PRÄZISIERTE BEWERBUNG FÜR DIE DOCUMENTA 16-1.10.2026
An Frau Naomi Beckwith-und das künstlerische Team der documenta 16 Ältere Arbeitsgrundlagen
DAS SO-HEITS-ATELIER DES GLOBALEN DORFES
Forschungskunst als öffentliche Überlebenswerkstatt
Sehr geehrte Frau Beckwith,
sehr geehrtes künstlerisches Team,
wollen Sie auf der documenta 16 einer Überlebenswerkstatt Raum geben und ihre künstlerischen Forschungs- und Trainingsverfahren unterstützen? Mit dem „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ schlage ich einen begehbaren, modularen Arbeits- und Forschungsraum auf der Grundlage meines über fünfzigjährigen künstlerischen Lebenswerks vor.
Meine Forschungskunst ist ein Überlebenstraining für den einzelnen Menschen und für die Menschheit. Ihre Leitfrage lautet: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, erkennen, gestalten und seine Tätigkeiten korrigieren kann? Um daran praktisch zu arbeiten, musste ich mir das Handwerkszeug aller künstlerischen Disziplinen erschließen, der bildnerischen ebenso wie der darstellerischen. Materialeigenschaften und ihre Bearbeitung sind mit Tätigkeitskonsequenzen verbunden. Körper, Stimme, Rollenfigur und Inszenierung machen menschliche Darstellungswelten untersuchbar. Der Zweifel an den eigenen Vorstellungen gehört dabei ebenso zum Können wie das Gestalten, Prüfen und Korrigieren.
Die Grundlage bildet meine seit 1975 entwickelte Experimentelle Umweltgestaltung als generalistischer Arbeits- und Ausbildungsansatz. Handwerklich-technische Erfahrung, Naturbeobachtung und unterschiedliche künstlerische Disziplinen verbanden sich zu einer Forschungspraxis, die ich in Werken, Werkstätten, Aktionen und Environments weiterentwickelte. Demokratiewerkstätten und die 1993 von mir gegründete und geleitete Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“, deren Arbeit Wissenschaftler begleiteten, erweiterten sie zur gemeinschaftlichen Praxis. Mein Lebenswerk bildet deren langfristigen Erprobungszusammenhang; im Atelier werden daraus zugängliche Übungen für andere Menschen.
Meine plastische Anthropologie geht aus der bildnerischen Arbeit hervor: aus Materialbearbeitung, Formbildung, Widerstand und der Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur. Diese Erfahrungen bilden den Ausgangspunkt meiner Untersuchung menschlicher Selbstbilder, Rollen und gesellschaftlicher Gestaltungen. Daraus entwickelte ich die Vorstellung der So-Heits-Gesellschaft, in der künstlerisches Handwerkszeug, Selbstprüfung und verantwortliche Korrektur zum alltäglichen Leben gehören.
Der Kern des Ateliers ist, dass der Besucher sich innewohnend auf einmal gegenübersteht. Stoffwechsel, Körperorganismus, Versorgung und Verletzbarkeit werden den Vorstellungen von Persönlichkeit, Freiheit, Eigentum und gesellschaftlicher Rolle gegenübergestellt. Die miteinander verschmolzenen Bereiche werden unterscheidbar, während der Besucher Teil ihres Wirkungszusammenhangs bleibt. Er begegnet sich als Kunstwerk und Künstler zugleich – als Geformter und Gestaltender, der durch seine Gestaltungen wiederum verändert wird.
Die Arbeit beginnt bei seiner Wahrnehmung und Irritation: Was sucht er, was beschäftigt ihn, was ist sein Beruf und vielleicht seine Berufung? Seine Fragen führen zu den Werken und zur Untersuchung seiner eigenen Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen. Beobachtung → Identifikation → Eingriff → Rückkopplung → Verantwortung bezeichnet diese Arbeitsbewegung.
Werke meines Lebenswerks werden als Arbeits- und Kalibrierungsinstrumente aktiviert. Die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte bezieht die bisherige Lebenszeit des Besuchers auf den planetaren Zeitmaßstab: Wie weit reichen die Folgen seines Handelns über sein kurzes Leben hinaus?
Das Wellenbecken eröffnet die Untersuchung eines „Formen-ABC des Wassers“. Wasser trägt Sand ab, lagert ihn um und bildet neue Formen und Widerstände. Eingesetzte Plastiken, darunter der Gordische Knoten als Lösungsmodell, machen erfahrbar, wie eine gestaltete Form mit Wasserbewegung und Quarzsand zusammenwirkt. Ein auf dem Boden weitergeführtes Strömungsbild mit reliefartigen Sandbereichen erweitert diese Untersuchung zur körperlichen Begegnung; ein Teilbereich kann barfuß erkundet werden. Was der Besucher zunächst betrachtet, verlangt nun eine Anpassung seiner eigenen Bewegung.
Der Abendmahl-Opfertisch aus der „Schöpfungsgeschichte“ verbindet wassergeformte Landschaft, plastische Bearbeitung, Nahrung und kulturelle Bedeutung. Eine Folge von 18 Fotografien soll seine Entstehung und Veränderung nachvollziehbar machen. Goldobjekte, Schultafeln und Rollenversuche erschließen weitere Beziehungen zwischen Material, Wert, Eigentum und Selbstbild. Die Werkgeschichte wird dabei selbst zur Erkenntnisgrundlage.
Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet materielle Bedingungen, lebendige Abhängigkeiten, symbolische Ordnungen sowie deren Prüfung und Korrektur. Das dreifache Optimum untersucht die Beziehungen zwischen Medium, Organismus und Steuerung. Beobachtungen, Quellen und erforderliche Messungen konkretisieren die Prüfung; auch die Verfahren selbst bleiben korrigierbar. Verantwortung bedeutet, die eigenen Maßstäbe zu überprüfen und erkannte Folgen in verändertes Handeln zu überführen, bevor Schäden irreparabel werden. Darin entwickelt sich ein plastisches Ich-Bewusstsein.
Das Atelier und meine Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ eröffnen zwei Zugänge zu diesem gemeinsamen Überlebenstraining. Das interaktive Buch stellt Texte, Bilder, Symbole und Arbeitsmaterialien zum Herunterladen, Kopieren und Weiterbearbeiten bereit. Im Atelier entsteht daraus, zusammen mit Materialien meiner analogen Werkbiografie und den Arbeiten der Besucher, das physische Mitmachbuch. Zeichnungen, Fotografien, Collagen, transparente Folien und schriftliche Untersuchungen halten Versuche und Erkenntnisse fest. KI unterstützt das Vergleichen, Ordnen und Erkennen von Widersprüchen; ihre Beiträge werden ebenfalls geprüft. Die Arbeit kann über den Ausstellungsbesuch hinaus fortgesetzt werden.
