Plexus-/Wirklichkeitsanker
Worin findet alles statt?
Der Plexus-/Wirklichkeitsanker bestimmt den vorausliegenden Wirkungszusammenhang, innerhalb dessen menschliches Wahrnehmen, Denken und Handeln stattfinden. Er beginnt nicht mit der Behauptung, die Wirklichkeit vollständig beschreiben zu können. Seine Ausgangslage ist bescheidener: Schon bevor der Mensch einen Zusammenhang begrifflich erfasst, wirken Materialien, Körper, Organismen, Kräfte, Abhängigkeiten und zeitliche Veränderungen.
Der Begriff Plexuswirklichkeit bezeichnet diesen vorausliegenden Zusammenhang unter dem Gesichtspunkt seiner Beziehungen. Er soll nicht behaupten, alles sei mit allem verbunden oder bilde eine harmonische Ganzheit. Entscheidend sind konkrete Abhängigkeiten, Widerstände, Grenzen, Austauschvorgänge, Belastungen und Rückkopplungen. Plexus ist damit kein Weltbild der allgemeinen Vernetzung, sondern ein Prüfbegriff gegen die Vorstellung vollständig isolierter Dinge.
Ein Gegenstand kann für eine bestimmte Tätigkeit herausgehoben werden und besitzt dennoch Beziehungen, die für seine spätere Wirkung relevant werden können. Der Plexusbegriff erinnert daran, dass ein Ding nicht dadurch beziehungslos wird, dass es methodisch ausgeschnitten wurde.
Differenz innerhalb von Beziehung
Plexus bedeutet nicht Auflösung von Unterschieden. Ein Organismus unterscheidet sich von seiner Umgebung und bleibt zugleich von ihr abhängig. Eine Institution besitzt eine Zuständigkeit und kann dennoch Folgen außerhalb dieser Zuständigkeit erzeugen. Ein Mensch besitzt eine körperliche Grenze, ohne deshalb materiell, biologisch oder sozial vollständig abgeschlossen zu sein.
Der Plexusbegriff richtet sich damit sowohl gegen absolute Isolation als auch gegen unterschiedslose Ganzheit. Beziehung setzt Differenz voraus. Gerade deshalb ist die Membran ein geeignetes Gegenmodell zu einer vollständig verhärteten Grenze: Sie erhält Unterschiede und ermöglicht zugleich regulierten Austausch.
Die Tragwirklichkeit bezeichnet innerhalb dieses Zusammenhangs diejenigen Bedingungen, von denen menschliches Leben tatsächlich abhängt. Dieser Abhängigkeitsvorrang ist kein moralischer Vorrang. Eine vorausliegende Bedingung ist nicht deshalb gut, weil sie älter oder „natürlich“ ist. Sie ist für die Prüfung relevant, weil menschliches Leben ohne bestimmte Bedingungen nicht bestehen kann.
Der Mensch innerhalb des Plexus
Das plastische Ich befindet sich innerhalb dieses Zusammenhangs. Es tritt nicht als vollständig fertiges Subjekt in eine äußerliche Welt ein, sondern entwickelt sich in materiellen, lebendigen und sozialen Beziehungen. Seine Eigenständigkeit ist real, aber relational. Stoffwechsel, Sprache, Lernen und gesellschaftliche Rollen machen sichtbar, dass menschliche Identität durch fortgesetzten Austausch besteht.
Auch das Menschenkunstwerk befindet sich vollständig innerhalb der Plexuswirklichkeit. Gesellschaftliche Ordnungen, Geld, Eigentum, Technik oder Recht sind keine zweite, unwirkliche Welt. Sie werden von Menschen hervorgebracht und wirken durch menschliche Tätigkeiten auf denselben Zusammenhang zurück, von dem ihre Träger abhängig bleiben.
Damit erhält der Plexus eine entscheidende Funktion als Gegenüber menschlicher Gestaltung. Er entscheidet nicht normativ, was der Mensch tun soll. Er ist der Wirkungszusammenhang, in dem sichtbar wird, welche tatsächlichen Folgen menschliche Hervorbringungen besitzen.
Grenzen des Plexusbegriffs
Gerade wegen seiner großen Reichweite muss der Begriff eng geführt werden. „Plexus“ darf nicht zu einem Universalwort werden, das jede beliebige Beziehung erklärt. Bei seiner Verwendung muss konkret benannt werden können, welche Abhängigkeit, welcher Widerstand, welche Belastung oder welcher Rückkopplungsweg gemeint ist.
Auch Plexuswirklichkeit ist nicht die Wirklichkeit selbst. Der Begriff ist eine menschliche, künstlerisch-methodische Hervorbringung und muss deshalb korrigierbar bleiben. Seine Funktion liegt darin, eine Nicht-Außenposition des Menschen sichtbar zu machen: Der Mensch kann bestimmte Umgebungen, Rollen und Systeme verlassen, aber nicht sämtliche Wirkungsbeziehungen.
Die zentrale Formel lautet:
Die Wirklichkeit beginnt nicht dort, wo der Mensch sie erkennt. Der Mensch beginnt innerhalb einer Wirklichkeit, die bereits wirkt.
Der Plexus-/Wirklichkeitsanker muss tiefer ansetzen als der Prüfanker. Er beantwortet noch nicht, wie wir prüfen, sondern bestimmt den Bezugsraum, innerhalb dessen überhaupt Wahrnehmung, Leben, Denken, Tätigkeit, Wissenschaft, Gesellschaft und Prüfung stattfinden. Dabei ist besonders wichtig, dass „Plexuswirklichkeit“ nicht als endgültige Beschreibung dessen ausgegeben wird, was die Welt „an sich“ sei. Der Begriff soll gerade verhindern, dass ein menschliches Wirklichkeitsmodell wieder mit der vorausliegenden Wirklichkeit verwechselt wird. Im bisherigen Material ist dafür bereits die entscheidende Unterscheidung vorhanden: Der Plexus ist keine harmonische Ganzheit, sondern ein Zusammenhang von Beziehungen, Abhängigkeiten, Widerständen, Öffnungen, Belastungen und Rückkopplungen.
Plexus-/Wirklichkeitsanker
Worin findet alles statt?
Die vorausliegende Wirklichkeit als Bezugsgrund der Forschungskunst
Funktion des Plexus-/Wirklichkeitsankers
Der Plexus-/Wirklichkeitsanker beantwortet innerhalb meiner Forschungskunst die Frage, worin sämtliche menschlichen Wahrnehmungen, Vorstellungen, Begriffe, Tätigkeiten, gesellschaftlichen Hervorbringungen und Prüfprozesse überhaupt stattfinden. Während der Werkanker rekonstruiert, woher die Forschung historisch und materiell kommt, und der Prüfanker des Begriffshandwerks beschreibt, wie menschliche Wirklichkeitsformen untersucht und korrigierbar gehalten werden können, bezeichnet der Plexus-/Wirklichkeitsanker den vorausliegenden Bezugszusammenhang, gegenüber dem diese Prüfungen überhaupt Sinn erhalten.
