Plastische Anthropologie 51:49 – Transformation des symmetrischen Denkens durch ein plastisches Paradigma.
Zivilisationsanalyse, Erkenntnismodell und Zukunftsform einer So-Heits-Gesellschaft**
1. Einleitung: Problemstellung und zentrale These
Die gegenwärtige Zivilisation steht vor tiefgreifenden Herausforderungen, die von ökologischen Krisen über soziale Fragmentierung bis zu digitalen Halluzinationseffekten reichen. Diese Probleme werden häufig technokratisch beschrieben, ihre Wurzeln jedoch liegen tiefer: in den symbolischen Ordnungen der Moderne.
Die Plastische Anthropologie 51:49, entwickelt von Wolfgang Fenner, interpretiert diese Wurzeln als strukturellen Konstruktionsfehler, der in der Dominanz symmetrischer Denkformen liegt – idealtypisch verkörpert im Dualismus 50:50.
Dieses symmetrische Weltverständnis trennt Subjekt und Objekt, Geist und Materie, Mensch und Natur und erzeugt dadurch eine Distanz, die Rückkopplungen systematisch abschwächt. Die zentrale These des plastischen Paradigmas lautet daher: Echte Erkenntnis entsteht nur in der Rückkopplung von Tat und Welt. Entkopplung hingegen erzeugt Blindheit, die sich auf zivilisatorischer Ebene in Krisen äußert.
Diese Studie entfaltet das plastische Paradigma als epistemisches Modell, Zivilisationskritik und Zukunftsperspektive und vergleicht es mit prägenden Denkern der Moderne. Ziel ist es, zu zeigen, dass die Plastische Anthropologie ein konsistentes Fundament für eine neue Kulturform bietet – die So-Heits-Gesellschaft –, in der Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft nicht mehr getrennt sind und Erkenntnis wieder an Wirklichkeit gebunden wird.
2. Theoretische Grundlagen der Plastischen Anthropologie 51:49
2.1 Der Symmetriedualismus der Moderne (50:50)
Seit der Antike prägt der spiegelbildliche Symmetriedualismus die Wissensordnung Europas. Er teilt die Welt in stabile Gegenpole – Geist/Materie, Innen/Außen, Mensch/Natur – und idealisiert Gleichgewicht, Identität und Abstraktion. Dieses Denken durchdringt Institutionen, Rechtssysteme, Wissenschaften und virtuelle Ökonomien.
Doch die glatte Oberfläche dieses Denkens ist trügerisch. Fenner nutzt die Metapher des Glatteis: Was geordnet und sicher erscheint, entzieht den Füßen Halt. Genau wie schwarzes Eis unmerklich Instabilität erzeugt, verdeckt symbolische Glätte die realen Rückkopplungen, die für das Überleben notwendig wären. Das abstrakte Ideal des Gleichgewichts (50:50) schlägt historisch um in extreme Asymmetrie (1:99), etwa in der globalen Verteilung von Ressourcen, Macht und Aufmerksamkeit.
2.2 Tätigkeit – Widerstand – Rückkopplung – Konsequenz
Fenner identifiziert einen elementaren Prozess, der allem Lernen zugrunde liegt:
Tätigkeit → Widerstand → Rückkopplung → Konsequenz.
Erkenntnis entsteht nicht durch Reflexion allein, sondern durch Handeln in einer realen Umgebung, die reagiert und uns durch Widerstand informiert. Werden diese Schritte getrennt – wie in abstrakten Symbolsystemen –, verliert der Mensch seine Fähigkeit, die Konsequenzen seines Handelns zu verstehen.
2.3 Das Prinzip 51:49
Das Fundament plastischer Erkenntnis ist minimale Asymmetrie. 51:49 ist die kleinste funktionale Abweichung vom starren 50:50, die Bewegung, Entwicklung und Leben ermöglicht. Vollsymmetrie führt zu Stillstand; totale Asymmetrie zur Überwältigung. 51:49 hingegen erzeugt dynamische Stabilität.
Dieses Prinzip findet biologische und ökologische Entsprechungen:
– Homöostase als flexibles Gleichgewicht,
– neuronale Plastizität als ständige Mikroadaption,
– Ökosysteme wie die Tanglandschaft, die durch Biegsamkeit widerstandsfähig werden.
2.4 Kunst als epistemisches Zentrum
“Kunst” meint hier nicht Ästhetik, sondern die plastische Methode: Tätigkeit am Material, Erleben von Widerstand, Erprobung durch Versuch und Irrtum. Diese Form der Techne verankert Denken in der Welt. Moderne Wissenschaft hingegen läuft Gefahr, sich in Abstraktionen zu verlieren – Fenner spricht vom „Glatteis der Zeichen“. Kunst reaktiviert die Rückkopplung.
3. Das plastische Erkenntnismodell als zweite Aufklärung
3.1 Neuroplastizität
Neuroplastizität beschreibt, wie das Gehirn sich nach Erfahrung reorganisiert. In einer Welt voller symbolischer und digitaler Reize wird das Gehirn auf Abstraktion spezialisiert, aber desensibilisiert gegenüber realer Rückmeldung. Kandel zeigt, dass Kunst multisensorische Integrationsleistungen erzwingt und damit eine breitere neuronale Plastizität stimuliert. Das plastische Modell aktiviert diese Anlage systematisch.
3.2 Homöostase
Lebende Systeme regulieren sich durch permanente Abweichung und Gegenreaktion. Moderne Gesellschaften hingegen häufen Extreme an und neutralisieren Warnsignale. 51:49 verlangt das Gegenteil: kontinuierliche kleine Korrekturen statt starre Pläne.
3.3 Aha-Erlebnis als plastische Erkenntnisform
Erkenntnis wird sinnlich, erfahrungsbezogen, leiblich. Das Aha-Erlebnis ist Ausdruck einer plastischen Rückkopplung zwischen Welt und Nervensystem – nicht bloß eines Begriffswechsels.
4. Vergleich moderner Denker im Licht der Plastischen Anthropologie
4.1 Michel Foucault
Foucault analysiert Macht und Diskurs, aber bleibt im Sprachraum. Sein Kritikmodell bietet keine materiell basierte Alternative. PA 51:49 liefert ein Gegenprogramm: Erkenntnis durch Widerstand statt durch Diskursanalyse.
4.2 Peter Sloterdijk
Sloterdijks Anthropotechnik betont Übung und Selbstgestaltung, bleibt jedoch im metaphorischen und philosophischen Raum. Fenner entwickelt eine Anthropoplastik: Lernen durch materielle, künstlerische Praxis und reale Rückkopplung.
4.3 Yuval Noah Harari
Harari betrachtet Fiktionen als Grundlage menschlicher Kooperation. Fenner entgegnet: Diese Fiktionen entkoppeln von der Realität. Kooperation muss über reale Interdependenz erfolgen, nicht über symbolische Erzählungen.
4.4 Bruno Latour
Latours Akteur-Netzwerk-Theorie gibt Dingen agency. PA 51:49 geht weiter: Dinge wirken nicht nur symbolisch, sondern physisch; ihre Widerstände sind epistemisch. Das „Parlament der Dinge“ wird praktisch – durch reale Rückkopplung, nicht durch Metaphern.
4.5 Donna Haraway
Haraway entwirft hybride Wesen im Modus symbolischer Erzählung. PA 51:49 fragt: Wie sieht Hybridität in der Praxis aus? Der Astronaut verkörpert den realen Cyborg: ein Körper-Technik-System, das ohne reale Rückkopplung stirbt.
4.6 Byung-Chul Han
Han beschreibt die Glättung der Welt, die Entfernung des Schmerzes und des Anderen. PA 51:49 liefert eine strukturelle Antwort: Rückkehr des Widerstands als Lernprinzip, Kunst als Schule der Friktion.
5. Praktische Umsetzung im Werk Fenners
5.1 Vision 2000
Frühe Diagnose des ausstehenden „zweiten evolutionären Schritts“. Ausstellung als Zukunftslabor.
5.2 Begehbare Arche
Körperliche Erfahrung ökologischer Abhängigkeit.
5.3 Plastische Weltformel
Ironische Gegenfigur zur wissenschaftlichen Weltformel: nicht symbolisch, sondern begehbar.
5.4 Capella Orkan
Erfahrungsinstallation zur Macht realer Kräfte (Orkan 1976 als Ursprungserlebnis).
5.5 Interaktive Plattform (Globale Schwarm-Intelligenz)
KI als Co-Partner, der seine Grenzen zeigt, wenn Rückkopplung fehlt. Demonstration des Grundprinzips der PA 51:49.
