Mögliche Konsequenzen einer So-Heit-Gesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft beginnt dort, wo der Mensch nicht mehr fragt, wie er die Welt vollständig beherrschen kann, sondern wie er innerhalb ihrer Bedingungen verantwortlich teilnehmen, unterscheiden, gestalten, zweifeln und reparieren kann.
Sie ist keine Rückkehr.
Sie ist die Fortsetzung einer unterbrochenen Bewegung: von der Kunstfertigkeit zur Lebenskunst, von der privaten Fähigkeit zur öffentlichen technē, von der Sozialen Plastik zur Plastischen Anthropologie, vom isolierten Künstler zum gemeinsamen Kunstwerk Menschheit und von der unbewussten Gestaltung zur öffentlichen Prüf- und Reparaturarchitektur der Globalen Schwarm-Intelligenz.
Ausgangspunkt einer unterbrochenen Werkbewegung
Die So-Heits-Gesellschaft ist kein Rückfall in eine vermeintlich harmonische Vergangenheit und keine historische Behauptung über eine tatsächlich nachgewiesene prähistorische Idealgesellschaft. Sie ist eine künstlerisch hergestellte Vergangenheits-Utopie: ein Gegenüberstellungsmodell, das in eine fiktive prähistorische Kultur auf Kreta vor etwa sechstausend Jahren verlegt wird, um von dort aus die Gegenwart betrachten und eine zukünftige Gesellschaftsform entwerfen zu können. Die Vergangenheit dient nicht als Beweis, sondern als künstlerischer Entlastungs- und Vergleichsraum. Was noch nicht verwirklicht ist, wird so dargestellt, als wäre es bereits einmal möglich gewesen und müsse unter veränderten Bedingungen neu aufgefunden, geprüft und weiterentwickelt werden.
Die So-Heits-Gesellschaft ist deshalb eine Arbeit mit dem Futur II. Sie betrachtet aus einer vorgestellten Zukunft etwas, das in einer künstlerisch erzeugten Vergangenheit schon stattgefunden haben wird. Durch diese zeitliche Umkehrung entsteht eine Distanz zur Gegenwart. Die bestehenden Wirtschafts-, Eigentums-, Leistungs-, Konkurrenz- und Individualitätsordnungen verlieren den Anschein, die einzig möglichen Formen des Zusammenlebens zu sein. Sie können als menschlich hergestellte Formen erkannt, einer anderen Form gegenübergestellt und auf ihre Tragfähigkeit geprüft werden.
Die So-Heits-Gesellschaft ist damit kein fertiges Gesellschaftssystem, das nur noch umgesetzt werden müsste. Sie ist ein offenes Kunst-, Lern-, Trainings-, Prüf- und Reparaturmodell. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, eine ideale Gemeinschaft abzubilden, sondern die Bedingungen zu untersuchen, unter denen menschliches Zusammenleben tragfähig wird oder seine eigenen Existenzgrundlagen zerstört.
Die griechische technē als historische Prüfspur
Eine wichtige historische Prüfspur führt zum griechischen Verständnis der technē, des metron, der polis und der koinonia. Diese Begriffe dürfen nicht zu einem idealisierten Griechenlandbild zusammengefügt werden. Die antiken Gesellschaften waren selbst von Herrschaft, Ausschluss, Sklaverei und Ungleichheit geprägt. Dennoch enthalten ihre Begriffe Spannungen und Möglichkeiten, die für eine zukünftige Kunstgesellschaft erneut geprüft werden können.
Technē bezeichnet nicht nur Technik und nicht nur Kunstfertigkeit. Sie verbindet Wissen, Erfahrung, Übung, Materialkenntnis, Herstellung, Zweck, Maß, Fehlerprüfung und Verantwortung. Können zeigt sich nicht allein in der Fähigkeit, eine Vorstellung durchzusetzen. Es bewährt sich daran, ob eine hergestellte Form funktioniert, ob sie dem Material und der Situation angemessen ist und ob sie innerhalb der Gemeinschaft einen tragfähigen Beitrag leistet.
Metron bezeichnet das Maß, aber nicht notwendig eine starre Mitte oder mathematische Gleichverteilung. Maß entsteht in der Beziehung zwischen Kräften, Grenzen, Belastungen, Möglichkeiten und Folgen. Es muss immer neu an der jeweiligen Wirklichkeit geprüft werden.
Polis bezeichnet nicht nur den Staat oder eine Verwaltungseinheit, sondern den öffentlichen Raum, in dem gemeinschaftliche Angelegenheiten sichtbar, verhandelbar und verantwortbar werden. Koinonia verweist auf Teilhabe, Verbindung und gemeinsame Praxis. In der So-Heits-Gesellschaft werden diese Begriffe nicht historisch restauriert, sondern als Werkzeuge einer gegenwärtigen und zukünftigen Prüfung aufgenommen.
Die Zukunfts-Kunstgesellschaft wäre deshalb keine Wiederkehr der antiken Polis. Sie wäre eine globale, digitale und zugleich körperlich, materiell und örtlich rückgebundene Weiterentwicklung der Frage, wie Können, Maß, Teilhabe und Gemeinsinn miteinander verbunden werden können.
Die Bedeutung der So-Heit
So-Heit bezeichnet nicht lediglich, dass jeder Mensch so akzeptiert werden soll, wie er ist. Eine solche Deutung wäre zu statisch. Sie würde den Menschen erneut als fertige Form behandeln und könnte aus der Anerkennung des Vorgefundenen eine unveränderliche Identität herstellen.
So-Heit bezeichnet zunächst das konkrete So-Sein einer Sache, eines Organismus, einer Beziehung oder einer Situation: Wie ist sie unter den gegenwärtigen Bedingungen tatsächlich beschaffen? Welche Materialien, Tätigkeiten, Abhängigkeiten, Zuschreibungen und Folgen bilden ihre jeweilige Form? Was daran ist vorgefunden, was organismisch entstanden, was menschlich hergestellt, was hineingedacht und was institutionell bestätigt worden?
Die So-Heit eines Menschen ist daher nicht eine verborgene innere Essenz. Sie besteht auch nicht in einem unveränderlichen Charakter. Sie bezeichnet seine jeweilige reale Einbindung in einen offenen Formungsprozess. Der Mensch ist Körperorganismus, Stoffwechselgeschehen, Wahrnehmender, Tätiger, Mitgestalteter und Mitgestalter. Er besitzt eine besondere Lebensgeschichte und bleibt zugleich auf Luft, Wasser, Nahrung, Wärme, andere Menschen, Lebewesen, Stoffkreisläufe und gesellschaftliche Kooperation angewiesen.
So-Heit bedeutet daher: Du bist in deiner besonderen Form wirklich vorhanden, aber du bist nicht unabhängig entstanden und nicht abgeschlossen. Du bist Teil einer gemeinsamen Trag- und Plexuswirklichkeit. Deine Besonderheit hebt deine Abhängigkeit nicht auf, und deine Abhängigkeit löscht deine Besonderheit nicht aus.