Dieser Anker ist deshalb grundlegend. Ohne ihn bestünde die Gefahr, dass auch die Forschungskunst wieder ausschließlich zwischen menschlich erzeugten Begriffen, Modellen und Weltbildern vergleicht. Dann würde ein Begriff durch einen anderen Begriff, eine Theorie durch eine andere Theorie und eine gesellschaftliche Ordnung durch einen alternativen Entwurf geprüft. Die entscheidende Rückbindung an die Bedingungen, innerhalb derer Menschen tatsächlich existieren und handeln, ginge verloren.
Der Wirklichkeitsanker setzt deshalb früher an.
Bevor der Mensch über die Wirklichkeit spricht, findet bereits etwas statt.
Bevor ein Mensch „Wasser“ sagt, muss kein Wort „Wasser“ vorhanden sein, damit ein Organismus von Wasser abhängig ist. Bevor Gravitation mathematisch beschrieben wird, wirkt sie. Bevor der Mensch eine Atmosphäre als Gegenstand der Wissenschaft bestimmt, ist sein Organismus bereits von bestimmten atmosphärischen Bedingungen abhängig. Bevor Eigentum an Boden rechtlich geregelt wird, besitzt der Boden materielle Strukturen, Wasserhaushalte, Organismen und Veränderungsprozesse. Bevor ein menschlicher Körper eine gesellschaftliche Identität erhält, ist er bereits ein lebendiger, stoffwechselnder, verletzbarer und zeitlicher Zusammenhang.
Der Wirklichkeitsanker richtet sich damit auf die Differenz zwischen dem, was bereits geschieht, und dem, was Menschen daraus beschreibend, ordnend und handelnd hervorbringen.
Wirklichkeit vor ihrer Beschreibung
Die Formulierung einer „vorausliegenden Wirklichkeit“ darf nicht so missverstanden werden, als könne ich von außerhalb der Wirklichkeit feststellen, wie sie unabhängig von jeder menschlichen Wahrnehmung vollständig beschaffen sei. Auch der Ausdruck „vorausliegende Wirklichkeit“ ist bereits eine menschliche begriffliche Hervorbringung.
Gemeint ist etwas methodisch Bescheideneres und zugleich Entscheidendes.
Der Mensch trifft bei seinem Handeln auf Bedingungen und Widerstände, die nicht dadurch verschwinden, dass er sie anders benennt. Eine gesellschaftliche Entscheidung kann die Bezeichnung eines Flusses verändern, nicht aber allein durch diese Umbenennung seine physikalischen und biologischen Vorgänge aufheben. Ein Eigentumsrecht kann bestimmen, wer über einen Boden verfügen darf, aber es verändert nicht allein durch seine rechtliche Geltung die chemische Zusammensetzung dieses Bodens. Ein Mensch kann sich als unabhängig verstehen, bleibt aber auf Sauerstoff, Wasser, Temperaturbereiche und weitere Bedingungen angewiesen.
Die vorausliegende Wirklichkeit ist daher innerhalb dieses Ankers keine metaphysische Behauptung über ein verborgenes „Ding an sich“. Sie bezeichnet die Widerstands-, Wirkungs-, Abhängigkeits- und Veränderungszusammenhänge, auf die menschliche Vorstellungen bei ihrer Umsetzung treffen.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Der Wirklichkeitsanker behauptet nicht:
So ist die vollständige Welt.
Er fragt:
Was wirkt bereits, was trägt bereits, wovon hängt etwas bereits ab und was antwortet auf unsere Tätigkeit, unabhängig davon, ob unsere gegenwärtige Beschreibung diese Beziehung ausreichend erfasst?
Damit wird Wirklichkeit nicht zum fertigen Weltbild, sondern zum fortgesetzten Gegenüber menschlicher Hervorbringungen.
Warum der Begriff Plexus?
Der Begriff Plexus soll diesen Zusammenhang genauer beschreiben als ein herkömmlicher Behälterbegriff von Raum.
Ein Plexus bezeichnet keine Ansammlung vollständig isolierter Dinge, die erst nachträglich miteinander Beziehungen aufnehmen. Er bezeichnet ein Geflecht, innerhalb dessen Beziehungen bereits konstitutiv dafür sind, dass bestimmte Formen entstehen und fortbestehen können.
Der Mensch befindet sich deshalb nicht wie ein Gegenstand in einem ansonsten leeren Raum. Er existiert innerhalb eines bereits vorausliegenden Geflechts aus Atmosphäre, Wasser, Temperatur, Gravitation, Stoffen, Organismen, technischen Voraussetzungen, anderen Menschen und zeitlichen Prozessen. Das bisherige Material bestimmt den So-Heits-Raum entsprechend als diese umfassendere Plexuswirklichkeit.
Der Plexusbegriff darf dabei ausdrücklich nicht als harmonistische Ganzheitsvorstellung missverstanden werden.
Ein Plexus bedeutet nicht, dass „alles mit allem“ in gleicher Weise verbunden sei oder dass zwischen den Bestandteilen keine Unterschiede, Konflikte oder Grenzen bestünden. Im Gegenteil: Ein Plexus enthält Unterschiede, Abhängigkeiten, Widerstände, Belastungen, Öffnungen, Schließungen, Verletzungen und Rückkopplungen.
Damit unterscheidet sich die Plexuswirklichkeit sowohl von einer Welt isolierter Dinge als auch von einer undifferenzierten Ganzheitsvorstellung.
Beziehung geht der isolierten Eigenschaft voraus
Eine der wichtigsten Konsequenzen des Plexusankers betrifft den Eigenschaftsbegriff.
Der Mensch neigt dazu, Gegenstände und Personen zunächst als Einheiten zu identifizieren und ihnen anschließend Eigenschaften zuzuschreiben. In einer solchen Beschreibung besitzt ein Körper Masse, ein Mensch Intelligenz, ein Boden einen Wert, eine Person einen Status oder ein Grundstück einen Eigentümer.
Der Plexusanker stellt diesem Verfahren eine andere Ausgangsfrage voran:
Aus welchen Beziehungen wird die jeweilige Eigenschaft überhaupt herausgehoben?
Eine Temperatur ist keine frei schwebende Wesenheit, sondern eine unter bestimmten Bedingungen bestimmbare Größe eines materiellen Zustandes. Verletzbarkeit entsteht in Relationen zwischen Organismus und Belastung. Nahrung ist nicht allein eine abstrakte Eigenschaft eines Stoffes, sondern bezeichnet unter anderem eine mögliche Beziehung zwischen Stoff und Organismus. Auch gesellschaftliche Eigenschaften wie Wert, Eigentum oder Status entstehen innerhalb bestimmter menschlicher Anerkennungs-, Bewertungs- und Institutionalisierungszusammenhänge.
