Positionsanker vom 1. Oktober 2026
Generalistische Forschungskunst als Untersuchung und Gestaltung menschlicher Existenz
Arbeitsfassung vom 1. Oktober 2026
Ausgangspunkt meiner Arbeit
Meine künstlerische Arbeit geht von der Frage aus: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, erkennen, gestalten und sein Handeln verändern kann?
Diese Frage betrifft auch mich selbst. Ich untersuche den Menschen als jemand, der seine Lebenswelt hervorbringt und zugleich von Bedingungen getragen wird, die er nicht selbst geschaffen hat. Auch als Künstler bleibe ich innerhalb dieses Zusammenhangs. Meine Vorstellungen, Werkzeuge, Materialien, Arbeitsmöglichkeiten und Entscheidungen besitzen Voraussetzungen und erzeugen Folgen.
Meine Position ist deshalb die eines Beteiligten, der seine eigene Beteiligung untersucht. Ich möchte verständlich und erfahrbar machen, wie menschliche Selbstbilder und gesellschaftliche Ordnungen entstehen, wie sie unsere Tätigkeiten bestimmen und wodurch sie veränderbar werden.
Die Erhaltung der menschlichen Lebens- und Überlebensbedingungen bildet die oberste Priorität meiner Forschungskunst. Daran müssen sich auch Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft und gesellschaftliche Institutionen prüfen lassen.
Die Erfahrungsgrundlage
Meine Arbeit entwickelte sich aus Naturbeobachtung, handwerklicher Ausbildung, Fotografie und der Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Gestaltung. Frühe Erfahrungen mit Vögeln, Landschaft und Lebenszusammenhängen schärften meine Aufmerksamkeit dafür, dass einzelne Erscheinungen aus Beziehungen hervorgehen. Die Begegnung mit einem Förster in meiner Jugend gehört zu meinen prägenden Erinnerungen an Nachhaltigkeit und den Umgang mit langfristigen Lebensbedingungen.
Während meiner Ausbildung als Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 wurde die Beziehung zwischen Vorstellung und tatsächlicher Beschaffenheit zu einer täglichen Erfahrung. Ein Werkstück musste passen. Material, Werkzeug, Toleranz und Bearbeitung entschieden darüber, ob etwas funktionierte. Ein Fehler ließ sich innerhalb bestimmter Grenzen korrigieren; eine überschrittene Grenze konnte die weitere Verwendung unmöglich machen.
Fotografie, Fotojournalismus und Werbung eröffneten mir zugleich Erfahrungen mit Auswahl, Darstellung und öffentlicher Wirkung. Ich lernte, wie ein Ausschnitt eine Wahrnehmung lenkt und wie Bilder Vorstellungen hervorbringen. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Geschehen und seiner Darstellung wurde damit zu einem Bestandteil meiner Arbeit.
Diese Erfahrungen bilden die Herkunft meiner Fragestellungen. Ihre spätere begriffliche Ausarbeitung macht Zusammenhänge sichtbar, die ich zunächst durch Tätigkeit, Beobachtung und künstlerische Versuche erschlossen habe.
Technē und der Anspruch eines generalistischen Studiums
Zu Beginn meines Kunststudiums beschäftigte ich mich mit Technē, um Können, Hervorbringen und Erkennen miteinander zu verbinden. Seit 1975 entwickelte ich die Experimentelle Umweltgestaltung; 1976 stellte ich sie als Entwurf eines neuen Studienbereichs innerhalb der freien Kunst vor.
Mich interessierte eine Ausbildung, in der unterschiedliche künstlerische Disziplinen, Naturbeobachtung, Handwerk und wissenschaftliche Untersuchungen an gemeinsamen Fragen arbeiten. Dafür musste ich mir selbst verschiedene bildnerische und darstellerische Verfahren erschließen.
Mein künstlerischer Lebenslauf wurde zur praktischen Erprobung und Weiterentwicklung dieses generalistischen Ausbildungsansatzes. In diesem Sinn verstehe ich mein Lebenswerk als Prototyp einer Forschungskunst, die Wahrnehmung, Herstellung, Beteiligung und gesellschaftliche Selbstprüfung miteinander verbindet.
Der Generalismus verlangt dabei, die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Kenntnissen zu verstehen und die Grenzen des eigenen Könnens wahrzunehmen. Gemeinsame Forschung braucht sowohl fachliche Genauigkeit als auch die Fähigkeit, über die Zuständigkeit eines einzelnen Fachgebiets hinauszufragen.
Meine künstlerische Position
Ich verstehe den Menschen als Künstler und als Kunstwerk zugleich. Er gestaltet Bilder, Begriffe, Rollen, Werkzeuge und gesellschaftliche Ordnungen. Durch diese Gestaltungen wird er selbst wiederum geformt.