Der Mensch als Künstler und Kunstwerk
Die So-Heits-Gesellschaft geht von einer doppelten Bestimmung des Menschen aus. Der Mensch ist Künstler und zugleich Kunstwerk. Beide Aussagen dürfen nicht als natürliche Eigenschaften missverstanden werden. „Künstler“ und „Kunstwerk“ sind menschliche Begriffe, deren Inhalt durch eine konkrete Tätigkeit ausgewiesen werden muss.
Der Mensch ist Künstler, weil er wahrnimmt, auswählt, abgrenzt, erinnert, vergleicht, kombiniert, darstellt, modelliert, verändert und verwirklicht. Er erzeugt Bilder, Begriffe, Rollen, Werkzeuge, Institutionen, Wirtschaftsformen, Rechtsordnungen, Wissenschaftsmodelle und technische Apparaturen. Er gestaltet nicht nur einzelne Gegenstände, sondern eine umfassende Menschenwelt.
Der Mensch ist zugleich Kunstwerk, weil er selbst geformt wird. Er entsteht nicht aus sich selbst. Sein Körper wird in organismischen Entwicklungsprozessen gebildet, seine Wahrnehmung wird durch materielle und soziale Bedingungen geprägt, seine Sprache wird übernommen und verändert, seine Rollen werden zugeschrieben, erlernt, dargestellt und teilweise verinnerlicht. Er ist nicht der souveräne Bildhauer, der außerhalb seines Materials steht. Er arbeitet innerhalb einer Plastik, zu der er selbst gehört.
Das Menschsein als Kunstwerk bedeutet daher keine erhabene Inhaltszuschreibung und keine Behauptung göttlicher Vollkommenheit. Es bezeichnet ein offenes, verletzliches, abhängiges und rückkopplungsfähiges Werkgeschehen. Der Mensch formt sich mit, ohne sich vollständig selbst hervorgebracht zu haben. Er gestaltet seine Lebensbedingungen und wird durch deren Veränderungen zurückgestaltet.
Der verschüttete Künstler und die Freilegung des Handwerkszeugs
Die künstlerischen Grundlagen müssen dem Menschen nicht vollständig von außen beigebracht werden. Sie zeigen sich bereits in seiner frühen körperlichen und spielerischen Entwicklung. Das Kind kritzelt, berührt, hämmert mit einem Löffel auf einen Topf, spielt mit Wasser, bewegt Sand, baut mit Gegenständen, erfindet Rollen und verändert seine Stimme. Es erforscht dabei Spur, Linie, Fläche, Klang, Rhythmus, Gewicht, Gleichgewicht, Widerstand, Raum, Nähe, Entfernung, Wiederholung und Abweichung.
In diesen Tätigkeiten liegen die elementaren Grundlagen aller künstlerischen Disziplinen. Zeichnung beginnt mit Spur und Bewegung. Malerei beginnt mit Farbe, Fläche und Überlagerung. Plastik beginnt mit Berührung, Druck, Gewicht und Formbarkeit. Skulptur beginnt mit Trennung und Wegnahme. Musik beginnt mit Klang, Rhythmus und Pause. Tanz beginnt mit Körper, Schwerkraft und Raum. Theater beginnt mit Rolle, Nachahmung und Darstellung. Architektur beginnt mit Grenze, Schutz, Zugang, Innen und Außen. Fotografie beginnt mit Standpunkt, Ausschnitt, Licht und Augenblick. Collage beginnt mit Trennung und Neuverbindung. Performance und Verrichtungskunst beginnen mit der bewussten Tätigkeit in Raum und Zeit.
Der Künstler wird im Menschen nicht erst erzeugt. Er kann jedoch durch Leistungsdruck, Spezialisierung, Bewertung, Anpassung, Angst vor Fehlern und wirtschaftliche Verwertung verschüttet werden. Die So-Heits-Gesellschaft soll diesen verschütteten Künstler nicht durch eine neue Identitätsbehauptung ersetzen. Sie soll das vorhandene Handwerkszeug freilegen, trainieren und mit Maß, Verantwortung und Folgenprüfung verbinden.
Joseph Beuys und die ernst genommene Soziale Plastik
Joseph Beuys’ Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ und sein Begriff der Sozialen Plastik bilden einen wichtigen werkgeschichtlichen Ausgangspunkt. Sie öffnen den Kunstbegriff über die Herstellung einzelner Kunstgegenstände hinaus. Denken, Sprache, Bildung, Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft werden als gestaltbare Formen sichtbar.
Als Joseph Beuys 1980 in einem persönlichen Gespräch über meine künstlerische Arbeit sagte, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst, bezeichnete dies rückblickend eine entscheidende Weggabelung. Die Soziale Plastik wurde von mir nicht nur als programmatische Erweiterung des Kunstbegriffs oder als befreiende Formel verstanden. Ich nahm sie als tatsächlichen gesellschaftlichen Auftrag.
Wenn jeder Mensch Künstler ist, muss gefragt werden, welches Handwerkszeug er benötigt. Wenn Gesellschaft Plastik ist, muss geprüft werden, welche Materialien, Kräfte, Abhängigkeiten, Lasten und Folgen in ihre Formbildung eingehen. Wenn jeder Mensch mitgestaltet, muss unterschieden werden, über welche reale Macht er verfügt und welche Verantwortung ihm tatsächlich zugerechnet werden kann. Wenn die gemeinsame Gestaltung Schäden erzeugt, muss ein Reparaturverfahren vorhanden sein.
Die Plastische Anthropologie 51:49 und die So-Heits-Gesellschaft führen diese Fragen weiter. Sie ergänzen die Soziale Plastik um die materielle Tragwirklichkeit, die organismische Verletzlichkeit, den Materialwiderstand, die Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen, das Nichtwissen und die öffentliche Reparatur.
Die Unterscheidung zwischen Welt ohne Menschen und Menschenwelt
Die So-Heits-Gesellschaft benötigt eine grundlegende Gegenüberstellung. Auf der einen Seite steht die nicht vom Menschen geschaffene physikalische und kosmische Wirklichkeit. Auf der anderen Seite steht die Menschenwelt aus Begriffen, Bildern, Rollen, Werten, Eigentum, Geld, Recht, Religion, Wissenschaft, Wirtschaft, Institutionen und technischen Apparaturen.
Diese Gegenüberstellung behauptet keine wirkliche Trennung des Menschen von der Welt. Der Mensch bleibt vollständig in die vorgefundene Wirklichkeit eingebunden. Sie dient dazu, sichtbar zu machen, was Menschen nicht geschaffen haben und was sie innerhalb dieser Wirklichkeit hinzufügen.
