Mein heutiger Ansatz radikalisiert diesen ursprünglichen Impuls.

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Arnold Bode 1955-Ziel: Die erste documenta war selbst ein Versuch kultureller Reparatur und gesellschaftlicher Neuorientierung durch Kunst. Dein heutiger Ansatz radikalisiert diesen ursprünglichen Impuls.

1. Die erste documenta wollte eine beschädigte Verbindung reparieren

Arnold Bodes Ziel war 1955, die von den Nationalsozialisten verfemte Moderne wieder öffentlich sichtbar zu machen und Deutschland nach Krieg und Diktatur wieder in den internationalen Kunstdialog einzubeziehen. Die offizielle documenta-Geschichte beschreibt ausdrücklich das Ziel, Deutschland durch die „Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts“ wieder mit der Welt und dem internationalen Kunstgeschehen zu verbinden. (documenta)

Das ist für deinen heutigen Begriff der Reparaturfähigkeit bemerkenswert: 1955 wurde nicht einfach eine Ausstellung eröffnet. Es wurde versucht, eine durch politische Herrschaft zerstörte Wahrnehmungs-, Wissens- und Kulturverbindung wiederherzustellen.

In deinem heutigen Vokabular könnte man rückblickend sagen:

Ausschluss → Verengung → Katastrophe → Wiederöffnung → Gegenüberstellung → gesellschaftliches Lernen.

Natürlich hat Bode das nicht so formuliert. Aber strukturell ist diese Bewegung vorhanden.

2. Schon 1955 ging es um die Frage: Was muss wieder als Kunst wahrgenommen werden?

Bode wollte nicht einfach einen neutralen Überblick über alle Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts liefern. Nach seinem damaligen Exposé sollten vielmehr die „Wurzeln des gegenwärtigen Kunstschaffens“ sichtbar werden. Die Ausstellung konstruierte damit bewusst eine Genealogie der Gegenwart. (documenta)

Das heißt: Die documenta stellte von Anfang an eine Setzung darüber her, was als relevante Kunst der Gegenwart verstanden werden sollte.

Genau hier gibt es einen Anschluss an deine Verortungskunst und dein Begriffshandwerk: Auch die documenta selbst erzeugt durch Auswahl, Ausschluss, Präsentation und Kontext ein Bild davon, was Kunst ist.

Die heutige documenta-Forschung untersucht deshalb inzwischen ausdrücklich auch ihre eigenen Kanonisierungs- und Ausschlussmechanismen. Das documenta Archiv fragt beispielsweise, warum bestimmte Positionen in den Kanon aufgenommen wurden und andere nicht und welche kuratorischen, kunsttheoretischen, persönlichen und ökonomischen Bedingungen daran beteiligt waren. (documenta)

Das ist deinem Prüfoperator erstaunlich nah:

Wer wählt aus?

Nach welchem Maßstab?

Was wird sichtbar?

Was verschwindet?

Und welche Folgen hat diese Auswahl?

3. Aber: Der Mensch selbst war 1955 noch nicht das Kunstwerk

Hier muss man historisch klar bleiben.

Die erste documenta war weitgehend eine Werkschau. Gemälde und Plastiken der Moderne standen im Mittelpunkt. Der Besucher sollte sehen, lernen, vergleichen und wieder Anschluss an eine unterbrochene internationale Moderne erhalten. Sie war Retrospektive und zugleich Forum gegenwärtiger Kunst, aber keine partizipative soziale Versuchsanordnung im heutigen Sinn. (documenta)

Der entscheidende Sprung zu deiner Frage

„Was ist überhaupt Kunst?“

und schließlich

„Kann der Mensch mit seinem gesellschaftlichen Handeln selbst Teil des Kunstwerks werden?“

vollzieht sich innerhalb der documenta-Geschichte deutlicher später.

4. documenta 5 von 1972: Jetzt wird die Wirklichkeit selbst befragt

Mit Harald Szeemanns documenta 5 lautet der programmatische Titel:

„Befragung der Realität – Bildwelten heute“.

Nun wurden nicht mehr nur traditionelle Kunstwerke gezeigt. Werbung, politische Propaganda, Kitsch, individuelle Bildwelten, Concept Art und Happening wurden in den Kunstdiskurs einbezogen. Künstler arbeiteten während der gesamten 100 Tage. Gilbert & George und Ben Vautier traten als „lebendige Skulpturen“ auf. Joseph Beuys betrieb sein Büro für direkte Demokratie durch Volksabstimmung. (documenta)

Hier verändert sich die Frage fundamental:

Nicht nur:

Was ist ein Kunstwerk?

sondern:

Wo beginnt Kunst?

Wo endet sie?

Kann eine Handlung Kunst sein?

Kann Kommunikation Kunst sein?

Kann politische Tätigkeit Kunst sein?

Kann der Künstler selbst beziehungsweise sein Leben zum Werk werden?

Damit kommst du deiner eigenen Entwicklung wesentlich näher.