Während der hundert Tage entsteht durch Besucherhandlungen, Werkversuche, Gespräche und neue Buchseiten eine fortlaufende Raum-Zeit-Körper-Plastik. Der Atelierbetrieb selbst ist das tragende Kunstwerk. Wechselnde Besucher finden eigenständige Einstiege; vorgeschlagene Fachgespräche und anschließende Werkstattarbeit vertiefen ausgewählte Fragen.
Das So-Heits-Atelier ist ein Prototyp der öffentlichen Anwendung meiner Forschungskunst und ein Erprobungsraum der So-Heits-Gesellschaft. Darin sehe ich eines der wenigen umfassenden künstlerischen Überlebenstrainings, die ich den documenta-Besuchern anbieten kann. Das Environment lässt sich an räumliche, personelle und finanzielle Voraussetzungen anpassen. Die Anlagen erläutern Werkgrundlagen, Besucherarbeit und Realisierung.
Ich erwarte Ihre Rückmeldung, ob Sie diese Überlebenswerkstatt in Ihre künstlerischen Planungen für die documenta 16 aufnehmen wollen. Auf dieser Grundlage können wir Auswahl, Umfang und Realisierung gemeinsam konkretisieren.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Fenner
Mein künstlerisches Lebenswerk steht als Prototyp für eine generalistische Forschungskunst, deren oberste Priorität die menschliche Überlebensfähigkeit ist. Über Jahrzehnte habe ich erprobt, wie bildnerische und darstellerische Disziplinen gemeinsam dazu befähigen können, menschliche Vorstellungen, Rollen und Tätigkeiten an ihren Existenzbedingungen und Konsequenzen zu untersuchen. Daraus entwickelten sich meine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft und die Prüfverfahren des So-Heits-Ateliers. Die Forschung mündet in einen Ausbildungs- und Gesellschaftsentwurf: Menschen sollen künstlerisches Können erwerben, um ihre eigenen Lebens- und Arbeitsformen verantwortlich gestalten und korrigieren zu können.
Anlagen :
Anlage 1: Werkstattgeschichte und Entstehung meiner Forschungskunst
Naturbeobachtung, Handwerk und künstlerische Erkenntnis
Meine Forschungskunst entwickelte sich aus Naturbeobachtung, handwerklichem Können, fotografischer, bildnerischer und darstellerischer Arbeit sowie gesellschaftlichen Eingriffen. Ihre Leitfrage lautet: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, erkennen, gestalten und seine Tätigkeiten korrigieren kann?
Frühe Naturbeobachtungen und die Beschäftigung mit Ornithologie schärften meine Aufmerksamkeit für Lebenszusammenhänge. Meine Ausbildung als Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 verband diese Erfahrungen mit Materialbearbeitung, Werkzeuggebrauch, Passung, Toleranz und Funktionsgrenzen. Eine Vorstellung musste sich bei ihrer Ausführung bewähren. Materialeigenschaften ermöglichten bestimmte Tätigkeiten, begrenzten andere und verbanden jeden Eingriff mit Konsequenzen.
Fotografie, Fotojournalismus und Werbung erschlossen weitere Zusammenhänge: Wahrnehmung und Auswahl, Ausschnitt und Darstellung, Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Wirkung. Daraus entwickelte sich die Untersuchung, wie menschliche Vorstellungen entstehen, Tätigkeiten veranlassen und auf materielle sowie lebendige Bedingungen zurückwirken.
Technē und Experimentelle Umweltgestaltung
Während meines Bildhauerstudiums von 1974 bis 1980 in Braunschweig beschäftigte ich mich mit Technē als Verbindung von Können, Hervorbringen und Erkennen. Künstlerisches Handwerkszeug eröffnete die Möglichkeit, durch eigene Tätigkeit Zusammenhänge zu erfahren und Vorstellungen an deren Wirkungen zu überprüfen.
Seit 1975 entwickelte ich die Experimentelle Umweltgestaltung. 1976 stellte ich sie als Entwurf eines neuen Studienbereichs innerhalb der freien Kunst vor. Dieser generalistische, interdisziplinäre und interaktive Ausbildungsansatz sollte künstlerische Disziplinen, Naturbeobachtung, handwerkliche Verfahren und wissenschaftliche Untersuchungen an gemeinsamen Fragestellungen verbinden.
Wasser- und Strömungsversuche, Wellenmaschine, Deichmodelle, Klang- und Videoexperimente sowie das Auto als plastische und gesellschaftliche Versuchsanordnung eröffneten unterschiedliche Forschungswege. Untersucht wurden Formbildung, Widerstand, Bewegung und die Folgen von Eingriffen.
Mein eigener künstlerischer Lebensweg wurde zur praktischen Erprobung dieses vorgeschlagenen Studienbereichs. Um ihn verfolgen zu können, musste ich mir das Handwerkszeug der unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen erschließen. Mein Lebenswerk bildet den über Jahrzehnte entwickelten Prototyp dieses Forschungs- und Ausbildungsansatzes.
Bildnerische und darstellerische Forschung
Die bildnerische Arbeit erschließt Materialeigenschaften, Formbildung und Bearbeitung. Die darstellerische Arbeit untersucht Körper, Stimme, Rollenfigur, Requisite, Inszenierung und das Verhältnis zwischen Darsteller und Darstellung. Beide Bereiche gehören zur Untersuchung menschlicher Selbst- und Weltgestaltung.
Eine Rolle kann Handlungsmöglichkeiten eröffnen und zugleich begrenzen. Ihre Ausübung hat Folgen für den lebendigen Menschen und seine Umgebung. Bühne, Kulisse und Requisite machen solche Beziehungen unterscheidbar und veränderbar. Künstlerisches Können ermöglicht damit, gesellschaftliche Rollen praktisch zu untersuchen und andere Handlungsweisen zu erproben.
Der Zweifel an der eigenen Vorstellung gehört dabei ebenso zum Handwerkszeug wie die Fähigkeit, eine Form oder Darstellung hervorzubringen.
Vom Buch zur gemeinschaftlichen Werkstatt
Die Erwachsenen-Malbücher und weiteren Buchprojekte eröffneten seit den 1970er Jahren Möglichkeiten gemeinsamer Gestaltung. Unterschiedliche Bearbeitungen derselben Vorgabe machten Wahrnehmung, Deutung und eigene Formgebung vergleichbar.
Frage-und-Antwort-Tische, Aktionen, Rollenversuche und Demokratiewerkstätten erweiterten diese Arbeit. Meine Werkstätten reichten vom Buch über Landschaft und Straße bis zu Kunsthallen und begehbaren Environments. In Dresden, in der temporären Kunsthalle Ratzeburg und im Berliner Haus der Demokratie entwickelte sich der Ausstellungsraum zum plastischen Arbeitszusammenhang. Werke, Wege, Körper, Gespräche und Veränderungen wirkten aufeinander ein.
Die Auseinandersetzung mit Franz Oppenheimer bezog Wirtschaftsordnung, genossenschaftliche Zusammenarbeit und Gemeinsinn ein. Künstlerische Gestaltung wurde zur Untersuchung der Bedingungen gemeinsamen Lebens und Arbeitens.
