Mitmachbuchanker
Wie wird der andere selbst zum Mitprüfenden?
Der Mitmachbuchanker bestimmt den Übergang von Beteiligung zu eigenständiger Prüfung. Das Mitmachbuch ist weder Ausstellungskatalog noch vereinfachtes Lehrbuch der Forschungskunst. Es soll nicht primär Ergebnisse übertragen, sondern eine Arbeitsweise verfügbar machen.
Der Benutzer beginnt deshalb nicht mit dem Lernen eines Begriffssystems, sondern mit einer eigenen Frage, einer Aussage, einer Rolle, einem Gegenstand oder einer Tätigkeit. Diese Ausgangsform wird sichtbar gemacht und dadurch zum Werkstück. Der Mensch selbst wird nicht geprüft; geprüft wird eine von ihm hervorgebrachte Vorstellung.
Darin liegt die entscheidende Distanz. Eine Aussage wie „Ich bin frei“, „Das gehört mir“ oder „Das ist wertvoll“ kann aus der Selbstverständlichkeit des inneren Denkens herausgelöst und auf einer Seite, einer Folie oder in einer Zeichnung sichtbar werden. Dadurch wird sie bearbeitbar.
Vom Mitmachen zum Mitprüfen
Partizipation allein genügt dafür nicht. Ein Besucher kann etwas hinzufügen oder abstimmen und trotzdem vollständig innerhalb einer vorgegebenen künstlerischen Logik bleiben. Der Mitprüfende besitzt eine weitergehende Funktion. Er darf nicht nur innerhalb des Werkes handeln, sondern auch die Fragestellung, die Folie oder den Prüfoperator selbst infrage stellen.
Damit verändert sich das Verhältnis zwischen Autor und Benutzer. Der Künstler setzt Bedingungen, aber er darf die Ergebnisse nicht vollständig vorwegnehmen. Die Autorenschaft besteht in der Gestaltung einer tragfähigen Prüfsituation, nicht in der Kontrolle sämtlicher Schlussfolgerungen.
Der Benutzer soll deshalb auch zu einem begründeten Ergebnis gelangen können, das eine meiner eigenen Annahmen korrigiert. Gerade darin würde die Offenheit des Mitmachbuches praktisch sichtbar.
Korrekturspur und Zeit
Das Mitmachbuch sollte die Geschichte einer Veränderung nicht durch eine saubere Endfassung verdecken. Frühere Aussagen können stehen bleiben und später ergänzt, gestrichen oder verändert werden. Dadurch wird die Korrektur selbst sichtbar.
E4 erhält hier eine besonders einfache Form: Der Benutzer blättert zurück. Eine spätere Erfahrung verändert eine frühere Seite. Der Forschungsprozess wird damit zeitlich nachvollziehbar.
Auch Nichtwissen besitzt einen Platz. Eine offene Frage muss nicht sofort geschlossen werden. Der Unterschied zwischen „Das weiß ich nicht“ und einer scheinbar vollständigen Antwort ist für das Mitmachbuch zentral. Nichtwissen hält eine Forschungsstelle offen; es ist nicht automatisch ein Defizit.
Tätigkeit und Mitwirkung
Der Begriff des Mitmachens erhält schließlich eine gesellschaftliche Erweiterung. Der Benutzer wird nicht erst durch das Buch zum Beteiligten am Menschenkunstwerk. Er ist bereits beteiligt, weil er spricht, kauft, arbeitet, Rollen übernimmt, technische Systeme verwendet und nach gesellschaftlichen Regeln handelt.
Das Mitmachbuch soll diese bereits vorhandene Mitwirkung sichtbar und prüfbar machen. Dabei darf keine moralische Totalverantwortung des Einzelnen entstehen. Die Frage lautet nicht: „Bist du schuld?“, sondern: Welche Tätigkeit vollziehst du, welche realen Handlungsmöglichkeiten besitzt du, und wo benötigt Veränderung eine institutionelle Ebene?
Die zentrale Aufforderung lautet deshalb:
Nicht: Mach bei meinem Kunstwerk mit. Sondern: Nimm deine eigene Wirklichkeitsvorstellung als Werkstück und prüfe, was geschieht, wenn du danach handelst.
Noch kürzer:
Prüfe, woran du mitwirkst.
Der Mitmachbuchanker muss vor allem klären, dass Partizipation nicht das Ziel, sondern erst der Ausgangspunkt der Prüfung ist. Das vorhandene Material formuliert diesen Übergang bereits präzise: Das Mitmachbuch ist weder Ausstellungskatalog noch didaktisches Begleitheft, sondern die „bewegliche Werkbank“ des Ateliers; entscheidend ist nicht „Beteilige dich“, sondern „Prüfe, woran du dich beteiligst.“ Daraus lässt sich der Anker nun als eigenständige methodische Grundform ausarbeiten.
Mitmachbuchanker
Wie wird der andere selbst zum Mitprüfenden?
Das Mitmachbuch als bewegliche Werkbank der Forschungskunst
Funktion des Mitmachbuchankers
Der Mitmachbuchanker beantwortet innerhalb meiner Forschungskunst die Frage, wie ein anderer Mensch aus der Rolle des Betrachters heraustreten und selbst zum Mitprüfenden einer Wirklichkeit werden kann, an deren Hervorbringung und Folgen er zugleich beteiligt ist. Damit bezeichnet dieser Anker nicht einfach eine Methode der Kunstvermittlung. Er betrifft den Übergang von der Rezeption zur eigenen Forschungstätigkeit.
Das Mitmachbuch ist deshalb weder Ausstellungskatalog noch erläuterndes Begleitheft und ebenso wenig ein Lehrbuch, in dem die von mir entwickelten Begriffe in vereinfachter Form vermittelt und anschließend abgefragt werden. Es soll keine bereits feststehende Forschung in didaktisch verkleinerter Form an ein Publikum weitergeben. Seine Aufgabe besteht vielmehr darin, den Forschungsprozess selbst übertragbar zu machen.
Der Benutzer soll nicht lernen, was Wolfgang Fenner über Wirklichkeit, Plexus, Eigentum, Freiheit, Skulpturidentität oder Zivilisationsfähigkeit denkt. Er soll vielmehr ein Werkzeug erhalten, mit dem er eigene Vorstellungen, Begriffe, Tätigkeiten und deren Konsequenzen untersuchen kann.
Damit verändert sich auch die Bedeutung des Wortes „Mitmachbuch“.
Das „Mitmachen“ bezeichnet nicht das Hinzufügen eines persönlichen Beitrags zu einem bereits feststehenden Kunstwerk.
Es bezeichnet den Eintritt in einen offenen Prüfprozess.
Die zentrale Frage lautet deshalb:
Wie kann der andere selbst prüfen, anstatt lediglich meiner Prüfung zuzustimmen oder ihr zu widersprechen?
Von der Rezeption zur Forschung
Die Entstehung des Mitmachbuches steht in einer langen Entwicklung meines Werkes.
Bereits Malbücher, Vorgabebilder, Workshophefte, Frage- und Antwortsysteme und andere partizipatorische Arbeiten lösten den Betrachter aus der ausschließlich rezeptiven Position. Das Bild war nicht mehr vollständig abgeschlossen. Es konnte ergänzt, verändert und weitergeführt werden.
Damit entstand zunächst der Beteiligte.
