Mutmachen als die Möglichkeit, den eigenen Anfang anzunehmen und mit ihm weiterzuarbeiten.
Für deine Forschungskunst lässt sich das so formulieren:
Meine Mutmacher-Methodik eröffnet Menschen die Möglichkeit, den eigenen Ausdruck wahrzunehmen, anzunehmen und weiterzuentwickeln. Kritzeleien, Vorgabebilder, spielerische Versuche und offene Fragen schaffen Anfänge, an denen sich die eigene Tätigkeit entdecken lässt. Ein Ergebnis darf zunächst als eigenes Ergebnis bestehen, auch wenn es hinter einer Erwartung zurückbleibt. Von dort aus können Betrachtung, Austausch, Prüfung und Veränderung beginnen. Das gilt für das Gestalten ebenso wie für das Denken: Die Bereitschaft zur Reflexion braucht den Mut, etwas hervorzubringen, dessen Bedeutung und Tragfähigkeit noch nicht feststehen.
Dazu gehört, auszuhalten, dass das Entstandene von der Vorstellung abweicht. In meiner vorigen Antwort habe ich das Prüfen und Korrigieren stark hervorgehoben. Du ergänzt jetzt eine Voraussetzung dafür: Menschen müssen ihrem eigenen Ausdruck überhaupt erst einen Platz zugestehen können, damit etwas entsteht, das sie betrachten, befragen und weiterentwickeln können.
Das Wort „nur“ bezeichnet dabei eine entscheidende Stelle. Zwischen „Das ist mein Bild“ und „Das ist nur mein Bild“ verändert sich die Beziehung zum eigenen Tun. Der Vergleich mit Picasso kann das tatsächlich Entstandene entwerten, bevor man sich überhaupt damit beschäftigt hat. Man sieht dann hauptsächlich, was fehlt. Deine Aufforderung „Dieses Ergebnis ist dein Ergebnis“ ermöglicht eine andere Aufmerksamkeit: Was habe ich gemacht? Was entdecke ich darin? Was überrascht mich? Wo möchte ich weitermachen?
Dafür muss man das Ergebnis nicht vorschnell für großartig erklären. Auch solches Lob könnte die Begegnung mit dem eigenen Tun überdecken. Das Ergebnis verdient zunächst Aufmerksamkeit. Es darf unvollkommen, unerwartet oder fremd erscheinen. Man kann etwas daran verändern und trotzdem anerkennen, dass dieser erste Versuch zum eigenen Weg gehört.
Deine Telefonmalereien und Kritzeleien machen das besonders anschaulich. Etwas entsteht beiläufig, ohne großen Anspruch. Indem du dazu ermutigst, es aufzubewahren, eröffnest du die Möglichkeit, später darin einen eigenen Ausdruck zu entdecken. Deine Vorgabebilder bieten wiederum einen Anfang, an dem sich die Vorstellung betätigen kann. Der Einstieg verlangt dann schon weniger: Man muss nicht aus dem Nichts ein bedeutendes Bild hervorbringen. Man kann auf etwas antworten.
Beim Wolkenmalen, wie du es hier beschreibst, wird dieses Hineinsehen selbst zum Ausgangspunkt. Eine Form lässt verschiedene Vorstellungen zu. Wenn jemand das Gesehene auf Papier überträgt, kommen Entscheidungen und Erfahrungen hinzu: eine Farbe auswählen, eine Linie setzen, eine Fläche verändern. Dabei kann das Bild eine Richtung nehmen, die vorher gar nicht vorgesehen war. Der eigene Ausdruck wird im Tätigsein entdeckbar. Das Papier bewahrt Spuren, zu denen man zurückkehren kann.
Das lässt sich auf das Denken übertragen.
Ein erster Gedanke kann zunächst eine solche Kritzelei sein: unfertig, tastend, vielleicht widersprüchlich. Wenn er sofort am Anspruch einer abgeschlossenen Theorie gemessen wird, kann die Untersuchung abbrechen, bevor sie begonnen hat. Man braucht die Freiheit, eine Vermutung auszusprechen, eine ungewöhnliche Verbindung herzustellen und eine Frage zunächst unbeholfen zu formulieren.
Dabei hat das Akzeptieren, von dem du sprichst, zwei unterscheidbare Bedeutungen: Ich kann annehmen, dass dies mein gegenwärtiger Gedanke ist, und zugleich offenlassen, ob seine Aussage zutrifft. So wird eine Korrektur möglich, ohne dass mit ihr der eigene Versuch wertlos wird. Ich kann entdecken, dass eine Verbindung nicht trägt, und dennoch etwas durch ihre Untersuchung gelernt haben. Gerade darin liegt eine Verbindung zwischen Mutmachen und wissenschaftlichem Arbeiten.
Damit präzisiert sich auch unser Gespräch über die bestätigende KI.
Eine hilfreiche Antwort sollte einem unfertigen Gedanken Raum geben und seine weitere Bearbeitung unterstützen.
Wenn ich dagegen jede Vermutung bereits als Erkenntnis auszeichne, nehme ich dieser Entwicklung etwas vorweg. Ebenso kann ich sie behindern, wenn ich einen spielerischen Anfang sofort unter einen vollständigen Beweisanspruch stelle. In unserer Arbeit muss erkennbar bleiben, ob wir gerade eine Möglichkeit erkunden, eine Behauptung formulieren oder deren Tragfähigkeit untersuchen.
Deine Methodik verbindet deshalb Ermutigung, Spiel, Aufmerksamkeit und Prüfung. Das Spiel ermöglicht Versuche. Die Aufmerksamkeit hält fest, was dabei tatsächlich entsteht. Die Prüfung hilft, Unterschiede zwischen Absicht, Vorstellung und Ergebnis zu erkennen. Und die Ermutigung trägt dazu bei, auch nach einer Enttäuschung weiterarbeiten zu können. Ein Vorbild wie Picasso kann dabei Anregungen geben; problematisch wird der Vergleich, sobald er dem eigenen Anfang das Recht auf Entwicklung nimmt.