6. Die So-Heits-Gesellschaft: Zivilisationsform der Zukunft
6.1 Grundprinzipien
Gesellschaft als Atelier: Kunst als Erkenntnisform, Rollen als dynamisch, Entscheidungen als experimentelle Prozesse.
6.2 Bereiche der Umsetzung
– Wirtschaft als lokale Atelier-Ökologie,
– Bildung als Makerspace,
– Politik als 51:49-Regelkreis.
6.3 Technik als Partner
Integration statt Ablehnung: VR, KI, Sensorik – aber rückgekoppelt an die physische Welt.
7. Schluss: Die Plastizität als kulturelles Überlebensprinzip
PA 51:49 zeigt, dass moderne Krisen Symptome einer Entkopplung von Realität sind. Die Lösung liegt nicht in mehr Abstraktion, sondern in einer Rückkehr zum plastischen Verhältnis von Welt und Mensch. Die So-Heits-Gesellschaft ist keine Utopie, sondern eine mögliche emergente Form kultureller Evolution – resilient, asymmetrisch balanciert, lernfähig.
Plastizität wird zum Überlebensprinzip:
51:49 statt 50:50.
Körper statt reine Zeichen.
Widerstand statt Glätte.
Welt statt Modell.
Symmetrisches Denken als zivilisatorischer Konstruktionsfehler
Moderne Wissensordnungen beruhen zu großen Teilen auf symmetrischen Denkstrukturen – idealtypisch verkörpert im 50:50-Dualismus.
Dieser seit der Antike etablierte „spiegelbildliche Symmetriedualismus“ trennt die Welt in binäre, einander gegenüberstehende Hälften (Geist vs. Materie, Subjekt vs. Objekt, Kultur vs. Natur usw.) und idealisiert Gleichgewicht und Identität. Aus dieser Symmetrie-Idee speist sich das abendländische Konzept von Ordnung und Gerechtigkeit, das letztlich auch in gesellschaftlichen Abmachungen wie dem Traum vollkommener Gleichheit – aber ebenso in extremer Ungleichheit – Ausdruck findet. So folgte historisch auf das abstrakte Ideal des 50:50-Gleichgewichts die faktische Dynamik von 1:99, etwa in der Verteilung von Macht und Ressourcen. Die Idee der Symmetrie fungiert bis heute als epistemische Basis der Wissenschaften – und erzeugt gerade dadurch blinde Flecken in unserem Verständnis der Realität.
Symbolisches Denken der Moderne operiert primär mit solchen abstrakten Dualismen und Rollenzuschreibungen. Menschen ordnen sich und ihre Umwelt in kategoriale Spiegelbilder: Gut vs. Böse, Subjekt vs. Objekt, männlich vs. weiblich, Mensch vs. Tier. Diese Denkmuster prägen soziale Rollenspiele und Identitätskonstruktionen – vom starren Geschlechterbild bis zur Rollenfunktion im Wirtschaftsgetriebe. Identität wird zur abstrakten Größe, definiert durch Zugehörigkeit zu Symbolsystemen (Nation, Religion, Klasse) statt durch unmittelbare leibliche Wechselwirkung. Modernes Wissen ist in diesem Sinne weitgehend semantisch und symbolisch verfasst: Es häuft Begriffe und Modelle an, die zwar innerlich kohärent erscheinen, aber häufig den Bezug zur physischen Wirklichkeit verlieren. Der Philosoph Michel Foucault etwa zeigte auf, dass das, was als Wahrheit gilt, historisch kontingent und diskursiv konstruiert ist – also Ergebnis von Macht-Wissens-Komplexen, nicht neutrale Erkenntnissoztheo.com. Eine Ordnung der Diskurse ersetzt die direkte Rückbindung an materielle Folgen. Yuval Noah Harari geht noch weiter und behauptet, Homo sapiens habe sich überhaupt nur dank kollektiver Fiktionen zur dominierenden Spezies entwickelt: Er bezeichnet Religion, Nation, Geld, Menschenrechte etc. als nützliche Erdichtungen, an die alle glauben, um in großen Verbänden zu kooperieren. theguardian.com. Diese “selbstverstärkenden Mythen”, so Harari, einen die Gesellschaft und verleihen ihr Machttheguardian.com. Mit anderen Worten: Die Zivilisation gründet auf gemeinsam geteilten symbolischen Vorstellungen anstelle von physischen Realitäten.
Doch gerade hierin – so die zentrale These der Plastischen Anthropologie 51:49 (PA 51:49) – liegt ein zivilisatorischer Fehlkonstruktionsmechanismus. Die Herrschaft der Symbole hat die Verbindung des Menschen zu den realen Existenzbedingungen geschwächt. Wolfgang Fenner, der Begründer des plastischen Paradigmas, diagnostiziert eine historische Entkopplung des Menschseins von der Wirklichkeit: Wo Tätigkeit, Widerstand und Rückkopplung auseinandergerissen werden, verliert der Mensch den Bezug zu den Konsequenzen seines Handelns. Der Schein der symmetrischen Ordnung – sei es 50:50 oder 1:99 – wirkt wie Glatteis: Die Oberfläche gesellschaftlicher Regeln und Bedeutungen erscheint eben und geordnet, doch entzieht sie den Füßen die reale Haftung. Man glaubt, sicheren Schritts auf festem Grund zu wandeln, während unsichtbar die Gefahr des Ausgleitens droht. So wie schwarzes Eis auf der Straße eine trügerische Normalität vorgaukelt und plötzlich jeden Gleichgewichtssinn unterläuft, so birgt das strikt symbolische Weltbild das Risiko katastrophaler Fehlsteuerungen. Tatsächlich, argumentiert Fenner, sind die eskalierenden globalen Krisen – von Umweltzerstörung über Klimawandel bis zur sozialen Ungleichheit – direkte Folgen dieser Ignoranz gegenüber der physikalischen Realität. Eine Zivilisation auf Glatteis: getrieben von abstrakten Wachstumszahlen, ideologischen Feindbildern oder virtuellen Finanzströmen, während die materiellen Lebensgrundlagen unter unseren Schritten brüchig werden.
Vor etwa 2500 Jahren begann diese Entwicklung; heute, so Fenner, stehen wir am Schwellenpunkt, ein: " Zweiter evolutionärer Schritt" zu vollziehen. In seiner Ausstellung “Vision 2000” (Berlin 1999) proklamierte Fenner programmatisch: “In der Endzeit der Menschheit steht der zweite evolutionäre Schritt noch aus.”. Damit drückte er die Forderung nach einem radikalen Wandel im Bewusstsein und Verhalten des Menschen aus – zurück von der abstrakten Symmetrie, hin zu den realen Anpassungsmechanismen der Evolution. Dieser zweite Schritt zielt darauf, die moderne Trennung von Kultur und Natur, von Denken und Körper, von Mensch und Welt zu überwinden und durch ein plastisches Verständnis unserer Existenz zu ersetzen.
Das plastische Paradigma 51:49: Tätigkeit, Widerstand, Rückkopplung
Im Zentrum von Fenners Ansatz steht ein einfaches, aber fundamentales Prozessschema: Tätigkeit → Widerstand → Rückkopplung → Konsequenz- Dieses Schema beschreibt, wie Erkenntnis entsteht – nämlich nicht durch rein geistige Reflexion oder symbolische Repräsentation, sondern durch Handlungen, die auf die reale Welt einwirken, dort auf Widerstände treffen, daraufhin Feedback erzeugen und letztlich irreversible Folgen zeitigen. Menschsein, so formuliert es Fenner, „entsteht nicht durch Begriffe oder Deutungen, sondern durch Tätigkeiten, die auf realen Widerstand treffen, Rückkopplung erzeugen und irreversible Konsequenzen hervorbringen.“
Erst im Wirkungsgeflecht aus aktivem Eingreifen und materieller Antwort werden die existenziellen Abhängigkeitsstrukturen sichtbar, die unser Dasein prägen. Jede Handlung – vom Anzünden eines Feuers bis zum Start einer Rakete – enthüllt durch ihre Rückwirkungen etwas über die Ordnungen der Welt: Was stabil bleibt, was instabil wird, wo Anpassung nötig ist, wo Grenzen überschritten werden. In diesem Sinne ist die Welt kein statischer, symbolisch zu vermessender Gegenstand, sondern ein dynamischer Partner im Erkenntnisprozess.
