickelt werden. Eine Reparatur müsste gleichzeitig materielle Funktionsfähigkeit, organismische Tragfähigkeit und die Möglichkeit weiterer öffentlicher Korrektur berücksichtigen.

Lernen versus bloßes Mitmachen

Partizipation allein ist kein Lernen. Besucher können einen Punkt kleben, einen Tisch benutzen oder eine KI befragen, ohne ihre Vorstellungen zu verändern.

Das So-Heits-Atelier benötigt deshalb ein Verfahren, mit dem sichtbar wird, ob tatsächlich eine Gegenüberstellung und Rückkopplung stattgefunden hat.

Die Macht der eigenen Prüfarchitektur

Wer entscheidet, welche Fragen gestellt werden? Wer gestaltet die Folien? Welche Begriffe stehen zur Verfügung? Wie werden Besucherantworten veröffentlicht? Wer moderiert Konflikte?

Damit wird die Governance des Ateliers selbst zum E4-Prüfgegenstand.

Künstliche Intelligenz und Globale Schwarm-Intelligenz

Es muss verhindert werden, dass die KI durch sprachliche Souveränität wieder genau jene Autoritätsstruktur erzeugt, die das Projekt aufbrechen will.

Deshalb benötigt die Plattform sichtbare Unsicherheit, Quellenunterscheidung, Gegenantworten, Versionierung und die Möglichkeit, auch ihre eigene Prüfmethodik öffentlich zu kritisieren.

Archiv und Beweisführung

Das sehr umfangreiche Lebenswerk besitzt eine Stärke, die noch systematischer genutzt werden kann: Es erlaubt Langzeitprüfung.

Frühere Behauptungen, Entwürfe, documenta-Bewerbungen, Tagebücher und nicht realisierte Projekte können mit der später tatsächlich eingetretenen Wirklichkeit verglichen werden.

Dadurch wird das Archiv selbst zum Prüfobjekt.


28. Die documenta 16 als nächste Forschungsphase

Aus dieser Gesamtentwicklung folgt eine wichtige Konsequenz: Die documenta 16 wäre nicht einfach der Ort, an dem eine fertige Theorie präsentiert wird.

Sie wäre die nächste Versuchsanordnung der Forschung.

Das Lebenswerk wird dort erstmals zusammenhängend verortet. Gleichzeitig werden seine Begriffe, Methoden und Werke öffentlich angewendet.

Besucher können sie bestätigen, missverstehen, verändern, widerlegen oder weiterentwickeln.

Mitarbeiter werden zu Begleitern des Prüfprozesses.

Die Globale Schwarm-Intelligenz verbindet die räumlichen Vorgänge mit dem digitalen Werkzusammenhang.

KI ermöglicht zusätzliche Gegenüberstellungen.

Wikipedia kann exemplarisch zum externen Wissensgegenüber werden.

Die Ergebnisse können wiederum in das Werkarchiv zurückfließen.

Damit würde die documenta selbst Teil jener Rückkopplung, um die sich die Forschung seit ihren frühen Werkhandlungen dreht.

Die inzwischen entwickelte Formulierung

„Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes – Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung“

ist deshalb nicht lediglich ein neuer Ausstellungstitel.

Sie bezeichnet die vorläufige Verdichtung eines mehr als fünfzigjährigen Forschungswegs:

vom Material zur Tätigkeit,

von der Tätigkeit zur Konsequenz,

von der Konsequenz zur Erfahrung,

von der Erfahrung zur Rückkopplung,

von der Rückkopplung zur Korrektur,

von der einzelnen Werkhandlung zur öffentlichen Prüfarchitektur.

Der entscheidende nächste Schritt besteht nicht darin, diese Architektur weiter mit Begriffen anzureichern. Er besteht darin, sie so weit zu vereinfachen, dass andere Menschen sie tatsächlich benutzen, prüfen, kritisieren und verändern können.

Dann würde sich auch die ursprüngliche Frage von 1975 verschieben.

Nicht mehr ausschließlich:

Warum zerstört der Mensch trotz seines Wissens seine eigenen Existenzbedingungen?

Sondern zusätzlich:

Welche künstlerischen, gesellschaftlichen und technischen Formen benötigt der Mensch, damit Wissen wieder mit seinen Tätigkeitsfolgen verbunden und Korrektur praktisch möglich wird?

Genau an diesem Übergang befindet sich die Forschung gegenwärtig.

Für das documenta-Konvolut ist besonders wichtig, die letzte Verschiebung festzuhalten: Die ursprüngliche Diagnosefrage hat inzwischen eine methodische Gegenfrage hervorgebracht. Damit entwickelt sich das Lebenswerk von der Untersuchung menschlicher Selbstgefährdung zur praktischen Untersuchung von Korrekturfähigkeit. Das ist wahrscheinlich der stärkste verbindende Satz zwischen den frühen Arbeiten und dem heutigen So-Heits-Atelier.

Forschungskunst als Entwicklung eines öffentlichen Prüfverfahrens

Rekonstruktion der Werk-, Begriffs- und Methodengeschichte von Wolfgang Fenner – von der Experimentellen Umweltgestaltung über die documenta-Werkspur zur Globalen Schwarm-Intelligenz und zum So-Heits-Atelier

Methodische Vorbemerkung: Die Forschung darf ihre eigene Geschichte nicht nachträglich glätten

Der bisherige Forschungsprozess lässt sich nicht als geradlinige Entwicklung einer schon 1975 vorhandenen Theorie rekonstruieren. Genau das wäre eine jener Wirklichkeitsverwechslungen, gegen die sich die Forschungskunst inzwischen selbst richtet. Am Anfang standen Erfahrungen, Beobachtungen, handwerkliche Tätigkeiten, Bilder, plastische Versuche und gesellschaftliche Versuchsanordnungen. Erst aus ihrem wiederholten Vergleich entstanden Jahrzehnte später Begriffe wie Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Skulpturidentität, Lochprozess, 51:49, Vier-Ebenen-Modell, Begriffshandwerk, Prüfanker und So-Heits-Gesellschaft. Ein Teil dieser Begriffe wurde sogar erst im intensiven KI-gestützten Rückblick der letzten Jahre formuliert. Die heutige Theorie darf daher nicht rückwirkend so in die frühen Werke hineingelesen werden, als sei sie damals bereits vollständig ausgesprochen gewesen. Diese Trennung zwischen historischem Werk, rückblickender Werkinterpretation und gegenwärtiger Begriffsbildung ist inzwischen selbst zu einem methodischen Grundsatz geworden.

Für die gesamte Rekonstruktion müssen deshalb vier Erkenntnisstände auseinandergehalten werden. Es gibt erstens historisch oder wissenschaftlich extern überprüfbare Sachverhalte, beispielsweise naturwissenschaftliche Zeitangaben, sprachgeschichtliche Bedeutungen oder öffentlich dokumentierte institutionelle Ereignisse. Zweitens gibt es werkgeschichtliche Tatsachen aus Kunsttagebüchern, Fotografien, Filmen, Korrespondenzen, Bewerbungsunterlagen und Selbstauskünften; sie sind archivalisch überprüfbar, müssen aber vor einer wissenschaftlichen Veröffentlichung an den Originalen gesichert werden. Drittens gibt es rückblickende Werkinterpretationen: Zusammenhänge, die heute in frühen Werken erkannt werden können, ohne dass sie damals bereits ausdrücklich so formuliert waren. Viertens gibt es Eigenbegriffe und Hypothesen der Forschungskunst. Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Skulpturidentität, 51:49, Millisekunden-Mensch, Lochprozess, So-Heits-Gesellschaft oder das Vier-Ebenen-Modell sind keine naturwissenschaftlich bewiesenen Gesetze. Sie sind künstlerische Prüf- und Erkenntniswerkzeuge und müssen gerade deshalb selbst revidierbar bleiben.

Aus dem inzwischen jahrzehntelangen Prozess ergibt sich damit eine entscheidende Selbstanwendung: Die Forschungskunst darf ihre eigenen Begriffe nicht vergolden. Würden Tragwirklichkeit, 51:49 oder das Vier-Ebenen-Modell zu unangreifbaren Wahrheiten erklärt, würden sie selbst skulpturalisiert und damit genau den Vorgang wiederholen, den die Forschung untersucht. Die jüngste Entwicklungsstufe besteht deshalb weniger in der Erfindung weiterer Begriffe als in ihrer Zuständigkeitsklärung, ihrer Reduktion und ihrer fortlaufenden Rückprüfung.

I. Forschungsgrund und Werkgenese

1. Der Forschungsgrund: Von der Frage nach der Zerstörung zur Frage nach dem fehlenden Prüfverfahren

Die älteste und bis heute tragende Frage lautet: Warum zerstört der Mensch die Bedingungen, von denen sein eigenes Leben abhängt, obwohl er wahrnehmen, lernen, wissen, herstellen und korrigieren kann?

Diese Frage entstand nicht als abstrakte philosophische Problemstellung. Ihre Herkunft liegt in sehr verschiedenen Erfahrungsfeldern, die sich erst später miteinander verbanden: Gartenarbeit, Nahrung, Bienen, Flurbereinigung, Vogelbeobachtung, Fotografie, Handwerk, Werbung, Bildhauerei, Wasser, Deichbau, technische Konstruktionen, Rollenarbeit, gesellschaftliche Aktionen und institutionelle Erfahrungen. Gerade ihre Verschiedenheit führte dazu, dass der Forschungsgegenstand nicht auf eine einzelne Disziplin begrenzt werden konnte.

Die Ausgangsfrage veränderte sich allerdings. Zunächst erschien das Problem als Widerspruch zwischen menschlichem Wissen und menschlicher Zerstörung. Später wurde deutlicher, dass die entscheidende Lücke nicht einfach zwischen Nichtwissen und Wissen liegt. Der Mensch kann sehr viel wissen und dennoch innerhalb eines Teilsystems richtig handeln, obwohl das Gesamtergebnis zerstörerisch wird. Damit verlagerte sich die Frage von „Warum weiß der Mensch es nicht?“ zu „Nach welchem Maßstab erklärt er etwas überhaupt für funktionierend?“

Aus der Maschinenschlossererfahrung entstand dafür ein entscheidender Vergleich. Ein Bauteil kann nicht dauerhaft durch eine gute Erklärung funktionieren. Maß, Passung, Material, Toleranz, Reibung und Belastung antworten. In politischen, wirtschaftlichen oder institutionellen Systemen kann dagegen der eigene Erfolg innerhalb der selbst gesetzten Regeln bestätigt werden, während körperliche, soziale oder planetarische Schäden ausgelagert werden. „Funktionieren“ musste deshalb selbst zum Prüfbegriff werden: Was funktioniert, für wen, wie lange, innerhalb welchen Auftrags, mit welchen Voraussetzungen und auf wessen Kosten?

Damit wurde aus der ursprünglichen Zivilisationsfrage schrittweise die Frage nach einer fehlenden gesellschaftlichen Rückkopplungsfähigkeit. Die heutige Forschungskunst will deshalb nicht in erster Linie eine Antwort auf alle Weltprobleme liefern. Sie untersucht, warum vorhandene Antworten, Rückmeldungen und Schäden nicht ausreichend zur Revision der verursachenden Begriffe, Regeln und Tätigkeiten zurückkehren.

Die Zielprojektion veränderte sich entsprechend. Aus „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“ wurde nicht einfach „Kunst muss Gesellschaft verändern“, sondern die präzisere Frage, ob Kunst Situationen herstellen kann, in denen Menschen ihre eigenen Vorstellungen, Modelle und Tätigkeiten an einem Gegenüber prüfen und korrigieren können. Daraus entstand die gegenwärtige Bestimmung der Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung: Sie soll nicht zuerst überzeugen, sondern Tätigkeiten und Folgen vor dem Menschen zeugen lassen.

Offen bleibt dabei eine Grundfrage, die nicht beseitigt werden darf: Wie weit kann eine künstlerische Prüfung tatsächlich Aussagen über komplexe wirtschaftliche, naturwissenschaftliche oder gesellschaftliche Systeme tragen? Die Antwort der jüngsten Phase ist, dass Forschungskunst keine Fachwissenschaft ersetzen soll. Ihre spezifische Aufgabe liegt in den Übergängen, Schnittstellen, Auslassungen und Rückkopplungsbrüchen zwischen getrennten Wissens- und Tätigkeitsfeldern.

2. Naturerfahrung, Bienen, Wasser und das frühe Beziehungsdenken

Die frühe Werkgenese beginnt bei einer Wahrnehmung von Natur, die nicht primär landschaftlich oder romantisch war. Gartenarbeit, Pflanzen, Boden, Wasser, Jahreszeiten, Nahrung, Bienen, Vögel, Knicks und Moore wurden als miteinander abhängige Lebens- und Arbeitszusammenhänge erfahren. Biografisch gehört dies zur dokumentierbaren Werkgeschichte; die daraus später entwickelte Theorie ist eine rückblickende Verdichtung.

Die Bienen wurden rückblickend zu einem frühen Modell für Kollektive Kreativität und schließlich Globale Schwarm-Intelligenz. Wissenschaftlich anschlussfähig ist die Beobachtung, dass soziale Insekten Informationen dezentral verarbeiten können. Daraus folgt jedoch gerade nicht, dass menschliche Gesellschaft wie ein Bienenvolk organisiert werden soll. Diese Übertragung wurde im Forschungsprozess korrigiert. Der Schwarm ist kein politischer Bauplan, sondern ein Vergleichsbild dafür, dass begrenzte Einzelwahrnehmungen durch Austausch eine zusätzliche Orientierungsleistung hervorbringen können. Ebenso wichtig ist inzwischen die Gegenkorrektur: Schwärme können fehlgeleitet werden; Vernetzung allein erzeugt keine Wahrheit.

Wasser wurde zum zweiten elementaren Gegenüber. Es ließ eine Denkform entstehen, die später durch fast das gesamte Werk hindurchläuft: Das Material antwortet. Wasser hat keine Meinung, bestätigt aber auch nicht automatisch die Vorstellung des Künstlers. Strömung, Widerstand, Tiefe, Gefälle, Öffnung und Zeit erzeugen einen Verlauf, der beobachtet werden kann. Daraus entstand der später immer wieder verwendete Satz: Ein abgebildeter Wirbel wirbelt nicht.

Dieser Satz wurde zu einem Erkenntnismodell weit über das Wasser hinaus. Eine Darstellung kann eine Eigenschaft zeigen, ohne sie selbst zu besitzen. Ein gezeichneter Exzenter treibt keine Maschine. Eine Darstellung von Verantwortung ist noch keine verantwortliche Tätigkeit. Ein Preis ist keine Materialeigenschaft. Eine Eigentumsgrenze ist kein stofflicher Unterschied im Boden.

Die frühe Naturerfahrung wurde später allerdings korrigiert, wo sie zu stark als harmonischer Gegenentwurf zur menschlichen Zivilisation gelesen werden konnte. Natur wurde nicht länger als ursprüngliche gute Ordnung angesetzt. Konkurrenz, Fraß, Tod, Tarnung, Täuschung und Verletzung gehören ebenfalls zu lebendigen Zusammenhängen. Der Prüfwert liegt nicht in einer moralisch guten Natur, sondern in der Abhängigkeit: Kein Organismus kann durch Benennung, Preis oder Recht die Bedingungen außer Kraft setzen, von denen er lebt.

Die frühere Frage „Wann hat der Mensch verlernt, der Natur zuzuhören?“ wurde deshalb differenziert. Menschen hören der Natur sehr genau zu, wenn sie daraus technische, medizinische, landwirtschaftliche oder wirtschaftliche Möglichkeiten gewinnen. Problematisch ist vielmehr das selektive Zuhören: Die Rückmeldung wird aufgenommen, solange sie die eigene Verfügung erweitert; sie wird schwächer berücksichtigt, wenn sie Eigentum, Gewinn, Status, Institution oder bestehende Rollen infrage stellt.

Hier entsteht erstmals die spätere Grundfrage der Rückkopplung: Wie kann eine Erfahrung dorthin zurückkehren, wo die verursachende Vorstellung oder Regel verändert werden kann?

3. Maschinenschlosser, Fotografie und Werbung: drei Schulen des späteren Begriffshandwerks

Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 wurde im Rückblick zu einem der wichtigsten methodischen Fundamente. Der Werkstoff antwortet unabhängig vom Status des Herstellenden. Maß, Toleranz, Passung, Reibung und Belastungsgrenze unterscheiden einen funktionierenden Zusammenhang von einer Behauptung. Die spätere Forschungskunst übernimmt daraus nicht das Maschinenbild für Gesellschaft, sondern die Ernsthaftigkeit des Gegenübers.

Eine wichtige Korrektur bestand deshalb darin, den Menschen gerade nicht zum Werkstück zu machen. Plastizität darf nicht bedeuten, dass Menschen an institutionelle Anforderungen beliebig angepasst werden sollen. Die handwerkliche Übertragung lautet nicht „Menschen müssen passen“, sondern: Auch Systeme müssen die Rückmeldung ihrer Materialien, Körper und Folgen ernst nehmen.

Die Fotografie führte die Arbeit mit Ausschnitt, Perspektive und Weglassen ein. Sie machte sichtbar, dass ein Bild nicht nur Wirklichkeit zeigt, sondern durch Auswahl eine bestimmte Wirklichkeit hervorbringt. Daraus entwickelte sich später die Figur des Knipsers. Der Knipser bedient eine hochentwickelte Technik, ohne notwendig das Medium, die Bedingungen und den Aussagezusammenhang zu verstehen. Diese Figur wurde zur Metapher des technisch hochgerüsteten Millisekunden-Menschen. Sie ist eine forschungskünstlerische Diagnose, keine empirische psychologische Klassifikation aller Menschen.

Die Werbung führte zur Eigenschaftsfrage. Gegenstände werden mit Freiheit, Jugend, Prestige, Sicherheit oder Identität verbunden. Diese Eigenschaften liegen nicht physikalisch in der Ware, sind aber keineswegs folgenlos. Sie erzeugen Begehren, Handlungen, Rollen und Märkte. Daraus entstand später die Unterscheidung zwischen vorhandenen, hervorgebrachten, sozial zugewiesenen und symbolisch behaupteten Eigenschaften.

Damit bilden Handwerk, Fotografie und Werbung bereits eine frühe Dreifachstruktur: Das Handwerk fragt, ob etwas trägt; die Fotografie fragt, welcher Ausschnitt gezeigt wird; die Werbung zeigt, welche Eigenschaften durch Darstellung hineingedacht werden. Das spätere Begriffshandwerk entstand genau aus dieser Verbindung.

Die offene Frage war und bleibt, wie Symbolbildung nicht nur kritisiert, sondern verantwortlich gebraucht werden kann. Menschen können ohne Symbole, Werte und gemeinsame Bedeutungen nicht gesellschaftlich handeln. Die Forschungskunst will Symbolbildung daher nicht abschaffen, sondern deren Herstellungscharakter sichtbar und ihre Folgen korrigierbar halten.

4. 1973 bis 1980: Experimentelle Umweltgestaltung und der Übergang vom Kunstobjekt zur Versuchsanordnung

1973/74 verschärfte sich die Frage ausdrücklich zu „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“. Mit dem Bildhauereistudium an der HBK Braunschweig und der seit 1975 entwickelten Experimentellen Umweltgestaltung begann daraus eine eigene künstlerische Forschungsmethode zu entstehen. Der Begriff „Umweltgestaltung“ meinte dabei bereits mehr als ökologische Gestaltung. Kunst, Handwerk, Fotografie, Technik, Körper und Gesellschaft sollten in einem generalistischen Studienmodell miteinander verbunden werden.

Der Capella-Orkan vom 3. Januar 1976, Deichbrüche, Wasser- und Strömungserfahrungen führten zu Wellenbecken, Deichprofilen und Biberdammvergleichen. Der entscheidende Schritt bestand darin, das Kunstobjekt nicht nur als fertigen Bedeutungsträger, sondern als Prüfobjekt zu behandeln. Eine Versuchsanordnung wurde hergestellt; anschließend durfte das Gegenüber antworten.

Hier entstand das elementare Schema: Vorstellung – Herstellung – Antwort – Korrektur.

Diese Abfolge ist wahrscheinlich die älteste operative Grundform dessen, was heute E4 und Prüfoperator heißt.

Zu derselben Werkphase gehören asymmetrische Automodelle, das Auto als Tötungsinstrument, gebogene Kiele, Non-finito-Versuche, Klangbilder, Video-Farbverschiebungen und Experimente mit Hirnstrommessungen. Sie dürfen nicht nachträglich als Belege einer schon abgeschlossenen Theorie von 51:49 oder Plastischer Anthropologie ausgegeben werden. Sie zeigen jedoch bereits die wiederkehrende Fragestellung: Was geschieht, wenn das idealisierte Modell, die sichtbare Form, die technische Teilfunktion und die wirkliche Folge auseinanderfallen?

Die asymmetrischen Automodelle sind inzwischen besonders wichtig, weil der documenta-Zusammenhang stärker in die Werkgenese eingearbeitet wurde. Die in Ihrem Archiv vorhandene Dokumentaraufnahme mit Manfred Schneckenburger, dem künstlerischen Leiter der documenta 6, in der er Ihnen den Zusammenhang mit den asymmetrischen Automodellen bestätigte, gehört deshalb nicht nur zur späteren documenta-Rezeptionsgeschichte. Sie ist ein Werkchronologie-Anker: Die asymmetrische Fragestellung war bereits in der frühen documenta-Phase vorhanden und wurde dort wahrgenommen. Die genaue archivische Sicherung der Aufnahme, ihres Datums und Wortlauts bleibt eine wichtige Belegaufgabe.

Die heutige Verbindung zum Modell 51:49 ist eine rückblickende Interpretation, aber keine willkürliche. Die frühe Arbeit stellte bereits die automatische Gleichsetzung von Symmetrie, Schönheit und Funktion infrage. 51:49 sollte dennoch nicht rückwirkend als damaliger Begriff eingesetzt werden. Wissenschaftlich und werkhistorisch sauberer ist: Die asymmetrischen Arbeiten bilden eine frühe praktische Herkunftslinie, aus der später die Kalibrierungsfigur 51:49 entwickelt wurde.

5. Malbücher, Vorgabe, Roter Punkt, Schultafel und der Beginn des öffentlichen Lernverfahrens

Zwischen 1976 und 1978 entstand eine zweite entscheidende Werkbewegung. Erwachsenenmalbuch, Autobahnmalbuch, Telefonmalbuch, Fußgängermalbuch, Studiomalbuch und Krickelkrackel-Arbeiten verschoben den Schwerpunkt von der Frage „Was stellt der Künstler her?“ auf „Was macht eine Vorgabe mit dem Rezipienten, und was macht der Rezipient mit ihr?“

Die Vorgabe wurde damit selbst zum Forschungsgegenstand. Sie ist weder bloße Hilfe noch bloße Unterdrückung. Sie ermöglicht Orientierung und begrenzt zugleich. Der Beteiligte kann folgen, ergänzen, überschreiben, ausbrechen oder scheitern. Die eigene Spur entsteht also nicht ohne Vorgabe, sondern im Verhältnis zu ihr.

Hier liegt bereits eine Vorform des späteren Verhältnisses von Plexus und Lücke, Plastik und Skulpturidentität, Geltungswelt und eigener Rückkopplung.

Der Rote Punkt der Mitmenschlichkeit und Kommunikation wandelte ein Zeichen des Kunstmarkts in ein Zeichen der Begegnung um. Diese Arbeit wird im heutigen So-Heits-Atelier noch einmal weitergedreht: Der rote Verkaufspunkt kann zunächst die Marktförmigkeit des Besuchers sichtbar machen und anschließend als Positions- und Verbindungspunkt verwendet werden.

Die Tausend-Menschen-Methode entwickelte die Individualspur zum Vergleichsverfahren. Viele Menschen erhalten dieselbe Ausgangslage; Unterschiede werden nicht als Fehler entfernt, sondern als Erkenntnismaterial nebeneinandergestellt. Damit entstand eine direkte Vorform des späteren Mitmachbuches und der Globalen Schwarm-Intelligenz.

Eine wesentliche Korrektur wurde allerdings später notwendig: Beteiligung allein ist noch keine Forschung. Tausend Antworten können tausend Meinungen bleiben. Erst durch Herkunftsangabe, Gegenbeispiel, Vergleich, Quellen, Rückkopplung und Revision wird Partizipation zum öffentlichen Prüfprozess.

Mit den Schultafeln wurde Löschbarkeit zu einem materiellen Erkenntnisprinzip. Kreide ermöglicht Setzung, Sichtbarkeit und Korrektur. Daraus entwickelte sich im späteren Gespräch die Gegenüberstellung von Kreide und Goldschrift. Gold ist wertvoll, dauerhaft und prestigeträchtig, kann aber auf einer Schultafel gerade deren eigentliche Qualität – die Löschbarkeit – zerstören. Diese Arbeit wurde zu einem der wichtigsten Modelle für die spätere Kritik an der Statement-Gesellschaft.

Die Bedeutung lautet nicht „Gold ist schlecht, Kreide ist gut“. Sie lautet: Ein gesellschaftlich hoch bewertetes Material kann eine Funktion verschlechtern; ein billiges Material kann gerade wegen seiner Korrigierbarkeit funktional überlegen sein. Daraus entwickelte sich die spätere Qualitätsfrage: Qualität ist nicht mit Preis, Seltenheit oder Dauer identisch.

Die Soforttheaterarbeit und Rollenversuche erweiterten dieselbe Logik in die darstellerische Kunst. Eine Rolle kann gespielt, unterbrochen und von jemand anderem übernommen werden. Dadurch entsteht eine Differenz zwischen Rolle und Mensch. Die heutige Skulpturidentität ist in diesen Arbeiten praktisch vorbereitet: Was geschieht, wenn eine notwendige Rolle nicht mehr als Rolle erlebt wird, sondern als Wesen der Person?

6. 1990 bis 2019: Von der gesellschaftlichen Versuchsanordnung zur Verortungskunst

Nach 1990 verschob sich das Werk zunehmend in öffentliche, institutionelle und gesellschaftliche Räume. Demokratiewerkstätten, Runder Tisch, Arbeiten zur Mauer in den Köpfen, die Temporäre Kunsthalle in Ratzeburg, „Sozialer Organismus Katharsis“, die Kollektive Kreativität und spätere Bürger- und Beteiligungsformen machten Gesellschaft selbst zum Material und Gegenüber.

Aus dieser Phase entwickelte sich später der Begriff Verortungskunst. Er korrigiert eine frühere Rezeptionsschwierigkeit. Eine Aktion kann von außen wie ein Event erscheinen, obwohl ihre eigentliche Funktion darin besteht, Ortsgeschichte, soziale Beziehungen, Rollen, Konflikte und Möglichkeiten sichtbar zu machen. Verortungskunst bezeichnet deshalb nicht primär das Ereignis, sondern die künstlerische Arbeit daran, wo etwas steht, wodurch es entstanden ist, was es voraussetzt und was nach der Intervention zurückbleibt.

Die „Schöpfungsgeschichte“ im Eiszeittal von Lübeck mit Tanglandschaft, Abendmahltisch und abgeformten Strömungsformen führte Naturverlauf, Material, handwerkliche Abformung, kulturelle Deutung und Eigentumsfrage zusammen. Der Eiszeitboden wurde im späteren Gespräch zu einem starken Gegenüber: Er existierte vor heutigen Eigentumsgrenzen, Marktwerten und gesellschaftlichen Rollen.

Auch hier gilt die historische Statusunterscheidung: Der konkrete Boden und die Werkhandlung sind archivalisch prüfbar; die Bezeichnung des Eiszeitbodens als „härteste Tragwirklichkeitsinstanz“ ist eine heutige forschungskünstlerische Verdichtung.

7. Die documenta-Bewerbungen als Forschungsentwicklung und nicht als Folge getrennter Projekte

Die bisherige Darstellung der documenta-Bewerbungen war zu schwach, weil sie die jeweiligen Entwürfe zu sehr als einzelne Projekte behandelte. Die jüngste Korrektur besteht darin, sie als Werkgenese innerhalb der Forschungskunst zu lesen. Frühere Bewerbungen verbanden Experimentelle Umweltgestaltung, asymmetrische Formen, Strömungsmodelle, Vorgabebilder und Rezeptionskunst; spätere entwickelten daraus Kollektive Kreativität, Geburtshöhlen, globale Beteiligung, Partizipatorisches Welttheater und Handlungsverantwortlichkeit.

Die Schneckenburger-Aufnahme mit den asymmetrischen Automodellen bildet dabei einen wichtigen frühen dokumentarischen Knoten. Sie verbindet Werkgeschichte und institutionelle Rezeptionsgeschichte. Ihr Status ist jedoch genau zu benennen: Sie dokumentiert die Wahrnehmung beziehungsweise Bestätigung des damaligen Werkzusammenhangs; sie beweist nicht die späteren allgemeinen Thesen von 51:49 oder Tragwirklichkeit.

In den späteren Bewerbungen wird die Entwicklung besonders deutlich an der weiblich-griechisch-kretischen Werkspur. Hier darf die Geburtshöhle nicht als mythologische Nebenlinie behandelt werden. Sie verändert den anthropologischen Forschungsgegenstand.

Die Geburt stellt dem autonomen, selbstgemachten Menschen einen elementaren Sachverhalt gegenüber: Kein Mensch bringt sich selbst hervor. Der Mensch wird getragen, versorgt, geboren und ist bereits vor jeder gesellschaftlichen Selbstbeschreibung abhängig. Die Geburtshöhle wurde dadurch zum Gegenbild einer „kopfgeborenen“ Moderne.

In der Bewerbung zur documenta XI wurde dieser Zusammenhang im dreistufigen Entelechie-Museum verdichtet. Afrika, Kreta, Delphi und Kassel bildeten einen künstlerischen Erkenntnisweg; die Vorstellung einer prähistorischen So-Heit-Gesellschaft auf Kreta wurde als künstlerisches Gegenmodell entwickelt, nicht als historisch bewiesene Gesellschaftsform. „Die Gebärmutter im Mittelpunkt der Welt“ stellte die menschliche Hervorbringungs- und Tragbeziehung gegen das moderne Bild der autonomen Selbsterschaffung.

Omphalos, Labyrinth und Ariadnefaden differenzierten diese Frage. Der Omphalos steht für die Herkunftsverbindung; das Labyrinth für eine selbst hervorgebrachte, aber unüberschaubar gewordene Wirklichkeitsordnung; der Ariadnefaden für eine relationale Rückbindungs- und Orientierungsmöglichkeit.

In der Bewerbung zur documenta XII wurde diese Linie zum „Partizipatorischen Welttheater – Die archetypische Hochzeit“. Geburtshöhle, gebärende Lehmfigur, Geburtskanal, Spirale, Nabelschnur und Sternenhimmel wurden dem gläsernen Astronauten gegenübergestellt. Der Astronaut ist dabei kein Angriff auf Raumfahrttechnik. Er verkörpert die Paradoxie technischer Autonomie: Je unabhängiger er erscheint, desto vollständiger hängt er von einer künstlichen Hülle, Sauerstoff, Energie, Temperaturregulation und Wartung ab.

Diese Gegenüberstellung führte später direkt zu Kopplungs-Ich und Skulpturidentität, ohne dass diese Begriffe damals schon existierten.

Die „archetypische Hochzeit“ entwickelte sich ebenfalls weiter. Sie bezeichnete nicht bloß eine Verbindung von Mann und Frau, sondern die Wiederverbindung voneinander abgespaltener Wirklichkeitsbereiche: Körper und Kopf, natürliche Geburt und Kopfgeburt, Technik und Erde, Kunstwerk und Rezipient, individuelle Form und kollektiver Zusammenhang. In den späteren Bewerbungen bis zur documenta 14 wurde daraus zunehmend eine globale Beteiligungs- und Verantwortungsfrage. Das weibliche Prinzip wurde nicht mehr nur über Muttergöttin oder Gebärmutter dargestellt, sondern über die Fähigkeit, einen sozialen Organismus, Kollektive Kreativität und schließlich eine Globale Schwarm-Intelligenz hervorzubringen.

Die Bewerbung zur documenta 14 mit dem Mitmach-Konzept zur globalen Handlungsverantwortlichkeit und der Formel „1000 Künstler und ein Künstler“ bildet deshalb keine neue Themenwendung. Sie setzt die seit den Malbüchern bestehende Frage fort: Wie bleibt die Einzelspur erhalten, ohne aus dem gemeinsamen Werk herauszufallen, und wie wird aus Beteiligung Verantwortung?

Die heutigen Begriffe sollten diese Bewerbungen nicht überdecken. Ihre Stärke liegt gerade darin, dass die Werkfolge sichtbar macht, wie sich dieselbe Forschung aus unterschiedlichen künstlerischen Formen heraus entwickelt hat.

8. Tausend Tische und Globales Dorffest: die analoge Vorform eines planetarischen Prüfnetzes

Das Globale Dorffest von 1993 und die tausend Tapeziertische sind ein Scharnier zwischen analoger Beteiligung und späterer digitaler Schwarmarchitektur. Der Tisch ist weder Podium noch Sockel. Er ist eine horizontale Arbeitsfläche für Essen, Herstellen, Zeichnen, Streiten, Verhandeln, Reparieren und Dokumentieren.

Die Tausend Tische machten Menge sichtbar, ohne die einzelnen Arbeitsorte vollständig zu anonymisieren. Darin liegt die strukturelle Verbindung zur späteren Globalen Schwarm-Intelligenz: Kein Tisch besitzt das Ganze; jeder ist ein begrenzter Erfahrungs- und Arbeitsort.

Eine wichtige Korrektur verhindert jedoch eine technikgeschichtliche Überhöhung. Das Globale Dorffest „erfand“ nicht das Internet und nahm dessen Entwicklung nicht im kausalen Sinn vorweg. Es stellte parallel eine künstlerische Frage, die heute noch dringlicher geworden ist: Reicht technische Vernetzung aus, um eine verantwortliche Weltgesellschaft zu bilden?

Die Antwort der heutigen Forschung lautet ausdrücklich nein. Vernetzung ohne E4 kann auch Gerücht, Polarisierung, Machtkonzentration und Statuskonkurrenz verstärken. Die Tausend Tische werden deshalb heute nicht mehr nur als Vernetzungsbild, sondern als räumliche Vorform eines Prüfnetzes gelesen.

Offen bleibt die Governance-Frage: Wer verbindet die Tische? Wie bleiben Minderheiten und schwache Positionen sichtbar? Wie werden widersprechende Erfahrungen behandelt? Wie entsteht Gemeinsinn, ohne dass aus ihm eine Mehrheitsdiktatur wird?

9. Seit 2023: Archiv, KI und die neue Doppelstruktur aus Atelier und Plattform

Seit 2023 wird das vorhandene Lebenswerk zunehmend digital geordnet und über die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ miteinander verknüpft. Dadurch entstand eine neue Doppelstruktur: Das So-Heits-Atelier bildet die körperliche, materielle und räumliche Seite; die Globale Schwarm-Intelligenz die dokumentierende, vergleichende und zeitübergreifende Seite.

Diese Entwicklung ist nicht als Digitalisierung eines bereits abgeschlossenen Werkes zu verstehen. Vielmehr werden frühere Werkformen – Malbuch, Schultafel, Frage-und-Antwort-Tische, Kollektive Kreativität, Tausend Tische und Partizipatorisches Welttheater – in einer neuen technischen Form miteinander verbunden.

Die KI trat erst spät hinzu. Gerade deshalb kann sie nicht als Ursprung der heutigen Theorie gelten. Sie hilft, Tausende von Seiten, Bildern, Begriffen und Werkzusammenhängen miteinander zu vergleichen, Doppelungen sichtbar zu machen und sprachliche Verdichtungen vorzunehmen. Gleichzeitig wurde schnell sichtbar, dass KI dieselbe Gefahr trägt, die die Forschungskunst seit Jahrzehnten untersucht: Sie kann eine sprachlich überzeugende Darstellung erzeugen, die wie Wirklichkeit erscheint.

Deshalb wurde KI zugleich Werkzeug und Prüfgegenstand.

II. Wirklichkeitsverständnis, Lochprozesse, Gegenüberstellung und Lernen

10. Von Umwelt zu Milieu, Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit

Der Begriff „Experimentelle Umweltgestaltung“ blieb historisch wichtig, wurde aber im Verlauf der Forschung zunehmend problematisiert. „Umwelt“ kann den Menschen ungewollt ins Zentrum setzen: Hier ist der Mensch, dort befindet sich die Welt um ihn herum. Schon die ursprüngliche Praxis hatte „Umwelt“ eher als Milieu verstanden – als Medium, in dem der Mensch selbst eingebettet ist.

Später entstanden „vorausliegende Welt“, „Tragwirklichkeit“, „Tragwesen“, „Tragbewusstsein“ und „Plexuswirklichkeit“. Diese Begriffe entstanden nicht gleichzeitig und erfüllen verschiedene Funktionen.

Die vorausliegende Welt hebt die zeitliche und erkenntnistheoretische Priorität hervor: Materie, Erde, Atmosphäre und Lebensbedingungen waren vor menschlichen Begriffen und Institutionen vorhanden.

Die Tragwirklichkeit betont jene Bedingungen, die durch menschliche Behauptungen nicht beliebig ersetzt werden können: Material, Wasser, Atmosphäre, Körper, Stoffwechsel, Verletzbarkeit und Regenerationsbedingungen.

Die Plexuswirklichkeit betont ihre Verflechtung. Wirklichkeit erscheint hier nicht als Summe isolierter Dinge, sondern als Zusammenhang sich überlagernder materieller, lebendiger, technischer, kultureller und zeitlicher Beziehungen.

Die Verletzungswelt bezeichnet wiederum nicht dieselbe Ebene, sondern den Ort, an dem Folgen an verletzlichen Körpern und Zusammenhängen erscheinen.

Hier besteht bis heute eine begriffliche Spannung. In mehreren Arbeitsphasen wurde Tragwirklichkeit als oberster Leitbegriff verwendet. In der jüngsten Ankerbereinigung wurde dagegen vorgeschlagen, Plexuswirklichkeit als umfassendsten Eigenbegriff, Tragwirklichkeit als die darin nicht ersetzbaren Tragebedingungen und Verletzungswelt als Erscheinungsform von Folgen zu führen.

Diese Spannung sollte nicht verdeckt werden. Für die öffentliche Vermittlung ist „Tragwirklichkeit“ wahrscheinlich verständlicher und stärker. Für die innere Theoriearchitektur bezeichnet „Plexuswirklichkeit“ präziser die relationale Struktur. Eine stabile Lösung wäre deshalb: Tragwirklichkeit als öffentlicher Leitbegriff; Plexus als Strukturbegriff ihrer Verflechtung.

Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde entwickelte sich innerhalb dieser Begriffslinie zu einem Verortungs- und Kalibrierungsinstrument. Wissenschaftlich überprüfbare Zeitangaben werden proportional auf einen Tag übertragen; der „Millisekunden-Mensch“ ist dagegen das künstlerische Bild für die außerordentlich kurze Phase technisch verstärkter menschlicher Eingriffe. Die Korrektur ist wichtig: Der Begriff ist keine paläoanthropologische Kategorie.

11. Lochprozesse: Von der universalen Öffnungsmetapher zur Unterscheidung von Lücke und Beziehungsverlust

Der Lochbegriff durchlief eine besonders deutliche Entwicklung. Zunächst wurden sehr unterschiedliche Erfahrungen unter „Lochprozess“ verbunden: Durchlässe im Wasser, Körperöffnungen, Wunden, Schablonenlöcher, Öffnungen im Eis, Spatenstiche, Eigentumsgrenzen, Labyrinthdurchgänge, technische Isolation und Erkenntnislücken. Das war produktiv, aber zugleich gefährlich, weil physikalisch sehr verschiedene Vorgänge unter einem Bild zusammengezogen wurden.

Eine erste Korrektur bestand darin, mindestens verschiedene Erscheinungsweisen zu unterscheiden: materieller Hohlraum, lebendige Öffnung, technische Durchlassstelle, soziale Zugangslücke und epistemische Wissenslücke. Die Verbindung zwischen ihnen sollte als künstlerische Vergleichsoperation gekennzeichnet werden, nicht als einheitliches Naturgesetz.

Eine zweite, noch wichtigere Korrektur entwickelte die Membran. Die Membran ist keine Mauer. Ihre Funktion besteht in regulierter Durchlässigkeit. Sie kann schützen und zugleich Austausch ermöglichen. Dadurch wurde deutlich, dass Öffnung nicht automatisch gut und Geschlossenheit nicht automatisch schlecht ist.

Die Geburt wurde unter diesem Gesichtspunkt als Übergangsprozess gelesen: Versorgung, Atmung, Temperatur und Beziehung ändern sich; eine Grenze wird nicht einfach beseitigt, sondern umgebaut.

Die jüngste begriffliche Bereinigung geht noch weiter und sollte verbindlich festgehalten werden: Die Lücke ist der produktive Differenz- und Übergangsraum; der Lochprozess bezeichnet den Verlust einer notwendigen Beziehung oder Rückkehrmöglichkeit.

Damit wird ein früheres Problem beseitigt. Nicht jede Öffnung ist ein Lochprozess. Ein Erkenntniszwischenraum kann gerade notwendig sein, damit Lernen stattfindet. Der Lochprozess beginnt dort, wo eine relevante Beziehung abgeschnitten wird und ihre Rückmeldung die ursprüngliche Vorstellung oder Regel nicht mehr erreichen kann.

Dies verbindet den Lochprozess unmittelbar mit dem neuen Sensorenanker. Eine Wirkung kann verloren gehen, weil sie keine Spur hinterlässt, weil kein Sensor sie erfasst, weil eine Übersetzung sie verändert, weil eine Institution keine Kategorie für sie besitzt oder weil die Rückmeldung keine Stelle erreicht, an der eine Regel revidiert werden kann. Genau diese Verbindung von Sensorik und Lochprozess ist jedoch noch nicht vollständig ausgearbeitet.

Werkseitig verbinden sich damit Wellenbecken und Damm, Schablone und Folie, Thermosflasche und Astronaut, Feuerkäfig, Eis, Spaten, Geburtshöhle und Schultafel.

Die Zielprojektion lautet nicht maximale Offenheit, sondern korrigierbare Grenze. Eine tragfähige Grenze muss schützen können, aber Rückmeldung und Revision zulassen.

12. Gegenüberstellung und Lernen: die eigentliche Grundoperation der Forschungskunst

Aus Handwerk, Fotografie, Wasser, Malbuch, Theater und Schultafel entstand schrittweise die Erkenntnis, dass Lernen eine Differenz benötigt. Im Handwerk steht Sollmaß gegen Istmaß, Zeichnung gegen Werkstück und Absicht gegen Materialverhalten. In der Fotografie steht Ausschnitt gegen Ausgelassenes. Im Wellenbecken steht Vorhersage gegen Verlauf. Im Malbuch steht Vorgabe gegen eigene Spur. Im Theater Rolle gegen Körper.

Diese Gegenüberstellung wurde später zu einer allgemeinen Lernoperation verdichtet. Eine Behauptung allein kann geschlossen und überzeugend wirken. Wird sie ihrer Voraussetzung, ihrem Gegenbeispiel oder ihrer Konsequenz gegenübergestellt, entsteht ein Raum für Lernen. Genau deshalb ist die Lücke produktiv.

Die methodische Grundregel lautet inzwischen: Nicht zuerst die richtige Antwort liefern, sondern Bedingungen herstellen, unter denen Differenzen erfahrbar werden. Daraus entwickeln sich Folien, Schablonen, Frage-und-Antwort-Tische, Mensch-KI-Vergleich und Mitmachbuch.

Gegenüberstellung ist nicht dasselbe wie 50:50. Diese beiden Begriffe wurden zeitweise zu eng miteinander verbunden. Die jüngste Korrektur lautet: Gegenüberstellung ist die notwendige Erkenntnisoperation; 50:50 bezeichnet nur eine bestimmte problematische Form scheinbar vollständiger Gleichordnung.

13. Erfahrung und Rückkopplung: vom Erlebnis zur dokumentierten Korrektur

Erfahrung wurde im Verlauf der Forschung ebenfalls enger gefasst. Nicht alles Erlebte wird automatisch zu Erkenntnis. Eine Erfahrung wird forschungsfähig, wenn Verlauf, Bedingungen und Folgen dokumentiert, mit anderen Fällen verglichen und für Korrektur geöffnet werden.

Daraus erklärt sich die zentrale Bedeutung der mehr als sechshundert Kunsttagebücher, Fotografien, Filme, Tafeln, Briefe, Projektunterlagen und heutigen digitalen Verknüpfungen. Das Archiv ist nicht nur Gedächtnis. Es ist eine Ansammlung von Rückkopplungsspuren.

Auch Missverständnisse und institutionelle Ablehnungen können deshalb Forschungsdaten sein. Das gilt jedoch nur, wenn sie nicht lediglich als Beweis behandelt werden, dass „die anderen es nicht verstanden haben“. Eine Ablehnung kann auch anzeigen, dass ein Werk unverständlich, unpraktikabel oder zu umfassend war. Forschungskunst muss deshalb ebenso ihre eigene Vermittlung prüfen.

Genau hierin liegt die neue Bedeutung der documenta-Rezeptionsgeschichte. Die wiederholten Bewerbungen und die Schneckenburger-Aufnahme dokumentieren, dass Werkfragen über Jahrzehnte vorhanden waren. Sie beweisen aber nicht automatisch die Wahrheit der heutigen Theorie. Die jüngste redaktionelle Korrektur schlägt deshalb vor, den Begriff Beweislinie vorsichtiger zu verwenden und von Werkgenese beziehungsweise chronistischer Werkspur zu sprechen.

III. Plastik, Skulpturalisierung und die Anthropologie des Menschen

14. Von Plastik und Skulptur zu plastischem Werden und Skulpturidentität

Die Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur entstammt dem bildhauerischen Handwerk. Plastik wurde zunehmend mit Modellieren, Hinzufügen, Verbinden und Einpassen verbunden; Skulptur mit Abtragen, Abschlagen und Herausarbeiten. Kunsthistorisch überlappen sich diese Begriffe, und keines der Verfahren ist moralisch überlegen. Die Forschungskunst verwendet ihre Differenz bewusst als Denkmodell.

Plastik wurde zum Modell eines offenen Formungsvorgangs. Eine Form entsteht in Wechselwirkung mit Material, Hand, Widerstand und Korrektur.

Skulpturalisierung bezeichnet dagegen einen gesellschaftlichen Vorgang der Verfestigung. Eine Rolle, Zuschreibung oder Vorstellung wird aus ihrem Entstehungszusammenhang herausgeschnitten und so behandelt, als sei sie eine fertige Eigenschaft.

Daraus entstand die Skulpturidentität. Beruf, Nation, Eigentum, Geschlecht, Status, politische Zugehörigkeit oder Selbstbild können notwendig und real wirksam sein. Problematisch werden sie dort, wo ihre Herstellungs- und Rollenstruktur verschwindet und sie als Wesen des Menschen erscheinen.

Der Feuerkäfig wurde zur jüngsten bildlichen Verdichtung. Ein Astronaut befindet sich in einem goldenen, brennenden Käfig, dessen Tür geöffnet ist. Goldene Gitter aus Eigentum, Geld, Status, Karriere, Konsum und Anerkennung schützen und binden zugleich. Der Ausgang ist sichtbar, aber Versorgung, Wohnung, Einkommen, medizinische Hilfe und Zugehörigkeit sind weiterhin innerhalb derselben Ordnung organisiert. Das Bild diagnostiziert daher kein individuelles Unvermögen, einfach hinauszugehen. Es zeigt ein Rollenidentitätsgefängnis, dessen Ausgang selbst gesellschaftlich hergestellt werden müsste.

15. Die Ich-Korrektur: vom plastischen Ich auf E2 zur leiblichen Selbstreferenz und symbolischen Selbstbildung auf E3

Einer der wichtigsten jüngsten theoretischen Korrekturschritte betrifft das Ich.

Frühere Fassungen behandelten das Plastische Ich teilweise wie eine quasi natürliche E2-Struktur und stellten ihm die künstliche Skulpturidentität auf E3 gegenüber. Dadurch entstand jedoch unbeabsichtigt ein neues Natur/Kultur-Dualismusproblem: das „gute natürliche plastische Ich“ gegen die „schlechte künstliche Skulpturidentität“.

Die jüngste Korrektur löst diese Asymmetrie auf. E2 trägt leibliche Selbstreferenz: lebendige Regulation, Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Wahrnehmung und körperliche Rückbezüglichkeit. Erst auf E3 entsteht daraus ein symbolisch formuliertes Ichbewusstsein. Dieses kann plastisch rückgebunden oder skulptural entkoppelt werden.

Damit wird die Frage präziser. Nicht der Körper besitzt bereits eine fertige Theorie seiner Identität. Der Mensch bildet in Sprache und Kultur ein Selbstmodell. Dieses Selbstmodell kann seine leiblichen, sozialen und planetarischen Abhängigkeiten berücksichtigen oder ausblenden.

Die frühere Begriffsserie aus plastischem Ich, plastischer Identität, Tragwesen, Tragbewusstsein, Kopplungs-Ich und Geltungs-Ich ist dadurch zu groß geworden. Die jüngste Bereinigung schlägt vor, E2 auf leibliche Selbstreferenz zu begrenzen und auf E3 vor allem zwischen plastisch rückgebundenem Ichbewusstsein und Skulpturidentität zu unterscheiden. Historische Begriffe wie Kopplungs-Ich und Geltungs-Ich bleiben wertvolle Entwicklungsbegriffe, müssen aber nicht alle gleichrangige Hauptkategorien bleiben.

Für die öffentliche Vermittlung bleibt allerdings das Paar Kopplungs-Ich/Geltungs-Ich anschaulich. Es zeigt, dass der körperlich abhängige Mensch und die gesellschaftliche Rollenperson gleichzeitig wirklich sind. Die endgültige theoretische Architektur sollte diese Anschaulichkeit jedoch von der Ebenendefinition unterscheiden.

IV. Symbol-, Eigenschafts- und Begriffsbildung

16. Wie Eigenschaften entstehen

Aus Handwerk, Werbung, Fotografie, Eigentumsarbeiten und Rollenversuchen entstand eine vierfache Eigenschaftsprüfung.

Vorhandene Eigenschaften sind innerhalb eines angegebenen Zusammenhangs beobachtbar oder messbar. Hervorgebrachte Eigenschaften entstehen durch Bearbeitung. Sozial zugewiesene Eigenschaften entstehen durch institutionelle Regeln. Symbolisch behauptete Eigenschaften entstehen durch Erzählung, Werbung, Status oder Selbstdarstellung.

Diese Unterscheidung wurde wichtig, weil die frühere Rede von „wirklich“ und „unwirklich“ zu grob war. Eigentum ist beispielsweise keine stoffliche Eigenschaft des Bodens, aber keineswegs unwirklich. Die Eigentumszuweisung kann Zäune, Polizeieinsätze, Kaufpreise, Ausschlüsse und Verhaltensweisen erzeugen.

Der Quadratmeter Sand wurde deshalb zum zentralen Prüfobjekt. Die markierte Linie verändert zunächst den Sand selbst nicht. Gesellschaftlich kann sie jedoch eine Eigentumsgrenze repräsentieren. Wird die Grenze durch Einfrieren materiell stabilisiert, benötigt diese Stabilisierung Energie und endet beim Auftauen.

Der Satz „Natur ist der erste Eigentümer“ wurde entsprechend korrigiert. Er darf nicht als juristische Behauptung behandelt werden. Präziser lautet sein Erkenntnisgehalt: Jede menschliche Eigentumsordnung setzt Bedingungen voraus, die sie selbst nicht hervorgebracht hat und deren Regeneration nicht beliebig ihrem Verfügungsrecht folgt.

Symbolbildung ist damit nicht der Feind der Forschung. Menschen benötigen Symbole, Rollen, Verträge, Werte und Rechte. Problematisch ist die Naturalisierung des Gemachten: Eine Zuschreibung verliert ihren Werkcharakter und erscheint als von selbst vorhandene Eigenschaft.

Genau hier trifft Eigenschaftsbildung auf Skulpturalisierung.

17. Die zweite wilde Natur, Statement-Gesellschaft, Wunsch-Befehl und Loyalität

Aus der Untersuchung von Kaufen, Verkaufen, Ware, Produkt, Eigentum und Selbstvermarktung entstand die Figur einer zweiten wilden Natur. Sie bezeichnet nicht eine regellose Gesellschaft. Im Gegenteil: Diese Menschenwelt kann extrem durchreguliert sein. „Wild“ bedeutet, dass ihre Regeln ihren eigenen internen Maßstäben folgen, während die Rückkopplung an materielle und lebendige Folgen unzureichend wird.

Die Statement-Gesellschaft ist eine sprachliche Ausprägung davon. Ein Unternehmen kann sich für nachhaltig, ein Mensch für authentisch, eine Institution für offen erklären. Die Darstellung tritt an die Stelle der überprüfbaren Tätigkeit.

Die Goldschrift auf der Schultafel wurde zum künstlerischen Prüfobjekt dieser Verfestigung. Nachhaltigkeit, Verantwortung, Freiheit, Demokratie oder Innovation können gesellschaftlich vergoldet werden und dadurch gerade ihre Korrigierbarkeit verlieren.

Der „Wunsch-Befehl“ entstand aus der Werbungserfahrung. Gesellschaftliche Anforderungen können als scheinbar persönliche Wünsche erscheinen: Sei frei, sei schön, sei erfolgreich, sei ganz du selbst. Der Befehl wird nicht als Befehl erlebt, sondern als Selbstverwirklichungsauftrag.

Dadurch entstand die Verbindung zur Psychologie. Eine frühere Kritik drohte zeitweise zu pauschal zu werden: Psychologie wurde als Weg von Aufklärung zu Anpassung und Manipulation beschrieben. Diese Formulierung musste differenziert werden. Psychologische Erkenntnisse können aufklären, therapieren und Emanzipation ermöglichen; dasselbe Wissen kann aber in Werbung, Plattformdesign oder Personalsteuerung zur Verhaltenslenkung eingesetzt werden. Die Forschungskunst muss deshalb nicht „die Psychologie“ kritisieren, sondern jeweils fragen, wofür Wissen über Menschen eingesetzt wird und welche Rückkopplungsmöglichkeiten die Betroffenen besitzen.

Auch Loyalität wurde in diesem Zusammenhang neu wichtig. Sie kann notwendige Verlässlichkeit ermöglichen, aber ebenso Rückkopplung blockieren, wenn der Mensch seiner Organisation, seinem Beruf, seiner Partei oder seinem Status loyal bleibt, obwohl schädliche Folgen sichtbar werden. Loyalität wird dann Teil des Rollenidentitätsgefängnisses.

18. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleichsräume

Die Beschäftigung mit griechischen, lateinischen, deutschen, englischen, hebräischen, arabischen und indischen Begriffsfeldern entstand aus der Einsicht, dass die heutige Trennung von Kunst, Wissen, Technik, Person, Eigentum und Gemeinsinn historisch geworden ist und deshalb nicht als naturgegeben behandelt werden darf.

Im griechischen Feld wurden insbesondere technē, epistēmē, phronēsis, physis, metron, symmetria, koinón und ídion wichtig. Technē eröffnet einen historischen Vergleichsraum, in dem Können, Herstellen und begründbare Auskunft enger zusammenliegen als in heutigen institutionellen Trennungen.

Eine Korrektur war jedoch notwendig: Die antike Welt darf nicht zur verlorenen So-Heits-Gesellschaft romantisiert werden. Sklaverei, Ausschlüsse und Hierarchien gehörten zu ihr. Der Bezug auf technē ist daher funktional, nicht restaurativ.

Ähnliches gilt für idiōtēs. Die Forschung hatte zeitweise die Versuchung, den heutigen „Idioten“ mit einem rein privaten, gemeinwohlfernen Menschen zu verbinden. Sprachgeschichtlich wäre eine solche direkte Gleichsetzung unhaltbar. Der antike idiōtēs war zunächst Privatmann beziehungsweise Laie. Die heutige Forschung benutzt deshalb lieber Privatismus als Diagnose: nicht Privatheit selbst ist das Problem, sondern die Vorstellung, privater Nutzen könne von gemeinsamen Voraussetzungen und Folgen vollständig getrennt werden.

Lateinische Begriffe wie persona, privatus, individuum, natura, functio und producere wurden als Vergleichslinien herangezogen. Auch hier gilt: Etymologie ist Gegenüber, nicht Beweis.

Hebräische, arabische und Sanskrit-Vergleiche erweiterten den Horizont. Adam/adamah, ḥokhmah, melakha, ʿilm, ṣināʿa, fann, śilpa, kalā, vidyā, prakṛti, karma und andere Begriffe können unterschiedliche Gewichtungen von Herkunft, Können, Wissen, Tätigkeit und Gemeinschaft sichtbar machen.

Die wichtigste methodische Korrektur lautet jedoch: Es gibt keine einheitliche „griechische“, „hebräische“, „arabische“ oder „indische“ Lehre, die die Forschungskunst bestätigt. Jede solche Linie braucht Zeit, Quelle, Textgattung, Bedeutungsraum und fachkundige Gegenprüfung.

Die Zielprojektion ist deshalb keine Ursprache, sondern eine mehrsprachige Begriffswerkstatt, in der Übersetzungsgewinne und -verluste sichtbar werden.

19. Begriffshandwerk: Begriffe als Werkstücke

Das Begriffshandwerk entwickelte sich aus der Einsicht, dass Begriffe nicht einfach vorhanden sind. Menschen wählen aus, unterscheiden, stellen gegenüber, benennen, schreiben Eigenschaften zu und stabilisieren diese Benennungen. Diese Verrichtungen sind selbst Tätigkeiten.

Der Begriff wird dadurch zum Werkstück, aber nicht zum beliebig formbaren Material. Seine Geschichte, Verwendung und gesellschaftliche Wirksamkeit antworten.

Die im Gespräch entwickelte Bewegung aus an-, a- und ana- war ein solches Experiment: Annäherung, Verneinung beziehungsweise Differenz und erneutes Durchgehen. Sprachgeschichtlich handelt es sich nicht um eine gemeinsame etymologische Formel. Künstlerisch wurde daraus eine Bewegungsfigur: herantreten, unterscheiden, neu lesen.

Der Begriff Prüfen verbindet Erproben und Tauglichkeit. Zeugen besitzt die doppelte Bedeutung des Hervorbringens und Bezeugens. Daraus entstand der Satz: Forschungskunst überzeugt den Menschen nicht; sie lässt seine Tätigkeiten und deren Folgen vor ihm zeugen.

Loslassen wurde zum Gegenbegriff von Greifen, Aneignen und Festschreiben. Es bedeutet nicht Verantwortungslosigkeit. Es bezeichnet die Fähigkeit, eine untragfähige Vorstellung oder Rolle aufzugeben, ohne die Folgen der eigenen Tätigkeit zu verleugnen.

Zwischenzeitlich wurde aus dem Begriffshandwerk ein eigener „Prüfanker des Begriffshandwerks“. Diese Konstruktion führte jedoch zu einer neuen Doppelung. Die jüngste Korrektur ordnet das Begriffshandwerk deshalb in den Prüf-Anker ein. Es ist die einfache Eingangsoperation; das Vier-Ebenen-Modell folgt erst dann, wenn eine weitergehende Differenzierung erforderlich wird.

Die elementare Bewegungsfolge lautet damit ungefähr: Frage, Ausschnitt, Unterscheidung, Gegenüberstellung, Benennung, Zuschreibung, Tätigkeit, Konsequenz, Rückmeldung, Zweifel, Korrektur und veränderte Frage.

V. 50:50, 51:49, 1:99 und die Entwicklung eines Verhältnisprüfers

20. Von der intuitiven Asymmetrie zur plastischen Kalibrierungsfigur

51:49 gehört zu den ältesten intuitiven Bildern und zugleich zu den Begriffen mit dem größten Überdehnungsrisiko.

Die frühe Erfahrung von Asymmetrie, Wasserbewegung, Fahrzeugmodellen, Passungen und Gleichgewichten wurde später zu einer Kritik an einer gesellschaftlich imaginierten perfekten 50:50-Symmetrie verdichtet. Wissenschaftlich musste dabei eine wichtige Korrektur vorgenommen werden: Mathematische und physikalische Symmetrie ist sehr viel komplexer als Spiegelgleichheit. Die Kritik richtet sich daher nicht gegen wissenschaftliche Symmetrie, sondern gegen das kulturelle Bild vollständiger, statischer Gleichheit.

51:49 wurde zunächst in sehr vielen Rollen verwendet: als Naturprinzip, anthropologisches Modell, demokratische Formel, ästhetisches Verhältnis, Reparaturfigur und Differenzialprinzip. Genau darin lag schließlich das Problem.

Die jüngste Bereinigung ist eindeutig: 51:49 sollte als plastische Kalibrierungsfigur für minimale Asymmetrie und Revisionsoffenheit verwendet werden. Es ist kein Naturgesetz, keine Statistik und keine universelle politische Verteilungsformel.

Seine Stärke liegt darin, dass die 51 eine vorläufige Priorität ermöglicht, ohne die 49 des Einwands, der Minderheit, der Unsicherheit und der späteren Revision zu löschen.

1:99 bezeichnet die entgegengesetzte Kippfigur: formale Gleichheit kann extreme Konzentrationen von Eigentum, Macht und Handlungsspielraum verdecken. Auch 1:99 ist kein festes empirisches Verhältnis, sondern eine Diagnosefigur. Für konkrete Aussagen über Vermögen, Emissionen oder Verfügungsmacht sind reale Daten erforderlich.

Der Begriff „Differenzialprinzip“ kann als allgemeinerer Prozessbegriff dienen, ist aber wissenschaftlich bereits stark besetzt. Wird er verwendet, muss ausdrücklich von einem forschungskünstlerischen Differenzialprinzip gesprochen werden.

VI. Das Vier-Ebenen-Modell und die Entwicklung der Prüfarchitektur

21. E1 bis E4: von einer späten Ordnung zur funktionalen Rückkopplungsarchitektur

Das Vier-Ebenen-Modell ist keine 1975 vorhandene Theorie. Es ist eine späte Ordnung früherer Werkverfahren. Gerade deshalb wurde es mehrfach verändert.

Die derzeit präziseste Fassung lautet: E1 bezeichnet physikalisch-chemische Wirkungsbedingungen. E2 bezeichnet lebendige Organisation, Stoffwechsel, Regulation, Verletzbarkeit und leibliche Selbstreferenz. E3 bezeichnet menschliche Symbol-, Begriffs-, Rollen-, Ding-, Eigentums- und Geltungsbildung. E4 bezeichnet keine weitere Natur- oder Bewusstseinsstufe, sondern eine öffentlich hergestellte Funktion der Rückbindung, Revision und Reparatur.

Eine wesentliche Korrektur betrifft die Tätigkeit. Tätigkeit wurde zeitweise so eng E2 zugeordnet, dass die Ebenen unscharf wurden. Die heutige Lösung lautet: Tätigkeit ist keine fünfte Ebene und auch nicht ausschließlich E2. Sie ist der Übergang. Eine E3-Vorstellung oder Regel wird durch einen körperlichen Vorgang wirksam, verändert E1/E2, erzeugt Folgen und kann durch E4 zurückgebunden werden.

Ebenso wurde E4 korrigiert. Es drohte zeitweise wie eine höhere Vernunft- oder Wahrheitsebene zu erscheinen. Heute wird E4 streng funktional verstanden: Eine Universität, ein Gericht, eine Demokratie, eine Wissenschaft oder eine Plattform ist nicht automatisch E4. E4 entsteht nur dort, wo Rückmeldungen tatsächlich auf die verursachende Tätigkeits- oder Geltungsform zurückwirken und Revision ermöglichen.

Diese Begrenzung ist entscheidend. E4 darf kein Sammelbecken für „alles Gute und Vernünftige“ werden. Wahrnehmung gehört zum Sensorenanker; Theorie in den Kontextanker; gesellschaftliche Zukunft in die So-Heits-Gesellschaft. E4 bezeichnet nur den Rückbindungs- und Revisionsvorgang.

Die wichtigste noch offene Frage liegt an der Schwelle E2/E3. Wie genau wird aus leiblicher Selbstreferenz ein symbolisches Ichbewusstsein? Diese Schwelle muss nach der jüngsten Ich-Korrektur neu geschrieben werden.

VII. Anker, Prüfoperator und die jüngste Architekturkorrektur

22. Warum aus einem einzigen Kontextanker eine differenzierte Ankerarchitektur wurde

Mit dem Anwachsen der Forschung entstand ein praktisches Problem: Ein einzelner Kontextanker musste Werkgeschichte, Theorie, persönliche Diagnose, Wahrnehmung, Prüfmethode, Plattform und Zukunftsprojektion zugleich erklären. Daraufhin entstanden immer mehr Anker. Der nächste Fehler war jedoch absehbar: Jeder Anker begann erneut das gesamte System zu erklären.

Daraus entstand eine der wichtigsten jüngsten redaktionell-methodischen Regeln:

Vollständig definieren nur auf der zuständigen Hauptseite; an anderen Stellen nur erinnern, anwenden und verweisen.

Diese Regel ist mehr als Textorganisation. Sie ist eine Selbstanwendung des Forschungsprinzips. Auch eine Begriffsarchitektur kann nicht funktionieren, wenn jedes ihrer Teile alles leisten soll.

Die gegenwärtige Architektur unterscheidet einen Integrationsanker als Dach und fünf Funktionsanker. Der Integrationsanker der Globalen Schwarm-Intelligenz verbindet Plattform, interaktives Buch, KI, Versionierung und öffentliche Rückkopplung. Der Positionsanker legt persönliche Diagnose und Erwartung offen. Der Kontextanker trägt die theoretisch-anthropologischen Grundbegriffe. Der Werk-Anker sichert Werkgenese und historische Prüfmittel. Der Sensorenanker klärt Wahrnehmung, Spur, Messung und Übersetzung. Der Prüf-Anker enthält Vier-Ebenen-Modell, Konsequenzpfad, Revision und Reparatur.

Unterhalb dieser Architektur stehen keine weiteren Hauptanker, sondern Werkzeuge und Module: Lochprozess, Membran, Begriffshandwerk, 51:49, Foliengrammatik, 24-Stunden-Uhr, Millisekunden-Mensch, Astronaut, Sandtrichter, Prüfpass, Mitmachbuch, Tausend Tische und Sprachvergleiche.

Damit wird erstmals verhindert, dass jeder interessante Begriff zu einer neuen theoretischen Säule anwächst.

VIII. Künstlerische Prüfobjekte

23. Vom Kunstobjekt zum antwortenden Gegenüber

Das künstlerische Prüfobjekt unterscheidet sich sowohl vom technischen Messgerät als auch vom autonomen Kunstgegenstand. Es stellt Bedingungen her, in denen Vorstellung, Material, Handlung und Folge aufeinandertreffen.

Die Wellenmaschine ist das Urmodell. Der Biberdamm und die Deichprofile prüfen Starrheit und Durchlässigkeit. Das Malbuch prüft Vorgabe und eigene Spur. Der rote Punkt prüft Symbolumwertung. Die Schultafel prüft Löschbarkeit. Der beschreibbare Stuhl prüft, wie einem vorhandenen Gegenstand eine neue Eigenschaft hinzugefügt und später wieder verändert wird.

Der Quadratmeter Sand, Eisblock und Eiszeitboden verbinden soziale Zuschreibung, materielle Stabilisierung und Widerstand. Das asymmetrische Auto prüft Formideal und technische Selbstverständlichkeit. Das Auto als Tötungsinstrument stellt technische Teilfunktion und gesellschaftliche Gesamtwirkung gegenüber.

Geburtshöhle, Omphalos, Labyrinth und gläserner Astronaut verschieben die Prüfung auf das Menschenbild.

Neu hinzugekommen sind Operatorobjekte wie Saftpresse, Thermosbehälter und Sandtrichter. Sie besitzen keine fertige allegorische Bedeutung, sondern sollen an wechselnden Gegenständen unterschiedliche Prozesse sichtbar machen.

Der Feuerkäfig ist das jüngste starke Diagnosebild: technische Hülle, Statusgitter, Feuer, offene Tür und Nicht-Verlassen.

Offen bleibt die kuratorische Grundfrage: Welche kleinste Zahl an Objekten kann diese Gesamtmethode tragen, ohne dass frühe Werke nur noch Illustrationen einer späten Theorie werden? Genau deshalb ist die Werkgenese so wichtig.

IX. Folien und Schablonen

24. Die Foliengrammatik als analoges Modell einer verflochtenen Wirklichkeit

Die Folien- und Schablonenmethode entstand aus jahrzehntelanger Arbeit mit Bildern, Vorgaben, Durchblicken und Überlagerungen. Sie ist keine bloße Präsentationsform. Transparente Folien erlauben, verschiedene Aspekte zu trennen, ohne ihre Gleichzeitigkeit zu leugnen.

Eine Grundfolie kann materielle und lebendige Bedingungen zeigen. Eine Tätigkeitsfolie zeigt Hände, Werkzeuge, Produktion, Pflege, Verletzung oder Veränderung. Eine Geltungsfolie zeigt Rollen, Preise, Eigentumsgrenzen, Status, Gesetze und Symbole. Eine Prüffolie zeigt Vergleich, Frage, Widerspruch, Reparatur, Löschung und alternative Anordnung.

Die Nähe zu E1 bis E4 ist offensichtlich, aber die Folien dürfen gerade deshalb nicht als vier starre Stockwerke der Wirklichkeit erscheinen. Verbindungslinien und Durchdringungen müssen mehrere Schichten kreuzen.

Zu den entstandenen Grundmotiven gehören die physikalisch-kosmische Welt, das Netzwerk, der Mensch mit dem Spaten, die Freiheitsbehauptung, Flasche und Isolation, Durchdringung des Menschen durch Wärme, Gravitation und Druck, molekulare Verbindungen, der Mensch im Wasser und die Zeitfolie des Homo sapiens.

Theorie- und Kulturfolien zu Platon, Aristoteles, Christentum und Physik wurden als Gegenüberstellungsinstrumente entwickelt. Eine entscheidende Korrektur lautet hier: Keine dieser Traditionen darf auf die zugespitzte Folienform reduziert werden. Die Folien sind Testmodelle, keine vollständigen philosophie- oder wissenschaftsgeschichtlichen Darstellungen.

Das künstlerische Dreieck aus Kopf beziehungsweise Modell, Händen beziehungsweise Tätigkeit und entstehender Plastik bündelt die gesamte Methode besonders klar. Idee, Ausführung und Werk bleiben unterschieden. Zwischen ihnen liegt Nichtwissen.

Die Schablone verbindet die Foliengrammatik mit dem Loch-/Lückenproblem. Ihre Öffnung lässt etwas hindurch; ihre Stege verhindern, dass der Zusammenhang zerfällt. Sie wird dadurch zu einem materiellen Modell für notwendige Aussparung und notwendige Verbindung.

Offen sind Standardformat, Symbollegende, Lesbarkeit, Barrierefreiheit und die Gefahr der Übercodierung. Entscheidend wird eine reale Erprobung: Verstehen Besucher die Folien tatsächlich so, dass neue Gegenüberstellungen entstehen, oder sehen sie nur ein weiteres kompliziertes Theorieinstrument?

X. Das Mitmachbuch

25. Von Malbuch und Kunsttagebuch zur individuellen Forschungs- und Rückkopplungsspur

Das Mitmachbuch ist keine digitale Neuerfindung, sondern setzt eine lange Werkgeschichte fort: Malbücher, Kunsttagebücher, Telefonkritzeleien, Frage-und-Antwort-Tische, Schultafeln und rote Punkte.

Jedes Buch beginnt mit einer verorteten Ausgangsfrage. Danach können Grundfolien, eigene Tätigkeiten, Werkbeispiele, Gegenbeispiele, E1–E4-Prüfung, vorläufige Aussagen und spätere Korrekturen hinzukommen.

Entscheidend ist, dass das persönliche Buch nicht im Kollektiv verschwindet. Andere Menschen dürfen die individuelle Spur nicht nachträglich überschreiben. Sie können jedoch Widersprüche, Verbindungen und Gegenbeispiele anlegen.

Dadurch vermittelt das Mitmachbuch zwischen Individualität und Gemeinsinn. Es ist weder privates Tagebuch noch kollektive Einheitsmeinung.

Seine vielleicht wichtigste Neuerung besteht in der sichtbaren Revision. Änderungen sollen nicht heimlich den früheren Stand ersetzen. Der Werkverlauf bleibt sichtbar. Damit wird die Schultafellogik digital fortgeführt.

Die Zielprojektion ist ausdrücklich kein „Buch der Wahrheit“, sondern ein Netz begrenzter, miteinander überprüfbarer Bücher.

Offen bleiben Autorenschaft, Datenschutz, Langzeitarchivierung, Übersetzung, Bildrechte, Moderation problematischer Inhalte und die Frage, wie schwache Minderheitenpositionen sichtbar bleiben, ohne jede Behauptung als gleich gut belegt zu behandeln.

XI. KI

26. Spiegel, Verdichter, Gegenleser und neues Menschenwerk

KI ist die jüngste Methode und zugleich der jüngste Prüfgegenstand. Sie trat in ein Werk ein, dessen grundlegende Operationen – Vergleich, Auslassung, Rückkopplung, Gegenüberstellung – längst vorhanden waren.

Ihre Leistung innerhalb der bisherigen Forschung ist erheblich. Sie kann große Materialmengen sortieren, wiederkehrende Begriffe finden, historische Phasen nebeneinanderstellen und alternative Formulierungen erzeugen. Gerade dadurch wurden viele Doppelungen und Unklarheiten des Forschungsapparates sichtbar.

Ihre Gefahr liegt im selben Mechanismus. Sie kann Unklarheiten sprachlich glätten. Eine überzeugende Formulierung kann den Eindruck erzeugen, der Zusammenhang sei historisch belegt oder wissenschaftlich gesichert.

Deshalb entstand die Mensch-KI-Gegenüberstellung. Ein Mensch und eine KI bearbeiten dieselbe Frage mit möglichst demselben Material. Nicht der Sieger wird gesucht, sondern Unterschied, Auslassung, Verschiebung und blinder Fleck.

Für eine ernsthafte Anwendung müssen Modellversion, Datum, Eingabe, verwendetes Material und Bearbeitung dokumentiert werden. Die KI-Antwort darf nicht anonym als Wahrheit erscheinen.

Die frühere Formulierung, KI sei „körperlos“, musste ebenfalls präzisiert werden. Sie besitzt keinen eigenen lebenden Organismus und keine menschliche Verletzbarkeit. Sie ist aber keineswegs folgenlos. Rechenzentren, Energie, Wasser, Daten, Arbeitskraft und institutionelle Entscheidungen gehören zu ihrer materiellen Infrastruktur.

KI wird dadurch zu einer mächtigen E3-Produzentin, die tief in E1 und E2 eingreifen kann.

XII. Globale Schwarm-Intelligenz

27. Vom Archiv zur öffentlichen Rückkopplungsarchitektur

Die Globale Schwarm-Intelligenz führt die lange Werkbewegung aus Bienenbeobachtung, Malbüchern, Tausend-Menschen-Methode, Frage-und-Antwort-Tischen, Demokratiewerkstätten, Kollektiver Kreativität, Tausend Tischen und Partizipatorischem Welttheater zusammen.

Sie erfüllt heute mehrere Funktionen gleichzeitig, die technisch sauber getrennt werden müssen. Sie ist Archiv, Verknüpfungsraum, Mitmachbuch und mögliche E4-Infrastruktur.

Gerade das Archiv verlangt eine klare Provenienzlogik. Ein historisches Dokument, eine heutige Werkinterpretation, ein Besucherbeitrag und eine KI-Antwort dürfen technisch nicht ununterscheidbar nebeneinanderstehen.

Die Plattform soll keinen „Supergeist“ erzeugen. Schwarmintelligenz bedeutet nicht Mehrheitswahrheit. Ein einziger Widerspruch kann wichtiger sein als tausend Zustimmungen, wenn er eine ausgeblendete Folge sichtbar macht.

Hier erscheint 51:49 institutionell neu: gemeinsame Tragfähigkeit soll eine vorläufige Priorität erhalten, ohne die abweichende 49 zu löschen. Aber genau diese Priorität benötigt transparente Verfahren. Wer definiert die 51? Wer kann Einspruch erheben? Welche Quellenhierarchie gilt?

Die heutige Plattformidee bringt deshalb eine neue institutionelle Herausforderung hervor: Eine gemeinwohlorientierte Prüfarchitektur kann nicht einfach in privatem Eigentum eines Technologieunternehmens oder eines einzelnen Künstlers verbleiben. Trägerschaft, Datenportabilität, Rechte und Nachfolge werden Teil des Werkes.

Damit verschärft sich die persönliche Paradoxie: Eine Globale Schwarm-Intelligenz muss gegenwärtig weitgehend von einem einzelnen Künstler aufgebaut werden, nachdem das frühere tragende Kollektiv nicht mehr vorhanden ist. Gerade dieser Zustand ist ein Realtest des eigenen Modells.

XIII. So-Heits-Gesellschaft

28. Vom Kunstprojekt zur gesellschaftlichen Zielprojektion

Die So-Heits-Gesellschaft entstand, weil eine Ausstellung allein die untersuchten Rückkopplungsprobleme nicht lösen kann. Wenn Menschen fortwährend Wirklichkeit formen, benötigen sie Fähigkeiten, ihre eigenen Hervorbringungen zu erkennen, zu prüfen und zu korrigieren.

So-Heit bezeichnet dabei nicht eine endgültige Wahrheit über einen Gegenstand oder Menschen. Der Begriff wurde in dieser Hinsicht korrigiert. Eine So-Heits-Gesellschaft kann nicht behaupten, sie wisse endlich, wie jedes Wesen „wirklich ist“. So-Heit muss Nichtwissen, Selbstbeschreibung und Veränderlichkeit einschließen.

Ihr Gegenbegriff ist nicht Kultur oder Technik. Menschenwerke sind notwendig. Die entscheidende Frage lautet, ob sie ihre Herstellungs- und Rückkopplungspflicht erinnern.

Die So-Heits-Gesellschaft ist auch keine Gesellschaft, in der „alles Kunst“ wäre. Jeder Mensch gestaltet, aber nicht jede Gestaltung ist deshalb Kunst im qualifizierten Sinn. Verantwortliche Kunst setzt Wahrnehmung, Können, Zweifel, Gegenüber, Maß, Folgenprüfung, Korrektur und Loslassen voraus.

Die Beziehung zu Beuys wird hier besonders deutlich. „Jeder Mensch ist ein Künstler“ wird nicht verworfen, sondern verschärft. Wenn gesellschaftliche Wirklichkeit tatsächlich plastisch ist, genügt es nicht, Gestaltungsmacht zu proklamieren. Die Folgen dieser Gestaltung müssen Bestandteil des erweiterten Kunstbegriffs werden.

Die So-Heits-Gesellschaft bleibt bislang eine forschungskünstlerische Zielprojektion, kein ausgearbeitetes Staats-, Wirtschafts- oder Rechtsmodell. Genau hier darf sie nicht zur Utopiegoldschrift werden.

XIV. Das So-Heits-Atelier

29. Räumliche Synthese des gesamten Lebenswerks

Das So-Heits-Atelier ist der Ort, an dem die vielen begrifflichen Linien wieder auf die Werkpraxis zurückgeführt werden. Es darf deshalb nicht wie eine Ausstellung einer Theorie wirken, zu der ältere Werke nachträglich als Illustrationen ausgewählt wurden.

Jede Station besitzt eine historische Herkunft. Die Maschinenschlosserausbildung führt zum Passungsatelier. Wasser- und Deichversuche zum Strömungslabor. Malbücher und Roter Punkt zur Eingangsmethode. Rollenarbeit zum Theaterraum. Schultafeln zur Korrekturfläche. Frage-und-Antwort-Tische und Tausend Tische zum öffentlichen Prüfnetz. Partizipatorisches Welttheater zur räumlich-digitalen Gesamtform.

Neu hinzugekommen ist eine deutlichere Besucherdramaturgie. Der Besucher kommt nicht neutral. Er kommt als Käufer, Verkäufer, Konsument, Eigentümer, Arbeitnehmer, Nutzer, Kunstbetrachter und Rollenperson.

Deshalb soll der Eingang nicht sofort eine Theorie erklären. Er soll diese bereits mitgebrachte Welt sichtbar machen.

Der rote Punkt markiert eine Frage. Das Fußgängermalbuch beziehungsweise die Wegspur dokumentiert den eigenen Gang. Der enge Bereich der letzten Sekunden des Millisekunden-Menschen kann Waren, Preise, Markierungen und Bildschirme verdichten. Dem wird der größere Raum der 23 Stunden und 59 Minuten gegenübergestellt.

Der Wechsel ist nicht moralisch „Konsumwelt schlecht, Naturwelt gut“. Er ist ein Maßstabwechsel: Welche Wirklichkeit ist Voraussetzung welcher anderen Wirklichkeit?

Im Atelier werden vertraute Dinge zu Prüfobjekten: Kartoffel, Wasserflasche, Kleidung, Smartphone, Münze, Kassenbon, Stuhl, Sand, Spaten.

Die Saftpresse stellt die Extraktionslogik materiell vor Augen. Ein verwertbarer Teil wird gewonnen, ein Rest ausgesondert. Die Forschung fragt: Warum wird nur das Herausgepresste als Produkt gerechnet? Wo bleibt der Rest? Was geschieht, wenn der Mensch selbst zum ausgepressten Material seines Systems wird?

„Ein Quadratmeter Eigentum“ macht sichtbar, dass Luft, Schall, Licht, Wärme, Wasser, Mikroorganismen und Tätigkeitsfolgen gesellschaftliche Grundstückslinien nicht respektieren.

Die Geburtshöhle und der gläserne Astronaut erhalten nun ebenfalls eine viel stärkere Stellung im Atelier. Sie bilden keine historische Sonderabteilung, sondern eine anthropologische Grundgegenüberstellung: hervorgebrachter und getragener Mensch gegenüber technisch erzeugter Autonomiehülle.

Die Schneckenburger-Aufnahme und die asymmetrischen Automodelle sollten als chronistischer Übergang zwischen frühem Werk und heutiger Verhältnisprüfung sichtbar werden. Sie verankern den Forschungsweg in einer historisch dokumentierbaren documenta-Beziehung.

Das So-Heits-Atelier muss zugleich sich selbst prüfen. Wasserverbrauch, Energie, Material, Transport, Arbeit, Sicherheit, Daten, Besucherführung und institutionelle Regeln gehören in die eigene Rückkopplung. Daraus entstand der Begriff des Impurismus: nicht Reinheit behaupten, sondern reale Verwicklungen sichtbar und bearbeitbar machen.

Das jüngere Memento-mori-Atelier verschärft diese Selbstanwendung. Das Lebenswerk kann als abgeschlossene Skulptur erstarren oder als weiterverwendbares Material plastisch bleiben. Der Tod des Künstlers und die Endlichkeit seiner eigenen Arbeitsfähigkeit werden damit nicht nur biografischer Hintergrund, sondern Maßstab der notwendigen Übergabe.

XV. documenta als Verortungs-, Gegenprüfungs- und Übergaberaum

30. Von der Bewerbung zur institutionellen Selbstprüfung

Die documenta erscheint im heutigen Forschungsstand nicht nur als gewünschter Ausstellungsort. Sie wird selbst zu einer Verortungsfrage: Wo befindet sich Kunst innerhalb einer Gesellschaft, die über enorme Wissens- und Herstellungsmacht verfügt und zugleich ihre Existenzbedingungen schädigt?

Das Lebenswerk könnte dort zwei Funktionen verbinden. Zum einen würde die Werkgenese sichtbar: von Naturbeobachtung und Handwerk über Experimentelle Umweltgestaltung, asymmetrische Modelle, Malbücher, gesellschaftliche Versuchsanordnungen, Geburtshöhlen und Partizipatorisches Welttheater bis zur Globalen Schwarm-Intelligenz. Zum anderen würden dieselben Verfahren im So-Heits-Atelier gegenwärtig angewendet.

Damit wäre die Retrospektive keine Grabkammer und das Atelier keine geschichtslose Workshopzone. Vergangenheit und Gegenwart würden einander prüfen.

Die documenta-Bewerbungen selbst gehören in diesen Zusammenhang. Schneckenburger, die asymmetrischen Automodelle, das Entelechie-Museum, die Geburtshöhlen, die archetypische Hochzeit und die globale Handlungsverantwortlichkeit bilden eine institutionelle Langzeitspur.

Allerdings darf diese Spur nicht als automatischer Beweis verwendet werden, dass die documenta das Werk fünfzig Jahre lang „übersehen“ habe. Sie ermöglicht eine offenere Frage: Welche Kategorien, Vermittlungsformen und institutionellen Bedingungen machten bestimmte Werkzusammenhänge sichtbar oder unsichtbar?

Der Satz „Die documenta 16 hat bereits begonnen“ ist deshalb künstlerisch sinnvoll, wenn er bedeutet, dass Forschung, Archivierung, Auswahl und öffentliche Vorbereitung bereits Teil des Werkes sind. Er ist keine Behauptung über den offiziellen Status der Ausstellung.

XVI. Gesamtarchitektur des heutigen Forschungsansatzes

31. Vom Lebenswerk zum rekursiven Prüfverfahren

Die Gesamtentwicklung lässt sich heute erstmals relativ klar als rekursiver Prozess lesen.

Die erste Bewegung ist Verortung. Der Mensch beginnt nicht bei null. Körper, Material, Sprache, Geschichte, Wasser, Boden, Rollen und andere Menschen sind bereits vorhanden.

Die zweite Bewegung ist Vergegenständlichung. Eine Vorstellung wird zu Bild, Wort, Objekt, Rolle, Folie oder Modell. Dadurch wird sie gemeinsam wahrnehmbar.

Die dritte Bewegung ist Tätigkeit. Die Vorstellung greift über Handlungen in Materialien, Körper und Beziehungen ein.

Die vierte Bewegung ist Gegenüberstellung. Erwartung trifft Verlauf, Rolle trifft Körper, Preis trifft Materialgeschichte, Eigentum trifft Boden, technische Teilfunktion trifft Gesamtfolge, menschliche Antwort trifft KI-Antwort.

Die fünfte Bewegung ist Revision. Folgen werden dokumentiert, an die Ausgangsform zurückgeführt, verglichen, korrigiert, repariert oder führen zum Loslassen einer untragfähigen Konstruktion.

Danach beginnt eine neue Verortung. Die Architektur ist kein linearer Lehrgang, sondern ein Kreislauf:

Verorten – vergegenständlichen – tätig werden – vergleichen – korrigieren – neu verorten.

In diesem Kreislauf erhalten die einzelnen Bereiche ihre genaue Stellung. Der Forschungsgrund stellt die Frage. Der Werk-Anker sichert ihre historische Entstehung. Trag- beziehungsweise Plexuswirklichkeit bezeichnet das Gegenüber. Der Sensorenanker untersucht Wahrnehmung und Spur. Begriffshandwerk analysiert Ausschnitt, Benennung und Zuschreibung. E1–E4 ordnet Konsequenz und Rückbindung. 51:49 kalibriert vorläufige Priorität und Revisionsoffenheit. Prüfobjekte stellen Widerstand her. Folien und Schablonen machen Beziehungen sichtbar. Das Mitmachbuch bewahrt individuelle Prüfwege. Tausend Tische bilden die soziale Netzstruktur. KI erweitert den Vergleich. Die Globale Schwarm-Intelligenz versucht, daraus eine dauerhafte öffentliche Rückkopplungsarchitektur zu entwickeln. Die So-Heits-Gesellschaft ist die gesellschaftliche Zielprojektion; das So-Heits-Atelier ihre räumliche Versuchsanordnung.

XVII. Doppelungen und begriffliche Unklarheiten

32. Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit und Verletzungswelt

Die Begriffe sind noch nicht vollständig stabilisiert.

Eine jüngere Fassung setzt Plexuswirklichkeit als umfassenden Zusammenhang, Tragwirklichkeit als darin unverzichtbare Existenzbedingungen und Verletzungswelt als Erscheinung tatsächlicher Folgen. Eine andere bereits gefestigte Werkkommunikation verwendet Tragwirklichkeit als obersten Leitbegriff.

Diese Spannung sollte künftig bewusst aufgelöst werden. Die sinnvollste Arbeitsteilung scheint: Tragwirklichkeit als öffentlich verständlicher Leitbegriff; Plexus als Strukturbegriff der Verflechtung; Verletzungswelt als Folgenbegriff.

33. Plastisches Ich, Kopplungs-Ich, Geltungs-Ich und Skulpturidentität

Hier hat die Forschung zu viele Zwischenbegriffe erzeugt.

Die neueste Ich-Korrektur sollte Priorität erhalten: E2 = leibliche Selbstreferenz; E3 = symbolische Selbstinterpretation. Innerhalb von E3 lässt sich zwischen plastisch rückgebundenem Ichbewusstsein und Skulpturidentität unterscheiden.

Kopplungs-Ich und Geltungs-Ich bleiben starke Vermittlungsbegriffe, sollten aber nicht als zusätzliche ontologische Ebenen behandelt werden.

34. Lücke und Lochprozess

Diese Unterscheidung ist nun relativ klar und sollte nicht wieder verwischt werden:

Lücke ist der produktive Raum der Differenz, des Nichtwissens und des Lernens. Lochprozess bezeichnet den Verlust einer notwendigen Beziehung beziehungsweise Rückkopplungsmöglichkeit.

Die Membran ist ein Modell einer Grenze, die Differenz schützt, ohne Rückkopplung vollständig abzuschneiden.

35. Prüfoperator, Prüfanker, Begriffshandwerk und E4

Diese vier Begriffe erfüllen unterschiedliche Aufgaben.

Der Prüfoperator ist die Handlung des Prüfens. Ein Prüfanker ist eine verbindliche Referenz oder Grundregel. Begriffshandwerk ist die Anwendung auf Sprache und Zuschreibung. E4 bezeichnet die Stelle, an der eine Rückmeldung tatsächlich revisionswirksam wird.

Das Begriffshandwerk sollte nicht mehr als separater Hauptanker geführt werden, sondern in den Prüf-Anker integriert werden.

36. 51:49, plastische symmetria und Differenzialprinzip

51:49 sollte nicht mehr alle Funktionen gleichzeitig tragen. Es bleibt das stärkste Minimalbild für Asymmetrie und Revisionsoffenheit.

„Plastische symmetria“ kann das angemessene dynamische Verhältnis bezeichnen.

„Differenzialprinzip“ kann, wenn überhaupt, als allgemeiner forschungskünstlerischer Prozessbegriff dienen. Wegen seiner wissenschaftlichen Vorbelegung sollte der Begriff sparsam verwendet werden.

37. Menschenwerk, Menschenkunstwerk und zweite wilde Natur

„Menschenwerk“ ist der neutrale Oberbegriff für Hervorgebrachtes.

„Menschenkunstwerk“ ist eine künstlerische Verantwortungsfigur, darf aber nicht zur Formel „Alles ist Kunst“ führen.

„Zweite wilde Natur“ bezeichnet die kritische Diagnose einer Menschenwelt, deren eigene Ordnungen unzureichend an ihre Voraussetzungen und Folgen zurückgebunden sind.

XVIII. Mögliche Vereinfachung

38. Vier Fragen als Eingangstür in den gesamten Forschungsapparat

Der Forschungsapparat ist inzwischen so umfangreich, dass eine zweite Ebene der Vermittlung notwendig geworden ist. Die einfachste Fassung kann auf vier Fragen zurückgeführt werden:

Was trägt? Was stelle ich mir vor? Was tue ich aufgrund dieser Vorstellung? Was kommt tatsächlich zurück?

„Was trägt?“ öffnet Tragwirklichkeit, E1 und E2.

„Was stelle ich mir vor?“ öffnet Begriff, Symbol, Rolle, Eigentum, Vorgabebild und E3.

„Was tue ich?“ öffnet technē, Handwerk, Gestaltung und Tätigkeitskonsequenz.

„Was kommt zurück?“ öffnet Erfahrung, Sensorik, Gegenüberstellung, E4, Revision und Reparatur.

Die gesamte übrige Theorie sollte für Besucher zunächst hinter diesen Fragen zurücktreten. 51:49, Lochprozess, Plastik/Skulptur, Folien, Mitmachbuch und KI werden dann Werkzeuge, die bei Bedarf hinzukommen.

Diese Vereinfachung ist methodisch bedeutend. Die Forschungskunst kritisiert selbst die Überlastung des Menschen durch abstrakte Systeme. Sie darf deshalb nicht am Eingang ein eigenes Begriffssystem errichten, das zuerst gelernt werden muss, bevor überhaupt Erfahrung möglich wird.

XIX. Noch fehlende Verbindungen

39. E2/E3-Schwelle

Die wichtigste theoretische Baustelle ist die neue Beschreibung des Übergangs von leiblicher Selbstreferenz zu symbolischem Ichbewusstsein.

Die Forschung muss genauer untersuchen, wie Wahrnehmung, Sprache, Erinnerung, Rollenübernahme und gesellschaftliche Anerkennung dabei zusammenwirken, ohne daraus eine neue spekulative Anthropologie zu machen.

40. Sensorenanker und Lochprozess

Der Lochprozess muss operationalisierbar werden. Es reicht nicht mehr zu sagen, eine Rückkopplung sei „abgeschnitten“.

Zu unterscheiden wäre, ob keine Spur entsteht, eine Spur nicht wahrgenommen wird, ein Sensor fehlt, eine Übersetzung scheitert, eine Institution keine Kategorie besitzt oder die Rückmeldung zwar erkannt wird, aber keine revisionsfähige Stelle erreicht.

Gerade diese Verbindung könnte aus dem bildstarken Lochbegriff ein präzises Diagnoseverfahren machen.

41. Zeit

Die 24-Stunden-Uhr, Millisekunden-Mensch, Verzögerung von Folgen, Regeneration, Beschleunigung und Lernen verwenden alle Zeit, sind jedoch noch nicht zu einem gemeinsamen Zeitmodell verbunden.

Besonders wichtig wäre die Frage nach unterschiedlichen Rückkopplungsgeschwindigkeiten: Wirtschaftliche Entscheidungen können in Sekunden erfolgen, biologische Regeneration Jahrzehnte oder Jahrhunderte benötigen.

42. Macht und differenzierte Verantwortung

Die bisherige Rede vom „Menschen“ ist teilweise noch zu gleichförmig.

Ein Kind, eine Pflegekraft, ein armer Haushalt, ein Konzernvorstand, ein Eigentümer großer Ressourcen und eine Regierung verfügen nicht über dieselbe Macht.

Das Modell braucht daher eine explizite Achse aus Wissen, Verfügung, Nutzen, Zwang, Risiko und Revisionsmöglichkeit.

Ohne diese Ergänzung könnte die Forderung nach „globaler Handlungsverantwortlichkeit“ ausgerechnet diejenigen moralisch belasten, die am wenigsten Entscheidungsmacht besitzen.

43. Institutionen

Zwischen Skulpturidentität des Einzelnen und planetarer Zerstörung liegt eine mittlere Ebene: Unternehmen, Verwaltungen, Parteien, Staaten, Hochschulen, Gerichte, Märkte und technische Plattformen.

Sie sind bisher noch nicht so differenziert ausgearbeitet wie Individuum und planetarischer Plexus.

Gerade dort entscheidet sich jedoch häufig, ob Rückmeldung revisionswirksam werden kann.

44. Emotion, Status, Angst und Belohnung

Warum hält der Mensch an einem System fest, obwohl er Widersprüche wahrnimmt?

Die bisherige Forschung erklärt viel über Rolle, Eigentum und Geltung, aber noch weniger über Angst, Zugehörigkeit, Anerkennung, Gewohnheit, Scham, Status und Belohnung.

Diese Dimension muss ergänzt werden, ohne in eine pauschale Psychologisierung zurückzufallen.

Das Feuerkäfigbild könnte dafür ein wichtiger Prüfgegenstand werden: Warum bleibt jemand in einem gefährlichen, aber sozial abgesicherten System?

45. Fürsorge, Pflege und positive Rückkopplung

Die Forschung hat Zerstörung, Verletzung und Reparatur stark entwickelt, aber die positive Seite des Tragens noch schwächer.

Pflege, Fürsorge, Regeneration, Geduld, Wartung und unsichtbare Erhaltungsarbeit müssten viel stärker als Tätigkeitsformen untersucht werden.

Gerade dadurch könnte Tragwirklichkeit aus einer vorwiegend warnenden Kategorie zu einer positiven Gestaltungskategorie weiterentwickelt werden.

46. Ökonomie jenseits der Beutemetapher

Kaufen und Verkaufen dürfen nicht ausschließlich aus Beute, Tarnung und Täuschung abgeleitet werden.

Märkte können Versorgung, Arbeitsteilung und Austausch organisieren und zugleich Macht, Externalisierung und Täuschung ermöglichen.

Die Forschung braucht deshalb Vergleiche zwischen Markt, Gemeingut, Genossenschaft, öffentlicher Versorgung, Schenkung, Tausch und anderen Eigentumsformen.

Nur dann kann aus der Kritik eine Reparaturfähigkeit entstehen.

47. Archivische Beweisführung

Die wichtigste praktische Forschung bleibt die genaue Verknüpfung heutiger Begriffe mit historischen Originalen.

Dazu gehören Werkdaten, Maße, Materialien, Fotografien, Tagebuchstellen, Presse, Briefe, Bewerbungsunterlagen, damalige Aussagen und heutige Interpretationen.

Besonders wichtig sind die Erstfassung der Experimentellen Umweltgestaltung, die documenta-Bewerbungen, die Dokumentaraufnahme mit Manfred Schneckenburger, die asymmetrischen Automodelle, die Entwicklung der Geburtshöhlen, die Konzepte zu documenta XI, XII und 14 sowie die Entstehung späterer Begriffe.

Diese Archivarbeit soll nicht beweisen, dass die heutige Theorie schon damals vorhanden war. Sie soll genau zeigen, wo ein praktisches Problem bereits vorhanden war und wann daraus ein heutiger Begriff entstand.

48. Eine Gegeninstallation gegen die eigene Theorie

Die konsequenteste noch fehlende Verbindung ist eine öffentliche Gegenprüfung der Forschungskunst selbst.

Eine solche Gegeninstallation müsste die stärksten Einwände sichtbar machen: Natur ist kein eindeutiger moralischer Maßstab; Tragfähigkeit kann autoritär definiert werden; 51:49 kann willkürlich werden; technē kann romantisiert werden; Rollen können schützen und nicht nur gefangen halten; Eigentumsrechte können Verletzbarkeit schützen; Märkte sind nicht nur Beutesysteme; KI-Vergleiche können Scheingenauigkeit erzeugen; Beteiligung kann manipulativ sein; das späte Theoriegebäude kann frühere Werke überformen.

Diese Gegeninstallation wäre keine Schwächung des Werkes. Sie wäre wahrscheinlich seine stärkste E4-Anwendung. Eine Forschungskunst, die ihre eigenen Gegenargumente nicht zulässt, würde ihre Begriffe selbst zur Goldschrift machen.

XX. Gesamtform der Forschungskunst

Aus der gesamten Rekonstruktion entsteht kein geschlossenes philosophisches System, sondern eine Forschungskunst der menschlichen Wirklichkeitsherstellung und ihrer Rückprüfung.

Ihr Ursprung liegt im Material, in der Naturbeobachtung, im Handwerk, in Fotografie, Werbung und bildhauerischer Tätigkeit. Ihr erster methodischer Durchbruch besteht darin, das Kunstwerk vom fertigen Objekt zur Versuchsanordnung zu erweitern. Wasser, Material, Bild, Rolle und Rezipient werden Gegenüber.

Der zweite Schritt öffnet das Werk gesellschaftlich. Vorgabe, Malbuch, Roter Punkt, Schultafel, Theater, Demokratiewerkstatt und Tausend Tische machen die menschliche Spur vergleichbar.

Der dritte Schritt erkennt, dass auch Begriffe, Eigentum, Rollen, Preise und Selbstbilder Menschenwerke sind. Aus Darstellungskritik entsteht Eigenschafts- und Begriffshandwerk.

Der vierte Schritt entwickelt aus Asymmetrie, Rückkopplung und Unterscheidung 51:49, Plastik/Skulpturalisierung, Lücke, Lochprozess, Trag- und Plexuswirklichkeit.

Der fünfte Schritt ordnet diese Elemente im Vier-Ebenen-Modell und in der neuen Ankerarchitektur.

Der sechste Schritt übersetzt die Theorie zurück in künstlerische Werkzeuge: Prüfobjekte, Folien, Schablonen, Mitmachbuch, Tausend Tische und So-Heits-Atelier.

Der siebte Schritt öffnet den Prozess zeitlich und räumlich durch KI und Globale Schwarm-Intelligenz.

Der achte und methodisch wahrscheinlich entscheidende Schritt besteht darin, die gesamte Konstruktion wieder ihrem eigenen Verfahren auszusetzen.

Damit lässt sich der heute erreichte Kern sehr knapp formulieren:

Der Mensch steht nicht außerhalb der Wirklichkeit, die er gestaltet. Er wird getragen, nimmt wahr, erzeugt Ausschnitte und Begriffe, schreibt Eigenschaften zu, entwickelt Rollen, Dinge, Institutionen und technische Systeme und handelt aufgrund dieser Menschenwerke. Seine Tätigkeiten greifen wiederum in die materiellen, lebendigen und gesellschaftlichen Bedingungen ein, von denen er selbst abhängig bleibt.

Der entscheidende Zivilisationsfehler liegt nach der gegenwärtigen forschungskünstlerischen Hypothese deshalb nicht darin, dass Menschen überhaupt Symbole, Technik, Eigentum, Rollen oder Institutionen erzeugen. Er entsteht dort, wo diese Hervorbringungen ihren Herstellungscharakter vergessen, sich skulpturalisieren und ihre Rückkopplungspflicht verlieren.

Forschungskunst versucht, diese Menschenwerke plastisch zu halten: durch Verortung, Gegenüberstellung, Materialwiderstand, Spur, Zweifel, Begriffshandwerk, Tätigkeitskonsequenz, öffentliche Revision, Reparatur und Loslassen.

Das So-Heits-Atelier ist die räumliche Versuchsanordnung dieser Methode.

Das Mitmachbuch bewahrt die individuelle Spur.

Die Tausend Tische bilden ihre analoge soziale Vorgeschichte.

Die Globale Schwarm-Intelligenz bildet ihre noch zu entwickelnde digitale Rückkopplungsarchitektur.

Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet das offene gesellschaftliche Entwicklungsfeld.

Und die vielleicht einfachste heute erreichbare Grundformel lautet nicht mehr als:

Was trägt? Was stelle ich mir vor? Was tue ich aufgrund dieser Vorstellung? Was kommt tatsächlich zurück?

An diesen vier Fragen kann der gesamte bisher entstandene Forschungsapparat immer wieder neu geprüft werden.

Forschungskunst als Entwicklung einer öffentlichen Wirklichkeits-, Tätigkeits- und Überzeugungsprüfung

Methodischer Ausgangspunkt der Rekonstruktion

Der bisherige Forschungsdialog ergibt keine geradlinige Theoriegeschichte, in der bereits am Anfang alle heutigen Begriffe vorhanden gewesen wären. Er zeigt vielmehr einen plastischen Werkprozess, in dem praktische Erfahrungen, künstlerische Versuchsanordnungen, gesellschaftliche Aktionen, institutionelle Erfahrungen und erst sehr viel später begriffliche Verdichtungen aufeinander zurückwirken. Diese Unterscheidung ist methodisch entscheidend. Ein Werk von 1975 kann heute als Vorform eines Lochprozesses oder des Vier-Ebenen-Modells gelesen werden; daraus folgt aber nicht, dass diese Begriffe 1975 schon formuliert waren. Die verbindliche Werklogik unterscheidet deshalb zwischen dem, was damals ausdrücklich formuliert wurde, was damals praktisch angelegt war, was später erkannt wurde und was heute begrifflich verdichtet wird.

Ebenso müssen vier unterschiedliche Belegzustände auseinandergehalten werden. Historisch beziehungsweise werkbiografisch belegbar sind Ausbildung, datierbare Werke, Fotografien, Tagebücher, Briefe, Ausstellungen, Aktionen, Gruppenarbeiten und Bewerbungsunterlagen, soweit sie im Archiv nachgewiesen werden können. Wissenschaftlich anschlussfähig oder überprüfbar sind beispielsweise Materialeigenschaften, Membrantransport, Osmose, Strömung, Erdgeschichte oder sprachgeschichtliche Bedeutungen. Rückblickende Werkinterpretationen sind Zusammenhänge, die sich aus wiederkehrenden Arbeitsformen ergeben, damals aber noch nicht ausdrücklich so benannt wurden. Forschungskunst-Begriffe und Hypothesen sind unter anderem Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, 51:49, Lochprozess, plastisches Ich, Skulpturidentität, Symmetriedualismus, 1:99, Globale Schwarm-Intelligenz als E4-Architektur, So-Heits-Gesellschaft und So-Heits-Atelier.

Diese Unterscheidung ist nicht nur wissenschaftliche Vorsicht. Sie gehört bereits zum Inhalt der Forschung. Eine Forschungskunst, die ihre eigenen Begriffe mit der Wirklichkeit verwechselt, würde genau jene Skulpturalisierung wiederholen, die sie kritisiert.

1. Forschungsgrund: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen?

Der Forschungsgrund ist nicht aus einer einzelnen philosophischen Lektüre hervorgegangen. Seine Wurzeln liegen in Naturbeobachtung, handwerklicher Tätigkeit, Fotografie, Werbung, Bildhauerei, gesellschaftlicher Erfahrung und der frühen Beschäftigung mit menschengemachten Katastrophen. Die heute verdichtete Leitfrage lautet: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, lernen, messen, darstellen, herstellen und korrigieren kann?

Die entscheidende Verschiebung innerhalb des langen Gesprächs bestand darin, diese Frage nicht mehr als allgemeine anthropologische Anklage zu behandeln. Der Mensch kann in vielen begrenzten Tätigkeitsfeldern außerordentlich gut lernen. Ein Maschinenteil passt oder passt nicht. Ein Deich hält unter bestimmten Bedingungen oder versagt. Ein Material bricht, verschleißt oder verformt sich. Ein Organismus reagiert auf Belastung. Die eigentliche Forschungsfrage wurde deshalb präziser: Warum funktionieren Rückkopplung und Korrektur in begrenzten technischen oder handwerklichen Bereichen, während sie auf der Ebene gesellschaftlicher Gesamtfolgen unterbrochen werden können?

Daraus entstand die Untersuchung von Prüfmaßstäben. Etwas kann innerhalb eines Finanzsystems erfolgreich sein und gleichzeitig ökologische oder soziale Schäden erzeugen. Eine Ware kann sich hervorragend verkaufen und dennoch unter Bedingungen hergestellt werden, die außerhalb der Kaufhandlung unsichtbar bleiben. Eine technische Anlage kann ihre vorgesehene Teilfunktion erfüllen und trotzdem langfristige Schäden verursachen. „Funktionieren“ darf deshalb nicht ohne Ergänzung stehen. Gefragt werden muss: Für wen? Innerhalb welchen Auftrags? Für welchen Zeitraum? Unter welchen Voraussetzungen? Mit welchen Nebenfolgen? Und wer trägt sie?

Methodisch wurde damit aus einer Katastrophenfrage eine Rückkopplungsfrage. Zielprojektion ist nicht die endgültige Antwort auf die Menschheit, sondern eine Kultur, in der Tätigkeitsfolgen wieder an die Vorstellungen, Entscheidungen und Institutionen zurückkehren können, aus denen die Tätigkeit hervorging.

2. Werkgenese: vom Handwerk zur Forschungskunst

Die Werkgenese beginnt nicht im Kunstbetrieb. Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 brachte Maß, Passung, Toleranz, Funktion, Materialwiderstand, Fehler, Ausschuss und Reparatur als praktische Erfahrungen hervor. In der Werkstatt ist die Vorstellung nicht souverän. Das Werkstück antwortet. Diese Erfahrung wird später zum grundlegenden Prüfgedanken: Nicht die Behauptung entscheidet, sondern die Passung zwischen Vorstellung, Tätigkeit, Material und Ergebnis.

Die Fotografie von 1968 bis 1973 fügte einen zweiten Erkenntnisraum hinzu. Ein Foto ist nicht das Ereignis. Es ist Auswahl, Ausschnitt, Perspektive, Zeitpunkt und Darstellung. Dadurch entstand früh die Erfahrung, dass der Mensch Wirklichkeit nur über Ausschnitte bearbeitet. Der Ausschnitt ist notwendig; gefährlich wird er, wenn das Ausgelassene vergessen wird. Darin liegt bereits ein Vorläufer der späteren Dingselektion und des Lochprozesses.

Die Werbearbeit führte zu einer dritten Erfahrung. Gegenstände erhalten Eigenschaften, die nicht als physikalische Eigenschaften in ihnen liegen: Freiheit, Schönheit, Jugend, Prestige, Erfolg, Zugehörigkeit. Werbung zeigte praktisch, wie hineingedachte Eigenschaften reale Tätigkeiten hervorrufen können. Die spätere Symbol- und Eigenschaftslehre der Forschungskunst geht deshalb nicht nur aus philosophischer Semiotik hervor, sondern aus konkreter Erfahrung mit der Herstellung gesellschaftlicher Bedeutungen.

1973/74 verdichtete sich die Frage „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“. Das Bildhauereistudium an der HBK Braunschweig von 1974 bis 1980 führte diese Frage in Material-, Umwelt- und Versuchsanordnungen hinein. Die Experimentelle Umweltgestaltung von 1975/76 war keine bereits fertige Theorie von Tragwirklichkeit oder E1 bis E4. Sie war der frühe Versuch, bildnerische, plastische, fotografische, technische, naturbezogene und gesellschaftliche Verfahren nicht wieder in getrennte Disziplinen auseinanderfallen zu lassen.

Wellenbecken, Strömungsversuche, Deichmodelle und asymmetrische Formversuche waren entscheidend. Ein gezeichneter Wirbel wirbelt nicht. Ein Bild eines Exzenters erzeugt keine mechanische Bewegung. Das Modell und der reale Vorgang müssen unterschieden werden. Hier entstand praktisch die Kette Vorstellung – Herstellung – Antwort – Korrektur. Erst sehr viel später wurde daraus eine explizite Forschungskunstmethodik.

Die Vorgabebilder und Erwachsenenmalbücher ab Mitte der 1970er-Jahre verschoben das Problem zum Rezipienten. Eine Vorgabe führt, aber sie darf den anderen nicht vollständig bestimmen. Der Beteiligte kann ergänzen, widersprechen, übermalen oder die Grenze verlassen. Damit entstand bereits ein Verhältnis, das heute mit 51:49 beschrieben werden kann: genügend Vorgabe, damit ein gemeinsamer Zusammenhang entsteht, genügend Offenheit, damit eine eigene Spur möglich bleibt.

Theater-, Rollen- und Beteiligungsarbeiten erweiterten diese Erfahrung. Die Rolle konnte übernommen, unterbrochen und gewechselt werden. Damit wurde praktisch sichtbar, dass Rolle und Mensch nicht identisch sind. Aus dieser Werkspur ging Jahrzehnte später die begriffliche Unterscheidung zwischen plastischem Ich und Skulpturidentität hervor.

Die Schultafelarbeiten brachten ein weiteres Grundprinzip ein: Löschbarkeit als Qualität. Eine Setzung kann deutlich sichtbar sein und trotzdem Zukunft besitzen. Die spätere Gegenüberstellung von Kreide und Gold entstand daraus. Gold kann eine Aussage aufwerten, aber ihre Korrigierbarkeit zerstören. Was gesellschaftlich als wertvoll gilt, kann funktional minderwertig sein.

Ab 1990 verlagerte sich die Forschung verstärkt in gesellschaftliche Versuchsanordnungen. Demokratiewerkstätten, Temporäre Kunsthalle, Sozialer Organismus Katharsis, Grenzarbeiten, Globales Dorffest und die Tausend Tische machten Öffentlichkeit selbst zum Werkmaterial.

Eine zentrale Korrektur betrifft die Phase ab 1993. Die späteren documenta-Arbeitsgrundlagen dürfen nicht als ausschließlich individuelle Projektvorschläge Wolfgang Fenners dargestellt werden. Sie waren Arbeitsgrundlagen der Künstlergruppe Kollektive Kreativität. Unterschiedliche Wahrnehmungen und Fähigkeiten sollten miteinander wirken, ohne durch ein einziges Zentrum vollständig bestimmt zu werden. Wolfgang Fenner übernahm hierbei die Rolle des Inszenators: Er entwickelte Ausgangsräume, Bildfiguren, Werkzeuge, Fragestellungen und Beteiligungsbedingungen; das entstehende Werk sollte durch Beiträge, Reaktionen und Rückkopplungen der Kollektiven Kreativität hervorgebracht werden.

Diese Korrektur verändert auch die documenta-Geschichte. Die Konzepte wurden nicht nach Eröffnung der jeweiligen Ausstellung an deren fertiges Programm angepasst, sondern mindestens ungefähr ein Jahr vorher beziehungsweise auf Grundlage noch älterer Arbeitsprozesse eingereicht. Die documenta-X-Bewerbung wurde etwa 1996 für die Ausstellung von 1997 formuliert. Das hunderttägige Labor, der „Wettbewerb des Miteinanders“, die Verbindung verschiedener Wissensfelder und die Internet-Rückkopplung waren damit eigenständige Vorarbeiten während der Vorbereitungsphase der documenta, nicht nachträgliche Reaktionen auf Catherine Davids fertige Ausstellung.

Daraus folgt für die weitere historische Forschung eine strenge Regel: Ähnlichkeiten mit späteren documenta-Programmen können als Parallelentwicklung oder mögliche Vorwegnahme untersucht werden. Eine direkte Übernahme durch Kuratoren darf nur behauptet werden, wenn konkrete Dokumente, Korrespondenzen oder andere Belege dafür gefunden werden.

3. Wirklichkeitsverständnis: von Umwelt zu Tragwirklichkeit und Plexus

Der Begriff „Umwelt“ wurde im Forschungsdialog zunehmend problematisch. Er kann den Eindruck erzeugen, ein bereits fertiges Subjekt stehe in der Mitte und die Welt befinde sich außen um es herum. Die Experimentelle Umweltgestaltung zielte praktisch schon stärker auf ein Milieu: einen Zusammenhang, in dem der Mensch selbst materiell, körperlich, sozial und zeitlich enthalten ist.

Daraus entstanden später mehrere Begriffe: vorausliegende Welt, Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Tragwesen und Tragbewusstsein. Sie dürfen nicht synonym verwendet werden. Tragwirklichkeit bezeichnet heute am sinnvollsten die nicht beliebig setzbaren materiellen und lebendigen Bedingungen menschlicher Existenz. Plexus bezeichnet die Beziehungsstruktur dieser Wirklichkeit: Überlagerung, Kreuzung, Abhängigkeit, Spannung, Elastizität, Verletzung und Rückkopplung. Vorausliegende Welt bezeichnet ihre zeitliche Priorität gegenüber menschlichen Begriffen und Institutionen.

Im jüngsten Gespräch wurde dieses Wirklichkeitsverständnis noch radikaler geklärt. Es gibt kein metaphysisches „Außen“, in das Tätigkeitsfolgen verschwinden könnten. Müll, Emissionen, ökonomische Lasten, Gewalt oder Abwärme können räumlich, sozial oder institutionell ausgelagert werden, aber sie verlassen die gemeinsame Wirklichkeit nicht. Innen und Außen sind Funktionen oder Richtungen innerhalb eines Zusammenhangs, keine getrennten Substanzen.

Dazu kam die Unterscheidung zwischen Verletzungswelt beziehungsweise Verwirklichungswelt und einer symbolisch konstruierten Unverletzlichkeitswelt. Die Verletzungswelt ist die Wirklichkeit, in der Körper verletzt werden, Material bricht, Wasser fließt, Ressourcen erschöpft werden, Konstruktionen altern und Handlungen Folgen haben. Die Unverletzlichkeitswelt bezeichnet dagegen Vorstellungen von vollständiger Autonomie, absolutem Eigentum, unendlichem Wachstum, unsterblicher Seele, perfekter Identität oder folgenloser Verfügung. Diese Unverletzlichkeitswelt ist kein zweiter ontologischer Kosmos. Sie ist selbst ein Vorgang in derselben materiellen Wirklichkeit: Gedanken, Texte, Institutionen und Computer besitzen materielle Träger. Der Unterschied betrifft ihre Geltungsbehauptung, nicht ihre metaphysische Existenz.

Damit wurde ein älteres Problem gelöst: Die Forschungskunst darf nicht selbst einen neuen Dualismus von „wirklicher Naturwelt“ und „unwirklicher Symbolwelt“ erzeugen. Symbole, Geld, Recht, Eigentum und Rollen sind wirklich wirksam, aber auf andere Weise wirklich als Gravitation, Stoffwechsel oder Temperatur.

4. Begriffsbildung: vom Ding zum Verhältnis

Aus Fotografie, Werbung, Handwerk, Eigentumsarbeiten und gesellschaftlichen Rollen entstand eine zunehmend genaue Untersuchung dessen, was geschieht, wenn der Mensch einen Wirklichkeitsausschnitt auswählt und als „Ding“ stabilisiert.

Die notwendige Grundbewegung lautet zunächst: Selektion. Um etwas untersuchen zu können, muss der Mensch auswählen. Wissenschaft benötigt Untersuchungsgegenstände, Fotografie Bildausschnitte, Verwaltung Zuständigkeiten, Sprache Wörter und Kunst Objekte. Diese Auswahl ist nicht der Fehler. Der Fehler beginnt, wenn der ausgewählte Teil seine Beziehungen verliert und anschließend als vollständige Wirklichkeit behandelt wird.

Aus dem jüngsten Gespräch ergibt sich dafür eine präzise destruktive Kette: Selektion – Abgrenzung – Benennung – Verdinglichung – Quantifizierung – Vergleichbarkeit – Verwertung – Externalisierung von Folgen. Diese Kette ist kein zwingendes Gesetz. Jeder Schritt kann auch produktiv sein. Sie beschreibt die mögliche Verhärtung einer notwendigen Erkenntnishandlung.

Demgegenüber entwickelte sich eine plastische Kette: Wahrnehmung – offengelegte Selektion – Beziehungskartierung – Referenzbildung – Toleranzprüfung – Tätigkeit – Konsequenz – Rückmeldung – Korrektur.

Damit wird der entscheidende Unterschied zwischen Dingwelt und Forschungskunst deutlich: Beide beginnen mit einem Teil. Die Dingreduktion behandelt den Teil schließlich als Stellvertreter des Ganzen; die plastische Referenzmethode benutzt den Teil als Prüfsonde und dokumentiert ausdrücklich, was er nicht erklärt.

Diese Korrektur ist besonders wichtig für Zellmembran, Mäander, Doppelspirale oder Kaffeefilter. Auch diese sind ausgewählte Teilmodelle. Sie dürfen nicht zu neuen Totalsymbolen erhoben werden.

5. Lochprozesse: von der produktiven Lücke zum verlorenen Rückweg

Der Begriff Lochprozess gehörte nicht von Beginn an zur Forschungskunst. Er ist eine spätere Verdichtung älterer Motive: Aussparung, Höhle, Öffnung, Wunde, Schablone, Durchgang, Grenzbruch, unbekannter Zwischenraum, Auslassung und fehlende Rückmeldung.

Im bisherigen Gespräch musste der Begriff mehrfach korrigiert werden. Zunächst drohte jedes Loch, jede Öffnung und jede Lücke unter denselben Begriff zu fallen. Inzwischen ist eine tragfähigere Differenz entstanden.

Die Lücke ist zunächst produktiv. Zwischen Wahrnehmung und Deutung, Vorstellung und Werk, Frage und Antwort, Modell und Ergebnis liegt keine vollständige Identität. Diese Differenz macht Lernen überhaupt möglich.

Der Lochprozess entsteht dagegen dort, wo eine für die Rückkopplung notwendige Beziehung verlorengeht und dieser Verlust nicht mehr wahrgenommen wird.

Daraus entstand der präzisere Kernsatz: Der Schnitt erzeugt noch kein Loch. Das Loch entsteht, wenn der Rückweg verloren geht.

Diese Definition verbindet Erkenntnis, Gesellschaft und Tätigkeit. Der Bildausschnitt wird zum Lochprozess, wenn das Ausgeschnittene nicht mehr zurückkehren kann. Die Fachdisziplin wird zum Lochprozess, wenn ihre ausgeblendeten Folgen außerhalb ihrer Zuständigkeit bleiben. Eigentum kann zum Lochprozess werden, wenn die Verfügungsmacht von Boden-, Wasser- oder Sozialfolgen entkoppelt wird. Ein politisches System erzeugt ein Rückkopplungsloch, wenn Betroffene keine wirksame Rückmeldung an die Entscheidungsebene geben können.

Im jüngsten Gespräch wurden außerdem zwei besondere Lücken unterschieden. Die Hervorbringungslücke liegt zwischen vorbewusster Formbildung und bewusster Wahrnehmung: Gedanken, Wörter und Entscheidungen erscheinen dem Bewusstsein teilweise erst, nachdem ihre Entstehungsbedingungen bereits gearbeitet haben. Die Verwirklichungslücke liegt zwischen einer vorgestellten Setzung und den noch unbekannten Eigenschaftsfolgen ihrer Ausführung. Beide Begriffe sind forschungskünstlerische Modelle, keine etablierten neurowissenschaftlichen Kategorien.

Die Membran wurde zum Gegenbild des Rückkopplungslochs. Eine biologische Zellmembran ist keine vollkommen geschlossene Wand, sondern eine selektiv durchlässige Grenzstruktur; Membranproteine regulieren Transport und Signalbeziehungen zwischen Zellinnerem und Umgebung. (NCBI) Die künstlerische Übertragung lautet: Der Lochprozess verliert den Rückweg; die Membran organisiert einen geregelten Rückweg. Die Übertragung auf Institutionen, Identitäten oder Begriffe bleibt eine Analogie und darf nicht als biologisches Gesetz der Gesellschaft dargestellt werden.

6. Gegenüberstellung und Lernen

Eine der stabilsten Linien des gesamten Werkes ist die Gegenüberstellung. Im Handwerk stehen Soll und Ist gegenüber. In der Fotografie Bild und Ereignis. Im Wellenbecken Zeichnung und tatsächlicher Verlauf. Im Malbuch Vorgabe und eigene Spur. Im Theater Rolle und Körper. Auf der Schultafel Setzung und Löschung.

Im Gespräch wurde wichtig, Gegenüberstellung ausdrücklich vom kritisierten Dualismus zu unterscheiden. Ein Gegenüber ist eine methodisch notwendige Differenz. Ein Dualismus entsteht erst, wenn die Differenz zu zwei voneinander abgeschlossenen Welten verfestigt wird.

Daraus entwickelte sich die Formel: gegenüberstellen, ohne eine Gegenwelt zu erzeugen.

Lernen verlangt also Distanz, aber keine Isolation. Eine Vorstellung kann nur korrigiert werden, wenn etwas auftritt, das nicht vollständig von ihr kontrolliert wird: Material, ein anderer Mensch, eine Quelle, eine Messung, eine historische Spur, eine tatsächliche Konsequenz oder später die KI als Gegenleser.

Das künstlerische Dreieck Vorstellung beziehungsweise Modell – Hand beziehungsweise Tätigkeit – hervorgebrachtes Werk verdichtet diese Struktur. Die Tätigkeit vermittelt zwischen Modell und Wirklichkeit. Das Ergebnis kann dem Modell widersprechen. Gerade darin liegt Erkenntnis.

Aus der Strömungsforschung entstand außerdem die Vorstellung des dreifachen Optimums: Medium, Organismus beziehungsweise Material und Versuchsanordnung besitzen nicht notwendigerweise denselben optimalen Zustand. Dies ist kein etabliertes naturwissenschaftliches Universalmodell, sondern ein Prüfanker der Forschungskunst. Er verhindert die Verwechslung des menschlichen Mess- oder Nutzungsoptimums mit dem Lebens- oder Medienoptimum.

7. Plastik, Skulpturalisierung und die Entwicklung des Ichbegriffs

Die Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur wurde von einer bildhauerischen Arbeitsdifferenz zu einem anthropologischen Modell erweitert. Historisch werden die Begriffe in der Kunst nicht überall einheitlich verwendet. Die heutige Forschungskunst gibt ihnen deshalb ausdrücklich eine eigene operative Bedeutung.

Plastisch bezeichnet einen Prozess, der formbar, widerständig, abhängig, rückgekoppelt und korrigierbar bleibt. Skulpturalisierung bezeichnet die Verfestigung einer zeitweiligen Form zu einer scheinbar unabhängigen, selbstbegründeten und unverletzlichen Identität.

Der Körperorganismus liefert dafür das stärkste Gegenbild. Ein Mensch bleibt nicht identisch, weil er unveränderlich wäre, sondern weil Atmung, Stoffwechsel, Temperaturregulation, Heilung, Wahrnehmung und Lernen fortlaufend Veränderungen organisieren. Wissenschaftlich beschreibbar ist diese dynamische Regulation; plastisches Ich ist die daraus entwickelte Forschungskunstfigur.

Die Skulpturidentität bezeichnet demgegenüber eine symbolisch verfestigte Selbstform: Eigentümer, Kunde, Produzent, Marke, Beruf, Nation, Glaubender, Statusfigur oder vollkommen autonomes Subjekt. Rollen sind nicht an sich falsch. Problematisch wird ihre Verschmelzung mit dem ganzen Menschen.

Daraus entstand die Unterscheidung zwischen Kopplungs-Ich beziehungsweise Körperorganismus und Geltungs-Ich. Das Geltungs-Ich ist die gesellschaftlich notwendige Person aus Name, Rolle, Recht, Eigentum, Amt und Anerkennung. Die Skulpturidentität ist nicht mit diesem Geltungs-Ich identisch, sondern dessen Verhärtung.

Das jüngste Gespräch hat diese Diagnose um das Kultur-Ich erweitert. In ihm verschmelzen persönliche Wünsche, Marktanforderungen, Statusregeln, Rollenbilder, gesellschaftliche Normen und institutionelle Loyalitäten so stark, dass die kulturelle Anpassung als eigene freie Entscheidung erlebt werden kann. Der Mensch konkurriert mit anderen und bleibt zugleich loyal gegenüber dem gemeinsamen Regelwerk des Wettbewerbs. Dadurch entsteht das Bild eines Irrspiegelkabinetts der Rollenidentitäten: Als Arbeitnehmer, Konsument, Eigentümer, Anleger, Bürger oder Betroffener kann derselbe Mensch gegensätzliche Interessen vertreten und jede Rolle isoliert rechtfertigen.

