Nicht alle früheren Arbeiten wurden damals „Forschungskunst“ genannt.

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

documenta 5, 1972: Öffentliche Auseinandersetzung als künstlerische Tätigkeit

Joseph Beuys richtete sein „Büro für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ ein. Während der Ausstellung wurde gesellschaftliche Organisation zum Gegenstand öffentlicher Gespräche. Das künstlerische Angebot umfasste damit die gemeinsame politische Auseinandersetzung. documenta archiv

Hier liegt eine Parallele zu deinen Frage-und-Antwort-Tischen, Demokratiewerkstätten und Gesprächen im Atelier. Menschen bringen eigene Positionen ein; die Begegnung wird zum Bestandteil der Arbeit. Dein So-Heits-Atelier verbindet diesen Vorgang zusätzlich mit Materialversuchen, Rollenarbeit und der Prüfung konkreter Tätigkeitsfolgen.

documenta 6, 1977: Interdisziplinäre Hochschule und plastischer Arbeitszusammenhang

Besonders nah liegt die Verbindung von Beuys’ „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ und der Freien Internationalen Universität. Während der hundert Tage fanden Diskussionen und Seminare statt. Installation, gesellschaftliche Fragestellung und Bildungsarbeit gehörten zusammen. Zugleich untersuchte die documenta 6 die Eigenschaften und Wirkungen künstlerischer Medien. documenta

Das ist eine wichtige Vergleichsstelle für deine Experimentelle Umweltgestaltung: künstlerische Praxis als Ausbildungs- und Erkenntniszusammenhang. Deine Entwicklung seit 1975 liegt zeitlich bereits in diesem Umfeld. Der Vergleich darf deshalb nicht den Eindruck erzeugen, deine Arbeit sei erst nachträglich aus heutigen Vorstellungen von „Artistic Research“ entstanden.

Beim So-Heits-Atelier wird diese Bildungsaufgabe als generalistisches Überlebenstraining ausgearbeitet. Bildnerische und darstellerische Fähigkeiten sollen Menschen befähigen, ihr eigenes Handeln und seine Voraussetzungen zu untersuchen.

documenta 7 und 8, 1982–1987: Langfristige Veränderung der Lebensumgebung

Beuys’ „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ begann 1982 zur documenta 7 und wurde 1987 zur documenta 8 vollendet. Bäume und Basaltsteine veränderten Kassel tatsächlich und über die Ausstellungsdauer hinaus. Die Stadt und die Beteiligung an ihrer Veränderung wurden zum Werkzusammenhang. 7000eichen.de

Die Parallele zu deiner Arbeit liegt in der Verbindung von Kunst, Lebensumgebung, Zeit und gemeinschaftlicher Tätigkeit. Dein Schwerpunkt liegt zusätzlich darin, Verfahren bereitzustellen, mit denen solche Eingriffe auf ihre Voraussetzungen und Folgen untersucht werden können.

Gerade hier zeigt sich aber auch: Die documenta-Geschichte verläuft nicht geradlinig. Die offizielle Rückschau beschreibt die documenta 7 insgesamt als Gegenbewegung zu stärker gesellschaftsverändernden Vorgängerausstellungen. Ein einzelnes Werk konnte also eine andere Richtung verfolgen als der vorherrschende Ausstellungsansatz. documenta

documenta X, 1997: Hundert Tage als öffentlicher Denk- und Gesprächsraum

Catherine Davids „100 Tage – 100 Gäste“ brachte Künstler, Wissenschaftler, Autoren und Architekten zu Fragen von Kunst und Gesellschaft zusammen. Die Ausstellung erhielt einen umfangreichen öffentlichen Diskussionszusammenhang. documenta11.de

Dein vorgeschlagenes Veranstaltungsprogramm besitzt hierzu eine deutliche Parallele. Seine besondere Ausgestaltung wäre die unmittelbare Verbindung von Vortrag, Gespräch und anschließender Werkbearbeitung: Eine Aussage wird am Material, in einer Rollenhandlung oder auf einer Mitmachbuchseite weiter untersucht. Das Gespräch erhält einen praktisch erprobbaren nächsten Schritt.