Kollektive Kreativität und Globale Schwarm-Intelligenz
1993 gründete und leitete ich anlässlich des Globalen Dorffestes die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“. Wissenschaftler begleiteten ihre Arbeit bei Veranstaltungen und weiteren Aktivitäten. Künstlerisches Können, unterschiedliche Lebenserfahrungen und wissenschaftliche Perspektiven kamen in gemeinsamer Praxis zusammen.
Diese Zusammenarbeit bildet eine wesentliche Grundlage der heutigen Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“. Sie führt die Aufgabe weiter, Erfahrungen miteinander zu verbinden, Unterschiede und Widersprüche zugänglich zu halten und gemeinsame Untersuchungen zu ermöglichen.
Mit dem Verlust von Mitwirkenden gingen Arbeitszusammenhänge verloren, deren Erfahrungen ich heute in meiner Werkbiografie erschließe. Das So-Heits-Atelier soll diese Erfahrungen erneut für gemeinschaftliche Forschung und Gestaltung öffnen.
Werküberprüfung, Begriffsbildung und Verortungskunst
Mit der entstehenden analogen Werkbiografie untersuche ich die Grundlagen und Entwicklungslinien meines Lebenswerks erneut. Seit 2023 unterstützt mich der kontinuierliche Dialog mit KI beim Vergleichen umfangreicher Materialien, beim Verdichten von Zusammenhängen und beim Ausarbeiten von Begriffen. Meine Ergänzungen, Gegenprüfungen und Korrekturen gehören zu diesem Verfahren.
Historische Werkpraxis und heutige begriffliche Ausarbeitung bleiben unterscheidbar. Ein gegenwärtig präzisierter Begriff kann einen älteren Werkzusammenhang erschließen, ohne bereits zu dessen Entstehungszeit vorgelegen zu haben.
Verortungskunst bezeichnet in meiner Arbeit die Verbindung von Zeitpunkt, Ort, gesellschaftlicher Fragestellung, beteiligten Menschen und künstlerischer Tätigkeit. Auch ausgearbeitete, nicht verwirklichte Konzepte gehören deshalb zur Werkgeschichte. Frühere documenta-Bewerbungen dokumentieren vorgeschlagene Eingriffe in bestimmte historische Situationen.
Das So-Heits-Atelier führt diese Entwicklung als öffentliche Überlebenswerkstatt weiter. Mein Lebenswerk wird darin zum Ausgangspunkt dafür, dass andere Menschen ihre eigene Verortung, Abhängigkeit und Wirksamkeit untersuchen.
Anlage 2: Schlüsselwerke und ihre Aktivierung im Atelier
Wellenbecken und Formen-ABC des Wassers
Das 1975 entwickelte Wellenbecken mit Wellenmaschine verbindet bildnerische Gestaltung mit der Untersuchung materieller Wirkungszusammenhänge. Ein Scheibenwischermotor mit Exzenter erzeugte die Wellenbewegung. Veränderungen an Begrenzungen, Hindernissen und eingebrachten Materialien machten unterschiedliche Wirkungen sichtbar.
Wasser wurde zum formbildenden Gegenüber. Es trug Material ab, lagerte Quarzsand um und bildete neue Formen, die wiederum die weitere Bewegung beeinflussten. Daraus entwickelte sich meine Frage nach einem „Formen-ABC des Wassers“.
Für das Atelier ist eine benutzbare Versuchsanordnung vorgesehen. Besucher verändern einzelne Bedingungen und vergleichen ihre Erwartungen mit dem entstehenden Geschehen. Die künstlerische Formbildung macht erfahrbar, dass die Absicht des Gestaltenden nur einen Teil des Wirkungszusammenhangs bestimmt.
Gordischer Knoten und materielle Wechselwirkung
Der Gordische Knoten wird als gestaltete Plastik in die Untersuchung von Wasserbewegung und Sandablagerung einbezogen. Seine Form verändert Strömungen; Wasser und Sand erzeugen ihrerseits Spuren und weitere Formbildungen.
Die Arbeit verbindet meine plastische Setzung mit Vorgängen, deren Verlauf sich aus den beteiligten Materialeigenschaften ergibt. Im Atelier lässt sich untersuchen, welche Wege eine Form eröffnet oder versperrt und welche unerwarteten Folgen aus ihrer Einfügung entstehen. Die besondere Form des Knotens und seine Funktion innerhalb der Versuchsanordnung werden am Werk erläutert.
Strömungsbild und begehbares Bodenrelief
Das Strömungsbild wird auf dem Boden weitergeführt und durch reliefartige Quarzsandbereiche erweitert. Ein dafür eingerichteter Abschnitt kann barfuß erkundet werden.
Der Besucher begegnet den Formen zunächst visuell und anschließend körperlich. Unebenheit, Widerstand und Gleichgewicht verändern seine Bewegung. Die Materialeigenschaften verlangen eine konkrete Anpassung von Schritt, Haltung und Aufmerksamkeit.
Damit wird aus der Betrachtung einer Form eine Erfahrung eigener Abhängigkeit. Der Körper muss auf Bedingungen antworten, die sich durch eine andere Deutung allein nicht verändern. Eine alternative Route und ergänzende Tastmöglichkeiten eröffnen weitere Zugänge zu dieser Untersuchung.
Erwachsenen-Malbücher und offene Gestaltung
Die Erwachsenen-Malbücher, Krickel-Krakel-Verfahren und weiteren Vorgabebilder bilden eine Grundlage des heutigen Mitmachbuchs. Besucher zeichnen, ergänzen, überlagern, schneiden aus und setzen neu zusammen.
Transparente Folien machen nachvollziehbar, welche Elemente vorgegeben waren und welche durch eigene Tätigkeit hinzukamen. Unterschiedliche Bearbeitungen derselben Ausgangsform erschließen Unterschiede des Wahrnehmens und Gestaltens.
Eine Frage kann dabei erst aus dem freien Gestalten entstehen. Eine Linie, Form oder Collage wird hervorgebracht, betrachtet und erneut bearbeitet. Das eigene Ergebnis wird zum Gegenüber weiterer Erkenntnis.
Schultafeln und „Staumauer“
Die Schultafelbilder „Staumauer“ entstanden im Frühjahr 1989 im Zusammenhang mit deutscher Teilung und gesellschaftlichem Umbruch. Die Tafel ermöglicht, Aussagen zu schreiben, zu verändern, zu löschen und durch andere zu ersetzen.
Im Atelier werden geeignete Arbeitsflächen und Arbeitskopien eingesetzt. Besucher stellen Behauptungen oder Regeln ihren Beobachtungen gegenüber und machen Veränderungen sichtbar. Historische Werkzustände erschließen zugleich, wie Zeitpunkt und gesellschaftliche Situation die Bedeutung einer Aussage beeinflussen.