Später wurde der Beteiligte innerhalb der Kollektiven Kreativität, der gesellschaftlichen Werkstätten, des Globalen Dorffestes, des Partizipatorischen Welttheaters und der verschiedenen documenta-Konzeptionen stärker zum Mitgestalter eines gemeinsamen Vorganges.
Die heutige Forschungskunst verlangt jedoch einen weiteren Schritt.
Denn Beteiligung allein ist noch kein Beweis für die Tragfähigkeit dessen, woran sich Menschen beteiligen. Menschen können hochgradig engagiert an gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Systemen mitwirken, deren Folgen ihre eigenen Lebensbedingungen oder die Lebensbedingungen anderer beschädigen.
Auch gemeinschaftliches Handeln ist nicht automatisch richtig, nur weil viele Menschen daran beteiligt sind.
Deshalb muss der historische Weg vom Betrachter über den Beteiligten und Mitgestalter weitergeführt werden zum Mitprüfenden.
Im bisherigen Werkzusammenhang ist dieser Entwicklungsschritt bereits ausdrücklich formuliert: Mitmachen allein genügt nicht; der Besucher soll untersuchen, welche Vorstellungen seiner Tätigkeit zugrunde liegen, welche Bedingungen sie voraussetzt und welche Folgen daraus hervorgehen.
Der Mitmachbuchanker macht genau diesen Übergang methodisch verfügbar.
Nicht „Mach mit“, sondern „Prüfe, woran du mitwirkst“
Die kürzeste Formel des Mitmachbuches lautet daher:
Prüfe, woran du mitwirkst.
Diese Formulierung verändert den Partizipationsbegriff grundsätzlich.
„Mach mit“ kann bedeuten, dass der Künstler eine Aufgabe stellt und der Besucher sie ausführt.
„Prüfe, woran du mitwirkst“ richtet die Aufmerksamkeit dagegen auf die Bedingungen des Mitmachens selbst.
Warum tue ich das?
Welche Vorstellung liegt meiner Tätigkeit zugrunde?
Was wurde bereits vorausgesetzt?
Welche Rolle habe ich übernommen?
Welche Wirkung besitzt mein Beitrag?
Welche Auswirkungen entstehen gemeinsam mit den Tätigkeiten anderer?
Was geschieht außerhalb meines unmittelbaren Wahrnehmungsbereiches?
Und vor allem:
Was könnte mich veranlassen, meine Tätigkeit wieder zu verändern?
Damit wird Beteiligung reflexiv, ohne bei bloßer Selbstreflexion stehenzubleiben.
Sie wird zur Tätigkeitsprüfung.
Der eigene Ausgangspunkt des Benutzers
Damit das Mitmachbuch tatsächlich Forschung ermöglicht, darf es nicht mit der fertigen Begriffswelt meiner Forschungskunst beginnen.
Der Benutzer muss nicht zunächst Plexuswirklichkeit, E1–E4, Dingselektion, Lochprozess, 51:49 oder Skulpturidentität lernen.
Er kann mit etwas beginnen, das ihm selbst gegenwärtig ist.
Das kann ein Gegenstand sein, den er benutzt. Es kann eine Tätigkeit sein, die er täglich ausführt. Es kann eine Überzeugung sein. Ein Satz. Ein Begriff. Ein Konflikt. Ein Bild. Eine Entscheidung. Ein Kauf. Eine Rolle. Ein Eigentumsverhältnis. Eine Vorstellung von Erfolg oder Freiheit.
Das vorhandene Material bestimmt diese Offenheit bereits als zentrale Bedingung: Ausgangspunkt des Mitmachbuches kann ein Gegenstand, eine gesellschaftliche Vorstellung, eine persönliche Überzeugung, eine Alltagstätigkeit oder ein Begriff sein.
Damit beginnt die Forschung beim Benutzer und nicht bei meiner Theorie.
Dies ist entscheidend.
Wenn das Mitmachbuch mit meinen Begriffen beginnt und der Benutzer am Ende genau diese Begriffe bestätigt, wäre der Forschungsprozess nur scheinbar offen.
Das Buch muss die reale Möglichkeit enthalten, dass ein Benutzer zu einem Ergebnis gelangt, das meine eigene gegenwärtige Auffassung verändert oder ihr widerspricht.
Erst dann wird aus Vermittlung Forschung.
Die eigene Frage als Werkstück
Der Einstieg in das Mitmachbuch kann deshalb durch eine eigene Frage oder Behauptung erfolgen.
Ein Benutzer schreibt beispielsweise:
„Ich bin frei.“
Oder:
„Das gehört mir.“
Oder:
„Ich brauche das.“
Oder:
„Ich bin erfolgreich.“
Oder:
„Das ist gerecht.“
Diese Aussage wird zunächst nicht korrigiert.
Sie wird sichtbar gemacht.
Damit wird sie zu einem Werkstück.
Wie eine plastische Form kann sie betrachtet, gedreht, einem Gegenüber ausgesetzt und verändert werden.
Der entscheidende Vorgang besteht darin, dass der Benutzer seine eigene Aussage für einen Augenblick aus sich herausstellt.
Was vorher selbstverständlich im Kopf vorhanden war, liegt nun auf dem Papier.
Dadurch entsteht Distanz.
Diese Distanz ist eine elementare Voraussetzung des Lernens und Prüfens.
Was ich vor mir sehen kann, kann ich anders bearbeiten als das, womit ich mich vollständig identifiziere.
Das Mitmachbuch als Gegenüber
Das Buch selbst erhält dadurch eine besondere Funktion.
Es antwortet nicht wie ein Lehrer.
Es stellt Gegenüber her.
Eine Behauptung kann neben ein Bild gestellt werden.
Ein Begriff kann einer Fotografie gegenüberstehen.
Eine Eigentumsgrenze kann über eine Landschaft gelegt werden.
Der Satz „Ich bin frei“ kann mit dem Bild des Astronauten und seiner vollständigen Abhängigkeit von Versorgungssystemen konfrontiert werden.
Der Begriff „Sicherheit“ kann dem Deich gegenübergestellt werden.
Der Begriff „meine Handlung“ kann durch das Wellenbecken mit der Ausbreitung einer Wirkung konfrontiert werden.
Der Begriff „Wert“ kann dem Gold oder der Vergoldung begegnen.
Damit liefert das Mitmachbuch nicht automatisch eine Gegenmeinung.
Es liefert ein Gegenüber.
Gerade darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Belehrung und Forschung.
Das Material antwortet
Das Mitmachbuch bleibt deshalb mit dem Werkanker verbunden.
Die historischen Kunstwerke und Versuchsanordnungen sind nicht bloß Abbildungen, die eine Theorie illustrieren. Sie können zu Gegenübern der eigenen Frage werden.
Der Spaten verbindet Vorstellung, Körper, Kraft, Werkzeug, Boden und Veränderung.
Das Wellenbecken zeigt, dass eine Wirkung ihren Entstehungsort verlassen kann.
Der Deich macht Belastung, Schwachstelle, Zeit und Bruch sichtbar.
Die Schultafel ermöglicht eine Aussage, die gerade deshalb Erkenntnischarakter besitzt, weil sie wieder gelöscht werden kann.
Die Theaterarbeit macht Rolle und Person unterscheidbar.
Der Astronaut konfrontiert Autonomie mit realer Abhängigkeit.
Diese Werkformen sind im bisherigen Material ausdrücklich als materielle und plastische Gegenüber des Prüfprozesses beschrieben.