Das plastische Paradigma 51:49 führt nun einen entscheidenden Zusatz ein: die minimale Asymmetrie von 51% zu 49% als Grundprinzip aller lebensfähigen Systeme. Dieses leicht verschobene Verhältnis – knapp jenseits perfekter Symmetrie – symbolisiert, dass lebendige Prozesse immer einen kleinen Überschuss, einen Impuls des Ungleichgewichts benötigen, um sich zu entwickeln. Volle Symmetrie (50:50) bedeutet Stillstand, Spiegelung, sterile Balance; totale Asymmetrie (100:0) bedeutet Überwältigung, Chaos, Einseitigkeit. 51:49 hingegen steht für dynamische Stabilität: ein System, das sich selbst im Ungleichgewicht hält, um beweglich zu bleiben, um auf Veränderungen reagieren zu können.
Fenner beschreibt dies als Grundlogik aller lebendigen Systeme. Biologisch betrachtet lässt sich dieses Prinzip beispielsweise in der Homöostase erkennen – dem Mechanismus, durch den Organismen ihre inneren Bedingungen in einem flexiblen Gleichgewicht halten. Der Körper reguliert z.B. seine Temperatur nicht starr auf genau 37,0°C, sondern pendelt minimal darum; ein stetiges Oszillieren, das das Überleben sichert. Analog dazu behält ein Ökosystem sein Gleichgewicht durch ständige kleine Abweichungen und Gegenreaktionen. Eine Tanglandschaft im Meer etwa – ein wogender Wald aus Kelp unter Wasser – verdeutlicht dieses Prinzip anschaulich. Die kelpartigen Algen wurzeln im Meeresboden und geben dem Ökosystem Halt, doch zugleich biegen und strecken sie sich flexibel mit den Strömungen. Ein Kelpwald ist nie symmetrisch starr, sondern plastisch – in beständigem Austausch mit den Wasserbewegungen, wodurch er Stürme überdauern kann. So verweist das Bild einer Tanglandschaft symbolisch auf die plastische Resilienz: Stabilität durch kontrollierte Asymmetrie und Anpassungsfähigkeit.
Fenner argumentiert, dass auch gesellschaftliche und individuelle Prozesse diesem Muster folgen sollten. “Die minimale Asymmetrie 51:49 stabilisiert diesen Prozess und bestimmt die Überlebensfähigkeit lebender Systeme. Alles andere sind Symbolwelten und Konstrukte.”
Mit “Symbolwelten” sind hier die erwähnten starren Bedeutungsgerüste der Kultur gemeint, welche die echte Rückkopplung ersetzen. Die Plastische Anthropologie will demgegenüber die “Tätigkeits-Widerstands-Struktur als existenzielle Grundlage des Menschseins sichtbar machen”, um darüber eine präzisere Definition des Menschseins zu gewinnen. Menschsein wäre demnach nicht primär durch Sprache oder Rollen definiert, sondern funktional: durch die Fähigkeit, aus realer Weltinteraktion zu lernen. Der Mensch lernt Verantwortung – im Sinne von „für die Konsequenzen einstehen“ – nur, wenn er die Folgen seines Handelns tatsächlich spürt und sein Verhalten entsprechend adjustiert. Wird diese Kette unterbrochen, drohen Fehlfunktionen „bis hin zum Nicht-mehr-Funktionieren“. des ganzen Systems.
Die PA 51:49 ist somit eine Epistemologie, die physikalisch-funktional statt symbolisch verfasst ist. Sie schlägt vor, das Erkenntnismodell der Moderne – die Theorie, man könne die Welt durch distanziertes, abstraktes Betrachten begreifen – abzulösen durch ein plastisches Erkenntnismodell, in dem Begreifen wörtlich zu nehmen ist: als ein tätiges Angreifen und Formen der Wirklichkeit. Der Begriff “plastisch” spielt hier doppelt: Er verweist auf die bildende Kunst (Plastik, Skulptur) ebenso wie auf die biologische Plastizität (Formbarkeit lebender Strukturen). Erkenntnis entsteht im plastischen Paradigma, wenn Hirn, Hand und Material in Rückkopplung treten. So wie ein Bildhauer den Widerstand des Marmors spüren muss, um eine Skulptur herauszuarbeiten, so muss eine Gesellschaft die realen Grenzen des Planeten erfahren, um eine nachhaltige Lebensweise zu „erarbeiten“. Widerstand – im Sinne von realer Gegenwirkung der Welt – ist kein Hindernis, sondern die Bedingung dafür, dass wir überhaupt etwas lernen.
In diesem Verständnis wird Kunst zur methodischen Leitdisziplin. Schon die antike Techne, auf die Fenner verweist, verkörperte ein integriertes Verhältnis von Tun, Erkennen und Welt. In der griechischen Techne – sei es in der Töpferei, im Schiffsbau oder in der Heilkunst – war Wissen immer an das konkrete Herstellen geknüpft. Dieses „rechte Maß“ des Machens, das nicht in abstrakte Dogmen abgleitet, sieht Fenner als historisches Vorbild für die 51:49-Logik. Die Kunst des Widerstands gegen die Natur (im Sinne von Bearbeitung von Material) hielt den Menschen einst angebunden an die Wirklichkeit. Moderne Wissenschaft hingegen hat sich von der Werkstatt in den Seminarraum verlagert, vom Feld in die Theorie. Auf der sprichwörtlichen Schultafel werden Formeln entworfen, die elegant in sich konsistent sind, aber oft keinen realweltlichen Gegenhalt mehr haben. Ein Blick auf eine mit mathematischen Formeln vollgeschriebene Tafel – Symbol der modernen Wissensproduktion – zeigt, wie sehr unsere Kultur auf Abstraktion vertraut. Während diese Abstraktionen enorme technologische Fortschritte ermöglicht haben, ist die Gefahr laut Fenner, dass wir darüber die Rückkopplung verlieren: Wissen halluziniert sich fort in seinen eigenen Konzepten und „reproduziert sich nur selbst“. wenn es nicht mehr durch reale Grenzen kalibriert wird. Der Konstruktionsfehler der symmetrischen Wissensordnung liegt also darin, dass sie ihrer eigenen Fiktion absoluter Kontrolle erliegt – sie hält sich für objektiv und allmächtig, während sie in Wahrheit über einem Abgrund mangelnder Realitätstests schwebt.
Fenner illustriert diesen Sachverhalt pointiert durch einen Vergleich: Ein Kartoffelacker vermittelt einem Bauern unmittelbar Wissen – der Zustand der Blätter, die Feuchtigkeit der Erde, der Ernteertrag fungieren als unbestechliches Feedback seiner Anbaumethoden. Ein Diagramm in einem Börsenbericht hingegen kann künstlich glänzende Zahlen zeigen (symbolisches Feedback), während die reale Wirtschaftskraft – vergleichbar der Fruchtbarkeit des Bodens – längst erodiert.
Die Kartoffel als einfaches, erdiges Objekt steht hier sinnbildlich für Erkenntnis, die aus der Erde wächst, während das abstrakte Zahlenspiel der Finanzmärkte die Entkopplung verdeutlicht. In der Tat hat Byung-Chul Han in seiner Kulturkritik festgestellt, dass unsere digitale, spätmoderne Welt vielerorts entkörperlicht ist: Sie entferne uns von der physischen Anwesenheit und damit auch vom Schmerz und Widerstand der Realitätkunstforum.de. Han beschreibt eine “Entkörperlichung und das Körperlose unseres digitalen Lebens”, in dem der Andere – das Gegenüber und Gegenüberstehende – verschwindetkunstforum.de. Die Plastische Anthropologie antwortet darauf mit einer bewussten Re-Körperlichung von Erkenntnisprozessen: Erkenntnis soll wieder „unter die Haut“ gehen, buchstäblich spürbar werden.
Symbolische Moderne und blinde Flecken: Dualismen, Rollen, abstrakte Identität
Um die Konsequenz des plastischen Paradigmas abzuschätzen, lohnt ein kritischer Vergleich mit zentralen Denkern der Moderne. Wie verhalten sich die Diagnosen etwa von Foucault, Sloterdijk, Harari, Latour, Haraway oder Han zur Idee einer plastisch-künstlerischen Erkenntnis? Welche Einseitigkeiten zeigen sich in deren Perspektiven, und wie adressiert PA 51:49 diese?