Eine Landschaft, ein Baum, ein Tier oder das Universum sind nicht unabhängig von menschlicher Wahrnehmung und Sprache „Kunstwerke“. Die Bezeichnung Kunstwerk ist eine menschliche Interpretation. Sie kann eine sinnvolle Gegenüberstellung eröffnen, darf aber nicht wie eine materielle Eigenschaft der Natur behandelt werden.
Die Menschenwelt ist dagegen in einem grundlegenden Sinne immer Werk. Sie ist hergestellt, dargestellt, wiederholt, geregelt und institutionell bestätigt. Das bedeutet nicht, dass jede menschliche Hervorbringung gelungene Kunst wäre. Auch Ausbeutung, Krieg, Konkurrenz, Finanzspekulation und ökologische Zerstörung sind Ergebnisse menschlicher Formung. Der Kunstwerkbegriff ist deshalb keine automatische Auszeichnung. Er legt Urheberschaft, Herstellung und Veränderbarkeit offen.
Das Vier-Ebenen-Modell als Grundlage der So-Heits-Gesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft benötigt das Vier-Ebenen-Modell, damit die unterschiedlichen Wirklichkeits- und Herstellungsformen nicht miteinander vermischt werden.
Die erste Ebene bezeichnet ausschließlich die nicht vom Menschen geschaffene physikalische und kosmische Trag-, Verletzungs-, Abhängigkeits- und Konsequenzwirklichkeit. Dazu gehören Materie, Energie, Raumzeit, Schwerkraft, Temperatur, Druck, Widerstand, Bewegung, Umwandlung und reale Tätigkeitsfolgen.
Die zweite Ebene bezeichnet die organismische Wirklichkeit. Hierzu gehören Atmung, Stoffwechsel, Wahrnehmung, Bewegung, Regulation, Wachstum, Verletzung, Krankheit, Regeneration, Fortpflanzung, Geburt, Alterung und Tod. Diese Vorgänge sind nicht frei erfunden, auch wenn Menschen sie durch Begriffe ordnen und interpretieren.
Die dritte Ebene umfasst die von Menschen erzeugten Bilder, Begriffe, Rollen, Werte, Symbole, Eigentumsordnungen, Geldsysteme, Rechtsformen, Religionen, Wissenschaftsmodelle, Institutionen, Statusordnungen und gesellschaftlichen Identitäten. Diese Formen sind nicht materiell eigenschaftslos, aber ihre behauptete Bedeutung ist nicht mit den Eigenschaften ihrer materiellen Träger identisch.
Die vierte Ebene ist die ausdrückliche künstlerisch-handwerkliche Tätigkeit des Unterscheidens, Gegenüberstellens, Prüfens, Rückkoppelns und Reparierens. Sie untersucht, was vorgefunden, was wahrgenommen, was als Gestalt ergänzt, was erfunden, was hineingedacht, was dargestellt, was institutionell bestätigt und was materiell verwirklicht wurde.
Die So-Heits-Gesellschaft ist nicht einfach eine neue Ordnung auf der dritten Ebene. Sie soll die vierte Ebene als öffentliche gesellschaftliche Gewohnheit ausbilden. Ihre Mitglieder sollen nicht nur neue Begriffe und Einrichtungen erzeugen, sondern deren Herstellungsweise und Folgen permanent mitprüfen.
Die Kommunikationssprache der Sinnesorgane und des Materials
Der So-Heits-Gesellschaft liegt eine Kommunikationssprache zugrunde, die nicht allein aus Wörtern besteht. Sie beginnt bei körperlicher Wahrnehmung, Materialberührung, Bewegung, Gleichgewicht, Temperatur, Druck, Klang, Rhythmus und Widerstand.
Schwimmen kann beispielsweise erfahrbar machen, dass Bewegungsfreiheit nicht aus Unabhängigkeit entsteht. Der Körper muss sich an Dichte, Auftrieb, Strömung, Atemrhythmus und Widerstand anpassen. Er kann sich im Wasser bewegen, weil er dessen Bedingungen aufnimmt und mit ihnen arbeitet. Freiheit entsteht als plastischer Toleranz- und Handlungsspielraum innerhalb einer Abhängigkeit.
Das Schälen einer Kartoffel kann zum Prüfmodell werden, weil dabei Begriff, Gegenstand, Materialstruktur, Werkzeug, Druck, Aufmerksamkeit, Nahrung, Stoffwechsel, Landwirtschaft, Eigentum, Handel und Abfall miteinander verbunden sind. Die scheinbar einfache Verrichtung öffnet einen umfassenden Tätigkeits- und Abhängigkeitszusammenhang.
Eine Sandlinie, eine Schultafel, eine Tanglandschaft, ein Deichmodell, eine Theaterrolle oder eine fotografische Aufnahme können unterschiedliche Aspekte derselben Kommunikationssprache sichtbar machen. Sie übersetzen Wahrnehmung und Vorstellung in Material, Raum und Tätigkeit. Dadurch werden die Unterschiede zwischen Modell und Wirklichkeit, Darstellung und Dargestelltem, Vorstellung und Folge erfahrbar.
Diese Sprache muss trainiert werden. Sie ersetzt die Wortsprache nicht, sondern bindet sie an Körper, Material und Konsequenz zurück.
Die falsche Grammatik der Menschenwelt
Die Menschheit ist nicht allein an mangelndem Wissen gescheitert. Ein Teil ihrer Fehlentwicklung liegt in einer Grammatik, die Tätigkeiten, Beziehungen und Zuschreibungen in scheinbar selbstständige Dinge und Eigenschaften verwandelt.
Aus dem Vorgang des Wertens wird „der Wert“, als besäße der Gegenstand eine eigenständige Wertsubstanz. Aus rechtlich geregelter Verfügung wird „Eigentum“, als wäre Besitz eine physikalische Eigenschaft. Aus bedingten Entscheidungsprozessen wird „der freie Wille“, als existiere eine unabhängige innere Instanz. Aus körperlichen, sprachlichen und sozialen Tätigkeiten wird „der Geist“, als wäre er ein vom Organismus ablösbarer Regisseur. Aus einer gesellschaftlich bestätigten Rolle wird „die Person“, als sei diese Rolle mit dem wirklichen Menschen identisch.
Die Nominalisierung eines Vorgangs kann aus einer Beziehung eine scheinbare Sache machen. Diese sprachlichen und begrifflichen Formen sind nicht wirkungslos. Sie können durch Recht, Institutionen, Geld, Macht und wiederholte Tätigkeit in materielle Folgen übersetzt werden. Gerade deshalb müssen sie von realen physikalischen und organismischen Eigenschaften unterschieden werden.
Die So-Heits-Gesellschaft versteht Sprache nicht als neutrale Beschreibung einer bereits fertig geordneten Wirklichkeit. Sprache ist selbst ein bildnerisches Werkzeug. Sie schneidet aus, verbindet, gewichtet, hebt hervor, verdeckt und stellt her. Ihr Gebrauch muss daher ebenso trainiert und geprüft werden wie der Umgang mit Farbe, Stein, Fotografie, Bühne oder Architektur.