Damit soll der Eigenschaftsbegriff nicht abgeschafft werden. Eigenschaften sind für Orientierung, Wissenschaft und Alltag unverzichtbar.
Der kritische Übergang entsteht dort, wo eine aus Beziehungen herausgelöste Bestimmung so behandelt wird, als trage das isolierte Ding diese Bestimmung vollständig und unabhängig in sich.
Das bisherige Arbeitsmaterial fasst diesen Vorgang präzise: Der Ausgangspunkt der Plexuswirklichkeit ist Beziehung; problematisch wird die notwendige Selektion dort, wo der ausgewählte Ausschnitt seinen Entstehungszusammenhang verliert. Dann kann aus einer Beziehung eine scheinbar absolute Eigenschaft, aus einer gesellschaftlichen Zuerkennung ein vermeintliches Wesensmerkmal und schließlich eine Skulpturidentität werden.
Innen und Außen als funktionale, nicht absolute Grenze
Der Plexusanker verändert damit auch die gewöhnliche Vorstellung von Innen und Außen.
Der menschliche Organismus besitzt zweifellos Grenzen. Die Haut ist nicht bedeutungslos. Zellmembranen unterscheiden Bereiche. Organe besitzen räumliche Strukturen. Ein Körper kann verletzt werden.
Aus diesen funktionalen Grenzen folgt jedoch nicht notwendig eine absolute Trennung zwischen einem autonomen Innen und einer davon unabhängigen Außenwelt.
Mit jedem Atemzug durchquert Materie die gedachte Grenze zwischen außen und innen. Sauerstoff aus der Atmosphäre wird Bestandteil körperlicher Prozesse. Wasser und Nahrung werden aufgenommen, verarbeitet und wieder abgegeben. Wärme wird ausgetauscht. Mikroorganismen leben in und auf dem menschlichen Organismus. Wahrnehmung setzt fortgesetzte Wechselwirkungen voraus.
Der Körper erhält seine relative Eigenständigkeit deshalb gerade nicht durch vollständige Abschließung.
Er bleibt eigenständig, indem bestimmte Beziehungen offenbleiben.
Die Haut und besonders die Membran werden dadurch zu wichtigen Vergleichsformen. Eine funktionsfähige Grenze unterscheidet und verbindet gleichzeitig. Das bisherige Material hebt genau diesen Punkt hervor: Die Membran zeigt, dass Grenze nicht notwendig Trennung bedeutet; sie ermöglicht Austausch und erhält zugleich relative Eigenständigkeit.
Die Membran als Grundfigur der Plexuswirklichkeit
Die Membran ist deshalb innerhalb des Plexusankers mehr als eine biologische Analogie.
Sie ermöglicht eine präzisere Vorstellung von Grenze.
Eine Mauer soll möglichst vollständig trennen. Eine Membran muss dagegen unterscheiden, regulieren und gleichzeitig bestimmte Durchgänge ermöglichen. Ihre Funktionsfähigkeit hängt gerade davon ab, dass sie weder vollkommen offen noch vollkommen geschlossen ist.
Damit entsteht eine Verbindung zur 51:49-Problematik.
Die Plexuswirklichkeit ist nicht durch absolute Gleichheit oder absolute Trennung gekennzeichnet. Formen können nur bestehen, wenn Differenzen vorhanden sind. Gleichzeitig müssen bestimmte Austauschbeziehungen erhalten bleiben.
51:49 kann innerhalb dieses Zusammenhangs als künstlerisches Modell einer Minimalasymmetrie verstanden werden: Nicht völlige Identität, sondern ein hinreichender Unterschied ermöglicht Richtung, Bewegung und Veränderung. Der Begriff darf jedoch nicht als universelles mathematisches Naturgesetz ausgegeben werden. Er ist ein Prüf- und Anschauungsmodell dafür, dass tragfähige Beziehungen häufig weder vollständige Verschmelzung noch absolute Trennung verlangen.
Hier erhält auch der ältere Begriff der symmetria eine neue Bedeutung. Gemeint wäre keine statische 50:50-Gleichheit, sondern eine plastische Passungs- und Verhältnisordnung, in der Unterschiede bestehen bleiben und dennoch ein tragfähiger Zusammenhang entstehen kann.
Tragwirklichkeit
Innerhalb der Plexuswirklichkeit erhält der Begriff Tragwirklichkeit eine besondere Funktion.
Nicht alle vorhandenen Beziehungen sind für das Fortbestehen eines bestimmten Organismus oder Systems gleich bedeutsam. Einige Beziehungen bilden Bedingungen dafür, dass eine Form überhaupt weiterbestehen kann.
Ein Mensch kann zahlreiche gesellschaftliche Gewohnheiten verändern und dennoch weiterleben. Er kann aber nicht beliebig lange ohne Sauerstoff oder Wasser existieren. Ein bestimmtes Material kann begrenzte Belastungen aufnehmen, jenseits bestimmter Grenzen aber brechen. Eine Pflanze besitzt Temperatur-, Wasser-, Licht- und Nährstoffbedingungen, innerhalb derer bestimmte Lebensprozesse möglich bleiben.
Tragwirklichkeit bezeichnet deshalb diejenigen Zusammenhänge, deren hinreichende Erhaltung Voraussetzung dafür ist, dass ein bestimmter Prozess, Organismus oder eine bestimmte Form fortbestehen kann.
Der Begriff enthält keine moralische Bewertung.
Eine Tragbedingung ist nicht „gut“, weil sie trägt. Sie bezeichnet zunächst ein funktionales Verhältnis.
Gerade dadurch kann sie zum Prüfmaßstab menschlicher Hervorbringungen werden. Eine gesellschaftliche Ordnung kann sich selbst als gerecht, frei, erfolgreich oder fortschrittlich bezeichnen. Der Plexusanker stellt daneben eine andere Frage:
Erhält diese Ordnung die Bedingungen, von denen ihre eigenen Träger abhängen?
Damit entsteht der Übergang von einer bloßen Funktionsprüfung zur Tragprüfung.
Tragwesen und Tragbewusstsein
Der menschliche Organismus kann in diesem Zusammenhang als Tragwesen verstanden werden.
Dies bedeutet nicht, ihm ein neues metaphysisches Wesen zuzuschreiben. Der Begriff bezeichnet vielmehr seine strukturelle Situation: Er existiert nur, weil zahlreiche vorausliegende Bedingungen ihn fortlaufend tragen.
Zugleich trägt der Mensch durch seine Tätigkeiten andere Zusammenhänge mit oder belastet sie. Er erzeugt Nahrungssysteme, Gebäude, technische Infrastrukturen, Rechtsordnungen, Beziehungen und gesellschaftliche Institutionen. Er kann Lebensbedingungen erhalten, verändern oder zerstören.
Damit entsteht eine doppelte Struktur:
Der Mensch wird getragen und wirkt selbst tragend oder belastend.