„Schöpfungsgeschichte“ und Abendmahl-Opfertisch
Die „Schöpfungsgeschichte“ bildet einen umfangreichen Werk- und Forschungszusammenhang aus etwa 12.000 aufeinander bezogenen Fotografien sowie ergänzenden Videos, Texten und Objekten. Naturvorgänge, körperliche Erfahrung, menschliche Auswahl, plastische Bearbeitung und kulturelle Bedeutungsgebung werden in ihren Übergängen untersucht.
Die fotografischen Folgen sind eigenständige künstlerische Arbeiten. Reihenfolge, Wiederholung und Veränderung erschließen Zusammenhänge, die ein einzelnes Bild nicht wiedergeben kann.
Die Form des Abendmahl-Opfertisches geht auf eine durch Wasser entstandene Landschaft zurück, die ich abformte und weiterbearbeitete. Naturvorgang und plastische Tätigkeit verbinden sich mit Nahrung, Abendmahl, Opfer und Dank. Eine Folge von 18 Fotografien soll diesen besonderen Entstehungsprozess gemeinsam in einem Bildrahmen sichtbar machen.
Hier wird auch meine Unterscheidung warmer und kalter Ästhetik werkbezogen untersucht. Die Gegenüberstellung fragt danach, wie Gestaltung, Wahrnehmung und Bedeutungsgebung mit den Lebenszusammenhängen verbunden bleiben, aus denen sie hervorgehen. Die konkrete Bedeutung dieser Unterscheidung wird anhand der Bildfolgen und zugehörigen Werktexte erschlossen.
Vergoldeter Spaten, Goldobjekte und Eigentumsquadrat
Der vergoldete Spaten verbindet ein Werkzeug der Bodenbearbeitung mit kultureller Wertzuschreibung. Untersucht wird, was sich durch Vergoldung, Benennung, Preis und Eigentumszuordnung verändert und welche Eigenschaften des Werkzeugs fortbestehen.
Der fotografische Zyklus „Alltägliche Gewalt“ erweitert die Betrachtung um Folgen des Werkzeugeinsatzes. Das Eigentumsquadrat führt zur Frage, wie Markierungen und Vereinbarungen Verfügungsmöglichkeiten verändern und welche Tätigkeiten daraus entstehen.
Beschaffenheit, Bedeutung, Nutzung und Konsequenz werden auf Folien, Buchseiten und in Rollenhandlungen gegenübergestellt.
Astronautenanzug, Feuerkäfig und Rollenversuche
Astronautenanzug und Feuerkäfig verdichten die Untersuchung von Versorgung, Schutz, Status, Abhängigkeit und behaupteter Unverletzlichkeit. Der Anzug verweist auf die Voraussetzungen körperlichen Weiterlebens. Der Käfig und seine offene Tür eröffnen Fragen nach wahrgenommenen und tatsächlich genutzten Handlungsmöglichkeiten.
Bildarbeiten, Requisiten und Rollenversuche erschließen diesen Zusammenhang. Eine Rolle wird übernommen, verändert und verlassen. Untersucht wird, welche Folgen dem lebendigen Darsteller und anderen Beteiligten auch nach dem Ende der Darstellung bleiben.
Die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte
Die Erdgeschichtsuhr stellt die kurze Dauer menschlicher Geschichte in Beziehung zu den planetarischen Voraussetzungen des Lebens. Der Maßstab wird bis auf die bisherige Lebenszeit des Besuchers bezogen. Die verwendeten Zeitannahmen und Umrechnungen werden am Arbeitsmaterial ausgewiesen.
Die zeitliche Verortung eröffnet die Frage, wie weit die Folgen eines kurzen Menschenlebens über dessen Dauer hinausreichen. Gemeinsam mit den anderen Werken wird die Uhr zum Instrument, um die Maßstäbe des eigenen Handelns zu untersuchen.
Historische Originale, Rekonstruktionen und benutzbare Arbeitsmodelle werden eindeutig gekennzeichnet. Ihre Auswahl und Verwendung werden mit den räumlichen und personellen Bedingungen abgestimmt.
Anlage 3: Plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft und ihre Prüfverfahren
Künstlerische Herkunft und Aufgabe
Meine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft bildet den übergreifenden Zusammenhang meiner Forschungskunst. Sie geht aus Materialbearbeitung, Formbildung, dem Erfahren von Widerständen und der Untersuchung menschlicher Gestaltungen hervor.
Der Mensch erscheint darin als Kunstwerk und Künstler zugleich. Er wird geformt, gestaltet seine Lebenswelt und wird durch seine Gestaltungen wiederum verändert. Auch seine Interpretationen gehören zu diesem Hervorbringen. Selbst die Vorstellung einer Welt ohne Menschen bleibt eine menschliche Vorstellung.
Der Zweifel an der eigenen Darstellung gehört deshalb zur Erkenntnisarbeit. Materialeigenschaften, körperliche Erfahrungen und Tätigkeitskonsequenzen eröffnen Möglichkeiten, Vorstellungen zu überprüfen.
Organismus und Persönlichkeit müssen unterscheidbar werden, damit ihre Verschmelzung und ihre Folgen erkennbar bleiben. Ihre tatsächliche Zusammengehörigkeit wird durch künstlerische Gegenüberstellung untersuchbar. Der Mensch bleibt mit seinen Vorstellungen, Rollen und Tätigkeiten Teil der Wirkungszusammenhänge, von denen sein Leben abhängt.
Wissenschaftliche und erkenntnistheoretische Begriffsfelder meiner Forschungskunst
Die folgenden Begriffsfelder erschließen unterschiedliche Vorgänge meiner Arbeit. Sie verbinden konkrete Werkprozesse mit wissenschaftlichen und philosophischen Untersuchungsmöglichkeiten. Historische Ausgangspunkte, spätere begriffliche Anschlüsse und meine eigenen Begriffsbildungen bleiben dabei kenntlich.
Wahrnehmung und Erfahrung werden durch Aisthesis, Sensorik, Leiblichkeit, Phänomenologie sowie Rezeptions- und Wirkungsästhetik erschlossen. Rezeptorische Aufnahme bezeichnet die sinnliche Aufnahme von Reizen; Rezeption betrifft das Wahrnehmen, Deuten und Verarbeiten eines Werkes. Wirkungsästhetik richtet die Aufmerksamkeit auf das, was eine Gestaltung bei ihren Beteiligten auslöst. Im Bodenrelief verbinden sich sinnliche Wahrnehmung, körperliche Orientierung und veränderte Tätigkeit. Meine Unterscheidung warmer und kalter Ästhetik wird innerhalb dieses Zusammenhangs an konkreten Werken bearbeitet.
Hervorbringen und Handeln betreffen Technē, Poiesis, Performativität, Praxeologie und Prozessästhetik. Sie erschließen Können, Herstellung, Formbildung und die Wirklichkeit, die durch Handlungen entsteht. Ein Rollenversuch macht beispielsweise sichtbar, wie Darstellung das Verhalten anderer verändert und dadurch Folgen hervorbringt.