Diese These ist eine Gesellschaftsdiagnose der Forschungskunst, kein empirischer Befund über alle Menschen.

8. 51:49, 49:51, 50:50 und 1:99

51:49 hat im Forschungsprozess mehrere Bedeutungsänderungen erfahren. Es darf nicht mehr als universelles Naturgesetz dargestellt werden. Wissenschaftlich gibt es keinen Beleg dafür, dass Natur, Organismen oder Gesellschaften allgemein nach einem exakten Verhältnis 51:49 funktionieren.

Die tragfähigere Fassung lautet: 51:49 ist eine künstlerische Kalibrierungsfigur für gekoppelte minimale Ungleichheit. Genügend Differenz, damit Richtung, Bewegung und Korrektur entstehen; genügend Zusammenhang, damit die eine Seite die andere nicht vernichtet.

Die jüngste Erweiterung ist entscheidend: Es geht nicht nur um 51:49, sondern um 51:49 und 49:51. Der Funktionsvorrang wandert. Was jetzt aufnimmt, kann später abgeben. Was jetzt trägt, kann später getragen werden. Was jetzt 51 ist, kann in einem anderen Zustand 49 werden. Die 49 bleibt deshalb nicht als schwacher Rest erhalten, sondern als notwendige Gegenbewegung und mögliche nächste 51.

Demgegenüber bezeichnet der 50:50-Symmetriedualismus keine wissenschaftliche Theorie von Symmetrie. Das altgriechische symmetria bezeichnet ein Zusammenmaß oder angemessenes Verhältnis und darf nicht mit moderner Spiegelgleichheit identifiziert werden. Der Symmetriedualismus ist eine Forschungskunst-Diagnose: Menschen stellen scheinbar reine Gegenpole her – Geist/Körper, Mensch/Natur, Subjekt/Objekt – und erhöhen anschließend einen Pol zum eigentlichen, höheren oder herrschenden.

Daraus kann die Bewegung 50:50 → 100-Prozent-Ideal → 99:1 → 100:0 entstehen. Die scheinbare perfekte Ordnung verwandelt sich in einseitige Herrschaft.

1:99 ist entsprechend keine statistische Weltformel. Es ist ein Warnbild für die Trennung von Verfügungsmacht und Folgenbetroffenheit. Die empirisch prüfbare Fassung lautet: Je stärker Macht über Ressourcen, Regeln und Entscheidungen von der Betroffenheit durch deren Folgen getrennt wird, desto schwächer kann die korrigierende Rückkopplung werden.

9. Erfahrung, Rückkopplung und die Doppelspirale mit fortlaufendem Meanderband

Die Erfahrung wurde im Forschungsdialog von bloßem Erleben unterschieden. Ein Erlebnis wird erst dann forschungsfähig, wenn Bedingungen, Verlauf, Abweichungen und Folgen festgehalten, vergleichbar und für spätere Korrektur zugänglich werden. Deshalb haben Kunsttagebücher, Fotografie, Video, Wiederholung, Werkarchive, Frage-Antwort-Tische und heute die digitale Plattform eine so zentrale Funktion.

Die bisherige Prozesskette wurde zunehmend differenziert. Eine brauchbare heutige Fassung lautet: Vorstellungsanregung – Bedeutungsbildung – Setzung – Tätigkeitsübertragung – Verwirklichungsfolge – Rückwirkung – Korrektur. Dadurch wird vermieden, für jeden Übergang das unscharfe Wort „Wirkung“ zu benutzen.

Die Doppelspirale mit dem fortlaufenden Meanderband verdichtet diesen Prozess bildnerisch. Eine Bewegung führt hinein: Wahrnehmen, aufnehmen, filtern, unterscheiden, verdichten. Die Gegenbewegung führt hinaus: vorstellen, formulieren, herstellen, handeln, verändern. Die Folgen kehren als Rückmeldung zurück. Das Meanderband verhindert den abgeschlossenen Kreis.

Im jüngsten Gespräch wurde die Doppelspirale mit Flussmäandern, Blutströmung, Zellmembran, Osmose und Körperorganismus verbunden. Hier ist eine wichtige wissenschaftliche Grenze festzuhalten. Zellmembranen regulieren selektiv den Stofftransport, und Osmose beschreibt Wasserbewegung in Abhängigkeit von Konzentrationsunterschieden und Membrandurchlässigkeit. (NCBI) Daraus folgt aber nicht, dass überall im Organismus dieselbe physikalische Doppelspirale vorhanden wäre.

Die methodisch tragfähige Formulierung lautet deshalb:

Nicht dieselbe Doppelspirale wiederholt sich überall. Vergleichbar wiederkehren können Verhältnisstrukturen aus Transport, Gegenbewegung, Grenzbildung, Austausch, Widerstand, Konzentration, Toleranz und Rückkopplung.

Damit erhält die Doppelspirale drei mögliche Übertragungsebenen: In manchen Fällen gibt es einen real beobachtbaren materiellen Mechanismus; in anderen nur eine strukturelle Ähnlichkeit; auf einer dritten Ebene dient sie als künstlerisches Werkzeugbild. Diese drei Ebenen müssen im Atelier kenntlich bleiben.

Der Flusslauf mit Abtragung und Anlandung wird damit nicht zur Biologie erklärt. Er wird zur Frage an die Biologie und an gesellschaftliche Systeme: Wo wird aufgenommen? Wo abgegeben? Wo lagert sich etwas ab? Wo wird etwas weggetragen? Welche Grenze verändert sich? Was geschieht bei einem Zuviel oder Zuwenig?

10. Tanglandschaft als Referenz- und Verwirklichungsmodell

Die Tanglandschaft ist inzwischen eines der wichtigsten Werkmodelle geworden. Sie zeigt keine mathematische Gesamtformel, sondern eine Sichtbarmachung von Strömungsfolgen. Wasserbewegung, Anprall, Rückprall, Energieverteilung, Materialtransport und Ablagerung erzeugen vorübergehende Formen.

Der entscheidende Gedanke lautet: Form ist die zeitweilige Sichtbarkeit eines Wirkungsverhältnisses.

Wird ein Betonblock in diese Landschaft gesetzt, verändert er die Strömung; die veränderte Strömung wirkt zugleich auf seinen Untergrund zurück. Der Block kann unterspült werden. Eine Goldoberfläche, Eigentumsbehauptung oder symbolische Bedeutung verändert diese physikalische Rückkopplung nicht.

Die Tanglandschaft wird damit zur sichtbaren Grundgrammatik der Verwirklichungswelt. Sie macht verständlich, was mit „Referenzsystem“ gemeint ist: Ein menschliches Objekt tritt nicht in eine passive Welt hinein, sondern in bereits vorhandene Beziehungen, die es verändert und die zurückwirken.

Sie darf dennoch nicht zum universellen Naturbeweis werden. Ihre methodische Stärke liegt gerade darin, Fragen über Beziehung und Rückkopplung hervorzurufen, nicht darin, alle Systeme durch Hydrodynamik zu erklären.

11. Symbol- und Eigenschaftsbildung

Aus Handwerk, Werbung, Fotografie, Eigentumsarbeiten und Rollenexperimenten entwickelte sich eine mehrstufige Eigenschaftsprüfung.

Eine Eigenschaft kann materiell vorhanden sein, etwa Masse oder Temperatur. Sie kann technisch hervorgebracht sein, etwa eine isolierende Hülle oder beschreibbare Oberfläche. Sie kann gesellschaftlich zugewiesen sein, etwa Eigentum, Amt oder Preis. Sie kann symbolisch behauptet werden, etwa ein Produkt als Verkörperung von Freiheit oder eine Person als vollkommen autonomes Individuum.

Diese Kategorien bilden keine vier getrennten Welten. Ein sozial zugewiesenes Eigentumsrecht kann Zäune, Polizeieinsätze, Rodung, Ausschluss und Bodenveränderung hervorbringen. Symbolische Eigenschaften sind deshalb nicht unwirklich. Ihre Träger- und Begründungsweise ist lediglich eine andere.

Der Quadratmeter Sand bleibt dafür ein Schlüsselobjekt. Die gedachte Eigentumsgrenze verändert die stoffliche Beschaffenheit des Sandes zunächst nicht. Wird derselbe Ausschnitt eingefroren, erhält die Grenze eine künstliche physische Stabilisierung, die Energie benötigt und beim Auftauen wieder verschwindet. Die Arbeit beweist nicht, dass Eigentum nicht existiert. Sie zeigt, dass Eigentum keine ursprüngliche Materialeigenschaft des Sandes ist.

Daraus entstand eine wichtige Vierfachunterscheidung für Zeichen: Vorstellung oder Zeichen, Bedeutung oder Geltung, Referent und tatsächliche Verwirklichungsfolge. Das Wort „Apfel“ besitzt als Laut oder Schrift materielle Eigenschaften; es kann Gedanken und körperliche Reaktionen auslösen; dennoch enthält es nicht die Nährstoffe oder Essbarkeit eines realen Apfels.

Hier verbinden sich Magritte, Werbung, Eigentum, Religion und digitale Simulation. Ein Zeichen kann eine hochwirksame Wirklichkeit erzeugen, ohne die Eigenschaften seines Referenten zu besitzen.

12. Qualität und Quantität

Im jüngsten Gespräch wurde die frühere Gegenüberstellung „Dingwelt gleich Quantität – relationale Welt gleich Qualität“ korrigiert. Diese Opposition war zu grob.

Messen und Quantifizieren sind notwendig. Salzkonzentration, Temperatur, Druck, Geldmengen, Zeit oder Materialstärke können für eine sachgerechte Prüfung unverzichtbar sein. Das Problem ist nicht Quantität, sondern entkoppelte Quantifizierung.

Qualität bezeichnet deshalb nicht einfach das Nichtmessbare. Sie fragt: Wie viel – in welchem Verhältnis – an welchem Ort – zu welchem Zeitpunkt – für welche Funktion – innerhalb welchen Toleranzraums – mit welcher Konsequenz?

Kreide und Gold bleiben das künstlerische Grundbeispiel. Gold kann teurer und dauerhafter sein, während Kreide für die Funktion einer Schultafel qualitativ besser geeignet ist, weil sie löschbar bleibt. Daraus stammt der normative Prüfgedanke: Qualität ist nicht das selten Gewordene nach der Zerstörung, sondern eine Eigenschaft eines Zusammenhangs, der seine tragende Funktion erhalten kann.

13. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

Die Sprachforschung wurde im Chat nicht als etymologisches Nebenprojekt entwickelt, sondern als Prüfung der Werkzeuge, mit denen Menschen ihre Welt ordnen.

Beim Altgriechischen wurden technē, epistēmē, phronēsis, physis, metron, symmetria, koinón und ídion untersucht. Dabei kam es zu wichtigen Korrekturen. Technē darf nicht romantisch als verlorene ideale Einheit von Kunst, Wissenschaft und Gemeinschaft dargestellt werden. Antike Gesellschaften besaßen Sklaverei, Hierarchie und Ausschluss. Der Erkenntniswert liegt begrenzter in der Verbindung von Können, Hervorbringen, Kenntnis des Verfahrens und Auskunftsfähigkeit. Ebenso darf symmetria nicht als historischer Beweis eines 50:50-Spiegelsystems benutzt werden.

Die lateinischen Linien persona, privatus, individuum, res, functio und producere wurden herangezogen, um die Entwicklung rechtlicher, ökonomischer und institutioneller Personen- und Dingbegriffe zu untersuchen. Auch hier gilt: Etymologie beweist nicht, was ein heutiger Begriff „eigentlich“ heißen müsste.

Die deutschen Wörter „Werk“, „wirken“, „Wirklichkeit“, „bewirken“, „verwirken“, „zeugen“, „prüfen“, „herstellen“, „Geschäft“ und „Kunde“ wurden zum Begriffshandwerk. Besonders wichtig wurde „zeugen“ in seiner Doppelbewegung aus Hervorbringen und Bezeugen. Daraus entstand die Formel:

Forschungskunst überzeugt nicht durch Behauptung; sie lässt Tätigkeiten und deren Folgen vor dem Menschen zeugen.

Transkulturell wurden außerdem hebräische, arabische und indische Begriffe untersucht. Diese Vergleiche müssen fachlich weiter geprüft werden. Sie dürfen weder ganze Kulturen auf einzelne passende Wörter reduzieren noch eine verlorene ursprüngliche Weltgemeinschaft konstruieren.

14. Vier-Ebenen-Modell

Das Vier-Ebenen-Modell ist eine späte begriffliche Ordnung früherer Werkverfahren. Es war nicht 1975 bereits vorhanden.

Die inzwischen klarste Fassung lautet: E1 umfasst materielle und physikalisch-chemische Bedingungen. E2 umfasst Leben, Körperorganismus, Verletzbarkeit, Stoffwechsel, Bedürfnisse, Regeneration und körperliche Tätigkeit. E3 umfasst Zeichen, Rollen, Eigentum, Geld, Recht, Institutionen, Werte, Technikentwürfe, Religion, Status und sonstige Geltungsordnungen. E4 umfasst Gegenüberstellung, Darstellung, Quellenprüfung, Kritik, Rückkopplung, Korrektur, Reparatur und erneute Erprobung.

Eine wichtige Korrektur besteht darin, E4 nicht als vierte ontologische Welt zu behandeln. E4 ist ein querliegender Prüfoperator. Eine Prüfung besitzt selbst Material, Körper, Sprache und Institutionen und gehört insofern ebenfalls zu E1–E3. Seine besondere Funktion besteht darin, diese Ebenen rekursiv gegeneinander prüfen zu können.

Auch Tätigkeit darf nicht exklusiv E2 zugeordnet werden. Ein Spatenstich ist Körperbewegung in E2, verändert Material in E1, kann einer Eigentums- oder Arbeitsrolle aus E3 folgen und in E4 dokumentiert und korrigiert werden.

Parallel dazu wurde eine prozessuale Dynamik herausgearbeitet, die nicht als zweites Vier-Ebenen-Modell behandelt werden sollte: Ausgangsbedingungen und Abhängigkeit → Tätigkeit beziehungsweise Setzung → Konsequenz → Rückwirkung → erneute Korrektur. Die Ebenen beschreiben Wirklichkeitsarten beziehungsweise Prüfperspektiven; die Prozessfolge beschreibt Bewegung durch sie hindurch.

15. Begriffshandwerk und Prüfanker

Begriffshandwerk behandelt Wörter wie Werkstücke. Woher kommen sie? Was verbinden sie? Wo tragen sie? Welche Beziehungen verdecken sie? Welche Belastung halten sie aus? Wann verselbständigen sie sich?

Dabei wurde zwischen mehreren Begriffen unterschieden, die zuvor teilweise vermischt waren. Referenzsystem bezeichnet das Gegenüber oder den Zusammenhang, an dem geprüft wird. Prüfoperator bezeichnet eine ausgeführte Prüfhandlung. Prüfanker bezeichnet eine verbindliche methodische Grundregel. Der früher häufiger gebrauchte Begriff Prüfmechanismus kann zurücktreten, weil er einen automatisch funktionierenden Vorgang suggeriert.

Auch „Urprinzip“ wurde problematisch. Es klingt nach einer verborgenen universellen Weltmaschine. Besser ist Referenzoperator: eine wiederverwendbare Operation, bei der Modell, Gegenverlauf, Randbedingungen und Konsequenzen miteinander verglichen werden.

Zu den tragenden Prüfankern gehören heute: Ein Teil darf nicht zum ungeprüften Ganzen werden. Eine gesellschaftliche Eigenschaft ist nicht automatisch eine Materialeigenschaft. Eine Funktion muss ihren Bezugsrahmen nennen. Jede Analogie muss Gemeinsamkeit und Differenz dokumentieren. Jede Behauptung muss korrigierbar bleiben. Jede Beteiligungsform muss ihre eigene Regie sichtbar machen. Jede KI-Ausgabe benötigt Provenienz. Und jede Forschungskunst muss eine Gegenprüfung ihrer eigenen stärksten Begriffe ermöglichen.

16. Künstlerische Prüfobjekte

Die Prüfobjekte sind der Punkt, an dem die Theorie wieder an ihre Werkherkunft zurückgebunden wird. Ein Prüfobjekt illustriert nicht bloß eine Behauptung. Es stellt Bedingungen her, unter denen Material, Körper, Zeit, Handlung oder Rezipienten antworten können.

Das Wellenbecken prüft Vorhersage gegen tatsächlichen Verlauf. Der Biberdamm beziehungsweise die Deichmodelle prüfen Starrheit, Durchlässigkeit, Widerstand und Umlenkung. Die Tanglandschaft prüft Form als sichtbaren Verlauf eines Wirkungsfeldes.

Der Betonstein, besonders in vergoldeter Form, verbindet Starrheit, Masse, symbolische Aufwertung und Unterspülbarkeit. Gold verändert seine kulturelle Stellung, aber nicht seine Abhängigkeit von Untergrund und Gravitation.

Der Spatenmensch macht Tätigkeit sichtbar. Der reale Spaten ist Werkzeug, Körperverlängerung und Eingriff. Die vergoldeten Kontaktflächen bringen die Midasfigur hinein: Was geschieht, wenn Aneignung und Wertsetzung genau an den Berührungsstellen zwischen Körper, Werkzeug und Erde auftreten?

Die Isolationsfolie, die Liegedecke auf der Wiese, die Thermosflasche und der Astronautenanzug untersuchen unterschiedliche Formen künstlicher Grenzbildung. Der Astronaut ist besonders stark, weil er scheinbare Autonomie und tatsächliche Abhängigkeit in derselben Figur trägt. Seine technische Hülle funktioniert nur durch Versorgung mit Druck, Atemgas, Temperaturkontrolle und Energie. Die Hülle ohne Versorgung wird zur Todeshülle.

Der Kaffeefilter wurde zum Bild der selektiven Aufnahme und Abgabe. Seine heutige Verbindung mit Doppelspirale und Meanderband darf nicht als biologische Gleichsetzung erscheinen, sondern als künstlerisches Referenzmodell von Filterung, Verdichtung und Rückgabe.

Die Zellmembran-/Osmose-Station wäre dagegen ein bewusst naturwissenschaftlich fundiertes Gegenstück. Zellmembranen besitzen selektive Durchlässigkeit und regulierten Molekültransport. (NCBI) Die gesellschaftliche Übertragung bleibt danach ausdrücklich als Kunstmodell gekennzeichnet.

Die Schultafel prüft Löschbarkeit. Die Goldschrift prüft Verfestigung. Der beschreibbare Stuhl verbindet Funktion, neue Oberfläche, Rolle und Verfall.

Die Kartoffel zeigt den Unterschied zwischen lebendigem beziehungsweise nachlebendem Zusammenhang, Ware, ästhetisch präsentiertem Ding, Nahrung, Keimung und Verfall. Die Kartoffel auf Erde und die Kartoffel auf Aluminium tragen unterschiedliche Beziehungen, obwohl es sich materiell zunächst um dasselbe Objekt handelt.

Die Geburtshöhle, der Omphalos, die Nabelschnur und der gläserne Astronaut stellen natürliche Abhängigkeit und technisch inszenierte Autonomie gegenüber. Die mythische Kopfgeburt Athenes ist darin ein symbolisches Gegenbild, kein biologischer Sachverhalt.

Der ungläubige Thomas dient als Eigenschaftsprüfung: Eine Wunde kann gesehen oder berührt werden; daraus folgt nicht automatisch eine Prüfung aller theologischen Eigenschaften der Figur. Die Arbeit trennt Wahrnehmungsbefund und Interpretation.

Magrittes Pfeife oder Apfel führen dieselbe Unterscheidung auf der Repräsentationsebene weiter: Das Bild kann körperliche oder gedankliche Wirkungen auslösen, besitzt aber nicht die Materialeigenschaften seines Referenten.

Der Feuerkäfig ist eine gegenwärtige Verdichtung. Ein Astronautenanzug beziehungsweise eine Skulpturidentität befindet sich in einem brennenden Käfig mit offener Tür. Der entscheidende Punkt ist nicht, Gefangenen vorzuwerfen, sie müssten „nur hinausgehen“. Das Bild muss strukturelle Abhängigkeit, Statusbelohnung, Angst, ökonomischen Zwang und verdeckte Regeln mitzeigen.

17. Collage als transdisziplinäre Erkenntnispraxis

Die jüngsten Gespräche haben eine Lücke in der bisherigen Theorie sichtbar gemacht: Die Collage darf nicht nur als Illustration bereits entwickelter Begriffe behandelt werden. In den Collagen entsteht ein Teil der Forschung erst.

Ein einzelnes Objekt besitzt materielle, kulturelle und bildnerische Eigenschaften. In der Collage wird es einem zweiten Objekt gegenübergestellt. Dadurch können Bestätigung, Abstoßung, Überlagerung, Bedeutungsumkehr, Verdrängung oder eine neue Beziehung entstehen. Der eigentliche Inhalt liegt deshalb nicht allein in den Einzelbildern, sondern zwischen ihnen.

Die Collage arbeitet mit einer anderen Erkenntnislogik als eine lineare Begriffskette. Sie kann gleichzeitig Körper, Material, Mythos, Werbung, Politik, Religion, Naturprozess und persönliche Werkspur zusammenbringen, ohne sie sofort auf einen einzigen Begriff zu reduzieren.

Daraus wurde die Bezeichnung relationale Konsequenzlogik entwickelt. Sie fragt nicht nur, ob ein Satz widerspruchsfrei ist, sondern was zwischen Elementen geschieht, welche Tätigkeit ausgelöst wird, welche Beziehung gestört wird und welche Folgen daraus hervorgehen.

Die Störung erhält darin eine besondere Funktion. Ein Bild, das nicht passt, ist nicht automatisch ein Kompositionsfehler. Es kann zum künstlerischen Rückkopplungsträger werden. Der Astronaut in der Geburtshöhle, der Betonblock in der Tanglandschaft oder Gold auf einer Werkzeugschneide stören eine vertraute Lesart und erzeugen dadurch eine Frage.

Die Collage wird damit zum Entisolationswerkzeug. Sie bringt getrennte Rollen, Begriffe, Objekte und Disziplinen wieder in ein gemeinsames Kraft- und Konsequenzfeld.

18. Folien und Schablonen: eine Bildgrammatik

Die Folienmethode entwickelt die Collagenlogik weiter. Transparente Folien erlauben, Schichten zu trennen und gleichzeitig überlagerbar zu halten. Eine Schicht kann hinzugefügt, entfernt oder verschoben werden. Damit wird sichtbar, welche Bedeutung aus welchem Bestandteil stammt.

Die vier Grundtypen lassen sich weiterhin sinnvoll an E1 bis E4 orientieren: materielle und lebendige Bedingungen; Tätigkeit; Geltung, Rolle und institutionelle Zuschreibung; Prüfung, Gegenbeispiel und Korrektur. Diese Folien dürfen aber nicht den Eindruck erwecken, Wirklichkeit sei tatsächlich in vier transparente Scheiben zerlegt.

Zu den inzwischen entwickelten Motiven gehören physikalisch-kosmische Welt, Netzwerk oder Plexus, Spatenmensch, Freiheitsbehauptung, Flasche beziehungsweise russische Puppe, Durchdringung des Körpers durch Wärme, Druck und Schwerkraft, molekulare Verbindung, Mensch im Wasser, Denk- beziehungsweise Descartes-Folie und 24-Stunden-Zeitfolie.

Hinzu kommen Operatorfolien wie Sandtrichter, Saftpresse, Thermosbehälter und Astronautenanzug. Sie geben keine fertigen Antworten, sondern legen Operationen auf unterschiedliche Bildfelder.

Die Platon-, Aristoteles-, Christentums- und Physikfolien müssen besonders sorgfältig behandelt werden. Sie sind künstlerische Testmodelle, keine vollständigen Darstellungen ganzer Denktraditionen. Platon darf nicht auf Körperfeindschaft, Christentum nicht auf reine Leib-Seele-Trennung und Physik nicht auf mathematische Reduktion festgelegt werden.

Neu hinzukommen müsste jetzt eine Doppelspiralen-/Meanderfolie, die 51:49 und 49:51 nicht als symmetrische Doppelbewegung zeigt, sondern als wandernde Funktionspriorität. Dazu gehört eine Kennzeichnung, welche Elemente realer Strömung entnommen sind und welche als künstlerische Übertragung funktionieren.

19. Das Mitmachbuch

Das Mitmachbuch geht werkgenetisch auf Erwachsenenmalbücher, Kunsttagebücher, Telefonkritzeleien, Schultafeln, Frage-Antwort-Tische und Folien zurück. Es ist daher nicht zuerst eine Software. Seine Grundidee ist analog: Der Rezipient stellt einen eigenen, nachvollziehbaren Erkenntnisweg zusammen.

Die einzelne Spur bleibt erhalten. Der Beteiligte soll nicht in einer kollektiven Mehrheitsmeinung verschwinden. Gleichzeitig bleibt sein Buch offen für Verbindungen, Widerspruch, Gegenbeispiele und spätere Korrekturen.

Wesentlich ist, dass das Buch keine Sammlung „richtiger Antworten“ wird. Jede Aussage muss Herkunft, Wirklichkeitsart, Unsicherheit, Gegenbeispiel und Veränderbarkeit erkennen lassen.

Die Foliengrammatik liefert dafür eine besonders geeignete Struktur. Der Nutzer kann dieselbe Grundfigur durch verschiedene Ebenen und Operatoren hindurch prüfen. Ein Gegenstand kann als Material, Ware, Eigentum, religiöses Symbol, technisches Objekt oder Tätigkeitsfolge anders lesbar werden.

Die offene Frage bleibt, wie aus persönlicher Kreativität tatsächliche Erkenntnis entsteht. Mitmachen ist noch kein Prüfen. Erst Gegenüber, Begründung und Korrektur machen aus Beteiligung Forschungskunst.

20. Tausend Tische und Kollektive Kreativität

Die Tausend Tapeziertische des Globalen Dorffestes von 1993 bilden eine entscheidende Übergangsfigur zwischen analoger Beteiligung und heutiger Netzwerkidee. Der Tisch ist eine horizontale Arbeitsfläche. An ihm kann gearbeitet, gegessen, geschrieben, gestritten, hergestellt und verhandelt werden. Tausend Tische bilden ein Gemeinsames, ohne jeden einzelnen Arbeitsplatz aufzulösen.

Damit entstand bereits eine räumliche Grundform der späteren Globalen Schwarm-Intelligenz: Viele begrenzte Arbeitsorte, keiner besitzt das Ganze, Verbindungen entstehen zwischen ihnen.

Gerade hier muss die Urheberschaftskorrektur festgeschrieben werden. Die documenta-Bewerbungen ab 1993 waren Arbeitsgrundlagen der Künstlergruppe Kollektive Kreativität. Wolfgang Fenner war Inszenator des Ausgangsrahmens, nicht alleiniger Urheber der möglichen kollektiven Ergebnisse.

Dies gilt insbesondere für das hunderttägige Labor zur documenta X, die Gebärmutter als soziale Werkstatt, das Entelechie-Museum, das Partizipatorische Welttheater und das globale Mitmachkonzept.

Das verändert den Demokratiebegriff der Forschungskunst. Demokratie ist nicht nur Thema eines Werkes. Sie liegt in seiner Urheberstruktur: Eine Vorgabe muss stark genug sein, um einen gemeinsamen Raum zu bilden, aber offen genug, damit Beiträge die ursprüngliche Inszenierung verändern können.

21. Documenta-Bezug als historische Gegenprüfung

Der gesamte Chat hat zusätzlich eine kunsthistorische Vergleichslinie herausgearbeitet. Dabei wurde deutlich, dass partizipative, rezeptorische und bildende Arbeitsformen auf der documenta eine lange Geschichte besitzen.

Bazon Brocks Besucherschulen machten bereits auf documenta 4, 5 und 6 die Ausstellung zum Lernort und das Publikum zum Akteur; das documenta archiv bezeichnet sie ausdrücklich als damals beispielloses Lehrprogramm. (documenta) Joseph Beuys’ Büro für direkte Demokratie auf der documenta 5 arbeitete während der hundert Ausstellungstage performativ mit Gespräch und politischer Beteiligung. (documenta) Franz Erhard Walthers Werkobjekte sind kunsthistorisch besonders relevant, weil bestimmte textile Arbeiten erst durch körperliche Aktivierung der Benutzer vollständig werden. (The Museum of Modern Art)

Documenta11 arbeitete unter anderem mit Künstlerkollektiven, Archiven, Park Fiction und Thomas Hirschhorns gemeinsam mit lokalen Jugendlichen errichtetem Bataille Monument. (documenta) Documenta 15 stellte mit lumbung kollektive Ressourcennutzung, geteiltes Wissen und ein Netzwerk von Künstlern und Kollektiven ins Zentrum; Besucher sollten eigenes Wissen und Erfahrung einbringen. (documenta)

Das So-Heits-Atelier wäre deshalb nicht dadurch neu, dass Besucher mitmachen. Seine Eigenständigkeit müsste genauer bestimmt werden: historische Werkobjekte, Collagenalphabet, Materialprüfung, Tätigkeitskonsequenzen, Vier-Ebenen-Rückkopplung, Eigenschaftsprüfung, Begriffshandwerk und digitale Provenienz sollen in einem einzigen öffentlichen Prüfverfahren zusammenarbeiten.

Die früheren eigenen documenta-Arbeitsgrundlagen müssen dabei jeweils vor dem später sichtbaren documenta-Programm datiert werden. Inhaltliche Parallelen dürfen deshalb nicht als nachträgliche Anpassung beschrieben werden, aber ebenso wenig ohne Beleg als Einfluss auf die Kuratoren.

22. Künstliche Intelligenz

KI tritt sehr spät in ein Werk ein, dessen Grundfragen Jahrzehnte älter sind. Sie ist deshalb weder Ursprung noch Beweis der Forschungskunst. Sie ist zugleich Werkzeug und Prüfobjekt.

Als Werkzeug kann KI große Textmengen ordnen, frühere Begriffe wiederfinden, Versionen vergleichen, Doppelungen entdecken und unterschiedliche Formulierungen gegenüberstellen. Gerade dieser Chat zeigt aber ebenso deutlich ihre Gefahr: Sie kann Begriffe glätten, Disziplinen verlieren, eine falsche Chronologie erzeugen, aus kollektiven Projekten persönliche Projekte machen oder eine spätere Theorie rückwirkend in frühe Arbeiten hineinlesen.

Damit wird KI praktisch zum jüngsten Beispiel des gesamten Forschungsansatzes. Sie muss selbst an Gegenüber, Quellen, Werkarchiv und Korrektur gebunden werden.

Der Mensch-KI-Vergleich sollte daher nicht fragen, wer „intelligenter“ ist. Mensch und KI bearbeiten dasselbe Material; danach werden Auslassungen, Ergänzungen, Begriffsverschiebungen und Fehler verglichen.

Eine KI besitzt keinen menschlichen Stoffwechsel und keine menschliche Verletzbarkeit. Sie ist dennoch nicht folgenlos, weil sie auf materieller Infrastruktur beruht und in menschliche Entscheidungen eingebaut werden kann.

Die offene Forschungsfrage lautet, wie KI verhindert werden kann, zu einer neuen Goldschrift zu werden: sprachlich perfekte Plausibilität, die ihre Herkunft, Auswahl und Unsicherheit verdeckt.

23. Globale Schwarm-Intelligenz

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist keine nachträglich aufgesetzte Internetidee. Ihre Werkgenese reicht über Bienenbeobachtung, Malbücher, Tausend-Menschen-Methode, Frage-Antwort-Tische, Demokratiewerkstätten, Kollektive Kreativität, Tausend Tische, Entelechie-Museum und Partizipatorisches Welttheater.

Ihre sinnvolle heutige Definition ist rekursive E4-Architektur. Sie soll Archiv, Verknüpfungsraum, individuelles Mitmachbuch und öffentliche Gegenprüfung miteinander verbinden.

Entscheidend wird die Provenienz. Ein historischer Originaltext, eine heutige Erinnerung, eine spätere Interpretation, ein Besucherbeitrag und eine KI-Ausgabe dürfen technisch nicht so behandelt werden, als besäßen sie denselben Status.

Der Begriff Schwarm darf ebenfalls nicht bedeuten, dass die Mehrheit recht hat. Ein einzelner Gegenbeleg kann erkenntnisreicher sein als tausend Zustimmungen. Die 49 dürfen nicht durch die 51 ausgelöscht werden.

Die bislang größte offene Lücke liegt in der institutionellen Form. Wer betreibt die Plattform? Wer moderiert? Wer darf korrigieren? Wie werden persönliche Daten gelöscht, während historische Dokumente erhalten bleiben? Wie werden KI-Inhalte gekennzeichnet? Wer entscheidet bei Konflikten?

Ohne eine solche Governance bleibt die Globale Schwarm-Intelligenz eine starke Werkidee, aber noch keine vollständig realisierte öffentliche E4-Infrastruktur.

24. So-Heits-Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft ist aus der Einsicht entstanden, dass die Fähigkeiten, die im Atelier trainiert werden sollen, nicht auf eine Kunstausstellung begrenzt bleiben können.

„So-Heit“ bezeichnet dabei nicht den Anspruch, das endgültige wahre Wesen eines Menschen oder Gegenstandes erkennen zu können. Es meint eine Prüfrichtung: Wie ist etwas beschaffen? Wovon hängt es ab? Welche Beziehungen trägt es? Welche Eigenschaften besitzt es tatsächlich, welche wurden ihm hinzugefügt? Was geschieht mit ihm in der Zeit?

Die So-Heits-Gesellschaft ist deshalb keine fertige Utopie, keine Partei und keine Heilslehre. Sie ist eine normative Forschungsprojektion: eine Gesellschaft, in der Wahrnehmung, Herstellung, Urteil, Rückkopplung, Reparatur und verantwortliches Loslassen zu allgemein trainierten Fähigkeiten werden.

Der Bezug auf technē dient als historischer Vergleich, nicht als Rückkehr zur Antike. Können soll wieder stärker mit Auskunftsfähigkeit über Material, Verfahren und Konsequenzen verbunden werden.

Ein wichtiges offenes Problem ist, dass Gemeinsinn selbst autoritär werden kann. Wer definiert „Tragfähigkeit“? Wer bestimmt, welche 51 Vorrang besitzen? Deshalb braucht die So-Heits-Gesellschaft Schutzrechte, Widerspruch, Privatheit, Minderheitenpositionen und transparente Verfahren.

25. Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes

Das So-Heits-Atelier ist die räumliche Synthese des Werkprozesses. Es ist keine nachträglich erfundene Workshophülle. Seine Stationen können auf konkrete Werkherkünfte zurückgeführt werden: Handwerk zu Maß und Passung, Wellenbecken zu Rückkopplung, Malbücher zu Vorgabe und eigener Spur, Theater zu Rolle und Körper, Schultafel zu Korrigierbarkeit, Sand und Eigentum zu Eigenschaftsbildung, Tausend Tische zu Kollektiver Kreativität und die digitale Plattform zu fortgesetzter Rückprüfung.

Der inzwischen präzisierte Titel „Forschungskunst als öffentliche spielerische Überzeugungsprüfung“ ist deshalb treffend, wenn „spielerisch“ nicht als folgenlos verstanden wird. Das Spiel schafft einen Toleranzraum, in dem eine Setzung ausprobiert, verändert und zurückgenommen werden kann, bevor ihre gesellschaftlichen Folgen unumkehrbar werden.

Die jüngsten Gespräche haben deutlich gemacht, dass dafür ein Collagen- und Objektalphabet benötigt wird. Nicht alle historischen Werke müssen als Originale bedienbar sein. Einige Originale bilden Werkanker; daneben braucht es robuste Nachbauten, Bildmodule, transparente Folien und bewegliche Zeichen.

Zentrale reale Objekte sind Tang- beziehungsweise Strömungsmodell, Betonstein, Spatenmensch und Spaten, Isolationsfolie, Liegedecke, Kaffeefilter beziehungsweise Filtermodell, Membran-/Osmosemodell, Astronautenhülle, Schultafel, Kartoffel-Erde-Aluminium-Konstellation sowie ausgewählte Geburtshöhlen- und Körpermodelle.

Das zusätzliche Bildalphabet benötigt vor allem Beziehungsobjekte: Tür, Fenster, Riss, Wunde, Naht, Ventil, Schleuse, Filter, Brücke, Nabelschnur, Maske, Krone, Preisetikett, Vertrag, Eigentumsgrenze, Müll, verstopfter Filter, abgestorbene Wiese, Reparaturstelle, Samen, Kompost und offene Verbindung. Der Besucher komponiert damit nicht nur Bilder, sondern Abhängigkeits- und Konsequenzketten.

Die Aufgabe lautet nicht: „Bauen Sie eine schöne Collage.“ Sie lautet: Stellen Sie einen Zusammenhang her, verändern Sie ihn, fügen Sie eine Tätigkeit hinzu, verfolgen Sie eine Konsequenz und zeigen Sie, wo Rückkopplung möglich oder blockiert wird.

So werden die jahrzehntelang vom Künstler entwickelten Collagen nicht nur gezeigt. Ihre Arbeitsweise wird öffentlich verfügbar gemacht.

26. Gesamtarchitektur des Forschungsansatzes

Aus dem gesamten Forschungsdialog lässt sich inzwischen eine relativ klare Gesamtarchitektur rekonstruieren.

Am Anfang steht keine Theorie, sondern Existenz innerhalb vorausliegender Bedingungen. Der Mensch findet Körper, Wasser, Boden, Material, andere Lebewesen, Geschichte und Sprache bereits vor.

Darauf folgt Wahrnehmung und Selektion. Der Mensch kann das Ganze nicht gleichzeitig bearbeiten. Er bildet Ausschnitte.

Diese Ausschnitte werden vergegenständlicht: als Bilder, Dinge, Begriffe, Rollen, Preise, Modelle, Gesetze, Institutionen und technische Systeme.

Daraus entstehen Setzungen und Tätigkeiten. Menschen greifen ein, stellen her, kaufen, verkaufen, graben, bauen, entscheiden, glauben, messen oder programmieren.

Die Tätigkeiten erzeugen Verwirklichungsfolgen innerhalb derselben Wirklichkeit.

Diese Folgen können als Rückwirkung an die ursprüngliche Wahrnehmung und Setzung zurückkehren. Wo dieser Rückweg funktioniert, entsteht Lernen. Wo er blockiert wird, entsteht ein Rückkopplungsloch.

Das Gegenüber erzeugt Differenz. Differenz ermöglicht Korrektur. 51:49 beziehungsweise 49:51 sind dafür das künstlerische Minimalbild.

Bleibt die Form veränderbar, entsteht ein plastischer Prozess. Wird eine Setzung absolutisiert und gegen Rückmeldung isoliert, entsteht Skulpturalisierung.

E1 bis E3 helfen zu unterscheiden, ob von Material, Leben oder symbolischer Geltung gesprochen wird. E4 organisiert die öffentliche Gegenprüfung.

Prüfobjekte, Collagen, Folien, Schablonen und Mitmachbuch machen die Prüfung sinnlich und handhabbar. Tausend Tische und Kollektive Kreativität öffnen sie gesellschaftlich. KI und Globale Schwarm-Intelligenz erweitern Vergleich, Archiv und Dauer. Das So-Heits-Atelier räumlicht die Methode; die So-Heits-Gesellschaft projiziert sie auf eine langfristige gesellschaftliche Lernform.

Die kürzeste Prozessformel lautet damit:

Verorten – auswählen – vergegenständlichen – tätig werden – Folgen erfahren – gegenüberstellen – korrigieren – neu verorten.

Das ist inzwischen konsistenter als eine wachsende Menge einzelner Gesamtbegriffe.

27. Doppelungen und begriffliche Bereinigung

Die Forschung hat inzwischen einen Punkt erreicht, an dem weitere Begriffserfindung eher schaden als nutzen kann.

Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit sollten nicht konkurrieren. Tragwirklichkeit ist der Hauptbegriff für nicht beliebig setzbare Existenzbedingungen; Plexus beschreibt deren verflochtene Struktur.

Körperorganismus, Kopplungs-Ich, Tragwesen, plastisches Ich und plastische Identität sind zu viele nahezu gleichrangige anthropologische Begriffe. Für die weitere Arbeit scheint am klarsten: Körperorganismus als biologische Bezugsfigur, Geltungs-Ich als gesellschaftliche Symbolperson und plastisches Ich-Bewusstsein als erlernbare Fähigkeit, beide Ebenen auseinanderzuhalten und rückzukoppeln. „Tragwesen“ und „plastische Identität“ können historische beziehungsweise sekundäre Begriffe bleiben.

Skulpturalisierung und Skulpturidentität müssen getrennt bleiben. Skulpturalisierung ist der Prozess; Skulpturidentität das verfestigte Ergebnis auf der Selbst- beziehungsweise Rollenebene.

Lücke und Lochprozess dürfen nicht synonym verwendet werden. Lücke ist produktive Differenz; Lochprozess ist verlorene relevante Beziehung beziehungsweise verlorener Rückweg.

Membran ist weder Lücke noch Loch. Sie ist ein Modell geregelter Grenz- und Austauschfunktion.

51:49, plastische symmetria und Differenzialprinzip sollten hierarchisiert werden. 51:49/49:51 ist das Bild; plastische symmetria die Verhältnisidee; Differenzialprinzip die methodische Beschreibung gekoppelter Differenz.

Referenzsystem, Prüfoperator und Prüfanker müssen ebenfalls getrennt bleiben.

Die Begriffe „Urprinzip“, „Weltgesetz“, „universales 51:49“, „natürlicher Symmetriedualismus“ und ähnliche Totalformulierungen sollten weitgehend vermieden werden. Sie schwächen gerade die Selbstprüfung der Forschungskunst.

28. Noch fehlende Verbindungen

Die größte noch offene Aufgabe ist die Verbindung zwischen heutiger begrifflicher Architektur und historischem Werkarchiv. Für jedes zentrale Werk müssen Entstehungsdatum, Material, Maße, Ort, damalige Aussagen, Fotografien, Tagebuchstellen, Beteiligte, zeitgenössische Reaktionen und heutige Interpretation getrennt dokumentiert werden.

Eine zweite Lücke betrifft Macht. Die Formel von acht Milliarden mitgestaltenden Menschen darf nicht verschleiern, dass Menschen extrem unterschiedliche Entscheidungs- und Verfügungsmacht besitzen. Ein Kind, eine prekär beschäftigte Person, ein Konzernvorstand und ein Großvermögenseigentümer sind nicht in gleicher Weise für dieselben Tätigkeitsketten verantwortlich. Das Modell braucht deshalb zusätzlich zu E1–E4 eine Achse aus Wissen – Verfügungsmacht – Nutzen – Zwang – Risiko – Folgenreichweite – Korrekturmöglichkeit.

Eine dritte Lücke betrifft Fürsorge. Die Forschung hat Verletzung, Isolation und Zerstörung stärker ausgearbeitet als Pflege, Regeneration, Versorgung und sorgende Arbeit. Gerade das Membran- und Organismusmodell verlangt aber eine positive Theorie des Erhaltens.

Eine vierte Lücke betrifft Ökonomie. Kaufen, Verkaufen und Märkte dürfen nicht nur als Beutestrategien beschrieben werden. Märkte können Versorgung und Arbeitsteilung koordinieren und gleichzeitig Externalisierung, Machtkonzentration und Täuschung hervorbringen. Eine reparaturfähige Theorie muss diese Unterschiede untersuchen.

Eine fünfte Lücke betrifft die Analogieprüfung. Für jedes starke Bild – Zellmembran, Mäander, Doppelspirale, Bienenvolk, Differenzial, Osmose – sollte künftig ausdrücklich dokumentiert werden: Was ist tatsächlich gemeinsam? Was ist nur strukturell vergleichbar? Was unterscheidet sich fundamental? Diese „Differenzakte“ könnte selbst Teil des Mitmachbuches werden.

Eine sechste Lücke betrifft Besucherforschung. Das Atelier darf nicht messen, ob der Besucher die Meinung des Künstlers übernommen hat. Prüfbar wäre vielmehr, ob er nach einer Tätigkeit besser zwischen materieller und zugeschriebener Eigenschaft unterscheiden, unbekannte Folgen benennen, Quellen verlangen, eine eigene Aussage korrigieren und einen Widerspruch aushalten kann.

Eine siebte Lücke betrifft die Governance der Globalen Schwarm-Intelligenz. Ohne Regeln für Versionierung, Rollen, Einspruch, Datenschutz, KI-Kennzeichnung und institutionelle Verantwortung bleibt der digitale Rückkopplungsraum unvollständig.

Und schließlich benötigt die Forschungskunst eine eigene öffentliche Gegeninstallation. Sie muss ihre stärksten möglichen Einwände selbst ausstellen: Tragwirklichkeit kann autoritär definiert werden; 51:49 kann willkürlich werden; Natur darf nicht romantisiert werden; Rollen sind nicht nur Gefängnisse; Eigentum besitzt auch Schutzfunktionen; Märkte sind nicht nur Beute; Beteiligung kann manipuliert werden; KI kann Scheingenauigkeit erzeugen; und die heutige Theorie kann das historische Lebenswerk nachträglich überformen.

Schlussverdichtung: Was aus der gesamten Forschung entstanden ist

Aus dem gesamten Chatverlauf entsteht keine geschlossene neue Weltanschauung, die eine alte durch eine neue absolute Ordnung ersetzt. Gleichzeitig wäre es zu schwach, nur von einem neutralen „Prüfmodell für Weltbilder“ zu sprechen.

Präziser ist: Es entsteht ein relationales, plastisches Wirklichkeits- und Menschenbild, dessen entscheidende Besonderheit darin besteht, dass seine eigene Korrigierbarkeit Bestandteil des Modells sein muss.

Sein Ausgangspunkt ist der Mensch nicht als isolierter Schöpfer, sondern als entstandener, atmender, stoffwechselnder, verletzbarer, sozial geformter und selbst formender Beteiligter innerhalb einer vorausliegenden Tragwirklichkeit.

Seine Erkenntnismethode ist nicht die Abschaffung von Ausschnitten, sondern die Offenlegung der Auswahl und die Rückführung des ausgewählten Teils in Beziehungen.

Sein Lernprinzip ist Gegenüberstellung ohne Gegenwelt.

Sein Formprinzip ist Plastik statt Skulpturalisierung.

Sein Verhältnisbild ist 51:49 und 49:51 statt absoluter Symmetrie oder 99:1-Herrschaft.

Sein Grenzmodell ist die Membran statt völliger Isolation.

Sein Fehlermodell ist der Lochprozess als Verlust des Rückweges.

Sein Wirkungsmodell ist Tätigkeit – Verwirklichungsfolge – Rückwirkung – Korrektur.

Sein gesellschaftliches Problem ist die Möglichkeit, dass symbolische Menschenwerke ihre materielle und lebendige Herkunft vergessen und sich als autonome Wirklichkeit ausgeben.

Seine künstlerische Methode sind Prüfobjekte, Collage, Störung, Rollenwechsel, Folien, Schablonen, Tische, Mitmachbuch und öffentliche Versuchsanordnung.

Sein digitaler Gegenwartsraum ist die Globale Schwarm-Intelligenz.

Seine gesellschaftliche Zielprojektion ist die So-Heits-Gesellschaft.

Seine gegenwärtige räumliche Verdichtung ist:

Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes – Forschungskunst als öffentliche spielerische Überzeugungsprüfung.

Und der gegenwärtig stärkste Kernsatz lautet:

Forschungskunst stellt keine fertige Welt zur Übernahme bereit. Sie stellt Menschenwerke, Vorstellungen, Rollen und Tätigkeiten so in einen gemeinsamen materiellen, lebendigen, gesellschaftlichen und geschichtlichen Zusammenhang, dass ihre Voraussetzungen, ausgelassenen Beziehungen und Verwirklichungsfolgen wieder zurückkehren können. Der Mensch wird dadurch nicht zum allmächtigen Künstler der Welt, sondern zum Mitwirkenden und Mitbetroffenen eines gemeinsamen Werkprozesses, dessen Qualität sich daran entscheidet, ob Gegenüber, Unterschied, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur erhalten bleiben.

.......

Die folgende Rekonstruktion behandelt die bisherige Arbeit als Entwicklung eines Forschungsansatzes, nicht als Sammlung einzelner Themen. Späte Begriffe werden dabei nicht rückwirkend so dargestellt, als hätten sie bereits in den 1970er Jahren fertig vorgelegen. Entscheidend ist vielmehr, aus welchen Werkproblemen sie allmählich hervorgegangen sind, welche früheren Formulierungen sie korrigiert haben und wo der Ansatz heute noch offen ist.

Rekonstruktion einer Forschungskunst: Von der Werkprüfung zur öffentlichen Rückkopplungsarchitektur

1. Forschungsgrund: Die Frage entsteht vor der Theorie

Der Ausgangspunkt der Forschung liegt nicht in einer zuerst formulierten philosophischen Theorie. Er liegt in einer Verbindung von handwerklicher Erfahrung, Naturbeobachtung, Fotografie, Bildhauerei, gesellschaftlicher Erfahrung und der frühen Wahrnehmung eines Widerspruchs: Der Mensch verfügt offensichtlich über Erkenntnis-, Lern- und Korrekturfähigkeit und bringt dennoch Verhältnisse hervor, die seine eigenen Lebensbedingungen beschädigen können. Aus dieser Irritation entwickelte sich schrittweise die Leitfrage, die später immer präziser formuliert wurde: Warum zerstört der Mensch trotz Wissen und Korrekturfähigkeit die Bedingungen, von denen er selbst abhängig ist?

Diese Frage ist der dauerhafte Forschungsgrund. Viele spätere Begriffe lassen sich als verschiedene Versuche verstehen, diesen einen Widerspruch genauer zu lokalisieren. Die Untersuchung wanderte von der Umweltfrage zur Wahrnehmung, von der Wahrnehmung zur Formbildung, von der Formbildung zur gesellschaftlichen Konstruktion, von dort zur Sprache, zur Identität, zu Eigentum, Wert, Wissenschaft, Philosophie und schließlich zu der Frage, wie eine Gesellschaft ihre eigenen Vorstellungen öffentlich überprüfen könnte.

Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 ist für diese Entwicklung methodisch bedeutsam. Im Handwerk ist „Funktionieren“ keine beliebig deutbare Kategorie. Ein Bauteil muss passen, eine Verbindung muss tragen, eine Bewegung muss stattfinden, Belastungen haben Konsequenzen. Fehler können nicht allein rhetorisch beseitigt werden. Dieser handwerkliche Erfahrungsgrund wurde später von der Werkprüfung auf gesellschaftliche und begriffliche Formbildungen übertragen. Aus der zunächst konkreten Frage „Funktioniert das?“ entwickelte sich allmählich die umfassendere Frage: Trägt eine von Menschen erzeugte Form die Bedingungen mit, von denen sie selbst abhängt, oder beschädigt sie diese?

Historisch belegbar sind Ausbildung, künstlerische Ausbildung und die vorhandenen Werke beziehungsweise deren archivische Dokumentation, soweit entsprechende Zeugnisse, Fotos, Kataloge und Dokumente vorliegen. Die Ableitung einer kontinuierlichen „Forschungskunst“ aus diesen Stationen ist dagegen eine nachträgliche, aber werkgeschichtlich begründete Selbstrekonstruktion. Sie muss deshalb als forschungskünstlerische Interpretation des eigenen Lebenswerks kenntlich bleiben.

2. Werkgenese: Von der experimentellen Umweltgestaltung zur Forschungskunst

Während des Studiums der Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig in den 1970er Jahren verdichtete sich die Frage nach der gesellschaftlichen Funktion von Kunst. Die „Experimentelle Umweltgestaltung“ bildet innerhalb der heutigen Rekonstruktion einen frühen Knotenpunkt. „Umweltgestaltung“ bedeutete dabei nicht lediglich ökologische Gestaltung im heutigen engeren Sinne. Der Begriff zielte bereits auf ein umfassenderes Verhältnis zwischen Mensch, Umgebung, Wahrnehmung, Verhalten, gesellschaftlichen Strukturen und Gestaltung.

Die frühen Naturbeobachtungen, Erfahrungen mit Landschaftsveränderung, Flurbereinigung, DDT, Ornithologie, Garten, Bienen, Wasser und Strömungen gehören zu dieser Genese. Ebenso wichtig war die Auseinandersetzung mit den Grenzen industrieller Entwicklung, unter anderem im Umfeld der damaligen Diskussionen um die „Grenzen des Wachstums“. Der entscheidende Schritt bestand darin, Natur nicht nur als Motiv künstlerischer Darstellung zu betrachten, sondern als funktionierenden Zusammenhang, an dem menschliches Verhalten geprüft werden kann.

Aus Wasser-, Strömungs- und Wellenbeobachtungen entstanden Versuche, Funktion nicht abstrakt zu definieren, sondern sichtbar und körperlich nachvollziehbar zu machen. Das Wellenbecken beispielsweise ist in der späteren Forschungsarchitektur nicht bloß ein Objekt. Es wird zu einem Prüfobjekt für Widerstand, Medium, Bewegung, Anpassung, Energieübertragung und die Differenz zwischen einem abstrakten Modell und tatsächlichem Verhalten.

Diese Werkgenese führt zu einer wesentlichen methodischen Verschiebung: Kunst soll nicht mehr primär etwas darstellen. Sie soll Bedingungen herstellen, unter denen etwas geprüft werden kann.

Das betrifft später auch Schultafeln, Frage- und Antworttische, Beteiligungsformen, Malbücher, Vorgabebilder, den Roten Punkt, den Gordischen Knoten, Kartoffelarbeiten, Deichprofile, Theaterformen, die Temporäre Kunsthalle, Demokratiewerkstätten und schließlich die Globale Schwarm-Intelligenz. Die einzelnen Arbeiten erscheinen retrospektiv nicht als isolierte Werke, sondern als unterschiedliche Versuchsanordnungen eines über Jahrzehnte anwachsenden Untersuchungsprozesses.

Dabei ist eine wichtige historische Vorsicht erforderlich. Begriffe wie „Plexuswirklichkeit“, „Tragwirklichkeit“, „Vier-Ebenen-Modell“ oder „Plastische Anthropologie 51:49“ lagen bei den frühen Arbeiten noch nicht vor. Die frühen Arbeiten können heute durch diese Begriffe neu gelesen werden. Es wäre jedoch methodisch falsch zu behaupten, sie seien bereits damals nach dem späteren theoretischen System hergestellt worden.

3. Vom Umweltproblem zum Wirklichkeitsproblem

Die Umweltfrage erwies sich zunehmend als zu eng. Der Begriff „Umwelt“ kann nämlich bereits eine problematische Anordnung enthalten: Hier befindet sich der Mensch, dort befindet sich um ihn herum eine Umwelt. Die spätere Forschung stellt gerade diese Trennung infrage.

Ein Organismus befindet sich nicht in einem abgeschlossenen Innenraum, der einer äußeren Welt gegenübersteht. Luft tritt in den Körper ein und wieder aus. Wasser wird aufgenommen. Stoffe werden umgebaut. Temperatur, Gravitation, Mikroorganismen, Nahrung, Licht und chemische Bedingungen wirken durch den Organismus hindurch. Der Mensch besitzt keine materielle Außengrenze, die ihn von seinen Existenzbedingungen vollständig isoliert.

Aus dieser Einsicht verschob sich der Forschungsgegenstand von „Umwelt“ zu „Wirklichkeit“. Aber auch der Wirklichkeitsbegriff musste mehrfach korrigiert werden.

Zunächst entstand die Unterscheidung zwischen Realität und Wirklichkeit. „Realität“ wurde zunehmend als Feststellungs- oder Bezeichnungsraum verstanden, während „Wirklichkeit“ stärker das Wirkende bezeichnet. Diese Trennung erwies sich als hilfreich, aber noch nicht ausreichend. Denn nicht alles, was wirkt, trägt auch die Bedingungen seines eigenen Fortbestehens.

Daraus entstand der Begriff der Tragwirklichkeit. Er bezeichnet jene vorausliegenden materiellen und lebendigen Bedingungen, ohne die menschliche Symbolwelten, Institutionen und Technologien nicht bestehen können. Erde, Atmosphäre, Wasser, Stoffkreisläufe, Organismen und deren Funktionsbedingungen werden dadurch nicht einfach als „Natur“ einer „Kultur“ gegenübergestellt. Sie bilden die tragenden Voraussetzungen, innerhalb derer menschliche Konstruktionen überhaupt erst entstehen können.

Der Begriff der Tragwirklichkeit war ein Fortschritt, enthielt aber selbst eine mögliche Einseitigkeit. „Tragen“ kann eine hierarchische Vorstellung nahelegen: unten befindet sich eine tragende Schicht, darauf andere Schichten. Die weitere Entwicklung führte deshalb zur Plexuswirklichkeit. „Plexus“ bezeichnet das Geflecht, die Durchdringung und die wechselseitige Abhängigkeit. Wirklichkeit erscheint damit nicht mehr nur als übereinandergeschichtetes Tragsystem, sondern als Netzwerk von Wirkungen, Rückwirkungen und Durchdringungen.

Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit sollten deshalb heute nicht als konkurrierende Begriffe behandelt werden. Tragwirklichkeit bezeichnet vor allem die Bedingungs- und Abhängigkeitsseite. Plexuswirklichkeit bezeichnet stärker die relationale und wechselseitige Organisationsform dieser Bedingungen.

Die offene Frage lautet, ob beide Begriffe dauerhaft benötigt werden oder ob Plexuswirklichkeit langfristig der umfassendere Oberbegriff werden kann, unter dem Tragbedingungen einen besonderen Funktionsbereich bilden.

4. Das Wirklichkeitsverständnis: nicht eine Welt, sondern verschiedene Wirkweisen

Eine zentrale Entwicklung der Forschung besteht darin, nicht mehr jede Form von Wirklichkeit gleichartig zu behandeln. Materie, Organismen, Geld, Eigentum, Religion, Gesetze, Rollen oder fiktive Welten sind nicht einfach entweder „wirklich“ oder „unwirklich“. Sie sind auf unterschiedliche Weise wirklich.

Hier entstand eine wichtige Korrektur gegenüber früheren Formulierungen. Symbolisch konstruiert bedeutet nicht unwirklich. Geld ist nicht deshalb unwirklich, weil sein Wert gesellschaftlich zugeschrieben wird. Eigentum ist keine physikalische Eigenschaft eines Gegenstandes, aber Eigentumsordnungen erzeugen sehr reale Zugänge, Ausschlüsse, Tätigkeiten und materielle Folgen. Ein Staat ist kein biologischer Organismus, kann jedoch Menschen inhaftieren, besteuern oder in einen Krieg schicken. Eine Religion kann metaphysische Aussagen enthalten, deren Gegenstände empirisch nicht nachweisbar sind, während ihre Institutionen und Glaubenspraktiken gesellschaftlich wirksam sind.

Damit wurde die ältere Alternative „wirklich oder erfunden“ verlassen. An ihre Stelle tritt die Frage nach der Wirkweise und dem Referenzbereich.

Diese Entwicklung bildet eine Voraussetzung für das Vier-Ebenen-Modell.

5. Begriffsbildung als künstlerisches Handwerk

Die Begriffsarbeit wurde im Verlauf der Forschung selbst zu einer Form künstlerischen Handwerks. Begriffe werden nicht mehr lediglich aus Philosophie oder Wissenschaft übernommen. Sie werden daraufhin geprüft, welche Wirklichkeitsfigur sie erzeugen.

Ein Begriff kann etwas sichtbar machen, aber gleichzeitig anderes abschneiden. „Umwelt“ kann den Menschen vom ihn tragenden Zusammenhang trennen. „Eigentum“ kann eine gesellschaftliche Zuschreibung so erscheinen lassen, als sei sie eine dem Ding selbst innewohnende Eigenschaft. „Wert“ kann unterschiedliche Formen von Brauchbarkeit, Preis, symbolischem Rang und existenzieller Bedeutung ineinanderziehen. „Person“, „Subjekt“, „Kunde“, „Nutzer“, „Eigentümer“ oder „Anleger“ können Menschen in bestimmte Funktionsrollen einordnen und andere Eigenschaften ausblenden.

Daraus entwickelte sich das Begriffshandwerk. Seine Methode besteht nicht einfach darin, neue Wörter zu erfinden. Ein Begriff wird zerlegt, historisch verglichen, auf seine Voraussetzungen untersucht, mit Gegenbegriffen konfrontiert und schließlich an Tätigkeitsfolgen geprüft.

Der sprach- und kulturgeschichtliche Vergleich gewann deshalb zunehmende Bedeutung. Griechische, lateinisch-römische, christliche, neuzeitliche, moderne deutsche und englische Begriffsschichten werden nicht untersucht, um eine lineare Geistesgeschichte zu schreiben, sondern um herauszufinden, welche Menschen- und Wirklichkeitsfigur in den jeweiligen Begriffen enthalten ist.

Das „Greifen“ und „Begreifen“ wurde beispielsweise zu einem wichtigen Prüfzusammenhang. Der Mensch greift körperlich nach Dingen und entwickelt daraus zugleich eine begriffliche Besitz- und Ordnungswelt. „Begreifen“ erscheint damit nicht nur als abstrakter Erkenntnisakt, sondern kann auf körperliche, gegenständliche und sprachliche Vorgeschichten zurückbezogen werden.

Die Leitformel „Lerne dich selbst kennen, indem du verstehst, wodurch du existierst“ entstand als Korrektur einer ausschließlich nach innen gerichteten Selbstkenntnis. Das traditionelle „Erkenne dich selbst“ wird nicht verworfen, sondern um die Bedingungsfrage erweitert. Ein Mensch versteht sich unvollständig, wenn er nur sein Bewusstsein untersucht, nicht aber die Bedingungen, durch die dieses Bewusstsein getragen wird.

6. Der Lochprozess: Erkenntnis beginnt nicht mit dem fertigen Bild

Ein weiterer Forschungsstrang entwickelte sich aus der Frage, wie überhaupt Neues wahrgenommen oder gelernt werden kann. Wenn ein Mensch bereits über feste Kategorien, Rollen, Weltbilder und Erwartungen verfügt, besteht die Gefahr, dass er in jeder neuen Erfahrung nur das bestätigt, was seine vorhandenen Begriffe bereits zulassen.

Daraus entstand die Bedeutung der Lücke beziehungsweise des Lochprozesses.

Der Begriff wurde im Verlauf der Arbeit differenziert. „Loch“, „Lücke“, „Öffnung“, „Geburt“ und „Mutation“ dürfen nicht einfach synonym verwendet werden. Eine Lücke kann zunächst ein Nichtwissen oder eine Unterbrechung im bestehenden Ordnungssystem bezeichnen. Eine Öffnung bezeichnet stärker die Möglichkeit, dass eine Gegenüberstellung überhaupt eintreten kann. Eine Mutation betrifft eine Veränderung der vorhandenen Form. Geburt bezeichnet einen Übergang, bei dem etwas bislang nicht Vorhandenes in einen eigenen Wirkungszusammenhang tritt.

Der Lochprozess ist deshalb weniger ein festes Ding als ein Operator. Er beschreibt den Moment, in dem eine geschlossene begriffliche oder gesellschaftliche Ordnung nicht vollständig über das bestimmt, was wahrgenommen werden kann.

Die methodische Bedeutung liegt darin, dass Lernen ohne eine solche Öffnung kaum möglich wäre. Wer jede Begegnung sofort einer bekannten Kategorie zuordnet, begegnet nicht mehr dem Gegenüber, sondern hauptsächlich seinem eigenen Vorgabebild.

Hier verbindet sich der Lochprozess unmittelbar mit den Arbeiten zum Vorgabebild, zum Roten Punkt, zu Malbüchern und zu Schablonen.

Offen bleibt bislang, wie weit der Lochprozess operationalisiert werden kann. Es muss genauer unterschieden werden, wann tatsächlich eine Erkenntnisöffnung stattfindet und wann lediglich Unbestimmtheit, Desorientierung oder Informationsmangel vorliegt. Nicht jedes Loch erzeugt Lernen.

7. Gegenüberstellung und Lernen

Die Gegenüberstellung ist zu einem Grundoperator der Forschung geworden. Lernen setzt voraus, dass etwas nicht vollständig mit dem eigenen vorhandenen Modell identisch ist. Ein Gegenüber erzeugt Widerstand, Differenz und Rückmeldung.

Diese Vorstellung hat handwerkliche, künstlerische und biologische Wurzeln. Das Material antwortet dem Bildhauer durch Widerstand. Wasser verhält sich nicht notwendig entsprechend einer Zeichnung. Ein anderer Mensch reagiert anders als erwartet. Ein Versuch kann scheitern. Eine gesellschaftliche Konstruktion kann Konsequenzen erzeugen, die in ihrem ursprünglichen Entwurf nicht vorgesehen waren.

Daraus entwickelte sich die Einsicht, dass Gegenüberstellung keine bloße Konfrontation bedeutet. Sie ist eine Bedingung der Korrekturfähigkeit.

Ein geschlossenes System, das nur seine eigenen Aussagen wiederholt, verliert die Möglichkeit zu lernen. Ebenso kann eine Person, die ausschließlich in einer bestätigenden Symbolwelt lebt, Schwierigkeiten haben, Widerstände als Erkenntnisangebote anzunehmen.

Das Mitmachbuch, die Frage- und Antworttische, Beteiligungsarbeiten und später die Globale Schwarm-Intelligenz übersetzen diesen Gedanken in soziale Verfahren. Andere Menschen sind darin nicht nur Publikum. Sie können zu Gegenübern werden, deren Erfahrungen und Einwände das Werk verändern.

Damit verschiebt sich auch der Werkbegriff. Ein Werk ist nicht mehr notwendig abgeschlossen, wenn es materiell fertiggestellt wurde. Es kann als plastischer Katalysator funktionieren, der neue Wahrnehmungen, Antworten und Korrekturen hervorbringt.

8. Plastik und Skulpturalisierung: eine grundlegende begriffliche Korrektur

Die Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur wurde im Verlauf der Forschung immer wichtiger. Sie bezieht sich zunächst auf reale bildhauerische Verfahren. Plastik kann durch Aufbau, Modellierung, Hinzufügen und Umformen entstehen. Skulptur kann durch Abtragen, Herausschneiden und Festlegen einer Form entstehen.

Diese handwerkliche Unterscheidung wurde später anthropologisch und gesellschaftlich weitergeführt.

Das plastische Ich bezeichnet dabei nicht einen beliebig formbaren Menschen. Es bezeichnet einen lebendigen, lernenden, veränderlichen Organismus, der durch Erfahrungen, Tätigkeiten und Rückkopplungen fortwährend verändert wird. Das plastische Ich gehört deshalb im Kern zum lebendigen Prozess.

Die Skulpturidentität bezeichnet dagegen die Tendenz, aus diesem beweglichen Vorgang eine festgelegte symbolische Figur zu machen. Rollen, Berufsbezeichnungen, Eigentumspositionen, Nationalität, gesellschaftlicher Status oder Selbstbilder können sich wie herausgeschnittene Identitätsformen verfestigen.

Damit entstand eine entscheidende Korrektur früherer Sprachverwendungen. Nicht jede eigene bildhauerische Arbeit sollte weiterhin selbstverständlich „Skulptur“ genannt werden. Für viele Arbeiten ist „Plastik“ sachlich zutreffender. Diese begriffliche Korrektur wurde später ausdrücklich als verbindlich festgehalten.

Die Übertragung auf Identität ist jedoch eine Forschungshypothese und keine allgemein anerkannte anthropologische Theorie. Sie muss als Modell geprüft werden. Die Stärke des Modells liegt darin, einen Unterschied zwischen lebendiger Veränderlichkeit und gesellschaftlicher Festschreibung sichtbar zu machen. Seine Gefahr läge darin, „Plastik“ automatisch positiv und „Skulptur“ automatisch negativ zu besetzen. Eine tragfähige Weiterentwicklung muss deshalb anerkennen, dass auch Stabilität, Wiederholung und Formfestigkeit für Organismen und Gesellschaften notwendig sein können.

Die eigentliche Prüfgröße ist also nicht Beweglichkeit gegen Festigkeit, sondern tragfähige Plastizität gegenüber untragfähiger Fixierung.

9. Erfahrung und Rückkopplung

Erfahrung wurde im Verlauf der Forschung zunehmend von bloßem Erleben unterschieden. Erfahrung entsteht dort, wo ein Vorgang rückwirkt und eine vorhandene Form verändern kann.

Eine Tätigkeit führt zu einer Konsequenz. Diese Konsequenz wird wahrgenommen. Sie wird mit der Erwartung verglichen. Daraus kann eine Korrektur entstehen. Dieser Kreislauf bildet eine elementare Rückkopplungsfigur.

Das Handwerk stellt hierfür ein einfaches Modell bereit. Funktioniert eine Konstruktion nicht, muss sie verändert werden. In vielen gesellschaftlichen Systemen ist dieser Zusammenhang komplizierter. Folgen können zeitlich verzögert, räumlich ausgelagert oder anderen Menschen zugerechnet werden. Ein System kann seine eigenen negativen Konsequenzen erzeugen und trotzdem weiterhin als erfolgreich gelten, wenn seine Erfolgskriterien nur innerhalb des Systems definiert werden.

Daraus entwickelte sich die Konsequenz- und Rückkopplungsforschung. Ihre zentrale Frage lautet nicht allein: Was beabsichtigt eine Person oder Institution? Sie fragt: Was geschieht tatsächlich als Folge der Tätigkeit?

Die Verantwortung verschiebt sich dadurch von der Absicht zur Konsequenz. Eine gute Absicht genügt nicht, wenn die hervorgebrachte Form ihre eigenen Voraussetzungen zerstört.

Diese Verschiebung ist fundamental für die spätere So-Heits-Gesellschaft.

10. Symbol- und Eigenschaftsbildung

Eine der weitreichendsten begrifflichen Entwicklungen betrifft die Frage, wie Menschen Eigenschaften in Dinge hineinlegen.

Ein Gegenstand besitzt physische Eigenschaften. Er hat Masse, Material, Ausdehnung, Temperatur, chemische Zusammensetzung und bestimmte Belastbarkeiten. Daneben kann derselbe Gegenstand gesellschaftlich erzeugte Eigenschaften erhalten. Er kann „mein Eigentum“, „wertvoll“, „heilig“, „verboten“, „Ware“, „Kulturgut“, „Geldanlage“ oder „Statussymbol“ sein.

Diese Eigenschaften sind nicht physikalisch im Material auffindbar. Dennoch sind sie nicht bedeutungslos. Sie können Zugänge regulieren, Handlungen auslösen und Machtverhältnisse organisieren.

Hier entwickelte sich die Unterscheidung zwischen dinglichen Eigenschaften und hineingedachten beziehungsweise zugeschriebenen Eigenschaften. Die Formulierung „hineingedacht“ war zunächst besonders produktiv, weil sie das Unsichtbare des Vorgangs sichtbar macht: Der gesellschaftlich erzeugte Bedeutungszusammenhang wird behandelt, als läge er im Ding selbst.

Später musste diese Formulierung präzisiert werden. Symbolische Eigenschaften werden nicht nur „gedacht“. Sie werden auch institutionell hergestellt, rechtlich abgesichert, materiell dokumentiert und sozial durchgesetzt. Eigentum ist daher nicht bloße Vorstellung. Es ist eine gesellschaftliche Zuschreibungs- und Handlungspraxis.

Aus dieser Differenzierung entstand die Eigentumsgrammatik. Sie untersucht nicht nur, was jemand besitzt, sondern welche sprachlichen, rechtlichen und kulturellen Operationen ein Ding in „mein“, „dein“, „öffentlich“, „privat“, „verkäuflich“ oder „unveräußerlich“ verwandeln.

Hier verbindet sich Begriffshandwerk unmittelbar mit politischer und ökonomischer Forschung.

11. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

Die sprachgeschichtlichen Untersuchungen dienen innerhalb der Forschung nicht der bloßen Etymologie. Sie sollen sichtbar machen, wie unterschiedliche Kulturen Wirklichkeit geschnitten haben.

Griechische Philosophie, lateinisch-römische Rechts- und Dingbegriffe, christliche Leib-Seele-Traditionen, neuzeitliche Subjekt-Objekt-Modelle und moderne ökonomische Rollenbegriffe werden als unterschiedliche Schichtungen untersucht.

Platon wurde dabei insbesondere hinsichtlich der Höherwertung unveränderlicher Formen beziehungsweise Ideen gegenüber dem veränderlichen Körperlichen untersucht. In der Folienarbeit wurde daraus eine visuelle Versuchsanordnung entwickelt: unten Körper, Bewegung und Veränderung, darüber Schatten und Spiegelung, darüber geometrische beziehungsweise goldene Ideen. Die künstlerische Frage lautet nicht, Platon in wenigen Bildern philosophisch vollständig abzubilden. Geprüft wird vielmehr, was geschieht, wenn Unveränderlichkeit einen höheren Wirklichkeitsrang erhält als das lebendige Veränderliche.

Aristoteles wurde demgegenüber stärker als Versuch gelesen, Stoff, Form, Bewegung und Zielrichtung miteinander zu verbinden. Auch hier handelt es sich um eine künstlerisch-forschende Reduktion, nicht um eine erschöpfende philosophiehistorische Darstellung.

Im Christentum wurde insbesondere die mögliche Trennung von Körper und aufsteigender Seele untersucht. Das Folienbild eines zurückbleibenden Körpers und einer nach oben orientierten Seele soll eine kulturelle Wirklichkeitsfigur prüfbar machen. Auch hier muss sorgfältig zwischen historischen theologischen Positionen und der forschungskünstlerischen Modellierung unterschieden werden. „Das Christentum“ besitzt keine einzige, über zweitausend Jahre unveränderte Lehre von Körper, Seele und Welt.

Bei der modernen Physik richtet sich die Kritik nicht gegen Physik als Wissenschaft. Sie richtet sich gegen mögliche Reduktionen, wenn Messbares mit der Gesamtheit des Wirklichen gleichgesetzt wird. Masse, Kraft, Temperatur, Druck und mathematische Modelle erfassen bestimmte Wirkzusammenhänge außerordentlich präzise. Daraus folgt aber nicht, dass Fragen nach Verletzung, Lebensfähigkeit, Bedeutung oder gesellschaftlicher Verantwortung physikalisch beantwortet wären.

Die kulturgeschichtliche Vergleichsmethode untersucht daher immer auch Auslassungen. Welche Wirklichkeitsdimension wird durch ein bestimmtes Modell sichtbar, und was fällt durch dessen Raster?

12. Das Vier-Ebenen-Modell: aus verstreuten Unterscheidungen wird eine Prüfarchitektur

Aus diesen verschiedenen Untersuchungen entstand schrittweise das Vier-Ebenen-Modell.

Die erste Ebene umfasst die physisch-materielle Wirklichkeit: Stoffe, Energie, Raum, Zeit, Last, Widerstand, Temperatur, Druck und andere materielle Bedingungen. Sie ist nicht von menschlichen Begriffen abhängig, auch wenn Menschen sie nur durch ihre Modelle beschreiben können.

Die zweite Ebene umfasst das Lebendige: Stoffwechsel, Selbstorganisation, Verletzbarkeit, Regeneration, Wahrnehmung, Bewegung, Abhängigkeit und Tätigkeit. Die zweite Ebene darf nicht einfach auf die erste reduziert werden, obwohl sie vollständig auf materiellen Prozessen beruht.

Die dritte Ebene umfasst die symbolische und technisch-gesellschaftlich erzeugte Menschenwelt: Sprache, Bilder, Eigentum, Geld, Gesetze, Institutionen, Rollen, Religionen, Wissenschaften, Technik, Medien und andere menschliche Formbildungen.

Die vierte Ebene wurde zunächst leicht so verstanden, als sei sie einfach eine weitere Schicht oberhalb der anderen drei. Diese Darstellung wurde später korrigiert. Die vierte Ebene ist besser als transversaler Prüf-, Rückkopplungs- und Reparaturoperator zu verstehen. Sie überprüft Verhältnisse zwischen E1, E2 und E3. Sie fragt, ob eine symbolische oder technische Konstruktion ihre materiellen und lebendigen Voraussetzungen erkennt, welche Konsequenzen sie hervorbringt und ob sie korrigierbar bleibt.

Diese Korrektur ist wichtig. E4 ist keine höhere metaphysische Wirklichkeit. Sie ist eine menschliche Prüftätigkeit und gehört insofern selbst zu einem lebendigen und symbolischen Vollzug. Sie erhält ihre besondere Position nur funktional.

Das Modell erhebt außerdem keinen Anspruch, ein Naturgesetz zu sein. Es ist eine forschungskünstlerische Prüfarchitektur.

Die jüngste Anwendung auf den Wikipedia-Artikel „Welt“ hat diese Funktion besonders deutlich gemacht. Der Artikel bezeichnet „Welt“ einerseits als Gesamtheit begreifbarer beziehungsweise erkennbarer Dinge und andererseits im weitesten Sinn als „alles, was ist“. Durch das Vier-Ebenen-Modell wurde sichtbar, dass hier Existenz und menschliche Erkennbarkeit nicht ausreichend getrennt werden. Ebenso zeigte sich, dass der Artikel über weite Strecken Begriffs-, Philosophie-, Religions- und Kulturgeschichte behandelt, während die lebendige Abhängigkeitsebene und eine explizite Prüf- und Rückkopplungsebene weitgehend fehlen.

Diese Wikipedia-Analyse ist deshalb ein wichtiger neuer Schritt. Das Vier-Ebenen-Modell wurde nicht mehr nur auf eigene Werke oder gesellschaftliche Beispiele angewendet, sondern auf die Wissensorganisation einer Enzyklopädie. Damit entstand die Frage, ob der Prüfoperator systematisch auf Lexika, wissenschaftliche Darstellungen, Lehrbücher, politische Programme und andere Wissensordnungen angewendet werden kann.

Die jüngste Rahmensetzung verhindert dabei einen zu großen Anspruch: Das Vier-Ebenen-Modell kann prinzipiell sehr viele Gegenstände prüfen, aber nicht jede Fachfrage selbst beantworten. Es ersetzt weder Physik noch Biologie, Medizin, Geschichte oder Rechtswissenschaft. Seine Funktion besteht darin, Ebenen, Voraussetzungen, Auslassungen, Rückwirkungen und mögliche Kategorienverwechslungen sichtbar zu machen.

Damit erhält das Modell erstmals eine deutlichere methodische Grenze: nahezu unbegrenzter Gegenstandsbereich, aber begrenzte Prüffunktion.

13. 51:49, 50:50 und 1:99

Die Verhältnisfiguren 51:49, 50:50 und später 1:99 entstanden aus der Suche nach einer bildhaften und operativen Form für Gleichgewicht, Differenz, Veränderlichkeit und Macht.

51:49 wurde zunehmend als minimale Asymmetrie verstanden. Ein vollständig starres 50:50 erscheint im Modell als Zustand ohne Richtung beziehungsweise als idealisierte Symmetrie. 51:49 führt eine minimale Differenz ein, durch die Bewegung, Korrektur und Entwicklung möglich werden.

Später entstand das Bild des dreifachen Optimums. Ein Optimum kann für das Medium anders aussehen als für einen Organismus und wiederum anders als für einen Prüfzusammenhang. Wasser besitzt bestimmte Strömungsbedingungen, ein Hai funktioniert innerhalb bestimmter Toleranzräume, und ein künstliches System kann wiederum andere Optimierungsziele verfolgen. Die Forschung fragt deshalb nicht nach einem abstrakten universellen Optimum, sondern nach verschachtelten Funktionsbedingungen.

1:99 wurde dagegen stärker als Bild gesellschaftlicher Drift und Machtkonzentration entwickelt. Es kann die Umkehrung eines tragfähigen minimalen Differenzverhältnisses markieren: Eine ursprünglich bewegliche Differenz wird zur Dominanzstruktur.

Wesentlich ist die inzwischen ausdrücklich vorgenommene Korrektur: 51:49 ist kein nachgewiesenes Naturgesetz. Es ist ein Modell, eine Kalibrierungsfigur und ein künstlerischer Prüfoperator. Jede naturwissenschaftliche Verallgemeinerung müsste separat empirisch begründet werden.

Diese begriffliche Selbstbegrenzung stärkt den Forschungsansatz. Seine Geltung hängt nicht davon ab, 51:49 als universale Naturkonstante zu behaupten.

14. Tragwesen und Tragbewusstsein

Mit der Entwicklung der Tragwirklichkeit entstanden die Begriffe des plastischen Tragwesens und des Tragbewusstseins.

Der Mensch wird als Tragwesen bezeichnet, weil er seine Existenzbedingungen nicht selbst erzeugt und nicht autonom gegenüber ihnen steht. Er wird getragen und trägt zugleich Teile anderer Zusammenhänge mit. Er ist also weder souveränes Zentrum noch passiver Bestandteil.

Tragbewusstsein bezeichnet die Möglichkeit, diese Abhängigkeiten wahrzunehmen und zum Bestandteil bewusster Gestaltung zu machen.

Auch diese Begriffe sind Forschungskunstbegriffe. Sie dürfen nicht als etablierte anthropologische Fachterminologie ausgegeben werden. Ihre Funktion besteht darin, eine Lücke in verbreiteten Selbstbeschreibungen des Menschen sichtbar zu machen. Während „Subjekt“, „Person“, „Bürger“, „Konsument“, „Eigentümer“ oder „Nutzer“ bestimmte gesellschaftliche Rollen betonen, stellt „Tragwesen“ die Abhängigkeitsbedingungen in den Mittelpunkt.

Der spätere Begriff Plastische Anthropologie 51:49 versucht, diese unterschiedlichen Stränge zusammenzuführen. Anthropologie bedeutet hier nicht den Anspruch auf eine abgeschlossene Wissenschaft vom Menschen. Es bezeichnet eine künstlerische Forschung darüber, wie der Mensch zugleich lebendiger Formprozess und Gestalter seiner Menschenwelt ist.

15. Begriffshandwerk und Prüfanker

Mit dem Anwachsen der Theorie entstand ein neues Problem: Auch die eigene Forschung konnte sich in immer mehr Begriffen verlieren.

Darauf reagierte die Entwicklung von Kontextankern, Werkankern und Prüfankern. Die Versionsfolgen von v6.6 über v8, v10, v12 bis zu v12.16 markieren keine lineare Wahrheitserhöhung, sondern Arbeitsstände. Begriffe wurden ergänzt, korrigiert und teilweise relativiert.

Zu den wesentlichen Entwicklungen gehören die Dingselektion und Eigentumsgrammatik, die planetarische Kalibrierung, Geburt, Lücke und Mutation, die Bestimmung der Forschungskunst als repräsentative Prüf-, Forschungs- und Entwicklungskunst, Tragwirklichkeit und Tragwesen, Plexuswirklichkeit, Differenzialprinzip, res und Dingwelt, hineingedachte Eigenschaften, Technē-Welt, Seele, plastisches Ich und schließlich die verstärkte Rückbindung an das dokumentierte Gesamtwerk.

Ein Prüfanker soll verhindern, dass ein neuer Begriff lediglich deshalb übernommen wird, weil er attraktiv klingt. Er muss an Werke, Erfahrungen, Gegenbeispiele und Konsequenzen rückgebunden werden.

Die Anker sind damit selbst Teil von E4.

Allerdings besteht hier eine neue Gefahr: Eine hohe Zahl von Ankern und Versionsnummern kann die Forschung unnötig komplizieren. Ein zukünftiger Vereinfachungsschritt sollte zwischen historischem Entwicklungsarchiv und gegenwärtigem Pflichtkern unterscheiden. Nicht jede alte Version muss in der aktuellen Darstellung mitgeführt werden.

16. Künstlerische Prüfobjekte

Die einzelnen Werke erhalten innerhalb dieser Architektur eine neue Funktion. Sie sind nicht bloß Belege für eine bereits fertige Theorie. Häufig waren sie früher da als die Begriffe.

Das Wellenbecken prüft Verhältnis, Medium, Bewegung und Widerstand. Der Gordische Knoten untersucht Verstrickung, Lösbarkeit und die Versuchung gewaltsamer Vereinfachung. Die Schultafel macht Vorgaben, Lehre, Überschreibung und Autorität sichtbar. Vorgabebild und Roter Punkt untersuchen, wie stark eine gesetzte Form die nachfolgende Wahrnehmung und Handlung beeinflusst. Die Kartoffelarbeiten können das Verhältnis zwischen lebendigem Vorgang, Ware, Form, kultureller Bewertung und symbolischer Zuschreibung sichtbar machen.

Die späteren Prüfobjekte verschieben sich noch stärker in Richtung einer anschaulichen Erkenntnisapparatur.

Der Sandtrichter macht Belastung und Verschüttung sichtbar. Ein Mensch oder eine Figur kann unter einem System von Ablagerungen verschwinden, während der Astronautenanzug als Gegenmodell einer künstlich hergestellten Schutz- und Lebensumgebung erscheint.

Die Saftpresse untersucht, wie ein vorhandener Zusammenhang unter Druck in verwertbare Bestandteile zerlegt wird und welche Vorstellung von Wert diesen Vorgang steuert.

Die Thermosflasche macht Isolationsvorstellungen sichtbar. Sie fragt, wie stark sich Menschen als abgeschlossene Behälter begreifen, obwohl lebendige Organismen gerade von Austausch abhängig sind.

Der Astronautenanzug bildet eine besonders starke Gegenfigur. Er zeigt, dass die Selbstverständlichkeit menschlicher Existenzbedingungen erst dann auffällt, wenn sie künstlich bereitgestellt werden müssen. Sauerstoff, Druck, Temperatur und Schutz werden im Weltraum sichtbar, weil sie auf der Erde gewöhnlich unsichtbar mitgetragen werden.

Der Feuerkäfig verdichtet diese Forschung zu einem gesellschaftlichen Bild: Ein Mensch befindet sich in einem brennenden Käfig, dessen Tür geöffnet sein kann, verlässt ihn aber dennoch nicht. Das Bild fragt, welche symbolischen, psychologischen und gesellschaftlichen Bindungen dazu führen können, dass erkennbare Gefahren nicht in entsprechendes Handeln übersetzt werden.

Das künstlerische Dreieck verbindet Vorstellung, Tätigkeit und hervorgebrachte Form. Kopf beziehungsweise Modell, Hände beziehungsweise Tätigkeit und das entstehende Werk werden in einen Rückkopplungszusammenhang gestellt. Ein falsches Modell kann eine falsche Tätigkeit hervorbringen; das entstandene Werk kann wiederum Rückmeldung über das Modell geben.

Diese Prüfobjekte bilden eine zentrale Stärke der Forschungskunst: abstrakte Probleme werden körperlich und räumlich erfahrbar gemacht.

17. Folien und Schablonen: vom Einzelbild zur überlagerbaren Erkenntnisgrammatik

Die jüngere Entwicklung der Folien ist mehr als eine Präsentationstechnik.

Die transparenten, übereinanderlegbaren Folien übertragen das Vier-Ebenen-Denken in eine analoge Bildgrammatik. Statt eine endgültige Abbildung zu liefern, können unterschiedliche Schichten ein- und ausgeblendet werden. Dadurch wird sichtbar, wie verschiedene Modelle denselben Gegenstand unterschiedlich strukturieren.

Die Grundfolien umfassen unter anderem physikalisch-kosmische Bedingungen, ein ganzheitliches Netzwerk, den Menschen mit dem Spaten als Bild der Tätigkeitskonsequenz, die Frau mit der Aussage „Ich bin frei“, Isolationsbilder, körperliche Durchdringung durch Wärme und Gravitation, molekulare Verknüpfungen, den Menschen im Wasser sowie eine zeitgeschichtliche Einordnung des Homo sapiens.

Andere Folien untersuchen Platon, Aristoteles, Christentum und Physik als unterschiedliche Wirklichkeitsmodelle. Ihre Funktion besteht ausdrücklich nicht darin, diese umfangreichen Traditionen vollständig zu erklären. Sie dienen als Schablonenprüfung: Was wird durch eine bestimmte Sichtweise sichtbar? Was verschwindet hinter ihr?

Damit wird die Schablone selbst zu einem erkenntniskritischen Begriff. Kein Modell ist die Wirklichkeit. Jedes Modell selektiert.

Die Schablonen sollen gerade deshalb beweglich, kombinierbar und austauschbar bleiben.

Hier entsteht eine direkte Verbindung zur Dingselektion, zum Lochprozess und zum Vier-Ebenen-Modell. Erkenntnis wird als Auswahlprozess sichtbar. Die Folien machen nachvollziehbar, dass sich unterschiedliche Wirklichkeitsordnungen nicht notwendig gegenseitig vollständig widerlegen, sondern verschiedene Ausschnitte sichtbar machen können.

18. Das Mitmachbuch: aus der Darstellung wird ein Lernweg

Das Mitmachbuch entwickelte sich aus früheren Malbuch-, Vorgabebild- und Beteiligungsarbeiten. Sein entscheidender Schritt besteht darin, den Leser beziehungsweise Teilnehmer nicht lediglich mit einer abgeschlossenen Theorie zu konfrontieren.

Das Buch soll einen Weg erzeugen.

Kartoffel, Wiese, Schultafel und andere einfache Gegenstände können Ausgangspunkte sein, weil an ihnen sichtbar wird, wie verschiedene Ebenen und Zuschreibungen ineinandergreifen. Ein Gegenstand besitzt physische Eigenschaften, ist Bestandteil lebendiger Zusammenhänge, erhält kulturelle Bezeichnungen und ökonomische Werte und kann schließlich selbst Gegenstand einer Prüfung werden.

Das Mitmachbuch soll deshalb nicht primär Antworten vermitteln. Es soll eine Prüffähigkeit trainieren.

Hier liegt seine Verbindung zum Lochprozess. Eine gute Seite des Mitmachbuchs muss genügend Vorgabe enthalten, damit überhaupt ein Problem sichtbar wird, aber genügend Öffnung lassen, damit der Teilnehmer nicht lediglich die erwartete Antwort reproduziert.

Die Foliengrammatik erweitert diesen Ansatz. Der Leser kann Modelle übereinanderlegen, entfernen und vergleichen. Damit wird aus dem Buch ein analoger Simulator von Perspektiven.

Langfristig verbindet sich diese analoge Form mit der digitalen Globalen Schwarm-Intelligenz.

Eine noch offene Frage ist, ob das Mitmachbuch einen eigenen theoretischen Anker benötigt. Nach der gegenwärtigen Architektur spricht vieles dafür, es nicht als neue Theorieebene zu behandeln. Es ist vielmehr ein didaktisch-künstlerisches Interface, in dem bereits vorhandene Operatoren zusammengeführt werden: Gegenüberstellung, Schablonenwechsel, Vier-Ebenen-Prüfung, Lochprozess und Rückkopplung.

19. Tausend Tische: die gesellschaftliche Skalierung der Gegenüberstellung

Die Tischform zieht sich durch verschiedene Beteiligungsarbeiten. Ein Tisch ist weder Bühne noch Zuschauerraum. Menschen sitzen sich gegenüber, legen etwas dazwischen, schreiben, zeigen, vergleichen, essen, verhandeln oder widersprechen.

Aus dieser einfachen sozialen Form entwickelte sich die Vorstellung der Tausend Tische.

Die Tausend Tische sind deshalb keine bloße quantitative Vergrößerung eines Workshops. Sie bilden die räumlich-soziale Übersetzung des Forschungsprinzips. Gegenüberstellung wird vervielfacht. Unterschiedliche Erfahrungen können gleichzeitig sichtbar werden, ohne sofort in eine zentrale einheitliche Stimme überführt zu werden.

Der Tisch ist damit ein Gegenmodell zur einseitigen Belehrung. Wissen wird nicht nur von einem Zentrum an Empfänger verteilt. Es entsteht ein Feld horizontaler Rückkopplungen.

Die Tausend Tische verbinden ältere Demokratiewerkstätten, kollektive Kreativität, globale Dorffeste und heutige digitale Plattformideen.

Ihre offene Frage betrifft die Skalierbarkeit. Wie kann aus tausend einzelnen Gesprächen tatsächlich ein lernfähiger Gesamtzusammenhang entstehen, ohne dass entweder Chaos entsteht oder eine zentrale Instanz die Vielfalt wieder auf ein starres Ordnungssystem reduziert?

An diesem Punkt beginnt die Rolle der KI.

20. KI: vom Schreibwerkzeug zum möglichen Prüfkoordinator

Die KI trat zunächst als praktisches Werkzeug in die Forschung ein. Sie ermöglicht die Bearbeitung sehr großer Textmengen, Rechtschreibkorrektur, Strukturierung, Vergleich, Recherche und Rekonstruktion.

Durch die intensive Arbeit entstand jedoch eine neue Frage: Könnte KI nicht nur Texte erzeugen, sondern Gegenüberstellungen organisieren?

Wenn Tausende oder Millionen Menschen Erfahrungen, Beobachtungen und Lösungsansätze beitragen, entsteht ein Koordinationsproblem. Kein einzelner Mensch kann diese Gesamtheit überblicken. KI könnte Gemeinsamkeiten, Widersprüche, fehlende Ebenen und Gegenbeispiele sichtbar machen.

Damit entstand die Vorstellung der KI als Prüfkoordinator.

Dieser Begriff ist entscheidend. Die KI soll nicht automatisch zum Richter oder Souverän werden. Sie soll keine letzte Wahrheit bestimmen. Ihre Aufgabe wäre, Beiträge zu ordnen, Gegenpositionen zusammenzuführen, Ebenenverwechslungen zu markieren, fehlende Informationen zu erkennen und Rückkopplungen verfügbar zu machen.

Gerade das Vier-Ebenen-Modell könnte hierfür eine Prüfgrammatik liefern.

Die jüngste Wikipedia-Untersuchung zeigt ein mögliches Beispiel. Eine KI könnte einen Artikel nicht nur sprachlich zusammenfassen, sondern fragen, welche Aussagen physische Bedingungen behandeln, welche lebendige Zusammenhänge, welche symbolische Konstruktionen und wo Rückkopplungs- und Prüfbezüge fehlen.

Daraus entsteht allerdings auch eine erhebliche Gefahr. Eine KI, die selbst mit unklaren Kategorien trainiert wurde oder wirtschaftlichen und politischen Interessen unterliegt, könnte bestehende Schablonen lediglich verstärken. Deshalb muss auch die KI selbst Gegenstand von E4 bleiben.

Eine offene Kernfrage lautet somit: Wer prüft den Prüfkoordinator?

21. Globale Schwarm-Intelligenz: von der Plattform zum öffentlichen Simulator

Die Globale Schwarm-Intelligenz entwickelt die Beteiligungsformen in einen digitalen Raum weiter. Die Plattform wurde zunehmend nicht nur als Archiv oder Webseite verstanden, sondern als öffentlicher Simulator, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von KI trainiert und geprüft werden kann.

Damit verbindet sie mehrere Jahrzehnte der Werkentwicklung.

Die Schultafel wird zur digitalen Eingabefläche. Der Frage- und Antworttisch wird zur vernetzten Gegenüberstellung. Das Mitmachbuch wird interaktiv. Die Tausend Tische können potenziell global verteilt werden. Die KI kann Beiträge koordinieren. Das Vier-Ebenen-Modell liefert eine Prüfgrammatik. Die Konsequenz- und Rückkopplungsforschung liefert die methodische Bewegungsrichtung.

Die Globale Schwarm-Intelligenz soll deshalb nicht bloß Meinungen sammeln. Ein Schwarm ist nicht automatisch intelligent. Eine Million Wiederholungen desselben Irrtums ergeben keine bessere Erkenntnis.

„Schwarm-Intelligenz“ erhält erst dann forschungskünstlerischen Sinn, wenn Unterschiedlichkeit, Gegenüberstellung, Sachbezug, Konsequenzprüfung und Korrektur organisiert werden.

Hier liegt eine der wichtigsten noch offenen Baustellen: Es muss präziser definiert werden, unter welchen Bedingungen aus Beteiligung tatsächlich kollektive Lernfähigkeit wird.

22. So-Heits-Gesellschaft: vom Sollenssystem zur Prüfung dessen, was ist und wirkt

Der Begriff der So-Heits-Gesellschaft ist eine späte Zielprojektion des Forschungsansatzes.

„So-Heit“ richtet sich gegen eine Wirklichkeitsordnung, in der Vorgaben, Rollen, Ideologien oder abstrakte Sollenssysteme das konkrete Funktionieren überdecken. Die So-Heit fragt zunächst: Wie ist etwas tatsächlich? Was wirkt? Welche Bedingungen liegen vor? Welche Konsequenzen entstehen?

Sie bedeutet jedoch nicht, alles Bestehende einfach hinzunehmen. „So ist es eben“ wäre das Gegenteil der gemeinten Funktion.

Die So-Heit soll gerade die tatsächlichen Bedingungen so genau sichtbar machen, dass korrigierende Tätigkeit möglich wird.

Damit schließt sich ein großer Kreis. Die handwerkliche Frage, ob eine Verbindung trägt, wird auf gesellschaftliche Formen übertragen. Die Gesellschaft wird als Menschenkunstwerk betrachtet. Sie ist von Menschen hergestellt und formt zugleich die Menschen zurück.

Das Menschenkunstwerk ist deshalb nicht automatisch gelungen. Seine Formen müssen daran geprüft werden, ob sie Leben ermöglichen, Tragbedingungen berücksichtigen, Lernen zulassen und eigene Fehler korrigieren können.

Hier unterscheidet sich die So-Heits-Gesellschaft von einer klassischen politischen Utopie. Sie soll möglichst keine fertige ideale Gesellschaftsform vorgeben. Ihr Kern wäre eine permanente öffentliche Korrekturfähigkeit.

Gerade deshalb bleibt ihre institutionelle Form noch offen. Wie werden Entscheidungen getroffen? Wie werden Machtasymmetrien behandelt? Wer definiert Prüfmaßstäbe? Wie werden Minderheiten geschützt? Wie wird verhindert, dass „Funktionieren“ zu einem technokratischen Herrschaftsbegriff wird?

Diese Fragen müssen bewusst offen bleiben, solange sie nicht durch konkrete institutionelle Versuche geprüft worden sind.

23. Das So-Heits-Atelier: Forschung wird öffentlicher Vorgang

Das So-Heits-Atelier bildet gegenwärtig die räumlich-künstlerische Verdichtung des gesamten Ansatzes.

Es ist weder klassische Ausstellung noch bloßes Labor und auch keine Lehrveranstaltung. Das Atelier soll Werke, Folien, Bücher, Gespräche, KI, Gegenüberstellungen und öffentliche Prüfung verbinden.

Die Bewerbung beziehungsweise Auseinandersetzung mit der documenta 16 hat diesen Gedanken zugespitzt. Die zentrale These lautet inzwischen, dass die Arbeit an der documenta nicht erst mit einer möglichen Einladung beginnt. Der künstlerische Prüfprozess selbst kann bereits als Arbeit an der documenta verstanden werden.

Das Atelier enthält dabei sowohl die Lebenswerk-Topografie als auch einen aktuellen Arbeitsraum. Frühere Werke werden nicht museal abgeschlossen, sondern als historische Prüfstationen in einen gegenwärtigen Zusammenhang gebracht.

Das Motiv des Memento mori verstärkt diese Struktur. Es verweist auf die Endlichkeit des einzelnen Lebenswerks und gleichzeitig auf die Frage, welche Teile eines fünfzigjährigen Forschungsprozesses öffentlich weiterarbeiten können.

Die Idee eines So-Heits-Ateliers im Stadtraum, unter anderem in Verbindung mit einem möglichen großen Warenhausraum, führt die Kunst unmittelbar in die Kauf-, Wert- und Tätigkeitswelt hinein. Besucher sollen nicht erst in einem isolierten Kunstkontext über gesellschaftliche Konstruktionen nachdenken. Der Raum selbst wird zum Prüfmaterial.

Die Dramaturgie vom Kauf- und Verkaufsraum zur planetarischen 23:59-Welt verbindet Eigentum, Wert, Zeit, Tätigkeitsfolgen und globale Verantwortung.

24. Das So-Heits-Atelier als Zusammenführung früherer Werkformen

Im So-Heits-Atelier begegnen sich fast alle früher getrennten Werkstränge.

Die Schultafel bringt die Frage von Lehre und Vorgabe ein. Der Frage- und Antworttisch bringt die Gegenüberstellung ein. Das Wellenbecken bringt das materielle Verhalten ein. Der Gordische Knoten bringt Verstrickung und Lösungsversuch ein. Kartoffelarbeiten verbinden Lebendigkeit, Ware und Zuschreibung. Der Astronautenanzug macht Tragbedingungen sichtbar. Die Platonfolie prüft kulturelle Wirklichkeitshierarchien. Das Vorgabebild untersucht Wahrnehmungslenkung. Das Mitmachbuch macht den Besucher zum Bearbeiter. Die KI ermöglicht großräumige Vergleichbarkeit. Die Globale Schwarm-Intelligenz öffnet das Atelier über den physischen Raum hinaus.

Dadurch entsteht erstmals eine Gesamtapparatur.

Die einzelnen Werke müssen deshalb nicht alle dieselbe Botschaft transportieren. Sie fungieren als verschiedene Sensoren innerhalb eines größeren Prüfraums.

25. Forschungskunst und Wissenschaft: notwendige Unterscheidung

Die zunehmende theoretische Präzision macht eine klare Abgrenzung zur Wissenschaft besonders wichtig.

Historisch und wissenschaftlich überprüfbare Aussagen können durch Quellen, Messungen, Archive und Fachliteratur geprüft werden. Dazu gehören beispielsweise biografische Daten, kunsthistorische Ereignisse, sprachgeschichtliche Entwicklungen, naturwissenschaftliche Messgrößen oder belegte Aussagen philosophischer Autoren.

Daneben stehen Begriffe der eigenen Forschungskunst. Dazu gehören unter anderem Tragwirklichkeit, Tragwesen, Tragbewusstsein, plastisches Ich, Skulpturidentität, Plexuswirklichkeit, Lochprozess in seiner spezifischen Verwendung, So-Heits-Gesellschaft und die Kalibrierungsfunktion 51:49.

Diese Begriffe können sinnvoll, produktiv und erklärungskräftig sein. Sie sind aber nicht allein dadurch wissenschaftlich bewiesen, dass sie innerhalb des eigenen Systems miteinander zusammenpassen.

Die Forschungskunst besitzt gerade die Freiheit, solche Modelle zunächst bildnerisch, sprachlich, räumlich und sozial zu erproben. Ihr Anspruch muss deshalb nicht sein, Wissenschaft zu imitieren.

Sie kann vielmehr wissenschaftliche Ergebnisse einbeziehen, unterschiedliche Wissensgebiete gegenüberstellen, Lücken sichtbar machen und neue Prüfobjekte hervorbringen.

Die Grenze liegt dort, wo eine künstlerische Hypothese als bereits empirisch gesichertes Naturgesetz ausgegeben würde.

26. Das Vier-Ebenen-Modell als allgemeiner Prüfoperator

Die jüngste Frage, was überhaupt durch das Vier-Ebenen-Modell geprüft werden kann, führt zu einer wichtigen methodischen Präzisierung.

Grundsätzlich kann das Modell auf nahezu alle von Menschen beschriebenen, erzeugten oder beeinflussten Zusammenhänge angewendet werden: auf Begriffe, Kunstwerke, Technologien, Institutionen, Gesetze, wirtschaftliche Systeme, wissenschaftliche Modelle, religiöse Vorstellungen, politische Programme, Bildungsformen oder Wikipedia-Artikel.

Daraus folgt aber nicht, dass das Modell über alles selbst entscheiden könnte.

Es kann nicht feststellen, welche medizinische Therapie klinisch am wirksamsten ist, ohne medizinische Forschung einzubeziehen. Es kann keine physikalische Naturkonstante bestimmen. Es kann historische Ereignisse nicht ohne Quellen rekonstruieren.

Seine Aufgabe besteht darin, Prüffragen zu organisieren.

Welche materiellen Bedingungen liegen vor? Welche lebendigen Systeme sind betroffen? Welche symbolischen, rechtlichen oder technischen Konstruktionen bestimmen die Tätigkeit? Welche Konsequenzen entstehen? Welche Rückkopplungen werden wahrgenommen? Wo fehlen Informationen? Welche Ebenen werden verwechselt?

Die Rahmensetzung besteht deshalb nicht primär in einer Einschränkung der Gegenstände, sondern in einer Einschränkung des eigenen Erkenntnisanspruchs.

Das Modell ist kein Weltgericht.

Es ist ein Prüfrahmen.

27. Wikipedia als neues Prüfobjekt

Die Untersuchung des Artikels „Welt“ hat eine neue Anwendungsmöglichkeit eröffnet.

Wikipedia organisiert sehr große Mengen von Wissen, arbeitet aber notwendigerweise mit sprachlichen Kategorien. Gerade deshalb kann ein lexikalischer Artikel sachlich viele richtige Einzelaussagen enthalten und trotzdem eine unklare Wirklichkeitsarchitektur besitzen.

Am Artikel „Welt“ wurde sichtbar, dass physische Existenz, Erkennbarkeit, Kulturgeschichte, Religion, Philosophie, gesellschaftliche Bedeutungen und Fiktion unter einem gemeinsamen Begriff verhandelt werden. Die lebendige Funktionsebene wird dagegen kaum eigens entwickelt, und eine systematische Rückkopplungs- beziehungsweise Prüfebene fehlt.

Das bedeutet nicht, dass Wikipedia das Vier-Ebenen-Modell als verbindliche Theorie übernehmen müsste.

Der viel stärkere Nachweis liegt darin, dass das Modell Fehlstellen erzeugen kann, die ohne die Prüfung nicht sichtbar waren.

Damit erhält das Modell einen überprüfbaren Funktionswert. Die Frage lautet nicht länger nur: „Ist das Vier-Ebenen-Modell wahr?“ Die produktivere Frage lautet: „Welche bislang nicht gestellten Fragen werden durch seine Anwendung sichtbar, und verbessern diese Fragen die Beschreibung des Gegenstandes?“

Dies könnte zu einem allgemeinen Prüfverfahren für Wissensartikel weiterentwickelt werden.

28. Gesamtarchitektur der Forschung

In ihrer heutigen Form lässt sich die Forschung als zusammenhängender Kreislauf rekonstruieren.

Am Anfang steht die Plexuswirklichkeit, also ein Geflecht materieller, lebendiger und relationaler Bedingungen.

Der Mensch kann dieses Geflecht niemals vollständig erfassen. Er selektiert. Wahrnehmung, Sprache und kulturelle Modelle erzeugen Ausschnitte.

Aus diesen Ausschnitten entstehen Vorstellungen und Modelle.

Aus Vorstellungen entstehen Entscheidungen und Tätigkeiten.

Tätigkeiten verändern den Plexus und erzeugen Konsequenzen.

Konsequenzen können wahrgenommen werden und zu Rückkopplungen führen.

Rückkopplungen können durch Gegenüberstellung, Vier-Ebenen-Prüfung, Werkprüfung, Erfahrung und kollektive Beteiligung untersucht werden.

Daraus können Korrektur und Reparatur entstehen.

Die korrigierte Form tritt erneut in die Wirklichkeit ein und erzeugt wiederum Konsequenzen.

Damit ist Forschung kein Weg zu einem endgültigen System. Sie ist ein plastischer Kreislauf.

Die grundlegende Architektur lautet deshalb in verdichteter Form:

Plexuswirklichkeit – Selektion – Modellbildung – Tätigkeit – Konsequenz – Rückkopplung – Prüfung – Korrektur beziehungsweise Reparatur – neue Form – erneute Wirklichkeitserfahrung.

Die Kunst befindet sich nicht außerhalb dieses Kreislaufs. Sie stellt innerhalb des Kreislaufs besondere Gegenstände und Situationen her, an denen er sichtbar und erfahrbar werden kann.

29. Die tiefere Einheit des Lebenswerks

Von hier aus wird auch verständlich, weshalb sehr unterschiedliche Arbeiten desselben Lebenswerks miteinander verbunden werden können.

Fotografie untersucht Auswahl und Ausschnitt. Bildhauerei untersucht Material und Form. Handwerk untersucht Passung und Funktion. Theater untersucht Rolle und Als-ob. Malbücher und Vorgabebilder untersuchen Vorstrukturierung. Schultafeln untersuchen Wissensvorgabe. Wasser- und Wellenarbeiten untersuchen reale Antwort des Mediums. Gesellschaftliche Aktionen untersuchen Beteiligung. Demokratiewerkstätten untersuchen kollektive Formbildung. Das Globale Dorffest untersucht soziale Verdichtung. Die Globale Schwarm-Intelligenz untersucht vernetzte Erkenntnisorganisation. KI untersucht algorithmische Koordination. Das So-Heits-Atelier versucht schließlich, diese Werkformen in einer gemeinsamen öffentlichen Prüfarchitektur zusammenzuführen.

Die Einheit liegt also nicht in einem gemeinsamen Stil.

Sie liegt im Prüfverfahren.

30. Doppelungen im gegenwärtigen Begriffssystem

Die lange Entwicklung hat allerdings zu einer starken Begriffsverdichtung geführt. Mehrere Begriffe überschneiden sich.

Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit liegen sehr nahe beieinander. Eine klare Lösung könnte darin bestehen, Plexuswirklichkeit als umfassenderes Wirklichkeitsmodell und Tragwirklichkeit als die darin untersuchten existenziellen Tragbedingungen zu verwenden.

Plastisches Tragwesen, plastisches Ich und Menschenkunstwerk überschneiden sich ebenfalls. „Plastisches Tragwesen“ bezeichnet am klarsten die anthropologische Bedingtheit. „Plastisches Ich“ sollte enger für den sich durch Erfahrung und Rückkopplung verändernden Selbstprozess verwendet werden. „Menschenkunstwerk“ bezeichnet dagegen entweder den einzelnen Menschen als geformtes und sich formendes Wesen oder die gemeinsam erzeugte Gesellschaft. Hier sollte künftig ausdrücklich zwischen individuellem Menschenkunstwerk und gesellschaftlichem Menschenkunstwerk unterschieden werden.

Tragbewusstsein und E4 überschneiden sich teilweise. Tragbewusstsein ist jedoch eine mögliche menschliche Bewusstseinsform, während E4 ein methodischer Prüfoperator ist. Diese Unterscheidung sollte beibehalten werden.

Konsequenzforschung, Rückkopplungsforschung, Prüfkunst und Reparaturkunst bezeichnen verschiedene Abschnitte desselben Kreislaufs. Sie müssen nicht jeweils als eigenständige Theorie behandelt werden.

31. Begriffliche Unklarheiten

Der Begriff Funktionieren benötigt weiterhin eine besonders sorgfältige Rahmensetzung. Ein System kann für einen Zweck funktionieren und gleichzeitig seine Voraussetzungen schädigen. Funktionieren darf deshalb nie ohne Referenzraum verwendet werden.

Auch Tragen ist erklärungsbedürftig. Es darf nicht moralisch mit „gut“ gleichgesetzt werden. Ein diktatorisches System kann sich über Jahrzehnte institutionell stabilisieren und in diesem engen Sinne „tragen“, während es menschliche Lebensmöglichkeiten massiv beschädigt. Tragfähigkeit muss daher immer auf benannte Bedingungen und Betroffene bezogen werden.

Der Begriff So-Heit kann missverstanden werden, als solle das Bestehende einfach akzeptiert werden. Die Definition muss deshalb stets die Rückkopplung enthalten: So-Heit bezeichnet das möglichst unverstellte Wahrnehmen dessen, was tatsächlich ist und wirkt, als Voraussetzung möglicher Korrektur.

Skulpturidentität benötigt weiterhin eine Abgrenzung gegenüber normaler Identitätsstabilität. Nicht jede stabile Identität ist Gefängnis.

Auch der Lochprozess benötigt noch eine klarere Typologie. Lücke, Öffnung, Bruch, Mutation und Geburt sollten nicht beliebig ineinander übergehen.

32. Mögliche Vereinfachungen

Der Gesamtansatz lässt sich wesentlich vereinfachen, ohne seinen Gehalt zu verlieren.

Ein großer Teil der Begriffswelt kann um wenige Kernoperatoren organisiert werden.

Die erste Achse lautet Wirklichkeit – Modell. Sie untersucht die Differenz zwischen einem wirkenden Zusammenhang und seiner menschlichen Darstellung.

Die zweite Achse lautet Tätigkeit – Konsequenz. Sie verbindet Vorstellung mit materieller und lebendiger Wirkung.

Die dritte Achse lautet Gegenüberstellung – Rückkopplung – Korrektur. Sie beschreibt Lernen.

Das Vier-Ebenen-Modell ordnet diese Prozesse.

Die Plexuswirklichkeit beschreibt ihren umfassenden Zusammenhang.

Die Forschungskunst stellt Prüfobjekte und soziale Situationen her, in denen diese Beziehungen erfahrbar werden.

Das So-Heits-Atelier ist die öffentliche räumliche Form.

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist die digitale Form.

Damit könnte ein Großteil des Forschungsansatzes verständlich vermittelt werden, ohne zunächst sämtliche Spezialbegriffe einzuführen.

33. Noch fehlende Verbindungen

Eine wichtige noch fehlende Verbindung besteht zwischen E4 und konkreten gesellschaftlichen Institutionen. Es ist bereits gut beschrieben, was Prüfung, Rückkopplung und Reparatur leisten sollen. Weniger entwickelt ist, wie ein gesellschaftlicher E4-Prozess tatsächlich organisiert werden könnte, wenn Interessen, Macht, Zeitdruck und ungleich verteiltes Wissen beteiligt sind.

Eine zweite offene Verbindung betrifft Macht. Eigentumsgrammatik, Rollenidentität, 1:99 und gesellschaftliche Zuschreibungen berühren Machtfragen, aber Macht ist bislang nicht als eigener Operator systematisch in die Gesamtarchitektur integriert.

Eine dritte Lücke betrifft Konflikte zwischen verschiedenen Tragbedingungen. Es kann Situationen geben, in denen nicht alle Interessen gleichzeitig erfüllt werden können. Eine reine Rückkopplungslogik beantwortet noch nicht automatisch, wie zwischen konkurrierenden Gütern entschieden werden soll.

Eine vierte offene Verbindung betrifft Unsicherheit und Nichtwissen. Der Lochprozess erkennt Nichtwissen als produktive Öffnung an. Es fehlt jedoch noch ein stärkeres Verfahren dafür, wie Entscheidungen unter unvermeidbarer Unsicherheit getroffen und später überprüft werden.

Eine fünfte Lücke liegt in der Prüfung des Prüfens. E4 benötigt einen eigenen Rekursionsanker. Wer setzt Maßstäbe? Welche Daten gelten? Welche Betroffenen fehlen? Welche Perspektive wurde ausgeschlossen? Eine Prüfung muss selbst gegenprüfbar sein.

Eine sechste offene Verbindung betrifft KI. Der Prüfkoordinator darf nicht zur unsichtbaren Autorität werden. Transparenz der Kriterien, Gegenmodelle und menschliche Eingriffsmöglichkeiten müssen Teil der Architektur sein.

34. Die gegenwärtige Forschungsposition

Der Forschungsansatz befindet sich heute an einem Punkt, an dem die jahrzehntelange Werkentwicklung erstmals relativ geschlossen als öffentliche Prüf- und Rückkopplungsarchitektur lesbar wird.

Der entscheidende Weg führte nicht von einer Theorie zu ihren Illustrationen, sondern umgekehrt von Erfahrungen und Werken zu Begriffen.

Aus dem handwerklichen „trägt oder trägt nicht“ entstand die Werkprüfung.

Aus Natur- und Umweltbeobachtung entstand die Frage nach Existenzbedingungen.

Aus Beteiligungsarbeiten entstand Gegenüberstellung.

Aus der Erfahrung von Vorgaben entstand die Untersuchung von Schablonen.

Aus der Bildhauerei entwickelte sich die Differenz von plastischer Veränderlichkeit und skulpturaler Fixierung.

Aus der Sprach- und Eigentumsanalyse entstand die Untersuchung symbolischer Eigenschaften.

Aus der Wirklichkeitsfrage entstanden Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit.

Aus den verschiedenen Wirkweisen entstand das Vier-Ebenen-Modell.

Aus den Rückkopplungsproblemen entstanden Prüfanker.

Aus den Folien entstand eine visuelle Erkenntnisgrammatik.

Aus den Beteiligungsformen entstanden Mitmachbuch und Tausend Tische.

Aus der digitalen Skalierungsfrage entstand die Globale Schwarm-Intelligenz.

Aus der Koordinationsfrage entstand die Rolle der KI.

Aus der Frage nach einer lernfähigen Gesellschaft entstand die So-Heits-Gesellschaft.

Und aus der Notwendigkeit, all dies nicht nur zu beschreiben, sondern räumlich und öffentlich prüfbar zu machen, entsteht das So-Heits-Atelier.

Schluss: Forschungskunst als plastischer Erkenntnisprozess

Die stärkste gemeinsame Aussage des bisherigen Forschungswegs besteht nicht in einem einzelnen Begriff wie 51:49, Tragwirklichkeit, Plastisches Ich oder So-Heit.

Sie liegt in einer methodischen Umkehrung.

Der Mensch soll seine Modelle nicht mehr ausschließlich dadurch bestätigen, dass er innerhalb dieser Modelle weitere Erklärungen erzeugt. Er soll sie einem Gegenüber aussetzen.

Dieses Gegenüber kann Material sein, Wasser, ein lebendiger Organismus, ein anderer Mensch, eine historische Quelle, eine andere Kultur, eine Tätigkeitsfolge, ein gescheitertes Werk, ein wissenschaftlicher Befund oder eine gesellschaftliche Krise.

Die Forschungskunst erzeugt Formen, in denen solche Gegenüberstellungen stattfinden können.

Damit wird Kunst nicht zum Ersatz für Wissenschaft und nicht zur neuen Weltanschauung. Sie wird zu einem besonderen Prüf-, Wahrnehmungs-, Gegenüberstellungs- und Korrekturverfahren.

Die heute erreichte Gesamtarchitektur lässt sich deshalb auf einen Grundsatz verdichten:

Der Mensch erzeugt Modelle seiner Wirklichkeit, gestaltet nach diesen Modellen seine Menschenwelt und wird von dieser hervorgebrachten Menschenwelt selbst wieder geformt. Zivilisationsfähigkeit entsteht dort, wo dieser Kreislauf nicht geschlossen bleibt, sondern seine Voraussetzungen und Folgen einem Gegenüber aussetzt, Rückkopplung zulässt und die eigene Form korrigieren kann.

Das Vier-Ebenen-Modell erhält innerhalb dieser Architektur eine zentrale, aber begrenzte Aufgabe. Es ist nicht die Weltbeschreibung selbst. Es ist ein Instrument, das verhindert, dass physische Bedingungen, lebendige Prozesse, symbolische Menschenwerke und deren Prüfung unbemerkt ineinanderfallen.

Damit wird auch die jüngste Wikipedia-Untersuchung exemplarisch wichtig. Sie zeigt, dass der Forschungsansatz inzwischen nicht nur das eigene Werk rekonstruiert, sondern auf bestehende Wissensordnungen zurückwirken kann. Seine Bewährungsprobe besteht nun darin, ob diese Prüfungen außerhalb des eigenen Begriffssystems tatsächlich neue, nachvollziehbare und korrigierbare Erkenntnisse hervorbringen.

Genau dort beginnt die nächste Phase der Forschung.

.........

Die vollständige Forschungsrekonstruktion ist fertig: rund 16.000 Wörter auf 55 Seiten.

Sie rekonstruiert chronologisch die Werkgenese seit 1975 und entwickelt daraus systematisch sämtliche Modelle, Begriffe und Methoden. Historisch beziehungsweise wissenschaftlich Belegbares, Selbstauskünfte, rückblickende Werkdeutungen und Hypothesen der Forschungskunst werden ausdrücklich unterschieden. Abschließend werden Doppelungen, Unklarheiten, Vereinfachungsmöglichkeiten und fehlende Forschungsanschlüsse benannt.

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Besonders wichtig: Die heutigen Begriffe werden nicht rückwirkend als bereits 1975 fertige Theorie ausgegeben. Sie erscheinen als spätere Verdichtungen der tatsächlich vorausgegangenen Werkpraxis.

Die folgende Rekonstruktion behandelt die heutigen Begriffe als Ergebnis einer langen Werk- und Denkentwicklung. Sie unterscheidet deshalb zwischen dokumentierbarer Werkgeschichte, wissenschaftlich anschlussfähigen Sachverhalten und den eigenständigen Hypothesen beziehungsweise Prüfbegriffen der Forschungskunst.

Rekonstruktion einer Forschungskunst

Von der Werkpraxis über die Rückkopplung zur öffentlichen Prüfarchitektur des So-Heits-Ateliers

1. Forschungsgrund: Die Frage entstand vor der Theorie

Der Ausgangspunkt dieser Forschung liegt nicht in einer zuerst formulierten philosophischen Theorie, sondern in praktischen Erfahrungen mit Natur, Technik, Fotografie, Bildhauerei und gesellschaftlicher Gestaltung. Früh stehen Naturbeobachtung, Garten, Tiere, Bienen, Ornithologie und später die fotografische Wahrnehmung. Mit der Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 tritt eine zweite Erfahrung hinzu: Eine Konstruktion kann behauptet, beschrieben oder gezeichnet werden, aber am Ende entscheidet sich am Werkstück, an Passung, Toleranz, Belastung und Widerstand, ob sie funktioniert.

Dieser handwerkliche Erfahrungskern wird später für die gesamte Forschung entscheidend. Er enthält bereits eine Differenz, die erst Jahrzehnte später theoretisch ausgearbeitet wird: Zwischen einer menschlichen Vorstellung und dem, was sich unter wirklichen Bedingungen tatsächlich ereignet, besteht ein Abstand. Das Material bestätigt die Vorstellung nicht aus Höflichkeit. Es antwortet durch Widerstand, Verformung, Funktion, Bruch oder Versagen.

Die fotografische Arbeit erweitert diese Erfahrung um ein zweites Problem. Fotografie bildet Wirklichkeit nicht einfach vollständig ab. Der Fotograf wählt einen Ausschnitt, einen Zeitpunkt und eine Perspektive. Damit entsteht früh die Erfahrung, dass Wahrnehmung und Darstellung notwendig selektiv sind. Diese Selektion ist zunächst noch kein „Lochprozess“, keine „Dingselektion“ und keine Theorie der symbolischen Konstruktion. Sie bildet aber einen Erfahrungshintergrund, aus dem diese späteren Begriffe hervorgehen können.

Mit der bildhauerischen Ausbildung an der HBK Braunschweig von 1974 bis 1980 verbindet sich das technische Herstellen mit einem künstlerischen Verständnis von Formung. Material wird verändert, aber das Material verändert zugleich den Arbeitsprozess. Form entsteht nicht ausschließlich aus einer inneren Idee, sondern aus einer Wechselwirkung zwischen Vorstellung, Hand, Werkzeug, Material, Widerstand und Korrektur.

Seit der Mitte der 1970er Jahre verdichtet sich daraus die leitende Forschungsfrage: Warum zerstört der Mensch trotz seines Wissens, seiner Gestaltungskraft und seiner Fähigkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen?

Historisch dokumentierbar ist die Entwicklung der entsprechenden Werke, Aktionen, Modelle und Arbeitsformen. Wissenschaftlich belegbar ist außerdem, dass menschliche Gesellschaften auf physikalische und biologische Bedingungen angewiesen bleiben und ihre Tätigkeiten ökologische und körperliche Folgen haben. Die spezifische Formulierung dieser Abhängigkeit als zentrale künstlerische Forschungsfrage ist dagegen Bestandteil der Forschungskunst.

Aus dieser Ausgangsfrage entwickelt sich schrittweise eine grundlegende Verschiebung: Kunst soll nicht mehr hauptsächlich etwas darstellen oder eine fertige Auffassung verkünden. Sie soll Bedingungen schaffen, unter denen Vorstellungen, Begriffe und Tätigkeiten geprüft werden können.

Damit entsteht der Grundoperator der gesamten späteren Forschung:

Herstellen – Widerstand erfahren – gegenüberstellen – Rückmeldung aufnehmen – Konsequenzen erkennen – korrigieren – erneut handeln.


2. Werkgenese: Von der Experimentellen Umweltgestaltung zur Forschungskunst

Die ab 1975 entwickelte „Experimentelle Umweltgestaltung“ bildet einen entscheidenden Übergang. „Umwelt“ bezeichnet hier zunächst noch nicht die später entwickelte „Tragwirklichkeit“ oder „Plexuswirklichkeit“. Der Begriff bezeichnet praktisch die Beziehungen zwischen Mensch, Material, Naturraum, Wahrnehmung und Tätigkeit.

Wasser-, Strömungs-, Wellen-, Deich- und andere Versuchsanordnungen erhalten deshalb eine besondere Bedeutung. Wasser kann nicht durch eine Definition dazu gebracht werden, sich anders zu verhalten. Ein Deich trägt oder versagt unter bestimmten Bedingungen. Eine Welle reagiert auf Form, Hindernis, Bewegung und Medium. Solche Vorgänge werden zu elementaren Lehrmeistern der späteren Forschungskunst.

Parallel entstehen partizipatorische Formen. Erwachsene sollen nicht nur Kunst betrachten, sondern handeln, zeichnen, antworten, verändern, übermalen, vergleichen oder eine Vorgabe verlassen. Die Erwachsenen-Malbücher, Vorgabebilder, Frage- und Antwortsituationen, später die „Krickel-Krakel-Philosophie“, Demokratiewerkstätten, „Kollektive Kreativität“, das „Globale Dorffest“, Theaterformen und weitere Beteiligungsmodelle verschieben das Verhältnis zwischen Künstler, Werk und Rezipient.

Das Entscheidende ist nicht einfach „Partizipation“. Die Beteiligung erhält allmählich eine prüfende Funktion. Der Teilnehmer produziert etwas und kann anschließend dem eigenen Ergebnis gegenübertreten. Damit wird Beteiligung zur Erkenntnissituation.

Hier liegt eine wichtige begriffliche Korrektur. Die Arbeiten lassen sich nicht hinreichend als „Mitmachkunst“ beschreiben. Mitmachen ist lediglich die äußere Handlung. Methodisch entscheidend ist die Möglichkeit der Gegenüberstellung und Rückkopplung.

Auch der spätere Begriff „Forschungskunst“ darf deshalb nicht rückwirkend so verstanden werden, als habe 1975 bereits das heutige Modell vollständig vorgelegen. Vielmehr wird mit „Forschungskunst“ im Rückblick ein über Jahrzehnte entstandener Zusammenhang benannt: Kunst erzeugt Versuchsanordnungen, in denen menschliche Vorstellungen an Material, anderen Menschen, Folgen und Bedingungen geprüft werden.