Tragbewusstsein bezeichnet innerhalb dieser Forschungskunst entsprechend nicht eine besondere Bewusstseinsstufe oder psychologische Kategorie. Gemeint ist die Fähigkeit, die eigene Abhängigkeit und die Trag- oder Verletzungsfolgen der eigenen Tätigkeit in die Vorstellung von sich selbst und vom eigenen Handeln einzubeziehen.
Das Tragbewusstsein steht damit der Vorstellung absoluter Autonomie entgegen.
Das plastische Ich als lokaler Plexusprozess
Der Plexusanker bildet die notwendige Grundlage für das plastische Ich.
Das plastische Ich ist kein fertiges Subjekt, das zunächst unabhängig existiert und anschließend Beziehungen mit seiner Umgebung eingeht. Es entsteht und erhält sich vielmehr fortlaufend innerhalb solcher Beziehungen.
Der Mensch atmet, isst, trinkt, reguliert Temperatur, bewegt sich, nimmt wahr, erinnert sich, lernt, altert, wird verletzt und regeneriert sich. Seine Körperlichkeit besteht gerade in fortgesetzter Veränderung.
Identität kann deshalb innerhalb dieses Modells nicht ausschließlich als unveränderlicher Kern verstanden werden.
Das plastische Ich ist eine zeitweilige relative Stabilität innerhalb fortgesetzter Veränderung.
Es besitzt Grenzen, aber diese Grenzen sind membranartig. Es besitzt Eigenständigkeit, aber keine absolute Unabhängigkeit.
Das vorhandene Material fasst dies entsprechend als ein „innewohnendes und mitwirkendes“ Geschehen: Der Mensch ist selbst ein zeitweiliger, lokaler und plastischer Zusammenhang innerhalb einer ihn durchdringenden Plexuswirklichkeit.
Damit wird zugleich die Skulpturidentität als menschliche Gegenkonstruktion verständlicher.
Skulpturidentität als Herauslösung aus dem Plexus
Die Skulpturidentität entsteht dort, wo ein beweglicher relationaler Zusammenhang zunehmend als abgeschlossenes Wesen dargestellt wird.
Der Mensch sagt dann nicht nur: Ich übe eine Tätigkeit aus. Er sagt: Das bin ich.
Nicht nur: Mir wurde ein Eigentumsrecht zuerkannt. Sondern: Das ist mein Eigentum, als gehöre die Zugehörigkeit selbst zur materiellen Eigenschaft des Gegenstandes.
Nicht nur: In einem bestimmten Bewertungssystem besitze ich einen hohen Status. Sondern: Ich bin bedeutend.
Aus Beziehungen, Tätigkeiten und gesellschaftlichen Zuerkennungen können dadurch scheinbar feste Eigenschaften werden.
Der Plexusanker hebt diese Wirkungen nicht auf. Status, Eigentum, Geld, Rollen und Institutionen können außerordentlich reale Konsequenzen besitzen.
Er unterscheidet jedoch zwischen Wirksamkeit und Wirklichkeitsweise.
Eine gesellschaftliche Zuschreibung kann hochwirksam sein, ohne dadurch zu einer biologischen oder physikalischen Eigenschaft ihres Trägers zu werden. Gerade diese Vermischung wird im bisherigen Material als ein zentraler Untersuchungsgegenstand des So-Heits-Ateliers bestimmt.
Wirklichkeitsweisen statt einer einzigen Eigenschaftswelt
Damit gelangt der Plexusanker zu einem wichtigen methodischen Punkt.
Nicht alles, was wirklich wirksam ist, ist auf dieselbe Weise wirklich.
Ein Stein, eine Verletzung, ein Eigentumsrecht, eine Erinnerung, eine Rolle, ein Geldbetrag, eine Temperatur und ein Staatsgebiet können nicht sinnvoll unter denselben Wirklichkeitsbegriff gezwungen werden.
Der Plexusanker benötigt deshalb eine Unterscheidung verschiedener Wirklichkeitsweisen, ohne daraus voneinander isolierte Welten zu machen.
Materielle Vorgänge besitzen andere Feststellungsbedingungen als lebendige Prozesse. Lebendige Prozesse besitzen Eigenschaften wie Stoffwechsel, Regulation, Verletzbarkeit und Regeneration, die nicht vollständig auf gesellschaftliche Geltung reduziert werden können. Gesellschaftliche Ordnungen entstehen durch menschliche Zuschreibung, Anerkennung, Institutionalisierung und Tätigkeit, können aber wiederum auf Körper, Materialien und Lebensbedingungen zurückwirken.
Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht, die Ebenen voneinander abzuschotten.
Entscheidend ist, ihre unterschiedlichen Wirklichkeitsweisen innerhalb desselben Wirkungszusammenhangs auseinanderhalten und wieder verbinden zu können.
E1 bis E4 innerhalb des Plexus
Hier erhält das Vier-Ebenen-Modell E1–E4 seinen Platz.
Es bildet nicht die Plexuswirklichkeit selbst ab und darf nicht mit ihr verwechselt werden. Es ist eine menschliche Prüfschablone, mit der bestimmte Wirklichkeitsweisen innerhalb des Plexus vorläufig unterschieden werden können.
E1 konzentriert sich auf Material, Stoff, Kraft, Widerstand, Belastung und physische Veränderung. E2 richtet den Blick auf Organismus, Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Regeneration und Abhängigkeit. E3 untersucht die durch Menschen hervorgebrachten Symbol-, Rollen-, Eigentums-, Wert- und Geltungsordnungen. E4 fragt nach Rückkopplung, Korrektur und Reparatur.
Der Plexus liegt diesen Unterscheidungen voraus.
Das bedeutet: E1, E2 und E3 befinden sich nicht wie Stockwerke eines Hauses unabhängig übereinander. Ein tatsächlicher Vorgang kann alle diese Wirklichkeitsweisen gleichzeitig berühren.
Wenn beispielsweise ein Wald verkauft und gerodet wird, besitzt der Vorgang eine materielle Dimension, eine lebendige Dimension, eine gesellschaftlich-rechtliche Dimension und eine Rückkopplungsdimension. Die Ebenen helfen, diese Unterschiede sichtbar zu machen. Das Geschehen selbst kennt jedoch keine Fakultätsgrenzen.
Der Plexusanker verhindert damit, dass E1–E4 zu einer neuen Zerlegung der Wirklichkeit werden.
Das dreifache Optimum
Auch das bisher entwickelte dreifache Optimum gehört in den Wirklichkeitsanker.
Es ergibt sich aus der Tatsache, dass Tragfähigkeit nicht allein beim isolierten Organismus gesucht werden kann.
Ein Organismus benötigt zunächst einen bestimmten Bereich geeigneter Bedingungen seines Mediums. Zugleich besitzt er eigene Regulations- und Anpassungsfähigkeiten. Schließlich stellt sich die Frage, innerhalb welchen kleinsten oder hinreichenden Bereichs beide Seiten so zusammenpassen, dass Fortbestehen möglich bleibt.