Verletzungswelt und Unverletzlichkeitswelt
Die Menschenwelt erzeugt eine Unverletzlichkeitswelt aus Begriffen, Rollen, Bildern, Verträgen, Symbolen und institutionell bestätigten Eigenschaften. In dieser Welt kann ein Darsteller sterben, ohne körperlich zu sterben. Ein Mensch kann auf der Bühne König sein, ohne materiell eine königliche Eigenschaft zu besitzen. Ein Stück Papier oder eine digitale Zahl kann einen hohen Geldwert darstellen, ohne dadurch zu Nahrung, Wasser oder Wohnraum zu werden.
Diese Als-ob-Welt ist für Spiel, Kunst, Planung, Modellbildung, Recht und gesellschaftliche Koordination unverzichtbar. Problematisch wird sie, wenn ihre dargestellten und zugeschriebenen Eigenschaften mit den Eigenschaften der Verletzungswelt verwechselt werden.
Eigentum ist keine physikalische Eigenschaft eines Hauses. Es kann aber durch rechtliche und institutionelle Durchsetzung darüber entscheiden, ob ein verletzlicher Körper darin Schutz findet. Geld ist kein Lebensmittel. Es kann dennoch den Zugang zu Lebensmitteln regeln. Status ist keine organismische Eigenschaft. Er kann aber über Behandlung, Einfluss und Handlungsmöglichkeiten entscheiden.
Die So-Heits-Gesellschaft soll die Als-ob-Welt nicht abschaffen. Sie soll ihre Künstlichkeit offenlegen und ihre realen Rückkopplungen prüfen. Das Dargestellte muss als Dargestelltes, die Rolle als Rolle, der Begriff als Begriff und die Zuschreibung als Zuschreibung erkennbar bleiben. Zugleich müssen ihre tatsächlichen Eingriffe in Körper, Lebensräume und materielle Kreisläufe offengelegt werden.
Das Kunstwerk entsteht zwischen Vorstellung und Widerstand
Die So-Heits-Gesellschaft versteht die eigene Zukunft nicht als bloße Vorstellung. Eine Vorstellung ist noch kein reales Kunstwerk. Sie kann ein Entwurf, ein Vorgabebild oder ein Modell sein. Erst wenn sie in Tätigkeit, Material, Raum und Zeit eintritt, trifft sie auf Widerstände und erzeugt Folgen.
Im bildnerischen Bereich entsteht das Werk in der Gegenüberstellung zwischen vorgestellter Form und Materialeigenschaft. Der Stein, das Holz, die Farbe, das Licht, der Körper oder der Raum reagieren nicht wie passive Träger einer vollständig souveränen Absicht. Sie bringen Gewicht, Härte, Elastizität, Zeit, Bruch, Grenze und Eigenbewegung in den Prozess ein.
Dasselbe gilt für die So-Heits-Gesellschaft. Menschen sind kein formbares Material eines gesellschaftlichen Entwerfers. Eine Zukunfts-Kunstgesellschaft darf nicht nach einem einzigen Idealbild modelliert werden. Sie muss Widerstand, Unterschiedlichkeit, Nichtwissen, Kritik und abweichende Erfahrung in ihre Formbildung aufnehmen.
Das Kunstwerk entsteht deshalb nicht durch hundertprozentige Durchsetzung. Es entsteht in einer tragfähigen Beziehung von Setzung und Widerstand. Zum künstlerischen Können gehört auch der richtige Augenblick des Loslassens. Eine Form muss so weit entwickelt werden, dass sie in eine gemeinsame Wirklichkeit eintreten kann. Sie darf jedoch nicht so geschlossen werden, dass keine weitere Wahrnehmung, Beteiligung oder Korrektur mehr möglich ist.
51:49 als plastische Maßordnung
51:49 ist das zentrale Verhältniszeichen der So-Heits-Gesellschaft. Es ist keine Formel zur Berechnung einer idealen Gesellschaft und kein starres Mehrheitsprinzip. Es bezeichnet eine minimale Asymmetrie, durch die Bewegung, Austausch, Anpassung und Rückkopplung möglich bleiben.
Die 51 steht für eine vorläufige Setzung, eine Entscheidung, eine Richtung oder einen Versuch. Die 49 steht für Widerstand, Nichtwissen, Gegenbeispiel, Datenlücke, Materialgrenze, Kritik und Reparatur. Sie ist nicht der zu überwindende Rest, sondern die Bedingung dafür, dass eine Entscheidung plastisch und korrigierbar bleibt.
50:50 kann als scheinbar neutrale Symmetrie auftreten. Diese Gleichheit verdeckt jedoch häufig die Frage, wer die Gewichte setzt, wer die Lasten trägt und welche Voraussetzungen bereits ungleich verteilt sind. Eine mathematisch gleiche Teilung kann innerhalb einer asymmetrischen Wirklichkeit extreme Ungleichheit stabilisieren.
51:49 ist daher eine Gewichtungs- und Wägungsprüfung. Sie fragt nicht nur nach formaler Gleichheit, sondern nach Tragfähigkeit, Abhängigkeit, Belastung, Verletzbarkeit, Kipppunkt und Gemeinsinn. Die minimale Asymmetrie verhindert sowohl die starre Gleichsetzung als auch die totale Dominanz.
Das plastische Ich-Bewusstsein
Die So-Heits-Gesellschaft benötigt kein geistiges, körperloses oder autonomes Ich. Sie benötigt ein plastisches Ich-Bewusstsein. Dieses Ich ist keine unabhängige Substanz im Inneren des Körpers und kein Eigentümer des Organismus. Es ist eine körperlich, zeitlich, sozial und materiell bedingte Orientierungs- und Verantwortungsform.
Das plastische Ich kann zwischen eigenen und fremden Tätigkeiten unterscheiden, ohne sich deshalb als unabhängig zu betrachten. Es kann eine besondere Perspektive einnehmen, ohne sie mit der Wirklichkeit als Ganzem gleichzusetzen. Es kann Entscheidungen treffen, ohne daraus eine absolute Selbstursprünglichkeit abzuleiten.
Seine Freiheit besteht in einem Toleranzraum. Dieser Toleranzraum ist weder unbegrenzt noch vollständig vorgegeben. Er kann durch Übung, Erfahrung, Beziehung, Versorgung, Krankheit, Gewalt, institutionelle Macht oder materielle Knappheit erweitert oder eingeschränkt werden.
Die So-Heits-Gesellschaft soll diesen Handlungsspielraum nicht moralisch idealisieren. Sie soll seine Bedingungen sichtbar machen. Wer über mehr Geld, Eigentum, institutionelle Stellung, Technik und Entscheidungsmacht verfügt, besitzt andere Gestaltungsmöglichkeiten als ein Mensch, der um Nahrung, Schutz oder medizinische Versorgung kämpfen muss. Verantwortung muss deshalb nach realer Macht, Einfluss und Folgengewichtung unterschieden werden.