Das Mitmachbuch überträgt diese Gegenüberstellung auf eine kleinere, portable Arbeitsfläche.
Das Buch als Werkstatt und nicht als Lesestrecke
Aus dieser Funktion folgt eine andere Buchform.
Ein klassisches Buch wird gewöhnlich von Seite zu Seite gelesen. Ein Gedankengang folgt dem nächsten.
Das Mitmachbuch muss dagegen eher wie eine Werkstatt funktionieren.
Der Benutzer kann vorblättern, zurückkehren, etwas durchstreichen, eine Folie erneut auflegen, einen früheren Satz verändern oder eine neue Frage neben eine alte stellen.
Die bereits bearbeitete Seite ist nicht abgeschlossen.
Sie bleibt Teil eines fortgesetzten Prozesses.
Dadurch unterscheidet sich das Mitmachbuch vom Schulbuch.
Ein Schulbuch tendiert dazu, Wissen so zu organisieren, dass eine richtige Antwort erreicht werden kann.
Das Mitmachbuch organisiert dagegen Rückkehrmöglichkeiten.
Der Benutzer darf entdecken, dass eine frühere Antwort nicht mehr trägt.
Gerade diese Veränderung ist kein Fehler des Buches.
Sie ist sein Forschungsergebnis.
Schreiben, Ausschneiden, Überlagern und Verändern
Der Forschungsprozess darf dabei nicht auf das Schreiben von Antworten reduziert werden.
Die bildnerische und plastische Herkunft meiner Arbeit muss im Mitmachbuch erhalten bleiben.
Der Benutzer kann schreiben, zeichnen, markieren, ausschneiden, überkleben, verbinden, trennen, Folien auflegen oder Bilder neu zusammensetzen.
Diese Tätigkeiten sind nicht dekorative Ergänzungen.
Sie entsprechen den elementaren Operationen des Begriffshandwerks.
Beim Ausschneiden wird sichtbar, dass ein Ausschnitt entsteht.
Beim Überlagern wird eine Zuschreibung materiell erfahrbar.
Beim Entfernen einer Folie kann geprüft werden, was unter der Zuschreibung weiterhin sichtbar bleibt.
Beim Durchstreichen einer Aussage wird Korrektur sichtbar.
Beim Nebeneinanderlegen entsteht Gegenüberstellung.
Das vorhandene Konzept beschreibt genau diese Arbeitsform: Fotografien können ausgeschnitten, Folien aufgelegt, Begriffe überschrieben, Aussagen korrigiert und unterschiedliche Wirklichkeitslagen verglichen werden.
Damit wird Denken zu einer bildnerisch-handwerklichen Tätigkeit.
Die Foliengrammatik im Mitmachbuch
Die Foliengrammatik besitzt deshalb eine zentrale Bedeutung für das Mitmachbuch.
Eine transparente Folie kann eine gesellschaftliche Zuschreibung auf einen vorausliegenden Zusammenhang legen.
Ein Boden bleibt sichtbar, während eine Grundstücksgrenze darübergelegt wird.
Ein menschlicher Körper bleibt sichtbar, während eine Berufsrolle, Nationalität oder Eigentümeridentität ergänzt wird.
Ein Abhängigkeitsnetz bleibt sichtbar, während darüber der Satz „Ich bin frei“ erscheint.
Dadurch wird nicht behauptet, die zusätzliche Ebene sei unwirklich.
Die Folie macht vielmehr sichtbar, dass sie hinzugefügt wurde.
Das ist für den Mitprüfenden entscheidend.
Der Benutzer lernt nicht: Eigentum ist falsch.
Er erfährt:
Die Eigentumsordnung ist eine andere Wirklichkeitsweise als die materielle Beschaffenheit des Bodens, kann aber über menschliche Tätigkeit sehr reale Folgen für diesen Boden erzeugen.
Damit wird die Folie zum Prüfmittel, nicht zur Botschaft.
Die leere Folie als besonders wichtiges Werkzeug
Gerade deshalb darf das Mitmachbuch nicht nur aus bereits gestalteten Folien bestehen.
Die leere transparente Folie ist möglicherweise eines seiner wichtigsten Elemente.
Sie richtet die Frage an den Benutzer:
Welche Wirklichkeitsfolie legst du selbst darüber?
Welche Grenze?
Welchen Wert?
Welche Rolle?
Welche Vorstellung?
Welches Ideal?
Welche Angst?
Welche Erklärung?
Dadurch wird der Benutzer selbst zum Produzenten einer Darstellung.
Die Herstellung seiner Folie wird anschließend wiederum prüfbar.
Damit bleibt die Foliengrammatik offen und verwandelt sich nicht in einen Kanon meiner eigenen Bilder.
Der Prüfweg darf sichtbar, aber nicht zwingend sein
Das Mitmachbuch benötigt dennoch eine methodische Orientierung.
Es darf den Benutzer nicht vollkommen allein lassen, weil eine völlig offene Fläche noch keine Forschung erzeugt.
Der Prüfanker des Begriffshandwerks kann deshalb als wiederkehrende Schablone im Hintergrund wirken.
Der Benutzer kann dazu gebracht werden, seinen Ausschnitt zu erkennen, seine Unterscheidungen zu untersuchen, Benennungen und Zuschreibungen sichtbar zu machen, Tätigkeitsfolgen zu verfolgen und nach möglichen Korrekturen zu fragen.
Dabei muss der Prüfweg jedoch als Werkzeug und nicht als Prüfungsordnung erscheinen.
Der Benutzer soll ihn anwenden können.
Er darf ihn aber auch kritisieren.
Wenn eine Frage für seinen Gegenstand ungeeignet ist, kann gerade dies ein Ergebnis sein.
Das Mitmachbuch prüft damit nicht nur den Benutzer.
Der Benutzer prüft auch das Mitmachbuch.
E1–E4 nicht als Eingangsdogma
Dasselbe gilt für das Vier-Ebenen-Modell.
Der Benutzer muss nicht zunächst lernen, seine Welt in E1, E2, E3 und E4 einzuteilen.
Die Ebenen können später dort eingeführt werden, wo bereits ein konkretes Problem sichtbar geworden ist.
Ein Benutzer kann beispielsweise selbst feststellen, dass die Feuchtigkeit eines Grundstückes und dessen Eigentumsstatus unterschiedliche Arten von Aussagen darstellen.
Erst dann kann E1–E4 helfen, diese Differenz genauer zu beschreiben.
Damit bleibt das Vier-Ebenen-Modell ein korrigierbares Prüfinstrument und keine neue Weltanschauung.
Im bisherigen Material ist ausdrücklich festgelegt, dass selbst E1–E4 im Atelier angreifbar bleiben müssen; wenn ein Benutzer begründet zeigen kann, dass eine Zuordnung nicht trägt, beginnt gerade dadurch der Forschungsprozess.
Diese Selbstprüfbarkeit muss im Mitmachbuch erhalten bleiben.
Vom Ding zur Beziehung
Eine zentrale Lernbewegung des Mitmachbuches besteht darin, vom isolierten Gegenstand zurück zu seinen Beziehungen zu gelangen.
Der Benutzer beginnt beispielsweise mit einer Kartoffel.
Zunächst erscheint sie als einzelnes Ding.
Dann können Erde, Wasser, Pflanze, Licht, Landwirtschaft, Arbeitskraft, Transport, Eigentum, Preis, Ernährung, Kochen, Abfall oder erneute Pflanzung in den Zusammenhang zurückkehren.