3. Vom Umweltbegriff zur Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit

Der frühe Umweltbegriff erwies sich zunehmend als zu schwach. „Umwelt“ kann suggerieren, der Mensch befinde sich in einem Zentrum und um ihn herum liege seine Umwelt. Genau diese Trennung wird im späteren Denken problematisch.

Der Mensch steht nicht vor Atmosphäre, Stoffwechsel, Gravitation, Wärme, Wasser, Mikroorganismen, anderen Lebewesen und gesellschaftlichen Abhängigkeiten wie vor einer Kulisse. Er existiert durch Beziehungen, die seinen Körper fortwährend durchlaufen und ermöglichen.

Aus dieser Verschiebung entsteht zunächst der Begriff der Tragwirklichkeit. Er bezeichnet jene Bedingungen, die menschlicher Zuschreibung vorausliegen und menschliches Leben tatsächlich tragen. Atmosphäre, Wasser, Gravitation oder Stoffwechsel funktionieren nicht deshalb, weil Menschen ihnen Geltung zusprechen.

Später wird diese Vorstellung durch den Begriff der Plexuswirklichkeit erweitert. „Plexus“ soll Wirklichkeit nicht mehr als Sammlung voneinander isolierter Dinge beschreiben, sondern als Geflecht von Beziehungen, Durchgängen, Abhängigkeiten und Wirkungen.

Eine weitere Präzisierung war notwendig. Die zeitweise zugespitzte Formulierung, ein „Ding“ oder eine „Erscheinung“ existiere nicht, erwies sich als missverständlich. Der heute tragfähigere Gedanke lautet: Dinge können selbstverständlich materiell vorhanden sein; problematisch wird die Dingselektion, wenn der herausgeschnittene Gegenstand so behandelt wird, als trüge er seine Beziehungen, Voraussetzungen und Folgen vollständig in sich.

Der Betonklotz wird hierfür zum Bild: Nicht der reale Beton ist das Problem, sondern der begriffliche Betonklotz im Denken, der Beziehungen stillstellt.

Wissenschaftlich anschlussfähig ist, dass Organismen offene Systeme sind, Stoffe und Energie austauschen und in ökologische sowie physikalische Zusammenhänge eingebunden bleiben. Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit sind dagegen eigene begriffliche Setzungen der Forschungskunst. Sie sollen diese Abhängigkeiten für die künstlerische Prüfung operationalisieren.

Die Zielprojektion lautet, Wahrnehmung von isolierten Dingen auf Beziehungsgefüge zurückzuführen. Offen bleibt, wie „Plexuswirklichkeit“ so präzisiert werden kann, dass der Begriff nicht zum allumfassenden Ersatzwort für „alles hängt mit allem zusammen“ wird. Er muss konkrete Abhängigkeiten, Durchgänge, Tragbedingungen und Verletzungsmöglichkeiten unterscheidbar machen.


4. Begriffsbildung: Der Mensch formt nicht nur Stoff, sondern Wirklichkeitserklärungen

Aus der bildhauerischen Praxis wird schrittweise ein erweiterter Kunstbegriff entwickelt. Der Mensch formt nicht nur Ton, Stein, Metall oder Holz. Er formt Begriffe, Kategorien, Eigentumsverhältnisse, Institutionen, Rollen, Bilder, Werte, Geldordnungen und Vorstellungen seiner selbst.

Damit wird die Begriffsbildung selbst zu einem plastischen Vorgang.

Wahrnehmen bedeutet bereits unterscheiden. Benennen stabilisiert eine Unterscheidung. Die sprachliche Bezeichnung macht einen Ausschnitt verfügbar, vergleichbar und kommunizierbar. Sie kann aber zugleich verdecken, dass dieser Ausschnitt durch eine menschliche Operation hergestellt wurde.

Hier entsteht die Vorstellung des Begriffshandwerks. Begriffe werden nicht mehr als neutrale Behälter betrachtet, sondern als Werkzeuge. Wie ein Werkzeug können sie passen, verschleißen, falsch eingesetzt werden, Beziehungen auftrennen oder neue Beobachtungen ermöglichen.

Eine entscheidende Korrektur betrifft den Erkenntnisbegriff. Erkenntnis wird nicht einfach mit Wirklichkeit gleichgesetzt. Menschliches Erkennen umfasst Wahrnehmen, Unterscheiden, Feststellen, Urteilen und teilweise auch Zuerkennen. Das Ergebnis ist eine menschliche Formung und Feststellung über Wirklichkeit, nicht die Wirklichkeit selbst.

Der methodische Zweck dieser Differenz ist zentral: Eine Aussage muss wieder an ein Gegenüber zurückgeführt werden können. Dadurch soll verhindert werden, dass ein Begriff allein deshalb als wahr gilt, weil innerhalb desselben Begriffssystems immer neue Erklärungen für ihn erzeugt werden können.

Die Zielprojektion ist eine Kunst des Begriffemachens, bei der Begriffe wie Werkstücke geprüft, korrigiert oder verworfen werden können.


5. Lücke, Mutation und Lochprozess

Eine der kompliziertesten Entwicklungslinien führt von der Lücke über die Mutation zum späteren Lochprozess.

Die Lücke wurde zunächst als Raum des Nichtwissens gefasst. Zwischen Vorstellung und Gegenüber, zwischen Minimum und Maximum, zwischen zwei Möglichkeiten oder zwischen bisherigem Wissen und neuer Erfahrung entsteht ein Zwischenraum. Dieser Raum ist nicht notwendigerweise ein Defizit. Er ermöglicht Entscheidung, Urteil, Lernen und Veränderung.

Zeitweise wurde diese Lücke stark mit dem Begriff der Mutation verbunden. Geburt, Trennung, Grenzveränderung und neue Referenzsysteme wurden als mögliche Mutationszonen gelesen. Daraus entstand die Vorstellung einer plastischen oder skulpturalen Mutation.

Hier war eine Korrektur erforderlich. „Mutation“ besitzt in der Biologie einen präzisen fachwissenschaftlichen Sinn. Wird der Begriff auf kulturelle oder begriffliche Veränderungen übertragen, handelt es sich um eine Analogie beziehungsweise einen Forschungskunstbegriff und nicht um eine biologische Erklärung gesellschaftlicher Entwicklung.

Der später entwickelte Lochprozess versucht deshalb genauer zu erfassen, was sich an einer Grenze verändert. Ein Loch ist dabei nicht einfach ein statisches Nichts. Ein Lochprozess bezeichnet Öffnung, Unterbrechung, Verschiebung oder Durchlässigkeitsveränderung einer Grenze, durch die Beziehungen verloren gehen, neue Durchgänge entstehen oder Rückkopplung verhindert beziehungsweise ermöglicht wird.

Die Membran wird zum Gegenmodell eines bloßen Loches. Eine lebendige Membran ist nicht einfach geschlossen oder offen. Sie reguliert Durchtritt. Genau diese regulierte Durchlässigkeit wird zu einem wichtigen Bild für plastische Identität und lernfähige gesellschaftliche Systeme.

Damit verändert sich auch die Bedeutung der Lücke: Die Lücke ist nicht identisch mit dem Lochprozess. Sie kann als offener Referenzraum des Nichtwissens produktiv bleiben. Der Lochprozess bezeichnet dagegen stärker eine Veränderung von Beziehungen und Grenzen mit konkreten Folgen.

Ein offener Forschungsbedarf besteht darin, verschiedene Lochprozesse voneinander zu unterscheiden: produktive Öffnung, notwendige Trennung, Verlust einer Rückkopplung, Abschottung, Durchbruch, Verletzung und katastrophaler Tragbruch dürfen nicht unter einen einzigen metaphorischen Begriff fallen.


6. Gegenüberstellung und Lernen

Gegenüberstellung ist aus sehr unterschiedlichen Werkpraktiken hervorgegangen: aus dem Materialwiderstand beim handwerklichen Arbeiten, aus Wasserexperimenten, aus Fotografie, Frage-Antwort-Situationen, Vorgabebildern, Teilnehmerreaktionen, Theater und später den transparenten Folien.

Der entscheidende Gedanke lautet: Lernen benötigt eine Differenz.

Eine Vorstellung, die ausschließlich in sich selbst weiterarbeitet, kann sich immer wieder selbst bestätigen. Erst wenn ihr etwas gegenübertritt, das nicht vollständig von ihr kontrolliert wird, kann eine Abweichung sichtbar werden.

Das Gegenüber kann Material sein. Es kann ein anderer Mensch sein. Es kann das eigene entstandene Werk sein. Es kann eine Messung, eine historische Quelle, eine Folge einer Handlung oder eine andere begriffliche Konstruktion sein.

Daraus entsteht ein Lernoperator:

Vorstellung – Tätigkeit – Gegenüber – Differenz – Erfahrung – Rückkopplung – Korrektur.

Das Vorgabebild bekommt innerhalb dieser Entwicklung eine neue Bedeutung. Es ist nicht bloß ein pädagogisches Blatt, das ausgemalt wird. Die Teilnehmer können übernehmen, ergänzen, verändern, widersprechen oder die Vorgabe verlassen. Dadurch wird sichtbar, wie Menschen mit einem gesetzten Modell umgehen.

Später übertragen die Folien dieses Verfahren auf komplexere Wirklichkeitsmodelle. Zwei oder mehrere Deutungen können buchstäblich übereinandergelegt, getrennt, verschoben und verglichen werden.

Die Zielprojektion ist kein Lernen im Sinne der Übernahme einer richtigen Lehre. Ziel ist das Training von Differenzierungs-, Prüf- und Korrekturfähigkeit.


7. Erfahrung und Rückkopplung

Erfahrung wird innerhalb dieser Forschung zunehmend von bloßer Information unterschieden. Man kann wissen, dass etwas heiß ist. Die körperliche Begegnung mit Hitze ist eine andere Qualität der Rückmeldung. Man kann eine Konstruktion berechnen; erst ihr Verhalten unter Belastung erzeugt eine weitere Form von Erfahrung.

Die handwerkliche Frage „Funktioniert es oder funktioniert es nicht?“ entwickelt sich deshalb zu einem zentralen Prüfmaßstab.

Wichtig ist eine spätere Präzisierung: Funktionieren darf nicht mit bloßer technischer Effizienz verwechselt werden. Ein System kann technisch sehr effizient funktionieren und zugleich seine eigenen Lebensbedingungen beschädigen. Deshalb erweitert sich die Funktionsprüfung zur Frage nach Tragfähigkeit, Rückkopplung, Verletzung und Reparierbarkeit.

Der Prüfmaßstab lautet dann nicht nur: Erreicht ein System seinen vorgesehenen Zweck? Sondern auch: Welche Voraussetzungen benötigt es? Welche Folgen erzeugt es? Welche Rückmeldungen kann es aufnehmen? Kann es korrigiert werden? Zerstört es Bedingungen, von denen sein eigenes Weiterbestehen abhängt?

Damit wird die Rückkopplung zur Verbindung zwischen Handwerk, Ökologie, gesellschaftlicher Gestaltung und Kunst.


8. Plastik, plastisches Ich und Skulpturalisierung

Der Begriff der Plastik entwickelt sich aus der bildhauerischen Erfahrung, wird aber zunehmend prozessual verstanden. Plastik bedeutet nun nicht allein ein materielles Kunstobjekt. Plastisch ist ein Vorgang, wenn Formung und Rückwirkung miteinander verbunden bleiben.

Der Mensch formt und wird geformt. Er verändert seine Umgebung und die veränderte Umgebung wirkt auf seinen Körper, seine Wahrnehmung, seine Gewohnheiten und seine gesellschaftlichen Möglichkeiten zurück.

Daraus entsteht die Vorstellung des plastischen Ichs beziehungsweise der plastischen Identität. Sie bezeichnet keine grenzenlose Beliebigkeit des Selbst, sondern eine lebendige, durchlässige, lernende und rückkopplungsfähige Identitätsform.

Demgegenüber wird die Skulpturalisierung entwickelt. Sie bezeichnet eine Verfestigung menschlich erzeugter Formen, bei der ihr Herstellungscharakter und ihre Korrigierbarkeit aus dem Bewusstsein verschwinden. Eine Rolle, ein Eigentumsverhältnis, eine Institution, eine Idee oder eine Vorstellung vom Ich kann dann behandelt werden, als sei sie eine unveränderliche natürliche Eigenschaft.

Die Skulpturidentität ist entsprechend nicht einfach eine stabile Persönlichkeit. Sie bezeichnet in der Forschungskunst eine Identitätsform, die ihre eigenen historischen, körperlichen und relationalen Voraussetzungen ausblendet und sich als fertiges Gebilde behandelt.

Später wurde differenziert: „Kulturidentität“ kann als breiter Oberbegriff dienen, „Rollenidentität“ bezeichnet konkrete soziale Festlegungen, während „Skulpturidentität“ den spezifischen Prozess ihrer Verhärtung bezeichnet.

Das Bild des Astronautenanzugs, der Membran, des Tangs im Wasser und später des Feuerkäfigs verdichtet diese Frage: Welche Grenze schützt und reguliert, und welche Grenze sperrt ein?


9. Symbol- und Eigenschaftsbildung

Eine weitere Forschungslinie entsteht aus der Frage, welche Eigenschaften Dinge tatsächlich besitzen und welche ihnen Menschen zuschreiben.

Gold besitzt bestimmte physikalische Eigenschaften. Dass Gold „wertvoll“ ist, gehört nicht in derselben Weise zum Metall. Ein Grundstück besitzt eine räumliche und materielle Beschaffenheit; „mein Eigentum“ ist eine gesellschaftlich wirksame Zuschreibung. Geldscheine besitzen Materialeigenschaften, während ihr Geldwert auf institutionalisierten Geltungsverhältnissen beruht.

Diese Beobachtung führt nicht zu der Behauptung, symbolische Konstruktionen seien „unwirklich“. Genau das wäre eine Verkürzung. Geld, Eigentum, Rollen, Gesetze und Religionen können enorme reale Wirkungen entfalten. Sie sind aber anders wirklich als Gravitation, Körpertemperatur oder Sauerstoffbedarf.

Daraus entwickelt sich eine differenzierte Wirklichkeitsgrammatik: materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben und symbolisch behauptet beziehungsweise stabilisiert dürfen nicht miteinander verwechselt werden.

Die Kartoffel-Gold-Konstellationen, Midas-Bilder, Eigentumsbeispiele, Tafeln und weitere Arbeiten werden zu Prüfobjekten für solche hineingedachten Eigenschaften.

Der Begriff symbolon wird dabei als relationale Passungs- und Erkennungsform aufgegriffen. Die künstlerische Hypothese lautet, dass moderne Symbolsysteme teilweise so stabilisiert werden können, dass ihre zugeschriebenen Eigenschaften wie materielle Eigenschaften behandelt werden.

Offen bleibt die genaue Grenze zwischen Zuschreibung, institutioneller Tatsache, symbolischer Behauptung und materieller Eigenschaft. Gerade diese Grenze soll nicht durch eine pauschale Aussage „alles ist konstruiert“ verdeckt werden.


10. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleichsarbeit

Mit zunehmender Begriffsarbeit werden historische Sprachformen selbst zu Untersuchungsobjekten. Wörter wie technē, polis, theatron, idiotes, symbolon oder res werden nicht bloß etymologisch gesammelt. Gefragt wird, welche Weltgliederungen sich in ihnen zeigen und wie sich spätere Bedeutungen verschoben haben.

Besonders wichtig wird technē. Der Begriff ermöglicht eine Verbindung zwischen Kunst, Können, Herstellen und Technik. Daraus entwickelt sich die Vorstellung, dass die Menschenwelt als Technē-Welt verstanden werden kann: eine hervorgebrachte Welt aus Institutionen, Bildern, technischen Systemen, Begriffen und gesellschaftlichen Formen.

Auch res beziehungsweise die Dingwelt wird für die Frage nach Selektion und Verdinglichung relevant. Ähnlich wird symbolon genutzt, um Symbol nicht bloß als Zeichen, sondern ursprünglich als relationale Passungsstruktur zu untersuchen.

Bei „erkennen“ wird die Differenz zwischen Wahrnehmen, Feststellen, Urteilen und Zuerkennen wichtig. Dadurch kann untersucht werden, wie Eigenschaften nicht lediglich entdeckt, sondern teilweise durch menschliche Ordnungen zugesprochen werden.

Methodisch muss dieser Bereich besonders streng behandelt werden. Historische Sprachgeschichte ist wissenschaftlich überprüfbar und benötigt philologische Quellen. Die daraus gezogenen kulturdiagnostischen Verbindungen sind dagegen Hypothesen der Forschungskunst. Eine Wortherkunft beweist keine Theorie über die gesamte Entwicklung einer Zivilisation.

Diese Trennung ist eine der wichtigen Korrekturen der jüngeren Arbeit.


11. Das 51:49-Modell, 50:50 und 1:99

Die frühe Intuition von 51:49 entwickelt sich zu einem der wiederkehrenden Modelle der Forschung.

51:49 steht nicht als mathematisch nachgewiesenes Naturgesetz. Es wird zunehmend als heuristischer Minimalasymmetrie- und Differenzoperator verstanden. Schon eine geringfügige Differenz kann Bewegung, Richtung, Entscheidung oder Veränderung ermöglichen.

Dem wird 50:50 als Bild einer vollkommenen Symmetrie gegenübergestellt. In späteren Arbeiten erhält 50:50 eine gesellschaftskritische Bedeutung: die Vorstellung scheinbar sauber getrennter Dualismen – innen/außen, Körper/Geist, Natur/Kultur, richtig/falsch –, durch die komplexe Beziehungen stillgestellt werden können.

1:99 bezeichnet eine weitere Drift: minimale Unterschiede können sich durch Macht-, Besitz- oder Statussysteme massiv verstärken. Auch hier handelt es sich nicht um eine allgemeingültige empirische Zahl, sondern um ein forschungskünstlerisches Modell.

Später wird das Differenzialprinzip hinzugefügt: Entscheidend ist nicht die Zahl selbst, sondern die gekoppelte Differenz unterschiedlicher Bewegungen. Der technische Begriff des Schlupfs wird dabei zum Vergleichsoperator: Ein Unterschied kann Bewegung ermöglichen, aber auch Kraftübertragung vermindern oder einen Ausweg öffnen.

Die frühere Gefahr, 51:49 wie ein universales Naturgesetz erscheinen zu lassen, wird dadurch korrigiert. Seine tragfähigere Funktion liegt im Prüfen kleiner Differenzen, Kipppunkte und Rückkopplungen.


12. Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekunden-Mensch

Die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ führt eine andere Skala in die Forschung ein. Die Erdgeschichte wird auf einen Tag projiziert. Homo sapiens erscheint erst in den letzten Sekunden; ein einzelnes menschliches Leben schrumpft in dieser Projektion auf Millisekunden.

Die wissenschaftliche Grundlage – Alter der Erde und relativ kurze Existenz des Homo sapiens – ist grundsätzlich naturwissenschaftlich belegbar. Die konkrete Umrechnung hängt von den verwendeten Datierungen ab und muss rechnerisch transparent gehalten werden.

Der Millisekunden-Mensch ist dagegen ein Forschungskunstbegriff.

Seine Funktion besteht darin, menschliche Selbstverständnisse an eine Zeitdimension zurückzubinden, die im Alltag kaum erfahrbar ist. Die Frage lautet: Wie kommt ein extrem spät auftretendes Lebewesen dazu, die vorgefundenen planetarischen Bedingungen gedanklich seiner eigenen Symbol- und Technikwelt unterzuordnen?

Damit verbindet die 24-Stunden-Uhr Tragwirklichkeit, Skulpturidentität, Eigentums- und Wertsysteme sowie die spätere So-Heits-Gesellschaft.


13. Das Vier-Ebenen-Modell

Aus den wiederholten Konflikten zwischen materiellen, lebendigen und symbolischen Wirklichkeiten entsteht das Vier-Ebenen-Modell.

E1 bezeichnet die physikalisch-materielle Ebene: Masse, Kraft, Temperatur, Druck, Belastung, Stoff, Bewegung, Bruch.

E2 bezeichnet die Ebene des Lebendigen: Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Regeneration, Wahrnehmung, körperliche Selbstregulation und das plastische Lebewesen.

E3 bezeichnet die symbolische und gesellschaftliche Ebene: Sprache, Geld, Eigentum, Rollen, Institutionen, Gesetze, Bilder, Werte, Identitätszuschreibungen und menschliche Geltungsordnungen.

E4 bezeichnet Prüfung, Rückkopplung, Revision und Reparatur.

Die wichtigste Entwicklung innerhalb dieses Modells war die Erkenntnis, dass E4 möglicherweise nicht einfach eine vierte Schicht neben den ersten drei ist. E4 funktioniert eher als Operator, der Beziehungen zwischen E1, E2 und E3 überprüft.

Diese Korrektur ist wesentlich.

Ein Eigentumssystem gehört primär zu E3. Seine Folgen können jedoch E1 und E2 verändern: Böden werden umgestaltet, Ressourcen entnommen, Körper belastet oder Lebensräume zerstört. E4 fragt deshalb nicht, ob Eigentum „wirklich“ oder „unwirklich“ sei, sondern wie eine E3-Konstruktion auf E1 und E2 wirkt und ob ihre Folgen rückgekoppelt und korrigiert werden können.

Das Vier-Ebenen-Modell ist damit keine naturwissenschaftliche Theorie der Welt. Es ist eine forschungskünstlerische Ordnungs- und Prüfmatrix.

Offen bleibt die Frage nach Übergangs- und Unterebenen. Bereits früh wurde erkannt, dass vier Ebenen für manche Phänomene zu grob sein können. Eine Erweiterung darf aber nicht wieder zu einem unüberschaubaren Klassifikationssystem führen.


14. Begriffshandwerk, Anker und Prüfoperator

Mit der wachsenden Zahl eigener Begriffe entstand die Gefahr, dass die Forschung selbst jene Verfestigung erzeugt, die sie kritisiert. Darauf reagiert die Entwicklung verschiedener Ankerformen.

Der Werk-Anker hält Begriffe an die tatsächliche Werkgeschichte zurückgebunden. Er soll verhindern, dass die spätere Theorie das frühere Werk nachträglich umschreibt.

Der Kontextanker hält zentrale Begriffe, Herkunftslinien und Beziehungen zusammen.

Der Prüf-Anker formuliert Bedingungen, unter denen ein Begriff oder Modell geprüft werden kann.

Der Positionsanker macht eigene Aussagen und Prognosen sichtbar, damit sie nicht unbemerkt vom Prüfmodell zur Weltanschauung werden.

Integrations- und Sensorenanker ergänzen diese Architektur, indem sie Beziehungen zwischen Bereichen beziehungsweise konkrete Wahrnehmungs- und Rückmeldestellen markieren.

Damit wird ein entscheidender methodischer Schritt vollzogen: Die Forschung untersucht nicht mehr nur die Begriffe anderer Systeme, sondern versucht, ihre eigenen Begriffe denselben Prüfbedingungen auszusetzen.

Die Unterscheidung zwischen Prüfanker und Prüfoperator ist dabei wichtig. Ein Prüfanker ist ein festgehaltener Referenzmaßstab. Der Prüfoperator ist die Handlung, mit der geprüft wird.

Damit entsteht ein eigentümliches Begriffshandwerk: Begriffe werden hergestellt, eingesetzt, belastet, gegenübergestellt, gegebenenfalls zurückgenommen und erneut verändert.


15. Künstlerische Prüfobjekte

Viele ältere Werke erhalten innerhalb dieser Entwicklung eine neue Funktion. Sie werden nicht bloß Illustrationen einer späteren Theorie, sondern Prüfobjekte, an denen die Theorie selbst getestet werden kann.

Das Wellenbecken prüft Verhältnis, Bewegung, Medium und Widerstand. Deich, Wasser und Strömung prüfen Grenzbildung und Tragfähigkeit. Der Tang zeigt plastische Anpassung ohne starre Identitätsgrenze. Der Astronautenanzug macht die Abhängigkeit eines Körpers von einer künstlich hergestellten Mikroumwelt sichtbar. Kartoffel und Gold untersuchen materielle und zugeschriebene Eigenschaften. Schultafeln externalisieren Begriffe. Frage- und Antworttische verwandeln Gespräch in eine räumliche Anordnung. Der Gordische Knoten kann Verflechtung, scheinbare Lösbarkeit und gewaltsame Vereinfachung prüfen. Der „gläserne Astronaut“, Totentanz, Collagen, Vorgabebilder und Theateranordnungen öffnen jeweils andere Prüfbeziehungen.

Der Spaten wird zu einem besonders einfachen Operator: Hand – Werkzeug – Boden – Tätigkeit – Folge. Er zeigt, dass Denken nicht von Tätigkeitskonsequenzen getrennt werden kann.

Das spätere künstlerische Dreieck verdichtet diese Entwicklung: Kopf beziehungsweise Modell, Hände beziehungsweise Tätigkeit und entstehende Plastik stehen in einer rückgekoppelten Beziehung. Ein falsches Modell kann falsche Tätigkeiten erzeugen; der Widerstand des Werkes kann das Modell korrigieren.

Die Prüfobjekte sollen deshalb keine Theorie beweisen. Sie sollen Situationen herstellen, in denen eine Theorie scheitern kann.


16. Folien und Schablonen: Von der Darstellung zur sichtbaren Operation

Die Folienentwicklung ist die konsequente Weiterführung des Vorgabebildes.

Eine einzelne Darstellung legt gewöhnlich eine Perspektive fest. Transparente Folien erlauben dagegen, Ebenen zu trennen, übereinanderzulegen, gegeneinander zu verschieben oder wegzunehmen. Dadurch wird nicht nur ein Inhalt dargestellt, sondern die Operation der Modellbildung sichtbar.

Die Grundfolien umfassen unter anderem physikalisch-kosmische Bedingungen, den Menschen als eingebettetes Lebewesen, Tätigkeit mit dem Spaten, Durchdringungen des Körpers durch Wärme oder Gravitation, molekulare Verknüpfungen, Wasserbeziehungen, den Satz „Ich bin frei“ sowie die zeitliche Stellung des Homo sapiens.

Weitere Folien untersuchen kulturelle Weltmodelle: Platon, Aristoteles, christliche Leib-Seele-Ordnungen und physikalische Messmodelle. Entscheidend ist dabei nicht, diese Traditionen auf Karikaturen zu reduzieren. Ihre Aufgabe innerhalb der Forschungskunst besteht darin, unterschiedliche Modellierungsoperationen sichtbar zu machen.

Bei Platon wird beispielsweise geprüft, welche Folgen es hat, wenn Unveränderlichkeit einen höheren Wirklichkeitsrang erhält. Bei Aristoteles wird stärker die Verbindung von Material, Form, Bewegung und Zielrichtung untersucht. Beim Christentum wird geprüft, wie Körper und Seele räumlich oder wertmäßig getrennt werden. Bei der Physik wird untersucht, welche Aspekte durch Messbarkeit sichtbar und welche möglicherweise methodisch ausgeblendet werden.

Diese Folien sind keine historischen Beweise. Ihre kulturgeschichtlichen Aussagen müssen an Quellen überprüft werden. Künstlerisch bilden sie Vergleichsschablonen.

Die entstehende Plexus-Foliengrammatik soll schließlich nicht mehr nur fertige Folien liefern, sondern Regeln dafür, wie Menschen selbst Schichten, Beziehungen, Auslassungen und Rückkopplungen sichtbar machen können.


17. Das Mitmachbuch: Externalisiertes Denken

Die frühen Erwachsenen-Malbücher und Vorgabebilder entwickeln sich über Jahrzehnte zum heutigen Konzept des Mitmachbuchs.

Der entscheidende Übergang besteht darin, dass das Buch nicht mehr primär gelesen wird. Es wird bearbeitet.

Der Benutzer erhält Bilder, Aussagen, Schablonen, Modelle und Fragen. Er kann auswählen, ordnen, verändern, widersprechen, zeichnen, neue Beziehungen herstellen und eigene Erfahrungen hinzufügen.

Damit wird das Buch zu einem externen Denkraum.

Was im Kopf leicht zu einer geschlossenen Vorstellung werden kann, liegt nun sichtbar vor dem Menschen. Er kann dem eigenen Gedankengang gegenübertreten. Das Mitmachbuch gehört deshalb unmittelbar zur Methode der Gegenüberstellung.

Im So-Heits-Atelier soll jeder Besucher ein eigenes physisches Mitmachbuch entwickeln können. Auf der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ wird diese Struktur zum interaktiven Buch, das über den Ausstellungsbesuch hinaus fortgesetzt und mit anderen Erkenntniswegen verbunden werden kann.

Wichtig ist die inzwischen erfolgte Differenzierung: Das Mitmachbuch im Atelier und das interaktive Buch auf der Plattform sind miteinander verbunden, aber nicht identisch.

Offen ist insbesondere die technische Frage, wie individuelle Wege vergleichbar gemacht werden können, ohne sie in ein vorgegebenes Bewertungssystem zu pressen.


18. Tausend Tische: Von der individuellen Gegenüberstellung zur gesellschaftlichen Skalierung

Die Frage- und Antworttische beziehungsweise das Projekt der Tausend Tische markieren eine Skalierung der Methode.

Was zunächst zwischen Künstler, Teilnehmer und Werk geschieht, soll in eine räumlich verteilte öffentliche Struktur überführt werden. Der Tisch ist dabei mehr als Möbel. Er schafft eine Position des Gegenübers. Menschen sitzen sich gegenüber, legen etwas auf den Tisch, schreiben, zeichnen, verhandeln oder prüfen.

Im Zusammenhang mit „Kollektiver Kreativität“ und den Tausend Tapeziertischen wird daraus die Vorstellung einer großen dezentralen Arbeitsstruktur.

Methodisch verbindet dieses Projekt Gegenüberstellung, Öffentlichkeit, Beteiligung und Dokumentation. Es ist eine Vorform dessen, was später digital als Globale Schwarm-Intelligenz weitergedacht wird.

Die entscheidende offene Frage lautet bei beiden Formen gleich: Wie wird aus vielen Äußerungen tatsächlich Erkenntnis, statt lediglich eine große Ansammlung von Meinungen zu entstehen?

Damit taucht bereits vor der KI die Notwendigkeit einer E4-Struktur auf: Sammeln allein genügt nicht; Beiträge müssen prüfbar, vergleichbar und korrigierbar werden.


19. KI: Vom Schreibwerkzeug zum prüfbaren Gegenüber

Die intensive Arbeit mit künstlicher Intelligenz eröffnet eine neue Entwicklungsphase.

Zunächst besitzt KI eine praktische Funktion als Schreib-, Korrektur-, Strukturierungs- und Recherchehilfe. Sie erleichtert die Verarbeitung eines außerordentlich umfangreichen Archivs und die sprachliche Ausarbeitung komplexer Zusammenhänge.

Sehr schnell wird sie jedoch selbst zum Forschungsgegenstand.

KI kann scheinbar geschlossen formulieren, obwohl eine Aussage falsch, unvollständig oder unbelegt ist. Gerade dadurch macht sie ein Grundproblem der Forschungskunst sichtbar: sprachliche Überzeugungskraft ist kein Beweis für Tragfähigkeit.

Die Maschine wird dadurch zu einem besonderen Gegenüber. Sie kann große Mengen an Beziehungen herstellen, aber ihre Antworten müssen wiederum geprüft werden.

Damit verschiebt sich die frühere Frage des Werkstücks in den digitalen Raum. Beim Maschinenschlosser antwortete das Material. Bei der KI antwortet ein statistisch erzeugendes Zeichensystem. Beide Rückmeldungen sind jedoch nicht gleichartig und dürfen nicht verwechselt werden.

KI wird daher zunehmend als Werkzeug zweiter Ordnung verstanden: Sie kann nicht nur Inhalte erzeugen, sondern bei entsprechender Strukturierung helfen, menschliche und maschinelle Aussagen gegeneinander zu prüfen.

Gleichzeitig entsteht eine neue Gefahr der Skulpturalisierung. Wenn KI-Antworten wegen ihrer sprachlichen Geschlossenheit als Autorität behandelt werden, kann die Maschine bestehende symbolische Ordnungen verfestigen.

Die offene Forschungsfrage lautet deshalb: Wie kann KI in eine echte Rückkopplungsarchitektur eingebaut werden, in der Quellen, Gegenpositionen, materielle Folgen und Unsicherheiten sichtbar bleiben?


20. Die Globale Schwarm-Intelligenz

Aus den früheren kollektiven Werkformen, den Tausend Tischen, dem Globalen Dorffest, dem interaktiven Buch und der KI-Arbeit entwickelt sich die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“.

Der Name enthält bewusst eine Spannung. Schwarmintelligenz soll nicht bedeuten, dass die Mehrheit automatisch recht hat. Eine Million ungeprüfte Wiederholungen ergeben noch keine tragfähige Erkenntnis.

Deshalb entwickelt sich die Plattformidee von einer allgemeinen globalen Vernetzung zu einer Prüfarchitektur.

Menschen sollen Werke, Bilder, Modelle, Aussagen, wissenschaftliche Befunde und eigene Erfahrungen verbinden können. KI kann beim Strukturieren und Vergleichen helfen. Entscheidend bleibt jedoch die Möglichkeit, Herkunft, Ebene, Gegenposition, Folge und Korrektur sichtbar zu halten.

Damit wird die Plattform zur digitalen Fortsetzung der Werkstatt:

Das analoge Gegenüber des Materials wird durch dokumentierte Gegenüberstellungen erweitert. Das individuelle Mitmachbuch wird zum interaktiven Erkenntnisweg. Die Tausend Tische werden potentiell global verteilt.

Die Zielprojektion lautet deshalb nicht „kollektives Wissen“ im simplen Sinne, sondern eine globale trainierbare Rückkopplungsfähigkeit.

Offen bleiben technische, wissenschaftliche, rechtliche und institutionelle Fragen: Wer strukturiert Beiträge? Wie verhindert man Dominanz, Manipulation und bloße Popularität? Wie werden wissenschaftliche Evidenz, persönliche Erfahrung und künstlerische Hypothese unterschieden? Wie bleiben Minderheitenpositionen prüfbar? Wie werden Fehler korrigiert, ohne alte Versionen unsichtbar zu machen?


21. Die So-Heits-Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft bildet die gesellschaftliche Zielprojektion der Forschung, darf aber nicht mit einem fertigen politischen Gesellschaftsmodell verwechselt werden.

„So-Heit“ richtet die Aufmerksamkeit zunächst auf die Frage, wie etwas tatsächlich beschaffen ist, bevor ihm menschliche Eigenschaften, Werte oder Rollen zugeschrieben werden.

Daraus entsteht die Vorstellung einer Gesellschaft, die ihre eigenen Hervorbringungen als Hervorbringungen erkennt. Geld, Eigentum, Institutionen, Technik, Staaten und Rollen könnten dann weiterhin existieren, würden jedoch nicht mit physikalischer oder biologischer Notwendigkeit verwechselt.

In diesem Sinne wäre die So-Heits-Gesellschaft eine Technē-Gesellschaft mit Bewusstsein ihrer eigenen Technē: Menschen wissen, dass sie Formen herstellen, und halten diese Formen grundsätzlich korrigierbar.

Sie bildet damit den Gegenentwurf zur Skulpturalisierung.

Historisch oder wissenschaftlich bewiesen ist eine solche Gesellschaft nicht. Sie ist eine normative und forschungskünstlerische Projektion. Gerade deshalb muss sie selbst Prüfobjekt bleiben.

Die zentrale offene Frage lautet: Wie verhindert die So-Heits-Gesellschaft, selbst zum neuen Idealbild oder zur Skulpturidentität zu werden?

Ihre einzige methodische Legitimation kann darin bestehen, dass sie ihre eigenen Grundlagen fortwährend zur Prüfung stellt.


22. Das So-Heits-Atelier

Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes bündelt heute fast sämtliche Entwicklungslinien der vergangenen fünf Jahrzehnte.

Es ist Ausstellung, Werkstatt, Archiv, Versuchslabor und Gesprächsraum. Ältere Werke werden nicht retrospektiv als Belege einer fertigen Theorie aufgehängt. Sie werden als Prüfobjekte reaktiviert.

Der Besucher soll nicht zunächst überzeugt werden. Er soll prüfen.

Die 24-Stunden-Uhr stellt die zeitliche Selbstverortung infrage. Das Vier-Ebenen-Modell trennt materielle, lebendige und symbolische Wirklichkeiten und fügt eine Prüffunktion hinzu. Vorgabebilder und Folien machen Modellbildung sichtbar. Wasser, Spaten, Kartoffel, Gold, Astronautenanzug, Schultafel, Collagen und andere Werke erzeugen unterschiedliche Gegenüberstellungen. Das Mitmachbuch dokumentiert den eigenen Weg. Die Globale Schwarm-Intelligenz verlängert diesen Weg in den digitalen Raum.

Das Atelier ist deshalb nicht lediglich eine Ausstellung über Forschungskunst. Es soll Forschungskunst vollziehen.

Die jüngere Formulierung „Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung“ präzisiert diesen Anspruch besonders gut. Sie nimmt auch die eigenen Thesen nicht aus der Prüfung heraus.

Damit entsteht eine wesentliche Korrektur gegenüber einer möglichen früheren Tendenz zur Gesamterklärung. Das Atelier soll nicht beweisen, dass die Welt tatsächlich vollständig nach den Begriffen 51:49, Lochprozess, Plexuswirklichkeit oder Skulpturidentität organisiert ist. Es soll Bedingungen schaffen, unter denen geprüft werden kann, wo diese Begriffe tragen, wo sie scheitern und wo andere Begriffe benötigt werden.


23. Documenta und Verortungskunst

Die wiederholte Auseinandersetzung mit der documenta seit den 1970er Jahren gehört selbst zur Werkentwicklung. Bewerbungen, Konzepte, öffentliche Arbeitsformen und spätere Rückblicke bilden keine von der Forschung getrennte Karrieregeschichte. Sie werden zunehmend als Teil einer Verortungskunst verstanden.

Die Frage lautet dadurch nicht mehr nur: Wird ein Werk von einer Institution ausgewählt?

Die Institution selbst wird zu einem Ort, an dem sich zeigen kann, welche Kunstbegriffe, gesellschaftlichen Modelle und Beteiligungsformen zu einer bestimmten Zeit als sichtbar oder unsichtbar gelten.

Die jüngere Aussage, die „documenta 16 habe für die eigene Arbeit bereits begonnen“, verschiebt deshalb die Bewerbung vom Antrag zu einem laufenden Forschungsprozess. Die documenta wird selbst zum Gegenüber, an dem das Werk seine Verortbarkeit und institutionelle Lesbarkeit prüft.

Das So-Heits-Atelier ist in diesem Sinne keine kurzfristig für Kassel erfundene Beteiligungsidee. Es ist die gegenwärtige räumliche Verdichtung einer jahrzehntelangen Entwicklung.


24. Der Feuerkäfig und die jüngste Positionsverschiebung

Mit dem Bild des Feuerkäfigs wird die bisherige Forschung nochmals zugespitzt.

Ein Mensch befindet sich in einem Käfig. Die Tür steht offen. Im Käfig brennt es. Trotzdem verlässt der Mensch ihn nicht. Der Astronautenanzug beziehungsweise andere Schutzbilder zeigen, dass ein Lebewesen Bedingungen benötigt, um außerhalb bestimmter Umgebungen bestehen zu können.

Das Bild verbindet mehrere ältere Forschungsstränge: Skulpturidentität, Rollenbindung, symbolische Gefängnisse, Statusbelohnung, 50:50-Dualismen, 1:99-Herrschaft, Tragwirklichkeit und die Fähigkeit beziehungsweise Unfähigkeit zur Korrektur.

Neu ist die stärkere institutionelle und psychologische Zuspitzung. Nicht nur fehlendes Wissen wird problematisch. Menschen können sogar trotz erkannter Gefahr an Systemen festhalten.

Damit verändert sich auch die ursprüngliche Leitfrage. Sie lautet nicht länger nur:

Warum zerstört der Mensch trotz Wissen seine Existenzbedingungen?

Sie erweitert sich zu:

Welche selbst erzeugten begrifflichen, institutionellen und identitären Formen verhindern, dass vorhandene Rückmeldungen tatsächlich zu Korrekturen führen?

Damit rückt der Übergang von E3 zu E4 ins Zentrum der gegenwärtigen Forschung.


25. Historisch und wissenschaftlich Belegbares gegenüber Forschungskunst-Hypothesen

Für die weitere Entwicklung ist eine strikte Statusunterscheidung notwendig.

Werkbiografische Angaben – Ausbildung, Arbeiten, Ausstellungen, Aktionen, Bewerbungen, Fotografien, Texte, Projekte, Datierungen – sind historische Aussagen und müssen durch Archivmaterial überprüfbar sein.

Naturwissenschaftliche Aussagen – Alter der Erde, Abhängigkeit des Organismus von Stoffwechsel, Atmosphäre, Gravitation, Wärme, Wasser oder physikalischen Belastungen – gehören in wissenschaftliche Referenzsysteme und müssen entsprechend belegt werden.

Sprach- und kulturgeschichtliche Aussagen über Platon, Aristoteles, Christentum, technē, symbolon, res oder andere historische Begriffe benötigen philosophische, philologische und historische Quellen.

Davon strikt zu unterscheiden sind die Forschungskunst-Begriffe und -Hypothesen:

51:49 als Minimalasymmetrieoperator; 50:50 als Symmetriedualismus; 1:99 als Driftmodell; Tragwirklichkeit; Plexuswirklichkeit; Lochprozess; Skulpturalisierung; Skulpturidentität; plastisches Ich; Millisekunden-Mensch; So-Heits-Gesellschaft; das Vier-Ebenen-Modell als Prüfmatrix; die globale Schwarm-Intelligenz als E4-Architektur.

Diese Begriffe können wissenschaftliche Erkenntnisse aufnehmen und müssen ihnen widerspruchsfrei gegenübertreten, werden aber nicht dadurch automatisch zu wissenschaftlichen Theorien.

Ihre Legitimation liegt zunächst in ihrer künstlerischen Prüfleistung: Machen sie etwas sichtbar? Erzeugen sie relevante Gegenüberstellungen? Lassen sie sich korrigieren? Führen sie zu neuen Fragen? Zeigen sie Folgen, die andere Modelle verdecken?


26. Die Gesamtarchitektur der entstandenen Forschung

Über fünf Jahrzehnte ist aus vielen zunächst getrennten Werkpraktiken eine relativ klare Architektur entstanden.

Am Anfang steht keine fertige Weltanschauung, sondern Tätigkeit.

Tätigkeit trifft auf ein Gegenüber.

Dadurch entsteht Differenz.

Differenz kann als Erfahrung wahrgenommen werden.

Erfahrung erzeugt nur dann Lernen, wenn eine Rückkopplung stattfindet.

Menschen verarbeiten diese Rückmeldung durch Auswahl, Darstellung, Benennung und Begriffsbildung.

Begriffe und Symbole ermöglichen Handeln, können sich jedoch von ihren Voraussetzungen lösen und skulpturalisieren.

Diese E3-Konstruktionen erzeugen erneut Tätigkeitskonsequenzen in der materiellen und lebendigen Wirklichkeit.

Deshalb benötigt menschliche Gestaltung eine E4-Prüfung, die Folgen zurückführt.

Kunst stellt hierfür Gegenüber her: Werkstücke, Bilder, Folien, Schultafeln, Wasser, Theater, Mitmachbücher, Tische, Plattformen und KI.

Die gesamte Architektur lässt sich deshalb in einer einzigen Prozessfolge ausdrücken:

Plexuswirklichkeit → Auswahl und Modellbildung → Begriff und Symbol → Tätigkeit → materielle und lebendige Folge → Rückkopplung → Prüfung → Korrektur oder Skulpturalisierung → erneute Tätigkeit.

Die Kunst sitzt in diesem Modell nicht außerhalb. Sie ist eine besondere Form der Externalisierung und Gegenüberstellung, durch die dieser Kreislauf sichtbar und bearbeitbar werden kann.


27. Doppelungen und mögliche begriffliche Reduktionen

Die inzwischen entstandene Begriffswelt besitzt eine große innere Vernetzung, aber genau darin liegt ihre gegenwärtige Gefahr. Mehrere Begriffe bearbeiten teilweise dieselbe Operation.

Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit sollten nicht konkurrieren. Plexuswirklichkeit kann das Beziehungsgefüge bezeichnen; Tragwirklichkeit diejenigen Beziehungen und Bedingungen innerhalb dieses Gefüges, von denen ein System tatsächlich abhängt.

Plastisches Ich und plastische Identität benötigen entweder eine klare Differenz oder können zusammengeführt werden. Das plastische Ich eignet sich stärker für die leibliche Selbstreferenz des Individuums; plastische Identität kann der breitere Begriff bleiben.

Skulpturalisierung und Skulpturidentität sind bereits besser differenziert: Skulpturalisierung ist Prozess, Skulpturidentität ein mögliches Ergebnis.

Lücke und Lochprozess müssen getrennt bleiben. Die Lücke ist der offene Zwischenraum des Nichtwissens und der Entscheidung. Der Lochprozess bezeichnet eine konkrete Grenz- und Beziehungsveränderung.

Prüfanker, Prüfoperator und E4 dürfen nicht synonym werden. Prüfanker bezeichnet Referenzen, Prüfoperator die Handlung und E4 die Funktion der Rückkopplung, Revision und Reparatur.

Forschungskunst, Verortungskunst und So-Heits-Kunst sollten hierarchisch geordnet werden. Forschungskunst eignet sich als grundlegendes Verfahren. Verortungskunst bezeichnet eine besondere Anwendung auf Positionierung und institutionelle Wirklichkeit. Das So-Heits-Atelier ist eine konkrete öffentliche Arbeitsform dieser Forschungskunst.

Auch Globale Schwarm-Intelligenz und interaktives Buch dürfen nicht verschmelzen. Das interaktive Buch ist ein individuelles Arbeits- und Dokumentationsinstrument innerhalb der größeren Plattformarchitektur.


28. Noch bestehende begriffliche Unklarheiten

Die größte offene Frage betrifft die Reichweite des Anspruchs.

Wenn Forschungskunst zu erklären versucht, warum „der Mensch“ seine Existenzbedingungen zerstört, besteht die Gefahr einer zu großen anthropologischen Verallgemeinerung. Nicht alle Menschen verfügen über dieselbe Gestaltungsmacht, denselben Ressourcenverbrauch oder dieselben institutionellen Möglichkeiten.

Die 1:99-Frage kann hier wichtig werden, muss aber empirisch und begrifflich genauer gefasst werden.

Eine zweite Unklarheit betrifft „Funktionieren“. Funktionieren für wen, über welchen Zeitraum und auf welcher Ebene? Ein Finanzsystem kann innerhalb seiner eigenen E3-Regeln funktionieren und gleichzeitig E1- oder E2-Bedingungen beschädigen. Der Prüfoperator muss deshalb immer Ebene, Zeitraum und Bezugssystem benennen.

Eine dritte offene Frage betrifft „Wirklichkeit“. Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, symbolische Wirklichkeit und So-Heit dürfen nicht zu parallelen Ontologien anwachsen. Wahrscheinlich genügt ein Grundsatz: Wirklichkeit wird über Wirksamkeit, Abhängigkeit und Prüfbarkeit untersucht; unterschiedliche Wirklichkeitsformen werden anschließend nach ihren Operationsweisen differenziert.

Eine vierte Frage betrifft den Begriff der „Eigenschaft“. Zwischen intrinsischer physikalischer Eigenschaft, relationaler Eigenschaft, biologischer Funktion, institutioneller Tatsache und symbolischer Zuschreibung werden noch genauere Unterscheidungen benötigt.

Eine fünfte Frage betrifft die Skulpturidentität. Sie darf nicht jede Form von Stabilität pathologisieren. Leben benötigt auch stabile Muster, Gedächtnis, Grenzen und Institutionen. Entscheidend ist deshalb nicht Stabilität gegen Veränderung, sondern stabile Form mit Rückkopplungsfähigkeit gegen nicht mehr korrigierbare Verhärtung.


29. Fehlende Verbindungen

Die derzeit wichtigste noch fehlende Verbindung liegt zwischen E4 und konkreter gesellschaftlicher Reparatur.

Das Modell kann inzwischen gut zeigen, dass eine symbolische Ordnung materielle und lebendige Folgen erzeugt. Noch weniger ausgearbeitet ist, wie eine Institution tatsächlich lernt. Welche Sensoren registrieren Schaden? Wer darf eine Rückmeldung einbringen? Wer entscheidet über Korrektur? Welche Zeitverzögerungen bestehen? Wie wird Macht berücksichtigt? Wie wird geprüft, ob die Reparatur selbst neue Schäden erzeugt?

Hier könnte der Sensorenanker weiterentwickelt werden.

Eine zweite fehlende Verbindung betrifft die Skalen. Das gleiche Prüfmodell wird auf Werkstück, Individuum, Institution, Gesellschaft und Planet angewendet. Diese Übertragung ist künstlerisch produktiv, darf aber nicht voraussetzen, dass alle Skalen nach denselben Mechanismen funktionieren.

Eine dritte fehlende Verbindung betrifft die Zeit. Rückkopplungen können unmittelbar, nach Jahrzehnten oder über Generationen auftreten. Die 24-Stunden-Uhr macht Zeitdimension sichtbar, muss aber stärker mit dem Prüfoperator verbunden werden.

Eine vierte fehlende Verbindung betrifft die Globale Schwarm-Intelligenz. Die Plattform benötigt eine konkrete Grammatik, durch die Beiträge nicht nur gesammelt, sondern nach E1–E4, Quelle, Hypothese, Erfahrung, Gegenposition, Folge und Korrektur strukturiert werden können.

Eine fünfte Verbindung betrifft die KI. Menschliche und maschinelle Aussagen sollten nicht nur parallel erscheinen. Die Plattform könnte gerade sichtbar machen, welcher Teil einer Aussage dokumentierte Quelle, menschliche Erfahrung, künstlerische Hypothese, KI-Inferenz oder offene Frage ist.


30. Gegenwärtiger Stand: Vom Lebenswerk zum öffentlichen Prüfapparat

Die Forschung hat damit einen bemerkenswerten Kreis geschlossen.

Sie beginnt beim Werkstück.

Der Maschinenschlosser kann einem fehlerhaften Werkstück nicht erklären, dass es eigentlich passen müsste. Er muss messen, vergleichen und korrigieren.

Die Bildhauerei erweitert dies: Form entsteht im Verhältnis von Vorstellung und Widerstand.

Die Experimentelle Umweltgestaltung erweitert es auf Mensch und Umwelt.

Die partizipatorischen Arbeiten erweitern es auf andere Menschen.

Vorgabebilder und Mitmachbücher erweitern es auf die eigene Wahrnehmung.

Die Begriffsarbeit erweitert es auf Sprache, Symbole, Eigentum, Rollen und Identität.

Das Vier-Ebenen-Modell erweitert es auf die Differenz zwischen Materie, Leben und Geltung.

Die Folien machen unterschiedliche Weltmodelle sichtbar übereinanderlegbar.

Die Tausend Tische skalieren Gegenüberstellung gesellschaftlich.

KI macht die Überzeugungskraft sprachlich geschlossener, aber möglicherweise falscher Antworten zum neuen Prüfproblem.

Die Globale Schwarm-Intelligenz überführt den Prüfprozess in eine digitale und potentiell globale Struktur.

Das So-Heits-Atelier führt schließlich alles wieder in einen realen Raum zurück, in dem Menschen stehen, sehen, zeichnen, handeln, vergleichen, sprechen, zweifeln und korrigieren können.

Damit lautet die gegenwärtig stärkste Fassung der Forschung nicht:

Ich habe eine Theorie darüber entwickelt, wie die Welt ist.

Sondern:

Ich habe aus mehr als fünfzig Jahren künstlerischer Praxis Verfahren entwickelt, mit denen wir prüfen können, wie wir Wirklichkeit auswählen, darstellen und gestalten, welche Folgen daraus entstehen und ob unsere selbst geschaffenen Formen noch korrigierbar sind.

Darin liegt auch die stärkste Verbindung zwischen Lebenswerk, Forschungskunst, Globaler Schwarm-Intelligenz und dem So-Heits-Atelier.

Das Lebenswerk liefert die Erfahrungen und Prüfobjekte.

Die Forschungskunst liefert das Verfahren.

Das Vier-Ebenen-Modell und die Prüfanker liefern eine vorläufige Grammatik.

Die Folien und Mitmachbücher externalisieren die Denkbewegung.

Die Tausend Tische und die Globale Schwarm-Intelligenz skalieren sie.

Das So-Heits-Atelier macht sie öffentlich erfahrbar.

Und die So-Heits-Gesellschaft bleibt nicht das behauptete Endergebnis, sondern die radikalste Prüfprojektion der gesamten Arbeit: Kann eine vom Menschen hervorgebrachte Gesellschaft ihre eigenen Hervorbringungen als veränderbare Menschenkunstwerke erkennen und sie fortwährend an den Bedingungen prüfen, die sie selbst nicht hervorgebracht hat?

Genau an dieser Stelle kehrt die heutige Forschung zu ihrer Ausgangsfrage von 1975 zurück. Nur ist aus der damaligen Frage inzwischen ein künstlerischer Prüfapparat entstanden.

Die stärkste Verdichtung dieser Gesamtentwicklung ist damit die Folge Werkpraxis → Gegenüberstellung → Rückkopplung → Begriffshandwerk → Prüfung der Tätigkeitsfolgen → öffentliche Prüfarchitektur.

.......

Rekonstruktion der Forschung als Werkentwicklung

Der bisherige Chat hat sich nicht als bloße Sammlung einzelner Begriffe entwickelt, sondern als fortlaufende Rekonstruktion einer Forschungskunst, die aus konkreten künstlerischen Arbeiten, handwerklichen Erfahrungen, Wahrnehmungsproblemen, Täuschungsfragen, Materialwiderständen und gesellschaftlichen Beobachtungen hervorgegangen ist. Der Ausgangspunkt war nicht eine fertige Theorie, sondern ein wiederkehrendes Scheitern, Prüfen, Gegenüberstellen und Neuordnen: Der Mensch erzeugt seine Welt als Menschenkunstwerk, verwechselt diese erzeugte Welt aber mit Wirklichkeit und zerstört dadurch die Bedingungen, von denen er lebt.

Aus dieser Grundfrage entstand schrittweise der heutige Forschungsansatz: Forschungskunst ist die Kunst, menschliche Anordnungen in prüfbare Versuchsanordnungen zu verwandeln, das Menschenkunstwerk an Tragwirklichkeit zu prüfen, die Statement-Gesellschaft zu entprogrammieren, Rollenidentitäten, Wunsch-Befehle, Eigentumsfiktionen, Qualitätsbehauptungen und Wertordnungen zu enttarnen und den Menschen als plastisches Tragwirklichkeitswesen sichtbar zu machen.

Forschungsgrund: Warum zerstört der Mensch seine Existenzbedingungen?

Der Forschungsgrund liegt in der Frage, warum der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen zerstört, obwohl er wissen könnte, wovon er lebt. Diese Frage wurde im Chat nicht psychologisch, moralisch oder politisch verengt, sondern als künstlerisch-plastische Grundfrage behandelt. Der Mensch erscheint als Wesen, das atmet, isst, schläft, trinkt, altert, verletzt werden kann und auf Boden, Wasser, Körper, Energie, Beziehung und Zeit angewiesen bleibt. Zugleich erzeugt er Eigentum, Geld, Markt, Rollen, Wissenschaft, Technik, Religion, Recht, Werbung, Finanzmärkte, Statements und Ich-Bewusstseinsformen. Diese erzeugten Ordnungen sind Menschenwerke. Sie sind wirksam, aber sie sind nicht die Tragwirklichkeit selbst.

Die Forschung entwickelte sich daher als Kritik der Wirklichkeitsverwechslung. Der Mensch hält Preis für Wert, Eigentum für Boden, Statement für Verantwortung, Rolle für Ich, Qualität für Seltenheit, Fortschritt für Tragfähigkeit, technische Machbarkeit für Erkenntnis und Selbstverwertung für Freiheit. Forschungskunst entstand als Versuch, diese Verwechslungen nicht nur theoretisch zu benennen, sondern in künstlerischen Versuchsanordnungen sichtbar und prüfbar zu machen.

Historisch oder sachlich belegbar sind dabei die biografischen und werkgeschichtlichen Ausgangspunkte: handwerkliche Ausbildung, fotografische Arbeit, künstlerisches Studium, frühe Umwelt- und Beteiligungsarbeiten, Malbücher, öffentliche Aktionen, Schultafelarbeiten, Eigentumsversuche, Kunsthalle auf Zeit, Bürgerforum, Entelechie-Museum, Partizipatorisches Welttheater, Globale Schwarm-Intelligenz. Forschungskunst-Begriffe sind dagegen die daraus entwickelten theoretischen Werkzeuge: Tragwirklichkeit, Menschenkunstwerk, plastisches Ich-Bewusstsein, 51:49, Statement-Gesellschaft, Wunsch-Befehl, Versuchsanordnung des Menschenkunstwerks und So-Heits-Gesellschaft.

Werkgenese: Vom Handwerk zur Forschungskunst

Die Werkgenese beginnt mit dem Handwerk. Die Erfahrung von Maß, Passung, Toleranz, Materialwiderstand, Fehler, Reparatur und Funktionieren oder Nichtfunktionieren wurde zur frühen Erkenntnisschule. In der Technik funktioniert ein Bauteil nicht, weil man an es glaubt, sondern weil es passt, trägt, reibt, bricht oder hält. Diese handwerkliche Erfahrung wurde später auf Menschenwerke übertragen: Auch Eigentum, Rollen, Statements, Märkte, Qualität, Freiheit und Ich-Bewusstsein müssen auf Tragfähigkeit geprüft werden.

Die Fotografie brachte eine zweite Linie ein: Bild, Abbild, Ausschnitt, Schärfe, Unschärfe, Licht, Labor, Wirklichkeitsbehauptung. Daraus entwickelte sich die Unterscheidung zwischen bloßem Knipsen und künstlerisch-handwerklicher Fotografie. Ein Foto ist nicht einfach Wirklichkeit, sondern eine gerichtete Darstellung. Diese Erfahrung wurde später zur Kritik an Statement, Selbstdarstellung und Rollenidentität.

Die Werbung brachte eine dritte Erfahrung ein: Eigenschaften können in Dinge hineingedacht und verkauft werden. Produkte erscheinen nicht nur als Produkte, sondern als Freiheit, Status, Jugend, Erfolg, Natürlichkeit, Erotik oder Authentizität. Diese Erfahrung führte zur späteren Analyse von hineingedachten Eigenschaften, Warenfetisch, Selbstverwertung und Mensch als Ware.

Die Malbücher, das Telefonmalbuch, Krickelkrackel, der rote Punkt, das Laberello und die Beteiligungsformen führten eine vierte Linie ein: Jeder Mensch besitzt ein schöpferisches, suchendes, zeichnendes und deutendes Vermögen. Aber dieses Vermögen muss handwerklich, bildnerisch und darstellerisch gebildet werden, sonst bleibt es manipulierbar. Aus dem Rezipienten wurde der Partizipient.

Die späteren Werkformen, insbesondere Schultafel, Goldschrift, Eigentumsquadrat, eingefrorener Sand, Eiszeitboden, Versuchsanordnung, Globale Schwarm-Intelligenz und So-Heits-Atelier, verdichteten diese Linien zu einer Forschungskunst, die nicht mehr einzelne Werke produziert, sondern das Menschenkunstwerk selbst prüft.

Wirklichkeitsverständnis: Tragwirklichkeit gegen Menschenwerk

Das Wirklichkeitsverständnis wurde im Chat immer stärker differenziert. Zunächst ging es um Darstellung und Wirklichkeit: Magrittes Pfeife ist keine Pfeife, der gemalte Apfel ist kein essbarer Apfel, Eschers Wasser fließt bildlich plausibel und physikalisch unmöglich, Kosuth trennt Stuhl, Abbild und Definition, Beuys zeigt die Grenze von Bild, Erklärung und Leben. Diese Beispiele wurden nicht als kunsthistorische Reihe benutzt, sondern als Prüfanker für die eigene Forschungskunst.

Daraus entstand die Unterscheidung zwischen Tragwirklichkeit und Menschenwerk. Tragwirklichkeit ist das, was unabhängig von menschlicher Zuschreibung trägt: Atem, Wasser, Boden, Körper, Schlaf, Nahrung, Energie, Material, Verletzbarkeit, Zeit. Menschenwerk ist das, was der Mensch erzeugt: Begriffe, Symbole, Rollen, Eigentum, Geld, Recht, Markt, Religion, Technik, Wissenschaft, Statements, Marken, Identitäten.

Der entscheidende Schritt war, dass Menschenwerke nicht als unwirklich abgewertet wurden. Sie sind wirksam, aber anders wirklich. Geld ist wirksam, aber es atmet nicht. Eigentum ist wirksam, aber der Boden enthält keine natürliche Eigentumseigenschaft. Ein Statement wirkt öffentlich, aber es ersetzt keine Tätigkeit. Eine Rolle kann sozial notwendig sein, aber sie ist nicht der ganze Mensch. Forschungskunst prüft deshalb nicht Wirklichkeit gegen bloße Illusion, sondern unterschiedliche Wirklichkeitsarten: materielle, lebendige, symbolische, rechtliche, ökonomische, darstellerische und prüfbare Wirklichkeit.

Begriffsbildung: Vom Begriff zur Prüfhandlung

Die Begriffsbildung entwickelte sich nicht als abstrakte Terminologie, sondern aus Werkproblemen. Der Begriff „Tragwirklichkeit“ entstand, weil „Realität“ oder „Wirklichkeit“ zu allgemein blieb. Tragwirklichkeit bezeichnet ausdrücklich die Bedingungen, die den Menschen tragen, unabhängig davon, ob er sie anerkennt.

Der Begriff „Menschenkunstwerk“ entstand, weil die Menschenwelt nicht nur technisch, politisch oder kulturell verstanden werden sollte, sondern als gestaltetes, künstliches, deutendes und verantwortungspflichtiges Werk. Der Mensch ist Künstler seiner Welt, auch wenn er diese Tatsache verweigert. Gerade diese Verweigerung macht ihn gefährlich, weil er für seine Werke nicht wie ein Künstler Verantwortung übernimmt.

Der Begriff „hineingedachte Eigenschaft“ entstand aus der Beobachtung, dass der Mensch Gegenständen, Flächen, Rollen und Zeichen Eigenschaften zuschreibt, die nicht materiell in ihnen liegen. Eigentum liegt nicht im Sand. Gold ist nicht automatisch Qualität. Eine Marke ist nicht Charakter. Ein Statement ist nicht Verantwortung. Eine Rolle ist nicht der Mensch. Diese Eigenschaftsbildung wurde zu einem zentralen Forschungskunstinstrument.

Der Begriff „Versuchsanordnung“ wurde später zum methodischen Kern. Er verbindet Versuch, Prüfung, Erprobung und Versuchung mit Anordnung, Ordnung, Aufstellung, Verfügung und Befehl. Die Forschungskunst verwandelt menschliche Anordnungen in Versuchsanordnungen, damit sichtbar wird, was diese Ordnungen bewirken. Der Begriff ist sprachlich gestützt durch die Wortfelder von Versuch, Anordnung und anordnen; im Chat wurde die lexikalische Grundlage ausdrücklich herangezogen und in den Forschungskunstzusammenhang erweitert.

Lochprozesse: Lücke, Nichtwissen und Nicht-Eindringen

Ein wesentlicher Forschungsstrang liegt in den Lochprozessen. Das Loch wurde nicht nur als fehlende Stelle verstanden, sondern als Erkenntnisbedingung: Eine Lücke zeigt, dass etwas nicht geschlossen, nicht vollständig, nicht erklärt, nicht angeeignet ist. Lernen beginnt nicht mit fertiger Ordnung, sondern mit einem Abstand, einer Störung, einer fehlenden Passung.

Diese Linie verbindet sich mit dem weißen Blatt, dem Krickeln, dem Nichtwissen, dem Scheitern am Eiszeitboden und der Versuchsanordnung. Beim Malbuch wird das weiße Blatt berührt und beschmutzt; aus der leeren Fläche entsteht Spur. Beim Eiszeitboden kehrt sich diese Logik um: Der Boden ist wie ein weißes Blatt, auf dem nur aufgetragen werden kann, aber kein Eindringen gelingt. Die Tätigkeit erzeugt keine gewünschte Widerspiegelung. Gerade dieses Scheitern wird zur stärksten Spur.

Das Loch ist daher nicht bloß Mangel, sondern Prüföffnung. Es verhindert falsche Vollständigkeit. Es widerspricht der Goldschrift, dem perfekten Statement, der fertigen Identität, dem 50:50-Symmetriedualismus und der Illusion des vollständigen Individuums. Forschungskunst hält das Loch offen, damit Rückkopplung möglich bleibt.

Gegenüberstellung und Lernen

Die Gegenüberstellung wurde zum zentralen Lernmechanismus. Ein einzelnes Objekt kann leicht als Kunstobjekt, Symbol oder Behauptung missverstanden werden. Erst die Gegenüberstellung erzeugt Prüfung. Die löschbare Schultafel neben der Goldschrift zeigt, dass Gold nicht Qualität bedeutet, wenn es Lernfähigkeit zerstört. Sand ohne Eigentum neben markiertem Sand zeigt, dass Eigentum keine natürliche Eigenschaft des Bodens ist. Der Quadratmeter neben dem eingefrorenen Kubikmeter zeigt, dass eine gedachte Grenze Energie braucht, um körperlich stabilisiert zu werden. Der Stuhl als Möbel neben dem Stuhl als beschreibbare Tafelfläche zeigt, wie Eigenschaften hergestellt und geprüft werden können.

Gegenüberstellung ist in der Forschungskunst keine bloße Präsentationsform. Sie ist Methode. Sie erzeugt Differenz, und aus Differenz entsteht Lernen. Dadurch wird der Ausstellungsraum zur Versuchsanordnung. Der Rezipient wird zum Partizipienten, weil er nicht nur schaut, sondern vergleichen, unterscheiden, prüfen und selbst Folgerungen ziehen muss.

Plastik, Skulpturalisierung und plastisches Ich

Im Verlauf des Chats wurde eine wichtige begriffliche Korrektur vollzogen: Skulpturidentität und Strukturidentität dürfen nicht einfach gleichgesetzt werden. Strukturidentität bezeichnet breiter das verhärtete E3-Ich aus Rollen, Institutionen, Markt, Familie, Recht, Psychologie, Konsum und Status. Skulpturidentität ist die künstlerisch zugespitzte Fehlform: Das Ich macht sich zur festen Figur, zur Standform seiner Selbstdarstellung.

Demgegenüber steht das plastische Ich-Bewusstsein. Plastik meint hier nicht bloß Formgebung, sondern Beweglichkeit, Durchlässigkeit, Rückkopplung, Anpassungsfähigkeit und Korrigierbarkeit. Der Mensch darf Rollen spielen, aber er darf nicht in ihnen erstarren. Er darf Requisiten benutzen, aber sie nicht für Wirklichkeit halten. Er darf Statements abgeben, aber sie nicht zur Goldschrift machen. Er darf wünschen, aber den Wunsch nicht als Befehl tarnen. Er darf schaffen, aber muss loslassen können.

Diese Unterscheidung ist methodisch wichtig, weil Forschungskunst keine neue starre Identität erzeugen soll. Sie soll den Menschen aus der Rollenmarionette in ein plastisches Tragwirklichkeitsbewusstsein führen.

Erfahrung und Rückkopplung

Erfahrung wurde im Chat immer als körperlich, materiell und rückgekoppelt verstanden. Der Mensch erkennt nicht nur durch abstrakte Begriffe, sondern durch Hand, Material, Scheitern, Spur, Widerstand, Verfall, Löschen, Einfrieren, Auftauen, Verwittern, Nicht-Eindringen, Druck und Gegenantwort.

Der Eiszeitboden wurde zur stärksten Rückkopplung, weil er die menschliche Setzung nicht annahm. Der mit Tafelfarbe gestrichene Stuhl wurde durch Witterung geprüft. Die Goldschrift wurde durch die zerstörte Löschbarkeit geprüft. Der eingefrorene Sand wurde durch Energieabhängigkeit und Auftauen geprüft. Diese Werkbeispiele zeigen: Erfahrung ist nicht nur Erlebnis, sondern Materialantwort.

Die methodische Funktion der Rückkopplung liegt darin, E3 an E1 und E2 zurückzubinden. Eine Aussage, ein Statement, eine Idee, ein Eigentumsrecht, eine Rolle oder ein Qualitätsbegriff muss in die Rückkopplung. Ohne Rückkopplung entsteht Geltungswelt.

Symbol- und Eigenschaftsbildung

Die Forschung entwickelte eine immer präzisere Analyse von Symbol- und Eigenschaftsbildung. Symbole sind nicht falsch, aber gefährlich, wenn ihre Gemachtheit vergessen wird. Gold ist ein besonders starkes Symbol: Wert, Kostbarkeit, Dauer, Erhöhung, Idee, Macht. Auf der Schultafel zerstört Gold jedoch die Löschbarkeit. Dadurch wird sichtbar, dass symbolischer Wert funktional minderwertig sein kann.

Eigenschaftsbildung wurde an mehreren Werkbeispielen geprüft. Schultafelfarbe gibt dem Stuhl eine neue Eigenschaft. Kreide gibt der Tafel eine reversible Aussage. Gold gibt der Tafel eine unlösbare Aussage und zerstört dadurch ihre Lernqualität. Die Umrandung gibt dem Sand die Eigenschaft „Eigentum“, obwohl diese Eigenschaft nicht im Sand liegt. Einfrieren gibt dieser Setzung Körper, aber nur durch Energie. Kleidung und Marken geben dem Körper Rollen- und Status-Eigenschaften. Statements geben dem Ich öffentliche Geltung.

Die offene Frage bleibt, wie diese Eigenschaftsbildungen in einer systematischen Typologie gefasst werden können: materielle Eigenschaft, lebendige Eigenschaft, technische Eigenschaft, rechtliche Eigenschaft, symbolische Eigenschaft, ökonomische Eigenschaft, darstellerische Eigenschaft, behauptete Eigenschaft, prüfbare Eigenschaft.

Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

Die Spracharbeit wurde im Chat zu einem eigenen Erkenntnisfeld. Begriffe wie Anordnung, anordnen, Versuchsanordnung, Versuch, an-, a-, ana-, Person, Darstellung, Bewusstsein, Sein, Wissen, Qualität, Statement wurden nicht nur lexikalisch gesammelt, sondern als Spuren des Menschenkunstwerks gelesen.

Das deutsche „an-“ wurde als Herantreten, Berühren, Anfangen, Anfügen, Aneignen, Ankämpfen und Anordnen verstanden. Darin steckt die Tätigkeit der Forschungskunst: Der Mensch geht an die Welt heran, fasst sie an, ordnet sie, eignet sie sich an, kämpft gegen Widerstand. Das griechische a-/an- als Verneinung wurde zur Spur von Fehlen, Entzug, Abweichung, besonders in Asymmetrie. Das griechische ana- wurde als Rückholung, Erinnerung, Durcharbeitung, Aufwärts- und Rückbewegung gelesen: Anamnese, Anatomie, Anamorphose, Anagramm. Diese sprachlichen Herleitungen sind teils lexikalisch belegbar, ihre Einbindung in die Forschungskunst ist jedoch eine eigene begriffliche Hypothese.

Kulturgeschichtlich wurden Platon, Midas, Magritte, Escher, Kosuth, Beuys, Woody Allen, griechische Techne, Symmetria und Symbolon als Vergleichsanker genutzt. Belegbar sind die historischen Kunst- und Begriffszusammenhänge nur im allgemeinen Sinn; ihre Einordnung als Vorformen oder Vergleichsfiguren der Forschungskunst ist eine Forschungskunst-Interpretation.

Vier-Ebenen-Modell

Das Vier-Ebenen-Modell wurde zur tragenden Systematik. E1 bezeichnet Tragwirklichkeit. E2 bezeichnet Tätigkeit und Verletzungswelt. E3 bezeichnet Menschenwerk, Symbol, Rolle, Requisite, Sprache, Eigentum, Markt, Statement, Ich-Bewusstsein. E4 bezeichnet Prüfung, Rückkopplung, Versuchsanordnung, Korrektur, Reparatur und Loslassen.

Die Stärke des Modells liegt darin, dass es Wirklichkeitsverwechslungen prüfbar macht. Ein Statement ist E3. Es muss durch E4 an E1 und E2 geprüft werden. Eine Eigentumsgrenze ist E3. Sie wird am Sand, Eis und Boden geprüft. Eine Rolle ist E3. Sie muss am Körper, an Beziehung, Schlaf, Atem und Verletzbarkeit geprüft werden. Qualität als Preis ist E3. Sie muss an Tragfähigkeit geprüft werden.

Offen bleibt, wie das Modell in einer didaktisch einfachen, aber nicht vereinfachenden Form vermittelt werden kann. Besonders für das Mitmachbuch und das So-Heits-Atelier braucht es klare Übergänge zwischen den Ebenen, damit sie nicht als starres Schema, sondern als bewegliche Prüfgrammatik verstanden werden.

Begriffshandwerk und Prüfanker

Das Begriffshandwerk entwickelte sich aus dem Anspruch, Begriffe nicht nur zu benutzen, sondern sie wie Werkzeuge zu prüfen. Ein Begriff muss tragen. Er muss unterscheiden helfen. Er darf nicht zur Goldschrift werden. Sobald ein Begriff alles erklärt, ohne noch prüfbar zu sein, wird er gefährlich.

Die wichtigsten Prüfanker sind bisher: Tragwirklichkeit, Menschenkunstwerk, Versuchsanordnung, 51:49, E1–E4, hineingedachte Eigenschaft, plastisches Ich-Bewusstsein, Strukturidentität, Statement, Wunsch-Befehl, Qualität gegen Quantität, Anordnung, Loslassen, Partizipient, Globale Schwarm-Intelligenz.

Die begriffliche Korrektur bestand darin, ältere Begriffe nicht einfach zu verwerfen, sondern genauer zu positionieren. „Skulpturidentität“ bleibt als Warnbild, aber „Strukturidentität“ ist der präzisere systemische Begriff. „So-Heits-Gesellschaft“ bleibt Zielbild, darf aber nicht als fertige Utopie missverstanden werden. „Statement“ ist nicht nur Aussage, sondern Loyalitätsform. „Wunsch“ ist nicht falsch, aber kann als Befehl getarnt sein. „Qualität“ muss von Quantität, Preis, Seltenheit und Status getrennt werden.

Künstlerische Prüfobjekte

Die künstlerischen Prüfobjekte bilden das materielle Rückgrat der Forschung. Der Stuhl mit Schultafelfarbe prüft Eigenschaftsveränderung. Die Schultafel prüft Lernfähigkeit. Die Goldschrift prüft, wie symbolische Erhöhung Funktion zerstört. Der Quadratmeter Eigentum auf Sand prüft hineingedachte Eigenschaft. Der eingefrorene Sandblock prüft den Energieaufwand gesellschaftlicher Setzungen. Der Eiszeitboden prüft die Grenze menschlicher Zeichen. Das Malbuch prüft Spur, Nichtwissen und kindliche Forschung. Das Telefonmalbuch prüft unbeachtete Kreativität. Der rote Punkt prüft soziale Ansprechbarkeit. Das Laberello prüft Alltag, Nähe und Beteiligung. Die Tausend Tische prüfen kollektive Kreativität und öffentliche Werkstatt. Die Globale Schwarm-Intelligenz prüft digitale Rückkopplung.

Diese Werke sind nicht Illustrationen eines theoretischen Systems. Umgekehrt entstand das System aus ihnen. Deshalb muss die weitere Forschung immer werkgebunden bleiben.

Folien und Schablonen

Die Folien und Schablonen wurden als bildnerische Grammatik entwickelt. Sie sollen nicht fertige Wahrheiten zeigen, sondern Ebenen überlagerbar machen. Physikalische Welt, lebendiger Organismus, Tätigkeit, Rolle, Eigentum, Gold, Idee, Symbol, Markt, Wasser, Körper, Spaten, Isolationsraum, Astronautenanzug, Sandtrichter, Saftpresse, Thermosflasche, Platon-Folie, Aristoteles-Folie, christliche Körper-Seele-Folie, Physik-Folie, E1–E4-Folie bilden ein visuelles Schichtsystem.

Ihre methodische Funktion liegt darin, die Forschungskunst nicht nur sprachlich, sondern anschaulich prüfbar zu machen. Die Folie erlaubt Vergleich, Überlagerung, Verschiebung, Sichtbarmachung von verdeckten Abhängigkeiten. Sie ist eine analoge Form der späteren digitalen Verlinkung.

Offen bleibt, wie viele Folien notwendig sind, ohne die Klarheit zu überfordern. Die Vereinfachung könnte darin liegen, eine Grundgrammatik von wenigen Basisschichten zu entwickeln: Tragwirklichkeit, Tätigkeit, Menschenwerk, Prüfung. Alle weiteren Folien wären Varianten, Beispiele oder Vertiefungen.

Mitmachbuch

Das Mitmachbuch entwickelte sich als Weg, die Forschungskunst vom Werk in die Beteiligung zu führen. Es soll kein fertiges Lehrbuch sein, sondern eine offene Schultafel in Buchform. Der Mensch soll nicht nur lesen, sondern eintragen, vergleichen, überlagern, fragen, antworten, korrigieren und eigene Spuren erzeugen. Die Linie vom Malbuch zum Mitmachbuch ist klar: Aus dem kindlichen Krickeln wird erwachsene Tragwirklichkeitsprüfung.

Das Mitmachbuch verbindet Vorgabebild, Folie, Schablone, Frage, Antwort, Selbstprüfung und öffentliche Rückkopplung. Es soll zeigen, dass Forschungskunst lernbar ist, aber nicht durch Belehrung, sondern durch eigene Versuchsanordnungen. Offen bleibt, wie stark es geführt werden muss und wie offen es bleiben darf. Zu viel Vorgabe würde Goldschrift erzeugen; zu wenig Vorgabe könnte Orientierung verlieren. 51:49 ist hier auch das didaktische Maß.

Tausend Tische

Die Tausend Tische stehen für kollektive Kreativität als soziale Versuchsanordnung. Der Tisch ist kein bloßes Möbel, sondern eine Arbeits-, Austausch-, Schreib-, Ess-, Streit-, Lern- und Beteiligungsfläche. Viele Tische erzeugen eine dezentrale Werkstatt, in der Menschen nicht Publikum bleiben, sondern Partizipienten werden.

Die Verbindung zur Schultafel ist stark: Beide sind Oberflächen der Beteiligung. Die Verbindung zur Globalen Schwarm-Intelligenz liegt darin, dass die Tische analog das leisten, was die Plattform digital fortsetzt: viele Einstiege, viele Spuren, viele Fragen, viele Antworten, viele Korrekturen. Offen bleibt, wie diese analoge Tischstruktur im So-Heits-Atelier konkret räumlich und organisatorisch übersetzt wird.

KI

KI wurde im Chat nicht als Erlösung und nicht als Feind behandelt, sondern als Menschenwerk, das selbst prüfpflichtig ist. KI kann helfen, große Textmengen zu ordnen, Zusammenhänge zu verdichten, Begriffe zu vergleichen und den Werkorganismus sprachlich sichtbar zu machen. Aber KI darf nicht zur Goldschrift werden. Ihre Antworten sind Statements, Modelle, Verdichtungen, nicht Tragwirklichkeit.

Die methodische Funktion der KI liegt in der E4-Hilfe: spiegeln, sortieren, verdichten, korrigieren, Fragen erzeugen, Zusammenhänge sichtbar machen. Die Gefahr liegt in der E3-Verwechslung: KI-Antwort als Wahrheit, Modell als Wirklichkeit, Sprachglätte als Erkenntnis. Daher muss jede KI-Arbeit selbst in die Versuchsanordnung zurückgeführt werden.

Globale Schwarm-Intelligenz

Die Globale Schwarm-Intelligenz wurde als öffentliche E4-Architektur bestimmt. Sie ist keine bloße Plattform, kein Archiv, keine Meinungssammlung und kein Ersatz-Wikipedia. Sie ist die digitale Fortsetzung von Malbuch, rotem Punkt, Frage-und-Antwort-Tisch, Tausend Tischen, Bürgerforum, Kunsthalle auf Zeit und Partizipatorischem Welttheater.

Ihre Funktion ist es, Menschen zu Partizipienten zu machen. Sie sollen Spuren lesen, vergleichen, verlinken, antworten, korrigieren, eigene Zusammenhänge bilden und erkennen, wodurch sie existieren. Die Plattform muss löschbar, korrigierbar, offen und rückfragbar bleiben. Sie darf nicht zur Statement-Maschine werden.

Offen bleibt die technische, soziale und gestalterische Frage, wie eine solche Plattform wirklich Beteiligung erzeugt, ohne in Datenverwaltung, bloße Dokumentation oder Meinungsakkumulation zu kippen.

So-Heits-Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft wurde als Zielprojektion bestimmt, nicht als fertige Utopie. Sie bezeichnet eine Gesellschaft, die ihr So-Sein, Da-Sein, Mit-Sein und Eingebundensein in Tragwirklichkeit erkennt. Sie ist keine Rückkehr in eine vormoderne Welt, sondern eine zukünftige Kunstgesellschaft, in der Menschen ihre Menschenwerke prüfen, korrigieren und verantworten.

Sie steht gegen die Statement-Gesellschaft, die Rollenidentitätsgesellschaft, die Geschäfts- und Finanzmarktgesellschaft, die 1:99-Machtordnung und die falsche Vollständigkeit des Individuums. Die So-Heits-Gesellschaft setzt auf Techne, Gemeinsinn, Tragwirklichkeitsbewusstsein, plastisches Ich, Korrigierbarkeit und Loslassen.

Offen bleibt, wie dieser Begriff gegenüber Missverständnissen geschützt wird. Er darf nicht als Heilslehre, Weltanschauung oder geschlossene Ordnung erscheinen, sondern muss als offene Prüf- und Lernrichtung verständlich bleiben.

So-Heits-Atelier

Das So-Heits-Atelier wurde als räumliche Verdichtung des Lebenswerks und als möglicher öffentlicher Prüf- und Beteiligungsraum gedacht. Es ist nicht nur Ausstellung, sondern Atelier, Werkstatt, Archiv, Schultafel, Versuchsanordnung, Partizipationsraum, Lernraum, Denkraum und Rückkopplungsraum.

Darin können Werkbeispiele, Folien, Schablonen, Mitmachbuch, Tafeln, Tische, Filme, Plattform, KI, Fragen, Antworten, Vergleiche und Besucherhandlungen zusammenkommen. Das Atelier ist die räumliche Form der Forschungskunst. Seine Aufgabe ist nicht, das Werk museal abzuschließen, sondern es als offene Versuchsanordnung erfahrbar zu machen.

Offen bleibt, wie viel Material gezeigt werden kann, ohne zu überfordern. Wahrscheinlich braucht das So-Heits-Atelier klare Zugangsachsen: Schultafel und Goldschrift, Eigentum und Sand, Eiszeitboden, Statement und Rolle, Qualität und Quantität, 51:49, E1–E4, Mitmachbuch, Globale Schwarm-Intelligenz.

Historisch Belegbares und Forschungskunst-Hypothesen

Historisch oder wissenschaftlich belegbar sind allgemeine Sachverhalte wie die Existenz kunsthistorischer Beispiele zu Darstellung und Wirklichkeit, etwa Magritte, Escher, Kosuth, Beuys und andere; ebenso die lexikalischen Bedeutungen von Versuchsanordnung, Anordnung, an-, a- und ana-, soweit sie aus den herangezogenen Wörterbuchmaterialien stammen. Belegbar sind auch die allgemeinen Funktionen technischer Maßstäbe, handwerklicher Toleranzen, fotografischer Verfahren oder die Tatsache, dass Eigentum rechtlich und sozial konstruiert ist.

Forschungskunst-Hypothesen sind dagegen die Begriffe und Systembildungen, die aus diesen Sachverhalten entwickelt wurden: Tragwirklichkeit als Hauptmaßstab, Menschenkunstwerk als Gesamtbegriff der menschlichen Welt, 51:49 als plastisches Maß, Statement-Gesellschaft, Wunsch-Befehl, Goldschrift als Blockierung der Lernfläche, Eiszeitboden als härteste Tragwirklichkeitsinstanz, Globale Schwarm-Intelligenz als E4-Architektur, So-Heits-Gesellschaft als Zielprojektion.

Diese Unterscheidung ist wichtig, damit Forschungskunst nicht so tut, als seien ihre Begriffe bereits historisch oder wissenschaftlich bewiesene Kategorien. Sie sind künstlerisch-forschende Prüfbegriffe. Ihre Wahrheit liegt nicht in Behauptung, sondern in ihrer Leistungsfähigkeit als Versuchsanordnung.

Gesamtarchitektur des Forschungsansatzes

Die Gesamtarchitektur lässt sich als Bewegung beschreiben: Vom Handwerk zum Maß, vom Maß zur Tragwirklichkeit, von der Darstellung zur Wirklichkeitsverwechslung, von der Wirklichkeitsverwechslung zur Versuchsanordnung, von der Versuchsanordnung zur E4-Prüfung, von der E4-Prüfung zum plastischen Ich-Bewusstsein, vom plastischen Ich-Bewusstsein zur Kunstgesellschaft.

Im Zentrum steht die Formel: Der Mensch ist Künstler und Kunstwerk seiner eigenen Welt. Er muss lernen, diese Welt als Menschenkunstwerk zu erkennen. Dazu braucht er Prüfobjekte, Begriffe, Folien, Schultafeln, Tische, Plattformen, Mitmachformen und Rückkopplungsräume. Forschungskunst ist die methodische Verbindung dieser Elemente.

Die Architektur besteht aus vier Grundbewegungen. Erstens: Rückbindung an Tragwirklichkeit. Zweitens: Enttarnung von Menschenwerken. Drittens: Herstellung öffentlicher Versuchsanordnungen. Viertens: Ermöglichung von plastischem Lernen, Korrektur und Loslassen.

Doppelungen, Unklarheiten und Vereinfachungen

Eine wichtige Doppelung besteht zwischen Tragwirklichkeit, Verletzungswelt und E1/E2. Tragwirklichkeit bezeichnet den tragenden Grund; Verletzungswelt betont die Verwundbarkeit; E1/E2 differenzieren Materialbedingung und Tätigkeit. Diese Begriffe dürfen nicht zu viele parallele Systeme erzeugen. Eine Vereinfachung wäre: Tragwirklichkeit als Oberbegriff, E1 als materielle Bedingung, E2 als lebendige Tätigkeit und Verletzbarkeit.

Eine zweite Doppelung besteht zwischen Strukturidentität, Skulpturidentität, Rollenidentität und Statement-Ich. Hier ist die Differenz bereits geklärt, muss aber stabil gehalten werden. Strukturidentität ist der systemische Begriff, Skulpturidentität das bildnerische Warnbild, Rollenidentität die konkrete soziale Form, Statement-Ich die öffentliche Geltungsform.

Eine dritte Unklarheit liegt bei Qualität. Qualität wird einerseits als E1-Tragfähigkeit bestimmt, andererseits als Funktionsfähigkeit in E2 und Korrigierbarkeit in E4. Das muss nicht widersprüchlich sein. Qualität sollte künftig als tragfähige Funktion im Verhältnis von E1, E2 und E4 gefasst werden: Was trägt, funktioniert und korrigierbar bleibt, besitzt Qualität.

Eine vierte Unklarheit betrifft So-Heits-Gesellschaft. Der Begriff ist stark, aber erklärungsbedürftig. Er muss klar als offene Zielprojektion einer prüfenden Kunstgesellschaft formuliert werden, nicht als fertiges Gesellschaftssystem.

Eine fünfte mögliche Vereinfachung betrifft die vielen Werkbeispiele. Für den Einstieg sollten wenige Grundprüfobjekte genügen: Schultafel/Kreide/Gold, Eigentum/Sand/Eis, Eiszeitboden, Stuhl/Tafelfarbe/Witterung, Statement/Kleidung/Rollenidentität, Mitmachbuch/Schwarm-Intelligenz. Die übrigen Arbeiten können als Erweiterungen dieser Grundlogik erscheinen.

Fehlende Verbindungen

Noch weiter auszuarbeiten ist die Verbindung zwischen künstlerischer Versuchsanordnung und gesellschaftlicher Anwendung. Es ist bereits klar, dass Forschungskunst keine bloße Symbolik ist. Aber es muss noch präziser gezeigt werden, wie Menschen aus einer Ausstellung, einem Mitmachbuch oder einer Plattform tatsächlich zu veränderter Tätigkeitsprüfung gelangen.

Weiter fehlt eine knappe Didaktik des E1–E4-Modells. Das Modell ist stark, aber für Außenstehende braucht es eine einfache Eingangsszene. Die Schultafel könnte diese Eingangsszene sein: Kreide als löschbare Setzung, Gold als unlösbare Idee, Tafel als Lernfläche, Mensch als Partizipient.

Ebenfalls fehlt eine klare Verhältnisbestimmung zu Wissenschaft. Forschungskunst ist nicht Wissenschaft im engeren Sinn und nicht bloße Kunst. Sie nutzt Versuchsanordnung, Vergleich, Begriffshandwerk und Rückkopplung, aber sie arbeitet öffentlich, symbolisch, materiell, performativ und partizipativ. Diese Eigenständigkeit muss weiter geschärft werden.

Schließlich fehlt eine kompakte internationale Übersetzbarkeit der Begriffe. Tragwirklichkeit, Menschenkunstwerk, So-Heit, Forschungskunst, 51:49, Wunsch-Befehl und Statement-Gesellschaft sind stark im Deutschen verankert. Für internationale Kommunikation müssen sie so erklärt werden, dass ihr Sinn nicht in bloße Theoriebegriffe zerfällt.

Schlussrekonstruktion

Der bisherige Chat hat eine Forschung sichtbar gemacht, die aus Werkhandlungen hervorgegangen ist und erst nachträglich ihre Begriffe gefunden hat. Am Anfang standen Hand, Material, Fotografie, Werbung, Krickelspur, Beteiligung, Schultafel, Eigentum, Sand, Gold, Eiszeitboden und öffentliche Aktion. Daraus entstanden die Fragen nach Wirklichkeit, Abbild, Darstellung, Eigenschaft, Eigentum, Qualität, Rolle, Ich, Wunsch, Befehl, Statement, Ordnung, Anordnung, Versuchsanordnung und Tragfähigkeit.

Der heutige Stand der Forschungskunst lautet: Das Menschenkunstwerk muss an Tragwirklichkeit geprüft werden. Der Mensch darf seine Erfindungen nicht länger mit Vorgefundenem verwechseln. Er muss lernen, was er nur darstellt, was er hineindenkt, wem er gehorcht, was er fälschlich für Qualität hält, welche Statements ihn binden, welche Wünsche Befehle geworden sind, welche Rollenidentitäten ihn zerreißen und welche Menschenwerke er loslassen muss.

Forschungskunst ist damit keine Kunst über Forschung, sondern eine Forschung durch Kunst: eine öffentliche, materielle, sprachliche, soziale und digitale Versuchsanordnung, in der der Mensch als Partizipient lernt, dass er Künstler seiner Welt ist und deshalb die Verantwortung übernehmen muss, seine Welt so zu prüfen, dass sie Tragwirklichkeit nicht länger zerstört.

Ja. Ich habe die vollständige Word-Fassung mit 55 Seiten gelesen. Da Word, PDF und Markdown Fassungen desselben Volltexts sind, genügt die vollständige Textfassung als Grundlage. Die Rekonstruktion unterscheidet ausdrücklich zwischen belegbaren Sachverhalten, Werküberlieferung/Selbstauskunft, späterer Werkdeutung und heutigen Begriffen beziehungsweise Hypothesen der Forschungskunst.

Hier ist eine zusammenhängende Zusammenfassung:

Zusammenfassung der Forschungsrekonstruktion

Forschungskunst als Entwicklung eines öffentlichen Prüfverfahrens

Die Forschungsrekonstruktion zeigt Wolfgang Fenners künstlerische Arbeit seit den 1970er Jahren nicht als Umsetzung einer von Anfang an fertigen Theorie, sondern als einen über mehr als fünf Jahrzehnte entstandenen Forschungsprozess. Ausgangspunkt sind konkrete Erfahrungen mit Natur, Körper, Material, Handwerk, Fotografie, Werbung, Bildhauerei, gesellschaftlichen Aktionen und öffentlicher Beteiligung. Erst im Verlauf der Arbeit entstehen daraus jene Begriffe und Modelle, die heute die Forschungskunst strukturieren. Begriffe wie Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Skulpturidentität, 51:49, Vier-Ebenen-Modell, Globale Schwarm-Intelligenz oder So-Heits-Gesellschaft sind deshalb nicht rückwirkend als bereits 1975 vorhandene Theorie zu verstehen. Sie sind spätere begriffliche Verdichtungen von Fragestellungen und Verfahren, die teilweise schon wesentlich früher praktisch im Werk angelegt waren.

Der Forschungsgrund

Im Zentrum des gesamten Lebenswerks steht die Frage, warum der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen beschädigt, obwohl er wahrnehmen, lernen, messen, wissen, herstellen und Fehler korrigieren kann. Aus dieser zunächst allgemeinen Frage entwickelt sich eine genauere Untersuchung des menschlichen „Funktionierens“. Entscheidend ist nicht mehr nur, ob etwas technisch, wirtschaftlich oder institutionell funktioniert, sondern innerhalb welchen Auftrags, für wen, wie lange, unter welchen Voraussetzungen und mit welchen Folgen es funktioniert. Ein technisches System kann seine unmittelbare Aufgabe erfüllen und zugleich körperliche, gesellschaftliche oder planetarische Schäden hervorbringen. Forschungskunst untersucht deshalb die Differenz zwischen einer begrenzten Teilfunktion und den umfassenderen Tätigkeitskonsequenzen.

Die Forschungskunst will daraus keine fertige Weltanschauung ableiten. Ihr Ziel wird vielmehr als öffentliche Überzeugungsprüfung bestimmt: Nicht der Künstler soll den Menschen von einer Lehre überzeugen; Gegenstände, Materialien, Körper, Tätigkeiten und deren Folgen sollen selbst zu einem Gegenüber werden, an dem Vorstellungen überprüft werden können.

Von den frühen Erfahrungen zur Experimentellen Umweltgestaltung

Eine erste Grundlage bilden Erfahrungen mit Boden, Wasser, Pflanzen, Tieren, Bienen, Landwirtschaft und körperlicher Abhängigkeit. Natur erscheint dabei nicht als romantisches Gegenbild zur Zivilisation, sondern als Milieu von gegenseitigen Abhängigkeiten, Belastungen, Regeneration und Grenzen. Besonders Wasser wird zu einem elementaren Lehrmeister: Es reagiert auf Widerstand, Druck, Gefälle, Öffnung, Material und Zeit unabhängig davon, welche Vorstellung ein Mensch von seinem Verhalten besitzt. Daraus entsteht später die elementare Unterscheidung zwischen Darstellung und Geschehen: Ein dargestellter Wirbel ist nicht der wirkliche Strömungsvorgang.

Die Ausbildung zum Maschinenschlosser bringt Maß, Passung, Toleranz, Belastbarkeit und Reparatur als Prüfprinzipien ein. Die Fotografie macht Ausschnitt, Perspektive und die Differenz zwischen Ereignis und Darstellung bewusst. Die Arbeit in der Werbung zeigt, wie Gegenständen Eigenschaften wie Freiheit, Schönheit, Erfolg oder Identität zugeschrieben werden können, obwohl diese nicht als physikalische Eigenschaften in ihnen enthalten sind. Aus diesen drei Erfahrungsfeldern entsteht ein Grundmuster: Das Handwerk fragt, was tatsächlich trägt; die Fotografie, was gezeigt oder ausgelassen wird; die Werbung, welche zusätzlichen Bedeutungen und Wünsche hergestellt werden.

Mit der Experimentellen Umweltgestaltung ab 1975 wird die Bildhauerei aus dem isolierten Kunstobjekt heraus erweitert. Material, Körper, Wahrnehmung, Technik, Gesellschaft und Folgen werden als miteinander verbundenes Milieu begriffen. Wellenbecken, Strömungsmodelle, Biberdamm- und Deichversuche machen dabei eine entscheidende Methode sichtbar: Eine Vorstellung wird hergestellt, trifft auf ein eigenständiges Gegenüber, erzeugt eine Antwort und kann aufgrund der Differenz korrigiert werden. Daraus entsteht das Grundschema:

Vorstellung – Herstellung – Antwort – Korrektur.

Das Werk wird damit von einem fertigen Gegenstand zu einer Versuchsanordnung. Lernen findet gerade dort statt, wo Erwartung und tatsächliches Geschehen nicht übereinstimmen.

Von der Vorgabe zur Beteiligung

In den Malbüchern, Krickelkrackel-Arbeiten und Beteiligungsprojekten der späten 1970er Jahre verschiebt sich die Forschung auf das Verhältnis von Vorgabe und eigener Spur. Eine Vorlage bietet Orientierung, übt aber zugleich Macht aus. Der Beteiligte kann ihr folgen, sie verändern, überschreiben oder verlassen. Damit wird bildnerisch untersucht, wie individuelle Tätigkeit innerhalb einer bereits vorhandenen Ordnung entsteht.

Der „Rote Punkt der Mitmenschlichkeit und Kommunikation“ und die Tausend-Menschen-Methode übertragen dieses Prinzip auf viele Beteiligte. Unterschiedliche Antworten auf dieselbe Vorgabe werden nicht als Störung verstanden, sondern als vergleichbares Erkenntnismaterial. Damit entstehen bereits frühe Vorformen des späteren Mitmachbuches und der Globalen Schwarm-Intelligenz.

Rollenarbeiten, Soforttheater und körperbezogene Aktionen erweitern das Verfahren. Rolle, Körper, Darsteller, Bühne und gesellschaftliche Erwartung werden voneinander unterscheidbar. Daraus entwickelt sich rückblickend eine wesentliche Grundlage des späteren Begriffs der Skulpturidentität: Eine gesellschaftliche Rolle ist wirklich wirksam, aber sie ist nicht identisch mit dem ganzen Menschen.

Eine besondere Bedeutung erhält die Schultafel. Kreide ermöglicht Setzung, Widerspruch, Löschung und Neubeginn. Die Löschbarkeit wird zu einer Erkenntniseigenschaft. In der späteren Gegenüberstellung von Kreide und Gold entsteht daraus ein grundlegender Prüfanker: Gesellschaftlich hoher Wert und funktionale Qualität sind nicht dasselbe. Gold kann wertvoll und dauerhaft sein und gerade dadurch die korrigierbare Funktion der Tafel zerstören.

Verortungskunst und planetarische Öffentlichkeit

Seit den 1990er Jahren wird Gesellschaft selbst zunehmend zum Material der Versuchsanordnung. Demokratiewerkstätten, Runde Tische, Aktionen zur „Mauer in den Köpfen“, die Temporäre Kunsthalle, Kollektive Kreativität, das Globale Dorffest und später das Partizipatorische Welttheater untersuchen nicht nur gesellschaftliche Themen, sondern erzeugen Situationen, in denen Rollen, Regeln, Entscheidungen und Beziehungen sichtbar werden.

Daraus entwickelt sich die Verortungskunst. Sie unterscheidet sich vom bloßen Ereignis dadurch, dass sie fragt, in welchen geschichtlichen, materiellen, sozialen und institutionellen Zusammenhängen eine Aktion stattfindet und was nach ihrem Ende am Ort zurückbleibt.

Die geplanten beziehungsweise realisierten „Tausend Tische“ bilden dabei ein Schlüsselbild. Jeder Tisch ist eine begrenzte Arbeitsfläche für Herstellung, Gespräch, Streit, Essen, Reparatur und Dokumentation. Viele Tische können miteinander verbunden werden, ohne den einzelnen Ort aufzulösen. Diese räumliche Grundfigur wird später zu einem Modell der Globalen Schwarm-Intelligenz: Viele begrenzte Wissens- und Erfahrungsorte werden verbunden, ohne zu behaupten, einer von ihnen besitze das Ganze.

Tragwirklichkeit, Plexus, Loch und Gegenüberstellung

Aus dem frühen Umweltbegriff entwickelt sich schrittweise ein genaueres Wirklichkeitsverständnis. Tragwirklichkeit bezeichnet die materiellen und lebendigen Bedingungen, Beziehungen und Rückkopplungen, von denen menschliches Leben abhängt. Plexus bezeichnet ihre verflochtene Struktur. Die „vorausliegende Welt“ hebt hervor, dass diese Bedingungen nicht erst durch menschliche Begriffe, Preise oder Eigentumsordnungen entstehen.

Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde macht die zeitliche Dimension dieser Abhängigkeit anschaulich. Die rund 4,54 Milliarden Jahre Erdgeschichte werden auf einen Tag übertragen; Homo sapiens erscheint dabei erst ungefähr sechs Sekunden vor Mitternacht. Der „Millisekunden-Mensch“ ist darauf aufbauend keine naturwissenschaftliche Zeitangabe, sondern die künstlerische Zuspitzung einer extrem kurzen technisch-industriellen Zivilisationsphase mit sehr großer planetarischer Wirkung.

Der spätere Begriff des Lochprozesses bündelt Öffnung, Entnahme, Durchgang, Wunde, Zugang und Erkenntnislücke. Das Loch ist dabei kein bloßes Nichts. Es verändert Ränder, Belastungen, Strömungen und Zugänge. Auf der Erkenntnisebene bezeichnet es die nicht geschlossene Differenz zwischen Vorstellung und Gegenüber. Nichtwissen wird damit nicht als Fehler verstanden, der möglichst schnell mit einer Behauptung gefüllt werden muss, sondern als notwendiger offener Prüfbereich.

Daraus ergibt sich eine zentrale Erkenntnistheorie der Forschungskunst: Lernen benötigt Gegenüberstellung. Zeichnung und Werkstück, Bild und Ereignis, Vorgabe und eigene Spur, Rolle und Körper, Behauptung und Folge müssen unterscheidbar bleiben. Erfahrung wird erst dann forschungsfähig, wenn Bedingungen und Folgen dokumentiert, verglichen und für Korrektur geöffnet werden.

Plastisches Ich, Skulpturidentität und Menschenwerk

Die bildhauerische Unterscheidung von Plastik und Skulptur wird später metaphorisch weiterentwickelt. Plastik steht für ein fortlaufendes Formen, Hinzufügen, Verbinden, Antworten und Korrigieren. Skulpturalisierung bezeichnet dagegen die Verfestigung gesellschaftlicher Rollen und Zuschreibungen zu scheinbar abgeschlossenen Identitäten.

Die Skulpturidentität entsteht dort, wo der Mensch sich als vollständig autonomes Einzelobjekt versteht: als Eigentümer seiner selbst, Produzent, Konsument, Marke, Beruf, Status oder Datenkörper. Dem wird nicht die Auflösung der Individualität entgegengesetzt. Vielmehr unterscheidet die Forschungskunst zwischen dem lebendigen, abhängigen Körperorganismus und der gesellschaftlich notwendigen Rollen- und Geltungsperson. Das plastische Ich-Bewusstsein soll Rollen benutzen und verändern können, ohne sie mit dem ganzen Menschen zu verwechseln.

Parallel dazu wird untersucht, auf welche Weise Eigenschaften entstehen. Die Rekonstruktion unterscheidet vorhandene beziehungsweise messbare Eigenschaften, technisch hervorgebrachte Eigenschaften, gesellschaftlich zugewiesene Eigenschaften und symbolisch behauptete Eigenschaften. Eigentum ist dafür ein Schlüsselbeispiel: Eine Eigentumsgrenze ist keine ursprüngliche stoffliche Eigenschaft des Bodens, kann aber durch Recht, Institutionen, Zäune und Handlungen sehr reale materielle Folgen erzeugen. Die Forschungskunst unterscheidet daher nicht einfach zwischen „wirklich“ und „unwirklich“, sondern fragt, auf welche Weise etwas wirklich wird und nach welchem Maßstab es geprüft werden muss.

51:49 und das Vier-Ebenen-Modell

Das Modell 51:49 wird ausdrücklich nicht als Naturgesetz verstanden. Es ist ein künstlerischer Prioritätsoperator. Im Konfliktfall soll die Tragfähigkeit gemeinsamer Existenzbedingungen eine minimale Priorität gegenüber kurzfristigen privaten, institutionellen oder ökonomischen Vorteilen erhalten. Die „49“ bleiben bestehen: Zweifel, Minderheit, Privatheit, Abweichung und Korrekturmöglichkeit werden nicht ausgelöscht. 1:99 bezeichnet dagegen als Warnbild eine extreme Machtkippung.

Das Vier-Ebenen-Modell ordnet die verschiedenen Wirklichkeitsarten und Prüfbewegungen: materielle Bedingungen, lebendige Zusammenhänge, gesellschaftliche beziehungsweise symbolische Menschenwerke und schließlich die Ebene der Gegenprüfung, Korrektur und Reparatur. Wichtig ist, dass diese Ebenen nicht als vier getrennte Stockwerke der Wirklichkeit verstanden werden. Sie sind verschiedene Betrachtungsweisen eines verflochtenen Geschehens. Daraus entsteht ein wiederholbarer Prüfanker: Was ist gegeben? Was wurde hergestellt oder zugeschrieben? Wer handelt und wer trägt die Folgen? Was ist bekannt oder unbekannt? Was ist reversibel, reparierbar und korrigierbar?

Prüfobjekte, Folien und Mitmachbuch

Die historischen Werke werden in der heutigen Forschung als künstlerische Prüfobjekte lesbar. Wellenmaschine, Biberdamm, Malbuch, roter Punkt, Schultafel, beschreibbarer Stuhl, Sand und Eis, Eiszeitboden, asymmetrisches Auto, Strömungslandschaft, Labyrinth, gläserner Astronaut und der gegenwärtige Feuerkäfig stellen jeweils Bedingungen her, unter denen Vorstellung und Gegenüber miteinander in Konflikt geraten können.

Die Folien- und Schablonenmethode überträgt diese Logik in eine analoge Bildgrammatik. Durch transparente, übereinanderlegbare Schichten können materielle und lebendige Bedingungen, menschliche Tätigkeiten, gesellschaftliche Geltungen und die Prüfung voneinander unterschieden und anschließend neu verbunden werden. Der Betrachter erhält damit kein fertiges Weltbild, sondern ein veränderbares Modell.

Das Mitmachbuch führt die Linie von Malbuch, Kunsttagebuch, Schultafel und Frage-Antwort-Tisch weiter. Eine individuelle Spur soll erhalten bleiben und zugleich mit Gegenbeispielen, Quellen, anderen Menschen und späteren Korrekturen verknüpft werden. Ziel ist kein „Buch der Wahrheit“, sondern ein wachsender Zusammenhang begrenzter und gegenseitig überprüfbarer Forschungswege.

KI und Globale Schwarm-Intelligenz

Künstliche Intelligenz tritt erst spät in diese Forschung ein. Sie begründet die Forschungskunst nicht, sondern erweitert ein bereits vorhandenes Verfahren. KI kann große Mengen an Werkmaterial vergleichen, strukturieren, Widersprüche aufzeigen und alternative Begriffsbildungen ermöglichen. Gleichzeitig kann sie falsche Zusammenhänge glätten, Unsicherheiten verdecken und sprachliche Geschlossenheit erzeugen, wo die Quellenlage offen ist. Deshalb wird sie zugleich Werkzeug und Prüfgegenstand.

Die Globale Schwarm-Intelligenz verbindet schließlich Archiv, Werkgeschichte, Beteiligung, Mitmachbuch und öffentliche Gegenprüfung. Sie soll nicht bedeuten, dass Mehrheiten automatisch recht haben oder ein einheitliches Kollektivbewusstsein entsteht. Erkenntnis soll vielmehr durch Unterschiede, Quellen, Gegenbeispiele, Widerspruch und Revision wachsen. Ein begründeter Minderheitenhinweis kann wichtiger sein als tausend Zustimmungen. Damit wird die Plattform zur geplanten digitalen E4-Architektur der Forschungskunst.

So-Heits-Gesellschaft und So-Heits-Atelier

Die So-Heits-Gesellschaft bildet die weiteste gesellschaftliche Zielprojektion. „So-Heit“ bedeutet dabei nicht, das endgültige wahre Wesen eines Menschen oder Gegenstands zu kennen. Gemeint ist, ihn nicht ausschließlich nach Preis, Eigentum, Rolle, Status oder Nutzen zu behandeln, sondern auch Beschaffenheit, Bedürfnisse, Beziehungen, Abhängigkeiten und Veränderlichkeit wahrzunehmen. Die So-Heits-Gesellschaft ist ausdrücklich keine fertige Utopie oder politische Heilslehre, sondern eine offene Forschungsfrage danach, wie Wahrnehmung, Können, Verantwortung, Korrektur und Gemeinsinn gesellschaftlich verankert werden könnten.

Das So-Heits-Atelier übersetzt diese Entwicklung in einen konkreten Raum. Es bringt nicht nachträglich beliebige Werke unter einem neuen theoretischen Dach zusammen. Seine Stationen gehen jeweils auf historische Werkverfahren zurück: Handwerk und Reparatur, Wellen und Strömung, Malbuch und roter Punkt, Rollenwechsel, Schultafel, Gesprächs- und Arbeitstische, Partizipatorisches Welttheater, Mitmachbuch und digitale Vernetzung.

Der Besucher soll dort nicht belehrt werden. Er beginnt mit seiner eigenen Spur und seinen bereits vorhandenen Rollen und Vorstellungen. Danach trifft er auf Material, Körper, andere Menschen und widersprechende Folgen. Er zeichnet, baut, misst, schreibt, löscht, spielt, vergleicht und repariert. Erst anschließend werden seine Erfahrungen mit Werkarchiv, Vier-Ebenen-Modell, anderen Beteiligten und gegebenenfalls einer KI verbunden. Ziel ist der Übergang vom Rezipienten zum Mitprüfenden und möglichen Forschungskünstler der eigenen Tätigkeit.

Die documenta erscheint in dieser Entwicklung als möglicher Verortungs-, Gegenprüfungs- und Übergaberaum des Lebenswerks. Dabei soll die Werkgeschichte nicht zu einer abgeschlossenen Retrospektive und das Atelier nicht zu einer geschichtslosen Beteiligungszone werden. Historisches Lebenswerk und gegenwärtige Anwendung sollen einander prüfen.

Die Gesamtarchitektur

Am Ende lässt sich die gesamte Forschung auf fünf wiederkehrende Bewegungen verdichten:

Der Mensch verortet sich innerhalb vorausliegender materieller, lebendiger, geschichtlicher und gesellschaftlicher Bedingungen. Er vergegenständlicht Vorstellungen durch Bilder, Begriffe, Gegenstände und Rollen. Er wird tätig und ruft damit Antworten und Folgen hervor. Er stellt gegenüber und vergleicht, sodass Unterschiede zwischen Vorstellung und Verlauf sichtbar werden. Schließlich kann er prüfen, korrigieren, reparieren und loslassen.

Danach beginnt der Prozess erneut. Die Forschungsarchitektur ist deshalb kein lineares Stufensystem, sondern ein Kreislauf:

Verorten – vergegenständlichen – tätig werden – vergleichen – korrigieren – neu verorten.

In diesem Kreislauf hängen Werkgenese, Tragwirklichkeit, Plexus, Lochprozess, Plastik und Skulpturalisierung, Eigenschaftsbildung, Vier-Ebenen-Modell, Prüfobjekte, Folien, Mitmachbuch, Tausend Tische, KI, Globale Schwarm-Intelligenz, So-Heits-Atelier und So-Heits-Gesellschaft miteinander zusammen.

Offener Forschungsstand

Die Rekonstruktion erklärt die Forschung ausdrücklich nicht für abgeschlossen. Sie benennt selbst ihre Schwachstellen. Mehrere Begriffe überschneiden sich und sollten hierarchisch geordnet werden. Tragwirklichkeit soll als zentraler Begriff dienen, Plexus als Strukturbegriff. Geltungs-Ich und Skulpturidentität können mehrere benachbarte Identitätsbegriffe bündeln. Forschungskunst bezeichnet den Gesamtansatz, E4 dessen Prüf- und Reparaturfunktion, Überzeugungsprüfung die kommunikative Zielsetzung und Begriffshandwerk eine einzelne Methode.

Für die öffentliche Vermittlung lässt sich das gesamte Modell auf vier Grundfragen reduzieren:

Was ist gegeben?

Was wird hineingedacht oder hergestellt?

Was bewirkt die Tätigkeit?

Was kann geprüft, korrigiert oder repariert werden?

Alle weiteren Modelle und Begriffe sind Werkzeuge innerhalb dieser Grundfigur.

Offen bleiben vor allem die archivische Beweisführung der Werkchronologie, genaue Kriterien der Tragfähigkeit, Macht und unterschiedliche Verantwortlichkeit, Verletzbarkeit und Fürsorge, eine differenzierte Untersuchung wirtschaftlicher Systeme, die kunsthistorische Einordnung, die fachliche Prüfung der sprach- und kulturgeschichtlichen Vergleiche, eine nicht-belehrende Besucherforschung sowie die Governance und langfristige Trägerschaft der Globalen Schwarm-Intelligenz. Besonders konsequent ist die Forderung nach einer Gegenprüfung der Forschungskunst an sich selbst. Auch Tragwirklichkeit, 51:49, technē, Rollenbegriffe, Markt- und KI-Kritik müssen angreifbar und korrigierbar bleiben. Andernfalls würden die eigenen Begriffe genau zu jener „Goldschrift“, deren Unkorrigierbarkeit die Forschung kritisiert.

Kernaussage

Die Forschungsrekonstruktion zeigt damit keinen geradlinigen Weg von einer 1975 bereits fertigen Idee zu ihrer heutigen Vollendung. Sie zeigt einen plastischen Forschungsprozess. Frühe Erfahrungen erzeugen Fragen; Werkversuche erzeugen Widerstände; Beteiligung erweitert das Gegenüber; Dokumentation ermöglicht Rückkopplung; erst viel später werden daraus umfassende Begriffe und Modelle.

Die konsistente Mitte dieses mehr als fünfzigjährigen Prozesses lautet:

Menschliche Bilder, Rollen, Werte, Eigentumsordnungen, Institutionen und technischen Systeme sind reale und notwendige Menschenwerke. Sie dürfen jedoch nicht mit den materiellen, lebendigen und gemeinsamen Voraussetzungen verwechselt werden, von denen sie abhängen. Forschungskunst macht diese Menschenwerke und ihre Tätigkeitsfolgen gegenständlich, stellt sie einem antwortenden Gegenüber gegenüber und hält die daraus entstehende Differenz für Korrektur und Reparatur offen.

Ihre knappste Bestimmung lautet deshalb:

Forschungskunst ist eine öffentliche Versuchsanordnung, in der Menschenwerke, Rollen und Tätigkeiten an ihren materiellen, lebendigen und gemeinsamen Voraussetzungen sowie an ihren Folgen geprüft werden. Sie will nicht durch eine fertige Lehre überzeugen, sondern Gegenstände, Körper, Erfahrungen und Konsequenzen zeugen lassen. Im So-Heits-Atelier wird der Rezipient zum Mitprüfenden; in der Globalen Schwarm-Intelligenz können die begrenzten Einzelspuren miteinander verbunden werden, ohne ihre Unterschiede aufzulösen.

Als nächsten Verdichtungsschritt wäre aus dieser Fassung eine 2–3-seitige Zusammenfassung des gesamten Forschungsansatzes sinnvoll, die sich unmittelbar für Weitergabe, Bewerbung und Einführung in das So-Heits-Atelier eignet.

Forschungskunst auf der documenta 16

Die Bewerbung für die documenta 16 ist nicht die Bewerbung um die Ausstellung eines weiteren Projekts. Sie ist der Versuch, einem über mehr als sechs Jahrzehnte entstandenen künstlerischen Lebenswerk erstmals den Ort zu geben, an dem sein innerer Zusammenhang als Forschungskunst öffentlich sichtbar, überprüfbar und tätig werden kann. Dieses Lebenswerk besteht nicht aus einer nachträglich zusammengefügten Folge einzelner Arbeiten. Ihm liegt eine durchgehende künstlerische Forschungsbewegung zugrunde, die von der Naturbeobachtung, dem Handwerk und der Fotografie über Plastik, Strömungsmodelle, Vorgabebilder, soziale Versuchsanordnungen und partizipative Werkformen bis zur heutigen Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ führt.

Im Zentrum dieser Forschungskunst steht seit meiner Kindheit und Jugend eine Frage, die alle späteren Arbeiten miteinander verbindet: Warum zerstört der Mensch trotz seiner Erkenntnisfähigkeit die Bedingungen, von denen sein eigenes Leben abhängt? Diese Frage wurde nicht nachträglich aus den heutigen ökologischen und gesellschaftlichen Krisen auf mein Werk übertragen. Sie hat sich aus meinen konkreten Erfahrungen mit Natur, Material, Technik, gesellschaftlichen Strukturen und menschlichen Selbstbildern entwickelt. Die Forschungskunst ist der Versuch, diese Frage nicht nur theoretisch zu formulieren oder bildlich darzustellen, sondern sie in künstlerische Tätigkeiten, Versuchsanordnungen, Vergleichsmöglichkeiten und öffentliche Prüfprozesse zu überführen.

Forschungskunst als eigenständige künstlerische Erkenntnisform

Meine Forschungskunst ist weder Wissenschaft im institutionellen Sinn noch Kunst im herkömmlichen Verständnis eines abgeschlossenen ästhetischen Werks. Sie ist eine eigenständige künstlerische Erkenntnis- und Prüfweise. Sie untersucht nicht allein, was etwas bedeutet, wie es erscheint oder welcher kunsthistorischen Kategorie es zugeordnet werden kann. Sie fragt danach, wie etwas tatsächlich wirkt, unter welchen Bedingungen es funktioniert, welche Abhängigkeiten dabei bestehen und welche Folgen eine menschliche Gestaltung hervorbringt.

Das Kunstwerk wird dadurch nicht zum illustrierten Ergebnis einer vorher feststehenden Theorie. Die künstlerische Tätigkeit selbst wird zum Forschungsprozess. Materialien, Modelle, Fotografien, Handlungen, räumliche Situationen, gesellschaftliche Rollen, Begriffe und Beteiligungsformen werden so angeordnet, dass ihre Voraussetzungen, Wirkungen und Widersprüche sichtbar werden können. Forschungskunst produziert keine endgültigen Wahrheiten. Sie schafft Situationen, in denen Behauptungen an einem Gegenüber geprüft werden können.

Dieses Gegenüber kann ein Material, eine Strömung, ein Körper, ein Lebewesen, eine gesellschaftliche Folge, ein historisches Dokument oder die Wahrnehmung eines anderen Menschen sein. Entscheidend ist, dass die menschliche Vorstellung nicht mit der Wirklichkeit gleichgesetzt wird. Die Vorstellung bleibt ein Entwurf. Erst in ihrer materiellen, biologischen und gesellschaftlichen Wirkung zeigt sich, was sie hervorbringt.

Der handwerkliche Ursprung des Prüfens

Ein wesentlicher Ursprung dieser Forschungskunst liegt in meiner Ausbildung zum Maschinenschlosser. Dort lernte ich Maß, Passung, Toleranz, Belastung, Reibung, Verschleiß, Werkstoffeigenschaft sowie Funktionieren und Nichtfunktionieren nicht als abstrakte Begriffe, sondern als praktische Erkenntnisgrundlagen kennen.

Ein Werkstück trägt nicht deshalb, weil seine Absicht überzeugend beschrieben wird. Es muss passen, Belastungen aufnehmen und seine Funktion tatsächlich erfüllen. Ein falsches Maß erzeugt Reibung, Undichtigkeit, Bruch oder Stillstand. Das Material antwortet unabhängig davon, welches Selbstbild sein Hersteller besitzt oder welche Bedeutung er seinem Werk zuschreibt.

Diese handwerkliche Erfahrung wurde zum grundlegenden Parameter meiner künstlerischen Arbeit. Sie führte zu der Frage, ob nicht auch die vom Menschen geschaffenen gesellschaftlichen Werke geprüft werden müssten. Eigentum, Geld, Märkte, Institutionen, Rollen, technische Systeme, Wissenschaften, politische Ordnungen und kulturelle Leitbilder sind ebenfalls menschliche Konstruktionen. Sie können innerhalb ihrer eigenen Regeln funktionieren und zugleich die umfassenderen Bedingungen beschädigen, von denen sie abhängen.

Funktionieren ist deshalb kein absoluter Zustand. Etwas kann kurzfristig, technisch oder wirtschaftlich funktionieren und langfristig seine eigenen Voraussetzungen zerstören. Forschungskunst erweitert die Frage des Funktionierens um die Prüfung der Bedingungen, Belastungsgrenzen, Zeiträume und Folgen. Sie fragt nicht nur: Funktioniert dieses System nach seinen eigenen Vorgaben? Sie fragt zugleich: Was wird durch dieses Funktionieren beansprucht, verdrängt, verletzt oder zerstört?

Naturbeobachtung als Schule der Abhängigkeit

Vor dem Handwerk stand die Naturbeobachtung. Gartenarbeit, Bienenvölker, Pflanzen, Boden, Wasser, Wetter, Insekten, Vögel, Vogelzug und Landschaftsveränderungen wurden für mich früh zu einer Schule des Zusammenhangs. Ein Lebewesen existiert nicht aus sich allein. Es ist auf Nahrung, Wasser, Atmosphäre, Temperatur, andere Arten, Stoffwechselprozesse, Fortpflanzung und geeignete Lebensräume angewiesen.

Die Beobachtung der Bienenvölker zeigte mir, dass ein leistungsfähiges Ganzes nicht dadurch entsteht, dass ein einzelnes Wesen alles weiß und kontrolliert. Eine kollektive Orientierungsfähigkeit kann aus der Verbindung begrenzter Wahrnehmungen hervorgehen. Dabei bleiben Unterschiedlichkeit, Rückkopplung und gemeinsame Abhängigkeit erhalten.

Gleichzeitig erlebte ich an Flurbereinigung, Entwässerung, dem Verschwinden von Knicks, dem Verlust von Vogelarten und den Folgen chemischer Stoffe, wie menschliche Rationalisierung Zusammenhänge zerstört, um einzelne Abläufe kontrollierbarer zu machen. Nachdem natürliche Funktionen beseitigt worden sind, müssen sie durch immer neue technische und chemische Eingriffe ersetzt werden. Was innerhalb eines begrenzten Auftrags als Fortschritt erscheint, kann sich im umfassenderen Lebenszusammenhang als Zerstörung erweisen.

Hier entstand eine Grundfrage meiner Forschungskunst: Nach welchem Maßstab beurteilt der Mensch das Funktionieren seiner Werke? Prüft er nur, ob sie seinen unmittelbaren Zweck erfüllen, oder prüft er auch, welche Folgen sie für die umfassenderen Existenzbedingungen des Lebens erzeugen?

Von der technischen Form zur Experimentellen Umweltgestaltung

Eine weitere Grundlage meiner Forschungskunst entstand aus der Beschäftigung mit Raoul Heinrich Francés Vorstellung der Pflanze als Erfinder und mit der Biotechnik. Pflanzenformen erschienen dabei nicht nur als ästhetische Gestalten, sondern als technische Funktionsformen. Sie verbinden Konstruktion, Bewegung, Stabilität, Verteilung, Speicherung, Wachstum, Anpassung und Fortpflanzung.

Die entscheidende Frage war für mich jedoch nicht nur, was der Mensch technisch von Pflanzen und anderen Lebewesen übernehmen kann. Entscheidend wurde die Frage, warum er biologische Funktionsprinzipien technisch kopiert, ohne zugleich ihre Rückbindung an Stoffwechsel, Regeneration, Kreisläufe und Lebensbedingungen zu übernehmen.

Im Umfeld der Bionik- und Evolutionstechnikforschung erlebte ich außerdem eine exemplarische Lücke zwischen wissenschaftlichem Entwurf, hineingedachter Funktion und handwerklicher Herstellung. Eine gezeichnete Kreisform war noch kein funktionsfähiger Exzenter. Das Zeichen enthielt in der Vorstellung der Entwerfenden bereits eine Bewegung, die in der Zeichnung selbst aber technisch nicht ausreichend bestimmt war. Der Handwerker stellte folgerichtig die sichtbare Form her, nicht die unsichtbar hineingedachte Funktion.

Diese Erfahrung enthält einen Kern meiner Forschungskunst: Das Zeichen ist noch nicht die Funktion. Die Vorstellung ist noch nicht ihre materielle Verwirklichung. Hoch entwickelte Spezialisierungen bilden noch keinen tragfähigen Gesamtzusammenhang. Zwischen Entwurf, Herstellung, Material, Tätigkeit und Wirkung wird eine vermittelnde Prüf- und Rückkopplungsebene benötigt.

Aus dieser Einsicht entstand um 1975 die Experimentelle Umweltgestaltung als integrativer künstlerischer Studien- und Arbeitszusammenhang. Umwelt bedeutete dabei nicht eine äußere Kulisse, die einen autonomen Menschen umgibt. Der Mensch ist selbst Bestandteil einer Mitwelt aus Wasser, Boden, Atmosphäre, Pflanzen, Tieren, Stoffwechsel, Technik und gesellschaftlichen Beziehungen.

Experimentelle Umweltgestaltung sollte deshalb das Formendenken nicht auf einzelne Kunstgattungen begrenzen. Bildnerische, plastische, fotografische, technische, darstellerische, musikalische, naturbeobachtende und partizipative Verfahren sollten gemeinsam untersuchen, wie menschliche Vorstellungen in Tätigkeiten, Formen und Folgen übergehen.

Wirklichkeit, Erscheinung und hineingedachte Bedeutung

Durch meine Arbeit als Fotograf, Fotojournalist und in der Werbung wurde mir früh bewusst, dass Bilder Wirklichkeit nicht einfach wiedergeben. Sie erzeugen Ausschnitte, Perspektiven, Inszenierungen und Wirklichkeitsbehauptungen. Werbung verbindet Gegenstände mit hineingedachten Eigenschaften wie Freiheit, Erfolg, Schönheit, Sicherheit, Individualität oder Identität.

Aus dieser Erfahrung entwickelte sich eine zentrale Unterscheidung meiner Forschungskunst: die Unterscheidung zwischen Gegenstand und Darstellung, Materialeigenschaft und Zuschreibung, Rolle und Mensch, Preis und Qualität, Statement und Tätigkeit sowie Absicht und Folge.