Vom Individuum zur plastischen Teilhaberschaft
Der Begriff des Individuums bezeichnet etymologisch das Unteilbare. Als gesellschaftliches Modell kann er den Menschen als abgegrenzte und selbstursprüngliche Einheit erscheinen lassen. Die So-Heits-Gesellschaft ersetzt die individuelle Besonderheit nicht durch eine vollständige Auflösung im Kollektiv. Sie unterscheidet jedoch Unterscheidbarkeit von Unabhängigkeit.
Ein Mensch ist als besonderer Organismus wiedererkennbar. Er besitzt eine eigene Lebensgeschichte, Perspektive und Verletzlichkeit. Daraus folgt aber keine materielle Autarkie. Er ist ein Teil- und Funktionszusammenhang innerhalb größerer Zusammenhänge.
Plastische Teilhaberschaft bedeutet deshalb, dass der Mensch als besondere Form innerhalb gemeinsamer Abhängigkeiten handelt. Er ist nicht bloß Teil einer homogenen Masse. Ebenso wenig ist er ein isoliertes Eigentums- und Konkurrenzsubjekt.
Die So-Heit lautet nicht: Jeder bleibt unverändert, wie er ist. Sie lautet: Jede besondere Form muss in ihren realen Beziehungen, Abhängigkeiten und Veränderungsmöglichkeiten wahrgenommen werden.
Die Kunstgesellschaft als Lern- und Trainingsgesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft kann nicht allein durch eine neue Verfassung oder eine politische Entscheidung entstehen. Sie benötigt ein fortdauerndes Training. Künstlerisches Können entwickelt sich durch Übung, Wiederholung, Korrektur, Materialerfahrung und öffentliche Bewährung. Dasselbe gilt für gesellschaftliches Gestalten.
Der Tagesbeginn in einer So-Heits-Gesellschaft könnte deshalb nicht nur aus Arbeitszuteilung und wirtschaftlicher Verwertung bestehen. Er könnte Raum schaffen für die Wahrnehmung von Träumen, körperlichen Zuständen, Erinnerungen, Konflikten und offenen Fragen. Diese Inhalte würden jedoch nicht als unmittelbare Wahrheiten behandelt. Sie könnten in Zeichnungen, Gedichten, Liedern, Theaterhandlungen, Modellen oder Gesprächen dargestellt und dadurch einem gemeinsamen Vergleich zugänglich gemacht werden.
Der Traum wäre eine reale organismische Erfahrung und Erinnerung, aber sein dargestellter Inhalt wäre nicht automatisch eine äußere Tatsache. Das Gefühl wäre wirklich als körperlich erlebter Zustand, aber seine Deutung müsste geprüft werden. Die Darstellung würde weder abgewertet noch mit der Wirklichkeit gleichgesetzt.
Das alltägliche Unterscheidungstraining zwischen Wahrnehmung, Vorstellung, Darstellung, Tätigkeit und Folge wäre die Grundlage eines neuen Tatsachenverständnisses. Kunst wäre keine Freizeitbeschäftigung neben dem eigentlichen Leben. Sie wäre die Praxis, durch die Menschen lernen, ihre Bilder, Begriffe und gesellschaftlichen Formen an der Wirklichkeit zu prüfen.
Bildung als Atelierarbeit
Schule und Bildung würden in der So-Heits-Gesellschaft zu Atelier- und Werkstattarbeit. Wissen wäre nicht allein ein übertragbarer Bestand von Aussagen. Es müsste in Wahrnehmung, Tätigkeit, Materialerfahrung, Vergleich und Anwendung überführt werden.
Die künstlerischen Disziplinen wären dabei nicht bloße Schulfächer. Sie wären unterschiedliche Verfahren der Wirklichkeitsprüfung. Fotografie würde den Ausschnitt und den Standpunkt untersuchen. Theater würde Rollen, Darstellung und soziale Inszenierung sichtbar machen. Plastik würde Material, Gewicht, Druck und Widerstand erfahrbar machen. Musik und Tanz würden Rhythmus, Spannung, Atem, Bewegung und Zusammenspiel trainieren. Collage würde zeigen, wie vorgefundene Bilder getrennt, verschoben und neu verbunden werden. Landschaftsarbeit würde die Beziehung von Körper, Ort, Material, Zeit und Veränderung offenlegen.
Der Lernende müsste nicht in jeder Disziplin professionelle Meisterschaft erreichen. Er sollte jedoch ihre grundlegenden Werkzeuge kennen, damit er die vielfältigen Formen menschlicher Darstellung und Herstellung unterscheiden kann.
Die Frage wäre nicht mehr nur, was ein Mensch weiß, sondern wie er sein Wissen hergestellt, geprüft, dargestellt und mit den Folgen seiner Tätigkeit verbunden hat.
Vom Leistungsprinzip zur tragfähigen Verrichtung
Die So-Heits-Gesellschaft verändert den Leistungsbegriff. Leistung kann nicht länger ausschließlich nach Geschwindigkeit, Menge, Gewinn, Status oder Konkurrenzvorteil bewertet werden. Eine Tätigkeit muss in ihren gesamten Abhängigkeits- und Folgenzusammenhang eingeordnet werden.
Pflege, Wartung, Reparatur, Erziehung, Zuhören, Vermittlung und Erhaltung sind nicht weniger bedeutsam, weil sie kein spektakuläres Produkt hervorbringen. Sie tragen die Bedingungen, unter denen andere Tätigkeiten überhaupt möglich werden.
Verrichtungskunst macht diesen Zusammenhang sichtbar. Eine Verrichtung ist nicht automatisch Kunst. Sie wird künstlerisch, wenn ihre Materialien, Bedingungen, Bewegungen, Abhängigkeiten und Folgen bewusst untersucht und dargestellt werden.
Der Mensch soll nicht jede Alltagshandlung ästhetisch überhöhen. Er soll erkennen, dass jede Verrichtung in einen größeren Zusammenhang eingreift. Kochen, Kaufen, Bauen, Reinigen, Transportieren, Heizen oder Kommunizieren verändern Stoffe, Energien, Räume, Körper und Beziehungen.
Wirtschaft als dienendes Werkzeug
In der So-Heits-Gesellschaft ist Wirtschaft keine übergeordnete Naturordnung. Sie ist eine von Menschen erzeugte Apparatur zur Organisation von Versorgung, Arbeit, Austausch und Verteilung.
Ihre Aufgabe besteht darin, der organismischen und sozialen Tragwirklichkeit zu dienen. Sie darf nicht die Richtung umkehren und vom Menschen verlangen, seine Existenzberechtigung durch Erwerbsarbeit, Konsum, Marktwert und Selbstverwertung zu beweisen.