Das Medium besitzt damit keinen unbegrenzten Toleranzraum. Der Organismus besitzt keinen unbegrenzten Anpassungsraum. Und die Relation zwischen beiden besitzt ebenfalls Grenzen.
Das dreifache Optimum bezeichnet daher kein perfektes Gleichgewicht, sondern eine bewegliche Passungsbeziehung zwischen Medium, Organismus und gemeinsamem Tragbereich.
Gerade deshalb gehört es in die Plexuswirklichkeit. Es korrigiert die Vorstellung, ein Organismus besitze seine Lebensfähigkeit ausschließlich als innere Eigenschaft.
Lebensfähigkeit entsteht in einer Relation.
Verletzbarkeit als Wirklichkeitsrückmeldung
Die Verletzbarkeit erhält innerhalb des Plexusankers eine besondere erkenntnistheoretische Bedeutung.
Ein verletzbarer Zusammenhang kann auf eine Tätigkeit antworten.
Material verformt sich oder bricht. Ein Organismus reagiert, erkrankt, regeneriert sich oder stirbt. Ein Ökosystem verändert seine Zusammensetzung. Ein technisches System fällt aus.
Die Verletzung ist dabei nicht bloß moralisches Symbol.
Sie ist eine Wirklichkeitsrückmeldung darüber, dass bestimmte Tragbedingungen überschritten oder verändert wurden.
Damit entsteht die Verbindung zwischen Wirklichkeit und Prüfung.
Eine menschliche Vorstellung kann noch so überzeugend formuliert sein. Wenn ihre Umsetzung fortgesetzt die Bedingungen zerstört, von denen die handelnden Menschen selbst oder andere Lebewesen abhängen, entsteht eine Differenz zwischen vorgestellter Ordnung und Tragwirklichkeit.
Der Wirklichkeitsanker liefert dadurch keinen vollständigen moralischen Kodex.
Aus der Tatsache, dass etwas verletzbar ist, folgt nicht automatisch jede gesellschaftliche oder ethische Entscheidung.
Aber Verletzbarkeit setzt der menschlichen Beliebigkeit eine reale Grenze.
Eine Bezeichnung kann eine Verletzung umdeuten. Sie kann die eingetretene Veränderung nicht ungeschehen machen.
Tätigkeit als Eingriff in den Plexus
Der Plexus ist keine passive Kulisse menschlichen Handelns.
Jede ausgeführte Tätigkeit verändert einen bereits vorhandenen Zustand.
Der Spaten verändert Boden. Eine technische Konstruktion verändert Stoffströme. Eine politische Entscheidung verändert Tätigkeitsmöglichkeiten. Ein Kauf setzt Produktions- und Transportketten in Bewegung. Ein Gesetz verändert gesellschaftliche Handlungsspielräume. Eine Aussage kann soziale Beziehungen verändern.
Tätigkeit bedeutet deshalb immer einen Eingriff in einen Zusammenhang, dessen vollständige Folgen dem Tätigen niemals vollständig vorausbekannt sein können.
Damit wird die Tätigkeit zu einer zentralen Verbindung zwischen Plexusanker und Prüfanker.
Der Plexusanker sagt:
Keine Tätigkeit beginnt im Nichts.
Sie trifft auf vorausliegende Bedingungen.
Und:
Keine ausgeführte Tätigkeit bleibt bloße Vorstellung.
Sie verändert Möglichkeiten.
Die Konsequenz entsteht deshalb nicht allein aus der Absicht des Handelnden. Sie ergibt sich aus dem Zusammentreffen von Tätigkeit, Ort, Zeitpunkt, Material, Organismus, gesellschaftlicher Ordnung und weiteren Abhängigkeiten.
Der Augenblick als unmittelbare Wirklichkeit
Damit gehört auch der Augenblick beziehungsweise die Unmittelbarkeit in den Plexusanker.
Leben findet nicht in einer abstrakten Zeitlinie statt, sondern immer in einem gegenwärtigen Geschehen. Ein Organismus reguliert seinen Zustand in jedem Augenblick neu. Eine Membran reagiert auf aktuelle Bedingungen. Eine Welle breitet sich aus. Eine Pflanze reagiert auf Licht, Wasser und Temperatur. Ein Körper altert, selbst wenn niemand diesen Vorgang begrifflich beobachtet.
Der Mensch verfügt jedoch über eine besondere Möglichkeit: Er kann Vergangenes erinnern, Zukünftiges vorstellen und gegenwärtiges Handeln nach diesen Vorstellungen organisieren.
Damit entsteht eine Differenz zwischen unmittelbarem Geschehen und symbolisch konstruierten Zeiträumen.
Diese Fähigkeit ist eine enorme Leistung. Sie kann aber auch dazu führen, dass abstrakte Zukunftserwartungen oder historische Erzählungen die Rückmeldung des gegenwärtigen Geschehens überlagern.
Der Wirklichkeitsanker muss deshalb den Augenblick als Ereignisstelle der tatsächlichen Veränderung festhalten.
Vorstellungen können Vergangenheit und Zukunft umfassen. Tätigkeit findet immer in einer Gegenwart statt, und nur dort wird ein möglicher Zustand in einen eingetretenen Zustand überführt.
Zeitlichkeit und 24-Stunden-Uhr
Der Plexus besitzt nicht nur räumliche, sondern ebenso zeitliche Tiefe.
Die gegenwärtige menschliche Situation ist das Ergebnis einer außerordentlich langen vorausliegenden Entwicklung. Der Mensch tritt nicht in eine zeitlose Welt ein.
Hier erhält die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde ihre Funktion.
Sie ist kein Bestandteil der Plexuswirklichkeit selbst, sondern ein künstlerisches Kalibrierungsinstrument. Sie setzt die kurze menschliche Zivilisationsgeschichte in Beziehung zur sehr viel längeren Erd- und Lebensgeschichte.
Der Millisekunden-Mensch bezeichnet dabei die extreme zeitliche Verkürzung, innerhalb derer Homo sapiens gesellschaftliche Systeme entwickelt hat, die teilweise so behandelt werden, als könnten ihre Regeln Vorrang vor den vorausliegenden Bedingungen des Lebens beanspruchen.
Das bisherige Material verbindet die Plexusvorstellung ausdrücklich mit dieser zeitlichen Kalibrierung: Der Mensch erscheint spät innerhalb eines Geschehens, dessen Voraussetzungen er nicht hervorgebracht hat, entwickelt aber innerhalb kürzester Zeit Eigentum, Märkte, Staaten, Religionen, Wissenschaften und Rollenordnungen.
Die 24-Stunden-Uhr relativiert deshalb nicht den Wert des Menschen.
Sie relativiert den Wirklichkeitsanspruch seiner kurzfristig hervorgebrachten Ordnungen.
Der Millisekunden-Mensch und die Technē-Welt
Der Millisekunden-Mensch besitzt die außergewöhnliche Fähigkeit, seine Umwelt technisch und symbolisch umzugestalten.