Der Mensch lebt zunehmend in einer von ihm selbst hervorgebrachten Symbol-, Rollen- und Geltungswelt. In ihr kann er erklären, was etwas sei, wofür es stehe und welche Bedeutung es besitze. Diese Erklärungen können sich jedoch von den materiellen und lebendigen Wirkungen lösen. Ein Unternehmen kann Nachhaltigkeit behaupten, eine Institution Offenheit, ein Mensch Authentizität und ein politisches System Verantwortung, ohne dass diese Aussagen bereits durch ihre tatsächlichen Folgen bestätigt werden.

Forschungskunst richtet sich deshalb gegen die Ersetzung der Wirklichkeit durch das Statement. Sie schafft Distanz zwischen dem Menschen und seinen eigenen Behauptungen. Sie stellt ein Gegenüber her, an dem verglichen werden kann. Sie fragt: Was ist tatsächlich vorhanden? Was wurde hineingedacht? Was wurde hergestellt? Welche Tätigkeit findet statt? Welche Folgen entstehen unabhängig von der Selbstdarstellung?

Versuchsanordnung statt bloßer Darstellung

Die Wellenmaschine wurde zu einem exemplarischen Modell dieser Forschungskunst. Ein Scheibenwischermotor erzeugte eine Drehbewegung, die durch einen außermittigen Angriffspunkt in eine periodische Bewegung übersetzt wurde. Diese Bewegung übertrug sich auf Wasser und erzeugte Wellen, Wirbel, Überlagerungen und Rückströmungen.

Die Welle wurde nicht nur abgebildet. Es wurden Bedingungen hergestellt, unter denen das Wasser auf einen technischen Impuls antwortete. Ein abgebildeter Wirbel wirbelt nicht. Erst die Versuchsanordnung macht Bewegung, Widerstand, Wechselwirkung und Folge erfahrbar.

Auch Schneeverwehungen, Sturmfluten, Deiche und Deichbrüche wurden zu plastischen Erkenntnisformen. Schnee macht unsichtbare Luftströmungen durch Ablagerungen sichtbar. Der Deich zeigt, dass ein technisch berechnetes Menschenwerk an einer umfassenderen Strömungswirklichkeit geprüft wird. Er kann innerhalb seines Berechnungsmodells richtig konstruiert sein und dennoch durch Überströmung, Unterspülung, Durchfeuchtung oder eine unvorhergesehene Belastung versagen.

Forschungskunst stellt deshalb keine unangreifbaren Modelle bereit. Sie bringt Modelle in eine Situation, in der ihre Grenzen sichtbar werden können. Das Kunstwerk wird nicht zur Illustration des Wissens, sondern zur Anordnung einer möglichen Erfahrung.

Plastik als Rückbindung, Veränderung und Tragfähigkeit

Meine Forschungskunst ist wesentlich plastisch. Plastik bedeutet dabei nicht nur die Herstellung eines dreidimensionalen Gegenstands. Das Plastische bezeichnet die Fähigkeit, Kräfte, Materialien, Räume, Bewegungen und Widerstände so aufeinander zu beziehen, dass eine tragfähige Form entstehen kann.

Eine plastische Form ist weder vollständig starr noch beliebig formbar. Sie besitzt Widerstand und Veränderungsfähigkeit. Sie muss sich an Bedingungen anpassen können, ohne ihre Funktionsfähigkeit zu verlieren. Darin liegt die Bedeutung von Passung, Toleranz und Rückkopplung.

Aus dieser plastischen Erfahrung entwickelte sich 51:49 als Minimalbild einer notwendigen Asymmetrie. Ein vollkommenes 50:50 bezeichnet keine lebendige Balance, sondern eine gedachte Symmetrie, in der keine Richtung, Veränderung oder Entscheidung mehr möglich ist. Das Verhältnis 51:49 steht dagegen für eine minimale Differenz, aus der Bewegung entstehen kann, ohne dass die eine Seite die andere vollständig vernichtet.

51:49 ist deshalb keine mathematische Weltformel. Es ist ein plastischer Prüfmaßstab. Er richtet sich gegen die Vorstellung, ein System könne sich zu hundert Prozent durchsetzen, optimieren oder verwirklichen, ohne sein Gegenüber und seine eigenen Voraussetzungen zu zerstören. Jede Tätigkeit benötigt einen Toleranzraum, in dem Rückmeldung, Korrektur und Veränderung möglich bleiben.

Der Mensch erscheint in dieser Perspektive nicht als autonomer Beherrscher, sondern als plastisches Tragwesen. Er wird von Bedingungen getragen, die er nicht selbst geschaffen hat. Zugleich trägt er durch seine Tätigkeiten zur Erhaltung oder Zerstörung dieser Bedingungen bei.

Tragwirklichkeit und das Vier-Ebenen-Prüfmodell

Die nicht durch menschliche Behauptungen ersetzbaren Bedingungen bezeichne ich als Tragwirklichkeit. Dazu gehören Materie, Energie, Zeit, Schwerkraft, Wasser, Boden, Atmosphäre, Temperatur, Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Regeneration, Fortpflanzung und Tod.

Aus der Werkentwicklung ist ein Vier-Ebenen-Prüfmodell hervorgegangen. Die erste Ebene umfasst die physikalischen und materiellen Bedingungen. Die zweite Ebene umfasst Leben, Körper, Stoffwechsel, Verletzbarkeit und Regeneration. Die dritte Ebene umfasst die vom Menschen geschaffene Symbol-, Rollen- und Geltungswelt: Sprache, Eigentum, Geld, Markt, Staat, Recht, Wissenschaft, Technik, Institution, Status und Identität.

Die dritte Ebene ist nicht unwirklich. Ihre Konstruktionen besitzen große Wirkungsmacht. Sie bleiben jedoch menschliche Entwürfe. Sie können nicht aus sich selbst heraus bestimmen, ob sie tragfähig sind. Dafür wird eine vierte Ebene benötigt: eine öffentliche Prüf-, Rückkopplungs-, Korrektur- und Reparaturebene. Sie untersucht, welche Folgen die Konstruktionen der dritten Ebene für die materiellen und lebendigen Bedingungen der ersten beiden Ebenen erzeugen.

Diese vierte Ebene ist bisher gesellschaftlich nur unzureichend ausgebildet. Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Medien und Kunst besitzen jeweils eigene Prüfverfahren, bleiben aber häufig in ihren institutionellen Zuständigkeiten, Erfolgsmaßen und Selbstbeschreibungen eingeschlossen. Forschungskunst versucht, zwischen diesen getrennten Bereichen einen öffentlichen Zusammenhang des Vergleichens und Prüfens herzustellen.

Sie ersetzt Wissenschaft nicht. Sie stellt keine abgeschlossene Weltlehre auf. Sie macht die Übergänge zwischen Vorstellung, Materialisierung, Tätigkeit und Folge zum Gegenstand einer gemeinsamen Wahrnehmung.

Das gemeinsame Menschenkunstwerk

Die Welt selbst ist kein Kunstwerk des Menschen. Materie, Wasser, Atmosphäre, Leben, Stoffwechsel und Zeit waren vorhanden, bevor der Mensch seine Begriffe, Bilder, Institutionen und Technologien entwickelte. Die Zivilisation ist jedoch ein gemeinsames Menschenkunstwerk innerhalb dieser nicht von Menschen geschaffenen Welt.

Städte, Wirtschaftsordnungen, Eigentumssysteme, technische Infrastrukturen, Medienwelten, politische Institutionen, Rollenbilder und Konsumformen sind menschliche Gestaltungen. Wenn sich der Mensch als Gestalter dieser Welt versteht, muss er auch die Folgen dieser Gestaltungen als Bestandteile seines Werkes anerkennen.

Artenverlust, Klimaveränderung, Bodenzerstörung, Müllströme, soziale Ungleichheit, psychische Überforderung und die Verwandlung von Menschen und Natur in verwertbare Ressourcen können nicht als äußere Nebenwirkungen aus dem Menschenkunstwerk ausgeschlossen werden. Sie gehören zu seiner tatsächlichen Gestalt.

Hier setzt meine Weiterführung des erweiterten Kunstbegriffs an. Die Aussage, jeder Mensch sei ein Künstler, bleibt unvollständig, solange nicht zugleich das dafür erforderliche künstlerische Handwerkszeug und die Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns allgemein erlernt werden.

Jeder Mensch wirkt bereits durch Arbeit, Konsum, Sprache, Eigentum, Mobilität, Technik, Erziehung und politische Entscheidungen an der gemeinsamen Welt mit. Doch nicht jede Gestaltung ist deshalb bereits tragfähige Kunst. Deshalb lautet meine Erweiterung: Jeder Mensch muss zum Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit und des gemeinsamen Menschenkunstwerks werden.

Der Forschungskünstler

Der Forschungskünstler ist kein allwissender Welterklärer. Er muss nicht alles sein, alles wissen und jede Herausforderung sofort beherrschen. Gerade dieser gesellschaftliche Zwang, permanent Kompetenz, Stärke, Authentizität und Entscheidungsfähigkeit darstellen zu müssen, verhindert Lernen.

Lernen benötigt Distanz. Es benötigt ein Gegenüber, einen Maßstab, einen Vergleich und die Möglichkeit, sich zu korrigieren. Wer seine Rolle, sein Wissen, seine Meinung oder sein Selbstbild vollständig mit sich selbst identifiziert, kann davon keinen Abstand mehr gewinnen. Er kann seine Voraussetzungen nicht prüfen, sondern nur weiter einüben.

Der Forschungskünstler lernt deshalb, seine Perspektive zu begrenzen. Er unterscheidet zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit, Rolle und Mensch, Darstellung und Tätigkeit, Absicht und Folge. Er erkennt Material, Mitwelt und andere Menschen als Gegenüber an. Er muss eine Vorstellung, ein Eigentumsmodell, eine technische Konstruktion oder ein gesellschaftliches Leitbild verändern oder loslassen können, wenn dessen Folgen zeigen, dass es nicht trägt.

Dazu wird das Erkenntnispotenzial der unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen benötigt. Plastik und Handwerk lehren Maß, Kraft, Passung, Toleranz und Widerstand. Fotografie und Film lehren Ausschnitt, Perspektive, Montage und Inszenierung. Theater lehrt die Unterscheidung zwischen Darsteller, Rolle, Bühne, Regie und Requisite. Musik lehrt Rhythmus, Pause, Dissonanz und Zusammenspiel. Tanz lehrt Körper, Raum, Gleichgewicht und Grenze.

Forschungskunst führt diese Erkenntnismöglichkeiten nicht zu einem Gesamtkunstwerk zusammen, das alle Unterschiede aufhebt. Sie verbindet sie zu einer gemeinsamen Prüfweise, in der jede Disziplin ihre besonderen Wahrnehmungs- und Vergleichsmöglichkeiten einbringt.

Vom Betrachter zum Mitprüfenden

Aus dieser Forschungskunst entwickelte sich früh die Öffnung des abgeschlossenen Kunstwerks. Die Erwachsenenmalbücher und Vorgabebilder untersuchten, was geschieht, wenn Menschen eine vorgegebene Form übernehmen, ergänzen, verändern oder zurückweisen. Die Vorgabe selbst wurde zum Gegenstand der Prüfung.

Der Rezipient sollte nicht lediglich vor einem fertigen Werk stehen. Er sollte erkennen, welche Rolle ihm durch das Werk zugewiesen wird und wie diese Vorgabe verändert werden kann. Aus Rezeption wurde Partizipation. Aus Partizipation entwickelte sich Kollektive Kreativität.

Kollektive Kreativität bedeutet nicht, dass alle Menschen dieselbe Vorstellung übernehmen. Sie bedeutet, dass unterschiedliche Wahrnehmungen, Kenntnisse und Fähigkeiten miteinander verbunden werden, ohne ihre Differenz zu verlieren. Das gemeinsame Werk wird nicht durch ein einzelnes Zentrum vollständig vorgegeben. Es entsteht durch Beiträge, Reaktionen, Korrekturen und Rückkopplungen.

Aus diesem Ansatz gingen Demokratiewerkstätten, Grenzwerkstatt, Kunsthalle auf Zeit, Entelechie-Museum, Bürgerforum, Globales Dorffest und Partizipatorisches Welttheater hervor. In diesen Werkformen wurde der Besucher schrittweise vom Betrachter zum Beteiligten, vom Beteiligten zum Mitprüfenden und vom Mitprüfenden zum Forschungskünstler.

Die documenta-Bewerbungen als Werkspur der Forschungskunst

Meine früheren documenta-Bewerbungen sind keine voneinander getrennten Projektvorschläge mit wechselnden Themen. Sie bilden Entwicklungsstufen eines einzigen Forschungskunstzusammenhangs.

Die frühen Bewerbungen verbanden Experimentelle Umweltgestaltung, Strömungs- und Deichmodelle, asymmetrische Formen, Vorgabebilder, Rezeptionskunst und die Beteiligung des Publikums. Spätere Konzepte entwickelten daraus Kollektive Kreativität, globale Handlungsverantwortlichkeit, das Partizipatorische Welttheater und die digitale Erweiterung des Ausstellungsraums.

Schon vor der heutigen digitalen Vernetzung sollte das Internet den lokalen Ausstellungsraum für internationale Beteiligung öffnen. Besucher sollten nicht nur Informationen empfangen, sondern Bilder, Daten, Wahrnehmungen und eigene Bearbeitungen in ein entstehendes Gesamtwerk einbringen. Das Ausgangswerk war als Vorgabe gedacht, nicht als endgültige Form.

Die verschiedenen Bewerbungen dokumentieren deshalb eine durchgehende Bewegung: vom abgeschlossenen Objekt zur offenen Versuchsanordnung, vom Betrachter zum Beteiligten, vom Beteiligten zum Mitprüfenden, vom einzelnen Künstler zur Kollektiven Kreativität und vom lokalen Ausstellungsraum zum globalen Rückkopplungsraum.

Auch die wiederholte institutionelle Nichtaufnahme kann Bestandteil dieser Forschungskunst werden. Sie darf jedoch nicht als automatischer Beweis für die Richtigkeit meines Werkes behandelt werden. Forschungskunst muss auch die eigene Vermittlung, die Größe ihres Anspruchs und die Verständlichkeit ihrer Formen prüfen. Gerade diese Selbstprüfung unterscheidet sie von einem bloßen Statement.

Die Globale Schwarm-Intelligenz als heutige Werkform

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ ist keine nachträgliche digitale Ergänzung meines Lebenswerks. Sie führt eine seit den 1970er-Jahren vorhandene Werkbewegung weiter.

Die Erwachsenenmalbücher öffneten das vorgegebene Bild. Die Frage- und Antworttische öffneten das Gespräch. Das Globale Dorffest öffnete den öffentlichen Raum. Die Kollektive Kreativität öffnete das einzelne Urheberzentrum. Das Partizipatorische Welttheater öffnete Ausstellung und Bühne. Die frühen Internetkonzepte öffneten die lokale Installation für globale Beteiligung. Die Globale Schwarm-Intelligenz öffnet heute das Werkarchiv als interaktives Buch, Spurenraum, Lernraum und öffentliche Prüfarchitektur.

Schwarmintelligenz bezeichnet dabei nicht die Addition beliebiger Meinungen. Sie beruht auf der Einsicht, dass kein einzelner Mensch den gesamten Zusammenhang überblicken kann. Jeder besitzt nur begrenzte Wahrnehmungen, Erfahrungen und Fähigkeiten. Erst durch eine tragfähige Verbindung dieser Begrenzungen kann eine umfassendere Orientierung entstehen.

Die Plattform soll deshalb nicht die Vorstellung erzeugen, acht Milliarden Menschen könnten zu allwissenden Experten werden. Sie soll Menschen dazu befähigen, ihre eigenen Tätigkeiten, Begriffe und Wirklichkeitsvorstellungen prüfbar einzubringen. Unterschiedliche Beobachtungen sollen miteinander verglichen, an Folgen rückgebunden und dort korrigiert werden können, wo sie sich als nicht tragfähig erweisen.

Die Funktion der künstlichen Intelligenz

Seit 2023 unterstützt mich künstliche Intelligenz dabei, den über Jahrzehnte entstandenen Werkzusammenhang zu vergleichen, sprachlich zu verdichten und in seinen wiederkehrenden Strukturen deutlicher zu erkennen. Sie ist nicht der Ursprung dieser Forschungskunst und keine autonome Wahrheitsinstanz.

Die Werkformen, Fragestellungen, Versuchsanordnungen, Begriffe und documenta-Bewerbungen entstanden lange vor der heutigen KI. Die künstliche Intelligenz dient als Spiegelungs-, Vergleichs- und Verdichtungsinstrument. Sie hilft dabei, Verbindungen zwischen weit auseinanderliegenden Werkphasen sichtbar zu machen und ein umfangreiches Archiv begrifflich zugänglicher zu machen.

Zugleich muss sie selbst Gegenstand der Forschungskunst bleiben. Auch ihre Antworten sind Konstruktionen. Auch sie erzeugt Auswahl, Gewichtung, Verkürzung und mögliche Wirklichkeitsverwechslungen. Ihr Ergebnis darf nicht allein deshalb als wahr gelten, weil es sprachlich überzeugend erscheint. Es muss an Werkspuren, Materialien, Dokumenten, Erfahrungen und Folgen geprüft werden.

Die Forschungskunst als öffentlicher Raum der documenta 16

Für die documenta 16 schlage ich deshalb keine bloße Retrospektive vor. Das Lebenswerk soll nicht nur historisch betrachtet, sondern als gegenwärtige Forschungskunst aktiviert werden.

Es könnte ein begehbarer Forschungs-, Werkstatt-, Archiv-, Prüf- und Rückkopplungsraum entstehen. Frühere Werke, Fotografien, Filme, Kunsttagebücher, Bewerbungsunterlagen, Modelle, Werkzeuge, Strömungsversuche, Vorgabebilder, partizipative Formate und die digitale Plattform würden nicht als voneinander getrennte Objekte präsentiert. Sie würden den Entwicklungsweg einer künstlerischen Prüfweise sichtbar machen.

Die Wellenmaschine könnte als funktionsfähige Versuchsanordnung erfahrbar werden. Die documenta-Bewerbungen könnten als chronistische Beweislinie der Forschungskunst gelesen werden. Vorgabebilder könnten erneut bearbeitet werden. Die Globale Schwarm-Intelligenz könnte Ausstellung, Archiv und gegenwärtige Beteiligung miteinander verbinden.

Die Besucher wären nicht nur Betrachter meines Lebenswerks. Sie würden selbst in die Forschungskunst eintreten. An konkreten Gegenständen, Begriffen, Darstellungen und gesellschaftlichen Konstruktionen könnten sie prüfen, was vorgefunden und was vom Menschen hergestellt wurde, was eine materielle Eigenschaft und was eine Zuschreibung ist, was eine Rolle und was ein verletzbarer Mensch ist, was eine Darstellung und was eine Tätigkeitsfolge ist.

Die immer wiederkehrenden Fragen meines Lebenswerks würden dadurch zu öffentlichen Tätigkeiten: Was funktioniert? Was funktioniert nicht? Was trägt? Was zerstört? Was muss verändert, repariert oder losgelassen werden?

Warum diese Forschungskunst jetzt einen Ort benötigt

Die gegenwärtigen Krisen sind nicht nur Themen, die künstlerisch dargestellt werden können. Sie zeigen eine grundlegende Störung der menschlichen Prüf- und Rückkopplungsfähigkeit. Die Menschheit besitzt hoch entwickelte Wissenschaften, Technologien, Institutionen und Informationssysteme. Dennoch gelingt es ihr nicht, ihr Handeln ausreichend an die Bedingungen zurückzubinden, von denen ihr Leben abhängt.

Der Mensch hat seine Erkenntnisfähigkeit vor allem zur Ausweitung seiner Verfügungsmacht eingesetzt. Er kann immer größere Zusammenhänge verändern, ohne die langfristigen Folgen dieser Eingriffe vollständig zu erfassen. Seine technische Eingriffsgeschwindigkeit steht in keinem Verhältnis zu den Zeiträumen, in denen Böden, Arten, Klimasysteme und Lebenszusammenhänge entstanden sind.

Der Millisekundenmensch greift in Prozesse ein, deren Entwicklung Jahrtausende oder Millionen Jahre erforderte. Er verwechselt seine kurzfristige technische Macht mit einer Verfügungsmacht über das Ganze. Das Instrument hält sich für den Dirigenten.

Die Forschungskunst stellt diesem Selbstbild keine weitere Weltanschauung entgegen. Sie entwickelt künstlerische Verfahren, durch die der Mensch wieder lernen kann, ein Gegenüber anzuerkennen, seine eigenen Konstruktionen zu prüfen und Verantwortung für deren Folgen zu übernehmen.

Der Beitrag zur documenta 16

Der Beitrag meines Lebenswerks zur documenta 16 besteht deshalb nicht allein in seinen einzelnen Arbeiten. Er besteht in einer über Jahrzehnte entwickelten Forschungskunst, die Kunst als öffentliche Fähigkeit des Wahrnehmens, Vergleichens, Prüfens, Korrigierens und Reparierens versteht.

Diese Forschungskunst verbindet handwerkliches Funktionswissen, Naturbeobachtung, Plastik, Fotografie, Strömungsforschung, gesellschaftliche Analyse, partizipative Versuchsanordnungen, digitale Vernetzung und die Verantwortung des Menschen für das gemeinsame Menschenkunstwerk.

Ich bin ein forschender Künstler und Handwerker, kein Wissenschaftler. Ich stelle keine abgeschlossene Weltlehre und keine endgültige Lösung zur Verfügung. Ich stelle einen über mehr als sechs Jahrzehnte entstandenen künstlerischen Prüf- und Werkzusammenhang zur öffentlichen Auseinandersetzung.

Die documenta 16 könnte diesem Zusammenhang erstmals einen angemessenen Ort geben: nicht als nachträgliche Anerkennung eines abgeschlossenen Lebenswerks, sondern als Aktivierung einer Forschungskunst, die aus dem Lebenswerk hervorgegangen ist und sich an jeden Menschen richtet.

Ihr Ziel ist nicht, dass der Mensch alles weiß oder alles beherrscht. Ihr Ziel ist, dass er wieder lernen kann, seine Wahrnehmungen, Begriffe, Rollen und Tätigkeiten an Wirklichkeit und Folgen zu prüfen.

Der rote Faden meines Lebenswerks besteht darin, die Frage nach der menschlichen Selbstzerstörung in eine künstlerische Tätigkeit zu überführen: vom Wahrnehmen zum Vergleichen, vom Vergleichen zum Prüfen, vom Prüfen zur Verantwortung und von der Verantwortung zur Veränderung des gemeinsamen Menschenkunstwerks.

Was unter einer „vollständigen Environment-Konzeption“ zu verstehen ist

Mit einer vollständigen Environment-Konzeption ist eine umfassend ausgearbeitete Vorstellung des gesamten räumlichen, künstlerischen, technischen und partizipativen Ausstellungszusammenhangs gemeint. Das Environment wäre nicht nur die Umgebung einzelner Kunstwerke, sondern selbst das übergreifende Kunstwerk, in das die Besucher eintreten und innerhalb dessen sie wahrnehmen, handeln, prüfen und eigene Beiträge entwickeln.

Die Konzeption würde zeigen, wie der Ausstellungsraum aufgebaut ist, wie Objekte, Bilder, Texte, Projektionen, Arbeitsplätze und digitale Zugänge miteinander verbunden werden und welchen Weg die Besucher durch das Environment nehmen können. Sie würde außerdem beschreiben, wie die Besucher über Smartphones oder bereitgestellte Laptops auf die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ zugreifen, mit dem Vier-Ebenen-Modell arbeiten und ihr eigenes interaktives Buch beginnen können.

Dazu gehören auch die inhaltliche Dramaturgie, die einzelnen Arbeits- und Erfahrungsstationen, die Form der Besucherbeteiligung, die technische Infrastruktur sowie die Frage, wie aus der Ausstellung ein öffentlicher Prüf-, Lern- und Gestaltungsraum entsteht. Eine vollständige Environment-Konzeption könnte darüber hinaus Raumskizzen, Grundrisse, Materialangaben, technische Anforderungen, benötigte Geräte, Zeitabläufe und Möglichkeiten der Betreuung enthalten.

Der Begriff macht damit deutlich, dass Sie nicht nur einzelne Werke auf der Documenta zeigen wollen. Sie schlagen einen begehbaren Werkzusammenhang vor, in dem Ihr Lebenswerk, Ihre Forschungskunst, das Vier-Ebenen-Modell und die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ praktisch miteinander verbunden werden.

Präziser könnte der Satz lauten:

„Wenn Sie Interesse an meinem Beitrag haben, kann ich Ihnen eine vollständig ausgearbeitete räumliche, künstlerische, partizipative und technische Environment-Konzeption vorstellen. Sie zeigt, wie ich mir die konkrete Präsentation und die aktive Beteiligung der Besucher auf der Documenta vorstelle.“

Oder etwas weniger umfangreich:

„Wenn Sie Interesse an meinem Beitrag haben, kann ich Ihnen eine ausgearbeitete Ausstellungskonzeption vorstellen, die den räumlichen Aufbau, die künstlerischen Arbeiten, die digitalen Zugänge und die aktive Beteiligung der Documenta-Besucher miteinander verbindet.“

Was in dieser Forderung zum Ausdruck kommt

Mit dieser Formulierung erweiterst du den Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ zu einer konkreten Bildungs- und Verantwortungsforderung. Es genügt nicht, dem Menschen grundsätzlich Kreativität zuzuschreiben. Er müsste auch das künstlerische Handwerkszeug erlernen, durch das er wahrnehmen, unterscheiden, darstellen, überprüfen, verändern und die Folgen seiner Gestaltung erkennen kann. Der Mensch ist für dich nicht nur gelegentlich schöpferisch tätig, sondern gestaltet fortwährend sich selbst, seine Beziehungen, seine Umwelt und gesellschaftliche Wirklichkeit. Weil er dies meistens unbewusst tut, benötigt er ein kontinuierliches künstlerisches Training.

Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass das alltägliche Leben bereits aus Inszenierungen besteht. Menschen übernehmen Rollen wie Mann oder Frau, Künstler, Wissenschaftler, Kunde, Patient, Vorgesetzter, Untergebener, erfolgreicher oder gescheiterter Mensch. Sie führen diese Rollen auf, ohne den Abstand zu besitzen, der nötig wäre, um ihre Herkunft, ihre Funktion und ihre Widersprüche zu erkennen. Die Rolle wird mit dem eigenen Selbst verwechselt. Künstlerisches Handwerkszeug soll deshalb eine Distanz zwischen dem Menschen und seinen eingeübten Rollenidentitäten herstellen. Erst durch diese Distanz kann sichtbar werden, was wirklich erfahren wird, was nur dargestellt, behauptet oder gesellschaftlich trainiert wurde und welche Folgen daraus entstehen.

Die bildnerischen Disziplinen ermöglichen dabei, Wirklichkeit als Form, Bild, Material, Raum, Verhältnis, Grenze und Veränderungsprozess wahrzunehmen. Zeichnung, Malerei, Plastik, Fotografie, Collage, Installation oder Film machen Zusammenhänge sichtbar, die im gewöhnlichen Denken unbemerkt bleiben. Die darstellenden Disziplinen untersuchen dagegen Körper, Stimme, Bewegung, Handlung, Rolle, Konflikt, Zeit und Situation. Theater, Performance, Tanz, Musik und Sprache machen erfahrbar, wie Menschen sich selbst und anderen etwas vorspielen, wie sie auf Erwartungen reagieren und wie gesellschaftliche Befehle durch Verhalten, Gesten und Routinen verkörpert werden.

Der von dir geforderte Transparenzprozess bedeutet daher nicht bloß mehr Offenheit oder Selbstausdruck. Gemeint ist ein methodischer Prozess der Selbst- und Wirklichkeitsprüfung. Der Mensch soll lernen, seine Wahrnehmung, seine inneren Bilder, seine gesellschaftlichen Rollen, seine Entscheidungen und seine Tätigkeitskonsequenzen wie künstlerisches Material zu betrachten. Er wird dadurch zugleich Darsteller, Beobachter, Regisseur, Mitspieler und verantwortlicher Gestalter seines Lebens.

Inhaltlich liegt dieser Forderung schließlich deine Forschungskunst zugrunde: Kunst soll nicht nur Werke für eine Betrachtung hervorbringen, sondern Fähigkeiten zur Wirklichkeitserkenntnis vermitteln. Das künstlerische Training wird zu einem Instrument der Aufklärung, weil es die verborgenen Inszenierungen, Gewohnheiten und Widersprüche des gesellschaftlichen Lebens sichtbar und überprüfbar macht. Jeder Mensch müsste dieses Instrumentarium erlernen, weil jeder Mensch an der Gestaltung der gemeinsamen Welt beteiligt ist und deshalb auch Verantwortung für die Folgen seiner Gestaltung trägt.

Überarbeitete und inhaltlich präzisierte Fassung:

Seit mehr als fünfzig Jahren betreibe ich eine Forschungskunst, die ich bereits 1975 als „Experimentelle Umweltgestaltung“ bezeichnet habe. Dieses integrative, interdisziplinäre und generalistisch angelegte Studienmodell wurde für mich zum prägenden Leitbild meiner gesamten künstlerischen Biografie. Es bestimmte sowohl die praktische Umsetzung meines Lebenswerkes als auch die Anforderungen, die ich an mich selbst, an die Kunst und an gesellschaftliche Gestaltungsprozesse stellte.

Ausgangspunkt meines gesamten künstlerischen Lebenswerkes ist auch heute, als 77-jähriger Künstler, die Frage, weshalb der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen zerstört, obwohl er über Wahrnehmung, Erkenntnis, Gestaltungskraft und die Fähigkeit zur Korrektur verfügt.

Ich bin davon überzeugt, dass der Weg, diesen selbstzerstörerischen Prozess zu begreifen und seine tiefer liegenden Ursachen zu erkennen, über die Kunst führen muss. Dazu ist es notwendig, sich einem neuen globalen und gesellschaftlichen Kunstverständnis zu öffnen. Für mich führt dieses Verständnis zur So-Heits-Gesellschaft: zu einer Gesellschaft, in der jeder Mensch seine künstlerischen Fähigkeiten entwickeln und als Forschungskünstler an der Wahrnehmung, Prüfung und verantwortlichen Gestaltung der gemeinsamen Wirklichkeit mitwirken kann.

Rekonstruktion der Forschungskunst als Entwicklung eines Forschungszusammenhangs

1. Arbeitsgrundlage und Status der Aussagen

Die bisherige Forschung lässt sich nicht angemessen als fertige Theorie rekonstruieren, die irgendwann formuliert und anschließend mit passenden Kunstwerken illustriert worden wäre. Gerade die Werkgeschichte zeigt das Gegenteil. Materialien, handwerkliche Erfahrungen, Fotografien, Plastiken, Aktionen, Malbücher, Theaterformen, Tische, Schultafeln, Archive und gesellschaftliche Versuchsanordnungen waren lange vorhanden, bevor Begriffe wie Plexuswirklichkeit, Tragwirklichkeit, Skulpturidentität, Vier-Ebenen-Modell, Lochprozess oder Prüfoperator in ihrer heutigen Form entwickelt wurden. Die Werkgenese ist deshalb nicht geradlinig; sie besteht aus Wiederholungen, Brüchen, Wiederaufnahmen, späteren Selbsterkenntnissen und nicht realisierten Formen.

Für die folgende Rekonstruktion müssen vier Aussageformen auseinandergehalten werden. Historisch dokumentiert sind Vorgänge, Arbeiten und Entwicklungsschritte, soweit sie durch Werkmaterial, Tagebücher, Fotografien, Korrespondenzen, Bewerbungen, Presseberichte oder andere Archivspuren belegt werden können. Wissenschaftlich anschlussfähig oder fachwissenschaftlich beschreibbar sind etwa physikalische Materialwirkungen, Stoffwechsel, lebendige Regulation, Wahrnehmung oder technische Messvorgänge; ihre genaue fachliche Verwendung verlangt dort, wo daraus wissenschaftliche Behauptungen abgeleitet werden, externe Fachquellen. Forschungskünstlerische Begriffe und Hypothesen sind dagegen unter anderem Plexuswirklichkeit als eigener Gesamtbegriff, 51:49 als plastische Verhältnisfigur, Skulpturidentität, Lochprozess, So-Heits-Gesellschaft und das Vier-Ebenen-Modell als eigene Prüfarchitektur. Sie werden nicht dadurch wissenschaftlich bewiesen, dass ähnliche Begriffe in Wissenschaft oder Philosophie existieren. Schließlich gibt es offene historische und begriffsgeschichtliche Hypothesen, etwa weiterreichende sprachvergleichende oder kulturgeschichtliche Zusammenhänge; diese besitzen gegenwärtig Forschungsfunktion, bedürfen aber vor einer historisch-philologischen Behauptung einer gesonderten Quellenprüfung. Die projektinternen Texte selbst bestimmen das Werk- und Chatmaterial ausdrücklich als Primärmaterial des Eigenansatzes und externe Literatur als Mittel der Gegenprüfung, nicht als nachträglichen Beweis der Eigenbegriffe.

Diese Unterscheidung ist inzwischen selbst zu einem methodischen Fortschritt der Arbeit geworden. Sie verhindert sowohl die nachträgliche Überhöhung des Lebenswerks zur vermeintlich seit 1975 fertigen Theorie als auch die umgekehrte Verkürzung, nach der die heutige Theorie ohne jahrzehntelange Werkgenese entstanden wäre.

2. Forschungsgrund: Von der Umweltfrage zur Frage nach der Zivilisationsfähigkeit

Der beständigste Ausgangspunkt ist die seit den 1970er Jahren wiederkehrende Frage, warum der Mensch trotz Wissen und Korrekturfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen zerstört. In späteren Fassungen wurde diese Frage erheblich verschärft. Zunächst konnte sie wie eine Umwelt-, Gesellschafts- oder Verantwortungsfrage erscheinen. Mit der Entwicklung des Werkes verlagerte sich ihr Gegenstand jedoch immer stärker vom einzelnen Fehlverhalten auf die Fähigkeit des Menschen, überhaupt tragfähige Wirklichkeits-, Gesellschafts- und Selbstmodelle hervorzubringen.

Die handwerkliche Erfahrung war hierfür entscheidend. In der Maschinenschlosserei waren Maß, Passung, Widerstand, Belastung, Toleranz und Fehlfunktion nicht bloße Begriffe. Ein Werkstück konnte passen oder nicht passen. Eine Konstruktion konnte unter ihrer Beanspruchung tragen oder versagen. Diese Erfahrung wurde später nicht mechanisch auf Menschen übertragen; sie erzeugte vielmehr die Grundfrage, weshalb der Mensch seine technischen Hervorbringungen oft genauer an deren Funktionsbedingungen prüft als seine Eigentums-, Wirtschafts-, Rollen-, Wissens- und Gesellschaftsordnungen.

Damit verschob sich das Forschungsziel. Die ursprüngliche Frage nach der Zerstörung der Umwelt wurde zu einer Untersuchung des Menschenkunstwerkes selbst: Welche Vorstellungen erzeugt der Mensch? Wie setzt er sie in Tätigkeit um? Welche Folgen entstehen daraus? Und besitzt das von ihm geschaffene System eine wirksame Möglichkeit, durch seine eigenen Folgen verändert zu werden?

Die heutige persönliche Antwort auf diese Langzeitbeobachtung gehört nicht in die Theorie, sondern in den Positionsanker: „Die Menschheit hat keine Chance zu überleben.“ Der Forschungsfortschritt besteht gerade darin, diese Diagnose nicht mehr mit der Methode gleichzusetzen. Die Diagnose ist eine über Jahrzehnte entwickelte persönliche Zukunftsdiagnose; das Prüfverfahren darf nicht so konstruiert werden, dass es sie zwangsläufig bestätigt. Diese Trennung zwischen Position und Prüfung war eine der wichtigsten methodischen Korrekturen der jüngsten Arbeit.

3. Werkgenese: Forschung entstand aus Verrichtungen, nicht aus Definitionen

Die Werkentwicklung beginnt nicht mit Plexuswirklichkeit oder E1 bis E4, sondern mit Verrichtungen. Handwerk, Fotografie, Werbung, Bildhauerei, Experimentelle Umweltgestaltung, Wasser- und Deichversuche, Malbücher, Collagen, Theater, gesellschaftliche Werkstätten, Tische und Aktionen bilden eine nicht lineare Werkbewegung. Projektintern werden unter anderem Maschinenschlosserei, Fotografie, Werbearbeit, Bildhauerei, Experimentelle Umweltgestaltung, Wasser- und Deichforschung, Erwachsenenmalbücher, Kollektive Kreativität, Tanglandschaft, Entelechie-Museum, Totentanz, 1000 Tapeziertische, Globales Dorffest, Partizipatorisches Welttheater und Globale Schwarm-Intelligenz als zusammengehörige, aber nicht geradlinige Werkgenese geführt.

Die Fotografie brachte die Frage des Ausschnittes hervor. Jede Aufnahme zeigt etwas, indem anderes außerhalb des Bildrandes bleibt. Die spätere Begriffsarbeit über Selektion, Dingbildung und Lochprozesse hat hierin eine werkgeschichtliche Vorform. Die Erfahrung in Werbung und Gestaltung verschärfte die Frage, wie Eigenschaften nicht nur vorgefunden, sondern einem Gegenstand zugeschrieben und gesellschaftlich verstärkt werden können.

Die Bildhauerei brachte Materialwiderstand, Wegnehmen, Aufbauen und Formbildung ins Zentrum. Hier liegt der werkpraktische Grund für die spätere Differenz zwischen Plastik und Skulpturalisierung. Entscheidend ist dabei die historische Vorsicht: Die heutige anthropologische Bedeutung dieser Begriffe darf nicht rückwirkend vollständig in die Studienzeit hineingelesen werden. Was historisch früher vorhanden war, war zunächst eine Arbeit mit Material und Form; die anthropologische Generalisierung entstand später.

Die Wasser-, Wellen- und Deicharbeiten führten die Forschung aus der statischen Form in Kräfte, Strömungen, Anpassungen und Folgen. Ein Modell erhält seine Bedeutung nicht allein aus seiner Vorstellung, sondern aus dem, was Wasser tatsächlich damit macht. Damit entstand eine frühe Form des späteren Naturstatements: Das Material antwortet nicht sprachlich, aber es begrenzt die Vorstellung.

Kartoffel, Eis und Gold führten eine andere Differenz ein. Die gesellschaftliche oder künstlerische Aufwertung eines Stoffes verändert seine physikalische beziehungsweise lebendige Beschaffenheit nicht automatisch. Eine vergoldete Kartoffel bleibt vergänglich; eine vergoldete Eisfläche bleibt temperaturabhängig. Daraus entwickelte sich später die Frage nach hineingedachten Eigenschaften und der Differenz zwischen materieller Beschaffenheit und symbolischer Geltung.

Schultafel, Schrift, Malbuch, Vorgabebild und Collage brachten die Korrekturfähigkeit menschlicher Darstellungen ins Werk. Die Tafel kann beschrieben und gelöscht werden. Das Vorgabebild gibt etwas vor, bleibt aber bearbeitbar. Die Collage macht den Schnitt und die nachträgliche Montage sichtbar. Diese Arbeiten werden heute nicht mehr lediglich als einzelne Werkgruppen gelesen, sondern als historische Vorformen eines Begriffshandwerks.

Theater und Rollenarbeit erweiterten den Zusammenhang um eine entscheidende Einsicht: Der Mensch erzeugt nicht nur Dinge und Begriffe, sondern spielt gesellschaftliche Formen. Rolle und Person können auseinanderfallen. Später wurde daraus die Skulpturidentität: eine Rollen- und Selbstfigur, die ihren hergestellten Charakter vergessen kann.

Die zentrale werkmethodische Korrektur lautet deshalb heute: Für jedes historische Werk müssen damalige Aussage, praktisch angelegte Arbeitsweise, spätere Selbsterkenntnis und heutige Aktivierung auseinandergehalten werden. Nur dadurch bleibt die Werkgeschichte historische Forschung und wird nicht zur rückwirkend erfundenen Beweisgeschichte.

4. Wirklichkeit: Von „Realität“ über Verletzungswelt zur Plexus- und Tragwirklichkeit

Der Wirklichkeitsbegriff wurde mehrfach verändert. Ausgangspunkt war die Erfahrung, dass Vorstellungen an etwas geraten, das ihnen Widerstand entgegensetzt. Daraus entstand zunächst eine Orientierung an Wirklichkeit als Wirksamkeit und an einer Verletzungswelt: Wirklich ist nicht nur das, was gedacht oder anerkannt wird, sondern das, was wirkt, trägt, verletzt, verändert und Folgen erzeugt.

Später wurde dieser Ansatz zu Tragwirklichkeit verdichtet. Der Begriff sollte jene Bedingungen hervorheben, die menschliche Geltung nicht ersetzen kann: Material, Wasser, Atem, Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Regeneration, Energie, Lebensbedingungen und die Beziehungen, in denen diese wirksam werden. In den internen Haupttexten wurde Tragwirklichkeit ausdrücklich der Geltungswirklichkeit gegenübergestellt: Geltung wirkt real, trägt jedoch nicht aus sich selbst.

Die weitere Entwicklung führte zur Plexuswirklichkeit. Der entscheidende Schritt bestand darin, Tragbedingungen nicht mehr als Ansammlung einzelner Faktoren zu behandeln, sondern als verflochtene Wirkungszusammenhänge. Wirklichkeit besteht in dieser Forschungsperspektive nicht primär aus isolierten Dingen, sondern aus Beziehungen, Übergängen, Abhängigkeiten, Grenzen und Rückwirkungen.

Damit erhielt auch der Begriff des Funktionsteils eine neue Bedeutung. Der Mensch ist nicht außerhalb dieses Plexus positioniert. Er ist ein eigenständiger, aber getragener Teil innerhalb überschneidender Zusammenhänge. Eigenständigkeit wird dadurch nicht aufgehoben, sondern anders bestimmt: Sie ist möglich, weil Austausch, Grenze, Bindung und Regulation funktionieren.

An diesem Punkt entstand die Formel „Weil ich atme, existiere ich“ als Gegenakzent zu einer Selbstbegründung, die Denken von seinen materiell-leiblichen Voraussetzungen abzulösen droht. Sie ist kein naturwissenschaftlicher Lehrsatz, sondern eine kunstphilosophische Verdichtung der Abhängigkeit.

Offen bleibt weiterhin eine sprachliche Vereinfachung: Plexuswirklichkeit, Tragwirklichkeit, Verletzungswelt, Gebrauchswelt und Rückkopplungswelt sind zeitweise nahezu gleichrangig verwendet worden. Für die weitere Architektur ist eine Hierarchie sinnvoller: Plexuswirklichkeit bezeichnet den umfassenden relationalen Wirkungszusammenhang; Tragwirklichkeit bezeichnet darin diejenigen nicht ersetzbaren Bedingungen des Tragens und Lebens; Verletzungswelt beschreibt eine Weise, in der Folgen an Körpern und lebendigen Zusammenhängen sichtbar werden. Dadurch müssen nicht drei oder vier nahezu identische Wirklichkeitsbegriffe parallel fortgeführt werden.

5. Begriffsbildung: Der Mensch schneidet, benennt und stellt her

Aus Fotografie, Collage, Sprache und Werkhandlung entwickelte sich zunehmend die Einsicht, dass menschliches Erkennen immer mit Auswahl beginnt. Der Mensch kann nicht die gesamte Wirklichkeit gleichzeitig aufnehmen. Er schneidet etwas aus, unterscheidet, stellt gegenüber, benennt und stabilisiert das Ergebnis in einem Begriff, Bild, Modell oder Ding.

Dieser Vorgang wurde zunächst als Problem des Ausschnittes behandelt, später als Sezieren der Wirklichkeit und schließlich als Begriffshandwerk. Der entscheidende Fortschritt bestand darin, Auswahl und Begriffsbildung nicht als Fehler abzuwerten. Ohne Unterscheidung gäbe es keine Sprache, Wissenschaft, Kunst oder Handlung. Der Fehler entsteht erst dort, wo der hergestellte Schnitt vergessen wird und der Ausschnitt für die vollständige Wirklichkeit gehalten wird.

Das führte zum Begriff des Menschenkunstwerks. Sprache, Geld, Eigentum, Recht, wissenschaftliche Modelle, Rollen, Institutionen, technische Konstruktionen und Selbstbilder werden damit nicht als bloße Illusionen bezeichnet. Sie sind reale menschliche Hervorbringungen mit realen Folgen. „Kunstwerk“ bezeichnet hier Formgebung, nicht ästhetische Güte.

Die zentrale Umkehrung lautet deshalb: Die Menschenwelt ist nicht falsch, weil sie künstlich ist. Sie wird problematisch, wenn sie ihre Künstlichkeit vergisst.

Dies ist zugleich die Grundlage des späteren Prüfverfahrens. Ein Begriff muss nicht abgeschafft werden; sein Herstellungsweg und sein Geltungsbereich müssen sichtbar bleiben.

6. Lücke und Lochprozess: Vom notwendigen Zwischenraum zum Verlust der Beziehung

Die Begriffe Lücke und Lochprozess wurden in früheren Fassungen teilweise zu dicht aneinander gerückt. Inzwischen lässt sich eine wichtige Differenz herstellen.

Die Lücke ist zunächst produktiv. Zwischen Reiz und Antwort, Wahrnehmung und Deutung, Denken und Sprechen, Vorstellung und Werk, Handlung und Wirkung liegt kein vollständig geschlossener Übergang. Genau dieser Zwischenraum ermöglicht Formbildung, Lernen und Korrektur. Projektintern wurde die Lücke als Leerstelle, Hiatus, Schwelle und plastischer Umschlagraum bestimmt.

Der Lochprozess bezeichnet dagegen nicht jede Lücke. Er entsteht, wenn in einer notwendigen Übergangsbewegung entscheidende Beziehungen verloren gehen und dieser Verlust nicht mehr bemerkt wird. Die Folge kann ein Wahrnehmungsloch, Begriffsloch, Geschichtsloch, Zuständigkeitsloch oder Rückkopplungsloch sein. Der Verlauf von Frage, Ausschnitt, Unterscheidung, Gegenüberstellung, Benennung und Zuschreibung über Tätigkeit und Konsequenz bis zur Rückmeldung kann an jeder Stelle Beziehungen verlieren.

Damit wird eine wichtige begriffliche Vereinfachung möglich:

Die Lücke ist der offene plastische Zwischenraum. Der Lochprozess ist der Verlust einer für die Rückkopplung notwendigen Beziehung innerhalb dieses Zwischenraums.

Die Membran bildet hierzu den Gegenbegriff. Sie schließt nicht alles, sondern hält Grenze und Austausch gleichzeitig aufrecht. Der Zweifel wurde in diesem Zusammenhang zur „Membran des Kunstwerks“: nicht als lähmender Skeptizismus, sondern als Schutz davor, dass eine Interpretation sich endgültig gegen Gegenwirkungen abschließt. Die Forschung selbst muss deshalb an ihren eigenen Begriffen die Möglichkeit des Zweifels erhalten.

7. Gegenüberstellung und Lernen: Das Gegenüber als Bedingung der Korrektur

Eine weitere Entwicklungslinie betrifft die Gegenüberstellung. Sie stammt aus der plastischen Werkpraxis: Vorstellung und Material, Modell und Ergebnis, Bild und Gegenbild, Rolle und Person werden nicht identifiziert, sondern einander gegenübergestellt.

Die Gegenüberstellung darf dabei nicht mit dem später kritisierten 50:50-Dualismus verwechselt werden. Ein Gegenüber ist methodisch notwendig, damit Unterschied wahrnehmbar wird. Ein Dualismus entsteht erst, wenn die Unterscheidung zu zwei voneinander abgetrennten und absoluten Polen verfestigt wird.

Lernen benötigt deshalb Distanz, aber keine völlige Isolation. Ein Mensch kann seine eigene Vorstellung nur verändern, wenn etwas ihr gegenübertritt: Materialwiderstand, Erfahrung, eine andere Person, eine Messung, ein Kunstwerk, ein Gegenbeispiel oder die eigene spätere Erinnerung.

Aus dieser Einsicht entwickelte sich das künstlerische Dreieck: Vorstellung beziehungsweise Modell – Tätigkeit beziehungsweise Hand – hervorgebrachtes Werk beziehungsweise Ergebnis. Das Werk antwortet auf die Vorstellung durch seine tatsächlich entstandene Form. Scheitern ist dann nicht bloß Niederlage, sondern Informationsgewinn. Dieser Gedanke verbindet handwerkliches Lernen, künstlerisches Lernen und die spätere gesellschaftliche Rückkopplung.

Die offene Frage liegt in der gesellschaftlichen Übertragung. Material kann unmittelbaren Widerstand leisten; Institutionen können Folgen umbenennen oder auslagern. Deshalb genügt Gegenüberstellung auf gesellschaftlicher Ebene nicht. Sie braucht zusätzlich Sensorik, Spurensicherung, Konsequenzpfade und erreichbare Revisionsstellen.

8. Plastik, Skulpturalisierung und die Entwicklung des Ichbegriffs

Die Differenz zwischen Plastik und Skulptur wurde aus der Werkpraxis zunehmend anthropologisch erweitert. Plastik bezeichnete immer stärker eine Form, die durch Aufbau, Veränderung, Widerstand und Rückwirkung entsteht. Skulpturalisierung bezeichnete demgegenüber die Verfestigung einer Form zu einem scheinbar abgeschlossenen Zustand.

Diese Übertragung führte zum plastischen Ich und zur Skulpturidentität. In älteren Fassungen wurde das plastische Ichbewusstsein teilweise E2, also der lebendigen Ebene, zugeordnet, während die Skulpturidentität E3 zugeordnet wurde. Genau hier entstand zuletzt ein begrifflicher Widerspruch. Interne frühere Fassungen dokumentieren ausdrücklich diese ältere Zuordnung von „plastischem Ich-Bewusstsein auf E2“.

Die jüngste Korrektur ist grundlegender: Auf E2 liegt nicht das ausgeformte Ichbewusstsein, sondern leibliche Selbstreferenz. Der Organismus reguliert sich, erlebt Eigenbewegung, Schmerz, Hunger, Atem, Spannung und Körpergrenzen. Erst wenn diese Selbstreferenz sprachlich, biografisch und gesellschaftlich als „Ich“ interpretiert wird, entsteht ein Menschenkunstwerk auf E3.

Damit gehören sowohl plastisches Ichbewusstsein als auch Skulpturidentität grundsätzlich zu E3. Sie sind zwei Modi der symbolischen Selbstinterpretation. Das plastische Ichbewusstsein weiß um seine Getragenheit, Veränderlichkeit und Abhängigkeit. Die Skulpturidentität behandelt die gesellschaftlich und biografisch erzeugte Ichform als autonomen Ursprung und Besitzer ihrer selbst.

Daraus folgt derzeit keine fünfte Ebene. Stattdessen benötigt E3 eine innere analytische Differenzierung. Arbeitsweise und Benennung sind noch offen; denkbar sind etwa E3-P für plastisch rückgebundene Selbstinterpretation und E3-S für skulptural entkoppelte Selbstinterpretation. Entscheidend ist nicht die Buchstabenwahl, sondern die Korrektur des alten Fehlers: Ein natürliches „gutes“ plastisches Ich darf nicht einem künstlichen „schlechten“ skulpturalen Ich gegenübergestellt werden. Beide sind Menschenkunstwerke.

Diese Korrektur ist zugleich für das gesamte Forschungsmodell wichtig. Sie schützt die Forschungskunst davor, selbst eine neue Wesenslehre des Menschen zu erzeugen.

9. Erfahrung, Spur und Rückkopplung

Aus der Werkpraxis entwickelte sich zunehmend die Frage, wie überhaupt erkannt werden kann, dass eine Vorstellung Folgen erzeugt. Damit rückten Erfahrung, Spur, Sensor und Rückmeldung in den Mittelpunkt.

Die frühe Fährtenmetapher war hierfür bedeutsam: Eine Fährte verbindet eine abwesende Ursache mit einer gegenwärtigen Spur und einer zukünftigen Handlung. Man sieht nicht die Ursache selbst, sondern eine Veränderung im Medium. Projektintern wurde die Fährte entsprechend als anthropologisches Spurmodell bestimmt.

Daraus entstand später der eigenständige Sensorenanker. Er trennt Wirkung, Spur, Signal, Sensor, Schwelle, Übersetzung, Aufzeichnung, Zeichen und Rückmeldung. Der entscheidende methodische Fortschritt besteht darin, weder subjektive Wahrnehmung abzuwerten noch aus ihr unmittelbar eine vollständige Ursachenerklärung abzuleiten.

Damit wurde zugleich Rückmeldung von Rückkopplung getrennt. Eine Rückmeldung liegt vor, wenn eine Wirkung wahrgenommen, gemessen oder mitgeteilt wird. Rückkopplung beginnt erst, wenn diese Rückmeldung die Tätigkeit, Regel oder Institution erreicht, die tatsächlich verändert werden kann.

Diese Unterscheidung beseitigt eine frühere begriffliche Unschärfe. Nicht jede Information ist bereits Lernen. Nicht jede Dokumentation ist E4. Ein Archiv kann eine Spur sichern; eine E4-Funktion entsteht erst, wenn aus der gesicherten Spur eine revisionswirksame Rückbindung wird.

10. Symbol-, Ding- und Eigenschaftsbildung

Ein zentraler Forschungskern entstand aus der Frage, wie aus Beziehungen Dinge und Eigenschaften werden. Der Mensch findet Unterschiede vor, stellt sie gegenüber, benennt sie und macht bestimmte Merkmale wiedererkennbar. Daraus entstehen Kategorien und schließlich gesellschaftlich stabilisierte Gegenstände.

Die Forschung begann diese Leistung nicht mehr nur kritisch, sondern doppelt zu sehen. Eigenschaftsbildung ist eine enorme kulturelle Leistung. Ohne sie gäbe es weder Technik noch Recht noch gemeinsame Erinnerung. Der Zivilisationsfehler beginnt nicht mit dem Begriff, sondern mit dem Vergessen des Begriffswerks. Genau diese Verdichtung ist in den jüngeren sprachvergleichenden Texten formuliert: Beziehung wird zum Ding, Beschreibung zur Eigenschaft, Eigenschaft kann zum Eigentum, gesellschaftliche Zuerkennung zur Identität und Symbol zum Wirklichkeitsersatz werden.

Der Begriff hineingedachte Eigenschaften wurde deshalb wichtig. Eigentum liegt nicht als physikalische Eigenschaft im Boden. Marktwert liegt nicht als Stoffeigenschaft im Gold. Eine Berufsrolle ist nicht die biologische Eigenschaft eines Menschen. Gleichwohl sind diese Zuschreibungen nicht unwirklich: Sie können über menschliche Tätigkeit enorme reale Wirkungen erzeugen.

Hier entstand die Eigenschaftslehre als mögliche eigene Forschungslinie. Noch offen ist, ob sie tatsächlich als eigenständige Lehre ausgebaut werden sollte oder als Teil des Begriffshandwerks genügt. Die gegenwärtige Architektur spricht eher für Letzteres, weil sonst erneut parallele Begriffsgebäude entstehen würden.

11. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

Aus der Eigenschaftsfrage entstand zuletzt eine neue Vergleichsebene. Begriffe wie Eigenschaft, Eigentum, Symbol, Zeichen, Maß, Erfahrung und Erkenntnis sollen nicht nur im Deutschen als selbstverständlich behandelt werden. Der Vergleich mit lateinischen, griechischen, hebräischen, arabischen oder indischen Begriffsfeldern sollte sichtbar machen, dass jede Sprache Wirkungszusammenhänge anders schneidet.

Das projektinterne Material schlägt beispielsweise Gegenüberstellungen von „Eigenschaft“ mit proprietas, property, middah, ṣifa, lakṣaṇa und guṇa vor und verbindet dies mit der Frage, wie unterschiedliche Kulturen Eigenschaften, Maß und Zugehörigkeit begrifflich ordnen.

Methodisch ist diese Erweiterung wichtig, weil sie die Forschungskunst gegen eine unbeabsichtigte Verabsolutierung der eigenen deutschen Begriffe öffnet. Sie zeigt: Auch „Eigenschaft“, „Subjekt“, „Eigentum“ oder „Symbol“ sind historisch geformte Werkzeuge.

Der epistemische Status muss hier jedoch streng bleiben. Die bisher entwickelten Vergleiche sind Forschungsansätze und heuristische Gegenüberstellungen, keine abgeschlossene historische Linguistik. Aussagen über Etymologien, Bedeutungsentwicklungen oder kulturgeschichtliche Zusammenhänge dürfen erst nach philologischer Quellenprüfung als historisch gesichert verwendet werden. Der künstlerische Nutzen der Vergleiche besteht bereits vorher: Sie machen die Nicht-Selbstverständlichkeit der eigenen Begriffe erfahrbar.

12. Vom 51:49-Bild zum Differenzial- und Kalibrierungsprinzip

51:49 gehört zu den ältesten und zugleich am stärksten umgedeuteten Eigenfiguren. Ausgangspunkt war die Vorstellung einer minimalen Asymmetrie gegenüber einem starren 50:50. Später wurde daraus das Differenzialprinzip, die plastische symmetria, ein Modell von Beweglichkeit, Toleranzraum und korrigierbarer Gewichtung.

Damit wuchs allerdings die Gefahr einer Überdehnung. 51:49 wurde zeitweise als Werkmaß, Lebensmaß, gesellschaftliches Maß, Referenzprinzip, symmetria, Lernprinzip und Reparaturfigur gleichzeitig eingesetzt. Interne Texte weisen selbst darauf hin, dass es als minimale Asymmetrie und Gegenkalibrierung gegen ein falsches 50:50 verstanden wird.

Die heutige Vereinfachung sollte deshalb lauten: 51:49 ist eine plastische Kalibrierungs- und Lesefigur, keine Naturkonstante und keine universale Zahlenregel. Es erinnert daran, dass Form weder in vollkommener Symmetrie erstarren noch in beliebige Offenheit zerfallen darf. Es kann helfen, Gewichtungen zu prüfen; es entscheidet sie nicht.

Der Begriff 50:50 sollte entsprechend nicht jeden Gegensatz bezeichnen. Er steht nur dort sinnvoll, wo eine scheinbar neutrale oder symmetrische Gleichsetzung reale Differenzen, Verletzbarkeiten oder Machtasymmetrien verdeckt.

13. Das Vier-Ebenen-Modell: Von der Wirklichkeitsschichtung zur Prüfarchitektur

Das Vier-Ebenen-Modell entstand als Versuch, die inzwischen auseinandergetretenen Bereiche von materieller Wirkung, lebendigem Erleben, symbolischer Geltung und öffentlicher Rückprüfung systematisch zu unterscheiden. Inzwischen ist klar, dass es kein Weltmodell im Sinne vier ontologisch getrennten Welten sein darf. Es ist ein Prüf- und Zuordnungsmodell innerhalb des Prüfankers. Diese Selbstbegrenzung wurde in jüngeren Materialien ausdrücklich vorgenommen.

E1 bezeichnet die physikalisch-chemische Wirkungswirklichkeit. E2 bezeichnet lebendige Organisation, Stoffwechsel, Regulation, Verletzbarkeit und leibliche Selbstreferenz. E3 bezeichnet menschliche Symbol-, Begriffs-, Rollen-, Ding-, Eigentums- und Geltungsbildung. E4 bezeichnet keine weitere Naturstufe, sondern die öffentlich hergestellte Funktion der Rückbindung, Revision und Reparatur.

Die zentrale Operationsform entstand erst schrittweise: E3-Setzungen werden durch Tätigkeit in E1 und E2 wirksam; dort entstehen Konsequenzen; diese werden wahrgenommen und können auf die ursprüngliche Setzung zurückgeführt werden. Tätigkeit darf deshalb nicht als fünfte Ebene behandelt werden. Sie ist der Übergang.

Die jüngste Ich-Korrektur verändert E2 und E3 erheblich: E2 trägt leibliche Selbstreferenz, E3 formt daraus das symbolische Ichbewusstsein. Innerhalb E3 können plastisch rückgebundene und skulptural entkoppelte Selbstinterpretationen unterschieden werden. Damit verschwindet die frühere Asymmetrie, nach der das plastische Ich quasi natürlich und die Skulpturidentität künstlich gewesen wäre.

E4 wurde ebenfalls mehrfach korrigiert. Zunächst drohte es wie eine höhere Vernunftebene zu erscheinen. Heute wird E4 funktional verstanden. Auch eine Universität, ein Gericht, eine Demokratie oder eine Plattform ist nicht automatisch E4. E4 entsteht nur dort, wo eine Rückmeldung tatsächlich auf die verursachende Geltungs- oder Tätigkeitsform zurückwirken kann.

Die offene Hauptfrage lautet deshalb weniger, ob vier oder fünf Ebenen nötig sind, sondern wie präzise die Schwellen und Übergänge beschrieben werden. Besonders E2/E3 benötigt nach der Ich-Korrektur eine neue Gesamtfassung.

14. Begriffshandwerk und Prüf-Anker: Von einer zusätzlichen Methode zur operativen Hauptseite

Das Begriffshandwerk entstand aus der Einsicht, dass menschliche Begriffe selbst Werkstücke sind. Auswahl, Unterscheidung, Gegenüberstellung, Benennung, Eigenschaftszuschreibung und Stabilisierung sind Verrichtungen. Diese Verrichtungen können gelernt und geprüft werden.

Zwischenzeitlich entstand daraus ein eigener „Prüfanker des Begriffshandwerks“. Seine grundlegende Bewegungsfolge lautete: Frage, Ausschnitt, Unterscheidung, Gegenüberstellung, Benennung, Zuschreibung, Tätigkeit, Konsequenz, Rückmeldung, Zweifel, Korrektur, veränderte Frage.

Später wurde jedoch deutlich, dass ein zusätzlicher Hauptanker neue Doppelungen erzeugen würde. Das Begriffshandwerk gehört deshalb heute in den Prüf-Anker, nicht neben ihn. Es bildet die elementare Vorstufe des Prüfens; das Vier-Ebenen-Modell ist ein später hinzukommendes Differenzierungsinstrument.

Der aktuelle Prüf-Anker v1.2 verdichtet dies zu Ebenenortung, Maßstabszuständigkeit, Übertragungsprüfung, Konsequenzpfad, Tragfähigkeitsprüfung, Revisionsstelle, Stoppregel, Reparatur und erneuter Rückkopplung.

Besonders wichtig war die Einführung der Maßstabszuständigkeit. Sie unterscheidet die Frage „Woran muss geprüft werden?“ von der institutionellen Frage „Wer muss handeln?“. Dadurch kann eine Behörde formal unzuständig sein, ohne dass eine physikalische oder lebendige Wirkung dadurch verschwindet.

Mit Übertragung wurde der Wechsel des Geltungsortes gefasst. Ein gesellschaftlicher Wert kann wie eine materielle Eigenschaft behandelt werden; umgekehrt kann eine leibliche Rückmeldung auf eine bloße symbolische Kategorie reduziert werden. Drift bezeichnet die fortschreitende Stabilisierung solcher Verschiebungen.

Der Prüf-Anker wurde schließlich um Revision, Stoppregel, Reparatur und Gemeinsinnsübung erweitert. Das ist ein wesentlicher Fortschritt gegenüber reiner Kritik. Dekonstruktion allein repariert nichts; Erkenntnis allein verändert keine Tätigkeit. Die Methode verlangt deshalb einen Weg von der Störung über die Rückverfolgung bis zu einer veränderten und erneut prüfbaren Praxis.

15. Künstlerische Prüfobjekte: Vom Kunstgegenstand zur materiellen Gegenfrage

Die künstlerischen Objekte wurden im Verlauf des Chats zunehmend nicht als Illustrationen einer Theorie, sondern als Prüfgegenüber verstanden. Genau darin liegt ihre methodische Eigenständigkeit.

Das Wellenbecken und der Deich prüfen Vorstellung gegen Strömung und Belastung. Die Kartoffel prüft lebendige Stofflichkeit gegen gesellschaftliche Wertzuschreibung. Gold zeigt, dass Aufwertung die darunterliegende Beschaffenheit nicht ersetzt. Die Schultafel macht Behauptung und Löschbarkeit gleichzeitig sichtbar. Das Malbuch prüft Vorgabe und Selbsttätigkeit. Das Rollentheater prüft Rolle und Identifikation. Der Rote Punkt verortet Interesse. Der Tapeziertisch erzeugt einen öffentlichen Arbeitsort. Diese Funktion einzelner Werkformen wird auch in den documenta-Materialien ausdrücklich beschrieben.

Hinzu kamen in der jüngsten Werkphase neue Operatorobjekte. Der Sandtrichter verschiebt den Fokus von „Was ist es?“ zu „Was geschieht, wenn ich etwas tue?“. Die Saftpresse macht Umformung, Ressourcenverbrauch und Wertverschiebung sichtbar. Die Thermosflasche dient als Modell von Isolation durch Schichtung. Der Astronautenanzug verdichtet scheinbare Autonomie bei tatsächlicher Abhängigkeit. Die Zellmembran dient als Gegenmodell einer Grenze, die gerade durch regulierte Durchlässigkeit trägt.

Dabei entstand eine wichtige methodische Regel: Analogie statt Gleichsetzung. Zellmembran ist nicht Bewusstsein, Thermosflasche nicht Ich, Astronautenanzug nicht Seele, Möbiusband nicht Selbstbewusstsein. Die Analogie muss ihre eigene Grenze mitzeigen. Die entwickelte Foliengrammatik hat diese Analogiegrenzen ausdrücklich eingebaut.

16. Folien, Schablonen und das ausgeschnittene Gehirn

Die Folienarbeit ist aus Fotografie, Collage, Malbuch und Schichtenbildung hervorgegangen und inzwischen zu einer eigenständigen Bildgrammatik geworden.

Die entscheidende künstlerische Erfindung besteht nicht darin, auf jeder Folie eine richtige Weltanschauung abzubilden. Transparente Folien machen vielmehr sichtbar, dass etwas hinzugefügt wurde. Ein Boden bleibt sichtbar, während darüber eine Grundstücksgrenze gelegt wird. Ein Körper bleibt sichtbar, während eine Berufsrolle oder Eigentümeridentität hinzukommt. Ein Abhängigkeitsnetz bleibt unter der Behauptung „Ich bin frei“ bestehen.

Die leere Folie wurde dadurch sogar wichtiger als manche vorbereitete Folie. Der Benutzer stellt seine eigene Zuschreibung her; anschließend kann genau diese Herstellung geprüft werden. Dadurch wird die Foliengrammatik nicht zu einem Kanon fertiger Künstlerbilder.

Das ausgeschnittene Gehirn entwickelte sich zum Wechselträger verschiedener Weltbilder. Es kann mit Plexus, Skulptur, Freiheit, Eigentum, Seele, Geld, Rolle, Tätigkeitskonsequenz oder Prüfoperator gefüllt werden. Dadurch wird nicht behauptet, im Gehirn liege buchstäblich eine solche Folie. Das Bild macht künstlerisch erfahrbar, dass Menschen mit ausgewählten Darstellungen handeln und diese Darstellungen mit der Wirklichkeit verwechseln können.

Die kulturgeschichtlichen Folien zu Platon, Aristoteles, Christentum und Physik erweitern diese Grammatik. Sie sollen unterschiedliche Arten zeigen, Veränderliches, Körperliches, Form, Seele, Messbarkeit oder Wirklichkeitsrang zu ordnen. Auch hier gilt jedoch: Diese Folien sind künstlerisch-philosophische Vergleichsmodelle, keine vollständigen philosophiehistorischen Darstellungen. Für öffentliche wissenschaftliche Behauptungen über Platon, Aristoteles oder christliche Anthropologie wären Primär- und Fachquellen erforderlich.

17. Das Mitmachbuch: Von der Leserführung zur portablen Werkstatt

Das Mitmachbuch entstand aus Erwachsenenmalbuch, Vorgabebild, Collage, Schultafel und später Foliengrammatik. Seine heutige Funktion ist deshalb nicht die eines Lehrbuchs. Es soll keinen linearen Weg zu einer richtigen Antwort vorgeben.

Das Buch ist als Werkstatt gedacht. Ein Nutzer kann zurückkehren, streichen, überkleben, schneiden, Folien auflegen, Aussagen verändern und frühere Entscheidungen erneut prüfen. Gerade eine veränderte Antwort ist dann kein Fehler des Buches, sondern ein Forschungsergebnis.

Damit wurde auch das Verhältnis zum Vier-Ebenen-Modell korrigiert. E1 bis E4 sollen nicht als Eingangsdogma vor dem Benutzer stehen. Zuerst kann eine konkrete Frage, ein Bild, eine irritierende Gegenüberstellung oder ein materieller Versuch kommen. Erst wenn ein Problem sichtbar wird, kann das Ebenenmodell als Differenzierungswerkzeug hinzugezogen werden.

Das Mitmachbuch ist damit die kleine portable Form dessen, was im So-Heits-Atelier räumlich geschieht. Das interaktive Buch auf der Plattform ist dagegen der längerfristige, persönliche und versionierbare digitale Arbeitsweg. Beide dürfen nicht mehr unter einem einzigen unscharfen „Buch“-Begriff zusammenfallen.

18. Tausend Tische: Der analoge Vorläufer der Schwarmarchitektur

Die Tapeziertische gehören zu den wichtigsten Übergängen vom einzelnen Werk zur gesellschaftlichen Versuchsanordnung. Besonders wichtig ist eine historische Präzisierung: Das Globale Dorffest 1993 und die 1000 Tapeziertische dürfen nicht automatisch so behandelt werden, als seien tausend Tische tatsächlich vollständig realisiert worden. In den Materialien erscheint die Aktion „1000 tapezierte Tische unter den Linden“ als geplante Versuchsanordnung für den 3. Oktober 1993.

Das methodische Modell ist jedoch klar dokumentiert. Jeder Tisch sollte eine eigene Frage und eigene Gestaltung tragen. Die Teilnehmer sollten nicht bei ihrem Tisch verbleiben, sondern zwischen den Tischen wandern und an anderen Stellen zu Antwortgebern werden. Dadurch entstand eine Struktur, in der Eigenständigkeit und Verbindung gleichzeitig erhalten bleiben.

Genau darin liegt der Vorläufer der späteren Globalen Schwarm-Intelligenz. Der Schwarm ist keine Einheitsmeinung. Er entsteht durch Bewegungen zwischen unterschiedlichen Positionen. Die eigentliche Arbeit liegt nicht im einzelnen Tisch allein, sondern im Wechsel zwischen ihnen.

Der Tapeziertisch wurde damit zur gesellschaftlichen Zelle: niedrigschwellig, beweglich, öffentlich, nicht institutionell abgeschlossen.

Die offene historische Aufgabe besteht darin, die genaue Realisierungsgeschichte von Globalem Dorffest und Tausend-Tische-Konzept anhand des Archivs vollständig zu trennen: Was wurde geplant, was aufgebaut, was fotografiert, was berichtet, was blieb Entwurf? Gerade diese Differenz ist Teil der Werkforschung.

19. Künstliche Intelligenz: Vom Schreibwerkzeug zum Gegenprüfer

Die KI trat spät in die Werkgeschichte ein, wurde aber sehr schnell mit älteren Arbeitsformen verbunden. Zunächst diente sie der sprachlichen Korrektur, Strukturierung und Erschließung eines sehr großen Archivs. Daraus entstand die weiterreichende Frage, ob eine KI nicht nur Antwortmaschine, sondern Gegenüber, Vergleichsinstrument und Simulator sein kann.

Dabei wurden zwei gegenläufige Einsichten entwickelt. Einerseits kann KI große Textmengen vergleichen, Lücken aufspüren, Begriffe gegeneinanderstellen und alternative Formulierungen erzeugen. Andererseits kann sie gerade durch sprachliche Glätte falsche Datierungen, erfundene Zusammenhänge oder begriffliche Überdehnungen verdecken.

Dies führte zu der wichtigen Selbstanwendung: Die Entstehung der eigenen Anker zeigte selbst, dass eine überzeugend formulierte KI-Fassung nicht notwendig historisch oder begrifflich richtig ist. Genau daraus wuchs die Forderung nach Versionierung, Gegenprüfung und klarer Quellenherkunft.

KI wurde außerdem als mögliche zweite künstliche Parallelwelt verstanden. E3 erzeugt bereits menschliche Symbol-, Rollen- und Modellwelten; KI verarbeitet diese Hervorbringungen erneut und erzeugt daraus weitere Modelle. Sie steht deshalb nicht außerhalb der Menschenkunstwerke.

Eine weitere Korrektur betrifft den Sensorenbegriff: KI ist ohne angeschlossene technische Sensorik kein ursprünglicher Sensor für materielle oder leibliche Vorgänge. Sie verarbeitet bereits erzeugte Daten, Texte und Bilder. Diese Grenze gehört heute in den Sensorenanker.

Offen bleibt die größere politische Frage nach Eigentum, Kontrolle und Macht über KI-Infrastrukturen. Sie ist Teil des Zukunfts- und Gesellschaftsfeldes, aber kein zusätzlicher Hauptanker.

20. Globale Schwarm-Intelligenz: Vom Globalen Dorffest zum digitalen Werkorganismus

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist nicht plötzlich aus der KI entstanden. Ihre Werkgenese führt über Frage-und-Antwort-Tische, Kollektive Kreativität, Globales Dorffest, Tapeziertische, Beteiligungsprojekte, Archivarbeit und interaktive Buchformen.

Die Plattform wurde zunehmend als Werkarchiv, Arbeitsprotokoll, digitales Atelier, öffentlicher Frage- und Prüfraum und fortlaufend korrigierbares Kunstwerk verstanden.

Die entscheidende begriffliche Verschiebung bestand darin, „Schwarmintelligenz“ nicht mit der bloßen Anwesenheit vieler Beiträge gleichzusetzen. Ein globaler Tätigkeitsschwarm existiert längst; globale Schwarmintelligenz entsteht erst, wenn unterschiedliche Positionen ihre Wirkungen vergleichen, Gegenbeispiele zulassen und Veränderungen auslösen können.

Deshalb musste zwischen Speicherung und Rückkopplung unterschieden werden. Eine Plattform, auf der Tausende Beiträge liegen, ist noch nicht intelligent im hier gemeinten Sinne. Erst wenn eine Rückmeldung eine erkennbare Revisionsstelle erreicht und das gemeinsame Werk ändern kann, entsteht die angestrebte E4-Funktion.

Aus dieser Einsicht entstand der Integrationsanker der Globalen Schwarm-Intelligenz. Er definiert nicht erneut alle Theorien, sondern ausschließlich die Verbindung von Plattform, interaktivem Buch, documenta-Mitmachbuch, KI-Unterstützung, Versionierung und öffentlicher Rückkopplung.

21. So-Heits-Gesellschaft: Von der Zukunftsgesellschaft zur prüffähigen Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft hat sich im Verlauf der Forschung stark verändert. Frühere Fassungen konnten den Eindruck eines alternativen Gesellschaftsmodells oder einer Zukunftsgesellschaft erwecken. Später wurde zunehmend deutlich, dass eine solche fertige Gegenordnung den eigenen kritisierten Fehler wiederholen könnte: Eine neue ideale Gesellschaft würde als richtige Form vorgegeben.

Die heutige Fassung ist wesentlich vorsichtiger. Die So-Heits-Gesellschaft ist keine fertige Utopie und keine neue Weltanschauung. Sie bezeichnet eine Gesellschaft, die ihre Begriffe, Rollen, Regeln und Tätigkeiten fortwährend an Voraussetzungen und Folgen prüft. Genau so wird sie in den aktuellen documenta-Materialien bestimmt.

Damit verschiebt sich auch „So-Heit“. Es bezeichnet nicht eine metaphysische Essenz, die der Künstler kennt. Es fordert vielmehr, einen Menschen oder Gegenstand nicht nur nach gesellschaftlichen Zuschreibungen zu behandeln, sondern nach Beschaffenheit, Abhängigkeit und tatsächlichen Beziehungen zu fragen.

Der entscheidende Fortschritt ist deshalb der Wechsel vom alternativen Gesellschaftsbild zur gesellschaftlichen Prüffähigkeit. Die zentrale Zukunftsfrage lautet nicht mehr: „Wie sieht die richtige Gesellschaft aus?“, sondern: „Wie müsste eine Gesellschaft organisiert sein, damit ihre eigenen Folgen ihre Regeln verändern können?“

So-Heits-Gesellschaft, Gemeinsinnsübung und E4 nähern sich dadurch stark an. Hier besteht eine Doppelungsgefahr. So-Heits-Gesellschaft sollte künftig das gesellschaftliche Ziel- und Anwendungsfeld bezeichnen; Gemeinsinnsübung dagegen eine konkrete Methode innerhalb des Prüf-Ankers.

22. So-Heits-Raum, So-Heits-Werkstatt und So-Heits-Atelier

Eine weitere wichtige Differenzierung entstand zwischen So-Heits-Raum, So-Heits-Gesellschaft, So-Heits-Atelier und So-Heits-Werkstatt.

Der So-Heits-Raum bezeichnet nicht einen Ausstellungsraum, sondern den größeren Wirklichkeitszusammenhang, in dem jede Tätigkeit ohnehin stattfindet. Der Besucher betritt also nicht erst mit der documenta „die Wirklichkeit“. Er tritt in eine Versuchsanordnung ein, die seine bereits bestehende Einbindung anders sichtbar machen soll.

Das So-Heits-Atelier bezeichnet die künstlerische Forschungsform. Die So-Heits-Werkstatt bezeichnet die konkrete Verrichtung: schneiden, schreiben, auflegen, modellieren, vergleichen, prüfen, korrigieren. Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet den offenen gesellschaftlichen Entwicklungs- und Prüfprozess. Diese Differenzierung wurde in den jüngsten Materialien ausdrücklich herausgearbeitet.

Damit ist auch eine frühere Unklarheit beseitigt: Nicht alles, was mit „So-Heit“ bezeichnet wird, ist derselbe Gegenstand auf verschiedenen Größenstufen.

23. Das So-Heits-Atelier und die documenta: Von der Bewerbung zur Verortungskunst

Die documenta-Beziehung entwickelte sich über Jahrzehnte. Wiederholte Bewerbungen, Projekte, Ablehnungen und nicht realisierte Vorhaben bilden nicht nur institutionelle Nebengeschichte, sondern eine Werkspur.

Der entscheidende neue Begriff dafür ist Verortungskunst. Ein Werk muss nicht nur einen Inhalt besitzen, sondern zu einem bestimmten Zeitpunkt, an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten institutionellen Situation wirksam werden. Der Ort ist nicht Behälter, sondern Teil der Wirkung.

Damit verändert sich die gegenwärtige documenta-Bewerbung. Sie ist nicht lediglich ein Antrag, eine fertige Arbeit ausstellen zu dürfen. Die Beziehung zwischen Lebenswerk und documenta selbst wird zum Prüfgegenstand. Frühere Bewerbungen können heutigen Bedingungen gegenübergestellt werden: Was wurde damals behauptet? Was ist eingetreten? Was muss korrigiert werden? Diese zeitliche Gegenprüfung ist ausdrücklich als Kern der aktuellen Verortungskunst beschrieben.

Das So-Heits-Atelier soll deshalb keine Retrospektive sein. Es stellt eine öffentliche Werkstatt bereit, in der historische Werkspuren, heutige Modelle, Besucherhandlungen, Folien, Mitmachbuch und Plattform miteinander arbeiten. Die documenta wäre dann nicht nur Ausstellungsort, sondern selbst Mitprüfende einer Versuchsanordnung.

Das Memento-mori-Atelier verschärft diese Frage noch einmal. Ein historischer, nicht betretbarer Werkraum kann das abgeschlossene Lebenswerk, Tod und Hinterlassenschaft zeigen; daneben steht das lebendige Atelier, in dem das Material weiterverwendet wird. Dadurch wird selbst das eigene Lebenswerk der Plastik/Skulptur-Prüfung unterworfen: Als abgeschlossene Künstleridentität würde es erstarren; als verwendbares Material bleibt es plastisch.

24. Positions-, Kontext-, Werk-, Sensoren-, Prüf- und Integrationsanker

Die Anker entstanden aus einem praktischen Problem der immer größer werdenden Forschung: Ein einziger Kontextanker konnte Theorie, Werkgeschichte, persönliche Diagnose, Sensorik, Methode, Plattform und Zukunftsprojektion nicht mehr sauber voneinander trennen.

Zunächst entstanden immer weitere Versionen einzelner Hauptanker. Dann zeigte sich ein neuer Fehler: Jeder Anker begann den gesamten Ansatz erneut zu erklären. Dadurch wurde die Ankerarchitektur selbst redundant. Die jüngste redaktionelle Korrektur besteht deshalb in einer strengen Zuständigkeitsregel:

Vollständig definieren nur auf der zuständigen Hauptseite. Auf anderen Seiten nur erinnern, anwenden und verweisen.

Damit erhält jeder Anker eine einzige Frage und einen begrenzten Inhalt. Der Positionsanker enthält die persönliche Diagnose und Erwartung. Der Kontextanker die theoretisch-anthropologischen Grundbegriffe. Der Werk-Anker die Werkgenese. Der Sensorenanker Wahrnehmung, Spur und Übersetzung. Der Prüf-Anker allein das Vier-Ebenen-Modell und den Prüfoperator. Der Integrationsanker verbindet die öffentlichen Werkformen.

Diese Bereinigung ist nicht bloß redaktionell. Sie ist selbst eine Anwendung des Forschungsprinzips: Auch Begriffe und Architekturen müssen korrigiert werden, wenn ihre Folgen zeigen, dass sie nicht mehr tragen.

25. Gesamtarchitektur des entstandenen Forschungsansatzes

Die gegenwärtige Architektur besteht aus einem Dachanker und fünf Funktionsankern:

  1. Integrationsanker der Globalen Schwarm-Intelligenz v1.0 – verbindet Plattform, interaktives Buch, documenta-Mitmachbuch, KI-Unterstützung, Versionierung und öffentliche Rückkopplung.
  2. Positionsanker v1.0 – legt persönliche Diagnose, Erwartungshaltung und gesellschaftlichen Herkunftsraum offen.
  3. Kontextanker v14.1 – definiert die theoretischen und anthropologischen Grundbegriffe.
  4. Werk-Anker v14.1 – sichert Werkgenese, Werkspuren und künstlerische Prüfmittel.
  5. Sensorenanker v1.0 – klärt Wahrnehmung, Messung, Spur, Übersetzung und Rückmeldung.
  6. Prüf-Anker v1.2 – enthält allein das Vier-Ebenen-Modell, Ebenenortung, Maßstabszuständigkeit, Übertragung, Konsequenzpfad, Revision, Reparatur und Gemeinsinnsübung.

Unterhalb dieser Architektur liegen keine weiteren Hauptanker, sondern Werkzeuge und Module: Lochprozess, Membran, Begriffshandwerk, 51:49, Foliengrammatik, 24-Stunden-Uhr, Millisekundenmensch, Astronaut, Sandtrichter, Prüfpass, Mitmachbuch, Tausend Tische, Sprachvergleiche und einzelne Prüfprogramme.

Damit ist erstmals eine Architektur entstanden, in der nicht jeder wichtige Begriff zu einer eigenen theoretischen Säule werden muss.

26. Doppelungen, Unklarheiten und notwendige Vereinfachungen

Die wichtigste verbleibende Doppelung betrifft Plexuswirklichkeit, Tragwirklichkeit und Verletzungswelt. Sie müssen hierarchisch statt parallel verwendet werden. Plexuswirklichkeit sollte der umfassendste Eigenbegriff bleiben; Tragwirklichkeit bezeichnet darin die nicht ersetzbaren Tragebedingungen; Verletzungswelt bezeichnet die Erscheinung von Folgen an verletzbaren Zusammenhängen.

Eine zweite Doppelung betrifft plastisches Ich, plastische Identität, plastisches Ichbewusstsein, Tragbewusstsein, Kopplungs-Ich und Geltungs-Ich. Diese Begriffsserie ist inzwischen zu groß. Nach der jüngsten Ich-Korrektur sollte E2 nur noch leibliche Selbstreferenz tragen. Auf E3 genügen wahrscheinlich zwei zentrale Begriffe: plastisch rückgebundenes Ichbewusstsein und Skulpturidentität. Die übrigen historischen Begriffe können als Entwicklungsstufen dokumentiert werden.

Eine dritte Unklarheit liegt zwischen Lücke und Lochprozess. Diese sollte verbindlich beseitigt werden: Lücke ist produktiver Übergangsraum; Lochprozess ist Beziehungsverlust.

Eine vierte betrifft Gegenüberstellung und 50:50. Gegenüberstellung ist eine notwendige Erkenntnisoperation. 50:50 bezeichnet nur eine bestimmte Form falscher Symmetrisierung. Beides darf nicht ineinanderfallen.

Eine fünfte betrifft 51:49. Der Begriff sollte nicht gleichzeitig Naturprinzip, anthropologisches Gesetz, demokratisches Verhältnis, ästhetisches Maß und Reparaturformel sein. Seine tragfähige Funktion ist die einer plastischen Kalibrierungsfigur für minimale Asymmetrie und Revisionsoffenheit.

Eine sechste betrifft E4. E4 darf nicht zum Sammelbecken für alles Vernünftige werden. Wahrnehmung gehört zum Sensorenanker; theoretische Grundbegriffe zum Kontextanker; gesellschaftliche Zukunft zur So-Heits-Gesellschaft. E4 bezeichnet nur die Funktion, durch die Folgen zurückgebunden und revisionswirksam werden.

Eine siebte betrifft Forschungskunst als „Beweislinie“. Werkgeschichte kann historisch dokumentieren, dass bestimmte Fragen und Arbeitsweisen über Jahrzehnte vorhanden waren. Sie beweist dadurch keine allgemeine anthropologische oder naturwissenschaftliche These. Der Begriff Werkgenese ist deshalb wissenschaftlich sauberer als „Beweislinie“.

27. Noch fehlende Verbindungen

Die bedeutendste noch ausstehende Verbindung ist die vollständige Neuformulierung der E2/E3-Schwelle nach der Ich-Korrektur. Das gesamte Vier-Ebenen-Modell muss nun konsequent von leiblicher Selbstreferenz zu symbolischem Ichbewusstsein übergehen. Frühere Texte, in denen das plastische Ichbewusstsein unmittelbar E2 zugeordnet wurde, müssen als historische Fassungen erhalten, aber in der aktiven Methodik korrigiert werden.

Zweitens fehlt noch eine vollständig ausgearbeitete Verbindung von Sensorenanker und Lochprozess. Ein Lochprozess müsste künftig präzise danach unterschieden werden können, ob eine Wirkung überhaupt keine Spur erzeugt, ein Sensor sie nicht aufnimmt, eine Übersetzung sie verändert, eine Institution sie nicht kategorisiert oder eine Rückmeldung keine Revisionsstelle erreicht. Damit würde der Lochbegriff vom starken Bild zum differenzierten Diagnosewerkzeug.

Drittens fehlt die endgültige Verbindung von Begriffshandwerk und Prüf-Anker. Das Begriffshandwerk sollte die einfache Eingangsbewegung bilden: Ausschnitt, Unterscheidung, Gegenüberstellung, Benennung, Zuschreibung. Erst danach folgt bei Bedarf das Vier-Ebenen-Modell. Dies würde verhindern, dass Besucher bereits am Eingang ein komplexes System lernen müssen.

Viertens benötigen die sprach- und kulturgeschichtlichen Vergleiche eine wissenschaftliche Gegenprüfung. Gerade weil sie eine große Erweiterung darstellen könnten, sollten künstlerische Analogie, belegbare Etymologie und kulturgeschichtliche Interpretation streng getrennt werden.

Fünftens braucht die Globale Schwarm-Intelligenz noch eine konkrete Revisionsarchitektur. Es ist begrifflich geklärt, dass Rückmeldung nicht genügt. Technisch und organisatorisch muss jedoch noch festgelegt werden, wie eine öffentliche Rückmeldung eine zuständige Stelle erreicht, wie Änderungen begründet werden und wie ältere Versionen erhalten bleiben.

Sechstens benötigt die So-Heits-Gesellschaft eine klare Grenze zum Prüf-Anker. Sie sollte nicht noch einmal E4 in Gesellschaftssprache wiederholen. Ihre eigenständige Frage lautet vielmehr, welche institutionellen und kulturellen Formen entstehen würden, wenn eine Gesellschaft Rückkopplung, Revision und Reparatur tatsächlich dauerhaft einübte.

Siebtens ist das So-Heits-Atelier jetzt methodisch stark, muss aber räumlich weiter reduziert werden. Nicht jede entwickelte Folie, jedes Werk und jeder Begriff darf gleichzeitig gezeigt werden. Gerade die Forschung über Ausschnitt und Überlastung müsste sich in der Ausstellung selbst bewähren.

28. Gegenwärtige Gesamtform

Aus der jahrzehntelangen Werkentwicklung ist damit kein geschlossenes philosophisches System entstanden, sondern eine zunehmend differenzierte Forschungskunst der menschlichen Wirklichkeitsherstellung und ihrer Rückprüfung.

Sie beginnt bei der Erfahrung, dass der Mensch nicht außerhalb der Wirklichkeit steht. Er wird getragen, nimmt wahr, unterscheidet, bildet Begriffe, stellt Dinge und Rollen her und handelt aus diesen hervorgebrachten Formen heraus. Seine Tätigkeiten verändern wiederum die materiellen und lebendigen Bedingungen, von denen er selbst abhängig bleibt. Der entscheidende Zivilisationsfehler liegt nach der gegenwärtigen Arbeitshypothese nicht darin, dass der Mensch überhaupt Symbole, Eigentum, Wissenschaft, Technik, Rollen oder Selbstbilder erzeugt. Er liegt darin, dass diese Menschenkunstwerke ihren Herstellungscharakter und ihre Rückkopplungspflicht vergessen können.

Die Forschungskunst antwortet darauf nicht mit der Behauptung einer bereits gefundenen endgültigen Wirklichkeit. Sie versucht, menschliche Hervorbringungen plastisch zu halten: durch Gegenüberstellung, Materialwiderstand, Spur, Zweifel, transparente Zuschreibung, Tätigkeitskonsequenz, öffentliche Prüfung, Revision und Reparatur.

Damit haben sich Werk, Theorie und Methode in einer Bewegung angenähert, ohne identisch zu werden. Das Lebenswerk liefert die historischen und künstlerischen Prüfgegenüber. Der Kontextanker liefert die Begriffe. Der Sensorenanker sichert Wahrnehmung und Spur. Der Prüf-Anker organisiert Rückbindung und Revision. Der Integrationsanker verbindet individuelle und öffentliche Arbeitswege. Das Mitmachbuch macht diese Bewegung portabel. Die Tausend Tische bilden ihre analoge Vorgeschichte. Die Globale Schwarm-Intelligenz bildet ihre digitale Fortsetzung. Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet ihr gesellschaftliches Entwicklungsfeld. Das So-Heits-Atelier bildet die räumliche Versuchsanordnung.

Der wahrscheinlich wichtigste Fortschritt der jüngsten Phase besteht jedoch darin, dass auch diese gesamte Architektur nicht von ihrer eigenen Prüfung ausgenommen wird. Plexuswirklichkeit, 51:49, Vier-Ebenen-Modell, Skulpturidentität, Lochprozess und So-Heits-Gesellschaft sind selbst Menschenkunstwerke. Würden sie zu unangreifbaren Wahrheiten erklärt, reproduzierten sie genau die Skulpturalisierung, die die Forschung untersucht. Diese Selbstanwendung ist nicht Zusatz, sondern der methodische Punkt, an dem aus einem großen Begriffssystem tatsächlich Forschung werden kann.

Ich rekonstruiere den bisherigen Forschungsweg in zwei Bewegungen: zuerst als zeitliche Entstehungsgeschichte, danach als systematische Architektur der heute miteinander verbundenen Begriffe, Werkformen und Prüfverfahren. Dadurch wird sichtbar, was aus einer frühen künstlerischen Erfahrung hervorging, was später korrigiert wurde und was heute noch Hypothese oder offene Baustelle ist.

Rekonstruktion einer Forschung

Von der plastischen Arbeit zur öffentlichen Überzeugungsprüfung im So-Heits-Atelier des globalen Dorfes

Vorbemerkung zum Erkenntnisstatus

Die bisherige Arbeit lässt sich nicht angemessen als fertige Theorie rekonstruieren. Sie ist aus einem über Jahrzehnte verlaufenden Werkprozess hervorgegangen, in dem künstlerische Arbeiten, biografische Erfahrungen, gesellschaftliche Beobachtungen, Naturbeobachtungen, technische Erfahrungen, sprachliche Untersuchungen und theoretische Auseinandersetzungen immer wieder aufeinander zurückwirkten. Entscheidend ist deshalb die Unterscheidung verschiedener Erkenntnisstufen.

Als werkhistorisch dokumentiert können zunächst jene Ereignisse, Arbeiten, Bewerbungen, Aktionen, Fotografien, Texte, Ausstellungen, Objekte und biografischen Erfahrungen gelten, die sich durch das eigene Archiv, Tagebücher, Presseberichte, Fotografien, Rechnungen, Korrespondenzen und andere Dokumente nachweisen lassen. Ihre historische Existenz ist von ihrer späteren Interpretation zu unterscheiden.

Davon verschieden sind wissenschaftlich oder historisch belegbare Sachverhalte, etwa dass Organismen stoffwechselabhängig sind, dass menschliche Körper Gravitation, Temperatur, Druck und chemischen Bedingungen unterliegen, dass biologische Membranen selektiv durchlässig sind oder dass Geld, Eigentum und Recht gesellschaftlich erzeugte Geltungsordnungen darstellen. Auch historische Aussagen über Platon, Aristoteles, Christentum, Descartes oder die Entstehung moderner Wissenschaft gehören grundsätzlich in diesen Bereich, müssen für eine wissenschaftliche Veröffentlichung jedoch jeweils quellenkritisch abgesichert werden.

Eine dritte Ebene bilden die Begriffe und Hypothesen der Forschungskunst. Dazu gehören insbesondere 51:49, der 50:50-Symmetriedualismus, die 1:99-Dynamik, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Lochprozess, So-Heits-Gesellschaft oder die Deutung der Menschheitsgeschichte über die 24-Stunden-Uhr. Diese Begriffe beanspruchen nicht automatisch den Status naturwissenschaftlicher Gesetze. Sie sind zunächst künstlerisch-philosophische Untersuchungsinstrumente. Ihre Stärke hängt davon ab, ob sie Unterschiede sichtbar machen, Fragen erzeugen, Erfahrungen strukturieren, Widersprüche entdecken und Korrekturen ermöglichen.

Diese Trennung ist für das gesamte Projekt von zentraler Bedeutung. Die Forschungskunst verliert ihre besondere Funktion gerade dann, wenn ihre eigenen Prüfbegriffe selbst zu Dogmen werden.

I. Die chronologische Entstehung des Forschungsansatzes

1. Handwerk, Fotografie und Bildhauerei: die Vorgeschichte des Prüfens

Der Forschungsansatz beginnt nicht mit einer Theorie. Er beginnt mit Tätigkeiten.

Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 bildet rückblickend eine wichtige erste Schicht. Im Handwerk gilt eine andere Art von Wahrheit als in einer bloßen Behauptung. Ein Werkstück passt oder passt nicht. Eine Verbindung trägt oder versagt. Ein Maß kann falsch sein. Material besitzt Widerstände, die sich nicht durch Überzeugung aufheben lassen. Diese Erfahrung wurde erst Jahrzehnte später ausdrücklich als Begriffshandwerk wieder aufgenommen.

Die anschließende Arbeit mit Fotografie, Journalismus und Werbung brachte einen zweiten Erfahrungsbereich hinzu. Zwischen einem Sachverhalt und seiner Darstellung entsteht eine Differenz. Auswahl, Ausschnitt, Bild, Text und Inszenierung erzeugen eine Repräsentation. Der spätere Gegensatz zwischen Wirklichkeit und Vorgabebild ist hier bereits praktisch angelegt, obwohl er noch nicht begrifflich formuliert war.

Mit dem Studium der Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig von 1974 bis 1980 tritt die Plastik in den Mittelpunkt. Entscheidend ist rückblickend nicht nur das Herstellen einer Skulptur, sondern die Erfahrung des Formens selbst: Material antwortet auf Tätigkeit. Der Bildhauer besitzt eine Vorstellung, arbeitet auf ein Material ein und erhält vom entstehenden Werk Widerstand und Rückmeldung.

Damit entsteht die elementare Struktur, die später auf Mensch und Gesellschaft übertragen wird:

Vorstellung – Tätigkeit – Materialantwort – Korrektur – neue Tätigkeit.

Das ist noch keine Gesellschaftstheorie. Es ist zunächst die praktische Logik plastischen Arbeitens.

Der werkhistorische Teil dieser Entwicklung kann anhand der Ausbildungs- und Werkbiografie dokumentiert werden. Die spätere Übertragung des plastischen Vorgangs auf Erkenntnis, Identität und Gesellschaft ist dagegen eine Forschungskunst-Hypothese.

2. 1975: Aus der Bildhauerei entsteht die Forschungsfrage

Als entscheidender Ausgangspunkt wurde im bisherigen Forschungsprozess das Jahr 1975 herausgearbeitet. Mit der „Experimentellen Umweltgestaltung“ verschiebt sich die Aufmerksamkeit von einem abgegrenzten Kunstobjekt auf Bedingungen, Umgebungen und Zusammenhänge.

Gleichzeitig verdichtet sich die Frage, die später zum Forschungsgrund des gesamten Lebenswerks wird:

Warum zerstört der Mensch trotz Wissen, Intelligenz und Korrekturfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen?

Diese Frage ist deshalb entscheidend, weil sie nicht einfach nach Fehlverhalten fragt. Sie verlangt eine Untersuchung der Voraussetzungen menschlicher Orientierung. Wie entsteht überhaupt eine Vorstellung von Welt? Was hält der Mensch für wirklich? Worauf bezieht er seine Entscheidungen? Welche Rückmeldungen nimmt er auf und welche blendet er aus?

Hier liegt die Keimform dessen, was Jahrzehnte später als Forschungskunst bezeichnet wird.

3. Kreta und 51:49: die Minimalasymmetrie als frühe Intuition

In den frühen Erfahrungen auf Kreta, insbesondere im Zusammenhang mit Pitsidia und der Kamares-Höhle, entstand die Intuition des Verhältnisses 51:49.

51:49 war zunächst keine mathematische Theorie. Es bezeichnete eine minimale Ungleichheit, durch die überhaupt Bewegung, Richtung, Entscheidung und Entwicklung entstehen können. Wären beide Seiten vollkommen gleich, würde keine Seite überwiegen.

Später wurde daraus die Vorstellung einer plastischen Asymmetrie. Leben, Lernen und Gestaltung benötigen demnach keine völlige Herrschaft einer Seite über die andere, sondern eine kleine Differenz, die Richtung ermöglicht und gleichzeitig die Gegenrichtung erhalten lässt.

Erst viel später wurde diesem 51:49 der 50:50-Symmetriedualismus gegenübergestellt. Damit veränderte sich die Bedeutung. 51:49 bezeichnete nun nicht mehr nur eine interessante Proportion, sondern einen Kontrast zwischen beweglicher Rückkopplung und einer gedanklich erzeugten vollkommenen Gegenordnung: Geist gegen Körper, Mensch gegen Natur, Subjekt gegen Objekt, Freiheit gegen Abhängigkeit, Diesseits gegen Jenseits.

Noch später kam 1:99 hinzu. Damit wurde ein zweiter Vorgang unterschieden: Nicht jede Asymmetrie bleibt minimal. Aus einer zunächst kleinen Verschiebung können Verstärkung, Konzentration, Macht- und Eigentumsakkumulation entstehen. 51:49 und 1:99 bezeichnen daher zwei völlig verschiedene Dinge. 51:49 ist eine Arbeitshypothese für tragfähige Differenz; 1:99 bezeichnet eine mögliche Drift zur extremen Ungleichverteilung.

Diese Differenzierung gehört zu den wichtigen begrifflichen Korrekturen des Forschungsprozesses.

4. Beuys und die Radikalisierung der Sozialen Plastik

Die Begegnungen mit Joseph Beuys wurden im Forschungsprozess zu einem weiteren historischen Bezugspunkt. Dazu gehört die 1976 an Beuys geschickte Blumenwiese und insbesondere die Begegnung von 1980, bei der Beuys Ihnen sagte, Sie nähmen die Soziale Plastik zu ernst.

Unabhängig davon, wie dieser Satz kunsthistorisch interpretiert werden kann, erhielt er für die eigene Werkentwicklung eine zentrale Funktion.

Wenn jeder Mensch gesellschaftliche Wirklichkeit mitformt, dann reicht es nicht, lediglich zu behaupten, jeder Mensch sei ein Künstler. Dann müsste vielmehr gefragt werden, was diese Gestaltung hervorbringt und ob das Hervorgebrachte trägt.

Damit verschiebt sich die Soziale Plastik von einer Erweiterung des Kunstbegriffs zu einer Verantwortungsfrage.

Der Mensch formt Gesellschaft. Gesellschaft formt den Menschen zurück. Die entstandenen Institutionen, Verkehrsformen, Produktionsweisen, Eigentumsordnungen, Schulen, Medien, Rollen und Begriffe sind somit nicht nur Ergebnisse menschlicher Tätigkeit. Sie werden wiederum zu Formen, die zukünftige Menschen prägen.

Aus dieser Rückkopplung entsteht später die Unterscheidung von Plastik und Skulpturalisierung.

5. Von Einzelwerken zu Versuchsanordnungen

In den folgenden Jahrzehnten vervielfältigen sich die Medien. Fotografie, Plastik, Collage, Theater, Workshops, Mal- und Mitmachformen, Texte, Aktionen, Frage-Antwort-Strukturen und gesellschaftliche Veranstaltungen werden miteinander verbunden.

Diese Vielfalt erscheint rückblickend nicht als fehlende Spezialisierung, sondern als Folge der Forschungsfrage. Wenn untersucht werden soll, wie Menschen Wirklichkeit herstellen, reicht ein einziges Medium nicht aus.

Hier entsteht allmählich eine besondere Form des Werkes: Das Kunstwerk zeigt nicht nur etwas, sondern stellt den Besucher in eine Situation, in der seine eigene Vorstellung tätig werden muss.

Daraus entwickeln sich später die Begriffe Prüfobjekt, Vorgabebild, Mitmachbuch und So-Heits-Atelier.

6. Die documenta-Bewerbungen als wiederkehrende Forschungsstationen

Die über Jahrzehnte erfolgten documenta-Bewerbungen – von den frühen Bewerbungen ab 1977 bis zu späteren Einreichungen und schließlich zur documenta 16 – verändern in der Rückschau ihre Bedeutung.

Sie sind nicht mehr lediglich erfolglose oder erfolgreiche Bewerbungsversuche um einen Ausstellungsplatz. Jede Bewerbung markiert einen Zeitpunkt, an dem das eigene Werk auf die Frage trifft:

Was könnte oder müsste eine documenta zu diesem Zeitpunkt gesellschaftlich leisten?

Damit wird die documenta selbst zum Untersuchungsgegenstand.

Die wiederholte Beschäftigung mit Labor, Werkstatt, Beteiligung, gesellschaftlicher Gestaltung und globaler Verantwortung bildet eine eigene Werkspur. Aus heutiger Sicht lässt sich darin bereits die spätere Verortungskunst erkennen.

Die gegenwärtige Bewerbung zur documenta 16 radikalisiert diesen Gedanken: Die künstlerische Arbeit beginnt nicht erst mit der Einladung und nicht erst 2027. Bereits Bewerbung, Reaktion, Nichtreaktion, Auswahlprozess, Kassel, institutionelle Bedingungen und die Frage nach dem Ort gehören zum Werkprozess.

Damit verwandelt sich die Bewerbung von einer Vorstufe zum Bestandteil des Kunstwerks.

7. 1993: Das Globale Dorffest und die Tausend Tische

Eine entscheidende analoge Vorform der späteren Globalen Schwarm-Intelligenz entstand 1993 im Zusammenhang mit dem Globalen Dorffest.

Etwa tausend Tapeziertische bilden dabei keine monumentale Skulptur im traditionellen Sinn. Ihre Bedeutung liegt in ihrer elementaren Funktion: Jeder Tisch ist Arbeitsfläche, Gesprächsort, Ausstellungsträger, Werkbank, Ablage, Bühne, Essplatz oder Versuchsfläche.

Gerade die Einfachheit ist entscheidend.

Tausend Tische erzeugen keine tausend identischen Antworten, sondern tausend mögliche Orte der Tätigkeit. Menschen können gleichzeitig an unterschiedlichen Fragen arbeiten, während sie dennoch räumlich Bestandteil eines gemeinsamen Zusammenhangs bleiben.

Damit entsteht eine frühe Struktur dessen, was später digital weiterentwickelt wird:

dezentrale Tätigkeit bei gemeinsamer Bezogenheit.

Die Tausend Tische bilden deshalb einen wichtigen Übergang zwischen sozialer Plastik, kollektiver Kreativität, Mitmachverfahren und Globaler Schwarm-Intelligenz.

8. Vom Archiv zur vernetzten Forschungsplattform

Im Laufe der Jahrzehnte entsteht ein umfangreiches Werkarchiv aus Fotografien, Tagebüchern, Presseartikeln, Aktionen, Ausstellungen, Texten, Rechnungen, Korrespondenzen, Bewerbungen und Werkdokumentationen.

Dieser Bestand erhält in der späteren Entwicklung eine neue Bedeutung. Das Archiv soll nicht nur Vergangenheit konservieren. Es wird zum Forschungsmaterial.

Die Globale Schwarm-Intelligenz und das interaktive Buch entstehen aus dem Versuch, diesen Werkbestand nicht linear als Künstlerbiografie abzulegen, sondern ihn mit Fragen, Begriffen und Beiträgen anderer Menschen zu verbinden.

Damit verändert sich auch die Funktion der Dokumentation. Aus Archiv wird eine mögliche Arbeitsoberfläche.

9. KI als neuer Rückkopplungspartner

Mit der intensiven Nutzung künstlicher Intelligenz tritt ein neuer Faktor hinzu.

Zunächst übernimmt KI praktische Funktionen: Schreiben, Korrigieren, Strukturieren, Vergleichen, Wiederauffinden und Verknüpfen großer Textmengen. Sehr schnell wird sie jedoch selbst zum Forschungsgegenstand.

Denn KI stellt die alte Grundfrage in verschärfter Form: Was geschieht, wenn ein System überzeugende symbolische Antworten herstellen kann, ohne dadurch automatisch mit den materiellen und lebendigen Folgen dieser Antworten verbunden zu sein?

Damit wird KI gleichzeitig Werkzeug und Prüfobjekt.

Die entscheidende methodische Forderung lautet daher zunehmend: KI soll Nichtwissen nicht durch plausible Sprache verdecken, sondern Differenzen offenhalten, Gegenpositionen erzeugen, Voraussetzungen sichtbar machen und Prüfungen ermöglichen.

Hier schließt sich die KI direkt an den älteren Gedanken der Gegenüberstellung an.

10. 2026: Verdichtung zu Werk-Ankern und Prüfoperatoren

Im Jahr 2026 beschleunigt sich die begriffliche Verdichtung. Frühere Werkintuitionen werden systematisch gegeneinander geprüft und in Versionen überführt.

Aus dem allgemeinen Begriff der Wirklichkeit entwickeln sich Tragwirklichkeit, Tragwesen und Tragbewusstsein. Aus 51:49 entwickelt sich die plastische symmetria. Aus der Vorstellung miteinander verbundener Bedingungen entsteht die Plexuswirklichkeit. Aus Differenz und Rückkopplung wird ein Differenzialprinzip. Die Kritik an symbolischer Zuschreibung führt zu Repräsentation, res, Dingwelt und hineingedachten Eigenschaften. Die Auseinandersetzung mit Seele, Identität und Künstlichkeit führt zur Gegenüberstellung von Plastischem Ich und Skulpturidentität.

Diese Versionierung ist methodisch bemerkenswert. Sie bedeutet, dass der Werk-Anker selbst nicht als unantastbarer Text behandelt wird. Er bleibt korrigierbar.

Damit wird die Form des Denkens dem Inhalt angeglichen: Eine Forschung, die Rückkopplung fordert, muss ihre eigenen Begriffe rückkoppeln können.

II. Forschungsgrund: Warum zerstört der Mensch seine Existenzbedingungen?

Die Ausgangsfrage bleibt über fünf Jahrzehnte erstaunlich stabil. Verändert hat sich jedoch, wo die Ursache gesucht wird.

Anfangs konnte die Frage noch wie eine moralische Frage erscheinen: Warum handelt der Mensch falsch, obwohl er es besser wissen könnte?

Die spätere Forschung verschiebt sie von Moral zu Struktur. Entscheidend wird nicht mehr primär, ob Menschen gute oder schlechte Absichten haben, sondern auf welche Referenzsysteme ihre Tätigkeiten bezogen sind.

Menschen handeln innerhalb von Vorstellungen, Rollen, Eigentumsordnungen, religiösen Bildern, politischen Begriffen, wissenschaftlichen Modellen und ökonomischen Wertsystemen. Diese Konstruktionen können gesellschaftlich außerordentlich wirksam sein. Ihre Wirksamkeit beweist jedoch noch nicht, dass sie mit den Voraussetzungen des Lebens verträglich sind.

Genau hier entsteht die Grundunterscheidung zwischen Geltungswirklichkeit und Tragwirklichkeit.

Geld kann gesellschaftlich gelten und trotzdem keine Nahrung sein. Ein Grundstück kann jemandem rechtlich gehören, während Boden, Wasser, Mikroorganismen und Pflanzen nicht aus dieser Eigentumszuschreibung hervorgehen. Ein Mensch kann sich als vollkommen autonom vorstellen und gleichzeitig innerhalb jeder Sekunde von Sauerstoff, Temperatur, Wasser, Mikroorganismen, Stoffwechsel und Gravitation abhängen.

Der Forschungsgrund verschiebt sich damit von der Frage „Warum ist der Mensch böse oder unvernünftig?“ zu der präziseren Frage:

Wie kann ein symbolisch hochleistungsfähiges Wesen Referenzsysteme erzeugen, die seine realen Abhängigkeiten verdecken und dennoch sein Handeln organisieren?

Das ist eine Forschungskunst-Hypothese. Dass Menschen symbolische Systeme bilden und biologisch abhängig bleiben, ist wissenschaftlich anschlussfähig. Dass die zentrale zivilisatorische Fehlentwicklung gerade in der Entkopplung beider Ebenen besteht, ist dagegen die eigene diagnostische These.

Die Zielprojektion lautet deshalb nicht moralische Besserung, sondern Verbesserung der Rückkopplungsfähigkeit.

Offen bleibt, wie weit diese Diagnose universell formuliert werden darf. Nicht jede symbolische Konstruktion ist entkoppelt, und nicht jede Abstraktion ist schädlich. Die Forschung muss deshalb immer genauer unterscheiden zwischen hilfreicher symbolischer Vermittlung und selbstverabsolutierter Symbolordnung.

III. Wirklichkeit: vom „Da draußen“ zur Trag- und Plexuswirklichkeit

Der Wirklichkeitsbegriff gehört zu den am stärksten veränderten Begriffen des gesamten Forschungsprozesses.

Früh stand der Gegensatz zwischen menschlicher Vorstellung und einer außerhalb dieser Vorstellung existierenden Welt im Vordergrund. Später zeigte sich, dass auch diese Zweiteilung zu grob ist.

Ein Organismus steht nicht einfach einer äußeren Welt gegenüber. Er ist von ihr durchdrungen und zugleich partiell abgegrenzt. Sauerstoff wird aufgenommen, Stoffe werden ausgeschieden, Licht trifft auf Augen, Schall auf Ohren, Wärme wird ausgetauscht, Mikroorganismen leben im und auf dem Körper.

Daraus entwickelt sich der Begriff der Tragwirklichkeit. Wirklich ist hier nicht nur das, was vorhanden ist, sondern das Gefüge von Bedingungen, das einen Vorgang überhaupt tragen kann.

Das Tragwesen bezeichnet entsprechend keinen isolierten Gegenstand, sondern ein Wesen, dessen Existenz nur innerhalb solcher Bedingungen möglich ist.

Tragbewusstsein wäre dann ein Bewusstsein, das diese Bedingungen nicht nachträglich als Zusatzinformation kennt, sondern sie in seine Orientierung einbezieht.

Der Begriff Plexuswirklichkeit erweitert diese Überlegung. Plexus wird als Geflecht verstanden. Kein relevanter Vorgang besitzt nur eine Ursache und nur eine Wirkung. Boden, Wasser, Organismus, Technik, Sprache, Eigentum, Geschichte und Tätigkeit können gleichzeitig in einem Wirkungszusammenhang stehen.

Damit soll ein Problem disziplinärer Zerlegung sichtbar werden. Wissenschaftliche Spezialisierung ist für Erkenntnis unverzichtbar; problematisch wird sie dort, wo der untersuchte Ausschnitt anschließend mit dem Gesamtzusammenhang verwechselt wird.

Die Plexuswirklichkeit ist deshalb keine neue Naturwissenschaft. Sie ist ein Prüfrahmen gegen Ausschnittsverwechslung.

Ihre offene Frage lautet: Wie lässt sich Komplexität darstellen, ohne wieder ein totalisierendes Weltmodell zu schaffen?

IV. Begriffsbildung als plastischer Prozess

Im bisherigen Forschungsweg hat sich der Begriff selbst vom bloßen Benennungsmittel zum Untersuchungsgegenstand entwickelt.

Ein Begriff schneidet aus einem Zusammenhang etwas heraus. Er macht vergleichbar und kommunizierbar. Gleichzeitig erzeugt er eine Grenze.

Diese Einsicht verbindet Fotografie, Sprache und Dingselektion. So wie die Kamera einen Ausschnitt erzeugt, erzeugt auch ein Wort einen Ausschnitt.

Daraus entstand die Vorstellung, dass Begriffe nicht nur Dinge benennen, sondern Wirklichkeitszugänge formen.

Wichtig ist dabei eine spätere Korrektur: Symbolisierung darf nicht pauschal als Fehler behandelt werden. Ohne Sprache, Erinnerung, Zeichen, Planung und Modelle wäre menschliches Lernen kaum denkbar. Die symbolische Ebene ist daher zunächst eine plastische Leistung.

Erst wenn ihre Produkte ihre Referenzbedingungen verdecken und sich selbst für die maßgebliche Wirklichkeit halten, entsteht das Problem der Skulpturalisierung.

Damit ist eine wichtige frühere Vereinfachung korrigiert worden: Nicht „Symbol = künstlich = falsch“, sondern:

Symbolische Vermittlung kann rückgekoppelt oder entkoppelt sein.

Die methodische Aufgabe des Begriffshandwerks besteht deshalb nicht darin, Begriffe abzuschaffen, sondern sie wie Werkzeuge zu prüfen.

V. Lochprozesse: vom Loch zur zeitlichen Grenzveränderung

Einer der ungewöhnlichsten Entwicklungsschritte ist die Arbeit am Begriff des Lochs.

Das Loch wurde zunächst leicht als Abwesenheit verstanden: Dort, wo etwas fehlt, ist ein Loch. Diese Vorstellung erwies sich als zu statisch.

Im weiteren Forschungsprozess wurde daraus der Lochprozess.

Ein Lochprozess bezeichnet nun eine zeitliche Veränderung einer Grenze, einer Oberfläche, einer Verbindung oder einer Referenzordnung. Entscheidend ist nicht das fertige Loch, sondern was sich öffnet, schließt, durchdringt, verletzt, austauscht oder neu verbindet.

Die Membran wird dabei zum zentralen Gegenbild. Eine lebende Membran ist gerade nicht vollkommen geschlossen. Ihre Leistung besteht in regulierter Durchlässigkeit.

Die Geburt wurde entsprechend als grundlegender Loch- beziehungsweise Übergangsprozess untersucht. Ein Organismus tritt nicht einfach aus einem Raum in einen anderen. Versorgung, Atmung, Temperaturregulation und Beziehung verändern sich. Die Grenze wird umgebaut.

Von hier aus wurden ganz unterschiedliche Werk- und Denkbeispiele miteinander verbunden: dünnes Eis, Deichbruch, Schiff, Flugzeug, Tang, Körperöffnung, Spatenstich, Eigentumsgrenze, Möbiusschleife, Seele und auch die Vorstellung eines Zeitlochs.

Diese Analogien besitzen nicht denselben wissenschaftlichen Status. Ein Loch im Eis, eine biologische Membran und eine begriffliche Lücke sind physikalisch verschiedene Sachverhalte. Ihre Verbindung ist eine künstlerische Vergleichsoperation.

Gerade deshalb wurde die Definition enger gefasst: Der gemeinsame Nenner ist nicht „Loch“ als Gegenstand, sondern Grenzveränderung mit Folgen.

Damit wird der Lochprozess zu einem Werkzeug der Tätigkeitsanalyse.

Was geschieht, wenn ich eine Grenze verändere? Was gelangt hindurch? Was wird unterbrochen? Welche Rückkopplung setzt ein? Ist die Veränderung regenerierbar? Ab wann wird Öffnung zur Verletzung?

Eine weitere wichtige Entwicklung ist die Verbindung von Loch und Lücke. Die Lücke wurde als Umschlagraum zwischen Reiz und Antwort, Wahrnehmung und Deutung, Erfahrung und Vorstellung verstanden.

Sie ist damit nicht bloß Nichtwissen. Sie kann der Raum sein, in dem Lernen überhaupt möglich wird.

VI. Gegenüberstellung und Lernen: Erkenntnis braucht Differenz

Aus der Lücke entwickelt sich ein allgemeiner Lernoperator.

Damit ein Organismus oder Mensch etwas korrigieren kann, muss eine Differenz auftreten. Erwartung und Ergebnis müssen gegeneinander stehen können.

Die Gegenüberstellung wird deshalb zu einer elementaren Methode der Forschungskunst.

Ein Bild allein kann überzeugen. Zwei gegeneinander gestellte Bilder können eine Frage erzeugen.

Eine Behauptung allein kann geschlossen wirken. Wird sie neben ihre Voraussetzung oder ihre Folge gestellt, entsteht eine Differenz.

Das betrifft auch die eigene Person. Lernen setzt eine gewisse Distanz zur eigenen Vorstellung voraus. Wenn Vorstellung und Identität vollständig zusammenfallen, kann die Widerlegung einer Aussage als Angriff auf die eigene Person erlebt werden.

Hier verbindet sich Gegenüberstellung mit dem Plastischen Ich.

Methodisch führt dies zum Prinzip:

Nicht die richtige Antwort zuerst liefern, sondern Bedingungen schaffen, unter denen Differenzen erfahrbar werden.

Genau daraus erklärt sich später die Bedeutung der Folien, Schablonen, Frage-Antwort-Tische, KI-Gegenüberstellungen und des Mitmachbuches.

Die offene Frage lautet, wie viel Gegenüberstellung produktiv ist. Zu viele widersprüchliche Informationen können ebenso wenig Lernen erzeugen wie ein starres Vorgabebild. Der Prüfprozess braucht also eine Dramaturgie.

VII. Plastik und Skulpturalisierung

Die vermutlich wichtigste begriffliche Übertragung aus dem künstlerischen Lebenswerk betrifft Plastik und Skulptur.

Im traditionellen Kunstverständnis können beide Begriffe nahezu synonym verwendet werden. Im Forschungsansatz werden sie bewusst auseinandergezogen.

Plastik bezeichnet zunehmend den offenen Formungsvorgang. Eine Form entsteht, antwortet, verändert sich und kann korrigiert werden.

Skulpturalisierung bezeichnet dagegen einen Prozess der Verfestigung. Eine hervorgebrachte Form wird so behandelt, als wäre sie unabhängig von ihrer Entstehung und ihren Bedingungen.

Daraus entwickelt sich die Unterscheidung zwischen Plastischem Ich und Skulpturidentität.

Das Plastische Ich wäre eine Selbstform, die abhängig, verletzlich, lernfähig und rückkoppelbar bleibt. Es besitzt Vorstellungen, aber kann sie verändern.

Die Skulpturidentität behandelt eine solche Hervorbringung dagegen wie eine fertige Statue. Rolle, Nation, Besitz, Religion, Status, Beruf, Theorie oder Selbstbild können dann nicht mehr als vorläufige Konstruktionen erlebt werden, sondern erscheinen als Wesen der Person.

Damit wird der alte bildhauerische Werkprozess zu einem anthropologischen Prüfmodell.

Der Zusammenhang mit 51:49 wird nun sichtbar. Plastizität braucht Differenz, aber keinen absoluten Bruch. Skulpturalisierung tendiert dagegen zur Symmetrie absoluter Gegensätze: Ich/Welt, Geist/Körper, Mensch/Natur, Eigentümer/Nichteigentümer.

Die offene Gefahr dieses Begriffs liegt darin, „Skulptur“ negativ zu besetzen, obwohl reale Skulpturen selbstverständlich nicht das Problem sind. Deshalb muss immer deutlich bleiben: Skulpturalisierung ist hier ein technischer Begriff innerhalb der Forschungskunst, kein kunsthistorisches Werturteil über Skulptur.

VIII. Erfahrung und Rückkopplung

Eine weitere große Verschiebung betrifft den Erfahrungsbegriff.

Anfangs scheint Erfahrung vor allem etwas zu sein, das ein Mensch besitzt. Im späteren Forschungsmodell wird Erfahrung dynamischer verstanden.

Ein Organismus handelt, erhält Wirkungen zurück und verändert gegebenenfalls sein Verhalten. Entscheidend ist also nicht der gespeicherte Inhalt allein, sondern der Rückkopplungsweg.

Die Bildhauerei liefert dafür das Grundmodell. Die Hand formt Ton. Der Ton antwortet durch Widerstand und Form. Das Auge nimmt das Ergebnis wahr. Die Vorstellung wird korrigiert. Die nächste Tätigkeit verändert sich.

Dieses Muster wird auf gesellschaftliches Handeln übertragen.

Das Problem entsteht dort, wo zwischen Handlung und Wirkung eine sehr große räumliche, zeitliche oder symbolische Distanz liegt. Wer ein Produkt kauft, erlebt möglicherweise weder Rohstoffgewinnung noch Arbeitsbedingungen noch Entsorgung. Die unmittelbare Rückmeldung fehlt.

Hier erhält Kunst eine neue Funktion. Sie kann unterbrochene Rückkopplungswege künstlich wieder sichtbar oder erfahrbar machen.

Daraus ergeben sich viele der späteren Prüfobjekte.

Die Hypothese lautet also nicht, dass Kunst die gesellschaftlichen Probleme direkt löst, sondern dass Kunst Rückkopplungen rekonstruieren kann, die im Alltag unsichtbar geworden sind.

IX. Symbol-, Eigenschafts- und Eigentumsbildung

Aus der Begriffsanalyse entstand die Untersuchung hineingedachter Eigenschaften.

Ein materieller Gegenstand besitzt physikalische und chemische Eigenschaften. Gleichzeitig schreiben Menschen ihm gesellschaftliche Eigenschaften zu.

Ein Stück Metall kann Gold sein. Zusätzlich kann es wertvoll, heilig, Eigentum, Zahlungsmittel, Statussymbol oder Kunstwerk sein.

Diese zusätzlichen Eigenschaften sind nicht einfach „unwirklich“. Sie können Verhalten massiv steuern. Aber ihre Wirklichkeit ist eine andere.

Daraus entstand die Notwendigkeit, verschiedene Wirklichkeitsweisen zu unterscheiden:

materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben und symbolisch behauptet.

Für die Eigentumsanalyse wird dies besonders wichtig.

Ein Boden verändert seine physikalische Beschaffenheit nicht dadurch, dass ein Grundbuch einen Eigentümer einträgt. Trotzdem verändert die Eigentumszuschreibung sehr real, wer den Boden nutzen, verkaufen, betreten oder verändern darf.

Eigentum ist daher weder bloß Illusion noch natürliche Eigenschaft des Bodens.

Es ist eine gesellschaftlich wirksame Zuschreibung.

Diese Differenz wurde mit res, Dingwelt, Repräsentation und technē verbunden. Die Frage lautet immer wieder: Was ist am Gegenstand vorhanden, was wurde technisch erzeugt und was wurde ihm symbolisch oder rechtlich zugeschrieben?

Das ist einer der stärksten Kandidaten für das Begriffshandwerk, weil dieselbe Methode auf Geld, Nation, Status, Beruf, Geschlecht der Rolle, Marke, Kunstwert oder politische Institutionen angewendet werden kann, ohne deren gesellschaftliche Wirksamkeit zu leugnen.

X. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

Im späteren Forschungsprozess wurde die Untersuchung über einzelne Werke hinaus kulturgeschichtlich erweitert.

Dabei entstanden keine vollständigen philosophiehistorischen Theorien, sondern Vergleichsfolien.

Platon wurde zum Prüfbeispiel für die Höherbewertung unveränderlicher Formen gegenüber der veränderlichen körperlichen Welt. Die geplante Platon-Folie zeigt deshalb unten Körper und Bewegung, dazwischen Schatten beziehungsweise Spiegelung und darüber geometrisch-goldene Ideen.

Damit wird nicht behauptet, Platons gesamte Philosophie sei damit erklärt. Die Folie isoliert einen für die Forschung relevanten Operator: die Möglichkeit, dem Unveränderlichen einen höheren Wirklichkeitsrang zuzuschreiben.

Aristoteles wurde demgegenüber stärker als Prozessvergleich gelesen: Stoff, Form, Bewegung und Zielrichtung bleiben miteinander verbunden. Auch diese Gegenüberstellung ist eine künstlerische Zuspitzung, keine vollständige philosophiehistorische Darstellung.

Das Christentum wurde anhand der Leib-Seele-Spannung untersucht. Der Körper kann als zeitweiliger Behälter erscheinen, während die eigentliche Person als Seele gedacht wird. Für den Forschungsansatz ist interessant, wie dadurch ein Selbstbild entstehen kann, das seine stoffwechselhafte Körperlichkeit symbolisch übersteigt.

Bei Descartes verschärft sich das Problem in der Gegenüberstellung von denkendem Subjekt und ausgedehnter Welt.