Die Kartoffel verschwindet dadurch nicht.
Aber aus dem isolierten Ding wird ein relationaler Gegenstand.
Das Mitmachbuch macht somit den Übergang von der Dingselektion zur Plexuswahrnehmung erfahrbar, ohne den Benutzer zunächst mit dem Begriff „Plexus“ konfrontieren zu müssen.
Er kann die Beziehung entdecken, bevor er den theoretischen Begriff dafür kennenlernt.
Vom Begriff zur Wirklichkeitsweise
Eine zweite grundlegende Lernbewegung besteht darin, unterschiedliche Wirklichkeitsweisen auseinanderzuhalten.
Der Benutzer kann beispielsweise den Satz schreiben:
„Dieser Boden ist wertvoll.“
Dann beginnt die Untersuchung.
Ist damit Nährstoffgehalt gemeint?
Ein Marktpreis?
Persönliche Erinnerung?
Ökologische Funktion?
Bebaubarkeit?
Eigentumswert?
Religiöse Bedeutung?
Der Satz verliert dadurch nicht seinen Sinn.
Aber aus dem scheinbar einfachen Wort „Wert“ entstehen unterschiedliche Beziehungen.
Das Mitmachbuch lehrt deshalb nicht, dass Werte unwirklich seien.
Es trainiert die Fähigkeit, zu fragen:
Auf welche Wirklichkeitsweise bezieht sich meine Aussage gerade?
Vom Begriff zur Tätigkeit
Der entscheidende Übergang erfolgt jedoch erst dort, wo der Benutzer nicht bei seiner Beschreibung stehenbleibt.
Er muss fragen:
Was tue ich aufgrund dieser Vorstellung?
Wenn ein Boden für mich hauptsächlich einen Marktwert besitzt, welche Tätigkeiten folgen daraus?
Wenn ich Freiheit als Verfügung über Eigentum verstehe, welche Handlungen werden dadurch ermöglicht?
Wenn Erfolg vor allem über Einkommen oder Status gemessen wird, welche Tätigkeiten werden belohnt und welche Folgen bleiben außerhalb des Erfolgsmaßstabes?
Damit führt das Mitmachbuch vom Sprachspiel zur Wirklichkeitsprüfung.
Eine Vorstellung erhält ihren entscheidenden Prüfwert dort, wo ihre Tätigkeitskonsequenzen sichtbar werden.
Tätigkeitskonsequenzen im Alltag
Gerade deshalb muss das Mitmachbuch alltägliche Tätigkeiten ernst nehmen.
Kaufen, essen, wohnen, arbeiten, reisen, heizen, kommunizieren, investieren, besitzen, entsorgen oder abstimmen erscheinen zunächst als gewöhnliche Handlungen.
Jede dieser Tätigkeiten besitzt jedoch vorausliegende Bedingungen und nachfolgende Folgen.
Das Buch soll daraus keine permanente moralische Selbstanklage erzeugen.
Seine Aufgabe ist eine andere.
Es erweitert den Handlungshorizont.
Aus:
„Ich kaufe ein Produkt.“
kann die Frage entstehen:
Welche Tätigkeitskette wird durch diesen Kauf berührt?
Aus:
„Ich fahre mit dem Auto.“
wird:
Welche materiellen, technischen, räumlichen und zeitlichen Bedingungen machen diese Tätigkeit möglich und welche Folgen entstehen daraus?
Der Benutzer soll dadurch nicht zu einem schuldbeladenen Beobachter seines Alltags werden.
Er soll zu einem Forscher seiner Beteiligungsverhältnisse werden.
Abhängigkeitskonsequenzen
Dabei ist entscheidend, dass der Benutzer sich nicht nur als Verursacher von Folgen wahrnimmt.
Er ist zugleich selbst abhängig.
Er atmet.
Er benötigt Wasser, Nahrung und bestimmte Temperaturbereiche.
Er benutzt Infrastrukturen.
Er ist auf andere Menschen, gesellschaftliche Regeln und technische Systeme angewiesen.
Damit wird die Untersuchung symmetrischer.
Der Mensch steht nicht außerhalb der Folgen, die er untersucht.
Er befindet sich innerhalb desselben Plexus.
Das Mitmachbuch kann dadurch die Erkenntnis vermitteln:
Ich prüfe nicht eine Welt, die mir gegenübersteht. Ich prüfe Beziehungen, in denen ich selbst mitwirke und von deren Tragfähigkeit ich abhängig bin.
Gerade dieser Punkt unterscheidet Mitprüfung von distanzierter moralischer Beurteilung.
Vom Urteil über andere zur Prüfung der eigenen Beteiligung
Das Mitmachbuch soll deshalb nicht primär dazu dienen, andere Menschen zu bewerten.
Es wäre leicht, mit Begriffen wie Lochprozess, Skulpturidentität oder Tätigkeitskonsequenz vor allem Fehler anderer Personen, Institutionen oder Gesellschaften zu diagnostizieren.
Damit würde der Benutzer die eigene Position aus der Prüfung herausnehmen.
Die Forschung beginnt stärker mit der Frage:
Wo bin ich selbst beteiligt?
Das bedeutet nicht, Machtunterschiede oder unterschiedliche Verantwortungsgrade aufzulösen.
Ein einzelner Konsument besitzt andere Handlungsmöglichkeiten als ein Konzern, ein Gesetzgeber oder ein Eigentümer großer Produktionsmittel.
Aber auch diese Unterschiede müssen geprüft werden.
Der Benutzer soll lernen, seine eigene Position innerhalb einer Tätigkeitskette zu bestimmen.
Vom Zuschauer zum Mitprüfenden
Damit lässt sich der Übergang genauer bestimmen.
Ein Zuschauer nimmt wahr.
Ein Beteiligter wirkt mit.
Ein Mitgestalter verändert eine Form.
Ein Mitprüfender untersucht zusätzlich die Voraussetzungen, Wirkungsweisen und Konsequenzen seiner eigenen Mitwirkung.
Der Forschungskünstler geht noch einen Schritt weiter: Er kann aus dieser Prüfung neue Versuchsanordnungen herstellen und sie wiederum anderen zur Verfügung stellen.
Das Mitmachbuch ermöglicht damit eine Bewegung vom Zuschauer über den Teilnehmer zum Forschungskünstler der eigenen Tätigkeit.
Dies ist kein Berufstitel.
Es bezeichnet eine Haltung und eine Arbeitsweise.
Das Nichtwissen sichtbar halten
Ein Mitprüfender muss jedoch nicht für alles eine Antwort finden.
Gerade das Nichtwissen besitzt im Mitmachbuch eine wesentliche Funktion.
Wenn eine Tätigkeitskette nicht vollständig nachvollzogen werden kann, darf das Buch nicht den Eindruck erzeugen, jede Beziehung lasse sich problemlos auflösen.
Eine Seite kann mit einer offenen Frage enden.
Eine Folie kann fehlen.
Eine Konsequenz kann unbekannt bleiben.
Eine Behauptung kann nur teilweise geprüft werden.
Das Nichtwissen wird dadurch nicht zu einem Defizit, das möglichst schnell geschlossen werden muss.
Es wird zum sichtbaren Forschungsraum.
Die Frage lautet:
Was müsste ich wissen oder beobachten können, um hier weiterzuprüfen?
Damit entsteht aus Nichtwissen ein nächster Arbeitsauftrag.