Michel Foucaults Werk beispielsweise seziert die Wissensordnungen der westlichen Moderne in Bezug auf Macht und Diskurs. Foucault enthüllt, wie “Wahrheit” und “Subjektivität” in verschiedenen Epochen als Effekte von Disziplinierungs- und Diskurspraktiken entstehensoztheo.com. Sein poststrukturalistischer Zugriff betont die historische Kontingenz von Wissen und die Instabilität von Bedeutungensoztheo.com. Mit seinem Konzept der “körperlosen Stimme der Vernunft” (etwa in der Ordnung des Diskurses) hat Foucault uns gelehrt, jede vermeintlich naturgegebene Wahrheit als Produkt von Sprachspielen zu hinterfragen. Was ihm jedoch vorgeworfen wird – und was aus Sicht der Plastischen Anthropologie ins Gewicht fällt – ist, dass Foucault kein Gegenprogramm anbietet. Er beschreibt meisterhaft die Dispositive der Macht, in denen Körper zwar als Objekte der Disziplinierung vorkommen (z.B. “docile bodies”, die dressierten Körper im Überwachungsregimesoztheo.com), aber der Körper erscheint bei ihm primär als Leidensmedium der Macht, nicht als Quelle eines alternativen Wissens. Foucaults Diagnosen enden häufig in einer gewissen Aussichtslosigkeit: Wenn Wissen stets durch Machtstrukturen kontaminiert ist, woher könnte dann Befreiung oder Wahrheit jenseits davon kommen?
Diese Leerstelle füllt Fenner mit seinem plastischen Paradigma: Widerstandserkenntnis als neue Form von Wahrheit. Wo Foucaults Diskursanalyse die Allgegenwart von Macht beschreibt, setzt Fenner die Möglichkeit, durch reales Handeln jenseits bloßer Zeichen neue Erfahrungsräume zu schaffen. Interessanterweise hat Foucault selbst in späten Interviews die Bedeutung “subjugierter Wissensformen” – etwa lokaler, körpernaher Kenntnisse – anerkannt. Doch die Ausarbeitung einer solchen körperlich-künstlerischen Erkenntnis blieb bei ihm fragmentarisch. Die Plastische Anthropologie 51:49 könnte man daher als eine Art Antwort auf Foucault lesen: Ein Gegenentwurf, der nicht im „Gefängnis der Sprache“ verbleibt, sondern das Gefängnis sprengt, indem er den Körper wieder zum epistemischen Subjekt macht.
Peter Sloterdijk wiederum hat in seinem Anthropozän-Denken und insbesondere in Du mußt dein Leben ändern (2009) die Idee der Übung und Anthropotechnik betont: Der Mensch formt sich selbst durch Praxis, durch “Übungsräume” (Klöster, Dojos, Ateliers), in denen er seine Existenz gestaltet. Darin klingt bereits etwas vom plastischen Denken an. Sloterdijks berühmte Trias der Sphären (Blasen, Globen, Schäume) bietet ein metaphorisch-plastisches Bild menschlicher Lebenswelten – wir leben in selbstgeschaffenen Innenräumen der Existenz. Doch Sloterdijks Perspektive bleibt dabei oft beobachtend-philosophisch statt eingreifend-künstlerisch. Zwar spricht er von Anthropotechniken als aktiver Selbstgestaltung, doch diese sind bei ihm primär spirituell-kultureller Natur (Übungen der Askese, des Sports, der kontemplativen Praxis). Eine tatsächliche Integration der bildenden Kunst als Erkenntnismittel findet sich bei Sloterdijk eher am Rande. Seine Schriften sind intellektuelle Kunstwerke voller plastischer Metaphern, aber er selbst operiert innerhalb des philosophischen Diskurses. Hier könnte man von einer gewissen Einseitigkeit sprechen: Sloterdijk anerkennt die Leiblichkeit des Übens, aber er entwickelt kein methodisches Modell, wie uns Materie und künstlerischer Prozess neue Wahrheiten lehren könnten. Die Plastische Anthropologie schließt diese Lücke, indem sie wortwörtlich ins Atelier geht – sie vereint Theorie mit künstlerischer Praxis. In Fenners Lebenswerk spiegelt sich dies deutlich: Zahlreiche Kunst-Installationen und Projekte (von der begehbaren Arche über die Plastische Weltformel bis zur Capella Orkan) wurden von ihm als epistemische Experimente konzipiert, in denen Teilnehmer physisch erfahren sollten, was abstrakt gemeint ist. Eine “Begehbare Arche” beispielsweise – man kann sich darunter ein begehbares Kunst-Objekt vorstellen, das die Arche Noah versinnbildlicht – macht den Besucher körperlich zum Teil einer Allegorie der Rettung von Leben. Sloterdijks Anthropotechnik bleibt demgegenüber in sprachlicher Reflexion stehen, während Fenner eine Anthropoplastik praktiziert, die den Menschen durch das künstlerische Tun im Medium der echten Welt transformiert.
Yuval Noah Harari wurde bereits erwähnt mit seiner These, dass Fiktionen das Erfolgsgeheimnis unserer Spezies seien. In Sapiens und Homo Deus feiert er gewissermaßen die Kraft der Imagination: Nur weil wir kollektiv an Geld, Götter oder Nationen glauben, konnten wir komplexe Gesellschaften aufbauentheguardian.com. Diese Sichtweise legt den Finger genau auf das, was Fenner kritisiert – nur bewertet Harari es positiv bzw. als unausweichlich. Harari beschreibt den modernen Menschen als “post-truth species”, für den Mythen realer sind als der physische Boden unter den Füßentheguardian.com. Aus plastisch-anthropologischer Sicht perpetuiert Harari damit aber eine Einseitigkeit zugunsten des Symbolischen. Zwar erkennt er die Gefahren von falschen Mythen (er warnt etwa vor nationalistischen Lügen und religiösen Dogmentheguardian.comtheguardian.com), doch seine eigene Erzählung verhaftet weiterhin im Paradigma, dass Bedeutung letztlich konstruiert wird und der physische “harte” Realitätskern nur von Biologie und Technologie geliefert wird. Die Plastische Anthropologie würde Harari entgegenhalten, dass jene “selbstverstärkenden Mythen”, die uns zusammenschweißen, zugleich die Saat unserer Entkopplung von der Natur in sich tragen. Harari sieht beispielsweise den Erfolg der Wissenschaft im Eingeständnis menschlicher Unwissenheit und im Glauben an Fortschritt, wohingegen Fenner kritisch anmerkt, dieser Fortschrittsglaube ohne Rückkopplung habe eine zerstörerische Eigendynamik (man denke an die planetaren Grenzen, die im blinden Fortschrittsstreben ignoriert wurden).
Hier prallen zwei Erkenntnistheorien aufeinander: Hararis symbolisches Paradigma – Wissen als gemeinsames Storytelling – und Fenners plastisches Paradigma – Wissen als gemeinsames Handeln am Widerstand. Beide anerkennen, dass Homo sapiens kooperiert; aber wo Harari Kooperation über Imagination erklärt, erklärt Fenner sie über reale Interdependenz. Man könnte sagen, Harari schildert die Erfolgsgeschichte des 1:99-Prinzips (wenige Ideen steuern die Masse), während Fenner einen Epochenwandel zum 51:49-Prinzip einfordert, wo jedes Mitglied der Gemeinschaft wieder in echter Rückkopplung mit der Welt steht.