Die moderne Physik wurde anschließend ebenfalls kritisch betrachtet, allerdings in einer anderen Weise. Physik liefert hochpräzise Messgrößen wie Masse, Kraft, Temperatur, Geschwindigkeit und Druck. Das Problem ist nicht die Physik selbst. Die Frage lautet vielmehr, was verloren geht, wenn ihre abstrahierten Messgrößen anschließend mit der vollständigen Lebenswirklichkeit verwechselt werden.

Damit richtet sich die Forschung nicht gegen Wissenschaft, sondern gegen Kategorieüberschreitungen.

Die sprach- und kulturgeschichtliche Forschung hat dadurch eine präzisere Aufgabe erhalten: Sie soll rekonstruieren, welche sprachlichen und symbolischen Trennungen historisch entstanden sind und welche Wirkungen sie auf unser Selbst- und Weltverständnis ausüben.

Die offene Aufgabe besteht hier in einer erheblich strengeren historischen Absicherung. Gerade diese Teile müssen bei einer wissenschaftlichen Veröffentlichung mit Primärtexten und Fachliteratur überprüft werden.

XI. Das Vier-Ebenen-Modell

Das Vier-Ebenen-Modell bildet heute eine der wichtigsten Ordnungsstrukturen des gesamten Ansatzes.

Seine Stärke liegt darin, dass es keine vollständige Ontologie behaupten muss. Es kann als Prüfraster verwendet werden.

Ebene 1: materielle Wirkungs- und Tragbedingungen

Auf der ersten Ebene stehen physikalische und materielle Bedingungen: Masse, Kraft, Druck, Temperatur, Stoffe, räumliche Strukturen, Belastbarkeit, Bruch und andere materielle Wechselwirkungen.

Ein Deich kann brechen. Eis kann eine Last tragen oder nicht tragen. Ein Körper kann verletzt werden. Eine Brücke besitzt Belastungsgrenzen.

Diese Ebene ist weitgehend naturwissenschaftlich zugänglich.

Ebene 2: lebendige Organisation

Die zweite Ebene umfasst Organismus, Stoffwechsel, Regulation, Regeneration, Wahrnehmung, Verletzlichkeit und lebendige Rückkopplung.

Eine wichtige Korrektur bestand darin, Symbolisierung nicht vollständig aus dieser Ebene auszuschließen. Menschen sind symbolbildende Lebewesen. Wahrnehmung, Erinnerung und Zeichenverwendung können daher bereits Bestandteil lebendiger plastischer Organisation sein.

Hier liegt das Plastische Ich.

Ebene 3: verdichtete Symbol- und Geltungsordnungen

Auf Ebene 3 entstehen relativ eigenständige gesellschaftliche Konstruktionen: Eigentum, Geld, Recht, Institutionen, Status, Rollen, Nationen, Märkte, Glaubenssysteme und andere symbolische Ordnungen.

Diese Systeme sind real wirksam, aber sie besitzen einen anderen Realitätsmodus als Organismus oder Materie.

Die Gefahr entsteht, wenn Ebene 3 ihre eigenen Voraussetzungen auf Ebene 1 und 2 verdeckt.

Hier liegt die Möglichkeit der Skulpturidentität.

Ebene 4: Prüfung, Rückbindung und Reparatur

Ebene 4 wurde als entscheidende Ergänzung entwickelt.

Sie ist keine weitere Substanzebene, sondern ein Operator.

Auf ihr werden Aussagen, Handlungen und gesellschaftliche Konstruktionen daraufhin geprüft, ob sie mit Ebene 1 und 2 rückgekoppelt bleiben.

Damit gehören Kunst, Wissenschaft, Kritik, Reparatur, Vergleich, Fehlerkorrektur und institutionelles Lernen potentiell zu E4 – aber nur, sofern sie tatsächlich prüfen und nicht lediglich eine neue E3-Doktrin erzeugen.

Gerade dieser letzte Punkt ist wichtig. Auch das Vier-Ebenen-Modell selbst gehört als Begriff zunächst zur symbolischen Ebene. Es wird nur dann zu einem E4-Instrument, wenn es sich selbst korrigieren lässt.

XII. Das Differenzialprinzip und die plastische symmetria

Mit zunehmender Präzisierung wurde 51:49 von einer Zahlenmetapher zu einem allgemeinen Differenzialgedanken weiterentwickelt.

Das Differenzialprinzip fragt nicht nach absoluten Zuständen, sondern nach Unterschieden, Richtungen und Veränderungen.

Wie verändert sich ein System, wenn eine kleine Differenz entsteht? Wann wird aus einer korrigierbaren Differenz eine Verstärkung? Wann kippt ein Prozess?

Die später verwendete plastische symmetria versucht dabei, den ursprünglichen griechischen Sinn von Angemessenheit und Verhältnis gegen eine moderne Vorstellung vollkommener geometrischer Gleichheit zu setzen.

Entscheidend ist nicht mathematische Ungleichheit als solche. 51:49 soll deshalb nicht als universelle Naturkonstante missverstanden werden.

Seine methodische Funktion lautet vielmehr:

Suche nach dem kleinsten wirksamen Unterschied, bevor du in absolute Gegensätze denkst.

XIII. Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde

Die planetarische Kalibrierung über eine 24-Stunden-Uhr entstand als weiteres Gegenüberstellungsinstrument.

Die gesamte Erdgeschichte wird dabei metaphorisch auf einen Tag komprimiert. Homo sapiens erscheint erst in den letzten Sekunden; das Holozän in einem winzigen Bruchteil davon, Industrialisierung und sogenannte Great Acceleration nochmals in extrem kleineren Zeitfenstern.

Die genaue Sekundenangabe hängt von den zugrunde gelegten Datierungen ab. Wissenschaftlich belastbar ist daher nicht eine magische exakte Zahl, sondern das Größenverhältnis.

Die künstlerische Funktion dieser Uhr besteht in einer radikalen Perspektivverschiebung.

Der Mensch, der sich als Herr oder Mittelpunkt des Planeten erlebt, erscheint zeitlich als äußerst spätes Wesen innerhalb eines Systems, dessen elementare Wirkungszusammenhänge lange vor ihm entstanden.

Daraus entsteht das Bild des Millisekunden-Menschen.

Die Forschungskunst-Hypothese lautet, dass ein erheblicher Teil moderner Hybris daraus entsteht, dass dieser extreme zeitliche Maßstabsunterschied im Alltagsbewusstsein kaum vorkommt.

Die Uhr ist deshalb kein naturwissenschaftliches Modell des Verhaltens, sondern ein Kalibrierungsobjekt.

XIV. Begriffshandwerk und Prüfanker

Aus der handwerklichen Herkunft kehrt im späten Forschungsprozess eine einfache Frage zurück:

Funktioniert es oder funktioniert es nicht?

Damit wird eine Gegenposition zu rein rhetorischen oder weltanschaulichen Streitformen entwickelt.

Ein Begriff kann eindrucksvoll klingen und trotzdem schlecht unterscheiden.

Ein gesellschaftliches Modell kann moralisch attraktiv erscheinen und trotzdem seine materiellen Voraussetzungen zerstören.

Eine technische Lösung kann kurzfristig funktionieren und langfristig nicht tragfähig sein.

Das Begriffshandwerk verlangt deshalb eine Art Werkstattprüfung von Begriffen.

Ein Prüfanker soll verhindern, dass die Untersuchung vollständig in Sprache davontreibt.

Daraus entwickelte sich die Folge verschiedener Kontext- und Werk-Anker. Ihre Versionierung von v6 über v8 bis zu v12 ist selbst Teil der Methode.

Begriffe wie Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, plastische symmetria, Differenzialprinzip, Dingselektion, Eigenschaftskritik, Plastisches Ich und Forschungskunst wurden nicht gleichzeitig erfunden. Sie sind das Ergebnis wiederholter Korrekturen.

Der wichtigste methodische Fortschritt besteht daher möglicherweise nicht in einem einzelnen Begriff, sondern in der Einführung einer expliziten Korrekturgeschichte.

Das Projekt besitzt dadurch die Möglichkeit, später sichtbar zu machen, warum eine Definition aufgegeben und durch eine andere ersetzt wurde.

XV. Die künstlerischen Prüfobjekte

Die lange Werkgeschichte erhält innerhalb dieses Systems eine neue Lesbarkeit.

Viele Arbeiten können heute als Prüfobjekte gelesen werden, obwohl sie ursprünglich nicht unter diesem Begriff entstanden.

Die Schultafel ist ein besonders starkes Beispiel. Kreide erzeugt eine sichtbare Aussage, die wieder gelöscht werden kann. Goldschrift oder eine vergoldete Vorstellung kann dagegen symbolisch für Verfestigung stehen. Damit wird aus dem Materialunterschied ein Erkenntnisunterschied: Was darf korrigiert werden?

Die Kartoffelarbeiten verbinden unscheinbaren Stoff, Wachstum, Ernährung, Form und kulturelle Zuschreibung. Die Kartoffel kann Lebensmittel, Ware, Pflanze, Plastik oder Symbol werden.

Der Gordische Knoten untersucht nicht nur einen Knoten, sondern auch die kulturelle Faszination für die heroische Durchtrennung eines Problems.

Das Wellenbecken macht Rückkopplung körperlich sichtbar. Eine Tätigkeit erzeugt Wellen, die sich ausbreiten, überlagern und zurückkehren.

Tanglandschaften stellen den Menschen nicht einer neutralen Natur gegenüber, sondern bringen ihn in ein lebendiges Medium.

Der Astronautenanzug entwickelt sich zum Gegenbild maximaler künstlicher Isolation. Auf der Erde kann der Mensch sich gedanklich als autonom erleben; der Astronautenanzug zeigt drastisch, wie viele technische Systeme erforderlich sind, sobald natürliche Austauschbedingungen unterbrochen werden.

Das spätere Feuerkäfig-Bild verdichtet diese Diagnose: ein Mensch im Astronautenanzug befindet sich in einem brennenden Käfig, dessen Tür offensteht. Die künstlich erzeugte Identität verspricht Freiheit, während die existenziellen Bedingungen zerstört werden.

Der Spaten wird zu einem weiteren elementaren Prüfobjekt. Eine einfache Tätigkeit am Boden verbindet Körper, Werkzeug, Eigentum, Nahrung, Arbeit, Geschichte und Konsequenz.

Diese Werke haben gemeinsam, dass sie nicht eine abstrakte Theorie illustrieren sollen. Sie erzeugen Situationen, in denen Begriffe gegeneinander geprüft werden können.

XVI. Folien und Schablonen: die Entstehung einer analogen Bildgrammatik

Die jüngste Entwicklung der Folien und Schablonen stellt einen methodischen Sprung dar.

Bilder werden nicht mehr nur nebeneinander gezeigt. Transparente Ebenen können übereinandergelegt, entfernt, gedreht oder verändert werden.

Damit wird Denken physisch manipulierbar.

Eine Grundfolie kann den menschlichen Körper zeigen. Eine weitere zeigt Wärme, Gravitation oder Stoffaustausch. Eine dritte kann Eigentumsgrenzen oder Rollenbegriffe darüberlegen. Eine vierte kann Tätigkeitsfolgen markieren.

Die Plexuswirklichkeit wird dadurch nicht lediglich erklärt, sondern montierbar.

Besonders wichtig sind die theoretischen Folien zu Platon, Aristoteles, Christentum und Physik. Sie dienen nicht als Lehrbuchbilder, sondern als Vergleichsoperatoren.

Das gleiche gilt für den Menschen mit Spaten, die Frau mit der Aussage „Ich bin frei“, die Thermosflasche, den Astronautenanzug, den Sandtrichter, die Saftpresse und das künstlerische Dreieck aus Kopf, Händen und entstehender Plastik.

Die Foliengrammatik entwickelt damit eine neue Sprache zwischen Bild, Plastik, Lehrmittel, Spiel und Erkenntnisapparat.

Ihre offene Frage lautet, wie viele Ebenen gleichzeitig verständlich bleiben. Wenn jede Erkenntnis eine weitere Folie erhält, könnte die Plexusdarstellung selbst unübersichtlich werden. Daher braucht das System eine Minimalgrammatik.

XVII. Das künstlerische Dreieck

Das jüngst entwickelte Dreieck aus Kopf, Hand und Plastik fasst einen großen Teil der Werkgeschichte in einem einfachen Bild zusammen.

Im Kopf befindet sich Vorstellung, Modell, Inspiration oder Vorgabebild.

Die Hände stehen für Tätigkeit, Übung, Materialkontakt, Scheitern und Veränderung.

Die Plastik ist das Ergebnis, das wiederum auf Vorstellung und Tätigkeit zurückwirkt.

Damit wird deutlich: Ein falsches Modell im Kopf ist nicht automatisch folgenlos. Es kann über Tätigkeiten in die Welt übertragen werden.

Das Dreieck eignet sich deshalb als allgemeiner Prüfoperator:

Modell – Tätigkeit – Tätigkeitsfolge.

Es verbindet Bildhauerei, Erkenntnistheorie, Politik, Ökonomie und Alltag, ohne diese Disziplinen gleichzusetzen.

XVIII. Das Mitmachbuch: vom Betrachter zum Mitprüfenden

Das Mitmachbuch ist aus einer langen Geschichte eigener kleiner Workshophefte, Malbücher und partizipativer Arbeiten hervorgegangen.

Seine heutige Form unterscheidet sich jedoch grundlegend von einem gewöhnlichen Begleitheft.

Der Besucher soll nicht lediglich Informationen über den Künstler erhalten. Sein eigener Denk- und Arbeitsprozess wird zum Material.

Damit verändert sich die Rolle schrittweise vom Betrachter zum Beteiligten, vom Beteiligten zum Mitgestalter und schließlich zum Mitprüfenden.

Vorgabebilder, transparente Folien, Zeichnungen, Texte, Fotografien, rote Punkte, Fragen, Korrekturen und eigene Ergänzungen bilden ein persönliches Forschungsbuch.

Besonders wichtig ist, dass Korrekturen nicht gelöscht werden müssen. Die Änderung selbst dokumentiert Lernen.

Das Mitmachbuch ist deshalb gewissermaßen ein tragbares So-Heits-Atelier.

Gleichzeitig bildet es die Brücke zur digitalen Globalen Schwarm-Intelligenz. Analoge Einträge können miteinander verglichen, digitalisiert und mit anderen Beiträgen verbunden werden.

Die offene Frage ist hier vor allem die Datenstruktur. Wie bleiben individuelle Beiträge miteinander vergleichbar, ohne ihre Besonderheit zu zerstören?

XIX. Tausend Tische: die räumliche Vorform des Netzes

Die Tausend Tische erhalten aus heutiger Sicht eine überraschend aktuelle Funktion.

1993 waren sie zunächst eine reale soziale Infrastruktur. Heute können sie als räumliches Modell eines Netzes gelesen werden.

Jeder Tisch ist ein lokaler Arbeitsort. Kein Tisch muss das Ganze repräsentieren. Die Verbindung entsteht zwischen den Tischen.

Damit unterscheiden sie sich fundamental von einem zentralen Podium, auf dem wenige Experten sprechen und viele Menschen zuhören.

Die Logik lautet:

Viele lokale Perspektiven – ein gemeinsamer Untersuchungszusammenhang.

Genau hierin liegt die Verbindung zur Globalen Schwarm-Intelligenz.

Für die documenta 16 müssen deshalb nicht tatsächlich tausend Tische rekonstruiert werden. Entscheidend ist das Organisationsprinzip: bewegliche, kombinierbare Arbeitsflächen statt einer zentralisierten Wissensbühne.

Die Tausend Tische sind insofern gleichzeitig historische Arbeit, Raumkonzept, soziale Plastik und Vorläufer einer digitalen Architektur.

XX. KI: Werkzeug, Gegenüber und Risiko

Die KI fügt der Forschung eine völlig neue Dimension hinzu.

Sie kann das jahrzehntelange Archiv durchsuchen, Varianten vergleichen, Begriffsentwicklungen rekonstruieren und Verbindungen erkennen, die ein einzelner Mensch kaum gleichzeitig überblicken könnte.

Damit realisiert sie einen Teil der alten Idee kollektiver und vernetzter Intelligenz.

Aber genau ihre Stärke erzeugt das neue Risiko: KI kann sprachlich geschlossene Antworten erzeugen, wo eigentlich eine Lücke bleiben müsste.

Damit könnte sie zu einer gigantischen Skulpturalisierungsmaschine werden.

Ein plausibler Text kann den Eindruck einer fertigen Wahrheit erzeugen.

Deshalb wurde ihre methodische Rolle zunehmend korrigiert. Die ideale KI innerhalb des Projektes ist nicht die Orakelmaschine, sondern ein Gegenüberstellungsapparat.

Sie müsste fragen: Welche Voraussetzung fehlt? Welche Gegenposition existiert? Auf welcher Ebene liegt die Behauptung? Ist eine gesellschaftliche Zuschreibung mit einer materiellen Eigenschaft verwechselt worden? Welche Folge wurde ausgeblendet?

Dann würde KI E4-Funktionen unterstützen.

Gleichzeitig entsteht die politische Frage, wem solche Systeme gehören und welche Macht durch ihre Konzentration entsteht. Damit führt der Forschungsweg von Eigentum und 1:99 unmittelbar zur gegenwärtigen KI-Ökonomie.

XXI. Globale Schwarm-Intelligenz

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist nicht plötzlich aus der Digitalisierung entstanden. Sie hat analoge Vorläufer.

Kollektive Kreativität, Frage-Antwort-Tische, Workshops, das Globale Dorffest, Vernetzungsversuche und die Tausend Tische besitzen bereits dieselbe Grundbewegung: Viele Menschen verfügen über unterschiedliche Erfahrungen und Ausschnitte.

Der digitale Schritt ermöglicht, diese Ausschnitte dauerhaft miteinander zu verbinden.

Wichtig ist dabei eine zentrale Korrektur: Schwarm-Intelligenz darf nicht mit Mehrheitsentscheidung verwechselt werden.

Tausend Menschen können denselben Irrtum teilen.

Die Qualität des Schwarms hängt deshalb nicht nur von der Zahl der Teilnehmer ab, sondern von seiner Prüfarchitektur.

Die Globale Schwarm-Intelligenz wird damit zur möglichen technischen Erweiterung des Vier-Ebenen-Modells.

Beiträge könnten nicht lediglich gesammelt, sondern nach Voraussetzungen, Ebenen, Widersprüchen, Erfahrungen und Folgen miteinander verbunden werden.

Das Ziel wäre keine globale Einheitsmeinung, sondern eine globale Korrekturfähigkeit.

XXII. Die So-Heits-Gesellschaft

Der Begriff So-Heits-Gesellschaft entsteht aus der zunehmenden Skepsis gegenüber vorgestellten Idealgesellschaften.

Eine Gesellschaft soll nicht zuerst danach beurteilt werden, welchem Ideal sie entspricht, sondern danach, wie ihre Voraussetzungen tatsächlich beschaffen sind und welche Folgen ihre Tätigkeiten hervorbringen.

„Soheit“ bezeichnet deshalb nicht Resignation nach dem Motto „Es ist eben so“. Im Gegenteil: Erst wenn ein Zustand in seiner Beschaffenheit erfasst wird, kann gezielt verändert werden.

Die So-Heits-Gesellschaft wäre somit keine fertige politische Utopie.

Sie wäre eine Gesellschaft, die ihre eigenen Konstruktionen als Konstruktionen erkennen und an ihren Tragbedingungen prüfen kann.

Ihre elementare politische Fähigkeit wäre nicht Glauben, sondern korrigierbares Herstellen.

Hier kehrt technē zurück: menschliche Gesellschaft als hergestellte Welt.

Der Begriff besitzt allerdings noch Klärungsbedarf. Er darf nicht den Eindruck erzeugen, es gebe eine objektiv vollständig erfassbare „Soheit“. Auch jede Beschreibung erfolgt aus Perspektiven und mit Begriffen.

Deshalb müsste genauer gesagt werden: So-Heits-Gesellschaft bezeichnet eine Gesellschaft, die ihre Beschreibungen fortlaufend an Widerständen, Folgen und anderen Perspektiven prüft.

XXIII. Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes

Im So-Heits-Atelier laufen fast alle Entwicklungslinien zusammen.

Es ist Atelier, weil Formen hergestellt und verändert werden.

Es ist Labor, weil Hypothesen ausprobiert werden.

Es ist Archiv, weil fünf Jahrzehnte Werkgeschichte als Material vorhanden sind.

Es ist Schule, weil Begriffe erlernt und überprüft werden können.

Es ist Bühne, weil Rollen und gesellschaftliche Situationen dargestellt werden.

Es ist Werkstatt, weil gearbeitet wird.

Es ist öffentlicher Untersuchungsraum, weil Besucher nicht ausschließlich Publikum bleiben.

Gerade dadurch unterscheidet es sich von einer retrospektiven Ausstellung des Lebenswerks.

Das historische Werk wird nicht nur gezeigt. Es wird als Werkzeuglager reaktiviert.

Schultafeln, Fotografien, Collagen, Kartoffelarbeiten, Wellenbecken, Gordischer Knoten, Astronaut, Tang, Tausend Tische, Mitmachbücher, Folien und digitale Plattform bilden keine beliebige Sammlung. Sie werden zu unterschiedlichen Instrumenten einer gemeinsamen Frage.

Damit lässt sich auch die documenta-16-Bewerbung neu bestimmen.

Die documenta wäre nicht bloß der Ort, an dem ein fertiges So-Heits-Atelier präsentiert wird. Sie wäre selbst ein Teil des Untersuchungsgegenstandes.

Welche Vorstellungen von Kunst gelten dort? Wer entscheidet? Welche Arbeit wird sichtbar? Was bedeutet Partizipation? Wie verhält sich der hunderttägige Ausstellungszeitraum zur jahrzehntelangen Werkgenese? Was geschieht außerhalb der Ausstellungsräume? Welche Beziehungen entstehen zwischen Kassel, globaler Plattform und Besuchern?

Hier gewinnt die Verortungskunst ihre heutige Präzision.

Der richtige Ort ist nicht einfach eine Adresse. Verortung bedeutet, Werk, Zeitpunkt, gesellschaftliche Situation, historische Vorgeschichte, institutionelle Struktur und Tätigkeit miteinander zu verbinden.

Deshalb kann die documenta 16 für diese Arbeit bereits mit der Bewerbung begonnen haben.

Und in einer noch radikaleren Lesart hat sie bereits Jahrzehnte zuvor begonnen, weil die früheren documenta-Bewerbungen zu historischen Schichten der heutigen Untersuchung geworden sind.

XXIV. Der Prüfoperator als gemeinsamer Kern

Nach der langen Entwicklung lässt sich ein gemeinsamer Operator erkennen, der in den frühen Arbeiten noch nicht ausdrücklich formuliert war.

Er lässt sich ungefähr so beschreiben:

Was wird behauptet oder vorgestellt?

Worauf bezieht sich diese Vorstellung?

Welche Tätigkeiten entstehen daraus?

Welche materiellen und lebendigen Folgen haben sie?

Welche Rückmeldung erreicht das handelnde System?

Wo wird diese Rückmeldung unterbrochen?

Ist eine Korrektur möglich?

Fast alle heutigen Begriffe lassen sich diesem Prozess zuordnen.

51:49 untersucht Differenz.

Der Lochprozess untersucht Grenzveränderung.

Die Plexuswirklichkeit untersucht Zusammenhänge.

E1 bis E3 unterscheiden Wirklichkeitsebenen.

E4 organisiert Prüfung.

Plastisches Ich bezeichnet Korrekturfähigkeit.

Skulpturidentität bezeichnet Verfestigung.

Das Mitmachbuch dokumentiert individuelle Prüfung.

Tausend Tische verteilen sie räumlich.

Globale Schwarm-Intelligenz verbindet sie digital.

KI kann Unterschiede und Gegenpositionen erzeugen.

Das So-Heits-Atelier bringt diese Elemente in einen öffentlichen Raum.

Damit entsteht erstmals eine relativ geschlossene Gesamtarchitektur.

XXV. Die Gesamtarchitektur der Forschungskunst

Der gesamte Ansatz lässt sich heute als eine Folge von sieben miteinander gekoppelten Operationen verstehen.

Am Anfang steht Existenz innerhalb von Bedingungen. Das ist die Tragwirklichkeit.

Innerhalb dieser Wirklichkeit entstehen Unterschiede und Grenzprozesse. Das sind Differenzial- und Lochprozesse.

Lebende Systeme beantworten diese Unterschiede durch Rückkopplung und Lernen.

Menschen erzeugen darüber hinaus Bilder, Begriffe, Symbole und institutionelle Konstruktionen.

Diese Konstruktionen können rückgekoppelt bleiben oder sich skulptural verselbständigen.

Daher entsteht die Notwendigkeit eines Prüf- und Reparaturoperators.

Kunst wird schließlich zum öffentlichen Verfahren, in dem dieser Operator erfahrbar, beteiligbar und veränderbar gemacht wird.

Das ist der Punkt, an dem Forschungskunst nicht mehr nur eine Bezeichnung für eine Kunst mit Forschungselementen ist. Sie bezeichnet eine besondere Arbeitsweise:

Kunst stellt nicht nur Ergebnisse her, sondern konstruiert Bedingungen, unter denen Menschen ihre eigenen Wirklichkeitskonstruktionen prüfen können.

XXVI. Doppelungen und begriffliche Überlagerungen

Die zunehmende Dichte des Systems erzeugt allerdings inzwischen ein neues Problem. Mehrere Begriffe erfüllen teilweise dieselbe Funktion.

Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit überschneiden sich. Tragwirklichkeit betont die Bedingungen, von denen Existenz abhängt. Plexuswirklichkeit betont deren Vernetzung. Beide sollten daher nicht synonym verwendet werden.

51:49, plastische symmetria und Differenzialprinzip liegen ebenfalls nah beieinander. 51:49 ist das historische Ursprungsbild. Plastische symmetria bezeichnet das angemessene Verhältnis. Differenzialprinzip bezeichnet die allgemeinere methodische Operation. Diese Hierarchie könnte ausdrücklich festgelegt werden.

Plastisches Ich, plastische Identität und teilweise Tragbewusstsein überschneiden sich. Hier wäre eine Vereinfachung sinnvoll. Das Plastische Ich könnte die anthropologische Grundfigur bleiben, während Tragbewusstsein eine seiner Fähigkeiten bezeichnet.

Skulpturidentität, Skulpturalisierung, 50:50-Symmetriedualismus und Parallelwelt beschreiben unterschiedliche Stadien desselben Problems. Sie sollten nicht gleichgesetzt werden. Skulpturalisierung ist der Prozess; Skulpturidentität das Resultat auf der Ebene des Selbst; 50:50 beschreibt die zugrunde liegende absolute Gegenordnung; Parallelwelt bezeichnet eine mögliche gesellschaftliche Folge.

Auch Prüfoperator, Prüfanker, Werk-Anker, E4 und Begriffshandwerk müssen deutlicher unterschieden werden. Der Prüfoperator ist die allgemeine Operation. E4 ist seine Stelle im Vier-Ebenen-Modell. Begriffshandwerk ist eine Methode seiner Anwendung auf Sprache. Ein Prüfanker ist eine konkrete Referenz. Der Werk-Anker dokumentiert den jeweils erreichten Forschungsstand.

Diese Klärungen würden das System nicht verkleinern. Sie würden seine Architektur sichtbar machen.

XXVII. Mögliche Vereinfachung des Gesamtmodells

Der gesamte Forschungsapparat könnte künftig auf vier Grundfragen zurückgeführt werden:

Was trägt?

Was stelle ich mir vor?

Was tue ich aufgrund dieser Vorstellung?

Was kommt tatsächlich zurück?

Nahezu alle weiteren Begriffe lassen sich darunter einordnen.

„Was trägt?“ umfasst Tragwirklichkeit, E1 und E2.

„Was stelle ich mir vor?“ umfasst Symbolbildung, E3, Vorgabebild, Eigenschaften und Identität.

„Was tue ich?“ umfasst technē, Gestaltung, Spaten, Wirtschaft, Politik und soziale Plastik.

„Was kommt zurück?“ umfasst Erfahrung, Differenz, Folgen, E4, Lernen und Reparatur.

Diese vier Fragen könnten die einfachste Eingangstür für Besucher bilden, während die differenzierten Begriffe dahinter als Forschungsapparat erhalten bleiben.

XXVIII. Noch fehlende Verbindungen

Trotz der weit fortgeschrittenen Architektur bestehen mehrere offene Forschungsstellen.

Die erste betrifft Zeit. Die 24-Stunden-Uhr, Lochprozesse, Erfahrung, Lernen und gesellschaftliche Beschleunigung verwenden alle Zeit, sind aber noch nicht vollständig in einem gemeinsamen Zeitmodell verbunden.

Die zweite betrifft Macht. Eigentum und 1:99 weisen bereits darauf hin, doch Macht müsste systematischer als Fähigkeit untersucht werden, Rückkopplung zu verhindern, Kosten auszulagern oder die Definition von Wirklichkeit zu kontrollieren.

Die dritte betrifft Institutionen. Zwischen individueller Skulpturidentität und planetarer Zerstörung liegen Organisationen, Unternehmen, Staaten, Verwaltungen, Wissenschaftssysteme und Märkte. Diese mittlere Ebene ist bisher weniger präzise ausgearbeitet.

Die vierte betrifft Emotion und Belohnung. Status, Anerkennung, Angst, Zugehörigkeit und Gewohnheit können erklären, warum Menschen an Vorstellungen festhalten, selbst wenn Gegenbelege existieren. Diese Dimension darf jedoch nicht vorschnell psychologisiert werden. Sie müsste innerhalb des eigenen Wirkungsmodells untersucht werden.

Die fünfte offene Stelle betrifft Messbarkeit. Wann kann gesagt werden, ein Prüfprozess habe tatsächlich zu besserer Rückkopplung geführt? Das So-Heits-Atelier benötigt dafür einfache Beobachtungskriterien, ohne zu einem sozialwissenschaftlichen Experiment im engen Sinn werden zu müssen.

Die sechste betrifft KI und epistemische Verantwortung. Es muss geklärt werden, wie KI Beiträge strukturieren darf, ohne eine neue Autorität zu bilden.

Die siebte betrifft die Globale Schwarm-Intelligenz. Noch ist nicht vollständig geklärt, wie Widerspruch, Minderheitenpositionen, Evidenz, Erfahrung und Korrektur technisch miteinander organisiert werden können, ohne daraus eine Mehrheitsmaschine zu machen.

Die achte offene Stelle betrifft die documenta selbst. Wenn die Bewerbung bereits Bestandteil der Verortungskunst ist, müsste systematisch dokumentiert werden, welche Handlungen seit der Bewerbung stattfinden. Damit würde aus der Behauptung „Die documenta hat für mich bereits begonnen“ tatsächlich eine nachvollziehbare künstlerische Methode.

XXIX. Vom Lebenswerk zum Forschungsinstrument

Aus der gesamten Entwicklung ergibt sich schließlich eine entscheidende Umdeutung des Lebenswerks.

Die mehr als fünf Jahrzehnte entstandenen Arbeiten sind nicht lediglich Vorarbeiten für eine heute formulierte Theorie.

Umgekehrt ist die heutige Theorie auch nicht bloß eine nachträgliche Erklärung früherer Kunst.

Zwischen beidem besteht Rückkopplung.

Die frühen Werke liefern Situationen, Bilder und Erfahrungen. Die heutigen Begriffe machen bestimmte Zusammenhänge darin sichtbar. Diese neuen Begriffe verändern wiederum die Art, wie die alten Werke gelesen und erneut eingesetzt werden können.

Das Archiv wird dadurch zu einer Art Materiallager einer langjährigen Forschung.

Genau hier liegt die Besonderheit des geplanten So-Heits-Ateliers auf der documenta 16.

Es müsste nicht vortäuschen, 2027 ein vollkommen neues Kunstprojekt zu beginnen.

Es könnte sichtbar machen, wie ein einzelner Werkprozess über mehr als fünf Jahrzehnte immer wieder an derselben Grundfrage gearbeitet hat, seine Werkzeuge verändert, seine eigenen Begriffe korrigiert und schließlich aus Bildern, Plastiken, Veranstaltungen, Erfahrungen, Archiven, Büchern, Tabellen, Folien, digitalen Netzen und KI einen öffentlichen Prüfapparat entwickelt hat.

XXX. Die gegenwärtige Forschungsposition

Am gegenwärtigen Punkt steht deshalb nicht eine abgeschlossene Weltanschauung.

Es steht ein Prüfapparat im Aufbau.

Sein stärkster Satz lautet nicht:

„So ist die Welt.“

Sondern:

„Wie können wir prüfen, ob unsere Vorstellung davon, wie die Welt ist, mit den Bedingungen übereinstimmt, von denen unser Handeln und unser Leben tatsächlich abhängen?“

Damit schließt sich der Kreis zum Ausgangspunkt von 1975.

Die ursprüngliche Frage lautete, warum ein wissender Mensch seine Existenzbedingungen zerstört.

Fünf Jahrzehnte später liegt eine mögliche Antwort nicht mehr in mangelndem Wissen allein.

Das Problem könnte vielmehr darin liegen, dass Wissen, Vorstellung, Identität, gesellschaftliche Geltung und Tätigkeit sich von ihren Rückkopplungsbedingungen trennen können.

Daraus ergibt sich zugleich die Aufgabe der Forschungskunst:

die unterbrochenen Gegenüberstellungen wiederherzustellen.

Nicht Menschen zu belehren, sondern ihnen ihre eigenen Vorstellungen gegenüberzustellen.

Nicht eine neue Wahrheit zu verkünden, sondern Unterschiede sichtbar zu machen.

Nicht eine ideale Gesellschaft zu entwerfen, sondern die hergestellte Gesellschaft als veränderbare Plastik zu behandeln.

Nicht Beteiligung als dekoratives Mitmachen zu organisieren, sondern Besucher zu Mitprüfenden zu machen.

Nicht KI zur letzten Antwortmaschine auszubauen, sondern sie zum Gegenüber und Differenzverstärker zu machen.

Nicht das Lebenswerk museal abzuschließen, sondern es als Werkzeugbestand erneut in Tätigkeit zu versetzen.

Unter dieser Perspektive ist Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes keine weitere Arbeit neben den früheren Arbeiten. Es ist der gegenwärtige Ort, an dem sie funktional zusammengeführt werden.

Und genau deshalb ist auch die documenta 16 nicht lediglich der mögliche Ausstellungsort eines bereits fertigen Projekts.

Sie wird selbst zum nächsten Material dieser Forschung.

Die Bewerbung gehört zum Werk.

Die Vorgeschichte der früheren documenta-Bewerbungen gehört zum Werk.

Die Entscheidung der Institution gehört zum Werkzusammenhang.

Kassel gehört als Ort dazu.

Die Besucher gehören dazu.

Das Mitmachbuch gehört dazu.

Die Tausend Tische gehören als historische Raumgrammatik dazu.

Die Globale Schwarm-Intelligenz erweitert den Raum digital.

Die KI fügt ein neues Gegenüber hinzu.

Und das eigene Lebenswerk wird nicht als Monument vor das Publikum gestellt, sondern als mehr als fünfzig Jahre entstandener, weiterhin korrigierbarer Forschungs- und Prüfprozess.

Damit erreicht die Entwicklung einen Punkt, an dem sich Werkgeschichte, Erkenntnisgeschichte und Zukunftsprojekt erstmals nahezu decken:

Die Forschungskunst untersucht die Bedingungen des menschlichen Formens, indem sie ihren eigenen Formungsprozess öffentlich zur Prüfung stellt.

Der nächste sinnvolle Arbeitsschritt wäre daraus nicht eine weitere allgemeine Verdichtung, sondern eine historische Entwicklungs-Matrix der Begriffe zu erstellen: für jeden Begriff Erstauftreten, frühere Bedeutung, Korrektur, heutige Definition, zugehöriges Werk und noch offene Prüfung. Das würde besonders bei 51:49, Lochprozess, Plastischem Ich, Plexuswirklichkeit und E1–E4 verhindern, dass verschiedene Entwicklungsstufen später wieder miteinander vermischt werden.

Rekonstruktion einer Forschungskunst

Von der Experimentellen Umweltgestaltung zum So-Heits-Atelier als öffentlicher Wirklichkeits- und Zivilisationsprüfung

Forschungsgrund und Werkgenese: Wie aus einer künstlerischen Lebensfrage eine Forschung entstand

Der Ausgangspunkt der Forschung liegt nicht in einer nachträglich entworfenen Theorie, sondern in einer Verbindung von biografischer Erfahrung, handwerklicher Ausbildung, künstlerischem Studium, Naturbeobachtung und der seit den 1970er-Jahren wiederkehrenden Frage, ob Kunst gesellschaftlich wirksam werden kann. Die Ausbildung im Maschinenbau vermittelte zunächst einen sehr konkreten Maßstab: Ein Werkstück muss passen, eine Verbindung muss halten, ein Werkzeug muss für eine bestimmte Verrichtung geeignet sein, und ein Fehler lässt sich nicht dadurch beseitigen, dass er anders beschrieben wird. Maß, Toleranz, Materialeigenschaft, Widerstand und Korrektur waren damit vorhanden, bevor daraus später ausdrückliche Begriffe der Forschungskunst entstanden. In späteren Werkfassungen wird diese Herkunft selbst als entscheidend bezeichnet: Ein Werk entsteht nicht aus einer souveränen Vorstellung allein, sondern im Verhältnis von Vorstellung, Material, Werkzeug, Tätigkeit, Widerstand, Zeit, Fehler, Korrektur und Wirkung.

Während des Kunststudiums verschob sich diese handwerkliche Erfahrung auf die Frage nach dem Menschen und der gesellschaftlichen Gestaltung. Die 1975 verwendete Bezeichnung Experimentelle Umweltgestaltung war dabei noch kein ausgearbeitetes theoretisches System. Sie markierte vielmehr die Forderung, künstlerische Arbeit nicht auf das Herstellen einzelner ästhetischer Gegenstände zu begrenzen. Umwelt bedeutete zunächst einen Zusammenhang, in dem der Mensch selbst lebt und tätig ist. Erst wesentlich später wurde deutlich, dass schon das Wort „Umwelt“ problematisch werden kann, wenn es den Eindruck erzeugt, ein fertiges Subjekt befinde sich im Zentrum und die Welt liege außen um dieses Subjekt herum. Der spätere Begriff der Plexuswirklichkeit entstand gerade aus der Korrektur dieses frühen Umweltbegriffs. Die Werkentwicklung zeigt daher keine lineare Entfaltung einer von Anfang an fertigen Theorie. Sie zeigt eine Folge von künstlerischen Versuchsanordnungen, in denen frühere Begriffe immer wieder gegen neue Erfahrungen geprüft und gegebenenfalls umgebaut wurden.

Aus dieser frühen Phase entwickelte sich die Grundfrage, die das gesamte Werk später zusammenhielt: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, lernen, wissen, gestalten und korrigieren kann? In den jüngsten documenta-Unterlagen wird diese Frage ausdrücklich als seit mehr als fünfzig Jahren bestehender Ausgangspunkt bezeichnet. Dort erscheint bereits die zentrale Paradoxie, dass technische Teilbereiche Fehler außerordentlich präzise korrigieren können, während gleichzeitig ein gemeinsamer Maßstab für die Tragfähigkeit gesellschaftlicher Gesamtentwicklung fehlt. Historisch belegbar ist hier zunächst die Kontinuität der Fragestellung in den vorhandenen Werk- und Bewerbungsunterlagen. Die weitergehende These, dass diese Paradoxie durch eine bestimmte anthropologische Fehlkonstruktion oder Skulpturidentität erzeugt werde, gehört dagegen zur später entwickelten Forschungskunst und ist als Hypothese zu prüfen.

Die frühen bildnerischen, plastischen und partizipatorischen Arbeiten entwickelten diese Frage zunächst nicht sprachlich, sondern praktisch. Strömungsmodelle, Deichuntersuchungen, Malbücher, Vorgabebilder und Formen der Rezeptionskunst führten dazu, dass das fertige Werk zunehmend geöffnet wurde. Der Betrachter sollte nicht lediglich interpretieren, sondern selbst tätig werden. Diese Entwicklung wird in den vorhandenen Werkfassungen ausdrücklich als Übergang vom Betrachter zum Beteiligten beschrieben. Schon darin liegt die spätere Grundstruktur des Mitmachbuches: Eine Vorgabe wird nicht als endgültiges Bild präsentiert, sondern als Anlass zu Veränderung, Gegenüberstellung und Rückmeldung.

Mit den Demokratiewerkstätten, den Grenzarbeiten, der Zukunftswerkstatt, der Kollektiven Kreativität und dem Globalen Dorffest verschob sich der Werkbegriff anschließend vom einzelnen Objekt auf soziale und öffentliche Versuchsanordnungen. Das Globale Dorffest mit den Tausend Tapeziertischen vor dem Brandenburger Tor stellte 1993 nicht nur eine große Beteiligungsaktion dar. Die Tische wurden zu einer räumlichen Struktur des Gegenübertretens, Fragens, Antwortens und Mitteilens. Das einzelne künstlerische Urheberzentrum wurde dadurch relativiert. Unterschiedliche Menschen sollten ihre eigenen Erfahrungen und Fähigkeiten einbringen und innerhalb eines gemeinsamen Zusammenhangs sichtbar machen. In späteren Unterlagen wird dieser Vorgang als Entstehung einer integrativ-sozialen Skulptur und als Programm globaler Verantwortlichkeit beschrieben. Die spätere Globale Schwarm-Intelligenz besitzt damit eine analoge Vorgeschichte: Was später digital miteinander verbunden werden soll, wurde zuvor als körperliche und räumliche Anordnung von Menschen, Tischen, Fragen und Antworten erprobt.

Die documenta-Bewerbungen wurden innerhalb dieser Entwicklung zu wiederkehrenden institutionellen Prüfstellen. Die Bewerbung zur documenta X von 1996 formulierte bereits ein neues Verhältnis zwischen Kunst und Naturwissenschaften. Ein hunderttägiges Labor sollte Ereignis und Reflexion verbinden, unterschiedliche Erkenntnisse aufnehmen und sie in einem veränderbaren sozialen Raum praktisch erproben. Der Besucher sollte nicht außerhalb bleiben, sondern durch seine Mitwirkung Bestandteil einer sich fortwährend verändernden Informations- und Sozialstruktur werden. Damit war eine Grundfigur der späteren Forschungskunst vorhanden: Nicht die Fachwissenschaft soll abgeschafft werden, sondern ihre Erkenntnisse sollen in einen gemeinsamen Wirkungszusammenhang zurückgeführt werden.

In den folgenden documenta-Konzepten wurde diese Linie weiterentwickelt. Die Gebärmutter, das Entelechie-Museum, das Partizipatorische Welttheater und der Astronaut verschoben die Fragestellung auf Geburt, Selbstverständnis, Rolle, technische Abschirmung und die Differenz zwischen scheinbarer Autonomie und tatsächlicher Abhängigkeit. Die Bewerbung zur documenta 14 formulierte schließlich ausdrücklich ein „Mitmach-Konzept zur globalen Handlungsverantwortlichkeit“ und wollte den Ausstellungsraum in eine begehbare Werkstatt verwandeln. Aus heutiger Sicht wird sichtbar, dass diese Bewerbungen nicht einfach verschiedene Projekte waren. Sie dokumentieren die schrittweise Verschiebung vom erweiterten Kunstwerk über Partizipation und kollektive Kreativität zur heutigen öffentlichen Überzeugungs- und Tätigkeitsprüfung.

Vom Umweltbegriff zur Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit

Die wichtigste erkenntnistheoretische Entwicklung des neueren Forschungsprozesses bestand in der Frage, was überhaupt mit „Wirklichkeit“ gemeint ist. Frühe Formulierungen verwendeten Umwelt, Natur, Realität, System oder Ganzheit teilweise noch nebeneinander. Im weiteren Verlauf entstand zunehmend die Notwendigkeit, zwischen einer vorausliegenden Wirklichkeit und den menschlichen Beschreibungen dieser Wirklichkeit zu unterscheiden. Daraus entwickelte sich zunächst der Begriff der Tragwirklichkeit. Er sollte jene Bedingungen bezeichnen, die nicht deshalb gelten, weil Menschen sie vereinbart haben, sondern an denen menschliche Tätigkeiten tatsächlich tragen oder scheitern. Ein Deich, ein Körper, ein Werkzeug oder eine Brücke kann in diesem Sinne nicht durch gesellschaftliche Zustimmung tragfähig werden. In den späteren Werkankern wurde Tragwirklichkeit deshalb zum Gegenbegriff einer nur symbolisch oder institutionell geltenden Realität.

Dieser Begriff wurde anschließend durch die Plexuswirklichkeit erweitert. Tragwirklichkeit konnte noch zu stark nach einem festen Untergrund klingen. Plexuswirklichkeit bezeichnet dagegen ein Geflecht von Beziehungen, in dem keine isolierten Dinge zuerst existieren und anschließend Beziehungen aufnehmen. Ein Organismus entsteht bereits in Wasser, Atmosphäre, Temperatur, Stoffwechsel, Gravitation, Mikroorganismen und anderen Lebenszusammenhängen. Der Mensch ist deshalb nicht ein fertiges Subjekt, das einer äußeren Welt gegenübersteht. Er ist eine zeitweilige Verdichtung innerhalb eines vorausliegenden Wirkungsgefüges. Die neuere Forschung nach den hineingedachten Eigenschaften formuliert diesen Punkt ausdrücklich: Ausgangspunkt der Plexuswirklichkeit ist nicht das Ding, sondern die Beziehung; Eigenschaften werden aus einem Wirkungszusammenhang herausselektiert und können anschließend den Anschein gewinnen, dem ausgewählten Gegenstand aus sich selbst zuzukommen.

Damit wurde auch die frühere Innen-Außen-Grammatik problematisch. Der Mensch kann sich methodisch einem Gegenstand gegenüberstellen, aber er kann sich nicht ontologisch außerhalb jener Wirklichkeit positionieren, zu der sein eigener Organismus gehört. Aus dieser Korrektur entstand die Vorstellung des Plexusraumes. Der So-Heits-Raum bezeichnet deshalb in der jüngsten Entwicklung nicht einfach eine Halle auf der documenta. Er bezeichnet den umfassenden Zusammenhang, den der Besucher gar nicht verlassen kann. Der documenta-Raum kann nur eine künstliche Membran innerhalb dieses größeren Plexus bilden. Diese Unterscheidung führte zu der prägnanten Formulierung, dass man das So-Heits-Atelier verlassen kann, nicht aber den So-Heits-Raum.

Wissenschaftlich beziehungsweise empirisch belegbar sind dabei die einzelnen Abhängigkeiten des menschlichen Organismus von Stoffwechsel, Atmosphäre, Temperatur und anderen Lebensbedingungen. Die Bezeichnung dieses Gesamtzusammenhangs als Plexuswirklichkeit ist dagegen ein eigener Forschungsbegriff. Er beansprucht nicht, eine neue naturwissenschaftliche Entdeckung zu sein. Seine methodische Funktion besteht darin, Kenntnisse, die in verschiedenen Fachbereichen getrennt vorliegen, wieder als zusammenhängende Trag- und Wirkungsbeziehungen lesbar zu machen. Offen bleibt dabei, wie weit der Plexusbegriff präzise operationalisiert werden kann, ohne selbst zu einer universellen Metapher zu werden. Diese Gefahr muss innerhalb des eigenen Prüfverfahrens ausdrücklich erhalten bleiben.

Gegenüberstellung, Lernen und die Entstehung des Prüfoperators

Ein zweiter großer Entwicklungsschritt betraf den Begriff des Lernens. Frühere Arbeiten hatten bereits Gegenüberstellungen benutzt: Wunsch und Realität, Vorgabebild und Veränderung, Rolle und Darsteller, Deich und Wasser, Mensch und technische Hülle. Erst später wurde deutlich, dass Gegenüberstellung selbst ein grundlegender Lernoperator sein könnte. Lernen benötigt eine Differenz, an der etwas zurückgemeldet werden kann. Wenn Vorstellung und Ergebnis vollständig identisch gesetzt werden, ist keine Korrektur möglich. Das künstlerische Arbeiten hatte diese Differenz von Beginn an enthalten: Eine Vorstellung begegnet Material; das Material antwortet; das entstehende Werk verändert wiederum die Vorstellung des Künstlers.

Daraus entwickelte sich die Einsicht, dass der Mensch einerseits nicht außerhalb der Wirklichkeit stehen kann, andererseits aber eine methodische Distanz benötigt, um etwas vergleichen zu können. Die Gegenüberstellung wurde deshalb nicht mehr als metaphysische Trennung von Subjekt und Objekt verstanden, sondern als vorläufige Arbeitsoperation innerhalb einer gemeinsamen Wirklichkeit. Genau hier liegt eine wichtige begriffliche Korrektur. Die Forschungskunst kritisiert nicht jede Unterscheidung von Subjekt und Objekt als sinnlos. Sie kritisiert den Übergang von einer methodischen Gegenüberstellung zu der Annahme zweier voneinander unabhängiger Wirklichkeitsbereiche.

Diese Entwicklung führte zum Prüfoperator. Ein Mechanismus wirkt im üblichen Sinn relativ bestimmt nach einer bestimmten Funktionsordnung. Ein Prüfoperator ist offener. Er erzeugt eine Gegenüberstellung und fragt, ob eine angenommene Beziehung trägt. Damit entstand eine grundlegende Verschiebung der Forschung: Nicht mehr die Suche nach einem einzigen „Weltmechanismus“ stand im Mittelpunkt, sondern die Konstruktion von Verfahren, mit denen unterschiedliche Wirklichkeitsbehauptungen geprüft werden können.

Die Zielprojektion dieses Lernbegriffs ist der Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit. Der Besucher soll nicht belehrt werden, sondern eine Distanz zu seinen eigenen Begriffen, Rollen und Überzeugungen herstellen können. In den documenta-Unterlagen wird er deshalb ausdrücklich nicht als Prüfling einer fertigen Lehre, sondern als Mitprüfender beschrieben. Nichtwissen bleibt dabei sichtbar; es soll nicht beseitigt oder durch eine Scheingewissheit geschlossen werden, sondern vorsichtigere Versuche, Beobachtung, Rückkopplung und Reparatur auslösen.

Erfahrung, Rückkopplung und die begriffliche Störung des Lernens

Die Untersuchung des Wortes Erfahrung führte zu einer weiteren wichtigen Verschiebung. Sprachgeschichtlich verweist „erfahren“ auf ältere Bedeutungen des Durchfahrens, Durchziehens, Erkundens und Kennenlernens; „Erfahrung“ bezeichnete unter anderem Durchwanderung und Erforschung. Für die Forschungskunst war daran interessant, dass Erfahrung ursprünglich stärker als Vorgang lesbar wird, während der heutige Sprachgebrauch Erfahrung häufig wie einen Besitz behandelt: Jemand „hat“ Erfahrung.

Aus dieser Beobachtung entwickelte sich keine etymologische Beweisführung, sondern eine methodische Frage: Wann wird ein Prozess in eine Eigenschaft oder einen Besitz umgedeutet? Eine durchlaufene Erfahrung kann zu einer fixierten Selbstbeschreibung werden. „Ich habe Erfahrung“ kann schließlich zu „Ich bin erfahren“ und damit zu einer Identitätszuschreibung führen. Dasselbe Problem wurde bei Wahrnehmung und Erkenntnis verfolgt. Wahrnehmung kann einen sinnlichen Vorgang bezeichnen, aber ebenso eine bereits interpretierte „Wahrnehmung der Lage“. Erkenntnis kann Unterscheidung und Prüfung bedeuten, aber auch ein feststehendes Ergebnis. Damit entstand die Hypothese einer begrifflichen Rückkopplungsstörung: Der Mensch bildet notwendige Begriffe zur Orientierung, vergisst aber ihren Entstehungsprozess und behandelt sie anschließend als unmittelbare Wirklichkeit.

Hier verbindet sich Erfahrung mit dem Lochprozess. Zwischen eintretender Veränderung und begrifflicher Verarbeitung kann ein Rückkopplungsloch entstehen. Ein Organismus reagiert auf Hitze, Nahrungsmangel oder Verletzung unmittelbar. Ein gesellschaftliches System kann dieselbe Rückmeldung dagegen durch Recht, Preis, Status, institutionelle Zuständigkeit oder Ideologie umcodieren. Wahrnehmen, Erkennen, Akzeptieren und Tätigkeitskorrektur sind deshalb nicht identisch. Ein Mensch kann eine Folge wahrnehmen, ohne ihren Zusammenhang zu erkennen; er kann sie erkennen, ohne sie zu akzeptieren; er kann sie akzeptieren, ohne seine Tätigkeit zu verändern. E4 entwickelte sich gerade als Antwort auf diese Unterbrechungen.

Plastik, Skulpturalisierung und die Entwicklung des Menschenbildes

Aus der bildhauerischen Herkunft entwickelte sich im Laufe der Forschung eine grundlegende Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur. In der klassischen handwerklichen Differenz kann Plastik stärker als aufbauendes, modellierendes und veränderndes Verfahren verstanden werden, Skulptur stärker als Herausarbeiten und Fixieren einer Form. Diese handwerkliche Differenz wurde später auf das Menschenbild übertragen, allerdings ausdrücklich als Begriff der Forschungskunst und nicht als kunsthistorisch zwingende Definition.

Das plastische Ich bezeichnet einen Menschen, der sich nicht als fertige Substanz besitzt, sondern innerhalb von Stoffwechsel, Abhängigkeit, Verletzbarkeit, Lernen und Rückkopplung fortwährend verändert. Die Skulpturidentität bezeichnet demgegenüber die Tendenz, eine vorläufige gesellschaftliche oder begriffliche Form so zu behandeln, als sei sie eine unveränderliche Eigenschaft des Menschen. Beruf, Status, Eigentümerrolle, Nation, religiöse oder politische Identität können dann von einer vorläufigen sozialen Zuschreibung zu einem scheinbaren „So bin ich“ werden.

Damit entstand später eine weitere Differenzierung zwischen Kopplungs-Ich, Geltungs-Ich und Skulpturidentität. Die ursprüngliche Gegenüberstellung lebendiger Körper gegen gesellschaftliche Rolle war noch zu grob. Gesellschaftliche Rollen sind nicht bloß illusionär; sie sind real wirksam. Das Problem liegt vielmehr in ihrem Wirklichkeitsmodus. Sie existieren durch Zuerkennung, Regel, Erwartung und institutionelle Wiederholung, nicht in derselben Weise wie Masse, Temperatur oder Stoffwechsel. Diese Korrektur war wesentlich, weil sie verhinderte, sämtliche symbolische Wirklichkeit einfach als falsch abzuwerten.

Aus der plastischen Identität entstand schließlich das Tragbewusstsein. Das Ich sollte nicht länger als Besitzer seiner selbst verstanden werden, sondern als leiblich, stoffwechselhaft, symbolisch und öffentlich getragenes Referenzsystem. In späteren Werkfassungen wird diese Unterscheidung ausdrücklich als Kern der Plastischen Anthropologie formuliert. Die weitergehende These, dass viele moderne Gesellschaftsformen aus einer „skulpturalen Menschenfigur“ hervorgehen, ist dagegen eine Forschungshypothese und muss im internationalen Vergleich noch wesentlich genauer gegen andere anthropologische und gesellschaftstheoretische Ansätze geprüft werden.

51:49, 50:50 und 1:99: vom Formexperiment zum Verhältnisoperator

Die Zahl 51:49 entstand nicht als statistisches Naturgesetz, sondern aus einer langjährigen künstlerischen Beschäftigung mit Asymmetrie, Bewegung und Form. Im Forschungsprozess wurde sie zunehmend als Minimalasymmetrie interpretiert, durch die eine Bewegung gegenüber einer vollständig gedachten 50:50-Symmetrie möglich wird. Daraus entstand die Kritik am 50:50-Symmetriedualismus: Der Mensch neige dazu, Beziehungen als starre Gegensätze zu denken und dadurch Bewegungs- und Übergangszonen zu verlieren.

Diese These wurde mehrfach korrigiert. Historisch kann griechische symmetria nicht einfach mit einer modernen 50:50-Spiegelgleichheit identifiziert werden. In den neueren Unterlagen wird ausdrücklich festgehalten, dass symmetria ein Zusammenmaß oder angemessenes Verhältnis bezeichnet und nicht ausschließlich mathematische Spiegelgleichheit. Damit musste die frühere Vorstellung eines unmittelbaren historischen Ursprungs des 50:50-Denkens relativiert werden. 51:49 bleibt ein künstlerischer Prüf- und Vergleichsoperator, kein naturwissenschaftlich nachgewiesenes universelles Gesetz.

Aus derselben Verhältnisforschung entwickelte sich die 1:99-Drift. Sie beschreibt eine mögliche gesellschaftliche Entwicklung, bei der Verfügungsmacht und Folgenbetroffenheit immer stärker auseinanderfallen. Auch hier handelt es sich nicht um eine empirisch feststehende allgemeine Zahlenrelation, sondern um ein zugespitztes künstlerisches Modell. Seine stärkere, überprüfbare Form lautet: Je weiter Entscheidungs- und Verfügungsmacht von der Betroffenheit durch die Folgen getrennt werden, desto schwächer kann die korrigierende Rückkopplung werden. Damit wird 1:99 mit Eigentum, Finanzmacht, Status und gesellschaftlicher Verantwortungsverteilung verbunden, ohne behaupten zu müssen, jede Gesellschaft sei buchstäblich nach diesem Zahlenverhältnis organisiert.

Die drei Begriffe 51:49, 50:50 und 1:99 gehören deshalb heute nicht mehr als kosmologische Behauptungen, sondern als Verhältnis- und Prüfmodelle in das So-Heits-Atelier. Offen bleibt, wie stark sie für Besucher vereinfacht werden müssen, damit die Zahlensymbolik nicht den eigentlichen relationalen Gedanken verdeckt.

Symbol, Eigenschaft und die Entdeckung der hineingedachten Wirklichkeit

Ein wesentlicher neuer Forschungsstrang entstand aus der Frage, was eine Eigenschaft eigentlich ist. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass sehr unterschiedliche Aussagen dieselbe grammatische Form annehmen können. Ein Metall ist schwer, ein Eis trägt eine bestimmte Belastung, ein Grundstück „ist mein“, ein Gegenstand „ist wertvoll“, ein Mensch „ist frei“. Die grammatische Form lässt diese Aussagen zunächst ähnlich erscheinen, obwohl sie unterschiedliche Wirklichkeitsweisen bezeichnen.

Daraus entwickelte sich der Begriff der hineingedachten Eigenschaft. Zunächst wurde zugespitzt formuliert, solche Eigenschaften „existierten nicht“. Diese Formulierung wurde später korrigiert. Gesellschaftliche Zuschreibungen existieren sehr wohl als Regeln, Erwartungen, Institutionen und Handlungsordnungen und können gewaltige reale Folgen erzeugen. Was nicht gilt, ist die Gleichsetzung ihrer Existenzweise mit materiellen oder biologischen Eigenschaften. Eigentum ist keine molekulare Eigenschaft eines Bodens; gesellschaftliche Eigentumsordnung kann aber bestimmen, wer ihn betritt, bebaut, verkauft oder zerstört.

Aus dieser Korrektur entstand die präzisere Figur des Eigenschaftsduplikats. Eine gesellschaftliche Zuschreibung übernimmt die sprachliche Form einer vorgefundenen Eigenschaft und kann dadurch den Eindruck erwecken, sie gehöre dem Gegenstand selbst an. Das Problem ist nicht die Zuschreibung an sich. Problematisch wird sie, wenn der Übergang von Beziehung und Zuerkennung zu scheinbarer Eigenbeschaffenheit unsichtbar wird.

Diese Forschung verbindet sich mit dem Symbolbegriff. Auch das Symbol wurde im Verlauf verändert. Es ist nicht einfach „unwirklich“. Es stellt eine vermittelnde Ebene derselben Wirklichkeit dar. Geld, Eigentum, Religion, Rolle oder Gesetz sind keine physikalischen Eigenschaften und dennoch real wirksam, weil Menschen nach ihnen handeln. Die dritte Ebene des Vier-Ebenen-Modells entstand genau aus dieser notwendigen Differenzierung. E3 ist nicht die „falsche Welt“, sondern die symbolische und gesellschaftliche Wirklichkeitsweise, die gefährlich wird, wenn sie sich gegenüber E1 und E2 verselbständigt.

Lochprozess: von der Lücke zum allgemeinen Grenz- und Rückkopplungsoperator

Der Begriff der Lücke war zunächst eng mit Nichtwissen, Differenz und dem Abstand zwischen Vorstellung und Wirklichkeit verbunden. Im Werkprozess wurde die Lücke nicht nur als Mangel verstanden, sondern als notwendiger Entstehungs- und Prüfbereich. Eine Vorstellung ist noch nicht ihre Wirkung; ein Modell ist nicht der modellierte Vorgang; ein Bild ist nicht das Abgebildete. Gerade diese Differenz macht Lernen möglich.

Aus der Lücke entwickelte sich der umfassendere Begriff des Lochprozesses. Ein Loch wurde nun nicht länger als statischer fehlender Teil verstanden, sondern als zeitlicher Vorgang einer Öffnung, Unterbrechung oder Grenzveränderung innerhalb eines bestehenden Zusammenhangs. Entscheidend wurde die Frage, was nach der Öffnung geschieht und ob der neue Zusammenhang tragfähig bleibt. Damit konnte zwischen Erkenntnisloch, Verletzungsloch und tragfähiger Öffnung unterschieden werden.

Die Membran wurde zum zentralen Gegenmodell. Eine lebendige Membran kann weder vollständig geschlossen noch vollständig offen sein. Ihre Funktion besteht in regulierter Durchlässigkeit. Diese biologische Tatsache ist empirisch beschreibbar. Die Übertragung auf Erkenntnis, Gesellschaft und Begriffssysteme ist dagegen ein künstlerischer Vergleichsoperator. Die Forschungshypothese lautet, dass auch begriffliche und gesellschaftliche Grenzen tragfähiger werden, wenn sie Rückkopplung zulassen, und gefährlicher, wenn sie sich vollständig gegen widersprechende Erfahrungen abschließen.

Der Lochprozess wurde anschließend auf zahlreiche andere Bereiche ausgedehnt. Die Dingselektion wurde zum epistemischen Loch, weil ein Ausschnitt aus einem größeren Zusammenhang herausgelöst wird. Das Eigentum konnte ein Eigenschaftsloch erzeugen, wenn eine gesetzte Grenze mit einer materiellen Grenze verwechselt wird. Die Fachdisziplin konnte ein Zuständigkeitsloch erzeugen, wenn eine Tätigkeitsfolge den Bereich einer Wissenschaft verlässt und keine andere Instanz den Gesamtzusammenhang übernimmt. Das Zeitloch entstand dort, wo die Vorgeschichte eines Zustandes oder seine zukünftigen Folgen nicht mehr gleichzeitig sichtbar sind. Das Geschichtsloch bezeichnete die Verwechslung von „Es ist so“ mit „Es ist so geworden“. Das Rückkopplungsloch beschreibt den Punkt, an dem eine eingetretene Konsequenz die ursprüngliche Vorstellung nicht mehr korrigiert.

Diese Ausdehnung macht den Lochprozess zugleich stark und gefährlich. Er kann sehr unterschiedliche Unterbrechungen unter einem gemeinsamen Bild erfassbar machen. Gleichzeitig droht er zu einem Universalbegriff zu werden, der jede Differenz nur noch „Loch“ nennt. Eine der offenen Aufgaben besteht deshalb darin, die verschiedenen Locharten auf wenige präzise Grundoperationen zurückzuführen: Auswahl, Grenzsetzung, Unterbrechung, Verlust von Beziehung und fehlende Rückkopplung.

Ereignishorizont und Tätigkeitskonsequenz

Aus dem Lochprozess entstand die Notwendigkeit, Zeit genauer einzubeziehen. Der Ereignishorizont wurde dabei ausdrücklich nicht als Übernahme des astrophysikalischen Begriffs verstanden. Er wurde zu einer künstlerischen Bezeichnung für jene zeitliche Schwelle, an der eine Möglichkeit in eine tatsächliche Veränderung übergeht. Vor einer Tätigkeit bestehen unterschiedliche Möglichkeiten. Im Augenblick des Eingriffs verändert sich der Zustand und damit auch der zukünftige Möglichkeitsraum.

Das einfachste Bild dafür wurde die Kugelschreiberspitze. Hinter ihr liegt das bereits Geschriebene, an ihrer Spitze findet der Vorgang statt, vor ihr liegt eine noch offene Möglichkeit. Daraus entwickelte sich der Satz, dass Zukunft im Lochprozess des Augenblicks entsteht. Auch der Ereignishorizont des Bewusstwerdens wurde daraus abgeleitet: Ein Gedanke oder Wort tritt aus nicht vollständig bewusst zugänglichen Prozessen hervor und wird anschließend vom Menschen als „mein Gedanke“ oder „meine Aussage“ identifiziert. Diese Überlegung ist eine Forschungshypothese; sie darf nicht als neurobiologische Theorie ausgegeben werden.

Parallel dazu wurde der Begriff der Tätigkeitskonsequenz präzisiert. Die Spatenfolie spielte dabei eine Schlüsselrolle. Der Spaten zeigt, dass die Folge einer Handlung nicht erst am Endpunkt entsteht. Interesse, Entscheidung, Werkzeugwahl, Griff, Kraftübertragung, Materialkontakt und Widerstand gehören bereits zum Vorgang. Die Konsequenz entsteht aus dem Zusammentreffen von Tätigkeit, Material, Ort, Zeitpunkt und vorausliegendem Zusammenhang.

Damit wurde Tätigkeitskonsequenz zu einem zentralen Bindeglied zwischen den Ebenen. Eine gesellschaftliche Setzung auf E3 kann eine Tätigkeit auslösen, die über ein Werkzeug in E1 eingreift und in E2 lebendige Folgen erzeugt. E4 fragt anschließend, ob diese Folge in die ursprüngliche Vorstellung zurückgeführt wird. Diese Struktur ist inzwischen einer der stärksten vereinheitlichenden Operatoren des gesamten Forschungsansatzes.

Das Vier-Ebenen-Modell: vom Wirklichkeitsproblem zur Prüfarchitektur

Das Vier-Ebenen-Modell entstand aus der Notwendigkeit, unterschiedliche Wirklichkeitsweisen auseinanderzuhalten, ohne sie wieder in getrennte Welten zu zerlegen. E1 bezeichnet die physikalisch-materielle Wirklichkeit von Stoff, Kraft, Widerstand, Temperatur, Belastung und Bruch. E2 bezeichnet die lebendige, organismische Wirklichkeit von Stoffwechsel, Abhängigkeit, Verletzbarkeit, Regeneration und plastischer Selbstveränderung. E3 bezeichnet die symbolischen, sprachlichen, rechtlichen und gesellschaftlichen Geltungsformen. E4 bezeichnet die Rückführung, Prüfung, Korrektur und Reparatur zwischen diesen Ebenen. Diese Fassung ist in den jüngeren Werkunterlagen ausdrücklich festgehalten.

Das Modell hat sich mehrfach verändert. Frühere Fassungen drohten, E3 als bloße Scheinwelt und E1/E2 als alleinige „wirkliche“ Welt zu behandeln. Diese Vereinfachung wurde korrigiert. E3 ist eine reale gesellschaftliche Wirkungsweise. Ein Eigentumstitel, ein Gesetz oder eine Währung besitzt keine biologische oder stoffliche Eigenschaft, kann aber Tätigkeiten organisieren, die sehr reale Folgen haben. Die Aufgabe liegt deshalb nicht darin, E3 abzuschaffen, sondern ihren Wirklichkeitsmodus kenntlich und rückkopplungsfähig zu halten.

Auch E4 wurde weiterentwickelt. Zunächst erschien es als Kontroll- oder Reparaturebene. Später wurde deutlicher, dass E4 nicht über den anderen Ebenen als neue Wahrheitsinstanz stehen darf. Es bezeichnet vielmehr den Vorgang, in dem die verschiedenen Ebenen wieder aneinander geprüft werden. Deshalb ist E4 heute am besten als Kalibrierungs- und Rückkopplungsebene zu verstehen. Auch E4 selbst muss korrigierbar bleiben.

Offen bleibt, ob das Vier-Ebenen-Modell für sämtliche Fragestellungen ausreichend ist. Insbesondere die Übergänge zwischen E1 und E2 sowie zwischen individueller und institutioneller E3-Wirklichkeit benötigen noch weitere Präzision. Ebenso muss verhindert werden, dass das Modell selbst genau jene starre Schichtung erzeugt, die die Plexuswirklichkeit eigentlich überwinden soll.

Begriffshandwerk, Werkzeug und Prüfanker

Die jüngste Entwicklung führte von der allgemeinen Rede über Denkwerkzeuge zu einer wesentlich strengeren Frage: Wann verdient ein Begriff überhaupt den Namen Werkzeug? Die Untersuchung des Wortes Werkzeug und die handwerkliche Herkunft machten deutlich, dass ein reales Werkzeug eine konkrete Verrichtung ermöglicht und sich gegenüber einem Widerstand bewähren muss. Ein Denkwerkzeug dürfte deshalb nicht bloß eine beliebige Metapher sein. Es müsste angeben können, was damit getan wird, woran sein Funktionieren erkannt wird, wo seine Grenzen liegen und wodurch ein Fehler zurückgemeldet werden kann.

Daraus entstand das Begriffshandwerk. Begriffe werden nun nicht nur auf ihre Definition geprüft, sondern auf ihre Herstellung, Herkunft, Anwendungsweise und Tätigkeitsfolgen. Ein Begriff kann etwas ausschneiden, gegenüberstellen, verbinden, fixieren oder überlagern. Diese Operationen wurden mit bildnerischen und handwerklichen Verfahren parallelisiert. Ausschneiden erzeugt einen Ausschnitt; Nebeneinanderlegen erzeugt eine Gegenüberstellung; Überlagern erzeugt eine Zuschreibung; Durchstreichen macht Korrektur sichtbar. Im Mitmachbuch werden diese Operationen ausdrücklich materiell durchgeführt.

Der Prüfanker des Begriffshandwerks verdichtet diese Entwicklung. Er soll keine neue Lehre sein, sondern eine wiederholbare Prüfform. Der bisherige Ablauf verbindet Frage, Auswahl, Unterscheidung, Gegenüberstellung, Benennung, Zuschreibung, Tätigkeit, Konsequenz, Rückmeldung, Zweifel und Korrektur. In den neueren Materialien wird gerade diese Abfolge als verbindender Ablauf von Begriffshandwerk, Lochprozess, Membran, Vier-Ebenen-Modell, Tausend Tischen, KI und Archiv beschrieben.

Aus der Werkzeugkritik entstand dabei einer der schärfsten Sätze der gesamten Forschung: Ein Werkzeug muss scheitern dürfen. Ein Werkzeug, das von seinem Scheitern nicht korrigiert werden kann, verliert seinen Werkzeugcharakter. Daraus ergibt sich die Unterscheidung zwischen Werkzeug und Wirklichkeitssurrogat. Das Werkzeug lässt sich von der Wirklichkeit korrigieren; das Wirklichkeitssurrogat versucht, widersprechende Wirklichkeit so umzudeuten, dass seine eigene Form erhalten bleibt. Genau hier verbindet sich Begriffshandwerk mit Skulpturidentität, Ideologiekritik und E4.

Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche als Kalibrierungsmaterial

Die sprachgeschichtlichen Untersuchungen entstanden zunächst aus einzelnen Wortfragen und entwickelten sich zu einem größeren Vergleichsraum. Dabei wurde mehrfach klargestellt, dass Etymologie keine Ontologie beweist. Die frühere Bedeutung eines Wortes legt nicht fest, was der Begriff heute einzig „wirklich“ bedeuten muss. Sprachgeschichte kann aber sichtbar machen, welche früheren Tätigkeits- und Beziehungsanteile in einem heutigen Begriff verschwunden oder verschoben worden sind. Genau diese methodische Begrenzung wird in den documenta-Anlagen ausdrücklich festgehalten.

Die griechische Achse brachte physis, technē, metron, peras, symmetria, ergon, organon, koinonia, polis, paideia und idiōtēs in die Untersuchung ein. Entscheidend war dabei nicht die Behauptung einer verlorenen vollkommenen griechischen Ganzheitskultur. Diese Vorstellung wurde zunehmend korrigiert. Auch die Antike kannte Differenzierung, Herrschaft und Ausschluss. Relevant blieb vielmehr die Möglichkeit, natürliches Entstehen, menschliches Herstellen, Können, Maß und gesellschaftliche Setzung sprachlich deutlicher voneinander zu unterscheiden. In den neueren Unterlagen wird technē als Kunstfertigkeit, Handwerk und begründbares Hervorbringen beschrieben; metron bezeichnet Maß, symmetria ein angemessenes Verhältnis, ergon Werk oder Tätigkeit und koinonia Gemeinschaft beziehungsweise Teilhabe.

Auch die jüngste Diskussion um theōria und praxis gehört in diese Korrekturbewegung. Die zunächst erinnerte Gleichsetzung von Praxis mit Theater und Maske musste zurückgenommen werden. Theōria besitzt tatsächlich eine historische Nähe zum Schauen und Betrachten; praxis bezeichnet jedoch das Tun und Handeln und ist nicht aus der Theatermaske abzuleiten. Die Theaterlinie gehört vielmehr zur persona und zur Rolle. Gerade diese Korrektur stärkt die Forschung, weil sie zwischen Zuschauen, Handeln, Hervorbringen und Rolle unterscheiden kann, statt sie etymologisch künstlich miteinander zu verschmelzen.

Die römisch-lateinische Achse wurde anschließend mit Begriffen wie persona, proprietas, res, forma, substantia, lex, contractus, societas und sculptura untersucht. In neueren Forschungsfassungen wird daraus die Hypothese einer langfristigen Verschiebung hin zu Person, Eigentum, Sache, Vertrag und fixierter Form entwickelt. Diese historische Großthese ist jedoch deutlich von den belegbaren Wortgeschichten zu unterscheiden. Dass bestimmte Wörter und Rechtsbegriffe existieren, ist historisch belegbar. Dass aus ihnen eine einheitliche „skulpturale Zivilisation“ entstanden sei, bleibt eine interpretative Forschungshypothese.

Die deutsche Achse brachte Werk, Wirken, Wirklichkeit, Bewirken, Verwirken, tragen, ertragen, vertragen, tragbar und untragbar in Beziehung. Daraus wurde der Gedanke entwickelt, dass Wirklichkeit nicht nur Bestand, sondern Wirkung, Folge und Tragfähigkeit bezeichnet. Auch hier gilt: Die Wortverwandtschaft liefert Vergleichsmaterial, nicht den Beweis einer metaphysischen Wahrheit.

Künstlerische Prüfobjekte als materielle Forschungsgeschichte

Die künstlerischen Objekte erhalten innerhalb des inzwischen entstandenen Systems einen neuen Status. Sie sind keine nachträglichen Illustrationen einer Theorie, sondern historische Vorläufer der heutigen Prüfoperatoren. Das Wellenbecken zeigt, wie ein lokaler Eingriff sich innerhalb eines gemeinsamen Mediums fortsetzt. Der Deich verbindet Grenze, Belastung, Schwachstelle, Zeit und Bruch. Die Tasse der Realität konfrontiert Wunschform und Gebrauchsfähigkeit. „Auto und Umwelt“ zeigt, dass eine vorgestellte Konstruktion an Bewegung, Gewicht, Verbindung und Funktion geprüft werden kann. Der Spaten führt Hand, Werkzeug, Kraftübertragung, Boden und Tätigkeitsfolge in einem einzigen Vorgang zusammen. Diese Funktion der Objekte als materielle Gegenüber ist in den neueren Werkfassungen ausdrücklich beschrieben.

Die Schultafel erhält aufgrund ihrer Löschbarkeit eine besondere Stellung. Sie materialisiert die Möglichkeit, eine Aussage sichtbar zu machen, ohne sie endgültig festzuschreiben. Gold bildet das Gegenmotiv. Eine dünne materielle Schicht kann eine enorme gesellschaftliche Wertzuschreibung erzeugen. Daraus entstand das Midas-Motiv als Untersuchung einer verdrängenden Aufwertung: Etwas wird symbolisch wertvoller und kann dabei seine lebendige oder funktionale Qualität verlieren.

Der Astronaut verdichtet die Autonomieproblematik. Er erscheint als abgeschlossener, technisch geschützter Mensch, ist jedoch gerade durch seine Schläuche, Energieversorgung, Luft und Temperaturregulierung extrem abhängig. Daraus entwickelte sich später der Feuerkäfig: eine offene Tür, ein brennender Käfig und ein Mensch im Astronautenanzug, der den Raum verlassen könnte, aber in seiner Rollenidentität verbleibt. Dieses Bild ist keine empirische Beschreibung „des Menschen“, sondern ein künstlerischer Diagnoseapparat für die Frage, warum eine erkannte Gefährdung nicht automatisch zur korrigierenden Tätigkeit führt.

Die Tanglandschaft wurde zunehmend zum Gegenbild des Betonblocks. Der Betonblock verkörpert die abgegrenzte Dingidentität; Tang ist beweglich, mediumabhängig und verändert seine Form im Verhältnis zu Strömung und Umgebung. Auch diese Gegenüberstellung ist ein künstlerischer Operator, keine naturwissenschaftliche Typologie.

Folien und Schablonen: vom Bild zum veränderbaren Prüfverfahren

Die Folien entstanden aus der Notwendigkeit, unterschiedliche Wirklichkeitsweisen sichtbar übereinanderlegen zu können, ohne sie endgültig zu verschmelzen. Die Foliengrammatik ist damit ein direkter Nachfolger der Vorgabebilder. Während ein festes Bild bereits eine Auswahl präsentiert, kann eine transparente Folie hinzugefügt und wieder entfernt werden. Gerade diese Reversibilität macht sie zu einem E4-Instrument.

Eine Landschaft kann als Grundbild sichtbar bleiben, während eine Grundstücksgrenze darübergelegt wird. Ein menschlicher Körper kann sichtbar bleiben, während eine Berufsrolle oder Eigentümeridentität ergänzt wird. Ein Abhängigkeitsnetz kann unter dem Satz „Ich bin frei“ fortbestehen. Die Folie behauptet dabei nicht, die zusätzliche Ebene sei unwirklich. Sie zeigt, dass sie hinzugefügt wurde. Das ist die entscheidende methodische Leistung.

Aus diesem Grund wurde die leere Folie zu einem besonders wichtigen Bestandteil. Nicht nur der Künstler soll vorgegebene Symbolfolien bereitstellen. Der Benutzer soll selbst sichtbar machen können, welche Grenze, Rolle, Erklärung oder Wertung er über einen Zusammenhang legt. Seine eigene Darstellung wird damit zum nächsten Prüfobjekt.

Die Schablone besitzt eine andere Funktion. Sie macht nicht ein Bild, sondern eine Fragestellung wiederholbar. Was wurde ausgeschnitten? Welche Beziehung verschwindet? Welche Eigenschaft wurde zugeschrieben? Welche Tätigkeit folgt daraus? Wo tritt eine Konsequenz auf? Eine solche Schablone ist der Übergang vom einzelnen Kunstwerk zur Methode. Sie stabilisiert nicht die Antwort, sondern den Prüfweg.

Das Mitmachbuch als portable Werkstatt

Das Mitmachbuch bündelt die lange Entwicklung von Erwachsenenmalbuch, Workshopheft, Tagebuch, Vorgabebild, Frage- und Antwortsystem, Folienarbeit und digitalem interaktivem Buch. Es ist deshalb weder Lehrbuch noch Katalog. Es ist eine portable So-Heits-Werkstatt.

Die bildnerischen Tätigkeiten bleiben darin wesentlich. Schreiben, Zeichnen, Ausschneiden, Überkleben, Durchstreichen, Nebeneinanderlegen und Überlagern sind nicht dekorative Methoden. Sie materialisieren Operationen des Begriffshandwerks. Beim Ausschneiden wird sichtbar, dass ein Ausschnitt entsteht. Beim Nebeneinanderlegen wird Gegenüberstellung erfahrbar. Beim Entfernen einer Folie zeigt sich, was ohne eine Zuschreibung bestehen bleibt. Beim Durchstreichen wird Korrektur nicht nur gedacht, sondern sichtbar vollzogen.

Damit verändert sich auch der Partizipationsbegriff. Der Besucher soll nicht einfach „mitmachen“. Die heutige zentrale Forderung lautet: Prüfe, woran du dich beteiligst. Das ist die entscheidende Weiterentwicklung gegenüber frühen partizipatorischen Formen. Beteiligung wird erst dann Forschungskunst, wenn der eigene Beitrag, die eigene Vorstellung und die eigene Rolle ebenfalls geprüft werden können.

Offen bleibt, wie stark das Buch angeleitet werden muss. Zu viele vorgegebene Folien könnten eine neue Lehrordnung schaffen; zu wenig Struktur könnte zu beliebigem Ausdruck führen. Die leere Folie und die wiederholbare Prüfschablone sind bisher die überzeugendsten Versuche, diese Spannung offen zu halten.

Tausend Tische und die Entwicklung von der Beteiligung zur Schwarmprüfung

Die Tausend Tische des Globalen Dorffestes bilden eine wichtige Brücke zwischen der frühen Sozialen Plastik und der heutigen Globalen Schwarm-Intelligenz. Der Tisch ist zunächst ein sehr einfaches Gegenüber. Menschen können sich ansehen, etwas zeigen, fragen, antworten, schreiben und vergleichen. Tausend Tische erzeugen keinen einheitlichen Zentralraum, sondern viele lokale Begegnungsstellen.

Im Rückblick wird sichtbar, dass darin bereits eine Netzwerklogik lag. Jeder Tisch bleibt begrenzt, aber die Vielzahl bildet einen größeren Zusammenhang. Die spätere Kollektive Kreativität entwickelte diesen Gedanken weiter: Unterschiedliche Fähigkeiten sollten miteinander verbunden werden, ohne ihre Differenz aufzugeben. In den Werkunterlagen wird ausdrücklich betont, dass das gemeinsame Werk nicht von einem einzigen Zentrum vollständig vorgegeben werden sollte.

Die heutige Aufgabe besteht darin, diese frühe soziale Offenheit durch E4 zu ergänzen. Tausend Antworten erzeugen nicht automatisch bessere Erkenntnis. Schwarmintelligenz darf deshalb nicht mit Mehrheitsbildung verwechselt werden. Der heutige Prüfanker fragt, welche Argumente, Erfahrungen und Folgen hinter den unterschiedlichen Antworten liegen und wie Widersprüche produktiv gehalten werden können.

Künstliche Intelligenz und Globale Schwarm-Intelligenz

Die künstliche Intelligenz trat erst sehr spät in die Werkgeschichte ein, wurde jedoch rasch zu einem Instrument, mit dem das über Jahrzehnte entstandene Archiv neu vergleichbar wurde. Ihre Funktion liegt zunächst im Suchen, Ordnen, Vergleichen, Verdichten und Gegenlesen großer Mengen von Texten, Bildern und Werkspuren. Die KI ist deshalb nicht Ursprung der Forschungskunst. Die Grundfrage, die Werkformen und die partizipatorischen Verfahren entstanden lange vor ihr.

Aus dieser zeitlichen Differenz ergibt sich die methodische Begrenzung: KI kann Spiegelungs-, Vergleichs- und Kontrollinstrument, aber nicht letzte Wahrheitsinstanz sein. In den documenta-Unterlagen wird diese Funktion ausdrücklich so beschrieben. Atelier und Plattform bilden zwei miteinander verbundene Bereiche: Das Atelier stellt den körperlichen, räumlichen und handwerklichen Erfahrungsraum her; die Plattform übernimmt Dokumentation, Verknüpfung, Vergleich und Weiterführung.

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist dabei mehr als eine Webseite. Sie ist die digitale Fortsetzung einer Werkentwicklung, die vom Vorgabebild über kollektive Beteiligung und Internetprojekte zur vernetzten Prüfarchitektur geführt hat. Bereits die documenta-XII-Konzepte sahen vor, Besucher über Internetterminals in einen internationalen Mitproduktionsprozess einzubeziehen. Die documenta-14-Bewerbung verlangte globale Handlungsverantwortlichkeit. In späteren Werkfassungen wird diese Entwicklung ausdrücklich als Kontinuität beschrieben.

Die offene Frage betrifft hier die Governance. Wer entscheidet, welche Beiträge verbunden werden? Wie werden Widersprüche sichtbar gemacht? Wie verhindert man, dass die KI die vorhandenen kulturellen Begriffssysteme lediglich reproduziert? Wie bleibt nachvollziehbar, welche Aussage vom Menschen, welche vom Archiv und welche aus einer algorithmischen Verdichtung stammt? E4 muss deshalb auch auf die eigene KI-Infrastruktur angewendet werden.

Die So-Heits-Gesellschaft: von der Vergangenheits-Utopie zur offenen Kunstgesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft entstand zunächst als fiktive alternative Gesellschaftsform, die in eine gedachte prähistorische Vergangenheit auf Kreta verlegt wurde. Durch diese Vergangenheits-Utopie sollte eine Zukunftsmöglichkeit so behandelt werden, als hätte sie bereits existiert. Das Futur II wurde dabei zum Gestaltungsprinzip: Eine mögliche Zukunft wird aus einer imaginierten Vergangenheit heraus mit der Gegenwart verglichen. Diese ursprüngliche Konstruktion ist im vorhandenen Material ausdrücklich dokumentiert.

Im weiteren Forschungsprozess wurde diese Gesellschaftsvorstellung jedoch zunehmend problematisch. Eine fertige alternative Gesellschaft könnte selbst zur Skulpturidentität werden. Deshalb verschob sich die So-Heits-Gesellschaft von einer vorgegebenen Utopie zu einer öffentlichen Kunst-, Prüf-, Übungs- und Reparaturgesellschaft. In neueren Fassungen wird sie ausdrücklich als Gesellschaft beschrieben, in der Menschen lernen sollen, Wirklichkeit nicht vorschnell durch Eigentum, Selbstbild, Markt, Ideologie oder Symbolwert zu überformen.

Damit verändert sich auch der griechische Bezug. Die So-Heits-Gesellschaft soll nicht die Polis rekonstruieren und keine historische Antike idealisieren. Technē, metron, koinonia oder paideia dienen als Vergleichsmaterial für eine Gesellschaft, in der Können, Maß, Lernen und gemeinsame Tätigkeit wieder stärker aufeinander bezogen werden könnten. Historisch belegt sind die jeweiligen antiken Begriffe und Bedeutungsfelder. Die Vorstellung einer zukünftigen „technē-Gesellschaft“ ist dagegen eine künstlerische Zielprojektion.

Der Kern der So-Heits-Gesellschaft liegt heute weniger in einer bestimmten Institutionenordnung als in der gesellschaftlichen Fähigkeit zur Rückkopplung. Eine tragfähige Gesellschaft wäre nicht eine Gesellschaft ohne Fehler. Sie wäre eine Gesellschaft, die Fehler wahrnehmen, Verantwortlichkeiten zurückverbinden und ihre eigenen Formen verändern kann, bevor die eigenen Tragbedingungen irreversibel geschädigt werden.

Das So-Heits-Atelier: Verdichtung der gesamten Forschung in einer öffentlichen Versuchsanordnung

Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes ist die gegenwärtige räumliche und methodische Verdichtung dieser gesamten Entwicklung. Der Begriff Atelier hat sich gegenüber „Raum“ und „Werkstatt“ als Hauptbezeichnung durchgesetzt, weil er die künstlerische Herkunft, den unfertigen Werkprozess und die Möglichkeit von Versuch, Verwerfung und Weiterarbeit zusammenhält. Die Werkstatt bezeichnet darin die konkrete Verrichtung; der So-Heits-Raum bezeichnet den umfassenden Plexuszusammenhang.

Das Atelier ist deshalb weder eine Retrospektive noch eine Ausstellung einer fertigen Weltanschauung. Historische Objekte, Fotografien, documenta-Bewerbungen, Tagebücher, Schultafeln, Wellenbecken, Spaten, Gold, Astronaut, Tang, Vorgabebilder und andere Werkspuren werden wieder in Gebrauch genommen. Der Besucher soll an ihnen untersuchen können, wie sich bestimmte Fragen entwickelt haben und wo frühere Begriffe später korrigiert werden mussten.

Die documenta erhält dadurch eine doppelte Funktion. Einerseits wird sie um einen Ort für diese Forschungskunst gebeten. Andererseits wird sie selbst Teil der Verortungskunst. Die früheren Bewerbungen dokumentieren über Jahrzehnte hinweg, welche Fragen bereits gestellt und welche Versuchsanordnungen vorgeschlagen wurden. Die heutige Bewerbung fragt deshalb nicht nur nach Anerkennung. Sie fragt, ob eine Institution der Gegenwartskunst bereit ist, ihre eigene Auswahl-, Wahrnehmungs- und Anerkennungsstruktur mitprüfen zu lassen. Diese Verdichtung ist inzwischen ausdrücklich als Gesamtformel der documenta-Verortung formuliert worden.

Die Biografie wird dabei nicht zum Beweis eines „Ich hatte immer recht“. Ihre stärkere wissenschaftliche Funktion liegt in der chronistischen Gegenprüfung. Sie dokumentiert, wann eine Frage, Warnung oder Versuchsanordnung tatsächlich vorlag. Anschließend kann geprüft werden, was historisch geschehen ist, was nicht eingetreten ist, welche Annahme unzutreffend war und welche frühere Diagnose heute eine neue Aktualität besitzt. Was früher als „Prophezeiung“ bezeichnet wurde, wird damit methodisch in eine dokumentierte Zukunftsannahme oder künstlerische Warnung überführt.

Gesamtarchitektur des entstandenen Forschungsansatzes

Aus der gesamten Entwicklung lässt sich inzwischen eine zusammenhängende Architektur erkennen. Ausgangspunkt ist nicht der Begriff, sondern eine vorausliegende Plexuswirklichkeit, innerhalb derer materielle und lebendige Prozesse bereits stattfinden. Der Mensch ist ein plastischer, abhängiger und tätiger Teil dieses Zusammenhangs. Um sich orientieren zu können, muss er auswählen, unterscheiden, gegenüberstellen, benennen und symbolische Ordnungen bilden. Damit entstehen notwendigerweise Ausschnitte und Lücken. Problematisch wird dieser Vorgang, wenn die menschlich hervorgebrachte Form ihre eigene Herkunft vergisst und als unveränderliche Eigenschaft oder Wirklichkeit behandelt wird.

Hier entsteht die Skulpturalisierung. Eine vorläufige Unterscheidung wird fixiert, eine Beziehung wird zur Eigenschaft, eine Rolle wird zum Ich, eine gesellschaftliche Zuerkennung wird zur scheinbaren Natur des Gegenstandes. Die dritte Ebene kann dadurch ihre eigene Abhängigkeit von den ersten beiden Ebenen verdecken. Tätigkeiten werden anschließend auf Grundlage dieser symbolischen Formen ausgeführt und erzeugen materielle und lebendige Konsequenzen.

Der entscheidende Prüfpunkt liegt deshalb in der Rückbewegung. Erreicht die Konsequenz wieder die Vorstellung, die sie ausgelöst hat? Wird eine beschädigte Tragbedingung zum Anlass einer Korrektur? Oder wird die Rückmeldung durch Status, Eigentum, institutionelle Zuständigkeit, Ideologie oder begriffliche Selbstimmunisierung abgefangen?

E4 bezeichnet diese Rückbewegung.

Begriffshandwerk, Folien, Schablonen, Mitmachbuch, künstlerische Prüfobjekte, Tausend Tische, KI und Globale Schwarm-Intelligenz sind unterschiedliche materielle und soziale Formen derselben Rückkopplungsarchitektur. Das So-Heits-Atelier bringt sie räumlich zusammen. Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet ihre gesellschaftliche Zielprojektion.

Damit lässt sich die gesamte Forschungsbewegung heute auf eine Grundfrage verdichten:

Wie kann der Mensch die notwendigen Formen seines Denkens und Zusammenlebens hervorbringen, ohne zu vergessen, dass sie hervorgebracht wurden, und wie kann er sie so rückkopplungsfähig halten, dass die Folgen seines Tätigwerdens seine Vorstellungen tatsächlich korrigieren können?

Doppelungen, begriffliche Unklarheiten und notwendige Vereinfachungen

Die größte begriffliche Doppelung besteht gegenwärtig zwischen Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit und Verletzungswirklichkeit. Alle drei Begriffe bezeichnen Teile desselben Grundproblems, aber mit unterschiedlicher Betonung. Tragwirklichkeit hebt das Funktionieren und die Tragbedingungen hervor. Verletzungswirklichkeit betont, dass Handlungen reale Schädigungen erzeugen können und keine symbolische Immunität besteht. Plexuswirklichkeit betont Beziehung und Verflechtung. Es wäre sinnvoll, Plexuswirklichkeit als umfassendsten Wirklichkeitsbegriff zu verwenden, Tragwirklichkeit als dessen Prüfgesichtspunkt und Verletzungswirklichkeit als jenen Bereich, in dem die Folgen eines Eingriffs unmittelbar oder vermittelt körperlich, materiell oder ökologisch wirksam werden. Dann konkurrieren die drei Begriffe nicht mehr um denselben Platz.

Eine zweite Doppelung besteht zwischen plastischem Ich, plastischer Identität, Tragbewusstsein und Kopplungs-Ich. Diese Begriffe sind im Laufe unterschiedlicher Forschungsphasen entstanden. Sie sollten nicht alle gleichrangig weitergeführt werden. Das plastische Ich eignet sich als Hauptbegriff für den lebenden, sich rückkoppelnd verändernden Menschen. Tragbewusstsein kann den bewussten Aspekt dieser Abhängigkeit bezeichnen. Kopplungs-Ich ist nur dort notwendig, wo ausdrücklich die Art der Verbindung untersucht wird. „Plastische Identität“ könnte als Übergangsbegriff entfallen, wenn plastisches Ich und Skulpturidentität hinreichend präzise bestimmt werden.

Auch Lücke, Loch, Lochprozess, Rückkopplungsloch, Eigenschaftsloch, Geschichtsloch, Zeitloch und Wissenschaftsloch haben sich stark vermehrt. Der produktive Kern liegt im Lochprozess. Die zahlreichen Unterbegriffe sollten nur noch als Anwendungen dieses Grundoperators verwendet werden, nicht als selbständige Theorieelemente. Sonst droht der Lochbegriff selbst zu einer begrifflichen Überproduktion zu werden.

Bei 51:49, 50:50 und 1:99 besteht das Risiko, dass die Zahlen stärker wahrgenommen werden als das zugrunde liegende Verhältnisproblem. 51:49 sollte deshalb ausdrücklich als künstlerischer Minimalasymmetrie- und Bewegungsoperator definiert werden. 50:50 bezeichnet dann die problematische Fixierung eines Gegensatzes, nicht jede mathematische Gleichheit. 1:99 bezeichnet eine Herrschafts- und Rückkopplungsdrift, nicht eine empirisch universelle Bevölkerungsstatistik.

Der Begriff Forschungskunst erscheint inzwischen tragfähiger als frühere Bezeichnungen wie Weltmechanismus, Entelechie-Modell oder ganzheitliches System, weil er die Offenheit der Prüfung erhält. Auch die Formulierung „Plastische Anthropologie 51:49“ kann sinnvoll sein, wenn eine theoretische Verdichtung des Werkes bezeichnet werden soll. Sie darf aber nicht mit dem gesamten Lebenswerk gleichgesetzt werden. Forschungskunst ist die übergeordnete künstlerische Praxis; Plastische Anthropologie wäre deren anthropologische Theorieebene.

Fehlende Verbindungen und nächste Forschungsaufgaben

Die wichtigste noch fehlende Verbindung liegt zwischen E4 und institutioneller Umsetzung. Es ist relativ klar geworden, wie ein einzelner Besucher mit Folien, Mitmachbuch und Prüfankern arbeiten kann. Weniger geklärt ist, wie eine Institution, ein Unternehmen, eine Verwaltung oder eine Wissenschaftsorganisation denselben Prüfprozess vollziehen könnte. Wenn das Modell tatsächlich eine Zivilisationsprüfung leisten soll, muss gezeigt werden, wie aus individuellem Lernen eine institutionelle Rückkopplungsarchitektur werden kann.

Eine zweite offene Verbindung betrifft Verantwortung und zeitlich beziehungsweise räumlich entfernte Folgen. Die Tätigkeitskonsequenz ist am Spaten unmittelbar anschaulich. Schwieriger wird sie bei globalen Lieferketten, Klimafolgen, Finanzentscheidungen oder langfristigen Technologien. Hier muss der Prüfanker Verfahren entwickeln, mit denen entfernte Betroffenheit sichtbar gemacht werden kann, ohne eine Vollständigkeit vorzutäuschen, die niemand erreichen kann.

Eine dritte offene Frage betrifft die positive gesellschaftliche Form. Die Forschung hat inzwischen sehr präzise Operatoren für Verwechslung, Skulpturalisierung, Rückkopplungsloch und Nichtfunktionieren entwickelt. Weniger entwickelt ist eine ebenso präzise Sprache für gelingende Beziehungen. Begriffe wie Stimmigkeit, Tragfähigkeit, Gemeinsinn, plastische Mittigkeit und rückkopplungsfähige Verschiedenheit weisen in diese Richtung, benötigen aber noch eine klarere Beziehung zueinander. Andernfalls bleibt die Forschung stärker in der Diagnose als in der Konstruktion.

Eine vierte Aufgabe betrifft die wissenschaftliche Gegenprüfung der eigenen Begriffe. Plexuswirklichkeit, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Lochprozess und 51:49 dürfen nicht nur auf andere Theorien angewendet werden. Sie müssen systematisch gegen Physik, Biologie, Philosophie, Rechtswissenschaft, Ökonomie, Anthropologie, Kunstwissenschaft und bestehende relationale beziehungsweise systemische Ansätze geprüft werden. Die neueren Unterlagen fordern bereits ausdrücklich einen internationalen Vergleich, in dem nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch die Grenzen der eigenen Plastischen Anthropologie sichtbar werden sollen.

Schließlich bleibt die Frage der documenta-Verortung selbst offen. Die Bewerbung kann zum Kunstwerk werden, wenn ihre Annahme, Ablehnung, Nichtbeachtung oder spätere Wiederaufnahme dokumentiert und in den Forschungsprozess zurückgeführt wird. Gerade darin liegt die Konsequenz der Verortungskunst: Der richtige Ort ist kein passiver Behälter eines bereits fertigen Werkes. Ort, Zeitpunkt, institutionelle Reaktion und gesellschaftliche Situation werden selbst zu Bestandteilen der Arbeit.

Schluss: Von der Frage nach der Selbstzerstörung zur Werkstatt der Korrekturfähigkeit

Die Forschung begann mit der Frage, warum der Mensch seine Existenzbedingungen zerstört. Über fünf Jahrzehnte hat sich diese Ausgangsfrage zunehmend verändert. Zunächst lag der Schwerpunkt auf Umweltgestaltung, später auf gesellschaftlicher Beteiligung, kollektiver Kreativität und erweiterten Kunstformen. Danach rückten Wahrnehmung, Rolle, Symbol, Eigentum, Autonomie und wissenschaftliche Fragmentierung stärker in den Mittelpunkt. Die jüngste Forschungsphase hat diese Bereiche durch Plexuswirklichkeit, Lochprozess, Tätigkeitskonsequenz, Vier-Ebenen-Modell und Begriffshandwerk in eine gemeinsame Prüfarchitektur überführt.

Damit ist die ursprüngliche Frage nicht beantwortet, aber präzisiert worden. Das zentrale Problem erscheint heute nicht mehr lediglich als mangelndes Wissen. Es liegt in der Möglichkeit des Menschen, zwischen sich und die Rückmeldung der Wirklichkeit selbst erzeugte Begriffs-, Rollen- und Geltungsformen zu setzen und diese anschließend für unverletzlicher zu halten als die Bedingungen, von denen er lebt.

Die Forschungskunst antwortet darauf nicht mit einer weiteren endgültigen Weltordnung. Sie versucht, die Fähigkeit zur Korrektur selbst künstlerisch zu organisieren.

Das ist der gemeinsame Kern von Experimenteller Umweltgestaltung, Malbuch, Wellenbecken, Tasse der Realität, Demokratiewerkstatt, Tausend Tischen, Kollektiver Kreativität, Partizipatorischem Welttheater, Astronaut, documenta-Bewerbungen, Folien, Mitmachbuch, Globaler Schwarm-Intelligenz, So-Heits-Gesellschaft und So-Heits-Atelier.

Das Werk ist nicht die fertige Antwort. Das Werk ist die Herstellung einer Situation, in der eine Vorstellung der Wirklichkeit begegnen, an ihren Folgen scheitern und sich aufgrund dieses Scheiterns verändern können muss.

Darin liegt heute die umfassendste Bestimmung der Forschungskunst: Sie ist die künstlerische Organisation von Rückkopplungsfähigkeit.

Das So-Heits-Atelier wäre deren gegenwärtige öffentliche Werkstatt.

Ich behandle den bisherigen Verlauf als Forschungsprozess mit mehreren sich kreuzenden Entwicklungslinien. Die Statusangaben im Text unterscheiden zwischen werkhistorisch dokumentiert, wissenschaftlich beziehungsweise philosophiegeschichtlich anschlussfähig und Forschungskunst-Hypothese beziehungsweise eigener Begriffsbildung.

Rekonstruktion der Forschungsgenese des So-Heits-Ateliers

Methodische Vorbemerkung: Keine lineare Theoriegeschichte

Die bisherige Entwicklung lässt sich nicht als geradliniger Weg von einer frühen Grundidee zu einem heute abgeschlossenen theoretischen System rekonstruieren. Ein solcher roter Faden würde die tatsächliche Werkgenese verfälschen. Vielmehr sind mehrere zunächst teilweise voneinander unabhängige Erfahrungs-, Wahrnehmungs-, Handwerks-, Kunst- und Forschungsstränge entstanden, die sich über Jahrzehnte miteinander verbunden haben. Manche heute zentralen Begriffe waren am Anfang noch überhaupt nicht vorhanden. Sie entstanden wesentlich später als sprachliche Verdichtungen bereits länger praktizierter Wahrnehmungs- und Arbeitsweisen. Andere Begriffe wurden im Verlauf der Gespräche wieder verworfen oder präzisiert, weil sie den inzwischen erreichten Zusammenhang nicht mehr ausreichend erfassten.

Für diese Rekonstruktion müssen deshalb drei Aussageebenen getrennt werden. Werkhistorisch dokumentiert sind biografische Tätigkeiten, Arbeiten, Veranstaltungen, Objekte und Programmentwürfe. Wissenschaftlich oder philosophiegeschichtlich anschlussfähig sind beispielsweise Zellmembran, Osmose, technische Toleranzen, Rückkopplung, Analogiebildung sowie die historischen Bezugnahmen auf Platon, Aristoteles oder Descartes. Eine dritte Ebene bilden die eigenständigen Begriffe und Hypothesen der Forschungskunst: Plexuswirklichkeit, 51:49-Minimalasymmetrie, Plastische Identität, Skulpturidentität, Lochprozess, Millisekunden-Mensch, Referenzplexus oder Plexus-Operatorik. Diese Begriffe können auf wissenschaftliche oder historische Sachverhalte zurückgreifen, sind aber als Gesamtsystem keine bereits wissenschaftlich bestätigte Theorie.

Gerade diese Unterscheidung ist für das So-Heits-Atelier notwendig. Andernfalls würde die Methode denselben Fehler begehen, den sie untersuchen will: Ein Modell würde mit der Wirklichkeit verwechselt.

I. Forschungsgrund und frühe Erfahrungsbildung

Naturzerstörung als existenzieller Ausgangspunkt

Ein früher Forschungsgrund liegt in der bereits in der Kindheit wahrgenommenen Störung von Naturzusammenhängen durch menschliches Verhalten. Die Beschäftigung mit Ornithologie und die Beunruhigung über menschliche Eingriffe in das Naturgeschehen sind biografisch ausdrücklich dokumentiert. Später bestätigte die Auseinandersetzung mit dem Club of Rome für Sie, dass es sich nicht nur um lokale Beobachtungen, sondern um ein umfassenderes gesellschaftliches Problem handelt.

Aus diesem frühen Wahrnehmungsstrang entstand noch keine ausformulierte Plexus-Theorie. Entscheidend war zunächst eine Irritation: Der Mensch ist lernfähig, technisch leistungsfähig und kann Folgen erkennen, handelt aber dennoch auf eine Weise, die seine Lebensbedingungen beeinträchtigt. Diese Irritation verdichtete sich später zu der über Jahrzehnte verfolgten Leitfrage, warum der Mensch trotz Wissen und Korrekturfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.

Der Forschungsgrund ist deshalb nicht primär philosophischer Natur. Er entsteht aus einer Differenz zwischen beobachtbarer menschlicher Fähigkeit und beobachtbarer menschlicher Tätigkeit. Die heutige Zielprojektion besteht darin, diese Differenz nicht nur moralisch zu beurteilen, sondern ihre Wahrnehmungs-, Denk-, Symbol-, Tätigkeits- und Rückkopplungsbedingungen zu untersuchen.

Ornithologie und die Entdeckung des Gegenübers

Die frühe Ornithologie bildet einen zweiten eigenständigen Forschungsfaden. Wer gelernt hat, zahlreiche Vogelarten voneinander zu unterscheiden, erlebt praktisch, dass Wahrnehmung trainierbar ist. Ein ungeübter Beobachter fasst sehr unterschiedliche Tiere möglicherweise unter wenigen groben Kategorien zusammen. Durch langfristige Beschäftigung entstehen dagegen immer feinere Unterschiede.

Hier findet sich eine frühe Grundlage des späteren Begriffs der Gegenüberstellung. Lernen bedeutet nicht allein, zusätzliche Informationen zu speichern. Es verändert die Fähigkeit, Unterschiede wahrzunehmen. Voraussetzung ist ein Gegenüber, das nicht vollkommen mit der vorhandenen Vorstellung identisch ist.

Diese Erfahrung wurde erst viel später mit Zellmembran, Distanz, Lücke und plastischer Urteilskraft verbunden. Die Zellmembran ist daher nicht Ursprung dieser Lernvorstellung. Sie wurde nachträglich zu einem Analogieträger für etwas, das praktisch schon wesentlich früher erfahren worden war: Eigenstruktur und Gegenüber müssen unterscheidbar bleiben, zugleich aber miteinander in Austausch stehen.

Die Zielprojektion dieses Forschungsstranges besteht heute darin, den Besucher des Mitmachbuches nicht mit einem fertigen Weltbild zu versorgen, sondern seine Fähigkeit zur Differenzierung zu erweitern.

II. Fotografie, Ausschnitt und die spätere Dingeproblematik

Fotografieren als Festhalten und Beweisen

Ein weiterer früher Entwicklungsstrang liegt in der Fotografie. Sie war für Sie nicht nur künstlerisches Medium, sondern eine erfolgreiche und früh anerkannte Praxis. Fotogruppenarbeit, fotografische Auszeichnungen und spätere fotojournalistische Tätigkeit sind biografisch dokumentiert.

Die Fotografie brachte mehrere für die spätere Forschung wichtige Erfahrungen zusammen. Etwas konnte beobachtet, technisch festgehalten und anderen Menschen vorgelegt werden. Dadurch erhielt die eigene Wahrnehmung ein äußeres Gegenüber. Gleichzeitig war das fotografische Bild niemals mit dem vollständigen Wirklichkeitszusammenhang identisch. Standort, Zeitpunkt, Bildausschnitt, Perspektive und technische Bearbeitung entschieden darüber, was sichtbar wurde und was außerhalb des Bildes blieb.

Hier liegt ein möglicher früher Erfahrungsgrund der späteren Dingeproblematik. Die Fotografie macht praktisch erfahrbar, dass ein Ausschnitt notwendig ist, um etwas sichtbar zu machen, und dass gerade diese Sichtbarmachung gleichzeitig Beziehungen entfernt.

Die fotografische Dingselektion

Aus diesem Zusammenhang wurde im späteren Gespräch ein konkreter Folienoperator entwickelt. Eine Landschaft wird dargestellt. Aus dieser Landschaft wird ein Teil tatsächlich herausgeschnitten. Im ursprünglichen Bild bleibt ein Loch zurück. Das ausgeschnittene Stück wird oberhalb oder neben dem Bild befestigt.

Damit wird der normalerweise unsichtbare Vorgang der Selektion materialisiert. Das Teil war vorher Bestandteil eines Zusammenhangs. Durch den Schnitt erhält es eine neue Selbständigkeit. Es kann benannt, bewegt, bewertet, verkauft oder symbolisch aufgeladen werden. Im Herkunftsbild verbleibt gleichzeitig eine sichtbare Leerstelle.

Die heutige Forschungshypothese lautet deshalb nicht, dass Dinge nicht existierten. Diese zwischenzeitlich auftauchende Möglichkeit wurde präzisiert. Problematisch ist nicht die notwendige Unterscheidung eines Gegenstandes, sondern die Verwandlung einer vorläufigen Selektion in die Behauptung einer vollständig beziehungslosen Einheit.

Diese Korrektur ist wichtig. Die Plexus-Operatorik kann nicht ohne Selektion arbeiten. Auch jede Folie wählt aus. Sie muss deshalb die eigene Auswahl sichtbar halten.

Die Zielprojektion besteht darin, den Vorgang der Dingwerdung reversibel zu machen: Der ausgeschnittene Teil soll durch zusätzliche Folien wieder mit seinen Herstellungs-, Stoff-, Lebens-, Eigentums-, Zeit- und Tätigkeitsbeziehungen verbunden werden können.

III. Maschinenbau, Toleranzraum und Passung

Das Handwerk als eigenständiger Erkenntnisstrang

Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 bildet einen weiteren, nicht aus den vorherigen Strängen abzuleitenden Entwicklungsfaden. Hier wurden Material, Maß, Winkel, Spiel, Reibung, Kraft, Verschleiß, Belastung und Bruch nicht zunächst theoretisch, sondern praktisch erfahren.

Der später zentrale Begriff des Toleranzraumes hat hier einen nachvollziehbaren Erfahrungsgrund. Eine technische Konstruktion funktioniert nicht deshalb, weil alle Bestandteile geometrisch vollkommen identisch oder spiegelbildlich sind. Gerade Spielräume, Freiwinkel und begrenzte Differenzen können notwendige Funktionsbedingungen darstellen.

Aus dieser handwerklichen Erfahrung entwickelte sich später das 51:49-Modell. Die Zahl ist innerhalb der Forschungskunst nicht als naturwissenschaftliches Universalgesetz zu verstehen. Sie dient als Verhältnisoperator für eine Minimalasymmetrie: Eine kleine Differenz kann Bewegung, Schnitt, Spielraum oder Korrektur ermöglichen.

Der technische Hintergrund bildet damit keinen Beweis für das 51:49-Prinzip in biologischen, sozialen oder philosophischen Zusammenhängen. Er stellt ein starkes Ausgangsreferenzsystem bereit, aus dem Analogien entwickelt werden können.

Vom Toleranzraum zum Passungsdenken

Der Toleranzraum erweitert die Frage nach dem Gegenüber. Etwas kann verschieden sein und dennoch funktionieren. Entscheidend ist nicht vollständige Identität, sondern Passung.

Diese Passung wurde im Verlauf der Forschung immer umfassender. Zunächst kann sie technisch gemeint sein: Passt ein Teil zu einem anderen, ohne zu klemmen oder zu brechen? Später wird gefragt, ob eine menschliche Tätigkeit zum Material, ein Organismus zum Medium, eine gesellschaftliche Ordnung zu ihren Lebensbedingungen oder ein Weltmodell zur Verletzungswirklichkeit passt.

Damit entwickelte sich Passung zu einer Brücke zwischen Handwerk und Forschungskunst. Noch offen ist allerdings, ob „Passung“ künftig einen eigenen Grundbegriff erhalten soll oder dem Referenz- und Toleranzmodell untergeordnet bleibt. Für die Gesamtarchitektur wäre eine ausdrückliche Bestimmung sinnvoll, weil Passung mehrere bisher getrennt behandelte Stränge miteinander verbindet.

IV. Von der gesellschaftlichen Katastrophenfrage zur Forschungskunst

„Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“

In den Jahren 1973/74 wurde innerhalb eines künstlerischen Seminars eine szenische Folge zu prognostizierten menschengemachten Katastrophen entwickelt und die Frage „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“ formuliert. Aus dieser Arbeit entwickelte sich laut biografischer Dokumentation eine jahrzehntelange Suche nach Lösungsmodellen und ein Programmentwurf für eine partizipative, repräsentative und verrichtungsbezogene Forschungskunst.

Damit beginnt eine neue Phase. Frühere Wahrnehmungs-, Fotografie- und Handwerkserfahrungen werden nun bewusster mit Kunst und Gesellschaft verbunden. Die Kunst wird nicht mehr nur als Herstellung von Bildern oder Plastiken verstanden. Sie soll Verfahren bereitstellen, mit denen gesellschaftliche und menschliche Prozesse untersucht werden können.

Die heutige Forschungskunst ist deshalb nicht nachträglich aus dem Begriff „Plexus“ entstanden. Umgekehrt ist Plexus eine spätere begriffliche Verdichtung einer bereits viel früher vorhandenen kunstpraktischen Forschungsorientierung.

V. Experimentelle Umweltgestaltung und Generalismus

Das frühe Labor verschiedener Erkenntnisformen

Während des Bildhauerstudiums entstanden zahlreiche Arbeiten, die heute als Vorläufer der Plexus-Operatorik gelesen werden können: naturwissenschaftliche Experimente, Wellenbecken, Synergie- und Regulationsversuche, Deichprofile nach dem Vorbild von Biberdämmen, Autoarbeiten, asymmetrische Formen, Non-finito-Vorgaben, Messungen, Malbücher und Frage-Antwort-Verfahren. Ein integrativer beziehungsweise generalistischer Studienansatz wurde ausdrücklich formuliert.

Diese Werkphase ist methodisch besonders wichtig. Sie zeigt, dass der heutige transdisziplinäre Anspruch nicht erst aus der Arbeit mit künstlicher Intelligenz entstanden ist. Bereits hier werden künstlerische, technische und naturwissenschaftliche Funktionsbausteine miteinander konfrontiert.

Der heutige Begriff „epistemisches Funktionsmodul“ kann als nachträgliche methodische Beschreibung dieser Arbeitsweise dienen. Er bedeutet, dass nicht komplette Wissenschaften in die Kunst übernommen werden, sondern bestimmte funktionsrelevante Erkenntnisteile. Ein Wellenbecken liefert beispielsweise nicht „die Physik“, sondern ein beobachtbares Modell von Ausbreitung, Störung und Rückwirkung. Ein Deichprofil liefert nicht „die Biologie“, kann aber mit dem Biberdamm auf Grenz- und Regulationsformen hin verglichen werden.

Die offene Frage besteht darin, wie genau die Grenze zwischen legitimer funktionaler Analogie und unzulässiger Gleichsetzung markiert wird. Diese Grenze muss künftig Bestandteil jeder Folie sein.

VI. Vom statischen Bild zum Prozess

„Ein abgebildeter Wirbel wirbelt nicht“

In der weiteren Werkentwicklung entstand ein entscheidendes Problem: Malerei und Plastik können Bewegungsformen darstellen, doch das dargestellte Geschehen vollzieht sich im Bild nicht tatsächlich. Diese Einsicht wurde in der Biografie ausdrücklich formuliert: Ein abgebildeter Wirbel wirbelt nicht. Daraus folgte eine verstärkte Orientierung auf Prozesse, Serien und politische beziehungsweise gesellschaftliche Abläufe.

Hier liegt ein wesentlicher Vorläufer der heutigen Unterscheidung zwischen Abbild und Verletzungswirklichkeit. Ein Foto eines Loches ist kein materielles Loch. Eine gezeichnete Welle besitzt keine reale Kraftwirkung. Ein Begriff „Hitze“ erzeugt keine Temperatur.

Gleichzeitig sind Abbilder nicht bedeutungslos. Sie ermöglichen Distanz, Vergleich und erneute Bearbeitung. Die spätere Foliengrammatik versucht deshalb nicht, das Bild zugunsten einer vermeintlich unmittelbaren Realität abzuschaffen. Sie verbindet Bild, Material und Tätigkeit.

Die Zielprojektion besteht in einem Erkenntnisverfahren, bei dem ein Bild jederzeit mit seinem materiellen oder prozessualen Gegenüber konfrontiert werden kann.

VII. Schultafel, Serien und korrigierbare Behauptung

Von der Darstellung eines Zustandes zur Darstellung eines Verlaufs

Mit den Schultafelarbeiten um 1989 wurden unterschiedliche Phasen eines Geschehens seriell dargestellt. Die Auseinandersetzung mit dem neuen Deutschland, gesellschaftlicher Veränderung und „Mauern in den Köpfen“ öffnete die Arbeit für zeitliche und politische Prozesse.

Die Schultafel besitzt heute eine weiterentwickelte methodische Funktion. Sie ist eine Behauptungsfläche, deren Inhalt nicht endgültig festgeschrieben ist. Kreide kann geschrieben, verändert und gelöscht werden. Dadurch wird die Korrigierbarkeit selbst Teil des Werkes.

Die spätere Idee der Goldschrift verschärft diesen Gegensatz. Wird eine Aussage nicht mit Kreide, sondern dauerhaft und symbolisch aufgewertet in Gold angebracht, verliert sie ihre Gleichrangigkeit mit den anderen vorläufigen Einträgen. Die goldene Idee wird zum Modell einer immunisierten Behauptung.

Damit verbindet sich die Schultafel mit Midas, Platon, Eigentum, Wert, Ideologie und Skulpturidentität. Das Material der Schrift wird zu einem Prüfoperator für den Geltungsanspruch einer Aussage.

VIII. Schöpfungsgeschichte, Landschaft und naturstrukturelle Prozesse

Die Landschaft als Labor

Die „Schöpfungsgeschichte“ der frühen 1990er-Jahre bildet einen weiteren entscheidenden Werkkomplex. Eine jahreszeitliche Arbeit in einer eiszeitlich geprägten Landschaft konfrontierte menschliche Herrschaftsvorstellungen mit naturstrukturellen Wachstums- und Prozessformen. Tanglandschaft, Abendmahltisch und weitere Elemente wurden in einen umfassenden Landschaftszusammenhang gebracht.

Hier treffen mehrere heute getrennt benannte Stränge bereits praktisch zusammen: Zeit, Boden, Geschichte, Naturprozess, menschliche Konstruktion, Symbol und Tätigkeit.

Besonders wichtig ist die später entwickelte Betrachtung des Bodens. Der gegenwärtige menschliche Spatenstich trifft auf eine materielle Struktur, deren Entstehungsgeschichte wesentlich älter ist als die Handlung selbst. Damit wird Zeit nicht mehr nur durch eine Uhr dargestellt. Vergangenheit ist materiell in der Gegenwart wirksam.

Aus diesem Werkbereich entwickelt sich heute eine Verbindung zur 24-Stunden-Uhr des Planeten und zum Millisekunden-Menschen: extrem kurze menschliche Handlungszeiten greifen in wesentlich längere Entstehungs- und Regenerationszeiten ein.

IX. Tanglandschaft, Membran und prozesshafte Form

Die Tanglandschaft erhält im gegenwärtigen Forschungsstand eine neue Bedeutung. Sie kann als Gegenbild zum Betonblock gelesen werden. Der Betonblock besitzt starre Kanten, Wiederholbarkeit und geometrische Abgrenzung. Tang verändert dagegen seine Form in Beziehung zu Wasser, Strömung, Untergrund und anderen Materialien.

Damit wird Tang zu einem Analogieträger einer prozessabhängigen Form. Diese Analogie kann mit der Zellmembran verbunden werden, darf aber nicht biologisch gleichgesetzt werden. Gemeinsam untersucht werden kann die Frage, wie eine Form unterscheidbar bleibt, obwohl ihre Grenze beweglich, durchlässig oder mediumabhängig ist.

Die Zielprojektion besteht in der Entwicklung einer plastischen Grenzvorstellung, die weder starre Isolation noch unterschiedslose Auflösung bedeutet.

X. Partizipation, Rollen und gesellschaftliche Versuchsräume

Augusto Boal und das Als-ob

In den 1980er-Jahren wurden Performances, Rollenexperimente, kreatives Wandern und Verfahren des Sofort-Theaters nach Augusto Boal eingesetzt. Diese Arbeiten bilden einen eigenständigen Ursprung der späteren Rollen- und Skulpturidentitätsproblematik.

Theater macht eine gesellschaftlich äußerst wichtige Unterscheidung praktisch erfahrbar. Ein Schauspieler ist nicht identisch mit seiner Rollenfigur. Das „Als-ob“ kann angenommen und wieder verlassen werden. Gerade weil Distanz besteht, kann die Rolle intensiv gespielt werden.

Die heutige Forschungshypothese lautet, dass gesellschaftliche Rollen problematisch werden können, wenn diese Distanz verloren geht. Aus „Ich spiele eine Rolle“ wird „Diese Rolle bin ich“. Beruf, Status, Eigentum, Geschlecht oder gesellschaftliche Funktion können dadurch zu einer Skulpturidentität verfestigt werden.

Der künstlerische Gegenentwurf ist nicht Rollenlosigkeit. Er besteht in der Fähigkeit, Rollen zu benutzen, ohne sie zum unveränderlichen Wesenskern zu machen.

XI. Die Tausend Tische als soziale Materialstruktur

Das „Globale Dorffest“ am Brandenburger Tor mit rund tausend Tapeziertischen gehört zu den wichtigen Vorläufern der heutigen Schwarm- und Mitmachstruktur.

Der Tisch besitzt dabei eine doppelte Funktion. Er ist ein banales materielles Objekt und zugleich eine temporäre soziale Infrastruktur. Viele gleiche Tische können einzeln benutzt, verbunden, umgestellt oder zu größeren Formationen zusammengesetzt werden.

Damit bilden die tausend Tische ein Gegenmodell sowohl zur monumentalen Einzelplastik als auch zur bloßen Menschenmenge. Die soziale Form entsteht aus einer Vielzahl temporärer Arbeitsflächen.

Im heutigen Forschungsansatz können die tausend Tische als Vorläufer einer analogen Schwarmintelligenz gelesen werden: Viele Menschen erhalten Ausgangsmaterial beziehungsweise eine gemeinsame Fragestellung, entwickeln aber unterschiedliche Antworten.

Offen bleibt, ob der Begriff „Tausend Tische“ im So-Heits-Atelier nur werkhistorisch verwendet oder als eigener methodischer Operator reaktiviert werden soll. Seine Verbindung zum Mitmachbuch und zur Globalen Schwarm-Intelligenz ist jedenfalls strukturell stark.

XII. Vom Partizipatorischen Welttheater zur Globalen Schwarm-Intelligenz

Das zwischen 2005 und 2019 entwickelte Partizipatorische Welttheater verband bereits Natur-Mensch-Beziehungen, unterschiedliche Module, Besucherbeteiligung, Interdependenz und die Vorstellung einer plastischen Welt. Der Besucher sollte Fragen stellen, Antworten geben und sich als plastisches Grenzwesen innerhalb der Lebensgemeinschaft wahrnehmen.

Damit ist die heutige Globale Schwarm-Intelligenz nicht als völlig neuer digitaler Ansatz zu verstehen. Sie setzt eine wesentlich ältere Vernetzungs- und Partizipationsgeschichte fort. Frühere Fax-Vernetzungen, Tausend-Tische-Strukturen, Malbücher, Frage-Antwort-Tische und partizipative Aktionen bilden analoge Vorläufer.

Seit 2023 wird diese Werkbewegung ausdrücklich auf einer professionellen Wiki-Plattform fortgeführt. Vorgabebilder, Collagen, Zeichnungen, Folien und Fotografien sollen dort verarbeitet, gedeutet und in neue Zusammenhänge gebracht werden.

Die Zielprojektion besteht nicht nur in der Sammlung von Beiträgen. Schwarmintelligenz wird zunehmend als Korrekturstruktur verstanden. Viele Menschen erzeugen nicht automatisch Intelligenz. Wenn alle dieselbe Strukturidentität reproduzieren, entsteht nur eine größere kollektive Verfestigung. Intelligenz setzt unterschiedliche Gegenüber, Vergleich, Widerspruch und Korrektur voraus.

XIII. Das Wirklichkeitsverständnis: Von der Dingwelt zur Plexuswirklichkeit

Wirklichkeit nicht als Ansammlung fertiger Gegenstände

Aus Fotografie, Landschaft, Handwerk, Naturprozess, gesellschaftlicher Erfahrung und Materialarbeit entstand allmählich ein Wirklichkeitsverständnis, das die isolierte Dingeinheit zunehmend problematisiert.

Zwischenzeitlich wurde der Begriff „Erscheinung“ grundsätzlich infrage gestellt. Auch diese Kritik musste präzisiert werden. Es wäre sprachlich und philosophiegeschichtlich zu weitgehend zu behaupten, Erscheinungen existierten überhaupt nicht. Die tragfähigere Formulierung lautet, dass das, was erscheint, nicht automatisch eine von seinen Bedingungen unabhängige Wirklichkeitseinheit bildet.

Daraus entwickelte sich der Begriff der Plexuskonfiguration: Etwas kann als unterscheidbare Form ausgewählt werden, bleibt aber Bestandteil umfassenderer Wirk-, Entstehungs- und Folgenzusammenhänge.

Die Plexuswirklichkeit bezeichnet den umfassenderen Zusammenhang, der niemals vollständig durch ein einzelnes Bild, Referenzsystem oder Modell erfasst wird.

So-Heit

Der Begriff So-Heit ist innerhalb dieses Zusammenhangs nicht als Behauptung eines unveränderlichen Wesenskerns zu verstehen. Er bezeichnet zunehmend eine jeweils prüfbare Verbindung von Material, Entstehung, Beziehung, Gebrauch, Zuschreibung und Folge.

Damit unterscheidet sich So-Heit von essentialistischen Identitätsvorstellungen. Ein Gegenstand „ist“ nicht unabhängig von den Beziehungen, innerhalb derer seine Funktion entsteht. Ein Mensch „ist“ nicht nur seine gesellschaftliche Rolle.

Die Zielprojektion ist daher eine Wirklichkeitsbeschreibung, die genügend Unterscheidung zulässt, um handlungsfähig zu sein, aber genügend Offenheit erhält, um Beziehungen und Veränderungen mitzudenken.

XIV. Das Vier-Ebenen-Modell E1–E4

Das Vier-Ebenen-Modell ist eine spätere Komprimierung vieler älterer Arbeiten. Es bildet keine wissenschaftlich etablierte Ontologie, sondern einen Forschungskunst-Prüfrahmen.