Der Zweifel als Arbeitsbewegung
Der Zweifel tritt an dieser Stelle nicht als abstrakte philosophische Haltung auf.
Er besitzt eine praktische Funktion.
Der Benutzer hält seine erste Antwort vorläufig offen.
Er darf sagen:
So sehe ich es im Augenblick.
Und zugleich:
Unter welcher Erfahrung würde ich diese Auffassung verändern?
Das ist die Membranfunktion des Zweifels.
Er verhindert, dass die eigene Antwort sofort zur Skulpturidentität wird.
Damit wird die Veränderung einer Antwort nicht als Niederlage erlebt.
Sie wird zum Erfolg des Prüfprozesses.
Das Buch dokumentiert Veränderungen des Denkens
Gerade deshalb sollten frühere Antworten im Mitmachbuch nicht vollständig gelöscht werden.
Eine durchgestrichene Aussage kann weiterhin lesbar bleiben.
Eine neue Folie kann neben einer älteren liegen.
Ein Datum kann sichtbar machen, wann sich eine Vorstellung verändert hat.
Damit entsteht eine kleine Chronik der eigenen Forschung.
Der Benutzer kann später zurückkehren und fragen:
Was dachte ich vorher?
Was hat meine Auffassung verändert?
Was blieb unverändert?
Das Mitmachbuch wird dadurch zu einem individuellen Verortungs-/Zeitinstrument.
Es dokumentiert nicht nur Ergebnisse.
Es dokumentiert Korrekturbewegungen.
Der rote Punkt als Forschungsmarkierung
Auch der rote Punkt kann innerhalb des Mitmachbuches eine weiterentwickelte Funktion erhalten.
Er muss nicht lediglich Zustimmung ausdrücken.
Er kann jene Stelle markieren, an der der Benutzer weiterforschen möchte.
Damit verändert sich seine Bedeutung.
Der Punkt bedeutet nicht:
„Das finde ich richtig.“
Sondern:
„Hier ist für mich etwas noch nicht abgeschlossen.“
Auf diese Weise wird der rote Punkt zum Forschungsmarker.
Er lokalisiert Nichtwissen, Widerspruch, Interesse oder einen möglichen nächsten Arbeitsschritt.
Frage- und Antworttische als Erweiterung des Buches
Das Mitmachbuch bleibt außerdem nicht auf den einzelnen Benutzer beschränkt.
Frage- und Antworttische können unterschiedliche Mitmachbücher miteinander in Beziehung bringen.
Eine Person kann entdecken, dass ein anderer Benutzer dieselbe Frage vollkommen anders bearbeitet hat.
Damit entsteht keine Abstimmung darüber, welche Antwort die Mehrheit besitzt.
Die Differenz selbst wird zum Forschungsgegenstand.
Warum sehen zwei Menschen denselben Zusammenhang unterschiedlich?
Haben sie verschiedene Erfahrungen?
Verwenden sie denselben Begriff unterschiedlich?
Betrachten sie verschiedene Wirklichkeitslagen?
Besitzen sie unterschiedliche Rollen oder Interessen?
Damit führt das Mitmachbuch vom Selbstprüfen zum gegenseitigen Prüfen, ohne den anderen zum Gegner machen zu müssen.
Der andere als Gegenüber, nicht als zu Bekehrender
Hier liegt eine zentrale ethische Bedingung des Mitmachbuchankers.
Der andere darf nicht zum Objekt meiner Aufklärung werden.
Wenn das Buch davon ausgeht, dass ich bereits weiß, wie die Wirklichkeit richtig verstanden werden muss, während der Benutzer nur noch zu dieser Einsicht geführt werden soll, wäre die Partizipation manipulativ.
Der andere muss ein tatsächliches Gegenüber bleiben.
Das bedeutet, dass seine Beobachtung meine eigene Konstruktion verändern können muss.
Damit wird der Benutzer nicht nur Mitprüfender seiner selbst.
Er wird auch Mitprüfender meiner Forschungskunst.
Autorenschaft verändert sich
Dies hat Konsequenzen für den Künstlerbegriff.
Ich bleibe Urheber der Versuchsanordnung, der Folien, bestimmter Fragestellungen und des historischen Werkzusammenhangs.
Aber ich bin nicht alleiniger Urheber der Ergebnisse.
Jeder Benutzer erzeugt einen eigenen Prüfweg.
Manche dieser Prüfwege können später in das gemeinsame Forschungsfeld zurückkehren.
Damit entsteht eine gestufte Autorenschaft.
Die Forschungskunst stellt die Werkzeuge bereit.
Die individuelle Prüfung erzeugt neue Inhalte.
Die gemeinsame Rückkopplung erzeugt wiederum Veränderungen des Gesamtprojektes.
Das Werk wird dadurch nicht autorlos.
Seine Autorenschaft wird durchlässig.
Das Mitmachbuch darf kein Gesinnungstest werden
Aus demselben Grund dürfen die Fragen des Mitmachbuches nicht so formuliert sein, dass die „richtige“ moralische Antwort bereits erkennbar ist.
Ein Buch, das nur prüft, ob der Besucher meine gesellschaftlichen oder ökologischen Überzeugungen übernommen hat, wäre kein Forschungsinstrument.
Die Fragen müssen so offen sein, dass unterschiedliche Ergebnisse möglich bleiben.
Gleichzeitig bedeutet Offenheit nicht Beliebigkeit.
Beobachtbare Tatsachen, wissenschaftlich begründbare Aussagen, gesellschaftliche Zuschreibungen und persönliche Bewertungen müssen auseinandergehalten werden können.
Der Benutzer darf unterschiedliche Werturteile besitzen.
Er darf aber beispielsweise nicht eine gesellschaftliche Eigentumszuschreibung einfach als physikalische Eigenschaft des Bodens ausgeben, ohne dass diese Differenz prüfbar wird.
Das Mitmachbuch verbindet damit Offenheit der Antwort mit Genauigkeit der Unterscheidung.
Der Benutzer darf das Prüfmodell widerlegen
Dieser Punkt muss besonders deutlich werden.
Wenn ein Benutzer mit einer konkreten Untersuchung zeigen kann, dass eine meiner Folien, Kategorien oder Fragen nicht funktioniert, soll dies nicht als Fehlanwendung abgewiesen werden.
Es kann ein Forschungsgewinn sein.
Vielleicht ist E1–E4 für einen bestimmten Zusammenhang zu grob.
Vielleicht erzeugt eine Folie eine falsche Trennung.
Vielleicht ist eine meiner historischen Analogien unzureichend.
Vielleicht stellt der Begriff „Plexus“ eine Beziehung schlechter dar als ein anderer Begriff.
Dann muss das Modell veränderbar bleiben.
Das Mitmachbuch erhält dadurch einen Prüfmaßstab für die Forschungskunst selbst:
Kann das Werkzeug an seinem Scheitern lernen?
KI als variables Gegenüber des Mitprüfenden
Künstliche Intelligenz kann innerhalb des Mitmachbuches eine besondere Funktion übernehmen.
Sie sollte nicht als Lehrer auftreten und nicht festlegen, welche Antwort richtig ist.
Ihre Stärke liegt darin, eine Aussage schnell aufzufalten.