In meinem erweiterten Kunstverständnis gilt deshalb: Alles Menschenwerk ist Kunstwerk. Dieser Satz bezeichnet die menschliche Hervorbringung. Er sagt noch nichts darüber aus, ob ein Werk gelungen, verantwortlich oder tragfähig ist.
Der Mensch kann ein Selbstbild herstellen, in dem er sich als unabhängig, souverän oder unverletzlich versteht. Sein Körper bleibt dennoch auf Atem, Wasser, Nahrung, Schlaf, Versorgung und andere Menschen angewiesen. Zwischen der Selbstbeschreibung und den Bedingungen des tatsächlichen Lebens liegt ein Untersuchungsraum.
Diesen Raum erschließt meine Forschungskunst. Sie macht menschliche Gestaltungen als Gestaltungen erkennbar und führt sie an ein Gegenüber heran, das der eigenen Vorstellung widersprechen kann. Materialarbeit, Fotografie, Rollenversuch, Vorgabebild und gemeinschaftliche Werkstatt eröffnen dafür unterschiedliche Zugänge.
Meine Diagnose der gesellschaftlichen Verwechslung
Meine zentrale Diagnose lautet: Der Mensch kann seine selbst hervorgebrachten Bedeutungen und Ordnungen mit den Bedingungen der Wirklichkeit verwechseln, von denen er getragen wird.
Eigentum erscheint dann wie eine natürliche Eigenschaft des Bodens. Wirtschaftlicher Erfolg wird zum Maßstab gelingenden Lebens. Eine gesellschaftliche Rolle wird mit dem Menschen gleichgesetzt. Institutionelle Zuständigkeit gilt bereits als erfüllte Verantwortung.
Diese Verwechslung wird durch Belohnungen stabilisiert. Anerkennung, Einkommen, Status und Zugehörigkeit können an Tätigkeiten gebunden sein, deren Folgen die Lebensbedingungen beschädigen. Der Mensch kann gesellschaftlich erfolgreich funktionieren und dabei die Voraussetzungen dieses Funktionierens aufzehren.
Meine Untersuchung richtet sich deshalb auch auf die Herstellung des Menschen als Ware: darauf, wie Menschen ihre Fähigkeiten, ihre Erscheinung, ihre Zeit und ihre Persönlichkeit nach den Anforderungen des Kaufens und Verkaufens formen. Das Selbstbild kann sich so eng mit dieser Rolle verbinden, dass eine Korrektur als Bedrohung der eigenen Existenz erscheint.
Die Begriffe Skulpturidentität und plastische Identität dienen mir dazu, diese unterschiedlichen Beziehungen zur eigenen Selbstherstellung zu untersuchen.
Plastische Identität als Aufgabe
Skulpturidentität bezeichnet in meinem Ansatz die Verfestigung einer Selbst- oder Rollenfigur, die widersprechende Erfahrungen abwehrt. Plastische Identität bezeichnet die Fähigkeit, solche Erfahrungen aufzunehmen und die eigene Gestalt des Handelns zu verändern.
Das plastische Ich-Bewusstsein ist für mich eine fortlaufende Tätigkeit. Der Mensch fragt sich, wodurch sein Leben getragen wird, welche Vorstellungen seine Entscheidungen bestimmen und welche Folgen daraus entstehen.
Auch eine einmal gewonnene Einsicht kann wieder durch Anerkennung, Gewohnheit oder Rollenanforderungen verdrängt werden. Deshalb genügt es nicht, sich einmal für verantwortlich oder aufgeklärt zu halten. Das eigene Selbstverständnis muss immer wieder zum Gegenüber werden können.
Zweifel und Loslassen gehören zu diesem Können. Im Werkprozess kann ich erkennen, dass meine ursprüngliche Vorstellung nicht mehr trägt. Dann muss ich meine Tätigkeit verändern oder beenden können. Diese Erfahrung besitzt für mich eine grundlegende Bedeutung für das gesellschaftliche Handeln.
Mein Verständnis von Verantwortlichkeit
Verantwortlichkeit bedeutet für mich, die eigenen Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen in die Selbstprüfung zurückkehren zu lassen.
Ich kann eine Handlung gut gemeint und meine gesellschaftliche Rolle korrekt erfüllt haben. Damit ist noch nicht geklärt, was mein Handeln tatsächlich bewirkt. Verantwortlichkeit verlangt, die Folgen zu verfolgen und sie auf die Entscheidung zurückzubeziehen, aus der sie hervorgegangen sind.
Sie muss zugleich gemeinschaftlich organisiert werden. Eine einzelne Person kann Schäden erkennen, ohne die Mittel oder Befugnisse zu besitzen, ihre Ursachen zu verändern. Deshalb gehören Eigentumsverhältnisse, Entscheidungsrechte, Belohnungen und institutionelle Regeln in dieselbe Untersuchung.