Aus Werkzeugen entstehen Maschinen, Infrastrukturen, Städte, Märkte, digitale Netze und globale Produktionssysteme. Aus Begriffen entstehen Rechtsordnungen, Eigentumsverhältnisse, Geldsysteme, Staaten und institutionelle Wirklichkeiten.
Diese vom Menschen hervorgebrachte Technē-Welt ist nicht unwirklich.
Sie verändert die Plexuswirklichkeit materiell.
Gerade darin liegt ihre Bedeutung.
Der Fehler beginnt nicht damit, dass der Mensch künstliche Ordnungen hervorbringt. Menschliches Leben ist ohne Hervorbringung kaum denkbar.
Der kritische Punkt entsteht, wenn eine künstlich hervorgebrachte Ordnung ihren eigenen Herstellungscharakter verliert und sich so behandelt, als sei sie den vorausliegenden Tragbedingungen übergeordnet.
Ein Preis kann sich verändern, ohne dass sich der Stoffwechsel einer Pflanze entsprechend verändert. Eigentumsrechte können wechseln, ohne dass der Boden deshalb seine physikalische Position wechselt. Ein wirtschaftlicher Erfolgsmaßstab kann steigen, während die materiellen Bedingungen, auf denen dieser Erfolg beruht, gleichzeitig beschädigt werden.
Der Plexusanker stellt deshalb die Technē-Welt nicht der Natur als grundsätzlich fremde Welt gegenüber.
Auch Technik wirkt innerhalb derselben Wirklichkeit.
Gerade deshalb kann sie an ihren Folgen geprüft werden.
Natur und Künstlichkeit
Damit muss auch die einfache Gegenüberstellung von „Natur“ und „Kunst“ beziehungsweise „Natur“ und „Künstlichkeit“ korrigiert werden.
Der Mensch und seine Tätigkeiten fallen nicht aus der Wirklichkeit heraus, sobald er etwas künstlich herstellt.
Ein Kunststoff, ein Computer oder ein Gebäude bestehen weiterhin aus materiellen Zusammenhängen. Ihre Herstellung benötigt Energie und Stoffe. Sie altern, verändern sich und können Organismen beeinflussen.
Die Künstlichkeit bezeichnet deshalb innerhalb des Plexusankers nicht eine zweite, ontologisch getrennte Welt.
Sie bezeichnet eine durch menschliche Tätigkeit hervorgebrachte Organisationsform innerhalb der vorausliegenden Wirklichkeit.
Damit wird die entscheidende Frage nicht:
Natürlich oder künstlich?
Sondern:
Welche Wirkungs- und Abhängigkeitsverhältnisse erzeugt diese Hervorbringung, und kann sie innerhalb ihrer Tragbedingungen bestehen?
Der Astronaut als Extremmodell
Der Astronaut wird innerhalb dieses Wirklichkeitsankers zu einem besonders präzisen Modell.
Im Weltall ist unmittelbar sichtbar, dass der menschliche Organismus keine autonome Einheit ist. Der Raumanzug muss Atmosphäre, Druck, Temperaturregulation und weitere Bedingungen technisch vermitteln.
Das scheinbar unabhängige Individuum wird dadurch als hochgradig abhängiges Tragwesen sichtbar.
Der Astronautenanzug beseitigt die Abhängigkeit nicht.
Er organisiert sie technisch.
Damit wird der Astronaut zum Extremmodell dessen, was auch auf der Erde gilt, dort aber leichter übersehen werden kann. Der Mensch lebt ebenfalls auf der Erde nicht unabhängig von Atmosphäre, Wasser, Temperatur, Stoffkreisläufen und anderen Organismen. Diese Bedingungen erscheinen lediglich so selbstverständlich, dass ihre tragende Funktion unsichtbar werden kann.
Der gläserne Astronaut und der Feuerkäfig führen diese Erkenntnis in die gesellschaftliche Dimension weiter. Wenn nur noch die Rolle „Astronaut“ übrigbleibt, während die Versorgungsschläuche fehlen, wird die Skulpturidentität von ihrer tatsächlichen Tragwirklichkeit getrennt.
Das Wellenbecken als Plexusmodell
Auch das Wellenbecken erhält im Plexusanker eine besondere Stellung.
Es macht eine Grundstruktur sichtbar, die sprachlich leicht verloren geht:
Eine lokale Tätigkeit kann sich in einem gemeinsamen Medium fortsetzen.
Die Bewegung bleibt nicht notwendigerweise dort, wo sie ausgelöst wurde.
Damit widerspricht das Wellenbecken der Vorstellung, eine Handlung gehöre ausschließlich dem Handelnden oder ein Eingriff ende automatisch an einer gesellschaftlich gezogenen Grenze.
Eine Eigentumsgrenze kann beispielsweise bestimmen, wer an einer bestimmten Stelle handeln darf. Die dadurch ausgelöste Luft-, Wasser- oder Stoffbewegung muss diese Grenze jedoch nicht respektieren.
Hier zeigt sich exemplarisch die Differenz zwischen E3-Grenze und vorausliegendem Wirkungszusammenhang.
Der Deich als Modell der Tragbedingung
Der Deich wiederum macht sichtbar, dass Tragfähigkeit von Beziehungen zwischen Material, Belastung, Konstruktion und Zeit abhängt.
Ein Deich besitzt nicht einfach die Eigenschaft „sicher“.
Er ist unter bestimmten Bedingungen tragfähig.
Verändert sich die Belastung, entsteht eine Schwachstelle oder wird eine kritische Grenze überschritten, kann derselbe Deich seine Funktion verlieren.
Damit liefert der Deich ein besonders klares Modell gegen statisches Eigenschaftsdenken.
Tragfähigkeit ist relational und bedingt.
Diese Einsicht lässt sich auf gesellschaftliche Systeme übertragen, ohne die physikalischen Unterschiede zu verwischen. Auch eine Institution kann nur unter bestimmten Bedingungen funktionieren. Eine Wirtschaftsordnung kann ihre eigenen Voraussetzungen belasten. Ein politisches System kann Rückkopplungen verlieren.
Der Deich liefert keine fertige Gesellschaftstheorie. Er liefert einen handwerklichen Ausgangspunkt für die Frage nach Tragbedingungen.
Naturgesetz und Wirklichkeit
Der Plexusanker muss auch das Verhältnis zwischen Naturgesetz und Wirklichkeit klären.
Ein Naturgesetz ist innerhalb dieses Ansatzes nicht mit der Natur selbst identisch.
Es ist eine menschliche Verdichtung beobachtbarer Regelmäßigkeiten unter bestimmten Voraussetzungen und innerhalb eines bestimmten Geltungsbereichs.
Das ist wichtig, weil ansonsten auch wissenschaftliche Beschreibung zur Skulpturidentität werden könnte.