Ein Benutzer schreibt beispielsweise:
„Ich besitze mein Grundstück.“
Die KI könnte fragen, was an diesem Satz den materiellen Boden betrifft, was eine gesellschaftliche Zuerkennung bezeichnet, welche Tätigkeiten das Eigentumsrecht ermöglicht und welche Folgen dieser Tätigkeiten die Grundstücksgrenze überschreiten können.
Das vorhandene Arbeitsmaterial bestimmt diese Funktion bereits ausdrücklich: KI soll kein Wahrheitsrichter sein, sondern ein variables sprachliches Gegenüber, das Voraussetzungen, verschiedene Wirklichkeitsweisen und mögliche Rückfragen sichtbar macht.
Dadurch wird die KI zu einem Instrument des Begriffshandwerks.
KI darf das Nichtwissen nicht schließen
Die KI birgt jedoch eine besondere Gefahr.
Sie kann sehr schnell überzeugend klingende Antworten erzeugen.
Damit könnte genau das eintreten, was das Mitmachbuch verhindern will: Eine offene Frage wird zu schnell geschlossen.
Die richtige Funktion lautet deshalb nicht:
„Beantworte meine Frage.“
Sondern eher:
„Hilf mir zu erkennen, was in meiner Frage bereits vorausgesetzt wird, welche Beziehungen fehlen und was ich prüfen müsste.“
Die KI erhält damit eine sokratisch vergleichbare, aber nicht identische Funktion.
Sie produziert Gegenfragen und Vergleichsmöglichkeiten.
Sie ersetzt weder Materialerfahrung noch Beobachtung noch Urteilskraft.
Von der Einzelprüfung zur Schwarm-Rückkopplung
Wenn viele Benutzer ihre Fragen und Prüfwege bearbeiten, entsteht ein weiteres Problem.
Eine Vielzahl von Antworten ist noch keine Schwarmintelligenz.
Mehrheit erzeugt nicht automatisch Wahrheit.
Die Globale Schwarm-Intelligenz darf deshalb nicht als Abstimmungsmaschine funktionieren.
Ihre Aufgabe besteht darin, unterschiedliche Prüfwege miteinander vergleichbar zu machen.
Wo treten dieselben Fragen auf?
Wo widersprechen sich Beobachtungen?
Welche Konsequenzen werden an verschiedenen Orten unterschiedlich wahrgenommen?
Welche Begriffe erzeugen wiederkehrende Missverständnisse?
Wo werden Modelle korrigiert?
Das Mitmachbuch bildet damit die lokale Zelle einer größeren Rückkopplungsstruktur.
Das vorhandene Konzept beschreibt genau diese Arbeitsteilung: Das Mitmachbuch ist die bewegliche Arbeitsfläche; die Globale Schwarm-Intelligenz ermöglicht die überörtliche Rückkopplung.
Das Mitmachbuch verlässt das Atelier
Damit erklärt sich auch, weshalb das Mitmachbuch tatsächlich mitgenommen werden können sollte.
Der So-Heits-Raum endet nicht an der Ausstellungstür.
Der Benutzer verlässt das Atelier und tritt weiterhin in Eigentumsordnungen ein, benutzt Geld, kauft, arbeitet, übernimmt Rollen, verbraucht Materialien und erzeugt Tätigkeitskonsequenzen.
Das Buch nimmt deshalb nicht einfach die Erinnerung an die Ausstellung mit nach draußen.
Es nimmt deren Prüfwerkstatt mit.
Das bisherige Material formuliert diesen Zusammenhang sehr deutlich: Der Besucher kann das Mitmachbuch aus dem Atelier hinaustragen, während der eigentliche Versuch im Alltag weiterläuft.
Damit wird die Ausstellung zum Ausgangspunkt und nicht zum Endpunkt.
Alltag als Forschungsfeld
Nach dem Verlassen des Ateliers kann sich die Prüfweise auf reale Situationen beziehen.
Der Supermarkt wird zum Ort einer Tätigkeitskette.
Der Arbeitsplatz wird zum Rollen- und Verantwortungsraum.
Die Wohnung wird zum Energie- und Eigentumszusammenhang.
Eine politische Entscheidung wird zum Verhältnis zwischen eigener Beteiligung und gesellschaftlicher Konsequenz.
Ein Gespräch wird zum Begriffshandwerk.
Damit soll nicht das gesamte Leben in eine permanente Prüfungssituation verwandelt werden.
Die Forschungskunst stellt vielmehr die Möglichkeit bereit, dort genauer hinzusehen, wo eine selbstverständliche Vorstellung fragwürdig wird.
Das Mitmachbuch ist kein Kontrollinstrument.
Es ist ein Werkzeug freiwilliger Distanznahme.
Mitmachbuch und Lernen
Damit entsteht eine besondere Lernform.
Traditionelles Lernen wird häufig als Übertragung bereits vorhandenen Wissens verstanden.
Im Mitmachbuch entsteht Lernen stärker durch die Differenz zwischen eigener Vorstellung und Gegenüber.
Der Benutzer formuliert etwas.
Er trifft auf einen Widerstand.
Er entdeckt eine Beziehung, die er vorher nicht berücksichtigt hatte.
Er verändert seine Ausgangsform.
Lernen bedeutet damit nicht nur Wissenserwerb.
Es bedeutet plastische Veränderung der eigenen Wirklichkeitsform aufgrund einer Rückmeldung.
Diese Lernform entspricht unmittelbar der handwerklichen Herkunft meiner Forschungskunst.
Das Material lehrt nicht durch Vortrag.
Es antwortet auf die Tätigkeit.
Scheitern als Lernergebnis
Deshalb darf auch Scheitern im Mitmachbuch ausdrücklich möglich sein.
Eine Aufgabe kann misslingen.
Eine Folie kann nicht passen.
Ein Begriff kann sich als ungeeignet erweisen.
Eine Frage kann unbeantwortet bleiben.
Ein Benutzer kann feststellen, dass seine Ausgangsvorstellung nicht trägt.
Dies sind keine Defizite des Prozesses.
Sie können dessen produktivste Stellen sein.
Ein Mitmachbuch, in dem jeder Benutzer zu einem erfolgreichen Ergebnis gelangen muss, würde den Forschungscharakter verlieren.
Forschungskunst benötigt produktives Nichtgelingen.
Korrektur muss materiell sichtbar werden
Gerade deshalb sollte Korrektur im Buch nicht unsichtbar gemacht werden.
Durchgestrichene Sätze, verschobene Folien, überklebte Stellen, neue Datierungen oder ergänzte Zeichnungen können die Veränderung sichtbar lassen.
Das Buch wird dadurch selbst plastisch.
Seine Gestalt zeigt den Forschungsprozess.
Ein vollkommen sauberes Endergebnis wäre weniger wichtig als eine sichtbare Geschichte der Bearbeitung.
Das Mitmachbuch wird damit zu einer kleinen Plastik des eigenen Prüfweges.
Vom persönlichen zum gesellschaftlichen Maßstab
Die individuelle Prüfung darf jedoch nicht im Privaten enden.
Viele Begriffe und Tätigkeiten sind gesellschaftlich organisiert.
Arbeit, Eigentum, Geld, Erfolg, Freiheit, Sicherheit, Recht, Status und Leistung existieren nicht nur als persönliche Vorstellungen.
Sie sind institutionell stabilisiert.
Der Benutzer muss deshalb lernen, zwischen eigener Einstellung und gesellschaftlicher Struktur zu unterscheiden.
Eine Person kann beispielsweise ein bestimmtes Konsumverhalten ändern, ohne deshalb die Produktionsbedingungen eines gesamten Marktes kontrollieren zu können.