Die heutige Apparatur stellt sich häufig als Helferin dar: Sie behauptet, Versorgung, Sicherheit und Freiheit bereitzustellen. Gleichzeitig ist sie selbst vollständig auf menschliche Arbeit, Bedürfnisse, Aufmerksamkeit, natürliche Ressourcen, Recht und fortgesetzte Nachfrage angewiesen. Aus dieser wechselseitigen Abhängigkeit wird eine asymmetrische Schuldordnung. Scheitert das versprochene Ergebnis, wird dem Einzelnen erklärt, er habe nicht ausreichend geleistet, gewählt, gekauft, investiert oder sich vermarktet.
Die So-Heits-Gesellschaft korrigiert diese Richtung. Wirtschaft, Handel, Geld und Eigentum sind Werkzeuge innerhalb der gemeinsamen Tragwirklichkeit. Sie dürfen nicht an deren Stelle treten und ihre eigenen Wachstumsbedingungen als Lebensbedingungen des Menschen ausgeben.
Eigentum, Wert und Gewichtung
Eigentum ist keine materielle Eigenschaft einer Sache. Es ist eine gesellschaftlich und rechtlich bestätigte Verfügungs- und Ausschlussbeziehung. Wert ist ebenfalls keine unabhängig im Gegenstand vorhandene Substanz. Er entsteht durch Gegenüberstellung, Gewichtung, Gebrauch, Bedürfnis, Knappheit, Macht und institutionelle Bestätigung.
Die So-Heits-Gesellschaft muss Eigentum und Wert nicht durch bloße Verneinung abschaffen. Sie muss ihre Herstellungsweise offenlegen und sie an reale Verantwortung binden.
Wer über Boden, Gebäude, Maschinen, Daten oder Kapital verfügt, übernimmt damit nicht nur ein Recht, sondern eine Folgenverantwortung. Nutzung muss an Erhalt, Pflege, Toleranzraum und Gemeinsinn rückgebunden werden. Eine gesellschaftliche Zuschreibung darf nicht als unverletzlich gelten, während wirkliche Körper und Lebensbedingungen verletzt werden.
Wert müsste immer nach seinem Referenzsystem befragt werden. Was wird gewichtet? Wer legt die Gewichtungsfaktoren fest? Welche Lasten werden einbezogen oder ausgelagert? Eine Sache kann einen hohen Marktwert besitzen und zugleich ihre materiellen Grundlagen zerstören. Eine Pflegehandlung kann wirtschaftlich gering bewertet werden und für die Tragfähigkeit des Lebens unverzichtbar sein.
Politik als öffentliche Werkstatt
Politik würde in der So-Heits-Gesellschaft nicht verschwinden. Sie würde jedoch von einer vorwiegend repräsentativen Bühnenordnung zu einer öffentlichen Werkstatt weiterentwickelt.
Gesetze, Programme und Verwaltungsformen wären als hergestellte Modelle zu behandeln. Sie müssten an ihren tatsächlichen Folgen geprüft und bei erkennbaren Schäden repariert werden. Politische Entscheidungen wären nicht dadurch richtig, dass sie formal beschlossen wurden. Ihre Tragfähigkeit müsste sich in der Lebenswirklichkeit zeigen.
Die Erfahrungen von Bürgern wären dabei kein bloß subjektives Störmaterial. Sie könnten als Rückmeldungen des gesellschaftlichen Werkes behandelt werden. Wiederkehrende Beschwerden, Verletzungen und Ausschlüsse wären mit der gleichen Genauigkeit zu untersuchen, mit der nach einem Flugzeugabsturz Defekte, Entscheidungsfolgen und Verkettungen rekonstruiert werden.
Die heutige Zivilisation untersucht technische Katastrophen häufig genauer als ihre anthropologischen und institutionellen Fehlformen. Die So-Heits-Gesellschaft überträgt deshalb die lernfähige Fehleruntersuchung auf Eigentumsordnungen, Freiheitsvorstellungen, Machtformen, Institutionen und gesellschaftliche Selbstbilder.
Recht als Reparaturarchitektur
Auch das Recht ist ein menschlich hergestelltes Formsystem. Es benötigt Begriffe wie Person, Sache, Eigentum, Vertrag, Beweis und Zuständigkeit. Diese Begriffe ermöglichen Ordnung, können aber zugleich reale Verletzungen unsichtbar machen, wenn die juristische Form an die Stelle der untersuchten Wirklichkeit tritt.
Die So-Heits-Gesellschaft würde das Recht stärker an der Frage ausrichten, welche Tätigkeiten stattgefunden haben, welche Abhängigkeiten bestanden, welche Folgen eingetreten sind und wer die Lasten trägt.
Recht wäre nicht nur eine Architektur von Verbot, Sanktion und formaler Zuständigkeit. Es würde stärker zur Reparaturarchitektur. Die Wiederherstellung tragfähiger Bedingungen müsste neben die Zurechnung von Schuld treten.
Dabei dürfte auch das Recht nicht seine eigenen Begriffe zum Referenzsystem machen. Die juristische Person ist ein Werkzeug der Rechtsordnung, nicht der atmende und verletzliche Mensch selbst. Eigentum ist eine Rechtsbeziehung, keine Naturtatsache. Die formale Gleichheit von Parteien kann reale Unterschiede von Macht, Geld, Gesundheit, Wissen und Zugang verdecken.
Wissenschaft als korrigierbare technē
Die Wissenschaft behält in der So-Heits-Gesellschaft ihre unverzichtbare Bedeutung, wird aber nicht als unangreifbares Referenzsystem behandelt. Auch sie arbeitet mit Auswahl, Messung, Modellen, Begriffen, institutionellen Gewichtungen und Darstellungen.
Beobachtbare und messbare Befunde müssen von ihren theoretischen Deutungen unterschieden werden. Ein Modell ist nicht die Wirklichkeit. Eine statistische Beziehung ist noch keine vollständige Erklärung. Ein Begriff ist keine im untersuchten Gegenstand gefundene Sache.
Besonders dort, wo Begriffe wie Geist, Bewusstsein, autonomes Ich, innere Repräsentation, Information oder freier Wille verwendet werden, muss offengelegt werden, welche körperlichen, neuronalen, sensorischen oder verhaltensbezogenen Vorgänge beobachtet wurden und welche zusätzliche Deutung hinzugefügt wird.
Wissenschaftliche Redlichkeit besteht dann nicht im Ausschluss allen Zweifels, sondern in der Offenlegung der 49: des Nichtwissens, der methodischen Grenze, des Gegenbeispiels und der Korrekturmöglichkeit.
Die Globale Schwarm-Intelligenz als digitale Fortsetzung
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist die digitale Fortsetzung der So-Heits-Gesellschaft, des Partizipatorischen Welttheaters, des globalen Dorffestes und der kollektiven Kreativität. Sie ist keine neue zentrale Intelligenz und kein übergeordneter Weltgeist. Sie soll eine öffentliche Kunst-, Werkstatt-, Prüf-, Reparatur- und Rückkopplungsarchitektur bilden.