Ein erfolgreiches Modell kann außerordentlich präzise und technisch nützlich sein. Daraus folgt aber nicht, dass sein Kategorienapparat bereits die vollständige Wirklichkeit enthält.
Der Plexusanker richtet sich deshalb nicht gegen Naturwissenschaft.
Im Gegenteil: Physik, Chemie, Biologie und andere Wissenschaften stellen unverzichtbare Erkenntnisse über Wirkungszusammenhänge bereit.
Der entscheidende Zusatz lautet:
Ein wirksames Bereichsmodell darf nicht mit dem gesamten Wirklichkeitszusammenhang verwechselt werden.
Die Forschungskunst sucht deshalb nicht nach einer neuen Oberwissenschaft, sondern nach einer gemeinsamen Rückbeziehung der verschiedenen wissenschaftlichen Ausschnitte auf dieselbe Wirkungs- und Verletzungswirklichkeit.
Verletzungswirklichkeit und Nichtverletzung
Aus der Plexuswirklichkeit ergibt sich die von mir entwickelte Vorstellung einer Verletzungswirklichkeit.
Lebendige Formen sind nicht unbegrenzt belastbar. Materialien besitzen Bruchgrenzen. Organismen besitzen Toleranzbereiche. Ökologische und technische Zusammenhänge können destabilisiert werden.
Die moderne Wissenschaft kann viele dieser Verletzungsbedingungen außerordentlich genau beschreiben. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung verteilt ihre Folgen jedoch auf unterschiedliche Zuständigkeiten.
Der physikalische Vorgang, die chemische Reaktion, die biologische Veränderung, die medizinische Erkrankung, die wirtschaftlichen Kosten, die juristische Zuständigkeit und die gesellschaftliche Verantwortung können in unterschiedlichen Systemen behandelt werden.
Die Verletzung selbst durchläuft diese fachlichen Grenzen jedoch nicht als getrennte Ereignisse.
Der Plexusanker hält deshalb die gemeinsame Kette offen:
Tätigkeit, Veränderung, Abhängigkeit, Verletzung und mögliche Reparatur gehören zu einem Wirkungszusammenhang, auch wenn sie methodisch aus verschiedenen Perspektiven untersucht werden.
Damit entsteht die Forderung nach einer Wissenschaft beziehungsweise Forschungspraxis der Nichtverletzung nicht als moralische Verbotslehre, sondern als Frage, wie vorhandenes Wissen über Verletzungsbedingungen in die Hervorbringung selbst rückgekoppelt werden kann.
Raum wird vom Behälter zum Wirkungszusammenhang
Aus diesen Überlegungen ergibt sich schließlich ein anderer Raumbegriff.
Der So-Heits-Raum ist nicht der Raum, in dem die Dinge liegen.
Er bezeichnet den Wirkungszusammenhang, innerhalb dessen etwas überhaupt entstehen, bestehen, wirken und verändert werden kann.
Das ist für das So-Heits-Atelier entscheidend.
Der documenta-Raum wäre nur ein architektonisch begrenzter Teil einer viel umfassenderen Wirklichkeit. Er kann deshalb nicht den So-Heits-Raum selbst darstellen.
Er kann lediglich bestimmte Beziehungen sichtbar machen.
Die entscheidende Formel lautet:
Man kann das So-Heits-Atelier verlassen, aber nicht den So-Heits-Raum.
Diese Unterscheidung ist im bisherigen Konzept bereits ausdrücklich angelegt.
Der Besucher betritt beim Eintritt in die Ausstellung also nicht die Wirklichkeit.
Er befand sich bereits in ihr.
Das Atelier als künstliche Rückkopplungsmembran
Damit lässt sich das So-Heits-Atelier innerhalb der Plexuswirklichkeit präzise verorten.
Das Atelier bildet eine künstlich eingerichtete Rückkopplungsmembran.
Es grenzt einen vorübergehenden Arbeitsraum ab, um bestimmte Beziehungen sichtbarer zu machen. Gleichzeitig darf es seine Grenze nicht als Trennung von einer vermeintlich äußeren Wirklichkeit behandeln.
Materialien kommen hinein. Menschen kommen hinein. Erfahrungen, Rollen und Überzeugungen kommen hinein. Ergebnisse verlassen den Raum wieder. Das Mitmachbuch kann hinausgetragen werden. Die Globale Schwarm-Intelligenz verbindet die lokale Arbeit mit anderen Orten.
Damit entspricht die Struktur des Ateliers selbst der Membranlogik.
Es muss unterscheidbar sein, ohne sich abzuschließen.
Der So-Heits-Raum und die gesellschaftliche Welt
Der Plexusanker darf die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht als bloßen Schein behandeln.
Eigentum, Geld, Recht, Institutionen, Sprache, Rollen und Staaten existieren nicht auf dieselbe Weise wie Wasser oder Gravitation. Sie sind jedoch keineswegs wirkungslos.
Menschen handeln aufgrund dieser Ordnungen.
Deshalb verändern gesellschaftliche Hervorbringungen die materielle und lebendige Wirklichkeit.
Eine Eigentumsordnung kann bestimmen, wer einen Wald roden darf. Ein Geldsystem kann Ressourcenströme organisieren. Eine Staatsgrenze kann Bewegungen von Menschen verändern. Eine Arbeitsrolle kann Verhalten und Lebensbedingungen strukturieren.
E3 liegt deshalb nicht außerhalb des Plexus.
Die Symbolwelt ist selbst ein wirksamer Teil des Wirkungszusammenhangs, sobald Menschen nach ihr handeln.
Der Plexusanker verhindert jedoch, dass ihre menschliche Herstellungsweise unsichtbar wird.
Das Menschenkunstwerk innerhalb der Plexuswirklichkeit
Hier lässt sich das Menschenkunstwerk verorten.
Der Mensch bringt nicht die vorausliegende Wirklichkeit hervor.
Er bringt jedoch innerhalb dieser Wirklichkeit gewaltige zusätzliche Formen hervor: Werkzeuge, Gebäude, Bilder, Sprachen, Wissenschaften, Institutionen, Eigentumsordnungen, Märkte, Religionen, politische Systeme und digitale Welten.
Diese Hervorbringungen bilden gemeinsam ein Menschenkunstwerk.
Der Mensch lebt anschließend innerhalb dessen, was Menschen selbst hergestellt haben.
Das Menschenkunstwerk kann deshalb nicht unabhängig von der Plexuswirklichkeit verstanden werden.
Es ist eine Hervorbringung innerhalb eines vorausliegenden Wirkungszusammenhangs.
Genau daraus entsteht seine Prüfbarkeit.
Seine Regeln können nicht endgültig bestimmen, welche Tragbedingungen gelten. Sie können nur versuchen, innerhalb dieser Bedingungen zu funktionieren.
Plexuswirklichkeit und Verortungskunst
Auch die Verortungskunst erhält durch den Wirklichkeitsanker eine tiefere Bedeutung.