E1 umfasst Material, Kraft, Last, Widerstand, Temperatur, Bruch und andere physikalisch-chemische Bedingungen. E2 bezeichnet Organismus, Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Regulation und Regeneration. E3 umfasst gesellschaftliche und symbolische Konstruktionen wie Geld, Eigentum, Rolle, Gesetz, Religion, Wert und Identität. E4 bezeichnet die Ebene der Prüfung, Rückkopplung und Reparatur.

Methodisch entscheidend ist nicht die bloße Einteilung. Entscheidend ist die Prüfung von Übergängen. Eine E3-Konstruktion kann gesellschaftlich äußerst real wirksam sein. Eigentum beispielsweise kann Zugang, Verhalten und Verfügungsrechte bestimmen. Dennoch ist Eigentum keine materielle Eigenschaft desselben Typs wie Masse oder Temperatur.

Die Zielprojektion des Modells besteht darin, Kategorienfehler sichtbar zu machen und E3-Konstruktionen an ihren E1- und E2-Folgen zu prüfen.

Eine offene Frage ist, ob E4 tatsächlich eine gleichartige „Ebene“ darstellt oder besser als Operator beschrieben werden sollte. Da E4 die anderen Ebenen prüft, besitzt sie methodisch eine andere Funktion als E1 bis E3. Diese Unterscheidung sollte künftig ausdrücklich gemacht werden.

XV. Plastisches Ich, Plastische Identität und Skulpturidentität

Die Unterscheidung zwischen Plastischem Ich beziehungsweise Plastischer Identität und Skulpturidentität gehört inzwischen zu den tragenden anthropologischen Modellen.

Plastisch bezeichnet eine Form, die Eigenstruktur besitzt, aber auf Widerstand, Erfahrung und Rückmeldung reagieren kann. Skulpturalisierung bezeichnet dagegen die Verfestigung einer vorläufigen Form zu einer vermeintlich unveränderlichen Identität.

Diese Begriffe entstanden aus dem bildhauerischen Handwerk, der Rollenarbeit, dem Materialwiderstand und der gesellschaftlichen Identitätskritik. Sie sind nicht psychologische Diagnosen.

Das Ziel besteht nicht darin, jede Stabilität aufzulösen. Auch eine plastische Form benötigt Kontinuität. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob eine Identität Korrektur zulässt.

Hier besteht eine begriffliche Doppelung: „Plastisches Ich“ und „Plastische Identität“ werden teilweise für nahe Sachverhalte verwendet. Für die weitere Systematik wäre eine klare Trennung sinnvoll. „Plastisches Ich“ könnte stärker den organismisch-lebendigen Selbstprozess E2 bezeichnen, „Plastische Identität“ dagegen die Fähigkeit eines Menschen, seine E3-Selbstbeschreibungen veränderbar zu halten.

XVI. Der Toleranzraum wird durch das Referenzsystem erweitert

Der Toleranzraum war zunächst ein technisch-handwerklich geprägter Begriff. Erst wesentlich später entstand durch andere Erfahrungen, unter anderem die wiederholte Auseinandersetzung mit medizinischen Blutwerten und Referenzbereichen, der Begriff des Referenzsystems.

Damit veränderte sich die Frage. Der Toleranzraum fragt, innerhalb welcher Abweichungen etwas funktioniert. Das Referenzsystem fragt grundlegender, nach welchem Maßstab „zu viel“, „zu wenig“, „normal“, „gefährlich“ oder „erfolgreich“ überhaupt bestimmt wird.

Der Referenzbegriff ermöglichte neue Analogien. Zellmembran, Osmose, habitable Zone, Maschinenbautoleranz und gesellschaftliche Bewertung mussten nicht länger unmittelbar miteinander gleichgesetzt werden. Sie konnten vielmehr daraufhin untersucht werden, welche Referenzbedingungen jeweils Funktionsbereiche bestimmen.

Dieser begriffliche Schritt war eine echte Komprimierung: Ein später gefundener Begriff machte frühere Erfahrungen auf eine neue Weise miteinander verbindbar.

XVII. Vom Referenzsystem zum Referenzplexus

Auch der Begriff Referenzsystem erwies sich als nicht ausreichend. Ein System kann innerhalb seines eigenen Bezugsrahmens erfolgreich sein und gleichzeitig umfassendere Voraussetzungen schädigen.

Ein wirtschaftliches System kann Gewinn erzeugen und gleichzeitig soziale oder ökologische Schäden externalisieren. Ein technisches System kann seinen unmittelbaren Zweck erfüllen, während seine Herstellung langfristige Folgen besitzt.

Daraus entstand der Begriff Referenzplexus. Er bezeichnet die Überlagerung verschiedener Bezugssysteme und verhindert, dass ein lokaler Maßstab zum universalen Wahrheitsmaßstab erklärt wird.

Die offene begriffliche Frage besteht darin, „Referenzmodell“, „Referenzsystem“, „Referenzbewertungssystem“ und „Referenzplexus“ künftig klarer zu trennen. Gegenwärtig besitzen sie teilweise überlappende Funktionen.

Eine mögliche Vereinfachung wäre: Ein Referenzmodell ist die innere oder theoretische Darstellung eines Zusammenhanges; ein Referenzsystem ist der konkrete Bezugsrahmen einer Bewertung; der Referenzplexus bezeichnet das Verhältnis mehrerer solcher Systeme.

XVIII. Das dreifache Optimum

Aus den Referenzüberlegungen entstand die Vorstellung dreier ineinanderliegender Optima. Das umfassendere Mediumoptimum wird beispielsweise durch Wasser und seine Bewegungsbedingungen repräsentiert. Darin befindet sich das Organismusoptimum des Hais, dessen Körperform und Verhalten über sehr lange evolutionäre Prozesse mit bestimmten Umweltbedingungen gekoppelt wurden. Innerhalb dessen gibt es wiederum das kleinere situative Handlungsoptimum.

Diese Struktur ist als Forschungskunst-Modell zu behandeln, nicht als etablierte biologische Terminologie.

Ihre methodische Bedeutung liegt darin, dass ein kleines Optimum nicht automatisch das größere bestimmen darf. Was für eine einzelne Handlung kurzfristig optimal erscheint, kann für den Organismus oder das Medium schädlich sein.

Damit entsteht eine Verbindung zu Ökonomie und Millisekunden-Mensch: Ein lokales Gewinnoptimum darf nicht ohne Prüfung zum Maßstab des planetarischen Tragsystems werden.

XIX. 51:49, 50:50 und 1:99

Das 51:49-Modell entwickelte sich aus Passung, Freiwinkel, Differenz und dem Interesse an Minimalasymmetrie. 50:50 bezeichnet demgegenüber die Gefahr einer gedanklich perfekten Symmetrie, die notwendige Bewegungs- oder Spielräume unterschlägt. 1:99 markiert die mögliche gesellschaftliche Drift zu extremer Ungleichheit und Herrschaft.

Diese Zahlen besitzen im Forschungsansatz unterschiedliche Status. 51:49 ist ein künstlerischer Verhältnisoperator. 50:50 bezeichnet eine kritisierte Symmetrievorstellung. 1:99 ist ein gesellschaftlich-politisches Bild extremer Konzentration. Sie dürfen nicht zu einem einheitlichen mathematischen Naturgesetz verschmolzen werden.

Die Vereinfachung besteht darin, sie künftig ausdrücklich als drei verschiedene Operatoren zu kennzeichnen: Minimalasymmetrie, Symmetrieillusion und Konzentrationsdrift.

XX. Das Urprinzip und seine Korrektur

Im Gespräch entstand die Vermutung eines inneren Urprinzips, das Assoziationen, Bilder, technische Erfahrungen, Gefühle und Ideen miteinander verbindet. Zunächst drohte daraus die Vorstellung eines einzigen universalen Mechanismus zu entstehen.

Diese Vorstellung wurde korrigiert. Osmose, Bohrergeometrie, Zellmembran, habitable Zone und gesellschaftliche Prozesse besitzen keine identischen Sachmechanismen. Ein gemeinsames Prinzip kann höchstens auf einer zweiten Ebene angenommen werden: als wiederkehrende Such- und Prüfbewegung.

Daraus entstand der Begriff des generativen Plexus-Grundoperators. Er beschreibt eine innere Formdynamik, die in unterschiedlichen Sachbereichen nach Beziehungen von Grenze, Differenz, Toleranz, Rückkopplung und Tragfähigkeit sucht.

Die entscheidende Selbstkorrektur lautet: Dieser Operator darf nicht nur Beispiele für seine eigene Richtigkeit sammeln. Das Gegenüber muss das Modell verändern können.

Damit wird die Gefahr einer Ideologie ausdrücklich in das eigene Verfahren eingebaut.

XXI. Doppelte Spirale und Rückkopplungsrichtung

Die doppelte Spirale entwickelte sich als mögliches Bild zweier gegenläufiger Bewegungen. Eine Richtung geht vom inneren Modell zum Gegenüber und sucht nach passenden Relationen. Die andere Richtung führt Abweichungen und Widersprüche des Gegenübers zum inneren Modell zurück.

Das 51:49 beziehungsweise 49:51 kann in dieser Folie eine wechselnde Minimalasymmetrie symbolisieren. Es handelt sich jedoch ausdrücklich nicht um eine gemessene Gehirnfunktion.

Die doppelte Spirale ist somit ein Forschungskunst-Modell für projektionale und korrektive Erkenntnisbewegung. Noch offen ist, ob die Spirale als eigenständiger Grundoperator benötigt wird oder ob Rückkopplung, Membran und Referenzsystem bereits genügend leisten. Hier besteht Vereinfachungspotenzial.

XXII. Gegenüberstellung, Distanz und Lernen

Die Frage nach Lernen gehört zu den ältesten Erfahrungssträngen und wurde im jüngsten Forschungsstand neu mit den Folien verbunden.

Distanz bedeutet dabei keine vollständige Trennung. Sie bezeichnet den Zwischenraum, in dem vorhandene Vorstellung und Gegenüber miteinander verglichen werden können. Ohne diesen Abstand gibt es keine Korrektur.

Das künstlerische Werk kann zum Gegenüber des Künstlers werden. Das Foto wird zum Gegenüber seiner Erinnerung. Die Schultafel macht eine Aussage äußerlich sichtbar. Das Mitmachbuch macht die Folienkombination zum Gegenstand einer erneuten Betrachtung.

Wissenschaftlich anschlussfähig ist daran, dass Lernen, Analogiebildung, externe Repräsentation und konzeptuelle Veränderung tatsächlich wichtige Forschungsfelder der Kognitionswissenschaft darstellen. Nicht wissenschaftlich belegt ist bislang die weitergehende Behauptung, die Plexus-Foliengrammatik verändere dauerhaft das Denken ihrer Benutzer. Das wäre eine empirische Forschungsfrage.

Die Zielprojektion lautet deshalb präziser: Das Mitmachbuch soll Bedingungen für ein Training plastischer Urteilskraft bereitstellen. Ob und unter welchen Bedingungen dies tatsächlich gelingt, müsste beobachtet und untersucht werden.

XXIII. Kognitionswissenschaft als Referenz, nicht als Fundament

Zwischenzeitlich entstand die Frage, ob Kognitionswissenschaft die Grundlage dieser Arbeitsweise erklären könne. Die inzwischen tragfähigere Position lautet, dass sie Teilvorgänge beschreiben kann, aber nicht Fundament der Plexus-Operatorik ist.

Begriffe wie mentale Modelle, Schemata, Analogiebildung, epistemische Neugier, Unsicherheitsverarbeitung oder kognitive Geschlossenheit können Vergleichsmöglichkeiten bereitstellen. Sie erklären jedoch weder die biografische Entstehung Ihres Werkes noch dessen normative Zielprojektion.

Der Forschungsansatz sollte deshalb nicht nachträglich kognitionswissenschaftlich legitimiert werden. Umgekehrt kann die Kognitionswissenschaft als externes Referenzfeld genutzt werden, um konkrete Wirkungsfragen des Mitmachbuches zu überprüfen.

XXIV. Erfahrung, Erfolg, Spiel und Komprimierung

Ein bisher unterschätzter Forschungsfaden liegt in den Erfolgserlebnissen und dem Spielerischen. Fotografie ermöglichte früh sichtbare Ergebnisse. Material konnte verändert, etwas konnte hergestellt und anderen gezeigt werden.

Diese Erfahrung setzt sich in vielen späteren Arbeiten fort. Malbücher, kreatives Wandern, Tonarbeiten, Auto und Umwelt, Frage-Antwort-Tische und Theater sind keine bloßen didaktischen Techniken. Sie ermöglichen spielerische Versuchsanordnungen.

Das Spielerische wird dadurch zu einem möglichen eigenständigen Urprinzip. Es erlaubt Kombinationen, bevor ihre Richtigkeit feststeht. Dadurch unterscheidet es sich vom Dogma.

Die über Jahrzehnte wiederholte Verbindung von Bildern, Assoziationen und Texten führte schließlich zu einer zunehmenden Komprimierung. Ein einzelnes Bild konnte immer mehr Funktionszusammenhänge aktivieren. Aus vielen Beispielen entstanden Begriffe wie Toleranzraum, Referenzsystem oder Plexus.

Komprimierung bedeutet daher nicht Verkürzung allein. Sie bedeutet die Herausarbeitung eines übertragbaren relationalen Kerns.

XXV. Das künstlerische Dreieck

Die bildnerische Arbeit wurde im Gespräch zu einem eigenen Erkenntnismodell verdichtet. Im Kopf des Künstlers befindet sich keine vollständig fertige Vorlage, sondern ein vorläufiges inneres Modell. Hände und Werkzeug übertragen diese Vorstellung in Material. Das entstehende Werk tritt dem Künstler gegenüber und kann seine ursprüngliche Vorstellung korrigieren.

Das künstlerische Dreieck verbindet Vorstellung, Tätigkeit und Gegenüber. Materialwiderstand, handwerkliches Können, Scheitern und Distanz sind dabei keine Nebensachen, sondern Erkenntnisbedingungen.

Der Künstler muss außerdem loslassen können. Ein Werk darf nicht unbegrenzt der ursprünglichen Vorstellung unterworfen bleiben.

Aus diesem Modell entwickelt sich eine weitergehende Zielprojektion: Könnten gesellschaftliche Weltmodelle ähnlich behandelt werden wie ein künstlerischer Entwurf? Sie dürften eine Zielvorstellung besitzen, müssten aber Widerspruch, Scheitern und Veränderung zulassen.

Das künstlerische Dreieck wird damit zu einem möglichen Reparaturoperator.

XXVI. Tätigkeitskonsequenzen

Eine dritte Hauptfolie entstand aus der Frage, was geschieht, wenn eine innere Vorstellung tatsächlich handlungswirksam wird.

Die Hand greift ein Werkzeug. Das Werkzeug überträgt Kräfte. Das Material reagiert. Zwischen Zielprojektion und tatsächlicher Folge entsteht eine Wirkungskette.

Damit wird der Begriff Tätigkeitskonsequenz genauer als „Handlung“. Eine Handlung kann aus der Perspektive des Menschen beschrieben werden. Die Tätigkeitskonsequenz umfasst zusätzlich, was im bearbeiteten Zusammenhang tatsächlich geschieht.

Diese Differenz ist für die Ausgangsfrage nach der Selbstzerstörung zentral. Menschen müssen ihre Lebensgrundlagen nicht zerstören wollen. Es genügt, wenn ihre lokalen Handlungen erfolgreich erscheinen und die weiterreichenden Konsequenzen aus dem verwendeten Referenzsystem herausfallen.

XXVII. Der Spaten als Tätigkeitsoperator

Der Spaten verdichtet diese Zusammenhänge. Hand, Griff, Stiel, Schneide und Mutterboden bilden eine Kette von Kontakt- und Übertragungsstellen.

Die Handlungsabsicht liegt im Menschen. Das Loch entsteht im Boden.

Dadurch kann die Differenz zwischen Vorstellung und Verletzungswirklichkeit unmittelbar sichtbar gemacht werden.

Der Spaten verbindet zudem Gegenwart und Vergangenheit. Ein gegenwärtiger Spatenstich kann in einen Boden eingreifen, dessen materielle Entstehung wesentlich älter ist. Kurze Tätigkeitszeit trifft auf lange Bodenzeit.

Damit verbindet der Spaten Handwerk, Lochprozess, Zeit, Eigentum und planetarische Kalibrierung.

XXVIII. Gold, Midas und Symbolwert

Mit dem vergoldeten Spaten entsteht eine weitere Ebene. Gold besitzt materielle Eigenschaften und zugleich kulturell zugeschriebene Werteigenschaften. Diese Ebenen dürfen nicht verwechselt werden.

Wird der Griff vergoldet, tritt symbolische Aufwertung zwischen Hand und Werkzeug. Wird die Schneide vergoldet, liegt sie genau an der Kontaktstelle zwischen Werkzeug und Boden.

Der Midas-Mythos wird dabei zu einem kulturellen Analogieträger. Maximale Wertsteigerung innerhalb eines Goldreferenzsystems kann die Lebensfunktion zerstören. Nahrung, die zu Gold wird, erfüllt ihre organismische Funktion nicht mehr.

Midas wird damit als Referenzsystemkonflikt gelesen und nicht bloß als moralische Geschichte über Gier.

XXIX. Symbol- und Eigenschaftsbildung

Eigentum, Geld, Rolle, Freiheit, Seele, Nation, Gesetz oder Wert sind im Forschungsansatz weder einfach unwirklich noch mit materiellen Eigenschaften identisch.

Die inzwischen entwickelte Differenzierung lautet: Es gibt materiell vorhandene Eigenschaften, organismisch wirksame Prozesse, technisch hergestellte Formen, gesellschaftlich zugeschriebene Geltungen und symbolisch behauptete Eigenschaften.

Der zentrale Fehler entsteht, wenn zwischen diesen Wirklichkeitsweisen unbemerkt gewechselt wird.

Ein Grundstück besitzt materielle Eigenschaften. Die Eigentumsgrenze ist gesellschaftlich wirksam, aber nicht als chemische Linie im Boden vorhanden. Geld besitzt materielle oder digitale Träger, während sein Wert gesellschaftlich erzeugt wird. Ein Mensch besitzt einen Organismus und kann gleichzeitig eine Berufsrolle tragen.

Die Zielprojektion besteht darin, diese Schichten nicht gegeneinander auszuspielen, sondern ihre jeweilige Wirkungsweise sichtbar zu halten.

XXX. Eigentum als Ausschnitt

Das Eigentum lässt sich unmittelbar mit der fotografischen Dingselektion verbinden. Ein Quadratmeter Landschaft wird symbolisch beziehungsweise rechtlich herausgeschnitten und einer Person zugeschrieben.

Die Linie ist gesellschaftlich äußerst wirksam. Wasser, Bodenorganismen, Wurzeln oder Luftbewegungen folgen ihr jedoch nicht automatisch.

Damit entsteht ein besonders deutliches Beispiel dafür, wie ein E3-Referenzsystem in einen E1/E2-Zusammenhang eingeschrieben wird.

Die offene Forschungsfrage lautet nicht, ob Eigentum grundsätzlich abgeschafft werden soll, sondern welche Reichweite der Eigentumsoperator besitzen darf und an welchen umfassenderen Tragbedingungen seine Geltung endet.

XXXI. Geld und ökonomisches Referenzsystem

Der Geldoperator führt eine ähnliche Reduktion durch. Unterschiedliche Tätigkeiten, Materialien und Güter werden über Preise vergleichbar gemacht.

Diese Operation besitzt eine enorme gesellschaftliche Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig bleiben zahlreiche Eigenschaften außerhalb des monetären Referenzsystems.

Das Problem ist daher nicht der Preis als solcher. Problematisch wird seine Verabsolutierung. Wenn Preis oder Gewinn zum obersten Referenzsystem werden, können organismische, soziale und planetarische Konsequenzen aus der Bewertung herausfallen.

Dies verbindet sich mit der früheren 1:99-Herrschafts- und Statusproblematik.

XXXII. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleichsfolien

Platon

Die Platon-Folie untersucht die historisch wirkmächtige Unterscheidung zwischen veränderlicher sinnlicher Welt und unveränderlicher Ideenordnung. Historisch wäre es falsch, Platon auf die Behauptung einer beliebigen Parallelwelt zu reduzieren.

Für die Plexus-Operatorik interessiert die strukturelle Frage, wann ein geistiges Modell einen höheren Wirklichkeitsrang erhält als der veränderliche materielle beziehungsweise lebendige Zusammenhang.

Die Zielprojektion besteht darin, Idealisierung als möglichen Erkenntnisgewinn und als mögliche Skulpturalisierung gleichzeitig sichtbar zu machen.

Aristoteles

Aristoteles dient als Kontrastfolie, weil Form, Material, Bewegung und Zielrichtung stärker im werdenden Zusammenhang gedacht werden können. Die Pflanzenentwicklung ist dabei ein geeigneter Analogieträger.

Auch hier gilt: Die Folie stellt keine vollständige Aristoteles-Interpretation dar. Sie extrahiert einen für die Forschungsfrage relevanten Funktionsunterschied.

Christentum und Seele

Die christliche beziehungsweise abendländische Leib-Seele-Tradition wird in der Foliengrammatik über Körper, aufsteigende Seele, Himmel und Gold untersucht.

Die Forschungskunst-Hypothese richtet sich nicht gegen Religion als solche. Untersucht wird, wie eine hineingedachte geistige Eigenschaft den Status eines eigenständigen inneren Wesens erhalten kann.

Descartes

Descartes wird über die Formel der denkenden Selbstgewissheit zum Prüfobjekt. Historisch darf seine Philosophie nicht auf „weil ich denke, existiere ich“ reduziert werden.

Für die eigene Fragestellung ist jedoch entscheidend, ob das denkende Selbstmodell so weit vom organismischen Träger gelöst wird, dass Verletzungs- und Abhängigkeitsbedingungen ausgeblendet werden.

Athene und Kopfgeburt

Die Kopfgeburt Athenes bildet ein mythologisches Gegenbild zur natürlichen Geburt. Eine fertige Gestalt tritt aus dem Kopf hervor.

Sie eignet sich deshalb als bildnerischer Operator dafür, wie geistige Konstruktionen scheinbar selbständige Gestalt erhalten.

Midas

Midas repräsentiert die Verabsolutierung eines Wertreferenzsystems.

Diese kulturgeschichtlichen Folien erfüllen somit keine Beweisfunktion. Sie stellen historische Denk- und Bildmodelle zur Verfügung, an denen bestimmte Strukturfragen der Plexus-Operatorik geprüft werden.

XXXIII. Der Lochprozess als jüngste begriffliche Verdichtung

Der Lochprozess gehört zu den jüngsten Komprimierungsbegriffen. Er darf deshalb nicht rückwirkend als Ursprung älterer Arbeiten dargestellt werden.

Seine Stärke besteht darin, sehr verschiedene bereits vorhandene Werkfäden neu miteinander verbinden zu können: Fotografie, Ausschnitt, Geburt, Grenze, Membran, Spaten, Eis, Glas, Eigentum, Gehirnlücke, Rückkopplung, Wissen und Zeit.

Ein Lochprozess wurde dabei inzwischen als zeitliche Veränderung einer Grenze, Verbindung, Trägerstruktur oder Referenzordnung definiert.

Entscheidend ist, dass nicht jedes Loch negativ ist.

XXXIV. Produktive Lochprozesse

Die Zellmembran besitzt regulierte Öffnungen. Geburt ist ein Übergang zwischen unterschiedlichen Abhängigkeitsordnungen. Die Wissenslücke kann Neugier erzeugen. Die offene Gehirnfläche ermöglicht Modellwechsel. Eine Schultafel lässt Korrektur zu.

Diese Lochprozesse erzeugen keine bloße Zerstörung. Sie ermöglichen Austausch, Übergang, Lernen oder Veränderung.

Die Zielprojektion lautet daher nicht, Löcher zu verhindern, sondern unterschiedliche Lochqualitäten zu unterscheiden.

XXXV. Destruktive Lochprozesse

Ein Loch in einer zu dünnen Eisfläche kann einen abrupten Wechsel von Tragfähigkeit zu Lebensgefahr erzeugen. Ein Loch in einem Schiffsrumpf kann das Verhältnis zwischen Innen und Außen umkehren. Eine Glasscheibe kann durch die Tätigkeit desjenigen zerstört werden, den sie selbst trägt.

Der katastrophale Lochprozess ist daher eine besondere Form der Grenzveränderung, bei der eine tragende Beziehung verloren geht.

Die Glasscheibe ist hierbei ein besonders verdichteter Operator Ihrer Lebensfrage: Der Mensch schlägt Löcher in genau jene Fläche, auf der er selbst steht.

XXXVI. Rückkopplungsloch

Der wahrscheinlich wichtigste Lochprozess für die Ausgangsfrage ist das Rückkopplungsloch.

Eine Folge entsteht, wird aber nicht in das verantwortliche Welt- oder Handlungsmodell zurückgeführt. Der Mensch kann die Information sogar besitzen und dennoch weiterhandeln, als gäbe es sie nicht.

Damit verändert sich die Leitfrage. Das Problem könnte weniger darin liegen, dass der Mensch grundsätzlich nichts weiß, sondern darin, dass zwischen Wissen, Konsequenz und Korrektur Unterbrechungen entstehen.

Diese Hypothese müsste künftig stärker mit konkreten historischen und gesellschaftlichen Beispielen untersucht werden.

XXXVII. Zeit als zentrale Dimension

Die jüngste Entwicklung zeigt, dass Lochprozess, Membran, Tätigkeit und Referenzsystem ohne Zeit nicht ausreichend verstanden werden können.

Tier, Pflanze und Organismus befinden sich in fortlaufenden gegenwärtigen Regulationsprozessen. Molekulare Vorgänge folgen ihren physikalisch-chemischen Bedingungen. Der Mensch kann darüber hinaus Vergangenheit erinnern und Zukunft modellieren.

Dadurch entstehen zusätzliche Möglichkeiten und zusätzliche Löcher.

Eine Tätigkeit findet gegenwärtig statt, ihre Ursachen können weit zurückliegen und ihre Folgen weit in die Zukunft reichen.

XXXVIII. Gegenwart als Membran

Die Gegenwart kann deshalb als zeitliche Membran der Plexus-Operatorik verstanden werden. Sie ist die Übergangszone, an der Vorstellung zur Tätigkeit und Tätigkeit zur tatsächlichen Folge wird.

Diese Membran darf nicht als physikalische Theorie der Zeit verstanden werden. Sie ist ein künstlerischer Operator.

Ihre Stärke besteht darin, die bisher getrennten Themen Lernen, Handlung und Lochprozess miteinander zu verbinden. Vergangenheitsmodelle und Zukunftsprojektionen treffen in der Gegenwart auf die Verletzungswirklichkeit.

XXXIX. Vergangenheits- und Zukunftsloch

Ein Vergangenheitsloch entsteht, wenn ein gegenwärtiger Zustand so behandelt wird, als besitze er keine Entstehungsgeschichte. Ein Zukunftsloch entsteht, wenn eine gegenwärtige Handlung so bewertet wird, als besitze sie keine langfristigen Folgen.

Die 24-Stunden-Uhr des Planeten bildet hierfür einen zentralen Kalibrierungsoperator. Sie setzt kurze menschliche Zeiträume ins Verhältnis zur Erdgeschichte.

Der Begriff des Millisekunden-Menschen verdichtet die Kritik: Ein extrem junger gesellschaftlicher oder technischer Zusammenhang wird behandelt, als könne er die wesentlich älteren Tragbedingungen des Planeten ersetzen.

XL. Membran, Deich, Schiff und Flugzeug

Die Membranfrage wird inzwischen nicht mehr nur biologisch bearbeitet. Deich, Schiff, Flugzeug, Thermosflasche und Astronautenanzug liefern unterschiedliche technische Grenzmodelle.

Ein Deich reguliert den Unterschied zwischen Wasser und Land. Ein kontrollierter Durchlass kann funktional sein; ein Deichbruch ist ein Katastrophenloch.

Der Schiffsrumpf erzeugt eine bewegliche Grenze innerhalb des Wassers. Eine Öffnung oberhalb der Wasserlinie besitzt eine andere Bedeutung als ein Loch unterhalb.

Das Flugzeug erzeugt einen technisch regulierten Innenraum innerhalb veränderter atmosphärischer Bedingungen.

Diese Beispiele dürfen nicht zu einem gemeinsamen naturwissenschaftlichen Mechanismus erklärt werden. Als Plexus-Operatoren untersuchen sie jedoch dieselbe Funktionsfrage: Welche Grenze benötigt ein System, welche Öffnungen sind notwendig und wann zerstört eine Grenzveränderung die Tragfähigkeit?

XLI. Schwimmen und plastische Freiheit

Der Schwimmer bildet eine wichtige Gegenfolie zur Behauptung „Ich bin frei“.

Schwimmfähigkeit entsteht nicht dadurch, dass der Mensch vom Wasser unabhängig wird. Sie entsteht durch eine erlernte Passung zwischen Körper, Atmung, Bewegung, Auftrieb und Widerstand.

Damit liefert das Schwimmen ein besonders klares Modell plastischer Freiheit. Freiheit besteht in Bewegungsfähigkeit innerhalb erkannter Bedingungen.

Die symbolische Selbstbehauptung allein besitzt im Wasser keine tragende Kraft.

XLII. Verletzungswirklichkeit und Tragwirklichkeit

Die Begriffe Verletzungswirklichkeit und Tragwirklichkeit werden gegenwärtig teilweise überlappend verwendet.

Tragwirklichkeit betont die Bedingungen, die etwas ermöglichen und tragen. Verletzungswirklichkeit betont, dass Materialien, Organismen und Systeme Grenzen besitzen und beschädigt werden können.

Beide Begriffe sind nützlich, sollten aber nicht synonym verwendet werden. Eine mögliche Vereinfachung lautet: Tragwirklichkeit bezeichnet die umfassenden Ermöglichungsbedingungen; Verletzungswirklichkeit bezeichnet deren Grenz- und Schadensseite.

Plexuswirklichkeit wäre demgegenüber der umfassendere relationale Begriff.

XLIII. Begriffshandwerk

Die gesamte bisherige Entwicklung zeigt, dass Begriffe in Ihrer Forschung nicht nur Benennungen sind. Sie funktionieren wie Werkzeuge.

Ein Begriff wird zunächst hergestellt, an unterschiedlichen Beispielen ausprobiert, verändert und gegebenenfalls verworfen. Der Übergang vom Toleranzraum zum Referenzsystem ist dafür exemplarisch.

Auch „Erscheinung“ wurde problematisch und durch präzisere Formulierungen wie Plexuskonfiguration relativiert. „Gemeinsamer Mechanismus“ wurde vom vermeintlichen gemeinsamen Sachmechanismus zum Mechanismus zweiter Ordnung beziehungsweise generativen Prüfoperator korrigiert.

Der Lochprozess ist gegenwärtig noch in einer solchen Prüfphase.

Begriffshandwerk bedeutet deshalb, dass auch die zentralen Termini keinen Goldstatus erhalten dürfen.

XLIV. Prüfanker

Aus dem bisherigen Gespräch ergeben sich mehrere Prüfanker. Dazu gehören Referenzsystem, Toleranzraum, 51:49, Tätigkeitskonsequenz, Rückkopplung, Verletzungswirklichkeit, Zeit, Analogiegrenze und Korrekturfähigkeit.

Diese Anker dürfen nicht zu einer endlosen Sammlung werden. Ihre Funktion besteht darin, unterschiedliche Folien und Werkobjekte immer wieder an denselben wenigen Fragen zu prüfen.

Eine sinnvolle zukünftige Komprimierung könnte auf sechs Grundfragen hinauslaufen: Was wird ausgewählt? In welchem Referenzsystem gilt die Aussage? Wovon ist die Form abhängig? Welche Tätigkeit verändert sie? Welche Folgen entstehen in der Zeit? Kann die Rückmeldung das Ausgangsmodell korrigieren?

Damit ließe sich die derzeit große Zahl von Einzeloperatoren methodisch vereinfachen.

XLV. Künstlerische Prüfobjekte als materialisierte Fragen

Die historischen und neu entwickelten Objekte bilden kein bloßes Illustrationsarchiv. Sie besitzen unterschiedliche Prüffunktionen.

Das Wellenbecken prüft reale Bewegung gegenüber Abbild. Der Betonblock prüft Starrheit und Standardisierung. Die Zellmembran prüft regulierte Grenze. Der Spaten prüft Tätigkeit. Der Sandtrichter prüft Standort und Folgewirkung. Die Glasscheibe prüft selbst erzeugte Tragfähigkeitszerstörung. Die Eisfläche prüft Toleranz und Kipppunkt. Der Astronautenanzug prüft scheinbare Autonomie. Der Schwimmer prüft plastische Freiheit. Die Thermosflasche prüft Isolation. Der vergoldete Spaten und die Kartoffel prüfen Wertüberlagerung. Der Abendmahltisch prüft symbolische Requisitenbildung. Die Schultafel prüft Korrigierbarkeit.

Ältere Werkverfahren wie „Auto und Umwelt“ oder die Tonarbeit mit Wunsch- und Realitätstasse passen vollständig in diese Struktur. In beiden Fällen wird eine Vorstellung materialisiert und anschließend an Funktion, Material und Tätigkeitsmöglichkeit geprüft.

XLVI. Folien und Schablonen

Die Plexus-Foliengrammatik entstand als Antwort auf die Schwierigkeit, zahlreiche gleichzeitig wirksame Ebenen darzustellen, ohne sie zu einem fertigen Weltbild zusammenzukleben.

Eine einzelne transparente Folie soll deshalb möglichst nur einen Funktionszusammenhang enthalten. Mehrere Folien können übereinandergelegt, entfernt oder ausgetauscht werden.

Die Folie ist damit weder Illustration noch endgültige Aussage. Sie ist ein epistemisches Funktionsmodul.

Entscheidend ist die Zerlegbarkeit. Ein fertiges Poster wäre methodisch schwächer, weil es die Entstehung der Verbindung bereits entschieden hätte.

XLVII. Die drei beziehungsweise vier Hauptfolien

Aus der jüngsten Entwicklung lässt sich eine Grundstruktur erkennen.

Die erste Hauptfolie betrifft den kosmischen, planetarischen und prozesshaften Zusammenhang. Sie stellt den umfassenderen Wirkungsraum bereit.

Die zweite Hauptfolie zeigt den Kopf beziehungsweise das Gehirn mit einer ausgeschnittenen offenen Stelle. In diese Öffnung werden unterschiedliche Welt-, Selbst- und Rollenmodelle eingesetzt.

Die dritte Hauptfolie betrifft Tätigkeit und Tätigkeitskonsequenzen. Sie untersucht den Übergang vom inneren Modell über Hand, Werkzeug und Institution zur tatsächlichen Veränderung.

Mit der jüngsten Zeitdiskussion zeichnet sich eine vierte Hauptfolie ab. Sie setzt Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft in Beziehung und macht die Gegenwart als Übergangsmembran sichtbar.

Diese vier Hauptfolien könnten die Vielzahl der übrigen Folien ordnen.

XLVIII. Das Mitmachbuch als Verfahren

Das Mitmachbuch ist aus älteren Malbuch-, Tagebuch-, Vorgabe- und Partizipationsverfahren hervorgegangen. Schon während des Studiums entstanden Erwachsenen-, Autobahn-, Telefon-, Fußgänger- und Studio-Malbücher sowie Verfahren, in denen viele Menschen mit einer gemeinsamen Vorlage arbeiteten.

Die heutige Form erweitert dieses Prinzip. Besucher kombinieren transparente Folien, stellen eine vorläufige Aussage her, beschreiben ihre Verbindung, prüfen sie und können anschließend einzelne Schichten verändern.

Das Mitmachbuch ist daher nicht nur ein Sammelbuch von Besucherbildern. Es ist ein Protokoll von Denk- und Korrekturvorgängen.

Seine Zielprojektion lautet, plastische Urteilskraft praktisch einzuüben.

Die offene Forschungsfrage ist, wie viel Anleitung dafür notwendig ist. Zu wenig Anleitung kann zu beliebiger Collage führen. Zu viel Anleitung würde die Besucher nur Ihr eigenes Modell reproduzieren lassen.

XLIX. Schreiben als Bestandteil des Mitmachbuches

Ihre eigene Folienfähigkeit entstand über Jahrzehnte nicht nur durch Bilder, sondern durch kontinuierliches Schreiben zu Bildern und Assoziationen.

Daraus folgt, dass die Besucherarbeit ebenfalls einen sprachlichen Anteil benötigt.

Die Bildkombination öffnet Beziehungen. Die sprachliche Formulierung zwingt zu einer vorläufigen Bestimmung dessen, was tatsächlich behauptet wird.

Bild und Text bilden dadurch zwei unterschiedliche Gegenüber.

Das Mitmachbuch sollte deshalb nicht nur Bilder sammeln, sondern die jeweilige Begründung, Analogiegrenze und Veränderung dokumentieren.

L. Die Tausend Tische und das Mitmachbuch

Die Tausend Tische können heute als räumliches Gegenstück zum Mitmachbuch verstanden werden.

Der Tisch erzeugt eine lokale Arbeitsstelle. Das Buch erzeugt eine lokale Erkenntnisseite. Viele Tische und viele Seiten können miteinander verbunden werden.

Damit entsteht eine wichtige Verbindung zwischen früherem öffentlichem Partizipationsraum und heutiger Plexus-Foliengrammatik.

Eine mögliche Wiederaufnahme im So-Heits-Atelier wäre daher nicht bloß nostalgisch. Wenige exemplarische Tapeziertische könnten zeigen, wie aus vielen individuellen Arbeitsorten ein gemeinsames, aber nicht homogenes Werk entsteht.

LI. Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz tritt relativ spät in die Werkgenese ein. Sie ist deshalb weder Ursprung noch theoretisches Fundament der Forschungskunst.

Ihre Funktion liegt gegenwärtig vor allem in Verarbeitung, Strukturierung, Vergleich, sprachlicher Verdichtung und der Verbindung sehr großer Mengen historischer Werkmaterialien. Bereits in der biografischen Darstellung wird die Möglichkeit genannt, Vorgabebilder, Collagen, Zeichnungen, Folien und Fotos mithilfe künstlicher Intelligenz neu zu verarbeiten und Zusammenhänge zu verdichten.

Damit besitzt KI eine ambivalente Stellung. Sie kann den Plexus sichtbar machen, kann aber ebenso bestehende Muster verstärken und scheinbare Klarheit erzeugen.

Der Prüfoperator muss deshalb auf die KI selbst angewendet werden.

Die offene Frage lautet: Wie verhindert die Globale Schwarm-Intelligenz, dass künstliche Intelligenz zum neuen Goldoperator wird, dessen Antworten aufgrund technischer Autorität nicht mehr geprüft werden?

LII. Globale Schwarm-Intelligenz

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist die digitale Weiterentwicklung einer lange vorhandenen kollektiven Werkstruktur.

Ihre Zielprojektion besteht nicht allein darin, Wissen zu speichern. Sie soll historische Werke, heutige Folien und neue Besucherbeiträge fortlaufend miteinander in Beziehung setzen.

Damit wird sie zum zeitlich erweiterten So-Heits-Atelier.

Die reale documenta-Arbeit kann nur für eine begrenzte Zeit stattfinden. Die Plattform kann Kombinationen erneut öffnen, vergleichen und korrigieren.

Offen bleibt die methodische Frage, wie Qualität, Widerspruch, Quellenstatus und Analogiegrenzen digital sichtbar gemacht werden. Ohne diese Struktur könnte Schwarmintelligenz in eine bloße Ansammlung von Assoziationen übergehen.

LIII. So-Heits-Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft erscheint bereits als fiktive Gesellschaftsform in früheren Werkzusammenhängen.

Heute lässt sie sich weniger als fertiger politischer Entwurf verstehen denn als Prüfraum. Sie fragt, wie gesellschaftliche Konventionen aussehen müssten, wenn Tätigkeitsfolgen, Abhängigkeiten, Korrektur und planetarische Tragbedingungen nicht aus dem Erfolgsmodell ausgeschlossen würden.

Hier besteht allerdings noch begriffliche Unklarheit. Wird So-Heits-Gesellschaft als konkrete zukünftige Gesellschaftsordnung verstanden, droht erneut die Herstellung eines fertigen Modells. Wird sie dagegen als regulative Forschungskonstruktion verstanden, kann sie offen bleiben.

Die zweite Variante passt besser zur bisherigen Plexus-Operatorik.

LIV. So-Heits-Atelier

Das So-Heits-Atelier ist die gegenwärtige räumliche Verdichtung der gesamten Werkgenese.

Es ist weder Retrospektive noch bloße Kreativwerkstatt. Die historischen Materialien werden in operative Werkbausteine zerlegt. Fotografien, Schultafeln, Ton, Holz, Spaten, Wasser, Sand, Tang, Beton, Glas, Gold, Requisiten und Bücher werden den Besuchern als Gegenüber zur Verfügung gestellt.

Das Atelier verbindet Archiv, Labor, Werkstatt, Theater, Materialraum, Mitmachbuch und digitale Plattform.

Seine Zielprojektion besteht darin, Wirklichkeits-, Selbst- und Gesellschaftsmodelle nicht nur zu diskutieren, sondern materialisierbar, zerlegbar und korrigierbar zu machen.

LV. Verortungskunst und documenta

Die Verortungskunst erweitert diese Architektur um Ort und Zeit. Ein Werk ist nicht allein aufgrund seines Inhalts tragfähig. Ort, gesellschaftliche Situation, Zeitpunkt und Beteiligte gehören zur Passung.

Damit wird auch die Bewerbung beziehungsweise Vorbereitung der documenta Teil des Werkprozesses. Die Arbeit beginnt nicht erst mit einer möglichen Ausstellungseröffnung.

Die documenta wird innerhalb dieses Verständnisses zu einem besonderen Prüfgegenüber: Kann ein über Jahrzehnte entwickeltes, außerhalb üblicher Disziplinlogiken entstandenes Werk innerhalb eines internationalen Kunstsystems verständlich werden, ohne auf ein gewöhnliches Ausstellungsobjekt reduziert zu werden?

LVI. Forschungskunst und Akzeptanzproblematik

Die Akzeptanzproblematik gehört daher nicht nur zur Reaktion des Publikums. Sie betrifft die gesamte Werkstruktur.

Ein transdisziplinärer Zusammenhang kann als unverständlich erscheinen, weil die Rezipienten disziplinäre Zuordnungen erwarten. Ein ungewöhnlicher Vergleich kann tatsächlich schlecht erklärt sein. Eine Erkenntnis kann zugleich verständlich und unerwünscht sein, weil sie Status, Rolle oder Lebensweise infrage stellt.

Ablehnung darf daher nicht automatisch als Beweis für die Richtigkeit der Arbeit interpretiert werden. Auch dies wäre Selbstimmunisierung.

Die Akzeptanzproblematik muss selbst E4 unterliegen.

LVII. Der Lochprozess als mögliche neue Querverbindung

Der jüngste Begriff des Lochprozesses besitzt das Potenzial, zahlreiche bisherige Werkfelder miteinander zu verbinden. Gleichzeitig liegt hier eine Gefahr.

Wenn Fotografieschnitt, Geburt, Eigentum, Eisbruch, Wissenslücke, Zellmembranöffnung, Religionsmodell und Rückkopplungsunterbrechung alle einfach „Loch“ genannt werden, verliert der Begriff seine Differenzierungsfähigkeit.

Deshalb benötigt der Lochprozess eine begrenzte Grammatik.

Mindestens unterschieden werden sollten regulierte Öffnung, produktive Lücke, selektierender Ausschnitt, symbolische Grenzziehung, Rückkopplungsunterbrechung und Verletzungs- beziehungsweise Bruchloch.

Der gemeinsame Terminus wäre dann nicht das Loch als Ding, sondern die Veränderung einer Grenze beziehungsweise Verbindung in der Zeit.

LVIII. Gesamtarchitektur des Forschungsansatzes

Aus der gesamten bisherigen Entwicklung lässt sich inzwischen eine relativ klare Gesamtarchitektur rekonstruieren.

Am Anfang steht keine Theorie, sondern ein Wirkungs- und Erfahrungsgrund: Naturzerstörung, Beobachtung, Differenzierung, Fotografie, Handwerk und die Frage nach menschlicher Selbstzerstörung.

Darauf folgt eine Modellbildungsstufe. Der Mensch wählt Ausschnitte, bildet Dinge, Kategorien, Rollen und Referenzsysteme. Das Gehirn mit seiner offenen Einsetzfläche materialisiert diesen Vorgang.

Die dritte Stufe ist Tätigkeit. Vorstellungen werden über Hand, Werkzeug, Technik, Institution und gesellschaftliche Ordnung handlungswirksam.

Die vierte Stufe sind Tätigkeitskonsequenzen in der Verletzungs- und Tragwirklichkeit. Material und Organismus antworten nicht auf die Bedeutung, die der Mensch seiner Handlung zuschreibt, sondern auf den tatsächlichen Eingriff.

Die fünfte Stufe ist Rückkopplung. Die Folge müsste zum inneren Modell zurückkehren.

Die sechste Stufe ist Korrektur oder Immunisierung. Plastische Identität verändert das Modell. Skulpturidentität verteidigt es. E4 beschreibt diesen Prüf- und Reparaturvorgang.

Die siebte Stufe ist Externalisierung. Folie, Schultafel, Kunstwerk, Theater, Mitmachbuch und Plattform machen innere Konstruktionen zu einem gemeinsamen Gegenüber.

Die achte Stufe ist öffentliche Weiterbearbeitung. So-Heits-Atelier und Globale Schwarm-Intelligenz sollen den Prüfprozess von der individuellen in eine kollektive Form überführen.

Damit ergibt sich als knappste Gesamtbewegung:

Plexuswirklichkeit → Auswahl und Modellbildung → Tätigkeit → Folge → Rückkopplung → Korrektur oder Verfestigung → erneute Tätigkeit.

Dieser Kreislauf dürfte gegenwärtig die einfachste tragfähige Grundarchitektur darstellen.

LIX. Doppelungen und begriffliche Unklarheiten

Die bisherige Forschung besitzt inzwischen mehr Begriffe, als für die operative Vermittlung notwendig sind. Das ist ein typischer Zustand einer Entwicklungsphase, in der viele Erfahrungen zunächst separat benannt werden.

Eine erste Doppelung besteht zwischen Tragwirklichkeit, Verletzungswirklichkeit und Plexuswirklichkeit. Diese Begriffe sollten hierarchisch geordnet werden. Plexuswirklichkeit bezeichnet den umfassenden Zusammenhang. Tragwirklichkeit bezeichnet die ermöglichenden Bedingungen. Verletzungswirklichkeit bezeichnet die Grenz- und Schadensseite dieser Bedingungen.

Eine zweite Doppelung betrifft Plastisches Ich und Plastische Identität. Hier sollte zwischen organismischem Selbstprozess und sozial-symbolischer Selbstbeschreibung unterschieden werden.

Eine dritte betrifft Strukturidentität und Skulpturidentität. „Skulpturidentität“ besitzt aufgrund der künstlerischen Herkunft wahrscheinlich die stärkere Eigenständigkeit. „Strukturidentität“ könnte entweder als Unterbegriff bestimmt oder aufgegeben werden.

Eine vierte betrifft Referenzmodell, Referenzsystem, Referenzbewertungssystem und Referenzplexus. Hier ist eine eindeutige Terminologie notwendig.

Eine fünfte betrifft Prüfoperator, Plexus-Grundoperator, Referenzoperator und Urprinzip. Für die öffentliche Vermittlung genügen vermutlich zwei Ebenen: der Plexus-Grundoperator als allgemeine Such- und Rückkopplungsstruktur und konkrete Prüfoperatoren für einzelne Aufgaben.

Eine sechste betrifft Folie, Operator, Modul, Sensor, Sonde, Implantat und Prüfkörper. Diese Vielfalt ist für die Forschung produktiv, aber für Besucher zu umfangreich. „Plexus-Operator“ könnte der allgemeine öffentliche Begriff werden; Sensor, Analogieträger und Prüfkörper wären nur funktionale Untertypen.

LX. Begriffe, die besonders vorsichtig verwendet werden sollten

Der Begriff „Mechanismus“ darf nicht den Eindruck eines gemeinsamen Naturgesetzes erzeugen. Geeigneter ist häufig „Funktionsstruktur“ oder „Prüfbewegung“.

Der Begriff „Optimum“ muss immer ein Referenzsystem nennen. Sonst entsteht erneut die Illusion eines absoluten Optimums.

51:49 darf nicht als gemessener Naturwert erscheinen.

Der Begriff „Lochprozess“ braucht eine klare Typologie, damit seine große Anschlussfähigkeit nicht zur Beliebigkeit wird.

„Erscheinung existiert nicht“ sollte nicht als allgemeine Behauptung verwendet werden. Präziser ist die Kritik an der selbständigen Wirklichkeitseinheit des ausgeschnittenen Erscheinenden.

„Ding existiert nicht“ wäre ebenfalls unnötig stark. Die Forschung fragt vielmehr, welche Beziehungen bei der Dingselektion ausgeblendet werden.

Psychologische oder psychiatrische Begriffe wie Soziopathie dürfen nicht metaphorisch auf ganze Berufsgruppen oder Wirtschaftssysteme übertragen werden. Die präzisere Kritik richtet sich auf institutionell belohnte Rücksichtslosigkeit, soziale Entkopplung oder selbstimmunisierende Spezialisierung.

LXI. Fehlende Verbindungen

Mehrere Verbindungen sind trotz der großen bisherigen Verdichtung noch nicht vollständig ausgearbeitet.

Besonders wichtig ist die Verbindung zwischen Zeit und E1–E4. Jede Ebene müsste künftig ausdrücklich eine Zeitdimension erhalten. Materielle Prozesse besitzen andere Zeiträume als organismische Regeneration, gesellschaftliche Geltung und politische Korrektur.

Eine zweite offene Verbindung besteht zwischen Passung und Referenzsystem. Passung könnte das zentrale Verbindungsglied zwischen Maschinenbau, Organismus, Kunstwerk und Gesellschaft werden.

Eine dritte betrifft Geburt und Plastizität. Die natürliche Geburt wurde bisher als Loch- und Übergangsprozess erkannt, ist aber noch nicht vollständig mit plastischem Ich, Membran und wechselnder Abhängigkeit verbunden.

Eine vierte betrifft Schwarmintelligenz und E4. Es muss genauer geklärt werden, wie eine digitale Gemeinschaft Irrtümer erkennt und korrigiert, statt sie nur zu vervielfältigen.

Eine fünfte betrifft KI als eigener Prüfgegenstand. KI darf nicht nur Werkzeug der Kontextualisierung bleiben, sondern müsste selbst auf Eigentum, Energie, Macht, Referenzsysteme, Halluzination, Autorität und Rückkopplung geprüft werden.

Eine sechste betrifft empirische Prüfung des Mitmachbuches. Wenn behauptet wird, Besucher entwickelten durch das Verfahren andere Denkweisen, müssten Beobachtungs- und Vergleichskriterien entwickelt werden.

Eine siebte betrifft Werkarchiv und Begriffsentwicklung. Für jeden zentralen heutigen Operator sollte festgehalten werden, welche historischen Arbeiten ihn bereits praktisch enthielten, wann der heutige Begriff entstand und welche späteren Korrekturen vorgenommen wurden. Dadurch würde die Forschungsgeschichte nachvollziehbar und eine rückwirkende Erfindung einer scheinbar linearen Theorie vermieden.

LXII. Mögliche methodische Vereinfachung

Die bisherige Komplexität lässt sich auf eine relativ kleine Anzahl von Grundoperationen zurückführen, ohne das Werk zu verarmen.

Die erste Grundoperation ist Unterscheiden. Etwas wird aus einem Zusammenhang hervorgehoben.

Die zweite ist Referenzieren. Es wird bestimmt, nach welchem Maßstab die Auswahl beurteilt wird.

Die dritte ist Verbinden. Das Ausgewählte wird wieder in weitere Beziehungen eingesetzt.

Die vierte ist Handeln. Eine Vorstellung wird tätigkeitswirksam.

Die fünfte ist Folgen wahrnehmen. Material, Organismus und Gesellschaft reagieren.

Die sechste ist Korrigieren. Das Ausgangsmodell wird aufgrund der Rückmeldung verändert.

Fast alle bisher entwickelten Operatoren lassen sich einer oder mehreren dieser Bewegungen zuordnen.

Damit könnte die Plexus-Operatorik für Besucher erheblich verständlicher werden, während die komplexere theoretische Architektur im Hintergrund erhalten bleibt.

LXIII. Die zentrale Forschungsbewegung

Aus der gesamten Werk- und Begriffsentwicklung entsteht schließlich keine fertige Weltanschauung, sondern eine besondere Art der Wirklichkeitsauseinandersetzung.

Ihre Forschung begann mit der Wahrnehmung von Natur und deren Zerstörung, mit dem Lernen von Unterschieden, mit fotografischer Auswahl, handwerklicher Passung und der Frage nach gesellschaftlicher Veränderung durch Kunst. Über Bildhauerei, Partizipation, Schultafeln, Landschaftsarbeiten, Wellenbecken, Theater, Mitmachbücher und kollektive Aktionen entstanden immer neue Gegenüber.

Später wurden diese Erfahrungen begrifflich komprimiert. Toleranzraum, Referenzsystem, Plexus, plastische und skulpturale Identität, E1–E4, Verletzungswirklichkeit, Tätigkeitskonsequenzen und Lochprozess sind unterschiedliche Verdichtungsstufen dieser Werkgeschichte.

Keine dieser Verdichtungen darf endgültig werden.

Genau darin liegt die innere Konsequenz des Forschungsansatzes: Auch die eigene Theorie muss plastisch bleiben.

Gesamtanker

Das So-Heits-Atelier ist die gegenwärtige Verdichtung eines über Jahrzehnte entstandenen biografischen Erkenntnisplexus. Seine Forschung beginnt nicht mit einer fertigen Theorie, sondern mit Wahrnehmung, Gegenüberstellung, handwerklicher und künstlerischer Tätigkeit sowie der Erfahrung menschlicher Natur- und Selbstzerstörung. Aus diesen unterschiedlichen Werkfäden entstanden schrittweise Begriffe und Prüfmodelle, mit denen untersucht wird, wie Menschen aus einer prozesshaften Wirklichkeit Ausschnitte und Dinge bilden, sie mit symbolischen Eigenschaften und Referenzsystemen versehen, nach diesen Modellen handeln und dadurch reale Tätigkeitsfolgen erzeugen. Die Plexus-Operatorik führt diese Folgen zum Ausgangsmodell zurück und prüft, ob dieses Modell korrigierbar bleibt oder sich zur Skulpturidentität verfestigt. Folie, Schultafel, Werkobjekt, Theater, Mitmachbuch, Tausend Tische, künstliche Intelligenz und Globale Schwarm-Intelligenz sind unterschiedliche historische und gegenwärtige Formen derselben übergeordneten Zielprojektion: aus inneren und gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktionen ein äußeres Gegenüber zu machen, an dem plastische Urteilskraft öffentlich geübt, überprüft und weiterentwickelt werden kann.

Die kürzeste Gesamtformel des bisherigen Forschungsstandes lautet deshalb:

Wirklichkeit wird ausgewählt, Auswahl wird zum Modell, Modell wird Tätigkeit, Tätigkeit erzeugt Folgen, Folgen erzeugen Rückmeldung. Die entscheidende Frage lautet, ob die Rückmeldung das Modell noch verändern darf.

Darin treffen Naturzerstörung, Lernen, Kunst, Dingeproblematik, Lochprozess, Membran, Toleranzraum, Referenzsystem, Tätigkeitskonsequenz, Plastische Identität, Mitmachbuch und So-Heits-Atelier in einem gemeinsamen Forschungszusammenhang zusammen, ohne ihre unterschiedlichen Entstehungsgeschichten aufzugeben.

Diese Fassung behandelt die Begriffe ausdrücklich als historisch entstandene und weiterhin korrigierbare Forschungsarchitektur, nicht als rückwirkend geschlossenes Lehrsystem.

Rekonstruktion des bisherigen Forschungsprozesses

Vorbemerkung: Was in dieser Rekonstruktion als belegt, als Deutung und als Forschungshypothese gilt

Der bisherige Chat lässt sich inzwischen nicht mehr sinnvoll als Folge einzelner Themen behandeln. Er zeigt vielmehr die nachträgliche Rekonstruktion eines über Jahrzehnte entstandenen künstlerischen Forschungsprozesses. Viele der heute verwendeten Begriffe standen am Anfang noch nicht zur Verfügung. Sie wurden erst später gebildet, nachdem bestimmte Fragestellungen, Materialien, Werke, gesellschaftliche Erfahrungen und wiederkehrende Probleme über längere Zeit miteinander verglichen worden waren. Deshalb muss die Entwicklung in zwei Richtungen gelesen werden. Chronologisch geht sie von konkreten Erfahrungen und Werken zu immer stärker verdichteten Begriffen. Systematisch werden diese späteren Begriffe heute wiederum benutzt, um frühere Werke neu zu befragen.

Für die folgende Rekonstruktion ist deshalb eine klare Unterscheidung des Belegstatus notwendig. Werkhistorisch dokumentierbar sind solche Angaben, die sich grundsätzlich durch vorhandene Fotografien, Tagebücher, Werkverzeichnisse, Korrespondenzen, Presseberichte, Ausstellungsunterlagen, Bewerbungen oder erhaltene Objekte überprüfen lassen. Dazu gehören etwa die Ausbildung zum Maschinenschlosser, das Studium, historische Werke, Veranstaltungen, Documenta-Bewerbungen, Frage-und-Antwort-Tische oder das Globale Dorffest. Dass solche Materialien in deinem Archiv vorhanden sind, bedeutet jedoch noch nicht, dass jede heutige Interpretation damit bereits historisch bewiesen wäre. Eine gegenwärtige Deutung eines Werkes muss von der damaligen dokumentierten Aussage unterschieden werden.

Daneben gibt es wissenschaftlich überprüfbare Sachverhalte, beispielsweise physikalische Materialeigenschaften, Stoffwechsel, biologische Abhängigkeiten oder die Größenordnungen der Erdgeschichte. Solche Tatsachen können externe Bezugspunkte der Forschungskunst sein. Sie beweisen jedoch nicht automatisch die weitergehenden Begriffe der Forschungskunst.

Schließlich gibt es die werk- und forschungsinternen Begriffe und Hypothesen wie Plexuswirklichkeit, Lochprozess, Skulpturidentität, Vergoldungswelt, 51:49 als Minimalasymmetrie, 50:50-Symmetriedualismus, 1:99-Drift, plastisches Ich oder Menschenkunstwerk. Diese Begriffe können sehr produktiv sein, dürfen aber nicht so behandelt werden, als seien sie bereits naturwissenschaftlich bewiesene Gesetzmäßigkeiten. Ihre Tragfähigkeit entscheidet sich daran, ob sie Unterschiede sichtbar machen, Prüfungen ermöglichen und selbst korrigierbar bleiben.

Gerade diese Trennung ist eines der wichtigsten Ergebnisse des bisherigen Chats. Die Forschungskunst soll nicht dadurch wissenschaftlicher erscheinen, dass ihre Eigenbegriffe zu vermeintlich objektiven Naturgesetzen erklärt werden. Sie gewinnt vielmehr an Genauigkeit, wenn Werkbeleg, wissenschaftliches Wissen, künstlerische Analogie, methodisches Modell und weitergehende Hypothese sauber auseinandergehalten werden.

Forschungsgrund

Die Ausgangsfrage vor der heutigen Theorie

Der Forschungsgrund wird im bisherigen Arbeitsprozess immer wieder auf die Mitte der 1970er Jahre zurückgeführt. Ausgangspunkt ist die Frage, warum der Mensch trotz Wissen, Wahrnehmungsfähigkeit, technischer Gestaltungskraft und grundsätzlicher Möglichkeit zur Korrektur Bedingungen beschädigt, von denen er selbst abhängig bleibt. Diese Frage wird nicht als rein philosophisches Problem eingeführt, sondern als Folge einer biografischen und künstlerischen Erfahrung von Widersprüchen zwischen menschlicher Selbstbeschreibung und tatsächlichem Verhalten.

Bereits hier entsteht eine erste grundlegende Differenz, die später viele weitere Begriffe hervorbringen wird. Der Mensch kann etwas wissen und trotzdem anders handeln. Er kann technische Probleme außerordentlich genau lösen und zugleich größere Folgen seines Handelns nicht in denselben Funktionszusammenhang einbeziehen. Er kann sich als frei und autonom beschreiben und gleichzeitig vollständig von stofflichen, biologischen und gesellschaftlichen Bedingungen abhängig bleiben. Er kann gesellschaftliche Regeln hervorbringen und später so tun, als seien diese Regeln vorausliegende Wirklichkeit.

Die Forschung beginnt deshalb nicht mit der Frage, welche richtige Weltanschauung der Mensch übernehmen sollte. Sie beginnt mit der Untersuchung einer Lücke zwischen menschlicher Vorstellung, menschlicher Tätigkeit und tatsächlicher Konsequenz.

Diese frühe Ausgangsfrage ist werkhistorisch grundsätzlich dokumentierbar, sofern entsprechende Texte, Tagebuchstellen, Studienunterlagen oder Projektbeschreibungen aus der Zeit vorliegen. Die heutige Formulierung „Warum zerstört der Mensch trotz Wissen und Korrekturfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen?“ ist dagegen bereits eine spätere begriffliche Verdichtung dieser Werkgeschichte.

Von der moralischen zur funktionalen Fragestellung

Eine wichtige Korrektur im bisherigen Chat bestand darin, die Ausgangsfrage nicht hauptsächlich moralisch zu behandeln. Der Mensch sollte nicht einfach als böse, gierig oder verantwortungslos beschrieben werden. Die Forschung verlagerte sich zunehmend auf die Frage, welche Strukturen dazu führen, dass Rückmeldungen nicht wirksam werden.

Damit entstand eine stärkere Nähe zur handwerklichen Funktionsprüfung. Wenn eine Maschine nicht funktioniert, genügt es nicht zu sagen, sie habe schlechte Absichten. Man untersucht Passungen, Belastungen, Maße, Widerstände und Konstruktionsfehler. Diese Haltung wurde später auf komplexere menschliche Hervorbringungen übertragen, ohne Gesellschaft mit einer Maschine gleichzusetzen.

Die Zielprojektion des Forschungsgrundes wurde dadurch präziser: Nicht der moralisch bessere Mensch sollte konstruiert werden. Gesucht wurde eine prüffähigere menschliche und gesellschaftliche Rückkopplungsstruktur.

Werkgenese

Naturbeobachtung, Handwerk und frühe Wirklichkeitserfahrung

Die Werkgenese reicht im bisherigen Chat weiter zurück als die formale Bezeichnung „Forschungskunst“. Naturbeobachtung, Ornithologie, Beobachtungen von Bienen und Schwarmverhalten, Auseinandersetzungen mit Landwirtschaft, Flurbereinigung und Umweltbelastungen bildeten frühe Erfahrungsfelder. Diese Bereiche sind historisch-biografisch zu dokumentieren; ihre heutige Einordnung als Vorstufen der Plexuswirklichkeit oder der Globalen Schwarm-Intelligenz ist dagegen eine spätere Rücklesung.

Von besonderer Bedeutung ist die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969. Hier entsteht eine elementare Erfahrung von Maß, Passung, Toleranz, Materialwiderstand und Funktion. Das Material kann nicht durch eine überzeugende Theorie dazu gebracht werden, anders zu reagieren. Etwas passt oder passt nicht. Eine Verbindung hält oder versagt. Damit entsteht das Prinzip eines wirklichen Gegenübers.

Aus heutiger Sicht lässt sich hier ein erster methodischer Kern erkennen: Vorstellung und Gegenüber müssen unterschieden bleiben. Eine Idee ist noch keine funktionierende Form.

Fotografie: Ausschnitt und Wirklichkeitsdarstellung

Die fotografische Tätigkeit zwischen 1968 und 1973 führt eine zweite grundlegende Operation ein. Fotografie ist Auswahl. Ein Bildrahmen zeigt etwas und lässt anderes außerhalb. Diese Erfahrung wird Jahrzehnte später für die Begriffe Dingselektion und Lochprozess wichtig.

Entscheidend ist jedoch die historische Vorsicht. Es wäre falsch, zu behaupten, die Fotografie sei damals bereits bewusst als Theorie des Lochprozesses betrieben worden. Präziser ist: Die spätere Forschung entdeckt in der früheren fotografischen Praxis eine wiederkehrende Struktur. Jede Darstellung benötigt einen Ausschnitt. Die Frage lautet später, was geschieht, wenn dieser Ausschnitt seinen Ausschnittcharakter verliert.

Die Zielprojektion verschiebt sich dadurch von der Frage „Was zeigt das Bild?“ zu „Was musste außerhalb des Bildes bleiben, damit dieses Bild entstehen konnte?“

Werbung und die Herstellung von Bedeutungsoberflächen

Die Tätigkeit im Bereich Werbung führt zu einem weiteren später bedeutsamen Problem: Gegenstände besitzen nicht nur materielle Beschaffenheiten, sondern können durch Sprache, Gestaltung, Bild, Erwartung und gesellschaftliche Zuschreibung zusätzliche Bedeutungen erhalten. In der heutigen Forschungsarchitektur lässt sich darin eine Vorgeschichte der späteren Vergoldungswelt erkennen.

Auch hier darf die spätere Theorie nicht an die Stelle der historischen Dokumentation treten. Erst der Vergleich verschiedener Werkphasen machte sichtbar, dass sich die Untersuchung von Oberfläche, Suggestion, Zuschreibung und Wert durch mehrere Arbeitsfelder zieht.

Studium, Plastik und Experimentelle Umweltgestaltung

Mit dem Studium an der HBK Braunschweig von 1974 bis 1980 und insbesondere der Experimentellen Umweltgestaltung ab 1975 wird aus den vorherigen Erfahrungen eine ausdrücklich künstlerische Forschungssituation. Der Werkbegriff erweitert sich. Material, Raum, Umwelt, Tätigkeit und andere Menschen werden Bestandteile einer Versuchsanordnung.

Hier wird die Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur später besonders wichtig. In der heutigen Begrifflichkeit steht Plastik stärker für einen entstehenden, veränderbaren Formprozess, während Skulptur zur Prüfmetapher für eine festgestellte Form werden kann. Historisch und kunstwissenschaftlich muss diese Verwendung sorgfältig von der allgemeinen Kunstterminologie unterschieden werden. Sie ist eine bewusste werkinterne Differenzierung und keine allgemeingültige Definition aller Plastik und Skulptur.

Wasser, Deich, Strömung und Gegenwirkung

Wellenbecken, Strömungsversuche, Deichprofile und verwandte Arbeiten werden zu besonders wichtigen materiellen Gegenübern. Wasser reagiert auf Eingriff, Widerstand, Hindernis, Begrenzung und Zeit. Ein Deich funktioniert nicht absolut, sondern nur in einem Verhältnis bestimmter Bedingungen.

Aus diesen Arbeiten entwickelt sich rückblickend die Erkenntnis, dass Funktion relational ist. Die spätere Plexuswirklichkeit erhält hier einen konkreten werkpraktischen Ursprung. Ebenso bildet sich die später ausgearbeitete Differenz zwischen Funktionsprüfung und Tragfähigkeitsprüfung.

Die Zielprojektion lautet nun nicht mehr nur: Funktioniert die konkrete Konstruktion? Sie erweitert sich zu der Frage: Was trägt unter welchen Bedingungen, und wie verändern sich diese Bedingungen durch den Eingriff selbst?

Vorgabebild, Erwachsenen-Malbuch und Beteiligung

Die Malbücher, Vorgabebilder und späteren Mitmachformen markieren eine weitere entscheidende Verschiebung. Der Künstler stellt nicht mehr ausschließlich ein fertiges Objekt bereit. Er gibt eine Form vor, die durch andere Menschen weiterbearbeitet werden kann.

Das Vorgabebild wird dadurch zu einer frühen Form der späteren Membranlogik: Es setzt eine Grenze und öffnet sie zugleich. Es ist weder leere Beliebigkeit noch vollständig festgelegtes Ergebnis.

Später wird jedoch auch dieses Partizipationsmodell kritisiert. Beteiligung allein reicht nicht aus. Ein Mensch kann innerhalb einer Vorgabe mitmachen, ohne den zugrunde liegenden Denkrahmen infrage stellen zu können. Daraus entsteht später der Übergang vom Teilnehmer zum Mitprüfenden.

Theater, soziale Plastik und Rolle

Die Beschäftigung mit Theater, Augusto Boal, darstellerischen Formen und sozialer Plastik führt die Untersuchung vom materiellen Gegenstand stärker zum menschlichen Verhalten. Rollen können angenommen und verlassen werden. Daraus entsteht allmählich die Frage, was geschieht, wenn gesellschaftliche Rollen nicht mehr als Rollen erkannt werden.

Die Begegnung und Auseinandersetzung mit Joseph Beuys gehört dabei zur historischen Werkgeschichte. Die spätere Forschungskunst übernimmt jedoch nicht einfach Beuys’ Formel von der sozialen Plastik. Sie verschärft sie. Wenn der Mensch Gesellschaft tatsächlich plastisch hervorbringt, muss gefragt werden, ob diese gesellschaftlichen Formen funktionieren und tragen. Kreativität allein genügt nicht.

Damit verschiebt sich die soziale Plastik in Richtung gesellschaftlicher Tragfähigkeitsprüfung.

Wirklichkeitsverständnis

Von „Natur“ zu Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit

In älteren Arbeitsphasen spielte Natur stärker die Rolle eines Gegenmaßstabes. Im Laufe der Forschung wurde diese Formulierung problematisch. „Natur“ kann romantisiert werden und suggerieren, das Natürliche sei automatisch richtig, harmonisch oder moralisch überlegen.

Deshalb wurde der Begriff schrittweise präzisiert. Zunächst trat Tragwirklichkeit stärker in den Vordergrund. Gemeint sind diejenigen Bedingungen, von denen menschliches Leben tatsächlich abhängig bleibt. Später wurde dieser Begriff durch Plexuswirklichkeit erweitert. Plexuswirklichkeit bezeichnet nicht nur tragende Bedingungen, sondern das Geflecht von Beziehungen, Widerständen, Differenzen, Abhängigkeiten, Austausch- und Rückkopplungsprozessen.

Diese Korrektur ist wesentlich. Aus „Natur als Wahrheit“ wird ein wesentlich vorsichtigerer Satz: Der Mensch befindet sich innerhalb eines Wirkungszusammenhangs, der nicht vollständig aus seinen Vorstellungen hervorgegangen ist.

Keine Ganzheitsmetaphysik

Eine weitere Korrektur bestand darin, Plexuswirklichkeit ausdrücklich nicht als Wirklichkeit selbst auszugeben. Der Begriff ist ein menschliches Modell. Er soll gerade die Gefahr vermeiden, aus einer neuen Theorie wieder eine geschlossene Weltform zu machen.

Plexus bedeutet deshalb auch nicht, alles sei mit allem verbunden. Eine solche Aussage wäre analytisch fast leer. Entscheidend sind jeweils konkrete Beziehungen. Welche Abhängigkeit besteht? Welche Grenze? Welcher Widerstand? Welche Rückmeldung?

Die methodische Zielprojektion lautet damit: Wirklichkeit soll nicht vollständig erklärt, sondern als korrigierendes Gegenüber menschlicher Ausschnitte erhalten werden.

Begriffsbildung

Vom Benennen zum Herstellen von Wirklichkeitsschnitten

Ein großer Teil des bisherigen Forschungsprozesses beschäftigt sich damit, dass Sprache nicht einfach neutrale Etiketten auf eine bereits fertig gegliederte Welt klebt. Menschen wählen aus, unterscheiden, benennen und ordnen.

Aus dieser Beobachtung entstand der Begriff des Begriffshandwerks. Ein Begriff wird wie eine hergestellte Form behandelt. Er besitzt eine Grenze, eine Funktion und einen bestimmten Anwendungsbereich. Dadurch wird er nutzbar. Zugleich entsteht die Gefahr, dass seine hergestellte Grenze später mit einer natürlichen Grenze verwechselt wird.

Ein besonders wichtiges Beispiel war der „Sonnenuntergang“. Die Sonne geht physikalisch nicht um die Erde herum und tatsächlich hinter einem Horizont „unter“; die sprachliche Form beschreibt eine menschliche Perspektive. Der Begriff ist dennoch brauchbar. Die Forschung fragt deshalb nicht, ob solche Begriffe abgeschafft werden müssen, sondern ob ihr perspektivischer Herstellungscharakter erkennbar bleibt.

Vom Begriff zur Begriffsskulptur

Daraus entstand später die Differenz zwischen plastischem Begriff und Begriffsskulptur. Der plastische Begriff besitzt genügend Stabilität, um sinnvoll verwendet zu werden, bleibt aber korrigierbar. Die Begriffsskulptur schützt ihre eigene Form gegenüber widersprechenden Beobachtungen.

Diese Differenz wurde zu einem zentralen methodischen Werkzeug. Sie konnte auf wissenschaftliche Modelle, politische Kategorien, gesellschaftliche Rollen und auch die eigenen Forschungskunstbegriffe angewandt werden.

Die Zielprojektion lautet nicht, Begriffe aufzulösen, sondern sie wieder als Werkstücke sichtbar zu machen.

Lochprozesse

Vom Ausschnitt zum verlorenen Rückweg

Der Lochprozess ist einer der Begriffe, die im Chat besonders stark weiterentwickelt und korrigiert wurden. Eine erste Gefahr bestand darin, jeden Ausschnitt bereits als problematisches Loch zu behandeln. Das wurde ausdrücklich verworfen.

Der präzisere Stand lautet: Der Schnitt erzeugt noch kein Loch. Das Loch entsteht, wenn der Rückweg verloren geht.

Der Mensch muss auswählen. Die Fotografie benötigt einen Bildausschnitt, Wissenschaft benötigt einen Untersuchungsgegenstand, Verwaltung eine Zuständigkeit und Sprache einen Begriff. Ein Lochprozess beginnt erst dort, wo relevante Beziehungen, die außerhalb des Ausschnitts liegen, später nicht mehr auf den Ausschnitt zurückwirken können.

Der Lochprozess wurde dadurch von einer allgemeinen Zivilisationskritik zu einem deutlich präziseren Rückkopplungsbegriff.

Vom Loch zur Membran

Die Membran wurde als Gegenmodell entwickelt. Auch hier gab es eine wichtige Korrektur. Membran bedeutet nicht grenzenlose Offenheit. Eine biologische Membran lässt gerade nicht alles hindurch. Ihre Tragfähigkeit liegt in regulierter Durchlässigkeit.

Diese Struktur wurde künstlerisch und methodisch übertragen: Unterschied und Grenze bleiben erhalten, aber relevante Rückmeldungen können passieren.

Damit entstand die Formel: Der Lochprozess beschreibt den Verlust des Rückweges. Die Membran organisiert den Rückweg.

Wissenschaftlich belegt sind die Eigenschaften realer biologischer oder technischer Membranen jeweils innerhalb ihrer Fachgebiete. Die Übertragung auf Begriffe, Identitäten und Institutionen ist dagegen eine künstlerisch-methodische Analogie.

Gegenüberstellung und Lernen

Warum Lernen Distanz benötigt

Eine weitere bedeutende Entwicklung betrifft das Gegenüber. Lernen benötigt eine Differenz zwischen Ausgangsvorstellung und etwas, das nicht vollständig von dieser Vorstellung kontrolliert wird. Material, ein anderer Mensch, eine Quelle, eine historische Fotografie oder eine tatsächliche Folge kann ein solches Gegenüber bilden.

Dabei entstand jedoch eine neue Gefahr. Das Gegenüber durfte nicht zur Gegenwelt werden. Wird Mensch gegen Natur, Geist gegen Körper oder Subjekt gegen Objekt gestellt, kann aus der methodischen Unterscheidung ein neuer Dualismus entstehen.

Deshalb wurde die Formulierung entwickelt: gegenüberstellen, ohne eine Gegenwelt zu erzeugen.

Die Zielprojektion des Gegenübers ist damit nicht Trennung, sondern lernfähige Distanz innerhalb fortbestehender Beziehung.

Das künstlerische Dreieck

Das künstlerische Dreieck aus Vorstellung beziehungsweise Modell im Kopf, handwerklicher Tätigkeit der Hände und tatsächlich entstehender Plastik wurde als anschauliches Meta-Modell entwickelt. Es zeigt, dass zwischen Idee und Ergebnis Tätigkeit liegt und dass das Ergebnis wiederum auf die Vorstellung zurückwirken kann.

Der Zweifel bildet darin kein bloßes psychisches Unsicherheitsgefühl, sondern die Öffnung für die Möglichkeit, dass das Ergebnis anders ausfällt als erwartet.

Plastik und Skulpturalisierung

Von der materiellen Plastik zum plastischen Menschen

Die Unterscheidung Plastik und Skulptur entwickelte sich zunehmend vom kunstpraktischen Ausgangspunkt zu einer anthropologischen Prüfmetapher. Plastik bezeichnet nun stärker eine Form, die in Tätigkeit, Widerstand und Veränderung entsteht. Skulpturalisierung bezeichnet dagegen das Feststellen einer Form, die ihren historischen und relationalen Charakter verliert.

Daraus entstand das plastische Ich. Es bezeichnet den Menschen als lebenden, stoffwechselnden, verletzbaren, lernenden und zeitlichen Prozess. Identität besteht dabei nicht trotz Veränderung, sondern teilweise gerade durch Veränderung.

Demgegenüber steht die Skulpturidentität. Sie ist keine psychiatrische oder psychologische Diagnose. Sie ist ein werkinterner Begriff für den Vorgang, durch den eine veränderbare Rolle oder Beziehung als festes Wesen erscheint.

Die zentrale Unterscheidung lautet deshalb: „Ich habe eine Rolle“ ist etwas anderes als „Ich bin meinem Wesen nach diese Rolle“.

Von der Skulpturidentität zur Rückkopplungsimmunität

Im weiteren Verlauf wurde deutlich, dass das Problem nicht allein in einer festen Selbstbeschreibung liegt. Entscheidend ist, ob die aus einer Identität hervorgehenden Tätigkeiten ihre eigene Ausgangsform noch verändern können.

Damit verbindet sich Skulpturidentität mit dem später entwickelten Begriff der Rückkopplungsimmunität. Eine Identitätsform wird besonders problematisch, wenn Gegenbeobachtungen nur noch so verarbeitet werden, dass sie die bestehende Form bestätigen.

Erfahrung und Rückkopplung

Erfahrung nicht als bloßes Erlebnis

Erfahrung erhielt im Forschungsprozess zunehmend eine genauere Bedeutung. Sie sollte nicht bloß subjektives Erlebnis sein. Eine Erfahrung wird forschungsrelevant, wenn sie eine Differenz zwischen Erwartung und tatsächlichem Geschehen erzeugt und diese Differenz dokumentiert beziehungsweise weiterbearbeitet werden kann.

Damit wird Erfahrung zur Zwischenstelle von Werkpraxis und Begriffsentwicklung.

Von Erfahrung zu Korrektur

Aus vielen Werkphasen lässt sich heute dieselbe Bewegung rekonstruieren: Vorstellung, Tätigkeit, Widerstand, Unterschied, neue Frage. Erst später wurde dieser Ablauf explizit als Rückkopplung formuliert.

Daraus entstand eine der wichtigsten gegenwärtigen Grundbewegungen der Forschungskunst: Vorstellung hervorbringen, einem Gegenüber aussetzen, tätig werden, Unterschiede und Konsequenzen wahrnehmen, Beziehungen zurückholen, zweifeln, korrigieren und gegebenenfalls reparieren.

Die spätere Hinzufügung der Reparatur ist bedeutsam. Korrektur verändert eine Vorstellung. Reparatur beschäftigt sich mit Folgen, die bereits eingetreten sind.

Symbol- und Eigenschaftsbildung

Hineingedachte Eigenschaften

Ein wichtiger Forschungsstrang entwickelte sich aus der Frage, welche Eigenschaften einem Gegenstand tatsächlich materiell zukommen und welche Eigenschaften gesellschaftlich zugeschrieben werden.

Eigentum wurde zum besonders wichtigen Beispiel. Ein Boden kann rechtlich jemandem gehören. Diese Eigentumsbeziehung ist gesellschaftlich wirksam. Sie ist aber nicht auf dieselbe Weise im Boden vorhanden wie dessen Masse, Feuchtigkeit oder chemische Zusammensetzung.

Damit wurde der Ausdruck hineingedachte Eigenschaft entwickelt. Dieser Begriff darf jedoch nicht missverstanden werden. „Hineingedacht“ bedeutet nicht unwirklich. Eine gesellschaftliche Zuschreibung kann enorme reale Konsequenzen besitzen.

Diese Differenz führte später zur Unterscheidung verschiedener Wirklichkeitsweisen: materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben und symbolisch behauptet.

Vergoldungswelt

Aus der Arbeit mit Gold entwickelte sich dafür ein besonders starkes künstlerisches Modell. Eine dünne Goldauflage kann den gesellschaftlichen Wert und die Wahrnehmung eines Gegenstandes grundlegend verändern, obwohl sein materieller Träger weitgehend bestehen bleibt.

Daraus entstand die Vergoldungswelt. Sie bezeichnet menschlich hervorgebrachte Wert-, Rang-, Eigentums-, Status- und Bedeutungsoberflächen.

Die Forschung wurde dabei mehrfach korrigiert. Gold selbst ist nicht das Problem. Ebenso wenig ist Preis grundsätzlich „falsch“. Problematisch wird die Vergoldung dort, wo die Wertoberfläche den Träger und seine Bedingungen so stark überlagert, dass relevante Wirklichkeitsrückmeldungen nicht mehr durchdringen.

Die Zielprojektion wurde deshalb nicht „Entwertung“, sondern Entgoldung im Sinne erneuter Unterscheidbarkeit von Träger und Zuschreibung.

Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

Vom Greifen zum Begreifen

Im Forschungsprozess wurde Sprache zunehmend selbst zu einem archäologischen Feld. Begriffe wie greifen und begreifen, haben und besitzen, sitzen, stehen, gehen, achten, deuten, wägen und wagen wurden auf mögliche historische und metaphorische Grundbewegungen untersucht.

Die dahinterliegende Forschungsfrage lautet: Welche körperlichen, handwerklichen, räumlichen oder gesellschaftlichen Erfahrungen sind in heutigen abstrakten Begriffen noch enthalten, und welche Veränderungen haben diese Begriffe kulturgeschichtlich durchlaufen?

Dies ist ein produktives Forschungsfeld, aber hier ist besondere wissenschaftliche Vorsicht notwendig. Etymologische Ähnlichkeiten oder metaphorische Verbindungen beweisen keine anthropologische Theorie. Historische Sprachentwicklung muss jeweils philologisch geprüft werden.

Technē

Ein besonders wichtiges Vergleichsfeld ist der griechische Begriff technē. Im bisherigen Forschungsprozess wurde er als historische Verbindung von Können, Herstellung, Wissen, Übung, Material und Maß interessant. Daraus ergab sich ein Vergleich mit späteren Trennungen von Kunst, Handwerk, Technik und Wissenschaft.

Die daraus entwickelte Forschungshypothese lautet nicht, dass eine ursprüngliche griechische Einheit einfach wiederhergestellt werden sollte. Vielmehr wird gefragt, ob moderne disziplinäre Trennungen bestimmte Wirkungszusammenhänge unsichtbar machen.

Der wissenschaftlich überprüfbare Teil betrifft die jeweilige Sprach- und Begriffsgeschichte. Die These, dass diese Trennungen für die heutige Zivilisationsproblematik verantwortlich oder mitverantwortlich seien, bleibt eine weiter zu prüfende Forschungshypothese.

Idiṓtēs, privat und öffentlich

Ein weiterer Strang untersuchte das griechische idiṓtēs und ídios im Verhältnis zum Gemeinsamen, später lateinische Begriffe wie privatus, publicus und communis sowie moderne englische Felder von private, individual, property, public und commons.

Diese Arbeit zielte darauf, die historische Entwicklung des modernen privaten Individuums und seiner Eigentums- und Selbstvorstellungen zu untersuchen.

Später wurde ausdrücklich gefordert, diese europäische Linie nicht als universale Menschheitsgeschichte auszugeben. Deshalb sollten auch hebräische, arabische und indisch-sanskritische Sprach- und Kulturfelder einbezogen werden. Diese Erweiterung war eine wichtige Korrektur einer zunächst zu europäisch-linearen Begriffsarchäologie.

Die Zielprojektion ist ein vergleichendes Begriffslabor, kein Nachweis einer einheitlichen Weltgeschichte des Denkens.

Das Vier-Ebenen-Modell E1–E4

Entstehung aus verschiedenen Wirklichkeitsproblemen

E1–E4 entstand nicht am Anfang der Forschung. Es ist ein späteres Ordnungsinstrument, mit dem verschiedene wiederkehrende Probleme besser auseinandergehalten werden sollten.

E1 bezeichnet materielle Vorgänge wie Kraft, Belastung, Widerstand, Bewegung und Bruch. E2 richtet die Aufmerksamkeit auf lebende Prozesse wie Stoffwechsel, Regulation, Abhängigkeit, Regeneration und Verletzbarkeit. E3 bezeichnet menschlich hervorgebrachte symbolische und gesellschaftliche Geltungsordnungen wie Sprache, Eigentum, Wert, Rollen, Recht oder Institutionen.

E4 wurde später besonders wichtig. Anfangs drohte das Modell als vier übereinanderliegende Wirklichkeitsschichten gelesen zu werden. Dies wurde korrigiert. E4 ist keine zusätzliche Substanz oder höhere Wirklichkeit. Es bezeichnet die Rückkopplungsbewegung, in der materielle und lebendige Folgen menschliche E3-Formen wieder verändern können.

Von der Ebenenhierarchie zur Prüfbewegung

Diese Korrektur verändert die gesamte Funktion des Modells. E1–E4 soll keine Ontologie sein. Es ist ein Prüfinstrument.

Die zentrale Formel lautet inzwischen: E3 organisiert Vorstellung und Geltung. Tätigkeit setzt sie in den Wirkungszusammenhang. E1 und E2 antworten mit tatsächlichen Veränderungen. E4 fragt, ob diese Antwort die Ausgangsform verändern darf.

Die wissenschaftlich überprüfbaren Sachverhalte liegen jeweils innerhalb der einzelnen Fachfelder. Die Vier-Ebenen-Struktur selbst ist ein werkinterner methodischer Ordnungsversuch.

Begriffshandwerk und Prüfanker

Aus impliziter Praxis wird explizite Methode

Der Prüfanker des Begriffshandwerks ist eine der jüngsten Verdichtungen eines viel älteren Arbeitsprinzips. Handwerkliche Prüfung, Fotografie, Collage, Schultafel, Rollenarbeit, Frage-und-Antwort-Tische und spätere Begriffskritik werden darin methodisch zusammengeführt.

Der Prüfanker fragt nicht, welche Antwort ein Mensch glauben soll. Er rekonstruiert, wie eine Vorstellung hergestellt wurde.

Die entwickelte Prüfbewegung untersucht, was aus einem Zusammenhang herausgenommen, unterschieden, gegenübergestellt, benannt und mit Eigenschaften versehen wurde. Danach wird gefragt, welche Tätigkeit aus dieser Form hervorgeht, welche Folgen entstehen und welche ausgeblendeten Beziehungen zurückkehren müssen.

Vom Prüfmechanismus zum Prüfoperator

Eine wichtige begriffliche Korrektur bestand darin, Prüfoperator gegenüber Prüfmechanismus vorzuziehen. „Mechanismus“ könnte suggerieren, dass ein bestimmtes Verfahren automatisch zur richtigen Antwort führt. Das entspricht nicht der Forschungskunst.

Der Operator organisiert eine Fragestellung, lässt aber das Ergebnis offen.

Die heutige Kurzform lautet deshalb: Nicht: Was muss ich glauben? Sondern: Was habe ich hergestellt, was geschieht, wenn ich danach handle, und was darf mich noch korrigieren?

Künstlerische Prüfobjekte

Objekte nicht als Illustrationen

Eine wesentliche Klärung des bisherigen Chats betrifft den Status der künstlerischen Objekte. Sie sollen nicht nachträglich zu Illustrationen der Theorie degradiert werden. Viele von ihnen entstanden vor den heutigen Begriffen.

Gerade deshalb besitzen sie als historische Gegenüber eine besondere Bedeutung. Das Wellenbecken kann heute für Rückkopplung relevant sein, obwohl der heutige Plexusbegriff damals noch nicht formuliert war. Der Astronaut kann heute technische Abhängigkeit prüfen, ohne dass seine ursprüngliche Bedeutung vollständig darin aufgeht.

Zentrale Objektfamilien

Wasser, Welle und Deich stehen für Widerstand, Belastung, Fluss und Rückwirkung. Tang und Kartoffel öffnen das Feld lebender beziehungsweise relationaler Form. Schultafel und Frage-Antwort-Tisch materialisieren Feststellung und Korrigierbarkeit. Astronaut und Thermosflasche untersuchen Isolation und technisch organisierte Abhängigkeit. Gold und vergoldeter Spaten verbinden Wert, Zugriff und Tätigkeit. Gordischer Knoten, Totentanz, Vorgabebilder, Collagen und Rollenarbeiten bilden weitere historische Gegenüber.

Die Zielprojektion dieser Objekte im So-Heits-Atelier ist nicht die museale Präsentation eines fertigen Lebenswerks, sondern ihre erneute Aktivierung als Prüfgegenüber.

Folien und Schablonen

Die Folie als sichtbare Zuschreibung

Die Foliengrammatik entstand aus dem Bedürfnis, unterschiedliche Wirklichkeitslagen sichtbar zu machen, ohne sie als voneinander getrennte reale Schichten darzustellen.

Eine transparente Folie kann Eigentum, Wert, Rolle, Religion, Identität oder wissenschaftliche Klassifikation über ein Bild legen. Dadurch wird die Zuschreibung als Hinzufügung sichtbar.

Die wichtigste Korrektur bestand darin, auch das darunterliegende Grundbild nicht mit der Wirklichkeit selbst zu verwechseln. Auch ein Foto ist bereits ein Ausschnitt.

Damit lautet die zentrale Funktion der Folie: Sie zeigt nicht, wie Wirklichkeit endgültig ist, sondern wie sie gerade dargestellt wird.

Schablone und Prüfweg

Die Schablone wurde stärker als methodisches Werkzeug verstanden. Sie gibt nicht das Ergebnis vor, sondern hilft, einen Prüfweg wiederholbar zu machen.

Folie und Schablone unterscheiden sich deshalb funktional. Die Folie stellt einen gegenwärtigen Ausschnitt sichtbar her. Die Schablone organisiert die Frage, wie dieser Ausschnitt geprüft werden kann.

Mitmachbuch

Vom Malbuch zum individuellen Prüfprozess

Das Mitmachbuch hat eine lange Vorgeschichte in Erwachsenen-Malbüchern, Vorgabebildern, Arbeitsheften, Frage-Antwort-Strukturen und partizipatorischen Projekten. Die heutige Form ist jedoch methodisch weiterentwickelt.

Der Benutzer soll nicht das theoretische System lernen und reproduzieren. Er beginnt mit einer eigenen Vorstellung, einem Begriff, einer Frage oder Tätigkeit.

Dadurch verändert sich der Gegenstand der Partizipation grundlegend. Nicht „mein Kunstwerk“ wird vom Besucher vervollständigt, sondern seine eigene Wirklichkeitsvorstellung wird zum Werkstück.

Korrekturspur statt Endantwort

Ein weiterer wichtiger Entwicklungsschritt war die Idee, frühere Antworten nicht zu löschen. Das Mitmachbuch soll sichtbar machen, wie sich eine Vorstellung verändert.

E4 wird dadurch buchstäblich zur Rückkehr auf eine frühere Seite.

Die Zielprojektion ist ein persönlicher Forschungsweg, der später mit anderen Prüfwegen verbunden werden kann.

Tausend Tische und das Frage-und-Antwort-Paradigma

Von der individuellen Frage zum öffentlichen Feld

Die „Tausend Tische“ gehören zu den entscheidenden Brücken zwischen früher Partizipationskunst und heutiger Globaler Schwarm-Intelligenz.

Im Zusammenhang des Globalen Dorffests 1993 am Brandenburger Tor war „tausend“ die damals noch anschauliche Vorstellung einer sehr großen menschlichen Beteiligung. Jeder sollte einen Tisch beziehungsweise eine eigene Position, Frage, Erfahrung, Zeichnung, Collage oder Vorstellung einbringen können. Andere Menschen sollten von Tisch zu Tisch gehen und darauf reagieren.

In früheren Materialien wird dieser Prozess ausdrücklich als analoge Vorform der heutigen Plattform beschrieben. Der Tisch wird später zum Eingabefeld, die Frage zum Forschungsimpuls und die Antwort zur Rückkopplung.

Kollektive Kreativität

Aus diesem Arbeitsfeld entstand die Kollektive Kreativität nicht als Auflösung des Einzelnen in eine Gruppe, sondern als Versuch, verschiedene individuelle Hervorbringungen miteinander in produktive Rückkopplung zu bringen.

Die ursprüngliche Form „Jeder hat eine Meinung, und tausend reagieren darauf“ enthält bereits eine Struktur, die später digital auf Millionen oder Milliarden Menschen ausgeweitet werden sollte.

Werkhistorisch ist das Globale Dorffest als Ereignis und Projekt dokumentierbar. Die heutige Interpretation als „analoge Urszene der Globalen Schwarm-Intelligenz“ ist eine später entwickelte, aber durch die strukturelle Kontinuität gut begründbare Werkinterpretation. Die vorhandenen Materialien formulieren diese Verbindung ausdrücklich.

Künstliche Intelligenz

Vom Schreibwerkzeug zum Gegenüber

KI trat sehr spät in die Werkentwicklung ein und darf deshalb nicht rückwirkend zum Ursprung der Forschungskunst gemacht werden. Die grundlegende Prüfbewegung existierte Jahrzehnte vorher.

Zunächst wurde KI als Schreib-, Ordnungs- und Strukturhilfe verwendet. Im weiteren Verlauf wurde zunehmend deutlich, dass sie noch eine andere Funktion übernehmen kann: Sie kann Begriffe vergleichen, verdeckte Voraussetzungen sichtbar machen, Alternativen formulieren und Widersprüche innerhalb großer Textmengen auffinden.

Damit wurde KI zum variablen sprachlichen Gegenüber.

„Öffne meine Frage“

Eine entscheidende methodische Verschiebung bestand darin, KI nicht hauptsächlich mit „Gib mir die Antwort“ anzusprechen. Für das Begriffshandwerk ist die stärkere Funktion: „Öffne meine Frage.“

KI kann untersuchen, welche Auswahl, Unterscheidung oder Zuschreibung bereits in einer Frage enthalten ist und welche Gegenbeobachtung eine Ausgangsannahme verändern könnte.

KI als eigene Gefahrenquelle

Im weiteren Verlauf wurde jedoch erkannt, dass KI gerade durch ihre sprachliche Geschlossenheit eine neue Form der Vergoldung erzeugen kann. Eine Antwort kann überzeugend aussehen, ohne ausreichend geprüft zu sein.

Die heutige Arbeitsweise mit KI wurde deshalb selbst zum Beispiel der Forschungskunst. Auch meine eigenen Texte müssen zurückgeprüft werden. Die zuletzt festgestellte permanente Wiederholung in den Ankertexten war ein konkretes Beispiel: Ich hatte die Architektur sprachlich plausibel, aber strukturell ungünstig organisiert. Deine Gegenbeobachtung zwang zur Korrektur.

Damit bekommt der Satz „Auch die KI steht auf der Werkbank“ eine praktische, nicht nur theoretische Bedeutung.

Globale Schwarm-Intelligenz

Von der analogen Werkgeschichte zur digitalen Fortsetzung

Die Globale Schwarm-Intelligenz wurde im bisherigen Chat zunächst teilweise zu eng als digitale Plattform behandelt. Ältere Materialien zeigen jedoch eine umfassendere Werkgenese. Sie führt Frage-und-Antwort-Tisch, Roter Punkt, Malbuch, Kollektive Kreativität, Globales Dorffest, Zukunftswerkstatt, Entelechie-Museum und Partizipatorisches Welttheater in eine digitale, weltzugängliche Form weiter.

Damit ist die Plattform weder bloß Archiv noch Kommunikationsforum. Sie verbindet Werkarchiv, Interaktives Buch, öffentliche Prüfung, Nutzerarbeiten und fortsetzbare Rückkopplung.

Schwarmintelligenz und Schwarmdummheit

Eine wichtige begriffliche Korrektur betrifft den Schwarm selbst. Viele Menschen ergeben nicht automatisch Intelligenz. Mehrheit bedeutet nicht Wahrheit.

Gerade menschliche Schwärme leben zusätzlich zu unmittelbaren Wahrnehmungen in Sprache, Symbolen, Eigentum, Technik, Märkten, Wissenschaft und Rollen. Deshalb können sie sich kollektiv selbst bestätigen und damit eine Schwarmdummheit erzeugen.

Die Zielprojektion wurde deshalb als plastische Schwarmintelligenz beschrieben: Unterschiedliche Beiträge bleiben korrigierbar und werden nicht allein nach Zustimmung gewichtet.

Von Wissen zu Gemeinsinn

Eine ältere Leitformel lautete „Wissen wird Kraft“. Diese wurde später kritisiert, weil Kraft erneut Macht und Durchsetzung bedeuten kann.

Die korrigierte Formel lautet: Wissen wird Prüfung. Prüfung wird Verantwortung. Verantwortung wird Reparatur. Reparatur wird Gemeinsinn.

Damit wird Gemeinsinn nicht als moralische Tugend vorausgesetzt. Er soll aus organisierter gemeinsamer Rückkopplung entstehen.

So-Heits-Gesellschaft

Keine fertige Utopie

Die So-Heits-Gesellschaft wurde im Laufe der Forschung mehrfach präzisiert. Eine zu starke Beschreibung als zukünftige richtige Gesellschaft wäre mit dem eigenen Prüfprinzip unvereinbar. Eine endgültig definierte So-Heits-Gesellschaft würde selbst zur Skulpturidentität.

Deshalb bezeichnet der Begriff heute eher einen offenen gesellschaftlichen Entwicklungs- und Prüfprozess.

Eine So-Heits-Gesellschaft wäre nicht dadurch gekennzeichnet, dass alle Menschen dieselben Werte übernehmen. Entscheidend wäre die Fähigkeit ihrer Institutionen, die Konsequenzen eigener Regeln zu registrieren und sich zu korrigieren.

Damit nähert sich die So-Heits-Gesellschaft dem Begriff der Zivilisationsfähigkeit.

So-Heits-Atelier

Vom Lebenswerk zur öffentlichen Werkstatt

Das So-Heits-Atelier bildet die gegenwärtige räumliche Verdichtung dieser langen Entwicklung. Es ist weder bloße Retrospektive noch räumliche Illustration eines theoretischen Systems.

Historische Werke werden zu einer Materialbibliothek und zu Gegenübern. Besucher sollen nicht nur erfahren, was der Künstler gedacht hat. Sie sollen selbst tätig werden, Ausschnitte erzeugen, Zuschreibungen sichtbar machen, Vorstellungen prüfen und gegebenenfalls korrigieren.

Die Unterscheidung zwischen So-Heits-Raum, So-Heits-Atelier und So-Heits-Werkstatt wurde dabei wichtig. Der So-Heits-Raum bezeichnet die vorausliegende Wirklichkeit. Das Atelier ist eine künstliche Prüfanordnung innerhalb dieses Raumes. Die Werkstatt bezeichnet das konkrete Tun.

Daraus entstand die Formel: Man kann das So-Heits-Atelier verlassen, den So-Heits-Raum aber nicht.

Documenta 16 als historische Verortung

Die Bewerbung zur documenta 16 führt dieses Atelier nicht einfach an einen prestigevollen Ausstellungsort. Innerhalb der Verortungskunst wird bereits die Bewerbung selbst zum Teil der Werkgeschichte.

Daraus stammt die Aussage: „Die documenta 16 hat bereits begonnen.“

Diese Formulierung ist keine Behauptung über den offiziellen Beginn der Ausstellung, sondern eine werkinterne Aussage. Die künstlerische Verortung beginnt mit der gegenwärtigen Begegnung zwischen Werk, Institution, Bewerbung, möglicher Auswahl oder Ablehnung und weiterer Entwicklung.

Chronologische Gesamtbewegung

Betrachtet man den bisherigen Chat als zeitliche Forschungsentwicklung, lässt sich ein relativ klarer Bogen erkennen.

Am Anfang stehen Naturbeobachtung, frühe Wahrnehmung von Umweltzusammenhängen, handwerkliche Erfahrungen von Maß, Passung und Widerstand sowie Fotografie als Arbeit mit Wirklichkeitsausschnitten. Mit dem Studium und der Experimentellen Umweltgestaltung wird daraus ab Mitte der 1970er Jahre eine ausdrücklich künstlerische Forschungsfrage. Wasser, Deich, Strömung, Material, Tang, Kartoffel und andere Gegenüber erweitern die Funktionsprüfung. Vorgabebilder, Erwachsenen-Malbücher, Schultafeln, Theater und Beteiligungsprojekte öffnen das Werk für andere Menschen.

Ab den 1980er und frühen 1990er Jahren verstärkt sich die gesellschaftliche Dimension. Schultafeln, Frage-und-Antwort-Tische, gesellschaftliche Versuchsanordnungen und schließlich das Globale Dorffest mit den tausend Tischen führen vom einzelnen Kunstgegenstand zu einer öffentlichen Frage-Antwort-Architektur. Kollektive Kreativität wird zum Versuch, individuelle Hervorbringungen miteinander zu verschalten. Das Globale Dorffest wird später als analoge Vorform der Globalen Schwarm-Intelligenz rekonstruiert.

Parallel dazu entwickelt sich über Jahrzehnte die begriffliche Forschung. 51:49 tritt zunächst als intuitive Asymmetriefigur auf und wird später methodisch gegenüber 50:50 und 1:99 differenziert. Aus Material-, Organismus- und Gesellschaftsfragen entsteht E1–E4. Aus Fotografie, Collage und begrifflicher Auswahl entstehen Dingselektion und Lochprozess. Aus Grenzerfahrungen entsteht die Membran. Aus Plastik, Rollenarbeit und lebendiger Veränderung entwickeln sich plastisches Ich und Skulpturidentität. Aus Goldarbeiten entsteht die Vergoldungswelt. Aus planetarischer Zeitkalibrierung entsteht der Millisekunden-Mensch.

Im jüngsten Entwicklungsschritt werden diese lange verstreuten Erfahrungen in einer expliziten Ankerarchitektur zusammengeführt. Werkanker, Plexus-/Wirklichkeitsanker, Prüfanker des Begriffshandwerks, Tätigkeitskonsequenzanker, Verortungs-/Zeitanker, Foliengrammatikanker, Mitmachbuchanker, So-Heits-Atelier-Anker und der neu zu präzisierende GSI-/Rückkopplungsanker erhalten jeweils eine eigene Funktion. Der Kontextanker hält die gemeinsame Grundlage zusammen.

Die entscheidende methodische Entwicklung besteht darin, dass aus einem umfangreichen Lebenswerk zunehmend ein übertragbares Prüfverfahren herausgearbeitet wird.

Gesamtarchitektur des Forschungsansatzes

Der heutige Stand lässt sich als miteinander verschachtelte, aber unterscheidbare Architektur verstehen.

Der Werkgrund liefert die historische und materielle Herkunft. Ohne ihn würde die Forschungskunst wie eine nachträglich konstruierte Theorie erscheinen.

Die Plexuswirklichkeit bestimmt den Bezugsraum, innerhalb dessen Mensch und Menschenkunstwerk existieren.

Die Begriffsbildung erklärt, wie Menschen aus dieser Wirklichkeit Ausschnitte erzeugen und ihnen Namen, Eigenschaften, Werte und Rollen geben.

Der Lochprozess beschreibt, wie ein notwendiger Ausschnitt problematisch werden kann, wenn relevante Beziehungen ihre Rückkehrmöglichkeit verlieren.

Die Membran beschreibt eine mögliche Form korrigierbarer Grenzbildung.

Der Prüfanker des Begriffshandwerks macht daraus ein methodisches Verfahren.

Der Tätigkeitskonsequenzanker verfolgt den Übergang von Vorstellung und gesellschaftlicher Geltung zur wirklichen Folge.

E1–E4 differenziert dabei unterschiedliche Wirklichkeitsweisen und insbesondere die Rückbewegung der Konsequenz auf die menschliche Ausgangsform.

Plastisches Ich und Skulpturidentität übertragen diesen Vorgang auf menschliche Selbst- und Rollenbildung.

Vergoldungswelt untersucht die Herstellung von Wert- und Rangoberflächen.

51:49, 50:50 und 1:99 arbeiten als plastische Verhältnis- und Störmodelle.

Folien und Schablonen übersetzen die begriffliche Prüfung in eine sichtbare und handhabbare Bildgrammatik.

Das Mitmachbuch macht daraus einen individuellen Prüfweg.

Die Tausend Tische und das Globale Dorffest erweitern diesen Weg zu einem öffentlichen sozialen Frage-Antwort-Raum.

Die Globale Schwarm-Intelligenz überführt diese Struktur in eine orts- und zeitübergreifende öffentliche Rückkopplungsarchitektur.

KI unterstützt dabei Ordnung, Vergleich, Irritation und Gegenprüfung, bleibt aber selbst Prüfgegenstand.

Das So-Heits-Atelier verdichtet diese gesamte Entwicklung wieder in einen körperlich, räumlich und künstlerisch erfahrbaren Ort.

Die So-Heits-Gesellschaft ist schließlich keine fertige Gesellschaftsform, sondern die langfristige Zielprojektion einer Gesellschaft, die ihre eigenen Hervorbringungen korrigierbar hält.

Doppelungen und begriffliche Unklarheiten

Plexuswirklichkeit und Tragwirklichkeit

Hier besteht weiterhin eine gewisse Überlappung. Tragwirklichkeit bezeichnet stärker diejenigen Bedingungen, von denen Leben abhängig ist. Plexuswirklichkeit bezeichnet den umfassenderen Beziehungszusammenhang. Diese Differenz sollte verbindlich bleiben.

Tragwirklichkeit ist damit ein existenziell relevanter Ausschnitt innerhalb der Plexuswirklichkeit, nicht deren Synonym.

Plastisches Ich, plastische Identität und Tragwesen

Diese Begriffe überlagern sich teilweise. Das plastische Ich bezeichnet am präzisesten den lebenden, zeitlichen und rückkopplungsfähigen Menschen. Tragwesen hebt dessen Abhängigkeit hervor. Plastische Identität bezeichnet eher die daraus hervorgehende Selbst- und Rollenform.

Eine Vereinfachung wäre möglich, indem das plastische Ich zum Hauptbegriff und Tragwesen beziehungsweise plastische Identität zu bestimmten Perspektiven darauf werden.

Lochprozess, Rückkopplungsloch und Verantwortungsloch

Diese Begriffe sollten nicht alle dieselbe Funktion erfüllen. Der Lochprozess bezeichnet den allgemeinen Übergang vom Ausschnitt zur verlorenen Beziehung. Rückkopplungsloch bezeichnet einen spezifischen Verlust des Rückwegs einer Folge. Verantwortungsloch beschreibt den gesellschaftlich-institutionellen Sonderfall, dass Folgen keiner ausreichenden Entscheidungs- oder Handlungsebene zurückgegeben werden.

Diese Hierarchie könnte dauerhaft übernommen werden.

Membran und E4

Auch hier besteht Nähe, aber keine Identität. Membran beschreibt eine Struktur regulierter Durchlässigkeit. E4 bezeichnet eine tatsächliche Prüf- und Rückkopplungsbewegung. Eine Membran ermöglicht E4, ist aber nicht E4 selbst.

Forschungskunst, Prüfkunst und Entwicklungskunst

Die Bezeichnungen haben sich zeitweise vervielfacht. „Repräsentative Prüf-, Forschungs- und Entwicklungskunst“ ist präzise, aber schwerfällig. Der tragende Oberbegriff sollte weiterhin Forschungskunst bleiben. Prüfung und Entwicklung sind Funktionen dieser Forschungskunst.

Interaktives Buch und Mitmachbuch

Hier besteht weiterhin eine wichtige Klärungsaufgabe. Das frühere Interaktive Buch war umfassender als das heutige Mitmachbuch. Es sollte Lebenswerk, Plattform, Nutzerarbeiten und eigene Bücher integrieren. Das heutige Mitmachbuch ist stärker ein konkretes Prüfwerkzeug des Besuchers.

Es wäre deshalb sinnvoll, beide nicht einfach gleichzusetzen. Das Mitmachbuch kann als operative Besucher- und Nutzerform innerhalb des umfassenderen Interaktiven Buches verstanden werden.

Globale Schwarm-Intelligenz und KI-/Schwarm-Rückkopplungsanker

Die jüngste Rekonstruktion hat gezeigt, dass die bisherige Zusammenfassung von KI und GSI in einem einzigen Begriff zu stark verkürzt. Die Globale Schwarm-Intelligenz besitzt eine eigene, jahrzehntelange werkgenetische Herkunft. KI ist darin ein später hinzukommendes Werkzeug.

Der Anker müsste deshalb künftig eher GSI-/Rückkopplungsanker heißen, während KI darin als Werkzeug behandelt wird.

Mögliche Vereinfachungen

Die bisherige Forschung hat zeitweise dazu tendiert, für jede neue Einsicht einen neuen Begriff zu bilden. Das war in der Entwicklungsphase produktiv, erzeugt inzwischen aber die Gefahr eines zu dichten Begriffssystems.

Eine wichtige Vereinfachung könnte darin bestehen, stärker zwischen Grundbegriffen und Prüfwerkzeugen zu unterscheiden.

Als wirkliche Grundbegriffe erscheinen derzeit Plexuswirklichkeit, menschliche Hervorbringung beziehungsweise Menschenkunstwerk, plastisches Ich, Tätigkeit, Konsequenz, Rückkopplung und Korrigierbarkeit ausreichend tragfähig.

E1–E4, 51:49, Lochprozess, Membran, Vergoldungswelt, Millisekunden-Mensch und Foliengrammatik wären dann keine konkurrierenden Grundlagen, sondern unterschiedliche Werkzeuge zur Untersuchung bestimmter Probleme.

Diese Vereinfachung würde auch die Wiederholungen in den Texten deutlich reduzieren.

Noch fehlende Verbindungen

Macht und Rückkopplung

1:99 ist bisher als Asymmetriemodell vorhanden, aber die Verbindung zwischen Macht und Rückkopplungsfähigkeit ist noch nicht vollständig ausgearbeitet. Eine zentrale Frage lautet: Wer besitzt die Möglichkeit, relevante Rückmeldungen zu ignorieren, und wer muss ihre Folgen tragen?

Damit könnte 1:99 wesentlich präziser werden.

Institutionen als eigenständige Prüfobjekte

Viele Begriffe beziehen sich bislang auf den einzelnen Menschen oder auf abstrakte Gesellschaft. Institutionen benötigen jedoch eine eigene mittlere Ebene. Wie lernen Behörden, Unternehmen, Universitäten, Staaten oder Kunstinstitutionen? Wie entsteht institutionelle Rückkopplungsimmunität?

Dieser Bereich könnte den Begriff der Zivilisationsfähigkeit erheblich schärfen.

Zeitliche Irreversibilität

Der Tätigkeitskonsequenzanker unterscheidet bereits Korrektur und Reparatur. Noch nicht vollständig ausgearbeitet ist jedoch, wie Irreversibilität in den Prüfoperator eingehen muss. Je irreversibler eine mögliche Folge ist, desto stärker müsste die Prüfung vor dem Ereignishorizont der Tätigkeit werden.

Konflikt zwischen verschiedenen Tragbedingungen

Die bisherige Sprache kann gelegentlich den Eindruck erzeugen, Tragfähigkeit sei eindeutig. Tatsächlich können verschiedene Menschen, Organismen oder Systeme unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Tragbedingungen besitzen.

Die Forschung benötigt deshalb noch genauer ein Verfahren für Tragfähigkeitskonflikte, nicht nur für eindeutiges Funktionieren oder Nichtfunktionieren.

Normative Entscheidung

Aus einer beobachteten Folge ergibt sich nicht automatisch, was gesellschaftlich getan werden soll. Zwischen Wirklichkeitsbeschreibung und normativer Entscheidung bleibt eine notwendige Lücke.

Dieser Übergang muss noch expliziter untersucht werden: Wie wird aus einer Tragfähigkeitsdiagnose eine legitime gesellschaftliche Entscheidung, ohne die Forschungskunst selbst zur politischen Autorität zu machen?

Globale Schwarm-Intelligenz als tatsächliche technische Architektur

Die künstlerische und methodische Konzeption ist inzwischen wesentlich präziser als die technische Umsetzung. Noch offen ist, wie eine Plattform Prüfspuren, Versionen, Gegenbeobachtungen, Minderheitspositionen, Quellen, KI-Kommentare und spätere Korrekturen tatsächlich strukturiert, ohne wieder in Popularitätslogiken und digitale Vergoldung zu geraten.

Hier liegt eine der wichtigsten zukünftigen Entwicklungsaufgaben.

Abschließende Forschungsrekonstruktion

Der bisherige Chat zeigt insgesamt keinen linearen Weg von einer frühen Theorie zu ihrer heutigen Ausarbeitung. Er zeigt vielmehr eine Rückwärts- und Vorwärtsbewegung zwischen Werk und Begriff.

Zuerst standen Tätigkeiten, Materialien, Erfahrungen, Brüche, Beobachtungen und gesellschaftliche Versuchsanordnungen. Daraus entstanden wiederkehrende Fragen. Erst viel später wurden diese Fragen in Begriffe wie Plexuswirklichkeit, Lochprozess, Membran, plastisches Ich, Skulpturidentität, Tätigkeitskonsequenz oder E1–E4 verdichtet. Diese Begriffe werden heute wiederum auf die älteren Werke zurückgeführt. Dabei entsteht eine zweite Forschungsebene: Nicht nur die Welt wird geprüft, sondern auch die Frage, ob die heutige Theorie die tatsächliche Werkgeschichte angemessen beschreibt.

Das ist möglicherweise die wichtigste strukturelle Besonderheit des gesamten Ansatzes.

Die Forschungskunst untersucht nicht nur ein äußeres gesellschaftliches Problem. Sie nimmt ihre eigene Entstehung, ihre Begriffe, ihre Kunstwerke, ihre Erinnerungen und inzwischen auch ihre KI-gestützte Ausarbeitung als Teil desselben Prüfprozesses.

Dadurch ergibt sich als Gesamtbewegung:

Aus dem Tun entsteht eine Differenz. Aus der Differenz entsteht eine Frage. Aus wiederkehrenden Fragen entstehen Begriffe und Modelle. Diese werden zu Prüfwerkzeugen. Prüfwerkzeuge werden in Objekte, Folien, Schablonen und Mitmachformen übersetzt. Der einzelne Mensch wird zum Mitprüfenden. Aus individuellen Prüfwegen entsteht über Tische, Kollektive Kreativität und Globales Dorffest eine öffentliche Rückkopplungsform. Die Globale Schwarm-Intelligenz versucht diese Bewegung digital und zeitübergreifend fortzuführen. Das So-Heits-Atelier bringt sie wiederum in einen konkreten körperlichen und gesellschaftlichen Raum zurück.

Die Zielprojektion des gesamten bisherigen Forschungsprozesses lässt sich deshalb heute präziser formulieren:

Forschungskunst soll keine endgültige Erklärung des Menschen liefern. Sie soll eine künstlerisch entwickelte, historisch rückprüfbare und öffentlich nutzbare Arbeitsform hervorbringen, durch die Menschen erkennen können, wie sie Wirklichkeit auswählen, benennen, bewerten und durch Tätigkeit verändern, welche Folgen daraus entstehen und wie diese Folgen ihre eigenen Hervorbringungen wieder korrigieren können.

Der Übergang zur Zivilisationsfrage lautet schließlich:

Die entscheidende Prüfung einer menschlichen Ordnung besteht nicht darin, ob sie sich selbst erklären und rechtfertigen kann, sondern ob diejenigen Wirklichkeiten, die ihre Folgen tragen, noch in der Lage sind, auf sie zurückzuwirken.

Damit wäre der gegenwärtige Forschungsstand nicht der Abschluss des Lebenswerks, sondern erstmals eine rekonstruierte Architektur seines Forschungsprozesses.

.........

Die folgende Rekonstruktion behandelt den bisherigen Chat nicht als Sammlung einzelner Themen, sondern als Entwicklung einer Forschung. Sie unterscheidet dabei zwischen werkbiografisch dokumentierten Ausgangspunkten, historisch oder wissenschaftlich überprüfbaren Sachverhalten, daraus entwickelten forschungskünstlerischen Arbeitshypothesen und solchen Begriffen, die inzwischen als methodische Werkzeuge des So-Heits-Ateliers dienen.

Rekonstruktion einer Forschungsentwicklung

Von der plastischen Arbeit zur öffentlichen Prüfung menschlicher Wirklichkeitsformen

Der bisherige Forschungsprozess lässt sich als eine Bewegung verstehen, die nicht mit einem theoretischen System beginnt, sondern mit einer über Jahrzehnte wiederkehrenden praktischen Frage. Sie lautet in ihrer inzwischen verdichteten Form: Warum zerstört der Mensch trotz seines Wissens, seiner technischen Leistungsfähigkeit und seiner prinzipiellen Korrekturfähigkeit Bedingungen, von denen sein eigenes Weiterbestehen abhängt? Diese Frage bildet den Forschungsgrund. Die heute verwendeten Begriffe – Plexuswirklichkeit, Menschenkunstwerk, Lochprozess, Membran, Verletzungswirklichkeit, E1–E4, Begriffshandwerk, Prüfanker, Zivilisationsloch oder So-Heits-Gesellschaft – sind nicht der Ausgangspunkt dieser Frage. Sie sind spätere Hervorbringungen, mit denen versucht wird, eine lange künstlerische Erfahrung genauer beschreibbar und für andere Menschen prüfbar zu machen.

Vom Handwerk zur Forschungskunst

Eine frühe methodische Grundlage liegt in der handwerklichen Ausbildung zum Maschinenschlosser. Das ist für die spätere Forschung nicht deshalb wichtig, weil gesellschaftliche Verhältnisse wie Maschinen behandelt werden sollen. Entscheidend ist eine einfachere Erfahrung: Eine Verbindung hält oder hält nicht. Ein Material widersteht. Eine Konstruktion kann funktionieren oder versagen. Ein Werkzeug hat Bedingungen seiner Verwendung. Zwischen Vorstellung und Ergebnis liegt ein Bereich, in dem nicht die Behauptung entscheidet, sondern das Verhalten des Materials.

Daraus entwickelt sich später eine Arbeitsfrage, die in unterschiedlichen Formen immer wiederkehrt: Funktioniert es oder funktioniert es nicht? Im künstlerischen Zusammenhang verändert sich diese Frage. Sie bezeichnet nicht mehr nur technische Funktion, sondern wird zu einer Prüfhaltung. Eine Vorstellung muss einem Gegenüber ausgesetzt werden können. Eine Tätigkeit muss Folgen erzeugen dürfen, die nicht bereits durch die Ausgangsvorstellung festgelegt sind. Ein Scheitern muss als Information zurückkehren können.

In den frühen 1970er Jahren wird diese Haltung zunehmend gesellschaftlich. Die Frage „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“ steht dabei noch relativ nahe an einem erweiterten Kunstverständnis. Ab Mitte der 1970er Jahre verschiebt sich der Schwerpunkt jedoch. Die spätere Forschungskunst fragt nicht mehr nur, ob Kunst gesellschaftliche Veränderungen auslösen kann, sondern zunehmend, woran überhaupt geprüft werden kann, ob eine gesellschaftliche Veränderung trägt.

Die werkbiografischen Stationen – Experimentelle Umweltgestaltung, Generalismus, „Ein Fußbreit Raum“, die Arbeit mit Heraklit, die Formulierung „Ich lebe für die anderen“, später „Erfahrung ist bewussteres Handeln“ – zeigen bereits eine Bewegung vom isolierten Kunstobjekt zum Zusammenhang zwischen Tätigkeit, Erfahrung und gesellschaftlicher Verantwortung. Dabei sind diese Stationen zunächst als Werkgeschichte zu behandeln. Die späteren Begriffe Plexuswirklichkeit oder E1–E4 waren damals noch nicht vorhanden. Es wäre ein Geschichtsloch, sie rückwirkend so darzustellen, als hätten die frühen Arbeiten bereits ein fertiges heutiges System illustriert.

Auch die Begegnung mit Joseph Beuys und der Sozialen Plastik gehört in diesen Zusammenhang. Die Forschungskunst übernimmt von der Vorstellung gesellschaftlicher Formbarkeit nicht einfach eine Lehre. Im Verlauf der Arbeit entsteht vielmehr eine Gegenfrage: Wenn Gesellschaft Plastik sein kann, woran wird geprüft, ob diese Plastik trägt? Dadurch verschiebt sich das Interesse von sozialer Gestaltung zu geprüfter sozialer Gestaltung. Beteiligung, Kreativität und gesellschaftliche Formung erhalten einen zusätzlichen Prüfoperator.

Dieser Übergang ist für die weitere Entwicklung entscheidend. Forschungskunst bedeutet zunehmend: Hervorbringungen des Menschen nicht nur zu erzeugen oder zu kommentieren, sondern ihre Voraussetzungen, Wirkungen und Korrekturmöglichkeiten sichtbar zu machen.

Werkgenese als Erkenntnisgenese

Die späteren Arbeiten lassen sich vor diesem Hintergrund als eine wachsende Materialbibliothek lesen. Spaten, Deich, Wellenbecken, Tanglandschaft, Schultafel, Kartoffel, Gold, Gordischer Knoten, Theater, Astronaut, Tapeziertische und andere Arbeiten sind keine Illustrationen eines theoretischen Systems. Sie bilden unterschiedliche plastische Versuchsanordnungen, in denen sich ähnliche Fragen wiederholen.

Der Spaten zeigt nicht nur ein Werkzeug. Er macht eine Tätigkeitskette sichtbar: Hand, Griff, Blatt, Kraft, Boden, Widerstand und veränderter Boden. Dadurch tritt die Frage auf, wo eine Handlung eigentlich endet. Beim Wellenbecken wird dieselbe Frage räumlich erweitert. Eine lokale Einwirkung breitet sich in einem gemeinsamen Medium aus. Der Deich bringt Konstruktion, Belastung, schwache Stelle, Zeit und möglichen Bruch zusammen. Die Tanglandschaft zeigt eine Form, die sich nicht unabhängig von ihrem Medium denken lässt. Die Schultafel stellt Wissen als sichtbare, aber löschbare und veränderbare Form vor. Das Theater hält Darsteller und Rolle unterscheidbar. Der Astronaut beziehungsweise Raumanzug macht sichtbar, dass scheinbare Autonomie von einer komplexen Versorgung abhängt. Die Arbeit mit Gold untersucht die Differenz zwischen Material, zugeschriebenem Wert und tatsächlicher Funktion.

Aus diesen Arbeiten entsteht allmählich eine gemeinsame methodische Struktur. Vorstellungen treffen auf Gegenüber, Material, Bedingungen und Folgen. Die Arbeit verändert das Gegenüber, aber das Gegenüber verändert durch Widerstand und Rückmeldung auch die Arbeit. Diese Struktur wird erst sehr viel später ausdrücklich als Forschungsmodell formuliert.

Das Globale Dorffest von 1993 und die Arbeit mit ungefähr tausend Tapeziertischen erweitern diesen Vorgang von der individuellen plastischen Tätigkeit auf gesellschaftliche Versuchsanordnungen. Die Zahl Tausend gehört dabei nicht nur zu einem einzelnen Ereignis, sondern zu einem bereits zuvor entwickelten Gedanken einer noch anschaubaren gesellschaftlichen Vielfalt. Tausend Menschen stehen nicht für eine statistisch repräsentative Weltbevölkerung und nicht für eine Mehrheitsentscheidung. Sie bilden eine Zwischenebene zwischen persönlicher Begegnung und abstrakter Weltgesellschaft. Daraus entwickelt sich später die Vorstellung, dass nicht eine einheitliche Antwort, sondern eine Vielfalt unterschiedlich situierter Fragen gemeinsam bearbeitet werden könnte.

Hier liegt eine wichtige Herkunftslinie der späteren Tausend Tische des So-Heits-Ateliers und der Globalen Schwarm-Intelligenz.

Vom Umweltbegriff zur Plexuswirklichkeit

Ein weiterer grundlegender Entwicklungsschritt betrifft das Verhältnis von Mensch und Welt. Der Begriff „Umwelt“ erweist sich zunehmend als problematisch, weil er sprachlich leicht einen bereits gegebenen menschlichen Mittelpunkt erzeugt, um den herum sich eine „Umwelt“ befindet. Dagegen wird die Vorstellung einer Plexuswirklichkeit entwickelt.

Plexuswirklichkeit ist ein Begriff der Forschungskunst, keine naturwissenschaftlich etablierte Theoriebezeichnung. Er soll auf eine wissenschaftlich gut begründbare Ausgangslage verweisen: Der Mensch existiert nicht unabhängig von Atmosphäre, Wasser, Temperatur, Gravitation, Stoffwechsel, anderen Organismen, Materialien, technischen Infrastrukturen und sozialen Beziehungen. Er steht diesen Bedingungen nicht als äußerer Beobachter gegenüber, sondern ist in sie eingebunden.

Dadurch verändert sich auch die Sprache der Gegenüberstellung. Die Formulierung „Der Mensch stellt sich in die Welt“ wird als unzureichend erkannt. Er kann sich nicht erst in sie hineinstellen, weil er ihr bereits innewohnt. Auch „Mensch gegenüber Welt“ wird problematisch, sobald aus einer methodischen Gegenüberstellung eine ontologische Trennung gemacht wird. Präziser ist deshalb: Der Mensch kann sich der Problematik stellen, dass er ein Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzenwesen ist.

Aus dieser Korrektur entsteht ein zentraler Bezugspunkt der Forschung. Der gemeinsame Grund ist nicht Subjekt und Objekt, Innen und Außen oder Erfahrung und Wissen. Der elementarere Zusammenhang lautet: Tätigkeit – Abhängigkeit – Konsequenz.