Körper und Lebenszusammenhang umfassen Stoffwechsel, Organismus–Umwelt-Beziehungen, Regulation, Homöostase und Regeneration. Embodiment und Enaktivismus eröffnen zusätzliche Anschlüsse für die Untersuchung körperlich gebundener Wahrnehmung und Erkenntnis durch Tätigkeit. In der „Schöpfungsgeschichte“ werden diese Beziehungen an Nahrung, Körper, Boden und Bearbeitung erfahrbar.
Bedeutung und gesellschaftliche Geltung werden mit Semiotik, Symbolisierung, Interpretation und sozialer Konstruktion untersucht. Der vergoldete Spaten und das Eigentumsquadrat erschließen, wie Zuschreibungen Nutzung, Verfügung und Verhalten verändern. Materielle Eigenschaften und gesellschaftliche Bedeutung werden dabei in ihrer Wechselwirkung betrachtet.
Prüfung und Veränderung betreffen Reflexivität, Rückkopplung, Kybernetik und Kybernetik zweiter Ordnung, Operationalisierung, Referenzierung, Kalibrierung und Bewährung. Die untersuchende Person bezieht die eigene Beteiligung und ihre Maßstäbe in die Prüfung ein. Ein Begriff wird für eine konkrete Untersuchung so bestimmt, dass er auf Beobachtungen, Vergleichsgrößen oder nachvollziehbare Verfahren bezogen werden kann.
Gemeinschaft und Verantwortlichkeit verbinden Partizipation, Ko-Kreation, Aktionsforschung, Kooperation und Verantwortungsethik. Hier liegen Anschlüsse an die Demokratiewerkstätten, die Kollektive Kreativität und die Globale Schwarm-Intelligenz. Untersucht wird, wie aus verschiedenen Erfahrungen gemeinsames Handeln entsteht und wie dessen Folgen auf Entscheidungen zurückwirken.
Meine plastische Anthropologie organisiert diese Bezüge aus ihrer eigenen Fragestellung heraus. Fachwissenschaftliche Erkenntnisse werden dort herangezogen, wo sie zur Untersuchung eines konkreten Zusammenhangs beitragen.
Das Vier-Ebenen-Modell
Das Vier-Ebenen-Modell ist ein Ordnungs- und Prüfinstrument innerhalb dieses Ansatzes. Es unterscheidet Beziehungen in einer zusammenhängenden Wirklichkeit.
E1 betrifft materielle Wirkbedingungen: Stoffe, Kräfte, Energie, Bewegung, Gewicht, Widerstand und Funktionsgrenzen. Am Wellenbecken gehören Antrieb, Begrenzungen, Wasserbewegung und Sandablagerung dazu.
E2 betrifft lebendige Organisation und ihre Abhängigkeiten: Stoffwechsel, Nahrung, Wahrnehmung, Verletzbarkeit, Regulation und Regeneration. Beim Bodenrelief werden körperliche Orientierung, Gleichgewicht und Anpassung erfahrbar.
E3 betrifft Bedeutungs-, Darstellungs- und Geltungsordnungen: Begriffe, Bilder, Rollen, Eigentum, Preise, Regeln und Institutionen. Sie bestimmen Handlungsmöglichkeiten mit und haben dadurch materielle und lebendige Folgen.
E4 bezeichnet die organisierte Prüfung dieser Beziehungen: Beobachtungen werden verglichen, Maßstäbe untersucht, Rückkopplungen ermöglicht und Korrekturen oder Reparaturen erprobt. Auch die eigenen Zuordnungen bleiben Gegenstand der Prüfung.
Das Modell macht sichtbar, welche Nachweise erforderlich sind. Messungen, Quellenprüfungen und fachwissenschaftliche Untersuchungen werden entsprechend der jeweiligen Frage einbezogen.
Das dreifache Optimum
Das dreifache Optimum untersucht die Passung zwischen Medium, Organismus und Steuerung. Das Medium-Optimum fragt nach den Eigenschaften eines Mediums, die einen bestimmten Lebens- oder Tätigkeitszusammenhang ermöglichen. Das Organismus-Optimum betrifft die Bedingungen des lebendigen Organismus. Das Steuerungs-Optimum untersucht Ziele und Regelungen im Verhältnis zur längerfristigen Erhaltung des Zusammenhangs.
Ein kurzfristiger Erfolg kann Voraussetzungen aufzehren, von denen seine Fortsetzung abhängt. Deshalb werden Ziel, Zeitraum und betroffene Lebensbedingungen ausdrücklich benannt.
Meine Inversionsdiagnose betrifft die Umkehrung, bei der eine begrenzte gesellschaftliche Erfolgsgröße zum übergeordneten Maßstab wird. Wirtschaftlicher Erfolg wird dann beispielsweise verfolgt, obwohl seine Folgen die Wasser-, Boden- oder Regenerationsbedingungen beschädigen, die ihn ermöglichen.
Verhältnis, Passung und Toleranz
Das Verhältnis-Modell 51:49 dient in meiner Forschungskunst der Untersuchung leichter Asymmetrie und verbleibender Beweglichkeit. Die Gegenüberstellung mit 50:50 und 1:99 macht Vorstellungen vollständiger Fixierung und einseitiger Dominanz bearbeitbar.
Bei einer Anwendung wird bestimmt, welche Beziehungen verglichen werden und woran Veränderungen erkennbar sind. Die Zahlenform erhält ihre konkrete Bedeutung durch diesen Bezug.
Passung, Toleranz, Grenzwert und Kipppunkt richten die Aufmerksamkeit auf Bedingungen des Funktionierens und deren Veränderung. „Belastbarkeit“ wird beispielsweise erst durch Angaben zu Gegenstand, Einwirkung, Zeitraum, Veränderung und Regeneration zu einem brauchbaren Prüfmaßstab.
Die sechs Anker
Der Kontextanker bewahrt Leitfrage, Begriffe und übergreifende Zusammenhänge. Dazu gehört die Plexuswirklichkeit: das Geflecht von Beziehungen und Abhängigkeiten, aus dem jede Untersuchung einen Ausschnitt erschließt.
Der Werk-Anker hält Entstehung, Veränderungen, Orte, Zeitpunkte und Beteiligte der Arbeiten fest. Er verbindet die heutigen Verfahren mit ihrer künstlerischen Herkunft.
Der Sensorenanker verfolgt den Weg von einer Wirkung über Wahrnehmung und Aufzeichnung bis zur Darstellung. Körpererfahrung, Fotografie, Film, Sprache und Messung erschließen unterschiedliche Ausschnitte.
Der Prüf-Anker bestimmt Vergleichsmaßstäbe, Nachweise, Gegenproben und Korrekturmöglichkeiten. Er untersucht auch, wer Beobachtungen einbringen und Veränderungen veranlassen kann.