Verortung bedeutet nicht nur die Platzierung eines Kunstwerks an einem geografischen Ort.
Jede Tätigkeit besitzt bereits einen Ort, einen Zeitpunkt, vorausliegende Bedingungen und nachfolgende Wirkungen.
Die Frage nach der richtigen Verortung lautet deshalb:
Welche Vorstellung trifft wann, wo und unter welchen Bedingungen auf welche Wirklichkeit?
Ein Projekt von 1977 begegnete einer anderen historischen Situation als dasselbe Dokument im Jahr 2026. Die Aussage ist dokumentiert, aber der Plexuszusammenhang hat sich verändert.
Verortungskunst macht gerade diese Differenz zum Forschungsgegenstand.
Die Wirklichkeit ist kein unbeweglicher Hintergrund, vor dem ein unverändertes Werk durch die Zeit reist.
Werk und Wirklichkeit verändern sich.
Das Verhältnis zwischen beiden muss jeweils neu geprüft werden.
Der Plexusanker als Schutz vor einer neuen Weltanschauung
Der Plexusbegriff birgt selbst eine Gefahr.
Er könnte irgendwann so oft verwendet und so umfassend erklärt werden, dass er genau zu jener allumfassenden Begriffsskulptur wird, die die Forschungskunst kritisiert.
Deshalb benötigt der Plexusanker eine eingebaute Selbstbegrenzung.
Plexuswirklichkeit ist nicht die Wirklichkeit selbst.
Sie ist eine gegenwärtige künstlerische und methodische Bezeichnung, mit der bestimmte Aspekte des vorausliegenden Wirkungszusammenhangs besser sichtbar gemacht werden sollen: Beziehung, Abhängigkeit, Durchdringung, Grenze, Widerstand, Veränderung und Rückkopplung.
Wenn der Begriff an einem untersuchten Zusammenhang nicht trägt, muss er korrigiert oder durch einen geeigneteren ersetzt werden können.
Dasselbe gilt für Tragwirklichkeit, plastisches Ich, E1–E4, 51:49, Lochprozess und sämtliche anderen Begriffe der Forschungskunst.
Das bisherige Material zieht genau diese Konsequenz: Auch Plexuswirklichkeit, Vier-Ebenen-Modell, Lochprozess und So-Heits-Raum sind menschliche Hervorbringungen und würden den eigenen Forschungsanspruch verletzen, wenn sie zur endgültigen Wahrheit erklärt würden.
Der Zweifel bleibt deshalb auch im Wirklichkeitsanker die Membran der eigenen Begriffsbildung.
Verhältnis zum Werkanker und Prüfanker
Damit wird die Arbeitsteilung der drei bisherigen Hauptanker deutlich.
Der Werkanker beantwortet die Frage, woher die Forschung kommt. Er zeigt die historische und materielle Entwicklung der Forschungskunst.
Der Plexus-/Wirklichkeitsanker beantwortet die Frage, worin diese Forschung stattfindet. Er hält die vorausliegenden Wirkungs-, Abhängigkeits-, Trag- und Verletzungszusammenhänge als Referenz offen.
Der Prüfanker des Begriffshandwerks beantwortet anschließend die Frage, wie innerhalb dieses Zusammenhangs geprüft werden kann.
Diese drei Anker dürfen nicht ineinanderfallen.
Ohne Werkanker würde die Forschung ihre künstlerische Herkunft verlieren.
Ohne Wirklichkeitsanker könnte das Begriffshandwerk zwischen selbst erzeugten Begriffen kreisen.
Ohne Prüfanker bliebe die Plexuswirklichkeit eine allgemeine Weltbeschreibung ohne praktisches Verfahren.
Erst ihr Zusammenwirken erzeugt die gegenwärtige Struktur der Forschungskunst.
Verdichtung des Plexus-/Wirklichkeitsankers
Der Plexus-/Wirklichkeitsanker lässt sich schließlich in einer grundlegenden Aussage zusammenfassen:
Der Mensch tritt nicht als fertiges, unabhängiges Subjekt in eine ihm äußerlich gegenüberstehende Welt ein. Er entsteht, lebt, handelt und verändert sich innerhalb eines ihm vorausliegenden Zusammenhangs von materiellen Bedingungen, lebendigen Prozessen, zeitlichen Entwicklungen, anderen Lebewesen und menschlich hervorgebrachten Ordnungen. Dieser Zusammenhang ist weder eine Ansammlung isolierter Dinge noch eine unterschiedslose Ganzheit. Er besteht aus Differenzen, Beziehungen, Grenzen, Abhängigkeiten, Widerständen, Belastungen, Öffnungen und Rückkopplungen. Relative Eigenständigkeit entsteht nicht durch vollständige Isolation, sondern durch regulierte Beziehungen.
Der Mensch bildet innerhalb dieses Plexus Ausschnitte, Begriffe, Eigenschaften, Werkzeuge und gesellschaftliche Ordnungen. Diese Hervorbringungen sind notwendig und können außerordentlich wirksam werden. Sie dürfen jedoch nicht mit dem vorausliegenden Wirkungszusammenhang verwechselt werden, auf den sie angewiesen bleiben.
Damit ergibt sich die zentrale Wirklichkeitsprüfung:
Was liegt meiner Vorstellung bereits voraus? Wovon hängt dasjenige ab, über das ich spreche? Welche Beziehungen tragen es? Welche Grenzen sind funktional und welche habe ich hineingedacht? Welche Tätigkeiten greifen in diesen Zusammenhang ein? Welche Veränderungen entstehen dadurch? Welche Verletzungen zeigen überschrittene Tragbedingungen an? Und können diese Rückmeldungen meine menschlich hervorgebrachte Ordnung wieder verändern?
Der Plexusanker gibt darauf keine endgültige Weltformel.
Seine Funktion besteht gerade darin, den Rückweg zur Wirklichkeit offenzuhalten.
Seine kürzeste Formel lautet deshalb:
Die Wirklichkeit beginnt nicht dort, wo der Mensch sie erkennt. Der Mensch beginnt innerhalb einer Wirklichkeit, die bereits wirkt.
Und für das So-Heits-Atelier folgt daraus:
Wir betreten die Wirklichkeit nicht durch die Kunst. Die Kunst kann uns lediglich eine vorübergehende Membran bauen, innerhalb derer wir bemerken, dass wir sie niemals verlassen hatten.
Damit ist der Plexus-/Wirklichkeitsanker gegenüber Werk- und Prüfanker jetzt sauber abgegrenzt. Die besondere Stärke liegt darin, dass Tragwirklichkeit, plastisches Ich, Membran, 51:49, E1–E4, Verletzungswirklichkeit, Zeitlichkeit, Technē-Welt und So-Heits-Raum nicht mehr als nebeneinanderstehende Theorieteile erscheinen, sondern als unterschiedliche Zugänge zu derselben Grundfrage: Unter welchen vorausliegenden Beziehungen kann etwas existieren, wirken und weiterbestehen?