Der Nutzer tritt nicht als bloßer Konsument, Käufer, Verkäufer oder Datenlieferant ein. Er bringt eine Erfahrung, einen Begriff, einen Widerspruch, eine Verletzung, ein Modell oder einen Reparaturvorschlag ein. Dieses Material wird im Vier-Ebenen-Modell daraufhin geprüft, was vorgefunden, wahrgenommen, ergänzt, erfunden, hineingedacht, dargestellt, institutionell bestätigt und materiell verwirklicht wurde.
Die Plattform soll verstreute Erfahrungen miteinander verbinden. Was einem einzelnen Menschen als persönliches Versagen oder isolierter Ausnahmefall erscheint, kann sich in der Zusammenführung als wiederkehrende institutionelle Fehlform zeigen.
Künstliche Intelligenz kann dabei helfen, Zusammenhänge zu vergleichen, Material zu ordnen, Widersprüche zu erkennen und unterschiedliche Perspektiven gegenüberzustellen. Sie bleibt jedoch Werkzeug, Material, Verstärker, Widerstand und Prüfgegenstand. Sie ist niemals das Referenzsystem. Ihre Gewichtungen, Auslassungen, Modellannahmen und Fehler müssen selbst durch E4 geprüft werden.
Das globale Dorffest
Die Bezeichnung globales Dorffest schützt die Plattform vor einer ausschließlich akademischen oder institutionellen Form. Die gemeinsame Prüfung der Menschheit darf nicht nur Experten, Unternehmen, Behörden oder Wissenschaftlern überlassen werden.
Jeder Mensch verfügt über Erfahrungen aus seinem Tätigkeits- und Abhängigkeitsbereich. Ein Handwerker erkennt andere Materialfehler als ein Philosoph. Eine Pflegekraft erkennt andere Tragbeziehungen als ein Finanzmodell. Ein Kind kann Widersprüche wahrnehmen, die Erwachsene bereits als normal übernommen haben. Ein kranker oder behinderter Mensch besitzt ein Folgenwissen über institutionelle Ordnungen, das in statistischen Durchschnittswerten verschwinden kann.
Das Dorffest bedeutet nicht Harmonie. Es ist ein Raum des Zeigens, Mitteilens, Vergleichens, Spielens, Streitens und gemeinsamen Erprobens. Unterschiedliche Formen werden nicht vereinheitlicht, sondern in eine prüfbare Beziehung gebracht.
Gemeinsinn als Wirklichkeitsbeziehung
Gemeinsinn ist in der So-Heits-Gesellschaft keine moralische Forderung zur Selbstaufgabe. Er entsteht aus der Erkenntnis realer Verbundenheit.
Der Mensch kann nur handeln, weil andere Menschen, Organismen, Materialien und Systeme Voraussetzungen bereitstellen. Diese Abhängigkeit wird in der gegenwärtigen Ordnung häufig verdeckt, während der individuelle Erfolg hervorgehoben wird.
Gemeinsinn bedeutet, bei der eigenen Tätigkeit die Bedingungen mitzuberücksichtigen, die diese Tätigkeit ermöglichen und die auch von anderen benötigt werden. Er verlangt keine vollständige Interessenidentität. Unterschiede, Konflikte und Widerstände bleiben bestehen.
Der Gemeinsinn der So-Heits-Gesellschaft ist deshalb plastisch. Er sucht keine spiegelbildliche Harmonie, sondern ein tragfähiges Verhältnis von Besonderheit und Zusammenhang, Freiheit und Abhängigkeit, Initiative und Widerstand, Gebrauch und Erhalt.
Keine Rückkehr zur Natur und keine Gaia-Personifizierung
Die So-Heits-Gesellschaft darf nicht als Rückkehr zu einer unberührten Natur oder als Wiederherstellung eines verlorenen paradiesischen Einsseins verstanden werden. Eine solche Vorstellung wäre selbst ein menschliches Vorgabebild.
Auch die Erde muss nicht als ein einziger lebender Organismus oder als handelnde Person gedeutet werden, um die wechselseitigen Abhängigkeiten von Atmosphäre, Wasser, Böden, Organismen und Stoffkreisläufen ernst zu nehmen. Die materielle Verbundenheit benötigt keine Personifizierung.
Der Mensch steht der Natur nicht als Außensubjekt gegenüber. Er ist selbst ein materieller und organismischer Vorgang innerhalb derselben Plexuswirklichkeit. Seine technischen und gesellschaftlichen Hervorbringungen bleiben ebenfalls materiell. Sie können die Natur nicht verlassen, sondern nur Stoffe und Kräfte in andere Formen überführen.
Die Aufgabe besteht deshalb nicht darin, zu einer früheren Einheit zurückzukehren. Sie besteht darin, die niemals aufgehobene materielle Verbundenheit wieder in das menschliche Selbst- und Gesellschaftsverständnis aufzunehmen.
Keine Verhaltenssteuerungsutopie
Die So-Heits-Gesellschaft unterscheidet sich grundsätzlich von Gesellschaftsmodellen, die menschliches Verhalten durch eine zentrale Planung, Konditionierung oder psychologische Optimierung in eine gewünschte Richtung lenken wollen.
Sie soll keine Apparatur hervorbringen, die den Menschen im Namen des Gemeinwohls nach einem vorgegebenen Ideal formt. Der Mensch ist kein passives Material einer gesellschaftlichen Technik.
Training bedeutet hier nicht Dressur. Es bedeutet die Aneignung von Werkzeugen, mit denen Menschen ihre Wahrnehmungen, Begriffe, Tätigkeiten und Folgen selbst und gemeinsam prüfen können.
Die So-Heits-Gesellschaft darf deshalb auch nicht auf Achtsamkeit, positives Denken oder innere Bewusstseinsveränderung reduziert werden. Sie muss Eigentum, Macht, Wirtschaft, Recht, Technik, Arbeit und institutionelle Lastverteilung ebenso untersuchen wie persönliche Wahrnehmung und Verhalten.
Keine harmonische Endgesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft ist keine konfliktfreie Endform. Sie verspricht keine endgültige Lösung aller menschlichen Probleme. Eine solche Behauptung würde erneut eine perfekte skulpturale Ordnung erzeugen.
Ihre Qualität besteht nicht darin, Fehler zu verhindern, sondern Lernverweigerung zu überwinden. Sie muss Fehler, Schäden und Widersprüche sichtbar, vergleichbar und reparierbar machen.
Konflikte bleiben notwendig, weil Menschen unterschiedliche Körper, Erfahrungen, Bedürfnisse, Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten besitzen. Die Aufgabe besteht nicht in ihrer Auflösung, sondern in der Entwicklung von Formen, in denen Unterschiede nicht durch Macht, Eigentum, Status oder institutionelle Unsichtbarkeit einseitig überformt werden.