Damit ist zugleich der So-Heits-Raum bestimmt. Er ist kein Ausstellungsraum. Er bezeichnet die vorausliegende Wirklichkeit, aus der der Mensch nicht austreten kann. Das So-Heits-Atelier ist dagegen eine von Menschen hergestellte plastische Prüf- und Lernanordnung innerhalb dieses Raumes. Daraus ergibt sich die Formel: Man kann das So-Heits-Atelier verlassen, aber nicht den So-Heits-Raum.

Menschenkunstwerk und menschliche Wirklichkeitsformung

Aus dem Plexusgedanken entwickelt sich die Frage weiter, was der Mensch innerhalb dieser vorausliegenden Wirklichkeit tatsächlich hervorbringt. Daraus entsteht das Konzept des Menschenkunstwerks.

Die forschungskünstlerische These lautet nicht, der Mensch erschaffe die gesamte Wirklichkeit. Der materielle und lebendige Zusammenhang liegt seiner Symbolbildung voraus. Aber der Mensch erzeugt fortlaufend Formen innerhalb dieses Zusammenhangs: Wörter, Bilder, Gegenstände, Rollen, Eigentumsordnungen, Institutionen, Gesetze, Geld, Wertsysteme, wissenschaftliche Modelle, gesellschaftliche Grenzen und Selbstbilder.

In diesem erweiterten Sinn kann alles Menschliche als Kunstwerk untersucht werden. Das bedeutet nicht, alles ästhetisch zu Kunst zu erklären. Der Begriff „Kunstwerk“ wird hier als Forschungsoperator verwendet: Wo Menschen auswählen, unterscheiden, benennen, zuschreiben, darstellen, ordnen oder institutionalisieren, entstehen menschliche Formen.

Eine zentrale Einsicht daraus lautet: Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen solche Kunstwerke herstellen. Diese Hervorbringung ist unvermeidbar. Die Gefahr beginnt dort, wo Menschen vergessen, dass ihre Hervorbringungen Hervorbringungen sind.

Ein menschlich erzeugtes Kunstwerk kann anschließend ein zweites hervorbringen, das das erste rückwirkend als Wirklichkeit bestätigt. Ein Grundstück wird abgegrenzt. Die Grenze wird Eigentumsrecht. Institutionen sichern dieses Recht. Menschen erfahren nun tatsächlich Ausschluss, Verfügung und Besitz. Die reale gesellschaftliche Wirkung scheint anschließend zu beweisen, dass „Eigentum“ bereits eine natürliche Eigenschaft des Bodens gewesen sei. Ein Kunstwerk erzeugt damit ein weiteres Kunstwerk, und beide können sich anschließend gegenseitig als Wirklichkeit bestätigen.

Hier liegt ein wichtiger Übergang zu Lochprozess, Eigenschaft, Attribution und Symbolordnung.

Von der Differenz zur Unterscheidung

Die begriffliche Arbeit hat sich im Chatverlauf zunehmend weiter nach vorne verlagert. Zunächst standen stärker fertige Begriffe wie Dualismus, Innen/Außen oder Subjekt/Objekt im Mittelpunkt. Später wurde deutlich, dass die Untersuchung bereits bei einem früheren Vorgang beginnen muss: bei Differenz, Auswahl und Unterscheidung.

Eine wichtige Korrektur lautet dabei: Differenz und Unterscheidung dürfen nicht gleichgesetzt werden. Unterschiedliches materielles Verhalten, Temperaturgradienten oder biologische Unterschiede können bestehen, ohne dass ein Mensch sie begrifflich hervorgebracht hat. Die Unterscheidung ist dagegen eine Operation, durch die aus möglichen Unterschieden bestimmte Unterschiede hervorgehoben und für eine Untersuchung oder Handlung relevant gemacht werden.

Damit wird die Dingselektion zum frühen Erkenntnisproblem. Ein Foto schneidet einen Ausschnitt aus einem größeren Zusammenhang. Ein Begriff tut strukturell etwas Ähnliches. Eine Wissenschaft definiert einen Untersuchungsgegenstand. Ein Grundstück erhält eine Grenze. Eine Rolle wird von anderen Rollen unterschieden. Diese Schnitte sind notwendig. Ohne sie wäre gezielte Wahrnehmung und Tätigkeit kaum möglich.

Die entscheidende Korrektur lautet deshalb: Der Fehler liegt nicht im Schneiden. Der Fehler beginnt, wenn die Schnittkante mit einer natürlichen Grenze verwechselt wird.

Aus dieser Überlegung entsteht ein präziseres Verständnis des Lochprozesses.

Lochprozess: vom Ausschnitt zum Rückkopplungsabbruch

Der Begriff Lochprozess wurde im Verlauf der Forschung mehrfach erweitert. Zunächst stand stärker das Loch als fehlender Zusammenhang im Vordergrund. Später wurde deutlicher, dass ein Loch kein statischer Mangel ist. Es bezeichnet einen zeitlichen Vorgang des Öffnens, Ausschneidens, Trennens, Unterbrechens, Schließens oder Wiederverbindens.

Nicht jeder Lochprozess ist negativ. Leben selbst benötigt Öffnungen und Membranen. Atmung, Geburt, Stoffaustausch, Türen oder Fenster zeigen, dass Öffnung und Trennung produktiv sein können. Problematisch wird ein Loch dort, wo eine notwendige Beziehung oder Rückkopplung verlorengeht.

Die Dingselektion bildet einen ersten möglichen Lochprozess: Der Gegenstand wird sichtbar, seine Beziehungen verschwinden. Die Zuschreibung bildet einen zweiten: Einem ausgewählten Gegenstand werden Eigenschaften zugeschrieben, und der Vorgang des Zuschreibens kann verschwinden. Die Symbolisierung und Institutionalisierung können einen dritten Schritt bilden: Die Zuschreibung wird gesellschaftlich wirksam. Der entscheidende Lochprozess liegt schließlich dort, wo die Tätigkeitsfolgen nicht mehr auf die ursprüngliche Auswahl, Zuschreibung oder Ordnung zurückwirken können.

Dadurch wird das Rückkopplungsloch zentraler als das bloße Erkenntnisloch.

Die frühen Lochbegriffe – Erkenntnisloch, Geschichtsloch, Wissenschaftsloch, Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsloch – lassen sich heute als verschiedene Erscheinungsweisen eines grundlegenderen Problems lesen. Etwas wird ausgeschnitten, stabilisiert und vom Rückweg seiner ausgelassenen Beziehungen oder Folgen abgeschnitten.

Das Zivilisationsloch ist die gesellschaftliche Skalierung dieses Vorgangs. Spezialwissen, Zuständigkeiten, Eigentumsordnungen, politische Entscheidungen, wirtschaftliche Anreize und zeitlich verzögerte Folgen befinden sich in unterschiedlichen institutionellen Räumen. Das Wissen kann hoch entwickelt sein, während ein allgemein verbindlicher Rückweg von den vollständigen Konsequenzen zu den verursachenden Ordnungen fehlt.

Daraus entstand die präzisere Definition: Das Zivilisationsloch ist nicht primär ein Mangel an Wissen. Es ist ein Rückkopplungsdefizit zwischen verteiltem Wissen, Tätigkeitsfolgen und gemeinsamer Korrektur.

Gegenüberstellung: vom Verdacht zum Lernprinzip

Eine wichtige Korrektur im Verlauf der Forschung betrifft die Gegenüberstellung. Zunächst wurde sie stärker mit Dualismus, Trennung und Gegenstandbildung verbunden. Die spätere plastische Analyse zeigte jedoch, dass Gegenüberstellung selbst eine notwendige Voraussetzung von Lernen ist.

Der Plastiker hat eine Vorstellung. Er kann ihr ein Aktmodell, ein Material, eine räumliche Situation oder eine bereits entstandene Form gegenüberstellen. Erst dadurch wird Vergleich möglich. Die Vorstellung kann sich als unzureichend erweisen. Das Material kann anders reagieren als erwartet. Handwerkliches Können kann fehlen. Die entstehende Plastik kann von Vorstellung und Modell abweichen.

Gerade diese Differenz ermöglicht Lernen.

Damit entsteht das künstlerische Dreieck: Vorstellung – Gegenüber beziehungsweise Widerstand – hervorgebrachte Plastik oder Tätigkeitskonsequenz.

Dieses Dreieck ist nicht statisch. Die entstandene Plastik wird erneut der Vorstellung und dem Gegenüber ausgesetzt. Daraus entsteht eine Rückkopplung. Das Ergebnis kann die ursprüngliche Vorstellung verändern.

Der Zweifel erhält darin einen präzisen methodischen Ort. Er ist nicht allgemeine Skepsis. Er bildet eine Membran zwischen Vorstellung, Gegenüber und Werk. Er verhindert, dass die ursprüngliche Idee als unantastbare Vorgabe behandelt wird.

Die entscheidende Unterscheidung lautet deshalb heute: Eine Gegenüberstellung ist noch kein Gegensatz und ein Gegensatz noch kein Dualismus. Gegenüberstellung kann eine produktive Prüfanordnung sein. Problematisch wird sie, wenn die von Menschen hergestellte Anordnung zweier Ausschnitte anschließend so behandelt wird, als sei die Wirklichkeit selbst grundsätzlich in diese beiden autonomen Bereiche aufgeteilt.

Daraus ergibt sich eine weitere zentrale Formulierung: Der Mensch braucht das Gegenüber, um lernen zu können. Er darf daraus aber keine Gegenwelt machen.

Plastik und Skulpturalisierung

Eine für die gesamte Forschung wichtige sprachliche Klärung betrifft die Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur. Sie ist besonders im Deutschen möglich und darf in der Darstellung der Arbeit nicht nivelliert werden. Der Künstler bezeichnet sich als Plastiker, nicht als Bildhauer, und arbeitet an Plastiken, nicht an Skulpturen.

Innerhalb der Forschung erhält diese kunstsprachliche Unterscheidung zusätzlich eine methodische Erweiterung. „Plastisch“ bezeichnet eine Form, die veränderbar, rückkopplungsfähig und weiter bearbeitbar bleibt. „Skulpturalisierung“ bezeichnet dagegen den Vorgang, durch den eine hergestellte Form so behandelt wird, als sei sie abgeschlossen und unveränderlich.

Dies ist eine forschungskünstlerische Verwendung und nicht mit sämtlichen kunsthistorischen Definitionen von Plastik und Skulptur gleichzusetzen. Gerade diese Abgrenzung muss erhalten bleiben.

Auf Begriffe übertragen bedeutet dies: Ein Begriff bleibt plastisch, wenn sichtbar bleibt, wie er hergestellt wurde, wofür er verwendet wird, was er ausblendet und wodurch er verändert werden könnte. Eine Begriffsskulptur entsteht, wenn eine menschliche Setzung ihren Setzungscharakter verliert und als fertige Wirklichkeit behandelt wird.

Damit verbindet die Plastik-Skulptur-Unterscheidung Werkpraxis, Begriffshandwerk, Zweifel, Membran und Rückkopplung.

Erfahrung: von Tätigkeit zu Korrektur

Auch der Begriff Erfahrung wurde im Verlauf des Chats deutlich präzisiert. Zunächst lag eine enge Verbindung von Tätigkeit und Erfahrung nahe. Später wurde unterschieden: Nicht jede Tätigkeit erzeugt automatisch Erfahrung. Tätigkeit erzeugt zunächst Konsequenzen.

Erfahrung entsteht erst, wenn eine Konsequenz als Rückmeldung registriert und auf eine vorausgehende Vorstellung oder Tätigkeit bezogen werden kann.

Daraus folgt die inzwischen zentrale Definition: Erfahrung entsteht dort, wo die Rückmeldung der Wirklichkeit eine bisherige Vorstellung verändern kann.

Diese Definition knüpft an die frühere Formulierung „Erfahrung ist bewussteres Handeln“ an, präzisiert sie jedoch methodisch. Erfahrung liegt nicht bloß im Erleben eines Ereignisses, sondern in der Möglichkeit einer rückwirkenden Korrektur.

Aus dieser Unterscheidung ergibt sich zugleich das Konzept des Erfahrungslochs. Ein Mensch oder eine Institution kann Folgen registrieren, ohne dass diese Folgen die verursachende Vorstellung verändern. Ein wirtschaftliches System kann Erfolg melden, während materielle oder lebendige Bedingungen geschädigt werden. Eine institutionelle Rückmeldung kann einen Vorgang als legal, effizient oder professionell bestätigen, obwohl andere Folgen in einem anderen Erfahrungsraum auftreten.

Dadurch entstand die Vorstellung unterschiedlicher Erfahrungsarchitekturen. Recht, Wissenschaft, Wirtschaft, Religion, Alltag oder Fachdisziplinen besitzen jeweils eigene Verfahren der Bestätigung. Das Problem besteht nicht darin, dass diese unterschiedlichen Erfahrungsräume existieren. Problematisch wird ihre Dissoziation, wenn ihre Rückmeldungen nicht mehr auf einen gemeinsamen Tätigkeits- und Abhängigkeitszusammenhang zurückgeführt werden können.

Der daraus entwickelte Begriff der Rückkopplungsdissoziation beschreibt deshalb möglicherweise genauer als „zu wenig Rückkopplung“ das gegenwärtige Problem: Es gibt zahlreiche Rückkopplungssysteme, aber sie verfügen über unterschiedliche Geschwindigkeit, Reichweite und institutionelle Macht.

Erkenntnis, Denken und die Kritik an der Verdinglichung

Die Diskussion um Erkenntnis führte ebenfalls zu mehreren Korrekturen. Ausgangspunkt war die Kritik an Definitionen, die Erkenntnis als „Widerspiegelung einer Außenwelt im Bewusstsein“ darstellen. Eine solche Formulierung setzt bereits mehrere Begriffe voraus, die eigentlich erst geprüft werden müssten: Außenwelt, Innenraum, Bewusstsein, Spiegelung, Subjekt und Objekt.

Die Forschungskunst verschiebt deshalb die Frage. Statt zuerst zu fragen, wie eine Außenwelt in ein Bewusstsein gelangt, wird gefragt: Wie entstehen aus Tätigkeits- und Abhängigkeitszusammenhängen menschliche Unterscheidungen und Beschreibungen, und wann werden diese Beschreibungen mit dem beschriebenen Wirkungszusammenhang verwechselt?

Dabei wurde eine wichtige wissenschaftliche Vorsicht eingebaut. Die Kritik an „Geist“ oder „Denken“ darf nicht behaupten, Denken existiere nicht. Der Vorgang des Denkens wird nicht bestritten. Bestritten beziehungsweise geprüft wird seine Verdinglichung zu einer selbständigen Substanz oder einem unabhängigen inneren Bereich.

Entsprechend wurde auch die Descartes-Kritik präzisiert. Das Cogito allein darf nicht einfach so dargestellt werden, als beweise es unmittelbar eine denkende Substanz. Der Forschungsgegenstand ist vielmehr die weitere Architektur, innerhalb der benannte Denkprozesse zu einem denkenden Träger und schließlich zu einer eigenständigen res cogitans verfestigt werden können.

Die forschungskünstlerische Gegenformulierung lautet sinngemäß: Nicht weil der Mensch denkt, existiert er, sondern weil er innerhalb einer vorausliegenden Wirklichkeit existiert, abhängig ist, tätig wird und Rückmeldungen erfährt, können diejenigen Vorgänge stattfinden, die er anschließend als Denken, Vorstellen oder Erkennen bezeichnet.

Diese Formulierung ist als philosophisch-künstlerische Umstellung zu behandeln, nicht als naturwissenschaftlicher Beweis.

Erkenntnis selbst wird damit zum Menschenkunstwerk: eine vorläufige menschliche Bestimmung, die aus Erfahrung, Beobachtung, Vergleich und begrifflicher Verdichtung hervorgeht. Der kritische Punkt liegt nicht darin, Erkenntnisse abzuwerten, sondern darin, Erkenntniswerke nicht mit Wirklichkeit selbst zu verwechseln.

Eigenschaft, Attribution und Zuerkennung

Die Untersuchung von „Eigenschaft“, „eigen“, „Eigentum“, „erkennen“ und „zuerkennen“ führte zu einer der zentralsten begrifflichen Verschiebungen des gesamten Chats.

Die gleiche Grammatik kann Aussagen unterschiedlicher Wirklichkeitsweise erzeugen. „Der Boden ist feucht“ und „Der Boden ist mein Eigentum“ haben eine ähnliche Satzstruktur. Dennoch ist Feuchtigkeit unter bestimmten Bedingungen eine mess- und beobachtbare Bestimmung, während Eigentum eine gesellschaftlich und rechtlich erzeugte Zuerkennung darstellt.

Diese Unterscheidung darf nicht in eine naive Gegenüberstellung von „wirklich“ und „unwirklich“ münden. Eigentum ist gesellschaftlich außerordentlich wirksam. Menschen handeln danach, Institutionen setzen es durch, Ressourcen werden verteilt, Menschen werden ein- oder ausgeschlossen. Aber diese Wirksamkeit macht Eigentum noch nicht zu einer chemischen, biologischen oder physikalischen Eigenschaft des Bodens.

Daraus entsteht die wichtige Membran zwischen feststellbarer Beschaffenheit und zugeschriebener Geltung.

Die Attribution wird dabei zum Operator zwischen ausgewähltem Gegenstand und Eigenschaft. Ein Ausschnitt wird erzeugt. Diesem Ausschnitt wird etwas zugeschrieben. Die Zuschreibung kann beschreibend, bewertend oder gesellschaftlich konstitutiv sein. Der gefährliche Schritt ist die Attributionsvergessenheit: Der Vorgang des Zuschreibens verschwindet, und die zugeschriebene Eigenschaft erscheint als selbständige Eigenschaft des Gegenstandes oder Menschen.

So kann aus „diese Tätigkeit schadet“ „dieser Mensch ist böse“ werden. Eine Bewertung von Tätigkeit und Konsequenz wird zu einer Wesenseigenschaft der Person.

Eine zentrale Kurzformel aus dieser Entwicklung lautet: Das Zuerkannte wird zum Eigenen.

Damit verbindet sich Eigenschaftsdenken mit Identität, Eigentum, Status und gesellschaftlicher Hierarchie. Der Gegenbegriff ist kein Verzicht auf Eigenschaften. Er ist ein stärkeres Beziehungsdenken: Wie verhält sich etwas innerhalb eines Wirkungszusammenhangs? Wovon hängt es ab? Unter welchen Bedingungen zeigt es welches Verhalten? Welche Folgen erzeugt eine bestimmte Zuschreibung?

Symbol und Wirkungswelt

Die Symbolfrage wurde zunächst von der Beobachtung bestimmt, dass Menschen in symbolischen Welten leben, deren gesellschaftliche Wirksamkeit leicht mit vorausliegender Wirklichkeit verwechselt werden kann. Im Verlauf der Forschung wurde diese Sicht differenziert.

Symbole sind nicht grundsätzlich Täuschungen. Sie können Erfahrungen speichern, Beziehungen organisieren, Wissen übertragen und gemeinsames Handeln ermöglichen. Sprache, Bilder, Regeln und Zeichen können deshalb als Erfahrungsspeicher verstanden werden.

Der kritische Vorgang beginnt, wenn der Symbolspeicher sich gegenüber den Erfahrungen verselbständigt, aus denen er hervorgegangen ist. Die Bewegungsrichtung kann sich dann umkehren. Nicht mehr Wirklichkeit – Erfahrung – Symbol – neue Prüfung, sondern Symbol – Wirklichkeitsdeutung – Tätigkeit – Konsequenz – Rechtfertigung – erneute Bestätigung des Symbols.

Daraus entstand die Unterscheidung zwischen Symbolwelt, Wirkungswelt und Tätigkeitswelt. Eine Symbolwelt wird zur Wirkungswelt, weil Menschen aufgrund ihrer Symbole tätig werden. Das Symbol selbst muss nicht materiell dieselbe Wirklichkeitsweise besitzen wie seine Folgen.

Hier wurde die Unterscheidung zwischen Verletzungswirklichkeit und einer symbolischen Unverletzlichkeits- beziehungsweise Als-ob-Welt entwickelt. Ein Eigentumsrecht, ein Status, eine Nation oder ein Geldwert blutet nicht, verdurstet nicht und verbrennt nicht. Menschen und andere Lebewesen können jedoch aufgrund von Handlungen, die durch diese Symbole organisiert werden, verletzt werden.

Die forschungskünstlerische These lautet deshalb nicht, E3 sei unwirklich. E3 ist eine wirksame menschliche Geltungswelt. Die Prüfung richtet sich darauf, wann diese Geltungsweise als materielle oder lebendige Eigenschaft missverstanden wird und wann ihre Folgen gegenüber den Bedingungen, von denen sie abhängt, keine ausreichende Korrekturmacht besitzen.

Sprach- und kulturgeschichtliche Gegenprüfung

Die Untersuchung von Griechisch, Latein, Deutsch, Englisch, Hebräisch, Arabisch und Sanskrit hatte innerhalb des Chats keine antiquarische Funktion. Sie sollte prüfen, ob heutige begriffliche Verschaltungen selbstverständlich oder historisch geworden sind.

Ein wichtiges Ergebnis lautet: Unterschiedliche Sprachen ordnen Zeichen, Maß, Eigenschaft, Besitz, Gegenüberstellung und Erfahrung unterschiedlich. Daraus folgt nicht, dass eine Sprache die Wirklichkeit „richtiger“ ausdrückt. Der Vergleich zeigt vielmehr den Werkcharakter der Begriffswelten.

Beim griechischen symbolon wurde auf die historisch belegte Bedeutung eines Erkennungszeichens oder zusammenpassenden Gegenstücks aufmerksam gemacht. Für die Forschungskunst wurde daraus kein etymologischer Wahrheitsbeweis, sondern ein strukturelles Gegenmodell entwickelt: Symbol kann als Beziehung verstanden werden, deren Passung prüfbar bleibt.

Bei symmetria wurde die moderne Gleichsetzung mit perfekter Spiegelgleichheit korrigiert. Historisch umfasst der griechische Begriff unter anderem gemeinsames Maß, Kommensurabilität und angemessene Proportion. Daraus entstand für die Forschungskunst die Figur der Passung unter Erhaltung der Differenz.

Im Lateinischen erwies sich proprietas als besonders interessant, weil das Wortfeld sowohl Eigenart beziehungsweise Qualität als auch Eigentum und Besitzrecht umfassen kann. Im Englischen bleibt diese Nähe in property erhalten: Das Wort kann sowohl Eigenschaft als auch Eigentum bezeichnen. Im Deutschen zeigt sich eine verwandte historische Nähe von „eigen“, „Eigenschaft“ und „Eigentum“.

Hebräische Wortfelder führten unter anderem zur Beobachtung, dass middah Maß und später auch Eigenschaft beziehungsweise Charakter bezeichnen kann. Im Arabischen liegen Zeichen, Beschreibung/Eigenschaft und Besitz stärker in unterschiedlichen Wortfeldern. Sanskrit bietet mit Begriffen wie lakṣaṇa, guṇa oder anubhava andere Verbindungen zwischen Zeichen, Eigenschaft, Faden/Verbindung, Erfahrung und Ergebnis.

Diese sprachlichen Befunde sind historisch beziehungsweise lexikografisch prüfbar. Die daraus entwickelte Interpretation als Material für das Menschenkunstwerk ist dagegen forschungskünstlerisch. Es wäre ein methodischer Fehler, aus der Etymologie eines Wortes eine notwendige Ontologie abzuleiten.

Der vergleichende Befund ist deshalb bescheidener und zugleich wichtiger: Die Aufteilung von Zeichen, Eigenschaft, Besitz, Maß, Erfahrung und Erkenntnis ist selbst historisch verschieden hergestellt worden.

Dualismus, Symmetrie und die verlorene Beziehung

Die Dualismusdiskussion begann zunächst relativ breit und wurde im weiteren Verlauf stark präzisiert. Eine wichtige Korrektur lautet: Dualität ist nicht Dualismus.

Eine Zweiheit oder eine methodische Zweiteilung kann produktiv sein. Dualisierung bezeichnet den Prozess, durch den eine Differenz zu zwei stabilen Polen organisiert wird. Dualismus bezeichnet eine weitergehende Deutung, in der die beiden Bereiche als grundlegende und weitgehend selbständige Prinzipien behandelt werden.

Damit konnte auch die frühere Tendenz korrigiert werden, sehr unterschiedliche Zweiheiten unter „Dualismus“ zusammenzufassen. Die von dir eingebrachten Qualitätsdiskussionen zum entsprechenden Wikipedia-Artikel waren gerade hierfür aufschlussreich: Schon dort wurde kritisiert, dass zu viele heterogene Phänomene allein deshalb unter einem Begriff zusammengeführt werden, weil sie irgendwie „zwei“ enthalten. Für die Forschungskunst wird daraus eine weitere Lektion über Klassifikation: Eine Kategorie kann zunächst Phänomene gruppieren und anschließend so erscheinen, als habe sie eine vorher vorhandene gemeinsame Eigenschaft entdeckt.

Die forschungskünstlerische These lautet deshalb präziser: Dualismus kann ein Produktionsverfahren hineingedachter Eigenschaften werden. Wenn zwei Pole als selbständig erscheinen sollen, werden ihnen Eigenschaften zugeordnet, die ihre Trennung stabilisieren: Geist immateriell, Materie ausgedehnt; Subjekt erkennend, Objekt erkannt; innen subjektiv, außen objektiv.

Der Fehler liegt nicht im Unterschied selbst. Er entsteht dort, wo eine Beziehung in autonome Dinge verwandelt wird.

Die Membran wird deshalb zum Gegenmodell der dualistischen Mauer. Sie unterscheidet und verbindet zugleich. Sie lässt Unterschied zu, ohne aus dem Unterschied Unabhängigkeit zu machen.

Die Modelle 50:50, 51:49 und 1:99 wurden in diesem Zusammenhang ebenfalls korrigiert. 50:50 darf nicht als falsches naturwissenschaftliches Prinzip dargestellt werden. Exakte und annähernde Symmetrien sind wissenschaftlich legitime und wichtige Instrumente. Die forschungskünstlerische Kritik richtet sich gegen die Übertragung einer formalen, spiegelartigen Ausgewogenheit auf gesellschaftliche oder ontologische Verhältnisse, als garantiere formal gleiche Ordnung bereits gleiche Folgen.

51:49 ist kein Naturgesetz. Es ist ein künstlerischer Störoperator, der eine vollständig geschlossene Zweipoligkeit minimal verschiebt und dadurch Bewegung, Unterschied und Nachregelung sichtbar hält.

1:99 ist ebenfalls keine mathematisch notwendige Folge von 50:50. Es bezeichnet eine künstlerische Diagnose extremer gesellschaftlicher Asymmetrie. Die präzisere These lautet: Formal gleiche Regeln können sehr ungleiche Konsequenzen hervorbringen. Eine symbolisch behauptete Gleichordnung kann reale Einseitigkeiten verdecken.

Damit verbindet sich 50:50 nicht kausal, sondern kritisch mit 1:99: Die Symmetrie der Regeln garantiert keine Symmetrie ihrer Folgen.

Vier-Ebenen-Modell: vom Erklärungsmodell zum Prüfwerkzeug

Das Vier-Ebenen-Modell entstand aus dem Bedürfnis, unterschiedliche Wirklichkeitsweisen transparenter zu machen. Es darf aber nach der jüngsten Entwicklung nicht mehr als vorausgesetztes Erklärungssystem am Anfang stehen.

E1 bezeichnet physisch-materielle Bedingungen: Masse, Kraft, Wärme, chemische Reaktionen, Belastung, Widerstand und Bruch. E2 richtet sich auf lebendige Prozesse: Stoffwechsel, Verletzlichkeit, Regeneration, Abhängigkeit. E3 bezeichnet menschlich erzeugte symbolische und gesellschaftliche Geltungsformen: Sprache, Eigentum, Geld, Rolle, Status, Gesetz, Institution, Nation und verwandte Ordnungen. E4 bezeichnet keine vierte ontologische Welt, sondern das Verfahren der Prüfung, Rückkopplung, Revision und Reparatur.

Die wesentliche methodische Korrektur lautet heute: E1–E4 soll nicht das ABC des So-Heits-Ateliers sein.

Der Besucher soll nicht zuerst lernen, alles in vier Ebenen einzuordnen. Das könnte sofort wieder eine neue Begriffsskulptur erzeugen. Stattdessen soll er zunächst selbst Unterschiede erfahren. Wenn er bei einem Stück Boden entdeckt, dass Feuchtigkeit und Eigentum nicht dieselbe Art von Bestimmung darstellen, kann E1–E4 später helfen, diese Erfahrung genauer zu ordnen.

Das Vier-Ebenen-Modell ist deshalb heute als späteres differenzierendes Prüfwerkzeug zu verstehen.

Eine offene Frage bleibt dabei, wie stark die Grenzen zwischen E1 und E2 beziehungsweise zwischen E2 und E3 theoretisch fixiert werden sollen. Die bisherige Entwicklung spricht eher dagegen, daraus Schubladen zu machen. E1–E4 muss selbst plastisch bleiben und an Grenzfällen überprüft werden.

Vom Begriffssystem zum Begriffshandwerk

Die jüngste Entwicklung verschiebt den Zugang des So-Heits-Ateliers noch einmal grundlegend. Wenn ein Besucher E1–E4 zunächst nicht kennt, braucht er eine einfachere Einstiegsmethode. Daraus entstand die Vorstellung eines Begriffshandwerks.

Der Ausgangspunkt ist eine Analogie zur Schule. Menschen lernen Buchstaben, Wörter, Sätze und Grammatik. Sie lernen jedoch wesentlich seltener, wie Begriffe Wirklichkeit ausschneiden, ordnen und gesellschaftlich wirksam machen.

Das Begriffshandwerk soll deshalb kein neues Vokabular auswendig lernen lassen. Es behandelt Begriffe wie Werkzeuge und Werkstücke. Ein Mensch nimmt einen eigenen Begriff oder Satz – Freiheit, Eigentum, Erfolg, Heimat, Intelligenz, Geld, „Ich bin frei“, „Dieser Mensch ist böse“, „Mein Grundstück gehört mir“ – und untersucht, was er mit dieser Formulierung bereits hergestellt hat.

Die elementaren Operationen lauten: auswählen, unterscheiden, gegenüberstellen, benennen, zuschreiben, tätig werden, Folgen verfolgen, zweifeln und korrigieren.

Damit kehrt die Forschung zur plastischen Ausgangserfahrung zurück. Ein Begriff wird nicht theoretisch von außen analysiert. Er wird bearbeitet.

Die zentralen Fragen lauten: Was habe ich ausgewählt? Was stelle ich wem gegenüber? Welche Eigenschaft schreibe ich zu? Was habe ich festgestellt, was wurde gesellschaftlich zuerkannt, was bewertet und was angenommen? Welche Beziehung verschwindet? Was geschieht, wenn Menschen nach dieser Vorstellung handeln? Wo landen ihre Folgen? Welche Rückmeldung würde meine ursprüngliche Vorstellung verändern?

Damit entsteht eine Grundschule des Wirklichkeitslesens, allerdings ohne den Anspruch, „die Wirklichkeit richtig“ zu lehren. Gelehrt wird vielmehr, die eigenen Verfahren des Lesens, Schneidens, Benennens und Zuschreibens wahrzunehmen.

Prüfanker des Begriffshandwerks

Aus dieser Entwicklung entstand der neue Prüfanker des Begriffshandwerks. Seine Aufgabe besteht darin, die inzwischen verstreuten begrifflichen Operationen zu bündeln, ohne daraus ein weiteres geschlossenes Theoriegebäude zu machen.

Der Werkanker und der Prüfanker besitzen unterschiedliche Funktionen.

Der Werkanker beantwortet die Frage: Wie ist diese Forschung über Jahrzehnte aus plastischen Arbeiten, Materialien, Aktionen, Orten und Erfahrungen entstanden?

Der Prüfanker beantwortet: Welche elementaren Arbeitsoperationen lassen sich aus dieser Forschung herauslösen und anderen Menschen zur Verfügung stellen?

Das Vier-Ebenen-Modell beantwortet wiederum: Wie können innerhalb dieser Prüfungen unterschiedliche Wirklichkeits- und Geltungsweisen genauer differenziert werden?

Damit bilden Werkanker, Prüfanker und E1–E4 keine drei konkurrierenden Modelle, sondern drei unterschiedliche Perspektiven derselben Forschung.

Der Prüfanker ist zugleich der Ort, an dem Lochprozess, Membran, Gegenüberstellung, Eigenschaft, Attribution, Zweifel und Rückkopplung zusammengeführt werden. Seine elementare These lautet: Ein Loch entsteht nicht schon dadurch, dass Menschen auswählen oder unterscheiden. Es entsteht dort, wo der Ausschnitt seinen Ausschnittscharakter verliert und die ausgeschlossenen Beziehungen beziehungsweise Rückmeldungen nicht mehr zurückkehren können.

Der Prüfanker hält deshalb Begriffe plastisch.

Folien, Schablonen und Mitmachbuch

Folien und Schablonen erhalten innerhalb dieser Architektur einen deutlich bestimmbaren methodischen Ort.

Eine Folie erzeugt keine endgültige Erklärung. Sie überlagert eine vorhandene Darstellung und macht dadurch andere Beziehungen sichtbar. Sie ist eine bewegliche Gegenüberstellung. Auf die Figur eines scheinbar autonomen Menschen können beispielsweise Abhängigkeiten von Atmosphäre, Wasser, Wärme, Gravitation oder Stoffwechsel gelegt werden. Die Folie verändert die Sicht, ohne zu behaupten, sie liefere die vollständige Wirklichkeit.

Eine Schablone hat eine andere Funktion. Sie stellt eine wiederholbare Prüfoperation bereit. Dasselbe Fragemuster kann auf Eigentum, Freiheit, Erfolg, Arbeit, Natur oder Intelligenz angewendet werden. Die Schablone standardisiert also nicht die Antwort, sondern das Fragen.

Das Mitmachbuch verbindet Folien, Schablonen, Bilder, Fragen und kleine Versuchsanordnungen zu einer portablen Werkbank. Der Benutzer soll dadurch nicht bloß Teilnehmer oder Konsument des Werkes sein, sondern Mitprüfender seiner eigenen Begriffe und Tätigkeiten.

Damit erhält auch der Rote Punkt eine weiterentwickelte Funktion. Er ist nicht nur Zeichen der Beteiligung. Er kann markieren: Hier bleibt eine Frage offen. Hier möchte jemand weiterforschen.

So-Heits-Atelier als Schule ohne fertige Lehre

Aus Begriffshandwerk, Werkanker und künstlerischen Prüfobjekten entsteht zunehmend ein neues Verständnis des So-Heits-Ateliers als Schule.

Diese Schule beginnt nicht mit Lehrsätzen. Sie beginnt mit der eigenen Frage.

„Was beschäftigt dich wirklich?“

Die Frage kann aus Beruf, Alltag, Angst, Konflikt, Neugier, Arbeit, Besitz, Familie, Wissenschaft oder einem abstrakten Begriff hervorgehen. Es gibt keinen notwendigen fachlichen Einstieg.

Die eigene Frage wird zunächst sichtbar gemacht. Dadurch wird sie selbst zu einer Hervorbringung, die dem Fragenden gegenübergestellt werden kann. Anschließend wird untersucht, welche Voraussetzungen bereits in ihr enthalten sind.

Damit verändert sich auch die klassische pädagogische Situation. Der Lehrende besitzt nicht die richtige Antwort. Er organisiert den Prüfprozess.

Hier besteht eine interessante Parallele zum sokratischen Fragen. Die populäre Erzählung von den „drei Sieben des Sokrates“ ist historisch nicht zuverlässig als authentische sokratische Überlieferung gesichert. Die tragfähigere Parallele liegt im sokratischen elenchos: Behauptungen werden durch Fragen, Beispiele und Widersprüche geprüft; häufig bleibt am Ende eine aporia, also ein produktives Nichtwissen.

Die Forschungskunst erweitert dieses Verfahren um einen entscheidenden Schritt. Sie fragt nicht nur: Kannst du begründen, was du sagst? Sie fragt zusätzlich: Was geschieht, wenn du danach handelst?

Damit treten Material, Körper, Abhängigkeit, Tätigkeit und Konsequenz in die Begriffsprüfung ein.

Tausend Tische: von der individuellen Frage zur gemeinsamen Wirklichkeit

Die Tausend Tische erhalten innerhalb dieser neuen Schulstruktur eine klarere Funktion. Sie sollen nicht primär tausend Berufsgruppen repräsentieren und auch nicht tausend Meinungen sammeln. Jeder Tisch kann mit einer realen menschlichen Frage beginnen.

Ein Kind fragt nach Arbeit. Ein Unternehmer nach Wachstum. Ein Landwirt nach Boden. Ein Arzt nach Gesundheit. Ein Wissenschaftler nach der Tragfähigkeit eines Modells. Ein Arbeitsloser nach Leistung. Ein Künstler nach Vorstellung und Plastik. Ein anderer Mensch nach Angst, Freiheit oder Heimat.

Die Person wird damit nicht auf eine Persona reduziert. Ein Arzt ist zugleich Patient, Angehöriger, Mieter, Käufer, Bürger und verletzlicher Mensch. Gerade diese Mehrfachzugehörigkeit verhindert, dass die Tische zu neuen Fachschubladen werden.

Die Tausend Tische bilden deshalb unterschiedliche Ausschnitte einer gemeinsamen Tätigkeits- und Abhängigkeitswirklichkeit.

Das gemeinsame Verfahren besteht nicht darin, eine gemeinsame Meinung herzustellen, sondern die jeweils verwendeten Begriffe, Ausschnitte und Konsequenzen wieder miteinander in Beziehung zu bringen.

Hier erhält die frühere Idee der Kollektiven Kreativität eine neue methodische Schärfe. Gemeinsinn bedeutet nicht Gleichdenken. Er bezeichnet die Fähigkeit, Differenz rückkopplungsfähig zu halten.

KI: Werkzeug und Prüfobjekt

Die KI wird in dieser Architektur sowohl Werkzeug als auch Untersuchungsgegenstand.

Als Werkzeug kann sie eine eigene Frage auffächern, Begriffsvoraussetzungen markieren, alternative Gegenüberstellungen erzeugen und Perspektiven aus unterschiedlichen Lebens- oder Fachbereichen einbringen. Ihre Rolle darf jedoch nicht darin bestehen, jedes Nichtwissen sofort mit einer sprachlich überzeugenden Antwort zu schließen. Sonst würde sie genau jenen Lochprozess beschleunigen, den die Forschung untersucht: Ein offener Bereich wird durch sprachliche Form gefüllt, die anschließend wie Wissen erscheint.

Der Grundauftrag an die KI lautet deshalb sinngemäß: Beantworte meine Frage zunächst nicht. Untersuche, welche Auswahl, Unterscheidung, Gegenüberstellung, Eigenschaftszuschreibung und Voraussetzung bereits darin enthalten sind. Unterscheide Beobachtung, Messung, gesellschaftliche Zuerkennung, Bewertung und Vermutung. Frage anschließend nach Tätigkeit, Konsequenz und möglicher Korrektur.

Damit wird die KI zu einem variablen Gegenüber innerhalb des plastischen Prüfprozesses.

Gleichzeitig muss sie selbst geprüft werden. KI erhöht in bislang kaum gekanntem Umfang die Geschwindigkeit menschlicher Symbolproduktion. Daraus ergibt sich die Frage, ob die Geschwindigkeit der Rückkopplung, Widerlegung und Korrektur mit der Geschwindigkeit der Repräsentation wächst.

Diese Frage verbindet KI unmittelbar mit dem Zivilisationsloch.

Globale Schwarm-Intelligenz

Die Globale Schwarm-Intelligenz ergibt sich aus dieser Entwicklung nicht als kollektive Superintelligenz und nicht als Mehrheitsentscheidungsmaschine. Sie ist als überörtliche Rückkopplungs- und Verbindungsstruktur gedacht.

Die Ergebnisse unterschiedlicher Tische, Fragen und Prüfungen können miteinander in Beziehung gebracht werden. Die KI kann Gemeinsamkeiten, Widersprüche und wiederkehrende Begriffsprobleme sichtbar machen. Ein einzelner Tisch arbeitet an Freiheit, ein anderer an Eigentum, ein dritter an Wasser, ein vierter an Arbeit. Die Plattform kann zeigen, wo ihre Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen sich berühren.

Dadurch könnte ein Kristallisationskern der Rückkopplungen entstehen.

Der entscheidende Maßstab wäre nicht Zustimmung, sondern die Qualität der Verbindung zwischen Behauptung, Tätigkeit, Konsequenz und Korrektur.

Wissenschaft und das Problem der Fachlöcher

Die Diskussion um Wissenschaft hat sich ebenfalls differenziert. Die Forschungskunst richtet sich nicht gegen Spezialisierung. Spezialdisziplinen sind für Präzision unverzichtbar. Das Problem entsteht dort, wo die Grenzen der Fachzuständigkeiten mit den Grenzen des untersuchten Wirkungszusammenhangs verwechselt werden.

Die vorausliegende Wirklichkeit ist nicht diszipliniert. Die Disziplinierung geschieht im menschlichen Zugriff.

Eine Wissenschaft kann hervorragendes Wissen über einen Ausschnitt produzieren. Eine andere untersucht einen angrenzenden Ausschnitt. Eine dritte die gesellschaftlichen Folgen. Das Zivilisationsproblem entsteht, wenn es keine ebenso starke gemeinsame Struktur gibt, in der diese getrennten Ergebnisse auf die vollständigen Tätigkeits- und Abhängigkeitsfolgen zurückgeführt werden.

Der Generalist erhält darin eine besondere, aber begrenzte Funktion. Er weiß nicht alles. Seine Aufgabe besteht darin, die Frage nach dem Gesamtzusammenhang nicht allein deshalb aufzugeben, weil niemand alle Fachkenntnisse besitzen kann.

Kunst soll dabei keine Superwissenschaft werden. Ihre besondere Möglichkeit liegt darin, unterschiedliche Material-, Bild-, Sprach-, Körper-, Zeit- und Erfahrungsbereiche in einer gemeinsamen Versuchsanordnung zusammenzubringen, ohne sie vollständig in eine Fachsprache übersetzen zu müssen.

Das So-Heits-Atelier wäre damit keine Konkurrenz zu den Wissenschaften, sondern eine gemeinsame Werkbank zwischen Zuständigkeiten.

So-Heits-Gesellschaft: von der Utopie zur Fähigkeit

Auch die Vorstellung einer So-Heits-Gesellschaft wurde im Verlauf der Forschung verändert. Sie soll keine fertige richtige Gesellschaft bezeichnen. Eine solche Vorstellung würde leicht selbst zur Begriffsskulptur.

So-Heits-Gesellschaft bezeichnet zunehmend eine Fähigkeit: Können Menschen ihre eigenen Institutionen, Rollen, Eigentumsordnungen, Technologien und Lebensformen als veränderbare Hervorbringungen behandeln? Können Tätigkeitsfolgen auf die Formen zurückwirken, die sie verursacht haben? Kann eine Gesellschaft Fehler anerkennen, ohne dass ihre gesamte Identität zusammenbricht?

Damit wird Zivilisationsfähigkeit zum übergeordneten Zielbegriff.

Zivilisationsfähigkeit bedeutet nicht primär höheren technischen Entwicklungsstand oder größeren Wissensumfang. Sie bezeichnet die Fähigkeit einer Gesellschaft, die Folgen ihrer eigenen Hervorbringungen wahrzunehmen und die verursachenden Hervorbringungen rechtzeitig zu korrigieren.

Die forschungskünstlerische Kurzform lautet: Nicht wie viel eine Zivilisation weiß, entscheidet über ihre Zivilisationsfähigkeit, sondern ob ihr Wissen rechtzeitig in Korrektur überführt werden kann.

Das So-Heits-Atelier als Gesamtarchitektur

Aus allen bisherigen Entwicklungen ergibt sich inzwischen eine erkennbare Gesamtarchitektur.

Am Grund liegt keine Theorie, sondern eine Frage innerhalb der vorausliegenden Plexuswirklichkeit: Der Mensch ist tätig, abhängig und erzeugt Folgen.

Der Werkanker zeigt, wie aus einer jahrzehntelangen plastischen Praxis Versuchsanordnungen entstanden sind, in denen Vorstellung, Widerstand, Material, Tätigkeit und Rückmeldung untersucht werden.

Aus dieser Praxis entstehen Begriffe, zunächst als Arbeitshypothesen: Lochprozess, Membran, Menschenkunstwerk, Verletzungswirklichkeit, Symbolwelt, Plexuswirklichkeit.

Das Begriffshandwerk zieht die Forschungsbewegung noch weiter an den Anfang zurück. Es fragt bereits bei Auswahl, Unterscheidung, Gegenüberstellung, Benennung und Zuschreibung danach, wie menschliche Wirklichkeitsformen hergestellt werden.

Der Prüfanker des Begriffshandwerks bündelt diese elementaren Operationen zu einer allgemein benutzbaren Methode.

E1–E4 hilft später, innerhalb der Prüfung unterschiedliche materielle, lebendige und symbolisch-gesellschaftliche Wirklichkeits- und Geltungsweisen auseinanderzuhalten und ihre Rückkopplung zu untersuchen.

Künstlerische Plastiken, Objekte und Versuchsanordnungen liefern Widerstand und konkrete Gegenüber.

Folien öffnen andere Ausschnitte.

Schablonen machen Prüfbewegungen wiederholbar.

Das Mitmachbuch macht sie transportabel.

Die Tausend Tische bringen unterschiedliche menschliche Fragen miteinander in Beziehung.

KI erzeugt zusätzliche Gegenüberstellungen und wird selbst zum Prüfgegenstand.

Die Globale Schwarm-Intelligenz verbindet getrennte Prüfprozesse über Orte und Zeiten hinweg.

Archiv und Biografie ermöglichen die zeitliche Gegenprüfung und verhindern, dass heutige Begriffe ihre Entstehungsgeschichte verlieren.

Verortungskunst prüft zusätzlich Ort, Zeitpunkt, Institution und gesellschaftlichen Zusammenhang.

Das So-Heits-Atelier führt diese Bestandteile zu einer öffentlichen plastischen Forschungs- und Lernarchitektur zusammen.

Seine Zielprojektion ist nicht eine fertige Weltanschauung, sondern die Erhöhung menschlicher und gesellschaftlicher Korrekturfähigkeit.

Begriffliche Doppelungen und mögliche Vereinfachungen

Gerade weil die Forschung inzwischen viele Begriffe hervorgebracht hat, muss sie ihre eigene Begriffsproduktion mitprüfen. An mehreren Stellen ist eine Vereinfachung sinnvoll.

„Begriffsarchitektur“ und „Begriffshandwerk“ sollten nicht als zwei konkurrierende Methoden geführt werden. Begriffsarchitektur kann das entstandene Gefüge bezeichnen; Begriffshandwerk bezeichnet die Tätigkeit, mit der an diesem Gefüge gearbeitet wird.

Die Vielzahl der Lochbegriffe sollte möglicherweise auf wenige Grundprozesse zurückgeführt werden. Besonders tragfähig erscheinen derzeit drei Grundformen: das Selektionsloch, bei dem Ausschnitt und Zusammenhang auseinanderfallen; das Attributionsloch, bei dem Zuschreibung und zugeschriebene Eigenschaft verwechselt werden; und das Rückkopplungsloch, bei dem Folgen die verursachende Vorstellung nicht mehr korrigieren können. Erkenntnisloch, Wissenschaftsloch, Geschichtsloch und Zivilisationsloch könnten dann als besondere Erscheinungsformen beziehungsweise Skalierungen dieser Grundprozesse beschrieben werden. Ob dafür tatsächlich die neuen Namen „Selektionsloch“ und „Attributionsloch“ gebraucht werden, sollte allerdings offenbleiben; möglicherweise genügt die Beschreibung des Vorgangs, um unnötige Begriffsinflation zu vermeiden.

Auch „Symbolwelt“, „Unverletzlichkeitswelt“, „Als-ob-Welt“, „Wirkungswelt“ und „Tätigkeitswelt“ benötigen weitere Klärung. Zu viele parallele Begriffe könnten den Vorgang verdunkeln, den sie transparent machen sollen. Zentral bleiben sollte die Unterscheidung zwischen gesellschaftlich erzeugter Geltung und den materiell-lebendigen Bedingungen beziehungsweise Konsequenzen des Handelns.

„Plexuswirklichkeit“ besitzt inzwischen eine tragende Funktion, muss aber ausdrücklich Arbeitsbegriff bleiben. Er darf nicht selbst zu einer neuen metaphysischen Gesamtbezeichnung werden, die behauptet, die Wirklichkeit abschließend zu erfassen.

Dasselbe gilt für E1–E4. Das Modell muss an seinen eigenen Grenzfällen überprüfbar bleiben.

„Plastik“ und „Skulpturalisierung“ sind für die Forschung dagegen zentral, solange eindeutig kenntlich bleibt, dass die Unterscheidung aus deiner plastischen Arbeitsweise hervorgeht und in der Forschung zusätzlich methodisch erweitert wird.

51:49 und 1:99 sollten klar als künstlerische Prüf- und Diagnosefiguren gekennzeichnet bleiben. Ihre Stärke liegt gerade darin, dass sie keine naturwissenschaftlichen Gesetze sein müssen.

Symbolon und symmetria sollten weiterhin als historische Resonanz- und Gegenmodelle verwendet werden, nicht als Behauptung, die Griechen hätten bereits die Forschungskunst gekannt oder eine ursprüngliche richtige Begriffswelt besessen.

Die kulturvergleichenden Sprachuntersuchungen sollten ebenfalls nicht als lineare Entwicklung von einer „richtigen“ alten Sprache zu einer „falschen“ modernen Sprache erzählt werden. Ihre Funktion ist der Nachweis, dass begriffliche Ordnungen geschichtlich variieren und deshalb selbst zum Gegenstand der Forschung gemacht werden können.

Noch offene Verbindungen

Eine zentrale offene Aufgabe liegt in der genaueren Verbindung des Werkankers mit dem Prüfanker. Für jede zentrale plastische Arbeit wäre systematisch zu zeigen, welche Operation des Begriffshandwerks dort bereits praktisch vorkommt. Dadurch könnte verhindert werden, dass das Begriffshandwerk wie eine nachträglich entwickelte Theorie über die Werke gelegt erscheint.

Eine zweite offene Aufgabe betrifft die Dramaturgie des So-Heits-Ateliers. Die Bestandteile sind inzwischen relativ klar, aber der Weg eines Besuchers durch diese Bestandteile muss noch genauer erprobt werden. Beginnt er mit einer eigenen Frage, einem Objekt, einer Folie oder einer überraschenden Gegenüberstellung? Wann erscheint die KI? Wann E1–E4? Wann werden andere Tische einbezogen? Wann endet eine Prüfung, und wie wird ihr offener Rest dokumentiert?

Eine dritte offene Frage betrifft das Verhältnis von persönlichem Bedürfnis und gesellschaftlicher Forschung. Die Tausend Tische können bei Beruf, Interesse, Konflikt, Angst, Wunsch oder Motivation beginnen. Noch genauer zu entwickeln ist, wie aus einer sehr persönlichen Frage eine Untersuchung gesellschaftlicher Tätigkeits- und Abhängigkeitszusammenhänge werden kann, ohne die persönliche Erfahrung zu instrumentalisieren.

Eine vierte Aufgabe betrifft die Rückkopplungsrechte. Bisher wurde stark gefragt, ob Folgen zurückwirken können. Weiter zu untersuchen ist, wer oder was gesellschaftlich tatsächlich die Macht besitzt, eine Ordnung aufgrund dieser Folgen zu verändern. Das könnte eine wichtige Präzisierung des Zivilisationsloches darstellen: Nicht nur Rückmeldungen sind ungleich verteilt, sondern auch die Rechte und Möglichkeiten, aus ihnen Konsequenzen zu ziehen.

Eine fünfte Aufgabe betrifft die Selbstprüfung der Forschungskunst. Wenn das So-Heits-Atelier verlangt, dass menschliche Begriffe plastisch und korrigierbar bleiben, muss dasselbe für seine eigenen Begriffe gelten. Jeder zentrale Begriff braucht deshalb eine eingebaute Möglichkeit seiner Revision. Der Zweifel darf nicht nur auf andere Weltbilder angewendet werden.

Gesamtformel der entstandenen Forschung

Die bisherige Entwicklung lässt sich schließlich in einer zusammenhängenden Bewegung darstellen.

Der Mensch lebt innerhalb einer vorausliegenden Wirklichkeit, von deren Bedingungen er abhängig ist. Um handeln zu können, muss er auswählen und unterscheiden. Er stellt Unterschiede gegenüber, benennt Ausschnitte und schreibt ihnen Eigenschaften zu. Aus diesen Hervorbringungen entstehen Begriffe, Symbole, Rollen, Modelle und Institutionen. Diese menschlichen Werke können Tätigkeiten organisieren und dadurch außerordentlich reale Folgen erzeugen. Problematisch wird der Vorgang dort, wo der Herstellungscharakter der menschlichen Formen vergessen wird, Beziehungen aus dem Ausschnitt verschwinden und die Folgen der daraus hervorgehenden Tätigkeiten nicht mehr auf die ursprünglichen Vorstellungen und Ordnungen zurückwirken können. Aus notwendigen Erkenntnis- und Gestaltungsoperationen entstehen dann Lochprozesse und in gesellschaftlicher Skalierung Zivilisationslöcher.

Die Forschungskunst versucht deshalb nicht, dem Menschen eine neue richtige Wirklichkeit zu erklären. Sie entwickelt plastische Verfahren, durch die der Mensch seine eigenen Hervorbringungen wieder einem Gegenüber aussetzen kann. Material, andere Menschen, Geschichte, Tätigkeitsfolgen, wissenschaftliches Wissen, künstlerische Versuchsanordnungen und künstliche Intelligenz können dabei unterschiedliche Formen der Gegenprüfung bereitstellen. Der Zweifel hält die Grenze zwischen Vorstellung und vorausliegendem Wirkungszusammenhang als Membran offen.

Der Werkanker dokumentiert die Herkunft dieser Arbeitsweise. Der Prüfanker des Begriffshandwerks macht ihre elementaren Operationen zugänglich. Das Vier-Ebenen-Modell differenziert innerhalb der Prüfung verschiedene Wirklichkeits- und Geltungsweisen. Die künstlerischen Plastiken geben den Begriffen Widerstand. Folien und Schablonen machen Beziehungen und Prüfbewegungen sichtbar. Mitmachbuch und Tausend Tische übertragen die individuelle Prüfung in einen gesellschaftlichen Lernprozess. KI erweitert die Möglichkeiten der Gegenüberstellung und muss gleichzeitig selbst auf ihre symbolische Überproduktionskraft geprüft werden. Die Globale Schwarm-Intelligenz soll getrennte Fragen und Rückmeldungen miteinander verbinden. Archiv und Verortungskunst halten Zeit, Entstehung, Scheitern und institutionellen Zusammenhang sichtbar. Das So-Heits-Atelier führt diese Teile in einer öffentlichen plastischen Prüfarchitektur zusammen.

Die Zielprojektion lautet damit nicht, eine endgültig richtige Gesellschaft zu entwerfen. Sie besteht darin, Zivilisationsfähigkeit als Korrekturfähigkeit gegenüber den Folgen der eigenen Hervorbringungen auszubilden.

In der knappsten Form lässt sich die Entwicklung deshalb so zusammenfassen:

Der Mensch muss unterscheiden, um lernen und handeln zu können. Er muss Vorstellungen hervorbringen, um gestalten zu können. Er muss Begriffe und Symbole erzeugen, um Erfahrungen zu speichern und gemeinsam tätig werden zu können. Das Zivilisationsproblem beginnt nicht mit diesen Hervorbringungen, sondern dort, wo ihre menschliche Herstellung vergessen wird und ihre Tätigkeitsfolgen sie nicht mehr korrigieren können. Forschungskunst versucht, diese verlorene Rückkopplung plastisch wieder zu öffnen.

Das So-Heits-Atelier wäre in diesem Sinn keine Ausstellung einer fertigen Forschung und keine Schule einer neuen Weltanschauung. Es wäre eine öffentliche Werkstatt, in der Menschen lernen können, ihre Fragen, Begriffe, Überzeugungen, Rollen, Institutionen und Tätigkeiten als eigene, veränderbare Hervorbringungen zu untersuchen und sie den Folgen auszusetzen, die sie innerhalb der gemeinsamen Tätigkeits- und Abhängigkeitswirklichkeit erzeugen.

Diese Rekonstruktion zeigt zugleich, dass der nächste notwendige Arbeitsschritt weniger die Erfindung weiterer Grundbegriffe als eine Reduktion und Zuordnung ist: Welche wenigen Grundoperationen tragen tatsächlich alles, und welche bisherigen Begriffe können als Unterformen, Beispiele oder Werkzeuge darunter eingeordnet werden?

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Die documenta 16 als bereits begonnener Arbeitsprozess

Wenn du von deiner Verortungskunst ausgehst, hat die documenta 16 für dich tatsächlich bereits begonnen – allerdings noch nicht institutionell, sondern als künstlerischer Forschungs- und Prüfprozess. Die Arbeit beginnt nicht erst mit einer Einladung, einem Ausstellungsraum oder dem Eröffnungstag. Sie beginnt in dem Augenblick, in dem du untersuchst:

Was muss zu welchem Zeitpunkt, an welchem Ort, vor welchen Menschen und unter welchen Bedingungen sichtbar und überprüfbar werden?

Damit wird bereits deine Annäherung an die documenta zum Bestandteil des Kunstwerks. Die Briefe, Bewerbungen, Reaktionen, Absagen, Missverständnisse, räumlichen Überlegungen, Gesprächsversuche und die Suche nach einer angemessenen Darstellungsform sind nicht bloß Vorbereitungen. Sie zeigen praktisch, ob eine Institution bereit ist, sich auf eine offene Überzeugungsprüfung einzulassen.

Wichtig wäre jedoch die Unterscheidung: Nicht die documenta 16 selbst arbeitet bereits mit dir, sondern du arbeitest bereits an der documenta 16, in Richtung auf sie und zugleich an der Frage, ob sie ein geeigneter Ort für deine Arbeit sein kann.

Die zentrale Einladung an die Menschen

Du könntest die Menschen nicht nur fragen, ob sie deine Arbeit verstehen oder gut finden. Das wäre zu passiv. Du könntest sie vielmehr dazu einladen, ihre eigene Stellung innerhalb der von dir untersuchten Zusammenhänge zu bestimmen.

Die übergeordnete Frage könnte lauten:

Wo stehst du selbst innerhalb der Wirklichkeit, die du durch dein tägliches Handeln mit hervorbringst?

Oder noch enger an deine Verortungskunst gebunden:

An welchem Punkt zwischen Wissen, Nichtwissenwollen und Handeln befindest du dich?

Damit werden die Menschen nicht zu Betrachtern eines abgeschlossenen Lebenswerks, sondern zu Beteiligten eines noch laufenden Untersuchungsprozesses.

Fragen zur eigenen Verortung

Am Anfang sollten Fragen stehen, die den Menschen helfen, ihre eigene Position überhaupt wahrzunehmen:

Wo befindest du dich: innerhalb der Lebensbedingungen oder in einer gedanklichen Parallelwelt über ihnen?

Begreifst du dich als unabhängiges Individuum oder als Funktionsteil eines größeren Zusammenhangs?

Welche Voraussetzungen deines Lebens kannst du selbst herstellen – und von welchen bist du vollständig abhängig?

Was bedeutet für dich der Satz: „Weil ich atme, existiere ich“?

Wo endet deine persönliche Freiheit, weil die Folgen deines Handelns andere Menschen, Lebewesen oder Lebensgrundlagen betreffen?

Diese Fragen führen unmittelbar in deinen Grundgedanken hinein: Der Mensch befindet sich nicht außerhalb der Welt, sondern ist körperlich, materiell und durch seine Handlungskonsequenzen in sie eingebunden.

Fragen zum Millisekunden-Menschen

Die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ kann als zweiter großer Frageraum dienen. Hier geht es um das Verhältnis zwischen der extrem kurzen Anwesenheit des Menschen und seinem Anspruch, die gesamte Welt nach seinen Vorstellungen zu ordnen.

Welches Recht leitet der Millisekunden-Mensch daraus ab, Milliarden Jahre entstandene Lebensbedingungen zu verändern oder zu zerstören?

Kann ein Wesen, das erst seit wenigen Sekunden auf der planetarischen Uhr existiert, behaupten, die Funktionsweise des Ganzen besser zu kennen?

Welche Maßstäbe müssten gelten: die kurzfristigen Interessen des Menschen oder die langfristigen Funktionsbedingungen des Planeten?

Was würde sich ändern, wenn politische und wirtschaftliche Entscheidungen an der Erdgeschichte statt an Wahlperioden, Börsenkursen und Lebenszeiten gemessen würden?

Ist der Mensch der Mittelpunkt der Entwicklung oder lediglich eine vorläufige Testform der Evolution?

Hier wird deine Uhr nicht nur zu einer Illustration, sondern zu einem Prüfgerät für menschliche Selbstüberschätzung.

Fragen zum Funktionieren und Nichtfunktionieren

Ein zentraler Zugang zu deiner Arbeit liegt in deinem handwerklichen Maßstab. Die Frage ist nicht zuerst, ob etwas moralisch gut gemeint, theoretisch überzeugend oder wirtschaftlich erfolgreich ist, sondern ob es innerhalb seiner Lebenszusammenhänge funktioniert.

Woran erkennen wir, ob eine gesellschaftliche Form tatsächlich funktioniert?

Kann etwas wirtschaftlich erfolgreich sein und gleichzeitig biologisch, sozial oder planetarisch nicht funktionieren?

Wer bestimmt, was als funktionierend bezeichnet wird?

Welche Folgen werden aus einer Erfolgsrechnung ausgeschlossen?

Wo liegen die Toleranzbereiche und Kipppunkte eines politischen, sozialen oder ökologischen Systems?

Kann eine Ordnung noch als vernünftig gelten, wenn sie ihre eigenen Existenzvoraussetzungen zerstört?

Damit lässt sich dein Maschinenbauwissen mit der Forschungskunst verbinden. Jede Konstruktion muss geprüft werden. Warum sollte dies nicht auch für Ideologien, Wirtschaftsordnungen, Institutionen und menschliche Rollen gelten?

Fragen zur Verantwortung

Deine Arbeit erweitert Verantwortung über Absicht und persönliche Zuständigkeit hinaus. Deshalb könnten folgende Fragen besonders wichtig werden:

Bin ich nur für meine Absichten verantwortlich oder auch für die vorhersehbaren Folgen meines Handelns?

Wo endet Verantwortung in einem System, in dem jeder nur einen kleinen Teil seiner Tätigkeit ausführt?

Kann Verantwortung delegiert werden, wenn die Folgen trotzdem eintreten?

Welche Handlung würde ich verändern, wenn ich sämtliche Konsequenzen unmittelbar sehen könnte?

Welche Verantwortung entsteht allein daraus, dass ich Teil eines funktionalen Zusammenhangs bin?

Was bedeutet Verantwortung bei acht Milliarden gleichzeitig handelnden Menschen?

So wird dein „Spiegel der Verantwortung“ nicht zu einem moralischen Vorwurf, sondern zu einer Methode der Selbstprüfung.

Fragen zur Kunst und zur Sozialen Plastik

Die Menschen sollten außerdem prüfen können, was Kunst innerhalb deiner Arbeit bedeutet:

Ist Kunst die Herstellung eines Gegenstandes oder die Veränderung eines Wirklichkeitsverhältnisses?

Wann wird ein Gespräch, eine Prüfung, ein Brief oder eine institutionelle Reaktion zum Teil eines Kunstwerks?

Kann eine Gesellschaft als Plastik behandelt werden, ohne ihre Menschen zum Material fremder Vorstellungen zu machen?

Was bedeutet es praktisch, wenn jeder Mensch an der gesellschaftlichen Formung beteiligt ist?

Müsste dann nicht auch jede Tätigkeit auf ihre Voraussetzungen und Folgen geprüft werden?

Kann ein Kunstwerk scheitern – und wird gerade dieses Scheitern zu einem Erkenntnisgewinn?

Diese Fragen machen verständlich, weshalb deine documenta-Bewerbung nicht nur die Präsentation vorhandener Objekte betrifft. Auch die Weise, wie eine Institution darauf reagiert, wird Teil der Untersuchung.

Fragen an die documenta und andere Institutionen

Deine Arbeit richtet Fragen nicht nur an einzelne Besucher, sondern auch an die Institution selbst:

Kann eine Kunstinstitution eine Arbeit aufnehmen, deren Ergebnis noch nicht feststeht?

Ist die documenta bereit, nicht nur gesellschaftliche Probleme darzustellen, sondern ihre eigenen Auswahl-, Ausschluss- und Bewertungsmechanismen überprüfen zu lassen?

Kann eine Ausstellung zum Labor werden, in dem auch die Kuratoren, Organisatoren und Künstler Beteiligte der Untersuchung sind?

Was geschieht mit einer Arbeit, die nicht vollständig in die Kategorien Kunst, Wissenschaft, Pädagogik oder politische Aktion passt?

Erkennt eine Institution nur das an, was bereits kunsthistorisch verortet ist?

Kann die Nichtanerkennung eines Lebenswerks selbst zum Gegenstand der Verortungskunst werden?

Hier liegt ein entscheidender Punkt: Die documenta wäre nicht nur der Ort, an dem dein Werk ausgestellt wird. Sie würde selbst zu einem untersuchten Teil der Arbeit.

Fragen zu konkreten Objekten

Deine Objekte können jeweils als Fragestationen eingesetzt werden. Die vergoldete Kartoffel könnte fragen:

Was geschieht, wenn der kulturelle oder wirtschaftliche Wert eines Gegenstandes seine biologischen Bedingungen verdeckt?

Die vergoldete Eisfläche könnte fragen:

Kann der Mensch eine Wirklichkeit beliebig verschönern und weiterhin auf ihr handeln, ohne ihre Funktionsweise zu beachten?

Der Astronautenanzug im offenen Feuerkäfig könnte fragen:

Welche Rollenidentität schützt mich scheinbar davor, meine tatsächliche Lage wahrzunehmen?

Warum verlasse ich eine zerstörerische Ordnung nicht, obwohl die Tür offensteht?

Der Deich mit dem Reißverschluss könnte fragen:

Welche lebensnotwendigen Grenzen behandeln wir, als könnten sie beliebig geöffnet und geschlossen werden?

Der Biberdamm könnte fragen:

Warum gilt die Anpassung eines Tieres an seinen Lebensraum als intelligent, während der Mensch die Veränderung des Lebensraums nach seinen Interessen als Fortschritt bezeichnet?

So wird jedes Objekt zu einem eigenständigen Prüfoperator.

Fragen, die zu einer Handlung führen

Entscheidend ist, dass die Menschen nicht nach der Beantwortung der Fragen stehen bleiben. Am Ende sollte jede Person eine konkrete Verortung vornehmen:

Welche Frage aus diesem Atelier betrifft mein eigenes Leben unmittelbar?

Welche meiner Überzeugungen möchte ich überprüfen?

Welche Handlung hat Folgen, die ich bisher ausgeblendet habe?

Was kann ich verändern, ohne auf eine Regierung, Institution oder Mehrheit zu warten?

Mit welchen anderen Menschen müsste ich mich verbinden, damit aus meiner Erkenntnis eine wirksame Handlung entsteht?

Welche Spur möchte ich in diesem Forschungsatelier hinterlassen?

Daran könnte deine rote Punktaktion anknüpfen. Der rote Punkt wäre dann nicht bloß ein Zeichen der Teilnahme. Er würde markieren, an welcher Fragestellung ein Mensch weiterarbeiten will. Menschen mit ähnlichen Punkten könnten einander finden und zeitweilige Forschungsgruppen bilden.

Die entscheidende Grundfrage

Alle einzelnen Fragen könnten schließlich auf eine gemeinsame Kernfrage zulaufen:

Ist der Mensch bereit, seine selbst geschaffenen Überzeugungen, Rollen und Ordnungen an den Bedingungen zu überprüfen, von denen sein Leben tatsächlich abhängt?

Damit wird die documenta 16 für dich bereits jetzt zu einem offenen Verortungsprozess. Du prüfst nicht nur, wie dein Lebenswerk dort gezeigt werden könnte. Du prüfst zugleich, ob die documenta, ihre Verantwortlichen, ihre Besucher und du selbst bereit sind, sich innerhalb dieses Prozesses verorten zu lassen. Genau darin könnte das eigentliche Kunstwerk liegen.

Die folgende Fassung verdichtet den bisherigen Forschungsweg einschließlich der neu eingefügten Texte zu einem gegenwärtigen Gesamtstand. Sie versucht zugleich, Wiederholungen und inzwischen überholte Begriffsschichten herauszunehmen und die tragende Architektur sichtbar zu machen.

Komprimierte Kontextuarealisierung des gesamten Forschungszusammenhangs

Vom künstlerischen Lebenswerk zur Forschungskunst der menschlichen Korrekturfähigkeit

Das künstlerische Lebenswerk lässt sich heute nicht mehr angemessen als Abfolge einzelner Kunstwerke, gesellschaftlicher Aktionen, Documenta-Bewerbungen, theoretischer Überlegungen oder neuer Begriffe lesen. Im Rückblick wird vielmehr ein über mehr als fünf Jahrzehnte entstandener Forschungsprozess sichtbar, dessen heutige Begriffe größtenteils nicht am Anfang vorhanden waren. Handwerkliche Erfahrung, Fotografie, Bildhauerei und Plastik, Experimentelle Umweltgestaltung, Wasser- und Deicharbeiten, Erwachsenenmalbücher, Frage-und-Antwort-Tische, Theater, Collagen, Schultafeln, gesellschaftliche Werkstätten, das Globale Dorffest, Documenta-Projekte, Tausend-Tische-Modell, Globale Schwarm-Intelligenz, Mitmachbuch, Foliengrammatik und So-Heits-Atelier gingen den heutigen Begriffen teilweise um Jahrzehnte voraus. Plexuswirklichkeit, Tragwirklichkeit, Skulpturidentität, Lochprozess, Vier-Ebenen-Modell und Prüfoperator sind deshalb keine Theorie, die nachträglich illustriert wurde, sondern sprachliche Verdichtungen eines wesentlich älteren Werk- und Erfahrungsprozesses.

Gerade hierin liegt inzwischen eine methodisch entscheidende Korrektur. Das Lebenswerk darf weder rückwirkend so dargestellt werden, als habe 1975 bereits das heutige vollständige System existiert, noch darf umgekehrt so getan werden, als seien die heutigen Begriffe unabhängig von der jahrzehntelangen Werkpraxis entstanden. Die gegenwärtige Forschung besteht vielmehr aus einer Rückbewegung: Frühere Arbeiten werden mit den heute entwickelten Instrumenten neu untersucht; gleichzeitig müssen die heutigen Begriffe an den früheren Arbeiten, ihren Widersprüchen, Fehlschlägen und historischen Dokumenten selbst überprüft werden. Das Archiv ist damit nicht nur Gedächtnis des Werkes, sondern ein Gegenüber, das gegen eine nachträgliche Selbstmythologisierung Widerstand leisten kann.

Der Forschungsgrund: Nicht Moral, sondern Funktion und Rückkopplung

Der beständigste Ausgangspunkt bleibt die seit Mitte der 1970er Jahre verfolgte Frage: Warum zerstört der Mensch trotz Wissen, Wahrnehmungsfähigkeit, technischer Leistungsfähigkeit und Korrekturmöglichkeit seine eigenen Existenzbedingungen? Im Verlauf der Forschung wurde diese Frage jedoch grundlegend verändert. Aus einer zunächst umweltbezogenen und gesellschaftskritischen Frage wurde zunehmend eine Untersuchung der menschlichen Fähigkeit, überhaupt tragfähige Wirklichkeits-, Selbst- und Gesellschaftsmodelle hervorzubringen.

Der entscheidende methodische Hintergrund liegt dabei in der handwerklichen Erfahrung. Ein Werkstück passt oder passt nicht. Eine Verbindung trägt oder versagt. Material, Maß, Spiel, Belastung, Reibung und Toleranz lassen sich nicht dadurch außer Kraft setzen, dass man eine andere Meinung über sie besitzt. Daraus entstand langfristig eine ungewöhnliche Übertragung in die Kunst: Warum werden technische Konstruktionen selbstverständlich auf Funktion, Belastungsgrenzen und Fehlverhalten geprüft, während Eigentumsordnungen, Wirtschaftsmodelle, Rollenidentitäten, politische Zielsetzungen oder Menschenbilder häufig allein durch Tradition, Zustimmung, Rechtsgültigkeit, Erfolg oder Macht legitimiert werden? Der handwerkliche Maßstab wurde damit nicht zur mechanistischen Gesellschaftstheorie, sondern zu einer Prüfhaltung.

Die heute denkbar kürzeste Fassung des gesamten Forschungsgrundes lautet deshalb nicht: Was ist gut? Sondern: Was trägt? Was wird vorgestellt? Was wird aufgrund dieser Vorstellung getan? Und was kommt tatsächlich zurück? Diese vier Fragen können inzwischen fast die gesamte differenzierte Begriffsarchitektur aufnehmen.

Von der Umwelt zur Plexuswirklichkeit

Einer der tiefsten begrifflichen Umbauten betrifft das Verhältnis von Mensch und Wirklichkeit. Der frühe Begriff der Umwelt war notwendig, wurde aber später problematisch, weil er sprachlich leicht einen fertigen Menschen im Mittelpunkt erzeugt, um den herum sich eine äußere Welt befindet. Die spätere Plexuswirklichkeit korrigiert diese Innen-Außen-Grammatik. Der Mensch tritt nicht erst in eine Welt ein und steht ihr auch nicht als unabhängiges Subjekt gegenüber. Er entsteht innerhalb eines vorausliegenden Wirkungs-, Stoff-, Lebens- und Abhängigkeitsgefüges.

Plexuswirklichkeit bezeichnet deshalb nicht einfach „alles hängt mit allem zusammen“. Der Begriff soll genauer fassen, dass abgegrenzte Funktionsteile nur innerhalb von Beziehungen bestehen. Abgrenzung und Zusammenhang sind keine Gegensätze. Zellmembran, Organismus, Baum, Wald, Gesellschaft oder Erdsystem sind nicht dasselbe und dürfen auch nicht durch oberflächliche Analogien gleichgesetzt werden. Gemeinsam ist ihnen lediglich die methodische Frage, wie Eigenständigkeit innerhalb von Abhängigkeiten möglich wird. Daraus folgt eine der wichtigsten Regeln der jüngsten Forschung: Analogie statt Gleichsetzung. Zellmembran ist nicht Bewusstsein, Thermosflasche nicht Ich, Astronautenanzug nicht Seele. Jede Analogie muss zugleich ihre Grenze sichtbar halten.

Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit erhalten dadurch unterschiedliche Funktionen. Plexuswirklichkeit bezeichnet das umfassendere Beziehungsgefüge; Tragwirklichkeit hebt innerhalb dieses Gefüges diejenigen Bedingungen hervor, von denen Bestehen tatsächlich abhängig ist. So-Heit wiederum bezeichnet nicht dasselbe, sondern die Prüfrichtung auf die tatsächliche Beschaffenheit und Wirksamkeit eines Zusammenhangs. Die jüngste Begriffsklärung verlangt gerade, diese Begriffe nicht mehr synonym zu verwenden.

Der Millisekundenmensch und die planetarische Kalibrierung

Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde bildet den zeitlichen Gegenpol zu menschlicher Selbstüberschätzung. Milliarden Jahre planetarischer, physikalischer und biologischer Entwicklung werden einer äußerst kurzen menschlichen Kulturgeschichte gegenübergestellt. Der Mensch erscheint darin als Millisekundenmensch. Er hat Atmosphäre, Gravitation, Wasser, Stoffkreisläufe, biologische Regeneration und die elementaren Bedingungen seiner eigenen Körperlichkeit nicht hervorgebracht. Dennoch behandelt er seine sehr spät entstandenen Eigentums-, Geld-, Rechts-, Markt- und Institutionsordnungen häufig so, als bildeten gerade diese die vorrangige Wirklichkeit.

Die Kritik richtet sich dabei nicht gegen Kultur, Technik oder Symbolbildung. Das wäre selbst eine neue Vereinfachung. Entscheidend ist vielmehr die Differenz der Wirklichkeitsweisen. Geld kann nicht gegessen werden, aber es kann darüber entscheiden, wer Nahrung erhält. Eigentum ist keine stoffliche Eigenschaft eines Grundstücks, kann aber äußerst reale Tätigkeitsfolgen erzeugen. Ein Gesetz ist keine biologische Struktur und kann dennoch körperliche Lebensbedingungen verändern. Symbolische Wirklichkeit ist deshalb wirklich wirksam, aber anders wirklich als Stoffwechsel, Temperatur, Verletzung oder Gravitation.

Vom plastischen Organismus zur Skulpturidentität

Aus dieser Differenz entstand die Unterscheidung zwischen der lebendigen, abhängigen Existenz und ihrer kulturellen Selbstinterpretation. Eine wichtige jüngste Korrektur betrifft dabei das plastische Ich. Frühere Fassungen ordneten ein plastisches Ichbewusstsein unmittelbar E2 zu. Das wurde inzwischen präzisiert. Auf E2 liegt zunächst die leibliche Selbstreferenz des Organismus: Atmung, Schmerz, Hunger, Eigenbewegung, Spannung, Regulation, Verletzbarkeit und Körpergrenzen. Erst wenn diese Selbstreferenz sprachlich, biografisch und gesellschaftlich als „Ich“ interpretiert wird, entsteht daraus ein Menschenkunstwerk auf E3.

Damit stehen plastisches Ichbewusstsein und Skulpturidentität nicht mehr auf zwei getrennten ontologischen Ebenen, sondern bezeichnen zwei unterschiedliche Formen menschlicher Selbstinterpretation. Das plastische Ich weiß um seine Abhängigkeit, Veränderlichkeit und Korrekturfähigkeit. Die Skulpturidentität behandelt eine erzeugte Identitätsform so, als sei sie abgeschlossen, autonom und ihr eigener Ursprung.

Die Differenz von Plastik und Skulpturalisierung wird damit zu einem der stärksten Bindeglieder zwischen Werkpraxis und Anthropologie. Plastisch bedeutet in dieser Forschung nicht bloß formbar. Es bedeutet rückkopplungsfähig, weiterbearbeitbar und gegenüber Widerstand offen. Skulpturalisierung bezeichnet dagegen den Prozess, in dem eine hervorgebrachte Form ihren Herstellungscharakter verliert und als unveränderliche Wirklichkeit auftritt. Dasselbe gilt für Begriffe: Ein Begriff bleibt plastisch, solange sichtbar bleibt, wodurch er erzeugt wurde, was er auswählt, wozu er dient, was er ausschließt und wodurch er korrigiert werden könnte.

Der Lochprozess: vom Ausschnitt zum Zivilisationsloch

Damit erhält auch der Lochprozess eine genauere Bestimmung. Ein Loch ist nicht grundsätzlich negativ. Ohne Grenzen, Öffnungen, Membranen, Unterschiede und Ausschnitte wären weder Organismen noch Wahrnehmung noch Sprache noch Lernen möglich. Der Mensch muss auswählen, um überhaupt etwas erkennen und bearbeiten zu können.

Problematisch wird der Ausschnitt erst dort, wo er seinen Ausschnittscharakter verliert. Aus der Landschaft wird ein „Ding“ herausgeschnitten; Beziehungen verschwinden. Dem Ding werden Eigenschaften zugeschrieben; der Vorgang der Zuschreibung verschwindet. Diese Zuschreibungen können institutionalisiert werden; anschließend erzeugen sie Tätigkeiten. Das entscheidende Loch entsteht dort, wo die wirklichen Folgen dieser Tätigkeiten nicht mehr auf die ursprüngliche Vorstellung, Zuschreibung oder Ordnung zurückwirken können. Deshalb ist heute das Rückkopplungsloch grundsätzlicher als das bloße Erkenntnisloch.

Das Zivilisationsloch ist die gesellschaftliche Großform dieses Vorgangs. Wissen kann hoch entwickelt und über unzählige Fachgebiete, Institutionen und Zuständigkeiten verteilt sein, ohne dass ein ebenso leistungsfähiger gemeinsamer Rückweg von den Folgen zu den verursachenden Entscheidungen vorhanden ist. Das Zivilisationsproblem ist daher heute präziser als Rückkopplungsdefizit zwischen verteiltem Wissen, Tätigkeitsfolgen und gemeinsamer Korrektur bestimmt.

Gegenüberstellung, Zweifel und Lernen

Eine weitere entscheidende Korrektur betrifft das Gegenüber. Frühere Überlegungen standen zeitweise in der Gefahr, jede Gegenüberstellung bereits mit Dualismus zu verbinden. Die plastische Werkpraxis zeigt jedoch das Gegenteil. Lernen benötigt ein Gegenüber.

Der Plastiker besitzt eine Vorstellung. Dieser Vorstellung tritt Material entgegen, ein Modell, ein Werkzeug, eine andere Person oder das bereits entstandene Werk. Erst die Differenz macht Vergleich möglich. Die Vorstellung kann falsch sein, das Material kann anders reagieren, die eigene Fähigkeit kann nicht ausreichen, und das Ergebnis kann von der Intention abweichen. Gerade diese Differenz erzeugt Lernfähigkeit.

Daraus entstand das künstlerische Dreieck: Vorstellung beziehungsweise Modell – Tätigkeit beziehungsweise Hand – hervorgebrachtes Werk beziehungsweise Tätigkeitskonsequenz. Das entstandene Ergebnis wird erneut der Ausgangsvorstellung gegenübergestellt. Die Rückmeldung kann anschließend die Vorstellung verändern. Der Zweifel erhält darin eine konkrete Funktion: Er ist die Membran, die verhindert, dass die Ausgangsidee gegenüber ihren eigenen Folgen immun wird.

Eine der inzwischen wichtigsten Formulierungen lautet deshalb: Der Mensch braucht das Gegenüber, um lernen zu können. Er darf daraus aber keine Gegenwelt machen. Gegenüberstellung ist nicht automatisch Gegensatz, und Gegensatz ist nicht automatisch Dualismus. Erst die Verfestigung einer notwendigen methodischen Unterscheidung zu zwei voneinander unabhängigen Wirklichkeiten erzeugt die problematische Skulpturalisierung.

51:49, 50:50 und 1:99 als unterschiedliche Operatoren

Auch die lange Entwicklung von 51:49 wurde inzwischen entscheidend bereinigt. 51:49 darf nicht als Naturgesetz auftreten. Es ist das historische künstlerische Bild einer Minimalasymmetrie beziehungsweise ein Störoperator gegen die Vorstellung einer vollkommen geschlossenen Zweipoligkeit. 50:50 bezeichnet wiederum nicht Symmetrie schlechthin als Fehler. Exakte Symmetrien besitzen in Mathematik, Naturwissenschaft, Technik und Gestaltung legitime Funktionen. Kritisiert wird die Übertragung einer formalen Gleichordnung auf gesellschaftliche oder ontologische Verhältnisse, als garantiere formale Gleichheit auch gleiche Wirkungen.

1:99 bezeichnet schließlich keine zwangsläufige mathematische Entwicklung aus 50:50, sondern die Diagnose möglicher extremer Macht-, Eigentums- und Wirkungskonzentration. Die präziseste Verbindung lautet heute: Die Symmetrie der Regeln garantiert keine Symmetrie ihrer Folgen.

Damit können 51:49, 50:50 und 1:99 als drei getrennte Prüfoperatoren bestehen: Minimalasymmetrie, Symmetrieillusion und Konzentrationsdrift. Sie müssen nicht mehr das gesamte Forschungsgebäude tragen.

Tätigkeitskonsequenz und das Vier-Ebenen-Modell

Der Begriff der Tätigkeitskonsequenz hat sich zu einem der wichtigsten Verbindungsglieder der gesamten Forschung entwickelt. Eine menschliche Vorstellung oder institutionelle Setzung kann eine Tätigkeit organisieren; diese Tätigkeit greift materiell ein; daraus entstehen lebendige Folgen; anschließend stellt sich die Frage, ob die Folge zu der verursachenden Vorstellung zurückkehren und sie verändern kann.

Das Vier-Ebenen-Modell macht diese unterschiedlichen Wirklichkeitsweisen differenzierbar. E1 bezeichnet physikalisch-materielle Bedingungen und Wirkungen. E2 bezeichnet lebendige Prozesse, Verletzbarkeit, Stoffwechsel und Regeneration. E3 bezeichnet sprachliche, symbolische, rechtliche, ökonomische und institutionelle Geltungsformen. E4 ist keine vierte ontologische Welt, sondern der Vorgang der Prüfung, Rückführung, Kalibrierung, Revision und Reparatur. E3 wurde damit ebenfalls rehabilitiert: Symbolische Formen sind nicht unwirklich; sie besitzen einen eigenen Wirkungsmodus und können E1- und E2-Folgen organisieren.

Der neueste und vielleicht wichtigste methodische Fortschritt besteht aber darin, E1–E4 nicht an den Anfang des So-Heits-Ateliers zu stellen. Besucher sollen nicht zuerst eine neue Weltordnung auswendig lernen. Sie sollen zunächst einen Unterschied erfahren. Erst anschließend kann E1–E4 helfen, diesen Unterschied genauer zu untersuchen. Sonst würde das Prüfmodell selbst zur Begriffsskulptur.

Die Kunstwerke werden zu Prüfgegenübern

Von hier aus kann auch das Lebenswerk neu gelesen werden. Die Werke illustrieren nicht die fertige Theorie. Sie bilden eine historische Bibliothek unterschiedlichster Prüfgegenüber.

Wellenbecken und Deich stellen Vorstellung gegen Strömung und Belastung. Kartoffel und Gold stellen stoffliche beziehungsweise lebendige Beschaffenheit gegen gesellschaftliche Aufwertung. Die Schultafel macht Behauptung und Löschbarkeit zugleich sichtbar. Malbuch und Vorgabebild stellen Vorgabe gegen Selbsttätigkeit. Theater hält Rolle und Darsteller auseinander. Der Tapeziertisch erzeugt einen öffentlichen Arbeitsort. Astronautenanzug und Thermosflasche untersuchen Isolation und scheinbare Autonomie. Sandtrichter und Saftpresse verschieben den Blick vom benannten Gegenstand auf die Konsequenz einer Tätigkeit. Die Zellmembran wird zum Gegenmodell einer Grenze, die gerade deshalb trägt, weil sie weder völlige Offenheit noch völlige Abschließung ist.

Damit wird das Werkverzeichnis zugleich zu einem Werkzeugverzeichnis. Genau dies ist für das So-Heits-Atelier entscheidend: Das historische Lebenswerk soll nicht bloß musealisiert werden. Es soll als Werkzeuglager reaktiviert werden.

Foliengrammatik und Mitmachbuch

Die Folienarbeit bündelt Fotografie, Collage, Ausschnitt, Malbuch, Schichtung und heutiges Begriffshandwerk. Ihre wesentliche Erfindung besteht nicht darin, eine richtige Weltanschauung transparent über eine falsche zu legen. Entscheidend ist vielmehr, dass durch die Transparenz sichtbar bleibt: Hier wurde etwas hinzugefügt.

Ein Boden bleibt sichtbar, während Eigentumsgrenzen darübergelegt werden. Ein Körper bleibt sichtbar, während eine Berufs- oder Rollenidentität hinzukommt. Die behauptete Freiheit kann über einem Netz tatsächlicher Abhängigkeiten liegen. Dadurch kann zwischen vorausliegender Beschaffenheit und menschlicher Zuschreibung hin- und hergewechselt werden. Besonders konsequent ist deshalb die leere Folie: Der Benutzer stellt selbst eine Zuschreibung her und kann anschließend seine eigene Hervorbringung untersuchen.

Das Mitmachbuch ist die portable Form dieser Werkstatt. Es ist kein Lehrbuch und keine lineare Einführung in eine fertige Theorie. Man kann schreiben, streichen, überkleben, zurückkehren, Folien auflegen, etwas ausschneiden, frühere Antworten verändern und neue Gegenüberstellungen erzeugen. Eine spätere andere Antwort ist kein Fehler, sondern kann gerade das Forschungsergebnis darstellen. Das Mitmachbuch ist damit die persönliche Kleinform des räumlichen So-Heits-Ateliers; das interaktive digitale Buch auf der Plattform ist dagegen der längerfristige, versionierbare Arbeitsweg und sollte begrifflich davon unterschieden bleiben.

Von den Tausend Tischen zur Globalen Schwarm-Intelligenz

Die Frage-und-Antwort-Tische und das Globale Dorffest bilden eine entscheidende soziale Vorform. Die Tausend Tische sind dabei nicht als Mehrheitsabstimmung gedacht. Jeder Tisch besitzt eine eigene Frage und damit eine vorläufige Eigenständigkeit. Entscheidend ist die Bewegung: Wer an seinem Tisch Fragender ist, kann am nächsten Tisch Antwortgeber werden. Die Verbindung entsteht nicht durch eine zentrale richtige Lehre, sondern durch den Wechsel zwischen unterschiedlichen Standorten. Darin liegt die analoge Vorgeschichte der Globalen Schwarm-Intelligenz.

Die Plattform überträgt dieses Tischprinzip in einen orts- und zeitübergreifenden Raum. Die einzelne Seite kann als Arbeitstisch verstanden werden. Der Bindestrich in Schwarm-Intelligenz bezeichnet dabei gerade keine schon vorhandene Kollektivintelligenz, sondern eine noch herzustellende Verbindung zwischen getrennten Erfahrungen, Wissensbeständen, Fragen, Folgen und Korrekturen. Die Plattform soll deshalb nicht Meinungen addieren, sondern Beziehungen und Rückkopplungen zwischen ihnen herstellen.

KI erhält in diesem Zusammenhang eine doppelte Stellung. Sie kann Material ordnen, Unterschiede erzeugen, Gegenpositionen sichtbar machen, große Archive vergleichbar machen und damit die Gegenüberstellungsfähigkeit erheblich erweitern. Gleichzeitig kann sie eine zweite künstliche Parallelwelt hervorbringen, in der sprachlich perfekt erzeugte Modelle noch leichter mit Wirklichkeit verwechselt werden. KI ist deshalb Werkzeug und Prüfgegenstand zugleich. Sie darf nicht zur neuen Autorität des So-Heits-Ateliers werden.

So-Heits-Raum, So-Heits-Werkstatt, So-Heits-Atelier und So-Heits-Gesellschaft

Die jüngsten Gespräche haben auch die verschiedenen So-Heits-Begriffe getrennt. Der So-Heits-Raum ist der übergreifende Wirklichkeitszusammenhang, innerhalb dessen menschliche Tätigkeit ohnehin stattfindet. Das So-Heits-Atelier ist die künstlerische Forschungsform. Die So-Heits-Werkstatt bezeichnet die konkrete Verrichtung: schneiden, schreiben, überlagern, vergleichen, modellieren, prüfen und korrigieren. Die So-Heits-Gesellschaft ist keine fertige alternative Staats- oder Gesellschaftsordnung, sondern der offene gesellschaftliche Entwicklungsprozess, in dem menschliche Hervorbringungen ihre Korrigierbarkeit nicht verlieren.

Damit verändert sich auch die Zielsetzung. Es geht nicht darum, eine bessere Ideologie an die Stelle der bestehenden zu setzen. Die So-Heits-Gesellschaft wäre vielmehr eine Gesellschaft, die die Rückkopplungs- und Revisionsfähigkeit ihrer eigenen Ordnungen institutionell organisiert.

Der Feuerkäfig als Positionsbild

Das zuletzt entwickelte Bild des Astronauten im offenen, goldenen, brennenden Käfig verdichtet die persönliche Diagnose des gesamten Werkes. Der Astronautenanzug steht für die künstlich erzeugte Skulpturidentität: eine technisch und gesellschaftlich ermöglichte Vorstellung von Autonomie. Die goldenen Gitter stehen für Geld, Eigentum, Status, Karriere, Anerkennung, Konsum und die kulturelle Vorstellung persönlicher Freiheit. Die Tür steht offen und ist dennoch kein einfacher Ausgang, weil Einkommen, Wohnung, medizinische Versorgung, Beziehungen und gesellschaftliche Zugehörigkeit innerhalb genau dieser Ordnungen organisiert sind.

Gerade hier musste aber eine wesentliche methodische Trennung vorgenommen werden. Dieses Bild ist Positionsanker und künstlerische Diagnose, nicht Beweis. Die persönliche Prognose, dass die Menschheit ihr selbst erzeugtes Gefängnis wahrscheinlich nicht mehr rechtzeitig verlassen wird, darf offen ausgesprochen werden. Der Prüfoperator darf jedoch nicht so konstruiert sein, dass er diese Position zwangsläufig bestätigt. Die eigene Überzeugung muss selbst Prüfgegenstand bleiben.

Die neue Ankerarchitektur

Die immer größere Forschungsdichte erzeugte zuletzt selbst ein neues Problem: Zu viele Anker begannen den Gesamtansatz jeweils vollständig zu wiederholen. Die Lösung besteht nicht in weiteren Hauptankern, sondern in einer Zuständigkeitsarchitektur.

Der gegenwärtige Stand unterscheidet einen Integrationsanker der Globalen Schwarm-Intelligenz sowie Positions-, Kontext-, Werk-, Sensoren- und Prüf-Anker. Der Positionsanker legt Diagnose und Erwartung offen. Der Kontextanker hält die theoretisch-anthropologischen Grundbegriffe zusammen. Der Werk-Anker dokumentiert die Werkgenese und ihre Prüfmittel. Der Sensorenanker betrifft Wahrnehmung, Messung, Spur und Übersetzung. Der Prüf-Anker enthält E1–E4, Konsequenzpfad, Revision und Reparatur. Der Integrationsanker verbindet Plattform, Bücher, KI, Versionierung und öffentliche Rückkopplung. Lochprozess, Membran, 51:49, Foliengrammatik, 24-Stunden-Uhr, Astronaut, Sandtrichter, Sprachvergleich oder Mitmachbuch müssen dadurch nicht alle selbst wieder zu Hauptankern werden.

Die entscheidende redaktionelle Regel lautet: Vollständig definieren nur dort, wo ein Begriff zuständig ist; an anderen Stellen erinnern, anwenden und verweisen. Auch diese Ordnung ist bereits Anwendung der Forschungskunst auf sich selbst.

Verortungskunst und die documenta 16

Mit dem Begriff der Verortungskunst wird die jahrzehntelange Beziehung zur documenta neu lesbar. Verortung bedeutet nicht, einen fertigen Gegenstand an einer Adresse aufzustellen. Ort, Zeitpunkt, institutionelle Situation, gesellschaftlicher Zustand, vorhandenes Werkmaterial und konkrete Tätigkeit müssen zusammenkommen. Der Ort wird dadurch selbst zum Bestandteil des Werkes.

In diesem präzisen Sinn hat die documenta 16 für die eigene Arbeit bereits begonnen. Nicht in dem Sinn, dass die Institution bereits mit dem Künstler zusammenarbeitet, sondern weil die Arbeit an der documenta und die Prüfung der documenta als möglichem Ort bereits Teil der Verortungskunst sind. Briefe, Bewerbungen, Antworten, Schweigen, Ablehnungen, Missverständnisse, räumliche Überlegungen und institutionelle Auswahlbedingungen werden damit zu Material der Forschung. Die Grundfrage lautet: Was muss wann, wo, vor wem und unter welchen Bedingungen sichtbar und überprüfbar werden?

Die früheren Documenta-Bewerbungen erhalten dadurch ebenfalls eine neue Funktion. Sie sind nicht nur gescheiterte oder historische Projekte, sondern zeitliche Messpunkte. Frühere Erwartungen können mit später eingetretenen Entwicklungen verglichen werden. Die documenta-Beziehung selbst wird zu einer Langzeitgegenüberstellung.

Das So-Heits-Atelier wäre deshalb auf der documenta keine Präsentation eines abgeschlossenen Lebenswerks. Die historischen Werke würden als Prüfobjekte und Werkzeuglager in einen gegenwärtigen Prozess zurückkehren. Besucher, Künstler, Institution, digitale Plattform und gesellschaftliche Wirklichkeit würden gemeinsam Bestandteil der Versuchsanordnung. Auch das Memento-mori-Atelier erhält hier seine genaue Bedeutung: Das abgeschlossene, nicht mehr betretbare Atelier könnte das sedimentierte Lebenswerk zeigen; das lebendige Atelier daneben würde dieses Material weiter verändern. Das eigene Werk wird damit selbst auf Skulpturalisierung oder Plastizität geprüft.

Der gegenwärtige gemeinsame Kern

Aus allen Entwicklungslinien lässt sich inzwischen eine relativ einfache Grundbewegung herausarbeiten:

Der Mensch existiert innerhalb vorausliegender Bedingungen. Um wahrnehmen und handeln zu können, muss er unterscheiden und auswählen. Aus diesen Unterscheidungen entstehen Bilder, Dinge, Begriffe, Eigenschaften, Rollen, Werte, Institutionen und Selbstbilder. Diese Hervorbringungen sind notwendige Menschenkunstwerke. Durch sie wird gemeinsames Handeln überhaupt erst möglich.

Das Problem beginnt nicht mit dem Hervorbringen.

Es beginnt dort, wo eine menschliche Hervorbringung ihren Herstellungscharakter vergisst, wo der Ausschnitt als vollständige Wirklichkeit erscheint, wo eine Zuschreibung zur scheinbar innewohnenden Eigenschaft wird, wo eine Rolle mit der Person verschmilzt, wo eine institutionelle Setzung als Naturordnung behandelt wird und wo die Folgen der daraus hervorgehenden Tätigkeiten ihre verursachenden Vorstellungen nicht mehr erreichen können.

Aus Plastizität wird Skulpturalisierung.

Aus Unterscheidung wird Gegenwelt.

Aus Auswahl wird Lochprozess.

Aus spezialisiertem Wissen ohne gemeinsamen Rückweg wird Zivilisationsloch.

Aus technisch außerordentlicher Leistungsfähigkeit kann existenzielle Unfähigkeit zur Korrektur entstehen.

Die Forschungskunst setzt genau an diesem Übergang an. Sie versucht nicht, dem Menschen eine letzte richtige Wirklichkeit zu liefern. Sie schafft Gegenüber, Spuren, Widerstände, Folien, Fragen, Werkzeuge, Modelle, Archive, Tätigkeitskonsequenzen und öffentliche Situationen, durch die seine eigenen Hervorbringungen erneut prüfbar werden. Ihr Gegenstand ist damit letztlich nicht die Herstellung der richtigen Weltanschauung, sondern die Herstellung von Bedingungen, unter denen Weltanschauungen, Rollen, Ziele, Institutionen und auch die eigene Forschung ihre Korrekturfähigkeit nicht verlieren.

Die bisher vielleicht genaueste Gesamtbestimmung lautet deshalb:

Forschungskunst ist die künstlerische Organisation von Rückkopplungsfähigkeit.

Und ihre gesellschaftliche Zielprojektion lässt sich noch weiter verdichten:

Zivilisationsfähigkeit bedeutet die Fähigkeit einer Gesellschaft, die von ihr selbst hervorgebrachten Begriffe, Ziele, Rollen, Institutionen und Tätigkeiten an ihren tatsächlichen Konsequenzen korrigieren zu können.

Damit wird auch deutlich, weshalb das So-Heits-Atelier nicht einfach die letzte Arbeit eines langen Lebenswerkes ist. Es ist der gegenwärtige Punkt, an dem das Lebenswerk versucht, seine eigene Entstehungsmethode übertragbar zu machen. Was über Jahrzehnte individuell durch Werk, Irrtum, Erfahrung, Gegenüberstellung, Scheitern, Wiederaufnahme und Begriffsbildung entstanden ist, soll zu einer öffentlichen Forschungsform werden, in der andere Menschen mit ihren eigenen Fragen beginnen können.

Die Gesamtbewegung des Werkes lässt sich deshalb heute so fassen:

Nicht das fertige Werk ist das Ziel. Entscheidend ist die Herstellung einer Situation, in der eine menschliche Vorstellung einem wirklichen Gegenüber begegnen, Tätigkeitsfolgen hervorbringen, an diesen Folgen geprüft werden und sich aufgrund dieser Rückmeldung wieder verändern kann.

Genau hierin verbinden sich Maschinenschlosser und Plastiker, Fotografie und Collage, Umweltgestaltung und Sozialkunst, Frage-und-Antwort-Tische und Globale Schwarm-Intelligenz, Mitmachbuch und KI, Documenta-Bewerbung und Verortungskunst, Feuerkäfig und Prüfoperator.

Der gegenwärtig wichtigste nächste Entwicklungsschritt

Aus der intensivsten Zusammenschau ergibt sich deshalb überraschenderweise nicht die Notwendigkeit, noch mehr Grundbegriffe zu erfinden. Die entscheidende nächste Forschungsarbeit besteht in Reduktion, Zuständigkeitsklärung und Anwendung.

Plexuswirklichkeit, 51:49, Lochprozess, plastisches Ich, Skulpturidentität, E1–E4, Prüfoperator und So-Heits-Gesellschaft dürfen selbst keine neue geschlossene Parallelwelt bilden. Sie sind Menschenkunstwerke und müssen deshalb denselben Bedingungen unterliegen, die sie für andere menschliche Hervorbringungen verlangen. Die jüngsten Texte benennen diese Selbstanwendung ausdrücklich als methodischen Wendepunkt.

Damit kommt die Forschung an einen bemerkenswerten Punkt: Nach fünf Jahrzehnten lautet ihre vielleicht radikalste Frage nicht mehr nur, ob die Menschheit korrigierbar ist, sondern ob die eigene Forschungskunst stark genug ist, ihre eigenen Begriffe wieder aufzugeben oder umzubauen, sobald ihre Konsequenzen zeigen, dass sie nicht mehr tragen.

Erst an diesem Punkt wird aus einem großen Lebenswerk tatsächlich eine offene Forschung.

Und erst an diesem Punkt erhält der Satz „Die documenta 16 hat für mich bereits begonnen“ seine volle künstlerische Bedeutung: Nicht weil das Ergebnis schon feststeht, sondern weil Werk, Künstler, Institution, Besucher, Vergangenheit, Gegenwart und zukünftige Konsequenzen bereits in eine gemeinsame Prüfbewegung eingetreten sind.

Diese Fassung kann nun als übergeordneter Gesamtanker dienen, unter dem die einzelnen Positions-, Kontext-, Werk-, Sensoren-, Prüf- und Integrationsanker wesentlich kürzer und ohne gegenseitige Wiederholungen geführt werden können.

Die folgende Fassung rekonstruiert die Entwicklung als Forschungsgeschichte. Sie behandelt spätere Begriffe nicht so, als seien sie von Anfang an fertig vorhanden gewesen, sondern zeigt, aus welchen Werkhandlungen, Erfahrungen und Problemen sie nachträglich hervorgegangen sind.

Rekonstruktion der Forschungskunst

Von der experimentellen Umweltgestaltung zur Plexus-Wirklichkeit, zum Prüfoperator und zur Globalen Schwarm-Intelligenz

Vorbemerkung: Drei unterschiedliche Aussageebenen

Die inzwischen entstandene Forschungskunst lässt sich nur verständlich rekonstruieren, wenn drei Aussageebenen voneinander unterschieden werden.

Die erste Ebene umfasst die Werk- und Erfahrungsgeschichte: Kindheitserfahrungen, Ausbildung, künstlerische Arbeiten, Aktionen, Ausstellungen, Frage-und-Antwort-Tische, das Globale Dorffest, Documenta-Projekte, Collagen, Malbücher, Folien, Plattform und So-Heits-Atelier. Diese Ebene ist grundsätzlich durch das Werkarchiv, Fotografien, Texte, Presseberichte, Korrespondenzen und andere Dokumente überprüfbar.

Die zweite Ebene umfasst historisch oder wissenschaftlich anschlussfähige Sachverhalte: physikalische Abhängigkeiten, Stoffwechsel, Zellmembranen, Rückkopplung, biologische Regulation, Evolution, ökologische Vernetzung, Schwarmverhalten, menschliche Symbolbildung oder die Geschichte bestimmter philosophischer und kultureller Begriffe. Die vorliegende Rekonstruktion weist diese Anschlüsse aus, führt aber keine neue externe Quellenprüfung sämtlicher Einzelpunkte durch.

Die dritte Ebene umfasst die eigenen Begriffe und Hypothesen der Forschungskunst: 51:49, 50:50-Symmetriedualismus, 1:99, Plexus-Wirklichkeit, Lochprozess, plastisches Ich, Skulpturidentität, So-Heits-Gesellschaft, Millisekundenmensch, Prüfanker, Prüfoperator und die spezifische Verwendung des Begriffs Globale Schwarm-Intelligenz. Diese Begriffe beanspruchen nicht automatisch den Status naturwissenschaftlicher Gesetze. Sie sind künstlerisch-theoretische Modelle und Prüfwerkzeuge, deren Wert daran gemessen werden muss, ob sie Zusammenhänge sichtbar und überprüfbar machen.

Gerade diese Trennung ist inzwischen selbst Bestandteil der Methode geworden.


I. Forschungsgrund: Die Frage nach der menschlichen Selbstgefährdung

1. Die Frage entstand vor der Theorie

Am Anfang stand keine ausgearbeitete Philosophie. Ausgangspunkt war eine Erfahrung von Widersprüchen.

Die später formulierte Kernfrage lautet:

Warum zerstört der Mensch trotz seines Wissens, seiner Lernfähigkeit und seiner technischen Korrekturmöglichkeiten seine eigenen Existenzbedingungen?

Diese Fragestellung lässt sich inzwischen bis in die Mitte der 1970er-Jahre zurückverfolgen. Sie wurde damals noch nicht mit den heutigen Begriffen Plexus, E1 bis E4, Prüfanker oder Globale Schwarm-Intelligenz formuliert. Sie zeigte sich zunächst in künstlerischen und praktischen Problemen: Wasser, Strömung, Material, Widerstand, Bewegung, Eingriff, Umweltgestaltung, gesellschaftliche Vorgabe und menschliche Reaktion.

Das ist eine wichtige chronologische Korrektur. Die Theorie ist nicht zuerst entstanden und anschließend bebildert worden. Die heutigen Begriffe sind zu einem erheblichen Teil späte sprachliche Verdichtungen einer lange vorausgehenden Werkpraxis.

2. Kindheit, Oberförster und Naturerfahrung

Ein noch früherer Erfahrungsgrund liegt in der Kindheit. Über Jahre bestand eine enge Begleitung durch einen Oberförster. Dadurch wurde Wald nicht nur als Landschaft oder romantischer Naturraum erfahren, sondern als Zusammenhang von Wachstum, Begrenzung, Nutzung, Regeneration, Tod, Konkurrenz und Nachhaltigkeit.

Diese Erfahrung hat eine weitreichende Bedeutung für die spätere Forschung. Die Natur erscheint hier nicht als moralisch gut. Sie kann grausam sein. Tiere fressen Tiere, Organismen sterben, Pflanzen konkurrieren, Krankheiten zerstören Leben. Wahrheit bedeutet deshalb nicht Güte.

Was sich jedoch zeigt, ist eine Konsequenzwirklichkeit: Tätigkeiten bleiben nicht folgenlos. Lebende Systeme können ihre Voraussetzungen nicht durch eine Behauptung aufheben.

Später kam die Beschäftigung mit Raoul Heinrich Francé hinzu. In der eigenen Rezeption wurden besonders die Vorstellungen des Tätigen, des Funktionsteils und des Milieus wichtig. Historisch genauer wäre im Weiteren jeweils zu prüfen, welche heutigen Formulierungen unmittelbar auf Francé zurückgehen und welche nachträgliche Weiterentwicklungen sind. Methodisch entscheidend blieb die Vorstellung: Der Organismus steht nicht außerhalb seiner „Umwelt“, sondern ist Funktionsteil eines umfassenderen Wirkungszusammenhangs.

Diese Kindheits- und Naturerfahrungen bilden einen viel älteren Untergrund der späteren Plexus-Wirklichkeit.


II. Werkgenese: Handwerk, Fotografie und Bildhauerei

3. Der Maschinenschlosser als nichtakademischer Ursprung des Prüfens

Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 ist für die spätere Forschung nicht bloß biografischer Hintergrund. Hier entstand ein praktisches Verhältnis zu Maß, Passung, Toleranz, Materialwiderstand und Funktion.

Ein Werkstück kann behauptungslos geprüft werden. Entweder passt es innerhalb bestimmter Toleranzen oder nicht. Eine Konstruktion kann ästhetisch überzeugend erscheinen und dennoch mechanisch versagen.

Hier liegt eine frühe Grundlage des späteren Begriffshandwerks:

Ein Begriff soll nicht nur gut klingen. Er muss tragen.

Aus dem technischen Funktionieren wurde jedoch später kein technokratischer Weltmaßstab. Im Gegenteil: Die Forschung begann gerade dort, wo auffiel, dass der Mensch in seiner Technikwelt außerordentlich präzise Funktionsprüfungen verlangt, seine gesellschaftlichen Ziele und Existenzfolgen aber häufig nicht mit derselben Genauigkeit prüft.

Daraus entwickelte sich viel später der Gegensatz:

technisch funktionierend – existenziell nicht funktionierend.

4. Fotografie als Ausschnitts- und Auswahlproblem

Die Tätigkeit als Fotograf und Fotojournalist brachte einen zweiten methodischen Grund hinzu. Jede Fotografie wählt aus. Sie setzt einen Rahmen. Etwas wird sichtbar, anderes verschwindet außerhalb des Bildes.

Diese zunächst mediale Erfahrung wurde später zu einem Wirklichkeitsproblem: Was passiert, wenn der Mensch seine Ausschnitte nicht mehr als Ausschnitte erkennt, sondern sie für die Wirklichkeit selbst hält?

Damit liegt in der Fotografie eine frühe Vorform von Dingselektion, Lücke und späterem Lochprozess.

Die Kamera zeigt nicht „alles“. Sie erzeugt ein Gegenüber, indem sie auswählt. Genau dadurch wird Vergleich möglich, aber zugleich entsteht die Gefahr, die ausgeblendeten Voraussetzungen zu verlieren.

5. Bildhauerei und Experimentelle Umweltgestaltung

Mit dem Bildhauereistudium an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig ab 1974 verschob sich die Frage vom einzelnen Kunstobjekt in den Raum von Umwelt, Bewegung und gesellschaftlicher Gestaltung.

Der Begriff „Experimentelle Umweltgestaltung“ wurde zum wichtigen frühen Sammelpunkt. Das Entscheidende war weniger ein bereits festgelegter Stil als die Erweiterung des plastischen Arbeitens auf Situationen, Beziehungen, Naturprozesse und menschliche Beteiligung.

Material wurde nicht bloß geformt. Es antwortete.

Wasser, Strömung, Wellen, Widerstand, Gefälle und Begrenzung machten erfahrbar, dass der Künstler nicht frei über das Material verfügt. Seine Vorstellung trifft auf Bedingungen, die unabhängig von seiner Vorstellung wirksam bleiben.

Hier liegt eine weitere Vorform des späteren Prüfoperators:

Vorstellung – Tätigkeit – Widerstand – Konsequenz – Korrektur.


III. Wirklichkeitsverständnis: Von „Umwelt“ zur Trag- und Plexus-Wirklichkeit

6. Das Problem des Umweltbegriffs

Der Umweltbegriff wurde zunehmend problematisch, weil er sprachlich suggerieren kann, eine Welt befinde sich „um“ einen bereits fertigen Menschen herum.

Die Forschung entwickelte sich in die entgegengesetzte Richtung: Der Mensch ist selbst Bestandteil dessen, was er als Umwelt bezeichnet.

Er atmet Außenwelt ein, nimmt Nahrung und Wasser auf, gibt Stoffe und Wärme ab und ist durch Gravitation, Temperatur, Mikroorganismen, Pflanzen, Tiere und andere Menschen permanent durchdrungen und abhängig.

Der Mensch besitzt eine Grenze, aber keine absolute Abgeschlossenheit.

7. Tragwirklichkeit

Daraus entstand zunächst die Vorstellung einer Tragwirklichkeit.

Mit Tragwirklichkeit wurden jene Bedingungen bezeichnet, die einen Organismus und seine Tätigkeiten überhaupt ermöglichen. Luft, Wasser, Temperatur, Stoffe, Regenerationsprozesse und physikalische Bedingungen sind keine bloßen Gegenstände menschlicher Erkenntnis. Sie tragen den Erkennenden selbst.

Damit verschob sich der Wirklichkeitsbegriff:

Nicht alles, was gesellschaftlich gilt, trägt deshalb auch biologisch.

Eine Rechtsordnung kann etwas erlauben, das einen Boden zerstört. Ein Markt kann eine Tätigkeit belohnen, die ihre stofflichen Voraussetzungen verbraucht.

Die Frage nach Wirklichkeit wurde damit zur Frage nach Tragfähigkeit.

8. Plexus-Wirklichkeit als weitere Präzisierung

Später wurde deutlich, dass „Tragwirklichkeit“ zu statisch verstanden werden könnte. Die Wirklichkeit trägt nicht wie ein unbewegliches Fundament. Sie besteht aus unzähligen Wechselwirkungen und Tätigkeiten.

Daraus entwickelte sich die Plexus-Wirklichkeit.

Plexus bezeichnet ein Geflecht von eigenständigen, aber voneinander abhängigen Funktionsteilen. Wichtig ist dabei nicht nur Vernetzung. Ein Telefonnetz ist ebenfalls vernetzt. Der Plexus umfasst zusätzlich Grenze, Durchlässigkeit, Tätigkeit, Konsequenz und Rückkopplung.

Die heute verdichtete Grundfolge lautet:

Referenzsystem beziehungsweise Toleranzraum – Tätigkeit – Konsequenz – Rückmeldung – Vergleich – Korrektur – erneute Tätigkeit.

Plexus ist damit kein einzelnes Ding. Er ist ein Beziehungs- und Übersetzungsraum.

Die Zellmembran kann als elementares Plexusmodell dienen: Sie grenzt Innen und Außen voneinander ab und verbindet sie gleichzeitig. Ein Wald kann als ökologischer Plexus betrachtet werden. Ein Organismus ist ein körperlicher Plexus. Das Gehirn ist ein hochdifferenzierter neuronaler Plexus. Eine Gesellschaft kann einen sozialen Plexus bilden.

Die Behauptung, alle diese Systeme seien dasselbe, wäre falsch. Die Forschungskunst verwendet Plexus vielmehr als vergleichenden Strukturbegriff.


IV. Lochprozess: Die Entdeckung der verlorenen Beziehung

9. Lochprozess ist eine späte Begriffsentwicklung

Der Lochprozess gehört zu den jüngeren Verdichtungen und darf nicht rückwirkend zum Ursprung der gesamten Forschung erklärt werden.

Seine Vorformen liegen jedoch weit zurück: im fotografischen Ausschnitt, im Herauslösen eines Objektes, in der begrifflichen Benennung, in der Rollenbildung und in der Trennung von Mensch und Umwelt.

Der Lochprozess bezeichnet den Vorgang, durch den aus einem umfassenden Beziehungszusammenhang etwas ausgeschnitten, abgegrenzt und als eigenständiges Ding behandelt wird.

Der Schnitt ist zunächst notwendig. Ohne Unterscheidung gäbe es keine Wahrnehmung, keinen Begriff und keine Handlung.

Das Problem entsteht erst, wenn der Rückweg zum Zusammenhang verloren geht.

10. Loch, Lücke und Mutation

Damit lassen sich drei Schritte unterscheiden.

Der Schnitt erzeugt eine Differenz.

Die Lücke entsteht, wenn Beziehungen und Voraussetzungen des ausgeschnittenen Teils nicht mitgeführt werden.

Die Mutation entsteht, wenn das herausgelöste Ding anschließend mit neuen Eigenschaften versehen wird und diese Zuschreibungen so behandelt werden, als gehörten sie dem Gegenstand selbst an.

Ein Stück Boden wird beispielsweise materiell abgegrenzt. Anschließend erhält es die gesellschaftliche Eigenschaft „mein Eigentum“. Diese Eigenschaft ist nicht im Boden als physikalische Eigenschaft auffindbar. Sie ist gesellschaftlich erzeugt. Sie kann jedoch sehr reale Wirkungen hervorbringen.

Der Lochprozess ist daher eng mit der späteren Eigenschafts- und Symboltheorie verbunden.

Status: Der Lochprozess ist ein eigener Forschungskunstbegriff. Seine einzelnen Bestandteile – Wahrnehmungsselektion, Begriffsbildung, soziale Zuschreibung – sind wissenschaftlich anschlussfähig; ihre Zusammenführung unter dem Begriff Lochprozess ist die eigenständige methodische Leistung der Forschungskunst.


V. Gegenüberstellung und Lernen

11. Lernen braucht ein Gegenüber

Eine der tragenden Einsichten lautet: Lernen setzt Differenz voraus.

Ein System kann sich nicht korrigieren, wenn es nichts gibt, woran seine Tätigkeit zurückgemeldet wird.

Diese Einsicht entwickelte sich aus sehr unterschiedlichen Werkformen: Materialwiderstand, Wasserbewegung, Fotografie, Frage und Antwort, Vorgabebild, Teilnehmerreaktion und später Folienüberlagerung.

Das Gegenüber ist nicht notwendig ein anderer Mensch. Es kann Material, Naturvorgang, Bild, Behauptung, Folge oder ein anderes Referenzsystem sein.

12. Frage-und-Antwort-Paradigma

Während der Studienzeit entwickelte sich das Frage-und-Antwort-Tisch-Paradigma. Damit wurde die Gegenüberstellung gesellschaftlich.

Eine Frage eröffnet einen Raum. Eine Antwort bringt eine zweite Perspektive hinein. Entscheidend ist nicht, dass eine Antwort automatisch richtig wäre, sondern dass durch die Differenz eine Vergleichsmöglichkeit entsteht.

Später wurde daraus der Satz:

Gegenüberstellung ist Voraussetzung des Lernens.

Diese Grundstruktur zieht sich durch die Tausend Tische, das Mitmachbuch, die KI-Methode und den Prüfoperator.

13. Das Gegenüber als Schutz vor Selbstbestätigung

Die jüngste Entwicklung des Positionsankers hat diese Methode nochmals auf den Künstler selbst zurückgeführt.

Auch die Überzeugung „Die Menschheit hat keine Chance zu überleben“ braucht ein Gegenüber. Andernfalls könnte jede neue Beobachtung nur noch als Bestätigung des bereits erwarteten Ergebnisses gelesen werden.

Der Prüfoperator muss daher nicht nur die Welt, sondern auch die Position des Prüfers prüfen können.

Das ist eine wesentliche methodische Reifung des gesamten Ansatzes.


VI. Plastik und Skulpturalisierung

14. Plastik als Prozess

Aus der bildhauerischen Herkunft entwickelte sich eine grundlegende Differenzierung.

Plastik wurde zunehmend nicht mehr nur als dreidimensionales Kunstobjekt verstanden. Plastisch ist ein Vorgang, in dem Formen durch Druck, Widerstand, Material, Tätigkeit und Rückwirkung entstehen und sich verändern können.

Der Mensch ist in diesem Sinn selbst plastisch.

Er formt seine Umgebung und wird durch seine Tätigkeiten zurückgeformt.

15. Plastisches Ich und plastische Identität

Daraus entstand der Begriff des plastischen Ichs beziehungsweise später der plastischen Identität.

Die plastische Identität ist nicht absolut unabhängig. Sie ist ein eigenständiges, begrenztes und gleichzeitig durchlässiges Gefüge.

Sie atmet, nimmt Stoffe auf, gibt Stoffe ab, wird verletzt, regeneriert sich und bleibt nur durch fortlaufenden Austausch erhalten.

Ihre Eigenständigkeit entsteht gerade innerhalb ihrer Abhängigkeiten.

16. Skulpturidentität

Der Gegenbegriff wurde Skulpturidentität.

Skulpturalisierung bezeichnet hier nicht die traditionelle künstlerische Skulptur, sondern die Verfestigung einer beweglichen, abhängigen Wirklichkeit zu einer scheinbar abgeschlossenen Form.

Der Mensch stellt sich vor als Eigentümer, Berufsträger, Konsument, Bürger, Künstler, Wissenschaftler oder autonome Person und behandelt diese Rollen als feste Wesenseigenschaften.

Die Skulpturidentität lautet sinngemäß:

So bin ich. Das gehört mir. Dafür bin ich zuständig. Das andere betrifft mich nicht.

Dadurch werden gesellschaftliche Rollen zu scheinbar festen Körpergrenzen.

17. Kulturidentität und Rollenidentität als Präzisierungen

Im jüngsten Verlauf wurde deutlich, dass Skulpturidentität, Kulturidentität und Rollenidentität nicht völlig identisch verwendet werden sollten.

Kulturidentität ist der Oberbegriff für die durch Sprache, Symbole, Normen und gesellschaftliche Geltung geformte Identität.

Rollenidentität bezeichnet die konkrete Einbindung in gesellschaftliche Funktionen.

Skulpturidentität bezeichnet den pathologischen oder zumindest prüfbedürftigen Verfestigungsvorgang, bei dem diese kulturellen Zuschreibungen als abgeschlossenes Wesen erlebt werden.

Diese Unterscheidung sollte künftig beibehalten werden.


VII. Erfahrung, Rückkopplung und zwei Referenzsysteme

18. Rückkopplung wurde vom technischen zum existenziellen Begriff

Rückkopplung erschien zunächst in praktischen und naturbezogenen Zusammenhängen. Später wurde sie zum Grundprinzip der Forschung.

Eine Tätigkeit verändert etwas. Diese Veränderung wirkt auf das tätige System zurück. Das System kann darauf reagieren.

Die entscheidende Frage lautet:

Nimmt es die Rückmeldung auf oder blockiert es sie?

19. Die Zellmembran als Modell

Die Zellmembran wurde im jüngsten Forschungsprozess besonders wichtig, weil an ihr zwei Bedingungen gleichzeitig sichtbar werden.

Die Zelle muss einen inneren Zustand aufrechterhalten.

Gleichzeitig muss sie auf äußere Bedingungen reagieren.

Daraus können zwei Referenzsysteme abgeleitet werden:

Selbstreferenz: Was muss erhalten bleiben, damit dieses System als dieses System weiterbestehen kann?

Weltreferenz: Welche äußeren Bedingungen müssen berücksichtigt werden, damit dieses Fortbestehen möglich bleibt?

Diese Doppelreferenz ist für den Menschen von besonderer Bedeutung.

Die Kulturidentität kann innerhalb eines sozialen Referenzsystems erfolgreich sein, obwohl die Tätigkeit innerhalb des physisch-biologischen Referenzsystems zerstörerisch wirkt.

20. 51:49 und 49:51

Hier wurde das schon viel ältere 51:49-Modell neu anschlussfähig.

51:49 kann als minimale Vorrangigkeit der Stabilisierung, Eigenorganisation oder Selbsterhaltung gelesen werden.

49:51 kann als minimale Vorrangigkeit von Öffnung, Veränderung und Anpassung verstanden werden.

Die beiden Spiralen der Plexus-Wirklichkeit können diese gegenläufigen Bewegungen darstellen.

Die eine Bewegung führt nach außen:

innerer Zustand – Tätigkeit – Eingriff – Konsequenz.

Die andere führt zurück:

Konsequenz – Rückmeldung – Verarbeitung – Korrektur.

Das Verhältnis 51:49 ist dabei keine wissenschaftlich nachgewiesene Naturkonstante. Es ist ein künstlerisch-theoretischer Operator der Minimalasymmetrie.

Gerade diese Begrenzung muss künftig explizit erhalten bleiben.


VIII. Symbol- und Eigenschaftsbildung

21. Von res zur Dingwelt

Die Forschung verlagerte sich zunehmend von der Frage, was Dinge „sind“, zu der Frage, wie aus Vorgängen und Abhängigkeiten überhaupt Dinge entstehen.

Ein Ausschnitt wird benannt.

Durch den Namen wird er als Einheit behandelt.

Anschließend werden ihm Eigenschaften zugeschrieben.

Damit entsteht eine Dingwelt.

Die Arbeit mit dem lateinischen res, Ding, Sache und später der Eigen-/Eigentumsgrammatik diente dazu, diese Entwicklung begrifflich freizulegen.

22. Eigen und Eigentum

Hier wurde eine entscheidende Differenz herausgearbeitet.

Eine eigene Eigenschaft kann materiell oder funktional am Gegenstand wirksam sein.

Eigentum ist dagegen eine gesellschaftliche Zuschreibung.

Ein Grundstück enthält nicht physikalisch die Eigenschaft „gehört Wolfgang“, „gehört einem Konzern“ oder „gehört einem Staat“. Diese Eigenschaft entsteht erst durch eine gesellschaftliche Geltungsordnung.

Das bedeutet nicht, dass Eigentum unwirklich wäre. Seine Wirkungen können sehr real sein.

Genau diese Differenz führte zum Vier-Ebenen-Modell.

23. Die Parallelwelt

Der Begriff Parallelwelt entstand, um die Ebene menschengemachter Geltungsordnungen sichtbar zu machen: Geld, Eigentum, Status, Institutionen, Nation, gesellschaftliche Rollen und Regelwerke.

Eine wichtige begriffliche Korrektur lautet jedoch:

Die Parallelwelt ist nicht einfach nicht existent.

Ihre Eigenschaften sind zugeschrieben, ihre Folgen sind wirklich.

Geld kann nicht gegessen werden, aber darüber entscheiden, wer essen kann.

Eigentum ist keine materielle Bodeneigenschaft, kann aber bestimmen, wer den Boden betreten darf.

Damit wird die Parallelwelt zu einer E3-Wirklichkeit mit E1- und E2-Konsequenzen.


IX. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleichsmodelle

24. Die Vergleiche sind Prüfmodelle, keine vollständigen Kulturgeschichten

In der Entwicklung des Folien- und Begriffssystems wurden Platon, Aristoteles, Christentum, Physik, Atomlehre und andere historische Denkformen miteinander verglichen.

Diese Vergleiche dürfen nicht als vollständige historische Darstellung der jeweiligen Philosophie oder Wissenschaft missverstanden werden. Sie sind heuristische Modelle, mit denen bestimmte Trennungs- und Rangordnungsformen sichtbar gemacht werden.

25. Platon

Im Platon-Modell wird eine Rangordnung untersucht, in der das Unveränderliche und Ideelle einen höheren Wirklichkeitsrang erhält als Körper, Veränderung und sinnliche Erscheinung.

Die Folie mit Körper, Schatten beziehungsweise Spiegelung und goldener geometrischer Ideenwelt verdichtet diese Lesart.