5. documenta 6 von 1977: Kunst überschreitet weitere Grenzen

1977 wurde dieses erweiterte Feld nochmals deutlich ausgebaut. Film, Video, Performance, Künstlerbücher, populäre Medien und andere Formen wurden einbezogen. Die offizielle documenta-Retrospektive bezeichnet dies ausdrücklich als Ausweitung des künstlerischen Feldes. Joseph Beuys brachte mit seiner Freien Internationalen Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung eine Verbindung von Kunst, politischem Aktivismus, Pädagogik und Forschung in die hundert Tage hinein; die Honigpumpe am Arbeitsplatz war Teil dieses Prozesses. (documenta)

Und genau 1977 setzt auch deine eigene lange Beziehung zur documenta ein.

Das ist für deine heutige Bewerbung wichtig: Dein Forschungsweg beginnt historisch in genau jener Phase, in der die documenta selbst die Grenzen zwischen Werk, Handlung, Kommunikation, Politik, Lernen und Forschung massiv öffnet.

6. Aber du gehst heute einen Schritt weiter als „Jeder Mensch ist Künstler“

Hier sehe ich inzwischen einen entscheidenden Unterschied.

Beuys erweitert den Kunstbegriff:

Jeder Mensch besitzt schöpferische Fähigkeiten und wirkt an der Sozialen Plastik mit.

Deine heutige Forschung stellt anschließend die Frage:

Wenn jeder Mensch gesellschaftlich formend tätig ist – woran wird geprüft, ob das von ihm Mitgeformte trägt?

Das ist der entscheidende zusätzliche Operator.

Du sagst gewissermaßen:

Jeder Mensch ist nicht nur Künstler.

Jeder Mensch ist zugleich ein von Gesellschaft geformtes Menschenkunstwerk und Mitverursacher weiterer Menschenwerke.

Und deshalb muss er lernen,

seine eigenen Hervorbringungen überprüfen, korrigieren und gegebenenfalls reparieren zu lassen.

Damit verschiebt sich der erweiterte Kunstbegriff noch einmal:

Kreativität → Gestaltung → Verantwortung → Tätigkeitskonsequenz → Prüfung → Reparatur.

7. Damit entsteht eine bemerkenswerte Linie von documenta 1 zu documenta 16

Man könnte die Entwicklung sehr knapp so darstellen:

documenta 1, 1955:

Welche Kunst wurde uns genommen, und wie können wir wieder Anschluss an die Welt bekommen?

documenta 5, 1972:

Was gehört überhaupt zur Kunst, wenn Wirklichkeit und Bildwelten selbst befragt werden?

documenta 6, 1977:

Kann Kunst Forschung, Kommunikation, Pädagogik und gesellschaftliche Tätigkeit einschließen?

Deine documenta-X-Idee 1996:

Können Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft 100 Tage lang gemeinsam in einem Labor arbeiten?

documenta 14, deine Bewerbung 2016:

Kann aus Beteiligung globale Handlungsverantwortlichkeit entstehen?

documenta 16, dein heutiger Vorschlag:

Ist der Mensch, der selbst gesellschaftlich geformt wird und gleichzeitig Welt formt, fähig, seine eigenen Vorstellungen und Tätigkeiten an ihren Konsequenzen prüfen und reparieren zu lassen?

Damit würde dein So-Heits-Atelier nicht einfach behaupten, die „eigentliche“ Fortsetzung der ersten documenta zu sein. Das wäre historisch zu groß.

Aber du kannst etwas wesentlich Präziseres sagen:

Die erste documenta entstand 1955 aus der Notwendigkeit, nach Diktatur und Zerstörung eine abgebrochene Verbindung zwischen Kunst, Gesellschaft und internationaler Gegenwart wiederherzustellen. Mein Vorschlag für die documenta 16 nimmt diesen Reparaturimpuls unter veränderten Bedingungen erneut auf. Heute steht nicht mehr allein die Frage im Raum, welche Kunst wieder sichtbar werden muss. Zu prüfen ist, ob der Mensch selbst – als Gestalter seiner gesellschaftlichen Wirklichkeit – noch fähig ist, seine eigenen Hervorbringungen an ihren Folgen zu korrigieren.

Das halte ich für eine sehr starke historische Begründung deiner Bewerbung.

Und dann bekommt dein Schultafel-Triptychon „Ich gehöre mir selbst“ noch eine zusätzliche documenta-historische Bedeutung: 1955 wurde dem Besucher eine verdrängte Kunst wieder gegenübergestellt. 2027 würdest du dem Besucher sein eigenes verdrängtes Abhängigkeitsverhältnis gegenüberstellen.

1955:

Sieh hin – diese Kunst wurde ausgeschlossen.

2027:

Sieh hin – welche Wirklichkeit hast du selbst aus deinem Selbstbild ausgeschlossen?

Das wäre nicht bloß eine Fortsetzung der documenta-Geschichte, sondern eine Verschiebung ihrer ursprünglichen kulturellen Reparaturbewegung vom Kunstwerk auf den Menschen als gestaltendes und zugleich gestaltetes Menschenkunstwerk.