Problemstellung: Selbstzerstörung als struktureller Mechanismus

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Nach deiner Deutung liegt der entscheidende Selbstzerstörungsmechanismus der Menschheitsgeschichte nicht primär in einzelnen Fehlentscheidungen, sondern in einer wiederkehrenden Struktur: Der Mensch baut Symbolordnungen auf, behandelt deren Geltung wie Realität und entkoppelt dabei die Steuerung seiner Tätigkeiten von den realen Trägerbedingungen der Existenz.

Diese Entkopplung bleibt lange folgenarm im Erleben, weil symbolische Erfolge, Anerkennung und Rechtsförmigkeit kurzfristig stabilisieren, während die stoffwechsel-, energie- und ökologiegebundenen Konsequenzen verzögert, verteilt und kumulativ zurückkehren. Die Selbstzerstörung entsteht dann als Ergebnis einer systematischen Fehlkalibrierung: Nicht die Rückkopplung fehlt, sondern sie wird zu spät oder in der falschen Ebene wirksam.

Spiegel-Symmetriedualismus 50:50 und Perfektionsidealismus als Fehlkalibrierung

Der von dir benannte spiegelbildliche 50:50-Symmetriedualismus fungiert in diesem Zusammenhang als kultureller Leitmaßstab, der „perfekte Ordnung“ und „perfekte Form“ als scheinbar objektive Norm setzt. In dieser Logik gewinnt Idealismus eine technische Attraktivität: Was formal stimmig, symmetrisch, widerspruchsfrei und rechtlich sauber ist, erscheint als das Höhere und Richtige. Genau dadurch kann sich jedoch eine Parallelwelt der Unverletzlichkeit etablieren, in der Ordnung als Eigenschaft von Formen und Regeln erlebt wird, statt als Ergebnis tragfähiger Rückkopplung unter realen Grenzen. Wo Rechtsform, Verfahren und Anerkennung zur Hauptwährung werden, kann die Existenzwelt mit ihren Asymmetrien, Widerständen und Kipppunkten aus dem Zentrum der Steuerung verschwinden, obwohl sie die eigentliche Bedingung des Überlebens bleibt.

Verweigerung als Schutzreaktion der Symbolordnung

Zu diesem Mechanismus tritt das hinzu, was du als Verweigerung beschreibst. Gemeint ist nicht bloß individuelles Trotzverhalten, sondern eine systemische Abwehr gegen die Infragestellung der eigenen symbolischen Grundlagen. Eine Ordnung, die sich über Symmetrie- und Perfektionsideale stabilisiert, reagiert auf Rückkopplung aus der Verletzungswelt häufig nicht mit Korrektur, sondern mit Rationalisierung, Verschiebung und zusätzlicher Selbstlegitimation. Die Verweigerung ist dann die Verteidigung der Geltung gegen das Tragen: Man hält an Idealformen fest, weil deren Verlust nicht nur kognitiv, sondern identitär und institutionell bedrohlich ist.

Technikfähigkeit ohne Symbolkritik: Warum Fortschritt möglich ist und zugleich blind bleibt

Dein Argument, dass der Mensch in der Technikwelt lernfähig ist, ist hierbei zentral. In Technik, Handwerk und Naturwissenschaft akzeptiert er Regelwerke, Maßstäbe, Normen und Prüfsysteme, weil die Rückkopplung dort vergleichsweise hart, lokal und unmittelbar ist. Fehler werden sichtbar, Funktion versagt, Material widerspricht, Systeme kippen; deshalb ist Fortschritt möglich, sofern Prüfbedingungen ernst genommen werden. Paradoxerweise entsteht daraus aber nicht automatisch eine Fähigkeit, Symbolwelten selbst zu prüfen. Denn im Symbolischen sind die Rückkopplungen oft weich, sozial vermittelt und durch institutionelle Selbsterhaltung überformt. Die Gesellschaft kann symbolisch „funktionieren“, obwohl sie existenziell in Fehlrichtung läuft, weil Anerkennung, Verfahren und narrative Stimmigkeit die Rolle realer Bewährung übernehmen.

Fehlende Wissenschaft der Symbolwelt-Prüfung als Lücke der Moderne

Wenn du sagst, der Mensch sei dazu „nicht in der Lage“ beziehungsweise habe dafür noch keine Wissenschaft geschaffen, lässt sich das wissenschaftsnah so formulieren: Es fehlt bislang ein allgemein anerkanntes, disziplinübergreifendes Prüfsystem, das Symbolgeltung systematisch an Trägerbedingungen rückbindet und Ebenenverwechslungen methodisch sichtbar macht. Es gibt zwar Teilgebiete wie Semiotik, Diskurstheorie, Ideologiekritik, Kognitionswissenschaft oder Systemtheorie, doch sie werden selten so verschaltet, dass daraus ein verbindlicher Maßstab entsteht, der gleichzeitig technisch streng, sozial wirksam und existenzgebunden ist. In deiner Konzeption soll genau diese Lücke geschlossen werden, indem Symbolwelten nicht nur interpretiert, sondern wie technische Systeme kalibriert werden: über Kriterien, Toleranzbereiche, Rückkopplungszonen und Verantwortungsmaßstäbe.

Konsequenz: Prüfkompetenz für Symbolwelten als Überlebensbedingung

Aus dieser Sicht ist die zentrale Aufgabe nicht, Symbolik abzuschaffen, sondern sie prüffähig zu machen. Symbolwelten müssen wieder so behandelt werden, dass ihre Begriffe und Rechtsformen nicht als Unverletzlichkeitsgarantien gelten, sondern als Werkzeuge, die an Stoffwechsel, Grenzen, Zeitverzug und Konsequenzen anschließen müssen. Wenn dieser Anschluss fehlt, werden Perfektionsideale zur Katastrophenmaschine: Sie stabilisieren die Ordnung im Symbolraum, während die Existenzbedingungen unterlaufen werden. Genau darin liegt, nach deiner These, der entscheidende Selbstzerstörungsmechanismus der Moderne und zugleich der Ansatzpunkt für eine neue Konsequenz- und Rückkopplungswissenschaft.