Bruno Latour, einer der Vordenker einer Neuausrichtung der Sozialtheorie, kommt dem plastischen Denken in mancher Hinsicht nahe. Mit seiner Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) und Arbeiten wie Wir sind nie modern gewesen (1991) oder Das Parlament der Dinge hat Latour versucht, die strikte Trennung von Natur und Gesellschaft zu überwinden. Er fordert, dass Nicht-Menschen (Objekte, Tiere, Dinge) ebenso als Akteure mit agency begriffen werden wie Menschenthesocietypages.org. Latour zeigt auf, dass die moderne Verfassung auf einer Lüge beruht: offiziell trennt sie das Soziale (als Reich menschlicher Bedeutungen) vom Natürlichen (als Reich stummer Objekte), tatsächlich aber vermischen wir beides ständig in Hybriden (Technologien, Ökosysteme, Laborprozesse)transversal.at. Diese Kritik deckt sich mit Fenners Diagnose des Konstruktionsfehlers 50:50. Latours Parlament der Dinge ist die Vision, den Dingen eine Stimme zu geben – sprich: sie in unsere kollektiven Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Hier eröffnet sich ein fruchtbarer Vergleich: PA 51:49 gibt den Dingen nicht nur eine Stimme, sondern eine Kraft. Statt nur symbolisch (im Parlament) über Dinge zu verhandeln, setzt Fenner darauf, dass wir durch die physischen Reaktionen der Dinge selbst belehrt werden müssen. Wenn Latour sagt, “Objekte haben Handlungsmacht”, würde Fenner hinzufügen: und diese Handlungsmacht äußert sich durch Widerstand und Feedback, die wir ernst nehmen müssen. Beide Denker plädieren für eine Art neuen Gesellschaftsvertrag zwischen Mensch und Welt. Latour schlägt vor, die Moderne zu „verklammern“ und eine amoderne Perspektive einzunehmen, in der die alte Dualität überwunden wird. Fenner geht einen Schritt weiter und liefert mit 51:49 ein konkretes Funktionsmodell für diesen Vertrag: Eine Gesellschaft, in der jede Theorie an der Praxis zu messen ist, jeder Plan an der Ausführung, jede Entscheidung an ihren Konsequenzen – kurz, ein epistemisches Real-Time-Parlament, in dem Tatsachen und Werte zugleich verhandelt werden, aber nicht per Abstimmung, sondern per Rückkopplungstest. Latour’s Ansatz krankt aus Fenners Sicht daran, dass auch er letztlich im Diskursiven bleibt: Das Parlament der Dinge bleibt ein Bild, ein Aufruf an die Politik, während plastisches Denken real in Werkstätten, Laboren, Gärten, Ateliers umgesetzt werden soll. Dennoch erweist sich Latour als wichtiger Bündnispartner im Geiste, da er wie Fenner die Hybris der reinen Moderne entlarvt und die Notwendigkeit einer neuen Verfassung postuliert, in der “Natur” nicht mehr passiv ist. PA 51:49 könnte man als Verfassungsentwurf verstehen, der Latours Forderung praktisch untermauert.
Donna Haraway schließlich, mit ihrem Cyborg-Feminismus und dem Konzept der “verflochtenen Verbundenheit” (Staying with the Trouble, 2016), liefert eine weitere Perspektive auf das Überwinden moderner Dualismen. Haraway setzt dem patriarchal-technokratischen Mythos der Kontrolle die Figur des Cyborg entgegen – als Mischwesen aus Organismus und Maschine, Natur und Kultur. Ihr berühmtes Zitat „Cyborg imagery can suggest a way out of the maze of dualisms in which we have explained our bodies and our tools to ourselves“azquotes.com bringt auf den Punkt, dass sie einen Ausweg aus der Falle der binären Logik sucht. Dieser Ausweg besteht für Haraway darin, Grenzen zu transgredieren: Mensch/Tier, Mensch/Maschine, Männlich/Weiblich – all diese Kategorien sollen porös werden.
Darin liegt eine starke Parallele zu Fenners Anliegen, die 50:50-Spaltung aufzuheben. Allerdings verfolgt Haraway dies primär im Rahmen einer symbolischen Neumythologie. Ihr Cyborg-Manifest ist ein Aufruf, neue Erzählungen zu schaffen, in denen wir uns als hybride, kooperative Wesen denken, anstatt als isolierte, dominierende Subjekte. Plastik gesehen: Haraway fordert ein Umdenken, Fenner ein Umhandeln. Sie betont die Ambivalenz und Verflochtenheit (Stichwort “natureculture”), was dem 51:49-Prinzip ähnelt – schließlich impliziert 51:49 auch, dass nichts rein einseitig ist. Aber Haraway bleibt in einer utopisch-fiktionalen Sprache; sie arbeitet mit Metaphern und Ironie, z.B. wenn sie von “making kin” (Verwandtschaft herstellen mit anderen Spezies) spricht. Die Plastische Anthropologie könnte als praktische Erdung von Haraways Ideen verstanden werden. Anstatt Cyborg primär als Mythos zu behandeln, würde Fenner fragen: Wie sieht ein “Cyborg” in der Werkstatt aus? Vielleicht so: Ein Mensch im Astronautenanzug, der versucht, in einer lebensfeindlichen Umgebung – z.B. dem Weltall – zu überleben, verkörpert die Verschmelzung von Körper und Technik. Das Astronautenbild veranschaulicht harawaysche Gedanken in realer Praxis: Der Anzug (Technologie) wird zur zweiten Haut (Organismus), um die Grenzen der menschlichen Lebenswelt zu erweitern. Dabei zeigt sich aber auch die Verletzlichkeit und Notwendigkeit der physikalischen Bedingungen: Im Vakuum des Alls kann kein Mythos allein Leben erhalten; nur die konkrete Bereitstellung von Atemluft, Druck, Temperatur – eine mobile Homöostase – macht das Überleben möglich. Astronaut und Anzug in funktionaler Einheit entsprechen dem Cyborg – und zugleich demonstrieren sie Fenners Kernpunkt: ohne reale Rückkopplung (hier: die technischen Messwerte, der Sauerstoffvorrat, die Wirkung der kosmischen Strahlung auf den Körper etc.) nützt die beste Vision nichts. Haraway und Fenner adressieren beide die Notwendigkeit, die Trennung von Mensch und Welt zu überwinden; Haraway tut es erzählerisch, Fenner experimentell.
Byung-Chul Han, als zeitgenössischer Kulturkritiker, diagnostiziert in vielen seiner Bücher (von Müdigkeitsgesellschaft bis Auslöschung des Anderen) die Kehrseite der entgrenzten, neoliberalen Moderne. Han kritisiert die völlige Glättung und Transparenz in der heutigen Gesellschaft: Alles soll effizient, positiv, störungsfrei (glatt) sein – Konflikte und Negative werden verdrängt. Er schreibt: “Das Glatte bietet ein angenehmes Gefühl, aber... unser gegenwärtiger Schönheitsbegriff beruht auf der Vermeidung des Schmerzes.” (sinngemäß aus Die Austreibung des Anderen).
Gerade den Schmerz – als Zeichen des Widerstands – sieht Han jedoch als wesentlich für echte Erfahrung. Er beklagt, dass im digitalen Zeitalter der körperliche Schmerz und das direkte Gegenüber weitgehend verbannt wurdenkunstforum.de. Han sagt zuspitzend, „Die Zeit, in der es den Anderen gab, ist vorbei.“kunstforum.de – eine Aussage, die Fenner sicherlich teilt, aber nicht als endgültige Diagnose akzeptiert. Während Han eher pessimistisch konstatiert, was verloren ging (Rituale, Körperlichkeit, Andersheit) und in fast elegischer Weise die Rückkehr des Anderen beschwört, liefert die Plastische Anthropologie einen konkreten Ansatz, das Andere – als Widerstand der Welt – wieder hereinzuholen. In gewisser Weise kann man PA 51:49 als Antwort auf Han verstehen:
Han beschreibt präzise die Symptome (Entkörperlichung, Vereinsamung trotz Vernetzung, Burnout durch Selbstoptimierungszwang), aber er gibt nur allgemeine Hinweise auf Heilung durch Kontemplation oder neue Rituale.
Fenner bietet mit 51:49 ein strukturelles Heilmittel: Indem wir die Feedback-Schleifen reparieren, kehrt das Negative (im Sinne von Herausforderung, Widerpart) zurück ins Leben und ermöglicht Wachstum. Han erkennt an, dass ohne Schmerz keine echte Verwandlung möglich ist – er spricht metaphorisch von der “Kunst, Schmerz zu erleiden”, die uns abhandenkam. Hier schließt der Kreis zur Kunst als Erkenntnispraxis: Plastik im künstlerischen Sinn ist oft mit Mühe, Risiko und auch mal Scheitern verbunden – Materialien können brechen, Ideen misslingen, Kritik schmerzen. Genau diese Schule des Realen fordert Fenner ein, nicht anders als Han, doch anstatt ins Zen-Kloster oder zur Psychoanalyse zu schicken, sagt Fenner: Ab ins Labor, in den Garten, ins Atelier! Dort, im Spiel mit echten Widerständen, liegt der evolutionäre Entwicklungsschritt verborgen, den unsere verkopfte Gesellschaft versäumt hat.
Kunst, Neuroplastizität und Homöostase: Ein zweiter evolutionärer Erkenntnisschritt
Durch die Integration von Kunst, physikalischer Realität, Neuroplastizität und Homöostase verkörpert das plastische Modell einen evolutionär notwendigen zweiten Erkenntnisschritt für die Menschheit. Dieser Schritt besteht darin, unsere Art zu wissen und zu leben so umzustrukturieren, dass wir im Einklang mit den Prinzipien lebender Systeme lernen – anstatt gegen sie.