Der Positionsanker macht meine künstlerische Diagnose, Absicht und gesellschaftliche Zielvorstellung kenntlich.
Der Integrationsanker verbindet Werkbiografie, Plattform, Bücher, Atelier und Beteiligte. Ergebnisse bleiben mit ihrer Herkunft verbunden und können gemeinsam weiterbearbeitet werden.
Referenzbewusstsein, plastische Identität und Verantwortlichkeit
Referenzbewusstsein bezeichnet in meinem Ansatz die leibliche Orientierung innerhalb tatsächlicher Abhängigkeiten: Lage, Rhythmus, Betroffenheit, Verletzbarkeit und die Möglichkeit der Umsteuerung. Plastisches Ich-Bewusstsein nimmt diese Erfahrungen in das eigene Selbstverständnis auf.
Plastische Identität bezeichnet die Veränderbarkeit durch Erfahrung und Rückkopplung. Skulpturidentität bezeichnet die Verfestigung einer Selbst- oder Rollenfigur, durch die widersprechende Erfahrungen abgewehrt werden können. Künstlerische Rollenarbeit macht diesen Unterschied praktisch untersuchbar.
Die Verletzungswelt bezeichnet die tatsächliche Verletzbarkeit und Abhängigkeit lebendiger Existenz. Eine behauptete Unverletzlichkeit kann entstehen, wenn gesellschaftlicher Status, Eigentum oder eine Rollenfigur diese Bedingungen im Selbstverständnis verdecken.
Verantwortung bedeutet, Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen in die eigene Selbstprüfung zurückkehren zu lassen. Sie betrifft das eigene Handeln und die gemeinsamen Regeln, unter denen gehandelt wird.
Prüfung, Reparatur und Bewährung
Die Arbeitsbewegung lautet: Beobachtung → Identifikation → Eingriff → Rückkopplung → Verantwortung. Identifikation bedeutet hier, die eigene Beteiligung am untersuchten Zusammenhang zu erkennen.
Erwartung und Ausgangslage werden festgehalten, Wirkungen beobachtet und mit der Vorstellung verglichen. Eine Korrektur wird anschließend erneut untersucht. Bewährung zeigt sich darin, ob eine veränderte Arbeitsweise auch unter weiteren Bedingungen trägt.
Zur Prüfung gehört die Unterscheidung zwischen reparablen und irreparablen Folgen. Stoppregeln bestimmen, wann ein Eingriff unterbrochen werden muss, etwa bei erreichten Belastungsgrenzen oder nicht mehr ausreichend beobachtbaren Folgen. Die Grenzen werden für die konkrete Anordnung festgelegt.
Auch diese Verfahren unterliegen der Selbstprüfung. Ihre Korrigierbarkeit gehört zur Arbeitsweise der öffentlichen Überlebenswerkstatt.
Anlage 4: Besucherarbeit und öffentliches Hundert-Tage-Programm
Selbstbegegnung und Überlebenstraining
Der Kern des Ateliers ist, dass der Besucher sich innewohnend auf einmal gegenübersteht.
Stoffwechsel, Körperorganismus, Versorgung und Verletzbarkeit werden den Vorstellungen von Persönlichkeit, Freiheit, Eigentum und gesellschaftlicher Rolle gegenübergestellt. Der Besucher untersucht sich als Beteiligten an denselben Zusammenhängen, die er betrachtet und gestaltet.
Das Überlebenstraining verbindet persönliche Erfahrung mit gemeinschaftlicher Verantwortlichkeit. Es untersucht, wie Tätigkeiten Lebensbedingungen erhalten oder beschädigen und welche Regeln Veränderungen ermöglichen oder verhindern.
Die So-Heits-Gesellschaft wird dabei als Lebens- und Arbeitsweise erprobt, die ihre Voraussetzungen und Folgen fortlaufend untersucht und erkannte Konsequenzen in Veränderungen überführt.
Einstieg über Wahrnehmung und eigene Fragen
Die Arbeit beginnt bei der Wahrnehmung des Besuchers. Was sucht er? Was irritiert ihn? Was beschäftigt ihn? Welchen Beruf übt er aus, und worin sieht er seine Berufung?
Ein Bild, eine Wasserbewegung, eine Rollenfigur, eine Buchseite oder die Erdgeschichtsuhr kann den Einstieg eröffnen. Eigenständige und begleitete Zugänge ermöglichen unterschiedliche Aufenthaltsdauern. Künstlerische Vorkenntnisse sind keine Voraussetzung für eine erste Beteiligung.
Ein zusammenhängender Arbeitsgang
Ein Besucher betrachtet eine Anordnung im Wellenbecken und hält fest, welchen Verlauf er erwartet. Er verändert ein Hindernis und beobachtet, wie Wasser und Sand reagieren.
Im anschließenden Strömungsbild begegnet er verwandten Formen als Bodenrelief. Die zuvor betrachtete Form beeinflusst nun seine eigene Bewegung. Er untersucht, welche Anpassungen notwendig werden und welche Annahmen sich verändern.
Im Mitmachbuch verbindet er Beobachtung, Zeichnung oder Fotografie mit einer Frage aus seinem Alltag. Ein Gespräch erschließt mögliche Beziehungen zu Tätigkeiten, beruflichen Rollen oder gesellschaftlichen Regeln. Die Übertragung wird darauf geprüft, welche Beziehungen vergleichbar sind und wo Unterschiede bestehen.
Eine anschließende Rollenhandlung kann zeigen, ob eine erkannte Veränderung tatsächlich umgesetzt werden kann. So wird erfahrbar, dass Einsicht, Entscheidungsbefugnis und Handlungsmöglichkeit zusammenwirken müssen.
Bildnerische und darstellerische Arbeit
Zeichnen, Schreiben, Fotografieren, Collagieren und Materialbearbeitung eröffnen verschiedene Wege der Untersuchung. Körper, Stimme, Rollenfigur, Requisite und Inszenierung ergänzen sie um darstellerische Verfahren.
Eine Szene kann mit veränderten Rollen oder Regeln wiederholt werden. Die Beteiligten vergleichen Wahrnehmungen, Befugnisse und Verantwortlichkeiten. Die Kulissen- und Requisitenwelt macht sichtbar, wie eine Darstellung aufgebaut ist und welche Voraussetzungen sie benötigt.
Die Besucher können dabei sowohl Vorstellungen überprüfen als auch neue Handlungsmöglichkeiten hervorbringen.
Täglicher Betrieb und gemeinsames Gedächtnis
Wiederkehrende Einführungen, Gespräche an Arbeitstischen und begleitete Versuche ermöglichen täglich wechselnden Besuchern einen eigenständigen Einstieg.
Ein Tagesarchiv zeigt Arbeitsstände, Veränderungen und offene Fragen. Neue Besucher können frühere Bearbeitungen aufnehmen, ergänzen oder ihnen widersprechen. Herkunft und Veränderungen der Beiträge bleiben nachvollziehbar.