Damit wird sichtbar, dass Mitprüfung auch die Frage nach Handlungsmacht und struktureller Verantwortung einschließt.
Wo kann ich tatsächlich etwas verändern?
Wo brauche ich andere?
Wo liegt institutionelle Verantwortung?
Wo wird persönliche Schuld nur vorgeschoben, obwohl eine strukturelle Änderung notwendig wäre?
Auch diese Unterscheidung gehört zur Zivilisationsprüfung.
Tausend Tische und viele Prüfwege
Die Vorstellung der vielen beziehungsweise Tausend Tische erhält in diesem Zusammenhang eine neue Bedeutung.
Nicht an jedem Tisch muss dieselbe Aufgabe durchgeführt werden.
Die Tische können unterschiedliche Fragen, Materialien und Prüfwege enthalten.
Entscheidend ist ihre gemeinsame Grundstruktur.
Menschen treten einander gegenüber.
Sie bearbeiten etwas.
Sie können Ergebnisse vergleichen.
Dadurch wird die Verschiedenheit der Perspektiven nicht beseitigt.
Sie wird arbeitsfähig gemacht.
Das Mitmachbuch verbindet diese verschiedenen Tische, weil jeder Benutzer seine eigene Werkbank mitführen kann.
Das Buch als Verbindung bildnerischer und darstellerischer Kunst
Der Mitmachbuchanker führt auch die unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen meines Lebenswerks zusammen.
Bildnerische Verfahren erscheinen in Zeichnung, Fotografie, Collage, Folie, Farbe, Ausschnitt und Montage.
Plastische Verfahren erscheinen in der Vorstellung des Bearbeitens, Gegenüberstellens, Verschiebens und Veränderns.
Darstellerische Verfahren treten hinzu, wenn Rollen untersucht oder Situationen gespielt werden.
Sprachliche Verfahren erscheinen in Fragen, Begriffen, Erzählungen und Korrekturen.
Das Mitmachbuch ist deshalb kein rein literarisches Medium.
Es ist ein interdisziplinärer Handlungsraum im Buchformat.
Vom Buch zur Plattform
Die digitale Plattform erweitert diesen Zusammenhang.
Bestimmte Prüfwege können dort dokumentiert, ergänzt und mit anderen verbunden werden.
Das Buch besitzt dabei gegenüber der Plattform eine wichtige Qualität.
Es bleibt körperlich.
Man kann darin schneiden, schreiben, anfassen, verschieben und Spuren hinterlassen.
Die Plattform besitzt dagegen die Stärke der Vernetzung.
Sie kann räumlich entfernte und zeitlich versetzte Beiträge miteinander verbinden.
Beide Medien sollten deshalb nicht konkurrieren.
Das analoge Mitmachbuch ist die lokale körperliche Werkbank.
Die digitale Plattform ist der überörtliche Rückkopplungsraum.
Das interaktive Buch als Weiterentwicklung
Das interaktive Buch kann diese beiden Formen miteinander vermitteln.
Ein analoger Arbeitsschritt kann digital weitergeführt werden.
Ein digitaler Beitrag kann wiederum in eine physische Werkstatt zurückkehren.
Entscheidend ist, dass die Interaktivität nicht auf technische Bedienbarkeit reduziert wird.
Ein Buch ist nicht deshalb forschungskünstlerisch interaktiv, weil ein Benutzer klicken kann.
Interaktivität erhält erst dann Forschungsqualität, wenn die Tätigkeit des Benutzers den weiteren Prüfverlauf tatsächlich verändert.
Die Zugangsarchitektur
Der Mitmachbuchanker benötigt deshalb unterschiedliche Zugangstiefen.
Ein Besucher muss nicht das gesamte Lebenswerk oder die vollständige Theorie kennen.
Er kann mit einer einfachen bildlichen oder handwerklichen Situation beginnen.
Wer tiefer gehen will, kann die weiterführenden Begriffe, historischen Werkbezüge, E1–E4, Plexus, Lochprozess oder Verortung erschließen.
Damit entsteht keine Hierarchie von einfachen und intelligenten Benutzern.
Es entsteht eine Zugangsarchitektur unterschiedlicher Forschungstiefen.
Das Buch muss sowohl den unmittelbaren Einstieg ermöglichen als auch eine langfristige Weiterarbeit tragen.
Verständlichkeit ohne Banalisierung
Gerade deshalb muss das Mitmachbuch sprachlich und bildlich verständlich sein.
Die Forschung darf jedoch nicht durch Vereinfachung verfälscht werden.
Eine einfache Frage wie:
„Was hast du hier herausgenommen?“
kann wissenschaftlich sehr weitreichend sein.
Eine Folie über einer Landschaft kann komplexe Fragen von Eigentum, Wirklichkeitsweise und Handlungsmacht öffnen.
Die Stärke des Mitmachbuches liegt deshalb nicht in komplizierter Terminologie.
Sie liegt in einfachen Operationen mit großer Prüftiefe.
Kinder, Erwachsene und unterschiedliche Erfahrungshorizonte
Diese Struktur erlaubt grundsätzlich unterschiedliche Benutzergruppen, ohne für jede Gruppe eine völlig neue Theorie zu benötigen.
Ein Kind kann am Wasser, an einer Kartoffel oder an einer Folie eine Beziehung untersuchen.
Ein Erwachsener kann dieselbe Grundoperation auf Eigentum, Arbeit oder gesellschaftliche Verantwortung übertragen.
Ein Wissenschaftler kann die Grenzen einer disziplinären Kategorie untersuchen.
Ein Künstler kann eine Bildform prüfen.
Der gemeinsame Kern liegt nicht im gleichen Wissensstand.
Er liegt im gleichen Prüfprinzip.
Keine endgültige Lösung am Ende des Buches
Ein herkömmliches Lernbuch besitzt häufig einen Abschluss.
Das Mitmachbuch sollte anders funktionieren.
Es muss nicht am Ende eine vollständig entwickelte So-Heits-Weltanschauung erzeugen.
Der Erfolg besteht vielmehr darin, dass der Benutzer am Ende bessere Fragen stellen und eigene Vorstellungen korrigierbarer behandeln kann als am Anfang.
Vielleicht endet ein Prüfweg mit einer neuen Frage.
Vielleicht mit einer Veränderung des eigenen Handelns.
Vielleicht mit einem ungelösten Widerspruch.
Vielleicht mit einer Kritik am Mitmachbuch selbst.
Alle diese Ergebnisse können Forschungsergebnisse sein.
Selbstprüfung des Mitmachbuches
Damit unterliegt auch dieser Anker seiner eigenen Methode.
Das Mitmachbuch ist eine menschliche Hervorbringung.
Es trifft Auswahlentscheidungen.
Es setzt Schwerpunkte.
Es enthält meine Sprache, meine Bilder und meine gegenwärtigen Forschungskategorien.
Deshalb muss immer wieder gefragt werden:
Welche Fragen stellt das Buch nicht?
Welche Benutzer werden durch seine Form möglicherweise ausgeschlossen?
Welche Antworten werden durch die Gestaltung bereits nahegelegt?
Wo wird aus einem offenen Prüfmittel eine versteckte Belehrung?
Welche Ergebnisse der Benutzer verändern das Buch selbst?
Diese Selbstprüfung ist unverzichtbar.