Die moderne Zivilisation hat bisher vor allem von den kognitiven Fähigkeiten des Menschen profitiert: Abstraktion, Sprache, rationales Denken – das könnte man den ersten Erkenntnisschritt nennen, der uns Wissenschaft und Technik schenkte.
Doch wie Fenner betont, “anstatt diese Fähigkeiten im Einklang mit der Natur und der physikalischen Realität zu nutzen, verwendet der Mensch sie, um in der Konsumwelt zu funktionieren. Wir haben unsere Intelligenz in den Dienst eines selbstbezüglichen Systems gestellt (Kaufen und Verkaufen, Effizienzsteigerung, virtuelle Unterhaltung), statt sie zur tieferen Erforschung der Naturgesetze und unserer echten Abhängigkeiten einzusetzen.
Dieser Befund deckt sich mit dem, was Neurobiologen und Psychologen feststellen: Die menschliche Aufmerksamkeit wird heute von künstlichen Reizen absorbiert, unser Gehirn formt sich nach den Anforderungen des Digitalen – was man als Fehlkalibrierung unserer Neuroplastizität sehen kann.
Neuroplastizität bezeichnet die Eigenschaft des Gehirns, sich aufgrund von Erfahrungen strukturell und funktionell zu verändern. Das Sprichwort “neurons that fire together, wire together” bringt es auf den Punkt: Worauf wir unsere Tätigkeiten und Aufmerksamkeit richten, das verstärken wir neuronal. Wenn moderne Menschen also überwiegend in symbolischen, bildschirmvermittelten Sphären agieren, dann passt sich das Gehirn dem an – es wird gewissermaßen spezialisiert auf Abstraktion, aber desensibilisiert gegenüber realweltlichen Rückmeldungen. Umgekehrt zeigt die neurowissenschaftliche Forschung, dass körperliche, handwerkliche und künstlerische Betätigung andere Hirnareale und Vernetzungen stimuliert (etwa motorische, sensorische und kreative Netzwerke) und oft zu ganzheitlicheren Lernerfahrungen führt. Eric Kandel, Nobelpreisträger und Neurobiologe, hat beispielsweise in seinem Werk “The Age of Insight” (2012) betont, wie Kunst und Gehirnforschung sich bereichern können – Kunst zwingt das Gehirn zur Integration von Sinnesreizen und Emotion, was abstraktes Faktenwissen allein nicht vermag.
In diesem Sinne untermauert die Neurowissenschaft Fenners Forderung: Ein Erkenntnismodell, das Kunst und körperliche Interaktion einschließt, spricht die volle Plastizität des menschlichen Gehirns an und könnte uns aus der Einbahnstraße rein semantischen Wissens herausführen.
Hinzu kommt das Prinzip der Homöostase, der Selbstregulation lebender Systeme. Die Erde als Ganzes – Gaia, könnte man mit James Lovelock sagen – befindet sich in einem homöostatischen Prozess, und ebenso jeder menschliche Körper. Homöostase bedeutet, auf Störungen mit gegenregulatorischen Aktionen zu antworten, um ein Lebensgleichgewicht zu erhalten. Unsere heutigen Gesellschaftssysteme agieren jedoch oft gegen das homöostatische Prinzip: Man häuft extreme Ungleichgewichte an (Klimagase, Vermögensverteilung, Informationslast) und kappt die negativen Rückkopplungen (Warnsignale werden ignoriert oder wegmanipuliert). Plastische Anthropologie 51:49 will gewissermaßen die gesellschaftliche Homöostase wiederherstellen, indem sie kleine asymmetrische Korrekturen zulässt und sogar forciert. Die Zahl 51:49 steht für die aktive Feedback-Schleife: ein permanentes Korrigieren statt eines starres Beharren. Man könnte es vergleichen mit der Balance beim Gehen: Kein Mensch geht, indem er perfekt austariert stillsteht (50:50); vielmehr fällt man kontrolliert nach vorne, fängt sich ab – ein stetes Vorankommen durch Minimalabweichung. Dieses dem Leben inhärente Muster soll als Leitmetapher für unser Wissens- und Gesellschaftssystem dienen. Beispielsweise würde eine 51:49-Politik bedeuten, Entscheidungen nie absolut (100%) zu treffen, sondern stets einen Korrekturpuffer einzubauen – Raum für Experiment, Evaluierung der Konsequenzen, Nachsteuern. Exemplarische Bildmotive hat Fenner immer wieder herangezogen, um solche abstrakten Konzepte fassbar zu machen: Der Astronautenanzug wurde bereits erwähnt; die “Tanglandschaft” versinnbildlicht das resiliente Ökosystem; die “Schultafel” die Abstraktion; die “Kartoffel” den geerdeten Realitätsbezug; und das “Glatteis” die Gefahr symbolischer Glätte. Indem Fenner diese Motive in seinen Texten, Vorträgen und Installationen einsetzt, verknüpft er Symbolik mit Funktionalität – genau das, was er von einer neuen Erkenntniskultur verlangt. Ein Beispiel ist sein interaktives Online-Buchprojekt auf der GSI-Plattform, wo Nutzer selbst Inhalte entlang der Kategorien Tätigkeit, Widerstand, Rückkopplung erstellen könnenglobale-schwarm-intelligenz.de. Dort erscheinen etwa Bilder einer eisglatten Straße mit einem Warnschild „Achtung Glatteis“ nicht bloß illustrativ, sondern als Aufforderung, über die eigenen „Standfestigkeiten“ nachzudenken: Wo wähne ich mich auf sicherem Grund, während ich in Wahrheit auf Glatteis stehe? Indem solche Bilder emotional und reflektiv ansprechen, wird ein Lernprozess angeregt, der über rein rationale Lektüre hinausgeht.
Fenner selbst hat zahlreiche künstlerische Projekte und Ausstellungen initiiert, die genau dieses integrative Erkenntnismodell vorführen. In Vision 2000 (1999) konfrontierte er die Besucher mit der These vom ausbleibenden zweiten Evolutionsschritt – einem Zukunftslabor, das zur Selbstreflexion anregte. Die Begehbare Arche (ein späteres Projekt) verband Kunstinstallation mit Umweltbildung: Man betrat ein real gebautes „Schiff“, das die Fragilität der Biosphäre und die Verantwortung des Menschen sinnlich erfahrbar machte. Das Konzept der Plastischen Weltformel wiederum – der Titel deutet es an – spielte ironisch mit der Idee einer Weltformel der Physik, jedoch plastisch umgesetzt: nicht als Gleichung an der Tafel, sondern als begeh- oder begreifbares Objekt, vielleicht als komplexe Skulptur, in der Funktionszusammenhänge dargestellt sind. (Leider liegen dazu hier keine genauen Beschreibungen vor, aber man darf annehmen, dass es ein Kunstwerk war, das Naturprinzipien veranschaulichen sollte.) Die Installation Capella Orkan könnte auf das Erlebnis eines Orkans bezogen sein – eventuell eine Art begehbare „Kapelle“, in der man die Kraft eines Orkans (Capella war ein starker Orkan 1976) nachempfindet. Solche Werke übersetzen abstrakte Zivilisationskritik in greifbare Erfahrungsräume. Sie sollen aufzeigen, was Fenner programmatisch formuliert: “Menschsein entsteht dort, wo Tätigkeiten reale Konsequenzen erzeugen, auf Widerstand treffen und Rückkopplung erfahrbar wird.”.Kunst fungiert als Katalysator für diesen Prozess, weil sie uns mit unwahrscheinlichen Situationen konfrontiert, Emotion und Körper anspricht und so das Denken aufrüttelt. Fenner schreibt, “Kunst kann eine Brücke schlagen zwischen der physischen Realität und den geistigen Projektionen, die oft in Widerspruch zu ihr stehen.” Genau darum geht es: die Diskrepanz zwischen unseren Symbolwelten und der echten Welt sichtbar und fühlbar zu machen, um Lernen zu ermöglichen.