Während der hundert Tage entsteht dadurch eine fortlaufende Raum-Zeit-Körper-Plastik aus Besucherhandlungen, Werkversuchen, Gesprächen, räumlichen Veränderungen und neuen Buchseiten.
Vorträge, Fachgespräche und Werkstattarbeit
Das vorgesehene Grundformat verbindet einen Vortrag mit Podiumsgespräch und anschließender gemeinsamer Bearbeitung an einem Werk. Mein Auftaktbeitrag erläutert die Entwicklung von der Experimentellen Umweltgestaltung zur öffentlichen Überlebenswerkstatt.
Weitere Themen betreffen künstlerische Forschung, Wahrnehmung und Körperlichkeit, Maßstäbe und Kalibrierung, Eigentum und wirtschaftliche Erwartungen, gemeinschaftliche Sinnbildung, KI, Reparatur und planetarische Lebensbedingungen.
Jeder Beitrag eröffnet oder vertieft eine konkrete Untersuchung. Seine Ergebnisse werden in Werkversuchen, Rollenarbeit und Mitmachbuch weiterbearbeitet.
Ergänzender Vorschlag für Gesprächspartner
Für Fragen künstlerischer Forschung enthält die bisherige Planung Henk Borgdorff, Julian Klein, Florian Dombois und Felix Vogel. Weitere mögliche Gesprächspartner sind Lorraine Daston, Fachleute der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, Thomas Fuchs, Hanne De Jaegher, Jens Beckert, Tine De Moor, Sheila Jasanoff, Kate Crawford, Steven J. Jackson, Johan Rockström beziehungsweise ein entsprechendes Forschungsteam sowie Thomas Bauer.
Diese Namen bezeichnen mögliche Einladungen. Zusagen liegen der Planung nicht zugrunde. Auswahl, Umfang und Beteiligung werden gemeinsam abgestimmt.
Die hundert Tage als Kunstwerk
Der Atelierbetrieb selbst ist das tragende Kunstwerk. Wiederkehrende Fragen verändern die Anordnungen; neue Erfahrungen verändern die weiteren Arbeitsangebote.
Eine abschließende öffentliche Werkstatt führt zusammen, welche Vorstellungen verändert, welche Eingriffe erprobt und welche Fragen präzisiert wurden. Die entstandenen Materialien ermöglichen die Weiterarbeit über die documenta hinaus.
Anlage 5: Werkbiografie, interaktives Buch, Mitmachbuch und Plattform
Die Werkbiografie als gegenwärtige Forschung
Meine entstehende analoge Werkbiografie ist eine zusammenhängende künstlerische Arbeit. Sie untersucht, wie Erfahrungen und Fragen zu Werken führten, wie diese verändert wurden und welche Beziehungen zwischen ihnen bestehen.
Fotografische Zyklen, Plastiken und ihre Entstehungsprozesse, Filme, Videos, gemalte Bilder, Collagen, Bücher, Tagebücher, Aktionen und räumliche Arbeiten gehören zu diesem Zusammenhang. Schriftwechsel, Konzepte, Presseunterlagen und Herstellungsbelege erschließen seine gesellschaftlichen und materiellen Bedingungen.
Die Werkbiografie macht den Entwicklungsweg meiner Forschungskunst nachvollziehbar. Auch verworfene Versuche, Veränderungen und nicht verwirklichte Konzepte gehören dazu. Fotografische Folgen bleiben als eigenständige künstlerische Arbeiten mit ihrer Reihenfolge und inneren Entwicklung erhalten.
Vom Werk zur Arbeitsvorlage
Aus der Werküberprüfung entstehen Materialien für das Atelier. Eine frühere Buchseite wird zur Ausgangsform neuer Bearbeitung. Eine fotografische Folge eröffnet einen Wahrnehmungsvergleich. Ein dokumentierter Materialversuch kann als benutzbares Modell aufgenommen werden.
Arbeitskopien erhalten Herkunftsverweise. Rekonstruktionen und neue Anwendungen werden entsprechend bezeichnet. Besucher können dadurch an Verfahren weiterarbeiten und deren Entstehung nachvollziehen.
Ein So-Heits-Atelier mit zwei Zugängen
Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ und das räumliche Atelier eröffnen zwei Zugänge zu einem gemeinsamen Forschungs- und Beteiligungsraum.
Das digitale interaktive Buch stellt Texte, Bilder, Symbole und Arbeitsmaterialien bereit. Sie können heruntergeladen, kopiert und weiterbearbeitet werden.
Im Atelier verbinden sich diese Materialien mit Auszügen der Werkbiografie, unmittelbarer Materialerfahrung und Besucherarbeiten zum physischen Mitmachbuch. Papier, Folie, Zeichnung, Fotografie und Collage ermöglichen eigene Gegenüberstellungen und Umordnungen.
Die digitale Weiterentwicklung soll Ausgangsmaterialien, Bearbeitungsstände und neue Fragen miteinander verknüpfen. Bereits zugängliche Materialien und noch einzurichtende Beteiligungsfunktionen werden kenntlich unterschieden.
Das Mitmachbuch als beweglicher Forschungsraum
Das Mitmachbuch enthält Vorlagen und freie Arbeitsflächen. Besucher ergänzen, überlagern, trennen und ordnen neu. Aus Variationen und Collagen entstehen Beziehungen; aus deren Verdichtung gehen weitere Fragen und Bearbeitungen hervor.
Es setzt die Erwachsenen-Malbücher, Krickel-Krakel-Verfahren und Frage-und-Antwort-Arbeiten fort. Künstlerische Tätigkeit kann eine Frage beantworten oder sie erst hervorbringen.
Die Prüfmodelle unterstützen diesen Prozess dort, wo sie Zusammenhänge genauer untersuchbar machen. Das Buch hält Beobachtungen und Entscheidungen fest und bewahrt zugleich offene Versuche.
Beispiel: Vergoldeter Spaten und „Alltägliche Gewalt“
Ein Besucher wählt eine Aufnahme des vergoldeten Spatens und notiert, welche Eigenschaften er mit dem Gegenstand verbindet. Auf einer transparenten Folie unterscheidet er sichtbare Merkmale, Wertungen und gesellschaftliche Bedeutungen.
Der fotografische Zyklus „Alltägliche Gewalt“ erweitert die Betrachtung um Tätigkeitsfolgen. Eine zweite Bearbeitung hält fest, wodurch sich die ursprüngliche Wahrnehmung verändert.
Eine weitere Person ergänzt eine Frage nach Nutzung und Verfügung. Die Beiträge bleiben unterscheidbar. Eine Rollenhandlung am Eigentumsquadrat kann anschließend zeigen, wie Verfügungsmöglichkeiten das Handeln beeinflussen.
Persönliche Beiträge und gemeinsame Weiterarbeit
Das persönliche Mitmachbuch ermöglicht die Fortsetzung nach dem Besuch. Ergänzend ist eine gemeinsame Dokumentation ausgewählter Arbeitsverläufe vorgesehen. Mit Zustimmung der Beteiligten können Beiträge kopiert oder digital erfasst werden.