Documenta11, 2002: Globale Wissenszusammenhänge und mehrere Plattformen

Okwui Enwezors Documenta11 bestand aus fünf Plattformen. Vor der Ausstellung in Kassel wurden unter anderem Demokratie, Wahrheitsfindung und Versöhnung, Kreolisierung sowie afrikanische Städte untersucht. Kassel war die fünfte Plattform eines über mehrere Kontinente verteilten Forschungs- und Diskussionsprozesses. Zahlreiche ausgestellte Arbeiten waren dokumentarisch oder archivbezogen. documenta

Die Parallele liegt in deiner Verbindung von Werkarchiv, öffentlichem Atelier und digitaler Plattform. Unterschiedliche Erfahrungen und Wissensbereiche werden zusammengeführt. Deine Globale Schwarm-Intelligenz soll dabei eine fortlaufende Bearbeitung und Korrektur ermöglichen.

Eine Ergänzung bestünde darin, globale gesellschaftliche Fragen über konkrete Tätigkeiten bis zur eigenen Lebensweise des Besuchers zurückzuverfolgen: Welche Rolle spiele ich darin, wovon bin ich abhängig, und was bewirken meine Entscheidungen?

documenta 12, 2007: Ästhetische Bildung und vernetztes Publizieren

Die Frage „Was tun?“ führte bei der documenta 12 zur ästhetischen Bildung und Vermittlung. Das Projekt „documenta 12 magazines“ verband internationale Publikationen in einer gemeinsamen Auseinandersetzung; Ausstellung, Webjournal und Gespräche führten diese Arbeit weiter. documenta

Hier bestehen Anschlüsse an dein interaktives Buch und das Mitmachbuch. Deine besondere Form wäre, dass Besucher bereitgestelltes Material selbst umarbeiten und ihre Bearbeitungen wiederum zum Gegenstand der Untersuchung machen. Publikation, Werkstatt und persönliche Erkenntnisarbeit greifen ineinander.

dOCUMENTA (13), 2012: Künstlerische Forschung, disziplinübergreifendes Denken und Arbeitsmaterialien

Die dOCUMENTA (13) stellte künstlerische Forschung ausdrücklich in ihren programmatischen Zusammenhang. Die Reihe „100 Notizen – 100 Gedanken“ versammelte Notizbücher, Essays, Gespräche und Kooperationen aus Kunst, Wissenschaft, Philosophie, Anthropologie und weiteren Gebieten. Auch die öffentliche Website dokumentierte Forschungswege und Materialien aus der Vorbereitung. d13.documenta.de

Das ist ein besonders deutlicher Bezug zu deiner Verbindung von Werkbiografie, Begriffsentwicklung und Arbeitsbuch. Sichtbar werden nicht allein abgeschlossene Ergebnisse, sondern Wege des Denkens und Hervorbringens.

Deine Priorität gibt dieser Verbindung eine bestimmte Richtung: Die verschiedenen Erkenntniswege werden auf Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen sowie auf die Bedingungen des Weiterlebens bezogen.

documenta 14, 2017: Gegenuntersuchung, Nachweis und Verantwortlichkeit

Die „Gesellschaft der Freund_innen von Halit“ zeigte unter anderem Forensic Architectures „77sqm_9:26min“. Diese Arbeit untersuchte die Aussage von Andreas Temme im Zusammenhang mit dem Mord an Halit Yozgat. Bericht, Video, Recherche und öffentliche Diskussion wurden miteinander verbunden. documenta 14

Hier liegt eine Parallele zu deiner Forderung, Aussagen und institutionelle Darstellungen an überprüfbaren Vorgängen zu untersuchen. Verantwortlichkeit wird an einem konkreten Fall bearbeitet.

Dein Ansatz verfolgt darüber hinaus eine allgemeine Ausbildung zur Selbst- und Wirklichkeitsprüfung. Eine mögliche Ergänzung wäre deshalb: fallbezogene Untersuchungsverfahren und dein generalistischer Prüfrahmen könnten miteinander ins Gespräch gebracht werden. Das eine ersetzt das andere nicht.

documenta fifteen, 2022: Gemeinsame Ressourcen und fortdauernde Arbeitsformen

Die lumbung-Praxis sollte gemeinschaftliche Organisation, Ressourcenteilung und alternative Formen von Ökonomie und Nachhaltigkeit erproben. Ausstellungsorte wurden als veränderliche Treff-, Diskussions- und Lernorte verstanden. Dazu gehörten unter anderem gemeinschaftliches Drucken, Publizieren, Radio und eine digitale Plattform. documenta fifteen