Die So-Heits-Gesellschaft: Zivilisationskritik und neue Realitätsstruktur
Insgesamt entwirft die Plastische Anthropologie 51:49 die Vision einer grundlegend neuen Zivilisationsform. Fenner prägte dafür den Begriff “So-Heits-Gesellschaft” – eine Gesellschaft, in der die Frage „Wie so (auf diese Weise) leben?“ gemeinschaftlich und experimentell beantwortet wird, anstatt blind vorhandene Muster zu reproduzieren. Kennzeichnend wäre eine solche Gesellschaft dadurch, dass Kunst das epistemische Zentrum bildet und die grundlegende Funktionslogik gesellschaftlicher Organisation bestimmt. Damit ist keine Ästhetisierung der Politik im oberflächlichen Sinne gemeint, sondern eine echte strukturelle Änderung: Künstlerische Verfahren – Versuch und Irrtum, körperliche Anschauung, spielerische Ko-Kreation, Sensibilität für Materialien und Prozesse – würden in allen Bereichen angewandt. Man könnte sich beispielsweise eine Wirtschaft vorstellen, die eher einem Atelier ähnelt: Kleinere Einheiten, die lokal ausprobieren, anpassen, feedback-orientiert wirtschaften, statt riesige Firmenkonglomerate, die nach abstrakten Kennzahlen gesteuert werden. Oder ein Bildungssystem, in dem Schüler wie in wissenschaftlichen Makerspaces selbst experimentieren und gestalten, anstatt nur Zeichenketten zu pauken.
Natürlich bleibt diese Vision nicht ohne Herausforderungen. Kritik ließe sich fragen: Ist es realistisch, komplexe moderne Gesellschaften so „plastisch“ umzubauen? Würde nicht ein Zuviel an Experiment auch Risiken bergen? Fenner ist sich der Dringlichkeit bewusst: Er verweist explizit auf die existenziellen Gefährdungspotenziale der modernen Wissens- und Gesellschaftsordnungglobale-schwarm-intelligenz.de – Klimawandel, Artensterben, soziale Erosion – und appelliert an den Spieltrieb und Forscherdrang der Menschen, diese Probleme kooperativ anzugehen. Seine Globale-Schwarm-Intelligenz-(GSI)-Plattform ist ein solcher Appell: ein Wiki-ähnliches, aber um lebendige Strukturen ergänztes Forum, wo KI und Nutzer gemeinsam Fragen erarbeiten. KI fungiert dabei als “systematischer Co-Partner”, aber auch KI läuft ins Leere, wo reale Rückkopplung fehlt.– die Plattform soll genau das demonstrieren (Stichwort: Halluzination von KI und von Wissenssystemen ohne Widerstand.
Fenners Experiment ist also zweifach: Er benutzt modernste Technologie, um für vormoderne Einsichten (im Sinne von Rückbesinnung auf leibhaftige Prozesse) zu sensibilisieren. Dies zeigt einen wichtigen Punkt: Das plastische Paradigma ist kein Luddismus, keine rückwärtsgewandte Kulturromantik, die Technik verdammt. Im Gegenteil, es integriert Technik bewusst, aber verkoppelt sie wieder mit der Physis. Ein Beispiel: Statt Virtual Reality nur zum Eskapismus zu nutzen, könnte man VR einsetzen, um Menschen spürbar zu machen, wie es ist, in den Körper eines anderen Wesens zu schlüpfen (es gibt künstlerische VR-Projekte, in denen man z.B. aus der Sicht eines Tieres die Umwelt erlebt – solche Erfahrungen könnten Empathie und Erkenntnis fördern, anstatt nur Unterhaltung zu sein). So gesehen, ist die So-Heits-Gesellschaft kein technikloses Arkadien, sondern eine neue Symbiose von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft.
Fenner formuliert es selbst als Vermächtnis: “Es ist mein Beitrag zu einer Zukunft, in der Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft nicht mehr getrennt sind.” Seine Plattform versteht er als kontinuierliches Labor der Rückkopplung. Dies weist auf eine mögliche Vorgehensweise hin: Wir können schon jetzt im Kleinen beginnen, das plastische Paradigma zu praktizieren – in interdisziplinären Projekten, in der Bildung, im individuellen Lebensstil – und diese Erfahrungen transparent teilen (so wie Fenner sein eigenes Arbeiten offen dokumentiert hat). Dadurch entsteht allmählich eine Schwarm-Intelligenz, die fähig ist, ein höheres Bewusstsein für die zugrunde liegenden Probleme zu entwickeln.Man kann hierin den Prozess einer kulturellen Evolution erkennen, die Fenner mittels Kunst beschleunigen will.
Abschließend lässt sich festhalten: Die Plastische Anthropologie 51:49 liefert sowohl eine tiefgreifende Zivilisationskritik als auch einen hoffnungsvollen Ansatz für eine Umgestaltung der Realität. Sie kritisiert die symbolischen Ordnungen der Moderne – ihre Dualismen, Rollenspiele und abstrakten Identitäten – als einseitig und letztlich selbstzerstörerisch, weil sie die Menschen von den realen Lebensgrundlagen entkoppeln. Gleichzeitig bietet sie mit dem plastischen Paradigma eine Alternative, die auf physikalisch-funktionalen Grundprinzipien basiert: minimale Asymmetrie, Feedback, Körperlichkeit, Widerstand. Diese Alternative ist keine naive Rückkehr zur Natur, sondern ein evolutionärer Schritt nach vorn, der unsere höchsten geistigen Fähigkeiten mit unserem leiblichen In-der-Welt-Sein versöhnt. In der Synthese von Kunst und Anthropologie, von Neuroplastizität und Homöostase repräsentiert PA 51:49 eine Art zweite Aufklärung – eine, in der Licht nicht nur metaphorisch für Vernunft steht, sondern konkret für Einsicht, die aus Erfahrung kommt (etwa das sprichwörtliche „Aha-Erlebnis“, wenn man etwas selbst ausprobiert hat). Die zentrale These des plastischen Paradigmas – dass echte Erkenntnis nur in der Rückkopplung von Tat und Welt entsteht – wird so zum Fundament einer neuen Erkenntnistheorie und Kritik der Zivilisation. Sie fordert uns auf, die Komfortzone symmetrischer Denkmuster zu verlassen und uns dem unebenen Gelände der Wirklichkeit zu stellen, mit all seinen Widerständen und Chancen.
In einer Welt am Scheideweg, konfrontiert mit selbstgemachten Krisen, könnte genau dieser Schritt entscheidend sein. Es geht darum, vom starren Denken ins plastische Denken und Handeln zu wechseln – vom 50:50 zum 51:49, vom perfekten Plan zur lernenden Improvisation, vom Symbol zum gelebten Formprozess. Damit würde die Kultur selbst plastisch im wörtlichen Sinne: formbar, anpassungsfähig, lebensnah. Und vielleicht, so ließe sich optimistisch schließen, liegt in dieser Plastizität die einzige Chance, die gegenwärtigen Umwälzungen zu überstehen und eine nachhaltigere, resilientere Form des Menschseins zu gestalten. Die So-Heits-Gesellschaft wäre dann keine Utopie, sondern die konkrete Emergenz eines neuen Gleichgewichts – kein glattes, sondern ein raues, elastisches Gleichgewicht, in dem wir endlich lernen, was es heißt, Mensch in einer mehr-als-menschlichen Welt zu sein.
Quellenverweise:
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theguardian.com Harari (The Guardian Extract): „Homo sapiens conquered this planet thanks above all to the unique human ability to create and spread fictions“ – Menschen als postfaktische Spezies, die durch gemeinsames Glauben an Mythen kooperieren.
globale-schwarm-intelligenz.de Globale-Schwarm-Intelligenz: „Symbolische Halluzination entsteht in allen Wissensordnungen, die ausschließlich semantisch aufgebaut sind und keine Funktionsprozesse durch Widerstand, Asymmetrie und Rückkopplung mehr abbilden… Wissen verliert Bindung an Wirklichkeit und reproduziert sich nur selbst.“ – Kritik moderner Wissensarchitektur (Wikipedia etc.) ohne Rückkopplung.
globale-schwarm-intelligenz.de Zweiter evolutionärer Schritt: „Eskalierende Katastrophen resultieren aus der Dummheit des Menschen, sich den evolutionären Anpassungsmechanismen nicht anzunehmen… Ignoranz führt zu Umweltzerstörungen, Klimakatastrophen und sozialen Ungleichheiten, die das Überleben der Menschheit gefährden.“ – Ignoranz gegenüber physischer Realität als Ursache der Krisen.
globale-schwarm-intelligenz.de Zweiter evolutionärer Schritt: „In der Ausstellung Vision 2000… Motto: ‚In der Endzeit der Menschheit steht der zweite evolutionäre Schritt noch aus‘“ – Forderung nach radikalem Bewusstseinswandel.
globale-schwarm-intelligenz.de Globale-Schwarm-Intelligenz: „Die minimale Asymmetrie 51:49 stabilisiert diesen Prozess und beschreibt die Grundlogik aller lebendigen Systeme. Alles andere sind Symbolwelten.“ – 51:49 als Lebensprinzip vs. Symbolkonstrukte.