Ausgangswerk, Frage, Bearbeitung, Ergebnis und offene Anschlüsse bleiben nachvollziehbar. Spätere Korrekturen ergänzen den Verlauf. Körperbewegung, Materialerfahrung und Gespräch können durch weitere Aufzeichnungen erschlossen werden.
KI als untersuchbares Arbeitsmittel
KI unterstützt das Vergleichen von Materialien, das Auffinden von Werkbezügen, die Textordnung und die Untersuchung widersprüchlicher Angaben. Auch ihre eigenen Verkürzungen und Bedeutungsverschiebungen werden Gegenstand der Arbeit.
Historische Dokumente, eigene Aussagen, heutige Deutungen und KI-Vorschläge bleiben unterscheidbar. Antworten werden mit den verwendeten Materialien und Beobachtungen verglichen.
Die Plattform führt diese Arbeitsverläufe über den einzelnen Besuch und die hundert Tage hinaus weiter. Gemeinsame Forschung entsteht dadurch, dass Erfahrungen zugänglich bleiben, Widersprüche bearbeitet und Veränderungen erneut geprüft werden können.
Anlage 6: Personelle, räumliche, technische und finanzielle Realisierung
Modulare Ausführung und künstlerischer Kern
Das So-Heits-Atelier wird an die verfügbaren Räume und Betriebsbedingungen angepasst. In jeder Ausführung bleiben die zentralen Funktionen erhalten: Materialerfahrung, Selbstbegegnung durch Gegenüberstellung, bildnerische und darstellerische Tätigkeit, Prüfung der Folgen, Mitmachbuch und gemeinsame Weiterarbeit.
Eine kompakte Fassung verbindet ausgewählte Werkfolgen, eine Materialstation, Rollenarbeit und einen gemeinsamen Buch- und Gesprächsbereich. Eine erweiterte Fassung ermöglicht getrennte Wasser-, Boden-, Bühnen- und Dokumentationsbereiche. Zusätzliche Werkmodule, Gastveranstaltungen und digitale Beteiligungsmöglichkeiten können hinzukommen.
Umfang und Ausstattung werden so bestimmt, dass diese Funktionen während des laufenden Ausstellungsbetriebs zugänglich bleiben.
Künstlerische Leitung und Betriebsteam
Ich übernehme die künstlerische Leitung, die Auswahl und Verknüpfung der Werke sowie die Entwicklung der zentralen Fragestellungen. Meine Mitarbeit umfasst Werkstattgespräche, ausgewählte Versuche und die fortlaufende Gestaltung des Environments.
Ein eingearbeitetes Team trägt den täglichen Betrieb. Benötigt werden Produktionsleitung, Atelierkoordination, Vermittlung und Moderation, technische Betreuung sowie Dokumentation und Redaktion.
Die Besetzung richtet sich nach Öffnungszeiten und gleichzeitig betriebenen Stationen. Vorbereitung, Nachbereitung, Pausen und Vertretung werden mitgeplant. Vor der Eröffnung erprobt das Team die zentralen Besucherhandlungen. Regelmäßige Besprechungen führen Erfahrungen aus dem Betrieb in Anpassungen zurück.
Räume, Werke und technische Ausstattung
Erforderlich sind Präsentationsflächen, stabile Arbeitstische, Sitzmöglichkeiten, Tafeln, bewegliche Stellflächen und eine Spielfläche mit Requisiten. Hinzu kommen Lagerung, Vorbereitung und Tagesarchiv.
Die Wasserstation benötigt geeignete Becken, Auffangmöglichkeiten und eine wartbare technische Einrichtung. Das Bodenrelief wird auf den Ausstellungsort abgestimmt. Unterschiedliche Arbeitshöhen, gut lesbare Informationen und alternative körperliche Zugänge werden einbezogen.
Für die Produktion werden vorhandene Originalwerke, herzustellende Rekonstruktionen, benutzbare Arbeitsmodelle und Verbrauchsmaterialien getrennt erfasst. Fotografie, Digitalisierung und Ausdrucke unterstützen die Bucharbeit. Internetzugang und gegebenenfalls Projektion ermöglichen die Verbindung zur Plattform.
Gedruckte Vorlagen und analoge Dokumentation sichern die Fortsetzung der Arbeit bei technischen Unterbrechungen.
Vorbereitung und Betriebsablauf
Die Vorbereitung beginnt mit der verbindlichen Werkauswahl und räumlichen Zuordnung. Für jedes Werk werden Standort, Maße, Material, Zustand, Transport und vorgesehene Verwendung erfasst.
Arbeitsmodelle, Rekonstruktionen und Buchmaterialien werden hergestellt und erprobt. Parallel werden Personal, Veranstaltungsbeiträge und technische Abläufe abgestimmt. Der Aufbau schließt die Erprobung der Besucherwege und Stationsabläufe ein.
Während der Ausstellung werden Verbrauchsmaterialien ergänzt, Einrichtungen gewartet und Veränderungen dokumentiert. Die konkreten Grenzen und Unterbrechungsbedingungen der benutzbaren Versuchsanordnungen gehören zu ihren Betriebsbeschreibungen.
Finanzielle Planung
Die Kalkulation umfasst künstlerische Konzeption und Mitwirkung, Produktion und Koordination, Personal für den laufenden Betrieb, Werkherstellung, Ausstattung, Transport sowie Auf- und Abbau.
Weitere Kosten entstehen durch Papier, Folien, Drucke, Zeichen- und Collagematerialien, Geräte, Wartung, Digitalisierung und Redaktion. Das öffentliche Programm berücksichtigt gegebenenfalls Honorare, Reise und Unterkunft. Ersatz und Reparaturen werden eingeplant.
Das Budget wird aus Raumumfang, Zahl der Stationen, Öffnungszeiten und Personalbedarf entwickelt. Produktionskosten werden durch Stücklisten und Angebote konkretisiert. Leistungen der documenta und zusätzlich benötigte Projektmittel werden getrennt ausgewiesen.
Zusammenarbeit und Weiterführung
Mit der documenta werden Räume, Ausstattung, Produktionsleistungen und Personal abgestimmt. Ergänzende Kooperationen können einzelne Werkstätten, Herstellung oder Digitalisierung unterstützen.
Nach den hundert Tagen werden Werke zurückgeführt, wiederverwendbare Module gesichert und die entstandenen Arbeitsverläufe für Buch und Plattform aufbereitet.
Der erarbeitete Forschungsstand umfasst Werke, Besucherbeiträge, Versuche, Korrekturen und offene Fragen. Seine Weiterführung gehört zum Vorhaben: Menschen sollen durch künstlerische Tätigkeit ihre Lebensbedingungen genauer wahrnehmen und erkannte Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen in verantwortliche Veränderungen überführen können.