Für die Forschungskunst ist entscheidend, ob sich hier ein kulturelles Muster erkennen lässt, in dem das gedachte Unveränderliche über das plastisch Veränderliche gestellt wird.

Das ist eine eigene interpretierende Verwendung Platons und keine erschöpfende Platonexegese.

26. Aristoteles

Aristoteles wurde im bisherigen Prozess stärker als Gegenmodell gelesen: Stoff, Form, Bewegung und Zielrichtung bleiben miteinander verbunden.

Die Pflanzenfolie macht Prozesshaftigkeit sichtbar.

Auch hier gilt: Die Folie ist keine vollständige Darstellung aristotelischer Philosophie, sondern ein Vergleichsoperator.

27. Christentum

Beim Christentum wurde das Bild eines Körpers als Behälter und einer nach oben strebenden Seele untersucht.

Die Folie macht die kulturelle Möglichkeit sichtbar, Körper und geistiges Wesen hierarchisch voneinander zu trennen.

Auch diese Darstellung muss künftig als bewusst reduzierte Forschungskunstfolie gekennzeichnet werden. „Das Christentum“ besitzt keine einzige einheitliche Körperlehre.

28. Athene aus dem Kopf des Zeus

In jüngster Zeit wurde die Geburt Athenes aus dem Kopf des Zeus zu einem weiteren Bildoperator.

Sie wird nicht als historische Ursache des heutigen Denkens behauptet. Sie dient als starkes kulturelles Bild:

Wissen beziehungsweise Geist erscheint als aus dem Kopf hervorgebrachte Geburt, bei der die körperlichen und materiellen Geburtsbedingungen verschwinden.

Damit lässt sich die Kulturidentität veranschaulichen, die ihren eigenen Denkprodukten einen höheren Rang zuspricht als den Bedingungen, aus denen der denkende Organismus entstanden ist.

29. Atom und Individuum

Auch der Begriff des Individuums wurde problematisch.

Die Wortbedeutung des Ungeteilten oder Unteilbaren unterstützt kulturell die Vorstellung einer abgeschlossenen Einheit.

Die biologische Betrachtung zeigt jedoch einen Organismus aus Zellen, Mikroorganismen, Organen, Stoffströmen und Abhängigkeiten.

Die Forschungskunst schlägt deshalb keine Abschaffung des Individuums vor, sondern eine Korrektur:

Das Individuum ist nicht unabhängig, sondern eine relativ eigenständige Organisation von Abhängigkeiten.


X. Vier-Ebenen-Modell E1–E4

30. Entstehung des Ebenenmodells

Das Vier-Ebenen-Modell entwickelte sich aus dem Problem, dass unterschiedliche Arten von Wirklichkeit ständig miteinander verwechselt wurden.

Es sollte nicht vier voneinander getrennte Welten schaffen, sondern unterscheiden, welche Art von Aussage jeweils gemacht wird.

31. E1 – materielle Wirklichkeit

E1 bezeichnet physische Vorgänge:

Material, Masse, Kraft, Temperatur, Druck, Bruch, Bewegung, Stoff und räumliche Bedingungen.

Hier entscheidet nicht gesellschaftliche Anerkennung über das Verhalten eines Gegenstandes.

32. E2 – lebendige Wirklichkeit

E2 bezeichnet Organismus, Stoffwechsel, Regeneration, Verletzbarkeit, Membran, Wahrnehmung, Regulation und das plastische Ich.

Ein lebender Organismus kann nicht vollständig auf E1 reduziert werden, weil seine Bestandteile in einem selbstregulierenden Lebenszusammenhang organisiert sind.

33. E3 – symbolische und gesellschaftliche Geltung

E3 umfasst Sprache, Geld, Eigentum, Recht, Status, Rolle, Religion, Institution und kulturelle Identität.

E3 ist nicht „bloßer Schein“. E3 kann über Tätigkeiten tief in E1 und E2 eingreifen.

Die zentrale Gefahr entsteht, wenn E3 seine eigenen Konstruktionen so behandelt, als besäßen sie denselben Wirklichkeitsstatus wie physische und biologische Bedingungen.

34. E4 – Prüfung und Reparatur

E4 war zunächst gefährdet, wie eine vierte Wirklichkeitsebene gelesen zu werden.

Diese Vorstellung wurde korrigiert.

E4 ist besser als Prüf-, Revisions- und Reparaturebene zu verstehen.

Sie fragt:

Was passiert, wenn E3-Ziele in E1 und E2 eingreifen?

Welche Konsequenzen entstehen?

Wo besteht ein Widerspruch?

Was muss korrigiert werden?

Damit ist E4 kein neuer Stoff. Es ist eine methodische Operation.

Hier liegt die direkte Verbindung zum Prüfoperator.


XI. Begriffshandwerk, Prüfanker und Prüfoperator

35. Begriffshandwerk

Die jahrzehntelange Begriffsarbeit kann als Begriffshandwerk bezeichnet werden.

Das Wort „Handwerk“ ist dabei wesentlich. Begriffe werden wie Werkzeuge geprüft:

Was leisten sie?

Was schneiden sie heraus?

Was verdecken sie?

Welche Eigenschaften schleppen sie unbemerkt mit?

Wo funktionieren sie nicht mehr?

Begriffe wie Umwelt, Individuum, Freiheit, Eigentum, Intelligenz, Vernunft, Natur und Wirklichkeit werden deshalb nicht einfach verworfen. Sie werden auseinandergenommen und neu auf ihre Tragfähigkeit geprüft.

36. Prüfanker

Der Prüfanker entstand aus dem Bedürfnis, für diese Arbeit einen stabilen Bezugspunkt zu formulieren.

Er enthält keine fertige Weltanschauung, sondern Kriterien:

Tätigkeit, Konsequenz, Abhängigkeit, Rückkopplung, Toleranzraum, Verletzbarkeit, Regeneration und Funktionieren beziehungsweise Nichtfunktionieren.

Er beantwortet die Frage:

Woran wird geprüft?

37. Prüfoperator

Der Prüfoperator musste anschließend vom Prüfanker getrennt werden.

Der Prüfanker ist der Maßstab.

Der Prüfoperator ist die Tätigkeit des Prüfens.

Er fragt:

Welches Ziel wird verfolgt?

Auf welchem Referenzsystem beruht es?

Welche Voraussetzungen benötigt die Tätigkeit?

Welche Konsequenzen entstehen?

Wer trägt sie?

Wer erhält den Nutzen?

Welche Rückmeldungen werden aufgenommen oder ausgeblendet?

Muss nur die Tätigkeit korrigiert werden oder bereits das Ziel?

Der Prüfoperator bildet damit den methodischen Kern der Forschungskunst.

38. Neutralität wurde korrigiert

Eine wichtige jüngste Korrektur betrifft den Begriff der Neutralität.

Der Prüfoperator ist nicht neutral im Sinne von gleichgültig.

Er ist an Funktionsfähigkeit, Existenzbedingungen und Konsequenzen gebunden.

Er muss jedoch ergebnisoffen bleiben.

Er darf nicht so konstruiert sein, dass er nur die Ausgangsmeinung des Künstlers bestätigt.


XII. Der Positionsanker als jüngste Ergänzung

39. Warum ein Positionsanker notwendig wurde

Im bisherigen System existierten Kontextanker, Werkanker und Prüfanker.

Dann trat ein Problem deutlich hervor: Der Künstler besitzt selbst eine starke persönliche Prognose.

Sie lautet zugespitzt:

Die Menschheit hat keine Chance zu überleben.

Diese Aussage darf weder als scheinbar objektives Ergebnis des Prüfoperators versteckt noch aus falscher Neutralität verschwiegen werden.

Daraus entstand der Positionsanker.

40. Funktion des Positionsankers

Der Positionsanker legt offen:

Von welcher Erfahrung gehe ich aus?

Welche Prognose habe ich?

Welche Erwartungen beeinflussen meine Wahrnehmung?

Was müsste geschehen, damit ich meine Position korrigiere?

Dadurch wird die persönliche Position selbst zum Prüfgegenstand.

Das brennende Rollenidentitätsgefängnis ist der visuelle Hauptanker dieser Position.

Der Astronaut im goldenen Käfig zeigt den modernen Menschen als technisch geschützte Skulpturidentität. Seine scheinbare Autonomie bleibt vollständig von realen Versorgungssystemen abhängig. Die goldenen Gitter stehen für Eigentum, Geld, Status, Karriere, Anerkennung und das Versprechen von Freiheit.

Die offene Tür ist dabei ausdrücklich keine simple Botschaft, der einzelne Mensch müsse nur hinausgehen. Sie bezeichnet eine Prüf- und Unterbrechungsmöglichkeit; der gesellschaftlich tragfähige Ausgang ist noch nicht hergestellt.

Die methodische Verdichtung lautet:

Das Bild stellt die Diagnose dar. Der Prüfoperator untersucht, ob und wodurch sie trägt.


XIII. Künstlerische Prüfobjekte

41. Objekte wurden zu Operatoren

Im Rückblick zeigt sich, dass viele Arbeiten nicht nur als Kunstgegenstände verstanden werden können. Sie fungieren als Prüfobjekte.

Sie stellen einen Zusammenhang so her, dass der Betrachter nicht nur etwas anschauen, sondern an ihm eine Wirklichkeitsfrage untersuchen kann.

42. Wasser- und Wellenarbeiten

Wasser macht Rückkopplung unmittelbar sichtbar.

Eine Handlung erzeugt eine Welle.

Die Welle breitet sich aus.

Sie trifft auf Grenzen.

Sie wird reflektiert.

Sie verändert andere Bewegungen.

Damit wird aus einem physikalischen Vorgang ein Referenzbild für Tätigkeit und Konsequenz.

Die gesellschaftliche Verwendung ist eine Analogie; die Wasserphysik ist nicht identisch mit Gesellschaft.

43. Kartoffel

Die Kartoffel wurde zu einem wichtigen Prüfgegenstand, weil sich an ihr unterschiedliche Ebenen unterscheiden lassen.

Sie besitzt materielle und biologische Eigenschaften.

Sie kann Nahrung, Ware, kulturelles Symbol, Eigentum oder Kunstgegenstand werden.

An demselben Gegenstand können E1, E2 und E3 sichtbar gemacht werden.

44. Eis und Vergoldung

Die Eisarbeit zeigte eine weitere Grundstruktur.

Die Glätte des Eises bleibt physisch vorhanden.

Eine Vergoldung kann die Wahrnehmung und gesellschaftliche Bedeutung der Fläche vollständig verändern.

Der Mensch bewegt sich möglicherweise anders über dieselbe physikalisch riskante Oberfläche, weil sich deren symbolische Bedeutung verändert hat.

Damit wird eine Kernfrage sichtbar:

Was passiert, wenn E3 die Wahrnehmung von E1 überlagert?

45. Schultafel

Die Schultafel steht für Vorgabe, Wissen, Autorität und den gesellschaftlichen Herstellungsprozess von „richtigen“ Antworten.

Sie kann zugleich selbst zum offenen Fragefeld umfunktioniert werden.

46. Gordischer Knoten

Der Gordische Knoten verdichtet das Problem komplexer Verflechtung und der Versuchung, sie durch einen einzigen Schnitt scheinbar zu lösen.

Er verweist damit auf das Verhältnis von Vereinfachung, Gewalt und nicht mitgenommenen Abhängigkeiten.

47. Gläserner Astronaut

Der Astronaut verbindet Technik, Überlebenssystem und scheinbare Autonomie.

Ein wirklicher Astronaut ist gerade das Gegenbeispiel zu absoluter Freiheit: Seine Existenz hängt vollständig von technischen Versorgungssystemen ab.

Die gesellschaftliche Kulturidentität verhält sich dagegen häufig so, als seien ihre Versorgungsschläuche nicht vorhanden.

48. Sandtrichter, Saftpresse und Thermosflasche

Diese jüngeren Operatoren erweitern die Bildsprache.

Der Sandtrichter zeigt Bewegung, Verschüttung, Arbeitsposition und die Gefahr einer Struktur, die ihre Beteiligten in eine Richtung zieht.

Die Saftpresse kann Ressourcenentnahme, Druck und die Umkehrung dessen darstellen, was als wertvoll gilt.

Die Thermosflasche macht Isolation nicht nur symbolisch, sondern technisch sichtbar. Sie erlaubt den Vergleich zwischen wirklicher physikalischer Isolation und der nur vorgestellten gesellschaftlichen Autonomie.


XIV. Folien und Schablonen als neue Bildgrammatik

49. Warum die Folien entstanden

Die Folien sind keine dekorativen Illustrationen des fertigen Denkens.

Sie entstanden aus der Erfahrung, dass komplexe Zusammenhänge nicht in einem einzigen Bild untergebracht werden können.

Durch transparente Überlagerung kann gezeigt werden:

Welche Ebene kommt hinzu?

Welche verdeckt eine andere?

Welche bleibt physisch bestehen, obwohl eine neue kulturelle Bedeutung darübergelegt wird?

Damit wird das Bild selbst zu einem Prüfapparat.

50. Grundfolien

Zu den entwickelten Grundmotiven gehören:

die physikalisch-kosmische Welt;

das ganzheitliche Netzwerk;

der Mensch mit Spaten und seinen Tätigkeitskonsequenzen;

die Frau mit der Aussage „Ich bin frei“;

die Flasche beziehungsweise der Isolationsraum;

der von Wärme, Gravitation und anderen Wirkungen durchdrungene Mensch;

die molekulare Verknüpfung des Menschen;

Mensch, Wasser, Schlange und Fisch;

der denkende Mensch mit erhobener Hand;

die zeitgeschichtliche Einordnung des Homo sapiens.

Diese Folien übersetzen abstrakte Begriffe zurück in wahrnehmbare Verhältnisse.

51. Kulturgeschichtliche Folien

Platon, Aristoteles, Christentum und Physik wurden als Vergleichsfolien entwickelt.

Ihre methodische Funktion besteht nicht darin, die jeweilige Disziplin endgültig zu beurteilen.

Sie sollen zeigen, welche Auswahl- und Trennungsoperationen bestimmte Denkformen vornehmen.

52. Das künstlerische Dreieck

Eine weitere Verdichtung ist das künstlerische Dreieck:

Kopf beziehungsweise Modell – Hände beziehungsweise Tätigkeit – entstehende Plastik.

Dazwischen liegen Material, Widerstand, Übung, Scheitern und Korrektur.

Ein falsches inneres Modell erzeugt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch problematische Tätigkeitsfolgen.

Damit verbindet das Dreieck Kunstpraxis und Zivilisationsprüfung.


XV. Mitmachbuch

53. Vorgeschichte in den Erwachsenen-Malbüchern

Die Erwachsenen-Malbücher der späten 1970er-Jahre bilden eine frühe Vorstufe.

Sie sollten die Angst vor dem weißen Blatt und die Vorstellung unterlaufen, Kunst müsse von vornherein als richtige, anerkannte Form entstehen.

Eine Vorgabe wurde nicht als endgültiges Bild verstanden, sondern als Einstieg in eigene Assoziation.

Damit entstand ein wichtiger Grundsatz:

Die Vorgabe soll Tätigkeit auslösen, nicht Tätigkeit ersetzen.

54. Das heutige Mitmachbuch

Das heutige Mitmachbuch führt diese Grundidee mit der gesamten späteren Forschung zusammen.

Es enthält nicht nur freie Gestaltungsfelder. Es arbeitet mit Folien, Gegenüberstellungen, Prüfobjekten und verschiedenen Ebenen.

Der Teilnehmer soll nicht die Theorie des Künstlers nachsprechen. Er soll eigene Vorstellungen sichtbar machen und sie prüfen.

Das Buch ist damit ein tragbarer Prüf- und Simulationsraum.

55. Sandkastenprinzip

Das Mitmachbuch verbindet sich mit dem jüngst wiedergewonnenen Sandkastenbild.

Der Sandkasten steht nicht für kindische Unreife.

Er steht für einen begrenzten Raum, in dem Vorstellung, Handlung, Materialwiderstand, Scheitern und Neubeginn unmittelbar zusammenwirken.

Die Kindheit erscheint damit nicht als Gegenbild zur Vernunft, sondern als möglicher Ursprung künstlerischer Forschung.

Problematisch ist vielmehr die spätere Kanalisation dieser offenen Tätigkeit in Fachgrenzen, Leistungsnormen und vorgegebene richtige Antworten.


XVI. Tausend Tische und Globales Dorffest 1993

56. Der entscheidende Übergang vom einzelnen Tisch zum gesellschaftlichen Schwarm

Das für den 3. Oktober 1993 entwickelte „Globale Dorffest“ mit „1000 tapezierten Tischen unter den Linden“ bildet einen Schlüsselpunkt der Werkentwicklung.

Es liegt 1424 Tage nach dem Fall der Berliner Mauer und sollte zwischen Brandenburger Tor und Palast der Republik stattfinden.

Die staatliche Einheit sollte dabei nicht nur nationalpolitisch gefeiert werden. Einheit wurde als Frage nach Zusammengehörigkeit, Innen und Außen, Person und Planet, Anderssein und Gemeinsamkeit untersucht.

57. Struktur der Tausend Tische

Jeder Teilnehmer sollte einen eigenen Tapeziertisch mitbringen.

Darauf konnte eine eigene Frage gestellt werden.

Andere sollten antworten, zeichnen, schreiben, assoziieren und Geschichten hinzufügen.

Gleichzeitig sollte jeder den eigenen Tisch verlassen und zu den anderen Tischen wandern.

Damit wurde jeder zugleich:

Fragender,

Antwortender,

Autor,

Betrachter,

Bewegter,

Mitgestalter.

Das ist die analoge Urform dessen, was heute mit Globaler Schwarm-Intelligenz bezeichnet wird.

58. Der Tapeziertisch als Bürgerinitiativsymbol

Der Tapeziertisch besaß damals zusätzlich eine gesellschaftliche Bedeutung als einfaches Arbeitsmittel von Bürgerinitiativen.

Er war mobil, billig, öffentlich und nicht hierarchisch.

Im Projekt wurde daraus eine gesellschaftliche Zelle.

Tausend unterschiedliche Fragen sollten nicht zu einer einzigen richtigen Meinung verschmolzen werden. Die Einheit sollte durch die Bewegung zwischen Unterschieden entstehen.

59. Computer und Vernetzung waren bereits mitgedacht

Die Fragen und Antworten sollten anschließend gesammelt, mit Hilfe eines Computers gespeichert und vernetzt werden.

Damit war die digitale Erweiterung des Tischparadigmas bereits konzeptionell angelegt.

Die heutige Plattform ist deshalb keine völlige Abkehr von den analogen Arbeiten. Sie ist deren technische Erweiterung.


XVII. Kollektive Kreativität und Schwarmvorformen

60. Vom Miteinander zur kollektiven Lernleistung

Aus dem Globalen Dorffest und verwandten Arbeiten entwickelte sich die Künstlergruppe beziehungsweise Idee der Kollektiven Kreativität.

Der entscheidende Gedanke war nicht, dass die Gruppe automatisch klüger sei.

Viele Menschen können sich auch gemeinsam irren.

Entscheidend war, dass unterschiedliche Erfahrungen und Fähigkeiten durch eine geeignete Versuchsanordnung miteinander in Beziehung gebracht werden.

Diese Differenz führt unmittelbar zum heutigen Schwarmbegriff.


XVIII. KI als neue Stufe und neues Risiko

61. KI kam nicht als Ursprung, sondern als Verstärker hinzu

Die intensive KI-Arbeit ist eine sehr späte Entwicklungsstufe.

Sie verändert jedoch die Möglichkeiten der gesamten bisherigen Forschung.

Zum ersten Mal können große Mengen an Werkmaterial, Begriffen, Fragen und unterschiedlichen Wissensgebieten in kurzer Zeit miteinander in Beziehung gesetzt werden.

Damit wird die alte Idee des vernetzten Frage-und-Antwort-Tisches technisch radikal erweitert.

62. KI als Gegenüber

Die KI kann als Gegenüber funktionieren.

Eine Frage kann unterschiedlich formuliert werden.

Antworten können verglichen werden.

Begriffe können auf Widersprüche untersucht werden.

Vorannahmen können sichtbar gemacht werden.

Dadurch erweitert KI die alte Grundstruktur:

Frage – Antwort – Gegenüberstellung – Lernen.

63. KI als Gefahr neuer Skulpturalisierung

Gleichzeitig kann KI die Parallelwelt noch verstärken.

Wenn sprachlich überzeugende Modelle mit Wirklichkeit verwechselt werden, entsteht eine weitere Stufe der Skulpturalisierung.

KI kann dann Begriffe in immer perfekteren Begriffswelten miteinander verbinden, ohne dass deren physische und biologische Voraussetzungen zurückgeführt werden.

Darum muss auch KI selbst dem Prüfoperator unterliegen.

64. KI ist nicht die Globale Schwarm-Intelligenz

Diese Differenz ist fundamental.

Die Globale Schwarm-Intelligenz besteht nicht darin, dass eine KI für acht Milliarden Menschen denkt.

KI ist ein mögliches Verknüpfungs-, Vergleichs- und Simulationswerkzeug.

Die Erfahrungen, Tätigkeiten, Verantwortlichkeiten und Konsequenzen liegen weiterhin bei Menschen und ihren realen Lebenszusammenhängen.


XIX. Globale Schwarm-Intelligenz

65. Der Schwarmbegriff

Der Begriff Schwarm wurde nicht nur metaphorisch gewählt.

Bekannt waren Schwarmphänomene bei Bienen, Fischen und Zugvögeln: Viele eigenständige Lebewesen können sich koordinieren, ohne fortwährend zusammenzustoßen und ohne dass jedes einzelne Tier einen vollständigen Plan des Ganzen besitzen muss.

Besonders faszinierend war das Verhältnis von scheinbarem Chaos und sich herausbildender Zielorientierung.

Daraus entstand die Frage:

Wie bleiben Eigenständigkeit, Abstand, Toleranz und gemeinsame Orientierung gleichzeitig erhalten?

66. Wissenschaftliche und künstlerische Verwendung trennen

Biologische Schwarmforschung und die Globale Schwarm-Intelligenz der Plattform sind nicht identisch.

Die Naturbeobachtung liefert ein Referenzmodell.

Die gesellschaftliche Übertragung ist Forschungskunst.

Die Menschheit besitzt Sprache, Institutionen, Eigentum, Macht, Technik und die Fähigkeit, Rückkopplungen symbolisch zu unterbrechen. Deshalb kann menschliche Schwarmintelligenz nicht einfach aus Tierverhalten abgeleitet werden.

67. Der globale Tätigkeitsschwarm existiert bereits

Acht Milliarden Menschen sind bereits durch Produktion, Konsum, Kommunikation, Rohstoffströme, Technik, Klima und gesellschaftliche Systeme miteinander verbunden.

Das ist zunächst nur ein Tätigkeitsschwarm.

Er ist nicht automatisch intelligent.

Die Menschheit kann kollektiv äußerst komplex tätig sein und trotzdem ihre eigenen Voraussetzungen zerstören.

68. Wann Schwarm zu Schwarm-Intelligenz wird

Intelligenz entsteht in der hier entwickelten Definition erst dann, wenn die vielen Tätigkeiten ihre Konsequenzen zurückgemeldet bekommen, miteinander verglichen und korrigiert werden können.

Der Bindestrich in „Schwarm-Intelligenz“ bezeichnet deshalb gerade die noch fehlende Verbindung.

Die Grundformel lautet:

Der Schwarm existiert bereits. Die gemeinsame Intelligenz muss erst hergestellt werden.

69. Plexus und Schwarm-Intelligenz sind nicht dasselbe

Eine wichtige zukünftige begriffliche Trennung lautet:

Plexus beschreibt den realen Zusammenhang von Abhängigkeiten und Wechselwirkungen.

Schwarm-Intelligenz beschreibt eine mögliche Leistung vieler Beteiligter innerhalb dieses Zusammenhangs: Wahrnehmen, Vergleichen, Lernen und Korrigieren.

Der Plexus kann existieren, ohne dass seine menschlichen Beteiligten intelligent mit ihm umgehen.


XX. Verantwortungsstruktur

70. Gemeinsame Abhängigkeit bedeutet nicht gleiche Verantwortung

Aus dem globalen Plexus ergibt sich eine Verantwortungsfrage.

Alle Menschen sind beteiligt oder betroffen.

Sie besitzen jedoch nicht dieselbe Macht.

Ein einzelner Konsument verfügt nicht über dieselbe Wirkungsmacht wie ein Großunternehmen, ein großer Finanzakteur oder eine Regierung.

Daher wurde inzwischen die Formel entwickelt:

Gemeinsame Abhängigkeit bedeutet nicht gleiche Schuld. Verantwortung bemisst sich nach Tätigkeit, Wissen, Wirkungsmacht, Nutzen und Korrekturmöglichkeit.

Diese Formel gehört zu den wichtigen neuen Präzisierungen des Schwarmmodells. Sie verhindert, dass „alle acht Milliarden“ zur moralischen Pauschalanklage werden.

71. Herrschaft und 1:99

Das Verhältnis 1:99 fungiert als gesellschaftskritisches Bild für extreme Machtasymmetrien.

Auch dieses Verhältnis ist kein allgemeines statistisches Naturgesetz.

Es ist ein Modell dafür, dass Entscheidungs-, Eigentums- und Verfügungsmacht sehr ungleich verteilt sein können.

Der Positionsanker macht diese Hierarchie sichtbar. Die zugrunde liegende Datei beschreibt ausdrücklich, dass 1:99 als Verhältnisbild und nicht als universell gemessene Aussage verwendet wird.

72. Demokratie als Rückkopplung

Demokratie wird dadurch neu lesbar.

Sie ist nicht nur Wahlverfahren.

Eine funktionierende Demokratie müsste eine gesellschaftliche Rückkopplungsstruktur sein:

Entscheidungen müssen zu Betroffenen rückgebunden werden.

Folgen müssen sichtbar werden.

Macht muss revidierbar bleiben.

Erfahrungen müssen zurück in die Entscheidungsprozesse gelangen.

Das ist eine Forschungskunst-Norm und zugleich politisch anschlussfähig. Ob einzelne konkrete politische Systeme diese Bedingungen erfüllen, muss jeweils empirisch geprüft werden.


XXI. Vernunft, Intelligenz und Bewusstsein

73. Der menschliche Vernunftanspruch wird zum Prüfgegenstand

Der Mensch bezeichnet sich als Homo sapiens und spricht sich in besonderer Weise Vernunft, Verstand, Bewusstsein und Intelligenz zu.

Die Forschungskunst kehrt diese Selbstbeschreibung um.

Die Fähigkeit zu denken und technisch herzustellen beweist zunächst nur eine besondere Potenzialität.

Sie beweist noch nicht, dass die Ziele vernünftig sind.

74. Technische Intelligenz und existenzielle Unvernunft

Die Technikwelt verlangt präzise Rückkopplungen.

Ein Flugzeug muss fliegen.

Eine Brücke muss tragen.

Eine Maschine muss innerhalb ihrer Toleranzen funktionieren.

Auf der Ebene gesellschaftlicher Zielsetzungen werden jedoch häufig nicht dieselben Prüfmaßstäbe verlangt.

Daraus entsteht die paradoxe Formel:

Der Mensch kann technisch hochintelligent und zugleich existenziell unvernünftig handeln.

75. Pflanzen, Zellen und Tiere

Die Forschung stellte anschließend die provokative Frage, ob Zellen, Pflanzen oder Tiere in funktionaler Hinsicht „vernünftiger“ handeln könnten als der Mensch.

Dabei muss sprachlich sauber geblieben werden.

Eine Zellmembran besitzt nicht nachgewiesenermaßen menschliche Vernunft.

Eine Pflanze besitzt kein menschliches Gehirn.

Aber lebende Systeme regulieren Abweichungen, reagieren auf Bedingungen und erhalten Toleranzbereiche.

Die Forschungskunst kann deshalb von funktionaler Vernünftigkeit sprechen, wenn der Begriff ausdrücklich von menschlicher Reflexionsvernunft unterschieden wird.

76. Geist und Bewusstsein als Plexusfrage

Der Plexusbegriff eröffnet auch einen anderen Zugang zum Geist.

Geist müsste dann nicht als körperlose Substanz verstanden werden.

Er könnte als hochkomplexe, integrierende Tätigkeit eines körperlich-neuronalen Plexus untersucht werden.

Beim Bewusstsein bleibt die Grenze deutlicher: Die Frage, weshalb bestimmte körperlich-neuronale Vorgänge subjektiv erlebt werden, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt.

Plexus ist deshalb keine bewiesene Bewusstseinstheorie.

Er liefert eine Forschungshypothese:

Bewusstsein könnte mit zunehmender Integration, Rückkopplung und Selbstbezüglichkeit eines Informations- und Tätigkeitsgefüges zusammenhängen.

Diese Frage bleibt offen.


XXII. Gaia, Wald und planetarischer Plexus

77. Der Wald als Wahrheitsmodell

Aus der frühen Naturerfahrung wurde zuletzt ein weiterer Begriff von Wahrheit herausgearbeitet.

Die Wahrheit des Waldes ist keine moralische Wahrheit.

Sie besteht darin, dass Tätigkeiten und Abhängigkeiten nicht durch Begriffe aufgehoben werden können.

Der Wald kann grausam sein.

Gerade deshalb eignet er sich nicht als romantisches Gegenbild zur bösen menschlichen Kultur.

Er zeigt jedoch kompromisslos Konsequenz.

78. Bäume, Pilze und Netzwerke

Die Beziehungen zwischen Bäumen, Pilzen, Böden, Mikroorganismen und anderen Lebewesen wurden als Anschauung des Plexus wichtig.

Die Forschungskunst darf diese Zusammenhänge nicht zu einer harmonischen „Waldgemeinschaft“ verklären.

Kooperation, Konkurrenz, Nutzung und Abwehr können gleichzeitig bestehen.

Das macht den Wald gerade interessanter: Plexus bedeutet nicht Harmonie, sondern Abhängigkeit und Rückkopplung.

79. Gaia

Die Gaia-Vorstellung kann als planetarisches Vergleichsmodell verwendet werden.

Die Erde als buchstäblich bewusstes Lebewesen oder Organismus wäre eine weitergehende Hypothese.

Methodisch sicherer ist:

Der Planet kann als gekoppelter planetarischer Plexus untersucht werden.

Die organismische Analogie bleibt dabei eine Analogie.

Dasselbe gilt für weitergehende spekulative Modelle etwa bei Rupert Sheldrake: Sie können als Vergleichsmaterial auftreten, dürfen jedoch nicht mit wissenschaftlich nachgewiesenen Mechanismen gleichgesetzt werden.


XXIII. Millisekundenmensch und 24-Stunden-Uhr

80. Die planetarische Kalibrierung

Mit der 24-Stunden-Uhr wurde eine zeitliche Prüfapparatur entwickelt.

Die gesamte Erdgeschichte wird auf 24 Stunden verkürzt.

Der Homo sapiens erscheint erst in den letzten Sekunden.

Industrialisierung und Great Acceleration liegen in winzigen Bruchteilen einer Sekunde.

Die bisher intern verwendeten Werte – etwa rund sechs Sekunden für Homo sapiens und Millisekundenbereiche für die jüngsten Industriephasen – sind Modellrechnungen der Zeitkompression, keine neuen Naturkonstanten.

Ihre Funktion ist künstlerisch und methodisch:

Sie kalibrieren die menschliche Selbstwahrnehmung.

81. Millisekundenmensch

Der Millisekundenmensch besitzt eine historisch extrem junge Kulturordnung und gleichzeitig planetarische Wirkungsmacht.

Er behandelt jedoch seine eigenen Begriffe häufig so, als seien sie älter und grundlegender als die Bedingungen, von denen er abhängt.

Darin liegt die Kernparadoxie:

Ein extrem spätes Funktionsteil erklärt seine eigenen Konstruktionen zum Maßstab des Ganzen.


XXIV. Feuerkäfig und Rollenidentitätsgefängnis

82. Das jüngste Gesamtbild

Das Bild des brennenden goldenen Käfigs mit Astronaut ist eine Verdichtung zahlreicher älterer Forschungslinien.

Der Käfig steht für die sedimentierte Kultur- und Rollenordnung.

Gold steht für Belohnung, Eigentum, Status und Anerkennung.

Der Astronautenanzug steht für die Fiktion autonomer Unverletzlichkeit.

Das Feuer steht für bereits eintretende Konsequenzen.

Die offene Tür steht für grundsätzliche Veränderbarkeit, aber nicht für eine bereits verfügbare Alternative.

Die 24-Stunden-Uhr stellt den Millisekundenmenschen in den planetarischen Zeitmaßstab.

OBEY, WORK, CONSUME, REPEAT zeigen die gesellschaftliche Reproduktionsbewegung.

83. Das Bild ist Positionsanker, nicht Beweis

Das ist eine wichtige methodische Festlegung.

Der Feuerkäfig darf nicht beweisen, was er darstellt.

Er macht die Position sichtbar.

Der Prüfoperator muss anschließend untersuchen, ob die einzelnen behaupteten Beziehungen tatsächlich tragen.

Damit wird aus einem starken politischen Bild Forschungskunst.


XXV. So-Heits-Gesellschaft

84. Herkunft

Die So-Heits-Gesellschaft entstand aus der langen Kritik an einer Welt, in der menschengemachte Zuschreibungen mit den Eigenschaften der Dinge und Lebewesen verwechselt werden.

„So-Heit“ verweist auf die Frage:

Wie ist etwas, bevor beziehungsweise soweit wir unsere kulturellen Eigenschaften und Wertungen darüberlegen?

Die So-Heits-Gesellschaft ist deshalb keine einfache Rückkehr zur Natur.

Der Mensch kann seine Sprache, Technik und Kultur nicht abschaffen.

Es geht darum, sie wieder an ihre Wirkungs- und Abhängigkeitsbedingungen rückzubinden.

85. Technē-Welt

Die menschliche Welt ist eine hergestellte Welt.

Technē bezeichnet diese Herstellungspotenzialität.

Das Problem ist nicht Herstellung an sich.

Das Problem entsteht, wenn die hergestellte Welt ihre eigenen Voraussetzungen ausblendet.

Die So-Heits-Gesellschaft wäre eine Kultur, die ihre Künstlichkeit kennt und deshalb ihre Konstruktionen revidieren kann.

Sie ist Zielprojektion, kein bereits existierendes Gesellschaftsmodell.


XXVI. So-Heits-Atelier

86. Vom Werkraum zum gesellschaftlichen Prüfatelier

Das So-Heits-Atelier bildet die räumliche Zusammenführung der gesamten Entwicklung.

Es ist kein Atelier im traditionellen Sinn, in dem ein Künstler abgeschlossene Werke produziert.

Es ist eine öffentliche Versuchsanordnung.

Historische Werke, Collagen, Schultafeln, Folien, Prüfobjekte, Mitmachbuch, KI, Plattform und Besucher werden miteinander verbunden.

87. Documenta 16

Für die Documenta 16 erhält das Atelier eine besondere Funktion.

Die Documenta wird nicht erst mit einer fertigen Ausstellung begonnen.

Der Prozess der Bewerbung, Recherche, Prüfung und gesellschaftlichen Auseinandersetzung wird selbst Bestandteil des Werkes.

Daraus entstand der Gedanke:

Die Documenta 16 hat für diese Forschungskunst bereits begonnen.

Das bedeutet nicht, dass eine institutionelle Teilnahme bereits feststeht. Es beschreibt die eigene künstlerische Prozesslogik.

88. Memento mori

Die Memento-mori-Idee ergänzt das lebende Atelier um die Möglichkeit eines nicht mehr betretbaren Lebenswerk-Ateliers.

Damit kommt die zeitliche Begrenztheit des Künstlers selbst in die Arbeit.

Das Werk soll auch nach dem Tod als Prüf- und Entwicklungszusammenhang fortbestehen können.

Hier verbindet sich Archivarbeit mit Globaler Schwarm-Intelligenz.


XXVII. Gesamtarchitektur der Forschung

Die Forschung lässt sich inzwischen als zusammenhängende Architektur darstellen.

89. Erste Schicht: Plexus-Wirklichkeit

Der Ausgangspunkt ist nicht der Mensch.

Ausgangspunkt sind physikalische, biologische und ökologische Abhängigkeiten.

Alles Weitere findet innerhalb dieses Plexus statt.

90. Zweite Schicht: plastisches Funktionsteil

Der Mensch ist ein relativ eigenständiger, durchlässiger und verletzlicher Organismus innerhalb dieses Zusammenhangs.

Das ist die Grundlage der plastischen Identität.

91. Dritte Schicht: Symbol- und Kulturproduktion

Der Mensch erzeugt Sprache, Bilder, Eigentum, Geld, Institutionen, Rollen und Technik.

Diese E3-Welt erweitert seine Möglichkeiten.

Sie erzeugt zugleich die Gefahr der Skulpturalisierung.

92. Vierte Schicht: Tätigkeitskonsequenz

Die erzeugten Ziele und Begriffe werden über Tätigkeiten wieder in E1 und E2 wirksam.

Damit schließt sich der Plexus.

Keine Parallelwelt bleibt konsequenzlos parallel.

93. Fünfte Schicht: Rückkopplung

Konsequenzen kehren als Schäden, Widerstände, Erfahrungen oder neue Bedingungen zurück.

Jetzt entscheidet sich, ob gelernt wird.

94. Sechste Schicht: Prüfoperator

Der Prüfoperator macht diese Rückkopplung bewusst und systematisch.

Er untersucht nicht nur Mittel, sondern auch Ziele und Referenzsysteme.

95. Siebte Schicht: künstlerische Übersetzung

Prüfobjekte, Bilder, Folien, Schablonen und Mitmachbuch machen den abstrakten Zusammenhang sinnlich und handelnd erfahrbar.

96. Achte Schicht: kollektive Prüfung

Frage-und-Antwort-Tisch, Tausend Tische und Globale Schwarm-Intelligenz erweitern die Prüfung auf viele Beteiligte.

97. Neunte Schicht: gesellschaftliche Zielprojektion

So-Heits-Gesellschaft und So-Heits-Atelier fragen, welche Kulturformen entstehen könnten, wenn diese Rückkopplungsfähigkeit tatsächlich gesellschaftlich wirksam würde.

98. Zehnte Schicht: Selbstprüfung des Künstlers

Der Positionsanker verhindert, dass diese Architektur zur neuen geschlossenen Weltanschauung wird.

Auch die eigene Prognose muss prüfbar bleiben.


XXVIII. Die heutige Ankerarchitektur

Nach dem gegenwärtigen Stand sollten vier Anker und ein Operator unterschieden werden.

Der Positionsanker beantwortet:

Von welcher persönlichen Diagnose und Erwartung gehe ich aus?

Der Kontextanker beantwortet:

In welchem planetarischen, historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhang steht die Untersuchung?

Der Werkanker beantwortet:

Wie ist diese Fragestellung tatsächlich durch das Lebenswerk hindurch entstanden und bearbeitet worden?

Der Prüfanker beantwortet:

An welchen Grundbedingungen wird geprüft?

Der Prüfoperator beantwortet:

Wie wird die konkrete Prüfung durchgeführt?

Diese fünf Elemente sollten künftig nicht mehr miteinander vermischt werden.

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist kein fünfter oder sechster Anker. Sie ist der gesellschaftliche Verwendungs- und Lernraum dieser Architektur.

Das So-Heits-Atelier ist ihre künstlerisch-räumliche Versuchsanordnung.

Die So-Heits-Gesellschaft ist ihre gesellschaftliche Zielprojektion.


XXIX. Doppelungen und begriffliche Unklarheiten

99. Tragwirklichkeit und Plexus-Wirklichkeit

Beide Begriffe überschneiden sich.

Eine sinnvolle Lösung wäre:

Tragwirklichkeit bezeichnet die nicht beliebig verfügbaren Bedingungen, von denen Leben getragen wird.

Plexus-Wirklichkeit bezeichnet die dynamischen Beziehungen und Rückkopplungen zwischen den beteiligten Funktionsteilen.

Damit muss keiner der beiden Begriffe aufgegeben werden.

Plexus ist jedoch der umfassendere Prozessbegriff.

100. Plastisches Ich und plastische Identität

Diese Begriffe sind sehr nah.

„Plastisches Ich“ eignet sich stärker für die subjektive Selbstwahrnehmung.

„Plastische Identität“ eignet sich als anthropologischer Oberbegriff.

Eine dauerhafte Parallelverwendung ohne Differenz würde unnötige Doppelung erzeugen.

101. Skulpturidentität, Kulturidentität und Rollenidentität

Auch hier ist eine Hierarchie sinnvoll:

Kulturidentität = gesamter kulturell-symbolischer Identitätsraum.

Rollenidentität = konkrete gesellschaftliche Position darin.

Skulpturidentität = Verfestigung dieser Zuschreibungen zu einer scheinbar abgeschlossenen Wirklichkeit.

102. Prüfanker und Prüfoperator

Diese Trennung ist inzwischen geklärt und sollte verbindlich bleiben:

Prüfanker = Maßstab.

Prüfoperator = Operation.

103. Plexus und Schwarm

Auch diese Begriffe müssen getrennt bleiben.

Plexus = Abhängigkeitswirklichkeit.

Schwarm = Vielzahl eigenständiger Beteiligter.

Schwarm-Intelligenz = mögliche gemeinsame Lern- und Korrekturleistung.

104. Wahrheit und Wirklichkeit

Der Ausdruck „Wahrheit der Natur“ besitzt Kraft, birgt aber Missverständnisse.

Präziser wäre häufig:

Konsequenzwirklichkeit, Wirklichkeitswiderstand oder nicht verhandelbare Rückkopplung.

Damit wird vermieden, Natur zu einer moralischen Instanz zu machen.

105. Vernunft und funktionale Vernünftigkeit

Wenn Zellen oder Pflanzen als „vernünftiger“ bezeichnet werden, sollte stets klar sein, dass es sich um eine funktionale Analogie handelt.

Sonst könnte der Eindruck entstehen, Zellmembranen besäßen menschliche Reflexionsvernunft.

Die Provokation sollte erhalten, aber begrifflich gekennzeichnet werden.


XXX. Begriffe, die nicht zu einer einzigen Formel verschmolzen werden sollten

Einige bisher entwickelte Verhältnisse gehören auf unterschiedliche Ebenen und dürfen nicht zu einer einzigen „Weltformel“ zusammengeschoben werden.

51:49 bezeichnet Minimalasymmetrie beziehungsweise die Forschungshypothese einer notwendigen Richtungsdifferenz.

49:51 kann als Gegenbewegung von Öffnung und Veränderung dienen.

50:50 bezeichnet den kritisierten Symmetrie- beziehungsweise Dualismusoperator.

1:99 bezeichnet eine gesellschaftliche Machtasymmetrie.

E1–E4 unterscheidet Wirklichkeitstypen und Prüfung.

Plexus bezeichnet Beziehungswirklichkeit.

Prüfoperator bezeichnet methodische Tätigkeit.

Diese Modelle können aufeinander bezogen werden, sind aber nicht identisch.

Gerade ihre Verschiedenheit macht die Gesamtarchitektur belastbarer.


XXXI. Noch fehlende Verbindungen

106. Vom Lochprozess zum Prüfoperator

Diese Verbindung ist noch nicht vollständig formalisiert.

Der Prüfoperator müsste ausdrücklich fragen:

Welcher Ausschnitt wurde vorgenommen?

Welche Beziehungen gingen beim Ausschnitt verloren?

Welche Eigenschaften wurden anschließend hineingedacht?

Welche dieser Eigenschaften wirken nun auf den ursprünglichen Zusammenhang zurück?

Damit könnte der Lochprozess unmittelbar operationalisiert werden.

107. Von der Membran zur Demokratie

Hier liegt eine sehr produktive, aber noch auszuarbeitende Verbindung.

Die Membran erhält Eigenständigkeit durch geregelte Durchlässigkeit.

Demokratie könnte analog als gesellschaftliche Struktur geregelter Durchlässigkeit untersucht werden:

Wer darf Informationen hineinbringen?

Welche Rückmeldungen gelangen zu Entscheidungszentren?

Welche Grenzen schützen Eigenständigkeit?

Wann wird Grenze zur Abschottung?

Diese Verbindung sollte ausdrücklich als Analogie und nicht als biologisches Gesellschaftsgesetz behandelt werden.

108. Von Schwarm-Intelligenz zur Verantwortungszuordnung

Noch fehlt ein vollständig ausgearbeiteter Operator dafür, wie im globalen Schwarm Verantwortung verteilt wird.

Die bereits entwickelte Formel bietet den Ansatz:

Tätigkeit – Wissen – Wirkungsmacht – Nutzen – Konsequenz – Korrekturmöglichkeit.

Daraus könnte ein eigenständiges Verantwortungsraster entstehen.

109. Von E1–E4 zu den Folien

Die Folien sind bereits praktisch nach Ebenen aufgebaut, aber ihre Zuordnung sollte systematisiert werden.

Jede Folie könnte künftig angeben:

Welche Ebene zeigt sie?

Welche Ebene wird darübergelegt?

Wo entsteht der Konflikt?

Welche E4-Frage folgt daraus?

Damit würden Folie und Prüfoperator technisch enger verbunden.

110. Von Positionsanker zu Widerlegungsbedingungen

Der Positionsanker braucht noch einen besonders wichtigen Bestandteil:

Was müsste tatsächlich geschehen, damit die Prognose „Die Menschheit hat keine Chance“ korrigiert werden müsste?

Erst diese Widerlegungsbedingung verhindert, dass die Position zu einer unangreifbaren Glaubensaussage wird.

111. Bewusstsein

Die Verbindung von Plexus, Informationsintegration und Bewusstsein bleibt offen.

Sie ist ein interessantes Forschungsfeld, darf aber derzeit nicht als bewiesener Bestandteil des Gesamtmodells auftreten.

112. Gaia und planetarischer Organismus

Auch hier ist eine klare Grenze nötig.

„Planetarischer Plexus“ kann methodisch verwendet werden.

„Die Erde ist ein Organismus“ bleibt eine Analogie beziehungsweise Hypothese, solange nicht genau definiert wird, welche Organismuskriterien gemeint sind.


XXXII. Mögliche Vereinfachung des Gesamtmodells

Die inzwischen sehr umfangreiche Terminologie lässt sich auf eine elementare Arbeitsfolge zurückführen:

1. Etwas existiert innerhalb von Abhängigkeiten.

2. Ein Funktionsteil nimmt einen Ausschnitt wahr und bildet ein Modell.

3. Aus dem Modell entsteht ein Ziel.

4. Das Ziel führt zu einer Tätigkeit.

5. Die Tätigkeit erzeugt Konsequenzen im Plexus.

6. Konsequenzen kehren als Rückmeldungen zurück.

7. Das System kann seine Tätigkeit, sein Ziel oder sein zugrunde liegendes Modell korrigieren.

8. Wird die Rückkopplung blockiert, kann sich eine fehlerhafte Konstruktion verfestigen.

9. Beim Menschen können symbolische E3-Systeme diese Blockierung verstärken.

10. Der Prüfoperator versucht, den unterbrochenen Rückweg wiederherzustellen.

Aus dieser einen Folge lassen sich fast alle anderen Begriffe ableiten:

Der Lochprozess bezeichnet die verlorene Verbindung.

Skulpturidentität bezeichnet die Verfestigung.

Plexus bezeichnet den Zusammenhang.

E1–E3 unterscheiden die beteiligten Wirklichkeiten.

E4 und Prüfoperator stellen den Rückweg her.

51:49 bezeichnet den plastischen Bewegungs- und Differenzoperator.

Schwarm-Intelligenz erweitert den Rückweg auf viele Menschen.

So-Heits-Atelier stellt dafür einen künstlerischen Erfahrungsraum bereit.

So-Heits-Gesellschaft bezeichnet die gesellschaftliche Projektion einer Kultur, die solche Rückkopplungen nicht systematisch verdrängt.


XXXIII. Die entscheidende Forschungsbewegung

In der Gesamtschau lässt sich die Entwicklung deshalb nicht als geradliniger Weg von einer Theorie zu ihrer Anwendung verstehen.

Sie verlief umgekehrt.

Zuerst standen Kindheit, Wald, Tätigkeit und Erfahrung.

Dann kamen Handwerk, Material und Toleranz.

Dann Fotografie, Auswahl und Ausschnitt.

Dann Bildhauerei, Wasser, Umwelt und Experiment.

Dann Frage und Antwort.

Dann Vorgabebild und Beteiligung.

Dann gesellschaftliche Werkformen.

Dann Tausend Tische und Kollektive Kreativität.

Dann immer stärker die Frage, weshalb gesellschaftliche Begriffe die tatsächlichen Konsequenzen menschlicher Tätigkeiten verdecken.

Daraus entstanden plastisches Ich, Skulpturidentität, Eigenschaftsbildung und Parallelwelt.

Dann wurden die verschiedenen Wirklichkeitsformen mit E1 bis E4 auseinandergelegt.

Aus der Frage nach dem verlorenen Zusammenhang entstanden Lücke und Lochprozess.

Aus Tragwirklichkeit wurde Plexus-Wirklichkeit.

Aus der handwerklichen Prüfung entstand der Prüfanker.

Aus der notwendigen Anwendung des Maßstabes entstand der Prüfoperator.

Aus der Einsicht, dass auch der Künstler nicht neutral ist, entstand zuletzt der Positionsanker.

Die Folien übersetzten diese Begriffsarbeit wieder zurück in Bilder.

Das Mitmachbuch übersetzt sie in individuelle Tätigkeit.

Die Tausend Tische hatten sie bereits gesellschaftlich vorweggenommen.

Die KI erweitert die Vergleichs- und Vernetzungsmöglichkeit.

Die Globale Schwarm-Intelligenz macht daraus eine planetarische Verantwortungsfrage.

Das So-Heits-Atelier bringt den gesamten Entwicklungsweg wieder in einen realen künstlerischen Arbeitsraum zurück.

Damit schließt sich eine Spirale.

Sie kehrt nicht an ihren Ausgangspunkt zurück.

Der ursprüngliche Bildhauer, der Material, Widerstand und Form untersuchte, arbeitet heute an einer gesellschaftlichen Plastik, deren Material die menschlichen Begriffe, Tätigkeiten, Abhängigkeiten und Rückkopplungen sind.


XXXIV. Verdichtete Gesamtdefinition der Forschungskunst

Die Forschungskunst untersucht den Menschen als ein sehr spät entstandenes, plastisches Funktionsteil eines Milliarden Jahre alten planetarischen Plexus. Sie fragt, wie dieses Funktionsteil durch Wahrnehmung, Sprache und Kultur Ausschnitte bildet, diese mit Eigenschaften versieht und daraus eine technisch und gesellschaftlich außerordentlich wirksame Parallelordnung hervorbringt. Diese Ordnung kann ihre eigenen Konstruktionen so weit verfestigen, dass der Mensch seine physischen, biologischen und sozialen Abhängigkeiten nicht mehr angemessen wahrnimmt.

Die künstlerische Methode besteht deshalb darin, die verlorenen Beziehungen wieder herzustellen.

Werkobjekte, Bilder, Frage-und-Antwort-Tische, Folien, Mitmachbuch, KI und Plattform dienen als Gegenüberstellungen. Sie führen Vorstellungen zu ihren Tätigkeiten, Tätigkeiten zu ihren Konsequenzen und Konsequenzen zu ihren Abhängigkeitsgrundlagen zurück.

Der Prüfanker stellt dafür die Maßstäbe bereit.

Der Prüfoperator führt die Untersuchung durch.

Der Positionsanker legt offen, welche persönliche Erwartung der Künstler selbst in die Prüfung einbringt.

Der Kontextanker stellt den planetarischen, historischen und gesellschaftlichen Maßstab her.

Der Werkanker weist nach, wie diese Forschungsbewegung aus der tatsächlichen Werkgeschichte entstanden ist.

Die Globale Schwarm-Intelligenz erweitert das Verfahren von der individuellen Überzeugungsprüfung zu einer möglichen gemeinsamen Verantwortungsstruktur vieler Menschen.

Das So-Heits-Atelier macht diese Struktur öffentlich erfahrbar.

Die So-Heits-Gesellschaft bleibt die offene Zielprojektion einer Kultur, die ihre Begriffe und Regelwerke nicht länger über ihre Existenzbedingungen stellt, sondern sie an deren Konsequenzen zurückbindet.

Die zentrale Forschungsfrage hat sich damit zwar stark differenziert, aber nicht verändert:

Kann ein Wesen, das sich Homo sapiens nennt, lernen, seine außergewöhnliche Wissens-, Symbol- und Herstellungspotenzialität an den Tätigkeitskonsequenzen und Abhängigkeitsbedingungen zu prüfen, aus denen es selbst hervorgegangen ist?

Oder bleibt seine behauptete Vernunft eine Skulpturidentität – eine kulturelle Selbstlegitimation des Als-ob?

Genau an dieser Stelle treffen das mehr als fünfzigjährige Lebenswerk, der Prüfoperator, die Globale Schwarm-Intelligenz und das So-Heits-Atelier heute zusammen.

Die stärkste Vereinfachung, die sich aus der Rekonstruktion ergibt, ist damit: Plexus → Ausschnitt/Modell → Tätigkeit → Konsequenz → Rückkopplung → Prüfung/Korrektur. Fast die gesamte weitere Begriffswelt lässt sich präzise um diese Bewegung herum ordnen, ohne die historischen Werkentwicklungen nachträglich zu vereinheitlichen.

Die folgende Fassung rekonstruiert die Forschung als Entwicklung und bezieht die zuletzt entstandenen Punkte – Positionsanker, Psychologie, Zukunftsversprechen und Feuerkäfig – ausdrücklich in die ältere Werk- und Begriffsgenese ein.

Rekonstruktion einer Forschungskunst

Vom plastischen Werkprozess zur Plexus-Wirklichkeit, zum Prüfoperator und zum So-Heits-Atelier

1. Forschungsgrund: Nicht eine Theorie, sondern eine über Jahrzehnte durchgehaltene Frage

Am Anfang dieser Forschung steht keine ausformulierte Theorie. Ihr Ausgangspunkt ist eine Erfahrung des Widerspruchs. Bereits Anfang der 1970er Jahre stellt sich die Frage, wie es möglich ist, dass der Mensch über Wissen, technische Fähigkeiten und Korrekturmöglichkeiten verfügt und dennoch Lebensbedingungen hervorbringt, die gegen seine eigenen Existenzvoraussetzungen arbeiten. In Hermannsburg 1973/74 verdichtet sich dies in der Frage: Kann Kunst die Gesellschaft verändern? Während des Studiums an der HBK Braunschweig wird daraus ab 1974/75 keine traditionelle bildnerische Aufgabenstellung mehr, sondern die Suche nach einer experimentellen Umweltgestaltung.

Historisch belegbar sind die Ausbildung zum Maschinenschlosser, die frühe fotografische Arbeit, das Studium der Freien Kunst in Braunschweig, die Entwicklung der „Experimentellen Umweltgestaltung“, die verschiedenen Malbuch-, Aktions- und Beteiligungsarbeiten sowie die späteren öffentlichen Projekte. Forschungskünstlerisch ist dagegen die Deutung, dass gerade aus diesen unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsfeldern bereits ein zusammenhängendes Erkenntnisverfahren entstanden sei. Diese Deutung ist rückblickend entwickelt worden und muss als Werkhypothese von der dokumentierbaren Werkgeschichte unterschieden werden.

Entscheidend ist, dass das handwerkliche Denken der Ausbildung zum Maschinenschlosser später zu einem Erkenntnismaßstab wird. Ein Werkstück kann nicht dadurch funktionieren, dass man von seinem Funktionieren überzeugt ist. Material, Belastung, Passung, Verbindung und Tätigkeit antworten. Etwas hält oder bricht, passt oder passt nicht. Diese Erfahrung des Widerstands wird Jahrzehnte später zum Kern des Begriffshandwerks und des Prüfoperators. Das Funktionieren oder Nichtfunktionieren besitzt gegenüber der bloßen Meinung eine Eigenständigkeit.

Damit entsteht sehr früh eine Verbindung, die für die gesamte weitere Forschung entscheidend bleibt: Kunst wird nicht nur als Herstellung von Gegenständen verstanden, sondern als Möglichkeit, Tätigkeiten, Beziehungen, Wirkungen und Rückmeldungen sichtbar und erfahrbar zu machen.

Die Naturbeobachtung verstärkt diesen Ansatz. Biberdamm, Wasser, Strömung, Welle, Tier, Pflanze und Landschaft erscheinen nicht als romantische Naturbilder, sondern als Tätigkeitszusammenhänge. Ein Biberdamm funktioniert nicht aufgrund einer abstrakten Definition. Seine Form ergibt sich aus Wasser, Material, Strömungsdruck, Tätigkeit und Rückwirkung. Dasselbe gilt für den Organismus. Er ist nicht isoliert, sondern nur innerhalb einer Vielzahl von Bedingungen lebensfähig.

Aus dieser Beobachtung entsteht zunächst noch keine Plexus-Wirklichkeit. Aber hier liegt ihr später rekonstruierbarer Forschungsgrund: Nichts Tragendes steht für sich allein.

2. Werkgenese: Von der Umweltgestaltung zur Forschungskunst

Die „Experimentelle Umweltgestaltung“ der Mitte der 1970er Jahre ist deshalb ein entscheidender Ausgangspunkt. Wasser- und Wellenversuche, Biberdammbeobachtungen, das asymmetrische Auto, Beteiligungsformen, Vorgabebilder und später die Erwachsenen-, Kinder-, Telefon-, Autobahn- und Fußgängermalbücher erweitern den Werkbegriff. Nicht mehr allein der fertige Gegenstand ist Werk. Zum Werk gehört die Reaktion des Menschen auf eine Vorgabe.

Das Vorgabebild ist dabei bereits ein methodischer Vorläufer des heutigen Prüfobjekts. Der Künstler gibt etwas vor, aber die entscheidende Information entsteht in der Differenz zwischen Vorgabe und Reaktion. Das Werk wird zum Auslöser einer Tätigkeit. Der Betrachter wird zum Beteiligten und damit selbst zu einem Teil der Versuchsanordnung.

Die Malbücher der späten 1970er Jahre verschärfen diesen Ansatz. Die Vorlage ist nicht nur eine Einladung zum Gestalten. Sie macht sichtbar, was verschiedene Menschen aus demselben Ausgangspunkt machen. Die Unterschiede werden zum Erkenntnismaterial. Damit entsteht ein Prinzip, das später bei den Tausend Tischen, dem Mitmachbuch und der Globalen Schwarm-Intelligenz wiederkehrt: eine gemeinsame Ausgangsbedingung, viele Bearbeitungen, Vergleichbarkeit und Rückkopplung.

Von hier führt keine gerade theoretische Linie zu den heutigen Begriffen. Vielmehr entstehen über Jahrzehnte immer neue Versuchsanordnungen: öffentliche Aktionen, Theater und Rollenspiele, Arbeiten im Anschluss an Augusto Boal, Kunsthallen auf Zeit, die Grenzphänomenologie des neuen Deutschlands, das Globale Dorffest, Bürgerforen, die So-Heits-Gesellschaft, das Entelechie-Museum, das Partizipatorische Welttheater, wiederholte documenta-Bezüge und schließlich die Globale Schwarm-Intelligenz.

Diese unterschiedlichen Projekte lassen sich heute als Werkorganismus lesen. Historisch sind sie zunächst eigenständige Arbeiten. Forschungskünstlerisch werden sie nachträglich als Stadien einer fortgesetzten Untersuchung verbunden. Genau deshalb ist „Forschungskunst“ heute der geeignetere Oberbegriff als Aktionskunst, Partizipationskunst, politische Kunst oder soziale Kunst. Diese Kategorien erfassen Teile der Arbeitsweise, aber nicht ihren durchgehenden Prüfcharakter.

Forschungskunst bedeutet innerhalb dieses Werkes nicht, Wissenschaft nachzuahmen. Sie bezeichnet die künstlerische Herstellung von Situationen, in denen Wirklichkeitsannahmen überprüfbar werden.

3. Von der Naturbeobachtung zum Wirklichkeitsproblem

Über lange Zeit liegt die zentrale Schwierigkeit darin, zu bestimmen, was mit „Wirklichkeit“ überhaupt gemeint ist. Die Forschung stößt immer wieder darauf, dass Menschen physikalisch vorhandene Dinge, biologische Prozesse, technische Erzeugnisse und gesellschaftliche Zuschreibungen sprachlich auf derselben Ebene behandeln.

Ein Grundstück ist beispielsweise materiell vorhanden. Dass es jemandem „gehört“, ist jedoch keine physikalische Eigenschaft des Bodens. Geldscheine oder digitale Kontostände sind materiell beziehungsweise technisch realisiert; ihr Wert ist dennoch gesellschaftlich zugeschrieben. Ein Amt, eine Staatsgrenze, ein akademischer Titel oder ein gesellschaftlicher Status kann enorme reale Folgen haben, ohne eine Eigenschaft zu sein, die sich wie Masse, Temperatur oder chemische Zusammensetzung im Gegenstand selbst befindet.

Hier entsteht die Unterscheidung zwischen vorhandenen, wirksamen und hineingedachten Eigenschaften.

Diese Unterscheidung darf nicht so verstanden werden, dass symbolische Konstruktionen „unwirklich“ oder bedeutungslos seien. Gerade weil Menschen gemeinsam an sie glauben, Institutionen sie absichern und Tätigkeiten nach ihnen ausrichten, besitzen sie eine enorme Wirkungskraft. Die Forschung muss deshalb zwei Fehler vermeiden. Sie darf gesellschaftliche Zuschreibungen weder mit materiellen Eigenschaften verwechseln noch sie als bloße Fantasie abtun.

Aus diesem Problem entwickelt sich die Vorstellung verschiedener Wirklichkeitsweisen. Material kann vorhanden sein. Ein Organismus kann lebendig reagieren. Technik kann hergestellt werden. Eigentum kann gesellschaftlich zugeschrieben werden. Religion, Geld, Recht oder Status können symbolisch gelten. Alle diese Ebenen wirken aufeinander, aber sie wirken nicht auf dieselbe Weise.

Diese Differenzierung führt schließlich zur Plexus-Wirklichkeit.

4. Die Plexus-Wirklichkeit: vom isolierten Ding zum Beziehungsgefüge

„Plexus“ bezeichnet das Geflecht. Der Begriff wird notwendig, weil weder die isolierte Betrachtung eines Gegenstands noch die Addition einzelner Fachperspektiven ausreicht, um die Tätigkeitskonsequenzen eines menschlichen Handelns zu erfassen.

Die Plexus-Wirklichkeit ist deshalb keine wissenschaftlich bestätigte „Theorie von allem“. Sie ist ein Begriff der Forschungskunst. Ihr Anspruch ist methodisch: Dinge, Organismen, menschliche Tätigkeiten, symbolische Zuschreibungen und gesellschaftliche Institutionen sollen wieder auf die Beziehungen bezogen werden, durch die sie überhaupt wirksam werden.

Das ist eine wesentliche Korrektur gegenüber früheren Formulierungen wie „Tragwirklichkeit“, „Tragwesen“ oder „Tragbewusstsein“. Diese Begriffe haben wichtige Teilaspekte freigelegt. „Tragwirklichkeit“ betont, dass nicht alles Beliebige gleichermaßen trägt. „Tragwesen“ richtet den Blick auf das lebendige Wesen innerhalb seiner Bedingungen. „Tragbewusstsein“ bezeichnet die Fähigkeit, diese Bedingungen zu berücksichtigen. Die Plexus-Wirklichkeit kann diese Begriffe aufnehmen, ohne sie alle als gleichrangige Hauptbegriffe weiterführen zu müssen.

Damit entsteht eine mögliche Vereinfachung: Plexus-Wirklichkeit bezeichnet den Gesamtzusammenhang; Tragbedingungen bezeichnen die Bedingungen, unter denen ein bestimmter Vorgang innerhalb dieses Zusammenhangs funktioniert.

Die Plexus-Wirklichkeit widerspricht der Vorstellung eines autonomen Menschen. Der menschliche Organismus ist durch Luft, Temperatur, Wasser, Nahrung, Gravitation, Mikroorganismen, soziale Beziehungen und zahllose weitere Bedingungen durchdrungen. Seine Haut bildet keine absolute Grenze. Selbst dort, wo er sich als abgegrenztes Ich erlebt, findet fortlaufender Austausch statt.

Daraus entsteht später das Bild des Astronautenanzugs. Der Astronautenanzug macht sichtbar, was notwendig wäre, wenn der Mensch tatsächlich isoliert existieren sollte: Er müsste seine Lebensbedingungen künstlich mit sich führen. Außerhalb der Erde braucht er Sauerstoffversorgung, Temperaturregulation, Druck, Nahrung und Schutz. Das Bild widerlegt damit nicht die Individualität des Menschen. Es zeigt ihre Bedingtheit.

5. Lochprozesse: Was geschieht, wenn Verbindungen verschwinden?

Der Begriff des Lochprozesses entsteht aus der wiederholten Beobachtung, dass Wahrnehmung und Wissen Ausschnitte herstellen. Ein Gegenstand wird ausgewählt, bezeichnet und dadurch aus seinem Zusammenhang herausgehoben. Diese Dingselektion ist notwendig. Ohne sie könnten Menschen nicht sprechen, unterscheiden oder handeln.

Das Problem beginnt dort, wo der Ausschnitt anschließend für das Ganze gehalten wird.

Ein Lochprozess bezeichnet innerhalb dieser Forschung daher keinen wissenschaftlich etablierten Vorgang, sondern einen Forschungsbegriff für den Verlust von Beziehungen durch Auswahl, Abgrenzung und Zuschreibung. Das Loch entsteht dort, wo die herausgeschnittene Beziehung nicht mehr mitgedacht wird.

Ein Baum kann als Holzmenge, Eigentum, CO₂-Speicher, biologischer Organismus, Lebensraum oder ästhetisches Objekt erscheinen. Jede Perspektive erfasst etwas. Der Lochprozess entsteht, wenn eine Perspektive ihren Ausschnitt absolut setzt und die übrigen Wirkungszusammenhänge verschwinden.

Damit verbindet sich der Lochprozess mit der Eigentumsgrammatik. Die Aussage „Das ist mein Baum“ beschreibt eine gesellschaftliche Beziehung zwischen Menschen. Sie kann aber sprachlich so erscheinen, als trage der Baum „Mein-Sein“ als Eigenschaft in sich. Das Hineindenken einer gesellschaftlichen Beziehung in einen Gegenstand erzeugt eine Verdeckung.

Der spätere Begriff der Lücke erweitert dies. Eine Lücke ist nicht nur Wissensmangel. Sie kann methodisch produktiv sein. Lernen beginnt gerade dort, wo das eigene Modell und die antwortende Wirklichkeit nicht übereinstimmen.

Das Loch ist damit die unbemerkte verlorene Beziehung. Die Lücke kann dagegen zum bewusst gemachten Nichtwissen werden.

6. Gegenüberstellung und Lernen: Die Voraussetzung jeder Korrektur

Aus den Werkprozessen ergibt sich zunehmend ein Grundsatz: Lernen setzt ein Gegenüber voraus.

Ein Mensch kann nur feststellen, dass seine Vorstellung nicht trägt, wenn etwas zurückantwortet. Beim plastischen Arbeiten antwortet das Material. Beim Wellenbecken antwortet das Wasser. Beim Werkzeug antwortet die Passung. Beim Körper antworten Schmerz, Ermüdung und Verletzung. Bei einem partizipatorischen Werk antworten andere Menschen.

Diese Gegenüberstellung ist die Voraussetzung von Rückkopplung.

Damit verändert sich auch das Verständnis von Wissen. Wissen ist nicht bloß ein Vorrat richtiger Aussagen. Entscheidend ist die Möglichkeit, eine Annahme an etwas zu prüfen, das nicht vollständig von dieser Annahme kontrolliert wird.

Das ist der Grund, weshalb die Forschung immer stärker nach Prüfankern sucht. Ein Prüfanker soll verhindern, dass ein Gedankensystem nur noch seine eigenen Voraussetzungen bestätigt.

Die Lücke zwischen Erwartung und Ergebnis wird damit zu einem positiven Forschungsort. Sie ist kein Defekt, den man möglichst schnell durch eine Erklärung schließen muss. Sie markiert den Punkt, an dem eine Vorstellung verändert werden kann.

Darin liegt auch die Funktion der Folien und Schablonen. Sie sollen nicht endgültig erklären, wie die Wirklichkeit beschaffen ist, sondern unterschiedliche Ausschnitte so gegenüberstellen, dass ihre Voraussetzungen sichtbar und vergleichbar werden.

7. Plastik und Skulpturalisierung

Eine der wichtigsten begrifflichen Korrekturen betrifft die Unterscheidung von Plastik und Skulptur. Für die Forschung ist verbindlich, dass die eigene Arbeit als die eines Plastikers verstanden wird. Frühere Verwendungen von „Skulptur“ für eigene plastische Arbeiten sind entsprechend zu korrigieren.

Diese Unterscheidung ist nicht einfach als allgemeingültige kunsthistorische Definition auszugeben. Sie ist eine spezifische begriffliche Operation innerhalb der Forschungskunst.

Plastik bezeichnet den formenden Prozess. Material wird gedrückt, aufgebaut, verbunden, verändert. Form entsteht in Rückkopplung zwischen Hand, Werkzeug, Material, Widerstand und Vorstellung. Der Prozess bleibt prinzipiell korrigierbar.

„Skulpturalisierung“ erhält dagegen eine kritisch-anthropologische Bedeutung. Sie bezeichnet die Verfestigung einer Form, die sich von ihren Entstehungs- und Abhängigkeitsbedingungen ablöst und sich als eigenständige Identität versteht.

Aus dieser Differenz entstehen später das plastische Ich und die Skulpturidentität.

Das plastische Ich ist kein psychologisches Persönlichkeitsmodell. Es bezeichnet den lebenden, durchlässigen, sich fortlaufend verändernden Organismus, dessen Identität nur in einem Wechselspiel von Stoffwechsel, Erfahrung, Erinnerung, Tätigkeit und Umgebung fortbesteht.

Die Skulpturidentität ist dagegen die gesellschaftlich verhärtete Selbstform: Beruf, Rang, Eigentümerstatus, nationale Identität, gesellschaftliche Funktion, Künstlerrolle oder andere zugeschriebene Eigenschaften werden so behandelt, als bildeten sie eine unveränderliche Substanz des Menschen.

Damit wird die künstlerische Unterscheidung von Plastik und Skulptur zu einem anthropologischen Prüfwerkzeug.

8. Erfahrung und Rückkopplung: Vom Werkstück zur Zivilisationsfrage

Der gemeinsame Kern von handwerklicher, künstlerischer und später gesellschaftlicher Forschung ist die Rückkopplung.

Beim Werkstück ist sie unmittelbar: Eine Verbindung hält oder bricht. Bei einem Organismus wird sie komplexer: Belastungen können zeitverzögert auftreten. In Gesellschaften können Tätigkeitsfolgen räumlich und zeitlich ausgelagert werden. Der Konsument sieht möglicherweise nicht die Produktionsbedingungen seiner Ware. Der Entscheider erlebt nicht unmittelbar die ökologische Folge seiner Entscheidung. Die private Sorge für die eigenen Kinder kann gleichzeitig mit Tätigkeiten verbunden sein, die langfristig deren gemeinsame Lebensbedingungen beschädigen.

Damit entsteht das zentrale Problem der modernen Gesellschaft nicht aus völliger Unwissenheit, sondern aus unterbrochenen Rückkopplungsketten.

Die heutige Arbeit fragt deshalb nicht mehr nur: Was weiß der Mensch? Sie fragt: Welche Folgen seiner Tätigkeit erreichen ihn noch als korrigierbare Erfahrung?

Hier liegt die Verbindung zwischen dem frühen handwerklichen Maßstab und der späteren Zivilisationsprüfung. Eine Gesellschaft muss wie eine Plastik an ihren Konsequenzen lernen können. Wo Folgen ausgelagert, verschleiert, delegiert oder durch Rollen getrennt werden, verliert die Gesellschaft ihre plastische Korrekturfähigkeit.

9. Symbol- und Eigenschaftsbildung

Die Erforschung der hineingedachten Eigenschaften verschiebt die Arbeit noch einmal grundlegend. Sprache benennt nicht nur eine bereits fertige Welt. Sie ordnet, selektiert und versieht Dinge mit Eigenschaften.

Dabei müssen verschiedene Vorgänge auseinandergehalten werden. Farbe, Masse oder Temperatur können als Eigenschaften eines Gegenstands unter bestimmten Messbedingungen untersucht werden. Eigentum, Preis, Würde, Rang oder Heiligkeit entstehen dagegen in anderen Beziehungs- und Geltungszusammenhängen.

Die Forschungskunst entwickelt daraus keine Behauptung, dass gesellschaftliche Eigenschaften „falsch“ seien. Ihre Frage lautet vielmehr: Was geschieht, wenn eine zugeschriebene Eigenschaft wie eine unabhängige Eigenschaft des Dinges behandelt wird?

Eigentum ist hierfür das wichtigste Beispiel. Der Gegenstand trägt sein Eigentum nicht materiell in sich. Das Eigentumsverhältnis wird durch Menschen, Recht, Institutionen und gegebenenfalls Gewalt abgesichert. Trotzdem kann es so selbstverständlich erscheinen, dass die Zuschreibung mit dem Gegenstand verschmilzt.

Dies führt zur Eigen-/Eigentumsgrammatik. „Eigen“ kann eine Beschaffenheit oder Zugehörigkeit bezeichnen; „Eigentum“ bezeichnet eine gesellschaftlich-rechtliche Relation. Die Forschung untersucht, wie solche sprachlichen Verschiebungen Wirklichkeitsvorstellungen prägen.

Hier schließt die res-/Dingwelt-Untersuchung an. Das lateinische „res“ kann Ding, Sache, Angelegenheit oder Sachverhalt bedeuten. Sprachgeschichtliche Vergleiche werden nicht als Beweis für die Plexus-Wirklichkeit verwendet. Sie dienen als historische Spiegel dafür, wie unterschiedlich Kulturen Dinge, Tätigkeiten und Beziehungen begrifflich ordnen.

10. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche

Die sprach- und kulturgeschichtlichen Untersuchungen gewinnen ihre Funktion gerade daraus, dass sie die Selbstverständlichkeit heutiger Begriffe aufbrechen.

Besonders wichtig wird der griechische Begriff technē. Historisch bezeichnet technē Kunstfertigkeit, Handwerk, Können und regelgeleitetes Hervorbringen. Die Forschungskunst übernimmt daraus nicht die Behauptung, die antike Welt sei bereits eine So-Heits-Gesellschaft gewesen. Vielmehr wird technē als Gegenbegriff zu einer modernen Trennung von Kunst, Arbeit, Technik und gesellschaftlicher Verantwortung verwendet.

Ähnlich ist mit idiōtēs umzugehen. Historisch bezeichnet der Begriff unter anderem die Privatperson beziehungsweise jemanden, der nicht in einem öffentlichen Amt handelt. Daraus lässt sich nicht einfach beweisen, dass die Antike den privat orientierten Menschen moralisch verurteilt habe. Forschungskünstlerisch wird die historische Differenz jedoch produktiv: Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn der private Vorteil gegenüber der gemeinsamen Tragfähigkeit zum dominanten Orientierungsmodus wird?

Auch der Begriff symmetria wird nicht als historischer Beweis für das 51:49-Modell verwendet. Historisch geht es um Maß, Proportion und angemessene Verhältnisse. Forschungskünstlerisch wird daraus die Frage, ob eine lebendige Ordnung überhaupt mit einer mathematisch perfekten 50:50-Spiegelung verwechselt werden darf.

Diese Differenzierung ist entscheidend für die wissenschaftliche Anschlussfähigkeit der Arbeit: Sprachgeschichte liefert Vergleichsmaterial. Die heutigen Modelle 51:49, 50:50, 1:99, Plexus-Wirklichkeit oder So-Heits-Gesellschaft sind daraus entwickelte Forschungskunstbegriffe und keine historischen Tatsachen.

11. 51:49: Von der Asymmetrie zum plastischen Prüfverhältnis

Die 51:49-Intuition gehört zu den ältesten und zugleich am stärksten weiterentwickelten Modellen der Arbeit. Sie entsteht aus der Beobachtung, dass lebendige und dynamische Prozesse nicht in einer vollkommenen statischen Gleichheit bestehen.

Entscheidend ist die spätere Präzisierung: 51:49 darf nicht als naturwissenschaftlich bewiesenes Universalgesetz ausgegeben werden. Es ist ein künstlerischer Prüf- und Denkanker für minimale Asymmetrie, Beweglichkeit und Korrekturfähigkeit.

50:50 bezeichnet entsprechend nicht die mathematische Zahl als problematisch. Es bezeichnet die kulturelle Vorstellung einer perfekten, spiegelbildlichen, abgeschlossenen Ordnung: richtig/falsch, innen/außen, Körper/Geist, Eigentümer/Nichteigentümer, schuldig/unschuldig, zuständig/nicht zuständig.

Der 50:50-Symmetrie-Dualismus wird damit zu einem Modell für den Versuch, Wirklichkeit durch eindeutige Trennungen beherrschbar zu machen.

51:49 hält dagegen eine minimale Differenz offen. Diese Differenz ermöglicht Bewegung, Richtung, Entscheidung und erneute Korrektur.

Später kommt mit 1:99 eine zweite Asymmetrie hinzu. Sie darf ebenfalls nicht ohne konkrete empirische Datengrundlage als statistische Beschreibung der Gesellschaft behandelt werden. Innerhalb der Forschung ist 1:99 ein Herrschaftsbild: eine kleine Verfügungsmacht steht einer großen Zahl von Menschen gegenüber, deren Tätigkeiten das System tragen, ohne dass sie in gleichem Maße seine Grundbedingungen bestimmen können.

Damit entstehen drei unterschiedliche Verhältnisanker: 50:50 als Erstarrungs- beziehungsweise Symmetriefigur, 51:49 als plastischer Differenz- und Korrekturanker und 1:99 als Herrschafts- und Machtasymmetrie.

Diese drei Zahlen dürfen nicht miteinander vermischt werden.

12. Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekundenmensch

Die planetarische Kalibrierung über eine 24-Stunden-Uhr ist eine weitere zentrale Entwicklung. Die Erdgeschichte wird auf einen Tag komprimiert. Dadurch erscheint die Menschheitsgeschichte als extrem kurzer Abschnitt am Ende des Tages.

Die genaue mathematische Umrechnung ist prinzipiell überprüfbar, sofern festgelegt wird, welche Erd- und Menschheitsalter verwendet werden. Die Interpretation, daraus den Begriff des Millisekundenmenschen zu entwickeln, ist dagegen eine künstlerische Zuspitzung.

Der entscheidende Perspektivwechsel lautet: Der Mensch erscheint aus seiner eigenen Kulturgeschichte als Mittelpunkt. Im Maßstab der Erdgeschichte erscheint seine industrielle und technologische Zivilisation dagegen als kaum messbarer Moment.

Die 24-Stunden-Uhr wird dadurch zu einem Gegenmittel gegen anthropozentrische Größenfantasien. Sie steht in direkter Verbindung zum Astronautenanzug: Derselbe Mensch, der erst in den letzten Augenblicken dieser planetarischen Uhr auftaucht, entwirft sich als Herrscher, Eigentümer und möglicher Eroberer kosmischer Räume.

Gerade diese Diskrepanz wird im jüngsten Positionsanker zum Ausgangspunkt der Gesellschaftsdiagnose.

13. Das Vier-Ebenen-Modell E1 bis E4

Das Vier-Ebenen-Modell ist eine spätere Ordnungshilfe und darf nicht rückwirkend so behandelt werden, als habe es allen früheren Arbeiten bereits bewusst zugrunde gelegen.

E1 bezeichnet die materielle und physikalische Ebene: Material, Last, Druck, Temperatur, Bruch, Masse, Energie und andere Bedingungen, die nicht durch gesellschaftliche Anerkennung verändert werden können.

E2 bezeichnet die lebendige Ebene: Stoffwechsel, Regeneration, Verletzbarkeit, Anpassung und das plastische Ich. Ein Organismus ist nicht nur Materie, sondern eine sich selbst erhaltende und reagierende Organisation innerhalb bestimmter Bedingungen.

E3 bezeichnet die symbolische und gesellschaftliche Ebene: Sprache, Geld, Eigentum, Recht, Rollen, Status, Religion, institutionelle Geltung und Skulpturidentitäten.

E4 bezeichnet die Prüf-, Reflexions- und Reparaturebene. Auf ihr können die Beziehungen zwischen E1, E2 und E3 untersucht und gegebenenfalls korrigiert werden.

Methodisch wichtig ist, E4 nicht als metaphysisch höhere Wirklichkeit zu verstehen. E4 bezeichnet eine menschliche Tätigkeit: das Prüfen der eigenen Modelle an ihren Konsequenzen.

Das Modell ermöglicht damit eine einfache Frage: Auf welcher Ebene befindet sich eine Aussage, und was geschieht, wenn Eigenschaften einer Ebene unbemerkt auf eine andere übertragen werden?

So kann beispielsweise Eigentum auf E3 völlig real und gesellschaftlich wirksam sein. Wenn daraus aber folgt, dass die materiellen oder biologischen Folgen einer Eigentumsentscheidung auf E1 und E2 ignoriert werden, entsteht ein Wirklichkeitskonflikt.

Das Vier-Ebenen-Modell ist damit keine Ontologie, die die Welt abschließend in vier Schichten einteilt. Es ist ein Differenzierungswerkzeug.

14. Begriffshandwerk und Prüfanker

Aus all diesen Entwicklungen entsteht das Begriffshandwerk.

Ein Begriff ist innerhalb dieser Forschung kein Etikett, sondern ein Werkzeug. Wie ein handwerkliches Werkzeug muss er eine bestimmte Operation ermöglichen. Er muss unterscheiden, verbinden, prüfen oder einen Fehler sichtbar machen können.

Das führt zu einer wesentlichen methodischen Verschärfung: Ein neuer Begriff ist nur dann gerechtfertigt, wenn er etwas sichtbar oder prüfbar macht, was ohne ihn schwerer zu erkennen wäre.

Daraus entstehen Werkanker und Prüfanker.

Der Werkanker sichert die Verbindung eines Begriffs mit der tatsächlichen Werkgeschichte. Er verhindert, dass eine nachträglich entwickelte Theorie das frühere Werk einfach umschreibt.

Der Prüfanker bestimmt dagegen, woran eine Behauptung geprüft werden kann.

Der Referenzoperator fragt: Worauf bezieht sich eine Aussage außerhalb ihrer eigenen Sprache?

Die Tragbedingungen fragen: Unter welchen Bedingungen funktioniert oder besteht etwas?

Das Differenzialprinzip fragt: Welche kleinste Differenz verändert einen Prozess?

Die planetarische Kalibrierung verschiebt den menschlichen Maßstab.

Der 51:49-Anker prüft Beweglichkeit gegenüber Erstarrung.

Das dreifache Optimum verbindet Medium, Organismus und Prüfoptimum: Nicht eine abstrakt maximale Leistung entscheidet, sondern eine Passung zwischen Bedingungen, lebendigem System und Tätigkeit.

Diese verschiedenen Begriffe müssen künftig stärker hierarchisiert werden. Nicht jeder benötigt den Rang eines Hauptankers. Der Prüfoperator kann als übergeordnetes Verfahren dienen, während die anderen Begriffe spezialisierte Prüfwerkzeuge bilden.

15. Künstlerische Prüfobjekte

Die jahrzehntelang entstandenen Werke verändern in dieser Rekonstruktion ihre Funktion. Sie sind nicht bloß Illustrationen der späteren Theorie. Sie sind die Orte, an denen die Theorie überhaupt erst entstanden ist.

Der Biberdamm untersucht Passung von Tätigkeit, Material und Umwelt.

Das Wellenbecken macht Rückkopplung, Medium und Störung unmittelbar sichtbar.

Das asymmetrische Auto untersucht Form, Körper, Gefahr und gesellschaftliche Normalisierung.

Das Vorgabebild und die Malbücher untersuchen die Differenz zwischen Vorgabe, Freiheit und Reaktion.

Der rote Punkt der Mitmenschlichkeit verbindet individuelle Tätigkeit mit einem gemeinsamen Bezugspunkt.

Schultafeln und Frage-Antwort-Tische verschieben das Werk in Richtung gemeinsamer Untersuchung.

Der Gordische Knoten wird zum Bild verfestigter Beziehungen.

Der gläserne Astronaut macht die künstliche Herstellung von Existenzbedingungen sichtbar.

Tanglandschaft, Totentanz und Kartoffelarbeiten bringen Zerfall, Stofflichkeit, Ernährung, Endlichkeit und Lebensbedingungen in die Untersuchung ein.

Der Sandtrichter kann den Menschen zwischen Produktion, Verschüttung und Schutzvorstellung zeigen.

Die Saftpresse übersetzt Ressourcennutzung in einen unmittelbar verständlichen Tätigkeitsvorgang.

Die Thermosflasche zeigt Isolation technisch: Damit ein Innenraum von seiner Umwelt getrennt wird, ist ein erheblicher konstruktiver Aufwand notwendig.

Der Astronautenanzug führt denselben Gedanken anthropologisch weiter.

Die neueste Verdichtung ist der Feuerkäfig: ein Mensch im Astronautenanzug sitzt in einem goldenen Gitterkäfig. Der Käfig brennt. Die Tür steht offen. Die Nahrungsschnüre beziehungsweise Versorgungsschläuche sind abgetrennt. Der Mensch könnte hinausgehen, bleibt aber im Käfig.

Dieses Bild verbindet zum ersten Mal nahezu alle neueren Diagnosebegriffe in einer einzigen visuellen Konstellation.

16. Der Feuerkäfig als Positionsbild

Der goldene Käfig bezeichnet das Rollenidentitätsgefängnis. Sein Gold steht nicht einfach für Reichtum. Es steht für die Attraktivität der Gefangenschaft: Freiheit, Status, Konsum, Anerkennung, Macht, berufliche Identität und die Möglichkeit, sich innerhalb der Ordnung immer wieder neu zu erfinden.

Die offene Tür verhindert eine zu einfache Herrschaftsdarstellung. Der Mensch wird nicht ausschließlich mit Gewalt festgehalten. Er hat die Ordnung verinnerlicht.

Der Astronautenanzug steht für das Gedankenkonstrukt einer isolierten, autonomen und scheinbar unverletzlichen Identität. Der Mensch trägt eine künstliche Hülle, die ihm das Gefühl vermittelt, unabhängig zu sein. Tatsächlich fehlen jedoch die Versorgungsschläuche. Seine wirklichen Abhängigkeiten werden nicht wahrgenommen.

Das Feuer bezeichnet die Tätigkeitskonsequenzen. Der Mensch erlebt bereits Erhitzung, ökologische Beschädigung, soziale Spannungen, körperliche und psychische Belastungen und Ressourcenprobleme. Trotzdem interpretiert er nicht den Käfig selbst als Problem.

Die 24-Stunden-Uhr im Hintergrund stellt den Millisekundenmenschen in den planetarischen Zeitmaßstab.

Die 1:99-Anordnung von erhöhter Herrschaftsfigur und Menschenmenge zeigt die Machtasymmetrie.

Statussymbole, Geld, Konsum, Anerkennungszeichen und digitale Aufmerksamkeit stehen für Belohnungsmechanismen.

Familienbild und Kindersymbol zeigen die Paradoxie privater Zukunftsfürsorge: Der Mensch sorgt für seine Kinder, ohne die gesellschaftliche Struktur, in der deren Zukunft stattfindet, grundsätzlich zu verändern.

Die offene, aber verwüstete Landschaft jenseits der Tür verweist schließlich auf eine weitere neu entstandene Frage: Was bedeutet Freiheit, wenn kein gemeinsam entwickelter gesellschaftlicher Ausgang vorhanden ist?

Damit ist der Feuerkäfig kein weiterer Einzelbegriff. Er ist möglicherweise die derzeit stärkste visuelle Verdichtung des Positionsankers.

17. Der Positionsanker: Die eigene Diagnose muss sichtbar werden

Eine wichtige methodische Entwicklung der letzten Gespräche ist die Trennung von Positionsanker und Prüfoperator.

Der Positionsanker macht sichtbar, von welcher Diagnose die Forschung ausgeht. Er darf deutlich und zugespitzt sein. Er behauptet, dass der Millisekundenmensch innerhalb einer über mehr als zweieinhalb Jahrtausende gewachsenen europäischen beziehungsweise westlichen Wissens-, Glaubens-, Rechts-, Wirtschafts- und Institutionengeschichte Konstruktionen hervorgebracht hat, die sich verselbstständigt haben.

Historisch belegbar ist, dass Philosophie, Religion, Recht, politische Institutionen, Ökonomie und später moderne Einzelwissenschaften sehr unterschiedliche Menschen- und Weltmodelle hervorgebracht haben. Nicht historisch bewiesen ist die pauschale Aussage, „2500 Jahre Wissenschaft“ hätten zielgerichtet das heutige Gefängnis erzeugt. Diese Formulierung muss deshalb korrigiert werden.

Präziser lautet die Forschungshypothese: Über mehr als 2500 Jahre haben sich Denkformen, Institutionen und gesellschaftliche Konstruktionen sedimentiert, die heute miteinander ein hochgradig selbststabilisierendes Rollen-, Eigentums-, Status- und Abhängigkeitssystem bilden. Auch die modernen Wissenschaften sind in dieses System institutionell eingebunden und können dessen Gesamtvoraussetzungen nicht automatisch von außen prüfen.

Der Begriff „Gefängnis“ ist hierbei ein künstlerisches Diagnosebild, keine soziologische Tatsache.

Gerade deshalb muss der Prüfoperator vom Positionsanker getrennt bleiben. Er muss auch die Gefängnisthese selbst prüfen können.

18. Psychologie als exemplarischer Widerspruch

Die Psychologie ist in den jüngsten Gesprächen zu einem wichtigen Prüfbeispiel geworden.

Historisch wäre es falsch zu behaupten, Psychologie sei ausschließlich erfunden worden, um kranken Menschen zu helfen. Ihre Geschichte umfasst philosophische, medizinische, experimentelle und andere Entwicklungslinien.

Forschungskünstlerisch entscheidend ist jedoch eine andere Beobachtung: Psychologisches Wissen kann sowohl der Aufklärung eines Menschen über seine Bedingungen als auch seiner Anpassung an bestehende Bedingungen dienen.

Therapie kann helfen, Belastungen zu verstehen und Handlungsmöglichkeiten zurückzugewinnen. Dieselben oder verwandte Kenntnisse über Motivation, Aufmerksamkeit, Verhalten, Identitätsbildung und Beeinflussung können jedoch in Werbung, Personalführung, politischer Kommunikation, Konsumsteuerung oder digitalen Plattformen eingesetzt werden.

Hier entsteht ein grundlegender Widerspruch: Eine Wissenschaft, die Manipulation untersuchen kann, kann zugleich Wissen für Manipulation bereitstellen. Eine Wissenschaft, die Leiden behandelt, kann innerhalb eines Systems eingesetzt werden, ohne die Bedingungen dieses Leidens grundsätzlich zu verändern.

Die zugespitzte These lautet deshalb nicht mehr, die Psychologie habe „sich selbst abgeschafft“. Präziser wäre: Sie hat sich in widersprüchliche gesellschaftliche Funktionen ausdifferenziert. Einige dienen Erkenntnis, Hilfe und Aufklärung, andere Anpassung, Optimierung, Auswahl oder Steuerung.

Für das Rollenidentitätsgefängnis wird besonders relevant, dass Menschen lernen können, sich innerhalb widersprüchlicher Verhältnisse wieder als funktionsfähig und frei zu erleben.

Diese These muss am konkreten psychologischen Verfahren geprüft werden und darf nicht pauschal auf die gesamte Psychologie übertragen werden.

19. Zukunft: Viele Versprechen, kaum gesellschaftlicher Gegenentwurf

Aus dem Positionsanker hat sich inzwischen eine weitere Ebene entwickelt: die Untersuchung der Zukunftsvorstellungen.

Dabei müssen Zukunftsprognose, Zukunftsversprechen und Zukunftsentwurf unterschieden werden.

Eine Prognose fragt, was wahrscheinlich geschehen wird.

Ein Versprechen erzeugt die Hoffnung, dass ein zukünftiger Fortschritt heutige Probleme lösen werde.

Ein Gesellschaftsentwurf fragt dagegen, wie die gesellschaftliche Grundordnung selbst verändert werden könnte.

Die Forschungshypothese lautet inzwischen: Die gegenwärtige Gesellschaft verfügt über außerordentlich viele Zukunftsversprechen, aber nur noch über schwache Vorstellungen einer grundsätzlich anderen gesellschaftlichen Ordnung.

In der Physik erscheint Zukunft als weitere Vereinheitlichung des Naturverständnisses. Forschung nach umfassenden theoretischen Zusammenhängen ist wissenschaftlich real. Forschungskünstlerisch interessant wird der Gegensatz, dass nach Einheit in der physikalischen Beschreibung gesucht wird, während die gesellschaftliche Wirkungswelt weiterhin in hoch spezialisierte Zuständigkeiten zerlegt bleibt.

In Technik und Raumfahrt erscheint Zukunft als Erweiterung menschlicher Verfügungsmöglichkeiten. Mond, Mars und andere kosmische Räume können zu Forschungs-, Siedlungs- oder Ressourcenräumen werden. Die Forschungskunst fragt hier nicht, ob solche Vorhaben technisch möglich sind, sondern welches Gesellschaftssystem dorthin mitgenommen würde.

In der Ökonomie erscheint Zukunft als Innovation, Wachstum, Investition und Markt. Die Studie „Limits to Growth“ von 1972 ist ein historisch belegbarer Wendepunkt der öffentlichen Diskussion um endliches Wachstum und Ressourcen. Die weitergehende Behauptung, in den vergangenen fünfzig Jahren sei „die Wirtschaft selbst zur Alternative geworden“, ist eine gesellschaftsdiagnostische Hypothese. Sie müsste historisch und sozialwissenschaftlich genauer untersucht werden.

Das Bild des früher misstrauisch betrachteten Händlers beziehungsweise „Rosstäuschers“ und des heutigen Betriebswirtschaftlers als Leitfigur ist daher als zugespitzter Kulturvergleich zu behandeln, nicht als empirisch bereits bewiesene Gesamtentwicklung.

In der Medizin erscheint Zukunft als Heilung, Genomwissen, Reparatur, Lebensverlängerung und möglicherweise erhebliche Erweiterung menschlicher Lebenszeit. Wissenschaftlich belegbar sind enorme Fortschritte in Genetik und Medizin. Die Frage, ob damit lediglich „das Leben im Gefängnis verlängert“ werde, ist dagegen eine Forschungskunst-Problematik: Was wird eigentlich verlängert, wenn die gesellschaftliche Lebensform unverändert bleibt?

In bestimmten religiösen Vorstellungen wird Zukunft in Erlösung, Jenseits oder Paradies verlagert. Auch Vorstellungen rettender oder höher entwickelter Außerirdischer können strukturell ähnliche Erlösungsmuster annehmen. Die kosmische Teekanne wird dabei zum erkenntniskritischen Gegenbild: Nichtwiderlegbarkeit ist kein Wahrheitsbeweis.

In der privaten Zukunft bleibt dagegen die Familie zentral. Menschen wollen für ihre Kinder sorgen. Das Problem entsteht dort, wo diese reale Fürsorge von der gemeinsamen langfristigen Zukunft der Existenzbedingungen abgetrennt wird.

Damit ergibt sich eine neue Dreiteilung: Fortsetzungszukunft, Flucht- beziehungsweise Erlösungszukunft und Korrektur-/Rückkopplungszukunft.

Die So-Heits-Gesellschaft soll die dritte Möglichkeit untersuchen.

20. Folien und Schablonen: Vom Begriff zum sichtbaren Vergleich

Die Entwicklung der Folien ist eine direkte Konsequenz aus dem Problem der Lochprozesse. Wenn Menschen immer nur Ausschnitte sehen, müssen die Ausschnitte sichtbar voneinander getrennt und anschließend wieder überlagert werden können.

Transparente Folien sind dafür besonders geeignet. Jede Folie zeigt nur eine Ebene oder Beziehung. Erst die Überlagerung erzeugt das Geflecht.

Die Folie der physikalisch-kosmischen Welt stellt Bedingungen dar, die unabhängig von gesellschaftlichen Zuschreibungen bestehen.

Eine Netzwerkfolie zeigt die Abhängigkeiten.

Der Mensch mit dem Spaten macht aus abstrakter Verantwortung eine Tätigkeit mit Konsequenzen.

Die Frau mit der Aussage „Ich bin frei“ bringt die Selbstbeschreibung des Menschen gegen seine tatsächlichen Abhängigkeiten in Stellung.

Die Flasche beziehungsweise Thermosflasche untersucht Isolation.

Durchdringungslinien durch den menschlichen Körper zeigen Wärme, Gravitation und andere Wechselwirkungen.

Molekulare Verknüpfungen lösen den scheinbar abgeschlossenen Körper weiter auf.

Mensch, Wasser, Schlange und Fisch machen unterschiedliche Organismus-Medium-Beziehungen vergleichbar.

Die erhobene Hand mit dem Satz „Weil ich denke, existiere ich“ macht ein philosophisches Selbstmodell zum Prüfgegenstand.

Die Zeitfolie stellt den Homo sapiens beziehungsweise die industrielle Zivilisation in die Erdzeitskala.

Hinzu kommen kulturgeschichtliche Folien. Eine Platon-Folie kann Körper, Schatten, Spiegel und Ideenordnung gegenüberstellen. Sie darf jedoch nicht behaupten, Platons Philosophie vollständig in einem Bild abzubilden. Sie dient als Schablone für die Frage, wie einem unveränderlichen gedanklichen Modell ein höherer Wirklichkeitsrang zugesprochen werden kann.

Eine Aristoteles-Folie zeigt dagegen Stoff, Form, Bewegung und Zielbezug stärker miteinander verbunden.

Eine christliche Folie kann historisch unterschiedliche Leib-Seele- und Jenseitsvorstellungen untersuchen, ohne „das Christentum“ auf ein einziges Modell zu reduzieren.

Eine Physikfolie zeigt Messgrößen und Modellbildung und stellt die Frage, welche Bereiche durch eine bestimmte Versuchsanordnung methodisch ausgeschlossen werden.

Die Folien sind damit keine Schulbuchtafeln. Sie sind sichtbare Prüfoperationen.

21. Mitmachbuch: Der analoge Weg durch die Forschungsarchitektur

Aus den Folien entsteht das Mitmachbuch. Seine historische Vorform liegt in den Malbüchern und Arbeitsheften, die frühere Workshops begleiteten.

Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass das heutige Mitmachbuch nicht mehr nur zu gestalterischer Beteiligung auffordert. Es führt durch eine Reihe von Wirklichkeitsprüfungen.

Der Nutzer soll nicht belehrt werden, welche Antwort richtig ist. Er soll Folien auflegen, Bilder vergleichen, Annahmen verändern und Unterschiede feststellen können.

Damit wird das Buch selbst zu einem kleinen Atelier.

Das Mitmachbuch benötigt deshalb einen eigenen Anker, allerdings keinen weiteren theoretischen Großbegriff. Sein Anker könnte schlicht die nachvollziehbare Eigenprüfung sein. Was im So-Heits-Atelier räumlich geschieht, muss im Buch durch die Tätigkeit des Lesers rekonstruierbar werden.

Offen bleibt dabei die entscheidende Gestaltungsfrage: Wie viel Theorie darf das Buch enthalten, bevor die eigene Untersuchung des Nutzers durch die Erklärung ersetzt wird?

Gerade hier besteht die Gefahr, dass die Forschungskunst selbst in das von ihr kritisierte Problem gerät: Sie könnte aus offenen Prüfobjekten neue Lehrsätze machen.

22. Tausend Tische: Von der individuellen zur verteilten Prüfung

Die Idee der Tausend Tische entwickelt das partizipatorische Prinzip in die gesellschaftliche Dimension.

Der Tisch ist dabei kein neutrales Möbelstück. Er ist Arbeitsplatz, Begegnungsort, Verhandlungsebene und Experimentierfläche. An vielen Tischen können Menschen gleichzeitig dieselbe oder unterschiedliche Fragestellungen bearbeiten.

Damit wird die frühere Methode „eine Vorgabe – viele Reaktionen“ räumlich skaliert.

Das Globale Dorffest und frühere Tisch- und Beteiligungsformen bilden hierfür Werkvorläufer. Die heutige Vorstellung der Tausend Tische ist zugleich eine Zielprojektion: Aus einzelnen Besuchern soll keine Masse entstehen, sondern eine Vielzahl nebeneinander arbeitender Prüfer.

Die Tausend Tische sind dadurch das analoge Gegenstück zur Globalen Schwarm-Intelligenz.

Offen bleibt, wie die Ergebnisse der Tische zusammengeführt werden, ohne erneut eine zentrale Autorität zu erzeugen oder bloß Mehrheitsmeinungen zu zählen. Gerade hier berührt das Projekt die 1:99-Frage. Rückkopplung ist nur dann gesellschaftlich relevant, wenn nicht eine kleine Auswahlinstanz entscheidet, welche Ergebnisse sichtbar oder gültig werden.

23. KI: Gegenüber, Werkzeug und neuer Prüfgegenstand

Die Arbeit mit künstlicher Intelligenz bringt eine neue Form der Gegenüberstellung hervor.

KI wird zunächst praktisch als Schreib-, Korrektur-, Strukturierungs- und Vergleichswerkzeug eingesetzt. Darüber hinaus verändert sie die Forschung selbst, weil mit ihr große Mengen früherer Begriffe, Werke und Texte gegeneinander gestellt werden können.

Methodisch interessant ist KI deshalb als Gegenüber, nicht als Wahrheitsinstanz.

Sie kann eine These reformulieren, Widersprüche sichtbar machen, historische Vergleiche anbieten und begriffliche Doppelungen erkennen. Aber sie kann ebenso bestehende gesellschaftliche Vorannahmen reproduzieren, plausible Fehler erzeugen oder eine falsche Ordnung besonders überzeugend formulieren.

Damit wird KI selbst zum idealen Prüfobjekt der Forschungskunst.

Die Frage lautet nicht: Ist KI intelligent?

Die wichtigere Frage lautet: Woran prüfen Mensch und KI gemeinsam ihre Behauptungen, wenn beide mit symbolischen Modellen arbeiten?

Hier erhält der Referenzoperator besondere Bedeutung. Das gemeinsame Denken darf nicht in einem geschlossenen Sprachsystem enden. Es muss immer wieder auf Tätigkeiten, Gegenstände, Erfahrungen und Konsequenzen zurückgeführt werden.

Die Gefahr besteht sonst darin, dass die Globale Schwarm-Intelligenz selbst zu einer digitalen Version des goldenen Käfigs wird: hoch vernetzt, attraktiv, voller Beteiligungsmöglichkeiten und dennoch durch Popularität, Status, Plattformlogiken und unsichtbare Auswahlmechanismen gesteuert.

24. Globale Schwarm-Intelligenz: Vom Archiv zum öffentlichen Simulator

Die Globale Schwarm-Intelligenz entwickelt sich aus mehreren früheren Linien gleichzeitig: Archiv, partizipatorische Kunst, interaktives Buch, Tausend Tische, Begriffshandwerk und KI.

Sie ist deshalb nicht lediglich eine Webseite.

Sie soll Werkarchiv, Forschungsprotokoll, Begriffssystem, interaktives Buch, Besucherarbeitsplatz und öffentlicher Prüfraum zugleich werden.

In einer späteren Verdichtung wurde sie als öffentlicher Simulator verstanden, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von KI trainiert und geprüft werden kann.

Das ist eine wichtige Veränderung. Zunächst stand „Schwarmintelligenz“ stärker für die Zusammenführung vieler Menschen und ihrer Beiträge. Inzwischen wird deutlicher, dass bloße Menge keine Intelligenz garantiert. Auch ein Schwarm kann Vorurteile, Moden und Machtstrukturen verstärken.

Der entscheidende Zusatz lautet deshalb: Schwarmintelligenz benötigt Prüfoperatoren.

Nicht die häufigste Antwort gewinnt. Entscheidend ist, welche Antwort unter nachvollziehbaren Bedingungen trägt, welche Folgen sie hervorbringt und ob sie korrigierbar bleibt.

Damit verbindet die Plattform digitale Beteiligung mit dem alten handwerklichen Funktionsmaßstab.

25. So-Heits-Gesellschaft: Von der Kritik zum Gesellschaftsentwurf

Die So-Heits-Gesellschaft entsteht aus einer entscheidenden Lücke der Forschung. Eine Diagnose des Gefängnisses genügt nicht. Wer die bestehende Ordnung kritisiert, muss zumindest untersuchen können, worin eine andere Orientierung bestehen könnte.

„So-Heit“ meint dabei nicht Fatalismus und nicht die Behauptung, alles müsse so bleiben, wie es ist. Gemeint ist zunächst die Rückbindung an das, was unter bestimmten Bedingungen tatsächlich der Fall ist und welche Konsequenzen eine Tätigkeit tatsächlich hervorbringt.

Die So-Heits-Gesellschaft ist deshalb keine fertige Utopie.

Sie ist der Versuch, gesellschaftliche Konstruktionen nicht mehr zuerst an Ideologie, Besitzstand, Tradition, Marktwert oder Mehrheitsmeinung zu prüfen, sondern an ihrer Tragfähigkeit innerhalb der Plexus-Wirklichkeit.

Hier erhält technē eine neue Bedeutung. Die Gesellschaft wird wieder als herzustellende und korrigierbare Form gedacht. Nicht jeder Mensch muss Künstler im institutionellen Sinn werden. Aber jeder Mensch ist an Tätigkeiten beteiligt, durch die gemeinsame Bedingungen gestaltet werden.

Daraus folgt die These des Menschen als Kunstwerk und Künstler.

Der Mensch ist Kunstwerk, weil seine Rollenidentität durch Familie, Sprache, Schule, Religion, Wirtschaft, Recht, Medien und andere Menschen geformt wurde.

Er ist Künstler, weil er selbst durch seine Tätigkeiten an der Fortsetzung oder Veränderung dieser Formen beteiligt ist.

Und die Gesellschaft ist ein Gedankenkunstwerk, weil sie zu erheblichen Teilen aus menschlichen Zuschreibungen, Regeln und Institutionen besteht.

Diese Formulierung erhält ihren kritischen Sinn jedoch erst durch die Ergänzung: Das Gedankenkunstwerk hat reale Tätigkeitskonsequenzen. Deshalb kann es nicht beliebig sein.

26. Rollenidentitätsgefängnis, Freiheit und Belohnung

Die jüngste Forschung verschärft die Skulpturidentität zum Begriff des Rollenidentitätsgefängnisses.

Der moderne Mensch erlebt seine gesellschaftliche Rolle häufig als Ausdruck seiner Freiheit. Er darf wählen, kaufen, verkaufen, Karriere machen, sich darstellen und sich immer wieder neu erfinden.

Gerade diese Möglichkeiten können jedoch zur Stabilisierung der Ordnung beitragen.

Der Käfig benötigt deshalb nicht nur Gitter. Er benötigt Belohnungen.

Status, Geld, Macht, Anerkennung, Einfluss, Konsum, Unterhaltung und digitale Sichtbarkeit können dem Menschen das Gefühl vermitteln, innerhalb der bestehenden Ordnung besonders erfolgreich und frei zu sein.

Die Forschungshypothese lautet daher: Ein hochentwickeltes Gefängnissystem muss seine Insassen nicht primär durch sichtbare Gewalt halten. Es kann sie durch Identität und Belohnung an sich binden.

Diese These ist keine allgemeine sozialwissenschaftliche Feststellung und müsste für einzelne Institutionen empirisch geprüft werden. Im So-Heits-Atelier kann sie jedoch als künstlerische Versuchsanordnung sichtbar gemacht werden.

Die offene Tür des Feuerkäfigs ist hierfür entscheidend. Sie stellt die schwierigere Frage: Warum verlässt ein Mensch eine schädigende Ordnung nicht, obwohl er ihre Folgen erkennen kann?

27. So-Heits-Atelier: Das Lebenswerk wird zum öffentlichen Prüfraum

Das So-Heits-Atelier bündelt schließlich die gesamte Werkentwicklung.

Es ist weder retrospektive Ausstellung noch bloße Präsentation einer Theorie. Es soll das historische Lebenswerk, die aktuellen Forschungsmodelle und die Tätigkeit des Besuchers miteinander verbinden.

Der Besucher kommt aus genau jener sozio-psychologischen, ökonomischen und symbolischen Welt, die der Positionsanker beschreibt.

Im Atelier wird ihm keine fertige Gegenideologie angeboten.

Er begegnet der 24-Stunden-Uhr und damit seinem planetarischen Maßstab.

Er begegnet dem Astronauten und seinen fehlenden Versorgungsschläuchen.

Er begegnet der Schultafel, dem Wellenbecken, der Kartoffel, dem Gordischen Knoten, dem Vorgabebild, den Folien und dem Mitmachbuch.

Er begegnet 50:50, 51:49 und 1:99 als unterschiedlichen Prüfmodellen.

Er begegnet seiner eigenen Rollenidentität.

Und schließlich begegnet er dem Feuerkäfig als Verdichtung seiner gegenwärtigen Lage.

Der Besucher ist damit gleichzeitig Betrachter, Untersuchungsgegenstand und Untersuchender.

Er soll nicht glauben müssen, dass die Plexus-Wirklichkeit richtig ist. Er soll zum Ermittler werden.

Hier erreicht die Entwicklung von der frühen Partizipationskunst eine neue Stufe. Beteiligung bedeutet nicht mehr nur, etwas zum Kunstwerk hinzuzufügen. Beteiligung bedeutet, die eigenen Überzeugungen, Rollen und Tätigkeitskonsequenzen in den Prüfprozess einzubeziehen.

28. Documenta als Verortungsprozess

Die wiederholten documenta-Bezüge gehören deshalb nicht außerhalb der Forschung, sondern zu ihrer Werkgenese.

Die Bewerbungen und Auseinandersetzungen mit der documenta seit den 1970er Jahren bilden periodische Versuche, diese Arbeit an einem Ort zu verorten, an dem Kunst ihren eigenen gesellschaftlichen Anspruch öffentlich prüfen kann.

Die documenta 16 wird inzwischen doppelt verstanden.

Sie ist möglicher Ort des So-Heits-Ateliers.

Sie ist zugleich selbst Prüfgegenstand.

Wenn die Arbeit davon ausgeht, dass Verortung bedeutet, zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Ort mit dem richtigen Inhalt zusammenzubringen, dann hat die documenta 16 tatsächlich bereits vor ihrer Eröffnung begonnen. Die Vorbereitung, das Anschreiben, die Collagen, die Begriffsarbeit, die Folien, die KI-Gespräche und die Entwicklung des Mitmachbuchs sind selbst plastische Formarbeit.

Auch die Idee des Memento-mori-Ateliers gehört hier hinein. Das unbetretbare Atelier mit dem zurückgelassenen Lebenswerk stellt die Frage nach Verantwortung über die eigene Lebenszeit hinaus. Dem steht das lebendige So-Heits-Atelier im Stadtraum gegenüber. Das eine zeigt die Spur des Gewesenen, das andere setzt die Forschung fort.

29. Die Gesamtarchitektur der entstandenen Forschung

Inzwischen lässt sich die Entwicklung als zusammenhängende Architektur erkennen.

Am Anfang steht das Tun. Handwerk, Naturbeobachtung, Fotografie, plastische Arbeit und gesellschaftliche Aktion erzeugen Erfahrungen.

Aus dem Tun entsteht die Differenz. Etwas funktioniert anders als erwartet. Material, Wasser, Mensch oder gesellschaftliche Reaktion bilden ein Gegenüber.

Aus der Differenz entsteht die Frage.

Aus wiederkehrenden Fragen entstehen Begriffe: 51:49, Lochprozess, plastisches Ich, Skulpturidentität, hineingedachte Eigenschaft, Plexus-Wirklichkeit.

Die Begriffe werden anschließend zu Prüfwerkzeugen: Vier-Ebenen-Modell, Prüfanker, Referenzoperator, Tragbedingungen, planetarische Kalibrierung.

Diese Werkzeuge werden wieder in künstlerische Prüfobjekte übersetzt: Wellenbecken, Schultafel, Kartoffel, Astronaut, Thermosflasche, Sandtrichter, Saftpresse, Folien und Feuerkäfig.

Die Prüfobjekte werden zu Beteiligungsverfahren: Malbuch, Mitmachbuch, Frage-Antwort-Tisch, Tausend Tische.

Die Beteiligungsverfahren werden zu einer öffentlichen Forschungsarchitektur: Globale Schwarm-Intelligenz und So-Heits-Atelier.

Die Zielprojektion ist schließlich die So-Heits-Gesellschaft: nicht als fertiger Zustand, sondern als Gesellschaft, die ihre eigenen Konstruktionen fortlaufend an den Existenzbedingungen und Tätigkeitskonsequenzen prüfen und reparieren kann.

Der rote Faden lautet damit:

Tätigkeit → Differenz → Gegenüberstellung → Erfahrung → Rückkopplung → Begriff → Prüfung → Korrektur → erneute Tätigkeit.

Das ist wahrscheinlich die bislang kürzeste Form des gesamten Forschungsprozesses.

30. Was historisch oder wissenschaftlich belegbar ist – und was Forschungskunst bleibt

Für die weitere institutionelle Darstellung ist diese Trennung unverzichtbar.

Belegbar sind die Werkbiografie, Datierungen, Aktionen, documenta-Bewerbungen, Objekte, Texte, Ausstellungen, Archive und dokumentierten Arbeitsprozesse.

Wissenschaftlich anschlussfähig beziehungsweise empirisch prüfbar sind beispielsweise die Abhängigkeit lebender Organismen von Umweltbedingungen, die unterschiedliche Wirkungsweise physikalischer Eigenschaften und gesellschaftlicher Zuschreibungen, Rückkopplungsprozesse, biologische Verletzbarkeit, die extrem kurze Dauer menschlicher Geschichte im Verhältnis zur Erdgeschichte sowie die reale gesellschaftliche Wirkung von Recht, Geld, Institutionen und Eigentumsordnungen.

Historisch prüfbar sind sprachliche und philosophische Bezüge zu technē, idiōtēs, res, symmetria, Platon, Aristoteles, christlichen Leib-Seele-Vorstellungen oder unterschiedlichen Wissenschaftsgeschichten.

Nicht als wissenschaftlich bewiesene Tatsachen dargestellt werden dürfen dagegen:

die Plexus-Wirklichkeit als vollständiges Wirklichkeitsmodell;

51:49 als universelles Naturprinzip;

50:50 als allgemeine Ursache westlicher Zivilisation;

1:99 als allgemeingültige statistische Herrschaftsform;

das Rollenidentitätsgefängnis als umfassende Beschreibung aller Menschen;

die Behauptung, Psychologie diene heute grundsätzlich der Manipulation;

die These, 2500 Jahre Wissenschaft hätten das heutige Gefängnis erzeugt;

die Prognose, die Menschheit könne ihre Systemkräfte nicht mehr rechtzeitig auflösen;

und die So-Heits-Gesellschaft als erwiesenermaßen tragfähige Alternative.

Diese Aussagen besitzen innerhalb der Forschungskunst den Status von Hypothesen, Modellen, Prüfbehauptungen und künstlerischen Verdichtungen.

Gerade diese Offenlegung schwächt die Arbeit nicht. Sie schützt sie vor dem Übergang zur eigenen Ideologie.

31. Doppelungen und begriffliche Unklarheiten

Die inzwischen entstandene Begriffswelt ist sehr reich, aber teilweise zu reich.

Die Begriffe Tragwirklichkeit, Plexus-Wirklichkeit, Wirkungswelt und So-Heit überschneiden sich. Sie sollten nicht viermal denselben Grundgedanken tragen. Sinnvoll wäre, Plexus-Wirklichkeit als Gesamtbegriff zu verwenden. Wirkungswelt bezeichnet dann die Ebene der tatsächlich eintretenden Folgen. Tragbedingungen bezeichnen konkrete Bedingungen des Funktionierens. So-Heit bezeichnet die erkenntnismethodische Haltung, diese Bedingungen vor den eigenen Wunschvorstellungen anzuerkennen.

Plastisches Ich und Tragbewusstsein überschneiden sich ebenfalls teilweise. Das plastische Ich bezeichnet besser den lebendigen Organismus in seiner Veränderlichkeit. Tragbewusstsein bezeichnet die erworbene Fähigkeit, die eigenen Abhängigkeiten und Konsequenzen zu berücksichtigen. Beide können daher bestehen bleiben, wenn ihre Funktionen so getrennt werden.

Skulpturidentität und Rollenidentitätsgefängnis sind ebenfalls nicht identisch. Die Skulpturidentität bezeichnet die verfestigte Selbstform eines Menschen. Das Rollenidentitätsgefängnis bezeichnet die gesellschaftliche Struktur, in der solche Identitäten hergestellt, belohnt und reproduziert werden.

Lochprozess und Lücke müssen klarer getrennt werden. Der Lochprozess ist der Verlust einer Beziehung durch Selektion oder Verdeckung. Die Lücke ist das bewusst werdende Nichtwissen beziehungsweise die Differenz, aus der Lernen entstehen kann.

Prüfanker, Referenzoperator und Prüfoperator dürfen ebenfalls nicht synonym verwendet werden. Der Prüfoperator ist das Gesamtverfahren. Prüfanker sind konkrete Maßstäbe innerhalb dieses Verfahrens. Der Referenzoperator ist ein bestimmter Prüfanker, der verlangt, eine Aussage wieder auf etwas außerhalb ihres eigenen Zeichensystems zu beziehen.

50:50, 51:49 und 1:99 müssen als drei unterschiedliche Operationen kenntlich bleiben und dürfen nicht wie Varianten einer einzigen mathematischen Theorie erscheinen.

32. Mögliche Vereinfachung des Begriffssystems

Die gesamte Forschung könnte künftig auf fünf Hauptbegriffe reduziert werden.

Der erste wäre die Plexus-Wirklichkeit als Beziehungs- und Abhängigkeitszusammenhang.

Der zweite wäre die Tätigkeitskonsequenz als Verbindung von Handlung und Wirkung.

Der dritte wäre die plastische Rückkopplung als Möglichkeit, aus einer Differenz zu lernen und eine Form zu verändern.

Der vierte wäre der Prüfoperator als methodisches Verfahren, das Modelle, Rollen und Konstruktionen an Referenzen und Konsequenzen prüft.

Der fünfte wäre die So-Heits-Gesellschaft als gesellschaftliche Zielprojektion einer dauerhaft prüf- und reparaturfähigen Kultur.

51:49, 50:50, 1:99, Millisekundenmensch, Vier-Ebenen-Modell, Lochprozess, Astronaut, Feuerkäfig, Tragbedingungen und Foliengrammatik würden dann als spezialisierte Unterwerkzeuge dieser fünf Hauptbegriffe funktionieren.

Das könnte die Verständlichkeit erheblich erhöhen, ohne die Forschung zu verarmen.

33. Noch fehlende Verbindungen

Die größte noch offene Verbindung liegt zwischen Diagnose und legitimer Entscheidung.

Der Prüfoperator kann zeigen, dass eine Tätigkeit bestimmte Folgen hervorbringt. Daraus folgt jedoch noch nicht automatisch, welche gesellschaftliche Entscheidung getroffen werden soll. Verschiedene Menschen können unterschiedliche Risiken, Zeiträume und Bedürfnisse gewichten. Die So-Heits-Gesellschaft benötigt deshalb ein Verfahren, das nicht nur Tragfähigkeit prüft, sondern den Umgang mit unvermeidlichen Konflikten transparent macht.

Eine zweite offene Verbindung betrifft Macht und Rückkopplung. Wer darf Folgen auslagern? Wer wird gezwungen, sie zu tragen? Hier muss der 1:99-Anker genauer mit Eigentum, Institutionen und Entscheidungszugängen verbunden werden.

Eine dritte offene Frage betrifft Irreversibilität. Manche Fehler lassen sich reparieren, andere nicht. Der bisherige plastische Korrekturbegriff muss deshalb zwischen reversiblen und irreversiblen Tätigkeitskonsequenzen unterscheiden.

Eine vierte offene Verbindung betrifft Zeit. Rückkopplungen können Sekunden, Jahrzehnte oder Generationen benötigen. Der Millisekundenmensch und die 24-Stunden-Uhr müssen deshalb mit einer Theorie unterschiedlicher Rückkopplungszeiten verbunden werden.

Eine fünfte betrifft die Globalisierung des Prüfmaßstabes. Die bisherige Begriffsgeschichte ist stark europäisch geprägt. Eine Globale Schwarm-Intelligenz kann aber nicht behaupten, global zu sein, wenn andere kulturelle Wirklichkeits- und Beziehungskonzepte lediglich an ein europäisches Modell angehängt werden.

Eine sechste offene Frage betrifft die Selbstprüfung der Forschungskunst. Welche ihrer Begriffe sind inzwischen selbst zu Skulpturidentitäten geworden? Wo verteidigt die Forschung eigene Begriffe nur deshalb, weil viel Arbeit in ihnen steckt? Das Begriffshandwerk muss auch das eigene Werk zerlegen dürfen.

34. Die derzeitige Gesamtposition

Die heutige Position lässt sich damit deutlich präziser bestimmen als noch zu Beginn der Gespräche.

Die Forschung behauptet nicht mehr einfach, eine bessere Gesellschaft gefunden zu haben. Sie untersucht, warum eine hochentwickelte Zivilisation trotz Wissen und Korrekturfähigkeit ihre eigenen Existenzbedingungen beschädigen kann.

Ihre Antwort ist eine Hypothese: Der Mensch hat zwischen sich und die Wirkungswelt ein hochwirksames Geflecht symbolischer Konstruktionen geschoben. Rollen, Eigentum, Geld, Status, institutionelle Zuständigkeiten, Glaubensmodelle und technische Möglichkeiten können sich zu einem System verbinden, in dem die symbolische Geltung stärker erlebt wird als die Rückmeldung der Existenzbedingungen.

Der Millisekundenmensch hält dieses System für seine Wirklichkeit.

Der 50:50-Symmetrie-Dualismus liefert ihm Vorstellungen perfekter Ordnung.

Die 1:99-Herrschaftsstruktur konzentriert Verfügungsmöglichkeiten.

Psychologische, ökonomische und mediale Belohnungssysteme können die Identifikation mit den Rollen verstärken.

Technische, medizinische, ökonomische, religiöse und kosmische Zukunftsversprechen ermöglichen die Hoffnung auf Fortsetzung oder Erlösung, ohne einen grundlegenden Gesellschaftsentwurf zu benötigen.

Die private Sorge für Kinder bleibt bestehen, wird aber häufig nicht auf die langfristigen gemeinsamen Tätigkeitskonsequenzen zurückgekoppelt.

Der Feuerkäfig bringt diese Diagnose auf ein Bild: Die Tür steht offen, das Gefängnis brennt, der Mensch trägt den Anzug seiner Rollenidentität, seine wirklichen Versorgungsschläuche sind abgetrennt, und dennoch bleibt er im goldenen Käfig.

Aber genau an diesem Punkt darf die Forschung nicht enden.

Denn wenn sie bereits weiß, dass der Mensch den Käfig nicht verlassen wird, wäre auch das So-Heits-Atelier nur noch eine Illustration einer fertigen Überzeugung.

Der entscheidende nächste Schritt besteht deshalb darin, den Feuerkäfig vom Beweisbild zum Prüfbild zu machen.

Der Besucher muss fragen können:

Ist dies tatsächlich mein Käfig?

Welche Gitter existieren wirklich?

Welche habe ich selbst hineingedacht?

Welche schützen mich?

Welche verletzen mich?

Welche Belohnungen halten mich darin?

Welche Abhängigkeiten liegen außerhalb meiner Wahrnehmung?

Was würde ich verlieren, wenn ich hinausginge?

Was befindet sich überhaupt hinter der offenen Tür?

Und woran könnte ich feststellen, dass die Diagnose dieses Bildes falsch ist?

Erst damit wird aus dem Positionsanker wieder Forschungskunst.

Schluss: Von der Lebensarbeit zur öffentlichen Wirklichkeitsprüfung

Die mehr als fünf Jahrzehnte lange Werkentwicklung lässt sich heute nicht als Abfolge einzelner Kunstprojekte verstehen. Sie bildet einen Forschungsprozess, in dem sich die Form der Frage immer wieder verändert hat.

Aus der Frage, ob Kunst Gesellschaft verändern kann, wurde die Untersuchung, wie Menschen überhaupt Wirklichkeit konstruieren.

Aus der experimentellen Umweltgestaltung wurde die Untersuchung von Tätigkeitszusammenhängen.

Aus der Partizipation wurde Gegenüberstellung.

Aus der Gegenüberstellung wurde Rückkopplung.

Aus dem handwerklichen Funktionieren und Nichtfunktionieren wurde der Prüfoperator.

Aus dem Vorgabebild wurde das Prüfobjekt.

Aus den Malbüchern wurde das Mitmachbuch.

Aus den Tischen wurde das verteilte Labor.

Aus dem Archiv wurde die Globale Schwarm-Intelligenz.

Aus der Gesellschaftskritik wurde die So-Heits-Gesellschaft als Prüfprojekt.

Aus dem Atelier des einzelnen Plastikers wird das So-Heits-Atelier als öffentlicher Forschungsraum.

Und aus dem Menschen als Betrachter wird der Mensch als Kunstwerk, Künstler und Ermittler der eigenen Tätigkeitskonsequenzen.

Die Gesamtarchitektur der Forschung besteht deshalb nicht in einer endgültigen Theorie der Wirklichkeit. Ihr stärkster Anspruch liegt woanders: eine künstlerische Prüfarchitektur zu entwickeln, in der Menschen ihre eigenen Wirklichkeitskonstruktionen wieder einem Gegenüber aussetzen können.

Darin liegt zugleich die Verbindung zwischen dem ersten handwerklichen Werkstück und dem heutigen Feuerkäfig.

Das Werkstück konnte widersprechen.

Die Wirklichkeit kann es ebenfalls.

Die offene Frage ist, ob die menschliche Gesellschaft noch lernen kann, diesen Widerspruch rechtzeitig als Rückkopplung zu benutzen.

Für eine nächste Verdichtung lässt sich daraus ein verbindlicher Positionsanker 2026 von etwa drei bis fünf Seiten ableiten, in dem nur noch die tragenden Begriffe und ihre Beziehungen stehen.

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