globale-schwarm-intelligenz.de Globale-Schwarm-Intelligenz: „Wirkungssystem 51:49, in dem Tätigkeits-Widerstands-Struktur als existenzielle Grundlage sichtbar wird… präzise Definition von Menschsein. Alles andere sind Symbolwelten.“ – Funktionssicht aufs Menschsein.
globale-schwarm-intelligenz.de Globale-Schwarm-Intelligenz: „Die symbolische Halluzination entsteht… in allen Wissensordnungen, die keine Grenzschichten, Widerstand, minimale Asymmetrie und Rückkopplung mehr abbilden. Wissen verliert Bindung an Wirklichkeit.“ – Abkoppelung als Fehlerstruktur.
soztheo.com SozTheo: „Poststrukturalismus betont die Unbestimmtheit von Bedeutungen, die historische Kontingenz von Wissen und die diskursive Konstruktion von Wahrheit und Subjektivität.“ – Hintergrund Foucault/Poststrukturalismus.
kunstforum.de Kunstforum (Magdalena Kröner über Han): „Han beschreibt in ‚Die Austreibung des Anderen‘ die Entkörperlichung und das Körperlose unseres digitalen Lebens… Verlust des Anderen.“ – Hans Kritik der entleibten digitalen Gegenwart.
azquotes.com Donna Haraway Zitat (AZQuotes): „Cyborg imagery can suggest a way out of the maze of dualisms in which we have explained our bodies and our tools to ourselves.“ – Haraways Ausweg aus Dualismen durch Cyborg-Metapher.
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globale-schwarm-intelligenz.de Globale-Schwarm-Intelligenz: „Die Techne mit ihren Werten und Tugenden des richtigen Maßes – im Sinne einer 51:49-Logik – stellte vor 2500 Jahren ein Vorbild für ein integriertes Verhältnis von Tätigkeit, Erkenntnis und Welt dar. Die ‚So-Heits-Gesellschaft‘ bezeichnet eine zukünftige Zivilisationsform, in der die Kunst das epistemische Zentrum bildet und die grundlegende Funktionslogik gesellschaftlicher Organisation bestimmt. Die Notwendigkeit einer Neuordnung menschlicher Erkenntnis wird hier erkannt.“ – Ausblick auf zukünftige Gesellschaftsform gemäß plastischem Paradigma.
intuitiv und emotional zu verstehen. Sie kann eine Brücke schlagen zwischen physischer Realität und geistigen Projektionen, die oft im Widerspruch stehen.“ – Kunst als Vermittlerin zwischen Welt und Vorstellung (Fenner).
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Quellenangaben
globale-schwarm-intelligenz.de
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soztheo.com
Michel Foucault – Discipline and Punish (1975) | SozTheo
Michel Foucault is one of the most influential post-structuralist thinkers. In works such as Discipline and Punish and The Order of Discourse, he shows that knowledge is never neutral but always bound up with power relations. His discourse analyses have profoundly shaped sociology, history, and cultural theory.
theguardian.com
Yuval Noah Harari extract: ‘Humans are a post-truth species’ | Yuval Noah Harari | The Guardian
In fact, humans have always lived in the age of post-truth. Homo sapiens is a post-truth species, whose power depends on creating and believing fictions. Ever since the stone age, self-reinforcing myths have served to unite human collectives. Indeed, Homo sapiens conquered this planet thanks above all to the unique human ability to create and spread fictions. We are the only mammals that can cooperate with numerous strangers because only we can invent fictional stories, spread them around, and convince millions of others to believe in them. As long as everybody believes in the same fictions, we all obey the same laws, and can thereby cooperate effectively.
globale-schwarm-intelligenz.de
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Zweiter evolutionärer Schritt – Globale-Schwarm-Intelligenz
Ignoranz gegenüber der Evolution und die eskalierenden Katastrophen
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Zweiter evolutionärer Schritt – Globale-Schwarm-Intelligenz
globale-schwarm-intelligenz.de
Zweiter evolutionärer Schritt – Globale-Schwarm-Intelligenz
Der zweite evolutionäre Schritt: Ein neuer Gesellschaftsvertrag
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Zweiter evolutionärer Schritt – Globale-Schwarm-Intelligenz
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Der Kernmechanismus lautet: Tätigkeit → Widerstand → Rückkopplung → Konsequenz
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die Funktionslogik des Menschseins nach vollziebar.
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Digital Bodies – www.kunstforum.de
Sein Essay „Die Austreibung des Anderen“ ist im Jahr 2016 entstanden: in dem Text beschreibt Han die Entkörperlichung und das Körperlose unseres digitalen Lebens. Vieles von dem, was er darin als Verlust des Anderen beschreibt, wurde im März 2020 Realität: das Draußen verschwand und wir zogen uns in unsere Höhlen zurück. Distanz wurde zum Überlebensmodus. Und genau in diesem Moment geschah etwas Erstaunliches: plötzlich schien es, als hätte der mahnende Herr Han Unrecht. Die Anderen begegneten uns jetzt zwar nur noch mit ganz viel Abstand
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Michel Foucault – Discipline and Punish (1975) | SozTheo
Post-structuralism is a theoretical movement that emerged in the 1960s out of French structuralism – critically distancing itself from the idea of stable, universal structures. Post-structuralist theories stress the indeterminacy of meanings, the historical contingency of knowledge, and the discursive construction of truth and subjectivity.
soztheo.com
Michel Foucault – Discipline and Punish (1975) | SozTheo
Disciplinary Power, Normalization, and the “Docile Subject”
theguardian.com
Yuval Noah Harari extract: ‘Humans are a post-truth species’ | Yuval Noah Harari | The Guardian
W e are repeatedly told these days that we are living in a new and frightening era of “post-truth”, and that lies and fictions are all around us. Examples are not hard to come by. Thus, in late February 2014, Russian special units bearing no army insignia invaded Ukraine and occupied key installations in Crimea. The Russian government and President Vladimir Putin in person repeatedly denied that these were Russian troops, and described them as spontaneous “self-defence groups” that may have acquired Russian-looking equipment from local shops. As they voiced this rather preposterous claim, Putin and his aides knew perfectly well that they were lying.
theguardian.com
Yuval Noah Harari extract: ‘Humans are a post-truth species’ | Yuval Noah Harari | The Guardian
In fact, humans have always lived in the age of post-truth. Homo sapiens is a post-truth species, whose power depends on creating and believing fictions. Ever since the stone age, self-reinforcing myths have served to unite human collectives. Indeed, Homo sapiens conquered this planet thanks above all to the unique human ability to create and spread fictions. We are the only mammals that can cooperate with numerous strangers because only we can invent fictional stories, spread them around, and convince millions of others to believe in them. As long as everybody believes in the same fictions, we all obey the same laws,
thesocietypages.org
#Review Actor-Network Theory's Approach to Agency - Cyborgology
#Review Actor-Network Theory's Approach to Agency - Cyborgology ANT's hallmark abilities: articulating the character of nonhuman agency and the semiotics of modern binaries like nature/culture and technology/sociality.
transversal.at
Objects that Judge: Latour's Parliament of Things | transversal texts
Objects that Judge: Latour's Parliament of Things | transversal texts The four guarantees of the modern constitution for Latour are: (a) that nature (i.e. things, objects) is “transcendent”, or universal in time and space ...
azquotes.com
TOP 25 QUOTES BY DONNA J. HARAWAY - A-Z Quotes
Cyborg imagery can suggest a way out of the maze of dualisms in which we have explained our bodies and our tools to ourselves. Donna J. Haraway · Mean, ...
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Digital Bodies – www.kunstforum.de
„Die Zeit, in der es den Anderen gab, ist vorbei. Der Andere als Geheimnis, der Andere als Eros, der Andere als Begehren, der Andere als Hölle, der Andere als Schmerz verschwindet.“ Als der Philosoph Byung-Chul Han diese Sätze schrieb, gab es kein Covid-19 und keine Vorstellung davon, dass ein Virus, der zuerst im chinesischen Wuhan gefunden wurde, die Welt, wie wir sie kannten, komplett verändern würde.
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Zweiter evolutionärer Schritt – Globale-Schwarm-Intelligenz
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Kunst als Katalysator für den zweiten evolutionären Schritt
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4. Ein epistemisches Labor der Rückkopplung – basierend auf der Plastischen Anthropologie 51:49
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