Meine Forderung nach globaler Verantwortlichkeit richtet sich darauf, Folgen über den eigenen unmittelbaren Wahrnehmungs- und Zuständigkeitsbereich hinaus einzubeziehen. Wer Nutzen erhält, wer Belastungen trägt und wer eine Veränderung veranlassen kann, muss erkennbar werden.
Erkenntnis muss einen wirksamen Weg in die Veränderung besitzen. Darin liegt für mich die Bedeutung gesellschaftlicher Reparaturfähigkeit.
Das Lebenswerk als Erfahrungs- und Untersuchungszusammenhang
Ich verstehe mein Lebenswerk als zusammenhängenden Werkorganismus. Fotografien, Plastiken, Bilder, Collagen, Bücher, Tagebücher, Aktionen, Environments und öffentliche Konzepte besitzen eigene künstlerische Gestalten und stehen zugleich in Beziehungen zueinander.
Die fotografischen Folgen gehören grundsätzlich zu diesem Werk. Ihre Reihenfolge, ihre Betrachtungswechsel und ihre innere Entwicklung tragen Erkenntnisse, die durch die Beschränkung auf einzelne ausgewählte Bilder verloren gehen können.
Mit dem biografischen Werkverzeichnis untersuche ich gegenwärtig diese Zusammenhänge erneut. Ich rekonstruiere, wie Fragen entstanden, welche Versuche ihnen folgten und wie sich Verfahren an anderen Orten und unter veränderten Bedingungen weiterentwickelten.
Dabei bleiben damalige Arbeit, persönliche Erinnerung und heutige Interpretation unterscheidbar. Mein Lebenswerk soll als tatsächlicher Entwicklungsprozess sichtbar werden, einschließlich seiner offenen Versuche, Unterbrechungen und nicht verwirklichten Möglichkeiten.
Gesellschaftliche Gestaltung und So-Heits-Gesellschaft
Meine Zielsetzung ist eine So-Heits-Gesellschaft, deren Lebens- und Arbeitsformen ihre Voraussetzungen und Folgen fortlaufend untersuchen können.
Menschen sollen das Handwerkszeug erwerben, mit dem sie ihre Wahrnehmungen, Rollen und gesellschaftlichen Gestaltungen bearbeiten können. Dazu gehören die künstlerischen Disziplinen ebenso wie wissenschaftliche Kenntnisse, praktische Erfahrung und die Zusammenarbeit mit anderen.
Die So-Heits-Gesellschaft bleibt auf gemeinsame Versorgung, Mitwirkung und veränderbare Regeln angewiesen. Ihre Qualität zeigt sich daran, ob Erfahrungen und Einwände tatsächliche Veränderungen ermöglichen.
Meine Forschungskunst stellt dafür Verfahren bereit. Vorgabebilder, Erwachsenen-Malbücher, Frage-und-Antwort-Tische, Rollenversuche und begehbare Arbeitsräume machen aus der Betrachtung eine eigene Tätigkeit. Die Beteiligten können etwas hervorbringen, ihm gegenübertreten und es gemeinsam weiterbearbeiten.
Meine gegenwärtige Aufgabe
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes soll diese Arbeitsweise öffentlich zugänglich machen. Sein Kern ist die Selbstbegegnung durch Gegenüberstellung: Der Besucher untersucht seine Vorstellungen und Tätigkeiten, während er sich zugleich als Teil ihrer tatsächlichen Bedingungen erfährt.
Die Plattform Globale Schwarm-Intelligenz, das interaktive Buch und das physische Mitmachbuch sollen diese Arbeit über eine einzelne Begegnung hinaus weiterführen. Die frühere gemeinschaftliche Praxis der „Kollektiven Kreativität“ bildet dafür eine wichtige Grundlage.
Seit 2023 unterstützt mich der kontinuierliche Dialog mit KI bei der Erschließung und sprachlichen Ausarbeitung meines Lebenswerks. Meine Erinnerungen, Ergänzungen und Korrekturen bestimmen diesen Prozess wesentlich mit. Auch die erzeugten Texte werden zum Prüfgegenstand: Sie müssen an den Werken, Quellen und gemeinten Zusammenhängen überprüft werden.
Mein Ziel ist, aus den Erfahrungen meines Lebenswerks eine gemeinschaftlich fortsetzbare Forschungspraxis zu entwickeln. Menschen sollen darin lernen können, ihre Existenzbedingungen genauer wahrzunehmen, ihre eigenen Gestaltungen zu untersuchen und erkannte Folgen in verantwortliche Veränderungen zu überführen.
Der Werk-Anker erschließt Werke, Verfahren, Materialien, Orte, Beteiligte und Entstehungsverläufe. Er schützt die konkrete Werkgeschichte vor nachträglicher Vereinheitlichung.,,,vorstellen