Die So-Heits-Gesellschaft ist daher kein Zielzustand. Sie ist eine dauerhafte Werkform.
Die Gefahren der So-Heits-Gesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft muss ihre eigenen Gefahren ausdrücklich mitführen. Der Künstlerbegriff kann zu einer neuen Identität und Überlegenheitsbehauptung werden. Die Plastische Anthropologie kann zur Weltanschauung erstarren. Das Vier-Ebenen-Modell kann wie eine endgültige Wahrheit behandelt werden. 51:49 kann zur bloßen Formel werden. Die Plattform kann Aufmerksamkeit und Selbstinszenierung statt Prüfung fördern. Der Gemeinsinn kann zur moralischen Unterordnung missbraucht werden.
Auch die Aussage, jeder Mensch sei Mitgestalter des Kunstwerks Menschheit, kann strukturelle Verantwortung individualisieren. Ein einzelner Konsument besitzt nicht dieselbe Macht wie ein Staat, ein Konzern, ein Finanzmarktakteur oder der Eigentümer einer Infrastruktur. Die Verantwortung muss nach realer Entscheidungsmacht, Ressourcenzugang, Nutzen und Lasten gewichtet werden.
Deshalb muss E4 immer auch auf die So-Heits-Gesellschaft selbst angewandt werden. Ihr Urheber, ihre Begriffe, ihre Plattform, ihre Institutionen und ihre Künstliche Intelligenz bleiben korrigierbar. Die 49 des Widerspruchs darf nicht als Störung ausgeschlossen werden.
Der zweite evolutionäre Schritt
Der zweite evolutionäre Schritt bezeichnet keine biologische Höherentwicklung und keine neue Menschenart. Er bezeichnet eine Veränderung des menschlichen Selbst- und Tätigkeitsverständnisses.
Der erste entscheidende Übergang bestand darin, dass Menschen Bilder, Begriffe, Werkzeuge, Rollen und institutionelle Ordnungen erzeugen konnten. Daraus entstand eine machtvolle Menschenwelt. Diese Menschenwelt wurde jedoch zunehmend mit der vorgefundenen Wirklichkeit verwechselt. Die eigenen Hervorbringungen traten dem Menschen als Naturbedingungen gegenüber.
Der zweite Schritt bestünde darin, diese Hervorbringungen als Hervorbringungen zu erkennen, ohne ihre reale Wirksamkeit zu leugnen. Der Mensch müsste lernen, zwischen physikalischen Eigenschaften, organismischen Vorgängen, menschlichen Zuschreibungen und institutionellen Verwirklichungen zu unterscheiden.
Er würde dadurch nicht aufhören zu gestalten. Er könnte erstmals bewusster erkennen, was er gestaltet und welche Folgen daraus hervorgehen.
Vom Beherrschen zum Teilnehmen
Die tiefste Veränderung der So-Heits-Gesellschaft liegt im Übergang vom Beherrschen zum Teilnehmen.
Der Mensch bleibt tätig, erfinderisch und formend. Er verzichtet jedoch auf die Vorstellung, außerhalb des Werkes zu stehen. Er erkennt, dass jede Veränderung der gemeinsamen Wirklichkeit auch auf ihn und andere zurückwirkt.
Künstlersein bedeutet dann nicht, einer passiven Welt die eigene Vorstellung aufzuzwingen. Es bedeutet, mit Material, Körpern, anderen Menschen, Grenzen und Folgen in ein Verhältnis einzutreten. Der Widerstand ist kein bloßes Hindernis. Er ist Information über die Wirklichkeit und Bestandteil des Werkprozesses.
Der Mensch wird dadurch weder allmächtig noch bedeutungslos. Er ist ein realer Mitwirkender innerhalb eines größeren Geschehens.
Die So-Heits-Gesellschaft als Zukunfts-Kunstgesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft ist eine Gesellschaft künstlerisch gebildeter Menschen. Künstlerisch gebildet ist dabei nicht nur, wer Kunstgeschichte kennt oder eine besondere Disziplin beherrscht. Künstlerisch gebildet ist ein Mensch, der Wahrnehmung und Gegenstand, Begriff und Vorgang, Darsteller und Dargestelltes, Modell und Wirklichkeit, Zuschreibung und materielle Eigenschaft, Absicht und Folge unterscheiden kann.
Er kann Bilder verwenden, ohne sie mit der Wirklichkeit gleichzusetzen. Er kann Rollen übernehmen, ohne sie für sein unveränderliches Wesen zu halten. Er kann Entscheidungen treffen, ohne sich als absolut freier Urheber zu missverstehen. Er kann zweifeln, ohne handlungsunfähig zu werden. Er kann Fehler korrigieren, ohne die Korrektur als persönliche Niederlage zu erleben.
Das zentrale Werk dieser Gesellschaft ist kein einzelner Gegenstand. Es ist die fortdauernde Herstellung tragfähiger Beziehungen zwischen menschlicher Vorstellung, gesellschaftlicher Form, organismischem Leben und nicht vom Menschen geschaffener Wirklichkeit.
Die So-Heits-Gesellschaft ist deshalb keine Dekoration der bestehenden Ordnung und keine weitere kulturelle Sparte. Sie ist der Versuch, die Menschheit aus einer unbewussten, skulptural erstarrten Gestaltung in eine bewusste, plastische und reparaturfähige Teilhaberschaft zu überführen.
Die zentrale Aufgabe
Die entscheidende Aufgabe lautet nicht, die Menschheit nach einem vollkommenen Bild neu zu formen. Sie lautet, die vorhandene Menschenwelt so weit zu öffnen, dass ihre Herstellungsweisen, Fehler, Lastverteilungen und Folgen wahrnehmbar werden.
Der Mensch muss nicht erst zum Künstler erklärt werden. Er gestaltet bereits. Er muss lernen, sein Gestalten zu erkennen.
Er muss nicht erst zum Kunstwerk gemacht werden. Sein Menschsein ist bereits ein offener Formungsprozess. Er muss lernen, zwischen seinem realen Organismus und den Bildern, Begriffen und Rollen zu unterscheiden, durch die er sich selbst darstellt.
Die So-Heits-Gesellschaft beginnt dort, wo der Mensch nicht mehr fragt, wie er die Welt vollständig beherrschen kann, sondern wie er innerhalb ihrer Bedingungen verantwortlich teilnehmen, unterscheiden, gestalten, zweifeln und reparieren kann.
Sie ist keine Rückkehr.
Sie ist die Fortsetzung einer unterbrochenen Bewegung: von der Kunstfertigkeit zur Lebenskunst, von der privaten Fähigkeit zur öffentlichen technē, von der Sozialen Plastik zur Plastischen Anthropologie, vom isolierten Künstler zum gemeinsamen Kunstwerk Menschheit und von der unbewussten Gestaltung zur öffentlichen Prüf- und Reparaturarchitektur der Globalen Schwarm-Intelligenz.