Ohne sie könnte aus dem Mitmachbuch genau jene Begriffsskulptur werden, deren Entstehung es untersuchen soll.
Verhältnis zum So-Heits-Atelier
Das So-Heits-Atelier stellt die größere künstlerische Versuchsanordnung bereit.
Die So-Heits-Werkstatt bezeichnet die konkrete Verrichtung.
Das Mitmachbuch nimmt diese Verrichtung auf eine individuelle bewegliche Arbeitsfläche.
Dort kann der Besucher schneiden, schreiben, überlagern, entfernen, vergleichen, fragen und korrigieren. Das vorhandene Konzept beschreibt diese Funktion ausdrücklich: Das historische Material wird im Atelier wieder in Gebrauch genommen, während das Mitmachbuch den Atelierprozess aufnimmt und über den documenta-Ort hinaus fortsetzbar macht.
Damit ist das Mitmachbuch nicht ein Zubehör des So-Heits-Ateliers.
Es ist eine seiner zentralen Transferformen.
Verhältnis zu den bisherigen Ankern
Der Werkanker beantwortet die Frage:
Woher kommt die Forschung?
Der Plexus-/Wirklichkeitsanker fragt:
Worin findet alles statt?
Der Prüfanker des Begriffshandwerks fragt:
Wie wird geprüft?
Der Tätigkeitskonsequenzanker fragt:
Wann wird Vorstellung zur wirklichen Folge?
Der Verortungs-/Zeitanker fragt:
Wann, wo und unter welchen Bedingungen wird geprüft?
Der Foliengrammatikanker fragt:
Wie werden unterschiedliche Wirklichkeitslagen sichtbar?
Der Mitmachbuchanker beantwortet nun:
Wie wird aus dieser gesamten Forschungsstruktur eine Tätigkeit, die ein anderer Mensch selbst ausführen, verändern und weiterentwickeln kann?
Damit ist das Mitmachbuch die Transfermembran zwischen meiner Forschungskunst und der Forschungstätigkeit des anderen.
Vom persönlichen Prüfweg zum gemeinsamen Forschungsprozess
Seine volle Bedeutung erhält das Mitmachbuch deshalb erst dort, wo individuelle Prüfwege wieder in einen größeren Zusammenhang zurückkehren können.
Der einzelne Benutzer stellt eine Frage.
Er untersucht sie.
Er verändert seine Vorstellung.
Vielleicht dokumentiert er seinen Weg.
Andere Menschen können ähnliche oder widersprechende Ergebnisse hervorbringen.
Diese Unterschiede werden vergleichbar.
Neue Fragen entstehen.
Das Prüfmodell selbst wird verändert.
Damit entsteht ein Kreislauf:
Nicht mein Werk geht einfach zum Publikum.
Die Arbeit geht zum Benutzer – der Benutzer verändert sie – und die veränderte Arbeit kann in den Forschungszusammenhang zurückkehren.
Das ist die eigentliche partizipatorische Rückkopplung.
Vom Mitprüfenden zum Forschungskünstler
Damit lässt sich schließlich bestimmen, was unter dem „Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit“ verstanden werden kann.
Der Begriff bedeutet nicht, dass jeder Besucher nach dem Ausfüllen eines Buches professioneller Künstler oder Wissenschaftler wird.
Gemeint ist eine elementare menschliche Fähigkeit.
Der Benutzer nimmt eine eigene Vorstellung als hervorgebrachte Form wahr.
Er setzt sie einem Gegenüber aus.
Er beobachtet Differenzen.
Er untersucht seine Tätigkeit.
Er verfolgt Konsequenzen.
Er hält Nichtwissen aus.
Er lässt Rückmeldungen zu.
Und er verändert gegebenenfalls seine ursprüngliche Form.
Damit vollzieht er dieselbe Grundbewegung, die aus der Werkgeschichte meiner Forschungskunst hervorgegangen ist.
Vorstellung – Hervorbringung – Gegenüber – Widerstand – Konsequenz – Zweifel – Korrektur.
Der Forschungsprozess wird dadurch übertragbar.
Verdichtung des Mitmachbuchankers
Der Mitmachbuchanker lässt sich schließlich in einer übergeordneten Aussage zusammenfassen:
Das Mitmachbuch ist keine verkleinerte Darstellung meiner Forschungskunst, sondern ihre bewegliche Werkbank. Es überträgt nicht primär Ergebnisse, sondern Prüfoperationen. Der Benutzer beginnt mit einer eigenen Frage, einem Gegenstand, einem Begriff, einer Überzeugung oder einer Tätigkeit. Er macht seine Ausgangsvorstellung sichtbar, untersucht ihre Ausschnitte, Unterscheidungen und Zuschreibungen, setzt sie Bildern, Materialien, anderen Menschen und unterschiedlichen Wirklichkeitsweisen gegenüber, verfolgt die daraus entstehenden Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen und hält durch Zweifel und Rückkopplung die Möglichkeit offen, seine Ausgangsvorstellung zu verändern. Dabei dürfen weder meine Begriffe noch die Prüfwerkzeuge selbst der Prüfung entzogen werden.
Das Mitmachbuch verwandelt Beteiligung damit in Forschung.
Seine Grundbewegung lautet:
eigene Frage → eigene Darstellung → Gegenüberstellung → Bearbeitung → Tätigkeit → Konsequenz → Rückmeldung → Zweifel → Korrektur → dokumentierte Veränderung → Austausch mit anderen → erneute Frage.
Der entscheidende Unterschied zur gewöhnlichen Partizipation liegt darin:
Der andere soll nicht mein Werk vervollständigen. Er soll lernen, seine eigene Beteiligung am Menschenkunstwerk zu untersuchen.
Damit verändert sich auch die Rolle des Künstlers.
Ich stelle nicht die fertige Antwort zur Verfügung.
Ich stelle eine Versuchsanordnung bereit, in der auch meine eigenen Antworten wieder zum Gegenstand der Prüfung werden können.
Die kürzeste Formel des Mitmachbuchankers lautet deshalb:
Nicht: Mach bei meinem Kunstwerk mit.
Sondern: Nimm deine eigene Wirklichkeitsvorstellung als Werkstück – und prüfe, was geschieht, wenn du danach handelst.
Daraus ergibt sich für das So-Heits-Atelier die weiterführende Formel:
Der Besucher tritt als Betrachter ein, wird zum Beteiligten, zum Mitgestalter und schließlich zum Mitprüfenden. Verlässt er das Atelier mit der Fähigkeit, auch außerhalb der Ausstellung seine eigenen Vorstellungen und Tätigkeitsfolgen weiter zu prüfen, hat das Mitmachbuch seine eigentliche Funktion erfüllt.
Und in seiner weitesten gesellschaftlichen Bedeutung lautet der Auftrag:
Zivilisationsfähigkeit beginnt nicht damit, dass Menschen dieselben Antworten lernen. Sie beginnt dort, wo sie Verfahren besitzen, mit denen sie ihre eigenen Hervorbringungen gemeinsam prüfen, ihre Unterschiede aushalten und nichttragfähige Formen aufgrund ihrer wirklichen Folgen wieder verändern können.
Damit ist der Mitmachbuchanker klar vom Foliengrammatikanker abgegrenzt: Die Folien machen unterschiedliche Wirklichkeitslagen beweglich sichtbar; das Mitmachbuch macht den gesamten Prüfprozess für den anderen selbst benutzbar und über den Ausstellungsort hinaus fortsetzbar.
